Wagner, Jan Costin – Schweigen, Das

_Verhängnisvoll & spannend: die Ironie und das Schweigen_

30 Jahre lang hat Antsi Ketola im finnischen Turku für die Mordkommission ermittelt, jetzt geht er in Pension. Er nimmt einen ungelösten Fall mit. Vor 30 Jahren war ein Mädchen verschwunden, nur das Fahrrad und Blutspuren wurden gefunden. Da bekommt Ketola von seinem Ex-Kollegen Joentaa eine elektrisierende Nachricht: derselbe Tatort, ein Fahrrad, Blutspuren – und ein verschwundenes Mädchen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen beiden Verbrechen? Hat der Täter nach 30 Jahren wieder zugeschlagen? Und wieso erst jetzt?

_Der Autor_

Jan Costin Wagner wurde 1972 in Langen/Hessen, bei Frankfurt geboren. Er studierte Germanistik und Geschichte in Frankfurt und arbeitet als freier Autor im Rhein-Main-Gebiet. Finnland, der Schauplatz von „Eismond“ und „Das Schweigen“ ist nicht nur das Land, in dem seine Ehefrau geboren wurde, sondern auch seine zweite Heimat. Er verbringt jedes Jahr mehrere Wochen an den Schauplätzens seiner Kimmo-Joentaa-Krimis.

Bei Eichborn Berlin erschien 2002 sein Debütroman „Nachtfahrt“, eine Verfilmung des Buches ist in Arbeit. Sein zweiter Roman „Eismond“ (2003) brachte den internationalen Durchbruch. Im Herbst 2005 erschien sein dritter Roman [„Schattentag“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1903 und im Juli 2007 sein vierter Roman „Das Schweigen“.

Wagner erhielt 2001 den Marlowe-Preis für den besten Kriminalroman für sein Debüt „Nachtfahrt“. 2003 erhielt er ein Aufenthaltsstipendium des Berliner Senats im Literarischen Colloquium Berlin für „Eismond“ und 2004 den Förderpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft. Mehr Infos findet man auf seiner Homepage http://www.jan-costin-wagner.de.

_Der Sprecher_

Matthias Brandt (* 7. Oktober 1961 in Berlin) ist ein deutscher Theater- und Fernsehschauspieler. Er ist der Sohn von Willy und Rut Brandt. Brandt studierte an der Hochschule für Musik und Theater Hannover Schauspiel. Nach einem ersten Engagement am Oldenburgischen Staatstheater im Jahr 1985 gehörte er unter anderem den Ensembles folgender Theater an: Staatstheater Wiesbaden, Nationaltheater Mannheim, Schauspiel Bonn, Bayerisches Staatsschauspiel, Renaissancetheater Berlin, Schauspielhaus Zürich, Schauspielhaus Bochum und Schauspiel Frankfurt.

Seit 2000 ist Brandt regelmäßig in Fernsehrollen zu sehen. 2003 spielte er in dem Fernsehfilm „Im Schatten der Macht“, der die letzten Tage vor dem Rücktritt seines Vaters vom Amt des Bundeskanzlers schildert, die Rolle des Günter Guillaume. Er wiederum wurde hier als Kind von Cornelius Lehmann verkörpert. Sehr beeindruckend spielt er auch einen minderbegabten Vater im Fernsehfilm „In Sachen Kaminski“ (Erstausstrahlung am 15. Juli 2005 auf ARTE) neben Juliane Köhler, welche die Mutter spielt.

2006 wurde er mit dem Bayerischen Fernsehpreis als Bester Schauspieler im Bereich Fernsehspiel für „In Sachen Kaminski“ ausgezeichnet. 2007 erhielt er den Adolf-Grimme-Preis.

_Handlung_

|PROLOG|

Turku, Finnland. Es ist im Sommer 1974, als sie nach dem Anschauen eines pädophilen Erotikfilms mit Perssinens rotem Wagen losfahren und ein Mädchen suchen, irgendein Mädchen, und sie brauchen auch gar nicht weit zu fahren. Perssinen steigt aus, schnappt es sich, reißt es vom Fahrrad und zerrt es auf einen Feldweg … Sein Beifahrer ist wie gelähmt und schaut nur zu, was Perssinen tut, dieser Mann, den er heute erst kennengelernt hat. Nachdem es vorbei ist, schafft Perssinen das tote Mädchen in den Kofferraum seines Wagens. Wieder schaut sein Beifahrer nur zu, steigt aber ein, als sie wegfahren. Nachdem sie die Leiche im See entsorgt haben, packt der Beifahrer alle seine Sachen und zieht weg. Er nimmt den Bus. Beim Abschied von Perssinen reinigt dieser gerade sein Auto. Er sieht Perssinen nie wieder. Denkt er.

|Haupthandlung. 33 Jahre später.|

Im kalten Januar wird Antsi Kommissar Ketola pensioniert. An seinem letzten Arbeitstag schieß ihm ein Gedanke, eine Erinnerung von irgendwoher in den Sinn, und er besucht mit seinem langjährigen Kollegen Kimmo Joentaa den jungen Archivar der Polizeizentrale von Turku. Ob das Modell noch da sei, will er wissen. Welches „Modell“? Sie gehen in die Rumpelkammer, denn das ist der einzige Ort, wo sich der Archivar, der gerade erst seinen Dienst angetreten hat, so etwas wie ein „Modell“ vorstellen kann. Eine Modelleisenbahn ohne Eisenbahn, was soll das denn sein?

Aber da ist es, das Modell: der Tatort, wo das Fahrrad gefunden wurde, vor 33 Jahre, als Ketola gerade erst bei der Polizei angefangen hat. Es war sein erster Fall, und der steckt ihm in den Knochen. Sie fanden das Mädchen erst Monate später im See, halb verwest. Sie hieß Pia Lehtinen und war erst 13 Jahre alt. Ja, und das rote Auto da, will Joentaa wissen. Ja, das hat der einzige Zeuge gesehen, ein kleiner Junge, aber es wurde nie gefunden. Ketola lässt das Modell, das auf Rollen und einem Tisch montiert ist, in sein Auto verfrachten. Dann macht er sich ans Feiern. Abends fährt er einen Umweg. Auf dem Holzkreuz mitten im verschneiten Feld stehen Pias Name und das Datum ihres Todes. Erst daheim wagt er es zu weinen.

Am 8. Juni, ein halbes Jahr später, bringen die Spätnachrichten die Nachricht. Ein junges Mädchen, ein Teenager, sei verschwunden, nur sein Fahrrad und seine Taschen habe man gefunden. Was merkwürdig sei: Das Fahrrad liegt nahe bei dem Holzkreuz, das an Pia Lehtinen erinnert. Sofort werden an den Fall vor 33 Jahren erinnert und die alten Fotos gebracht, sogar an ein rotes Auto erinnert sich ein Zeuge.

Joentaa erinnert sich an Ketolas letzten Tag, an den Fall Pia Lehtinen und das Modell. Gibt es einen Zusammenhang? Es muss einen Zusammenhang geben, meint auch der Vater des verschwundenen Mädchens; ihr Name ist Sinikka, der ihres Vaters Kallevi Vehkasalo. Als Joentaa ihn noch am gleichen Abend besucht, identifiziert die Mutter alle Fundstücke als die ihrer Tochter. Der Vater verlangt zu wissen, ob es einen Zusammenhang gibt. Joentaa ist nicht bereit, sich festzulegen, aber er rätselt natürlich ebenfalls darüber. Und er weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn einem ein geliebter Mensch von der Seite gerissen wird. So verlor er seine Frau Sanna, eine Architektin. Joentaa ruft Ketola an.

Die Spätnachrichten sieht auch der Beifahrer von damals. Timo Korvensuo hat nun den respektablen Beruf eines Immobilienmaklers, eine Frau (Mariatta), zwei Kinder (Aku und Laura) und Freunde, Pekka und Arvi. Aber als die Erinnerungen sich nicht mehr wie bisher verdrängen lassen, wird ihm schlecht. Er beginnt zu zittern, verspürt Brechreiz und Schwindel. Schon wieder diese Loslösung von der Welt, so wie damals, als Perssinen und er… Er zerschmettert eine Saftflasche vor Wut. Damals sah er sich mit Perssinen diesen Kinder-Porno an und dann … Als Aku ihn fragt, ob ihm auch so schlecht vom Eisessen sei, vermag er nicht aufzustehen.

Kimmo Joentaa rätselt immer noch, ob es einen Zusammenhang zwischen den beiden Mädchen gibt. Es gab im Jahr 1983 noch eine Vermisstenmeldung in der Nähe von Turku, ein Mädchen namens Marika verschwand spurlos. Und wieder sah ein Zeuge einen roten Kleinwagen. Möglicherweise gibt es einen Serienmörder, vielleicht aber auch nur eine Serie von Ausreißerinnen, bis auf die erste, Pia Lehtinen. Während er noch rätselt, sieht er Ketola im Fernsehen.

Ketola sitzt in einer erfolgreichen Talkshow und neben ihm – Joentaa traut seinen Augen kaum – sitzt die Mutter von Pia, Elena Lehtinen. Beide appellieren an den Täter, sich zu stellen. Offenbar gehen sie davon aus, dass es sich 1974 und jetzt um den gleichen Täter handelt. Davon ist Joentaa keineswegs überzeugt, auch wenn der Tatort und das Fahrrad das nahelegen. Als er dem Leiter der Ermittlungskommission von Ketolas Fernsehauftritt erzählt, flippt Sundström fast aus. Schließlich mischt sich der alte Knacker in ein laufendes Verfahren ein.

Timo Korvensuo hat es nicht mehr in Helsinki ausgehalten und ist nach Turku gefahren. Erst hat er die Stadt umrundet, die alten Schauplätze, wo er 1974 Mathematik studiert hatte. Seiner Frau hat er erzählt, er besuche einen potentiellen Kunden. Er rafft sich schließlich auf, Perssinen zu besuchen. Der Hausmeister ist beim Rasenmähen und seine Wohnung sieht immer noch so aufgeräumt aus wie damals, als… Und er trinkt immer noch Pflaumenschnaps und schaut sich Kinderpornos an. Timo Korvensuo kann nicht verhindern, dass ihm Perssinen so eine Porno-DVD schenkt: seinen Lieblingsfilm, Perssinen weiß es noch genau. Im Hotel schaut er sich den Film an. Ein Schmerz erfasst ihn, und Bilder von seinen eigenen Kindern, Aku, 9, und Laura, 13, überfallen ihn unvermittelt. Er beschließt, zur Mutter von Pia zu fahren. Von ihr hat Mariatta am Telefon gesprochen. Er hat sich – er weiß das nur diffus – zu entschuldigen.

Für etwas, das er gar nicht getan hat. Aber das wird niemand jemals erfahren …

_Mein Eindruck_

Wie der Titel schon sagt, geht es um das Schweigen, seine Bedeutung, seine Rolle, seinen Zweck. Schweigen ist in dieser Geschichte nicht zufällig, sondern ein Komplize, ein Mitspieler und – wenn es um die Ermittlung geht – auch ein Gegenspieler. Letzten Endes geht es also um Kommunikation und das mögliche Wissen, das sie mit sich bringt. Ein sehr modernes Thema, wie ich finde. Schweigen als Leerstelle, die sich vieldeutig nutzen lässt, die sich aber letzten Endes auch als trügerisch erweist.

Es gibt zwei Figuren, deren Vergangenheit und Seelenleben wir ziemlich genau kennenlernen. Das sind Kimmo Joentaa, der Polizist, der seine Frau Sanna an den Krebs verloren hat, und der ein Grübler und Zweifler geworden ist. Dadurch steht er im Gegensatz zu den Kollegen, die sich liebend gern an die Tatsachen halten, ganz besonders dann, wenn sie ihre Annahmen bestätigen. Joentaa aber weiß, dass die Dinge nicht so einfach liegen. Und deshalb fällt ihm ein winziges Detail auf, das alle anderen übersehen, und er kommt der Wahrheit im Fall Sinikka auf die Spur. Das sorgt für eine echte Überraschung.

Und da ist der Immbilienmakler Timo Korvensuo, der eigentlich immer nur zugesehen hat. Und geschwiegen, immer nur geschwiegen. Auch gegenüber seiner Familie, versteht sich. Als Ketola frech wie Oskar mal den PC von Korvensuo durchsucht, stößt er auf Unmengen von Kinderpornobildern. Von diesen Bildern hatte die Ehefrau keine Ahnung. Das Schweigen verhinderte dies.

Aber Ketola ist jetzt hundertprozentig sicher, dass er dem richtigen Mann auf der Spur ist. Die tragische Ironie ist offensichtlich. Aber klar wird auch, dass das Schweigen ebenso schuldig macht wie die Tat. Täter oder nicht, es ist ganz gleich: Korvensuo hat die Schuld mitzutragen und sucht nun Sühne dafür, indem er Pias Mutter besucht. Er macht sich Vorwürfe, weil er vermutet, dass Perssinen wieder zugeschlagen hat. Weil er das gleiche Laster wie Perssinen hat, kann er ihn nicht verurteilen. Dem Teufelskreis der Schuld, in den er nun gerät, kann er nicht entkommen.

Immer wieder stößt Joentaa auf das Schweigen, das zwischen den Eltern und ihren Kindern herrscht. Den Eltern von Sinikka geht auf, dass sie fast nichts über ihre Tochter wissen. Der Vater geht seiner Frau damit so sehr auf den Wecker, dass sie vorgibt zu schlafen, um den Schmerz ertragen zu können. Im Finale weiß sie nicht mehr, ob sie schreien oder sterben soll, so groß ist ihr Leiden.

Die von ihrem Mann verlassene Elena Lehtinen, Pias Mutter, hat ein Verhältnis mit ihrem Nachbarn. Eines Tages stürmt dessen Frau Maria zur Tür herein und ohrfeigt Elena, bevor sie einen Nervenzusammenbruch erleidet, der sie ins Krankenhaus bringt. Maria hat das schützende Schweigen durchbrochen und den Preis bezahlt. Das Schweigen ist für Elena kein Komplize mehr. Als Timo Korvensuo sie besuchen kommt und sich als Wohnungssuchender ausgibt, weiß sie gleich, wen sie vor sich hat: ihn, der das Schweigen durchbrochen und sich gestellt hat, um Verzeihung zu erbitten. Nichts davon sagt er, doch sie weiß Bescheid und sagt dies auch Ketola und Joentaa. Dass er ihr seine Visitenkarten dagelassen hat, fasst sie als Einladung auf, ihn zu kontaktieren.

|VORSICHT, SPOILER|

Das tiefste Schweigen umgibt Ketola. Und früher oder später wundert man sich darüber. Nicht aber die Ermittler, die froh sind, wenn sich der pensionierte Kommissar nicht mehr einmischt. Leider tut er ihnen diesen Gefallen nicht, sondern beginnt im Stillen eine geheime Aktion, die nur ein Ziel hat: den Mörder Pias aufzustöbern und zu überführen. Doch das Schweigen, das Ketola zu seinem Komplizen und zu seiner Waffe macht, führt wieder zu einem Missverständnis. Die Vergeltung trifft einen Schuldigen, schon gut, aber nicht den Täter.

Der Täter verbirgt sich hinter Schweigen, Anpassung und Wohlanständigkeit. Perssinen mäht jeden Tag den Rasen vor fünf Häusern, die er betreut, und führt penibel darüber Buch. Als der Polizist Hejnonen bei ihm auftaucht, weil Perssinen als ehemaliger Besitzer eines roten Kleinwagens auf zwei Listen (der von Pia und der von Marika) steht, bemerkt er, dass sich Perssinen seltsam entrückt verhält. Vielleicht die Folge eines Schlaganfalls, schließlich ist das schon ein alter Mann. Aber er nimmt Perssinens Tagebuch nicht mit, sonst wäre er im Jahr 1974 auf den Namen Timo Korvensuo gestoßen. Und so hilft das Schweigen dem Falschen. Der Schluss hält eine Menge bittere Ironie bereit. Wieder einmal scheint das Schweigen gewonnen zu haben.

|Der Sprecher|

Matthias Brandt muss gegen das Schweigen ankämpfen, aber er tut es mit einer ruhigen, beständigen Stimme, die unaufgeregt ist. Man kann sich auf die Geschichte, die er erzählt, verlassen, hört jedes Wort, jeden Satz als Einheit und Faktum. Und doch gibt es da eine beunruhigende Doppelbödigkeit, die schon in der Vorlage steckt.

Wie immer können wir in Korvensuos und Joentaas Seele nur kurz Einblick gewinnen, doch diese Momente sind mit Erinnerungen angefüllt. In Joentaas Kopf werden die Erinnerungen wie gewöhnlich unwillkürlich ausgelöst, aber dann ergeben sie komplette Bilder, ganze Szenen. Ganz anders hingegen in Korvensuo. Sein geistiger Bildschirm ist geradezu ein Schneegestöber, in dem die Schnipsel von Aku, Laura, Marietta, Pia, Elena, Perssinen durcheinanderwirbeln und ihn zu verschlingen drohen, weil er zunehmend die Kontrolle darüber verliert. Überblendeffekte assoziieren die drei Kinder miteinander.

Nur ein Strang lässt sich herauslesen: Die zunehmend deutlicher werdende Szene mit Pia. Sie am Boden, Perssinen über ihr, danach das Verstauen der Leiche, das Versenken im See. Dann die Assoziation der Hexe in dem Märchenfilm, den Aku und dann auch Timo im Kino ansehen. Sie krächzt – so auch der Sprecher -, dass ihr Opfer nicht davonkommen werde. Der helllichte Tag verwandelt sich für Timo in einen Albtraum, aus dem es kein Erwachen zu geben scheint. Das klingt chaotischer als es gelesen wird. Und natürlich handelt es sich um meine eigene Interpretation.

Nicht immer ist der Sprecher ruhig und selbstsicher, denn schließlich sind nicht all seine Figuren so, sondern lediglich der Erzähler. Sinikas Vater Kallevi beispielsweise spricht häufig stockend, atemlos in seiner Hilflosigkeit angesichts der Lücke, die seine verschwundene Tochter in seinem Leben aufgerissen hat. Auch Joentaa ist die Verlegenheit anzuhören, wenn er Mariatta Korvensuo versichert, es sei alles in Ordnung. (Natürlich ist rein gar nichts mehr in Ordnung.)

Matthias Brandt gelingt es, die Konzentration des Hörers zu erlangen und sie auf Dauer zu fesseln, einfach indem er langsam liest und deutlich und vor wichtigen Wörtern eine kleine Pause macht. Wenn Leidenschaft oder Wut angebracht ist, so kann er dies mit Tempo und Lautstärke ohne Weiteres ebenfalls ausdrücken, doch diese Ausbrüche sind selten. Sollten sie auch sein, um ihre Wirkung nicht einzubüßen.

Dieser Vortrag benötigt weder Musik (wie im Hörbuch zu „Eismond“) noch Geräusche irgendeiner Art, denn es ist ein Kammerspiel um ein zentrales Thema: Schweigen. Und diesem Schweigen gilt es durch Worte entgegenzuwirken.

Das Booklet informiert über den Autor und den Sprecher sowie über das Hörbuch „Eismond“. Das Titelbild zeigt ein Mädchen mit kurzem Haar, vermutlich Sinika.

Die CDs sind annähernd 90 Minuten lang. Mein alter CD-Spieler weigerte sich, solche CDs abzuspielen, aber mein neuerer DVD-Spieler bequemte sich doch dazu. Insgesamt bieten die vier CDs fast sechs Stunden Text, das ist eine ganze Menge.

_Unterm Strich_

Es ist ungewöhnlich, dass wir gleich zu Anfang von einem Verbrechen und den Tätern erfahren. Doch es geht nicht primär um dessen Aufklärung, sondern darum, wie die Täter und ihre kriminalistischen Gegenstücke mit diesem Fall 33 Jahre später umgehen. Hat die Zeit Wunden geheilt, die nun wieder aufgerissen werden? Ist die Schuld vergessen, oder muss noch Sühne geleistet werden?

Ist über alles Gras gewachsen, oder gibt es einen Zaubertrick, um beide Fälle, die 33 Jahre auseinanderliegen, aufzuklären? Wie sich zeigt, gibt es diesen „Zaubertrick“ tatsächlich. Das Ende ist wirklich überraschend und ebenfalls ein Teil der umfassenden Ironie. Diese Ironie ist mal bitter, mal tragisch, mal lustig. Es fällt schwer, sich nicht von diesem Plot und der Sprache, in der er erzählt wird, beindrucken zu lassen.

Matthias Brandt scheint mir der passende Sprecher für diese Art von Stoff zu sein. Ruhig, ohne einzuschläfern, aber leidenschaftlich und betroffen, wenn es nötig ist, weiß er die Aufmerksamkeit des Hörers nicht auf sich zu lenken, sondern auf die komplexe Geschichte, die er erzählt.

Wer Action und vordergründige Spannung sucht, wird sicherlich woanders fündig. Wer intensive emotionale Spannung sucht und von einer sicheren sprachlichen Stimme zu einem überraschenden und bewegenden Schluss geführt werden will, der ist bei „Das Schweigen“ an der richtigen Adresse. Den Namen Jan Costin Wagner sollte man sich merken.

|349 Minuten auf 4 CDs|
http://www.eichborn-lido.de/

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