Wahren, Friedel (Hrsg.) – Isaac Asimovs Science Fiction Magazin, 38. Folge

_Trügerische Utopien und andere Herausforderungen _

Dieser Auswahlband aus dem Jahr 1991 enthält Erzählungen von Kim Stanley Robinson, George Alec Effinger, Mike Resnick, Michael Kallenberger, Megan Lindholm (= Robin Hobb), James Patrick Kelly und dem deutschen Autor Peter Frey.

Drei Novellen ragen heraus. Effingers Novelle bildet den Anfang seines Roman „Das Ende der Schwere“, Resnicks Novelle „Manamouki“ wurde mit dem begehrten HUGO Award ausgezeichnet und Kelly glänzt mit der Novelle „Mr. Boy“.

_Die Herausgeber_

Friedel Wahren war lange Jahre die Mitherausgeberin von Heynes SF- und Fantasyreihe, seit ca. 2001 ist sie bei Piper verantwortlich für die Phantastikreihe, die sowohl SF als auch Fantasy veröffentlicht.

Isaac Asimov, geboren 1920 in Russland, wuchs in New York City auf, studierte Biochemie und machte seinen Doktor. Deshalb nennen seine Fans ihn neckisch den „guten Doktor“. Viel bekannter wurde er jedoch im Bereich der Literatur. Schon früh schloss er sich dem Zirkel der „Futurians“ an, zu denen auch der SF-Autor Frederik Pohl gehörte. Seine erste Story will Asimov, der sehr viel über sich veröffentlicht hat, jedoch 1938 an den bekanntesten SF-Herausgeber verkauft haben: an John W. Campbell. Dessen SF-Magazin „Astounding Stories“, später „Analog“, setzte Maßstäbe in der Qualität und den Honoraren für gute SF-Stories. Unter seiner Ägide schrieb Asimov nicht nur seine bekannten Robotergeschichten, sondern auch seine bekannteste SF-Trilogie: „Foundation“. Neben SF schrieb Asimov, der an die 300 Bücher veröffentlichte, auch jede Menge Sachbücher, wurde Herausgeber eines SF-Magazins und von zahllosen SF-Anthologien.

_Die Erzählungen_

_1) Kim Stanley Robinson: Das Ende der Traumzeit (Before I Wake)_

Der Wissenschaftler Fred Abernathy erwacht aus einem wunderschönen Traum, weil sein Kollege Winston ihn anbrüllt, er solle gefälligst aufwachen. Aber er ist doch wach, oder etwa nicht? Winston erklärt, dass die Menschen, wie Fred, Wachen nicht mehr von Träumen unterscheiden können, weil ihre Wach- und Schlafphasen völlig durcheinandergeraten sind. Das Magnetfeld der Erde muss in ein starkes Feld kosmischer Strahlung geraten sein, die dies verursacht.

Flugzeuge sind abgestürzt, Auto- und Schiffsverkehr zusammengebrochen. Abernathy holt seine träumende Schwester Jill aus dem niedergebrannten Zuhause ab und bringt sie ins Labor zu Winston und anderen Mitarbeitern des Instituts. Hier versucht Abernathy, unter ständiger Verabreichung von Schmerz, Aufputschmitteln usw., ein Abschirmgerät zu entwickeln. Es gelingt ihm. Doch dankt man es ihm? Nein: Auf einmal gehen alle auf ihn los: Er sei schuld. Aber an was? Als er stürzt, glaubt er eine Treppe hinabzustürzen, doch dann erwacht er. Wirklich?

|Mein Eindruck|

Der Autor hat die Schlafforschung von 1990 gründlich studiert, und auch heute forscht man eifrig weiter, was im Schlaf passiert. Er geht aber weiter, indem er fragt, wie Bewusstsein entstand, als das Gefühl, wach zu sein und sich zu fragen: „Wer und was bin ich?“ Wozu dient dann aber das Träumen? Möglicherweise kann in diesem Zustand das menschliche Bewusstsein in die Unendlichkeit hinausreichen und sich so seiner spirituellen Seite bewusst werden.

Der Rest der Handlung lässt sich durchaus vernünftig verfolgen, da dies keine Story von Philip K. Dick oder J. G. Ballard ist. Fred erkennt das Problem, bekämpft es und sucht, wie ein guter Wissenschaftler, die Lösung dafür: die Abschirmung des Kopfes gegen die Magnetstrahlung. Der Träger des Helms würde also aufwachen. Ironischerweise ziehen seine Arbeitskollegen es vor weiterzuträumen …

_2) George Alec Effinger: Marîd lässt sich aufrüsten (Marîd Changes His Mind)_

Der etwa 30-jährige christliche Algerier Marîd Audran lebt als Privatdetektiv im Budayin, dem Rotlichtbezirk einer nordafrikanischen Stadt im 21. Jahrhundert. In den Strip-Klubs findet er seine Kumpel, seine diversen Freundinenn – und leider auch seine Feinde. Die Halbwertszeit eines Lebens ist hier stark reduziert. Seine derzeitige Freundin ist Yasmin, eine Oben-ohne-Tänzerin, aber auch mit Tamiko und Nikki hat er schon nähere Bekanntschaft geschlossen. Marîd ist ein wenig exotisch und wirkt arrogant, weil er sich standhaft weigert, ein Software-Add-on für die Persönlichkeitsmodifikation zu benutzen. Er hat nicht mal eine Schädelbuchse dafür und zieht stattdessen Tabletten vor. Yasmin kennt solche Skrupel nicht, und deshalb ist sie die populärste Tänzerin bei Frenchy’s.

|Die Mordserie|

Dass die Moddys und Daddys – die Persönlichkeitsmodule und Software-Add-ons – auch Gefahren bergen, zeigt sich, als ein neuer Kunde Marîds vor seinen Augen vor einer James-Bond-Kopie umgenietet wird. Wie taktlos. Leider bleibt es nicht bei diesem Mordopfer. Auch Tamiko und eine ihrer Freundinnen, die sich als Killeramazonen auftakeln, erleiden einen vorzeitigen Exitus. Und ihre und Marîds Freundin Nikki verschwindet spurlos. Schleunigst begleicht Marîds Nikkis Schulden bei Hassan und Abdullah, doch auch dies bewahrt ihn nicht vor einem bösen Verdacht, als Abdullah ebenfalls die Kehle aufgeschlitzt wird.

Diesen Verdacht hegt jedoch nicht die Polizei unter Kommissar Okking, mit dem Marîd schon öfters zu tun hatte, sondern der Obermacker des Rotlichtviertels, Friedlander Bei. Marîd bekommt eine „Privataudienz“ mit der Option auf sofortige Exekution durch die zwei Gorillas dieses Paten. Doch er kann ein hieb- und stichfestes Alibi für Abdullahs Tod vorweisen und springt dem Tod noch einmal von der Schippe. Er erfährt, dass alle Ermordeten in Diensten Friedlander Beis standen, sei es als Kunden oder als Auftragskiller wie Tamiko. Offensichtlich will jemand die Geschäfte des Beis erheblich stören, und das kann dieser nicht zulassen.

|Ein neuer Chef|

Und an dieser Stelle kommt nun Marîd ins Spiel. Er sei der Einzige, so der Bei, der es schaffen könnte, schlauer als die Polizei und schneller als der Killer zu sein. Der Bei bittet Marîd daher, für ihn den Schuldigen zu finden. Und wenn er bittet, dann hat Marîd das als Befehl aufzufassen. Die Bezahlung ist fürstlich, doch die Sache hat einen Haken: Marîd muss sich aufrüsten lassen. Das schmeckt ihm überhaupt nicht, aber was bleibt ihm anderes übrig? Umsonst ist nur der Tod, und der kostet das Leben. Die eigenen Ärzte des Beis sollen die OP vornehmen. Na schön, willigt Marîd ein, froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. Auch seine Freundin Yasmin überredet ihn, sich „verdrahten“ zu lassen.

|Verdrahtet|

Drei Wochen später – es ist Ramadan – erwacht Marîd mit einem Brummschädel und merkt, dass er im Bett eines recht angenehm aussehenden Krankenhausbettes liegt. Es unterscheidet sich von den Armenzimmern, die er nach einer Blinddarm-OP kennenlernte. Offenbar hat sein neuer Mäzen dafür gesorgt. Der Arzt, Herr Yeniknani, ist sehr besorgt um das Wohl und Wehe von Marîd und erklärt ihm die neuen Implantate. Marîd kann jetzt nicht nur Persönlichkeitsmodule und Software-Add-ons hochladen, um jemand anderes zu sein und zusätzliches Wissen zu erlangen. Nein, er kann noch viel mehr, weil Dr. Lîsani ihm winzige Drähte in tiefe Regionen seines Hirns eingeführt hat, damit Marîd Gefühle wie Hunger, Durst, Schlaf und sexuelle Erregung direkt kontrollieren kann. Allerdings kann er sich nicht selbst einen Orgasmus verschaffen, denn das wäre kontraproduktiv gewesen. Marîd ist beeindruckt.

Sobald er wieder entlassen worden ist, hört er, dass dieser James-Bond-Verschnitt verschwunden ist und dass seine eigene Freundin Nikki tot aufgefunden wurde – in einem Müllsack. Bei ihr findet er ein selbstgebasteltes Moddy, einen Ring und einen Skarabäus, möglicherweise Hinweise auf Herrn Leipolt, einen deutschen Kaufmann, mit dem Nikki zu tun hatte. Als er das Moddy von einer Moddy-Ladenbesitzerin testen lässt, verwandelt sich diese daraufhin in eine reißende Bestie. Marîd ist erschüttert. Aber dieses satanische Moddy kann nicht den oder die Mörder gesteuert haben, denn dafür sind die Morde zu sorgfältig durchgeführt worden. Als er Tamikos Freundin Selima, die dritte ihres Killertrios, hingeschlachtet vorfindet, warnt ihn eine mit Blut geschriebene Botschaft, dass er der Nächste sei.

|Mein Eindruck|

Auf den ersten Blick entspricht der Roman „Das Ende der Schwere“, den diese Story eröffnet, dem typischen Klischee für einen Cyberpunk-Roman: Modernste Technik steht im krassen Gegensatz zu dem illegalen oder zwielichtigen Milieu, in dem es eingesetzt wird. In der Regel ist der Grund für solchen Technikeinsatz aber der, dass im Untergrund und auf dem schwarzen Markt die moderne Technik – hier Persönlichkeitsmodule – erst voll ausgereizt werden. Das ist bis heute so, wenn man sich zum Beispiel Gadgets, Hacker, Designer-Drogen und das Internet ansieht.

Was den Roman über das Niveau der meisten Cyberpunk-Romane, die zwischen 1983 und 1995 erschienen (also bis zum Start der Shadowrun-Serie, als die Klischees endgültig in Serie gingen), hinausgeht, ist die Hauptfigur. Marîd Audran ist kein jugendliches Greenhorn mehr und hat bereits einige Lebensphasen hinter sich. Er lebt außerhalb der bürgerlichen Lebensgrenzen auf einem Areal, das zwar auf dem Friedhof liegt, aber als Rotlichtbezirk und Vergnügungsviertel genutzt wird. Touristen und Seeleute toben sich hier aus und, wie Audran erfährt, auch zunehmend Politflüchtlinge aus Europa.

Audran hat einen Horizont, den er ständig erweitert, und ein Händchen für Damen und Freunde. Beide sind ihm gleichermaßen treu, denn er weiß, dass er ohne sie nicht in diesem Milieu überleben kann. Er hat sich wie ein Chamäleon der Umgebung angepasst. Obwohl er, wie Friedlander Bei feststellt, Christ ist, befleißigt er sich doch bei jeder sich bietenden Gelegenheit der arabischen Höflichkeits-Floskeln, zitiert den Koran, ruft Allah an und weiß mit arabischen Geschäftsleuten umzugehen, selbst wenn es sich um die größten Halunken handelt. Kurzum: Er ist ein Überlebenskünstler, noch dazu einer mit einem Gewissen und einem (gut versteckten) Herz aus Gold. Sonst würde er nicht nach verschwundenen Freundinnen fahnden.

Das macht ihn aber noch nicht zu einem guten Detektiv. So brüstet er sich zwar mit seiner Fähigkeit, jeden geschlechtsumgewandelten Mann, der nun als Stripperin auftritt, erkennen zu können, doch als er selbst einer hübschen langbeinigen Blondine in der Villa eines Deutschen begegnet, nimmt er sie dummerweise für bare Münze und schläft mit der Hübschen. Am nächsten Morgen klärt ihn „ihre“ Abschiedsnotiz über seinen Irrtum auf: „Sie“ heißt Günther Erich von S. Marîd stöhnt, weil ihm übel wird. Schließlich war er bis jetzt strikt hetero. Und seine Menschenkenntnis hat offenbar schwer nachgelassen. Was, wenn dies auch bei Nikki der Fall wäre?

Die Austauschbarkeit von Körpern und Persönlichkeiten ist mittlerweile völlig geläufiges Standardmotiv in der Science-Fiction. Dazu muss man nur mal Richard Morgans fulminanten SF-Detektivroman „Das Unsterblichkeitsprogramm“ ansehen (siehe meinen Bericht). Diese Motive waren aber anno 1987, also drei Jahre nach der Veröffentlichung von Gibsons epochalem „Neuromancer“ noch an der vordersten Front der SF-Ideen.

_3) Michael Kallenberger: Weißes Chaos (White Chaos)_

Der Journalist Alan Endridge hat die Aufgabe angenommen, die Biografie des großen Mathematikers Abraham Soleirac zu verfassen. Alan steht der Aufgabe zwiespältig gegenüber. Einerseits hat Soleirac innerhalb der angestaubten Chaostheorie aufregende neue Gleichungen aufgestellt. Andererseits hat er prophezeit, dass sich der Große Rote Fleck des Planeten Jupiter binnen 20 Jahren auflösen werde. Das findet Alan absurd. Und in seinen Interviews mit dem Forscher entzieht sich dieser stets irgendwelcher Festlegung.

Wie auch immer: Alan befindet sich mit seiner Frau Jean, die bei Soleirac Physik studiert, an Bord einer Raumstation, die den Jupiter umkreist. Von hier aus lässt sich Soleirac an einem Stahlseil in einem Tauchboot in den Großen Roten Fleck hinab. Alan fragte den Forscher, was er damit beweisen wolle. Mehr oder weniger den Einfluss des menschlichen Willens auf die Gleichungen, die den Fleck bestimmen. Auch das hält Alan für zweifelhaft.

180 Tage später lässt sich Soleirac im Tauchboot wieder an Bord holen. Offensichtlich hat der geniale Mathematiker den Verstand verloren. Aber seine Exkursion war nicht umsonst: Der Große Rote Fleck in Jupiter-Atmosphäre hat sich nämlich verändert …

|Mein Eindruck|

Die Geschichte von Soleirac und seinem Biografen Alan schildert auf feinfühlige, kenntnisreiche und psychologisch interessante Weise die Diskrepanz zwischen dem Tun eines Wissenschaftlers und seiner Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Soleirac wird als neuer Einstein und Hawking gefeiert, und Alan hat nicht wenig dazu beigetragen. Doch der Mensch Soleirac selbst ist enigmatisch, vielleicht als Schutzmechanismus. Seit seinem 31. Lebensjahr, so entdeckt Alan, hat Soleirac nichts mehr geleistet.

Davon abgesehen gibt es noch eine weitere Ebene, die sich generell mit der Bedeutung von Theorien zur Erklärung des Universums beschäftigt. Auf dieser Ebene erhält Soleiracs Exkursion zum Großen Roten Fleck einen Sinn: als Kunstwerk. Und als Ausdruck des Aufeinandertreffens von Wille und Gleichung.

_4) James Patrick Kelly: Mr. Boy (dito)_

Die lange Novelle (ca. 80 Seiten) erzählt von ein paar Jungs in einer Zukunft, in der sich jedermann genmanipulieren lassen kann. Der titelgebende Mr. Boy heißt so, weil er, der als Peter Cage vor 25 Jahren geboren wurden, sich hat verjüngen – stunten – lassen. Jetzt hängt er mit anderen 13-Jährigen rum und himmelt eine neue Schülerin an. Seine Mutter hat sich in eine Kopie der Freiheitsstatue verwandeln lassen. In ihrem riesigen Innern isst Mr Boy und hat sein Zimmer. Ein „Genosse“ bzw. Androide erfüllt ihm alle seine kleinen Wünsche.

Der Genosse gibt ihm das Foto einer Leiche: Ein Manager der Firma Infoline wurde von seiner Frau per Kopfschuss getötet. Peter steht auf Leichen, weil sie so „extrem“ sind, ihm also einen Kick verschaffen – und seine Mutter schocken. Allerdings kriegt er genau wegen dieses Fotos mächtig Ärger mit einer Firma namens DataSafe, die es unbedingt zurückhaben möchte.

Die Spur des Fotos zieht sich durch die Story, aber auch die Geschichte von Peters Liebesgeschichte mit Treemonisha. Als er deren Familie kennenlernt, ist das ein Damaskuserlebnis: Die vierköpfige Familie lebt nackt in einem Gewächshaus. Aber das ist noch gar nichts gegen den Augenblick, als er die Wahrheit über seine Mutter erfährt …

|Mein Eindruck|

Zunächst wirkt der Text, der nun hin und wieder einen Absatz aufweist, als wäre es anstrengend, ihn zu lesen. Aber schon nach wenigen Seiten wird klar, dass es ganz leicht ist, ihm zu folgen. Okay, man muss hinnehmen, dass die Szene mitten im Absatz wechselt, aber das ist in Ordnung, denn auf diese Weise hält die Geschichte ihr Tempo aufrecht, und dieses Tempo ist enorm hoch. In nur 80 Seiten lernen wir eine ganze Jugendkultur kennen und die Entwicklung eines verjüngten Mr. Boy zu einem erwachsenen Mann.

Denn ein Junge kann nicht ewig ein Kind sein, nur um seiner Mutter den Gefallen zu tun, stets von ihr (und ihrem Geld) abhängig zu sein. Nein, ein Junge lernt auch mal ein Mädel kennen, das selbst ebenso wie ihre Familie ganz anders drauf ist als er. Werte verschieben sich, die Realität wird eine andere.

Zur Krise kommt es auf der Geburtstagsparty eines weiteren Schulmädchens, die sogar bis nach Japan übertragen wird. Antike Dinge wie Schallplatten aus Vinyl sowie ein altes Klavier werden hier der Zerstörung zugeführt, auf dass die Vergangenheit vernichtet werde. Ebenso wie das Stunten geht es also um den Umgang mit Alter. Alter ist relativ, und diese Kultur hat das Altern an sich zum Tabu erklärt. Bis Peter den ganzen Betrug dahinter entdeckt …

Diese Kultur ist natürlich die amerikanische und Peters Mutter ist die Verkörperung Amerikas. Daher die Gestalt der Freiheitsstatue. Doch Miss Liberty erweist sich als das genaue Gegenteil von Freiheit, nämlich als die ultimative Kontrolleurin. Auf diesem Umweg kritisiert der Autor seine Kultur, und an dieser hat sich seit 1990 nur wenig verändert. Allenfalls sind die Kontrollen nach der Verabschiedung des Patriot Act 2002 noch strenger geworden.

_5) Bruce Sterling: Manamouki (dito)_

Der kenianische Stamm der Kikuyu hat auf einer künstlichen Welt namens Kirinyaga ein neues Zuhause gefunden und lebt nun nach den alten Traditionen, die in Kenia auf der Erde schon längst durch die westliche Lebensweise abgelöst worden ist. Dies weiß Koriba, der Medizinmann des Dorfes, der auch den einzigen Computer bedient. So erfährt er, dass zwei Neuankömmlinge eintreffen werden. Sie kommen aus Kenia.

Nkobe und seine Frau Wanda entsteigen der Fähre, die sie von der Raumstation heruntergebracht hat. Eigentliche Nkobe ein reicher Mann, überlegt Koriba und fragt sich, warum er auf einer so primitiven Welt leben will, wo es nicht mal fließend Wasser gibt, geschweige denn Wasserklosetts. Es war Wanda, seine hochgewachsene Frau, die ihn dazu überredet hat, stellt sich heraus. Nun, macht Koriba ihr klar, sie muss lernen, wie ein Manamouki zu leben, wie ein weibliches Besitzstück ihres Mannes. Wanda verspricht, es zu versuchen und nimmt sogar einen anderen Namen an, den einer kürzlich Verstorbenen: Mwange.

Aber mit Mwange kommen auch neue Ideen in das Dorf Koribas, und als Erste protestiert die Erste Frau des Häuptlings. Mwanges Kleider seien viel prächtiger als ihre und würdigten sie herab. Sie ist nicht die Letzte, die sich über Mwange beschweren wird, selbst wenn Koriba noch so häufig mit Mwange redet, um sie dazu zu bringen, die Traditionen der Kikuyu zu befolgen. Doch er scheitert letzten Endes an zwei einfachen Gesetzen: Mwange ist unbeschnitten, das ist gegen das Gesetz, und zunächst duldet sie keine zweite Frau in der Hütte Nkobes. Das beschämt die anderen Frauen.

Als Koriba Nkobe und Mwange, die Manamouki, verabschiedet, hat er eingesehen, dass es zwei verschiedene Dinge sind, ein Kikuyu zu sein und einer sein zu wollen. Mwange, die sich wieder Wanda nennt, sagt ihm, dass dies zwar Utopia sein mag, aber dennoch die Stagnation in Reinkultur ist. Koriba seufzt. Und als hätte er es geahnt, beginnen die verrückten Ideen Wandas bereits Wurzeln zu schlagen – die Plagen haben begonnen.

|Mein Eindruck|

Diese Erzählung aus Resnicks Episodenroman „Kirinyaga“ erhielt 1991 den angesehenen Hugo Gernsback Award von den amerikanischen Lesern. Der Autor macht in anschaulichen Szenen das grundlegende Problem einer Utopie deutlich: Sie muss entweder eine radikale Abkehr vom Vorhergehenden sein, oder ein Rückfall in eine Reinform, die der Stagnation verpflichtet ist, soll sie sich nicht wieder zu jenem ursprünglichen Stadium entwickeln, das die Utopie ja gerade überwinden will.

Wie schon in seinem Roman „Elfenbein“ (siehe meinen Bericht) belegt Resnick, dass er sich mit den Traditionen der drei kenianischen Stämme Massai, Wakamba und Kikuyu bestens auskennt. Jede Szene ist glaubwürdig und leicht verständlich geschildert. Selbst wenn die Probleme der Klienten lachhaft erscheinen, so sind es die Gründe und Folgen keineswegs. Mwange, die Manamouki, wird als verflucht bezeichnet, denn sie ist kinderlos. Schon bald wird sie als Hexe bezeichnet und muss entweder vom Mundumugu, dem Medizinmann, geheilt oder erschlagen werden. Stets geht es um grundlegende Bedingungen des Lebens, also um Leben und Tod.

_6) Megan Lindholm: Silberdame und der Mann um die Vierzig (Silver Lady and the Fortyish Man)_

Die Silberdame ist Verkäuferin im Kaufhaus Sears. Die 35-jährige Exschriftstellerin verdient gerade mal vier Dollar die Stunde, und keineswegs Vollzeit. Das ist also zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Da fällt ihr ein Mann um die Vierzig auf, der einen Seidenschal kauft, den er gar nicht braucht. Aber er kommt wieder, und nennt sie „Silberdame“. Er hinterlässt ihr zwei Ohranhänger in Form einer eleganten Dame in Silber.

Beim dritten Mal lädt er sie ins mexikanische Restaurant ein, nennt sich Merlin, lässt sie aber sitzen, als er auf die Toilette geht. Immerhin: Sie bekommt drei Teebeutel von ihm, und ein Tee davon, „Verlorene Träume“, entführt sie ins Traumreich. Dort tritt sie als Silberdame auf und er erklärt ihr, dass ein Rivale ihn hinweggezaubert habe. Na, wer’s glaubt. Aber als sie am nächsten Tag die Kristallkugel, in der eingesperrt zu sein er behauptet hatte, durch ein Missgeschick zu Boden wirft, steht er gleich wieder neben ihr. Na, wenn das keine Magie ist!

Sie lässt sich zu ihm fahren, wo sie miteinander auf dem Boden schlafen. Schon wieder verschwindet er spurlos – nur um in ihrem Badezimmer aufzukreuzen. Schon wieder Magie? Sie glaubt nicht daran, aber sie geht gleich noch mal mit ihm ins Bett. Wer weiß, wann er wieder verschwindet …

Am nächsten Tag ist ihre Muse, die sie schmählich im Stich gelassen hatte, zurück und fordert sie neben der Schreibmaschine sitzend ungeduldig zum Schreiben auf. Vielleicht wird’s doch noch was mit der Schriftstellerkarriere.

|Mein Eindruck|

In der wunderbar witzig erzählten Story um die Frau ca. 35 und den Mann um 40 geht es natürlich um Singles, die es nicht in eine Ehe geschafft haben, aber nicht das Glück oder den Mumm haben, eine lukrative Stellung zu ergattern. Ziemlich gnadenlos beurteilt die Autorin die ein wenig traurige Lebenssituation ihrer Titelheldin, die kaum ihre Rechnungen bezahlen kann, nachdem ihre Muse sie im Stich gelassen hat.

Ist Merlin wirklich DER Obermagier, fragen wir uns. Natürlich nicht. Er behauptet, die Magie sei auch nicht mehr das, was sie mal war. Wie wahr – und dann lässt er die Dame sitzen. Aber vielleicht ist ja doch was dran an seinen Flunkereien. Die Autorin hält diesen Aspekt stets in der Schwebe, denn genau darum geht es ja: Vielleicht sieht die Magie heutzutage ganz anders aus als in den Fantasy- und Ritterepen von anno dunnemals.

Am Schluss hat unsere Lady etwas gewonnen, aber sie kann nicht benennen, was es ist. Ein Glaube, ein Lebensmut? Und wenn man schon von Magie spricht, so ist eine Muse auch nichts anderes als ein magisches Wesen. Und dieses existiert unleugbar. Wie der Text beweist.

_7) Peter Frey: Abenddämmerung_

Jarosch und seine Tochter Miriam wandern in den Wald, wo sie vor dem Ereignis zu wandern pflegten. Doch seitdem hat sich hier einiges geändert. Während die Vegetation so üppig gedeiht wie eh und jetzt, sind die Nacktschnecken auf Bananengröße angewachsen, die Steinpilze sind widerstandsfähig wie Hartgummi und in einer feuchten Kuhle leuchtet es schwefelgelb …

|Mein Eindruck|

Welches Ereignis das gewesen sein muss, kann man sich unschwer vorstellen: der Atom-GAU von Tschernobyl aus dem Jahr 1986. Die Wolke des radioaktiven Fallouts zog auch über weite Gebiete der Bundesrepublik hinweg. Die Isotopen reicherten sich in Pilzen und anderen Waldgewächsen an, so dass vor deren Verzehr öffentlich gewarnt wurde. Der Autor extrapoliert lediglich diese Folgen ein wenig und zeigt, welche unheimliche Zukunft auf die kleine Miriam warten könnte.

_Die Übersetzung_

Die Texte sind durchweg korrekt und gut lesbar übersetzt worden, doch wie so oft tauchen hie und da ulkige Druckfehler auf. So lesen wir auf Seite 7 von einer „Stürmbö“ und auf Seite 17 von einer „Dünnung“ (statt „Dünung“). Auf Seite 219 steht der seltsame, kurze Satz. „Er zielt inne.“ Erst wenn man das Z durch ein H ersetzt, erhält der Satz einen Sinn: „Er hielt inne.“

_Unterm Strich_

Drei bedeutende Novellen stehen in dieser 38. Auswahl teils herausfordernden, teils erheiternden Texten. Diese drei Novellen sind Effingers „Marîd lässt sich aufrüsten“, das später den Auftakt zu seinem Roman „Das Ende der Schwere“ bildete und einen Abgesang auf den Cyberpunk darstellt. Marîd ist zwar „verdrahtet“, doch er ist kein Rebell, sondern Handlanger eines Mafioso. Wo ist der „Neuromancer“, wenn man ihn braucht?

Der zweite zentrale Text ist für mich Resnicks „Die Manamouki“, das später ein wichtiges Kapitel seines noch unübersetzten Episodenromans „Kirinyaga“ (siehe meinen Bericht dazu) bildete. Hier versucht eine Kenianerin Teil der utopischen Gesellschaft auf Kirinyaga zu werden, aber ihr Ansinnen erweist sich als unmöglich umzusetzen – aber aus unerwarteten Gründen.

In der dritten Novelle entdeckt „Mr. Boy“, dass nicht nur seine Jugendlichkeit eine selbstbetrügerische Lüge ist, sondern dass seine Mutter, das fürsorgliche Monster, gute Gründe gehabt hat, ihn in seiner Jugend zu belassen. Mutter, dass ist Amerika und das eigentliche „Alien“, wie schon Lt. Ellen Ripley auf der „Nostromo“ erkennen musste.

Die Texte von Kim Stanley Robinson und Michael Kallenberger sind in ihrer Nichtlinearität und Komplexität Herausforderungen an den Leser, aber dennoch lohnenswert. Die einzige Fantasy-Story könnte Megan Lindholm alias Robin Hobb beigesteuert haben – falls es darin wirklich um Magie geht. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Der letzte Text, obligatorischerweise von einem deutschsprachigen Autor/Autorin, warnt vor den Folgen der Super-GAUs in Tschernobyl: Der ach so urdeutsche Wald nimmt inzwischen unheimliche Erscheinungsformen an und wirkt wie von einem anderen Planeten. Die Idee ist zwar bieder, aber ökologisch engagiert – und handwerklich einwandfrei, ohne jedes Pathos ausgeführt.

Kurzum: Dieser Auswahlband lohnt sich für jeden Freund von hochwertiger Phantastik, insbesondere aber für Kenner des Genres. Neueinsteiger könnten mit Robinson und Kalllenberger ein wenig Mühe haben, aber besonders die Resnick-Story entschädigt sie dafür vollauf. Lindholm und Frey bieten hingegen leicht verständliche Kost.

|Taschenbuch: 301 Seiten
Originaltitel: Asimov’s Science Fiction Magazine )1989-91)
Aus dem Englischen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453053779|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

_Friedel Wahren als Herausgeber bei |Buchwurm.info|:_
[„Tolkiens Erbe – Elfen, Trolle, Drachenkinder“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2893

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