Wallace, Edgar / Gruppe, Marc – indische Tuch, Das (Krimi-Klassiker 1)

_Adel vernichtet: Der Mörder ist nicht der Gärtner_

England 1928: Ein Halstuch-Mörder, der seine Opfer stets mit einem indischen Seidentuch stranguliert, treibt sein Unwesen auf dem düsteren Schloss Marks Priory. Die adelsstolze Lady Lebanon, ihr Sohn Lord Willie und ihre Angestellten scheinen eine Menge vor Scotland Yard zu verheimlichen. Wer von ihnen ist der unheimliche Halstuch-Mörder – und wer sein nächstes Opfer?

_Der Autor_

Edgar (Richard Horatio) Wallace, 1875 bis 1932, war ein britischer Schriftsteller, Bühnenautor und Herausgeber, der für seine Thriller am bekanntesten ist. Wallace erwarb Kenntnisse im Burenkrieg, in dem ab 1905 in Südafrika Engländer gegen die ursprünglichen niederländischen Siedler, die Buren, kämpften. Diese Kenntnisse wandte er mehrfach in seinen Werken an, so etwa auch in der Erzählung „Die blaue Hand“, aber auch in mehreren Romanen, die in der Zukunft spielen.

Er arbeitete als Drehbuchautor in Hollywood, u. a. auch an „King Kong“ (1932), obwohl sein Beitrag wohl recht klein war, denn die Romanfassung schrieb nicht er, sondern Delos Wheeler Lovelace (1894-1967). Aber von ihm stammt das Drehbuch für den Horrorfilm „The Table“, der 1936 von Robert G. Curtis gedreht wurde.

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

Die Rollen und ihre Sprecher:

Chief Inspector Tanner: Lothar Didjurgis
Detective Sergeant Totty: Herbert Schäfer
Lady Lebanon: Dagmar von Kurmin
Lord Willie Lebanon, ihr Sohn: Daniel Werner
Isla Crane, ihre Sekretärin: Manja Doering (Reese Witherspoon, Natalie Portman)
Dr. Amersham: Christian Rode (Michael Caine, Christopher Plummer)
Gilder, Butler im Hause Lebanon: Jürg Löw
John Tilling, Parkwächter der Lebanons: Gero Wachholz
Joan Tilling, seine Frau: Dörte Lyssewski (Cate Blanchett als „Galadriel“)
Studd, Chauffeur: Jens Hajek

Marc Gruppe schrieb wie stets das Buch und gemeinsam mit Stephan Bosenius setzte er es um. Die Aufnahme fand bei |Bionic Beats| statt.

_Handlung_

England im trüben September 1928: Chief Inspector Tanner, der uns den Fall erzählt, und Detective Sergeant Totty von Scotland Yard ermitteln auf dem düsteren Schloss Marks Priory in Sachen Mord. Das Schloss ist der Sitz der tausend Jahre alten Familie der Lebanons. Ihr Chauffeur wurde mit einem indischen Halstuch erdrosselt und im Park gefunden.

Während Tanner vom amerikanischen (!) Butler Gilder empfangen wird, begibt sich Totty zu Joan Tilling, der Frau des Parkwächters. Offenbar hatte sie den Ermordeten als Vorletzte lebend gesehen. Sie ist eine sehr attraktive und verführerische Frau und gesteht ohne Umschweife, dass sie mit dem Fahrer Studd eine Affäre hatte. Gleichzeitig interessierte sich auch Dr. Amersham für sie. So, so, und wo war der werte Gatte von Mrs. Tilling während des Stelldicheins mit Studd? Während sie Totty Avancen macht, behauptet sie, ihr Mann sei fort gewesen, doch das stellt sich schnell als Lüge heraus. Sie will ihm bloß ein Alibi geben. Sie hatte vor, mit Studd durchzubrennen.

Unterdessen spricht sein Vorgesetzter Tanner mit der Herrscherin dieses Schlosses, Lady Lebanon. Sie verbirgt etwas, aber was? Auch ihr Sohn Willie, der jetzige Lord Lebanon, scheint ihm kein Hundertprozentiger zu sein. Dann sind da noch der kräftige und ständig (für die Lady) spionierende Butler Gilder und zu guter Letzt noch Isla Crane, eine entfernte Verwandte der Lebanons, die aus ärmlichen Verhältnissen stammt.

Das größte Rätsel stellt jedoch der mysteriöse Arzt Amersham dar. Der Mann ist ein richtiges Ekelpaket, tut arrogant und abweisend. Er logiert im Schloss, obwohl, so weit Tanner sehen kann, niemand krank ist. Und dennoch fährt er mit einem teuren Sportwagen vor, muss also gut betucht sein. Wie passt all dies zusammen? Und wie Totty ja erfahren hat, hat es Amersham auch auf Joan Tilling abgesehen, die Frau des cholerischen Parkwächters. Amersham ist also obendrein noch ein Schürzenjäger. Solche Leute sorgen generell für Unruhe. Zufällig „findet“ Tanner im Handschuhfach von Amershams Sportwagen ein Halstuch. Indisch, wie an dem metallenen Emblem abzulesen ist.

|Das verbotene Zimmer|

Nach einem weiteren Todesfall kommt Tanner nicht um eine Hausdurchsuchung herum. Dabei stößt er im ersten Obergeschoss auf ein verschlossenes Zimmer. Die Lady behauptet, es handle sich nur um eine Abstellkammer. So, so, aber warum ist sie dann mit einer schweren Eichentür gesichert und der Schlüssel unauffindbar? Haben Mylady etwas vor Scotland Yard zu verbergen? Im Streit um dieses Zimmer schaltet die Herrscherin auf stur, was die Entwicklung der Dinge zu einer entscheidenden Krise treibt.

Da vermisst Sergeant Totty seinen Dienstrevolver …

_Mein Eindruck_

Die Handlung des Stückes beschränkt sich beileibe nicht nur auf die Ermittlung, so wie das in den meisten Sherlock-Holmes-Geschichten der Fall wäre. Der Ermittlung steht vielmehr auch eine innerfamiliäre Entwicklung gegenüber, die unweigerlich zu weiteren Opfern führen wird – und zwar noch während die Ermittlung im Gange ist! Diesmal wird der Fall nicht post factum betrachtet, sondern perfiderweise trägt die Ermittlung dazu bei, dass es zu weiteren Opfern kommt. Die Ermittler erhöhen den psychischen Druck auf die Familie Lebanon sowie auf den zwielichtigen Dr. Amersham, bis der Druck nicht mehr auszuhalten ist. Insofern erweist sich Wallace moderner als Doyle, der Erfinder von Sherlock Holmes.

Dass es zu weiteren Opfern kommt, ist auch kein Wunder, denn schließlich hat Mylady etwas ganz Wichtiges zu verbergen, ein Geheimnis, für das sie Dr. Amersham braucht. Das nutzt dieser Schurke natürlich schamlos aus und lässt sich sein Schweigen gut bezahlen. Aber auch Isla Crane muss die Klappe halten, denn Myladys Schecks helfen auch ihrer verwitweten Mutter, über die Runden zu kommen. Nur einer braucht nicht die Klappe zu halten, und das ist der junge Lord. Deshalb erwartet man jederzeit, auch ihn unter den Opfern des unbekannten Halstuchmörders zu finden. Doch es gibt einen wichtigen Hinderungsgrund, der ihn schützt: Er ist der letzte und einzige Erbe des Vermögens der Lebanons.

Erstaunlich hoch ist der sinnliche Gehalt dieses Stücks. Joan Tilling macht sich wie erwähnt nicht nur an Studd heran – hier sind eine Reihe recht feuchter Küsse zu hören – sondern auch an Sergeant Totty, den sie zu umgarnen versucht. Das Greenhorn Totty hingegen hat bald nur noch Augen für die schöne, junge Isla Crane, der er auch bald hilfreich beispringen darf. Und dann gibt es ja noch den Oberschürzenjäger vom Dienst: Dr. Amersham. In einer wirklich nervenaufreibenden Szene bedrängt er die arme Isla Crane auf schamloseste Weise, dass man erwartet, sie sofort Zeter und Mordio schreien zu hören. Erst der herbeigerufene Butler Gilder wirft den „dirty doctor“ hinaus. Dem wünschen wir nicht nur die Krätze an den Hals, sondern auch ein indisches Halstuch …

|Die Sprecher / Die Inszenierung|

„Das indische Tuch“ ist nicht nur Kino für die Ohren, sondern auch noch Hollywoodkino. Denn hier sprechen nicht irgendwelche Sprecher, sondern gestandene Schauspieler und die deutschen Stimmen bekannter Stars aus der Filmgeschichte – siehe oben. Dass diese Profis eine solide Performance abliefern, versteht sich fast von selbst, und ich war entsprechend zufrieden. Insbesondere gefielen mir Dagmar von Kurmin als die tyrannische Lady Lebanon und Lothar Didjurgis als durchtriebener und standhafter Inspector Tanner. Christian Rode als Dr. Amersham ist uns aus zahlreichen Kinofilmen bekannt.

Solche geübten und prestigeträchtigen Sprecher und Sprecherinnen einzusetzen, gehört zum Marketing von Marc Gruppe bzw. |Titania Medien|. Hinzu kommen jeweils traditionsreiche Schauergeschichten, die den nötigen emotionalen Rahmen für die Entfaltung solcher Stimmtalente liefern. Zu Anfang waren es eher Thriller von Edgar Wallace und Arthur Conan Doyle (Sherlock Holmes), doch mittlerweile wagt sich Marc Gruppe an die Klassiker wie „Frankenstein“ und [„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3489 heran.

|Geräusche und Musik|

Das zweite konstante Merkmal der |Titania|-Inszenierungen besteht darin, alle Geräusche sehr realistisch und glaubwürdig zu gestalten, aber sich dabei stets an die Vorgaben des jeweiligen Genres zu halten. Der PROLOG beispielsweise spielt zum Teil in Indien. Folglich hören wir tropische Dschungelgeräusche wie etwa Vögel. Zu dem Ambiente des englischen Schlosses gehören schlagende Standuhren und prasselnde Kaminfeuer, draußen im Park pfeifen sich die Vögel hörbar die gute englische Luft rein. Auffällig ist immer wieder, mit welcher Sorgfalt das Kommen und Gehen von Figuren angedeutet wird – einfach durch die Manipulation der Lautstärke, weniger durch die Ausnutzung von Stereokanälen.

Die Musik ist wie fast jede andere Filmmusik nach konventionellem Muster gestaltet, und niemand, der auf alte Edgar-Wallace-Verfilmungen steht, wird sich daran stören. Die Musik lenkt die Emotionen auf subtile, aber wirkungsvolle Weise. Das verwendete Instrumentarium ist zunächst das der modernen Klassik, in der Rhythmus und Tonharmonie nicht mehr hundertprozentig strikt eingehalten werden – kein Vergleich mit Mozart oder Beethoven.

Einen harten Kontrast dazu liefert die indische Tropenszene, als Amersham Lord Williie aus dem indischen „Exil“ holt. Plötzlich dröhnen Dschungeltrommeln, tiefe Posaunen und kreischende Trompeten aus den Lautsprechern. Ich dachte sofort an die deutschen Indienklassiker mit Paul Hubschmid, darunter besonders „Der Tiger von Eschnapur“. Die restliche Handlung kommt mit wenig Musik aus. Kein Wunder, denn es gibt sehr viel Dialog zu präsentieren.

_Unterm Strich_

„Das indische Tuch“ wurde sogar mit Klaus Kinski, Eddi Arent, Hans Clarin und Heinz Drache verfilmt. Das verwundert wenig, denn hier handelt es sich nicht nur um die übliche Scotland-Yard-Ermittlung à la Sherlock Holmes, sondern auch um ein familiäres Drama. Hinzu kommen erotische Aspekte, die keineswegs immer positiv für die betroffenen Figuren ausfallen.

Man sieht also, dass die Macher hier eine explosive und komplexe Mischung von Elementen unter einen Hut bringen mussten. Es ist eine Story über den Untergang eines alten Adelsgeschlechts. Aber wie so oft in den entsprechenden Verfilmungen gesehen, kommt es dabei zu finsteren Geheimnissen und blutigen Verbrechen. Dieser kulturell-soziale Hintergrund lässt sich heute nur noch in Parodien wie „Der Wixxer“ verwenden, ansonsten ist uns diese Welt schon sehr fremd geworden.

Der Hörer muss aufgrund der häufigen und unvermittelt auftretenden Szenenwechsel genau aufpassen, was vor sich geht, wer auf- und wer abtritt, so also würde einer Bühne zusehen. Am Aufbau dieser Szenen verrät sich der Bühnenautor Wallace (s. o. Autorennotiz). Besonders am Schluss ist es unabdingbar, genau hinzuhören, wer was an Informationen liefert. Ein Schuss fällt, ein Körper prallt auf! Schon wieder ein Opfer – oder ist es diesmal der Täter? Selber hören!

Die Hörspielmacher setzen wie stets bekannte Stimmen von Hollywoodmimen ein, und mit der gehörigen Portion Geräusche und Musik wird ein Kinofilm für die Ohren daraus. Leider haben „Das indische Halstuch“ und „Die blaue Hand“ nicht die gewünschte Abnehmerzahl gefunden. Und so stieg |Titania Medien| auf die Produktion von Sherlock-Holmes-Geschichten um. Doch auf diesem Markt tummeln sich bereits fast ein Dutzend Hörstudios, weil die Geschichten lizenzfrei zu verwenden sind. Deshalb ist es zu begrüßen, dass im „Gruselkabinett“ mittlerweile große Erfolge erzielt werden. Entsprechende Auszeichnungen und Absatzzahlen bestätigen diese Produktstrategie.

|123 Minuten auf 2 CDs|
http://www.titania-medien.de/
http://www.luebbe-audio.de

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