Walton, Jo – Clan der Klauen, Der

Bon Agornin liegt im Sterben. Aus diesem Grund hat sich die gesamte Familie in seinem Haus versammelt. Die beiden unverheirateten Töchter Selendra und Haner, die dem alten Bon den Haushalt führten, sein Sohn Avan, der in der Hauptstadt einen Posten im Planungsministerium innehat, sein Sohn Penn, der Pfarrer, und seine verheiratete Tochter Berend mit Mann und Kindern.

Obwohl Penn seinem Vater versichert, dass das Erbe nach seinem Willen aufgeteilt werden wird, kann er nicht verhindern, dass sein arroganter Schwager Daverak sich einen Großteil davon unter den Nagel reißt. Der jüngere Bruder Avan ist darüber so wütend, dass er – trotz der Warnungen seiner Freundin Sebeth – deswegen vor Gericht zieht. Eine prekäre Situation für seine Schwester Haner, die seit dem Tod ihres Vaters bei ihrem Schwager leben muss, aber auch für Selendra, die sich in Sher, den Freund und Gönner ihres Bruders Penn, verliebt hat. Shers Mutter wäre über eine solche Verbindung ohnehin schon entsetzt, noch entsetzter aber wäre sie, wäre Selendra in einen Skandal verwickelt! Am stärksten allerdings ist Penn betroffen. Denn er hat am Sterbebett seines Vaters etwas getan, was die Kirche so sehr missbilligt, dass es ihn, sollte es bekannt werden, mit Sicherheit seine Pfarrstelle kosten wird.

Allerdings fühlt Daverak sich allein durch die Einreichung der Klage schon so sehr in seiner Ehre gekränkt, dass er gar nicht daran denkt, einen Rückzieher zu machen. Er will diesen Prozess, und er will ihn gewinnen! Mit allen, wirklich allen Mitteln!

Als es jedoch so weit ist, verselbständigt sich das Geschehen, und letztlich wird der Streit durch ein Duell entschieden. Ein ziemliches Ereignis … wenn es sich bei den Duellanten um Drachen handelt!

Laut Verlagstext wird dieser Roman „von Lesern und Kritikern als originellstes Fantasy-Werk der letzten Jahre“ gefeiert. Ich persönlich wage das zu bezweifeln, zumindest, was die Leserschaft angeht. Auf mich jedenfalls trifft es nicht zu.

Jo Walton selbst bezeichnet das Produkt ihres Schaffens als viktorianischen Roman. Keine Ahnung, woher die Bezeichnung stammt, als feststehenden literarischen Begriff habe ich sie jedenfalls nicht gefunden. Aber sie ist durchaus zutreffend; besonders, was die Personen angeht. Hier treffen wir auf eine Mischung aus „Stolz und Vorurteil“ und „Verstand und Gefühl“.

Der Ortspfarrer Frelt hat ein Pendant in „Stolz und Vorurteil“, mit dem einzigen Unterschied, dass der dortige Pfarrer Mr. Collins bei seinen Heiratsanträgen nicht zudringlich wird. Shers Mutter ist ein Abbild von Darcys Tante Lady Catherine de Bourgh aus demselben Buch. Haner und Selendra haben dagegen große Ähnlichkeit mit Elinor und Marianne aus „Verstand und Gefühl“. Die Entsprechungen machen nicht bei den Personen Halt, sondern erstrecken sich auch auf die Handlung. Der Versuch, Sher mit Gelener zu verkuppeln, ist nahezu identisch mit Lady Catherines Versuch, ihren Neffen Darcy mit ihrer Tochter zu verheiraten, ihre Reaktion auf Selendra quasi austauschbar mit Lady Catherines Reaktion auf Elizabeth.

Der Handlungsstrang um das „gefallene“ Mädchen Sebeth könnte dagegen genauso gut aus „Oliver Twist“ stammen, nur dass Sebeth im Gegensatz zu Oliver ihren Vater kennt. Auch die Sozialkritik und das fast ein wenig an den Haaren herbeigezogene Happyend könnte von Dickens stammen. Ich frage mich, was genau daran so originell sein soll.

Allein Avan und sein Rechtsstreit gegen Daverak weisen eine gewisse Eigenständigkeit auf. Der Gerechtigkeit halber muss zugestanden werden, dass dieser Teil der Geschichte gut ausgearbeitet ist und sich inhaltlich und sprachlich ohne Kanten in den Rest der Geschehnisse einfügt. Auch die Charakterzeichnung der damit verbundenen Charaktere ist einigermaßen ordentlich geraten, wenn auch ein wenig flacher als bei denjenigen, zu denen es literarische Vorlagen gibt. Sie machen aber leider nur einen Bruchteil des Buches aus. Für das vollmundige Prädikat des Verlagstextes reicht das bei weitem nicht!

Originell war höchstens der Versuch, einen Roman nach viktorianischem Vorbild in eine Fantasy-Welt zu verlegen. Die Übertragung der historischen Realität in die Fantasy hat zu einigen recht netten Ideen geführt: So spielt die Autorin mit Farben. Jungfräuliche Drachen sind golden. Wenn ihnen ein Drache, den sie lieben, einen Heiratsantrag macht, erröten sie im wahrsten Sinne des Wortes! Sie sind rosa bis zu ihrem ersten Gelege, dann werden sie rot. Ein Drache, dem es gesundheitlich schlecht geht, ist grün.

Auch die zusammengebundenen Flügel von untergebenen Drachen, vor allem Dienern und Pächtern, sowie Huren und einfachen Arbeitern, finde ich eine gelungene Umsetzung. Allerdings war das ein schwacher Trost dafür, dass ich ständig das Gefühl hatte, fast alles, was ich las, bereits zu kennen.

Hier stellt sich deshalb die Frage, ob es überhaupt nötig ist, heutzutage Romane nach viktorianischem Vorbild zu schreiben. Es gibt schließlich genug Romane aus jener Zeit und von Leuten, die näher dran waren an dem, worüber sie schrieben, als ein moderner Autor. Vielleicht hat die Autorin sich das auch gedacht und ihren Roman deshalb in eine Fantasy-Welt verlegt und ihre Charaktere zu Drachen gemacht.

Nicht, dass das Buch wirklich schlecht wäre. Insgesamt ist der Roman durchaus in sich stimmig und sprachlich gut gestaltet. Das genügt aber nicht, um seine Mängel auszugleichen! Vielleicht gibt es ja den einen oder anderen Leser, der es amüsant findet, die Parallelen zwischen diesem Roman und den historischen Vorlagen herauszufinden. Ich für mein Teil allerdings konnte dem nicht viel abgewinnen. Dass ich einen so großen Teil der Handlung bereits kannte, machte die Lektüre vorhersehbar und damit stellenweise ziemlich langatmig.

Und ich bin mir nicht sicher, ob es mir besser gefallen hätte, hätte ich Jane Austen nicht gelesen. Aus der Perspektive des Fantasy-Lesers muss ich gestehen, dass ich von einer Geschichte über Drachen doch etwas anderes erwarten würde. Möglicherweise ist es das, was hier mit „Originalität“ gemeint war. Meiner Meinung nach wäre die Bezeichnung „gefährlicher Spagat“ weitaus treffender! Wenn ich einen Roman über die viktorianische Gesellschaft lesen möchte, lese ich eben gleich Dickens oder Austen, oder auch die Schwestern Bronte. Wenn ich Fantasy lesen will, will ich echte Fantasy lesen, keinen verkleideten Realismus. Dem mystischen Wesen „Drache“ ging durch die Vermenschlichung sein ganzer Zauber verloren, den die paar netten Ideen nicht ersetzen konnten. Aus der Vermischung zweier so unterschiedlicher Genres ist „nichts Halbes und nichts Ganzes“ entstanden, wie der Volksmund sagt; wobei daraus unter Umständen ja sogar etwas geworden wäre, hätte Jo Walton sich mehr von ihren etablierten Vorbildern gelöst und eigene Figuren und eine eigene Handlung kreiert. Dann hätte ich mich womöglich sogar der „Originalität“ zuliebe mit dem Paradoxon zivilisierter Drachen abgefunden.

Jo Walton ist gebürtige Waliserin und lebt heute in Montréal. Aus ihrer Feder stammen unter anderem „The King’s Peace“, „The King’s Name“ und „The Prize in the Game“. „Der Clan der Klauen“ ist der einzige ihrer Romane, der bisher auf Deutsch erschienen ist. Wahrscheinlich fiel die Wahl auf dieses Buch, weil sie dafür den |World Fantasy Award| erhalten hat. Aber Literatur-Preise sind eben auch nicht alles …

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