Weigand, Sabine – Tore des Himmels, Die

_Lazarettprosa_

Dieses Label hätte vielleicht Altmeister Goethe dem Roman angeheftet, der doch bei den Romantikern eine Lazarettpoesie zu verzeichnen hatte. Die Romantiker teilten die Vorliebe für das Mittelalter, die auch die Sinne der Historikerin und Schriftstellerin Sabine Weigand umschwelen, ohne dass sie deren Verklärung ganz verfällt. Thüringen, das heute als ostdeutsche Provinz quasi Hessen zugeordnet ist, war zu diesen Zeiten nicht nur bis Hessen im Westen ausgedehnt, sondern reichte im Osten auch bis Meißen. In heutigen Zeiten, in denen man einen Inkontinenten glaubt, nur noch mit Latexhandschuhen berühren zu können, ist es schon nicht mehr vorstellbar, dass einer auch nur eine Schwäre küsst. Dass eine in fleischlichen Genüsse erfahrene Frau sich in den Zustand der Keuschheit zurücksehnt, liegt nicht mehr sonderlich nahe, und schließlich heilig zu werden brandmarkt man am sichersten als Psychopathie.

_Die Story_

Als die vierjährige ungarische Prinzessin Elisabeth dem ältesten Sohn des Thüringischen Landgrafen versprochen wird und zum Zweck der späteren Heirat an den Eisenacher Hof entsandt wird, kann sie schon auf die Familientradition dreier Heiliger verweisen, die sie zu ihren Ahnen zählen darf. Als der Bräutigam durch einen Unfall vorzeitig zu Tode kommt, wird sie mit dem verständnisvollen jüngeren Bruder Ludwig verheiratet, der nunmehr den Landgrafenposten nach dem Tode des Vaters innehat. Ludwig lässt seine Frau in dem gottesfürchtigen Tun gewähren und wird durch den Stauferkaiser Friedrich bald zum Kreuzzug gerufen, der in einem Fiasko endet und die einzige Feindberührung, die mit Seuchen und Fieber bleibt, denen der Landgraf zum Opfer fällt. Hier meint Frau Weigand noch eins draufsetzen zu müssen und erfindet ein Mordkomplott des dritten Bruders Heinrich Raspe, der unter der Schmach litt, dass die Regentschaft in der Abwesenheit des jungen Landgrafen regelmäßig nicht an ihn, sondern an die den hergebrachten Herrschaftsgepflogenheiten kritisch gegenüberstehende Elisabeth ging. Als die Nachricht von Ludwigs Tod in der Heimat eintrifft, dauert es auch nicht lange, bis dass Heinrich Raspe die Macht fast vollständig an sich bringt und er Elisabeth aus dem Machtgefüge völlig verdrängt, so dass ihr nur bleibt, bei Marburg einen weiteren Versuch zu unternehmen, ein Hospital zu führen.

_Glaubenstechnisch bewegte Zeit_

Die Zeiten des Multikultikaisers Friedrich II. waren durch grundlegende reformatorische Bewegungen des inzwischen festgefügten und einigermaßen in Saus und Braus lebenden katholischen Kirchenwesens geprägt und gingen auf die Rückkehr zu urchristlichen Werten wie Armut (Franz von Assisi) und Keuschheit (Katharer) aus. Die Ersteren wurden von der herrschenden Kirche vereinnahmt, die andern verfolgt und verbrannt.

Es ist wohl der entscheidende Missgriff einer Historikerin, die Katharer in die Nähe des Luziferischen zu rücken, bei aller Ungewissheit, die diese organisierte Gegenbewegung zur etablierten Kirche umgibt. Vielleicht hätte man den Nimbus des Bösen, der die für einen Roman scheinbar unvermeidlichen Bösewichter umgeben muss, auch unverfänglicher festmachen können.

_Zugeständnisse an die Vorhersehbarkeit_

Indem die Autorin nicht in Elisabeths Haut schlüpft, sondern in die einer fiktiven, modern anmutenden jungen Frau, werden die Motive der Heiligen nur schwer erkennbar. Denjenigen, die es dennoch gern wissen möchten, gibt sie den Ehrgeiz der Elisabeth an die Hand eine Heilige werden zu wollen. Also handele es sich nur um eine höhere Form der Begehrlichkeit, so auch die einhellige Meinung der begeisterten Konsumenten des Romans. Das war es doch, was wir schon immer geahnt haben, dass es sich letztendlich nur um eine Form der Hoffart gehandelt haben kann.

Eines Virus gleich, befällt den Roman diese Vorhersehbarkeit. Psychopathisches Verhalten, wie das der Elisabeth, führt zum Tode und die fiktive Heldin in der Ich-Form, die des Kribbelns bei der Berührung durch den Bösewicht Heinrich nicht widerstehen konnte, findet doch letztendlich ihr Glück in den Armen eines fabelhaften Ritters am Hofe des jeglichen Genüssen aufgeschlossenen Stauferkaisers.

Extremismen, wie sich kulinarische und fleischliche Genüsse zu versagen, sind falscher Ehrgeiz. Jeder, der sich irgendetwas ganz Außergewöhnliches abverlangen möchte, ist ein solcher Psychopath und wir wissen endlich, warum wir im Grunde die heilige Elisabeth doch nicht mögen. Das ist Seichtheit pur, und Seichtheit war es auch schon immer, die gefiel.

|Hardcover, 608 Seiten
ISBN-13: 978-3810526656|
http://www.fischerverlage.de/verlage/fischer_krueger

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