Wellington, David – Stadt der Untoten

Romane und Filme, die sich mit dem Ende unserer heutigen Zivilisation beschäftigen, gibt es in einem breiten Angebot. Zuletzt kämpfte Will Smith im verlassenen New York als letzter überlebender Mensch gegen eine Reihe von Untoten im Film [„I am Legend“.]http://www.powermetal.de/video/review-1376.html Angefangen von „Resident Evil“ bis „28 Weeks Later“ ist die Idee einer tödlichen Seuche, welche die Menschheit bedroht, nicht neu und überrascht uns nicht.

Auch David Wellington ist auf solch eine Thematik verfallen und nutzt die Gunst der Stunde, zwar keine neue Idee damit zu verbinden, doch hat er als Novum seinen Roman „Stadt der Untoten“ erstmalig häppchenweise in seinem Blog den Lesern präsentiert. „Monster Island“ schaffte es so vom Internet auf die Bestsellerlisten, denn die Resonanz der Leser war so positiv gewesen, dass sich schließlich ein Verlag fand und das Werk veröffentlichte. Ähnlich wie sein vorheriges Werk [„Der letzte Vampir“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4613 ist so auch dieser Roman entstanden.

„Stadt der Untoten“ wird ausgesprochen cineastisch erzählt, und David Wellington ist sich sicherlich dessen bewusst, dass er sich dabei an wohlbekannten Werken von Autoren und Regisseuren bedient.

_Handlung_

New York ist hermetisch abgeriegelt und isoliert, jedoch beileibe nicht als einzige Stadt in den Vereinigten Staaten von Amerika; auch in Europa grassierte eine tödliche Epidemie. Nur bedeutet hierbei der Tod nicht das Ende, denn die Toten erheben sich, als wäre das jüngste Gericht angebrochen, und existieren untot weiter. Ihre einzige Motivation ist die Nahrungssuche, und ohne Intelligenz oder Gefühl töten und infizieren sie andere menschliche Wesen. Einzig und allein der afrikanische Kontinent ist zwar nicht immun gegen diese Seuche, aber doch noch lange nicht so kontaminiert wie Amerika oder Europa – eine Umkehrung der aktuellen Verhältnisse bei der AIDS-Epidemie.

Der ehemalige UN-Waffeninspektor Dekalb, der sich mit seiner Tochter in Afrika aufhält, wird von einem mächtigen weiblichen Warlord aus Somalia dazu gezwungen, möglichst viele AIDS-Medikamente zu besorgen. Andere Möglichkeiten, Medikamente gegen die Immunschwäche auf afrikanischem Gebiet zu organisieren, sind ausgeschöpft und Dekalb unterbreitet den nicht unbedingt ernst gemeinten Vorschlag, doch im verseuchten New York auf die Suche nach ihnen zu gehen. Ironischerweise wird er nun dazu gezwungen, mit Hilfe einer kleinen Gruppe von weiblichen Kindersoldaten die verseuchte Stadt betreten zu müssen, um vielleicht in der medizinischen Forschungs- und Krankenabteilung des UN-Hauptgebäudes die gewünschten Medikamente aufzuspüren. Dekalbs Tochter wird für die Dauer des Selbstmordkommandos als Geisel festgehalten – ein Faustpfand, das dem Waffeninspekteur nur eine Handlungsmöglichkeit lässt.

Bei der Ankunft seiner Truppe in New York empfangen ihn Tausende von untoten Zombies, die auf der Suche nach Nahrung durch die Straßen wandern. Die Flüsse der Stadt und auch die Straßen sind mit verwesenden Leichen verstopft, ein Durchkommen zum UNO-Hauptgebäude erscheint unmöglich. Der erste Versuch, in ein an der Küste liegendes Krankenhaus einzudringen, wird zur Tragödie, denn die Truppe um Dekalb wird angegriffen und fast aufgerieben, die Kommandeurin durch einen Biss infiziert. Unter einigen Verlusten schaffen es die Überlebenden, in einen |VIRGIN Megastore| zu flüchten, doch auch dieser wird wenig später von unzähligen Untoten belagert.

Dekalb, nunmehr neuer Kommandant der Truppe, bekommt unerwartet von Gary, einem Untoten, Unterstützung. Gary wusste, als die Krankheit ausbrach, keinen anderen Ausweg als sich kontrolliert mittels Gas und Eis selbst zu töten, um ein intelligenter Zombie zu werden. Dies ist ihm geglückt, scheinbar als einzigem, denn als Medizinstudent wusste er, dass er im Zwischenstadium der Krankheit sein Gehirn mit Sauerstoff versorgen musste, so dass dessen Aktivität nicht zum Erliegen kam.

Dekalb beginnt Gary zu vertrauen, aber er weiß auch, dass er den intelligenten Untoten niemals aus New York entkommen lassen darf, geschweige denn mitnehmen kann. Doch Dekalbs Naivität hat furchtbare Konsequenzen, denn der Drang Garys nach warmem Fleisch und dem Blut eines Menschen wird übermächtig und die Schicksalsgemeinschaft zerbricht …

_Kritik_

David Wellington erzählt seinen Zombieroman recht geschickt und verteilt die zwei Handlungsebenen parallel in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Im Wechsel vereinigen sich diese beiden Szenarien, um sich kurz darauf wieder dramatisch zu trennen – eine Dynamik, die nicht neu, aber ungemein passend gewählt wurde, um die Spannung von Kapitel zu Kapitel zu erhöhen.

Auch die Sicht der beiden Hauptprotagonisten ist interessant aufbereitet. Dekalb berichtet die Geschehnisse der Suche nach den Medikamenten aus seiner verzweifelten Sicht und Gary, der schlaue Untote, erzählt diese Ereignisse aus der distanzierten Perspektive einer dritten Person.

David Wellington verzichtet in „Stadt der Untoten“ auf jegliche Erklärungen und geht auf keine Vorgeschichte ein, denn der vorliegende Roman ist der Anfang einer Trilogie. Im zweiten Roman wird der Leser die Vorgeschichte erfahren, den Ausbruch der Krankheit, und im dritten Part wird Dekalbs Tochter zwanzig Jahre später die Akteurin sein, um die sich alles dreht.

In „Stadt der Untoten“ wird der Leser in die Anfänge der Krankheit, die das Ende der zivilisierten Welt bedeutet, gestoßen. Die Kulisse New York ist wie auch in „I am Legend“ eindrucksvoll und düster beschrieben. Ein Labyrinth aus Straßenschluchten, verzweifelte und überrannte Barrikaden, die eine letzte Bastion darstellten. New York ist in diesem Roman eine Geisterstadt, keine pulsierende lebende Metropole, sondern hier kriecht und schlurft der Tod durch die Straßen der Stadt.

Wie in jeder Zombiegeschichte stürmen die Untoten jedes Hindernis und zeigen außer Hunger keine Gefühlsregungen. Einzig und allein Gary gibt als intelligenter Untoter neue Impulse und wirkt dabei nicht unbedingt bösartig, eher verzweifelt und melancholisch, seinem Schicksal und seiner Zukunft ins Auge blickend. Er ist ein verschlagener, raffinierter Charakter und wird schnell zum Anführer der untoten Armee, mit überraschenden Auswirkungen

„Stadt der Untoten“ bietet neben schauriger und überzeichneter Brutalität, wie sie einem Splatterroman gebührt, ungewöhnliche Handlungsweisen seiner Protagonisten. Überraschend, abwechslungsreich und vielseitig, zudem mit viel Ironie gespickt, beschreitet David Wellington Neuland in diesem Genre.

Viel Mühe hat er mit der Ausarbeitung seiner Charaktere auf sich genommen. Nicht nur Gary wird analysiert und dargestellt, sondern auch Dekalb erhält seinen Part als verzweifelter Vater, der in einer solchen Extremsituation menschliche Fehler begeht. In der gesamten Handlung gibt es allerdings kaum den abwechslungsreichen Part einer weiblichen Komponente. Einzig und allein die Kindersoldatin Ayann nimmt die Rolle einer Ersatztochter für Dekalb ein. Wellington beschreibt sie nicht nur einseitig als verblendete Fundamentalistin, sondern emotional auch als ein Mädchen, das keine Kindheit kennenlernen durfte. Hier gibt es neben viel Blut eben auch weich gezeichnete und emotionale Szenen, denen Beachtung geschenkt werden sollte.

_Fazit_

David Wellington bewegt sich immer auf Messers Schneide zwischen einer Parodie und einer ernst erzählten Geschichte, doch entscheidet er sich im letzten Akt für ein spannendes Drama.

Um auf die filmischen Vergleiche zu Beginn zurückzukommen: „Stadt der Untoten“ könnte man auch sehr gut mit den heutigen Mitteln der Trick- und Filmtechnik auf die Leinwand bringen. Wellington macht sicherlich keinen Hehl daraus, sich bei Ideen anderer (Drehbuch-)Autoren zu bedienen, doch verfolgt er dabei seinen ganz eigenen zynischen Stil.

Wie in jedem Zombieroman gibt es ultraharte und brutale Szenen, jedoch greift Wellington in dieser Horrorgeschichte nicht auf sadistische Folter- und Tötungsfallen wie „Saw“ oder „Hostel“ zurück, sondern überzeugt durch eine spannende und vielschichtige Geschichte, die mit facettenreichen und tiefgründigen Charakteren ihren eigenen Stil findet.

Der Grundstein ist also gelegt für zwei weitere Romane, die hoffentlich ebenso überraschend und unterhaltsam sein werden.

_Der Autor_

David Wellington wurde 1971 in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren. Er schloss sein Studium an der Syracuse University mit dem Master in Fine Arts ab und arbeitete als Archivar in der Bibliothek der Vereinten Nationen. Mit „Der letzte Vampir“ hat er den kompromisslosesten und wichtigsten Vampirroman des modernen Horrors und der Dark Fantasy vorgelegt. David Wellington lebt heute mit seiner Frau in New York City, wo er über Zombies, Vampire und andere düstere Gestalten schreibt.

http://www.piper-verlag.de

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar