Whitcomb, Laura – Silberlicht

Helen ist Licht. So zumindest beschreibt sie sich selbst. Seit 130 Jahren ist sie schon tot, doch sie wandelt immer noch auf der Erde. Der Himmel hat sie abgewiesen, aus der Hölle ist sie geflüchtet und nun klammert sie sich eng an ihren jeweiligen Bewahrer. So nennt sie diejenigen Menschen, an die sie sich gebunden hat, um auf der Erde bleiben zu können. Ihr derzeitiger Bewahrer ist ein gewisser Mr. Brown, ein gütiger, freundlicher Mann, der am College Englisch unterrichtet. Sie begleitet ihn überall hin, unbemerkt und unsichtbar. Bis eines Tages einer von Mr. Browns Schülern, Billy Blake, sie anblickt … und lächelt.

Die Charakterzeichnung in diesem Buch ist eine schwierige Sache. Denn die beiden Hauptfiguren, Helen und James, können sich nur an einige kleine Bruchstücke aus ihrer Vergangenheit erinnern. So bleibt für die Darstellung dieser beiden lediglich das Jetzt, und das ist nicht allzu viel.

Über James erfährt der Leser im Grunde gar nichts. Helen kommt da etwas besser weg, da aus ihrer Sicht erzählt wird. Sie liebt Literatur und hegt eine besondere Zuneigung zu Mr. Brown. Ihre Eifersucht auf seine Frau, ihr Bedauern, als sie sich von ihm löst um bei James zu sein, sind Dinge, die sie etwas lebendiger werden lassen. Und dann ist da natürlich noch die Leidenschaft, die James und Helen füreinander empfinden.

All das reicht immerhin aus um die beiden nicht blutleer und flach erscheinen zu lassen und Sympathien beim Leser zu wecken.

Die übrigen Charaktere sind nur skizziert: Der rauhbeinige Mitch, der auf seine derbe Art versucht, Billy vor weiteren Schwierigkeiten zu bewahren; der sanfte, gütige Mr. Brown, der seine Frau so sehr liebt, dass er darüber fast vergisst, seinen Roman zu Ende zu schreiben; Jennys Mutter Cathy, die so sehr bemüht ist, alles richtig zu machen, nur um schließlich fest zu stellen, dass es längst zu spät ist; und Jennys Vater Dan mit seiner strengen, ja gnadenlosen Religiosität, gegen die er keinerlei Verstöße duldet außer seiner eigenen. Keine dieser Figuren wirkt platt oder steif, doch für echte Tiefe bleibt nicht genügend Raum, da das Hauptaugenmerk so sehr auf den beiden Hauptpersonen liegt.

Die Handlung wiederum erstreckt sich nur über wenige Tage. Aber sie zeichnet sich auch nicht dadurch aus, dass besonders viel passieren würde. Helen und James lernen sich kennen, verlieben sich und wollen zusammen sein, weshalb auch Helen sich einen Körper sucht.

Dahinter erzählt das Buch jedoch weit mehr.
Zum Einen ist es die Geschichte von Billy und Jenny, obwohl die beiden erst am Ende des Buches für wenige Zeilen selbst auftauchen. Doch an Hand dessen, was James und Helen über die beiden erfahren, während sie in ihren Körpern stecken, entsteht langsam und allmählich, Steinchen für Steinchen, ein Mosaik, das erklärt, warum die beiden Teenager ihre Körper verlassen haben. Der drogensüchtige Billy kommt offenbar nach dem, was mit seinen Eltern geschehen ist, nicht mehr mit seinem Leben zurecht, obwohl sein Bruder Mitch sich auf seine ruppige Art alle Mühe mit ihm gibt. Und Jenny ist einfach vor der unbarmherzigen Doktrin und dem kalten, herzlosen Perfektionswahn ihres Elternhauses geflüchtet.

Zum Anderen ist es die Geschichte von James und Helen, und nicht nur die der Gegenwart. Immer deutlicher kristallisiert sich heraus, dass die beiden nicht umsonst auf der Erde zurück geblieben sind und dass es nicht daran liegt, dass der Himmel sie abgewiesen hätte. Beide müssen sich dem Trauma ihrer Vergangenheit stellen, um das irdische Leben endlich ganz loslassen zu können.

Laura Whitcomb erzählt diese Geschichte in einer mal alltäglichen, mal regelrecht verklärenden Sprache und stellt so die Härten der Realität und die Träume und Sehnsüchte ihrer Protagonisten einander gegenüber. Das ermutigende Fazit der Geschichte lautet letztlich, dass der Mensch in der Lage ist, sich seine persönliche Hölle selbst und ganz allein zu schaffen, nur dadurch, dass er sich davor fürchtet, sich dem Leben und der Wahrheit zu stellen, woraus letztlich folgt, dass der Mensch auch in der Lage ist, eben diese Hölle zu überwinden, wenn er den Mut und die Kraft aufbringt, sich seinen Katastrophen entgegen zu stemmen.

Unterm Strich kann man „Silberlicht“ als poetische Mystery-Romanze bezeichnen. Immerhin aber ist es der Autorin gelungen, ihre Geschichte frei von Kitsch zu erzählen und ihre Helden trotz der dünnen Basis, auf der sie sie entworfen hat, menschlich, sympatisch und nachvollziehbar zu gestalten. Die sprachlich poetisch gestalteten Passagen verleihen der Gesamtheit des Buches Zauber und einen gewissen Charme, den der Mysterie-Aspekt alleine nicht erzeugt hätte. Das macht „Silberlicht“ mit seinen rund dreihundert Seiten zu einer netten, kleinen Zwischendurchlektüre für Romantiker und solche, die es werden wollen.

Laura Whitcomb stammt aus Californien und war Englischlehrerin, ehe sie mit dem Schreiben begann. Außer „Silberlicht“, für das sie mehrere Preise erhielt, hat sie einen weiteren Roman sowie zwei Sachbücher geschrieben, die bisher nicht auf Deutsch erschienen sind. Sie lebt mit ihrem Sohn in Portland/Oregon.

|Gebundene Ausgabe: 310 Seiten
ISBN-13: 978-3426283288
Vom Hersteller empfohlenes Alter: ab 14 Jahre
Originaltitel: |A Certain Slant of Light|
Deutsch von Sabine Thiele|

http://www.laurawhitcomb.com/index.htm

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