Wilks, Mike / Gustavus, Frank / Seibel, Antje – Mirrorscape – Gefangen im Reich der Bilder (Hörbuch)

_Spannende Abenteuer im Land der Phantasie_

Von den verborgenen Gängen der alten Malschule aus werden Mel, Ludo und Wren Zeugen eines unheimlichen Rituals: Ihr Meister Ambrosius Blenk malt vor einem seiner prächtigen Gemälde ein rätselhaftes Zeichen in die Luft – und plötzlich ist er verschwunden. In seinem Atelier machen die Freunde daraufhin eine unglaubliche Entdeckung: Sie sehen, wie die Gestalt des Meisters durch sein eigenes Bild schreitet.

Leider erfahren auch die Häscher der Gilden, die das Land Neem in ihrem eisernen Griff halten, von diesem Geheimnis und entführen Ambrosius Blenk. Um ihn zu retten, müssen sich die drei Freunde selbst auf eine abenteuerliche Suche nach Mirrorscape begeben, dem Reich der magischen Bilder. (erweiterte Verlagsinfo)

Ich würde das Hörbuch ab 13 Jahren empfehlen.

_Der Autor_

Mike Wilks, 1947 in London geboren, ist Künstler, Illustrator und Autor. Bereits mit 13 Jahren erhielt er ein Stipendium für die Kunstschule. Er studierte Graphik-Design und leitete einige Jahre erfolgreich eine Agentur, bevor er sich ganz dem Schreiben und Illustrieren widmete. Seine Bücher landeten in den Bestsellerlisten, während er selbst und sein Schaffen zum Thema einer Dokumentation des britischen Fernsehens wurden. Seine Originalwerke, die oft eine surreale Traumwelt darstellen, hängen unter anderem im Museum of Modern Art in New York City, in London und in vielen Privatsammlungen. [„Mirrorscape“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5525 ist Wilks‘ erster Roman und der erste Teil einer Trilogie.

_Der Sprecher_

Andreas Fröhlich ist die deutsche Stimme von John Cusack und Edward Norton. Er wurde 1965 in Berlin geboren; bereits mit sieben Jahren begann er mit der Synchronarbeit, nachdem er im Kinderchor des „Sender Freies Berlin“ entdeckt wurde. 1978 stieg er in der Sprecherrolle des Bob Andrews bei einer der bis heute erfolgreichsten Hörspielreihen Deutschlands, „Die drei Fragezeichen“, ein.

Nach dem Abitur ging Fröhlich zunächst zum Theater, wo er unter anderem Rollen in Büchners „Woyzeck“ und in Shakespeares „Was ihr wollt“ spielte, bis er 1991 wieder zu seiner Arbeit als Synchronsprecher zurückkehrte. Außer als Sprecher arbeitet er als Synchronregisseur und Drehbuchautor, wo er unter anderem für die Synchronisierung von „Der Herr der Ringe“ verantwortlich war. In dieser Trilogie übernahm er zum Beispiel die Synchronisation des Wesens Gollum. Doch auch die deutschen Dialoge in Filmen wie Disneys „Mulan“ und „The Beach“ stammen aus seiner Feder. (Verlagsinfo)

_Produktion_

Die gekürzte Fassung erstellte Antje Seibel. Regie führte Frank Gustavus, die Aufnahme steuerte Klaus Trapp im Studio Wort, Berlin.

_Handlung_

Melkin Womper, ein 13-jähriger Weberssohn aus Feck, wird eines Tages von Dirk Tod angeworben, um in der Hauptstadt sein Zeichentalent zu erweitern: in der Gemäldefabrik des berühmten Ambrosius Blenk. Mel könnte dort ein Stipedium bekommen und zu einem ausgezeichneten Illustrator oder gar Gemäldemaler ausgebildet werden. Doch Dirk Tod hat wohl nicht damit gerechnet, dass die fünfte Gilde, nämlich diejenige mit dem Monopol auf Farbe, etwas dagegen haben könnte.

Deren Großvogt jedenfalls lässt Mels Förderer Fra Teum verhaften und alle von Mels Zeichnungen beschlagnahmen. Zum Glück interveniert Dirk Tod gegen diesen Adolphus Spute und seinen Folterer, den Zwerg Stockfisch, und nimmt Mel schleunigst in seiner Kutsche mit. Doch Dirk ahnt nicht, dass es Mel im Durcheinander gelungen ist, etwas aus Stockfischs Kasten mit Folterinstrumenten zu entwenden. Das Fläschchen wird sich noch als sehr wichtig erweisen.

|Die fünf Gilden|

Dirk erklärt ihm auf der Fahrt die Gilden oder Zünfte. Sie verfügen jeweils über das kontrollierende Monopol, das „Pläsier“, über die Handwerke und Substanzen, die einem der fünf Sinne zugeordnet sind: 1) Tastsinn, 2) Geruch, 3) Gehör, 4) Geschmack und 5) Sehen. Nr. 5 ist die größte, reichste und mächtigste aller Gilden, denn sie verwaltet auch die Energieversorgung und ist folglich reicher als sogar der König. Und Spute ist deren Großvogt, aber er wollte eigentlich Dirk Tod, den Maler.

|Zauberstaub|

Mel fragt sich, was an Dirk so Besonderes sein soll, dass ihn die Gildenpolizei verfolgt. Aber bei einer Rast beobachtet er Dirk, wie er sich heimlich mit Gildenleuten trifft und ihnen einen Geldbeutel übergibt. Mel beschließt, vorsichtig zu sein. Heimlich untersucht er das Fläschchen, das er geklaut hat. Darin befindet sich Pigmentstaub, der in Regenbogenfarben schimmert. Es ist kein Gift, und als Mel das Zeug ausspuckt, formt sich sofort ein Bild. Sehr interessant. Doch bevor er die Sache näher erkunden kann, klopft Dirk an die Tür.

Fünf Tage später gelangt die Kutsche nach Flam, die Hauptstadt des Landes Neem. Mel hat noch nie eine so prächtige und hochragende Stadt gesehen. Die Malschule des Ambrosius Blenk befindet sich in dessen ausgedehntem Stadtpalais, in das Dirk Tod Mel führt. Beklommen klammert er sich an seine Zeichenmappe, doch als er ein sehr realistisches Kunstwerk in der Eingangshalle erblickt, spürt er Erleichterung: Er ist in einem neuen Zuhause angekommen. Hier gibt es Dienstboten und putzende Mädchen wie Wren, die er aber nur am Rande bemerkt.

|Der erste Tag|

Der Diener führt Mel ins Refektorium der Lehrlinge. Im Speisesaal wird ihm gleich klargemacht, dass er nur ein Bauerntrampel vom Lande sei und dass Grot das Sagen hat. Der Oberlehrling verurteilt Mels Zeichnungen in Bausch und Bogen, und alle Lehrlinge pflichten ihm bei, außer einem. Dieser wird fortan Mels bester Freund in einer ansonsten feindseligen und misstrauischen Umgebung: Ludo. Er stammt aus einer der reichsten Familien und kann es sich daher nicht leisten, allzu aufmüpfig zu werden. Aber er erzählt Mel, dass Grot nie ein Gesellenstück ablieferte und mit seinen Schergen Bunt und Joges wie ein Tyrann herrscht. Außerdem sei er ein Angehöriger der mächtiger Smert-Familie, ein Neffe des Großvogtes Adolphus Spute. Au weia, denkt Mel, das kann nichts Gutes werden.

Nachdem sich Mel mit Ludos Hilfe im Schlafsaal einquartiert und seine Wertsachen in einem Loch in der Wand versteckt hat (ganz besonders das seltsame Farbpigment), gehen sie spätabends zum Gesinde, um noch etwas Essen zu ergattern. Das Putzmädchen Wren erbarmt sich ihrer, so dass sie nicht hungrig zu Bett gehen müssen. Unterdessen bemerkt Spute das Fehlen des Farbpigments und erhält den Auftrag vom Gildenlord Brol, es wiederzubeschaffen – oder er wird degradiert. Das ärgert Spute, denn er will selbst Hochmeister von Gilde Nummer fünf werden. Ein perfider Plan muss her.

|Der geheime Garten|

Am nächsten Tag übersteht Mel den Besuch des Hausherrn Ambrosius Blenk und seiner Gattin sowie die Tyrannei Grots, der ihn schikaniert. Er entdeckt Dirk Tods geheimen Garten, wo dieser ein „Dauerexperiment“ an Blumen und deren Pigmenten durchführt. Mel ahnt nicht, dass dies etwas extrem Ketzerisches sein könnte. Wenn es Dirk und seinen Verschwörern gelänge, bislang teure Pigmente künstlich herzustellen, würden die Pfründe der fünften Gilde ins Bodenlose fallen und sie ihre Macht verlieren. Die Bürger aber müssten nicht mehr so horrende Monopolpreise für alles Gefärbte bezahlen. Dirk scheucht Mel deshalb schnell wieder weg und erklärt lieber nichts.

Dafür lernt Mel Wren näher kennen, als er in einer entlegenen Kammer verschnauft, um vor Grot sicher zu sein. Das Mädchen liebt es ebenfalls, hier zu essen. Ihr Vater war ein genialer Uhrmacher, gehörte aber keiner Gilde an und wurde verhaftet. Sie hat einen Schlüssel von ihm und zeigt Mel den Geheimgang hinter der entsprechenden Tür. Hier sind die Kammern der Dienstboten. Aber als Mel seinen Freund Ludo einweiht, gehen sie zu dritt zur großen Uhr, die Wrens Vater einst konstruierte. Hier soll es ein Geheimnis in einem Flügel geben, sagt Wren, doch wo, wisse sie nicht. Das Glockenspiel bewegt sich zu jeder vollen Stunde, bewundert von den Bürgern unter auf dem Vorplatz. Doch das Geheimnis wird erst viel später enthüllt …

Als Mel einen Blick in Meister Blenks Privatatelier werfen will, entdecken sie ein weiteres Geheimnis. Gerade noch steht Blenk vor dem großen Gemälde, dann tritt er hinein und verschwindet darin. Aber wohin? Auf dem Gemälde ist eine Insel zu sehen, mit einem Gebäude, das wie ein Kopf aussieht. Sie können auf der Brücke, die zu der Insel führt, die winzige Gestalt des Meisters sehen – und sie bewegt sich! Mels scharfe Augen entdecken ein Symbol auf dem Bild und er zeichnet es ab. Dieses Symbol malte Blenk in die Luft, bevor er verschwand.

Am nächsten Tag treffen sich die Freunde in der Uhrenkammer und begeben sich zum Meisteratelier. Ludo und Mel haken sich unter, Mel malt das magische Symbol in die Luft vor dem Gemälde, dann treten sie hinein … in die Welt jenseits der Bild-Fläche, nach Mirrorscape. Doch schon bald müssen sie feststellen, dass es hier alles andere als friedlich zugeht. Als ein Ungeheuer auftaucht, müssen sie schnell wieder zurück. Wo kommen die denn her?! Und wo ist hier der Ausgang, bitteschön? Da hören sie die Uhrglocke läuten …

_Mein Eindruck_

Es kann nicht ausbleiben, dass auch Mels Feinde Grot und Adolphus Spute von Mels Umtrieben Wind kriegen und ihm nach Mirrorscape folgen. Good guys wie bad guys müssen herausfinden, was es mit Mirrorscape auf sich hat. Gibt es hier vielleicht ein Widerstandsnest gegen die Tyrannei der Gilde Nr. 5, oder gar Separatisten? Könnte Mirrorscape am Ende gar die reale Welt in Gefahr bringen oder – unaussprechlicher Gedanke! – befreien?

|Die Welt der Phantasie|

Es ist offensichtlich, dass die Welt, die sich der Autor Wilks hat einfallen lassen, auch etwas mit unserer eigenen Welt zu tun hat. Sie verhält sich wie eine alternative Gegenwelt zur Real-Welt, wird aber auch wie ein Schlachtfeld genutzt, auf dem zahlreiche Kämpfe stattfinden. Mel ist mittendrin, und mit Hilfe der Bilder, die er als Durchgänge nutzt, gelangt er von einer Landschaft des Geistes in die nächste. Aber er ist ja nicht zum Sightseeing gekommen, sondern um seinen Freunden zu helfen. Schon bald stellt sich heraus, dass das Schicksal ganz Mirrorscapes von ihm abhängt. Seine Gegner haben vor, natürlich auch Mirrorscape unter ihre Kontrolle zu bringen. Jetzt sind Ideen gefragt.

|Müde Zauberer|

Erstaunlicherweise sind es nicht, wie bei Tolkien, die weisen Zauberer, die Mel den Weg weisen und ihm allwissende Ratschläge geben – oder gar eine Mission. Ambrosius Blenk, der Meister der Gemäldefabrik, ist nur einer von mehreren Gefährten Mels, verfügt aber über einen Butler mit erstaunlichen Fähigkeiten. Und der vor Jahren verschwundene Meister Lukas Flink, den Blenk regelmäßig besucht, hat sich aufs Altenteil zurückgezogen, um seinen Phantasien zu frönen. Bezeichnenderweise lebt er in einem Kristallhaus und nennt zwei Engel seine Freunde. Er erinnert an den umnachteten König Théoden vor Gandalfs Besuch. Es verwundert nicht, dass er sich aus allen politischen Händeln heraushalten will. Dummerweise respektieren Adolphus Spute und seine Schergen diesen Wunsch nicht.

|Ein weiteres „Otherland“?|

Schon bald wird es ziemlich eng für Mel und seine Freunde. Auf der Flucht vor den Feinden gelangen sie von einem phantastischen Szenario – auch als „Spiel-Level“ aufzufassen – ins nächste, allerdings erst dann, wenn ihnen eine rettende Idee gekommen ist, um diese Mausefalle zu verlassen. In dieser Hinsicht erweist sich „Mirrorscape“ als eine weitere Variante von Tad Williams‘ genialem und viel weiter gespanntem Mega-Roman [„Otherland“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4196 Dass es dem Autor Wilks gelingt, die Lösung für Mels Probleme innerhalb eines einzigen Buches herbeizuführen, ist jedoch sehr löblich. Die Helden quatschen keine Opern, sondern handeln tatsächlich konsequent.

|Allzweckwaffe?|

Nun mag man sich fragen, ob eine permanente Flucht vor den Jungs mit den schwarzen Hüten wirklich eine ganze Handlung trägt. Theoretisch schon, und Autoren wie A. E. van Vogt haben ein Gestaltungsprinzip daraus gemacht. Nicht so Wilks, der sich wohl gedacht hat, dass eine ewige Schnitzeljagd etwas eintönig ist. Doch er hat ja Mel ein Geheimnis in die Hand gedrückt: den regenbogenfarbenen Zauberstaub, den Mel dem Großvogt stibitzt hat. Wie sich herausstellt, handelt es sich um das superseltene Pigment, das allein schon auf Gedankenkraft gehorcht und – wie Mel kurz in dem Gasthof herausfand – komplette Welten in Mirrorscape erzeugen kann.

Wer nun aber denkt, diese Allzweckwaffe stelle die Lösung sämtlicher Probleme Mels dar, irrt gewaltig. Denn erstens muss er noch ein wenig in der Beherrschung des Zauberpigments üben, zweitens hat er nur einen winzigen Vorrat davon und drittens verfügt die Gilde Nr. 5 über einen sehr viel größeren Vorrat davon. Deren „Zauberlehrling“ Grot findet sich, wie nicht anders zu erwarten, zu allen Schandtaten im Dienste seiner Gilde bereit. Leider erweist er sich wieder einmal nicht gerade als Musterschüler seiner Kunst. Er hätte vielleicht doch lieber Tyrann von Gesellen und Dieb von Farbvorräten bleiben sollen.

Wie auch immer: Angesichts der ungeheuren Dimensionen der Kraft, über welche die Kontrahenten Mel und Grot verfügen, kann eine große Schlacht nicht ausbleiben. Sie muss die Entscheidung bringen. Sie setzen ganz unterschiedliche Mittel ein, und auf Seiten Grots kämpfen Ungeheuer, die einem Hieronymus Bosch Ehre machen würden. (Ein passender Vergleich, wenn man weiß, dass Bosch einer der wichtigsten Maler der nichtitalienischen Renaissance war.)

|Verrat der Phantasie|

Die Welt von Mirrorscape, die Welt der Phantasie und Vorstellungskraft, ist nicht in Schwarz und Weiß eingeteilt, was die Moral anbelangt, genauso wenig wie im [„Herr der Ringe“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5487 Es gibt durchaus auch Verrat, und man kann dabei an Saruman, Boromir, Gollum und Denethor denken. Mel, der Retter dieser Welt à la Frodo, wird ebenfalls verraten, und natürlich ist es jemand, dem er vertraut hat. Der Name des Verräters soll hier nicht preisgegeben werden (sonst wäre ich ja selbst einer). Aber durch solche Ränke wird die Handlung wesentlich spannender, als sie es durch die fortwährende Action eh schon ist.

|Worauf es ankommt|

Es sind also Tugenden wie Treue, Freundschaft, Einfallsreichtum und Opferbereitschaft, die wie bei Tolkien die Guten die Oberhand behalten lassen. Die Herrschaft über die Welt der Phantasie steht immer auf Messers Schneide, und erst in allerletzter Sekunde erfährt die Auseinandersetzung die entscheidende Wende. Liebe spielt dabei offenbar nur eine geringe Rolle, denn zwischen Mel und Wren bestehen zwar freundschaftliche Bande, aber mehr möglicherweise nicht. Vielmehr denkt Mel an seine armen Eltern, die noch mehr zu leiden haben werden, sollte die Gilde gewinnen. Doch was Mel für seine Eltern erreicht, das erreicht er auch für ganz Neem und Flam: Freiheit und Veränderung, und somit Hoffnung und Wachstum.

|Der Sprecher|

Andreas Fröhlich ist ein wahrer Stimmkünstler. Es hat mich immer wieder verblüfft, wie es ihm gelingt, seine Stimme so flexibel anzupassen, dass es ihm glückt, die optimale Ausdruckskraft hervorzubringen. Das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, dass es Fröhlich war, der in Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Verfilmung den Gollum spricht.

Auch hier setzt er seine Stimmkunst effektvoll ein. Mit Leichtigkeit gelingt es ihm, die Nebenfiguren schon mit dem ersten Satz zu charakterisieren, so dass wir sie fortan als Angehörige der Guten oder der bösen Jungs erkennen können. Die Guten sprechen alle ziemlich normal und mit wenig verzerrter Stimme, wohingegen die bad guys vielfach ein verzerrte Sprechweise aufweisen. Adolphus Spute krächzt drohend, redet verächtlich und wirkt alles in allem hinterlistig und falsch. Auch Grot führt sich mit lallender Redeweise wenig positiv ein.

Es gibt jedoch einen kniffligen Fall, nämlich den Verräter: Er klingt normal, ist aber einer der Bösen. Interessant, wie der Sprecher diesen Widerspruch gelöst hat – selber hören! Die weiblichen Figuren sind mit einer höheren Stimmlage versehen, versteht sich, und der Sprecher hat auch damit überhaupt kein Problem, so etwa bei der lieben Wren. Ganz wunderbar ist die Charakterisierung von Blenks Gattin, der hochnäsigen Herrin des Hauses, die ach so stolz ist auf ihren Albinoaffen: Sie klingt ungeheuer hoch, verächtlich und etepetete. Offensichtlich liegen ihre geistigen (?) Interessen auf einem anderen Gebiet als der Malerei.

Am wichtigsten ist die Intonierung der Erzählerstimme. Senkt der Sprecher die Tonhöhe, klingt ein Satz bedrohlich oder geheimnisvoll raunend, je nach Satzmelodie. Diese Feinheiten hat Fröhlich routiniert im Griff. Misslungene Sätze wurden natürlich geschnitten und neu aufgenommen. Ich bin mit dieser Sprachaufnahme rundum zufrieden.

Da es weder Musik noch Geräusche gibt, brauche ich darüber keine Worte zu verlieren. Aber schade ist deren Fehlen schon.

_Unterm Strich_

In seiner Grundstruktur und in der Handlungsführung erinnert „Mirrorscape“ zuweilen an Tad Williams‘ „Otherland“. Doch Wilks‘ Roman spielt nicht mit der virtuellen Realität aus dem Rechner, sondern lässt die Barriere zwischen fiktiver Realität und der phantastischen Gegenwelt porös und durchlässig werden. Die Akteure in der Mirrorscape-Welt benötigen keinen VR-Helm mehr, denn sie haben ja das magische Zeichen für den Übergang. Und wenn sie sich eine alternative Welt schaffen wollen, benutzen sie ein ganz besonderes Farbpigment, den „Zauberstaub“, der auf Gedankenkraft hört.

Malerei als Zauberei aufzufassen, ist ein faszinierendes und weit tragendes Konzept. Der Autor versteht es, viele Ideen daraus zu entwickeln. Die Magie wird an keiner Stelle näher erklärt, so dass sie pure Phantasie bleibt und nie zum Ersatz für Technik wird.

Aber Malerei ist kein moralfreier Raum, denn der Maler ist sowohl für sein Tun wie auch für seine Schöpfungen verantwortlich. Damit gleicht der Maler, wie Mel vs. Grot, dem tätigen Menschen in unserer Realität. Und unsere Mirrorscape befindet sich in zwei Welten, die miteinander verschmelzen: einerseits in unserer Vorstellung und Phantasie (Kunst), aber auch im Cyberspace des Internet, wohin sich die menschlichen Interaktionen und künstlerischen Äußerungen zunehmend verlagern.

Bedeutet das, dass wir die primäre Realität, die wir immer noch „Welt“ nennen, vernachlässigen dürfen? Wohl nicht, denn dort befinden sich weiterhin unsere Körper und unsere Gefühle. Der Autor warnt uns mit der Metapher der Mirrorscape-Welt (wie schon Lewis Carroll mit „Alice hinter den Spiegeln“) vor den Folgen der Kontrolle unserer Phantasie durch Egoisten und Machthaber. Phantasie bedeutet nicht nur „Gefangenschaft im Reich der Bilder“, sondern auch die Rettung der Freiheit und somit die Verbesserung unserer Lebenswelt. Das mag naiv erscheinen, doch gibt es bessere Alternativen, die jeder einzelne von uns umsetzen könnte?

|Das Hörbuch|

Jedes Hörbuch mit Andreas Fröhlich ist ein besonderes Erlebnis, ganz einfach deshalb, weil dieser Sprecher es zu einem machen kann. Auch die aktuelle [„Wunschkrieg“-Trilogie]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5641 von Kai Meyer hat er mit seiner Sprechkunst aufgewertet, so dass der Hörer gerne wieder dorthin zurückkehrt. Im vorliegenden Hörbuch kann sich Fröhlich munter in verschiedenen Phantasie-Szenarien austoben.

Das einzige Manko dieses Hörbuchs ist das Fehlen von Musik und Geräuschen. Da aber |Oetinger| einen wesentlich kleineren Vertrieb als |Lübbe| hat und die Stückzahlen wohl nur gering waren, ist der Preis relativ hoch. Da hätte eine Musikproduktion den Preis noch weiter in die Höhe getrieben.

|Originaltitel: Mirrorscape, 2007
Aus dem Englischen übersetzt von Bettina Münch
426 Minuten auf 6 CDs
ISBN-13: 978-3-8373-0396-4|
http://www.oetinger.de/

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