Williams, Tad – Shadowmarch: Die Grenze

Tad Williams gehört definitiv zu den anspruchsvollsten Fantasy-Autoren der Gegenwart. Insbesondere sein Epos um die Welt Osten Ard ist ein Juwel in der Veröffentlichungsflut, welches durch glaubwürdige Figuren und einen stimmigen Plot sowie liebevoll ausgearbeiteten Hintergrund besticht. Während andere Autoren oft nicht über das bloße Aneinanderreihen von Textbausteinen und Stereotypen hinauskommen, scheint Osten Ard vor Leben geradezu zu pulsieren. Mag J.R.R. Tolkien aufgrund seiner Fachkompetenz in Sachen Philologie und nordischer Mythologie auch der tiefere Weltenschöpfer gewesen sein – Williams hat ein besseres Gespür für die Grauschattierungen der menschlichen Seele.

Sein nächster großer Wurf – die „Otherland“-Saga – ist zwar ungleich populärer, hat mich aber persönlich weniger überzeugen können. Das Grundkonzept (ein virtuelles Multiversum aus fantastischen Einzelwelten) hätte an sich bereits völlig ausgereicht, um eine gute und frische Story zu produzieren. Williams hat aber mehr gewollt – und „Otherland“ letztlich mit einer zweistelligen Anzahl von Hauptfiguren und Nebenplots völlig überfrachtet. Da ist von der lesbischen, aus Australien stammenden Polizistin griechischer Herkunft bis zum schwulen schwarzen Butler aus Südafrika alles dabei, und spätestens ab der Mitte der Story hat Williams deutliche Schwierigkeiten, die einzelnen Handlungsfäden zu verknüpfen. Das zeigt sich zum einem an den immer rasanter folgenden Szenenwechseln und zum anderen an den Schlussdialogen, welche alles aufklären müssen, was Williams bis zum Showdown nicht fertig bekommen hat. Unterm Strich weist die Reihe dennoch eine überdurchschnittliche Qualität auf, was erahnen lässt, welches schriftstellerische Potential noch in diesem Autoren schlummert.

Umso mehr freue ich mich, dass Williams mit seinem nächsten Projekt „Shadowmarch“ wieder in die Fantasy-Gefilde zurückgekehrt ist. Ursprünglich hat Williams die Geschichte als TV-Serie konzipiert, was sich narrativ immer noch in der Wahl eines dominierenden Schauplatzes (der „Südmarkfeste“) widerspiegelt. Nachdem das TV-Projekt scheiterte, wollte Williams zunächst Pionierarbeit leisten, indem er den Beginn von „Shadowmarch“ als Fortsetzungsroman im Internet publizierte. Die Leser sollten gegen Bezahlung den Roman abonnieren, d.h. in bestimmten Abständen neue Kapitel übers Netz erhalten. Aber auch dieser zweite Anlauf ist letztlich gescheitert (wiewohl sich aus http://www.shadowmarch.com eine lebendige, bis heute bestehende Online-Community entwickelt hat), weshalb die Geschichte nun als reguläre Buchreihe erscheint.

Auf der ersten Innenseite des Einbandes prangt (wie schon beim „Drachenbeinthron“) eine Karte, welche die neu von Williams ersonnene Welt auszugsweise darstellt. Im Wesentlichen spielt sich die Handlung zunächst auf dem Kontinent „Eion“ ab; vom südlichen Kontinent „Xand“ ist nur die Nordspitze zu sehen. Eion ist erst vor vergleichsweise kurzer Zeit (wenige Jahrhunderte) von Menschen besiedelt worden, während Xand seit Jahrtausenden durch das Imperium von Xis beherrscht wird.

Die fiktive Hochkultur der Xander wurde offensichtlich durch die Reiche der alten Ägypter und südamerikanischen Indianer inspiriert. Von den Eionern erfahren wir leider wenig außer der Tatsache, dass sie Polytheisten sind, sich auf verschiedene Königreiche bzw. „Marken“ verteilen und technologisch irgendwo an der Schwelle zur Renaissance stehen. Die „Südmark“ und die „Markenlande“ scheinen kulturell aber eher „abendländisch“ zu sein, während „Hierosol“ einen leicht maurischen Touch hat.

Zwischen den beiden Kontinenten herrschte lange Zeit Funkstille, aber dieser Zustand ist nun im Wandel begriffen. Der neue Autarch, eine Art Gottkönig der Xander, scheint seine Kräfte für eine mögliche Invasion von Eion zu mobilisieren. Aber auch die geheimnisvollen Ureinwohner von Eion, welche über die Jahrhunderte hinweg systematisch von den Menschen verfolgt wurden, rühren sich wieder. Die so genannten „Qar“ haben sich schließlich in die „Zwielichtlande“ im Norden von Eion zurückgezogen und einen magischen, schattigen Nebel erzeugt, welcher Menschen in den Wahnsinn treiben kann. Solcherart vor weiteren Angriffen geschützt, haben die Qar eine bislang fixe „Schattengrenze“ gesetzt.

Diese „Schattengrenze“ des geheimnisvollen Nebels bewegt sich nun aber immer weiter auf die Südmarkfeste zu – grob vergleichbar mit dem „Nichts“ aus Michael Endes „Unendliche Geschichte“, welches sich langsam durch Phantásien zum Elfenbeinturm der Kindlichen Kaiserin durchfrisst.

Die politische Ausgangslage ist somit für die Menschen der Südmark und der Markenlande – der Heimat der eionischen Protagonisten – denkbar ungünstig: Vom Norden her droht das „Elbenvolk“ der Qar, welches seinen ursprünglichen Mutterboden (inklusive der Südmarkfeste) wieder zurückerobern will. (Kenner der „Osten Ard“-Saga werden hier Parallelen zum Hochhorst und den ebenfalls vertriebenen Elbenvölkern der Nornen und Sithi sehen.) Vom Südkontinent Xand aus infiltrieren bereits Handlanger des Autarchen die Südmarkfeste. Die Bewohner dieser Burg müssen sich also eventuell auf einen Zweifrontenkrieg gefasst machen – was für sie zugleich der erste große Krieg seit Jahrhunderten wäre.

Als wäre das nicht bereits genug, liegt die Königsfamilie der Südmarkfeste auch noch mit dem benachbartem Königreich Hierosol im Clinch. Der König von Hierosol hat König Olin von der Südmarkfeste entführen und inhaftieren lassen, so dass Südmark und Markenlande nun ohne ihr Staatsoberhaupt auskommen müssen. Die vakante Stelle wird zunächst behelfsmäßig von Kendrick, Olins ältestem Sohn, besetzt. Der Prinz ist dieser Verantwortung jedoch nicht gewachsen und schlittert unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu.

Kendrick wird durch eine unbekannte Person ermordet, aber es gibt bereits einen Hauptverdächtigen: Der persönliche Kampftrainer der Königskinder, welcher sich aber aufgrund eines persönlichen Schwurs nicht selbst entlasten kann. Die Südmarkfeste fungiert nun als begrenzter Schauplatz, und Williams fügt der Handlung ein typisches „Who dunnit?“-Motiv à la Agatha Christie hinzu.

Da die alte Königin tot und Olins aktuelle Gemahlin hochschwanger ist, bleiben nur noch die Zwillinge Barrick und Briony – Kendricks jüngere Geschwister – in der Thronfolge übrig. Der Prinz und die Prinzessin sind grade mal fünfzehn Jahre alt, was nicht unbedingt für eine Steigerung im Vergleich zu Kendricks Politik zu sprechen scheint. Zwar werden die beiden Protagonisten vermutlich dennoch ihren Weg irgendwie meisten (wie man das von Wiliams leidgeprüften Helden eben kennt), aber dafür verhalten sie sich auch nicht glaubhaft wie Fünfzehnjährige.

Die Zwillinge sind permanent mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, weshalb der oben beschriebene Plot dann doch nicht wirklich in die kriminalistische Richtung geht. Zwar finden die beiden nach und nach heraus, dass jeder in der Burg sein eigenes Süppchen kocht, aber sie „ermitteln“ nicht. Briony etwa verbucht die Ermordung ihres älteren Bruders einfach unter „sehr verwirrend“ und wendet sich persönlichen Machtkämpfen am Hof zu. Barrick wiederum kränkelt während des Großteils der Handlung; am Ende führt er als Feldherr die Schlacht gegen die Qar.

Das größte Rätsel der Geschichte besteht vorerst in dem Auftauchen eines kleinen Jungen, welcher aus den Zwielichtlanden „angespült“ worden zu sein scheint – und darüber sein Gedächtnis verloren hat. Wie wir aus dem Prolog erfahren, wurde er wohl vom König der Qar selbst in das Reich der Menschen zurückgeschickt. Er trägt ein geheimnisvolle Artefakt bei sich und soll später bei einem mysteriösen „Spiegelpakt“ eine wichtige Rolle spielen. Zunächst wird er aber von einem alten Funderlings-Pärchen in der Nähe der Südmarkfeste quasi adoptiert.

Das politische Intrigenspiel in der Südmarkfeste ist bei Williams – soweit mir bekannt – etwas Neues. Zwar nimmt es keine Ausmaße wie z.B. in Frank Herberts „Dune“-Zyklus an, aber es fügt der Story auf jeden Fall ein paar interessante Aspekte hinzu. Ansonsten bleiben die meisten Figuren jedoch etwas farblos, weil Williams den Hintergrund diesmal weniger detailverliebt und eher skizzenhaft beschreibt.

Eine schöne Ausnahme ist hier jener Nebenplot, welcher sich in Xand abspielt. Die dekadent-exotische Gesellschaft am Hofe des Autarchen wirkt im Vergleich zu den Schauplätzen von Eion deutlich plastischer. Insbesondere die Beschreibung des riesigen Haremkomplexes (inklusive transsexueller Eunuchen), welchen der Autarch sein eigen nennt, hat mir sehr gut gefallen.

Interessant ist aber auch das Volk der Qar, welches nicht viel mit den traditionellen Fantasy-Elben zu tun hat. Tatsächlich ist „Qar“ nur ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von Völkern, welche allerdings alle demselben Königspaar unterstehen. Williams hat sich hier wohl von den keltischen Feen-Geschichten inspirieren lassen. Somit kopiert er im Gegensatz zu vielen anderen Autoren Tolkien nicht, sondern schöpft aus derselben Quelle wie dieser.

Die anderen Völker – u.a. Däumlinge bzw. „Dachlinge“ und kleine Bergarbeiter namens „Funderlinge“ – wirken weniger mystisch, sondern eher blass. Aber vielleicht wird sich das ja in den Folgeromanen noch ändern.

Tad Williams schreibt aus der Perspektive eines auktorialen Erzählers, weshalb im Text Dialoge und innere Monologe dominieren. Leider merkt man Williams an dieser Stelle an, dass er längst mit dem Schreiben seine Brötchen verdient. Das Handwerk beherrscht er aus dem Effeff – gute Unterhaltung ist somit garantiert.

Das Konzept „viele Figuren mit vielen Problemen = viel Handlung“ wird mir aber etwas zu routiniert abgehandelt. Das „gewisse Etwas“ fehlt hier noch, weil die Figuren diesmal zu leicht zu durchschauen sind. Früher hat es bei Williams immer recht lange gedauert, bis überhaupt klar war, wo die einzelnen Figuren bezüglich ihrer wahren Motive und ihrer Bedeutung für die Handlung eigentlich stehen. Abgesehen davon ist auch die Sprache des Romans etwas verflacht, was aber auch an der Übersetzung liegen kann.

Alles in allem kann ich den ersten Teil von „Shadowmarch“ durchaus empfehlen. Williams-Fans sollten aber lieber ihre Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Ich persönlich bin gespannt auf den nächsten Teil, aber ich bin etwas skeptisch, ob Williams hier an die alten Erfolge wirklich anknüpfen kann. Der erste Teil von „Shadowmarch“ ist für sich betrachtet sicherlich immer noch überdurchschnittlich gute Fantasy, aber mit Sicherheit kein Meisterwerk. Ich hoffe, dass Williams sich für die nächsten Romane mehr Zeit nehmen wird.

http://www.tadwilliams.de/

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar