Wolf, Manfred (Hg.) / Goethe, Johann Wolfgang von – Leser fragen – Goethe antwortet

_Weisheiten aus alten Tagen – noch aktuell?_

In einer Art Interview soll Herr von Goethe „klassische Lebenshilfen“ liefern, so steht es auf dem Titelbild. Nichts Menschliches soll ihm ja angeblich fremd sein, und so antwortet er in gedrechselten Sätzen auf Fragen zu Themen wie Liebe, Frauen, Liebhaber, aber auch alles zwischen A wie Arbeit und Z wie Zustand.

_Der Autor Johann Wolfgang von Goethe_

Johann Wolfgang von Goethe, 1749 in Frankfurt/M. geboren, gestorben 1832 in Weimar, ist mit Abstand der einflussreichste Autor der deutschen Literatur. Alle weiteren Informationen sind u. a. in der [Wikipedia]http://de.wikipedia.org/wiki/Johann__Wolfgang__von__Goethe abzufragen.

_Der Herausgeber_

Manfred Wolf, geboren 1934, war Berufs- und Hochschullehrer in der DDR und hat staatliche Lehrmittel konzipiert, bis er 1984 vom Honecker-Ministerium mit einem Berufsverbot belegt wurde. Von 1984 bis 1990 war er Wächter in einem Ferienheim und ist seit 1990 freischaffender Schriftsteller.

_Die Sprecher_

Linus König, Jahrgang 1975, studierter Politologe, wurde anno 2000 Schauspieler und Vorleser von Comics an Schulen. Hat mittlerweile einen Abschluss in Theater- und Kultur-Management und gründete 2004 das Theater „Landungsbrücken Frankfurt“. Hier ist er als Regisseur, Schauspieler und Theatermacher tätig. Er ist weiterhin als Sprecher tätig.

Dirk Pettenkofer, geboren 1966 in Bonn, studierte Geschichte, Politik und Jura. In Frankfurt/Main absolvierte er eine Sprecherausbildung. Er ist als Sprecher für Hörbücher, Werbung und Dokumentationen tätig. Seit 2001 spielt er in der Amateurtheatertruppe „HELDEN Theater“.

_Inhalte_

Das „Interview“ mit Herrn von Goethe verläuft stets nach dem gleichen Schema: Das Frage-und-Antwort-Spiel kennt man ja. Aber die Fragen haben es mitunter in sich, denn hin und wieder provoziert der Frager seinen Gesprächspartner mit einem Zitat von berühmten Zeitgenossen wie Ludwig Börne, Arthur Schopenhauer, Christoph Lichtenberg oder gar Friedrich Schiller. Leider müssen auch Binsenweisheiten wie „Zeit ist Geld“ herhalten, um Goethe eine Antwort zu entlocken. Denn jeder Themenkomplex hat seine verschiedenen Aspekte, und mit einer einzelnen Antwort ist es natürlich nicht getan.

Einen Auszug aus der Bandbreite der Fragen: Von Arbeit, Augenblick, Autor und Besitz über Liebe, Mann und Frau, Heiraten, Geliebte, Liebhaber bis hin zu Weisheit, Wissen, Zeit und Zustand. Natürlich geht es auch viel um Bildung und Erziehung, denn schließlich sollen hier „klassische Lebenshilfen“ vermittelt werden, und wer hätte diese nötiger als die junge Generation? Die soll ja gebildet und erzogen werden.

Goethe auf der anderen Seite wird mit Auszügen aus seinem voluminösen Oevre zitiert, und jedes Zitat ist in der Regel mit der Jahreszahl seines Erscheinens versehen. Folgende Werke werden zitiert:

DRAMEN: Faust 1 und Faust 2, Egmont, Torquato Tasso, Die Mitschuldigen, Götz von Berlichingen

ROMANE und Erzählungen: Die Wahlverwandtschaften; Wilhem Meisters a) Theatralische Sendung, b) Lehrjahre und c) Wanderjahre; Reineke Fuchs (Versepos); Der Schatzgräber; Die vier Jahreszeiten; Die Italienische Reise (inkl. Tagebuch)

GEDICHTE und ähnliches: West-östlicher Diwan; Zahme Xenien; Epigramme, Aphorismen, Festgedichte, Prometheus, Wanderlied

Diverse SCHRIFTEN: zur Kunst, zur Literatur, zur Farbenlehre; Maximen und Reflexionen; Dichtung und Wahrheit, Die Entstehung der Erde etc.

Zudem BRIEFE, Gesprächsprotokolle und Zitate, z. B. zu Frau Charlotte vom Stein, zu Eckermann, Riemer, von Müller u. v. a.

Man sieht also, dass der Herausgeber aus dem Vollen schöpfte, als er Goethe seine Antworten in den Mund legte.

|Zwei Beispiele:|

FRAGE zu ARBEIT: „Herr Goethe, ist es wichtig, dass einem die Arbeit Spaß macht?“

ANTWORT: „Ein Mensch, der um anderer willen, ohne dass es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes Bedürfnis ist, sich um Geld oder Ehre oder sonst etwas abarbeitet, ist immer ein Tor.“

Zitiert aus „Die Leiden des jungen Werthers“ aus dem Jahr 1774.

FRAGE zum BIERTRINKEN: Sie gelten als Genussmensch, Herr Goethe. Heben Sie auch gerne mal ein kühles Blondes?“

ANTWORT: „Ein starkes Bier, beizender Toback und eine Magd im Putz, das ist nun mein Geschmack.“ (zitiert aus: Faust 1) Auf der Rückseite der CD wird „Magd im Arm“ gedruckt, aber der Sprecher sagt „Magd im Putz“, was wohl „herausgeputzt“ bedeuten mag.

ANTWORT 2 zum TRINKEN: „Ein Mädchen und ein Gläschen Wein kurieren alle Not; und wer nicht trinkt und wer nicht küsst, der ist so gut wie tot.“ (zitiert aus „Jery und Bätely“)

Ganz am Schluss richtet sich „Goethe“ noch direkt an den Hörer, indem er aus seinem Brief an Schiller zitiert.

_Mein Eindruck_

„Klassische Lebenshilfe“ hin oder her, so wage ich doch zu bezweifeln, dass die meisten Schüler die gedrechselten Sätze des Herrn Geheimrats aus Weimar überhaupt verstehen. Es ist wie mit der Bibel. Die „Frohe Botschaft“ (= evangelion) musste immer wieder als „Gute Nachricht“ übersetzt werden, um sie nachfolgenden Generationen verständlich zu machen. Doch dabei handelt es sich stets um Neufassungen von Übersetzungen. Bei Goethe hingegen, da eh schon in Deutsch vorliegend, wird nichts übersetzt, und damit fangen die Schwierigkeiten an.

„Ein Mensch, der um anderer willen, ohne dass es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes Bedürfnis ist, sich um Geld oder Ehre oder sonst etwas abarbeitet, ist immer ein Tor.“ Das klingt zwar ganz toll, aber die gespreizte hypotaktische Satzkonstruktion widerspricht der heutigen sprachlichen Erfahrung eines Schülers diametral, und sogar Lehrer bedienen sich einfachster parataktischer Syntax, um sich den Schülern verständlich machen zu können, die an Dialogfetzen aus Soap-Operas wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ ihre Deutschkenntnisse schulen.

Ich hege vielmehr den Verdacht, dass diese CD am ehesten Studenten anspricht, die sich im Crashkursverfahren Goethe aneignen wollen. Doch sie gelangen natürlich dabei nur zu oberflächlichsten Begegnungen mit dem Schriftsteller. Den meisten Nutzen dürften noch die eh schon mit Goethe aufgewachsenen Generationen davon haben. Sie dürfen sich in ihrer Gebildetheit bestätigt fühlen. Da sie allerdings mit Zitaten konfrontiert werden, die sehr selten zu finden sind, etwa aus den „Zahmen Xenien“ und aus den „Maximen und Reflexionen“, haben sie Gelegenheit, hier noch einiges vom alten Meister für sich zu entdecken. Insofern lässt sich die Zitatsammlung als Anthologie von Teasern und Trailern betrachten, die allesamt als Appetizer wirken, sich das Goethe-Oevre wirklich nochmals genauer anzusehen.

|Die Sprecher|

Linus König hat keine anspruchsvolle Aufgabe. Er muss lediglich den höflichen Fragesteller mimen, und das gelingt ihm überzeugend. Die Aufgabe von Dirk Pettenkofer, der als Goethe antwortet, ist da schon wesentlich schwieriger. Denn er muss ja das, was der Klassiker da von sich gibt, auch mit Überzeugung und im Bewusstsein einer Darstellung dieses Klassikers vorbringen. Daher spricht er sowohl sehr deutlich, damit ihn jeder versteht, als auch mit Betonung, damit man weiß, dass hinter der Sentenz auch eine innere Überzeugung steht. Mitunter, wenn es das Thema erfordert oder sich „Goethe“ provoziert fühlt, gerät Pettenkofer in richtige Emphase und deklamiert seine Sätze geradezu. Das sind eindeutig die besten Stellen. Allerdings sind sie allzu selten.

_Unterm Strich_

Wie schon oben gesagt, ist es mit Sammlungen von Weisheiten so eine Sache: Der Konsument muss schon bereit für sie sein, also bereits ahnen oder wissen, dass er im Grunde nichts weiß – um es mal mit Sokrates zu sagen (der natürlich ebenfalls zitiert wird). Das dürfte jedoch auf Schüler weniger zutreffen. Und sie dürften auch mit dem altertümlichen Deutsch, das ihnen hier geboten wird, ihre Schwierigkeiten haben. Am ehesten kommen als Zielgruppe Studenten und Oberlehrer in Frage – siehe oben.

Der Umstand, dass das Hörbuch um fünf Euro teurer ist als das gleichwertige Buch, lässt mich eher das Buch empfehlen, zumal es auch über Quellenverweise verfügt, anhand derer sich der Interessierte dem jeweils so appetitlich erwähnten Werk näher widmen könnte.

Ob die Weisheiten des Herrn Geheimrates auf Frauen und Männer immer noch zutreffen, muss allerdings jeder Zeitgenosse selbst in Erfahrung bringen. Gutes Gelingen!

|56:21 Minuten auf 1 CD|
http://www.eichborn-lido.de/

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