Wylie, Jonathan – Kind der Flammen

_Packendes Fantasy-Psychodrama_

Ein Psychodrama, das in zwei Epochen spielt; eine Künstlerin, die entweder schizophren oder verhext ist – und ihr Freund, der sie zu retten versucht. Das sind die Grundelemente eines Thrillers, der als Fantasy deklariert wird, aber auch am Rande unserer Realität spielen kann.

_Handlung_

Die junge Kunstmalerin Anya lebt ein unstetes Leben. Ein paar Monate im Jahr verbringt sie in ihrem Landhaus in Westengland, nahe dem Nationalpark Dartmoor. Dort arbeitet ihr Freund Luke Tasker als Ranger und Touristenführer. Doch sie verwirrt ihn, wenn sie über Nacht abreist und ihm nicht sagt, wohin sie für Monate verschwindet.

Mittlerweile hat sie ein Problem: Seit sie das Renaissancegemälde „Porträt eines jungen Mannes“ in der National Gallery in London gesehen hat, muss sie immerzu daran denken. Wie sie zu ihrem Entsetzen herausfindet, wurde im 16. Jahrhundert der italienische Zauberer Alessandro von seiner Geliebten Constanza in dieses Bild gebannt. Doch Anya hat seinen eingesperrten Geist befreit – erstens ähnelt sie seiner Constanza und zweitens hat sie selbst einen ganz besonderen Geist …

Alessandro versucht, Anyas Verstand zu übernehmen, um sie zu seiner Geliebten zu machen und sich zugleich mehr reale Existenz zu verschaffen. Er gewinnt täglich mehr Substanz und entführt Anya in Zauberwelten. Bald droht sie sich an ihn zu verlieren. Um Luke zu schützen und wieder mal davonzulaufen, verschwindet sie. Luke verfolgt sie wie ein Detektiv bis nach Korfu.

Er findet heraus, dass Anya eine multiple Persönlichkeit ist: Ihre Schwester Meredith existiert nur in ihrem Kopf, ebenso wie Verity, die Vermittlerin zwischen den beiden. Wie Luke erkennt und dem Trio begreiflich zu machen versucht, kann Anya gegen Alessandro nur gewinnen, können alle drei nur weiterexistieren, wenn sie sich vereinen und gemeinsam gegen ihn antreten. Leichter gesagt als getan: Meredith und Verity müssen ihrer „Existenz“ in Anyas Kopf entsagen, und Anya weigert sich trotz ihrer Absencen, als schizophren zu gelten. Sie versucht, sich zu verbrennen und wird in letzter Sekunde gerettet. Erst nachdem Luke seine Geliebte dazu gebracht hat, sich an das traumatische Ereignis zu erinnern, das ihre Bewusstseinsspaltung ausgelöst hatte, kann die Wiedervereinigung stattfinden …

_Fazit_

Die Leidensgeschichte und Seelenrettung der Künstlerin durch den liebenden Luke ist gefühlvoll, mit Sachverstand und spannend erzählt. Der Leser leidet und bangt mit.

Der Autor (eigentlich ein Autorenpaar unter Pseudonym) vermeidet die üblichen eskapistischen Unterhaltungsklischees und lässt seine Heldin erst richtig leiden, dann in einem ungewöhnlich komplexen Heilungsprozess wieder zu einer „heilen“ Identität finden.

Die Autoren verstehen ihr Handwerk – sie lassen es weder an psychologischen Erklärungen noch an wundersamen Episoden fehlen. Ließe man die Fantasy weg, könnte der Roman von Daniel Keyes stammen, der mit seinem Roman „Die Leben des Billy Milligan“ multiple Persönlichkeiten in der SF bekannt gemacht hat.

Unter dem Pseudonym „Jonathan Wylie“ schreibt das englische Ehepaar Mark und Julia Smith seit 1987 hervorragende Fantasy und Science-Fiction – die Grenzen sind bei ihnen fließend. Sie legen eine Vorliebe für junge Protagonisten an den Tag, die schließlich erheblichen Widerstand überwinden.

|Originaltitel: Across the Flame, 1996
Aus dem Englischen übertragen von Peter Pape|

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