Xiaolong, Qiu – Frau mit dem roten Herzen, Die

_Der Autor_

Qiu Xiaolong, 1953 in Shanghai geboren, arbeitete als Übersetzer, veröffentlichte Lyrik und Literaturkritiken. 1988 reiste er in die USA und kehrte nach dem Massaker am Platz des himmlischen Friedens nicht nach China zurück. Seit 1994 lehrt er an der Washington University St. Louis Chinesische Literatur und Sprache.

_Story_

Als Oberinspektor Chen eines Tages in aller Seelenruhe durch den Park schlendert und zu einem gemütlichen Spaziergang aufbricht, macht er einen grausamen Fund. Inmitten des Areals stößt er auf eine brutal zugerichtete männliche Leiche, die in einen Seidenpyjama eingehüllt wurde. Der geschäftige Beamte will sich direkt um den Fall kümmern, zumal er vermutet, dass es sich bei dem hier verübten Attentat um einen weiteren Triaden-Mord handelt, jedoch wird er von seinem Vorgesetzten sofort zurückgepfiffen. Der würde nämlich lieber sehen, dass sich Chen um eine amerikanische Kollegin kümmert, die in Shanghai nach einer wichtigen Zeugin für den Prozess gegen einen Massenschmugglerring sucht. Der Mann der Gesuchten wurde damals beim ‚Transport‘ in die Staaten gefangen genommen und ist nun bereit, mit den USA zu kooperieren, als man ihm dort anbietet, in das Zeugenschutzprogramm aufgenommen zu werden. Doch zu Wen Liping führt keine Spur; die gesuchte Dame scheint wie vom Erdboden verschluckt.

Chen und seine neue Partnerin sowie der emsige Gehilfe Yu begeben sich an die Aufklärung des Falls, landen aber in einer Sackgasse. Was ist mit der hochschwangeren Wen Liping geschehen? Hat sie selber die Flucht angetreten, oder wurde sie entführt? Oder will sie gar ihrem Mann gar nicht helfen? Das chineissch-amerikanische Agenten-Paar taucht immer tiefer in den kriminellen Sumpf des Reichs der Mitte hinein. Und außerdem war da ja noch der Mord im Stadtpark …

_Meine Meinung_

Für mich persönlich war „Die Frau mit dem roten Herzen“ der erste Krimi aus dem fernen Osten, und weil mich die chinesische Kultur eigentlich sehr interessiert, war ich auch sehr gespannt auf diesen Roman – nicht zuletzt, weil sich Qiu Xiaolong bereits mit dem Vorgängerroman „Tod einer roten Heldin“ international einen Namen hat machen können. Der zweite Fall von Oberinspektor Chen kann die hohen Erwartungen aber nur bedingt erfüllen, denn einerseits ist es dem Autor nur am Rande gelungen, die Gepflogenheiten des chinesischen Volkes in die Handlung mit einzubeziehen (die eingefügten Gedichte und Zitate wirken da eher ein wenig gezwungen), und andererseits ist die Geschichte um die kriminellen Machenschaften der Triaden bei weitem nicht so spannend, wie man sich dies beim Lesen der Inhaltsagabe noch erhofft.

Kurz beschrieben, ist „Die Frau mit dem roten Herzen“ ein ganz nettes Buch für zwischendurch; niemals zu anspruchsvoll, mit einer klaren Linie, allerdings auch mit einem vorhersehbarem Verlauf. Nicht selten ist der Leser dem Ermittlerteam einen Schritt voraus, was jedoch wegen des recht guten Schreibstils noch sehr gut zu verschmerzen ist. Weit weniger gut gefällt jedoch die langatmige Einleitung. Nach dem rasanten Beginn mit dem Fund der Leiche passiert nämlich erstmal lange Zeit nichts. Die Diskussionen zwischen Chen und seinem vorgesetzten Kommissar zum Beispiel ziehen sich unnötig in die Länge, und auch das Zueinanderfinden der smarten Amerikanerin und des poetischen Oberinspektors hätte Xiaolong gerne ein wenig kompakter gestalten können. Leider bleibt diese Langatmigkeit auch im Mittelteil des Romans erhalten. Immer wieder schweift der Autor vom Hauptplot ab, worunter die Spannung dann merklich leidet. Die Suche nach Wen Liping zum Beispiel ist schon interessant gestaltet, und auch die Motive der verschiedenen Charaktere erhalten zumindest das erforderliche Mindestmaß an Spannung, aber – wie soll ich es sagen – es könnte einfach alles etwas flotter und lebendiger sein. Hinzu kommt, dass die Verschweißung von westlicher Moderne und östlicher Tradition hier sehr oberflächlich abgehandelt wird. Es wirkt bisweilen sogar wie ein erzwungenes Klischee, dass hier zwei völlig unterschiedlich denkende und alleine vom Ursprung her schon vollkommen konträr eingestellte Personen zusammenarbeiten, wobei das Niveau in ungefähr mit dem des Hollywood-Streifens „Rush Hour“ zu vergleichen ist, selbst wenn hier einige philosophische Ansätze das genaue Gegenteil beweisen wollen.

Nun ja, dafür ist dann aber wenigstens das Ende der Erzählung sehr gut geworden. Hatte man im gesamten Verlauf immer wieder den Eindruck, man wüsste, worauf die Story hinausläuft, hält Xiaolong zum Schluss doch noch einige unerwartete Trümpfe in der Hand. Zwar kann er damit nicht die elementaren Mängel, die sich auf den vorherigen gut 350 Seiten aufgetan haben, ausgleichen, aber man fühlt sich als Leser dann doch noch irgendwie zufrieden gestellt.

Tatsächlich weiterempfehlen kann ich „Die Frau mit dem roten Herzen“ indes nicht. Der suggerierte Polit-Thriller aus dem Bereich der fernöstlichen Kultur – Triaden-Aktivitäten und Kulturrevolution hin oder her – ist lediglich ein solider Krimi mit ganz witzigen Charakteren. Mehr braucht man von der zweiten Geschichte um den gar nicht mal so typischen Chinesen Chen aber nicht erwarten.

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar