Zeh, Juli – Adler und Engel

Manchmal meint es das Leben nicht gut mit uns. Wie zum Beispiel mit Max, dem Protagonisten in Juli Zehs Romandebüt „Adler und Engel“.

Max ist dreiunddreißig und erfolgreicher Karrierejurist. Er ist einer der wenigen Balkanspezialisten und arbeitet in einer angesehenen Kanzlei. Doch seine rosigen Zukunftsaussichten werden zerstört. Nachdem seine Freundin Jessie sich umgebracht hat, geht es mit Max bergab. Er geht nicht mehr zur Arbeit, nimmt Unmengen von Koks und möchte sterben.

Einziger Lichtblick ist die mitternächtliche Radiosendung mit der Psychologiestudentin Clara. Ihre abgebrühte, desinteressierte Art verleitet Max dazu, in der Sendung anzurufen und ihr Teile seiner Geschichte zu erzählen. Eines Tages steht Clara dann vor seiner Tür. Sie möchte alles hören. Alles über Max und Jessie, die Tochter eines Drogenhändlers. Über Shersha, den gemeinsamen Freund der beiden aus Schulzeiten, den Max angeblich umgebracht hat. Über die Verbindungen zu Jessies Vater. Und über Max, den sie für ein ausgezeichnetes Studienobjekt für ihre Diplomarbeit hält. Sie zwingt den drogenabhängigen Max, mit ihr nach Wien zu reisen, um der Vergangenheit auf die Spur zu kommen, und er folgt ihr. Nicht, weil er ihr einen Gefallen tun möchte, sondern weil er sterben möchte …

Ich-Erzähler Max und seine Erinnerungen stehen im Vordergrund des Romans. Mit dem Juristen ist der jungen Autorin ein unglaublich gut ausgearbeiteter und tiefgründiger Charakter gelungen. Sie scheint nichts dem Zufall zu überlassen. Alles in Max‘ Vergangenheit und Gegenwart scheint perfekt ausbalanciert zu sein. Sein Handeln, sein Denken, alles ist unglaublich gut durchkomponiert, ohne konstruiert zu wirken.

Dieser Tiefeneindruck wird durch Zehs Schreibstil verstärkt. Es ist vor allem ihre Bildlichkeit, die sie von anderen Schriftstellern abhebt. Sie benutzt eine Unmenge von Metaphern, Bildern und Vergleichen, die größtenteils als gelungen zu bezeichnen sind. Trotz der Menge der Stilmittel wirkt ihr Schreibstil nicht künstlich, sondern sehr bodenständig, da sie allen Bildern eine sehr alltägliche Sicht zugrunde legt. Dadurch wird es an der einen oder anderen Stelle auch mal derber, jedoch selten wirklich ordinär oder pornographisch. Dass das auch schiefgehen kann, zeigt ein Beispiel auf Seite 196. Der Vergleich |… dunkel wie in einer Kuh| passt zwar in das übrige Bild, wirkt aber leicht misslungen.

Durch diese starke, lebendige Sprache schafft Juli Zeh es, den Leser an das Buch zu binden. Er erlebt die Geschichte quasi direkt mit. Zehs Schreibstil lässt kaum Distanz von Max zu. Jeder Satz scheint ihm wie auf den Leib geschneidert zu sein. Dadurch entsteht eine unglaublich komplexe, stimmige Erzähldichte, die den Leser so schnell nicht mehr loslässt.

Doch nicht nur Max ist ein herausragender Charakter. Auch die anderen Personen können sich sehen lassen, allen voran die beiden anderen zentralen Figuren Clara und Jessie.

Während Clara zwar durch Tiefe und Authentizität gefällt, ist es Jessie, die den Leser wirklich berührt. Mit den Drogengeschäften ihres Vaters aufgewachsen, lebt sie selbst mit 28 noch in einer Fantasiewelt, um sich von der harten Realität abzuschotten. Sie wirkt oft wie ein kleines Kind. Sie bezeichnet Menschen, die in die Geschäfte ihres Vaters verwickelt sind, mit Tiernamen, und in ihren Augen haben auch Tiere und Möbelstücke eine Seele. Ihre Dialoge sind von einer hohen Abstraktheit geprägt, wobei Juli Zeh ein unglaubliches Einfühlungsvermögen beweist. Sie schafft es, die mitgenommene junge Frau authentisch darzustellen, ohne zu viel von ihr preiszugeben. Jessies Handlungen und Gedankengänge sind selten vorhersehbar, aber immer stimmig. Dadurch wird sie sehr originell und überrascht immer wieder.

Wer nun glaubt, mit der Güte ihrer Personen und ihres Schreibstils hätte Zeh ihr Pulver verschossen, der irrt. Die Handlung von „Adler und Engel“ braucht sich hinter diesen beiden starken Komponenten nicht zu verstecken. Ein Großteil des Geschehens besteht aus Rückblenden auf die Zeit, in der Jessie, Max und Shersha für Herbert, Jessies Vater, arbeiteten. Erst mit der Zeit wird dem Leser klar, wie gefährlich das für die drei war und wie weitreichend die Folgen sind. So weitreichend, dass Max die Folgen bei seinem Aufenthalt in Wien noch zu spüren bekommt. Zeh macht allerdings nicht den Fehler, in der Mitte des Buches in eine rasante Verfolgungsjagd zu verfallen. Im Gegenteil ist es nicht die Action, aus der sie die Spannung bezieht, sondern aus dem Zwischenmenschlichen, das sie mit ein paar thrillerartigen Elementen versieht.

Die „Beziehung“ zwischen Max, der alles verloren hat und dem alles egal ist, und der abgebrühten Clara birgt ein unheimliches Handlungspotenzial. Die beiden sind sich unsympathisch, wodurch es immer wieder zu unerwarteten Ereignissen kommt. Der Gegenpol dazu ist die Beziehung zwischen Max und Jessie, die schon aufgrund der ausgefallenen Charaktere sehr viele Möglichkeiten offen lässt. Diese beiden Stränge verbunden mit den kriminellen Misstönen aus Jessies familiärem Umfeld ergeben einen vielleicht nicht perfekt durchgestuften, dafür aber emotional sehr berührenden Spannungsbogen.

„Adler und Engel“ wurde nicht umsonst mit einigen Preisen, darunter dem Deutschen Bücherpreis für das erfolgreichste Debüt, ausgezeichnet. Der Leipziger Autorin Juli Zeh ist ein emotional starkes, von vorne bis hinten durchkomponiertes Buch gelungen, an dem der Leser kleben bleibt wie an einer Fliegenfalle. Ihre Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet, originell und authentisch und die Handlung bezieht ihre beträchtliche Spannung hauptsächlich aus den zwischenmenschlichen Beziehungen. Dies alles wird eingerahmt durch einen gnadenlos bildreichen Schreibstil, der nur wenig Luft zum Atmen lässt, weil er so engmaschig konstruiert ist.

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