Zeh, Juli – Spieltrieb

Für ihr Debüt [„Adler und Engel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4001 wurde Juli Zeh gelobt und mit Preisen ausgezeichnet. Ihr zweiter regulärer Roman „Spieltrieb“ schickt sich an, das Gleiche zu tun.

Das Buch spielt in Bonn, Zehs Heimatstadt, genauer gesagt in der fiktiven Ernst-Bloch-Schule. Die Privatschule mit angeschlossenem Internat ist die neue Heimat der fünfzehnjährigen Ada. Die hochintelligente, aber gefühlskalte und arrogante Schülerin ist kein einfaches Kind. Sie widerspricht den Lehrern, ist aber nicht aggressiv, sondern schweigsam. Sie hat keine Freunde, doch als Alev neu in die Klasse kommt, baut sich zwischen den beiden etwas auf. Freundschaft oder Beziehung kann man das nicht gerade nennen. Die beiden sind von ihrer Intelligenz und ihrer abgebrühten Einstellung her auf gleicher Ebene. Es gibt keine emotionale Beziehung zwischen ihnen. Mal ignoriert Alev Ada, mal schenkt er ihr all seine Aufmerksamkeit. Ada, obwohl sie sich nicht zu solchen Gefühlen fähig wähnt, wird von dem jungen Halbaraber mit den komischen Ansichten angezogen.

|“Das Spielen verpflichte zur Gleichheit, da allen Spielern dieselben Voraussetzungen eingeräumt würden, und verwirkliche außerdem den Gedanken der Rechtssicherheit, weil ein Spiel nur innerhalb der eigenen Regeln stattfinden könne.“| (Seite 260)

Aus diesem philosophischen Gedankengang heraus entwickelt Alev mit Adas Komplizenschaft ein „Spiel“. Ada soll den polnischen Deutsch- und Sportlehrer Smutnek verführen, während Alev Fotos schießt, um ihn damit zu erpressen. Das Spiel beginnt, doch selbst Alev, der sich allen überlegen fühlt, kann nicht immer alles miteinkalkulieren. Die Sache läuft aus dem Ruder …

Bei Juli Zehs zweitem Roman darf man keine Fortsetzung von „Adler und Engel“ erwarten – weder von der Geschichte her noch vom Schreibstil.

Während „Adler und Engel“ durch seine wunderbar dichte Sprache mit einer Unmenge von treffsicheren Metaphern überzeugte, treibt „Spieltrieb“ es auf die Spitze. Jeder Satz wirkt wie ein komplexes Kunstwerk aus gehobenen Wörtern, Fachbegriffen und Bildlichkeit. Jeder Absatz bildet eine kleine Geschichte in sich. Während das Debüt noch von einer gewissen Lakonie geprägt war, ufert „Spieltrieb“ geradezu aus. Von der Flappsigkeit, die vielen jungen deutschen Autoren anhaftet, ist hier nichts zu spüren. Juli Zeh ist kein Witzbold. Viele ihrer Absätze klingen geradezu philosophisch. Auch wenn sie simpel erklärt werden, verlangt das Lesen viel Konzentration, und manchmal ist es schwierig, zwischen den abertausend Bildern, Metaphern, Vergleichen und für die Handlung irrelevanten Details den Faden nicht zu verlieren.

Trotzdem lässt sich nicht abstreiten, dass die Leipziger Autorin ein außergewöhnliches Händchen für Sprache hat. Man kommt nicht umhin, das pralle Wissen, das die Autorin anbringt, und den Abwechslungsreichtum zu bewundern. Ein Buch mit über 560 Seiten derart zu verzieren, bedarf es einiges, denn jeder noch so kleine Zwischenton oder unterschwellige Gedanke wird in Worte gefasst, was geradezu einen Panoramablick auf das Geschehen erlaubt.

Zeh setzt erneut auf gelungene Stilmittel wie Metaphern und Vergleiche. Während diesen in ihrem Debüt zumeist eine alltägliche Basis zugrunde lag, passt sich die Autorin dem Thema von „Spieltrieb“ an. Sie arbeitet sehr stark mit dem gehobenen Sprach- und Denkniveau, ohne dabei zu abstrakt zu werden. Die kleinen, aber feinen Beobachtungen der Umwelt hat sie sich erhalten. Dafür bietet eine Eliteschule schließlich auch eine gute Grundlage. Ada bildet einen guten Gegensatz zu all den überkandidelten Töchtern aus gutem Hause, den „Prinzessinnen“, wie sie im Buch genannt werden.

|“In allen Klassen ab der siebenten gab es samt- und seidenweiche Mädchen, deren Geburt durch langsam anschwellende Musik begleitet worden war wie das hochfahrende Windowsbetriebssystem von seiner Begrüßungsouvertüre. Sie kamen als Miniaturprinzessinnen auf die Welt, erreichten bereits in der Unterstufe das erste, fohlenhafte Stadium der Vollendung und wuchsen gleichmäßig in die Frau hinein, die sie einmal werden sollten.“| (Seite 11)

Bei solchen Beobachtungen ist es nur natürlich, dass die eigentlichen Charaktere sehr stark dargestellt werden. Und tatsächlich. Ada, Alev, Smutnek und eine Handvoll andere: Sie alle strotzen geradezu vor Leben. Ihre Vergangenheit, ihre Gedanken finden in dem wortreichen Schreibstil viel Platz. Hinzu kommt, dass die Figuren sehr gut ausgedacht und vor allem originell sind. Ada ist beispielsweise mit ihrer monotonen Art nicht gerade die typische Hauptfigur eines Buches. In ihrem Inneren brodeln auch keine alten Konflikte. Nein, dieses Mädchen scheint einfach frei von Gefühlen zu sein und Zeh stellt das sehr glaubwürdig dar.

Wie bereits erwähnt, versinkt die eigentliche Handlung ab und zu im Gewirr der Worte. Die Balance zwischen detaillierter Erzählung und spannender Handlung gelingt der Preisträgerin des Deutschen Bücherpreises bei „Spieltrieb“ nicht so gut. Der Detailreichtum überwiegt, und das kostet Punkte. Etwas weniger Worte wären an der einen oder anderen Stelle sicherlich gut gewesen, auch wenn kein einziger Satz wirklich fehl am Platze wirkt. Die Handlung selbst geht ebenfalls in Ordnung. Sie hat nicht so viel Potenzial wie die thrillergleich angelegte Handlung von „Adler und Engel“, ist aber dennoch sorgfältig und logisch aufgebaut. Allerdings wird sie aufgrund der Abschweifungen und zigtausend Erläuterungen sehr stark in die Länge gezogen. Leser mit wenig Durchhaltevermögen werden deshalb ihre Probleme mit „Spieltrieb“ haben.

„Spieltrieb“ ist keine einfache Unterhaltungsliteratur. Der Roman verlangt Konzentration und Mitdenken des Lesers. Er fordert ihn, überfordert manchmal vielleicht sogar. Dennoch ist es schwierig, eine pauschale Meinung hierzu abzugeben. An Juli Zehs ausschweifenden, prall gefüllten Schreibstil werden sich dieses Mal die Geister scheiden. Die einen werden ihn loben, die anderen verfluchen. Trotzdem kann man die Arbeit, die hinter diesem Buch stecken muss, nicht einfach so übersehen. „Spieltrieb“ hat die Umschreibung „Werk“ verdient – egal ob man damit etwas Positives oder etwas Negatives verbindet.

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http://www.juli-zeh.de

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