A. C. Doyle & Herman Cyril McNeile – Der zweite Hund (Sherlock Holmes Folge 44)

Die dritte Glocke im zweiten Hund, du Schwein!

Eigentlich besuchen Holmes und Watson anlässlich eines Golf-Turniers bloß einen Freund in Croxton Hall, als der allseits beliebte Daniel Benton ermordet wird. Der Schuldige ist schnell gefasst, und sein Motiv lässt keinen Zweifel an der Tat zu. Der Meisterdetektiv entschließt sich dennoch, den Tatort in Augenschein zu nehmen, und macht eine Entdeckung, die den Verdächtigen entlasten könnte… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 14 Jahren.

Die Serie wurde mit dem „Blauen Karfunkel“ der Deutschen Sherlock Holmes-Gesellschaft ausgezeichnet.

Die Autoren

1) Herman Cyril McNeile (28. September 1888 – 14. August 1937), meist bekannt als Cyril McNeile der unter dem Namen „H. C. McNeile“ oder dem Pseudonym „Sapper“ veröffentlichte, war ein britischer Soldat und Schriftsteller der Nachkriegszeit. Er starb wahrscheinlich an den Spätfolgen eines Gasangriffs im Ersten Weltkrieg. Die Wikipedia bringt ihn an keiner Stelle in Zusammenhang mit Sherlock Holmes, was erstaunlich ist, denn McNeile schrieb in erster Linie Detektivgeschichten.

2) Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930 und gelangte mit seinen ca. 60 Erzählungen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um sein Einkommen aufzubessern. Neben mystischen und parapsychologischen Themen griff er 1912 auch die Idee einer verschollenen Region (mit Dinosauriern und Urzeitmenschen) auf, die von der modernen Welt abgeschnitten ist: „The Lost World“ erwies sich enorm einflussreich und wurde schon 13 Jahre später von einem Trickspezialisten verfilmt. Schon 1913 ließ Doyle eine Fortsetzung unter dem Titel „The Poison Belt“ (dt. als „Im Giftstrom“, 1924) folgen.

Marc Gruppe ist der Autor, Produzent und Regisseur der erfolgreichen Hörspielreihe GRUSELKABINETT, die von Titania Medien produziert und von Lübbe Audio vertrieben wird.

Folge 1: Im Schatten des Rippers
2: Spuk im Pfarrhaus
3: Das entwendete Fallbeil
4: Der Engel von Hampstead
5: Die Affenfrau
6: Spurlos verschwunden
7: Der Smaragd des Todes
8: Walpurgisnacht
9: Die Elfen von Cottingley
10: Der Vampir von Sussex / Das gefleckte Band / Der Fall Milverton / Der Teufelsfuß (Neuausgabe)
11: Das Zeichen der Vier (4/2014, Neuausgabe)
12: Ein Skandal in Böhmen (4/2014)
13: Der Bund der Rotschöpfe (5/14)
14: Eine Frage der Identität (9/14)
15: Das Rätsel von Boscombe Valley (10/14)
16: Der blaue Karfunkel
17: Die fünf Orangenkerne
18: Der Mann mit der entstellten Lippe
19: Der Daumen des Ingenieurs
20. Der adlige Junggeselle
21. Die Beryll-Krone
22. Das Haus bei den Blutbuchen
23. Silberblesse (6/16)
24. Das gelbe Gesicht (6/16)
25. Der Angestellte des Börsenmaklers (7/16)
26: Die „Gloria Scott“ (11/16)
27: Das Musgrave Ritual (12/16)
28: Eine Studie in Scharlachrot (2 CDs)
29: Die Junker von Reigate
30: Der bucklige Mann
31: Der Dauer-Patient
32: Der griechische Dolmetscher
33: Das graue Haus
34: Die quietschende Tür
35: Der Hund der Baskervilles (2 CDs)
36: Das unheimliche Pfarrhaus
37: Der verschwundene Kutscher
38: Das Haus mit den Zwingern
39: Eine Frage des Teers
40: Die dritte Botschaft
41: Mayerling (2 CDs)
42: Der Tote im Extra-Waggon
43: Der Zuträger
44: Der zweite Hund
45: Harry Price und der Fall Rosalie
46: Der Mann in Gelb
47: Das verlassene Haus
48: Der Gezeitenstrom

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher und ihre Rollen:

Joachim Tennstedt: Sherlock Holmes
Detlef Bierstedt: Dr. John Watson
Martin May: Bill Maybury
Bernd Kreibich: Parker
Marc Gruppe: Polizist
Michael Pan: Inspektor Johnston
Arianne Borbach: Betsy
Christoph Jablonka: Tom Dixon

Die Macher

Regie führten die Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius. Die Aufnahmen fanden bei Titania Medien Studio bei Advertunes im Scenario Tonstudio sowie in den Planet Earth Studios statt. Alle Illustrationen – im Booklet, auf der CD – trugen Ertugrul Edirne und Firuz Askin bei.

Handlung

„Jetzt aber dalli!“, mahnt Holmes zur Eile, und Watson wirft sich notdürftig in Schale. Schließlich geht es zu einem Golf-Turnier auf Croxton Hall, das bedeutet drei Nächte kostenloses Logis und leckere Abendessen! Sie erwischen den Zug gerade noch und werden auf dem herrschaftlichen Anwesen freundlich vom Butler des Hausherrn Bill Maybury, eines Amtsrichters, empfangen.

Doch gleich darauf berichtet Butler Parker vom Tod des Nachbarn Daniel Benton und der Festnahme des Caddys Joe Dury als Tatverdächtigem. Die Aussicht, dass sie am nächsten Tag ihre Golftaschen selbst schleppen müssen, behagt keinem der Gentlemen, und so setzt Holmes alles daran, die Unschuld des Caddys nachzuweisen. Glücklicherweise weil in Gestalt von Inspektor Johnston bereits ein Vertreter des Gesetzes vor Ort. Für den Polizisten ist der Fall bereits gelöst und der Täter gefasst. Als Amtsrichters hat Maybury ein vitales Interesse an der Wahrheit.

Vorgeschichte

Während sie darauf warten, dass ein Gewitter vorüberzieht, erzählen diverse Gentlemen, was sie über die Vorschichte wissen. Joe Dury war demnach eher das Opfer des Raufbolds und Maulhelden Daniel Benton in der meisten Zeit der drei Jahre, seit Benton sich im Nachbarhaus niedergelassen hatte. Da es nur den einen Pub namens „Greyhound“ im Dorf gibt, konnten sie einander nicht aus dem Weg gehen. Wiederholt kam es zu Raufereien, wenn Benton zuviel getrunken hatte, und als die Cops anrückten, vermöbelte Benton auch sie. Richter Maybury verdonnerte ihn daraufhin zu drei Monaten Knast.

Kaum war Benton wieder entlassen, als der Ärger erneut losging. Der ehemalige Seemann warf einen Stein auf Durys Hund und brach sein Bein. Das erboste wiederum Dury so, dass er Benton in dessen Haus aufsuchte und weiß Gott was als Wiedergutmachung verlangte. Jedenfalls endete die Begegnung damit, dass Benton von einer Harpune durchbohrt wurde und starb. Betsy, Bentons Haushälterin, holte daraufhin die Polizei.

Der Tatort

Die Gentlemen begeben sich nach dem Gewitter zum Tatort, nehmen diesen genau in Augenschein und lassen anschließend Betsy rufen, damit sie ihre Aussage wiederholt. Holmes befragt sie. Demnach hatte Benton niemals Gäste, sondern vielmehr große Angst vor diesen – er ließ abends immer alle Türen und Fenster verriegeln.

Doch nachdem Joe Dury nach einem Streit wegen seines Hundes gegangen war, traf ein weiterer Besucher ein. Den habe sie aber nicht gesehen, sondern wurde lediglich Ohrenzeugin des Gesprächs. So war sie in der Lage, den rätselhaften Satz „Die dritte Glocke im zweiten Hund, du Schein!“ zu vernehmen. Genau wie sie können die Gentlemen offenbar nichts damit anfangen. Für den Inspektor ergab sich jedoch der Zusammenhang zu Durys Hund – Fall gelöst.

Der wahre Täter

„Es wurden zwei Harpunen benutzt“, sagt Holmes. Johnston ist einigermaßen verblüfft. Die Walfängerharpune, die aus Bentons Leiche ragt, wäre eigentlich Beweis genug. Doch Holmes zeigt ihm eine tiefe Delle in der Wand, die von einer weiteren Harpune stammen muss, nämlich jener, die neben der Leiche liegt. Außerdem weist Holmes auf das halb geleerte Glas Rum hin. So etwas trinken eigentlich nur Seeleute, und Benton war ja einer. Möglicherweise sein zweiter Gast aber auch. Denn der benutzte Seemannssprache wie Glocke und „Hund“ statt „Hundswache“.

Holmes gibt dem verblüfften Richter Maybury sowie Watson eine erstaunlich genau Täterbeschreibung: braungebrannt, kräftig, bärtig und mit schwankendem Gang. Dürfte nicht schwer zu finden sein, oder?

Mein Eindruck

Im Mittelpunkt dieses „geheimen“ Kriminalfalls steht mal wieder eine Art Seeabenteuer, wie wir es bereits vom Fall der „Gloria Scott“ (Holmes Nr. 26) kennen. Daniel Benton besaß zu Lebzeiten einen Walfänger, doch seine Matrose hatten unter ihm wie unter einem Teufel zu leiden. Als er einem der Matrosen die Braut ausspannte, nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Jetzt, 30 Jahre später, hat Benton seinen verdienten Lohn erhalten: eine Harpune durch die Brust.

Die Frage lautet nun, ob man den Mörder für seine Tat verurteilen muss oder kann. Diese Frage muss Richter Maybury beantworten. Eines wird schnell klar: Joe Dury ist unschuldig und sollte aus dem Gefängnis entlassen werden. Aber da hat auch Inspektor Johnston noch ein Wörtchen mitzureden.

Die Highlights dieser Folge sind zunächst die Untersuchung des Tatorts, bei der einige für den Inspektor überraschende Details zutagetreten. Zum anderen besteht der zweite Höhepunkt die als Rückblende erzählte Geschichte des anderen Seemanns, jenes Mannes, der die erste oder zweite Harpune so kräftig geworfen hat, wie es nur ein Walfänger tun kann, wie Holmes behauptet.

Woher Holmes diese Kenntnisse hat, bleibt im Dunkeln. Meines Wissens enthält seine Biografie kein seemännischen Tätigkeiten, aber man sollte den Meisterdetektiv nie unterschätzen. Wie auch immer: Häppchenweise erfahren wir, welche Tragödie sich an Bord des Walfängers von Daniel Benton abgespielt haben muss. Ohne in Details gehen zu wollen, sei verraten, dass sich Benton nicht anders als der mieseste Sklavenhalter gegenüber der Braut verhalten hat. Aber rechtfertigt dies schon seine Tötung?

Wer genau zuhört, findet heraus, dass Benton seinen letzten Atemzug genau in jener Minute tut, zu der auch die Braut seines Mörders starb, nämlich „zur dritten Glocke im zweiten Hund“. Holmes erklärt die genaue Uhrzeit detailliert, so dass niemand im Unklaren bleibt.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher

Dr. Watson nimmt die Stelle des zweifelnden gesunden Menschenverstandes gegenüber Holmes ein, welcher ein getriebener Junkie der Vernunftarbeit zu sein scheint. Watson ist der Gemütsmensch, ein Jedermann mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Holmes jedoch ist nicht nur Kopfarbeiter, sondern auch Schauspieler und Manipulator von Menschen. Das zeigt sich auch in dieser Folge: Er überlistet den flüchtigen Täter, mit ihm zu kommen – als Mitfahrgelegenheit…

Sherlock Holmes

Es gibt mehrere Hauptfiguren, die auch stimmlich herausragen. Am besten gefällt mir Joachim Tennstedt als Sherlock, denn was er in diese Figur hineinlegt, ist sehr sympathisch und humorvoll – so als würde ein strahlender John Malkovich völlig entspannt aufspielen (liegt’s am Koks?). Holmes‘ einziger Fehler ist seine Ablehnung des weiblichen Geschlechts oder vielmehr des Umgangs mit dessen Vertretern. Das soll aber weniger an latenter Homosexualität liegen, als vielmehr an seiner Abneigung gegen jede Art von emotionaler Sentimentalität.

Aber Holmes ist auch ein ausgezeichneter Schauspieler und engagierter Boxer. Ab und zu treibt er sich als aktiver Detektiv in Londons Sauwetter herum und kehrt völlig ausgehungert ins Hauptquartier zurück. Dann darf Mrs. Hudson, die als moralisches Zentrum auftritt, ihm Essen kredenzen.

Watson

Dr. John H(amish) Watson, 36, ist das genaue Gegenteil seines Freundes: jovial, höflich, frauenfreundlich und durchweg emotional, außerdem glücklich verheiratet. Leider sind seine logischen Schlüsse von dementsprechend unzulänglicher Qualität. Das war zu erwarten und dürfte keinen überraschen.

Inspektor Johnston

Der Inspektor hat sich von einem vorgefassten Urteil leiten lassen und sich alle Indizien so zurechtgebogen, dass Joe Dury als schuldig erscheint. Wie könnte diese Landratte auch etwas mit einem Satz wie „Die dritte Glock im zweiten Hund“ anfangen? Dass er falschliegen könnte, kommt der von Michael Pan gesprochenen Figur nicht in den Sinn.

Richter Maybury

Martin May stellt den Richter und Gastgeber als einen vernünftigen Mann dar, der nichts auf Vorurteile gibt, aber gegen erwiesene Unruhestifter wie Benton streng vorgeht. Er hofft zwar auf Durys Freilassung, wartet aber ab, bis alle Fakten auf dem Tisch liegen.

Der Täter

Christoph Jablonka spricht diesen Tom Dixon als tragisches Opfer von Bentons Unrechtstaten. Nach 30 Jahren hat er endlich Gerechtigkeit erlangt, denkt er. Doch es gibt einen Unterschied zwischen Selbstjustiz und sanktioniertem Recht, und deshalb muss sich Dixon nun vor dem Richter rechtfertigen, zumindest informell. War seine Tat Mord, Totschlag oder gar Notwehr? Jablonkas Darstellung dürfte keinen Hörer kalt lassen.

Geräusche

Eine schöne Vielfalt von Geräuschen verwöhnt das Ohr des Zuhörers. Der Eindruck einer real erlebten Szene entsteht in der Regel immer. Zugwaggons und Kutschen rumpeln, ein Pferd wiehert, Kaminfeuer knistern, Zeitungen rascheln. Die meisten Szenen finden in einem Interieur statt: Tee gluckert beim Einschenken, Tassen und Besteck klappern, das Mitternachtsdiner wird eingenommen, eine Standuhr tickt vernehmlich. All diese Samples setzt die Tonregie zur Genüge ein, um einer Szene eine Fülle von realistisch klingenden Geräuschen zu vermitteln.

Die Musik

Das Intro, eine Art flott-dezente Teemusik, bildet den heiter-beschwingten Auftakt des Hörspiels und deutet die häusliche Idylle von Baker Street 221B an. Die sehr dezente Hintergrundmusik dient nur dazu, eine düstere oder angespannte Stimmung zu erzeugen, und zwar nur dort, wo sie gebraucht wird. Die Intermezzo-Musik teilt das Hörspiel quasi in drei Akte

Das Booklet

Das Titelmotiv zeigt Daniel Benton, das Opfer der blutigen Tat, mit einer Harpune in der Brist, wie passend für einen Walfänger. Die innere Doppelseite listet die aktuellen und kommenden Titel der Holmes-Reihe (s.o.) und des Gruselkabinetts auf. Die letzte Seite zählt sämtliche Mitwirkenden auf. Die CD und der Einleger sind mit den Sherlock-Holmes-Motiven versehen, die die Reihe von Anfang an begleitet haben.

Unterm Strich

Der Fall ist ein schönes Beispiel für die Formel „Trau dem ersten Eindruck nicht, bis der Meisterdetektiv spricht“. Auf die Lösung, die Holmes für den Tathergang liefert, dürfte selbst der gewiefteste Krimilöser nicht kommen, und sie hält eine tragische Seemannsgeschichte bereit. So erinnert die Episode an den Fall der „Gloria Scott“ (Folge 26). Herman McNeile hat einwandfreie Krimikost geliefert, und wir bekommen hoffentlich noch mehr solcher Fälle präsentiert.

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen.

Die Sprecherriege für diese neue Reihe ist höchst kompetent und renommiert zu nennen, handelt es sich doch um die deutschen Stimmen von Hollywoodstars wie John Malkovich (Tennstedt) und George Clooney (Bierstedt). Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für spannende Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert, und die Stimmen der Hollywoodstars Clooney und Malkovich vermitteln das richtige Kino-Feeling. Sprecher wie Michael Pan, Michael May und Arianne Borbach sind Veteranen bei Titania-Medien. Wenn ich mich nicht täusche, war Frau Borbach von Anfang an dabei.

CD: über 72 Minuten
ISBN-13: 9783785783139

www.Titania-Medien.de

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