Alan Bennett – Die souveräne Leserin

Königliches Lesevergnügen

Wer hätte gedacht, dass eine Liebeserklärung an die Queen und die Literatur so gut zusammenpassen? Die Hunde sind schuld. Beim Spaziergang mit der Queen rennen sie los, um den allwöchentlich in einem der Palasthöfe parkenden Bücherbus der Bezirksbibliothek anzukläffen. Ma’am ist zu gut erzogen, um sich nicht bei dem Bibliothekar zu entschuldigen, leiht sich ebenfalls aus Höflichkeit ein Buch aus – und kommt auf den Geschmack.

Die Auswirkungen der majestätischen Leselust sind unvorhersehbar, die Grundfeste des Buckingham Palace werden jedenfalls gehörig durcheinander gewirbelt und für den Leser bleibt kein Auge trocken. (Verlagsinfo)

Der Autor

Alan Bennett, 1934 in Leeds geboren, wurde bekannt durch seine TV-Comedy-Revue Beyond the Fringe. Er ist einer der populärsten britischen Dramatiker. Neben zahlreichen Theaterstücken und seinen Arbeiten für Fernsehen und Rundfunk schreibt Bennett seit Mitte der neunziger Jahre auch Prosa, unter anderem den Erfolgstitel Die souveräne Leserin. Elf weitere Titel sind bei Wagenbach lieferbar. Allein in Deutschland erreichten seine Bücher Auflagen von über einer halben Million Exemplaren. (Verlagsinfo)

Bennetts Arbeiten für das Fernsehen zeichnen sich durch genaue Beobachtung menschlicher Schwächen aus. Sein The Madness of George III (1991) wurde 1995 als King George – Ein Königreich für mehr Verstand verfilmt. Bennett wurde hierfür 1995 für den Oscar in der Kategorie Bestes adaptiertes Drehbuch nominiert. Außerdem gewann er nach 1986 und 1988 zum dritten Mal den Evening Standard British Film Award für das Beste Drehbuch. Gleiches gilt für den London Critics’ Circle Film Award. Bennett veröffentlichte mit Untold Stories 2005 seine Memoiren, nachdem er an Krebs erkrankte.

Bennett lebt mit seinem Lebenspartner Rupert Thomas in London. Es ist also kein Zufall, dass in seinen Werken Homosexuelle auftreten. (Quelle: Wikipedia.de)

Handlung

Die Queen hat sich ein Buch ausgeliehen, und nun ist der Bus der Leihbücherei wieder mal auf seiner Tour vor Windsor Castle. Leider kann sie niemanden rufen, der das Leihbuch zurückbringt, also tut sie es selbst. Die allgegenwärtigen Corgis begleiten sie. Der Fahrer des Busses ist nett und zuvorkommend, er nimmt das Buch entgegen und gibt ihr ein weiteres, das er ihr empfiehlt. Eines führt zum anderen, doch eines Tages fällt der Büchereibus dem Rotstift zum Opfer. Sie beauftragt einen jungen Laufburschen namens Norman, ihr weitere Bücher zu besorgen – schließlich gibt es in London genügend Büchereien, auch solche, die der Queen gehören.

Allerdings ist Norman homosexuell, seine Lieblingsautoren sind etwas, nun ja, ausgefallen, so etwa Jen Genet und Raymond Queneau. Macht nichts: Eine Queen scheut keine Schwierigkeiten. Sie ist dabei, das wahre Leben zu entdecken, das Leben ihrer Untertanen. Es kommt darauf an, keine Vorurteile zu hegen. Als sie den französischen Staatspräsidenten nach diesen Autoren fragt, ist dieser erst einmal auf höfliche Weise verblüfft – und lässt dann die Frage delegieren. Unterdessen beginnt die Queen, Notizen zu den einzelnen Büchern anzufertigen, etwa zu den „Pickwickiern“ und „David Copperfield“, aber auch zu Thomas Hardy, der doch einiges zu sagen hatte. Und sie macht sich scharfsinnige Notizen zu ihren Mitmenschen. Wenn sie notiert, denken die Bediensteten, sie sei nun endgültig senil geworden. Die Ärmste!

Das ungewöhnliche Verhalten der Queen fällt dem Protokollführer auf, der dafür sorgen muss, dass alle Termine eingehalten werden. Sir Kevin hält das Streichen von Terminen für subversiv und engagiert einen Agenten des Geheimdienstes, der dafür sorgt, dass Norman eines Tages verschwindet: Er wird versetzt. Ihre Majestät wird Norman erst Jahre später wiedersehen, bei einem Dinner an der Uni von Cambridge.

Vorerst hat sie mit dem Premierminister zu tun. Was für ein betrüblich ungebildeter Mann. Der Premierminister wünscht sich wie Sir Kevin, dass die neue Leidenschaft Ihrer Majestät ein Ende nehmen möge. Das Volk wundert sich bereits. Und wenn sich das Volk wundert, hinterfragt es seine Führungsschicht, Und das darf keinesfalls passieren. Es könnte nämlich herausfinden, dass seine „Oberen“ längst nicht so intelligent sind wie sie reden.

Doch es soll noch schlimmer kommen, viel schlimmer…

Mein Eindruck

Durch Lesen von Schriftstellern (wie Dickens, Hardy, Trollope und anderen), die ihre zeitgenössische Umgebung beobachteten und beschrieben, wird die Leserin selbst zu einer Beobachterin. Das gefällt nicht jedem. Sie ist kein willfähriges Rädchen in der royalen Maschinerie mehr. Sie beobachtet und beurteilt, sie fragt nach und hinterfragt. Als oberster Vorstand des royalen Haushalts darf sie über die Positionen des Personals verfügen. Als sie merkt, dass Norman verschwunden worden ist, macht sie sich Gedanken. Und als sie diese äußert, kommt Unruhe auf. Schlägt das alte Mädchen am Ende doch noch über die Stränge?

Die Queen hat zwar kein Regierungsamt inne, ist aber das Staatsoberhaupt, das selbige Regierung bestätigen muss. Nicht auszudenken, sollte sie sich weigern, den neuen Premierminister anzuerkennen – der zehnte in ihrer Amtszeit, wenn sie sich recht erinnert. Sie fühlt ihm schon mal auf den Zahn, als er sich ihr vorstellt, und merkt sofort, wo seine Bildungslücken liegen. Nein, die Queen hat keine Macht, aber sie hat immensen Einfluss. Nicht zuletzt sind es die zahlreichen Ordensgemeinschaften wie etwa der Hosenbandorden oder der Kronrat, über die quasi gebietet. Dem Kronrat gehören seine Mitglieder lebenslang an, eine Ehre zweifellos, aber auch eine Verpflichtung gegenüber der royalen Vorsitzenden.

In der köstlichen finalen Szene unterbreitet sie den Höchst Ehrenwerten Kronräten ihr Vorhaben, selbst ein Buch zu schreiben. Es ist die folgerichtige Konsequenz ihrer geistigen und charakterlichen Entwicklung, ja, sogar deren Krönung. Es gibt nur ein massives Problem: Die Königin darf keine Meinung haben. Denn damit könnte sie den gesetzesvorhaben, Ansichten und Entscheidungen Ihrer Regierung in die Quere kommen: sie kommentieren, kritisieren, womöglich sogar als zwielichtig oder, schlimmer noch, kriminell erscheinen lassen. Leider ist Ihre Majestät nicht von ihrem frevlerischen Vorhaben abzubringen. Es gibt nur eine zwingende Lösung für das Dilemma: Die Königin darf keine Majestät mehr sein…

Dieser Moment ist der Kulminationspunkt einer Emanzipation, einer selbsttätigen Befreiung. Durch Bewusstwerdung in der Literatur, Reflexion vor dem Hintergrund einer immensen Lebenserfahrung – zehn Premierminister und unzählige Skandale – gelingt es der Queen, aus dem für sie vorgesehenen Gefängnis auszubrechen. (Das haben nach ihr nur Prinz Harry und Herzogin Meghan geschafft.) Das Problem besteht natürlich, dass dieses Gefängnis unbedingt erhalten werden muss, um die geheiligte TRADITION aufrechtzuerhalten und das glorreiche England nicht in den Zustand der Republik absinken zu lassen. Das wäre so ungefähr die unterste Stufe der Barbarei, wenn man dem – meistens ziemlich verkalkten – Kronrat glauben möchte.

Für die Literaturgemeinde in aller Welt wäre ein Buch, das aus der Hand der Queen kommt, ein unschätzbarer Gewinn. Fotobände von den diversen Schlössern und Festivitäten der Windsors mögen ja ganz nett sein, auch Familienalben – aber die sind bekanntlich privat. Nein, es müsste und könnte schon ein originäres Buch von Ihrer Majestät sein, in der sie – auf schräge, umständliche Weise à la Emily Dickinson – erzählt, was sie von der gegenwärtigen Welt hält. Den Rest der Welt – und das britische Volk – würde beispielsweise brennend interessieren, was sie vom Brexit und der Bewältigung der Corona-Krise hält. Wird das Vereinigte Königreich mit dem Austritt Schottlands zerbrechen? So viele Fragen, so dringend nötige Antworten.

Unterm Strich

Ich habe das köstlich amüsante Buch in wenigen Stunden gelesen. Schon die Grundidee ist genial, aber die konsequente Weiterführung der royalen Entwicklung macht die Veränderung, die die Queen und ihre gesamte Umgebung durchlaufen, spannend. Es ist fesselnd zu lesen, wie die Umgebung auf das Leseverhalten der Queen reagiert. Eine alte Frau, die liest und sich Notizen macht– wie schlimm kann das schon sein?

Aber das alte Mädchen stellt auf einmal unbequeme Fragen, auf die selbst französische Präsidenten keine Antworten haben, geschweige denn ein britischer Premierminister. Und dann beginnt sie auch noch, Termine streichen zu lassen. Angeblich, um mal die „jüngere Generation“, d.h. diejenigen unter sechzig, zu ihrem Recht kommen zu lassen und in die Pflicht zu nehmen. Wohin soll das noch führen?

Wohin das führt, ist in der letzten, sehr groß angelegten Szene nachzulesen. Sie bietet einen großen Genuss. Wer schon ahnt, worauf das hinausläuft, der wird ein umso größeres Vergnügen haben. Eine Queen, die selbst ein Buch schreibt? Nun ja, das eine schließt das andere kategorisch aus, so leid es uns tut, Euer Majestät. Aber es gibt für alles eine Lösung, auch für dieses Dilemma. Man muss nur die Prioritäten entsprechend setzen.

Die Übersetzung

Die Übersetzung ist ungewöhnlich gut gelungen. Nicht nur fängt sie den leicht ironischen Tonfall, den der Autor von Anfang an anschlägt, bestens ein. Es gibt auch keine Druckfehler, und die zahlreichen literarischen Quellen sind korrekt zitiert. Fußnoten fehlen allerdings. Daher muss der Leser sein eigenes Bildungsgepäck mitbringen – oder eine Standleitung zur Wikipedia.

Werke (Auswahl)

1962: Beyond the Fringe (Bühnen-Revue)
1968: Forty Years On (Theaterstück)
1971: Getting On (Theaterstück)
1973: Habeas Corpus (Theaterstück)
1977: The Old Country (Theaterstück)
1980: Enjoy (Theaterstück)
1982: An Englishman Abroad (Fernseh-Drehbuch)
1985: The Writer in Disguise (Sammlung von Theaterstücken)
1986: Kafka’s Dick (Theaterstück)
Kafkas Franz, dt. von Nikolaus Hansen. Rowohlt-Theaterverlag, Reinbek bei Hamburg 1990
1988: Talking Heads (sechs Fernseh-Monologe)
Ein Sprung in der Tasse, dt. von Andrew Jenkins. Rowohlt-Theaterverlag, Reinbek bei Hamburg 1995.
Neuausgabe: Ein Kracker unterm Kanapee, dt. von Ingo Herzke. Wagenbach, Berlin 2010, ISBN 978-3-8031-1268-2.
1988: Single Spies (Theaterstück)
1990: 102 Boulevard Haussmann (Fernseh-Drehbuch)
1990: The Lady in the Van (Erzählung)
Die Lady im Lieferwagen (Erzählung), dt. von Ingo Herzke. Wagenbach, Berlin 2004, ISBN 3-8031-1225-7.
The Lady in the Van (1999; Theaterstück), dt. von Christiane Fenge. Rowohlt-Theaterverlag, Reinbek bei Hamburg 2003.
1992: The Madness of George III (Theaterstück)
Was, Was oder die Krankheit von König Georg III, dt. von Peter und John von Düffel. Rowohlt-Theaterverlag, Reinbek bei Hamburg 2001.
1994: Writing Home (autobiographische Essays)
1998: Talking Heads 2 (sechs Fernseh-Monologe)
Miss Fozzard findet ihre Füße, dt. von Ingo Herzke. Wagenbach, Berlin 2011, ISBN 3-8031-1276-1.
1999: Father ! Father ! Burning Bright (Erzählung)
Vatertage – Beziehungsgeschichten, dt. von Ingo Herzke. Wagenbach, Berlin 2007, ISBN 3-8031-1243-5.
2000: The Laying on of Hands (Erzählungen)
Handauflegen (Kurzroman), dt. von Ingo Herzke. Wagenbach Berlin 2005, ISBN 3-8031-1231-1.
2001: The Clothes They Stood Up In (Novelle)
Alle Jahre wieder – eine kleine Geschichte, dt. von Brigitte Heinrich. Fischer, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-596-14655-0.
Neuausgabe: Cosi fan tutte, dieselbe Übersetzung. Wagenbach, Berlin 2003, ISBN 3-8031-1213-3.
2004: The History Boys (Theaterstück);
2005: Untold Stories (Autobiographisches und Essays)
2007: The Uncommon Reader (Erzählung)
Die souveräne Leserin, dt. von Ingo Herzke. Wagenbach, Berlin 2008
2009: The Habit of Art (Theaterstück)
2009: A Life Like Other People’s (Autobiographie)
Leben wie andere Leute. Wagenbach, Berlin 2014
2011: Smut: two unseemly stories (Erzählungen)
Schweinkram, Zwei unziemliche Geschichten, dt. von Ingo Herzke. Wagenbach, Berlin 2012
2012: People (Theaterstück)
2016: Keeping On Keeping On.
Alan Bennett geht ins Museum. Übersetzung Ingo Herzke. Wagenbach, Berlin 2017. ISBN 978-3-8031-1326-9 [Essays aus: Untold Stories, Writing Home und Keeping on Keeping on]

Filmografie (Auswahl)

1983: Gentleman in Moskau (A Englishman abroad)
1985: Magere Zeiten – Der Film mit dem Schwein (Private Function)
1986: Der Versicherungsbeamte Dr. K (The Insurance Man)
1987: Das stürmische Leben des Joe Orton (Prick Up Your Ears)
1994: King George – Ein Königreich für mehr Verstand (The Madness of George III)
2006: Die History Boys – Fürs Leben lernen (The History Boys)
2015: The Lady in the Van
(Quelle: Wikipedia.de)

Hardcover: 120 Seiten
Originaltitel: The Uncommon Reader
Aus dem Englischen von Ingo Herzke.
ISBN-13: 9783803112545

www.wagenbach.de

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