Alan Garner – Boneland (Weirdstone-Trilogie 3)

Lohnender, anspruchsvoller Abschluss der Brisingamen-Trilogie

BRISINGAMEN, BAND 1: „Die Gegend um Alderley Edge (bei Manchester) ist unheimlich und sagenumwoben. Als Susan und Colin ihren Onkel dort besuchen, werden sie schnell in die schreckliche Wirklichkeit der alten Sagenwelt hineingerissen. Durch ihre Ankunft flammen die uralten Kämpfe zwischen dem guten Zauberer Cadellin und der bösen Morrigan wieder auf. Und sie selbst spielen eine zentrale Rolle dabei – mal erbarmungslos gejagt, mal geheimnisvoll beschützt.

BAND 2: Colin und Susan sind durch die damaligen Geschehnisse zu tief mit der magischen Welt verbunden worden, um weitere Kontakte zu verhindern. Im Gegenteil: Die bösen Mächte sinnen nun auf Rache und bieten Kräfte auf, die längst vergessen schienen. Aber die alte Magie folgt ihren eigenen Regeln, die nicht so einfach in ein Gut-und-Böse-Schema zu pressen sind. Am Schluss verschwindet Susan. Kann Colin sie zurückholen?

BAND 3: Colin Whisterfield lebt rund 20 Jahre nach diesen Vorfällen immer noch in der gleichen Gegend. Weil er sich nicht an die Zeit vor seinem 13. Lebensjahr erinnern kann und einen Angstzustand entwickelt, wendet er sich an die Psychotherapeutin Meg Massey. Sie hilft ihm, sich dem zu stellen, wovor sich seine Angst abwenden will. Zu seiner Überraschung begegnet er Susan wieder…

Der Autor

Alan Garner (* 1934 in Congleton, Cheshire) ist ein britischer Fantasyautor. Er wuchs in Alderley (wo auch sein erster Roman „Weirdstone“ spielt) bei Manchester auf und besuchte dort die Manchester Grammar School, in der eine Bibliothek nach ihm benannt wurde. Anschließend studierte er am Magdalen College der Universität Oxford. Dort lernte J R R Tolkien und C S Lewis kennen, las aber nicht deren Fantasyromane. Er weigert sich, Dichtung zu lesen und besteht darauf, den eigenen Cheshire-Dialekt zu sprechen: „Sir Gawain and the Green Knight“ (eine der wichtigsten Artus-Legenden) wurde im Cheshire-Dialekt geschrieben.“

Er ist Träger der Carnegie Medal, Gewinner des Guardian Award (beide für „The Owl Service“), des Phoenix Award (für „The Stone Book Quartet“) und wurde 2001 zum Officer of the British Empire (OBE) ernannt: Sir Alan. Er hat fünf Kinder aus zwei Ehen sowie mindestens drei Ehrendoktorhüte.

Nach Brisingamen war im Internet zeitweilig eine Marke von Schmuckstücken benannt. Das kann nur erfolgen, wenn der Namen allgemein bekannt ist. Das Buch “ The Weirdstone of Brisingamen“ gehört mittlerweile zum britischen Grundstock der Fantasy-Literatur, ist hierzulande aber kaum bekannt.

Seine Werke in zahlreiche Sprachen übersetzt worden (Auszug):

1) The Weirdstone of Brisingamen (1960, geändert 1963) spielt in Alderley bei Manchester.
2) The Moon of Gomrath (1963, Brisingamen #2), die in dem bronzezeitlichen Bergwerk von Alderley Edge in England spielen und Motive aus der Artus-Legende verwenden.
3) Elidor (1965), mit Motiven aus dem Lebor Gabala, dem Buch der Eroberungen, das über die Besiedlung von Irland berichtet.=> http://en.wikipedia.org/wiki/Lebor_Gabala
4) Holly from the Bongs: A Nativity Play (1966)
5) The Old Man of Mow (1967)
6) Owl Service (1967), basiert auf dem walisischen Epos Mabinogion; verfilmt 1970
7) Red shift (1973, geänderte US-Ausgabe, Korrekturen 1975)
8) Holly from the Bongs: A Nativity Opera (1974)
9) The Breadhorse (1975)
10) The Guizer (1976)
11) The Stone Book Quartet (1976-1978)
12) The Lad of the Gad (1980)
13) Potter Thompson (1985)
14) A Bag of Moonshine (1986)
15) Once Upon a Time (1993)
16) Jack and the Beanstalk (1993)
17) Strandloper (1996)
18) The Voice That Thunders (London, 1997), gesammelte Essays
19) Grey Wolf, Prince Jack and the Firebird (1998)
20) The Well of the Wind (1998)
21) Thursbitch (2003)
22) Freedom (2009)
23) Collected Folk Tales (2011)
24) Boneland (2012, Brisingamen #3)

Mehr Info: http://alangarner.atspace.org/works.html

Handlung

Viele Jahre sind vergangen, seit Colin Whisterfield mit seiner Schwester Susan gegen Trolle, Hexen und Orks gekämpft hat – an der Seite eines Magiers, von Kriegern der Zwerge und Elben. An die Zeit vor seinem 13. Lebensjahr kann und will er sich aber nicht erinnern. Sein Verstand hat eine Barriere errichtet. Dafür kann er nun Lexikonartikel Wort für Wort zitieren. Mittlerweile ist er ein Astronom geworden, ein Vermesser des Himmels. Sein Radioteleskop ist immer auf die Pleiaden gerichtet, die Sieben Schwestern. Außerdem ist er Experte für Geologie und Vogelkunde.

Leider wird Professor Whisterfield nicht nur von den Ärzten als verrückt angesehen. Alle Medikamente verfehlen ihre Wirkung. Er bekommt die Empfehlung, zur Psychotherapeutin Dr. Meg Massey zu gehen. Ob sie wohl eine Hexe ist? Colin ist auf Hexen wie die Morrigán nicht gut zu sprechen, denn die war an Susans Verschwinden schuld, denkt er.

Meg Massey stellt sich als erstklassige, aber eigenwillige Psychotherapeutin heraus. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es ihr darum geht, dass sich Colin seiner Angst stellt. An einem Tag kommt sie ihm in seiner Hütte, die am Rande deines Steinbruchs steht, besonders nahe. Prompt erscheint Susan, die Totgeglaubte, als Erscheinung. Ist sie eifersüchtig?

Der Hüter

Die Mittelsteinzeit vor 750.000 Jahren. Der Hüter verfügt über die Magie des Träumens und bewegt sich zwischen der Geisterwelt und unserer Welt hin und her. Nachts tanzt er wie ein Schamane in der Höhle Ludcruck, wo die Bilder von Auerochsen, Bären und Kranichen an die Wände gemalt sind. Sie spiegeln sich in den Sternbildern des Nachthimmels.

Er befolgt die Gesetze des Lebenskreislaufs: Ein tote Frau und ihr Baby legt er auf einen hohen Steinstapel, damit die Raben sie in den Kreislauf zurückbringen. Die übriggebliebenen Knochen bettet er in der Höhle zur Ruhe. Sein Reit- und Totemtier ist der Graue Wolf, der mit ihm die gleiche Gedankensprache der Geister versteht.

Die Jahre vergehen und der Hüter wird alt und gebrechlich. Höchste Zeit also, die Frau im Stein zu wecken und dafür zu sorgen, dass Nachwuchs entsteht. Denn alles andere würde das Ende der Welt, wie er sie kennt, bedeuten. Zuerst muss er allerdings den Stein der Mutter finden, den Flintstein, und daraus Werkzeug formen.

Als er endlich fündig wird, stößt er auf fremde Menschen: drei Frauen mit einem Kind, dazu nicht gerade freundliche Jäger. Diesen erzählt er seine Geschichte. Unter ihnen ist ein Mann, der bestätigt, dass alle Geschichten des Hüters wahr seien. Endlich kann sich der Hüter in der Höhle Ludcruck müde zur Ruhe legen…

Colin

Zu Colins Verblüffung besitzt sein Vorgesetzter am Jodrell-Radioteleskop einen uralten, seltsam geformten Stein. Begeistert untersucht er ihn und entdeckt seinen ursprung in der Mittelsteinzeit. Eigentlich dürfte der Stein – es ist ein Werkzeughammer zur Herstellung von Feuersteinklingen – in England gar nicht existieren. Doch woher stammt er dann? Colin lässt sein Bewusstsein in den Stein fließen und entdeckt den Hüter…

Mein Eindruck

Der Roman erzählt parallel zwei Geschichten, einmal die gegenwärtige Colins, zum anderen die des namenlosen Hüters in der fernen Vergangenheit. Durch die Magie des Erzählens und in Übereinstimmung mit Colins eigener Auffassung von der Relativität der Zeit verbinden sich die beiden Geschichten am Schluss. Mich beschlich aber an manchen Stellen der leise Verdacht, dass der Hüter ein unbewusster Teil von Colins ungewöhnlicher Persönlichkeit sein könnte.

So ist es etwa kein Zufall, dass beide sich für die Vergangenheit und ihre Bedeutung interessieren. Colin, der viele Fächer studiert hat, kennt sich mit Geologie, Archäologie und Vogelkunde aus. Er weiß, wo Sedimente angelagert wurde und wo mal ein Vulkanausbruch Gestein aus dem Erdinnern an die Oberfläche befördert hat. Und er kennt die Steinwerkzeuge aus dem Erdaltertum ganz genau. Der schwarze Stein, der auf dem Schreibtisch seines Chefs auftaucht, liegt ungemein gut in der Hand, gerade dafür geschaffen, damit Feuerstein zu bearbeiten und Klingen für die Jagd herzustellen.

Sowohl Colin als auch der Hüter haben eine „Theorie“ bzw. Mythologie für die Entstehung und Beschaffenheit des Kosmos, eine Kosmogonie. Der Hüter glaubt, dass der Kranich, der aus dem Ei des Ursprungs schlüpfte, Himmel und Erde erschuf. Er schickt die Adler zu den Sternen, um ihnen Nahrung für ihr Leuchten zu bringen. Und um die Sonne jeden Morgen zum Aufgehen zu bringen, ist eine weitere Anstrengung nötig: Singen von Beschwörungen, Tanzen und vieles mehr. So ein Hüter hat einen richtigen Fulltime-Job.

Dass sie beide eine Frau suchen, ist ebenfalls kein Zufall. Colin ist seit seinem 13. Lebensjahr auf der Suche nach der verschwundenen Susan. Mit Meg Masseys Hilfe erkundet er, was damals, als er vom Blitz getroffen wurde, wirklich geschah. Es klingt alles ganz vernünftig, und doch: Susans Spur verliert sich ohne jede Erklärung auf einer Insel mitten in einem See. Sie kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben, oder? Und der Blitz, der Colin seinerzeit niederstreckte, soll aus einer punktuell erschienenen Wolke niedergefahren sein. Hat man so etwas schon mal gehört? Kein Wunder, dass Colin immer noch an Hexen und Schwarze Magie glaubt.

Meg Massey

…ist womöglich solch eine Hexe. Colin würde es nicht ausschließen. Sie muss seinen Widerstand brechen, ihn umgarnen, bis er Vertrauen zu ihr fasst. Das Eigentümliche an Meg ist allerdings, dass sie eine Sprache spricht, die man in Cheshire nicht gerade erwarten würde: Es ist eine Mischung aus amerikanischer Umgangssprache, britischer Akademikersprache und nicht wenig Cheshire-Dialekt – und das ist die Sprache der Gegend, in der Colin, der ja aus London stammt, nun lebt.

Dass sie in Literatur bewandert ist, wundert ihn schon gar nicht mehr. Dass ihr Fahrer Bert aus der Gegend ist und sich entsprechend ausdrückt, passt für Colin gut ins Bild. Ihm fällt nicht auf, dass Bert immer dann bereitsteht, wenn man ihn braucht, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Mit anderen Worten: Meg und Bert sind wahre Wunderwerke. Genau wie die Erscheinung Susans, die Colin durch eine physikalische Konstruktion geweckt zu haben scheint. Schon bald beschlich mich ein Verdacht, dass vielleicht alle diese Figuren nicht ganz wirklich sind. Der Schluss bestätigte diesen Verdacht.

Unterm Strich

„Boneland“ will erschlossen werden. Es ist ein Alterswerk des von der Königin zum Ritter geschlagenen Autors, und bekanntlich ergehen sich alte Autoren nicht bgerade in weitschweifigen Beschreibungen. Im Gegenteil: Sie beschränken sich auf das Nötigste, so wie sie es für richtig und angebracht erachten. Der Leser hat sich nach ihnen zu richten, nicht umgekehrt.

Daher kann der Leser überhaupt froh darüber sein, dass die Weirdstone-Trilogie einen zufriedenstellenden Abschluss gefunden hat. Nach Band 2 waren doch noch etliche Fragen offen. Was damals für Kinder geschrieben wurde, richtet sich nun jedoch an Erwachsene und ist entsprechend vielschichtiger und vieldeutiger.

Es ist allerdings nicht so, als fühlte sich der Autor bemüßigt, alles haarklein zu erklären. Vielmehr ist sein Roman, der aus zwei Geschichten besteht, eine Metapher darstellt, mit deren Deutung sich der Leser die Erklärungen erarbeiten kann. Damit das nicht platte Deutungsarbeit wird, hat der Autor etliches an Neuheiten eingeführt.

Seit den Romanen „Die Erben“ (1955) von William Golding und „Die Steinwelt“ von Jim Crace (1992) habe ich nicht mehr solche einfühlsamen Szenen aus der Steinzeit gelesen. Es ist als habe sich der Autor selbst in die Lage eines Steinzeitarbeiters versetzt, eines Bildhauers von Werkzeugen, um jeden einzelnen Schlag begründen zu können. Die Mythologie des Hüters scheint mir ebenfalls originär zu sein, aber ich will nicht ausschließen, dass es irgendwo auf der Welt einen Schöpfungsmythos gibt, in dem der Kranich die zentrale Rolle spielt.

Poesie und Humor

Der Autor ist ein Experte für Volksmusik und Volkslieder, das hat er vielfach unter eweis gestellt (siehe oben das Werksverzeichnis). Auch hier tauchen viele Lieder und Gedichte auf. Sie erfüllen nicht nur den Verstand Colins, sondern auch den des Hüters. Soe liegt die Assoziation nahe, dass der eine im anderen präsent ist, zumindest als Teil. Die Lieder drehen sich immer um eine Frau: „Wer ist sie? Wie kann ich sie lieben?“

Und Meg Massey stellt ebenfalls immer die Gral-Frage: „Was ist es? Woher kommt es und wozu dient es?“ Die Grals- und Artuslegende ist untrennbar mit England und seiner Geschichte verbunden. Aber macht das Colin bereits zum Ritter? Jedenfalls hat er zu entscheiden, ob die im Berg schlummernden Artus-Ritter des ersten und zweiten Bandes wiederkehren sollen.

Allerdings führt der Autor mit Meg eine Figur ein, die mehr als nur ein kleines Quäntchen Humor mitbringt. Ihr Humor ist sehr trocken und keineswegs augenfällig oder gar aufdringlich. Nichtsdestotrotz nimmt sie Colin vielfach auf die Schippe, da kann er noch so weinerlich, wütend oder melancholisch sein, sie findet immer einen Ansatz, um ihn mit leiser Ironie zurechtzuweisen. Vielleicht ist sie ja doch eine Hexe, wer weiß?

Der heiße Brei

Wer sich dies nun liest, als würde ich um den heißen Brei herumreden, so ist der Grund dafür einfach: Der Roman liefert eine – poetische – Erklärung für das Rätsel, das Colins Leben umgibt. Susan verschwand spurlos, und jetzt ist sie wieder da, aber nur als Geist. Wie lässt sich das erklären? Und welche Rolle spielt dabei der Hüter? Wie sich zeigt, ist die Erarbeitung der Bedeutung des Romans die Lösung, die der Leser sich erhofft. Das klingt nach geistiger Schwerstarbeit für die MP3-Generation, ist es aber nicht: Der Roman, nur 150 Seiten lang, macht Spaß – wenn man ein paar Dinge beachtet.

Das Englisch-Niveau

Die Originalausgabe eignet sich m.E. nur für Leser, die die englische Sprache vollständig beherrschen. Englisch wird hier auf zahlreichen Ebenen und in zahlreichen Idiomen und Fachsprachen gesprochen (s.o.). Der Autor wäre zudem kein stolzer Cheshire-Mann, wenn er nicht laufend seinen eigenen Dialekt verwenden würde.

Und er wäre kein Poet, wenn er dabei nicht selbst kreativ würde. Eine Prägung wie „Strewth!“ fordert die Interpretationskraft auch des Native Speakers heraus. Was könnte das Wort bedeuten? Meine Deutung: „It’s the truth!“ (Das ist die Wahrheit.) Weil auch Wortspiele wie „patient“ (geduldig/Patient) verwendet werden, halte ich es für unwahrscheinlich, dass man den Roman schon bald ins Deutsche übersetzt findet.

Ein Fehler findet sich auf S. 85: Statt „Megapa[r]sec“ muss es „Megaparsec“ heißen. Parsec ist eine astronomische Längeneinheit (3,26 Mio. Lichtjahre).

Mit anderen Worten: Dies ist ein Roman, bei dem es sich – für Englischkenner – lohnt, ihn drei oder viermal zu lesen, um sich seine Bedeutungsebenen zu erschließen. Garner selbst sagte nach seiner eigenen Psychotherapie, dass der Schwerpunkt seiner Recherche für dieses Buch sich auf den „universalen Mythos des schlafenden Helden“ (vgl. Artus unter dem Stein, in der Höhle) konzentrierte.

Das passt gut zu meinen eigenen Überlegungen. Aber mehr zu sagen, würde das Geheimnis des Buches preisgeben. Wie bei Christopher Priests „Prestige“ bildet das LESEN des Buches (oder das ANSCHAUEN der Verfilmung) das Ergebnis eines Zaubertricks, nämlich „The Prestige“. Und das darf man nicht vorher verraten, sonst funktioniert der Trick nicht.

Taschenbuch: 160 Seiten
Sprache: Englisch
ISBN-13: 978-0007463251

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