Brian W. Aldiss – Graubart

Ein Roman mit Mümmelgreisen als Hauptfiguren? Das soll wohl ein Scherz sein! So dachte ich zumindest, bevor ich mich an dieses wundervolle Buch von 1964 herantraute. Und das Wagnis hat sich gelohnt: Dies ist nicht nur eine unterhaltsame, sehr menschliche Geschichte, sondern sie ist auch humorvoll und skurril. Doch die Botschaft ist ernst.

Handlung

Viele Wissenschaftler hatten eindringlich davor gewarnt, doch die Militärs glaubten, nicht auf sie verzichten zu können. Also wurden die Atomtests 1981 außerhalb der Erdatmosphäre durchgeführt. Die Befürchtungen schienen grundlos gewesen zu sein, doch nach einigen Jahren ließ es sich nicht länger vertuschen: Es kamen keine Kinder mehr zur Welt. Um genau zu sein: Es kamen auch keine Jungen von Haustieren mehr zur Welt. Die Menschheit hatte es fertiggebracht, sich selbst zu sterilisieren. Seuchen rafften viele der Überlebenden dahin. Die Welt ist beinahe leer.

Der Roman beginnt recht idyllisch in den schilfigen Wiesen am Ufer der oberen Themse, etwa im Jahr 2029. Eine Familie von Iltissen pirscht sich an ein Kaninchen heran. Das Karnickel gehört einem Hof im Dorfe Sparcot. Hier wohnen nur noch Greise, und der Held des Romans, Algy Timberlane, genannt ‚Graubart‘, ist mit seinen 54 Lenzen geradezu ein Jüngling. Er gehört zur Stadtwache des Dorfes, als er Gerüchte von einer schottischen Invasion hört, aber auch von einer Iltisplage und Dachskindern und Gnomen ….

Als dann wirklich zwei Boote die Zollbrücke von Sparcot passieren wollen, kommt es zum einem beispiellosen Ausbruch von blutiger Gewalt. Während die Greise ausflippen, macht sich Graubart mit seiner Frau Martha angewidert aus dem Staub. In seinem Boot schippert er die fast zugewachsene Themse hinunter – bis zur Mündung.

Die Menschen sind sehr viel älter (und kränker) geworden, die sozialen Strukturen sind zerfallen, das kurze Zeitalter der Herrschaft des Menschen – gerade mal 5000 Jahre – neigt sich seinem Ende zu. Nur eins ist geblieben: das zählebige, sehnsüchtig für wahr gehaltene Gerücht, es würden dann und wann doch immer wieder Kinder geboren. Nur blieben sie unsichtbar …

Graubarts Odyssee

Die Schilderung von Algys Bootsfahrt wird unterbrochen von Rückblenden, die immer weiter zurück in die Vergangenheit führen. So wartet der Leser gespannt auf die Antwort auf seine Frage: Wie konnte es dazu kommen und was passierte als Folge davon? Die vorwärts gerichtete Erzählung aus der Gegenwart hingegen beantwortet die spannende Frage: Wie bizarr kann eine Welt schon sein, in der praktisch alle über 70 oder 80 sind? Und: Könnte es nicht doch Kinder geben – irgendwo?

Die Timberlanes hatten einst in London gelebt, waren dann nach Oxford vertrieben worden, von wo sie vor einem Diktator nach Sparcot geflohen waren. Elf Jahre später hat Algy die Nase voll und zieht gen Meer. Doch die Welt ist voll Not, und schon bald haben andere Leute die Vorräte geklaut. Wachsamkeit ist angezeigt.

Skurrile Alte tauchen auf. Den alten Norsgrey halten sie erst für einen Gnom, und seine Frau ist stets gut versteckt – ein Dächsin? Noch seltsamer ist der Quacksalber Bunny Jingadangelow, dem Algy auf dem Markt von Swifford begegnet: Bunny trägt einen Mantel aus Kaninchenfellen und verkauft ein Jugendserum. Sein Top-Act aber ist die Präsentation eines Jünglings, der aber ein raffiniert aufgetakelter Greis ist. Freakshows und Bordelle sind die Hauptattraktionen in Swifford.

Sie erreichen Oxford, wo ein paar ausgemergelte Profs ein Leben der Gelahrtheit fristen, und kreuzen über das Binnenmeer von Berkshire (unter dem wohl Windsor liegen muss). Die letzte Rückblende zeigt uns Algys Kindheit in London: eine bittersüße Reminiszenz.

Das Buch endet mit einem Ton der Hoffnung: Die Legenden von Waldgeistern bewahrheiten sich – und sie haben Kinder. Doch sie müssen für sich bleiben, um überleben zu können, erkennt Algy. Für den Homo sapiens also kein Lichtblick.

Fazit

Das Buch ist nicht nur eine hervorragend erzählte Entdeckungsreise durch eine bizarre Zukunft, sondern in seiner Konsequenz auch eine entschlossene Anklage gegen alle Atomversuche und jede Art von Militarismus. Algy war im Kriegseinsatz, um Kinder aufzuspüren – hier greift der Autor auf eigene Erlebnisse als Soldat zurück. Er war im Zweiten Weltkrieg bei britischen Truppen in Burma stationiert und kämpfte gegen die Japaner. Er weiß, wovon er schreibt.

Auch die Schilderung des faschistischen Diktators Croucher in Oxford beruht auf Aldiss‘ mittelbarer Erfahrung der Hitler-Diktatur und ihrer Unterdrückungsmechanismen – Englands Zivilbevölkerung erhielt unter dem Kriegsrecht sicherlich einen kleinen Vorgeschmack davon.

Literarisch steht das Buch in einer langen Tradition von „gemütlichen“ Katastrophenromanen, die bis zurück ins 19. Jahrhundert reicht, bis zu Richard Jefferies „After London“. Ein Romanauszug daraus findet sich in James Gunns „Wege zur Science Fiction: Von Shelley bis Clarke“.

Unterm Strich: eine lohnenswerte Entdeckung.

Taschenbuch: 298 Seiten
Originaltitel: Greybeard, 1964
Aus dem Englischen übertragen von Reinhard Heinz
www.heyne.de

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