Alma Katsu – The Hunger. Die letzte Reise

Verhängnisvoller Treck nach Westen
Springfield, Illinois, im Jahr 1846. Ein ansehnlicher Wagenzug zieht unter der Leitung von George Donner nach Kalifornien. Doch die Reise in den Goldenen Westen ist gefährlich, und die Vorräte sind knapp. Dann kommt ein kleiner Junge unter mysteriösen Umständen zu Tode, und weitere Menschen verschwinden spurlos. Offenbar sind die Siedler nicht alleine in den Weiten der Prärie. Etwas begleitet sie. Etwas, das großen Hunger hat… (Verlagsinfo)

Die Autorin

Alma Katsu wurde 1959 in Fairbanks, Alaska, geboren und ist Absolventin der Johns Hopkins University und der Brandeis University, wo sie zusammen mit dem Bestsellerautor John Irving Literatur und Kreatives Schreiben studierte.

Sie arbeitete viele Jahre als Senior Intelligence Analyst für verschiedene US-Bundesbehörden und ist immer noch als politische Beraterin tätig – wenn sie nicht gerade schreibt. Katsu lebt mit ihrem Mann in der Nähe von Washington, D.C.. Die Filmrechte an „The Hunger“ wurden an Ridley Scotts Produktionsfirma Scott Free Productions verkauft.

Handlung

Von Springfield, Illinois, sind sie im April 1846 aufgebrochen: teils deutsche Einwanderer, teils Leute aus Neuengland, teils Soldaten. Alle wollen ins Gelobte Land, ins Goldene Kalifornien. Dort gebe es noch kostenloses Land, predigen die Werber – und Gold. Nur manche fragen sich insgeheim, ob das Land nicht noch den Mexikanern gehöre, so wie bis 1836 auch Texas. Der Treck, der den Missouri hinaufzieht, umfasst mehr als einige Dutzend Planwagen und hunderte von Menschen. Von den gefürchteten Indianern ist fast nichts zu sehen, so dass man Fort Laramie, das nahe des Oberlaufs des North Platte River liegt, fast unbehelligt erreicht.

Unnatürlicher Tod

Beinahe, denn das mysteriöse Verschwinden des kleinen Jungen der Nystroms hat die Gemüter beunruhigt. Als man seine sterblichen Überreste Meilen entfernt mitten in der Prärie findet, ist praktisch nur noch der Schädel übrig; der Rest des Skeletts ist wie abgenagt. „Tun die Wilden so etwas?“, fragen sich manche. Und ungehobelte Männer wie Lewis Keseberg oder John Snyder sagen: „Ja, so was tun die Wilden.“ Nur der bebrillte Edward Bryant wagt ihnen zu widersprechen. Er ist Journalist und hat unter Indianern gelebt, um ihre Mythen, Lebensanschauungen und Bräuche zu erforschen. „Nicht mal die verrücktesten Indianer würden so etwas tun, Gentlemen“, versichert er. (Inzwischen wissen die Indianer nämlich, dass die Weißen jede Menge Krankheiten übertragen, gegen die die Eingeborenen keine Abwehr aufzuweisen haben.)

Hexe

Die unverheirateten Männer werden den verheirateten und vor allem von deren Ehefrauen scheel angeschaut und entsprechend getriezt. Bryants einziger Freund im Treck ist Charles Stanton, ein gutaussehender Bursche aus Neuengland, der seiner Bostoner Verlobten Lydia nachtrauert (deren traurige Geschichte nachgeliefert wird). Schon bald muss er sich von Keseberg und George Donner, dem ungewählten Anführer des Trecks, anzügliche Bemerkungen anhören. Und als ihn Tamsen Donner, die schöne, junge Frau dieses Anführers, verführt, wird er noch mehr ausgegrenzt. Schon bald lernt er, der als „Hexe“ verschrienen Frau aus dem Weg zu gehen, was sie nicht gerade glücklich macht. Dafür fühlt er sich zu der jungen, ledigen Mary Franklin hingezogen.

Im Stich gelassen

Als Bryant der Treck zu langsam vorankommt, bricht er mit Thomas, einem christianisierten Paiute-Indianer, von Laramie aus gen Westen auf, um in der Sierra Nevada die legendären Menschenfresser der Anawai zu suchen. Charles Stanton bleibt noch isolierter zurück. Mit Ach und Krach erreicht der Treck Fort Bridger, das sich als lausiges Rattennest von einem Handelsposten herausstellt.

Hier wollte George Donner den Führer Lansford Hastings treffen, um über eine Abkürzung durch die Wasatch-Berge zu ziehen. Doch Hastings ist nicht nur schon vor zwei Wochen aufgebrochen, sondern hat auch noch eine ernste Warnung hinterlassen: „Kehrt um!“ Das wagt Donner aber nicht, vor allem aus Angst, sein Ansehen zu verlieren. Doch an seiner Stelle schwingt sich James Reed zum Anführer auf. Mittlerweile ist es schon August und bis zum Wintereinbruch in den Bergen bleiben nur noch Wochen. Also drückt Reed aufs Tempo. Die „Abkürzung“ sollte eigentlich Zeit zurückgewinnen, ist aber für Ochsenwagen schier unpassierbar. Stattdessen verliert der Treck mehrere Wochen und wird extrem geschwächt.

Verbotene Liebe

In Fort Bridger lernt Elitha Donner, die die Stimmen der Toten hört, den Indianerjungen Thomas kennen. Seit seiner Rückkehr ohne Bryant wird er wie ein Gefangener gehalten, denn man verdächtig ihn des Mordes an Bryant. Sie gibt ihm Plätzchen und etwas zu trinken. Nach wenigen Tagen, die er in Freiheit verbringen darf, ist sie soweit, dass sie ihn küssen will. Er hört die Stimmen der Geister nämlich auch. Und alle warnen vor schlimmen Dingen, die da kommen werden.

Besessen

Luke Halloran leidet an Schwindsucht. Nur Tamsen Donner mit ihren Heilmitteln pflegt ihn in ihrem großen Wagen. Als er wieder gesund wird und liebesgeil um sie herumzuschleichen beginnt, bekommt sie es ein wenig mit der Angst zu tun. Nach einem blutigen Zwischenfall dreht Halloran richtig auf, doch er warnt Tamsen: „Ich will dir nichts tun, und wenn ich noch so hungrig bin. Das bin nicht ich.“ Sie erkennt, dass er möglicherweise besessen ist. Von einem indianischen Dämon? Auch sie fühlt sich ab und zu hungrig, aber nicht nach Blut oder gar Menschenfleisch wie Halloran, sondern nach Freiheit und Unabhängigkeit. Mit Luke Halloran nimmt es hingegen ein schlimmes Ende…

Die weiße Wüste

Die Wasatch-Berge bringt der Treck mit Ach und Krach hinter sich, obwohl alle Vegetation vertrocknet ist und die Ochsen nicht zu fressen finden. Auch alles Wild hat sich aus dem Staub gemacht. James Reed, der dachte, dass hinter den Bergen nur noch eine Tagesreise läge, bis Kalifornien mit Sutters Fort auftauchen würde, sieht sich getäuscht. Tag um Tag vergeht, und aus dem staubigen Beifußgras wird allmählich eine salzige Wüste: der Große Salzsee. Sogar die Tornados sind aus salzigem Staub. Sie müssen einige Ochsen erschießen. Teilen und rationieren will aber offenbar keines der Familienoberhäupter.

Am Ende der weißen Wüste stoßen sie auf die Bestattungsgestelle von Indianern. Doch diese Leichen wurden nicht den Vögeln überlassen; sie wurden verbrannt. „Als ob man eine Krankheit vor der Ausbreitung bewahren wollte“, meint Reed mit einer finsteren Vorahnung. Wenig später wird er verstoßen und verbannt. Ob er es alleine nach Kalifornien schafft, ist zu bezweifeln. Keiner bekommt mit, dass seine Tochter Virginia ihm mit denen letzten, kostbaren Vorräten hilft.

Feuer

Es ist natürlich der skrupellose Lewis Keseberg, der die Toten um eine Decke beraubt. Er beginnt, Tamsen ernsthaft nachzustellen und ihr anzügliche Bemerkungen über ihre Tochter Elitha ins Ohr zu flüstern. Der Besessene und seine Drohungen versetzen Tamsen Donner in Panik.

Wenig später sieht sie drei wilde, geradezu unmenschliche Gestalten aus dem Busch sie anspringen und wirft ihnen ihre Laterne entgegen. Das brennende Lampenöl hat zwar den gewünschten Effekt auf den getroffenen Wilden, doch es entfacht auch einen Großbrand. Der ganze Wagenzug droht, in den Flammen des Buschbrandes umzukommen…

Mein Eindruck

In der Sierra Nevada gerät die inzwischen aufgeteilte Karawane in einen Schneesturm, der fünf Tage anhält. Da die Vorräte aufgebraucht sind und Jagd unmöglich ist, müssen die letzten Überlebenden Leder essen. Anschließend machen sich die stärksten Männer – James Reed fehlt, denn er wurde schon zuvor „in die Wüste“ geschickt – auf den Weg, um Hilfe in Sutter’s Fort zu holen. Ob sie je ankommen, bezweifeln Tamsen, Charles und der schwerverletzte George Donner. Doch sie selbst haben größere Sorgen: Hungrige Schattenwesen umlauern ihr Camp…

Nachspiel

Das Schicksal der sogenannten „Donner Party“, von der lediglich rund 50 Prozent überlebten, hat die Amerikaner von Anfang an sehr beschäftig. Zunächst wurden die Überlebenden des Kannibalismus von den Zeitungen geziehen und folglich aus der Gemeinschaft rechtschaffener Christenmenschen ausgestoßen – und zwar für mehrere Generationen, wie die Autorin im Nachwort erläutert. Das Trauma, das diese Ausstoßung für ganze Familien nach sich zog, kann man sich vielleicht vorstellen.

Hinzukommt die Beschäftigung mit dem Tabubruch – Sünde oder Notwendigkeit? Auch diesem Aspekt geht die Autorin sehr intensiv nach – und findet eine legitime Lösung: die Selbstaufopferung. Wer sich hier wozu für wen opfert, darf nicht verraten werden. Ob das immer noch eine Sünde ist, wage ich zu bezweifeln. Es ist vielmehr eine anrührende Tragödie.

Illegitime Beziehungen

Vor dem Hintergrund des tragischen Schicksals des Wagenzugs nimmt die Autorin die Gelegenheit wahr, die (erfundenen) Lebensgeschichten der wichtigsten Figuren zu romantischen Liebesgeschichten zu verknüpfen. Dabei missachtet sie aber die seit dem 19. Jahrhundert überkommenen Klischees und berücksichtigt vielfach bislang als Tabu geltende geschlechtliche Beziehungen. So hat etwa James Reed homosexuelle Neigungen, von denen keiner wissen darf. Als er sie auf dem Treck auslebt, macht er sich erpressbar.

Dass Tamsen Donner in ihrem tiefsten Herzen ihren Bruder Jory liebt, darf natürlich ebenfalls nie ruchbar werden. Aber sie ist eine halbwegs treue Ehefrau und tapfere Mutter, die bis zum Ende bei ihrem George bleibt, ihrem zweiten Mann. Charles Stanton, den sie begehrt, weist ihre Liebe ab, weil er sich nicht vergeben kann, welche Rolle er beim Freitod seiner geliebten Lydia spielte. Warum nur ging sie aufs dünne Eis des Flusses, um dort einzubrechen und zu ertrinken? Eine Rolle spielt offenbar ihr strenger Vater. Ob der auch der Verursacher ihrer Schwangerschaft war, steht zu vermuten. Ein weiterer Fall von Inzest also.

Der Hunger

Der Hunger ist nicht nur bildlich, sondern wortwörtlich zu nehmen, denn die Donner Party gerät an den Rand der völligen Auslöschung. Er ist als Krankheit auch von den Einwanderern eingeschleppt und unter den westlichen Indianern verbreitet worden. Diese Krankheit, so findet Bryant erschrocken heraus, gibt es in Kalifornien erst seit sechs Jahren. Und vor sechs Jahren trafen hier die Goldgräber ein, die von einem Onkel Lewis Kesebergs angeführt wurden.

Reiner Keseberg stammt aus Deutschland und hat – so viel wird in Rückblenden deutlich – eine Spür der Verwüstung hinterlassen. Die Krankheit in seinen Genen ist auch Lewis Keseberg nicht unbekannt, und als sich die beiden vor dem Donner-Treck in Illinois treffen, führt Reiner seinen Neffen in Versuchung. Wie Bryant von einem (erfundenen) gelehrten Biologenfreund weiß, gibt es vererbte Krankheiten, die dem Vampirismus und der Tollwut gleichen. Die Infizierten tauchen immer wieder auf, und im gesetzlosen Westen lassen diese Besessenen ihrem Hunger freien Lauf.

Lewis Keseberg ist der letzte der Infizierten bzw. Überträger. Es ist bemerkenswert, als er sagt, dass er Tamsen Donner verdächtigt habe, ebenfalls eine von ihnen zu sein. Als sie verneint, macht er ein Angebot, dass sie nicht ablehnen kann: das Leben bzw. Fleisch ihrer Kinder im Austausch gegen ihr eigenes.

Die Übersetzung

Der Übersetzer hat außerordentlich sorgfältig gearbeitet. Druckfehler fand ich fast keine. Alle Bezeichnungen sind korrekt, bis auf eine, die auf den Seiten 444/445 auftaucht. Die mehrfach im Text erwähnten Wasatch-Berge werden hier als „Wastach-Berge“ tituliert. Offenbar handelt es sich um einen Buchstabendreher. Die Landkarte mit der Route des Trecks fand ich äußerst hilfreich.

Unterm Strich

Ich habe den Roman in nur drei Tagen bewältigt. Die Geschichte ist ja historisch verbürgt und umfasst eine der größten, zudem skandalösen Tragödien der Pionierzeit. Was den Roman besonders und anrührend macht, sind die unkonventionellen Figuren. In der Schilderung ihrer Schicksale, die zur Teilnahme an dem Wagnis des Trecks führten, nimmt die Autorin keine Rücksicht auf Vorurteile hinsichtlich Homosexualität, Inzest und genetischer Kontamination (lies: Einschleppung einer Seuche). Und ist Tamsen Donner wirklich eine Hexe, nur weil sie Heilmittel anwendet, die einer „brave“ Siedlerfrau nicht bekannt sind?

Viele Szenen wussten mich anzurühren. Dass die weiblichen Figuren und ihre Blickwinkel in der Überzahl sind, hat mich nicht gestört. In seinen Briefen weiß Ed Bryant seine innersten Gedanken und Empfindungen auszudrücken, und sie bilden das nötige Gegengewicht zu den Erlebnissen der Frauen. Charles Stanton ist zudem eine überaus komplexe Persönlichkeit. Der unbedarfte Romantiker mag sich seine Liebeserfüllung mit Tamsen oder Mary wünschen, doch daran hindern ihn viel zu viele Erinnerungen und Selbstvorwürfe.

Horror etc.

Natürlich kommen auch Horror-Elemente vor, die sich besonders in der Heimsuchung durch die von der Seuche besessenen Wesen manifestieren, aber auch in der übersinnlichen Wahrnehmung der Geisterstimmen. Beides könnte man wissenschaftlich oder psychologisch erklären, aber wer will das schon? Die Autorin liefert kluge, durchaus fundierte Erklärungsmöglichkeiten.

Der Preis der Vorbestimmung

Aber an dem realen Phänomen des Hungers, dem sich die letzten Überlebenden der Donner Party ausgesetzt sehen, ändert dies nichts. Der Hunger gilt übrigens auch dem Land selbst: Die Siedler in spe wollen es in Besitz nehmen, wie sie es schon bei den Frauen getan haben – legitim oder illegitim, spielt keine Rolle. Insofern kritisiert die Autorin implizit die Doktrin der „manifest destiny“, der göttlichen Vorbestimmung ((https://de.wikipedia.org/wiki/Manifest_Destiny)), die seit 1845 einen wichtigen Eckpfeiler amerikanischen Denkens und Empfindens darstellt. Die Autorin schildert nämlich, welcher Preis für das Erlangen dieser Vorbestimmung gezahlt werden muss. Aber: „Wie sagt man NEIN zu Gott?“

Alles in allem ist dies kein Roman für Horrorspezialisten oder Liebhaber von Western, sondern ein Buch für Erwachsene, die Widersprüche anerkennen und sich nicht mit einfachen Lösungen abspeisen lassen. Dennoch ist es fesselnde Lektüre, wie an meiner schnellen Bewältigung der 450 Seiten abzulesen ist.

Taschenbuch: 448 Seiten
Originaltitel: The Hunger, 2018
Aus dem Englischen von Michael Pfingstl.
ISBN-13: 9783453319271

www.heyne.de

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