Andreas Brandhorst – Ikarus

Auf einer Welt im Tau-Ceti-System, mehr als zwölf Lichtjahre von der Erde entfernt, hat sich eine fortschrittliche Zivilisation entwickelt. Doch die Menschen, die dort leben, sind nicht frei – sie leben unter der strengen Beobachtung der Regulatoren, einer mächtigen außerirdischen Spezies. Die einzige Hoffnung auf Freiheit ist ein Geheimprojekt namens Ikarus, das der Regierungsrat Takeder vorangebracht hat. Doch der ist gerade ermordet worden. Ein Katz-und-Maus-Spiel von galaktischen Ausmaßen beginnt …
(Verlagsinfo)

Die Welt, die Andreas Brandhorst in diesem spannenden Roman entwirft, ist eine Extreme. Oberflächlich wird sie beherrscht durch finanzielle Abhängigkeiten, gesteuert und ausgenutzt von den Holdings und den ihnen vorstehenden Holdern, abgestuft in verschiedene soziale Schichten zwischen Kreditoren, Debitoren und Balancierten, deren einziger Zweck der Konsum ist – eine extreme Extrapolation heutiger Zustände.

In Wahrheit sind jedoch auch die Holder nur Bauern in einem Schachspiel von wahrhaft kosmischen Ausmaßen …


Andreas Brandhorst ist eine feste Größe in der deutschen Science-Fiction-Landschaft. Jährlich präsentiert er ein umfangreiches Buch in immer wieder neuen faszinierenden Welten und hält damit die einsame Stellung an der Seite großer Namen wie Iain Banks oder Alastair Reynolds, die sonst die Programme bei den großen Verlagen dominieren. Anlass genug, uns ausführlich mit Andreas zu unterhalten. Klickt hier zum Interview.

Der vorliegende Roman
ist ein Höhepunkt in der regelmäßigen Reihe von Brandhorsts Veröffentlichungen. Seit er den sechsbändigen Kantaki-Zyklus abschloss, schreibt er vorwiegend alleinstehende Bücher und entwirft jeweils ein komplexes Science-Fiction-Universum, in dem es dann nicht nur um ein spannendes Abenteuer geht, sondern das oft mit kosmischen Rätseln, Unsterblichkeit und Künstlichen Intelligenzen die großen Bereiche des Genres behandelt. Im Vergleich zum Beispiel zu seinem »Kosmotop« oder den – im gleichen Universum angesiedelten – »Kindern der Ewigkeit« reduziert er die Maßstäbe in »Ikarus« auf einen Blickwinkel, durch den die Protagonisten stärker in den Vordergrund rücken. Im Hintergrund existieren Fragen und Verwicklungen, die beim Leser schnell die Vermutung aufwerfen, auch hier wieder in kosmischen Größenordnungen denken zu können, um der Lösung näher zu kommen, doch bleibt der Fokus lange Zeit auf die Menschen gerichtet.

Dabei inszeniert Brandhorst eine Zusammenstellung an Figuren, die das System der betroffenen Gesellschaft aus vielen Blickwinkeln beleuchtet. An fängt es mit einer Bewusstseinskopie des Holders Jami Jamis Takeder. Der wurde ermordet und findet sich in einem violetten Klon wieder, der nun außerhalb der sozialen Strukturen steht und keine Bürgerrechte hat – der absolute Abstieg für einen Holder, einen der mächtigsten Männer der Gesellschaft. Wir erfahren später, dass der Holder einen geheimen Plan verfolgte und deshalb seiner Kopie einige Erinnerungen vorenthielt. Dadurch schafft Brandhorst ein typisches Szenario einer Hauptfigur, deren Gedächtnislücken dem Kriminalfall Spannung einhauchen.

Gegner der Holdings sind die Liberalisten, an ihrer Spitze ein Mann namens Mercurio, der mit Hilfe eines Implantats jederzeit Verbindung mit dem Netz aufnehmen kann. Seine Ziele verändern sich im Laufe der Zeit, da er mit verschiedenen Informationen konfrontiert wird und Einblick in uralte Verhältnisse hat, die der kosmischen Bedeutung der Situation Rechnung tragen. Außerdem ist er einer der ersten, die mit den Neuen Menschen von Splendoris Nova, den aufgerüsteten Halb-Maschinen-Menschen in Kontakt gerät. Ein mehrseitiges Spiel zwischen den Interessengruppen entsteht, voll Intrige, Abhängigkeiten, Machtgier, Angst und Gewalt …

Motivation für das ganze sind die sogenannten Regulatoren, ein Zusammenschluss von hochstehenden galaktischen Intelligenzen, die nicht nur die Menschheit nach dem »Großen Exodus« von der Erde heimlich und scheinbar gutwillig unterjochten, sondern auch isolierten und ausbeuten, um ihr eigentliches Ziel zu erreichen. Dieses Ziel herauszufinden ist im Endeffekt der hintergründige Gegenstand des Romans, und es hat Auswirkungen auf jedes Wesen, denn es betrifft die Zeit, ihren Fluss und die Möglichkeit einer Manipulation …

»… und wir steigen auf zur Sonne,
höher als einst Ikarus …«


(Subway to Sally, Unentdecktes Land 2007)

… ein klassisches Motiv, in der Literatur oft hintergründig herangezogen – anders im vorliegenden Roman von Andreas Brandhorst. Hier wird dieses Motiv titelgebend verwendet, und Brandhorst klopft das Wort auf alle möglichen Bedeutungen ab, die sich in der Literatur finden mögen. Oft ein Codewort, bekommt es auch hier diesen Zweck, aber es ist mehr als das, auch ein Name – auf der einen Seite für ein außergewöhnliches Schiff, auf der anderen Seite für einen machtgierigen Patriarchen. Beides wiederum zurückführend auf das Motiv des aufstrebenden Ikarus.

Die Aufarbeitung dieses allgegenwärtigen Motivs, das auch in der heutigen Zeit aktueller ist denn je, ist eingebettet in eine fesselnde Geschichte um den großen Aufbruch der Menschheit ins Weltall und das, was sie dort erwartet. Und so stürzt Ikarus getreu seines Schicksals, denn gleichgültig, auf welcher Stufe sich die Wesen befinden, wie mächtig sie auch sind und über welche Technik sie verfügen – gewisse Ziele sind Hybris und das Leben und die Freiheit überwiegen am Ende.

Auf der Suche nach Kritikpunkten könnte man den Aufbau in Form eines Kriminalfalls anführen, der typisch für Brandhorsts Romane ist. Dadurch erzeugt er jedoch einen Spannungsbogen, angereichert mit schon frühen Hinweisen auf die Auflösung, die dem Leser zwar teilweise bewusst werden, ihre Bedeutung aber sich erst nach und nach erschließt. Tatsächlich gelang es mir zu einem gewissen Zeitpunkt, einen wichtigen Aspekt der Handlung zu durchschauen. Dies behindert aber nicht den Lesespaß und führt auf keinen Fall zu Langeweile, denn es sind Kleinigkeiten, die Brandhorst immer wieder mit großen Zusammenhängen aufwertet.

So ist »Ikarus« anfangs vor allem dystopisch und grausig, ein Roman mit vielen Elementen zwischen Space Opera und Cyberpunk, aber durchdrungen von der Lebensbejahung, die für Brandhorsts Romane charakteristisch ist. Und obzwar der kriminalistische Aufbau der Geschichte anderen aus seiner Feder ähnelt, ist die Art des Erkenntnisgewinns jedes Mal anders. »Ikarus« hebt sich angenehm von anderen dicken Schinken dieser Subkultur ab, indem der Stil kondensiert ist, keine langweiligen Ausschweifungen zulässt und seine Geschichte flüssig und klar erzählt.

Broschiert, 576 Seiten
ISBN-13: 9783453315457
ORIGINALAUSGABE

heyne.de

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