Ange & Philippe Xavier- verlorene Paradies, Das – Band 4: Erde

Band 1: „Hölle“
Band 2: „Fegefeuer“
Band 3: „Paradies“

Story

Während der Krieg zwischen den Engeln und den Heerscharen des Höllenfürsten in vollem Gange ist, wird der als Retter propagierte kleine Julien zurück auf die Erde gesandt, wo er dem Chaos des Krieges zwischen den beiden Welten nicht mehr ausweichen kann. Doch es ist nicht die offenkundige Bedrohung durch die Gewalt der Schlacht, die ihn zutiefst beängstigt, sondern sein Aufeinandertreffen mit Gott, bei dem ihm offenbart wird, dass die Zeit angehalten wurde, damit Julien in der Funktion des Retters in die Hölle fahren kann, um den anschwelenden Konflikt zu lösen.

Doch im Grunde genommen verfügt auch Julien über keine Macht, denn die bevorstehende Apokalypse ist ein unvermeidliches Ereignis, da die Welt ohne eine Koexistenz von Gut und Böse niemals atmen könnte und eine kriegerische Auseinandersetzung bei der gegenseitigen Übernahme fremder Charaktereigenschaften unaufhaltsam ist. Das Buch der Erde ist darauf zugeschnitten, dass dieses letzte Kapitel schließlich die Realität einholt – und es ist Julien überlassen, diese Geschichte mit seinen eigenen Augen zu erleben und in sie abzutauchen. Aber so sehr sich der Junge auch auf seiner Reise durch Himmel und Hölle bemühen mag; das Schicksal kann er bei allem Engagement und aller unbändigen Willenskraft nicht verändern.

Persönlicher Eindruck

Mit Überraschung musste ich feststellen, dass die vierte Ausgabe von Anges vermutlich angehendem Klassiker „Das verlorene Paradies“ bereits den Schlusspunkt für diese von brutaler Action und philosophischen Dialogen durchsetzten Serie setzt und somit früher als erwartet auch das zuvor langsam und fokussiert aufgebaute Finale mit einem wiederum überraschend bedächtigen Showdown erfolgt. Das Blut ist nunmehr vergossen, und obwohl der Krieg zwischen den Mächten nördlich und südlich der Erde auf eben jener mit gewaltigem Einsatz und erbitterter Aggression ausgetragen wird, wird man in der vierten Episode nicht weiter Zeuge der Brutalität im verlorenen Paradies.

Stattdessen übernimmt die poetische Komponente fortan die Initiative und reflektiert auf Anges ganz besondere Art und Weise die menschliche Existenz, die Notwendigkeit von Gut und Böse, die spirituelle Verbindung zwischen Himmel und Hölle sowie die allgemeine naive Vorstellung einer Gottheit, die hier in einer eigenartigen Figur personifiziert wird und damit auch die Extravaganz und Außergewöhnlichkeit der gesamten Geschichte ohne die Verwendung von Extremen ganz deutlich auf den Punkt bringt.

Allerdings ist „Erde“ im weitesten Sinne eine Art Resümee, welches im Anschluss an die recht turbulenten Handlungen der erste drei Bände ein Fazit zieht, so manchen Eckpunkt der Story (sicher bewusst) ad absurdum führt, zwischenzeitlich auch mal sehr weit ausholt, in sich jedoch schlüssig erscheint und den Plot würdig, wenn auch ohne großen Knall oder vermehrte Interpretationsfläche zu Ende bringt. Jedoch ist die Entscheidung, nach all den radikalen Einschnitten der bisherigen Handlung einen ebenso radikalen Cut zur Auflösung der Hintergrundthematik auszuführen, sicherlich frag- und diskussionswürdig. Es wirkt nämlich zunächst absurd, dass das Autorenteam sich mit der Kreation von Atmosphäre und faszinierenden Charakteren derartig ins Zeug legt, darüber hinaus eine Welt aufbaut, deren düsteres Äußeres von Seite zu Seite mehr in ihren Bann zieht, und dann plötzlich und ganz abrupt den Vorhang fallen lässt und die Mysterien mit einem Schlag auflöst. Zwar ist Letzteres wirklich sehr respektabel und auch weiterhin anspruchsvoll gelöst worden, aber es erscheint dem Leser schon fast wie verschenktes Potenzial, den Detailreichtum des Inhalts nicht noch weiter zu vertiefen und die Geschichte um die Vielzahl von Anti-Helden über einen größeren Umfang auszudehnen.

Mit etwas Abstand muss man indes konstatieren, dass Ange für diesen konsequenten Schritt Anerkennung und Lob verdienen, weil sie ihre Vision niemals aus den Augen verloren haben und sich nicht von äußeren Einflüssen zu einem künstlich aufgebauschten Interludium haben hinreißen lassen. „Das verlorene Paradies“ ist nämlich aus der Perspektive des Gesamtbetrachters trotz allem ein schlüssiges, kompaktes Werk mit würdiger Spannungskurve und einem spektakulären Höhepunkt. Meine Empfehlung daher nicht nur für diesen vierten Part, sondern definitiv auch für die im Endeffekt wirklich überwältigende, wenn auch komplex strukturierte Gesamtausgabe!

Gebundene Ausgabe: 48 Seiten
www.splitter-verlag.de

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