Anonymus – Bekenntnisse einer deutschen Buhlerin. Zwei Romane

Werdegänge sinnlicher Frauen im 18. Jahrhundert

„Erotische Raritäten sind die beiden in diesem Band vereinten Erzählungen „Bekenntnisse einer deutschen Buhlerin“ und „Amors Wege“. Die Berliner Bordellbesitzerin Elise Schubitz galt Ende des 18. Jahrhunderts als „Königin unter den Prostituierten“, während die zweite Erzählung den Werdegang eines jungen Mädchens schildert, das ebenfalls als Dirne endet. (Verlagsinfo)

Die junge Elise beobachtet schon früh ihre Nachbarn beim Sex. Dieses Ereignis regt ihre Phantasie so sehr an, dass sie den gesehenen Szenen zusammen mit ihrer Schwester nacheifert. In der Folge schildert Elise ihre sexuellen Begegnungen mit verschiedenen Partnern und Kunden. (zu den „Schubitz“-Memoiren)

Die Autorinnen

1) Else Schubitz (auch „Schuwitz“ geschrieben) war eine Berliner Bordellbesitzerin. „Von 1785 bis 1798 galt diese „Madame“ als die Königin unter den Berliner Prostituierten“, informiert das Vorwort. Die literarische Vorlage, die der unbekannte Autor verwendet und eingedeutscht hat, erschien bereits 1785 unter dem Titel „Mémoires de l Madame la Baronne de XXX ci-devant Mademoiselle Angelique, celebre courtisane de Rome“.

2) Für „Amors Wege“ wird leider keine Autorin angegeben.

Handlung von „Abenteuer und Erfahrungen einer deutschen Buhlerin“ (1796)

Elise entdeckt schon in jungen Jahren, dass nicht nur Angehörige ihres eigenen Geschlechts Vergnügen am eigenen Körper empfinden können, sondern auch das andere Geschlecht. Anton ist ihr Vetter und holt sich in der Scheune munter einen runter. Erstmals erblickt Lieschen durch einen Spalt, wie Amors Pfeil funktioniert. Zu dumm, dass Anton bald danach ihre Schwester heiratet. Wie gut aber, dass die Dielen eine Ritze haben, durch die die kleine Spionin verfolgen kann, wie das Zusammenkommen von Amors Pfeil und Cypris‘ Grotte (benannt nach der auf Zypern geborenen Göttin Aphrodite) funktioniert. Sowas Tolles will sie auch empfinden!

Nachdem sowohl ihre Schwester als auch ihre Tante sie fleißig im Fingerspiel aufgeklärt haben, sucht Lieschen einen Ersatz für Anton. Sie findet ihn in Norbert, dem Sohn der befreundeten Nachbarn. Norbert ist gut gebaut und in jeder Hinsicht kräftig. Nachdem sie sich nach Kräften gesträubt hat, um nicht als Flittchen zu gelten, genießt sie mit dem feschen Burschen allerlei Positionen, die sie in den vorliegenden Memoiren detailliert beschreibt und bezeichnet. Woher sie diese Kenntnisse bezogen hat, wird man später erfahren.

Den armen Norbert rafft zwar ein Fieber dahin, doch Anton ist ein Strohwitwer – seine Frau muss woanders eine Kranke pflegen. Die Gelegenheit ist günstig und kommt bestimmt so schnell nicht wieder, ahnt Lieschen. Die Anbahnung einer neuen Affäre ist ein Kinderspiel, denn Anton entbehrt das Vergnügen an seiner Frau sehr. Zusammen probieren er und Elise neue Stellungen aus. Doch auch er muss mehrfach in Geschäften verreisen, was seine Geliebte wiederholt auf qualvollen Entzug setzt.

Als seine Frau zurückkehrt, entdeckt Lieschen zu ihrem Missvergnügen, dass sie in anderen Umständen ist. Sie vertraut sich ihrer Lieblingstante an. Dabei beschuldigt sie Voss, den in einem Duell verstorbenen Freund ihres Vetters Anton, sie vergewaltigt zu haben. Ein Glück, dass der verblichene Voss sich nicht mehr verteidigen kann. Ihre Eltern fahren mit ihr nach Berlin, doch die Kutsche hat einen Radbruch – und Elise eine Fehlgeburt.

Leipzig

In Leipzig, wo es weitere Verwandte gibt, nimmt ihr Leben die Form einer Achterbahn an. Johanna, mit der sie zunächst befreundet ist, will sie nämlich gewinnbringend mit anderen Herren verkuppeln, vornehmlich einem üblen Schleimer namens Blumentahl, den Elise verabscheut. Dadurch macht sie sich Johanna zur Feindin und Blumentahl zu einem rachsüchtigen Gegner. Die beiden spähen Elises neue Liebschaft Freymann, einen Studenten, aus. Auf der Rückkehr von einem heimlichen Stelldichein mit dem jungen Burschen wird ihre Kutsche von mehreren Kerlen überfallen, die Blumentahl gedungen hat. Keines von Elises Angeboten wird angenommen, keine ihrer Bitten erhört, vielmehr wird sie mehrfach vergewaltigt. Als schließlich Blumentahl persönlich auftaucht, haut sie ihm eine schallende Ohrfeige ins Gesicht, dass er kleinlaut den Rückzug antritt.

Elise erwacht im Haus von Hellmuth, der Blumentahl einen Gefallen tun wollte und sich nun aufs Übelste missbraucht sieht. Er ist ein Ehrenmann und kümmert sich rührend um sie. Sie wird verwöhnt und genest in kurzer Zeit wieder. Unterdessen findet Blumentahl den Tod von der Hand seiner Schergen, bezahlt von Freymann, der die Stadt verlassen muss. Dass aus Hellmuth und Elise ein Paar wird, ist abzusehen. Aber das Schicksal ist noch nicht fertig mit ihr, denn sie macht sich durch ihre Freiheitsliebe erneut eine Feindin…

Mein Eindruck

Der sehr anschaulich erzählte Roman, eine Übersetzung aus dem Französischen (s.o.), lässt sich in zwei deutlich verschiedene Teile einteilen. Im ersten Teil, der in Elises Heimat spielt, versäumt die Autorin nicht, jede Stellung, die sie erlernt, mit einem Namen zu belegen. Da kommen dann so kuriose Bezeichnungen wie „die Schubkarre“ (was man sich zur Not vorstellen kann) oder „der Stallmeister“ zustande. Die Stellungen sind so genau beschrieben, dass man diesen Teil als erotischen Ratgeber verwenden kann.

Der zweite Teil scheint von einem anderen Autor bzw. Ghostwriter geschrieben worden zu sein. Er schildert Elises Erlebnisse in der Fremde. Ihre Abenteuer in Leipzig sind eine regelrechte Pulp-Fiction-Räuberpistole. Da dabei ein Gang Bang geschildert wird, setzt beim Leser gute Nerven voraus – oder abgestumpften Geschmack. Wie auch immer: Es wird ein regelrechtes Drama. Und bis Elise endlich in ruhiges, sicheres Fahrwasser gelangt, dauert es noch eine ganze Weile. Kurz gesagt: ein sehr kurzweiliges Garn.

Handlung von „Amors Wege oder Liebe und Genuss“ (1791)

Eine fröhliche Männergruppe macht einen Ausflug aufs Land und kehrt in einem Gasthof ein, wo es gutes Essen gibt. Sie merken schnell, dass die Frau Wirtin sich bestens mit Männern und der Liebe auskennt und dass ihre Kellnerinnen auffallend hübsch sind. Sie hält Keuschheit für eine Sünde wider die Natur des Menschen. Auf eine Aufforderung hin ist sie bereit, ihre Lebensgeschichte zum besten zu geben.

Lehrstunden

Sie ist die Tochter eines Amtmanns, der in der Lage ist, ihre Phantasie mit Büchern anzuregen, die er ihr heimlich zusteckt, damit die prüde Mutter nichts merkt. Ihre Phantasien werden erheblich erweitert, als ihre Mutter sie zu Lieschen, dem 18-jährigen Hausmädchen, ins Bett steckt. Lieschen hat zwei Anbeter, die sich nächtens bei ihr abwechseln. Um was genau zu tun, wundert sich unsere Erzählerin. Was Männlein und Weiblein da treiben, scheint nahe an der Schmerzgrenze zu liegen und heftiges Keuchen zu erfordern. Beim ersten Mal fühlt sie derartig starke Empathie mit Lieschens Aufregung, dass sie das Bewusstsein verliert. Erst nach vierzehn Tagen geht ihr ein wahrer Kronleuchter auf. Sie beschließt, selbst etwas von diesem außergewöhnlichen Vergnügen zu bekommen.

Schichtwechsel

Ihr Auge fällt auf Ludwig, den einzigen Sohn des Dorfpfarrers. Das eine kommt zum anderen, und als sie eine Romanszene nachstellen, verführt sie ihn. Weil aber Ludwig völlig unerfahren ist und sich ihm ein natürliches Hindernis in der Liebesgrotte seiner Freundin entgegenstellt, ist beider Vergnügen sehr begrenzt. Doch Amor ist mit den Seinen! Als Lieschen eines Nachts woanders übernachten muss, verstellt sich unsere Berichterstatterin als Lieschen und empfängt einen strammen Bauersburschen, der sich ohne Umstände seinen Weg in ihre Liebesgrotte zu bahnen weiß. Jetzt ist auch der Weg für den schwächeren Ludwig frei. Lieschen und ihre zwei Anbeter argwöhnen jedoch, welche Rolle unsere Freundin gespielt hat. Sie nötigen sie dazu, an ihren Liebesspielen teilzunehmen.

Flucht nach vorne

Diese lustvolle Zeit währt etwa zwei Jahre, bis sich bei unserer Chronistin andere Umstände bemerkbar machen. Was tun und nicht ihre Familie in Schande stürzen? Sie kratzt alles Geld zusammen, schreibt Paps einen Abschiedsbrief und begibt sich aufs Land. Dort landet sie durch einen cleveren Auftritt in der Dorfschenke einen Glückstreffer: Gleich fünf Burschen wollen mit ihr arbeiten. Natürlich hoffen alle, sie ins Bett zu kriegen. Nur der reifere Görge hat eine Chance bei ihr, hat aber auch Anlaufschwierigkeiten: Er ist durch negative Erfahrungen schüchtern geworden. Aber auch der Christel hat ein Auge sie geworfen. Er schlägt alle ihre abweisenden Worte in der Wind. Nach seiner Vergewaltigung hat sie eine Fehlgeburt.

In die Stadt

Der behandelnde Arzt D. lädt sie zu sich in die Stadt ein. Sie könne dort Arbeit bei einem Hofrat finden – solange sie ihn und seinen Freund K. gut „behandelt“, gegen einen hübschen Batzen Geld, versteht sich. Sie willigt ein. Das ist der Anfang ihrer Laufbahn als „Buhlerin“. Und die hat ihr immerhin eine florierende Wirtschaft eingebracht – mit einem angenehmen Nebeneffekt…

Mein Eindruck

Die Abenteuer der Wirtin in der Heimat, auf dem Land und schließlich in der Stadt sind sehr abwechslungsreich und unterhaltsam geschildert. Der Entwicklungsprozess der Erzählerin ist permanent, sowohl sexuell als auch emotional und geistig. Wie schlau sie ist, zeigt sich in der Wirtshausszene auf dem Land. Sie angelt sich gleich fünf Verehrer, als sie anbietet, für Kost und Logis arbeiten zu wollen. Diese Männer sind keine Abziehbilder, und besonders Görge (= Georg) hat eine plausible Vergangenheit, die ihn schüchtern hat werden lassen. Dem kann seine neue Freundin abhelfen, aber der Vergewaltigung entgeht sie leider doch nicht.

Ihre Abenteuer in der Stadt sind längst nicht so dramatisch wie die ihrer Kollegin Elise Schubitz. Aber sie illustrieren doch ebenso die sozialen und ökonomischen Verhältnisse Ende des 18. Jahrhunderts, und die sind darauf angelegt, junge Frauen übers Ohr zu hauen und auszubeuten. Zum Glück ist die Wirtin schlau genug, eine helfende Hand zu finden. In der Rahmenhandlung zeitigt ihre Erzählung dann ihre anregende Wirkung. Sie selbst demonstriert, was sie unter der „Natur der Frau“ versteht.

Textfehler und Vokabeln

S. 17: „Das jähe Kitzeln, den diese Demonstration bewirkte…“: Statt „den“ sollte es korrekt „das“ heißen.

S. 42: „Wirkung seines elektrischen Anblicks“: Besser wäre wohl „seines elektrisierenden Anblicks“.

S. 53: „Unbekannt mit den Hyperbeln der Verliebten“: Gemeint sind die „Übertreibungen“ der Verliebten.

S. 74: „Hierauf setzte er sich in eine Bergere und entschlummerte.“ Das ist ein französischer Sessel ((https://de.wikipedia.org/wiki/Berg%C3%A8re_(Sessel))).

S. 77: „Drei Tage darauf ließ er sich insgeheim mit mir kopulieren.“ Gemeint ist eine Trauung.

S. 82: „Kochfänger und Precieusen“: nicht erklärt. Eine Precieuse ist eine Frau, die durch verfeinerte Manieren und Redeweise blenden will (seit dem 17. Jahrhundert belegt). Ein Kochfänger dürfte etwas ähnliches sein.

S. 87: „Ludwig war noch blöde.“ Hier wird „blöde“ im ursprünglichen Sinne von „schüchtern“ gebraucht.

S. 92: „Wir beförderten mit ungewöhnlichem Feuer die Periode der Herzergießung“: Gemeint ist ein Orgasmus. „Herzergießung“ ist ein Ausdruck aus der literarischen Epoche der Empfindsamkeit ((https://de.wiktionary.org/wiki/Empfindsamkeit)) zwischen 1740 und 1780.

S. 103: „sie fiel in den nämlichen Paroxismus“: „Ein Paroxysmus ist eine Folge von sich steigernden Ausbrüchen.“ ((https://de.wiktionary.org/wiki/Paroxysmus)). Der Ausdruck wird vielfach verwendet.

S. 108: „Ich ging schloss den Accord ab.“ Damit ist ein Vertrag gemeint, wie in frz. „d’accord“ = „einverstanden“.

S. 120: „Sie führten sie in ein Bosquet…“: in einen Hain ((https://de.wiktionary.org/wiki/bosquet)).

Unterm Strich

War es in Ordnung, diese beiden Texte in einem Band zusammenzuführen, mag sich der Erotikfan fragen. Im Nachhinein lässt sich diese Frage klar mit „ja“ beantworten. Es gibt deutliche Parallelen, vor allem im ersten Teil. In den beiden späteren Liebesexpertinnen erwacht die Sexualität schon recht früh und wird für ihr Leben bestimmend. Ihre lebhafte Weiblichkeit muss sich in der Folge entweder durchsetzen oder untergehen. Diese sexuelle Selbstbestimmtheit will verteidigt sein, auch noch nach oder gerade wegen der Vergewaltigungen, die offenbar an der Tagesordnung sind.

Nach mehreren dramatischen Ereignissen, in denen die Frauen unterjocht und ausgebeutet werden sollen, erringen sie ihre Selbstbestimmung, die nicht zuletzt auch durch wirtschaftliche Selbständigkeit gekennzeichnet ist. Nur so gelingt es dem zweiten Chronisten, die unabhängige Wirtin weiterhin als lustvolle Sexpartnerin kennenzulernen. Und von Elise Schubitz – siehe den Autorenvermerk – weiß man, dass sie eine Berliner Bordellbesitzerin war. Sie hatte demzufolge wohl auch ihr geregeltes Einkommen. Das hat ihre Romanfigur als Landbesitzerin Baronesse von P. auch.

Hinweis

Dieser Band wurde am 28.02.1987 (Bundesanzeiger.-Nr.41) von der Bundesprüfstelle indiziert.
Es war der 16. PLAYBOY-EROTIK-Band, der der Indizierung zum Opfer fiel.
Die Ausgabe im PLAYBOY-ROMAN Nr. 6581 blieb von einer Indizierung verschont.

Der Verlag Pabel-Moewig hat Ende August 2020 dichtgemacht – nach 70 Jahren. Es gibt nur noch VPM-Druck und einen Lehrmittelverlag namens VPM.

Taschenbuch: 121 Seiten
ISBN-13: 9783811865501

https://de.wikipedia.org/wiki/Pabel-Moewig_Verlag

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