Anonymus – Die Geheimnisse meines Alkovens

Die Überwindung der Prüderie

Intim sind die Geständnisse einer Dame der besseren Gesellschaft, die immer auf der Suche nach einem Mann ist, der ihre geheimsten Wünsche erfüllen kann… (Verlagsinfo) Das Vorwort von Franz Spelman enthüllt, dass es sich bei dem Autor um den Rumänen George Mircea, geboren 1913, handelt.

Der Autor

Der rumänische Journalist George Mircea kam 1913 aus Bukarest nach Paris, wie das Vorwort von Franz Spelman vermeldet. Nach oder neben einer Tätigkeit als Korrespondent schrieb er pro jahr vier bis fünf Softpornos, die zusammen mit erotischen Postkarten heimlich von „Agents“ verkauft wurden. Das waren noch Zeiten.

Handlung

Die etwa 16 Jahre alte Chronistin wächst zunächst auf dem Lande in R. bei ihrer Großmutter Madame T. auf. Ihr ist langweil – bis zu dem Tag, an dem Tante Berta aus Paris zurückkehrt. Die gutaussehende Tante ist erst 24 oder 25 Jahre alt, aber schon die Witwe eines verblichenen Greises und Alleinerbin seines Vermögens. Da sie eine extrem gute Partie ist, sucht sie schon bald nach einem neue Mann.

Das stille Örtchen

Monsieur B. kommt aus Paris und vergöttert Berta vom ersten Augenblick an. Berta ist natürlich entzückt darüber und überlegt, wie sie seinen Enthusiasmus ausnutzen kann. Unsere junge Chronistin folgt ihrem Liebesspiel mit Argusaugen und wird schon bald fündig: Sie treiben es in der Außentoilette. Da die Bretter nicht gut verfugt sind, kann sie unentdeckt das geschehen verfolgen. Dabei macht der jungfräuliche Teenager erstaunliche Entdeckungen, was die Anatomie von Männlein und Weiblein betrifft, nimmt sich Monsieur B. aber auch zum Vorbild, was die Wortwahl für seine Liebe angeht. Immer wieder ist sie erstaunt, wie eine so „große Maschine“, von Berta neckisch „Monsieur Bibi“ genannt, in eine so kleine Öffnung passen kann…

Der Alkoven

In einem versteckten Alkoven, der sich im Haus unweit von Bertas Schlafzimmer befindet, gelingt es der Chronistin, die beiden Turteltäubchen weiterhin beim intensiven Liebesspiel zu beobachten. Dass Tante Berta das Wort „Hintern“ als unanständig empfindet, gibt ihr zu denken. Vielleicht wäre „Derrière“ passender? Eines Tages ist das letzte behördliche Hindernis, das eine Heirat verhindert hat, beseitigt, Monsieur de B. bittet die Großmutter um Bertas Hand, erhält sie und die Hochzeit wird angesetzt, in Paris natürlich.

Eheglück?

Doch so flink die Finger unserer Chronistin und so erschütternd auch ihre Höhepunkte auch sein mögen, so sehnt sich sie sich doch nach der wahren, echten Sache: einen richtigen Mann. Kaum ist sie achtzehn geworden, sorgt Großmutter bereits für einen Kandidaten. Doch Monsieur de C. erweist nach der Hochzeit als ungewohnt gefühlskalt. Weit entfernt von romantischen Liebesschwüren verrichtet Karl sein Geschäft, um alsbald ein Kind zu zeugen. Tante Berta wundert sich über die Tränen ihrer lieben Nichte, doch die kann sie nicht erklären, ohne ihre voyeuristischen Beobachtungen preiszugeben.

Der Liebhaber

Doch Rettung naht in Gestalt des feschen Oberstleutnants F., den unsere Chronistin bei der Frau des Bürgermeisters kennenlernt. Er ist gerade aus dem Krieg heimgekehrt, um die hiesige Garnison zu übernehmen – mit 35 Jahren eine ansehnliche Stellung. Schon beim ersten Walzer macht er ihr sein Begehren deutlich klar. Sie ist überglücklich und wartet auf seinen „Angriff“. Doch äußerste Diskretion ist geboten und so sind die Gelegenheiten für gestohlene Küsse und Umarmungen dünn gesät. Schließlich gehen Karl, seine Frau, der Oberstleutnant und zwei weitere Herren auf einen Bäderurlaub, der zahlreiche Chancen auf intime Zweisamkeit verspricht…

Mein Eindruck

„Wie in allen seinen Werken“ – Mircea schrieb vier bis fünf solcher Erotika pro Jahr – „beschreibt der Autor auf das genüsslichste den Weg zur Überwindung der Prüderie“, um Franz Spelmans Vorwort abzuwandeln. Tatsächlich liegt das Glück der durchgehend namenlosen Chronistin nicht in der Ehe, wenn sich auch dort Verbesserungen bewerkstelligen lassen, sondern vielmehr in einer leidenschaftlichen Liebesaffäre mit Monsieur F., dem Oberstleutnant.

Die Entdeckung, dass sie als Mädchen nicht nur zu solcher Leidenschaft fähig sein kann, sondern sie auch leben MUSS, macht die Jungfrau bereits früh, im Außenklosett ihrer Großmutter. Nie hätte sie gedacht, dass zwei Menschen einander soviel Lust bereiten können, wenn sie sich wahrhaft lieben. Das will sie natürlich ebenfalls erleben. Zu ihren wichtigsten Entdeckungen gehört, dass sie sich selbst durch handanlegen am richtigen Fleck, der Klitoris, ebenfalls enorme Lustgefühle verschaffen kann. Diese Praxis führt ihre Lusterwartungen – und ihren Hormonpegel – auf ein ganz neues Niveau.

Doch ein volljähriges Mädchen hat sofort verheiratet zu werden. So will es die soziale Vorschrift, auch „Sitte und Anstand“, genannt. Wer weiß, zu welchen Geistes- und Gemütskrankheiten ein unbemanntes Dasein führen kann?! Die Freuden der Ehe entsprechen indes nicht ganz ihren hohen Erwartungen. Ihr Karl ist viel zu zaghaft und schwächlich, er braucht kräftige Ermunterung. Deshalb erscheint ihr der Oberstleutnant wie eine Lichtgestalt, die sie bis ins Mark erschüttert. Ja, damals konnte eine Frau noch beim Anblick eines schönen, begehrten Menschen in Ohnmacht fallen. Dafür sorgte allein schon die völlige Abschottung einer verheirateten Frau von ledigen Männern. Wie anders sollte eine solche Frau auf den Mann ihrer feuchten Träume reagieren, wie eine Süchtige nach ihrer Droge?

Unterm Strich

Auch dieses Büchlein lässt sich aufgrund des enorm großen Schriftbilds und der kurzen Kapitel in wenigen Stunden genießen. Nicht nur erwachsene Männer, sondern auch viele junge Leserinnen können hier viel Erstaunliches lernen. Die Penisse der Liebhaber werden als „Maschinen“ bezeichnet. Einer ist größer als der andere, außer wenn es um den Ehemann geht. Da war wohl der Wunsch der Vater des Gedankens.

Praktiken

An vertrauten Praktiken werden Cunnilingus („Minette machen“), der Handjob – aber nicht der heute so verbreitete „Blowjob“ – und der Analverkehr geschildert. Die Chronistin berichtet, selbst ganz verwundert, von ihren eigenen geschlechtlichen Ergüssen. Die weibliche Ejakulationsfähigkeit hat sich mittlerweile herumgesprochen. Zählt man dann noch seine Ergüsse hinzu, so kommt jedes Mal eine ganz schöne Sauerei auf dem Fußboden zusammen.

Kontrastprogramm

Es ist schade, dass der Kontrast zwischen diesen wollüstigen Szenen und der an den Tag gelegten Prüderie heute ziemlich verlorengegangen ist. Den Kontrast kann heute jede/r Zwölfjährige mit seinem Smartphone erleben und überwinden, wenn er damit Pornoseiten ansurft.

Warum ausgerechnet ein derart harmloses Buch auf dem Index für jugendgefährdende Schriften steht, erschließt sich mir nicht. Für das erhellende Vorwort, das den Autor beschreibt, vergebe ich ½ Zusatzpunkt.

Taschenbuch: 128 Seiten
ISBN-13: 9783811862814

www.vpm.de

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