Anonymus – Sinnliche Südsee

Liebeslektionen bei den Maori

Stella, behütete Ehefrau eines englischen Offiziers, viktorianisch erzogen, wird von den Maori verschleppt und erfährt am eigenen Leib sexuelle Praktiken, von deren Existenz sie nichts ahnte. Eine Hölle, so glaubt sie anfangs, – die sich aber bald verwandelt in ein Paradies der Lust, ein Paradies ohne Tabus und Prüderie, in dem Stellas verdrängte Sexualität erwacht. Und sie hofft nur eines: aus diesem Paradies nie vertrieben zu werden … (Verlagsinfo)

Der Autor oder die Autorin ist unbekannt. Ihr oder sein Buch erschien 1978 unter dem seltsam schelmischen Titel „Cruelle Zélande“, also „Grausames Neuseeland“.

Handlung

Stella McLeod folgt ihrem Mann, einem quasi strafversetzten Offizier der britischen Armee, nach Neuseeland. Die junge Frau ist unter typisch viktorianischen Umständen aufgewachsen, ohne jemals so etwas wie Lust beim Sex zu erfahren, nicht mal bei ihrer Entjungferung durch Frank. Als sie bei den Kämpfen mit den rebellischen Maori in Gefangenschaft gerät, ändert sich ihr Leben jedoch radikal.

Der Leser würde vielleicht erwarten, dass Stella es wie Emmanuelle macht und ihre lästigen Klamotten mitsamt Korsett und Büstenhalter verbrennt und ihre Freiheit genießt, doch nichts könnte ihr ferner liegen: Sie besteht auf dem Tragen dieser schützenden Hülle, was bei den freizügig und halbnackt lebenden Eingeborenen naturgemäß auf Unverständnis stößt. Wenigstens sind sie von ihrer blonden Körperbehaarung derart fasziniert, dass sie sie erst einmal genau untersuchen. Offenbar wollen sie sie – vorerst – nicht umbringen, sondern in ihrem Dorf unterbringen.

Eine Verständigung mit Worten gibt es nicht. Aber dafür spricht die Gerte umso deutlicher: Ein junges Mädchen namens Nawa-na hat die Ehre, Stella mehrfach zu züchtigen. Seltsamerweise ruft dies in der so Traktierten lüsterne Gefühle hervor. Sie nimmt ihre erste Vergewaltigung hin. Ra-hau scheint der stattlichste Mann in diesem kleinen Dorf zu sein und ist möglicherweise so etwas wie der Häuptling.

Stella ist verwirrt von der rührenden Zuwendung, die sie danach von den Frauen erfährt. Salben und Öle lindern ihre Schmerzen, und wenn sie von den Männern mehrfach vergewaltigt worden ist, so bekommt sie sogar ein doppeltes Klistier verpasst. Da sie noch nie von Empfängnisverhütung gehört hat, erkennt sie diese Schutzmaßnahme nicht als solche.

Stella entwickelt eine starke Zuneigung zu den jungen Frauen, die sich um sie kümmern, und zwar auch in erotischer Hinsicht. Dass sie Gelegenheit erhält, sich an Nawa-na für die verabreichten Prügel zu revanchieren, erfüllt sie nicht nur mit Genugtuung, sondern auch mit Lust. Schließlich wird sie zur öffentlichen Frau, die von jedem Mann, der sie haben will, benutzt werden darf, solange der Häuptling damit einverstanden ist.

Sie hofft, dass dieser Zustand kein Ende findet, doch das Schicksal hat anderes für sie vorgesehen. Das Schlimmste steht ihr noch bevor, und es tritt in Gestalt der Maori-Kinder auf…

Mein Eindruck

Die Südsee ist seit James Cooks Entdeckungsreisen ein Phantasieraum für erotische Sehnsüchte. Erzählungen wie „Typee“ von Herman Melville und die „Meuterei auf der Bounty“, schließlich sogar die sogenannten Anthropologieforschungen von Margaret Mead unter den Trobriandern setzten diese Tradition fort: Südsee = ungezügelter Sex.

Mit diesem Unsinn räumt der vorliegende Roman eines ungenannten Franzosen zu einem Gutteil auf. (Das deutsche Titelfoto führt völlig in die Irre.) In „Cruelle Zélande“, wie der O-Titel lautet, gibt es keine Emmanuelle, die ungezügelte Lusterfüllung unter den Eingeborenen sucht, ohne ihre Identität aufzugeben. Vielmehr besteht eine feste Gesellschaftsordnung unter dem Maori-Stamm, denn Stella kennenlernt. Sie muss herausfinden, worin das Fundament dieser Ordnung besteht, und zwar auf die harte Tour: Vom ersten Tag an bezieht sie Prügel.

Dass sie sich den Männern unterordnen muss, ist nur der Anfang. Aber es gibt auch ein Frauenhaus und eine Freundin, mit der sie eine sanftere Sinnlichkeit à la Lesbos ausleben kann. Mit den Kindern lernt sie eine weitere wichtige Lektion. Es ist nicht wichtig, ob ein Mensch Mann oder Frau ist. Denn: „Ich bin der andere, der ich ist; wir sind eine einzige lebende Substanz, ein einziges Wort, ein einziger Austausch.“ (S.90)

Stella findet also nicht Erfüllung in Sexakrobatik, sondern in einer völlig anderen Identität – einer Identität, die sich im anderen Du erfüllt und bestätigt sieht. Das führt dazu, dass sie nicht exklusiv, also ausschließend liebt und keinen Einzelnen zum Mann nimmt. Es ist, als atme sie Liebe.

Das führt sie zu einem anderen Verständnis ihrer eigenen Existenz als Frau. „Ich glaube, die Frau ist die wahre Quelle der Welt. Aus ihr strömen das Leben und der Schlummer, jede Erinnerung und alles Vergessen.“ (S. 107) In Schottland hätte sie diese Ansichten nicht einmal denken können.

Doch alles Gute muss ein Ende haben: Frank taucht wieder auf. Diesmal haben die schlauen Maori auch ihn gefangen genommen. Als er an einen Baum gefesselt Stella erblickt, ist er sehr erstaunt: Er hat sie für tot gehalten. Und sie ihn. Das ist ein ironischer Augeblick, der noch vertieft wird, als er sie naiv fragt: „Respektieren sie dich?“ Und sie antwortet: „Ja, sehr.“ Er ahnt nicht, dass sie dies in einem völlig anderen Sinne meint, als er annimmt. Das Ende sieht Stella wieder mit Frank nach Schottland zurückkehren.

Satire oder nicht? Eine Frage der Übersetzung

Es sind Szenen wie dieser kleine Dialog, der voller Missverständnisse ist, der die Leser der englischen Übersetzung „O Wicked Country!“ (London, 1982, von Celeste Piano) auf die Idee gebracht hat, dass sich bei dem vorliegenden Roman um eine Satire handle. Aber hallo!, wundert sich der deutsche Leser. Wie konnte es nur dazu kommen?

Die deutsche Übersetzerin Sara Pitti hat zwar aus dem Französischen übersetzt. Deshalb überraschen die zahlreichen, in Klammern angeführten englischen Ausdrücke des französischen Originals. Sara Pitti interpretiert jedoch nicht satire-mäßig wie Piano, sondern hebt auf den oben skizzierten verlogenen Südseetraum ab.

Das ist besonders deutlich an den beiden Schlusssätzen der Übersetzungen ablesbar. Pitti formuliert romantisch sehnsüchtig: „Neuseeland… verloren, auf immer verloren!“ (S. 124) Celeste Piano hingegen, die viele Emmanuelle-Romane übersetzt hat, formuliert schelmisch zweideutig: „Wicked, yes… O wicked country!“ Das ist angesichts der Tatsache, dass Stella dort Erfüllung als Mensch und als Frau fand, die sie verbergen muss, Frank aber von den Maori sexuell missbraucht und verspottet wurde (was ebenfalls unaussprechlich ist), eine zutreffende Beschreibung: Das Neuseeland um 1890 erscheint dem Westler, der es erlebt, entweder als sündig oder befreiend – und das macht es eben „wicked“ – moralisch falsch, teuflisch, aber auch spielerisch boshaft.

„Wicked“ ist abgeleitet von altenglisch ‚wicca‘ = weise Frau, Hexe. Und ebenso wie weise Frauen während der Inquisition des 16. und 17. Jahrhunderts als Hexen dämonisiert und diffamiert wurden, um sie entmachten zu können, so erscheint nun auch die Maori-Gesellschaft der Südsee als eine Ordnung, die dem viktorianischen Westler als sündig erscheinen muss. Es sei denn, man lässt sich wie Stella auf diese Gesellschaft auf allen Ebenen ein. Dann wird man verwandelt.

Diese Verwandlung muss Stella, sobald sie nach Schottland „heimgekehrt“ ist, um jeden Preis verbergen. Andernfalls würde man sie, wie einst die Hexen, ausstoßen. In dieser Hinsicht handelt sich es sich vielleicht tatsächlich um eine Satire, aber um eine auf die westliche Gesellschaft und ihren sexuellen Codex: „Die häufigste Form des Glücks besteht darin, nicht zu wissen, dass man unglücklich ist.“ (S. 5) Eine bittere Erkenntnis, die provokativ am Anfang des Textes steht.

Schwächen der Übersetzung

S. 91: „perzte ich das Gesäß nach hinten“: „Perzen“ steht nicht im DUDEN, daher scheint es sich wohl um einen Dialektausdruck zu handeln.
S. 96: „Frenesie“: Raserei, also unkontrollierte energische Bewegung (auch geistig); abgeleitet von „Delirium“.
S. 98: „Ich war nun wie geschroten.“ Also das Ergebnis eines quasi mahlenden Vorgangs. Gemeint ist ein flotter Vierer.
S. 105: „delikate Schwellung eines Frauenbauchs“: „delikat“ meint hier nicht kulinarische Genüsse, sondern das englische „delicate“, also sanft, sachte.
„Pflugsterz“: Der lange Stiel eines Pflugs, an dem die Pflugscharen befestigt sind, besonders das Ende des Stiels. „Sterz“ wird auch der Schwanz eines Vogels genannt.

Unterm Strich

Ich habe für diesen erotischen Roman einige Wochen gebraucht. Nicht nur, weil ich viel zu tun und Dringenderes zu lesen habe. Auch weil der Text aus dem Jahr 1978 und somit aus einer Zeit stammt, als man mit Erotik noch gegen gesellschaftliche Konventionen anrennen konnte und hoffen durfte, etwas damit zu bewegen. Homosexuelle Liebe beispielsweise, wie sie Stella u.a. praktiziert, ist heute glücklicherweise in der Mitte der Gesellschaft angekommen und nur noch dann eine Provokation, wenn es um die Adotpion von Kindern geht, besonders in Frankreich.

Rennt also „Cruelle Zélande“ durchweg offene Türen ein? Nicht ganz. Es ist weiterhin nicht Mainstream, sondern Fetischismus, wenn eine dominant-submissive sexuelle Beziehung als erfüllend geschildert wird. Das könnte sich inzwischen mit dem enormen Erfolg der einschlägigen „Shades of Grey“-Trilogie geändert haben.

Aber darum geht es im Buch ja nicht zentral. Der auf Erotik erpichte Leser oder die entsprechende Leserin, finden zwar zahlreiche sexuelle Begegnungen, doch diese sollten ja auch irgendeinen Sinn haben, und der besteht in Stellas Verwandlung von einem sexuellen Objekt zu einem Subjekt. In Franks Armen erduldete sie lediglich Sex, doch unter den Maori stellt Sex einen Teil des gesellschaftlichen Lebens dar. Stella ergreift die Initiative, revanchiert sich für erduldete Prügel und dreht den Spieß um. Das wäre ihr in Schottland nie in den Sinn gekommen.

Ganz am Rande wagt sie sich zu philosophischen Einsichten, etwa über die Rolle der Frau in der Welt und über das Ich im Kreis einer liebevollen Gesellschaft. Dies mag utopisches Denken sein, aber was wären wir ohne Träume und Ideale? Wir würden dahinvegetieren und roboten, bis unsere fleischliche Hülle den Dienst versagt. Der Mensch ist mehr als das. Und es kommt, so die Botschaft, darauf an herauszufinden, welche Lebensausdrücke (etwa Sex) moralisch verwerflich und welche als förderlich betrachtet werden – und danach zu handeln.

Mich hat lediglich die deutsche Übersetzung befremdet. Im Vergleich zur englischen von Celeste Piano wirkt sie, als verschweige sie uns etwas. Wo bei Piano die bissige Satire durchscheint, wirkt der deutsche Text plump und unerfüllt sehnsüchtig, etwa im Schlusssatz. Wer kann, sollte also das französische Original lesen. Rowohlt behauptet: „Der anonyme Autor dieses Buches ist kein Unbekannter.“ Oh, là, là!

Taschenbuch: 123 Seiten
Aus dem Französischen von Sara Pitti

www.rowohlt.de

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