Antoine S. – Florian der Genießer. Erotischer Roman

Bei Wein und Weib immer der Nase nach

Wie gewinnt man dem Leben den größten Genuss ab? Florian Nazulis bedient sich seiner Nase, um von dem, was das Leben zu bieten hat, das Beste zu erschnuppern – und das sind allemal die weiblichen Düfte. Frauen sind für ihn wie Früchte. Und so pflückt er sie alle, die Blondinen und die Rothaarigen, die Schüchternen und die Verführerinnen. (Verlagsinfo)

Der Autor

…bedankt sich bei seinem „Meister“ Henry Miller. Mehr ist über ihn oder sie nicht zu erfahren.

Handlung

Florian Nazulis, 33, ist Weinkenner, und was seine Nase im Glas erschnuppert, beschreibt er in einer Zeitschrift. Er bezeichnet sich als „Önologe“, also Weinaufkäufer. Doch Düfte sind auch ganz woanders zu finden, in Achselhöhlen, hinter Ohren und an intimeren Orten: vorzugsweise bei jungen Frauen. Diese zu suchen, verlangt von ihm sein „Gulliver“, wie er sein Geschlechtsteil neckisch-respektvoll nennt.

Gute Nachbarschaft

An diesem Morgen entdeckt er eine neue Nachbarin, und sofort lädt er sie zu einem Stelldichein ein. Sie heißt Clémence, verrät sie, als er sie beschnuppert und nonchalant auszieht und verwöhnt. Erstaunlicherweise kommt sie schon nach nur fünfzehn Minuten. Doch statt zu bleiben, nimmt sie Reißaus. Na, schön, es gibt noch andere Jagdgründe, denkt sich Florian und macht sich auf den Weg. Gegen den Lärm der Straße verschließt er seine empfindlichen Ohren.

Auf der Ile de la Cité, gleich neben Notre-Dame, verwöhnt ihn eine amerikanische Touristin, höchstens 19 Jahre alt, aber, ach, zum Koitus lässt sie es nicht kommen. Er macht sich auf in eine Fotostudio. Sandra ist erst 20, aber weiß Gott, sie zeigt schon alles, was der Fotograf sehen will. Ein Jammer, dass manche Fotografen schrecklich impotent sind! Nach dem Mittagessen darf er sie verwöhnen, und sie verwöhnt ihn.

Forschung in praxi

Nazulis ist Arschologe, das heißt er hat eine Theorie aufgestellt, wonach sich Natur und Charakter einer Frau an der Form und dem Zustand ihres mehr oder weniger edlen Hinterteils ablesen lassen. Belege für dafür hat er in Paris bereits mehr als genug gesammelt. Daher schreibt er schon seit Jahren an einem entsprechenden Buch. Was er noch benötigt, sind weitere Belege.

Florian macht sein Tonbandgerät und die Wanzen betriebsbereit. Am nächsten Morgen schaut seine hübsche Nachbarin Clémence bei ihm herein. Sie verwöhnt ihn diesmal, doch sie ist gegen Abtreibung, genau wie er, und will sich kein Kind machen lassen. Da lässt Gulliver den roten Kopf hängen. Florian wettert gegen die Ehe, diesen liebestötenden Wahnsinn, was das Zeug hält, bis Clémence ihm schließlich recht gibt: Das Glück liegt in liebevollen Begegnungen von Paaren, wozu braucht es da einen Trauschein? Er weiß es aus leidvoller Erfahrung aus zwei Ehen, dass die Ehe der Liebe Tod bedeutet.

Auf der Lauer

Wie um den Beweis für seine These zu beschaffen, legt er sich in einer nahegelegenen Kirche auf die Lauer. Die Wanze ist kaum angebracht und auf Empfang geschaltet, als er im Beichtstuhl quasi ertappt wird: Der Priester will ihm die Beichte abnehmen. Florian, der Freigeist, schwindelt dem Kirchenmann so lange etwas vor, bis er durchschaut und fortgeschickt wird. Doch kaum zurück im Auto, belauscht er das Geständnis einer jungen Frau. Sie phantasiere von einem Schwanz, einem harten, großen Schwanz, der sie erfülle, jammert sie. Na, der Frau kann geholfen werden, denkt Florian und eilt in die Kirche. Sie entsteigt gerade dem Beichtstuhl. Wunderbar: Ihre Hintern ist wie geschaffen für die Liebe!

Wunderheilung

Als er sie verfolgt, bemerkt er, dass die Dame hinkt. Hat sie sich etwa verletzt? Aber es gibt ja auch psychosomatisch bedingte Beschwerden, wie er wohl weiß. Frech wie Oskar hält er sie an und gesteht ihr, dass er ihre Beichte vernommen habe und dass er ihr helfen wolle. „Das ist unmöglich!“ haucht sie, doch seine ersten Bemühungen, sie in seinem Auto in Fahrt zu bringen, sind von Erfolg gekrönt. Sie ist bereit. Als sie seinen Gulliver auspackt, staunt sie Bauklötze: „So groß!“

Er fährt sie in seine Wohnung, und dort erlebt sie einen ausführlichen Aufklärungsunterricht nebst Wurzelbehandlung. Ihr Mann, der ein Beamter im Verteidigungsministerium sei, habe nur einen Kleinen, und wenn er sie nachts benutze, dann nur für ein paar Minuten. Das kann doch nicht alles sein, was es in der Liebe gebe, oder? Beileibe nicht, schwört Florian und lässt sie acht Mal kommen. „Unmöglich!“ haucht sie erneut. Ein Wunder ereignet sich. „Omeingott!“ ruft sie. Ihr Ischiasleiden ist wie weggeblasen.

Maskenball

Hugo Lambertini, der italienische Milliardär und König des Prêt-à-porter, lädt zu einem Maskenball ein und Florians Freundin Ariane hat den Önologen nicht vergessen. Das Thema sind Tiere. Sie will als Mickey kommen, er als Elefant. Gesagt, getan. Die schrägsten Gestalten sind zum Fest gekommen, z.B. Schweinchen Dick. Allenthalben wird bereits Venus und Amor gehuldigt. Florian ist als er selbstgekommen, aber als er die Hose runterlässt, wird es still im Saal…

Mein Eindruck

Man sagt, Paris sei die Stadt der Liebe, und das muss besonders an seinen Mädchen und Frauen liegen. Ein Schelm, wer dabei nicht zum Genießer werden würde. So macht es Florian, der wahrlich kein Kostverächter ist. Er sagt sich: „Das Leben meint es gut mit mir.“ Für die meisten Momente gilt das auch. Während er die Frauen, ihre exquisiten Körpergerüche und Düfte – das Buch listet einen ganzen Katalog von Parfums auf – genießt, schenkt er selbst ebenfalls Lebensfreude – und ab und zu eine Wunderheilung.

Studien

In der Bourgogne, wo die herrlichsten Weine wachsen, erlebt Florian wunderbare Liebesnächte. Er befreit eine Jungfrau von ihrem beklagenswerten Zustand und eine Engländerin namens Jane – „ich Tarzan?“ – macht ihm nach mehreren Gläsern starken Rotweins Avancen, die nicht zu verachten sind. Kann das Leben was Schöneres bieten? Die Studien der weiblichen Olfaktorik und Arschologie schreiten vielversprechend voran. Eine verblüffende Entdeckung: Der Duft einer Frau verändert sich radikal, wenn sie Lust empfindet und zum Höhepunkt gekommen ist. Was es nicht alles gibt.

Feinde

Aber es gibt auch eine dunkle Seite seines Lebens. Unverhofft steht da Ehemann der lieben Mireille vor seiner Wohnungstür. Stundelang hat der Beamter des Verteidigungsministeriums mit dem Revolver in der Hand auf ihn warten müssen, es ist ein Jammer. Natürlich bekommt der arme Mann erst einmal einen heißen Kaffee – tja, und den Revolver braucht er ja jetzt wohl nicht mehr. Ein klärender Anruf bei der lieben Mireille bereinigt die Lage. Der Ehemann entschuldigt sich sogar noch.

Die Hölle

Die wahre Hölle lernt Florian jedoch ebenfalls kennen. Eines Morgens erwacht er, doch sein Gulliver schläft noch. Und – o Graus! – es ist rein gar nichts zu riechen. Ein Experiment nach dem anderen bestätigt den finsteren Verdacht: Er hat seinen Geruchssinn verloren! Das Leben meint es ganz und gar nicht gut mit ihm. Er eilt auf die Straße, um dort die Gerüche zu testen – nichts. Moment mal, da war doch ein Molekül von Dior – eine Duftspur. Wie ein Hündchen läuft er der Dame hinterher , beschnuppert sie intensiv, klagt ihr sein leid. Sie hat ein Einsehen und erkennt die Ursache: „Monsieur haben wohl einen Schnupfen, nicht wahr?“ Die Rettung ist in Sicht, für Florian wie auch für Gulliver: Das Telefon steht nicht mehr still…

Die Übersetzung

S. 20: „Nach der schottischen Dusche“ wird nicht erklärt, aber später wird klar: abwechselnd heiß und kalt duschen.

S. 97: „Vielle Prune“ heißt offenbar ein Pflaumenschnaps, Aber fehlt da nicht ein i in „vielle“? Dann würde daraus eine „alte Pflaume“.

S. 119: „der Dom des Tieres“. Gemeint ist die Eichel des Penis. Weil 2dome“ wie im Englischen auch „Kuppel“ heißen kann, ist wahrscheinlich dies gemeint. Religiöse Bedeutung sollte man vermeiden, denn Florian ist bekanntlich allergisch gegen alle religiösen Anwandlungen und verachtet den Klerus. Auf S. 98 macht er sich einen Spaß und träumt davon, mit dem hl. Christophorus engelhaft um die Wette zu fliegen. Und auf S. 97/98 sabotiert er den Katechismusunterricht. Der Grund: Der Klerus ist seit jeher ein Feind der Lust und der Liebe, es sei denn, sie verläuft in den vorgeschriebenen Bahnen. Mireille kann ein Lied davon singen.

Unterm Strich

Ich habe den Roman in nur wenigen Stunden gelesen. Die Schreibe ist flott, das Geschehen meist amourös und heiter. Das Motto lautet: „Carpe diem – nutze die Gelegenheit!“ Der Autor erweist sich zudem als intimer Kenner sämtlicher Weinberge der Bourgogne, sämtlicher Parfums des Jahres 1984. Er ist auch kein Kostverächter, was das Alter seiner femininen Eroberungen angeht. Alle weiblichen Zweibeiner zwischen sechzehn und vierzig Jahren sind nicht vor ihm sicher. Dabei haben es gerade die Teenager bereits faustdick hinter den Ohren.

Der Autor hält mit seiner Kritik an lustfeindlichen Institutionen und Verhaltensweisen nicht hinterm Berg. Ob explizit wie in der Kirche (S. 97/98) oder auch implizit – während der Orgie – an Großkopfeten aus Modewelt, Handel, Verwaltung oder Medien (Schweinchen Dick ist ein bekannter Radio- und Fernsehkommentator). Sie erbleichen, wenn ihn ein überdimensionales Gemächt vor die Nase gehalten wird. Florian liebt es auch, Zugreisende zu schockieren, indem er während des Vögelns der lieben Clémence im Zug die Fahrgäste im parallel fahrenden Zug herzlich grüßt: „Effronter le bourgeois!“ ist offensichtlich sein Motto. Das macht Spaß, so dass Florian die Sympathien immer auf seiner Seite hat.

Das einzige, was man an dem Roman bemängeln könnte, ist der Mangel an einer durchgehenden Handlung. Sie ist, wie Florians Eroberungen, episodisch. Das kann auch mit den Forschungen in Olfaktorik und Arschologie zu tun haben – wozu sollte man sich da einschränken und sich das womöglich beste entgehen lassen? Doch wenigstens dreimal taucht Clémence wie ein roter Faden auf, und zweimal der Regierungsbeamte. Das Burgund-Kapitel ist ein substantieller Teil des Romans. Er versetzt den Leser in alte Zeiten, als Römer und Mönche den edlen Rebensaft herzustellen pflegten. Aber was wäre Wein ohne die Liebe und gutes Essen? Q.E.D.

Taschenbuch: 188 Seiten
Originaltitel: Florian ou Le Savoir-Jouir, 1984.
Aus dem Französischen übertragen von Anke Leifheit.
ISBN-13: 9783499156202

www.rowohlt.de

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