Antony Beevor – Stalingrad

Vorgeschichte: Zwei Diktatoren

Nachher ist man immer schlauer, hört man oft, wenn wieder einmal irgendwo etwas schrecklich schief gelaufen ist. Das Traurige an der Stalingrad-Tragödie ist, dass nicht einmal diese simple ,Erklärung‘ geltend gemacht werden kann: Es gab unter allen Beteiligten weiß Gott genug kluge Köpfe, die genau wussten, was geschehen würde – und doch nichts dagegen taten.

An ihren Spitzen standen zwei Diktatoren, die glaubten, Feldherren zu sein: auf der einen Seite Adolf Hitler, auf der anderen Josef Stalin. Diktator 1 tat, was er seit seinem ersten Auftreten als ,Politiker‘ in den frühen 1920er Jahren, seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und seit dem Ausbruch des II. Weltkriegs 1939 stets getan hatte: Er log, spielte Freund und Feind gegeneinander aus, stürmte dem Gegner dreist entgegen, ging auf volles Risiko und war bis zum Herbst 1942 aus seiner Sicht ausgezeichnet damit gefahren. Das Deutsche Reich hatte in einem „Blitzkrieg“ die meisten Länder Europas in die Knie gezwungen. Niemand konnte den deutschen Kriegern offensichtlich widerstehen! Wieso sollte dies also in der Sowjetunion anders sein?

Wem verdankte das „Dritte Reich“ seinen Siegeszug? Natürlich seinem genialen „Führer“ Adolf Hitler! Das wurde den Deutschen immer wieder eingehämmert, und nach einem rauschhaften Siegeszug durch ganz Europa und Nordafrika begann es Hitler schließlich selbst zu glauben: Dies war (neben vielen anderen Tragödien) die Geburtsstunde des „Gröfaz“, des „Größten Feldherr aller Zeiten“.

Ein verblendeter, skrupelloser, mörderischer Dilettant lässt in den Krieg gegen ein Land ziehen, in dem noch jeder feindliche Feldherr gescheitert ist. Schon Napoleon Bonaparte hatte nicht begreifen können oder wollen, dass Russland zu groß ist, um erobert zu werden. Jede Armee hatte sich irgendwann in den unendlichen russischen Weiten verloren. Aber wann hatten Hitler und seine Steigbügelhalter jemals nüchtern kalkuliert?

Symbolischer Showdown in Stalingrad

Also nahm das Verhängnis im Juni 1941 mit der „Operation Barbarossa“ und dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion seinen Lauf. In den folgenden fünfzehn Monaten stürmten die Invasoren von Sieg zu Sieg und unaufhaltsam immer tiefer in das Landesinnere, zerschlugen die gegnerischen Armeen, terrorisierten die Zivilbevölkerung, machten Jagd auf „Untermenschen“ und „Bolschewiken“, vernichteten die gesamte Infrastruktur – und kamen dem Horizont niemals auch nur nahe: Die Deutschen siegten sich schier zu Tode; der Vorstoß verlangsamte sich, die Nachschubprobleme wuchsen, und dann übernahm auch noch der ungeduldige Hitler selbst den Oberbefehl und schickte seine Wehrmacht ziel- und planlos im Zickzack-Kurs durch Russland.

Derweil begann sich Diktator 2 von dem Schock zu erholen, den ihm die Erkenntnis beschert hatte, dass es auf dieser Welt jemand gab, der noch brutaler und rücksichtsloser vorgehen konnte als er. Der Verrat Hitlers, mit dem ihn doch ein Bündnisvertrag verband, hatte Stalin völlig überrascht. Fünfzehn lange Monate bestand seine einzige Verteidigungs-‚Strategie‘ darin, immer neue, kaum oder gar nicht ausgebildete und ausgerüstete Truppen in den Kampf gegen die Deutschen zu schicken. Stalin verheizte bedenkenlos Zehntausende, um Zeit zu gewinnen und weit hinter der Front das vermutlich gewaltigste Kriegsheer aller Zeiten aufzustellen.

Im Spätsommer 1942 war es fast soweit. Da stand die deutsche 6. Armee vor Stalingrad, der Industriestadt an der Wolga, die den Namen von Diktator 2 trug, was die Einwohner in den nächsten Monaten zumindest heimlich oft verflucht haben dürften. Denn Stalin beschloss: Bis hierher kommen die Deutschen, aber nicht weiter; koste es, was es wolle!

Solche Anweisungen pflegten im Schreckensreich von Diktator 2 exakt umgesetzt zu werden. In einer Stadt, die bald einer Ruinen- und dann einer Mondlandschaft glich, wichen die russischen Soldaten freiwillig keinen Zentimeter zurück. Kein Wunder, denn in der Regel standen Stalins Polit-Kommissare mit gezogener Waffe hinter ihnen. Hinzu kam eine inzwischen erwachte und zusehends stärker werdende Entschlossenheit, vor dem Feind nicht mehr zu fliehen, sondern ihn zu stellen und zu vernichten.

Mörderischer Mikrokosmos zwischen Ruinen

Diktator 1, für den Geduld und Strategie Fremdwörter waren, ließ sich auf das blindwütige Spiel ein: Seine deutschen Eroberer würden sich nicht aufhalten lassen; sie durften es nicht, da sonst an der „Heimatfront“ Zweifel aufgekommen und Fragen laut geworden wären, denen sich das NS-Regime nicht stellen mochte. Das Ergebnis war die Schlacht von Stalingrad – ein Kampf, wie ihn die Welt noch nie erlebt hatte; ein fünfmonatiges, erbarmungsloses Schlachten, ein irrwitziges Ringen in den zerschossenen und zerbombten Ruinen einer von halbverhungerten Zombies bevölkerten Geisterstadt entlang einer Frontlinie, die sich stündlich änderte und an der die Gegner nicht selten bloß durch die Mauer eines halb eingestürzten Gebäude voneinander getrennt wurden. Das Grauen, das sich in Stalingrad abspielte, spottet jeder Beschreibung und stellt jeden Horrorfilm weit in den Schatten.

Aus deutscher Sicht hatte nie ein echter militärischer Sinn darin gelegen, Stalingrad mit solcher Verbissenheit einzunehmen. Doch die Symbolträchtigkeit des Ortes fesselte bald die Aufmerksamkeit der gesamten Welt, und das war für Hitler wie für Stalin mehr als Grund genug nicht nachzulassen.

Dabei stand in diesem bösen Spiel der Verlierer nach einiger Zeit fest: Während die Deutschen von enormen Nachschubproblemen geplagt wurden und völlig unvorbereitet in den gefürchteten russischen Winter gehen mussten, begann Stalin seine Kräfte im Umland zu sammeln und Stalingrad allmählich zu umzingeln. Das blieb den Deutschen natürlich nicht verborgen, doch ein Rückzug gestattete Diktator 1 nicht. Während sich der Kessel um die Deutschen langsam schloss, wurde die Schlacht um Stalingrad mit unverminderter Härte fortgesetzt. Hunger, Kälte, Krankheit und Gräuel, die jeder Beschreibung spotteten, erreichten schließlich ihren Höhepunkt, als die russische Armee am 10. Januar 1943 zum Gegenangriff überging. Drei Wochen später kapitulierten die letzten deutschen Überlebenden, während Diktator 1 auf einen heroischen Walkürenritt bis zur letzten Patrone gehofft hatte. Auf beiden Seiten hatte das fünfmonatige Gemetzel mehr als 1,1 Mio. Opfer gekostet; eine Zahl, die sich noch erhöhen sollte, da von den ca. 91000 kriegsgefangenen deutschen Soldaten kaum 6000 die russischen Straflager überlebten.

Lesen, leiden, lernen

Das ist die Geschichte des Kampfes um Stalingrad: ebenso traurig wie einfach; vielleicht scheint es auch nur so, weil Antony Beevor sie erzählt. Aber sollte Anschaulichkeit das primäre Stilmittel des Autors ist, hat er es klug gewählt und eingesetzt, denn nach der Lektüre von mehr als 500 Seiten fühlt sich nicht nur der Laie, sondern auch der Historiker sehr gut informiert.

„Stalingrad“ ist ein Sachbuch wie es sein soll: intensiv recherchiert, präzise und unterhaltsam geschrieben, eine ideale Einführung in sein Thema für Laien und mit neuen Fakten aufwartend für den Fachmann. Hierzulande wäre aus „Stalingrad“ vermutlich eine knochentrockene Abhandlung geworden. Im angelsächsischen Raum ist das anders: Dort sind sich selbst anerkannte Kapazitäten nicht zu ‚schade‘, ihr Wissen auch dem gar unwissenden Pöbel zugänglich zu machen, auf dass auch der Normalsterbliche davon profitieren kann.

Puristen werden klagen und Seifenoper-Elemente monieren, wenn sie sehen, wie Beevor zum Beispiel die großen historischen Entwicklungen immer wieder durch Tagebucheinträge russischer und deutscher Zeitzeugen kommentiert. Aber Einzelschicksale können nun einmal komplexe Zusammenhänge leichter verständlich und begreifbar werden lassen, selbst wenn dies die Gefahr der Vereinfachung in sich birgt. Der Autor hat es in der Hand, und Antony Beevor schenkt der Leser Vertrauen!

Beevor, ein ehemaliger Offizier der britischen Armee, der sich als Militärhistoriker einen guten Namen gemacht hat, konnte für „Stalingrad“ aus dem Vollen schöpfen. Der Zusammenbruch des Ostblocks ebnete zum ersten Mal den Weg in die Archive des ehemals kommunistisch regierten Osteuropas. Dort sammelte und hamsterte man Quellen aller Art genauso fleißig wie im Westen, und dort fand sich neben den Zeugnissen der Sieger auch das Schriftgut, das diese 1943 auf deutscher Seite erbeutet hatten. Dieses Material war noch niemals gezielt aufgearbeitet und genutzt worden. Kein Wunder also, dass Beevor, der sich einige Jahre durch wahre Papierberge gegraben hatte, mit vielen neuen Fakten dienen konnte.

„Stalingrad“ bietet keine leicht erträgliche, aber eine leichte Lektüre, die solide und fern jeglicher Landser-Melodramatik dokumentarisch und objektiv eines der düstersten Kapitel der Geschichte aufleben lässt. Wenn man sich informieren möchte über Stalingrad, sollte Beevors Buch noch immer auf der Leseliste stehen.

Paperback: 544 Seiten
Originaltitel: Stalingrad (London : Viking/Penguin Group 1998)
Übersetzung: Klaus Kochmann
www.randomhouse.de/pantheon

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