Ardagh, Philip – Schlimmes Ende

Charles Dickens‘ „Oliver Twist“ trifft Monty Python – eine potenziell witzige Mischung, die aber ein Feeling für äußerst skurrilen Humor erfordert. Ein schön gestaltetes Kinderbuch, auf dem jedoch nirgendwo steht, ab welchem Kindesalter es geeignete Lektüre darstellt – für Eltern ein deutliches Manko.

_Der Autor_

Philip Ardagh ist über zwei Meter groß und trägt einen buschigen Bart – wie sein Foto belegt. Außerdem hat er mehr als 60 Kinderbücher geschrieben für Kinder jedes Alters. „Allerdings keines, das nur annähernd so wäre wie ‚Schlimmes Ende'“, verrät der Verlag. Ardagh lebt mit seiner Frau und zwei Katzen in einem Küstenort in England. Er arbeitete als Werbetexter, als Krankenhausputzkraft, als Bibliothekar und als Vorleser für Blinde, bevor er aus dem Schreiben einen Fulltime-Job machte.

Ardaghs Übersetzer ist Harry Rowohlt, den wohl jeder zur Genüge kennt. (Und der 5 Euro Strafe auf die Frage verlangt, ob er etwa mit dem Verleger Rowohlt verwandt sei!)

Die Eddie-Dickens-Trilogie:

– Schlimmes Ende
– [Furcht erregende Darbietungen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=367
– [Schlechte Nachrichten]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=528

_Handlung_

England, im viktorianischen Zeitalter: Die Eltern des kleinen Eddie Dickens leiden an einer seltenen Krankheit. Ganz gelb sind sie, dazu merkwürdig wellig an den Rändern. Außerdem stinken sie nach alten Wärmflaschen. Offenbar hat ihnen Doktor Keks eine neuartige Kur verschrieben, von der noch nie jemand etwas gehört hat. Von Doktor Keks übrigens auch nicht, wie sich später zeigt.

Damit Klein-Eddie sich nicht ansteckt, wird er zu Verwandten aufs Land geschickt. Sie holen ihn in ihrer eigenen Kutsche ab. Leider handelt es sich bei ihnen um seinen Wahnsinnigen Onkel Jack und dessen Frau, die Wahnsinnige Tante Maud. Während Onkel Jack die Diener und Polizisten, denen sie begegnen, stets in einer fremden Währung, nämlich Trockenfisch, zu bezahlen pflegt, ist mit Tante Maud mit größter Vorsicht umzugehen: Sie trägt ein ausgestopftes Wiesel namens Malcolm bei sich, das sie gerne und häufig als Schlagwerkzeug einzusetzen beliebt.

Nach einer aufschlussreichen Episode mit merkwürdigen Schauspielern des Theaterdirektors Pumblesnook und in einem äußerst ungastlichen Gasthaus geht es weiter zu dem Haus der Verwandten, welches den unheilverkündenden Namen „Schlimmes Ende“ trägt. Doch Klein-Eddie gelangt gar nicht dorthin, denn Schauspieldirektor Pumblesnook hat ihn dazu verleitet, einen Waisenknaben zu spielen. Und genau so einen Knaben sucht der Dorfpolizist, der die Kutsche anhält.

Schon wenig später sieht sich Eddie in einer schrecklich kalten und kahlen Zelle des Waisenhauses „Sankt-Fürchterlich-Heim für dankbare Waisen“ eingekerkert. Und der Name des Direktors lautet Grausam-Unsäglich …

Wird Eddie jemals das Licht des Tages und seine armen, leidenden Eltern wiedersehen? Oder wird diese Geschichte ein „schlimmes Ende“ nehmen?

_Mein Eindruck_

„Schlimmes Ende“ ist der erste Teil einer Trilogie. Die bereits übersetzte Fortsetzung trägt den deutschen Titel „Furchterregende Darbietungen“ (Dreadful Acts). Im Mittelpunkt der Story steht Eddie, ein etwa zehnjähriger Junge ohne Arg, aber mit Verstand, dem die diversen Erwachsenen mit reichlich bizarren Spielen zusetzen. (Auch in Band 2 landet er wieder hinter Gittern.)

Das Prinzip der skurrilen Geschichte ist deutlich: Ardagh übertreibt die bereits bei Charles Dickens angelegten merkwürdigen Eigenheiten der Erwachsenen und erzeugt zusätzliche humoristische Effekte, indem er à la Monty Python alles ein wenig zu ernst und zu wörtlich nimmt – und das ist in der englischen Sprache eine ganze Menge!

David Roberts Illustrationen unterstreichen die Skurrilität der Figuren nur noch: Allen Gesichtern entragen spitze lange Nasen, und sofern jemand Haare oder Hüte trägt, so stehen sie weit vom Kopf ab, als seien sie allesamt elektrisiert worden.

|Caveat emptor!|*

Obwohl am Schluss stets eine Art von Happy-End steht, das von Eddie herbeigeführt wird, so sind doch eine ganze Reihe recht furchterregender Abenteuer zu bestehen, die man einem zu jungen Leser keinesfalls zumuten sollte. So landet Eddie, wie erwähnt, in einem finsteren Loch von einem Zimmer im Waisenhaus, sieht sich auf der Landstraße einem Revolverlauf gegenüber, und am Schluss brennt sein Elternhaus ab. Von den Attacken der Wahnsinnigen Tante Maud ganz zu schweigen.

|Altersempfehlung|

Daher würde ich dieses und die weiteren Bücher der Trilogie keinem Kind in die Hand drücken, das jünger ist als zehn oder zwölf Jahre. Auch Rowohlts Verwendung seltener Wörter wie etwa „kabolzen“, „grummeln“ usw. erfordert ein gewisses sprachliches Niveau. Der Autor erklärt zwar Fremdwörter, aber der Übersetzer tut’s nicht.

_Unterm Strich_

Die kindlich unschuldige Auffassung von Merkwürdigkeiten und Übertreibungen fördert das Anliegen des Autors, einen lustigen Band von Eddies Abenteuern unter seltsamen Leuten vorzulegen. Doch Besorgnis erwecken könnte die Tatsache, dass das geschilderte viktorianische Zeitalter vor Brutalitäten wie etwa Straßenraub, Einkerkerung, Verprügeln, Rosskuren oder Hausbrand keineswegs zurückschreckt. All diesem sieht sich der kleine Eddie ausgesetzt, doch scheint es ihm keinen allzu großen Schaden zuzufügen (was nicht unbedingt auch für den Leser gelten muss!).

Für einen Erwachsenen ist die Geschichte durchaus interessant erzählt: Der Autor hüpft zwischen den Schauplätzen hin und her, spricht den Leser an, gestaltet den Text sinnfällig – eine ganze Menge witziger Einfälle sind hier untergebracht. Die Illustrationen, die sich auf fast jeder zweiten Seite finden, tragen wesentlich zum Lesevergnügen bei.

Wer Dickens kennt (insbesondere „Oliver Twist“ im Original), wird den skurrilen Humor von Philip Ardagh lieben. Wer Spuren von Monty Python in dieser Trilogie sucht, muss sich sehr bemühen, aber Ähnlichkeiten sind nicht völlig von der Hand zu weisen. Jedenfalls ist diese Art von Humor very British indeed!

|Originaltitel: Awful End, 2000
Aus dem Englischen übersetzt von Harry Rowohlt, illustriert von David Roberts|
*: zu deutsch: „Der Käufer sei gewarnt!“