Ardagh, Philip – Unliebsame Überraschungen

_Schauriger Showdown im Schottenkaro_

Die erste Eddie-Dickens-Trilogie ist vollständig. Nun geht es weiter mit Eddies „Weiteren Abenteuer“ (noch eine Trilogie?). Seine jüngste Expedition führt ihn nach Schottland, zum Familiensitz der Noch Wahnsinnigeren Tante Maud – dort ehemals bekannt als Manisch Mürbe Maud McMuckle. Eddie soll Großgut Gut Großengut veräußern, damit die Familie das abgebrannte Gut Schlimmes Ende wiederherstellen kann.

Diesem Vorhaben stehen allerdings nicht nur die schottischen Ureinwohner entgegen, sondern auch ein bislang unbekannter, antienglischer Zweig der Familie (schließlich haben die Engländer einst Schottland erobert). Als sich zu allem Überfluss auch noch Königin Victoria zur Treibjagd anmeldet, verhärten sich die Fronten zwischen den beiden Familienzweigen und es kommt zu einem Wahrhaft Wahnsinnigen Showdown. (aus der Verlagsinfo)

_Der Autor_

Philip Ardagh ist über zwei Meter groß und trägt einen buschigen Bart – wie sein Foto belegt. Außerdem hat er mehr als 60 Kinderbücher geschrieben, für Kinder jeden Alters und unter verschiedenen Pseudonymen. „Allerdings keines, das nur annähernd so wäre wie ‚Schlimmes Ende'“, verrät der Verlag. Ardagh lebt mit seiner Frau und zwei Katzen in einem Küstenort in England. Er arbeitete als Werbetexter, als Krankenhausputzkraft, als Bibliothekar und als Vorleser für Blinde, bevor er aus dem Schreiben einen Fulltime-Job machte. Mehr Infos: http://www.philipardagh.co.uk.

_Der Übersetzer_

Auch dieses Buch wurde wieder von Harry Rowohlt übersetzt, und er ist auch der Sprecher des ungekürzten Hörbuchs. Harry Rowohlt lebt in Hamburg, ist Übersetzer, Autor, Rezitator, Zeit-Kolumnist und Gelegenheits-Schauspieler in der „Lindenstraße“. Er hat weit über hundert Bücher aus dem Englischen ins Deutsche übertragen. Die Liste der ihm verliehenen Preise würde den Rahmen sprengen.

_Handlung_

Eddie Dickens reist nach Schottland. Am Bahnhof holt ihn Angus McFeeeeeeee (mit exakt 8 E) ab, der Anwalt seiner Wahnsinnigen Tante Maud. Er bringt ihn zum Heim seiner Familie. Tante Maud ist die Allerletzte aus dem Clan der McMuckles und hat als solche Anspruch auf Großgut Gut Großengut, das neben den McMuckle-Wasserfällen liegt. Eddie soll sich das Haus ansehen und zusehen, ob er es verkaufen kann bzw. seinen Inhalt sofort veräußern. Die Familie Dickens braucht dringend Knete, um das abgebrannte Schlimme Ende wieder aufzubauen. Solange haust Tante Maud in einer hohlen Kuh. Die Kuh trägt übrigens den schönen Namen Marjorie.

Am nächsten Tag fahren Eddie und Angus McFee (mit 8 E) zum Großgut, doch ein Nachbar beansprucht den Anwalt und so betritt Eddie das Anwesen alleine. Er staunt nicht schlecht, als er dort eine sechsköpfige Gesellschaft vorfindet, die sich gerade beim Essen befindet. Kein Fleisch, nur Früchte und Nüsse. Seltsam.

Noch seltsamer findet es Eddie, dass sich die drei Männer und drei Frauen als die Letzten der McMuckles vorstellen. Und selbstredend erheben sie Anspruch auf das Großgut Gut Großengut und alles, was sich darin befindet. Obwohl man ihm eine Hausführung gewährt, muss Eddie unverrichteter Dinge wieder abziehen – obwohl der schließlich doch noch eingetroffene Angus McFee (mit 8 E) auf die Besitz- und Dokumentenlage verweist. Da platzt McFees Sohn Magnus atemlos herein und verkündet schnaufend: „Die Königin kommt! Victoria!“

Dass IM (Ihre Majestät), die Königin des Vereinigten Königreichs und die Kaiserin von Indien, mal in das schottische Hochland kommt, kann nur einen Grund haben: Sie besucht einen Schmeichler und versucht dabei ein wenig an die frische Luft zu kommen, wie ihre Ärzte es ihr geraten haben. Sie ahnt allerdings nicht, dass sie sich in eine Gefahrenzone begibt.

Eddie kommt einem Komplott schottischer Nationalisten (wir haben sie bereits kennen gelernt) auf die Spur. Was sie flüstern, lässt nur einen Schluss zu: Das Leben der Königin ist in Gefahr! Doch Eddie bräuchte sich eigentlich keine Sorgen zu machen, denn IM Victoria ist gut beschützt. Zwei Geheimdienstler, mehrere Privatunterstaatssekretäre sowie eine Polizeitruppe mit aggressiven Polizeischafen wachen über Victorias Sicherheit.

Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Und deshalb kommt es im Verlauf der Treibjagd zu den titelgebenden unliebsamen Überraschungen und einer unmittelbaren Bedrohung des königlichen Hinterns. Unerhört. Aber Eddie hat einen großartigen Auftritt.

_Mein Eindruck_

Dies ist die geradlinigste Beschreibung der Handlung, die mir möglich ist. In der Art und Weise, wie der Autor sie erzählt, verschwindet sie allerdings fast völlig unter all den Schnörkeln und Exkursen, die er in sein abgefahrenes Schottengarn einflicht. Und der Übersetzer gibt auch noch seinen Senf dazu, so etwa in einer Fußnote, in der er zu Recht fragt, was sich Ardagh wohl dabei gedacht hat.

Ein Großteil der Exkursionen geht für die Vorgeschichte drauf, auf die der Neueinsteiger in die Welt von Eddie Dickens angewiesen ist, um sich in dem organisierten Wahnsinn zuerechtzufinden. Wer der Trilogie hingegen gefolgt ist, aber – wie ich – schon länger nichts mehr von Eddie und seiner Wahnsinnigen Verwandtschaft gehört hat, wird ebenfalls froh sein, wieder auf den neuesten Stand gebracht zu werden. Eine Personenliste fehlt ebenso wie eine Chronologie.

Eine der wichtigsten Fragen für jeden Leser ist die nach der erzählten Zeit. Im Unterschied zur Erzählzeit, die 65 Jahre später liegen kann (siehe Kings „The Green Mile“), kann die erzählte Zeit wieder eine ganze Epoche umspannen und zwar zu jeder Zeit, in der Menschen existiert haben. Eddie Dickens’ Besuch in Schottland scheint um das Jahr 1888 stattzufinden. (Obwohl ich mir dessen zunächst nicht sicher war, denn auch die Zahl 1822 spukt hier irgendwo herum.) Dies passt zum Bild, das die Historiker von der Übermutter IM Victoria überliefert haben: die Frau, die Stuhlbeine verhüllen ließ, weil sie ihr zu unanständig erschienen.

In einer Satire wie dieser gibt die Übermutter selbstverständlich das ideale Ziel für den Spott des Autors ab, aber der verbale Angriff muss verklausuliert und durch die Hintertüre stattfinden. Die unsanfte Kontaktaufnahme des kaiserlichen Hinterns mit der schottischen Erde ist die Krönung des Angriffs.

Doch auch die schottischen Nationalisten bekommen ihr Fett weg. Sie stellen sich als so unglaublich dämlich heraus, dass sie Kandidaten für den zweiten Platz in der Disziplin des dämlichen Wahnsinns sind, hinter Tante Maud und dem Wahnsinnigen Onkel Jack (WOJ). In der Verbohrtheit ihres antienglischen Ressentiments erscheinen sie dem Leser ebenso lächerlich wie auf eine skurrile Weise unterhaltsam. Die Illustrationen von David Roberts treffen ihre Eigenartigkeiten haargenau – siehe das Titelbild.

|Die Übersetzung|

… stammt wie immer von Harry Rowohlt. Rowohlt findet nicht nur immer eine genaue und humorvolle Entsprechung zum englischsprachigen Original, sondern auch schöne deutsche Wörter, die ich schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gehört, geschweige denn gelesen habe: „dotzen“ etwa, oder „bumsti“. Das hat nichts mit der Sprache der Comics zu tun, sondern diese Wörter entstanden viel früher, etwa in den vierziger oder fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts. In der Generation meiner Großeltern waren sie geläufig. Sie verleihen dem Text Farbe und bieten dem Vorleser garantiert Gelegenheit, etwas erklären zu dürfen bzw. müssen.

_Unterm Strich_

Wer Dickens kennt (insbesondere „Oliver Twist“ im Original), wird den skurrilen Humor von Philip Ardagh lieben. Wer Spuren von Monty Python in dieser Trilogie sucht, muss sich sehr bemühen, aber Ähnlichkeiten sind nicht völlig von der Hand zu weisen. Jedenfalls ist diese Art von Humor very British indeed! Diesmal kommt noch ein gehöriger Schuss schottischer Humor hinzu.

Innerhalb der Eddie-Dickens-Reihe kann es dieser Band ohne Weiteres mit seinem Vorgänger aufnehmen, der ja Eddie auch in die Ferne (nach Amerika) geführt hatte. Die Szenerie der Romane mag sich verändern, die skurrilen Abenteuer jedoch nicht. Gab es auf der Fahrt nach Amerika einen Mord zu vereiteln, so gilt es hier einen Anschlag zu verhindern – es bleibt also stets spannend und abwechslungsreich. Kinder um zwischen neun und zwölf Jahren dürften das ideale Lesepublikum sein.

|Originaltitel: Dubious Deeds, 2003
Aus dem Englischen von Harry Rowohlt|