Arthur Conan Doyle – Der Kapitän der ‘Polestar’ (Gruselkabinett 108)

Tragische Liebe und die Schreie der Todesfee

Im Eismeer 1884: Das Walfänger-Schiff „Polestar“ liegt im Packeis fest. Zur Besatzung gehört auch der Medizinstudent John McAllister Ray, der auf der „Polestar“ als Schiffsarzt angeheuert hat. Unheimliche nächtliche Ereignisse lassen die Mannschaft zunehmend nervöser werden. Hat der Kapitän womöglich seinen Verstand verloren? (Verlagsinfo)

Der Autor

Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930. Er wurde 1859 in Edinburgh geboren, studierte Medizin und praktizierte von 1882 bis 1890 in Southsea. Reisen führten ihn in die Polargebiete und nach Westafrika. und gelangte mit seinen fast 50 Erzählungen und Romanen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um seinen Einkommen aufzubessern.

Neben mystischen und parapsychologischen Themen griff er 1912 auch die Idee einer verschollenen Region (mit Dinosauriern und Urzeitmenschen) auf, die von der modernen Welt abgeschnitten ist: „The Lost World“ erwies sich enorm einflussreich und wurde schon 13 Jahre später von einem Trickspezialisten verfilmt. Schon 1913 ließ Doyle eine Fortsetzung unter dem Titel „The Poison Belt“ (dt. als Im Giftstrom, 1924).

1902 wurde er zu Sir Arthur Conan Doyle geadelt. In seinen letzten Lebensjahren – seit dem Tod seines Sohnes 1921 – war er Spiritist. Sir Arthur Conan Doyle starb 1930 in Crowborough/Sussex.

Der volle englische Text ist hier zu finden: https://en.wikisource.org/wiki/The_Captain_of_the_Polestar_and_Other_Tales/The_Captain_of_the_Pole-Star

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher und ihre Rollen

Louis Friedemann Thiele: John McAllister Ray
Matthias Lühn: Kapitän Nicolas Craigie
Claus Thull-Emden: Steuermann
Herbert Schäfer: Mr. Milne, 1. Maat
Florian Jahr: Mr. Mason, 2. Maat
Benedikt Weber: Harpunier McLeod
Eckart Dux: McAllister Ray senior
Daniela Bette: Verlobte

Die Macher

Marc Gruppe schrieb wie stets das Buch und gemeinsam mit Stephan Bosenius setzte er es um. Die Aufnahme fand im Titania Medien Studio statt und wurde bei Kazuya abgemischt. Die Illustration stammt von Ertugrul Edirne. Die entsprechende Hörprobe findet sich auf www.titania-medien.de.

Handlung

Der schottische Medizinstudent John McAllister Ray hat auf dem Walfänger „Polestar“ als Schiffsarzt angeheuert und segelt im September 1884 unter dem Kommando von Kapitän Nicholas Craigie einer Schule von Walen hinterher gen Nordpol. Doch die Stimmung unter den 20 Mann an Bord könnte besser sein: Der Proviant geht zur Neigung, voraus droht sie das Packeis einzuschließen, und der Kapitän – nun ja, er ist ein schwieriger Charakter, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Käptn Craigie muss wohl mal im Krieg zwischen Türken und Russen gekämpft haben, denn er hat eine Narbe im Nacken davongetragen. Seitdem wirkt er auf die Männer, die McAllister befragt, wie ein Besessener, aber ein draufgängerischer, und das sei eine gefährliche Mischung. Ein Schatten liege über seinem Leben, seit der aus dem Krieg zurück sei. Man munkelt, dass eine unglückliche Liebe dahinterstecke.

Zu allem Überfluss machen sich seltsame Erscheinungen an Bord bemerkbar, je weiter nördlich der Kurs die „Polestar“ trägt. Zunächst sind es lediglich Geräusche. Die Männer behaupten sogar, es handle sich um die Schreie einer Frau. Aberglaube, tut McAllister das ab, was ihm nicht gerade freundliche Blicke einbringt. Jeder weiß ja, dass eine Frau an Bord Unglück bringt. Dann wendet sich der 2. Maat, Mr. Mason, an ihn: Er habe vergangene Nacht einen Geist gesehen: die weiße Gestalt einer schönen jungen Frau.

Wale tauchen am Horizont auf, doch sie sind zu weit entfernt. Zwei Tage später steckt das Schiff im Packeis fest, das wie eine Kraterlandschaft wirkt. Käptn Craigie öffnet sich McAllister ein wenig. Er habe schlechte Träume und sei tagsüber möglicherweise verwirrt. Aber er habe SIE gesehen, ganz bestimmt. Craigie wendet sich am Punkt der letztmöglichen Umkehr an die Mannschaft und wirbt um erneutes Vertrauen. Und tatsächlich: Zwei Tage später, am 16. September, bricht die Fahrrinne wieder auf. Sicher wendet sich jetzt alles wieder zum Guten, hoffen die Maate, und der Käptn lacht heiter. Das hätte McAllister warnen sollen.

Schon eine Nacht später kehrt die weiße Gestalt mit Heulen und Schreien zurück. Maat Milne ist sicher: „Das Schiff ist verflucht!“ Dann verschwindet auch noch der Kapitän selbst …

Mein Eindruck

Das Hörspiel lebt von der sich zuspitzenden Beklemmung unter den Besatzungsmitgliedern. Die Beklemmung wird durch Angst abgelöst, als sie nicht nur erkennen, dass sie es mit einem rachsüchtigen Geist zu tun haben, sondern auch mit einem Kapitän, der höchstwahrscheinlich wahnsinnig ist. Doch sein „Wahnsinn hat Methode“, wie McAllister, der seinen „Hamlet“ kennt, durchaus anerkennend beobachtet. Der Käptn weiß,, wohin er segelt und wie weit er gehen darf, sowohl mit seinem Schiff als auch mit den Männern.

Doch die Klaustrophobie, die an Bord eines Schiffes, das im Eis feststeckt, herrscht, ist nicht zu unterschätzen. Der „Doktor“ versucht zunächst rationale Erklärungen zu finden, erst für das, was die Männer zu sehen glauben, dann für das wechselhafte Verhalten des Kapitäns. Nicholas Craigie ist alles andere als ein „Seewolf“, der mit seinen Muskeln und seiner Brutalität protzt, sondern ein belesener Feingeist, der sich mit Metaphysik und Spiritismus auskennt (genau wie Conan Doyle). Schade also, dass er einen Dachschaden hat.

Er ist nicht Ahab mit dem Kunstbein aus Walfischknochen, aber sein weißer Wal ist nie weit entfernt: die weiße Gestalt einer geisterhaften Frau, die ihn lockt, um sich wieder mit ihm zu vereinen. Es ist seine neunzehnjährige Verlobte mit den Initialen M.B., wie McAllister auf einer unerlaubten Erkundung der Kapitänskajüte entdeckt. Dass Craigie den Verstand verloren haben müsse, wird durch die Tatsache widerlegt, dass er ein ordentliches Testament angefertigt hat. In diesem verteilt er seine Habseligkeiten an die Mannschaft sowie ein Chronometer an den Schiffsarzt.

Diese Handlungsweise wirkt durchaus vernünftig, doch was er als nächstes tut, ist es eher nicht: er wagt sich weit hinaus aufs Eis und kommt dort um. Sein Tod gibt diverse Rätsel auf, die hier nicht verraten werden dürfen. Aber handelt so ein Mann, der in geistiger Umnachtung lebt? Wohl kaum. Es scheint vielmehr so, als lebe Craigie ein Leben „stiller Verzweiflung“, wie Samuel Butler einmal sagte: „silent desperation is the English way“, sangen 1973 die Pink Floyd (auf „Dark Side of the Moon“).

McAllister, der Mediziner, betätigt sich nun wie ein amateurhafter Psychologe, der den Ursachen für den Schwermut des Kapitäns nachgeht. Der Hörer muss sich mit seinen Beschreibungen, Andeutungen und Mutmaßungen begnügen, was die ganze Sache noch rätselhafter und beklemmender macht.

Angst, Beklemmung und Anspannung werden nicht zuletzt durch eine ausgefeilte Klangkulisse zu einer aufwühlenden Erfahrung für den Hörer, und wohl dem, der gute Nerven mitbringt. Denn es ist eine Sache, einem Kapitän in den Freitod zu folgen, aber eine ganz andere, den durchdringenden Schreien einer Todesfee zu lauschen…

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher

Louis Friedemann Thiele spricht den jungen Medizinstudenten John McAllister Ray mit entsprechender Unvoreingenommenheit, beinahe schon Ahnungslosigkeit. Aber auch eine gewisse Schläue und Urteilskraft sind McAllister zueigen, so dass er auf den Einbruch in die Kapitänskajüte verfällt und Aberglauben als irrational abtun kann. Er ist alles andere als ein Dorfdepp – er war auf der Uni.

Deshalb bewegt er sich geistig auf einer Ebene mit dem Kapitän: Die Männer sind sicher, dass er der einzige ist, der mit Craigie vernünftig reden kann. Craigie indes ist wie ein Blatt im Wind – er zeigt immer zwei Seiten, die helle, vernünftige wie auch die finstere, unerklärbare. Matthias Lühn bringt das Kunststück fertig, sowohl besessen als auch gequält zu wirken, eine tragische Gestalt, die mit einem Geist spricht – im nächsten Moment aber auch eine Ansprache an die Besatzung hält, deren Argumente Hand und Fuß haben.

Der Steuermann und die beiden Maate wirken wie der griechische Chor in einer antiken Tragödie. Sie geben Ansichten und Meinungen zum Besten, geizen auch nicht mit eigenen Beschreibungen. McAllister senior, gesprochen von einem würdevollen Eckart Dux, verbrämt die nahezu unglaubwürdige Mär seines Sohnes John mit einer Beteuerung, dass es sich um die reine Wahrheit handle. Dux ist das letzte Wort überlassen, das die Pointe enthüllt.

Wer mit „Verlobte“ gemeint ist, bleibt unklar. Denn sowohl McAllister hat eine, nämlich Flora, als auch Craigie, nämlich die geheimnisvolle M.B. Der gesunde Menschenverstand sagt einem aber, dass Flora weit davon entfernt ist, sich auf einem Walfänger am Polarkreis als Todesfee zu betätigen. Diese Rolle fällt wohl eher der toten Geliebten des Kapitäns zu.

Geräusche

Die Geräuschkulisse wirft den Hörer gleich mitten in einen pfeifenden Sturm in nördlichen Breiten: Wind heult, Wellen rauschen, dazu noch die Geisterschreie. Später hört man förmlich die Kälte klirren, als sich die Männer in die frierenden Hände pusten, die Seile knirschen und die Planken fortwährend knarren und knacken. Man merkt schnell, wie es ist, in einer Nussschale zu hocken, die gleich in die Zange des Packeises gesteckt wird, um geknackt zu werden…

Die Männer keuchen und ächzen unter diversen Lasten und Anstrengungen, schnappen nach Luft und tun auch sonst ihren Gefühlsäußerungen keinen Zwang an. Das fördert die Wirkung des Hörspiels ganz ungemein. Wenn die Stimmung in Bestürzung und Panik umschlägt, ertönt die Schiffsglocke, eine Leuchtpistole wird mit Krachen abgeschossen. Hier ist ganz schon was los auf dem Walfänger.

Aber es gibt einen langen Epilog, der das elegische Nachspiel ebenso umfasst wie den erhellenden Epilog, der die Pointe liefert. Die Pointe kommt für den empfindsamen Hörer, der immer noch auf die Enthüllung des Geheimnisses wartet, wie ein Tiefschlag. Und man braucht nicht allzu viel Phantasie, um eine Erklärung für das Verhalten Craigies zu finden.

Musik

Von Musik zu sprechen, erscheint mir zuweilen fehl am Platz, denn die wichtigsten Klänge kommen nicht von den üblichen Instrumenten eines Streichorchesters, sondern aus dem Sound-Computer. Für diese muss erst noch eine adäquate Sprache erfunden werden. Die Stimmung, die diese Klänge erzeugen, sind die eines ungeheuren, aber in sich geschlossenen Raumes – den man sich einerseits leicht als die Polarnacht mit dem Nordlicht vorstellen kann. Aber es ist auch der Raum einer gequälten Seele, die sich nach Erlösung sehnt. Düstere Vorahnung reiht sich dramatische Zuspitzung und drastischen Kontrapunkt.

In dieser beklemmenden Atmosphäre freut man sich über jede vertrauliche Gespräch zwischen den Männern. Deshalb sind die Stimmen so wichtig – siehe oben. Vertraute Geräusche wie knarrende Planken oder raschelndes Papier, das Entzünden einer Laterne wirken wie ein beruhigender Gegenpol zu jener Weite, die aus der Kälte des Todes entspringt. Erst Nachspiel und Epilog führen den Hörer zurück in heiter-ruhige Gewässer.

Musik, Geräusche und Stimmen wurde so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.

Das Booklet

… enthält im Innenteil lediglich Werbung für das Programm von Titania Medien. Auf der letzten Seite finden sich die Informationen, die ich oben aufgeführt habe, also über die Sprecher und die Macher. Auf der Innenseite der CD-Hülle wird u.a. für die beiden Seestück-Hörspiele „Die Herrenlose“ und „Die Stimme in der Nacht“ von William Hope Hodgson geworben. Zwei weitere Hörspiele stammen von Conan Doyle: „Die Mumie“ und „Der Ring des Thot“ (beide aus dem gleichen Band wie die „Polestar“-Story). Passende Empfehlungen, wie ich finde.

Im Booklet finden sich Verweise auf die kommenden Hörspiele aufgeführt:

Nr. 108: Doyle: Der Kapitän der Polestar
Nr. 109: Per McGraup: Heimweh (der 3. Parapsychologische Fall für das Ehepaar Hargeaves)
Nr. 110: Abraham Merritt: Der Drachenspiegel
Nr. 111: E.A. Poe: Die Grube und das Pendel
Nr. 112: Edith Nesbit: Der Ebenholzrahmen
Nr. 113: War es eine Illusion?

Unterm Strich

Die Erzählung schildert in relativ subtiler Form die Geschichte einer Erlösung. Was zunächst wie eine Bearbeitung des sattsam bekannten „Moby Dick“-Plots anmutet, wandelt sich zu einer zunehmend beklemmenden Studie über den Charakter des gemütskranken Kapitäns. Wie sich Craigie verhält, ist keineswegs trivial, denn ihm sind 20 Mann Besatzung anvertraut – und das Schiff gehört natürlich seinen Auftraggebern.

Er wird dieser Verantwortung gerecht, doch sein inneres Bedürfnis scheint diesem Vorhaben völlig entgegenzustehen: Er muss die Fesseln seines Körpers abstreifen, um sich mit dem Gegenstand seiner Sehnsucht vereinen zu können – mit dem Geist seiner getöteten Verlobten. Es handelt sich teils also um eine Liebestragödie, nicht nur um eine Gespenstergeschichte.

Für den Außenstehenden entspricht sein Verhalten der landläufigen Definition von Wahnsinn: unvernünftiges Verhalten mit einem hohen Grad an Besessenheit. Doch der Geist existiert, er sucht das Schiff und die Männer allnächtlich heim. Im schottischen und irischen Volksglauben ist die Gestalt der Todesfee, der Banshee, durchaus verbreitet und gegenwärtig. „bean sidhe“ bedeutet im Gälischen wörtlich „Frau der Feen/Elfen“, und die Banshee taucht häufig als Wäscherin an einer Furt auf. Auch hier nimmt sie die Gestalt einer Ruferin ins Jenseits an.

Doch worauf kann sie sich berufen, das den Kapitän zwingt, ihrem Ruf willig zu folgen? Dieses Geheimnis wird erst in den letzten Sätzen gelüftet, die McAllister senior spricht. Für den Mann, der sich mit der Banshee vereint, ist es jedenfalls eine Erlösung. Der Autor, ein Mediziner und Spiritist, hat seine psychologischen Beobachtungen und Überlegungen in die Form einer alten Legende gekleidet, um sie leichter verständlich machen und anschaulicher darstellen zu können.

Das Hörspiel

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und Synchronstimmen von Schauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Besonders gefielen mir die Stimmen der beiden Hauptdarsteller Louis Friedemann Thiele und Matthias Lühn.

Viel wichtiger für die Wirkung des Stücks ist jedoch die ausgefeilte Klangkulisse und Musik, die für jede Feinheit im Ausdruck einen passenden Akkord oder Sound-Effekt bereithält. Auf dieser Ebene steuert die Musik ganz wesentlich die Stimmung des Hörers. Wenn die Musik dissonant wird, heißt es aufpassen. Am Schluss beruhigt die Musik mit heiteren, harmonischen Klängen und Kadenzen, die die elegischen Passagen zuvor vergessen lassen.

Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für gruselige Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert und die Stimmen der Sprecher vermitteln das richtige Kino-Feeling.

Spielzeit über 66 Minuten.
Info: The Captain of the ‘Pole Star’, 1883
www.titania-medien.de

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