Arthur Machen – Der gewaltige Gott Pan (Gruselkabinett Folge 144)

Verbotene Experimente: Das Rätsel der Panstochter

Mr. Clarke willigt ein, als Zeuge einem gewagten Experiment seines Freundes Dr. Raymond beizuwohnen, welches eine leichte Gehirn-Operation beinhaltet und der siebzehnjährigen Probandin Mary so Zugang zu geistigen Dimensionen eröffnen soll, in denen der gewaltige antike Gott Pan herrscht… (Verlagsinfo)

Der Autor

Arthur Machen (* 3. März 1863 in Caerleon, Wales; † 15. Dezember 1947 in Beaconsfield, Buckinghamshire) war ein walisischer Autor phantastischer Geschichten.

Geboren wurde er als Arthur Llewellyn Jones, später nannte er sich Arthur Jones Machen. Er wuchs als Sohn eines Pfarrers im walisischen Caerleon-on-Usk (Monmouth, Newport) auf. Er besuchte eine Public School, deren Erziehungsmethoden er verabscheute und u. a. im Roman „The Secret Glory“ (1922) literarisch verarbeitete.

Machen studierte in London Medizin, brach nach wenigen Semestern ab und durchlebte eine entbehrungsreiche Zeit, in der er sich u. a. als Übersetzer von Rabelais und Margarete von Navarra versuchte. Die schwierigen Jahre in London und seine Jugend in Wales verarbeitete er später in dem Roman „The Garden of Avallaunius“ (1904). 1894 kam der literarische Durchbruch mit „The Great God Pan“, einer unheimlichen Erzählung, die das Nebeneinander der realen Welt und einer phantastischen Parallelwelt, gespeist aus keltisch/römischen Mythen, zum Thema hat.

Machen schloss sich dem Hermetic Order of the Golden Dawn (Aleister Crowley, William Butler Yeats) an und reiste einige Jahre mit einer Truppe von Wanderschauspielern durch die Lande. Neben seiner literarischen Tätigkeit verfasste A.M. beißende Literatur- und Theaterkritiken für diverse Zeitungen. Ein verfrühter hämischer Nachruf auf Lord Alfred Douglas, den Geliebten von Oscar Wilde, ruinierte ihn wirtschaftlich.

Neben Romanen schrieb Machen vor allem Kurzgeschichten, die meist das Übersinnliche zum Thema haben. Einige dieser Geschichten drehen sich um den Schriftsteller Dyson, der in unheimliche und kriminalistischen Scharfsinn erfordernde Abenteuer verwickelt wird. Seine Erzählung „The Terror: A Fantasy“ (1917) lieferte möglicherweise die Idee zu Daphne du Mauriers Erzählung „The Birds“ (1952), die 1963 von Alfred Hitchcock verfilmt wurde. Rezeptionsgeschichtlich bedeutsam ist seine Erzählung „The Bowmen“ (1915) über das Eingreifen mittelalterlicher Bogenschützen auf Seiten der Briten in der Schlacht bei Mons (23. August 1914). Die Legende der „Engel von Mons“ wurde bald danach von vielen Zeitgenossen als „reales“ übersinnliches Geschehen verstanden.

Charakteristisch für Machen – besonders in den Romanen – ist eine elegische Sprache mit umfangreichen und schwärmerischen Naturschilderungen. Thema ist häufig die keltisch/römische Vergangenheit von Wales und das Fortleben uralter Mythen. Seine Helden sind oft unverstandene, einsame Menschen. Wie Borges in seinem Vorwort zur „Leuchtenden Pyramide“ andeutete, fühlte sich Machen selbst als Außenseiter, der explizit auf sein „Keltentum“ gepocht habe, um sich so, gleichsam analog zu seinen Ahnen, zum Scheitern verurteilt fühlen zu können.

Der amerikanische Schriftsteller H. P. Lovecraft war ein Bewunderer Machens und wurde von diesem literarisch beeinflusst.

Einzelwerke

• Die leuchtende Pyramide. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-7632-5816-1 (hrsg. von Jorge Luis Borges in der Bibliothek von Babel).
• Botschafter des Bösen. (The Three Impostors.) Piper Verlag, München / Zürich 1993, ISBN 3-492-11402-4.
• Furcht und Schrecken. (The Terror: A Fantasy.) Piper Verlag, München / Zürich 1993, ISBN 3-492-11401-6.
• Die weissen Gestalten. (The Shining Pyramid a.o.) Piper Verlag, München / Zürich 1993, ISBN 3-492-11403-2.
• Der grosse Pan. (The Great God Pan.) Piper Verlag, München / Zürich 1994, ISBN 3-492-11404-0.
• Der Berg der Träume. (The Garden of Avallaunius.), Piper Verlag, München / Zürich 1994, ISBN 3-492-11405-9.
• Der verborgene Sieg. (The Secret Glory.) Piper Verlag, München / Zürich 1994, ISBN 3-492-11406-7.
• Das Schwarze Siegel. (Novel of the Black Seal.) JMB Verlag, Hannover 2018, ISBN 978-3-95945-002-7.
(Quelle: Wikipedia)

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher und ihre Rollen:

Mr. Villiers: Michael-Che Koch
Mr. Clarke: Thomas Balou Clarke
Dr. Raymond: Jacques Breuer
Mr. Austin: Bodo Primus
Dr. Philips: Lutz Reichert
Helen Vaughan: Daniela Bette
Charles Herbert: Matthias Lühn
Lord Argentine: Detlef Bierstedt
Mary: Sigrid Burkholder
Butler / Kutscher: Marc Gruppe
Helen als Kind: Marlene Bosenius
Trevor: Christopher McMenemy
Rachel: Kathryn McMenemy
Zeitungsjunge: James McMenemy

Regie führte Marc Gruppe. Er schrieb wie stets das Buch und gemeinsam mit Stephan Bosenius setzte er es um. Die Aufnahme fand im Titania Medien Studio, Make Music Productions & den Planet Earth Studios statt. Die Illustration stammt von Ertugrul Edirne.

Handlung

Das Experiment

Mr. Clarke interessiert sich für übersinnliche Phänomene. Daher wird er im Spätsommer des Jahres 1864 von Dr. Raymond aufs Land eingeladen, um einem neuartigen Experiment beizuwohnen. Mit wachsender Bestürzung wohnt er Dr. Raymond „transzendentalmedizinischem“ Operieren am kahlen Schädel der armen Mary bei, die seit Jahren Raymonds Mündel ist. Als eine lange Nadel in Marys Gehirn eindringt, um eine bestimmte Region zu stimulieren, die ihr die Begegnung mit dem großen Gott Pan ermöglichen soll, bewegen die Schreie des Mädchens Clarke dazu, den Abbruch zu verlangen. Als Mary wieder zu sich kommt, ist ihr Blick jedoch leer…

Beunruhigende Berichte

Mr. Philips besucht Mr. Clarke 20 Jahre später, um von einschlägigen Vorkommnissen zu berichten, die zu Clarkes Buch über Beweise für die Existenz des Teufels beitragen könnten. Ein kleines Mädchen namens Helen wurde mit zwölf Jahren von ihrem Vormund und Gönner an die grenze zu Wales geschickt, um dort ungestört bei einem Bauern aufzuwachsen. Doch als Helen wiederholte Male mit einem nackten, behaarten Mann bei sexuellen Aktivitäten erblickt wurde, erlitten ihre Freunde schwere seelische Schäden. Diese wiederum brauchten deren Eltern gegen sie auf. Mitten am hellichten Tag verschwand sie im Wand.

Ein Obdachloser

Mr. Villiers lebt gut in London, als ihm eines Abends der Obdachlose begegnet. Er erkennt in ihm seinen früheren Studienfreund auf dem Oxforder Waltham College Charles Herbert. Als Grund für seinen heruntergekommenen Zustand nennt Charles die Heirat mit einer schrecklichen Frau, der er ein Jahr lang ausgeliefert war. Der Name der neunzehnjährigen: Helen Vaughan. Villiers gibt Herbert die fürstliche Summe von 50 Pfund und schickt ihn seines Weges.

Der Tote in der Paul Street

Gleich am nächsten Tag spricht er im Klub seinen Klubbruder Mr Austin an, denn dieser kennt nicht nur die bessere, sondern auch die niedere Gesellschaft. Austin bringt Charles Herbert sofort mit einem Skandal in Zusammenhang, der vor drei Jahren in der Paul Street seinen Ausgang nahm: Ein Gentleman wurde tot vor dem Haus der Eheleute Herbert aufgefunden. Die Todesursache ließ sich nicht finden, doch in dem Blick des Gentleman stand pures Entsetzen geschrieben. Die Bewohner jenes Hauses weisen jede Beteiligung von sich, aber Mr. Austin hat Sonderbares über Mrs. Herbert vernommen: Sie sei sowohl schön als auch abstoßend. Was soll das heißen, wundert sich Villiers.

Die Fratze des Bösen

Als Villiers Wochen später Mr. Clarke besucht, vernimmt er zum ersten Mal den Namen Helen Vaughan. Er hat nämlich aus dem Haus in der Paul Street 20, das seit drei Jahren leer steht, eine Porträtskizze entwendet, die er nun Mr. Clarke zeigt. Der zeigt sich zutiefst erschüttert, denn es ist das Gesicht der armen Mary, allerdings etwas dunkler gefärbt. Es sei das Gesicht des Bösen. Clarke revanchiert sich mit der Zeitungsnachricht, dass Charles Herbert tot aufgefunden worden sei: verhungert. Als Villiers geht, ist er überzeugt, dass Clarkes nicht alles erzählt habe, was er weiß.

Das Skizzenbuch

Mr. Austin bestätigt den Hungertod von Charles Herbert, erzählt aber auch von einem Paket, das er aus Buenos Aires geschickt bekommen habe – von einem verstorbenen Maler namens Arthur Meyrick. Der Name ist Villiers vertraut: ein vielversprechender Künstler, gerade mal 30 Jahre alt. Aber inzwischen mausetot, wie das Paket belegt. Woran er wohl gestorben sein mag, will Villiers wissen. Austin will es herausfinden.

Er zeigt Villiers das übersandte Skizzenbuch Meyricks. Ohne Zögern legt Villiers das aus dem Herbert-Haus entwendete Porträt daneben: Es muss ebenfalls von Meyrick stammen und beweist eine verblüffende Tatsache: Helen Vaughn, die in Wales im Wald mit nackten Männern tanzte, und Mrs. Herbert aus der Paul St. 20, der Ruin von Charles Herbert, sind ein und dieselbe Person.

Eine Frohnatur

Lord Argentine tritt zu seinen Klubfreunden. Er freut sich gerade des Lebens, denn er hat eine neue Frauenbekanntschaft gemacht. Diese Mrs. Beaumont, die gerade aus Südamerika eingetroffen sei, veranstalte in London Feste, die mehr so was wie Gelage seien. Und dort kredenze sie Wein, von dem sie behauptetet, dass er tausend Jahre alt sei und aus einer Amphore stamme – sowas!

Mein Eindruck

Detektive

In detektivischer Kleinarbeit setzen Villiers und Austin die Bausteine des Rätsels, das Helen Vaughan umgibt, zusammen. Doch als sich eine Mordserie in den besseren Kreisen des West Ends abzeichnet, müssen sie erkennen, dass es nur einen Weg, ihren fürchterlichen Verdacht zu erhärten: Sie müssen Mrs. Beaumont ins Auge schauen, um zu prüfen, ob sie mit Helen Vaughan identisch ist.

Das jedoch bedeutet, dass sie sich der gleichen Prozedur unterziehen, die allen ihren Opfern widerfahren ist: Sie müssen dem Schrecken, das im Auge dieser Schönheit liegt, begegnen und ihn aushalten. Die Folgen zeigen sich schon bald bei Mr. Austin: Er macht einen Rückzieher, als Villiers die finale Konfrontation sucht. Daraufhin wird Mr. Clarke gebeten, sich dem Horror zu stellen und Mrs. Beaumont/Vaughan/Herbert zur Rede zu stellen. Ob er diesen Showdown überleben wird, ist ungewiss, denn um seine Gesundheit steht es nicht zum Besten…

Es erweist sich als nicht einfach, mit Mitteln der Vernunft ins Zentrum des Schreckens vorzustoßen, das vom großen Gott Pan gebildet wird. Selbst sittlich gefestigte Gentlemen verfallen zuerst der Lust und Geilheit, bevor zu in Verzweiflung verfallen. Die Schönheit der Pan-Frau bildet den Köder, und ist ihr Herz wie ein Fisch am Angelhaken, gehen sie in die Falle Pans. Schönheit und Schrecken bilden eine unheilvolle Einheit, die die Gentlemen regelmäßig um den Verstand bringt. Clarke spricht von „Seelenheil“, als wäre er ein Katholik.

West End vs. East End

Auf sozialer Ebene ist der Gegensatz zwischen dem vornehmen, sittlichen West End und dem verkommenen East End der Metropole London genau herausgearbeitet. Aus dem East End stammt Mary, Dr. Raymonds Mündel und Opfer. Als Villiers hier nachforscht, findet er mehr über die feine Frau Herbert alias Vaughan heraus: Sie ging hier anschaffen, und zwar selbst dann, als sie bereits verheiratet war (ihr späterer Mann Charles Herbert lernte sie in Florenz kennen und lieben). Doch selbst heute noch treibe es Mrs. Beaumont wild in beiden Stadtteilen. Kaum eine Vorstellung ist für Villiers und Austin entsetzlicher. Es kommt ihnen wohl so vor, als würde dieses sündige Treiben ihr sittlich so vorbildliches West End besudeln.

Moderne vs. Antike

Villiers, Austin und Clarke tun sich viel auf ihre modernen Sitten zugute, doch nun haben sie es mit einem Gott der Antike und dessen Geliebter zu tun. Sie hören von „orgiastischen Ausschweifungen“ im Umfeld von Helen und tun entrüstet, doch ihre Zeit- und Klassengenossen kennen solche Zurückhaltung nicht: Einer nach dem anderen tappt in die Falle Pans. Doch angesichts der buchstäblich nackten Tatsachen scheitern alle. Nacktheit war zu Königin Victorias Zeiten streng verpönt und musste sich verstecken.

Das Aufeinandertreffen mit den losen Moralvorstellungen der Antike, welche Pan verkörpert, stellt die Charakterstärke der Moralverfechter auf die Probe. Austin kneift, Clarke seufzt und stöhnt, nur Villiers steht seinen Mann – ohne dass der Grund für seine Stärke irgendwie beschrieben würde. (Wir kennen weder seinen Familienstand noch seine Profession.) In diesem Punkt prangert der Autor offenbar die verlogene Beschäftigung seines Zeitgenossen mit der griechischen Antike an. Sie beschränkt sich auf reine und klassizistische Aspekte: weiße, aller Farbe entkleidete Statuen und Tempel, sowie sexistisch zensierte Mythen und Sagen.

Pan stellt zusammen mit den Mänaden des Dionysos die entfesselte Sinnlichkeit der Antike dar. Mehrfach wird’s seine unverhüllte Nacktheit, also seine Männlichkeit, als „fürchterlich“ bezeichnet. Die Möglichkeit, dass Pans Geliebte oder gar Tochter in irgendeiner Beziehung zu diesen orgiastischen Aktivitäten stehen könnte, widersprach allen prüden Moralvorstellungen der Zeit des Autors, zumindest anno 1894. Dass der Autor, ähnlich wie der „Hexenmeister“ Aleister Crowley dem Orden der Morgenröte angehörte (s.o.), dürfte ihn für die Viktorianer problematisch gemacht haben.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher

Es fällt auf, dass fast alle Männerfiguren sich entweder als Ermittler betätigen oder als Opfer Helens auftreten, Dienstboten wie Kutscher oder Butler mal ausgenommen. Dr. Raymond ist so eine Art moderner Dr. Frankenstein und Mary sein Versuchskaninchen. Bei diesem Experiment hat selbst Mr. Clarke Gewissensbisse. Was dabei wirklich passiert sein muss, wird dem Hörer erst klar, als zunehmend deutlich wird, dass nicht Mary, sondern ihre Tochter Helen von Dr. Raymond zu Pflegeeltern aufs Land gebracht worden ist…

Doch der Vertuschung wirkt Mr. Villiers, der Erzähler, entgegen, insbesondere dann, als sein Ex-Kommilitone Charles Herbert Opfer jenes unerfreulichen Frauenzimmers wird. Villiers, gesprochen von Michael-Che Koch, ist ein energischer Detektiv in eigener Sache. Grundsätzlich ähnlich er als Schnüffler zwar einem Sherlock Holmes, doch er wird eben nicht bezahlt und steht in niemandes Diensten. Er macht Mr. Austin zu seinem Komplizen, denn der hat weiterreichende Beziehungen in die Halbwelt. Austin wird von Bodo Primus gesprochen, der dem Hörer plausibel machen muss, warum Austin einen feigen Rückzieher macht – keine dankbare Aufgabe.

Daniela Bette hat nicht häufig Gelegenheit, ihren Charme als Pans Tochter Helen Vaughan spielen zu lassen, genauer gesagt, nur einmal. Da begrüßt sie Villiers und Austin vor ihrem Haus. Ihren zweiten Auftritt hat sie dann schon im Showdown. Alles vorher Erfahrene dient nur dazu, sie als das „große Monster“ aufzubauen, das quasi Männer zum Frühstück verschlingt. Die zwei Auftritte fallen dann jedoch ganz anders aus. Erst ganz am Schluss von Helens finaler Verwandlung zeigt sich die Bestie…

Geräusche

Eine schier unglaubliche Vielfalt von Geräuschen verwöhnt das Ohr des Zuhörers. Der Eindruck einer real erlebten Szene entsteht in der Regel immer. Papierrascheln, klappernde Teetassen, tickende Standuhren, knisterndes Kaminfeuer – all diese Samples setzt die Tonregie zur Genüge ein, um einer Szene eine Fülle von realistisch klingenden Geräuschen zu vermitteln.

Den Anfang machen Szenen auf dem vermeintlich idyllischen Land. Die Unschuld des Landes wird von einem wissenschaftlichen Experiment und seinen unmittelbaren Folgen gründlich vertrieben. Aber auch die späteren Berichte von Helens Leben auf dem Lande schildern nicht Idyllen, sondern seelische Katastrophen: Helen spielt mit nackten Männern. Pfui Deibel! Vielleicht liegt der Schrecken daran, dass sich die Väter – die Mütter kommen nie zu Wort – unter einer Idylle auch moralische Unschuld vorstellen und Helen dieser Erwartung genau widerspricht. Pan stellt Natur dar, die sich nicht als Objekt (zur Ausbeutung) eignet, sondern als Subjekt, das den Menschen herausfordert und angreift. Auf gleiche Weise erscheint Helen in ihrer Rolle als aktive Frau Männern wie Herbert, Argentine, Villiers als ultimative Bedrohung entgegen: „das Böse“. Dr. Raymond bezeichnet sein Experiment als blasphemischen Frevel.

Daher bilden alle Stadtszenen den Gegenpol zu den anfänglichen Landszenen. Kutschen rattern, Pferde wiehern, Hunde bellen, Zeitungsjungen rufen. Immer gibt es Teeszenen, etwa im Herrenklub. Niemand erwartet hier moralische Unschuld, ganz im Gegenteil: Im East End findet Villiers seine schlimmsten Ahnungen bestätigt.

Die Musik

Von einem Score im klassischen Sinn kann keine Rede mehr sein. Hintergrundmusik dient nur dazu, eine düstere oder angespannte Stimmung zu erzeugen, und zwar nur dort, wo sie gebraucht wird. Hier steigert sich die Spannung sehr dezent von Szene zu Szene, von der anfänglichen Idylle bis zum finalen Zusammenbruch, der höchst dramatisch verläuft.

Das Booklet

Das Titelmotiv zeigt die Szene, in der die Titelfigur als Satyr dargestellt ist, die Panflöte in der Linken, wie er den Betrachter direkt anstarrt. Seine Männlichkeit ist durch diese Pose dezent verborgen.

Der Einleger enthält im Innenteil lediglich Werbung für das Programm von Titania Medien. Auf der letzten Seite finden sich die Informationen, die ich oben aufgeführt habe, also über die Sprecher und die Macher.

Im Booklet finden sich Verweise auf die kommenden Hörspiele aufgeführt:

Ab Frühjahr 2019

144: Arthur Machen: Der gewaltige Gott Pan
145: M.R. James: Das unheimliche Puppenhaus
146: H.G. Wells: Der rote Raum
147: Per McGraup: Die Höllenfahrt des Schörgen-Toni (Original-Hörspiel!)
148: Louisa May Alcott: Im Labyrinth der Großen Pyramide
149: E. & H. Heron: Flaxman Low – Der Fall Teufelsmoor

Unterm Strich

Die Erzählung ist eines der literarischen Schlüsselwerke der späten viktorianischen Zeit. In den Zeichnungen des Malers Arthur Myrick aus dem Jahr 1884 sind unschwer die dekadenten Zeichnungen eines Aubrey Beardsley wiederzuerkennen. Darauf werden moralisch herausfordernde Frauenzimmer in aller Nacktheit abgebildet. Sie bilden das absolute Gegenteil des Moralkodexes, den Queen Victoria verkörpert, nämlich Prüderie.

Das Okkulte

Ebenso provokant ist die These Dr. Raymond aus dem Jahr 1864, dass die sogenannte Wirklichkeit nur ein platonisches Gaukelspiel sei, das gemäß Platons Höhlengleichnis die wahre Realität der Dinge verberge, weil unsere Sinne viel zu schwach sind, um die Wahrheit wahrzunehmen – oder diese zu ertragen. Von Gott und seinen Engeln etc. ist hier an keiner Stelle die Rede, was bereits darauf hinweist, dass die Bibelkritik Ludwig Feuerbachs und anderer bereits Folgen zeitigt. Nietzsche erklärte dann Gott vollends für tot. Dafür wurde dann die Wissenschaft und ihre diversen Theorien (z.B. Darwin), Disziplinen (z.B. Medizin) und Technologien (z.B. Edisons Werk) zum Götzen erhoben, was ja bis heute der Fall ist.

Keine Alternative

Leider bleibt der okkultistische Autor in seiner Verteufelung der Panstochter stehen, statt eine alternative Welt gleichberechtigter Frauen zu entwerfen – die hätte den Herrschaften mindestens genauso viel eingejagt wie eine aktive „Männerfresserin“. Dem Dramaturgen ist hoch anzurechnen, dass Helen Vaughan nicht wie „Der Unsichtbare“ von H.G. Wells nur Übeltäter ist, sondern dass sie und ihre arme Mutter Mary von Anfang tragische Opfer waren. Villiers und Clarke stellen Helen im Showdown zur Rede. Wie sie sich dabei zweifach verwandelt, stellt die Hörer vor eine Herausforderung: Sollten sie mit dem, dessen Ohrenzeuge sie werden, wirklich einverstanden sein, als wären sie ebenfalls Viktorianer?

Das Hörbuch

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Der rote Faden von Villiers Ermittlung ist sauber herausgearbeitet worden, so dass sich durchaus eine beträchtliche Spannung aufbaut, nämlich um das „mystery“, das zentrale Rätsel, das Helen Vaughan umgibt.

Witzig fand ich den Einfall, im Epilog die kleine Marlene Bosenius auftreten zu lassen. Sie hat einen neuen Spielkameraden gefunden. Dreimal darf man angesichts der Titelfigur auf dem Cover raten, um wen es sich dabei handelt…

Hinweis

Wer das Original lesen möchte, konnte es bis vor kurzem im Gutenberg-Projekt online finden, doch wegen deutscher Gerichtsverfahren hat das Gutenberg-Projekt alle deutschen IP-Adressen den Zugang gesperrt.

Die englische Wikipedia liefert wenigstens eine komplette Inhaltsangabe HIER (https://en.wikipedia.org/wiki/The_Great_God_Pan). Enthalten ist auch eine Interpretation und eine Wirkungsgeschichte, die bis zu Stephen King reicht.

CD: über 77 Minuten
Originaltitel: The Great God Pan, 1894;
Aus dem Englischen von unbekannt.
ISBN-13: 9783785759448

www.titania-medien.de

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