Arthur, Robert / Hitchcock, Alfred – Die drei ??? und das Gespensterschloss

Eigentlich muss man über diese Jugendserie keine Worte mehr verlieren, denn seit über 30 Jahren steht sie vom Bekanntheitsgrad her ungefähr auf gleicher Stufe mit Enid Blytons „5 Freunde“-Reihe. Der unaufhaltsame Erfolg der drei ??? auch in Buchform stellte sich in Deutschland aber erst mit Aufkommen der Hörspiele aus dem Hause EUROPA ein. Das „Gespensterschloss“ ist dabei ein markantes Kuriosum, denn die Buchvorlage ist der erste je veröffentlichte Fall der drei Detektive. In Deutschland jedoch befand man ihn für die jugendliche Hörerschaft Anno 1979 anscheinend als ungeeignet zum Auftakt der Serie. So zog man für die Vorstellung der Hörspielserie – quasi als Versuchsballon – den „Super-Papagei“ vor und das Gespensterschloss rutschte dort auf den undankbaren Platz 11.

Die Bücher weisen aber – erstens – gar keine Nummerierung auf und waren – zweitens – schon viel früher am Markt. Erfunden 1964, gelangten die ersten Printversionen 1968 zu uns – gut 11 Jahre vor ihrem hiesigen Durchbruch. Das wirklich kuriose an der Sache ist, dass sich die an sich inkorrekte Reihenfolge in den Köpfen bis zum heutigen Tag festgesetzt hat, wohl weil fast jeder, der mit „drei Fragezeichen“ konfrontiert wird, im Geiste automatisch die berühmten Hörspiele mit dem Begriff verknüpft. Eine weitere hartnäckige Mär ist Alfred Hitchcock als angeblicher Autor. Er stand nur indirekt aber werbewirksam Pate. Im Laufe ihrer langen Karriere haben die drei Detektive ihre Fälle von vielen verschiedenen Autoren auf den Leib geschrieben bekommen. Ihr Daddy ist aber Robert Arthur, der hier mit dem Gespensterschloss das Debüt lieferte.

_Zur Story_
Justus Jonas hat eine brillante Idee, die Gründung einer kleinen aber feinen Jung-Detektei im südkalifornischen Nest Rocky Beach. Der patente und übergewichtige Bengel ist ein neunmalkluges Genie und hat soeben für 30 Tage einen goldbeschlagenen Rolls-Royce samt livriertem Chauffeur bei einer Autovermietung gewonnen. Das gab den Ausschlag, diesen lange gehegten Traum endlich in die Tat umzusetzen, nun ist man mobil. Zumindest wesentlich repräsentativer als mit dem Fahrrad. Mit ins Boot holt er seinen besten Schulfreunde Peter Shaw und Bob Andrews. Natürlich ernennt sich Justus, als „Erster Detektiv“ selbst zum Kopf des Trios. Peter wird zum „Zweiten Detektiv“ erhoben, Bob soll zunächst wegen seines Gipsbeins und dadurch eingeschränkten Bewegungsfähigkeit „Recherchen und Archiv“ übernehmen. Als geheime Zentrale der „drei Fragezeichen“ dient ein versteckter Campingwagen auf dem Schrottplatz von Justus‘ Onkel Titus. Justus hat in frühen Jahren seine Eltern verloren und wächst bei Onkel und Tante auf.

Schnell noch ein paar Visitenkarten gedruckt und es könnte losgehen. Könnte. Wenn denn nur ein interessanter Fall greifbar wäre. Bislang vertrieben sich die drei Kumpels die Zeit damit, gelegentlich verschwundene Haustiere und Gegenstände in der Nachbarschaft aufzuspüren, doch man fühlt sich zu Höherem berufen. Da kommt die Nachricht, dass der berühmte Regisseur Alfred Hitchcock derzeit ein Spukschloss für ein Filmprojekt sucht, sehr gelegen. Aber wie gelingt es, an eine (werbewirksame) Zusammenarbeit mit dem Altmeister zu gelangen? Mit List. Tatsächlich schaffen sie es, bis zu ihm vorzudringen und ihre Dienste anzubieten. Der Deal: Sie suchen ein passendes Objekt und im Gegenzug soll sich Hitchcock für sie verwenden, ihre zukünftigen Abenteuer gegebenenfalls sogar verlegen. Eher um die jugendlichen Nervensägen loszuwerden, willigt Hitchcock halbherzig ein. Die drei Fragezeichen haben ihren ersten Auftrag und stürzen sich voller Elan in die Recherche nach einer geeigneten Immobilie.

Man wird in der Nähe fündig. Ein altes Spukschloss befindet sich gleich nebenan in den Bergen von Hollywood. Ein Ort mit gespenstischem Ruf, denn angeblich geht dort der ehemalige Hausherr als blaues Phantom um. Dieser war ehedem ein berühmter Stummfilm-Star, der vor 20 Jahren unter mysteriösen Umständen umkam – hoch verschuldet. Lediglich sein zerschmetterter Wagen wurde in einer Bucht gefunden, seine Leiche blieb verschwunden. Seither vertreibt der Spuk potenzielle Kaufinteressenten, und bislang hat es noch niemand geschafft, eine ganze Nacht im Canyon mit dem düsteren Gemäuer zu verbringen. Dumpfes Orgelspiel durchschneidet die Nächte. Wer das Schloss betritt, wird von Eiseskälte ergriffen und von heftigen Panikattacken geplagt. Selbst dem ultrarationalen Superhirn Justus geht bei seinem ersten Besuch zusammen mit Peter der Stift plötzlich eins zu tausend. Locker lassen kommt jedoch nicht in Frage, der Ruf und nicht zuletzt der Deal mit Hitchcock stehen auf dem Spiel … und an Gespenster glaubt der erste Detektiv sowieso nicht.

_Meinung_
Wie es sich für den ersten Band geziemt, müssen die Hauptcharaktere vorgestellt werden. Warum sollte es hier auch anders sein? Allem voran wird eine Brücke zu Alfred Hitchcock geschlagen und der Grundstein für die dauerhafte, fiktive „Zusammenarbeit“ zwischen dem Mentor und den drei Detektiven gelegt. Eine Liaison, die im Übrigen nicht von Anfang an von Sympathie geprägt ist, so viel sei verraten. Ihr Kennenlernen ist nicht hundertpro glaubhaft, aber okay, es ist eine Jugendserie. Überdies eine, die in den noch unschuldigen und recht naiven Sechzigern entstand. Heutzutage erntet ein solch unrealistisches Brimborium bestenfalls ein mildes Lächeln. Damals haute das noch ganz gut hin, da waren wir Kiddies auch noch genau so naiv wie die Zeiten, zu denen die Geschichte spielt.

Es hat aber zweifellos Charme und ist die Erklärung für die legendär gewordenen Vorworte bzw. verschmitzten Einwürfe, welche die alten Abenteuer bis etwa zu Band 50 begleiten. Wiewohl seine Vorworte und Zwischenrufe natürlich nicht die seinen sind, sondern ihm vom jeweiligen Autor in den Mund gelegt wurden. Robert Arthur hatte damit einen glänzenden Einfall, der auch später etwa von William Arden, Nick West und M.V. Carey im gleichen Stil übernommen wurde. „Hitchcock“ leistet dadurch weniger aufmerksamen Lesern Schützenhilfe und weist auf Besonderheiten und Seltsames innerhalb der Story hin, oft auch auf Umstände, die selbst den Protagonisten irgendwie (noch) nicht aufgegangen sind. Danach hat man „Hitchcock“ und seine augenzwinkernden Statements leise weinend aus dem ???-Konzept gekickt. Nur im Titel blieb er weiter präsent. Bis Anfang 2005 die Namens-Lizenz endgültig auslief. Jetzt ist er vollständig aus der Serie getilgt – zumindest was die Neuerscheinungen angeht.

Doch nicht nur Hitchcock ist mit von der Partie, als Auftaktgeschichte müssen selbstverfreilich auch andere Figuren – sozusagen der Supporting-Cast – definiert werden. Viele der persönlichen Bindungen und auch örtlicher Gegebenheiten, welche später immer wieder Erwähnung finden, werden zumindest schon mal rudimentär angerissen. So geben sich die resolute Tante Mathilda und der sympathische Onkel Titus Jonas (Justus‘ Zieheltern), sowie Morton der Chauffeur ein Stelldichein. Mit allen ihren Charaktereigenschaften, die im Verlauf der Reihe immer wieder stetig ausgebaut wurden. Natürlich bedarf es auch eines permanent missgünstigen Gegenspielers, eines Erzrivale, der ihnen ständig versucht, in die Parade zu fahren. Diese Funktion übernimmt Skinner „Skinny“ Norris. Mit seinen 18 Jahren ein Stück älter als unsere Helden und wahrlich kein intelligenter Tugendbold. Eher eine tumbe, gemeine Nervensäge, die alles negiert, wofür die drei Fragezeichen stehen. Quasi als Kontrastprogramm.

Der eigentliche Fall ist sowohl pfiffig als auch intelligent aufgezogen. Robert Artur bedient sich hier aus der Trickkiste des harmlosen Grusels, um seine Figuren und somit auch den Leser zu überraschen und auf die Folter zu spannen. Ein finsteres und geheimnisvolles Gemäuer für sich allein genommen reizt ja schon die Phantasie gehörig. Kommen dann noch klassische Elemente wie Bilder mit lebendigen Augen, umstürzende Ritterrüstungen und munter vor sich hin orgelnde und leuchtende Geistererscheinungen hinzu, ist es ein Garn, aus dem gute, atmosphärisch dichte Abenteuergeschichten gesponnen sind. Zumal Arthur sich auch redlich Mühe gibt, sein Publikum, mit undurchsichtigen Verdächtigen und diversen Täuschungsmanövern noch mehr zu verwirren. Nicht nur sein Blaues Phantom versteht sich demnach trefflich auf des Werfen von Nebelkerzen. Dennoch ist die Auflösung vollkommen rational und hat nichts mit übersinnlichen Mächten zu tun und entpuppt sich – wie immer – als ausgeklügelter, fauler Zauber.

_Fazit_
Wer nur die Hörspielversion kennt, sei dringend dazu angehalten, sich das Buch zu Gemüte zu führen, denn aufgrund der dort vorgenommenen Anpassungen (man musste unter anderem verschleiern, dass es sich um den ersten Fall handelt) ändert sich so manches, besonders im Hinblick auf die bekannten Unstimmigkeiten, die EUROPA dabei unterliefen. Ja, unterlaufen mussten. Das Gespensterschloss ist zu Recht immer noch einer der beliebtesten Fälle der drei Fragezeichen, was nicht nur darin begründet liegt, dass es die Nummer eins ist. Das spielt bei Fans sicherlich auch eine Rolle, doch selbst wenn man diesen Bonus mal ausblendet, gehört des Gespensterschloss zu den Highlights. Trotz des vorangeschrittenen Alters – gute Geschichten sind eben zeitlos. Mit 176 (144 in der alten Ausgabe) Seiten erscheint das Buch nicht sehr lang zu sein, davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Im Gegensatz zu vielen anderen Werken der Reihe ist das Schriftbild vergleichsweise klein und somit passt eine ordentliche Menge Text hinein. Das Beste: Keine Folge davon ist langweilig.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Originaltitel: „Alfred Hitchcock and the Three Investigators in The Secret of Terror Castle“
Erzählt von Robert Arthur
Erstveröffentlichung: 1964 / Random House, NY
Deutsche Ausgabe: 1968 / Franckh-Kosmos, Stuttgart
Übersetzung: Leonore Puschert
Seiten: 144 / 176
Von verschiedenen Verlagen in unterschiedlichen Bindungen erhältlich
ISBN: 3-423-07480-9 (dtv-TB)
ISBN: 3-440-05439-X (Originalausgabe)