Asensi, Matilde – Wächter des Kreuzes

Kirchliche Verschwörungsthriller, die auf geheime und mysteriöse Bruderschaften zurückgreifen, sind spätestens durch Dan Browns [„Illuminati“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=110 zur hochbegehrten Unterhaltungsliteratur mutiert. Selten haben sich diese Bücher besser verkauft als momentan – ob auch Matilde Asensi ein ähnlich faszinierendes Werk vorlegen konnte wie Dan Brown, bleibt zu überprüfen …

Ein toter Äthiopier, dessen Körper mit zahlreichen Skarifikationen übersät ist, sorgt für Aufruhr. Sieben Kreuzesmuster und einige griechische Buchstaben sind in seine Haut geritzt worden und haben Narben gebildet, die seinen Körper zieren. Die Paläographin Ottavia Salina wird hinzugerufen, um diese Muster auf dem Leichnam des Äthiopiers zu entschlüsseln. Unter Aufsicht des Hauptmanns Kaspar Glauser-Röist stürzt sich Dottoressa Salina sofort in die Arbeit, auch wenn ihr der Hintergrund des Leichenfundes und die Besonderheit dieser Angelegenheit verschwiegen werden. Tag und Nacht versucht sie, die Zeichen zu entschlüsseln, kommt auch schnell hinter das Geheimnis der griechischen Buchstaben, während die sieben Kreuzeszeichen Ottavia Rätsel aufgeben. Bei einem Familienbesuch in Palermo/Sizilien verhilft ihr Neffe Stefano ihr durch seine Computerkenntnisse zu mehr Informationen über den toten Äthiopier. In Ottavias Abwesenheit gelangt Hauptmann Glauser-Röist mit Hilfe einer ausführlichen Internetrecherche hinter das Geheimnis der Kreuzeszeichen, welches auch auf einer Mauer des Katharinenklosters im Sinai zu finden ist. Kurz nach Ottavia Salinas Rückkehr nach Rom verkündet Glauser-Röist ihr, dass ihre Hilfe nicht weiter erforderlich ist. Aus Enttäuschung verrät Ottavia ihm, was sie über den verunglückten Äthiopier herausgefunden hat. Daraufhin verliert Ottavia Salina ihre Stelle im Geheimarchiv des Vatikans und wird nach Irland verbannt.

Doch bei ihrer Ankunft in Irland muss Ottavia noch am Flughafen umkehren, da sie in Rom gebraucht wird. In der Zwischenzeit nämlich hat der Hauptmann dem Katharinenkloster einen Besuch abgestattet und zusammen mit Professor Farag Boswell ein wichtiges Dokument gestohlen, dessen Spuren eindeutig zu der geheimen Bruderschaft der Staurophylakes, den Wächtern des heiligen Kreuzes, führen. Gleichzeitig werden weltweit die Diebstähle wertvoller Kreuzesreliquien gemeldet. Es scheint, als ob die Staurophylakes sich das heilige Kreuz zusammen stehlen wollten. Das entwendete Manuskript erzählt aus der Sicht Catos, dem Anführer der Staurophylakes, die Geschichte der Geheimgesellschaft und von sieben Prüfungen in sieben Städten, die den Weg öffnen in das irdische Paradies der Kreuzeswächter. Hauptmann Glauser-Röist ist es schließlich, der in Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“ eine Art Wegweiser in das irdische Paradies findet, denn in verschlüsselter Form berichtet Dante von seinen eigenen Prüfungen, in denen er für jede Todsünde büßen musste.

Mit Hilfe der „Göttlichen Komödie“ machen sich Glauser-Röist, Boswell und Salina zusammen auf den Weg zu sieben gefährlichen Prüfungen, um hinter das Geheimnis der Staurophylakes zu gelangen…

Zunächst fallen die strukturellen Parallelen zu „Illuminati“ auf, denn auch hier wird ein Experte mit dem schaurigen Bild einer gezeichneten Leiche gelockt, um beim Entschlüsseln wichtiger Botschaften zu helfen. Die Spur führt schnell zu einer geheimnisvollen Bruderschaft, die Böses im Schilde führt und weltweit die Kreuzesreliquien entwendet, obwohl diese doch besonders gut bewacht werden. Ein Wettlauf mit der Zeit gegen die Staurophylakes beginnt … Gleich im ersten Kapitel lernt der Leser Ottavia Salina kennen, die als Paläographin bei der Entschlüsselung der Skarifikationen helfen soll. Das gesamte Buch ist aus Sicht Ottavias erzählt, die eine allwissende Ich-Erzählerin darzustellen scheint, da sie auch Dinge zu berichten weiß, die in ihrer Abwesenheit geschehen. So schreibt Asensi auf Seite 555: |“Weiche von mir, Satan!“ kreischte ich und flüchtete durch den leichten Leinenvorhang nach draußen, sodass ich nicht mehr mitbekam, wie der Felsen etwas vom Kreis der Wollust murmelte.|

Der Leser ist bestens über Ottavias Gedanken und Gefühle informiert, da sie ausführlich davon erzählt. Im Laufe der Prüfungen nähern sich Professor Boswell und die Ordensschwester Ottavia Salina einander immer mehr an, obwohl diese Verbindung ihr nicht erlaubt ist. Das Gefühlschaos, in welchem die 39-jährige Ottavia erstmals landet, erlebt der Leser aus der ersten Reihe mit. Eine Identifikation mit Ottavia erscheint mir schwer möglich, da man kaum Gemeinsamkeiten mit ihr entdecken kann – Wer kann sich schon in eine Ordensschwester hineinversetzen, die im Alter von 39 Jahren erstmals Gefühle für einen Mann entwickelt und dabei lebensgefährliche Prüfungen zu überstehen hat?

Hauptfiguren in diesem Roman stellen neben Ottavia auch Hauptmann Glauser-Röist und Professor Boswell dar. Die Charakterisierungen gefielen recht gut, da Matilde Asensi sich viel Zeit nimmt, um ihren Charakteren Farbe und Gestalt zu verleihen. So lernt der Leser Ottavia und Farag schnell als überaus gebildete Menschen kennen, die sich mit Begeisterung in ausgiebige Literaturrecherchen stürzen können und die intellektuell große Herausforderungen suchen. Glauser-Röist bleibt ein wenig undurchsichtig, da er zurückhaltend dargestellt wird und keinen rechten Draht zu seinen Mitstreitern zu finden scheint. Dennoch wird auch er als engagierter und gebildeter Mann vorgestellt, der mit Leib und Seele auf den Weg der Prüfungen geht und dabei seine Begeisterung für Dantes „Göttliche Komödie“ ausleben kann. Im Laufe des Buches werden unzählige Personen eingeführt, die oft nur kurze Auftritte haben, da sie den drei Hauptcharakteren bei einer einzigen Prüfung begegnen und später nicht mehr benötigt werden. So treten sämtliche anderen Figuren völlig in den Hintergrund, was aber nicht störend auffällt.

Sprachlich gesehen entfernt sich Asensi sehr weit vom Stile eines Dan Brown, denn sie braucht nur sieben Kapitel (welch passende Zahl in diesem Buch!), um ihre fast 640 Seiten lange Geschichte zu erzählen. Auch zwischen den einzelnen Kapiteln finden sich nur wenige Absätze, die ein Einhalten und Pausieren ermöglichen. So sind oft mehr als 20 Seiten zu lesen, um wieder eine kleine Zäsur zu erreichen, da die geschilderten Szenen oftmals sehr ausführlich beschrieben werden. Neben den drei Hauptfiguren werden auch die Situationen, Prüfungen und auch die „Göttliche Komödie“ vorgestellt. Zwischen den einzelnen Prüfungen begeben sich die drei Reisenden zum nächsten Ort und lesen bei dieser Gelegenheit in Dante Alighieris Werk. Einzelne Passagen werden Wort für Wort zitiert, während Überleitungen zwischen den entscheidenden Gesängen neu formuliert werden. Auch historische Einschübe finden sich häufig, sodass die Geschichte oftmals nicht recht vorangehen mag. Asensi nimmt sich viel Zeit, um alles genauestens zu beschreiben, nimmt dabei aber grundsätzlich das Tempo aus dem Buch heraus. Nur selten hatte ich das Gefühl, das Buch nicht mehr aus der Hand legen zu können, weil die Erzählung gerade so spannend war. Im Gegenteil, die Geschichte schleppt sich trotz der faszinierenden Thematik oft etwas dahin. Die ausschweifende Erzählweise der Autorin trägt ihr Übriges bei und dürfte besonders Umberto-Eco-Fans zusagen, der bekanntlich ebenfalls viel Wert legt auf ausufernde Beschreibungen und Schilderungen der historischen Hintergründe. Asensis Sätze sind meist recht lang, ein wenig verschachtelt und gespickt mit Adjektiven.

S. 533
|“Zur selben Zeit hielt ein Reisebus voller Japaner vor dem seltsamen runden Gebäude mit dem niedrigen Dach, das den Eingang zu den Katakomben bildete. Die Anlage befand sich in Karmouz, einem extrem armen Viertel im Südwesten Alexandrias, durch dessen enge Gassen auch heute noch zahlreiche Eselskarren zockelten; es war also nicht weiter verwunderlich, dass eines der Tiere ein so herausragendes archäologisches Monument ‚entdeckt‘ hatte. Dichte, summende Mückenschwärme umschwirrten unsere Köpfe und setzten sich mit widerlicher Hartnäckigkeit auf unsere Gesichter und nackten Arme. Die Japaner schienen diese zudringlichen Insekten keineswegs zu stören, aber mich brachten sie zur Weißglut, während ich voll Neid beobachtete, wie die Esel sich ihrer mit gezielten Schwanzschlägen entledigten.“|

Neben der zwar sehr gewählten aber auch etwas schwieriger zu lesenden Ausdrucksweise der Asensi erschwert die Verwendung verwirrender zeitlicher Angaben den Lesefluss, denn nie ist dem Leser klar, wie viel Zeit während der Erzählung wirklich vergangen ist. So behauptet Ottavia auf Seite 140, dass sie |“über Monate hinweg recherchiert hätte“|, während sie auf Seite 189 sagt, dass |“vor über einem Monat ihr Leben in Unordnung geraten sei.“| Auch später tauchen noch mehr solche Hinweise auf, die eigentlich nie zusammenzupassen scheinen. Am Ende ist etwa ein Vierteljahr für die gesamte Zeit der Nachforschungen vergangen, doch wird uns zwischenzeitlich häufig vorgegaukelt, es seien etliche Monate mehr vergangen.

Zwischendurch fand ich einige Bemerkungen bzw. Umschreibungen etwas unpassend. So kann ich mir die biedere Ordensschwester Ottavia nur schwer vorstellen, wie sie vor Freude einen Luftsprung macht, dennoch wird genau dies behauptet. Ebenso wird Farag Boswell zunächst als |“etwa 38 Jahre alt“| (S. 84) vorgestellt, wobei er sich später natürlich als exakt 38 Jahre alt entpuppt. Diese Altersschätzung halte ich für eher unwahrscheinlich. Auch verwendet Ottavia für ihre beiden Gefährten Spitznamen; den Hauptmann Glauser-Röist nennt sie beispielsweise „Felsen“, während Farag Boswell später mit „Casanova“ betitelt wird. Im Gegenzug heißt Ottavia für den Professor meist „Basileia“, wobei ich mich frage, welchen Zweck diese Spitznamen haben sollen, besonders Felsen fand ich irgendwo unpassend, auch wenn der Hauptmann vielleicht keine großartigen Gefühlsregungen zeigen mag. So störte ich mich insgesamt an einigen Stellen an sprachlichen Ausdrucksweisen, die ich ungeschickt und unüblich fand.

Um die Faszination ihres Mysterienthrillers zu steigern, hat Asensi sich für ihre Prüfungen exotische Schauplätze wie Rom, Ravenna, Athen, Jerusalem, Konstantinopel, Alexandria und Antiochia ausgesucht, die ihre Romanfiguren bereisen müssen. Bei der Anreise erhält der Leser sogleich einige geschichtliche Informationen über den jeweiligen Prüfungsort. Auch lernen Glauser-Röist, Salina und Boswell sofort einen Haufen ansässiger Heiliger kennen, mit denen sie Bekanntschaft schließen sollen. Der Leser wird dadurch mit zu vielen neuen Informationen konfrontiert, die eher zur Verwirrung denn zum weiterführenden Verständnis beitragen. Mit Dantes „Göttlicher Komödie“ hat sich Asensi die altbekannte Geheimgesellschaftslektüre herausgegriffen, auf die in diesem Zusammenhang gerne zurückgegriffen wird. Fast bin ich versucht, Dantes Werk nun im Ganzen zu lesen.

Der größte Schwachpunkt des Romans liegt wie so oft beim Buchende. Während Asensi durch ihre schicke Sprache und die vielen historischen Einschübe sowie die Verwendungen von Dante-Zitaten ein gewisses Niveau erreicht, was auch auf Kosten der Spannung geschieht, so greift sie beim Ende in die Trickkiste. An vielen Stellen habe ich mich gefragt, wie sie diese Prüfungen auf dem Weg zum irdischen Paradies auflösen will, zumal die drei Hauptfiguren die Prüfungen offensichtlich unter Kenntnis und mit Erlaubnis der Staurophylakes absolviert haben, doch nie hätte ich mir dieses Ende ausgemalt. Für meine Begriffe ist es völlig verkitscht und des Buches unwürdig, sodass ich mich fragen muss, welcher Teufel Matilde Asensi geritten hat, als sie sich diese Wendung ausdachte. Fast hätte ich ihr noch verzeihen können, dass die ach so brave und jungfräuliche Ordensschwester plötzlich ihre Liebe zu einem Mann entdeckt, dem sie sich natürlich in völliger Verzückung schnellstmöglich hingeben will, doch dann griff Asensi in die unterste Schublade, um ihre Geschichte zu einem Ende zu bringen und das kann ich ihr nicht verzeihen. Mit dieser Auflösung hat sie sich selbst keinen Gefallen getan.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass „Wächter des Kreuzes“ durchaus lesenswert ist. Sprachlich ist es eher Umberto-Eco-Fans zu empfehlen als Dan-Brown-Anhängern, da Asensi zu weitschweifenden Umschreibungen und langen Kapiteln neigt, die ein gewisses Durchhaltevermögen beim Lesen voraussetzen. Die Thematik fasziniert sogleich, auch wenn der Wettlauf gegen die Zeit nicht so rasant dargebracht ist wie in „Illuminati“, da keine Menschenleben gerettet werden müssen, sondern lediglich kleine Holzsplitter aus dem vermeintlich heiligen Kreuz, an welchem Jesus Christus einst gekreuzigt wurde. Die Charakterzeichnungen sind Asensi sehr gut gelungen, auch wenn keine Identifikation mit der 39-jährigen Ordensschwester möglich scheint. Trotz der interessanten Erzählung bleibt aber einige Enttäuschung angesichts des verkitschten Buchendes zurück – schade.