Isaac Asimov – Die phantastische Reise

asimov phantastische reise cover kleinUm einen ins Koma gefallenen Wissenschaftler zu retten, wird ein Ärzteteam auf Mikrobengröße verkleinert und macht sich im Mini-U-Boot durch die Adern auf den gefährlichen Weg ins Gehirn … – Das Buch zum Kinoklassiker erzählt die spannende Handlung nicht einfach nach, sondern ergänzt sie durch Hintergrundinformationen, liefert ausführliche Charakterisierungen der Figuren und unternimmt sogar den (rührend gescheiterten) Versuch, die krude Story wenigstens ansatzweise plausibel wirken zu lassen: keine simple Beigabe zum Film, sondern ein eigenständiger, sehr lesbarer Science-Fiction-Roman.

Das geschieht:

In einer zeitlich nicht spezifizierten Zukunft – im Film von 1966, nach dem dieser Roman entstand, schreiben wir das Jahr 1995 – dauert der Kalte Krieg zwischen den Supermächten des Westens und Ostens unvermindert an. Als der berühmte Wissenschaftler Jan Benes zu den US-Amerikanern überlaufen will, wird er dort mit offenen Armen empfangen – und als abtrünniger Geheimnisträger von den Sowjets erbittert verfolgt. Nach einem Mordanschlag erreicht Benes seine neue Heimat nur im Koma; ein Blutgerinnsel im Hirn wird ihn bald töten. Es muss operativ entfernt werden, liegt aber viel zu tief, um mit bewährten Methoden behandelt werden zu können.

Nun treten die „Kombinierten Miniatur-Abwehr-Streitkräfte“ auf den Plan. Eine revolutionäre Technik ermöglicht es, Objekte und Lebewesen auf Mikrobengröße zu schrumpfen. Noch ist sie nicht ausgereift, doch der verzweifelte Versuch, Dr. Benes zu retten, führt zum Einsatz der „Proteus“, die eigentlich als U-Boot gebaut wurde. Unter dem Kommando ihres Konstrukteurs und Erbauers Captain Owens soll es verkleinert werden und durch Benes’ Adern bis zum Gerinnsel vordringen, wo Gehirn-Spezialist Dr. Duval ihm mit einem Laser zu Leibe rücken wird. Mit an Bord sind als Lotse Dr. Michaels, der die „Proteus“ an ihr Ziel steuern will, der Kommunikationsfachmann und Taucher Charles Grant sowie Dr. Duvals Assistentin Cora Peterson.

Die Miniaturisierung glückt, und das Quintett findet sich in einer bizarren Welt voller Wunder und Gefahren wieder. Körpereigene Antikörper jagen die Eindringlinge, eine Schockwelle bringt sie weit vom Kurs ab, der Sauerstoff geht aus, und nach 60 Minuten werden die „Proteus“ und ihre Besatzung ihre normale Größe annehmen. Von dem Spion der Sowjets, der sich in die Mannschaft eingeschlichen hat, um die Mission zu sabotieren und Benes endgültig zu erledigen, ahnen die Retter allerdings nichts …

Ein Wissenschaftler will Blödsinn begründen

Der Schuft wird sich im dramatischen Höhepunkt der Handlung zu erkennen geben und für weitere Turbulenzen sorgen. Bis es soweit ist, hat man sich niemals gelangweilt, denn Autor Asimov spinnt ein ungemein unterhaltsames Garn; dieses Wort wird hier mit Bedacht benutzt, liegt ihm doch ein Plot zu Grunde, dessen Unlogik selbst dem naturwissenschaftlichen Laien in die Nase beißt. Isaac Asimov, der nicht nur Schriftsteller, sondern auch Naturwissenschaftler war, brachte dies an den Rand des Wahnsinns. Redlich bemüht er sich zu ‚erklären‘, wie es möglich ist, ein U-Boot und fünf Menschen einzuschrumpfen. Leider erläutert er zunächst ausführlich – und überzeugend –, wieso dies nie klappen kann, bevor er dem bekannten Kosmos mit seinen Naturgesetzen einen „Hyperraum“ andichtet, der es doch ermöglicht. Dieses Hintertürchen nutzt Asimov mit durchaus erkennbarem Unwillen, und es kreischt in der Tat fürchterlich in seinen Angeln.

Doch als Autor hatte er seine Vorgaben, als er 1966 den Auftrag übernahm, einen Roman zum Kinofilm „Fantastic Voyage“ (dt. „Die phantastische Reise“) bzw. nach einer Erzählung von Otto Klement und Jerome L. Bixby sowie dem Drehbuch von Harry Kleiner und David Duncan zu verfassen. Die Handlung stand fest, was ein Glücksfall war, denn es zwang Asimov, der in seinen eigenen Werken gern zum Schwafeln neigte, zur Disziplin. Er unterwarf sich der Story, die bei aller Absurdität ihren filmischen Auftrag perfekt erfüllte: Sie unterhielt wahrlich phantastisch und war reich an Episoden, die auf der Kinoleinwand prächtig aussahen und wirkten. (Zu den optischen Attraktionen gehörte im Jahre 1967 natürlich auch Raquel Welch in der Rolle der Miss Peterson.)

Aus einem Drehbuch wird ein Roman

Asimov, als Schriftsteller ein Vollprofi mit jahrzehntelanger Erfahrung und einem Ruf wie Donnerhall (weshalb man ihn angeheuert hatte), setzte die Story kompetent und lesenswert um. Er vermochte das (damals) aktuelle medizinische Wissen über den menschlichen Körper mit der Schöpfung fiktiver ‚zukünftiger’ Hightech überzeugend zu kombinieren. Darüber hinaus investierte er eigene Fantasie. Sehr richtig hatte er erkannt, dass Kleiners und Duncans Drehbuch primär auf den Film zugeschnitten war, der anderen dramaturgischen Gesetzen gehorcht als das Buch. Die grandiosen Effekte, die den Zuschauern förmlich die Augen übergehen ließen, verloren in der Beschreibung ihre Wirkung.

Dies auszubügeln sah Asimov als seine Aufgabe an. Er schrieb u. a. einen Prolog, der wesentlich ausführlicher als der Film in die Handlung einführt. Nunmehr wird deutlich, in welcher (nach dem realen Ende des „Ostblocks“ surreal wirkenden) Welt unsere Geschichte spielt. Dies hilft zu begreifen, wieso ‚der Gegner‘ versucht, den abtrünnigen Benes noch in seinem eigenen Körper auszuschalten.

Gleichzeitig stellt uns Asimov die Hauptfiguren vor. Sie erhalten (kurze) Viten und werden dadurch von Handlungsträgern zu plastischen Figuren. Dabei vermeidet es der Autor geschickt, die Identität des Verräters zu offenbaren. Er streut viele Spuren – Asimov schrieb auch Krimis – und seinen Lesern dennoch Sand in die Augen. So entstand ein Filmbuch, das in diesem nicht gerade von literarischen Leistungen geprägten Genre ein Highlight darstellt. (Man wundert sich, dass es erst 1983 ins Deutsche übersetzt wurde.)

Ein Held, vier Verdächtige & eine schöne Frau

Vier Musketiere und einen Agenten des Kardinals finden wir an Bord der „Proteus“ … Anders ausgedrückt: Die Figurenzeichnung folgt bewährten Hollywood-Klischees. Da haben wir Dr. Michaels als weisen Graubart, der die Topografie des menschlichen Körpers kennt, in jeder Krise einen Ausweg findet und gleichzeitig für Frieden unter seinen Gefährten sorgt. Captain Owens steuert sein U-Boot souverän durch Adern und Organe und wechselt sich mit Michaels in der Rolle des Graubarts ab. Dr. Duval gibt sich genial und sozial inkompetent genug, um sich als Judas unserer Crew förmlich aufzudrängen. Bis sich dieser Verdacht klärt, sorgt er für zwischenmenschlichen Konfliktstoff, der die (für manchen Zuschauer/Leser eventuell zu) phantastische Geschichte immer wieder erdet.

Für Cora Peterson bleibt die aus heutiger Sicht undankbare Rolle als Augenweide und „love interest“, das von männlichen Helden aus grausigen Todesfallen gerettet werden muss. Ansonsten darf sie ihrem Chef Duval die Operationsinstrumente reichen und ihn heimlich (aber unheimlich) anhimmeln. So war das im Popcorn-Land Hollywood Anno 1967; die Leser/innen dieser Zeilen mögen entscheiden, ob sich das seitdem geändert hat … Zumindest Asimov fügt freilich mehrere Szenen ein, in der Peterson den Chauvinismus in der angeblich objektiv denkenden Wissenschaft thematisiert. Asimov war kein Schriftsteller, der Liebesgeplänkel überzeugend darstellen konnte oder wollte. Die kühle Cora Peterson ist daher eine wie für ihn geschaffene weibliche Figur.

Die breite Brust, an die sich Cora dennoch notfalls flüchten kann, gehört dem stattlichen Grant, der als militärischer Undercovermann + Taucher = junger Held primär Körperlichkeit demonstriert. Asimov erzählt „Die phantastische Geschichte“ aus seiner Sicht und stattet ihn mit kleinen Ecken und Kanten sowie einem gewissen Widerspruchsgeist aus, um ihn in seiner Soldatenrolle menschlicher wirken zu lassen. Außerdem zeigt Grant jenes Ungestüm, das den beiden Graubärten (s. o.) abgeht, um die Handlung durch die spontane Wahl gefährlicher aber spannender Lösungsansätze zu beschleunigen.

Fantasie siegt über Logik

Unterm Strich geht die Rechnung auf. „Die phantastische Reise“ ist ein kleiner Klassiker der SF und als Roman eine wertvolle Ergänzung zum Film, der plötzlich sehr ‚fehlerhaft‘ wirkt. (Was geschieht eigentlich mit der „Proteus“, nachdem die Besatzung sie verlassen muss? Im Film wird ignoriert, dass sie sich wie ihre Besatzung wieder vergrößern müsste und den armen Benes dabei spektakulär töten würde. Asimov reißt sich abermals ein Bein aus, um Drehbuch und ‚Realität‘ in Einklang zu bringen.) Doch das menschliche Gehirn folgt unterschiedlichen Interpretationsvorgaben, wenn es mit einem Film oder mit einem Buch konfrontiert wird. Asimov ist ein ehrgeiziger ‚Übersetzer‘, der die Vorlage achtet und durch sein Talent veredelt.

„Die phantastische Reise“ – der Film

Science Fiction, Fantasy und Horror gehörten in den 1960er Jahren nicht zu den Genres, in denen das Geld für Filme mit entsprechender Handlung reichlich floss. (Auch Hirnschmalz wurde eher sparsam eingesetzt, aber das ist bis auf den heutigen Tag so geblieben.) „Die phantastische Reise“ gehört zu den Ausnahmen. Hier wurde nicht gespart- Die Kulissen sind bemerkenswert, die Effekte (für die Entstehungszeit) aufwändig und überzeugend. Auf dem Regiestuhl saß Richard Fleischer (1916-2006), ein hochkompetenter Mann, der auch in der Kunst der Kameraführung bewandert war und sehr genau wusste, wie er möglichst wirkungsvoll inszenieren konnte.

Angesichts der Schauwerte meinte das Studio bei der Besetzung der Rollen sparsam bleiben zu dürfen. Deshalb finden sich unter den Darstellern keine Stars, die auch den jüngeren Filmfreunden bekannt sein dürften, sondern gern und oft beschäftigte Schauspieler wie Stephen Boyd, Edmond O’Brien, Donald Pleasance, Arthur Kennedy sowie natürlich Raquel Welch, die in der Filmgeschichte feste Plätze einnehmen.

„Die phantastische Reise“ mag heute veraltet wirken, ohne deshalb seinen Unterhaltungswert oder seine Ansehnlichkeit eingebüßt zu haben. Filme, denen dies gelingt, nennt man gern Klassiker; ein inflationär eingesetzter Titel, der diesem Streifen indes definitiv gebührt.

Autor

1992 starb mit Isaac Asimov einer der ganz Großen der Science Fiction. Unabhängig von der schwankenden Qualität seiner Werke hat er sich aufgrund seiner Beliebtheit und seines unglaublichen Fleißes – er zeichnet als Verfasser und Herausgeber für mehr als 300 Bücher – in seiner mehr als ein halbes Jahrhundert währenden Karriere einen unangefochtenen Platz an der Spitze dieses Genres erobert. Mit Robert A. Heinlein und Arthur C. Clarke teilt sich Asimov die seltene Ehre, für sein Lebenswerk mit einem „Grand Master of Science Fiction“ ausgezeichnet worden zu sein.

1920 im russischen Smolensk geboren und dreijährig als Emigrant in die USA gekommen, studierte Asimov in den 1930er Jahren Chemie. (Seinen Doktortitel erwarb er übrigens 1948 im Fachbereich Philosophie!) Seit 1939 schrieb der junge Mann Science Fiction, die fast ausschließlich im Magazin „Astounding“ erschien, dessen Herausgeber John W. Campbell auf die ‚Wissenschaftlichkeit‘ der eingereichten Geschichten drang. Asimov wurde einer seiner Starautoren, der das Fundament für seinen Ruhm bereits in diesen frühen Jahren mit den „Foundation“-Storys legte, die epochal den Fall und Wiederaufstieg einer galaxisweiten Zivilisation der Zukunft schilderten. Ebenso berühmt sind die „Robotergeschichten“, in denen Asimov (gemeinsam mit Campbell) den auf drei Basisregeln komprimierten Verhaltenskodex für Roboter formulierte, der von vielen Autorenkollegen übernommen wurde und allgemeines Wissensgut geworden ist.

In den 1960er Jahren nahm Asimov einen Ruf der Universität von Boston an und wurde Professor für Biochemie. In dieser Zeit schrieb er vor allem (sehr erfolgreiche) Sachbücher über naturwissenschaftliche Themen. In den 70er Jahren begann Asimovs zweite Karriere als Bestsellerautor. Er begann die Welt der Robotergeschichten mit dem Kosmos der „Foundation“-Storys zu verknüpfen: ein schriftstellerischer Gewaltakt in zehn umfangreichen Bänden, die sich dank intensiver Vermarktung ungeachtet ihres beschränkten Unterhaltungswerts prächtig verkauften.

Über die Kompromisse, die er bei der Niederschrift der „Phantastischen Geschichte“ eingehen musste, ärgerte sich Asimov übrigens so nachhaltig, dass er sie 1987 noch einmal und dieses Mal ganz in seinem Sinn schrieb: „Destination Brain“ (dt. „Doktor Schapirows Gehirn“) ist ein überaus ambitioniertes, umfangreiches und – ist das wirklich eine Überraschung? – langweiliges Werk.

Taschenbuch: 220 Seiten
Originaltitel: Fantastic Voyage (New York : Bantam Books 1967)
Übersetzung: Tony Westermayr
http://www.randomhouse.de/goldmann

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