Alle Beiträge von Alex Straka

Rock Hard (Hrsg.) – Cover Mania – Die besten Plattencover aller Zeiten

Das |Rock Hard| hat als Herausgeber mit „Cover Mania – Die besten Plattencover aller Zeiten“ meiner Meinung nach ganze Arbeit geleistet, spannen die Dortmunder doch einen weiträumigen Bogen von den wichtigsten und gelungensten Artworks der Metalgeschichte über die geschmacksvernebeltsten Cover der Hartwurzelhistorie bis hin zu Portraits über die Pinselgrößen der letzten drei Metalldekaden. 600 farbige Abbildungen auf edelstem Hochglanzpapier sind dabei herausgekommen, inklusive der vier Lieblingscover der heutigen |Rock Hard|-Redaktion. Zudem gewährt man tiefe Einblicke in die Entstehung von Plattencover, seien es nun Paintings oder Kreationen, die dem Datenhighway entspringen: Man kann nach dem Bestaunen dieses rund 220 Seiten starken Werkes von 17,6 cm x 25 cm Ausmaß vollauf zufrieden mit dem Kauf des Wälzers sein, wenn man ein Fan der Bildveredlung unseres heißgeliebten Schwermetalls ist.

Am meisten schärfen mich die Portraits solcher Künstler wie Dan Seagrave, der solch illustre Bands wie ENTOMBED, PESTILENCE und DISMEMBER auf ihrem Weg begleitet hat. Und wenn man sich Bands wie CELTIC FROST nebst Illustrator Giger oder IRON MAIDEN nebst Paintingpapst Derek Riggs unter die Lupe holt, wird auch schnell klar, dass die Musik und der Erfolg oder Misserfolg einer Scheibe immer eng verknüpft erscheint mit der zugehörigen Optik. Was wäre MAIDEN ohne Eddie? Zweifellos eine geile Metalband! Aber erst Eddie gibt MAIDEN das Gesicht, das die Jungfrauen zur wichtigsten Institution des europäischen Metals machte. Was wäre DIMMU BORGIR ohne die pervers düstere Optik eines Joachim Luetke, oder wie wäre es mit RUSH ohne Hugh Syme? Die Symbiose aus Cover und Musik, aus Metal und Optik macht’s, daran habe ich nach dem Verzehr dieses Buches keinen Zweifel mehr.

Lustig ist auch die Rubrik über die schlechtesten Cover aller Zeiten, wobei ich auch hier sagen muss, dass mir viele sehr gute Scheiben gerade wegen dieser Scheißcover in Erinnerung geblieben sind. FLOTSAM & JETSAM haben mit „Doomsday For The Deceiver“ ein Paradebeispiel für Geschmacksverirrung vorgelegt, welches aber, bereits deutlich in die Jahre gekommen, den Kultstatus mittlerweile absolut verdient hat. So wird aus Scheiße Gold. *räusper*

Die vierte Dimension des Hörens, so titelt man die Plattencover in der |Rock Hard|-Redaktion, scheint wirklich einen direkten Einfluss auf die Kaufbereitschaft des Hörers und somit auch auf den Aufstieg oder Fall einer Band zu haben. So scheint es nicht verwunderlich, dass sich die Techniken der Coverpaintings im Wandel der Zeit bis zur Perfektion verfeinert haben. Die Geschichte des Artworks wird somit von der Entstehung bis zum endgültigen Design wie auch in der Entwicklung der letzten dreißig Jahre detailliert beschrieben und recherchiert. Dabei vertiefen sich die Dortmunder in Spartenartworks wie Science-Fiction und Horror, beleuchten die besten Photoshots des Metals und kristallisieren die Hall of Fame aller Metalcover heraus. Diese zehn besten Paintings bleiben natürlich Geschmackssache. Bei mir hätten zumindest zehn andere den Orden verdient.

Wer sich ein deutliches Bild von der Welt der Graphic Designs in der Musikwelt des harten Rocks machen möchte, wer sich für die kreativen Köpfe hinter diesen Geschmacksverstärkern interessiert, wird mit „Cover Mania“ bestens verköstigt. Mir hat das Lesen dieses Wälzers jedenfalls tierisch Spaß gemacht und ich verschlang es in nur zwei Tagen. Sagt doch alles, oder?

http://www.heel-verlag.de/
http://www.rockhard.de/

Sträter, Torsten – Hit the Road, Jack! (Jacks Gutenachtgeschichten 3)

Band 1: [„Hamöglobin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1416
Band 2: [„Postkarten aus der Dunkelheit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1417

Ja, aber hallo! Man braucht gerade einmal die ersten beiden Kurzgeschichten von „Hit the Road, Jack!“ zu lesen, um zu wissen, dass man sich in der blutigen Welt Torsten Sträters befindet.

Der Mann ist meiner Meinung nach ein echter Könner. Niemand außer ihm schafft es innerhalb von nur wenigen Seiten komplette Storys zu erzählen, die zum einen flüssig wie Schmierseife, zum anderen boshaft wie Belzebub persönlich und zuletzt so unvergleichlich beißend ironisch sind, dass dem Leser beim Genuss der Kurzgeschichten vor inniger Schadenfreude die glasklaren Säfte aus den Augen schießen, wobei man sich gleichzeitig ernsthaft überlegt, ob man nun schallend lachen oder schmerzhaft kotzen soll. Nun, Alltagsgeschäft in Sachen Sträter!

Der Dortmunder schüttelt sich die Brachiallyrik im Dutzend aus den Gelenken, immer wohl bedacht, die biestigste Pointe ans Ende zu heften, die sich das abgedrehteste Hirn südlich des Nord- und nördlich des Südpols überhaupt vorstellen kann. Herr Sträter dürfte ahnen, dass dieses Kompliment aus tiefster Seele kommt.

Ein Koch, der sich mächtig über einen Gast freut, dem sein meisterliches Menü zu schmecken scheint und der sich umso mehr freut, seine erschaffenen Kreationen von jenem Gast auch nach dem Verzehr wieder zurückzubekommen. Diese reichlich geschmackvoll gestaltete Hirnakrobatik und stilgerecht wahnwitzig, ironisch und furztrocken beendete Geschichte startet ein Buch voller Kurzweil und grauenhaftem Perfektionismus. Voller Witz und Tücke, voller Humor und heftigstem Horror.

Torsten Sträter muss man als Horrorfan einfach lieben, weil er ein Mann der Extreme ist, der definitiv keine halben Sachen macht. Wenn man lacht, dann schmerzt der Magen. Wenn man kotzt, dann schmerzt er ebenfalls. Sträters Storys gehen also quasi so oder so durch den Magen. Wenn der Ruhrpöttler wie in der Kurzgeschichte „Zimt“ mit der Ekelkeule ausholt und von sich zersetzenden Gangstern und Agenten erzählt, von sekretierenden Gewebeklumpen, die in dumpf stinkenden Katakomben dem Ende entgegenatmen, steht einem die Magenbrühe eigentlich schon oberhalb des Pförtners, oberflächlich leicht zuckend durch die zerebral vibrierende Speiseröhre. Yeah, that´s it! Horror ist Spaß und Torsten Sträter ist der Beweis dafür!

Erwähnte ich eigentlich schon, dass „Hit the Road, Jack!“ der dritte und zugleich letzte Teil von Sträters Kultreihe „Jacks Gutenachtgeschichten“ ist, in der bereits die fabelhaften Werke „Hämoglobin“ und „Postkarten aus der Dunkelheit“ erschienen sind? Nun denn! Diejenigen, die von diesen Büchern überzeugt waren, dürfen blind zuschlagen. Denn Sträters Neustes ist eine Steigerung in jeder Hinsicht. Noch bestialischer, noch brutaler, noch zwingender und noch witziger. Definitiv keine leichte Kost. Wohl eher Vollwert für hartgesottene Mägen, aber immer mit einem deftigen Schalk im Nacken. Irgendwie erinnern mich die Storys an Filme wie „Creepshow“, die auf Horrorcomics aus den Sechzigern und Siebzigern basieren. Aus ähnlichem Holz strikt Sträter seine Bücher. Aus einem Tick Realität, einem noch größeren Tick Abnormität und einer dicken Schippe Absurdität.

Okay, wer bis hierhin durchgehalten hat, wird sich das Buch kaufen. Und Leute, ihr macht dabei keinen Fehler. Es sei denn, ihr kauft euch danach nicht auch noch die Vorgänger! Das |wäre| ein Fehler. Ich persönlich kann die Ideen des Autors und meinen Spaß an der Sache prima wie folgt mit den Worten Sträters zitieren und vergleiche das Buch mit einem in „Hit the Road, Jack!“ erwähnten Kühlschrank: |“Wie ein Sarkophag steht er da, bereit, tote Dinge aufzunehmen und zu bewahren, bis ich die Tür öffne. Oder lebende, bis ich die Tür öffne. Er funktioniert in dieser Hinsicht einwandfrei. Ich habe Hunger.“| Und wie ich Hunger habe …

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Crouch, Blake – Blutzeichen

Zu schade, dass ich den ersten Teil von „Blutzeichen“, „Bruderherz“ betitelt, noch nicht kenne. Ein Umstand, den ich nach dem Konsum von „Blutzeichen“ schleunigst ändern werde, da die literarische Niederschrift seelischer Abgründe aus der Feder von Blake Crouch fesselnder nicht sein könnte. Meine Herren! Selten zuvor habe ich ein Buch derart verschlungen und dabei mehr als nur Blut und Wasser geschwitzt.

Andrew Thomas, Schriftsteller, geriet im Erstling in die psychopathischen Fänge seines Zwillingsbruders Orson, denen er nur mit viel Glück entrinnen konnte. Orson ist tot und Andrew mittlerweile in Alaska abgetaucht, da er für die begangenen Morde verantwortlich gemacht und polizeilich gesucht wird. Eines Tages erfährt Andrew, dass seine Ex-Freundin bestialisch ermordet wurde und in ihm keimt ein böser Verdacht: Orsons Helfer muss zurück sein, um die Arbeit seines Mentors zu vollenden. Luther Kite ist wieder da, und er wird seinen Weg unbarmherzig zu Ende gehen, wenn sich ihm niemand in selbigen stellt.

So weit die Rahmenhandlung des schweißtreibenden Nervenkitzlers, uns spätestens nach dem ersten Drittel des Buches nicht mehr aus seinen Pranken entlässt. Dabei lässt die Eiseskälte, mit der Luther seine Arbeit verrichtet, ein ums andere mal die Magensäfte brodeln. Es sei also zartbesaiteten Personen abgeraten, sich auf „Blutzeichen“ einzulassen.

Nach einem relativ besinnlichen Beginn dreht Crouch im Verlauf des Buches erbarmungslos an der Spannungsschraube. Wann und wie wird der Psychopath zuschlagen? Was wird Andrew dem entgegen setzen können und wird er am Ende sein Leben lassen müssen? In düsterer, nein, abgrundtief finsterer Atmosphäre graben sich die Seiten ins Gedächtnis und man kämpft unweigerlich gegen den inneren Schweinehund an, der einem das Ende des Tages befiehlt, da man am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrüh zur Arbeit muss. Ich konnte den Kampf eigentlich immer gewinnen, verschlang „Blutzeichen“ gierig bis zum Ende der Storyline. Und die hat es in sich …

Blake Crouch versteht es blind, eine psychologisch bedrückende Atmosphäre zu erschaffen, die im filmischen Sinne Meisterwerken wie etwa David Finchers „Sieben“ in nichts nachsteht. Desillusionierende Alltagsszenarien, Düsternis, Regen und ein Held, der scheinbar übermächtigen Gegebenheiten immer einen Schritt hinterherzuhinken droht. Nichts kann Luther aufhalten! Oder etwa doch?

„Blutzeichen“ ist eines dieser Bücher, die ich Thrillerfans blind ans Herz legen kann. Die Zeichen und Worte spielen geschickt auf der Klaviatur des Grauens und wälzen sich flächendeckend in der Bildsprache des Ekels. Hier ist ein kleiner Minuspunkt zu verzeichnen. Denn auch wenn ich die plastische Darstellung von exzessiver Gewalt als durchaus sinnvoll und dramaturgisch wirksam empfinde, denke ich dennoch, dass „Blutzeichen“ für das Gros der Leserschaft eine deutliche Spur zu heftig ist. Denn „Blutzeichen“ ist ein Paradebeispiel für literarische Grausamkeit und Brutalität in Wort und Schrift.

Wer einen starken Magen hat, nachts gut schlafen kann und mal wieder Bock auf eine wirklich deftige Thriller-Schlachtplatte hat, sollte die paar Kröten auf jeden Fall ausgeben und sich in eine Parallelwelt des Grauens schießen lassen, der man am besten in einem Lesemarathon am Stück erliegt. Ein Tipp noch am Rande: Kauft euch auch gleich noch den Erstling „Bruderherz“. Selbiges werde ich jetzt jedenfalls auch tun!

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Pinternagel, Stefan T. – Fragmente

Stefan T. Pinternagel, den Namen wird man sich merken müssen. „Fragmente“, seine ultimative Huldigung an die Abgründe der menschlichen Seele, ist das bei weitem bewegendste und beängstigendste Buch, das ich seit langem in die Finger bekommen habe. Zweiunddreißig Kapitel enthält dieses Kleinod der Gewalt, in dem der Erzähler durch seine tägliche Arbeit führt. Diese besteht zum größten Teil aus der Säuberung der Menschheit, durch des Erzählers – er nennt sich selbst den „Holiday-Killer“ – Hand. Es zeigt sich bereits in der Einleitung des Buches, dass dieser Schinken nichts für Zartbesaitete werden wird. Mit eiskaltem Gemüt berichtet der Killer über sein Treiben, seine Motivation, die anonyme Masse der alltäglichen Menschenflut zu durchdringen, einzelne, frei Erwählte darunter zu kennzeichnen, um dann schlussendlich seine gnadenlose Jagd zu einem befriedigendem Abschluss zu bringen. Allein die Einleitung lässt uns ob der seelischen Erstarrtheit und des Rechtsempfindens des fiktiven Erzählers frösteln und ein Buch erwarten, das im besten „Natural Born Killers“-Stil von der Lust am Töten erzählt, der Motivation zu reinigen.

Pinternagel versetzt sich erschreckend tief in diese Seele hinein und legt die Taten des „Holiday-Killers“ in der krassesten Bildsprache dar. Zermalmte Knochen, platzende Augäpfel, quellende Eingeweide, Erniedrigung bis hin zu Vergewaltigung, Blut, Ekel, Erbrochenes und Menschen, die sich in der grüngelben Pampe züngeln. Wer meint, er hätte bereits seinen Meister in Sachen literarischer Härte gefunden, wird nun eines Besseren belehrt.
Das Brutalste an dem Buch ist dennoch sicherlich, dass der Killer aus der Ich-Perspektive erzählt und so seine Taten und vor allem seine abstrakte Motivation erschreckend greifbar werden. Die Bilder schießen einem zwangsläufig durch den Kopf und was man sieht, lässt den Leser in einem Strudel gänsehäutigen Ekels erstarren.
Der Killer schlägt erzählerische Haken, vergleicht seine „Arbeiten“ mit denen seiner großen Vorbilder, den größten Serienkillern aller Zeiten, denen er in charmanter Art und Weise kleine Kapitelchen widmet.

Der Stolz, mit dem er über tausend seiner Morde berichtet, bildet die Grundlage dieses Buches, das lose von einer Rahmenhandlung, oder besser, von den beiden Hauptfiguren Jutta und Hans-Peter, einem deutschen Pärchen, zusammengehalten wird. Diese beiden sind eigentlich null wichtig, agieren als praktische Anschauungsobjekte der Handlungen und werden gerade aufgrund ihrer Normalität und Anonymität zu Opfern wie es auch du und ich hätten sein können. Ziellos erwählt, hat es diesmal die beiden getroffen. Doch der Killer lässt keine Seite aus, daran zu erinnern, dass es das nächste Mal auch dich treffen könnte.

Der Killer ist, wie auch häufig in der grausamen Realität, charmant, ein Nobody, gesichts- und konturlos. Er passt sich dem an, was er am meisten hasst und kann so unenttarnt seiner Arbeit nachgehen. Er verschwindet in der breiten Masse, indem er zu einem Teil von ihr wird und sich gibt, wie sich vertrauenswürdige Menschen geben sollten. Vertrauen ist ihm ins Gesicht geschrieben, auch wenn man nur zu schnell merkt, dass man mit seiner Einschätzung merklich auf dem Holzweg war.

„Fragmente“ zeichnet ein einzigartiges Psychogramm, dessen Umsetzung dem Autor selber einige schlaflose Nächte bereitet haben dürfte. Denn so abgründig, wie sich Pinternagel in die kranke Psyche seines „Helden“ hineinversetzt, könnte man glatt meinen, er hätte einen Tatsachenbericht geschrieben.

Bei aller Perversion, aller Brutalität und allem negierten Rechtsverständnis, die es zweifellos in der Welt gibt, bleibt festzuhalten, dass Pinternagels „Fragmente“ eben nicht dieser Tatsachenbericht ist, sondern eine fragile, psychisch fordernde, fiktive Auseinandersetzung mit dem Wesen eines Monstrums. Die hohe Kunst des Buches ist der Brückenschlag zur Realität, die flächendeckend auf den Seiten mitschwingt. Denn trotz aller Fiktion sieht man ähnliche Geschichten der Perversion, medienwirksam aufbereitet, allabendlich in der Tagesschau.

Herr Pinternagel, ganz großes Kino! An all diejenigen, die sich nicht an Psychothrillern und Psychogrammen satt lesen können: Holt euch „Fragmente“, ihr werdet dieses Buch so schnell nicht vergessen können. Extraklasse!!!

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Wall, Mick – IRON MAIDEN – Run To The Hills

„Run To The Hills“ ist der heilige Gral für jeden MAIDEN-Fan, das verspreche ich an dieser Stelle! Das definitive Werk über eine Band, die für sich beanspruchen kann, Generationen der Metalmusik beeinflusst zu haben. Nicht immer war dabei Sonnenschein angesagt und nicht selten stand die Band vor dem definitiven Zusammenbruch. Doch immer wieder sind die Engländer wie Phönix aus der Asche auferstanden, um der Szene neue Impulse zu geben.

„Run To The Hills“ baut verdammt intelligent die Geschichte von Harris und Co. mit der Vorstellung der einzelnen Bandmitglieder auf. So umfasst die Storyline der ersten zwei Alben ein näheres Eingehen auf die Personen Stratton, Harris, Di Anno, Burr und Birch, zieht sich die Geschichte, angefangen bei „Number Of The Beast“, Dickinson und Smith weiter zu „Seventh Son Of A Seventh Son“, um mit den nachfolgenden Scheibletten Gers und Bayley ins Rampenlicht zu stellen. Nichts wird dabei beschönigt, Ehrlichkeit steht an oberster Stelle. So kann man sämtliche Bandmitgleider mit Statements zu den Splits ertappen, die einem teilweise fast die Tränen in die Augen treiben. So zum Beispiel Adrians Ausstieg nach der „Seventh Son Tour“, begleitet von einer inneren Zerrissenheit, Zukunftsangst und dem Gefühl, das vielleicht Falsche getan zu haben.

Keine Frage, „Run To The Hills“ ist das bislang schonungsloseste Werk über diese Band. Doch wird zumindest mir im Verlauf des Buches klar, um welch sympathischen Haufen es sich eigentlich handelt. Kerle, die sich im Grunde genommen lieben wie Familienmitglieder und die eine angespannte Atmosphäre, in der auch mal ordentlich die Fetzen fliegen und Egos zertreten werden, benötigen, um Höchstleistungen zu erbringen. Desweiteren wird einem die Firma MAIDEN als perfekt funktionierende Geldmaschinerie vorgestellt. Etwas, was der Band heutzutage häufig vorgeworfen wird, was aber im Grunde genommen auf einem knallharten Jahrzehnt voller Entbehrungen fußt, um den Bandmitgliedern ein sorgenfreies Leben zu bescheren. Man mag darüber denken, wie man will. Zumindest mir hat es aber die Sprache verschlagen, als ich von den Mammutkreuzzügen der Band in den Achtzigern las, die kein bisschen Raum mehr für Familie, Freunde und Sonstiges ließ. Der harten Arbeit Lohn ist der Status der heutigen MAIDEN, die sich meiner Meinung nach verdient auf ihren Lorbeeren ausruhen können.

Die Bayley-Ära wird zudem gesondert unter die Lupe genommen. Die Gründe für die stilistische Ausrichtung des progressiven und mächtig düsteren Bayley-Erstlings „The X-Factor“, die Kurskorrektur beim Nachfolger sowie der unvermeidbare Rauswurf des ehemaligen WOLFSBANE-Sängers und dessen Hintergründe. Am Ende befasst sich der Autor natürlich mit der triumphalen Rückkehr MAIDENs in der Quasi-Urbesetzung, deckt aber auch die Komplikationen der Reunion auf. Wieder einmal merkt man, wie sehr die Band aneinander hängt, obwohl sie doch so grundverschiedene Charaktere in sich birgt, die nur in dieser zwischenmenschlichen Chemie zur wahren Glanzleistungen fähig ist.

Die Übersetzung von Klaas Ilse ist perfekt, orthographisch stimmt ebenfalls alles. Garniert mit einigen Fotos aus allen Schaffensphasen, ist zumindest für mich „Run To The Hills“ das A und O in Sachen [IRON MAIDEN.]http://de.wikipedia.org/wiki/Iron__Maiden

Lancester, Peter – Unterm Doppelmond (Die Chroniken der Anderwelten 2)

Eva, Otto und Friedrich begeben sich unter der Leitung Anders in Richtung Unterhessen, dem sagenumwobenen Land unterhalb der Erdschicht. Die Reise gerät nicht ungefährlich, da überall nicht gerade wohlgesonnene Charaktere in den dunklen Winkeln Unterhessens warten. Auch der Empfang gerät alles andere als herzlich. Für den verletzten Friedrich endet die Reise im Kerker, Eva und Otto sehen sich dahinvegetierend, ohne Habe und Dach über dem Kopf, auf der Straße wieder. Durch Unwissenheit über die Gesetze Unterhessens befinden sich auch Eva und Otto alsbald in einem saftigen Konflikt mit der Legislative des Landes. Ander kann den beiden gerade noch aus der Patsche helfen. Allerdings war es nicht das letzte Mal, dass sich kaum lösbare Probleme vor unseren Helden auftürmen …

Auch im zweiten Teil des „Chroniken der Anderwelten“-Zyklus werden die Protagonisten durch allerhand Abenteuer gescheucht. Dennoch wird der schnelle Erzählstil des [ersten Bandes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1507 gerade in der ersten Hälfte des zweiten Buchs etwas gedrosselt, in der die Gesetzeskonflikte auftreten und in der viel vor Gericht gestritten und geurteilt wird. Etwa ab der Mitte nimmt das Buch aber wieder ordentlich Fahrt auf, zieht den Spannungsbogen wie schon im ersten Band unbarmherzig an und mischt allerlei Stilelemente, von Horror über Grusel und Fantasy, zu einem stimmigen Gebräu, das die Traumthemen nach dem Einschlafen angenehm beeinflussen sollte.

Das größte Plus an Lancesters Werk ist und bleibt die Bildgewalt der Landschaften, die sich als fremde, dennoch wunderschöne Welten aus dem Nichts vor dem geistigen Auge erheben. Eine kleine Parallele sehe ich hier zu George Lucas‘ „Star Wars“-Filmen, in denen des Öfteren neue, skurrile und liebevoll gezeichnete Welten erschaffen wurden. Ähnlich gekonnt beschreibt Lancester sein Land, seine Schöpfung, die zu nicht geringem Anteil auch durch Tolkiens Schaffen beeinflusst sein sollte (aber welche Fantasy ist das heute nicht?).

Lancester verliert sich zudem nicht einzig in der Phantasie, sonderen bindet, vor allem bei den Gesetzeskonflikten, sozialkritische Fragen mit ein. Letztendlich bietet „Unterm Doppelmond“ einmal mehr spannende Unterhaltung und eine Welt, die jeder lieben wird. Man hat keine andere Möglichkeit, als gierig Seite um Seite zu verschlingen, um unsere Helden in Sicherheit zu wissen. Eine Sicherheit, die trügerisch und damit doch wieder unsicher ist. Gerade dieser Umstand gerät als wirklich quälend, denn irgendwann muss man den Roman ja mal auf die Seite legen.

Orthographisch einwandfrei zu Papier gebracht, überzeugen auch dieses Mal zudem das treffende Cover, die Schriftgröße und die Aufmachung des Buches. Lasst euch also nach Unterhessen entführen, ein Land, in dem nichts ist wie es scheint, in dem in jeder Ecke große Überraschungen warten und das im Leserhirn wie ein großer bunter Luftballon explodiert. Menschen, die mit „Herr der Ringe“ und „Krieg der Sterne“ klar kommen und denen auch ein Stück Horror und Grusel nichts ausmacht, dürften mit den „Anderwelten“-Büchern bestens unterhalten werden. Band drei kommt übrigens Ende des Jahres, die weiteren im Halbjahresrhythmus. Kaufen, es lohnt sich!

Lancaster, Peter – blaue Portal, Das (Die Chroniken der Anderwelten 1)

Eva, fünfzehn Jahre alt und mit ihren Eltern und ihrem Onkel Friedrich in einer Burg in Hessen lebend, hat ein verdammt zukunftsweisendes Aufeinandertreffen im Keller, als sie ihrem dem Alkohol verfallenen Onkel neuen Stoff für die Sinne holen will. Hinter einem Regal kommen kleine, sprechende, menschenähnliche Pferde hervor, die einem Portal in eine andere Welt entsprungen sind. Dort werden sie von den beheimateten Kreaturen als eine Art Sklaven gehalten.
Nach langer Flucht, bei der einige der Pferde ihr Leben lassen mussten, erreichen sie das bläulich schimmernde Portal über eine ellenlange Treppe, die schließlich in den Keller der Burg führt.
Nachdem sich die zwei Parteien zunächst nicht wohlgesonnen sind, kehren nach einiger Zeit Ruhe und Vertrauen im Umgang der ungleichen Schlossbewohner ein. Bis sich das Portal erneut öffnet und zum zweiten Mal Besucher anklopfen. Und die haben nichts Freundliches im Sinn …

Es folgt eine genreübergreifende Story, die jugendtaugliche Literatur über Phantastik bis hin zu Horror umfasst und auch vor geschichtsrecherchierten Fakten nicht zurückschreckt. Leider verzettelt sich der Autor (Peter Lancester; zugleich Chef des |Eldur|-Verlags) manchmal in zu vielen Querverweisen, Zeitsprüngen, Fußnoten und Charakterzeichnungen. Man muss aber sagen, dass es Lancester gelungen ist, liebevolle Typen auf seinen Seiten zu erschaffen, die abseits vom leidigen Heldenstatus als eher kauzige und unbedarfte Charaktere ihrer wahren Größe entgegensteuern.

„Das blaue Portal“ ist ein überwiegend locker zu lesendes Buch, das hier und da mal etwas verwirrend in den Zeiten umherspringt. Man muss aber dazu sagen, dass der Roman der erste Teil von insgesamt fünf Büchern ist. Somit werden noch viele Fragen in den folgenden Bänden aufzulösen sein und Lancester wäre schön blöd, würde er sein komplettes Pulver schon zu Beginn verschießen.

Ein Publikum für diese fremde Welt zu empfehlen, fällt mir etwas schwer, da für jüngere Leute die teilweise explizit derbe Gewalt doch eine Nummer zu heftig sein dürfte. Lassen wir also die Kleinsten mal weg und fangen bei gesetzteren Jugendlichen an, die man aufgrund der medialen Alltagsgewalt sowieso durch nichts mehr schocken kann. Wer sich vom Stress des täglichen Lebens erholen will und seine Gedanken in eine andere Welt transportieren lassen möchte, ist bei Peter Lancester bestens aufgehoben.

Die Aufmachung und der Druck des Buches sind, typisch für den |Eldur|-Verlag, professionell gestaltet und ansprechend. Die Schriftgröße ist für ein Taschenbuch perfekt gewählt und verhilft trotz der Größe des Romans nicht zu blutenden Augen.
Summa summarum freue ich mich bereits auf die restlichen Teile, bleiben doch so viele Fragen offen, die Lust auf ein tieferes Eintauchen ins blaue Portal machen. The show must go on …

|Nachtrag d. Ed.: Der Roman wurde für den Deutschen Phantastik-Preis 2005 nominiert. Es handelt sich um einen Leserpreis, zu dem jeder mit seiner Stimme beitragen kann. Zum Abstimmungsformular geht es hier entlang: http://www.foltom.de/phden05.html.|

Fried, Hel / Lancaster, Peter / Ninge, Joel E. / Först, Lukas / M., Manuel / Uffer, Matthias – Fleisch … und andere Appetitverderber

Leute, Kurzgeschichten sind einfach etwas Feines! Wenn sie von einem guten Autor ersponnen und verbrochen wurden, schaffen sie es in aller Kürze, den Leser zu fesseln und ihn in eine Parallelwelt zu entführen, in die man mal so zwischendurch entfliehen kann. In der Pause auf der Arbeit, beim Thronen auf der Schüssel oder zwischen den einzelnen Sexetappen. Solche Bücher zehre ich, sofern sie entsprechend gut geschrieben wurden, gern unter Volldampf in mich hinein, so dass es auch kein Wunder war, dass ich „Fleisch … und andere Appetitverderber“, eine Shortstory-Compilation des |Eldur|-Verlags, in null Komma nix verdaut hatte.

Siebzehn Geschichten von zehn verschiedenen Autoren, voller Leichenflederei, Sex, Gewalt, Tod, Blut und viel Gedärm; hier wird einem die fette Schlachtplatte |in personae| serviert. Herausragend im eigentlichen Sinne ist bei dieser Sammlung keine Story so recht, da sie alle auf einem ähnlich hohen Niveau kompetent verfasst wurden. Lediglich im Spannungsaufbau und letztendlich im Ekelfaktor stechen einige bestialisch hervor. So zum Beispiel „Der Messi“ von Salem Stoke, der von einem etwas unreinlichen Sammler allen Schrotts erzählt, der in seiner Wohnung aber auch Gütertrennung betreibt. Auch wenn ich dies im Falle von eigentlich zusammengehörigen Gliedmaßen reichlich merkwürdig finde.
Ein weiteres Highlight absoluten Ekels stellt „Das Bad“ dar, in dem der Protagonist für 30.000 Euro in einer Wanne umherschwimmen muss. Genauer gesagt, handelt es sich bei dieser Wanne jedoch um eine Kläranlage, was die Sache schon etwas erschwert und es dem Leser auch wirklich schwierig macht, seine Magensäfte bei sich zu behalten. ‚Widerlich und pervers‘ ist die treffende Umschreibung, doch ’spaßig und köstlich‘ passt in meinen Augen ebenso gut dazu.
Ein Sahnehäubchen des Sex-Gore stellt besonders die Titelgeschichte dar, in der man in der nahen Zukunft menschliches Fleisch für die oralen Bedürfnisse kaufen kann. Ein leicht verschrobenes Pärchen stellt aber noch bizarrere Dinge mit den Klumpen an. Als ob fressen nicht schon reichen würde …

Ich will und muss, denke ich, nicht jede Geschichte im Einzelnen auflisten, da sie sich in ihren Stilistiken sehr homogen zusammenfügen und sich im Schreib- und Lesefluss nicht großartig brechen. Mal werden Psychogramme kranker Seelen gezeichnet („Amputation“, „Ein Schmerz lang glücklich“, „Aeternitas“) und mal gehen die Storys deutlich ins Phantastische („Heinrichs Abendmahl“, „The Love Craft“). All diesen Geschichten ist aber definitiv der extreme Gorefaktor gemein, der manch einem Warmduscher die Kinnlade entgleisen lassen sollte.
Ich für meinen Teil hatte einhundertneunzig Seiten, die sich lesen wie ein paar geile Comics und runtergehen wie reines Olivenöl, puren Spaß.

Das ist nun einmal der Vorteil bei Kurzgeschichten: Die Autoren müssen sich nicht erst großartig Gedanken über einen komplexen Storyaufbau und ausführliche Charakterzeichnungen machen. Compuffter an und uff die Mutti! Genau so liest sich das Material auch.
Also wünsche ich viel Spaß und einen ordentlich fetten Happen verdorbenen Fleisches. Lasst es euch gut munden …

Sträter, Torsten – Postkarten aus der Dunkelheit (Jacks Gutenachtgeschichten 2)

„Postkarten aus der Dunkelheit“ ist Teil zwei der Kurzgeschichtensammlung aus der Feder Torsten Sträters, dessen erster Teil [„Hämoglobin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1416 im Jahre 2004 sensationelle Kritiken einheimsen konnte. Nun, was soll ich sagen? Teil eins fand ich schon sehr gelungen, aber stellenweise zu wenig im Bereich der Phantastik angesiedelt. Als hätte mich Herr Sträter in meinem Klagen erhört, erhöht er sogleich den Phantastikfaktor und hämmert einem zwölf ultraextreme Prosamonster vor die Birne, die in ihrer schreiberischen Bildgewalt in Deutschland ihresgleichen suchen. Man nehme als Beispiel die Geschichte ‚Heiliger Krieg: Einer muss es ja machen‘, bei der der Vatikan sich mit Hilfe freiwilliger, heiliger Krieger zum großen Schlagabtausch mit dem Bösen aufmacht. So schlicht sich dieses Grundgerüst auch anhören mag, so deftig heftig explodieren die Worte im Leserkopf. Man kann fast nicht anders und verschluckt Geschichte für Geschichte, in meinem Fall in nur knapp drei Stunden.

Wieder einmal balanciert Sträter seine Storys gut aus, hängt seicht gifttriefende, beißend ironische Geschichten und pure Splatterorgien hintereinander und bekommt so eine exzellent ausgewogene Mischung aus Grusel und purem Horror hin, die von der ersten Seite an fesseln kann. Ob da jetzt Geisterbahnwärter ihre Aufgabe etwas zu genau nehmen oder Luzifer höchstpersönlich in den Berliner Bunkern von zwei ahnungslosen Polizisten erweckt wird, ein Geist in einer Achterbahn verzweifelt darauf wartet, dass sich jemand das Genick bricht, damit ihm seine Seele fortan Gesellschaft leisten kann oder der klassische Serienmörder in ‚Der Kasper will kein Snickers‘ seine Huldigung erfährt – Sträter erweist sich als wahrer Künstler auf der Klaviatur des Grauens. Dabei fliegen einem die Knochenfetzen und Gewebestreifen recht blutig aus den Seiten entgegen, wenn Herr Sträter mit seinem Schreibstil richtig ausholt. Teilweise geht das schon ziemlich weit über meine Definition von Ekelgrenze hinaus, und die liegt bei mir weiß Gott nicht gerade niedrig.

Wer mit dem extrem bildgewaltigen Stil von Torsten Sträter klarkommt und auch mit bärbeißigem und pechschwarzem Humor leben kann, der sollte „Postkarten aus der Dunkelheit“ auf jeden Fall klemmen. Im Vergleich zum Erstling „Hämoglobin“ ist Band zwei eine weitere, einhundertprozentige Steigerung und ich wage es jetzt einmal ganz forsch, Torsten Sträter als den neuen deutschen |king of horror| zu bezeichnen. Für alle Horrorfans ist definitives Zugreifen angesagt.

Torsten Sträter- Hämoglobin (Jacks Gutenachtgeschichten 1)

Irgendwie ist Torsten Sträter ein kleines Phänomen, seines Zeichens Autor der beiden Kurzgeschichtensammlungen „Hämoglobin“ und „Postkarten aus der Dunkelheit“. Er ist deshalb ein Phänomen, weil er es blind schafft, in kürzester Zeit Schreckensszenarien ungeahnten Ausmaßes zu erschaffen und diese entweder zum guten oder auch zum bitteren Ende hin mit beißender Ironie und jeder Menge pechschwarzen Humors aufzulösen. Sträter holt sich dabei viele Ideen aus zeitgenössischer wie auch klassischer Zelluloidware, zieht sich aber auch Grundgerüste seiner Storys aus dem banalen Alltag. So ist zum Beispiel seine Geschichte ‚Mr. Daniels und ich an der Tankstelle der lebenden Toten‘ eine beißende Parabel auf die heutige Konsumgesellschaft und das Problem des Menschen, als Funktionsobjekt seinen täglichen Gang antreten zu müssen. Auf der anderen Seite steht mit ‚Der Mitbewohner‘ eine klassische Werwolfstory oder mit ‚Der Geruch von Blau‘ eine Geschichte, die dem Vampir sein unsterbliches und grauenvolles Gesicht zurückgibt. Der Protagonist in ‚Jägerlatein‘ gewährt einen kurzen Einblick in seine kranke, dem Wahnsinn verfallenen Psyche.

Anders als in seinem zweiten Band, begibt sich Sträter mit „Hämoglobin“ noch nicht so stark auf die phantastische Seite, sondern verwurzelt seine Kurzgeschichten überwiegend im Hier und Jetzt. Dabei forciert Sträter Kindheitsängste, wie die Angst vor der Dunkelheit oder die Verlustangst, bis ins Endlose und zieht meist sehr unterschwellig, aber letztendlich unaufhaltsam die dramaturgische Schlinge um den Leserhals zu. Die Auflösungen der Storys sind eigentlich immer sehr ironisch und tiefschwarz, wobei sich jeder Zyniker bei Sträter auf der sicheren Seite fühlen dürfte.

Hinzu kommt Sträters in meinen Augen unverwechselbarer Schreibstil, zu dem selbst der Begriff „blumig“ als Umschreibung mehr als untertrieben scheint. Wenn Herr Sträter so richtig loslegt und seine lyrischen Ergüsse durch Splatterfelder und Knochengebirge jagt, könnte Zartbesaiteten schon mal die Magensäure retour aus dem Hals quellen. Liebhaber klassischer Gruselkost sollten also die Finger von Torsten Sträter lassen. „Hämoglobin“ beherbergt zehn hundertprozentige Horrorstorys mit dem Blutgehalt einer Schlachtbank. Dabei werden einem die Bilder durch den hammerharten Schreibstil fast manifest im Kopf geparkt. Mann, was würde ich gerne mal die Verfilmung einer Sträter-Geschichte in der Flimmerkiste sehen! Das geht ganz sicher ab wie Schmitts Katz‘. Allerdings benötigte man dann einen Regisseur, der die leichenfledderige Ironie eins-zu-eins auf sein Medium übertragen könnte. Und da fällt mir leider Gottes kein einziger ein.

Lange Rede, gar kein Sinn: „Hämoglobin“ ist Horror, Spaß, Witz, Ekel und Gore im Überfluss. Zehn fremde Welten, die sich kurz und knapp vor dem geistigen Auge erschließen und einem das Grauen in seiner derbsten Form vorführen. Wer sich auf den sehr eigenen Witz von Torsten Sträter einlassen kann, wird an seiner horriblen Kost sicherlich mehrfach satt werden.
Da sehe ich auch gerne mal über die orthographischen und grammatikalischen Schnitzer hinweg, die mehr als nur einmal auf den Seiten verewigt sind.

Taschenbuch: 184 Seiten

Wehrli, Reto – Verteufelter Heavy Metal (Erweiterte Neuausgabe)

Reto Wehrli hat sich nunmehr mit der überarbeiteten Zweitausgabe seines Buches [„Verteufelter Heavy Metal“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=126 selbst übertroffen und sich ein eigenes Denkmal gesetzt. Über 700 Seiten voll akribischer Recherchenarbeit, die in ebenso sorgfältig formulierten Thesen zu Ende gedacht werden. Reto Wehrli legt definitiv kein dröges Sachbuch vor, sondern eine umfassende Aufbereitung des Zeitalters der harten Musik, beginnend im Blues und endend in den Brachialgenres der gegenwärtigen Zeitgeschichte.

_Der Autor:_

Reto Wehrli, lizenzierter Experte der Allgemeinen Psychologie, begann sich bereits sehr früh, Mitte der Achtzigerjahre, mit der Materie der aufbrausenden Metalszene zu beschäftigen. Obwohl er selbst von sich behauptet, kein Metalfan zu sein, oder zumindest einer, der in der Entwicklung der Szene Ende der Siebziger / Anfang der Achtziger stehen blieb, verfolgte er dennoch die Verwurzelungen und Verselbstständigungen der Szene beziehungsweise ihrer Subgenres mit großem Interesse. Seit jener Zeit wartete der Autor nur darauf, dass irgendjemand eine wissenschaftliche Aufbereitung des Themas auf den Markt bringt. Doch die Zeit verstrich und nichts passierte. Also ging Wehrli seinen akademischen Weg und nahm nach Aneignung der wissenschaftlichen Konzepte und Mittel die Sache selbst in die Hand. Ergebnis war das im August 2001 veröffentlichte Sachbuch „Verteufelter Heavy Metal“, das allerorts gute bis überschwängliche Kritiken einheimsen konnte. Bereits Monate vor der eigentlichen Zeitplanung war die Erstausgabe restlos vergriffen, wodurch sich Wehrli nach Rücksprache mit seinem Verleger an eine tiefreichend überarbeitete Version des Erstlings machte.

_Die Struktur:_

Alles hat seinen Anfang, so auch die Musikrichtung, die wir alle so inständig lieben. Wehrli strukturiert sein Werk „Verteufelter Heavy Metal“ eng nach der Zeitgeschichte des harten Rock. Dabei werden die begründenden Genres wie der Blues mit in die Entstehungsgeschichte einbezogen, die sich fortlaufend als Selbstgänger erweisen sollte. Wehrli arbeitet im ersten Drittel detailliert die Motivation der Szene auf, die die Entwicklung einer solchen global minderheitlichen Subkultur überhaupt erst ermöglichte. Dabei werden die wichtigsten Eckpfeiler und Daten des Genres genau unter die Lupe genommen, zu denen mit Sicherheit die Bandgründung von BLACK SABBATH, die NWoBHM (New Wave of British Heavy Metal) oder die Kirchenbrände in Norwegen Anfang der Neunzigerjahre gehören.

In diesem Zusammenhang lässt Wehrli die Botschaften der Künstler, wie auch die oftmals von Kritikern hineininterpretierten Botschaften nicht unbeachtet. Vielmehr geht er sehr tief reichend auf diesen doch eklatant bedeutsamen Aspekt der Heavy-Metal-Geschichte ein. Zensur wird zu einem großen Thema und die konservative Opposition gegen die Metalströmung zu einem Schwerpunkt des Buches. Katholische Traditionalisten, evangelische Fundamentalisten, Zeugen Jehovas, aber auch die Apostel bundesdeutscher Sittenwächter werden aufgrund ihrer oftmals – peinlicherweise für sie auch hinreichend belegten – ignoranten Haltung gegenüber einer Popkultur mit umfassenden Kapiteln bedacht. Dabei kommen auch die bedauernswerten Beispiele des Heavy Metal – wie die thüringische (pseudosatanistische – die Band ABSURD) und norwegische Strömung (die Kirchenbrände) der beginnenden Neunzigerjahre – zum Tragen, die fernab allen plakativ zur Schau getragenen Okkultismushangs, der Musik eine neue, schädigende Seite hinzufügten. Somit spannt Wehrli seinen Bogen von den BEATLES und dem mit ihnen verbundenen Aufkeimen des Rock ’n‘ Roll bis hin zum NS-Black-Metal und beleuchtet dabei nicht nur spektakuläre, juristisch belegbare Oberflächenprozesse, sondern auch Präzensur durch die Aufsichtsgremien der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten.

Dem Thema „sublime Botschaften“ und „backward masking“ (Einbau rückwärts abgespielter Sprechtexte in Rocksongs) widmet Wehrli ein komplettes Kapitel und gibt einen kurzen Überblick über die wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen, die es zu dem Thema gibt. Einen sehr spannenden Bereich bearbeitet Wehrli im anschließenden Teil seines Werkes, der Auseinandersetzung mit den bisher erschienen Lektüren wider den Heavy Metal. Gnadenlos und teilweise augenzwinkernd deckt der Schweizer Fehler der jeweiligen Autoren auf, die manchmal sogar zur Verbreitung irgendwelcher Albenklappen- oder Bookletttexte führten, die weltweit überhaupt nicht existieren. An dieser Stelle sei nicht zu viel erwähnt. Es entbehrt aber nicht einer gewissen Heiterkeit, wie die teils hanebüchenen Aussagen der federführenden Wortgeber der jeweiligen Antigruppierungen geschichtlich belegbar demontiert und entblößt werden.

Der Ansatz des Sittenschutzes nebst Falldarstellungen und die damit einhergehende Zensurthematik bildet einen weiteren Schwerpunkt. Zunächst geht Wehrli die Problematik anhand einiger globalen Beispiele an und vertieft diesen Aspekt dann in gezielt ausgewählten Fällen, die Zusammenhänge zwischen Heavy Metal, Sex, Gewalt und Satanismus suggerieren. Er arbeitet dabei flächendeckend, bedenkt solch unterschiedliche Künstler wie JERRY LEE LEWIS, IRON MAIDEN oder SLAYER wertfrei, jedoch nicht, ohne vielerorts auf die Unlogik der jeweiligen Zensuransätze hinzuweisen.

Wehrli beschränkt seine Recherchen dabei nicht auf einen bestimmten Kontinent, sondern widmet eine besonders ausgiebige Besprechung dem europäischen Markt und dessen schwermetallischen Aushängeschildern. So werden natürlich, aber nicht ausschließlich, plakative Schockbands wie ROCKBITCH oder BELPHEGOR unter die Lupe genommen. Wehrli widmet sich schlussendlich auch polarisierenden Künstlern wie zum Beispiel ROBBIE WILLIAMS, den FANTASTISCHEN VIER oder RAMMSTEIN, die nur wenig oder gar nichts mit Heavy Metal zu tun haben.

_Fazit:_

Es ist wirklich kein leichtes Unterfangen, die schreiberische und recherchierte Dichte dieses Werkes umfassend darzustellen. Reto Wehrlis „Verteufelter Heavy Metal“ ist mit Sicherheit nicht nur die ausgiebigste Auseinandersetzung mit dem Thema Heavy Metal, sondern auch die weitreichendste Argumentationshilfe für all diejenigen, die sich manchmal mit den stereotypen Vorwürfen jedweder Sittenwächter konfrontiert sehen. Wehrli arbeitet die einzelnen Fallbesprechungen umfassend auf, setzt die Denkansätze des vordergründig wertfreien Jugendschutzes in Verbindung mit den Resultaten der jeweiligen Rechtsprechung und deckt dabei mehr als einmal unlogische und unpassende Handlungen internationalen Rechts auf. Desweiteren ergänzt der Autor seine immens erfolgreiche Erstauflage mit kulturwissenschaftlichen Querbezügen, bei denen sich vor allem der Schwerpunkt Japan als sehr interessant herausstellt, schlägt Brücken zu anderen Medien und wirft dabei auch weit reichende Blicke auf Splattermovies und japanische Mangas.

Zudem verwendet Wehrli zahlreiche Fotographien und Lyrics, die im direkten Zusammenhang mit den jeweiligen Themenschwerpunkten aufgearbeitet werden. Abgerundet wird das Werk durch eine Diskographie der im Buch genannten Bands.

Es bleibt am Ende ein rundum gelungenes Werk, das hoch informativ die Geschichte des Heavy Metal aufarbeitet und sich liebevoll detailgetreu mit ihr auseinandersetzt. „Verteufelter Heavy Metal“ ist die Grundlage und das definitive Standardwerk zum Thema Musikzensur.

Das Beste an Wehrlis Buch ist aber die Aussicht, dass der Autor auch weiterhin am Ball bleiben wird, um das Thema Heavy Metal noch intensiver auszuleuchten. Man merkt ihm regelrecht an, dass er sich in das Metier hineingefressen hat. Somit haben alle Fans dieser Musikrichtung wenigstens einen Wortführer, der sich würdig mit der Materie beschäftigt. Doch eines sollte der Schweizer wohl besser unterlassen: Die Seitenzahl wie bei der jetzigen Neuauflage (fast) verdoppeln. Bei 1400 müsste nämlich auch ich an den Grenzen der Aufnahmefähigkeit die Segel streichen …

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