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Winkler, Dieter – magische Reich, Das (Wolfgang Hohlbeins Enwor – Neue Abenteuer 1)

Mit „Das magische Reich“ hat Piper eine weitere Fortsetzung zu Wolfgang Hohlbeins Enwor-Zyklus veröffentlicht. Die Enwor-Welt ist ein gemeinsames Kind von Wolfgang Hohlbein und Dieter Winkler, wobei die eigentliche Schreibarbeit bisher hauptsächlich von Herrn Hohlbein geleistet wurde. „Das magische Reich“ ist der erste Band aus Herrn Winklers Feder.

Der junge Daart ist zusammen mit seiner Partnerin Carnac auf dem Weg nach Irapûano. Offiziell befinden sie sich auf ihrer Erweckungsreise, aber nebenbei haben sie auch noch einen dringlichen Auftrag: die Essenz des Lebens zu besorgen. Obwohl sie beide noch nicht geweiht sind, tragen sie echte Sternenstahlschwerter, ein Zeichen, wie dringlich die Mission ist. Denn Enwor droht im Chaos zu versinken, und die Satai verlieren mehr und mehr die Kontrolle.
Der Gnom, der die beiden unfertigen Krieger führen soll, scheint allerdings den Weg nicht zu kennen. Zusätzlich zu diesem Ärgernis sind sie kurz davor, in einen Schneesturm zu geraten. Dann stürzt Daart ab. Er überlebt, wacht aber zu seiner großen Überraschung mitten im Dschungel wieder auf. Der Führer ist noch da, offenbar an derselben Stelle abgestürzt, aber Carnac ist verschwunden. Daart macht sich auf die Suche und trifft dabei auf Irana, die von sich behauptet, zum Orden der Prophetinnen zu gehören. Ihre Anwesenheit an diesem Ort – und nicht nur die – wirft für Daart eine Menge Fragen auf, doch er kommt nicht dazu, sie zu stellen, denn sie werden angegriffen. Ihre halsbrecherische Flucht ist der Auftakt zu einem endlosen Verwirrspiel. Beide landen letztendlich in Nyingma, der Festung und Hauptstadt der Aralu, und in der Gewalt von Nubina, deren Herrscherin. Nubinas Macht beruht auf Schein und Täuschung, und schon bald weiß Daart nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Dabei kann er sich Zweifel überhaupt nicht leisten. Sein und Iranas Leben stehen auf dem Spiel und nebenbei auch noch das Schicksal von ganz Enwor, denn Nubina strebt nach Unsterblichkeit, nach der Essenz des Lebens, die sie durch Zelebrieren der Großen Zeremonie gewinnen will. Um jeden Preis müssen Daart und Irana die Durchführung dieser Zeremonie verhindern. Auf dem Weg dorthin begegnet Daart seinem schlimmsten Alptraum…

Der Hauptteil des Buches dreht sich um Daarts Kampf gegen Halluzinationen, Sinnestäuschungen und nicht greifbare Wahrnehmung. Nichts ist so, wie es scheint, alles wirkt verdreht, unwirklich und bizarr. Eine solche Welt lässt, zumindest bis zu einem gewissen Grad, etwas zu, was sonst nicht einmal in der Fantasy möglich wäre: das Aushebeln der Logik. Die Handlung ist vergleichbar mit einem Traum. Eine Person, die ursprünglich als Frau erschien, ist plötzlich ein Mann und dann wieder einen Frau; Tote leben wieder; Personen tauchen auf, sind plötzlich wieder verschwunden, um dann anderswo wieder aufzutauchen; und das alles nicht unbedingt in einem erkennbaren Zusammenhang. Das einzige, was von Anfang an klar ist, ist die Tatsache, dass den Sinnen an diesem Ort nicht zu trauen ist, am allerwenigsten den Augen. – Erzählt wird die Geschichte konsequent aus Daarts Sicht. Was mit den anderen geschieht, während sie voneinander getrennt sind, erfährt man also nicht. Man ist ganz auf die Sinne Daarts angewiesen, und Irana, die offenbar weiß, worum es bei all dem geht, beantwortet seine Fragen nur ausweichend und diffus. Dieser Umstand, zusammen mit der teilweise überstürzten Handlung, zwingt den Leser in dieselbe Verwirrung, die Daart empfindet. Das macht es ziemlich hautnah, allerdings bleibt durch eben diese aufgezwungene Verwirrung die Spannung auf der Strecke. Man ist als Leser viel zu sehr mit dem Versuch beschäftigt, Ordnung und einen gewissen Sinn in dieses Chaos zu bringen, um der Zuspitzung auf das Ende folgen zu können. – Für die Charaktere bleibt in diesem actionlastigen Wirrwarr nicht viel Raum. Daarts Person erhält als einzige ein wenig Profil durch die immer wieder einfließenden Erinnerungen, die sein Fühlen einigermaßen nachvollziehbar machen, andererseits geht durch sein verwirrtes Denkvermögen auch wieder einiges an Charakterzeichnung verloren. Von Nubina dagegen erfährt man überhaupt nichts, außer, dass sie offenbar größenwahnsinnig ist. Auch Harkon, der Führer und Gnom, bleibt ziemlich blass. Alle anderen vorkommenden Personen sind nur Randerscheinungen, wenn man so will eher Requisite als Darsteller.

So viel Freiheit ein Szenario wie das obige dem Autor auch bieten mag, es ist trotzdem nicht ganz ohne Tücken. Es besteht die Gefahr, dass der Autor selbst den Überblick verliert. Von einem Alptraum erwartet man nicht, dass er sich nach dem Aufwachen durch ein paar Antworten plötzlich erklären lässt, insofern spielt es keine Rolle, wenn man nicht erfährt, ob Nubin und Nubina nun eine oder zwei Personen waren. Aber manchmal gelten die Gesetze der Logik eben auch für einen Albtraum, und zwar dann, wenn das Geschehen nicht wirklich ein Traum ist, sondern nur albtraumähnliche Züge trägt. Die Grenzen zwischen Realität und Traum sind in „Das magische Reich“ größtenteils verwischt, das ist natürlich Absicht und im Großen und Ganzen auch gut gemacht. Aber es ist kein reiner Traum, wie sich am Ende herausstellt. Der Handlungsablauf muss sich also dem Anspruch stellen, in sich schlüssig zu sein, und das ist er nicht immer. Dass zum Beispiel jemand, der gemäß seiner eigenen Aussage die Kunst der Illusion selbst nur sehr unvollkommen beherrscht, tatsächlich in der Lage sein soll, einen Meister dieser Kunst damit zu täuschen, wie Irana es tat, kommt mir irgendwie unwahrscheinlich vor. Nun, dafür könnte man vielleicht eine Erklärung konstruieren. Ein zweiter Punkt ist, dass Zar`Toran, ein Magier, den Daart aus seiner Kindheit kennt, plötzlich wieder auftaucht, obwohl er eigentlich tot sein sollte. Vielleicht liegt der Schlüssel dazu im vorhergehenden Band. Der dritte und störendste Punkt aber ist die Frage: wozu eigentlich dieses ganze Theater? Laut Iranas Aussage dient alles, was Nubina mit Daart anstellt, nur dazu, seinen Willen zu brechen, um Informationen preis zu geben, die er nicht verraten darf. Tatsächlich will Nubina aber etwas ganz anderes von Daart, nämlich, dass er Irana für sie tötet, die eine Bedrohung für sie darstellt. Warum braucht sie Daart dafür? Sie hätte Irana mehrfach selbst ausschalten können und Daart gleich dazu, oder das von ihren Kriegern erledigen lassen können. Diese Tatsache lässt die gesamte Handlung aufgebläht, umständlich und überflüssig erscheinen, etwas, das ich auch schon bei anderen Hohlbein-Büchern festgestellt habe, und es wäre gut, wenn zumindest im nächsten Band dem Autor gute Gründe dafür einfallen. – Abgesehen von all dem muss ich sagen, irgendwie habe ich den Eindruck, dass einige Ideen auf fremdem Mist gewachsen sind. Dass die Landkarte von Enwor der des nordamerikanischen Kontinents verblüffend ähnelt, ist dabei das Geringste, sowas kennen wir bereits von Xanth. Gleichzeitig klingt aber der Name des Magiers Zar`Toran doch sehr nach Kal`Torak, dem finsteren Gott aus Eddings Elenium-Saga, und auch die Opferriten erinnern daran, auch wenn das Feuer hier einen stärkeren Einfluss hat als bei Eddings. Der Gezeitenwurm ist mir, wie ich meine, ebenfalls schon mal irgendwo begegnet.

Sprachlich gesehen ist das Buch ziemlich leicht zu lesen, wobei sich Winklers Sprach- und Erzählstil nicht sehr von Hohlbeins unterscheidet. Er schreibt etwas straffer und temporeicher, aber größere Unterschiede gibt es nicht, auch nicht in der Gewichtung von Handlung zu Personendarstellung. Negativ ist mir aufgefallen, dass es an manchen Stellen holpert. Häufig tauchen dieselben Formulierungen auf, Wörter kommen im selben Satz zweimal an unterschiedlichen Stellen vor, obwohl einmal genügen würde, und mancher Druckfehler macht durch fehlende Umlautpunkte aus einem Konjunktiv einen Indikativ. Ansonsten liest es sich flüssig.
Der Enwor-Zyklus umfasst insgesamt zwölf Bände, von denen ich allerdings nur den Neuesten gelesen habe. Normalerweise steigt niemand so weit hinten in einen solchen Zyklus ein – dass ich es getan habe, war reine Unwissenheit – , deshalb wurde verständlicherweise auf die Erklärung von Spezialwörtern der Enwor-Welt verzichtet, was es anfangs etwas mühsam machte. Auch einiges Vorwissen aus den vorigen Bänden fehlte mir, das für die Handlung an sich zwar nicht unabdingbar ist, aber im Hinblick auf das Gesamtbild der Enwor-Welt erwies sich dieser Mangel doch als Handikap. Ich empfehle deshalb jedem, der sich für diesen Zyklus interessiert, vorne anzufangen. Die ersten zehn Bände erzählen offenbar die Geschichte eines anderen Satai namens Skar, dessen Name auch in diesem Band genannt wird, der aber selbst nicht wirklich vorkommt. Mit Band Elf beginnt dann die Geschichte von Daart, die wohl auch Einzelheiten zu dem enthält, was man im neuesten Band durch seine Erinnerungen erfährt. Vielleicht vertieft das auch nochmal die Charakterzeichnung der Protagonisten, die mir bisher bei allen Hohlbein-Büchern – auch den in Kooperation geschriebenen – immer arg zu kurz gekommen ist, selbst wenn das Geschehen nicht so actionreich und hektisch war wie in „Das magische Reich“.

Für mich bedeutet diese zuletzt genannte Oberflächlichkeit in der Charakterzeichnung zusammen mit dem Punkt der grundlos umständlichen und damit unrealistischen Handlungsführung das k.o.-Kriterium für weitere Winkler- und Hohlbein-Bücher, obwohl in diesem Fall die Grundidee, die Verwirrung und Zerstörung der objektiven Wahrnehmung durch Illusion und Drogen und der dadurch bewirkte geistige Zusammenbruch eines Menschen ein durchaus interessantes Thema wären. Und da dieser Band mit seiner ausgefallenen Handlung wohl auch nicht repräsentativ für den restlichen Zyklus stehen dürfte, werde ich diesen nicht nachlesen. Pure Action liegt mir einfach nicht.

http://www.hohlbein.de/
http://www.dieter-winkler.de/

Marillier, Juliet – Kind der Stürme, Das (Sevenwaters 3)

Mit dem Band „Das Kind der Stürme“ schließt die neuseeländische Autorin Juliet Marillier ihre Sevenwaters-Trilogie ab. Nachdem in „Die Tochter der Wälder“ die junge Sorcha ihre Brüder aus der Gestalt der Schwäne erlöst und ihre Tochter Liadan in „Der Sohn der Schatten“ das Muster des Feenvolkes durchbrochen hat, erzählt der letzte Band nun die Geschichte des letzten Kampfes mit den Briten um die heiligen Inseln, diesmal aus der Sicht von Fainne.
Fainne ist in jeder Hinsicht ein besonderes Mädchen. Sie wächst allein mit ihrem Vater auf, an einem abgeschiedenen Ort vor der Küste von Kerry, genannt die Honigwabe: Ein Gewirr aus Höhlen, Klippen, Simsen und versteckten Stränden. Ein Ort, wo sich Himmel, Erde und Meer in vollkommener Harmonie berühren. Fainne hat keine Freunde unter den Kindern der dort lebenden Fischer. Sie ist anders. Nicht nur, weil sich seltsame Geschichten um ihre verstorbene Mutter ranken, von der man sagt, sie habe sich von den Klippen gestürzt. Nicht nur, weil sie einen verkrüppelten Fuß hat. Sondern vor allem, weil sie besondere Fähigkeiten hat, die ihr Vater mit Geduld und Behutsamkeit schult und ausbildet. Fainne ist eine Zauberin. Den einzigen Kontakt außer zu ihrem Vater hat sie zu Darragh, einem Jungen vom fahrenden Volk, das seine Sommer in der Nähe verbringt, um Ponys zu zähmen und zuzureiten, die dann auf dem Pferdemarkt verkauft werden. Fainne führt ein ruhiges, stilles Leben, geprägt vom Studium. Als ihr Vater ihr eines Tages eröffnet, sie müsste verreisen zu ihren Verwandten in Sevenwaters, ist sie sehr erstaunt. Aber er hält es für notwendig und überlässt sie deshalb für einige Monate der Obhut ihrer Großmutter. Die Großmutter ist eine grausame Lehrerin, und am Tag, als Fainne abreist, eröffnet sie ihr, dass Fainne eine Mission zu erfüllen hat, und zwar die, die sie ihr aufträgt: die Niederlage von Sevenwaters im Kampf gegen die Briten zu bewerktstelligen. Diese Mission gefällt Fainne nicht, aber sie weiß, dass sie keine Wahl hat, denn ihre Großmutter hat gedroht, ihren Vater zu vernichten, sollte sie nicht gehorchen. Sie verlässt also ihr Zuhause und wird vom fahrenden Volk nach Sevenwaters gebracht. Mit jedem Tag, den sie dort verbringt und den Menschen näher kommt, wird ihr Gewissenskonflikt größer. Dann begegnet sie Eamonn von den Marschen, jenem Mann, der einst um Liadan warb. Er wird zum Schlüssel für ihre Aufgabe…

Fainnes Geschichte wird bereits im vorhergehenden Band angelegt, in dem Liadan ihre Schwester aus der Ehe mit einem grausamen Mann befreit. Alle glauben, dass Niamh von dort in ein Kloster ging, wo sie den Rest ihres Lebens verbrachte, aber Liadan weiß, dass das nicht stimmt. Niamh hat eine Tochter. Eine Tochter mit demselben rotgoldenen Haar wie ihre Mutter und den beerendunklen Augen ihres Vaters. Fainne ist ein schüchternes Mädchen. Der Trubel und die vielen Leute in Sevenwaters empfindet sie als anstrengend und belastend. Außerdem denkt sie, dass sie hässlich ist, weil ihr verkrüppelter Fuß sie linkisch und ungeschickt wirken lässt. Sie ist sich nicht bewusst, dass sie schön ist. So schön wie ihre Mutter. Fainne liegt ständig im Kampf mit ihrem mangelnden Selbstbewusstsein. Und nicht nur das. Sie kämpft an allen Fronten. Ihre Großmutter hat ihr gesagt, dass sie nicht anders könne als böse zu sein, weil sie das Blut einer Zauberin hat, das Blut ihrer Großmutter. Ständig muss Fainne gegen das Gefühl ankämpfen, dass alles, was sie tut, egal in welcher Absicht, zu etwas Üblem wird. Zudem kämpft sie gegen das Misstrauen ihrer eigenen Familie. Conor weiß, dass sie eine Zauberin ist, und fürchtet, Lady Oonagh könnte sie geschickt haben, und auch Liadan traut Fainne nicht wirklich. Sie kämpft gegen Eamonns Ekel vor ihrer Abstammung, die nur noch von seinen Rachegelüsten gegen Liadans Mann übertroffen wird. Sie kämpft gegen ihren Jugendfreund Darragh, um ihn von sich fernzuhalten, denn sie weiß, in ihrer Nähe droht ihm Gefahr von ihrer Großmutter. Und sie kämpft auch gegen ihre Großmutter, denn irgendwann wird ihr klar, dass sie nicht tun kann, was die Alte von ihr verlangt. Das macht alles, was sie tut, zu einem gefährlichen Versteckspiel. – Der Kampf um die Inseln ist für Sevenwaters überlebenswichtig. Und jetzt, wo das Kind der Prophezeiung erwachsen und ein Anführer ist, wollen sie die Inseln ein für allemal zurückerobern. Das Kind der Prophezeiung sollte vom Blut der Briten und der Iren sein, beides und doch keins von beidem. Und es sollte das Zeichen des Raben tragen. Ohne dieses Kind können die Iren nicht gewinnen. Aber jetzt ist Liadans Sohn Johnny erwachsen, vom irischen Blut seiner Mutter und dem britischen Blut seines Vaters, und er trägt einen tätowierten Raben im Gesicht. Johnny wird den Angriff auf die Briten anführen. Sie müssen gewinnen. Und doch kommt es anders, als alle denken. Denn alles bisher Genannte war nur ein Teil der Prophezeiung. Und Prophezeiungen sind nie eindeutig, niemals einfach. Sie gehen verschlungene Wege, unerwartete. Und so ist es auch diesmal.

Der dritte Band der Trilogie führt nicht nur alle losen Enden zusammen, er beantwortet auch eine Menge Fragen, die bisher unbeantwortet geblieben sind. Warum versucht Lady Oonagh so verbissen, Sevenwaters zu zerstören? Warum hatte das Feenvolk so sehr darauf bestanden, dass Johnny unbedingt im Wald von Sevenwaters aufwachsen müsse? Warum sind Fainnes Eltern nie nach Sevenwaters zurückgekehrt? Warum ist das Blut der Zauberer verflucht? Wie auch immer die Antworten lauten mögen: Es musste so sein. Neben der Prophezeiung spielt in diesem Band die Zauberei eine große Rolle. Nicht die sanfte Magie der Alten, wie sie Sorcha, Finbar und Liadan in sich trugen, sondern die Art von Zauberei, wie sie Lady Oonagh ausübte: Verwandlungen des Körpers, Verursachen von Schmerzen, die Herrschaft über den Willen anderer. Infolgedessen verliert die Geschichte etwas von dem geheimnisvollen Zauber, der noch über dem ersten Band lag, und obwohl diesmal die Alten, die schon vor dem Feenvolk in Erin lebten, in diesem Band verstärkt auftauchen, bleibt die mystische Gedankenwelt der Kelten bis zum Ende des Showdowns doch größtenteils im Hintergrund. Statt dessen tritt der Kampf zwischen Gut und Böse, sowohl im Inneren der Hauptfigur, als auch in der äußeren Handlung, mehr in den Vordergrund, und mit ihm die Spannung. Der erste Band war gegen Ende schon durchaus spannend, obwohl ich bereits wusste, wie es ausgeht. Der zweite Band lebte weniger von Spannung als von Gefühl. Dagegen übertrifft der dritte Band den ersten an Spannung noch, zumal die Auflösung am Ende nicht unbedingt vorhersehbar war. Dabei verzichtet die Autorin fast völlig auf unnötig detaillierte Beschreibungen blutigen Schlachtengeschehens. Marilliers Spannungsaufbau ist ein allmählicher, aber kontinuierlicher, ebenso behutsam erzeugt wie alle anderen Stimmungen, und vielleicht gerade deshalb nachhaltiger, als Schilderungen von Grausamkeiten es wären.

Es ist der Autorin also tatsächlich gelungen, auch den dritten Band ihrer Trilogie auf gleichem Niveau wie seine Vorgänger zu halten. Ihr Stil, ihre Art, die Charaktere zu zeichnen, sie in der Erzählung von Erinnerungen vorzustellen und damit ihre Handlungsweisen nachvollziehbar zu machen, ihre wunderbare Sprache, in der sie Stimmungen und Situationen beschreibt, lassen alle drei Bände zu einem echten Leseerlebnis werden. Sehr empfehlenswert!

Homepage der Autorin: http://www.vianet.net.au/~marill/default.htm

Marillier, Juliet – Sohn der Schatten, Der (Sevenwaters 2)

„Der Sohn der Schatten“ ist der mittlere Teil von Juliet Marilliers Sevenwater-Trilogie. Der erste Teil [„Die Tochter der Wälder“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=177 erzählt eine irische Version des Märchens „Die zwölf Schwäne“. Die Hauptfigur war hier die junge Sorcha, die unter Schweigen und vielen Schwierigkeiten versucht, ihre sechs Brüder zu erlösen. Im zweiten Band dreht sich die Geschichte hauptsächlich um ihre Tochter Liadan.

Die Geschichte beginnt an Imbolc, einem Feiertag im Frühling. Die Druiden sind aus dem Wald gekommen, um die Felder, die Geräte, die Tiere und das Saatgut zu segnen und die Herdfeuer neu zu entzünden. Danach wird gefeiert und getanzt. Liadans ältere Schwester Niamh steht im Mittelpunkt der jungen Leute, alle drehen sich nach ihr um, alle wollen mit ihr tanzen. Eigentlich geht die Familie davon aus, dass Niamh Eamonn von den Marschen heiraten wird, den Mann, dessen Großvater heute noch treuer Verbündeter von Sevenwaters ist, dessen Vater aber einst das Bündnis verraten hat. Niamh hält nicht viel von Eamonn, und Liadan ist nicht wenig überrascht, als er ihr selbst einen Heiratsantrag macht. Das Fest vergeht, aber Liadan hat bei aller Fröhlichkeit kein gutes Gefühl. Nur wenige Tage später beobachtet sie gegen ihren Willen ihre Schwester Niamh zusammen mit dem jungen Druiden, der ihrem Onkel und Erzdruiden Conor beim Anzünden der neuen Herdfeuer geholfen hatte. Obwohl sie nicht vorhat, ihre Schwester zu verraten, kommt die Geschichte heraus, denn ihr Zwillingsbruder Sean ist ihr im Geiste ebenso verbunden, wie Sorcha und Finbar es sind, sodass sie es ihm nicht verheimlichen kann. Hals über Kopf wird Niamh mit einem Anführer eines entfernten, aber mächtigen Clans verheiratet, von dem Sevenwaters sich Unterstützung im Kampf gegen die Briten erhofft. Niemand sagt ihr den Grund, warum sie den jungen Druiden nicht heiraten kann. Dieser verlässt Sevenwaters verbittert und zornig. Liadan begleitet ihre Schwester ein Stück auf ihrer Reise in ihr neues Heim, doch auf dem Rückweg wird sie gekidnappt. Eine Bande wilder Gestalten will, dass sie einem der ihren hilft, der sich den Arm zerquetscht hat. Als der Anführer der Horde zurückkehrt, ist er davon gar nicht begeistert, aber Liadan kann erreichen, dass er ihr wenigstens eine Chance gibt, es zu versuchen. Mit der Zeit kommt es, wie es kommen muss: Die beiden kommen sich näher. Trotzdem trennen sie sich, und Liadan kehrt nach Sevenwaters zurück. Mit einem Kind im Bauch. Eamonns Heiratsantrag lehnt sie ab. Als Niamh nach drei Monaten zum ersten Mal nach Sevenwaters zu Besuch kommt, ist Liadan entsetzt über deren Zustand. Sie spricht nicht, sie isst nicht, sie schläft kaum. Liadan kann erreichen, dass Niamhs Mann, der mit den anderen Verbündeten in den Süden zu Beratungen reiten will, seine Frau nicht mitnimmt. Statt dessen reiten Niamh und Liadan mit Aisling, Eamonns Schwester, nach Sidhe Dubh, dessen Festung in den Marschen. Liadan fühlt sich dort eingesperrt, nicht nur, weil sie nicht über die Wälle und Mauern sehen kann, sondern auch, weil sie die Festung nicht verlassen darf. Sie widmet sich ihrer Schwester und entdeckt, welch grausame Behandlung ihr Mann ihr angedeihen lässt. Sie verspricht Niamh, dass sie nicht zu ihrem Mann zurückkehren muss, obwohl sie kaum weiß, wie sie dieses Versprechen halten soll. Da kommt ihr überraschend der Mann zu Hilfe, dessen Kind sie trägt…

Im ersten Band ging es dem Märchen entsprechend hauptsächlich um die Verzauberung der Brüder und ihre Erlösung. Im zweiten Band geht es in erster Linie um Liebe und Eifersucht, verletzte Eitelkeit und Hass. Liadan steht zwischen zwei Männern, dem Hauptmann der Gesetzlosen, die sie entführten, und Eamonn von den Marschen, einem Adligen und Verbündeten. Eigentlich ist ihr Eamonn nicht unsympatisch, trotzdem zögert sie, als er um ihre Hand bittet. Nachdem sie dem Hauptmann begegnet ist, kann sie nur noch ablehnen, auch wenn es ihr Leid tut, Eamonn verletzen zu müssen. Aber noch weiß sie nicht, wie sehr! Eamonn findet bald heraus, wer der Vater des Kindes ist. Er kennt ihn, denn der Hauptmann hat einige seiner Männer auf dem Gewissen. Er verachtet diesen Mann, weil er ein Söldner ist, käuflich für jeden und ohne Ehre und Gewissen, und er verabscheut ihn, denn seine Methoden sind heimlich und leise. Dass ausgerechnet dieser Mann ihm die Frau wegnimmt, die er bereits als die Seine sah, schürt seinen Hass bis zur Weißglut. Der Hauptmann dagegen verachtet Eamonn aus ziemlich den selben Gründen. Er hält ihn für den gleichen treulosen Verräter, wie sein Vater es war. Im Übrigen ist der Hauptmann ein Mann hinter einer Mauer, ein Mann mit einer finsteren, grausamen Vergangenheit, über die er nicht spricht, die ihn seinen Namen verschweigen lässt und ihn zu dem gemacht hat, als was er sich selbst bezeichnet: Abschaum. Liadan sieht das anders. Als Eamonn den Hauptmann und dessen besten Freund gefangen nimmt, um sich zu rächen, kämpft sie mit allen Mitteln um deren Leben. Liadan ist die Tochter ihrer Mutter, sie weiß, wie man kämpft. – Liadan kämpft aber nicht nur gegen Eamonn, sie kämpft auch gegen die Feenkönigin. Diejenige, die ihrer Mutter damals erklärte, wie sie ihre Brüder retten könnte, taucht auch diesmal wieder auf. Sie verlangt von Liadan, in Sevenwaters zu bleiben und ihren Sohn Johnny dort groß zu ziehen, denn ihm drohe Gefahr von Lady Oonagh, jener Zauberin, die einst ihre Onkel in Schwäne verwandelt hatte. Das Feenvolk hält Johnny für das Kind, das gemäß einer Prophezeiung dafür sorgen soll, dass Sevenwaters den Kampf gegen die Briten gewinnt. Für sie war der Vater des Kindes nur ein Werkzeug, er hat seinen Zweck erfüllt. Aber Liadan will den Hauptmann nicht aufgeben. Sie hört auch noch andere Stimmen, ältere, die Stimmen derer, die vor dem Feenvolk in Erin lebten. Vor allem will sie sich nicht vom Feenvolk benutzen lassen. Deren Arroganz fordert ihren Widerspruchsgeist heraus. Liadan ist entschlossen, ihre eigenen Entscheidungen zu fällen.

Prophezeiungen sind ein beliebtes Stilmittel der Fantasy. Dass sie hier, in einer Geschichte aus einem Märchenrahmen, auftaucht, hat mich etwas verblüfft. Sie bleibt allerdings eher vage und im Hintergrund, aber ihre Erwähnung sorgt dafür, dass der Kampf der Iren gegen die Briten etwas mehr in den Vordergrund gerückt wird, als es im ersten Band der Fall war. Man erfährt, dass um drei Inseln gekämpft wird, die für die Feen und die Anhänger des alten Glaubens eine zentrale Rolle spielen. Ansonsten bleibt es bei den Elementen der Magie, die auch im ersten Band vorherrschend waren: die wortlose Verständigung im Geiste, das Heilen von Verletzungen der Seele durch Berührungen des Geistes, der Blick, Schutzzauber der Alten. In dieser Geschichte geraten sie etwas mehr in den Hintergrund, die Stimmung dieses Bandes ist nicht ganz so geheimnisvoll und magisch wie im ersten. Wie gesagt, es geht hauptsächlich um Zwischenmenschliches und um die Lösung des Geheimnisses, das den Hauptmann umgibt. Trotz des Themas „Frau zwischen zwei Männern“ gleitet die Geschichte nicht ins Triviale ab. Das ist der detaillierten und glaubwürdigen Charakterzeichnung zu verdanken, die auch den ersten Band bereits auszeichnete. Die Handlung kommt auch diesmal ohne das aus, was man üblicherweise als Action bezeichnet, ist aber in keiner Weise langweilig. Zu guter Letzt möchte ich nochmals die einfühlsame und poetische Sprache der Autorin hervorheben, durch die auch dieses Buch wieder sein einzigartiges Flair, seinen besonderen Zauber erhält. Selten habe ich eine Szene gelesen, die so anrührend und gleichzeitig so frei von Sentimentalität war, wie die, in der Sorcha stirbt.

Alles in allem kann ich sagen, ich bin ganz besonders positiv überrascht. Zum wirklich ersten Mal ist mir eine Autorin begegnet, die es geschafft hat, dass die Fortsetzung einer Geschichte deren hohes Niveau problemlos gehalten hat. Bleibt zu hoffen, dass das auch für den dritten Band „Das Kind der Stürme“ zutrifft.

Homepage der Autorin: http://www.vianet.net.au/~marill/default.htm

Juliet Marillier – Die Tochter der Wälder (Sevenwaters 1)

„Die Tochter der Wälder“ ist eine Nacherzählung des Märchens „Die wilden Schwäne“ von Hans Christian Andersen.

Die junge Sorcha wächst in absoluter Freiheit auf. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt, ihr Vater ist fast ausschließlich in Kriegsangelegenheiten unterwegs, so dass das Mädchen in der alleinigen Obhut seiner Brüder ist, die liebevoll für es sorgen. Die Kinder wachsen glücklich und zufrieden auf, und alles ist in Ordnung, bis eines Tages einer der jüngeren, Finbar, sich dem Vater widersetzt. Er will nicht mit ihm in den Krieg ziehen. Als der Vater das nächste Mal nach Hause kommt, bringt er eine Frau mit, die er heiraten will. Sorcha, Finbar und Conor, der Bruder, der für seinen Vater die Ländereien verwaltet, spüren sofort die Bedrohung, die von dieser Frau ausgeht. Aber der Vater ist unzugänglich für alles, was seine Kinder ihm sagen, er heiratet sie trotzdem. Kaum verheiratet, beginnt die neue Frau, die Kinder zu tyrannisieren, trifft sie an ihren empfindlichsten Stellen. In kurzer Zeit wissen sie alle sechs, dass sie sie aufhalten und loswerden müssen. Aber sie sind nur zu sechst, der Siebte ist ihrem Zauber erlegen wie der Vater. Trotzdem schaffen sie es, sich nachts zu versammeln, um das Feenvolk um Hilfe zu bitten. Doch es ist bereits zu spät: Auf ihren Ruf hin erscheint nicht die Feenkönigin, sondern ihre Stiefmutter, und verwandelt die Jungen alle in Schwäne. Nur Sorcha kann entkommen. – Der Ruf der Sieben ist nicht ungehört verhallt. Die Feenkönigin kommt Sorcha zu Hilfe und erklärt ihr, wie sie ihre Brüder retten kann. Sorcha macht sich an die Arbeit. Doch der Weg, der vor ihr liegt, ist länger als sie glaubt. Und schwerer, viel schwerer…

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Britain, Kristen – Grüner Reiter (Reiter – Zyklus Band 1)

Kristen Britain gehört zu denen, die bereits als Kind zu schreiben anfingen. Ihr erstes Buch, eine Cartoon-Sammlung, veröffentlichte sie mit dreizehn Jahren. „Grüner Reiter“ ist ihr erster Roman. Ansonsten arbeitet sie in diversen US-Nationalparks als Rangerin.

Karigan ist abgehauen. Der Rektor hat sie vom Unterricht suspendiert, weil sie sich mit einem Mitschüler duelliert hat. Jetzt ist sie auf dem Weg nach Hause. Sie will sowieso lieber Abenteuer erleben als lernen.
Sie bekommt ihr Abenteuer, und schneller als ihr lieb ist. Plötzlich taucht aus dem Gebüsch ein Reiter in grünem Mantel auf, der sozusagen gerade vom Pferd fällt. Aus seinem Rücken ragen zwei schwarze Pfeile. Erstaunlicherweise lebt der Reiter noch, und er will offenbar auf keinen Fall sterben, bevor Karigan ihm versprochen hat, die Botschaft in seinem Beutel dem König zu überbringen. Weil es ihm so furchtbar wichtig zu sein scheint, sagt Karigan zu, der Bote stirbt.
Karigan macht sich auf den Weg zur Hauptstadt, ohne zu wissen, dass sie Verfolger hat. Und nicht nur einen…
Sie entkommt ihren Verfolgern. Aber nur durch die Hilfe ihres geerbten Pferdes, das einen sehr eigenwilligen Charakter hat, und durch die Hilfe zweier alter Damen, die mitten im Urwald wohnen. Und nur vorläufig. Sie wird noch viele Gefahren zu überstehen haben, wie gefährliche Monster, feindliche Soldaten, böse Magier. Noch öfter wird sie deshalb auf die Hilfe anderer angewiesen sein, um ihr Ziel zu erreichen. Und als sie es erreicht, ist sie trotzdem noch lange nicht am Ziel…

Kristen Britain hat einen erstaunlichen Debütroman vorgelegt. Die Geschichte vom bösen Zauberer, der die Welt bedroht, ist ja nun wahrhaftig nicht mehr neu. Aber die Autorin hat es verstanden, sie in ein wirklich neues Kleid zu verpacken, und das ist bei den Bergen an Fantasy, die existieren, inzwischen durchaus eine Kunst.
Mit Beschreibungen der Schauplätze ist sie eher geizig, lediglich das Haus der beiden alten Damen wird etwas genauer beschrieben, wobei bei genauem Hinsehen auch weniger auf das Haus als auf die magischen Artefakte in der Bücherei eingegangen wird.
Das Hauptaugenmerk liegt auf Personen und Handlung. Die Personen sind alle sehr lebendig, gut gezeichnet und wirken echt. Das gilt nicht nur für die burschikose Karigan – die zwar eine sehr gute Reiterin ist, sich aber trotzdem erst mit ihrem Pferd zusammenraufen muss, die zwar das Überleben in der Wildnis in groben Zügen gelernt hat, sich aber trotzdem immer wieder mal für ihre eigene Dummheit ohrfeigen könnte -, sondern auch für alle anderen.
Zum Beispiel für die beiden alten Damen, die in einem Haus mit dem wunderlichen Namen „Siebenschlot“ wohnen, als Spitznamen „Lorbeere“ und „Steinbeere“ tragen und von lauter unsichtbaren Dienstboten bedient werden, weil ihrem gelehrten Vater einst ein Unfall mit einer offenen Dose Bannsprüche passiert ist.
Oder für die energische Laren Mebstone, die bei allen Schwierigkeiten, die ihre Grünen Reiter, die Boten des Königs, ohnehin schon bei ihrer Berufsausübung haben, auch noch gegen einen unverdient schlechten Ruf ihrer Truppe ankämpfen muss.
Oder auch für die Söldnerin Jendara, die unter anderem versucht, Karigan am Überbringen der Botschaft zu hindern, und auch als ihr das misslingt, einfach nicht locker lassen will.
Auch sind die Charaktere breit gefächert, sie reichen von schrullig liebenswert über rücksichtslos ehrgeizig bis zu blind idealistisch, von sachlich kompetent über treu und verantwortungsbewusst bis selbstsüchtig, beleidigt hin zu despotisch und größenwahnsinnig.

Seit „Der Herr der Ringe“ neu verfilmt wurde, wird auf einmal jegliche Fantasy damit verglichen. Ich finde das eigentlich lästig. In diesem Fall ist allerdings die Darstellung der Eletier auffällig durch Tolkiens Elben inspiriert, und auch das Monster, gegen das Karigan kämpfen muss, weist leichte Parallelen zu den Spinnen im Hobbit auf. Im Übrigen aber ist die Geschichte erfreulich eigenständig und unverbraucht.

Was mir an dem Roman mindestens ebenso gefallen hat wie die handelnden Personen, war der Ideenreichtum der Autorin in Sachen… ich nenne es einmal „Kleinigkeiten“.
Dazu gehören in diesem Fall der Lorbeerzweig und die Steinbeerenblüte, die Karigan von den beiden alten Damen geschenkt bekommt, die Darstellung und die Handlung, die mit dem Mondstein zusammenhängt, die Idee der Brosche, die die grünen Reiter tragen, die Wirkung der schwarzen Pfeile, aber auch die Beschreibung, wie der große Nordwall zu Fall gebracht wurde, sowie die Idee des Spiels „Intrige“, das in der Entscheidungsszene am Ende eine wichtige Rolle spielt. Sie alle geben der Geschichte Flair und Stimmung und machen Britains Welt zu einer, die es sonst nirgends gibt.

Zudem hat die Autorin es verstanden, den Spannungsbogen fast die ganze Zeit über straff zu halten, und das ohne übermäßig brutale oder blutige Szenen. Karigan gerät einfach nur von einer Gefahr in die nächste, die alle ungemein fesselnd beschrieben sind, so dass man fast froh ist, dass es in Siebenschlot oder in der Herberge der Grünen Reiter mal vorrübergehend etwas ruhiger zugeht. Aber auch bei diesen ruhigeren Passagen wird es einem nicht langweilig, weil alles so lebendig und gut erzählt ist.
Als Karigan dann mitten im Buch überraschend schnell die Hauptstadt erreicht, war mein erster erstaunter Gedanke: „Was, schon da? Kann da jetzt noch viel kommen?“
Es kam noch eine ganze Menge. Die Ruhe ist trügerisch, und kaum hat man sich daran gewöhnt, dass die Action nachgelassen hat, zieht die Autorin die Schraube nochmal ganz gehörig an, so dass der zweite Spannungsbogen sogar ein Stück über dem ersten liegt.
Das hat seine Ursache unter anderem auch in dem eher knappen, präzisen Sprachstil, der auf Ausschmückung und blumige Beschreibungen fast völlig verzichtet.

Das Buch wird eigentlich als abgeschlossen bezeichnet, hat aber die angenehme Eigenschaft, nicht alles endgültig zu beantworten. Das betrifft weniger die Handlung, die wirklich in sich abgeschlossen ist, als vielmehr die Personen. So fragt man sich zum Beispiel, ob Karigan schließlich und endlich doch noch eine Grüne Reiterin wird, und was wohl aus Lorilie Dorran, der Revolutionärin, geworden ist. Und aus Mel… So lässt das Buch Raum genug, trotz einer abgeschlossenen Handlung den Faden für sich selber noch ein wenig weiterzuspinnen.
Natürlich lässt dieser Raum genauso eine Fortsetzung zu. Eigentlich halte ich nicht viel von der Methode, auf jeden Erfolg eine Fortsetzung draufzusetzen. Meistens kommen Enttäschungen nach. Entgegen meiner ursprünglichen Erwartung wurde nun auch zu diesem Buch im August letzten Jahres unter dem Titel „First Rider’s Call“ eine Fortsetzung veröffentlicht. Auf Deutsch trägt das Buch den Titel „Spiegel des Mondes“, ist aber noch nicht erschienen.

Homepage der Autorin:
http://www.kristenbritain.com