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Haydon, Elizabeth – Tochter der Erde (Rhapsody / Symphony of Ages)

„Tochter der Erde“ ist der zweite Band des |Symphony of Ages|-Zyklus von Elizabeth Haydon.

Nachdem Rhapsody, Achmed und Grunthor im ersten Band an der Wurzel des Weltenbaumes entlang quer durch die Erde geflohen, am anderen Ende der Welt wieder herausgekommen sind und im ehemaligen Canrif ein neues Königreich der Bolg errichtet haben, geht es im zweiten Band hauptsächlich um die Bedrohung durch den F’dor.
Rhapsody macht sich zusammen mit dem geheimnisvollen Ashe auf den Weg, um der Drachin Elynsynos einen Teil ihres Hortes zurückzubringen. Die Begegnung verläuft über Erwarten gut, die Sängerin und die Drachin freunden sich an. Auf Anraten der Drachin reist Rhapsody danach nicht zurück nach Ylorc, wie Canrif unter den Bolg jetzt heißt, sondern nach Tyrian, wo die Lirin leben, von denen auch Rhapsody abstammt. Bei den Lirin lebt Oelendra, die berühmte Schwertkämpferin, die vor Rhapsody die Tagessternfanfare getragen hat, das Flammenschwert, das jetzt Rhapsody trägt. Auch Oelendra wird ihre Freundin, ebenso wie unterwegs Ashe ihr Freund wird.
Während Rhapsody auf Reisen ist und nebenbei bereits zum zweiten Mal die Pläne des F’dor durchkreuzt, machen Achmed und Grunthor tief unter den Felsen des Gebirges eine unerwartete Entdeckung.
Doch der F’dor, begierig, die neue Scharte auszuwetzen, bleibt nicht untätig. Schon bald braut sich mehr als ein Gewitter am Horizont zusammen…

Obwohl Rhapsody wieder viel unterwegs ist, machen die Reisen diesmal nur etwa die Hälfte des Buches aus. Ein ziemlich großer Teil davon beschäftigt sich mit dem Aufbau der Beziehung zwischen Rhapsody und Ashe. Zwangsläufig wird der Romantik in diesem Band ein weit größeres Feld eingeräumt als im ersten. Den zweiten, großen Teil nehmen Achmed und Grunthor und ihre Entdeckung in Anspruch, sodass der trockene Humor, der das Verhältnis der Drei untereinander auszeichnet, auch hier immer wieder zum Tragen kommen kann. Dieser Handlungsstrang ist zwangsläufig auch der, der den Hauptteil der Spannung trägt. Der Spannungsbogen hat seinen Verlauf mit dem ersten Band gemein. Er hängt nie durch, aber richtig straff gespannt wird er erst gegen Ende. Bei der Länge des Buches wäre alles andere auch unerträglich.
Neben den beiden Hauptsträngen werden diverse andere Handlungsfäden weiterentwickelt. So zeichnet sich ab, dass Tristan Steward, der Prinzregent von Roland, auf Dauer zum Problem werden wird. Bereits im ersten Band ist er in Rhapsodys Bann geraten, und trotz des Desasters, das er damit angerichtet hat, kann er nicht von ihr lassen. Das Desaster, das diese Tatsache heraufbeschwört, ist weit größer, als er sich vorstellen kann. Was Rhapsody gegen Ende des zweiten Bandes über Llauron erfährt, legt den Grundstein für weitere Verwicklungen. Und dazu kommt noch die Erkenntnis über die Kinder…
Auch der zweite Band endet folglich wieder nur mit einem Teilsieg der Drei. Entgegen der Aussage des Klappentextes ist es nämlich nicht der F’dor selbst, den sie unschädlich machen.

Die Autorin schreibt flüssig und gut lesbar, nur gelegentliche Tippfehler in der Nachbearbeitung wirken störend. Die Handlung entwickelt sich langsam und allmählich, spätere Geschehnisse werden zeitig angelegt und wirken sich erst allmählich aus, soweit das bei der epischen Länge, die Haydon vorlegt, möglich ist, was dem Verlauf Echtheit und Logik verleiht. Dabei versteht die Autorin es geschickt, ihre Informationen häppchenweise zu verteilen. Im ersten Band erfuhr man ein wenig von Llauron, ein wenig von Stephen Navarne, im zweiten sind die Informanten vor allem Elnysynos und Oelendra. Gleichzeitig sorgen weitere Prophezeiungen für neue Verwirrung. Die Lösung des Rätsels um Ashe hält den Frustrationspegel niedrig, gleichzeitig schafft es Haydon, trotz aller Andeutungen und Hinweise die Identität des F’dors bis zum Ende des zweiten Bandes immer noch geheim zu halten. So fühlt man sich beim Lesen des Buches wie jemand, der einem Mosaikleger bei der Arbeit zuschaut. Jedes Steinchen macht das Bild ein bisschen deutlicher, facettenreicher, vielfältiger, und doch ist es immer noch unfertig, weil das Wesentliche, die endgültige Lösung fehlt.

Nach gut 1500 Seiten hat Haydon immer noch unausgeschöpftes Potenzial. So ist Anwyn, die Seherin der Vergangenheit, bisher nur ein einziges Mal ganz kurz aufgetaucht, die Kathedrale zu Ehren des Elementes Erde wurde nur einmal namentlich erwähnt, und auch das Rätsel um Meridion, den Manipulator am Zeit-Editor ist nach wie vor ungelöst, ganz abgesehen davon, dass der F’dor noch nicht bezwungen ist. Bereits im ersten Band spielte neben Achmeds Fähigkeiten Rhapsodies Musik eine tragende Rolle als magisches Hilfsmittel. Diesmal rückt ihr Schwert etwas mehr in den Vordergrund, zusammen mit Grunthors Fähigkeiten im Zusammenhang mit Erde und Gestein. Außerdem gewinnt in der Person Ashes das Element Wasser zum ersten Mal an Bedeutung. Der dritte Band „Tochter des Feuers“, der im März erschienen ist, dürfte also durchaus noch einiges bieten.

Warum das englische Wort |child| in den Originaltiteln ausgerechnet mit „Tochter“ übersetzt wurde, wissen allein die Lektoren! Gerade in den ersten beiden Bänden ist damit eindeutig nicht Rhapsody gemeint! Auch frage ich mich, warum „Child of Blood“ mit „Tochter des Windes“ übersetzt wurde. Zwar besteht im Buch ein gewisser Zusammenhang zwischen Wind und Blut, trotzdem ist der Titel irreführend. Natürlich sind die Elemente für die Geschichte von großer Bedeutung, der Titel „Child of Blood“ bezieht sich jedoch auf die Prophezeiung im ersten Band. So trägt der dritte Band im Original den Titel „Child of Sky“, was zeigt, dass die Übersetzung hier genauso verwirrend falsch ist.
Immerhin scheint diese Freiheit in der Übersetzung sich nicht auch auf den eigentlichen Buchtext auszuweiten, denn da kamen im Zusammenhang mit diesen Namen keine Undeutlichkeiten vor. Trotzdem frage ich mich wieder mal, warum man sich nicht einfach an den Originaltitel gehalten hat. Die Autorin hat sich durchaus etwas dabei gedacht!

Ich fand das ganze Buch durchdacht und gelungen, und bin bereits gespannt auf den dritten Band. Der vierte Band ist bisher nur auf Englisch unter dem Titel „Requiem for the Sun“ erschienen. Der Titel weicht vom bisherigen Muster der Vorgängerbände ab, deshalb ist die Zugehörigkeit zum Zyklus nicht so offensichtlich, ob auch ein inhaltlicher Absatz vorhanden ist, wird sich zeigen. Der fünfte Band des Zyklus mit dem Titel „Elegy for a lost Star“ ist derzeit noch in Arbeit, soll aber im August dieses Jahres auf Englisch erscheinen.

Elizabeth Haydon lebt an der Ostküste der USA mit ihrem Mann und drei Kindern. Sie interessiert sich für Kräuterkunde und Geschichte, singt und spielt selbst Harfe. Bevor sie zu schreiben begann, arbeitete sie im Verlagswesen. Außer „Symphony of Ages“ schrieb sie auch „The Journals of Ven Polypheme“ für Kinder.

Homepage der Autorin: http://www.elizabethhaydon.com/

Brennan, Herbie – Elfenportal, Das (Faerie Wars 1)

Man sieht es Pyrgus Malvae zwar nicht an, aber er ist ein Prinz, ein Elfenprinz. Der Kronprinz sogar. Das kümmert ihn allerdings wenig. Seine Tätigkeit als Tierschützer ist ihm wichtiger. Bis jemand versucht, ihn zu ermorden. Sein Vater schickt ihn zu seinem Schutz durch ein magisches Portal in die Gegenwelt, wo er unerreichbar für Attentäter sein sollte. Leider geht etwas schief, und Pyrgus hat Glück, dass Henry Atherton ihn davor bewahrt, von einem Kater gefressen zu werden. Gemeinsam mit Mr. Fagerty, einem etwas verrückten alten Mann, bei dem Henry sich sein Taschengeld verdient, versuchen sie, einen Weg zu finden, wie Pyrgus in seine Welt zurückkehren kann. Tatsächlich gelingt es Mr. Fagerty, ein künstliches Portal zu basteln, das Pyrgus benutzen kann. Doch damit fangen seine Schwierigkeiten erst richtig an. Henry und Mr. Fagerty folgen Pyrgus. Nur um unmittelbar darauf selbst in Schwierigkeiten zu geraten.

In „Das Elfenportal“ kontrastieren Welten. Die eine ist die von Henry: Er lebt irgendwo in einer x-beliebigen englischen Stadt. Sein Vater ist leitender Angestellter, ein überaus pünktlicher und korrekter Mensch in Anzug und Krawatte, seine Mutter ist Schuldirektorin. Außerdem hat er noch eine pferdenärrische kleine Schwester. Henry liebt es, Pappmodelle zu bauen und bessert sein Taschengeld auf, indem er Mr. Fagerty beim Aufräumen seines Gerümpels hilft oder sich einfach nur dessen leicht paranoide Geschichten anhört. Eine graue und leicht langweilige Welt – irgendwo muss sein Interesse für Mr. Fagertys abstruse Geschichten ja seinen Ursprung haben. Diese Welt gerät etwas aus den Fugen, als die Ehe seiner Eltern einen ziemlichen Knacks bekommt. Dass dieser Knacks gleichzeitig mit der Entdeckung einer Elfe auftritt, macht es nicht einfacher.

Die andere ist die der Elfen: Diese Welt ist wesentlich bunter. Hier gibt es Händler und Gaukler, Gauner und gerissene Geschäftsleute, mächtige Adlige und Spione. Und es gibt den Purpurkaiser und seine Familie, die seit mehreren Generationen das Elfenreich regieren. Sie gehören zu den Lichtelfen, und die Nachtelfen sind gar nicht davon begeistert, von Lichtelfen regiert zu werden. Kein Wunder, dass ein mächtiger Nachtelfenfürst Pyrgus‘ Vater das Leben schwer macht. Und dann gibt es noch eine dritte Welt:
die der Dämonen. Eigentlich können diese ihre Welt nicht verlassen, doch es gibt genug Nachtelfen, die einigen von ihnen gelegentlich den Wechsel durch Beschwörungen ermöglichen. Selbstredend ist dies dem Dämonenprinzen bei weitem zu wenig.

Brennan hat diese Welten mit recht originellen Charakteren bevölkert: Henry ist eigentlich ein ganz normaler Teenager, er hat gelegentlich Stress mit seinen Eltern, ist genervt von seiner kleinen Schwester. So wirklich ganz normal ist er aber auch wieder nicht, denn einer Katze einen Schmetterling abzujagen, weil man den Eindruck hat, er sei eine Elfe, setzt schon ein gewisses Maß an Verrücktheit voraus. Mr. Fagerty stellt dieses gewisse Maß an Verrücktheit jedoch mit Leichtigkeit in den Schatten. Nicht nur, dass er immer eine geladene Kanone unter dem Bett hat und generell nicht ans Telephon geht, er ist sich auch absolut sicher, dass SIE ihn irgendwann kriegen werden, wobei nicht ganz klar ist, ob er mit SIE das FBI, die CIA oder die Außerirdischen meint, die nach seiner Überzeugung bereits an die sechs Millionen Amerikaner verschleppt haben. Keine Frage, dass Mr. Fagerty auch an Elfen glaubt. Vor allem aber ist Mr. Fagerty jemand, der nahezu alles bauen kann.

Auch im Elfenreich gibt es ein paar irre Typen. Während der Kaiser und sein Torhüter ernste und vernünftige Männer sind, scheint das auf seine Kinder nicht zuzutreffen. Dass Pyrgus die meiste Zeit damit beschäftigt ist, Tierquälern ihre Tiere zu stehlen und sie freizulassen, anstatt sich um Politik zu kümmern, erwähnte ich bereits. Seine Schwester Holly Blue ist auch nicht gerade pflegeleicht. Die selbstbewusste junge Prinzessin hat ein eigenes Spionagenetz, das dem ihres Vaters beinahe ernstzunehmende Konkurrenz macht, und wenn es sein muss, spielt sie auch selbst mal die Agentin. Comma, der Jüngste, ist etwas seltsam, aber nichts Genaues erfährt man nicht. Ein besonders schräger Vogel ist Jasper Chalkhill, ein Nachtelf. Er ist Teilhaber einer Leimfabrik, aber weder sein Compagnon noch irgendwer sonst nimmt ihn ernst. Stinkreich ist er, ohne Sinn für Stil und Geschmack, aber nicht nur sein Haus und seine Kleidung sind schrill, er benimmt sich auch albern. Wie ein aufgeregt kläffender Terrier. Total abgedreht, fast schon ein bisschen zu sehr …

Sein Compagnon Silas Brimstone, logischerweise ebenfalls ein Nachtelf, ist ein verschlagener, gieriger Betrüger. Er empfindet Chalkhill gelegentlich als sehr lästig, aber er braucht ihn wegen des Geldes für die Firma. Das stört ihn ganz gewaltig, deshalb ist es sein größter Traum, den Fürst der Dämonen persönlich zu beschwören. Von ihm erhofft er sich unendlich viel Gold. Zumindest fürs Erste. Übung in der Dämonenbeschwörung hat er jede Menge, doch ein Fürst ist nicht ganz so einfach zu beherrschen, und natürlich geht prompt etwas schief. Sein Opfer an den Fürsten läuft ihm nämlich davon: Pyrgus! Und abgesehen davon wäre der Fürst der Dämonen nicht der Fürst der Dämonen, wenn er nicht bei allem mitmischen und dabei seine eigenen Ziele verfolgen würde.

So kommt es, dass mehrere Leute das gleiche Ziel haben, nämlich Pergus umzubringen. Allerdings ist es nicht unbedingt ein gemeinsames Ziel, was zu ziemlichen Verwicklungen führt. Dass das Portal Pyrgus nicht dorthin bringt, wohin es sollte, macht die Verwirrung komplett. Jeder will ihn haben, keiner weiß wo er ist, und als sein Vater ihn endlich findet, ist er schon wieder weg, allerdings wieder mal nicht dorthin, wo er hingewollt und hingesollt hätte. Wer letztendlich für welche Sabotage und welchen Hinterhalt verantwortlich ist, erfährt man nicht so schnell, und als Holly Blue und Henry die Fäden endlich entwirrt haben, ist das Komplott eigentlich schon so gut wie am Ziel. Aber nur so gut wie, und natürlich geben die beiden trotzdem nicht auf. Das macht das Buch zum Ende hin zunehmend spannend.

Auch die Kleinigkeiten am Rande zeichnen sich durch Ideenreichtum aus. So sind alle Namen der Elfen Schmetterlingsnamen, und Holly Blue wird auf einem ihrer persönlichen Agenteneinsätze von einem orangen Zwerg begleitet, der einen Kartenleserschlitz am Kopf hat, wo seine Herrin ihre Spionagedaten abrufen kann, dessen Biss giftig ist und der irrsinnig laut pfeifen kann. Brennan beschreibt die Magie der Elfen mit technischen Begriffen, während Mr. Fagertys Bastelergebnissen manchmal ein ziemlicher Hauch von Zauberei anhaftet. Und das Buch Beleth birgt ebenfalls eine Überraschung.

Es gibt also genug zu entdecken. Am Ende des Buches bleibt noch genug Potenzial, das in einer Fortsetzung weiter ausgebaut werden kann, wie zum Beispiel der Nachtelfenfürst Hairstreak, der Gegner des Kaisers, der bisher noch nicht persönlich aufgetaucht ist, oder Comma, an dem einiges sehr, sehr seltsam ist. Und der Krieg ist ja auch noch nicht aus.

Das Buch liest sich flüssig und leicht und ist trotz mehrerer Handlungsstränge mit seinen rund 350 Seiten für einen geübten Leser an einem Tag problemlos zu schaffen. Brennans Zielgruppe sind eigentlich junge Erwachsene, das merkt man natürlich, zum Beispiel an der Ausdrucksweise der Jugendlichen untereinander, vor allem aber an dem Zoff, den die beiden jungen Helden mit ihren Eltern haben, an den Szenen, in denen Henrys Schwester vorkommt und daran, wie er auf Holly Blue reagiert. Das muss aber nicht unbedingt ein Manko sein, wie man an „Harry Potter“ deutlich sieht. Und tatsächlich hat auch Brennans Buch das Potenzial, sich unter den Erwachsenen seine Leser zu sichern, selbst wenn es nicht ganz frei von kleinen Logikfehlern ist. Es ist einfallsreich, humorvoll und auch spannend, und damit wert, gelesen zu werden.

Herbie Brennan lebt und arbeitet in Irland, und das sehr fleißig. Er hat Unmengen von Büchern geschrieben, von Historik über Psychologie und Esoterik bis Fantasy, von Romanen über Kurzgeschichten bis zu Software, für Erwachsene ebenso wie für Kinder und Jugendliche. Außerdem arbeitet er fürs Radio. Die Fortsetzung zu „Das Elfenportal“ ist bisher noch in Arbeit. Voraussichtlicher Erscheinungstermin für „The Purple Emperor“ ist der Oktober dieses Jahres.

http://www.herbiebrennan.com
http://www.faeriewars.com
http://www.dtv.de/special__brennan/elfen__index.htm

Wood, Natalie Lee – Erbin des Lichts, Die

Mit „Die Erbin des Lichts“ hat Natalie Lee Wood ihren dritten Roman vorgelegt. Nachdem sie mit „In Erwartung des Mahdi“ und „Faradays Waisen“ zwei Science-Fiction-Romane herausgebracht hat, hat sie sich diesmal der Fantasy zugewandt.

Antonya ist eine Überlebenskünstlerin. Obwohl eine Frau, ist sie allein unterwegs, man könnte sie auch als Vagabundin bezeichnen. Eigentlich will sie nach Norden, ändert aber kurzfristig ihre Route, als sie Kerrick trifft, einen Krieger ohne Dienstherrn. Kerrick ist gerade dabei, diesen brotlosen Zustand zu ändern, als Antonya ihm dazwischen funkt, und findet sich zu seinem eigenen Erstaunen in ihrem Dienst wieder. Gemeinsam ziehen sie nach Süden, in Kerricks Heimat, um dort Unterstützung zu suchen. Denn Antonya hat einen ehrgeizigen Plan: sie will die reiche Grafschaft Adalon zurück, die ihrem Vater gehörte.

Allerdings macht sie sich damit nicht nur den Usurpator der besagten Ländereien Petre Terhune, der gleichzeitig Oberhaupt der Kriegerpriester des heiligen Orakels ist, zum Feind, sondern ganz nebenbei auch noch die gesamte Macht des religiösen Zentrums. Kein Wunder, dass nach den ersten kleinen Erfolgen der große Rückschlag kommt. Antonya kriegt die Kurve nochmal, droht aber kurz darauf, sich in eine noch größere Katastrophe zu verrennen.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert.

Der erste Teil widmet sich zunächst hauptsächlich Antonya, ihren Bemühungen, Bundesgenossen zu gewinnen, und ihrem ersten Feldzug. Erst gegen Ende des ersten Teils, als sich das erste Treffen zwischen ihren Leuten und Terhunes Armee anbahnt, werden die eingestreuten Absätze, die sich mit der Stadt des Orakels und den dortigen Personen befassen, häufiger.

Antonya ist nicht nur eine Überlebenskünstlerin. Zu ihrer Gewandheit und Zähigkeit gesellt sich auch noch ein gewisses Maß an Charisma und Überzeugungskraft. Nichts von all dem, was sie über ihre Abstammung behauptet, kann sie beweisen, und doch bringt sie die Leute dazu, ihr zu glauben. Sie hat genug Menschenkenntnis, um die Fürsten, mit denen sie zu tun hat, auf die richtige Art zu packen. In gewisser Weise eine geborene Politikerin.

Eine ganz andere Art von Politiker allerdings zeigt sich in den eingestreuten Kapiteln aus der Stadt des Orakels. K’ferrin ist der Hüter des Orakels, also sozusagen der Alleroberste aller Priester, und er ist dem obersten Kriegerpriester Terhune spinnefeind. Terhune hat im Grunde nur einen einzigen Freund in der Stadt, und das ist D’arim, sein Feldmeister, der mit ihm aufgewachsen ist. Alle fürchten den rücksichtslosen und mächtigen Mann. Alle, außer D’nyel, eine Heilerpriesterin, die im ersten Teil aber nur kurz auftaucht, genau wie B’nach, K’ferris Enkel, der ebenfalls später noch eine Rolle spielen wird.

Im zweiten Teil hält sich Antonya, getrennt von ihren Freunden und Bundesgenossen, in der Stadt des Orakels auf. Von der Außenwelt erfährt man in dieser Zeit nichts, doch Handlungsstränge gibt es genug, die allmählich herauskristallisieren, dass so ziemlich jeder hier sein eigenes Süppchen kocht. Antonya ist in dieser Zeit fast vollständig zur Untätigkeit verurteilt, und doch schafft sie es, selbst hier auf ihre eigene Weise Verbündete zu gewinnen. Ihr Mut und ihre Zähigkeit beeindrucken sowohl einen hohen Offizier von Terhunes Garde als auch B’nach, das willenlose Werkzeug seines Großvaters. So kommt es, dass es ihr trotz ihrer erzwungenen Passivität und Hilflosigkeit gelingt, das Ruder herumzureißen, und als sie die Stadt verlässt, hat sie nicht nur neue Verbündete gewonnen, sondern auch wertvolle Unterlagen mitgehen lassen.

Der dritte Teil ähnelt in gewisser Weise dem ersten. Auch hier ist Antonya wieder auf der Suche nach Bundesgenossen und zieht letztendlich erneut in den Krieg, zunächst gegen die Festung Kaesyn, die sie belagert, um dann gegen Terhune und die Stadt des Orakels zu ziehen.

Verstreut über die Handlung des gesamten Buches sind immer wieder Szenen aus Antonyas Erinnerungen an ihre Kindheit bei den Mönchen. Anfangs erscheinen diese kurzen Sequenzen wenig bedeutend, liefern aber allmählich immer mehr Erklärungen, die zusätzlich zu den Geschehnissen in der Stadt des Orakels die Ursachen für Antonyas Hass auf Terhune im Besonderen und die Praktiken des Glaubens im Allgemeinen beleuchten.

Das Buch hat etwas von einem Flussdelta: Es wird gegen Ende immer breiter. Der erste Krieg, den Antonya führt, ist nur gegen einen kleinen Landgrafen gerichtet, und doch verrückt angesichts der Tatsache, dass dessen Armee der ihres Verbündeten weit überlegen ist. Entgegen aller Erwartung gewinnt Antonya trotzdem und zieht als nächstes mit den vereinten Armeen beider Grafen gegen einen Teil von Terhunes Armee ins Feld. Ein mindestens ebenso aussichtsloser Kampf, doch sie verliert ihn, bevor er begonnen hat, durch Verrat. Ihr dritter Feldzug ist der größte von allen, ausgerüstet mit Kanonen und einem schlagkräftigen Heer, für Terhune direkt unangreifbar, und doch bricht gerade dieser Feldzug ihr fast das Genick. Mit dem Anwachsen der kriegerischen Unternehmungen wachsen auch Antonyas Ziele. Zunächst will sie nur Adalon zurück, dann will sie Terhunes Kopf, und schließlich die gesamte Stadt des Orakels.

All die kriegerischen Auseinandersetzungen und auch die Zeit im Orakel hinterlassen ihre Spuren bei Antonya. Sie verachtet die Methoden der Priester, sowohl die militärischen als auch die politischen, und ist krampfhaft bemüht, nicht genauso zu werden, muss aber im Laufe der Zeit erkennen, dass es unmöglich ist, Krieg zu führen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. So wird jede Entscheidung, die sie trifft, zu einer Gradwanderung zwischen notwendiger Härte und ungewollter Grausamkeit. Ihre Überzeugung verbietet ihr, Plünderungen und Vergewaltigungen in der eroberten Stadt zu erlauben, zwingt sie aber gleichzeitig dazu, härter bei ihren eigenen Soldaten durchzugreifen, als sie eigentlich vorhat. Die Lichtgestalt bekommt Flecken. Auch sonst ist Antonya kein Übermensch. Sie verkalkuliert sich, sie macht Fehler, auch solche, die ihre Verbündeten nicht ausmerzen können, und gewinnt oft nur, weil sie im richtigen Moment die nötige Portion Glück hat.

Aus dem direkten Umfeld Antonyas sind nur ihre beiden engsten Vertrauten, Kerrick und später Morgan, der Assassine, etwas genauer dargestellt, ihre Art zu kämpfen, und in begrenztem Rahmen auch ihre Gedanken und Vergangenheit. Die übrigen sind nur grob skizziert.

Sehr scharf dagegen sind die Charaktere in der Stadt des Orakels gezeichnet: K’ferrin ist ein alter, hinterhältiger, intriganter Bock mit ziemlich widerlichen Gelüsten, der seinen Enkel B’nach rücksichtslos benutzt, und nicht nur ihn. B’nach lebt nur, weil er seinem Großvater nützlich ist, das lässt ihn kuschen, obwohl er seinen Großvater verabscheut. Gleichzeitig ist er aber auch noch D’nyel der Heilerin hörig, die ihn einst verführte, um seinen Gang auf dem Feuer zu verhindern. D’nyel ist nicht weniger intrigant als K’ferrin, man weiß lange nicht genau, auf wessen Seite sie steht, und sie ist genauso grausam wie Terhune, wenn auch auf eine weniger direkte Art. Terhune ist vor allem gewaltätig, jähzornig und arrogant, dabei genauso machtgierig wie K’ferrin. Eine Ansammlung von charakterlichem Abschaum, zumindest großteils.

Was die Ausnahmen davon betrifft, ist positiv anzumerken, dass genau wie bei Antonya auch bei diesen auf eine Idealisierung verzichtet wurde. Sie sind, was sie sind, und das bleiben sie auch. Die Autorin versucht nicht, sie gegen Ende zu besseren Menschen zu machen. Besonders deutlich wird das bei B’nach, der sich trotz der Abscheu gegenüber seinem Großvater nicht ganz von dessen Methoden lösen kann, aber auch bei Morgan, als er Kerrick bittet, ihn im Fall von Antonyas Tod zu eliminieren.

Zwangsläufig spielt Religion in der Geschichte eine wichtige Rolle. Manches kommt uns bekannt vor, zum Beispiel der Begriff der Mutter Gottes, das Gebet „Mutter unser“ oder das Warten auf den Einen, der, im Licht Gottes gekrönt, die Menschheit erlösen soll. Dass die Gebete in den Gotteshäuser auf Latein gebetet werden, tut ein Übriges. Man mag darüber spekulieren, ob diese Ähnlichkeiten gewollt sind. Ihren ersten beiden Romanen zumindest sagt man nach, dass sie gegen Menschenverachtung und Unterdrückung in der Politik gerichtet seien. Die Aggression gegen die Machenschaften der Politik kommt auch hier, in Antonyas Person, deutlich zum Ausdruck, ob sie sich jedoch gegen die Politik der Kirche wendet, sei dahingestellt.

Im Übrigen enthält Woods Religionsentwurf genug andere Elemente, um trotz der Ähnlichkeiten als eigenständig betrachtet zu werden, wobei Szenen wie die der fliegenden Tauben die Grausamkeit des Systems ebenso deutlich zum Ausdruck bringen wie die Folterung der Spionin Tannah durch Terhune, die Praktiken D’nyels, dich mich stark an einen KZ-Arzt erinnerten, oder K’ferris sexuelle Praktiken. Manche dieser Szenen waren wirklich starker Tobak, und wie immer in solchen Fällen stellt sich mir auch hier die Frage, wie genau eine Beschreibung sein muss, um die beabsichtigte Wirkung zu erzielen. In diesem Fall denke ich, es wäre auch weniger deutlich gegangen, wenngleich man der Autorin nicht nachsagen kann, sie hätte die besagten Szenen übermäßig ausgedehnt.

_Alles in allem_ kann man sagen, das Buch war nicht schlecht. Die Schilderung des Orakels als eine Schlangengrube voller Verräter und Intriganten war gelungen, die Charaktere gut gezeichnet und glaubhaft. Doch abgesehen von dem oben genannten Manko der Grausamkeit fehlt es durch die vielen Feldzüge an Abwechslung, und ich vermisste echte Spannung. Die Handlung hoppelt von einem Höhepünktchen zum nächsten. Zwar ist es der Autorin gelungen, die diversen Handlungsfäden am Ende zusammenzuführen, eine Zuspitzung zum Ende hin, die einen mitfiebern ließe, gibt es aber nicht. Irgendwie ist schon vorher klar, ob Antonya Erfolg hat oder nicht, und was letztendlich mit den einzelnen Beteiligten geschieht. Allein das letzte Kapitel ist noch einmal ein kleiner Kontrapunkt, der zwar nett zu lesen ist, den fehlenden großen Spannungsbogen aber nicht ausgleichen kann. So war das Buch zwar eine nette Lektüre, aber kein echter Renner.

_Natalie Lee Wood_ hat einen bunten Werdegang hinter sich: ein Studium in Graphic Arts und eines in Chirurgietechnik, außerdem Tätigkeiten als Fabrikarbeiterin, Truck- und Busfahrerin. Seit 1990 lebt sie in Paris als Schriftstellerin. Außer den genannten Romanen hat sie auch einige Kurzgeschichten geschrieben. Im Augenblick arbeitet sie an ihrem vierten Roman „Master of none“, der im September dieses Jahres erscheinen soll.

Bionda, Alisha (Hg.) / Borlik, Michael (Hg.) – Wellensang

Mit der Anthologie „Wellensang“ haben Alisha Bionda und Michael Borlik eine Sammlung von Kurzgeschichten zusammengetragen, die „nicht im Einheitsbrei der Masse untergehen sollte“.

Die Anthologie umfasst achtzehn Geschichten mit einem breit gefächerten Spektrum in der Thematik, es reicht von alten Kulturen über Märchen und Futuristisches bis zu typischen Fantasy-Motiven wie Zwergen und Drachen.
So erzählt „Das Lied der Krähe“ von einer geraubten und zur Ehe gezwungenen keltischen Fürstentochter, die grausame Rache an ihrem Entführer nimmt, die „Welt zwischen den Zeilen“ von einem Mädchen, das einen Weg aus seiner kalten und technisierten Welt sucht, „Wenn die Eiswölfe singen“ vom Kampf einer unvollständig ausgebildeten Hexe gegen die Eroberer ihrer Heimat, und „Dämonenbrut“ von einem Drachen, dessen Brut sich vom Angstschweiß der Menschen ernährt.
Einige Geschichten verknüpfen unsere alltägliche Welt mit einer Fantasiewelt, wie zum Beispiel „Mohnblumenkönigin“, andere spielen ganz in unserer, wie „Haus ohne Schlüssel“, oder ganz in einer Fantasy-Welt, wie „Heimkehr nach Kalipay“. Manche lassen uns schmunzeln, wie „La Belle et la Bête“, oder gruseln, wie „Zwischen 9 und 9“.

Zu den Schmunzel-Geschichten gehört „Die Tränen des blauen Gottes“. Zwei Gauner versuchen den Coup ihres Lebens: Sie wollen den Tempel des blauen Gottes berauben. Gläubige bringen dem Gott kostbare Opfer dar, Gold und Silberschmuck, mit Perlen und Juwelen verziert, um dafür mit seinen Tränen beschenkt zu werden, faustgroßen blauen Edelsteinen. Der kleinere der beiden Gauner hat ausgekundschaftet, dass diese Edelsteine keine echten Tränen sind, sondern von den Priestern durch die löchrigen Augenhöhlen der Götterstatue hindurchgereicht werden. Tatsächlich gelingt es den beiden, sich Edelsteine aus dem Tempel zu beschaffen….
Die Geschichte ist leicht und amüsant erzählt, trotz der Erzählkürze sind die beiden Gauner gut getroffen, auch wenn das Duo „klein und schlau“ gemeinsam mit „groß und eher langsam“ nicht ganz neu ist. Leider geht die eigentliche Ironie der Erzählung etwas verloren, weil das Ende zu früh absehbar ist, deshalb gehört diese Geschichte auch nicht zu den besten des Buches.

„Zolineks Geschichte“ ist eigentlich Erikas Geschichte, aber Zolinek ist derjenige, der sie erzählt. Zolinek ist ein Zwerg, der mit seiner Frau, einer Koboldin, als Kräuterverkäufer durchs Land zieht. Die beiden fanden Erika im Wald und päppelten das arme Wesen wieder auf. Erika fängt an, ihnen zu vertrauen, und erzählt ihnen, dass der für seine Grausamkeit berüchtigte Graf Sulak ihre ganze Familie ermorden ließ. Jetzt ist er hinter Erika her. Erika aber will nicht davonlaufen, sondern sich rächen, und macht sich auf die Suche nach jemandem, der ihr den Weg zu einem besonderen Berg zeigen kann. Dort wohnt ein Geist, den sie um Hilfe bitten will. Doch die Suche zieht sich in die Länge, und die Häscher kommen näher….
Was diese Erzählung auszeichnet, ist weniger die Handlung an sich als die liebevolle Erzählweise, in der die Geschichte vorgetragen wird. Zolinek erzählt mal drollig, mal ernst, und man kann beinahe die Kummerfalten auf seiner Stirn sehen, wenn er zum Ende kommt. Der Zwerg wird durch seine Worte richtig lebendig, was unter anderem daran liegt, dass er ebenso viel von sich und seiner Frau wie von Erika erzählt. Dieser Teil der Geschichte ist der interessantere, denn im Gegensatz zu der Handlung um Erika, die im Grunde nicht viel hergibt, sind die Beschreibungen des kuriosen Paares und seines Planwagens samt Mitbewohner einfallsreich und gelungen.

Zu meinen eindeutigen Favoriten gehört „Das Orakel“. Die junge Priesterin der Pinks, vogelähnlicher Wesen, sucht in jeder Vollmondnacht die Höhle ihres Gottes auf. In diesen Nächten öffnet sich die Tür zum Orakel, das vorhersagt, was in dieser Nacht geschehen wird. Denn in den Vollmondnächten passieren seit mehreren Mondzyklen jedes Mal irgendwelche Katastrophen…
Edgar Halverfeld wird seit mehreren Monaten von Albträumen geplagt, immer in den Vollmondnächten, und die ganze Nacht hindurch immer wieder. Alle Versuche wachzubleiben, sind gescheitert, schlag Zwölf schläft er ein und träumt jedesmal von entsetzlichen Katastrophen….
Hier lebt die ganze Geschichte voll von den beiden parallelen Handlungen, wobei der Teil um Edgar der kleinere ist. Die fremde Welt der Pinks ist nur knapp skizziert, gerade ausreichend, damit der Leser versteht, worum es geht, und doch fließen hier und da ein paar im Grunde völlig nebensächliche Details ein, mit der frappierenden Wirkung, dass man plötzlich das Gefühl hat, es ganz genau zu wissen. Tatsächliche Antworten erhält man aber kaum. Nur eine kurze Erklärung wird geliefert, warum die Welt der Pinks und die Edgars auf einmal durch eine Tür miteinander verbunden sind. Andere Fragen wie die nach dem Grund für Edgars Albträume und Ahnliches bleiben unbeantwortet. Die Geschichte erhält dadurch etwas Rätselhaftes. Gute Idee gut umgesetzt.

„Von Zähnen, Sternen und Feen“ hat zunächst überhaupt nichts Fantastisches an sich. Jeff verschluckt sich beim Frühstück an einem ausgebissenen Zahn. Sein letzter Milchzahn. Aber die Bemerkung seines Vaters über die Zahnfee bringt ein Fass zum überlaufen und es gibt Zoff. Was das Fass gefüllt hat, erfährt man allmählich, während Jeff die Schule schwänzt. Als er endlich abends im Bett liegt, erlebt er eine Überraschung.
Jeff hat offenbar nicht unbedingt das beste Zuhause, aber im Großen und Ganzen klingt das alles eigentlich ziemlich banal und alltäglich. Wenn da nicht das seltsame Verhalten von Jeffs Mutter wäre. Jeff grübelt darüber nach, ob sie wirklich trinkt, wie ein Klassenkamerad behauptet hat. Richtig gruselig wird es erst, als die Zahnfee auftaucht, und der Leser grübelt hinterher über etwas ganz Anderes nach: „War sie’s oder war sie’s nicht?“

Auch die Hauptfigur in „Die gläserne Stadt“ ist ein amerikanischer Durchschnittsjunge, und er läuft vor etwas davon, stürzt aber im Nebel und landet an einem unbekannten Ort. Er befindet sich an einem stillen, dunklen Fluss, und jenseits schimmert Licht. Dann taucht eine Gestalt auf, die eine Maske trägt. Sie ist gekommen, um Martin etwas zu zeigen, etwas jenseits des Flusses…
Die Geschichte hat große Ähnlichkeit mit einer Traumsequenz, ist aber nicht wirr und auch nicht beängstigend. Sie spiegelt eine Art Suche wieder, ein Verarbeiten von Verlust, eine Auseinandersetzung mit dem Tod. Auch hier bleiben Fragen offen, zum Beispiel, um wen es sich bei dem geheimnisvollen Maskierten handelt, aber die Botschaft ist eindeutig tröstlich.

Eine wirklich traurige Geschichte dagegen ist ein weiterer meiner Favoriten: „Heimkehr nach Kalipay“. Kalipay ist ein wunderbarer Ort, fast ein Paradies. Doch die Jungen werden mit zwölf Jahren aus Kalipay fortgeschickt, um in einer wüsten Ödnis nach seltenen Steinen zu graben. Für die Steine erhalten sie Punkte, und nur mit genügend Punkten dürfen sie nach Hause zurückkehren. Siebenundzwanzig Jahre schuftet Gashiah schon, und ist trotzdem noch unendlich weit vom Ziel entfernt. Nur weil er bereit ist, sich in tödliche Gefahr zu begeben, kann er schließlich seine Heimat wieder betreten. Doch das Paradies währt nur kurz…
Das Erstaunlichste an der Geschichte ist, dass Gashiah am Ende zufrieden ist so wie es ist, und das trotz all der Jahre des Schuftens und der Sehnsucht. Dieses Akzeptieren ohne jede Bitterkeit verleiht der Geschichte einen Hauch wehmütiger Melancholie und ihrem Helden innere Größe.

Auch wenn die angesprochenen Erzählungen nur ein Drittel des Buches ausmachen, dürfte die Vielfalt und Besonderheit der Sammlung deutlich geworden sein, und man darf den Herausgebern bescheinigen, dass sich diese Anthologie in der Tat von der Masse abhebt: Keine Abenteuerfahrten, kein Held, der als einziger die Welt retten kann, keine Schlachten, keine großen Zauberer. Alle Geschichten zeichnen sich durch ein begrenztes Umfeld aus, das sich mehr oder weniger stark auf die Hauptperson konzentriert. Es sind kleine Welten, die hier dargestellt sind, und kleine Geschehnisse, auch wenn sie große Folgen nach sich ziehen.
Der Grund dafür liegt sicher auch in der Erzählform der Kurzgeschichte. Im Vordergrund steht das Geschehen an sich, Landschaftsbeschreibungen oder detaillierte Charakterdarstellungen fehlen. Für epische Breite ist kein Platz. Kurzgeschichten sind Momentaufnahmen, sie neigen zur Unvollständigkeit, fangen mittendrin an und hören auch mehr oder weniger mittendrin auf. Im Gegensatz zum Roman, wo man ungeklärte Fragen als Manko empfindet, gehört dies hier durchaus dazu. Eine Kurzgeschichte macht sich nicht die Mühe zu erklären, sondern verlangt, dass der Leser selbst nach einer Erklärung sucht, Lücken ausfüllt, sich vielleicht ein eigenes Ende oder eine eigene Vorgeschichte ersinnt.
Das unterscheidet diese Anthologie auch von anderen wie zum Beispiel der Diebeswelt, die Robert Asprin ins Leben rief. Dort wurde eine gemeinsame Welt erschaffen, in der die Geschichten aller Autoren spielen, und die Geschichten wurden mehrfach fortgesetzt, wodurch die Diebeswelt schon wieder epische Ausmaße annimmt. In „Wellensang“ steht jede Geschichte und jede Welt für sich allein, und es gibt auch zu keiner eine Fortsetzung, sodass der Charakter der Kurzgeschichte erhalten geblieben ist. Dadurch kann man das Buch nicht einfach von vorne nach hinten durchlesen. Es empfiehlt sich, zwischen den einzelnen Geschichten Pausen einzulegen und das Gelesene nachwirken zu lassen.

Ich fand die Sammlung äußerst bemerkenswert. Im Allgemeinen liegen mir Kurzgeschichten nicht so sehr, ich ziehe Geschichten, die sich über längere Zeit entwickeln, den Anthologien vor. Diese war jedoch eine angenehme Abwechslung, sowohl in sich selbst als auch im Vergleich zu anderen Werken. Auch wenn ich vereinzelt Assoziationen zu bekannten Werken hatte, wie in „Das Lied der Krähe“ und „Zwischen 9 und 9“, ist der Großteil der Geschichten erfrischend unverbraucht und außergewöhnlich.
Bemerkenswert finde ich aber nicht nur die Geschichten, sondern auch die Illustrationen jeweils am Beginn der einzelnen Geschichten. Mal romantisch, mal als Karrikatur, geben sie wesentliche Teile der Geschichte wieder und fügen sich harmonisch ins Gesamtbild der Anthologie ein. Sehr gelungen.
Ebenfalls lobend erwähnen möchte ich das ausgezeichnete Lektorat des Buches, was leider immer weniger selbstverständlich wird.

„Wellensang“ trägt den Untertitel „Fantasy-Welten“.
Zu meiner Schulzeit unterschied man noch zwischen Fantastischer Literatur und Fantasy, wobei Fantasy als trivial galt und deshalb das Schmuddelkind war, das man bestenfalls nachsichtig belächelte. Literatur dagegen war, grob vereinfacht gesagt, interpretierbar.
„Wellensang“ zeigt, dass diese strenge Grenze offenbar durchlässig geworden ist. Viele der darin enthaltenen Geschichten zeigen deutliche Spuren fantastischer Literatur. Im Gegenzug hat der Begriff „Fantasy“ seinen abwertenden Beigeschmack verloren.
Stephanie Bense hat sich im letzten Kapitel des Buches die Mühe gemacht und versucht, den Bergen von Genres und Subgenres ein gewisses Maß an Ordnung und Erklärung zu geben. Es ist ihr gut gelungen, ich gestehe aber, dass es für mich persönlich nicht so wichtig ist, zu welchem Genre oder Subgenre eine Geschichte gehört. Wichtig ist, dass das Thema mich anspricht und die Geschichte gut erzählt ist. Von „Wellensang“ kann ich das fast ausnahmslos behaupten. Die Erzählungen kommen aus vielen verschiedenen Ecken, sodass für jede Vorliebe etwas Passendes dabei sein dürfte, und sie sind flüssig und gut erzählt. Was man jedoch vergeblich sucht, ist Action. Auch wer es gern monumental mag, wird hier nicht auf seine Kosten kommen.

Sowohl Alisha Bionda als auch Michael Borlik haben bereits mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht und auch bei diversen Anthologien mitgewirkt. Von Alisha Bionda ist der Fantasyroman „Regenbogen-Welt“ in Vorbereitung. Michael Borlik schreibt außerdem an seinem zweiten Roman. Zu beiden sowie auch zu den Autoren der einzelnen Geschichten und dem Illustrator findet man im Anhang des Buches eine Art Ministeckbrief.

http://www.alisha-bionda.de
http://www.borlik.de

Irwin, Valerie M. – Legende von Atlantis, Die

Der beliebteste Stoff für Fantasy neben der Artussage dürfte eine Erzählung sein, die bis in die Zeit der ersten Geschichtsschreibung überhaupt zurückreicht. Solon soll die Geschichte in einem ägyptischen Tempel auf einer Steinsäule entdeckt und abgeschrieben haben. Jahrhunderte später nahm Platon sich der Geschichte an. Sein „Kritias“ machte die Geschichte zum sagenhaften Mythos, um dessen Wahrheitsgehalt sich bis heute die Gelehrten streiten: Atlantis.
Neben vielen anderen Autoren, darunter Marion Zimmer-Bradley, hat sich auch Valerie M. Irwin des Themas angenommen. Ihre Version von Atlantis unterscheidet sich jedoch grundlegend von den meisten anderen. Sie wirkt wie ein Historienroman.

Ashinn ist ein junger Mann Mitte Zwanzig, der als Koch bei einem reichen Schiffbauer arbeitet. Er lebt ein ziemlich sorgenfreies Leben, genießt gutes Essen und Pferderennen, besucht gelegentlich seine Eltern und Freunde und liebt seinen Beruf. Doch eines Tages fällt ein Schatten auf diese zufriedene Welt: Das Gerücht kommt auf, dass der Meeresspiegel steigt, und bald ist es mehr als ein Gerücht. Ashinn, dessen Ziehvater Mitglied im Hohen Rat ist, gerät dadurch unversehens mitten in den Brennpunkt des Geschehens, denn Atlan soll an einem anderen Ort neu errichtet und die gesamte Bevölkerung umgesiedelt werden. Ein Mammutprojekt! Und Ashinn wird in den Rat des Neuen Atlan berufen, der dieses Projekt durchführen soll.
Allerdings hat das Projekt viele Gegner: eine Sekte, die sich „Die Diener“ nennt, hält die steigenden Fluten für eine Strafe des Sonnengottes En und die Umsiedlung von Atlan für Gotteslästerung. Ihr Einfluss wächst und macht die Arbeit für den Rat des Neuen Atlan zu einem Wettlauf nicht nur gegen die Zeit, sondern auch gegen sein eigenes Volk.

Valerie M. Irwin hat sich in vielem dicht an Platon gehalten, so in ihren Beschreibungen der Stadt und der Insel insgesamt, der Wasserversorgung u.a. Was allerdings bei Platon hauptsächlicher, ja alleiniger Grund für den Untergang Atlantis‘ war, nämlich der Zorn des obersten Gottes über die Gottlosigkeit der Atlanter, ist hier nur eine von zwei sich unversönlich gegenüberstehenden Überzeugungen, verkörpert vor allem in dem hohen Priester Diarr. Die Gegenposition wird vertreten von Narr, Ashinns Ziehvater, der nicht an Götter, sondern an die Vernunft glaubt. Der Streit zwischen diesen beiden gegensätzlichen Weltanschauungen wird zum größten Hemmnis bei dem Versuch der Atlanter, sich und ihre Kultur zu retten.
Den entscheidenden Ausschlag für das Misslingen des Versuchs jedoch gab schlicht menschliches Versagen.
Die Religion ist hier also nicht zum reinen Buhmann und alleinigen Bösen verkommen, wie es in vielen Romanen allzu oft der Fall ist. Zustimmung und Ablehnung ziehen sich durch alle Bevölkerungsschichten und Hierarchiestufen, sodass ein Schwarz-Weiß-Effekt vermieden wird.
In diese religiösen, politischen und ideologischen Konflikte ist die Geschichte von Ashinns Familie eingebunden und ergänzt sie durch die gesellschaftlichen Aspekte der atlantischen Kultur:
Sklaverei, Tafelrunden, die an mittelalterliche Gilden und Zünfte erinnern, Ehe und Konkubinat, gesellschaftliche Ereignisse wie Pferderennen und Festessen geben zusammen mit Ashinns persönlichen Erlebnissen dem Gesamtbild Leben und Farbe. In Ashinns Familie spielen sich ähnliche Konflikte ab wie im Hohen Rat: Diener gegen Vertreter der Wissenschaft, Religion gegen Vernunft, nur dass es hierbei nicht so sehr um Macht als um Gefühle geht, um Liebe, Eifersucht und verletzten Stolz.
Allein der Teil der Geschichte, in der sich herausstellt, dass Ashinn und Oriole verwandt sind, wirkt, wenn auch nicht wirklich unrealistisch, so doch zumindest leicht konstruiert.

Abgesehen vom Verlauf der Handlung sind auch die statischen Elemente gut gelungen. Der Entwurf der religiösen Weltsicht und die dazugehörigen Riten sind stimmig und außerdem in die allerdings nur knapp umrissene Vergangenheit eingepasst. Ähnlichkeiten mit dem, was wir von den alten Hochkulturen im Zweistromland und Mittelmeerraum kennen, sind gewollt.
Ashinns Arbeit und seine gelegentlichen Ausflüge in verschiedene Viertel Atlans, sowie aufs Land und zur Nachbarinsel Xetlan, wo er Oriole abholt, beleuchten alle Gesellschaftsschichten, sodass man ein lebhaftes Bild von der Stadt und ihren Bewohnern erhält.
Die Charaktere sind ebenfalls überzeugend gezeichnet. Gekonnt hat die Autorin Aktion und Reaktion ineinander verzahnt und dadurch ein glaubwürdiges Geflecht von Beziehungen geschaffen, so zum Beispiel zwischen König Rastinn, der nichts mehr fürchtet als einen Putschversuch seines Halbbruders, und Prinz Ivorr, der daran überhaupt nicht denkt, sondern einfach nur Atlans Bevölkerung retten will; zwischen Ashinns Ziehvater Narr, dem Atheisten und Forscher, der gerade einen Dampfwagen erfunden hat, und seiner Frau Ocean, die früher zur Dienersekte gehörte und sich für so gut wie nichts interessiert, am allerwenigsten für Technik; zwischen Oriole und ihren Eltern, von denen sie sich rigoros abgrenzt, weil sie sich von beiden ständig in entgegengesetzte Richtungen gedrängt fühlt; und Diarr, der Hohepriester, der zwar fast außerhalb aller Beziehungen zu stehen scheint, aber dessen eindimensionale Denkweise, Dogmatik und Gnadenlosigkeit trotzdem klar herausgearbeitet sind.

So hat die Autorin es verstanden, ein Szenario zu entwerfen, das nicht nur realistisch, sondern in manchen Dingen, wie z. B. Elendsviertel und Überbevölkerung, geradezu modern wirkt. Und wenn, wie ein Teil der Wissenschaft glaubt, Platon sein Kritias nicht als Historienbericht sondern als Utopie, als Belehrung, geschrieben hat, dann ist Valerie Irwins Atlantis ein Exempel dafür, wie eine äußere Gefahr zur Krise und zum Untergang einer ganzen Kultur führen kann, wenn die Verantwortlichen nicht die Kraft und innere Größe haben, die Dinge sachlich und frei von persönlichen Gefühlen und Ideologien zu betrachten, sondern sich statt dessen in kleinlichen Rivalitäten und Machtkämpfen verzetteln.

Die gesamte Geschichte ist eingebettet in einen wissenschaftlichen Bericht über die Entdeckung von beschriebenen Tontafeln in Cornwall, und läßt den Verfasser dieser Tafeln, Ashinn, seine Geschichte selbst aus seinen Erinnerungen erzählen. Anfangs holpert der Erzählfluss ein wenig, da Ashinn sich immer wieder selbst unterbricht, um allgemeine Erklärungen und Beschreibungen über das Leben in seiner Stadt einfließen zu lassen, die für das Verständnis der Ereignisse wichtig sind, doch diese Unterbrechungen hören irgendwann auf, und Ashinn entwickelt sich zu einem guten Erzähler. Alle Erzählstränge sind gekonnt miteinander und ineinander verwoben und ergeben das detailliert ausgearbeitete Bild einer Natur- und menschlichen Katastrophe, eine Geschichte von religiösem Fanatismus, von Machtmissbrauch und politischem und menschlichem Versagen.

Alles in Allem kann man das Buch getrost als gelungen bezeichnen. Das Holpern am Anfang und die konstruierte Verwandtschaft zwischen Oriole und Ashinn stören nur wenig, und der realistische Entwurf, der ohne übliche Fantasy-Elemente wie Magie und mythische Wesen auskommt, hebt es aus der Masse heraus und macht es zu einer interessanten Abwechslung. Die Autorin schreibt flüssig und eher schlicht, aber durchaus lebendig, und auch wenn der Spannungsbogen sich nur allmählich aufbaut, wird es nie zäh oder flach. Durchaus empfehlenswert.

Valerie M. Irwin ist ein Pseudonym und „Die Legende von Atlantis“ scheint das einzige Buch zu sein, das sie unter diesem Pseudonym veröffentlicht hat. Informationen über die Autorin, wie eine Homepage o.ä., waren nicht zu finden.

http://home.pages.at/yoman/atlantis/platon.htm

Paxson, Diana L. – Zauber von Erin, Der

Nachdem ich Diana Paxsons [Zyklus]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=213 über König Artus gelesen hatte, lag es nahe, auch ihre Version von Tristan und Isolde zu lesen, die oft mit der Artussage in Zusammenhang gebracht wird. Auch hier beginnt die Geschichte sehr früh, weit vor dem Zeitpunkt, zu dem Esseilte nach Britannien reist, um dort König March von Kernow zu heiraten.

Der Anfang der Erzählung liegt dort, wo auch der Anstoß zur Entwicklung der ganzen Geschichte liegt: an jenem Samhain, als der Bruder der irischen Königin Mairenn und Recke des Hochkönigs Diarmait Irland verlässt, um einen Beutezug an Britanniens Küste zu unternehmen. Dort fällt er im Zweikampf mit Drustan, dem Recken des Königs von Kernow. Doch auch der Brite wurde verwundet und sucht inkognito Heilung in der Heimat seines Widersachers. Dort begegnet er zum ersten Mal Esseilte und ihrer Ziehschwester und Cousine Branwen.

Als Drustan den irischen Königshof zum zweiten Mal aufsucht, ist er in einer offiziellen Mission unterwegs: als Brautwerber für König March. Diesmal erfährt Esseilte, wen sie vor sich hat, und ist kurz davor, ihren Onkel zu rächen, indem sie den Kerl einfach mit seinem eigenen Schwert umbringt. Aber sie tut es nicht.

Das zweite Mal versucht sie es auf dem Schiff, das sie nach Britannien bringen soll. Sie will Drustan vergiften. Doch ihre Cousine Branwen hat in ihrem Kräuterkasten nicht nur Medizin und Gift, sondern auch einen besonderen Trank, den sie ebenfalls mit Gift beschriftet hat, um andere fernzuhalten. Und eben diese Flasche erwischt Esseilte bei ihrem Mordversuch. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf …

Wie bei der Artussage legte die Autorin ihrer Erzählung gründliche Recherchen über die damalige Zeit und die dazugehörigen Geschehnisse zugrunde. So spielt ihre Version von Tristan und Isolde nicht zu Artus‘ Zeiten, sondern eine Generation später. Und wie bei ihrer Artussage pflegt sie auch hier wieder ihren knappen, spartanischen Schreibstil.

Was allerdings bei der Artus-Sage nur mäßig störte, ist in diesem Fall ein Stolperstrick! Der Grund liegt in dem völlig verschiedenen Erzählstoff. Die Artussage hat viele Facetten: Die Vorgeschichte von Merlin, Uther und Igraine, die Sachsenkriege, Artus‘ Schwester, sein Sohn, Gwendivar … genügend Stoff, den man auch in sachliche, präzise Worte kleiden kann, ohne dass er dadurch viel verliert. Tristan und Isolde jedoch ist vor allen Dingen eine romantische Liebesgeschichte. Ein solcher Stoff leidet unter einem solchen Stil erheblich!

Diana Paxson hat ihre Geschichte aus der Sicht von Branwen erzählt, und zwar in der Ich-Form. Naturgemäß erfährt der Leser von der Gefühlswelt der eigentlichen Protagonisten Esseilte und Drustan also nur aus Beobachtung und deren Worten. Aber auch die wirken eher trocken. Schon die Angelegenheit mit dem Trank, der die beiden zu Liebenden macht, ist sehr verschwommen. Zunächst hört es sich so an, als sei die Wirkung lediglich vorrübergehend, um Esseilte den Anfang einer widerstrebenden Ehe und die erste Nacht mit einem ungewollten Mann zu erleichtern. Warum sich die Wirkung dann plötzlich so ausweitet, wird nicht erklärt, auch keine anderen Erklärungen für die unzerreißbare Bindung zwischen den beiden wird geboten, zumal Esseilte Drustan ja zunächst hasst!

Aber davon abgesehen: eine Liebesbeziehung, die so leidenschaftlich ist, wie die Sage es in diesem Fall erzählt, muss sich wesentlich deutlicher ausdrücken, als das hier der Fall ist! Obwohl die Liebe der eigentliche Gegenstand der Erzählung ist, kommen Zorn und kalte Ablehnung stärker zum Ausdruck als die Liebe, um die es geht! Das Benehmen und die Entscheidungen der beiden Liebenden verlieren dadurch an Nachvollziehbarkeit, erscheinen kindisch und unreif. Der Leser versteht nicht ganz, was das alles eigentlich soll, und warum die beiden sich so anstellen.

Auch die Personen als solche wirken manchmal wie fehlbesetzte Schauspielrollen. Wenn Esseilte mit ihrem Schicksal hadert, weil sie als Frau nur so wenig Möglichkeiten hat, in einem Heldenlied verewigt zu werden, wirkt sie wie ein verwöhntes, unzufriedenes Gör, später dagegen kommt sie mir manchmal vor wie ein albernes Gänschen, das zu nicht mehr fähig ist, als Drustan anzuschmachten. Dadurch erscheint ihr Zornausbruch, als sie von Drustans Vermählung erfährt, geradezu aufgesetzt und unecht, zumal sie sich, kaum dass sie ihn wiedersieht, mit ihm versöhnt. Dieser Esseilte fehlt es ganz entschieden an Charakterstärke! Nur fordern, das kann sie gut.

Mit Drustan ist es nicht viel besser. Die Selbstironie, die ihm am Anfang einen sympathischen Zug verleiht, bleibt im Laufe der Erzählung ziemlich auf der Strecke. Er ist hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu Esseilte und seinem König, zumindest sollte er das sein. Da aber der Liebesgeschichte an sich schon das Feuer fehlt, fehlt sie auch Drustans innerer Zerrissenheit, sodass von der Tragik seiner Situation nicht viel mehr übrig bleibt als bestenfalls Selbstmitleid. Ich würde ihn nicht direkt als Schwächling bezeichnen, denn stellenweise zeigt er durchaus Charakter, allerdings entsteht dadurch eine Diskrepanz zwischen dem Liebhaber Esseiltes und dem übrigen Drustan, eine Unstimmigkeit, die die Darstellung dieser Person stört wie … wie ein blauer Löwenzahn oder ein schwimmendes Huhn.

Selbst Branwen, die ja als Erzählerin fungiert, ist blass und leblos. Das kann im Grunde nicht anders sein, denn da die Autorin ihr ihre kühlen, distanzierten Worte in den Mund legt, wirkt Branwen eben auch so kühl und distanziert. Bei Branwen driften Sprachstil und Wortbedeutung am weitesten auseinander. Sie erzählt von ihrer unerfüllten Liebe zu König March, von ihrem Hass auf ihren Peiniger Keihirdyn und von ihrer steten Furcht, dass Esseilte und Drustan entdeckt werden könnten, und das alles oft so unbeteiligt, als ginge es sie gar nichts an. Immerhin verleihen ihr die Mühen, die sie damit hat, ihren Eid zu halten und die beiden Liebenden zu decken, eine gewisse Würde und zeigen ihre innere Stärke. Zumal die beiden diese Unterstützung durch Branwen ziemlich selbstverständlich zu finden scheinen!

Dass die Hauptpersonen der Geschichte so schwächeln, ist ein schwerwiegendes Manko des Buches, denn an äußerer Handlung gibt es nicht allzu viel zu erzählen. Nur ein einziger Kampf wird beschrieben, der im Hof von Marchs Burg in Armorica stattfindet und sehr kurz ist. Zwar führt König March immer wieder Kriege, doch da die Geschichte von Branwen erzählt ist, erfährt man darüber fast nichts, und was man erfährt, ist manchmal eher verwirrend. Karten und Stammbäume sind hier nicht nur ein nettes Feature. Ansonsten kommen noch eine Ernteszene und zwei Jagdszenen vor, das war’s.

So kommt es, dass die Geschichte zu dem Zeitpunkt, wo sich die Geschehnisse quasi zu einem gordischen Knoten verheddern und es eigentlich spannend oder zumindest mitreißend werden sollte, anfängt langweilig zu werden! So interessant es war, die Entstehung all der Verwicklungen nachzuvollziehen, so uninteressant ist es später, die immer neuen Varianten geheimer Treffen zu erfahren. Da hilft es auch nichts, dass Esseilte und Drustan zweimal haarscharf an der Entdeckung vorbeischrammen, eh man sie tatsächlich erwischt. Bei einer so blutleeren Geschichte kann man einfach nicht mitfiebern.

Das Einzige, was wirklich gut rübergebracht wird, sind die Teile der Geschichte, die mit der keltischen Kultur und Religion zusammenhängen: das Drachenritual, die Beltanenacht, in der Branwen die Stelle Esseiltes einnimmt und andere, die mit Visionen oder Zauberei zu tun haben. Hier bewegt sich die Autorin auf sicherem Boden, und das spürt man.

Bleibt zu sagen, dass das Buch eher hinter meinen Erwartungen zurückblieb, ich fand es bei weitem nicht so gelungen. Um meinen Vergleich vom letzten Mal (Artussage) nochmal zu bemühen: Dieses Buch ist eine vage Bleistiftskizze in einem faden Rahmen. So sehr ich Diana Paxsons Bemühen um Echtheit und Autentizität schätze, glaube ich doch, auf Dauer ist mir ihr Schreibstil zu herb und zu trocken. Ein bisschen lebendig sollten die Geschichten schon sein, sonst kann ich auch gleich ein Sachbuch lesen. Aber zu einem solchen Thema gehört auch so etwas wie Poesie, und zwar nicht nur in den Liedern, die Drustan zum Besten gibt. Die Sprache einer Juliet Marillier hätte zu diesem Stoff wesentlich besser gepasst.

_Diana Paxson_ lebt in den USA, wo sie die populäre Mittelalterbewegung mitgegründet hat. Unter anderem ist sie eine führende Vertreterin der dortigen neuheidnischen Religionsbewegung. Die damit verbundenen Kenntnisse werden in ihren Büchern deutlich spürbar. Außer der Reihe der Herrinnen hat sie den Romanzyklus „Die Töchter der Nibelungen“, „Die Keltenkönigin“ und weitere Romane veröffentlicht. Desweiteren schrieb sie viele Kurzgeschichten, sowie Theaterstücke und Gedichte.

Paxson, Diana L. – Herrin vom See, Die (Artor 1)

Diane L. Paxson, die viel mit Marion Zimmer-Bradley zusammengearbeitet hat, hat auch eine eigene Version der Artussage veröffentlicht.

Der erste Band „Die Herrin vom See“ beginnt weit vor Artus‘ Zeit, als die Sachsen gerade beginnen, Britannien zu erobern. Er erzählt davon, wie zwei Frauen zwei besondere Kinder zur Welt bringen. Die eine gebiert ein Mädchen, dem sie den Namen Igraine gibt. Ihr ist es bestimmt, einst Herrin vom See zu werden wie ihre Mutter, nachdem sie den König geboren hat, der Britannien einen und befrieden soll. Das andere Kind ist ein Junge, unter geheimnisvollen Umständen gezeugt und mit außergewöhnlichen Fähigkeiten begabt. Getauft wurde es Ambros, doch berühmt wurde es unter dem Namen Merlin. Er erzählt von Vitalinus und Uther, in deren Diensten Merlin als Seher stand, von ihren vergeblichen Versuchen, Britannien gegen die Sachsen zu verteidigen, und von Merlins Beziehung zu Artus, der in Unkenntnis seiner Herkunft bei Zieheltern aufwächst, bis er auf einer Versammlung, die nach Uthers Tod den neuen Hochkönig wählen soll, aus Versehen das Schwert aus dem Stein zieht.

Der zweite Band „Die Herrin der Raben“ fängt etwas früher an, als der erste Band endet. Oesc, ein junger Sachse, dessen Vater und Großvater bereits gegen Vitalinus und Uther kämpften, kommt mit seinem Vater und der Sippe seiner Mutter nach Britannien, weil seine Heimat vom Meer überflutet wird. In seiner ersten Schlacht gerät er in Artus‘ Gefangenschaft und wird von ihm als Geisel behalten. Der frischgebackene Hochkönig und der junge Sachse freunden sich an. Dann stirbt Hengest, Oescs Großvater. Sein Vater ist in einer Schlacht gegen Uther gefallen. Artus schickt Oesc zu seinem Volk zurück, damit er Hengests Thron besteigt, und er kommt sogar zu seiner Hochzeit. Doch einer seiner britischen Fürsten ist unzufrieden damit, wie Artus mit den Sachsen umgeht. Er raubt Oescs junge Frau und seinen kleinen Sohn und entführt sie. Das hat einen blutigen Aufstand zur Folge.

Der dritte Band „Die Herrin von Camelot“ beginnt nach diesem Aufstand. Nachdem die Sachsen nun großteils befriedet sind, denkt Artus daran, eine Königin zu küren. Seine Mutter, die Herrin vom See, weiß, welches Mädchen ihm bestimmt ist, und so heiratet Artur Gwendivar. Aber seine Schwester Morgause, die seit ihrer Kindheit eifersüchtig auf ihren Bruder ist, hat an einem der hohen Feste der Kelten in einer rituellen Vereinigung einen Sohn von ihm empfangen und zur Welt gebracht. Mit vollem Bedacht offenbart sie ihrem Bruder dies unmittelbar vor der Hochzeitsnacht. Artus ist so entsetzt, dass er sich nicht in der Lage sieht, seine Frau anzurühren. Aber nicht nur, dass Morgause vorhat, ihren Sohn zu einer Waffe gegen Artus zu machen, sie will außerdem erreichen, dass ihre Mutter sie endlich in ihr Erbe einweiht, die Geheimnisse der Herrin vom See. Sie will oberste Priesterin und Hochkönigin sein!

Der letzte Band „Die Herrin der Insel“ erzählt, wie Modred an Artus‘ Hof kommt, wie Artus, einem alten Eid Folge leistend, nach Gallien aufbricht und dort jahrelang gegen die Franken kämpft, bis ihm in Britannien fast seine Herrschaft abhanden kommt, und von dem endgültigen Kampf, der nach seiner Rückkehr in Großbritannien entbrennt.

Die Artussage ist unzählige Male nacherzählt worden, in allen möglichen Variationen von 0815-Fantasy bis zu fast historisch anmutenden Romanen. Der berühmteste dürfte „Die Nebel von Avalon“ sein, an dem die Autorin selbst mitgearbeitet hat. Diese Reihe unterscheidet sich grundlegend von allen anderen. Die meisten Erzählungen lassen entweder den historischen Hintergrund völlig außer Acht, oder sie erzählen die Geschichte in Anlehnung an die berühmten Dichtungen von Geoffrey of Monmouth und Chrétien de Troyes. Diese wurden gegenüber den historischen Berichten, die es zu diesem Thema gibt, jedoch um einiges erweitert, unter anderem um den Begriff der Tafelrunde und die Gralssage, sowie einige Personen, zu denen unter anderen auch Ritter Lancelot gehört. Das in diesen Dichtungen beschriebene Umfeld von Turnieren und Minne, verewigt in den Geschichten von Gwendivar und Lancelot sowie Tristan und Isolde, entspricht somit eher der hochmittelalterlichen Zeit der Verfasser als der, in der die Geschichte tatsächlich spielt, nämlich zur Zeit der Völkerwanderung. Diana Paxson hingegen hat sich in ihrer Version die Artussage von den durch die Dichtung schon fast zur Symbolik überhöhten Idealen losgelöst, sie sozusagen auf ihre Ursprünge reduziert. Ihr Camelot ist keine großartige Burg, sondern eine eisenzeitliche Festung, eine mit Mauern umgebene und durch Palisaden geschützte Ansammlung von mit Riet gedeckten Rundhütten, deren größte die Versammlungshalle ist. Das einzige „Turnier“, von dem sie berichtet, ist lediglich eine Reihe von Zweikämpfen zu Fuß, die sozusagen als Entspannungsübung zwischen die Sitzungen einer Ratsversammlung geschoben wurden, und in einem alten römischen Amphitheater stattfinden. Die hochmittelalterliche Minne ist in der stillen Verehrung Gwendivars durch Bediver, Artus‘ besten Freund, lediglich vage angedeutet. Dementsprechend ist hier nicht das Schicksal schuld an Artus‘ Ende, auch nicht Gwendivars Ehebruch mit Lancelot oder die Auflösung der Tafelrunde durch die Suche nach dem Gral, sondern schlicht und ergreifend eine Revolution, angezettelt von einem ehrgeizigen Mann, der Artus‘ Thron und Frau will.

Das Hauptaugenmerk ruht dadurch auf dem Ablauf des Geschehens an sich, was nicht heißen soll, dass es eine pure Auflistung von verschiedenen Schlachten ist. Der Erzählverlauf ist vielmehr großteils von derjenigen Person abhängig, aus deren Sicht erzählt wird. Im ersten Band wird hauptsächlich aus Merlins Sicht und später gelegentlich auch aus der Igraines erzählt, und so umfasst er außer dem eigentlichen Erzählstrang, wie es zu Artus‘ Geburt und Königtum kam, auch einiges über den geheimnisvollen Zauberer Merlin und das Schwert Excalibur. Der zweite Band zeigt durch seinen Helden Oesc die Sachsenkriege hauptsächlich aus der Sicht der Sachsen und beleuchtet gleichzeitig die Anfangszeit von Artus‘ Regierung und die Entstehung der engen Freundesclique um ihn, die aus seinem Halbbruder Gai, Oesc, dem Bretonen Bediver und dem Iren Cunorix sowie Morgauses älteren Söhnen besteht. Im dritten Band stehen Gwendivar und Morgause im Vordergrund. Hier teilt sich die Erzählsicht zum ersten Mal spürbar in zwei Stränge: den um die unerfüllte Ehe von Gwendivar und ihrem Bemühen, ihren Platz als Königin vor allem vor sich selbst zu finden, und den von Morgause, die sich in ihrer Machtgier an die Pikten wendet, um deren Magie zu erlernen, und gegen Artus intrigiert. Diese Splittung setzt sich im letzten Band noch fort, der zwar großteils aus der Sicht von Modred und Gwendivar erzählt ist, aber oft auch Absätze von Merlin, Morgause und Artus aufweist. Durch die starke Gewichtung der eigentlichen Ereignisse tritt aber nicht nur die tragisch-romantische Sicht in den Hintergrund, es wird auch der Einfluss der jahrhundertelangen Fremdherrschaft durch die Römer deutlicher spürbar. Alles in allem ist es der Autorin so gelungen, eine sehr hohe Authentizität zu erreichen. Das einzige Zugeständnis, das sie an die mittelalterlichen Dichter gemacht hat, war die Erwähnung des Gralsmysteriums, aber natürlich vor dem Hintergrund einer keltischen Deutung, keiner christlichen.

Auch sprachlich ist die Reihe ungewöhnlich. Während die Autorin Stimmungen durchaus manchmal spielerischer umschreibt, zeichnet sich ihr Stil ansonsten eher durch Sachlichkeit aus. Sie schreibt knapp und präzise, fast schon spartanisch. Alle Situationen und Handlungen ihrer Charaktere, auch ihre Gedanken und Gefühle, sind auf das absolut Notwendige reduziert, um Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten. Das macht die Lektüre etwas trocken. Stellenweise hatte ich beim Lesen echte Durchhänger, weil mich der Text nicht wirklich gefangen nehmen konnte, geschweige denn mitreißen. Der Anfang war interessant, weil er mir neu war, im Übrigen unterlag die Erzählung manchmal dem Paradoxon, zu lang zu sein, obwohl beziehungsweise weil sie so straff und knapp erzählt war. Den Figuren fehlten Leben und Farbe. Da Diana Paxson an „Die Nebel von Avalon“ mitgeschrieben hat, nehme ich mir diesmal die Freiheit, einen wirklichen Vergleich zu ziehen, den ich mir von ihr selbst leihe: Die Reihe der Herrinen wirkt neben den Nebeln wie die erdigen Farben eines piktischen Kilts neben den leuchtenden Farben einer britischen Dalmatika. Oder, um es mit eigenen Worten auszudrücken: Die Reihe der Herrinnen ist ein etwas blasses Bild in einem sehr gelungenen Rahmen, während die Nebel ein Bild in so lebhaften Farben darstellen, dass sie ohne Rahmen auskommen. Sollte ich jetzt allerdings sagen, welches von beiden mir besser gefällt, hätte ich ein Problem. Sie sind beide auf ihre Art sehr gelungen. Paxsons Version fehlt die zwanghafte Unvermeidlichkeit, die Bradleys Version anhaftet, deren Vielschichtigkeit und Intensität. Dafür ist sie bodenständiger, ursprünglicher und umfassender, nicht zuletzt durch das ausführliche Glossar im ersten und dritten Band. „Die Nebel von Avalon“ ist ein Epos, die Reihe der Herrinen ist etwas, wofür es eigentlich keinen eigenen Namen gibt… So etwas, wie eine Dokumentation in Romanform, eine Mischung aus informativem Sachtext und Erzählung. Ich würde sagen, sie ergänzen sich. Und es schadet durchaus nicht, sie beide zu lesen. Wer allerdings keines von beiden kennt, dem würde ich empfehlen, die Reihe der Herrinnen zuerst zu lesen. Und sich Zeit zu lassen für die jeweils gut 1100 Seiten, die beide Versionen umfassen.

Diana Paxson lebt in den USA, wo sie die populäre Mittelalterbewegung mitgegründet hat. Unter anderem ist sie eine führende Vertreterin der dortigen neuheidnischen Religionsbewegung. Die damit verbundenen Kenntnisse werden in ihren Büchern deutlich spürbar. Außer der Reihe der Herrinnen hat sie den Romanzyklus „Die Töchter der Nibelungen“, „Die Keltenkönigin“ und weitere Romane veröffentlicht. Desweiteren schrieb sie viele Kurzgeschichten sowie Theaterstücke und Gedichte.
Die unten angegebene Homepage war wegen „Bauarbeiten“ zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung noch nicht erreichbar.

Die Herrin der Raben: ISBN 3-404-20466-2
Die Herrin von Camelot: ISBN 3-404-20484-0
Die Herrin der Insel: ISBN 3-404-20492-1

http://www.diana-paxson.com/

Winkler, Dieter – magische Reich, Das (Wolfgang Hohlbeins Enwor – Neue Abenteuer 1)

Mit „Das magische Reich“ hat Piper eine weitere Fortsetzung zu Wolfgang Hohlbeins Enwor-Zyklus veröffentlicht. Die Enwor-Welt ist ein gemeinsames Kind von Wolfgang Hohlbein und Dieter Winkler, wobei die eigentliche Schreibarbeit bisher hauptsächlich von Herrn Hohlbein geleistet wurde. „Das magische Reich“ ist der erste Band aus Herrn Winklers Feder.

Der junge Daart ist zusammen mit seiner Partnerin Carnac auf dem Weg nach Irapûano. Offiziell befinden sie sich auf ihrer Erweckungsreise, aber nebenbei haben sie auch noch einen dringlichen Auftrag: die Essenz des Lebens zu besorgen. Obwohl sie beide noch nicht geweiht sind, tragen sie echte Sternenstahlschwerter, ein Zeichen, wie dringlich die Mission ist. Denn Enwor droht im Chaos zu versinken, und die Satai verlieren mehr und mehr die Kontrolle.
Der Gnom, der die beiden unfertigen Krieger führen soll, scheint allerdings den Weg nicht zu kennen. Zusätzlich zu diesem Ärgernis sind sie kurz davor, in einen Schneesturm zu geraten. Dann stürzt Daart ab. Er überlebt, wacht aber zu seiner großen Überraschung mitten im Dschungel wieder auf. Der Führer ist noch da, offenbar an derselben Stelle abgestürzt, aber Carnac ist verschwunden. Daart macht sich auf die Suche und trifft dabei auf Irana, die von sich behauptet, zum Orden der Prophetinnen zu gehören. Ihre Anwesenheit an diesem Ort – und nicht nur die – wirft für Daart eine Menge Fragen auf, doch er kommt nicht dazu, sie zu stellen, denn sie werden angegriffen. Ihre halsbrecherische Flucht ist der Auftakt zu einem endlosen Verwirrspiel. Beide landen letztendlich in Nyingma, der Festung und Hauptstadt der Aralu, und in der Gewalt von Nubina, deren Herrscherin. Nubinas Macht beruht auf Schein und Täuschung, und schon bald weiß Daart nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Dabei kann er sich Zweifel überhaupt nicht leisten. Sein und Iranas Leben stehen auf dem Spiel und nebenbei auch noch das Schicksal von ganz Enwor, denn Nubina strebt nach Unsterblichkeit, nach der Essenz des Lebens, die sie durch Zelebrieren der Großen Zeremonie gewinnen will. Um jeden Preis müssen Daart und Irana die Durchführung dieser Zeremonie verhindern. Auf dem Weg dorthin begegnet Daart seinem schlimmsten Alptraum…

Der Hauptteil des Buches dreht sich um Daarts Kampf gegen Halluzinationen, Sinnestäuschungen und nicht greifbare Wahrnehmung. Nichts ist so, wie es scheint, alles wirkt verdreht, unwirklich und bizarr. Eine solche Welt lässt, zumindest bis zu einem gewissen Grad, etwas zu, was sonst nicht einmal in der Fantasy möglich wäre: das Aushebeln der Logik. Die Handlung ist vergleichbar mit einem Traum. Eine Person, die ursprünglich als Frau erschien, ist plötzlich ein Mann und dann wieder einen Frau; Tote leben wieder; Personen tauchen auf, sind plötzlich wieder verschwunden, um dann anderswo wieder aufzutauchen; und das alles nicht unbedingt in einem erkennbaren Zusammenhang. Das einzige, was von Anfang an klar ist, ist die Tatsache, dass den Sinnen an diesem Ort nicht zu trauen ist, am allerwenigsten den Augen. – Erzählt wird die Geschichte konsequent aus Daarts Sicht. Was mit den anderen geschieht, während sie voneinander getrennt sind, erfährt man also nicht. Man ist ganz auf die Sinne Daarts angewiesen, und Irana, die offenbar weiß, worum es bei all dem geht, beantwortet seine Fragen nur ausweichend und diffus. Dieser Umstand, zusammen mit der teilweise überstürzten Handlung, zwingt den Leser in dieselbe Verwirrung, die Daart empfindet. Das macht es ziemlich hautnah, allerdings bleibt durch eben diese aufgezwungene Verwirrung die Spannung auf der Strecke. Man ist als Leser viel zu sehr mit dem Versuch beschäftigt, Ordnung und einen gewissen Sinn in dieses Chaos zu bringen, um der Zuspitzung auf das Ende folgen zu können. – Für die Charaktere bleibt in diesem actionlastigen Wirrwarr nicht viel Raum. Daarts Person erhält als einzige ein wenig Profil durch die immer wieder einfließenden Erinnerungen, die sein Fühlen einigermaßen nachvollziehbar machen, andererseits geht durch sein verwirrtes Denkvermögen auch wieder einiges an Charakterzeichnung verloren. Von Nubina dagegen erfährt man überhaupt nichts, außer, dass sie offenbar größenwahnsinnig ist. Auch Harkon, der Führer und Gnom, bleibt ziemlich blass. Alle anderen vorkommenden Personen sind nur Randerscheinungen, wenn man so will eher Requisite als Darsteller.

So viel Freiheit ein Szenario wie das obige dem Autor auch bieten mag, es ist trotzdem nicht ganz ohne Tücken. Es besteht die Gefahr, dass der Autor selbst den Überblick verliert. Von einem Alptraum erwartet man nicht, dass er sich nach dem Aufwachen durch ein paar Antworten plötzlich erklären lässt, insofern spielt es keine Rolle, wenn man nicht erfährt, ob Nubin und Nubina nun eine oder zwei Personen waren. Aber manchmal gelten die Gesetze der Logik eben auch für einen Albtraum, und zwar dann, wenn das Geschehen nicht wirklich ein Traum ist, sondern nur albtraumähnliche Züge trägt. Die Grenzen zwischen Realität und Traum sind in „Das magische Reich“ größtenteils verwischt, das ist natürlich Absicht und im Großen und Ganzen auch gut gemacht. Aber es ist kein reiner Traum, wie sich am Ende herausstellt. Der Handlungsablauf muss sich also dem Anspruch stellen, in sich schlüssig zu sein, und das ist er nicht immer. Dass zum Beispiel jemand, der gemäß seiner eigenen Aussage die Kunst der Illusion selbst nur sehr unvollkommen beherrscht, tatsächlich in der Lage sein soll, einen Meister dieser Kunst damit zu täuschen, wie Irana es tat, kommt mir irgendwie unwahrscheinlich vor. Nun, dafür könnte man vielleicht eine Erklärung konstruieren. Ein zweiter Punkt ist, dass Zar`Toran, ein Magier, den Daart aus seiner Kindheit kennt, plötzlich wieder auftaucht, obwohl er eigentlich tot sein sollte. Vielleicht liegt der Schlüssel dazu im vorhergehenden Band. Der dritte und störendste Punkt aber ist die Frage: wozu eigentlich dieses ganze Theater? Laut Iranas Aussage dient alles, was Nubina mit Daart anstellt, nur dazu, seinen Willen zu brechen, um Informationen preis zu geben, die er nicht verraten darf. Tatsächlich will Nubina aber etwas ganz anderes von Daart, nämlich, dass er Irana für sie tötet, die eine Bedrohung für sie darstellt. Warum braucht sie Daart dafür? Sie hätte Irana mehrfach selbst ausschalten können und Daart gleich dazu, oder das von ihren Kriegern erledigen lassen können. Diese Tatsache lässt die gesamte Handlung aufgebläht, umständlich und überflüssig erscheinen, etwas, das ich auch schon bei anderen Hohlbein-Büchern festgestellt habe, und es wäre gut, wenn zumindest im nächsten Band dem Autor gute Gründe dafür einfallen. – Abgesehen von all dem muss ich sagen, irgendwie habe ich den Eindruck, dass einige Ideen auf fremdem Mist gewachsen sind. Dass die Landkarte von Enwor der des nordamerikanischen Kontinents verblüffend ähnelt, ist dabei das Geringste, sowas kennen wir bereits von Xanth. Gleichzeitig klingt aber der Name des Magiers Zar`Toran doch sehr nach Kal`Torak, dem finsteren Gott aus Eddings Elenium-Saga, und auch die Opferriten erinnern daran, auch wenn das Feuer hier einen stärkeren Einfluss hat als bei Eddings. Der Gezeitenwurm ist mir, wie ich meine, ebenfalls schon mal irgendwo begegnet.

Sprachlich gesehen ist das Buch ziemlich leicht zu lesen, wobei sich Winklers Sprach- und Erzählstil nicht sehr von Hohlbeins unterscheidet. Er schreibt etwas straffer und temporeicher, aber größere Unterschiede gibt es nicht, auch nicht in der Gewichtung von Handlung zu Personendarstellung. Negativ ist mir aufgefallen, dass es an manchen Stellen holpert. Häufig tauchen dieselben Formulierungen auf, Wörter kommen im selben Satz zweimal an unterschiedlichen Stellen vor, obwohl einmal genügen würde, und mancher Druckfehler macht durch fehlende Umlautpunkte aus einem Konjunktiv einen Indikativ. Ansonsten liest es sich flüssig.
Der Enwor-Zyklus umfasst insgesamt zwölf Bände, von denen ich allerdings nur den Neuesten gelesen habe. Normalerweise steigt niemand so weit hinten in einen solchen Zyklus ein – dass ich es getan habe, war reine Unwissenheit – , deshalb wurde verständlicherweise auf die Erklärung von Spezialwörtern der Enwor-Welt verzichtet, was es anfangs etwas mühsam machte. Auch einiges Vorwissen aus den vorigen Bänden fehlte mir, das für die Handlung an sich zwar nicht unabdingbar ist, aber im Hinblick auf das Gesamtbild der Enwor-Welt erwies sich dieser Mangel doch als Handikap. Ich empfehle deshalb jedem, der sich für diesen Zyklus interessiert, vorne anzufangen. Die ersten zehn Bände erzählen offenbar die Geschichte eines anderen Satai namens Skar, dessen Name auch in diesem Band genannt wird, der aber selbst nicht wirklich vorkommt. Mit Band Elf beginnt dann die Geschichte von Daart, die wohl auch Einzelheiten zu dem enthält, was man im neuesten Band durch seine Erinnerungen erfährt. Vielleicht vertieft das auch nochmal die Charakterzeichnung der Protagonisten, die mir bisher bei allen Hohlbein-Büchern – auch den in Kooperation geschriebenen – immer arg zu kurz gekommen ist, selbst wenn das Geschehen nicht so actionreich und hektisch war wie in „Das magische Reich“.

Für mich bedeutet diese zuletzt genannte Oberflächlichkeit in der Charakterzeichnung zusammen mit dem Punkt der grundlos umständlichen und damit unrealistischen Handlungsführung das k.o.-Kriterium für weitere Winkler- und Hohlbein-Bücher, obwohl in diesem Fall die Grundidee, die Verwirrung und Zerstörung der objektiven Wahrnehmung durch Illusion und Drogen und der dadurch bewirkte geistige Zusammenbruch eines Menschen ein durchaus interessantes Thema wären. Und da dieser Band mit seiner ausgefallenen Handlung wohl auch nicht repräsentativ für den restlichen Zyklus stehen dürfte, werde ich diesen nicht nachlesen. Pure Action liegt mir einfach nicht.

http://www.hohlbein.de/
http://www.dieter-winkler.de/

Marillier, Juliet – Kind der Stürme, Das (Sevenwaters 3)

Mit dem Band „Das Kind der Stürme“ schließt die neuseeländische Autorin Juliet Marillier ihre Sevenwaters-Trilogie ab. Nachdem in „Die Tochter der Wälder“ die junge Sorcha ihre Brüder aus der Gestalt der Schwäne erlöst und ihre Tochter Liadan in „Der Sohn der Schatten“ das Muster des Feenvolkes durchbrochen hat, erzählt der letzte Band nun die Geschichte des letzten Kampfes mit den Briten um die heiligen Inseln, diesmal aus der Sicht von Fainne.
Fainne ist in jeder Hinsicht ein besonderes Mädchen. Sie wächst allein mit ihrem Vater auf, an einem abgeschiedenen Ort vor der Küste von Kerry, genannt die Honigwabe: Ein Gewirr aus Höhlen, Klippen, Simsen und versteckten Stränden. Ein Ort, wo sich Himmel, Erde und Meer in vollkommener Harmonie berühren. Fainne hat keine Freunde unter den Kindern der dort lebenden Fischer. Sie ist anders. Nicht nur, weil sich seltsame Geschichten um ihre verstorbene Mutter ranken, von der man sagt, sie habe sich von den Klippen gestürzt. Nicht nur, weil sie einen verkrüppelten Fuß hat. Sondern vor allem, weil sie besondere Fähigkeiten hat, die ihr Vater mit Geduld und Behutsamkeit schult und ausbildet. Fainne ist eine Zauberin. Den einzigen Kontakt außer zu ihrem Vater hat sie zu Darragh, einem Jungen vom fahrenden Volk, das seine Sommer in der Nähe verbringt, um Ponys zu zähmen und zuzureiten, die dann auf dem Pferdemarkt verkauft werden. Fainne führt ein ruhiges, stilles Leben, geprägt vom Studium. Als ihr Vater ihr eines Tages eröffnet, sie müsste verreisen zu ihren Verwandten in Sevenwaters, ist sie sehr erstaunt. Aber er hält es für notwendig und überlässt sie deshalb für einige Monate der Obhut ihrer Großmutter. Die Großmutter ist eine grausame Lehrerin, und am Tag, als Fainne abreist, eröffnet sie ihr, dass Fainne eine Mission zu erfüllen hat, und zwar die, die sie ihr aufträgt: die Niederlage von Sevenwaters im Kampf gegen die Briten zu bewerktstelligen. Diese Mission gefällt Fainne nicht, aber sie weiß, dass sie keine Wahl hat, denn ihre Großmutter hat gedroht, ihren Vater zu vernichten, sollte sie nicht gehorchen. Sie verlässt also ihr Zuhause und wird vom fahrenden Volk nach Sevenwaters gebracht. Mit jedem Tag, den sie dort verbringt und den Menschen näher kommt, wird ihr Gewissenskonflikt größer. Dann begegnet sie Eamonn von den Marschen, jenem Mann, der einst um Liadan warb. Er wird zum Schlüssel für ihre Aufgabe…

Fainnes Geschichte wird bereits im vorhergehenden Band angelegt, in dem Liadan ihre Schwester aus der Ehe mit einem grausamen Mann befreit. Alle glauben, dass Niamh von dort in ein Kloster ging, wo sie den Rest ihres Lebens verbrachte, aber Liadan weiß, dass das nicht stimmt. Niamh hat eine Tochter. Eine Tochter mit demselben rotgoldenen Haar wie ihre Mutter und den beerendunklen Augen ihres Vaters. Fainne ist ein schüchternes Mädchen. Der Trubel und die vielen Leute in Sevenwaters empfindet sie als anstrengend und belastend. Außerdem denkt sie, dass sie hässlich ist, weil ihr verkrüppelter Fuß sie linkisch und ungeschickt wirken lässt. Sie ist sich nicht bewusst, dass sie schön ist. So schön wie ihre Mutter. Fainne liegt ständig im Kampf mit ihrem mangelnden Selbstbewusstsein. Und nicht nur das. Sie kämpft an allen Fronten. Ihre Großmutter hat ihr gesagt, dass sie nicht anders könne als böse zu sein, weil sie das Blut einer Zauberin hat, das Blut ihrer Großmutter. Ständig muss Fainne gegen das Gefühl ankämpfen, dass alles, was sie tut, egal in welcher Absicht, zu etwas Üblem wird. Zudem kämpft sie gegen das Misstrauen ihrer eigenen Familie. Conor weiß, dass sie eine Zauberin ist, und fürchtet, Lady Oonagh könnte sie geschickt haben, und auch Liadan traut Fainne nicht wirklich. Sie kämpft gegen Eamonns Ekel vor ihrer Abstammung, die nur noch von seinen Rachegelüsten gegen Liadans Mann übertroffen wird. Sie kämpft gegen ihren Jugendfreund Darragh, um ihn von sich fernzuhalten, denn sie weiß, in ihrer Nähe droht ihm Gefahr von ihrer Großmutter. Und sie kämpft auch gegen ihre Großmutter, denn irgendwann wird ihr klar, dass sie nicht tun kann, was die Alte von ihr verlangt. Das macht alles, was sie tut, zu einem gefährlichen Versteckspiel. – Der Kampf um die Inseln ist für Sevenwaters überlebenswichtig. Und jetzt, wo das Kind der Prophezeiung erwachsen und ein Anführer ist, wollen sie die Inseln ein für allemal zurückerobern. Das Kind der Prophezeiung sollte vom Blut der Briten und der Iren sein, beides und doch keins von beidem. Und es sollte das Zeichen des Raben tragen. Ohne dieses Kind können die Iren nicht gewinnen. Aber jetzt ist Liadans Sohn Johnny erwachsen, vom irischen Blut seiner Mutter und dem britischen Blut seines Vaters, und er trägt einen tätowierten Raben im Gesicht. Johnny wird den Angriff auf die Briten anführen. Sie müssen gewinnen. Und doch kommt es anders, als alle denken. Denn alles bisher Genannte war nur ein Teil der Prophezeiung. Und Prophezeiungen sind nie eindeutig, niemals einfach. Sie gehen verschlungene Wege, unerwartete. Und so ist es auch diesmal.

Der dritte Band der Trilogie führt nicht nur alle losen Enden zusammen, er beantwortet auch eine Menge Fragen, die bisher unbeantwortet geblieben sind. Warum versucht Lady Oonagh so verbissen, Sevenwaters zu zerstören? Warum hatte das Feenvolk so sehr darauf bestanden, dass Johnny unbedingt im Wald von Sevenwaters aufwachsen müsse? Warum sind Fainnes Eltern nie nach Sevenwaters zurückgekehrt? Warum ist das Blut der Zauberer verflucht? Wie auch immer die Antworten lauten mögen: Es musste so sein. Neben der Prophezeiung spielt in diesem Band die Zauberei eine große Rolle. Nicht die sanfte Magie der Alten, wie sie Sorcha, Finbar und Liadan in sich trugen, sondern die Art von Zauberei, wie sie Lady Oonagh ausübte: Verwandlungen des Körpers, Verursachen von Schmerzen, die Herrschaft über den Willen anderer. Infolgedessen verliert die Geschichte etwas von dem geheimnisvollen Zauber, der noch über dem ersten Band lag, und obwohl diesmal die Alten, die schon vor dem Feenvolk in Erin lebten, in diesem Band verstärkt auftauchen, bleibt die mystische Gedankenwelt der Kelten bis zum Ende des Showdowns doch größtenteils im Hintergrund. Statt dessen tritt der Kampf zwischen Gut und Böse, sowohl im Inneren der Hauptfigur, als auch in der äußeren Handlung, mehr in den Vordergrund, und mit ihm die Spannung. Der erste Band war gegen Ende schon durchaus spannend, obwohl ich bereits wusste, wie es ausgeht. Der zweite Band lebte weniger von Spannung als von Gefühl. Dagegen übertrifft der dritte Band den ersten an Spannung noch, zumal die Auflösung am Ende nicht unbedingt vorhersehbar war. Dabei verzichtet die Autorin fast völlig auf unnötig detaillierte Beschreibungen blutigen Schlachtengeschehens. Marilliers Spannungsaufbau ist ein allmählicher, aber kontinuierlicher, ebenso behutsam erzeugt wie alle anderen Stimmungen, und vielleicht gerade deshalb nachhaltiger, als Schilderungen von Grausamkeiten es wären.

Es ist der Autorin also tatsächlich gelungen, auch den dritten Band ihrer Trilogie auf gleichem Niveau wie seine Vorgänger zu halten. Ihr Stil, ihre Art, die Charaktere zu zeichnen, sie in der Erzählung von Erinnerungen vorzustellen und damit ihre Handlungsweisen nachvollziehbar zu machen, ihre wunderbare Sprache, in der sie Stimmungen und Situationen beschreibt, lassen alle drei Bände zu einem echten Leseerlebnis werden. Sehr empfehlenswert!

Homepage der Autorin: http://www.vianet.net.au/~marill/default.htm

Marillier, Juliet – Sohn der Schatten, Der (Sevenwaters 2)

„Der Sohn der Schatten“ ist der mittlere Teil von Juliet Marilliers Sevenwater-Trilogie. Der erste Teil [„Die Tochter der Wälder“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=177 erzählt eine irische Version des Märchens „Die zwölf Schwäne“. Die Hauptfigur war hier die junge Sorcha, die unter Schweigen und vielen Schwierigkeiten versucht, ihre sechs Brüder zu erlösen. Im zweiten Band dreht sich die Geschichte hauptsächlich um ihre Tochter Liadan.

Die Geschichte beginnt an Imbolc, einem Feiertag im Frühling. Die Druiden sind aus dem Wald gekommen, um die Felder, die Geräte, die Tiere und das Saatgut zu segnen und die Herdfeuer neu zu entzünden. Danach wird gefeiert und getanzt. Liadans ältere Schwester Niamh steht im Mittelpunkt der jungen Leute, alle drehen sich nach ihr um, alle wollen mit ihr tanzen. Eigentlich geht die Familie davon aus, dass Niamh Eamonn von den Marschen heiraten wird, den Mann, dessen Großvater heute noch treuer Verbündeter von Sevenwaters ist, dessen Vater aber einst das Bündnis verraten hat. Niamh hält nicht viel von Eamonn, und Liadan ist nicht wenig überrascht, als er ihr selbst einen Heiratsantrag macht. Das Fest vergeht, aber Liadan hat bei aller Fröhlichkeit kein gutes Gefühl. Nur wenige Tage später beobachtet sie gegen ihren Willen ihre Schwester Niamh zusammen mit dem jungen Druiden, der ihrem Onkel und Erzdruiden Conor beim Anzünden der neuen Herdfeuer geholfen hatte. Obwohl sie nicht vorhat, ihre Schwester zu verraten, kommt die Geschichte heraus, denn ihr Zwillingsbruder Sean ist ihr im Geiste ebenso verbunden, wie Sorcha und Finbar es sind, sodass sie es ihm nicht verheimlichen kann. Hals über Kopf wird Niamh mit einem Anführer eines entfernten, aber mächtigen Clans verheiratet, von dem Sevenwaters sich Unterstützung im Kampf gegen die Briten erhofft. Niemand sagt ihr den Grund, warum sie den jungen Druiden nicht heiraten kann. Dieser verlässt Sevenwaters verbittert und zornig. Liadan begleitet ihre Schwester ein Stück auf ihrer Reise in ihr neues Heim, doch auf dem Rückweg wird sie gekidnappt. Eine Bande wilder Gestalten will, dass sie einem der ihren hilft, der sich den Arm zerquetscht hat. Als der Anführer der Horde zurückkehrt, ist er davon gar nicht begeistert, aber Liadan kann erreichen, dass er ihr wenigstens eine Chance gibt, es zu versuchen. Mit der Zeit kommt es, wie es kommen muss: Die beiden kommen sich näher. Trotzdem trennen sie sich, und Liadan kehrt nach Sevenwaters zurück. Mit einem Kind im Bauch. Eamonns Heiratsantrag lehnt sie ab. Als Niamh nach drei Monaten zum ersten Mal nach Sevenwaters zu Besuch kommt, ist Liadan entsetzt über deren Zustand. Sie spricht nicht, sie isst nicht, sie schläft kaum. Liadan kann erreichen, dass Niamhs Mann, der mit den anderen Verbündeten in den Süden zu Beratungen reiten will, seine Frau nicht mitnimmt. Statt dessen reiten Niamh und Liadan mit Aisling, Eamonns Schwester, nach Sidhe Dubh, dessen Festung in den Marschen. Liadan fühlt sich dort eingesperrt, nicht nur, weil sie nicht über die Wälle und Mauern sehen kann, sondern auch, weil sie die Festung nicht verlassen darf. Sie widmet sich ihrer Schwester und entdeckt, welch grausame Behandlung ihr Mann ihr angedeihen lässt. Sie verspricht Niamh, dass sie nicht zu ihrem Mann zurückkehren muss, obwohl sie kaum weiß, wie sie dieses Versprechen halten soll. Da kommt ihr überraschend der Mann zu Hilfe, dessen Kind sie trägt…

Im ersten Band ging es dem Märchen entsprechend hauptsächlich um die Verzauberung der Brüder und ihre Erlösung. Im zweiten Band geht es in erster Linie um Liebe und Eifersucht, verletzte Eitelkeit und Hass. Liadan steht zwischen zwei Männern, dem Hauptmann der Gesetzlosen, die sie entführten, und Eamonn von den Marschen, einem Adligen und Verbündeten. Eigentlich ist ihr Eamonn nicht unsympatisch, trotzdem zögert sie, als er um ihre Hand bittet. Nachdem sie dem Hauptmann begegnet ist, kann sie nur noch ablehnen, auch wenn es ihr Leid tut, Eamonn verletzen zu müssen. Aber noch weiß sie nicht, wie sehr! Eamonn findet bald heraus, wer der Vater des Kindes ist. Er kennt ihn, denn der Hauptmann hat einige seiner Männer auf dem Gewissen. Er verachtet diesen Mann, weil er ein Söldner ist, käuflich für jeden und ohne Ehre und Gewissen, und er verabscheut ihn, denn seine Methoden sind heimlich und leise. Dass ausgerechnet dieser Mann ihm die Frau wegnimmt, die er bereits als die Seine sah, schürt seinen Hass bis zur Weißglut. Der Hauptmann dagegen verachtet Eamonn aus ziemlich den selben Gründen. Er hält ihn für den gleichen treulosen Verräter, wie sein Vater es war. Im Übrigen ist der Hauptmann ein Mann hinter einer Mauer, ein Mann mit einer finsteren, grausamen Vergangenheit, über die er nicht spricht, die ihn seinen Namen verschweigen lässt und ihn zu dem gemacht hat, als was er sich selbst bezeichnet: Abschaum. Liadan sieht das anders. Als Eamonn den Hauptmann und dessen besten Freund gefangen nimmt, um sich zu rächen, kämpft sie mit allen Mitteln um deren Leben. Liadan ist die Tochter ihrer Mutter, sie weiß, wie man kämpft. – Liadan kämpft aber nicht nur gegen Eamonn, sie kämpft auch gegen die Feenkönigin. Diejenige, die ihrer Mutter damals erklärte, wie sie ihre Brüder retten könnte, taucht auch diesmal wieder auf. Sie verlangt von Liadan, in Sevenwaters zu bleiben und ihren Sohn Johnny dort groß zu ziehen, denn ihm drohe Gefahr von Lady Oonagh, jener Zauberin, die einst ihre Onkel in Schwäne verwandelt hatte. Das Feenvolk hält Johnny für das Kind, das gemäß einer Prophezeiung dafür sorgen soll, dass Sevenwaters den Kampf gegen die Briten gewinnt. Für sie war der Vater des Kindes nur ein Werkzeug, er hat seinen Zweck erfüllt. Aber Liadan will den Hauptmann nicht aufgeben. Sie hört auch noch andere Stimmen, ältere, die Stimmen derer, die vor dem Feenvolk in Erin lebten. Vor allem will sie sich nicht vom Feenvolk benutzen lassen. Deren Arroganz fordert ihren Widerspruchsgeist heraus. Liadan ist entschlossen, ihre eigenen Entscheidungen zu fällen.

Prophezeiungen sind ein beliebtes Stilmittel der Fantasy. Dass sie hier, in einer Geschichte aus einem Märchenrahmen, auftaucht, hat mich etwas verblüfft. Sie bleibt allerdings eher vage und im Hintergrund, aber ihre Erwähnung sorgt dafür, dass der Kampf der Iren gegen die Briten etwas mehr in den Vordergrund gerückt wird, als es im ersten Band der Fall war. Man erfährt, dass um drei Inseln gekämpft wird, die für die Feen und die Anhänger des alten Glaubens eine zentrale Rolle spielen. Ansonsten bleibt es bei den Elementen der Magie, die auch im ersten Band vorherrschend waren: die wortlose Verständigung im Geiste, das Heilen von Verletzungen der Seele durch Berührungen des Geistes, der Blick, Schutzzauber der Alten. In dieser Geschichte geraten sie etwas mehr in den Hintergrund, die Stimmung dieses Bandes ist nicht ganz so geheimnisvoll und magisch wie im ersten. Wie gesagt, es geht hauptsächlich um Zwischenmenschliches und um die Lösung des Geheimnisses, das den Hauptmann umgibt. Trotz des Themas „Frau zwischen zwei Männern“ gleitet die Geschichte nicht ins Triviale ab. Das ist der detaillierten und glaubwürdigen Charakterzeichnung zu verdanken, die auch den ersten Band bereits auszeichnete. Die Handlung kommt auch diesmal ohne das aus, was man üblicherweise als Action bezeichnet, ist aber in keiner Weise langweilig. Zu guter Letzt möchte ich nochmals die einfühlsame und poetische Sprache der Autorin hervorheben, durch die auch dieses Buch wieder sein einzigartiges Flair, seinen besonderen Zauber erhält. Selten habe ich eine Szene gelesen, die so anrührend und gleichzeitig so frei von Sentimentalität war, wie die, in der Sorcha stirbt.

Alles in allem kann ich sagen, ich bin ganz besonders positiv überrascht. Zum wirklich ersten Mal ist mir eine Autorin begegnet, die es geschafft hat, dass die Fortsetzung einer Geschichte deren hohes Niveau problemlos gehalten hat. Bleibt zu hoffen, dass das auch für den dritten Band „Das Kind der Stürme“ zutrifft.

Homepage der Autorin: http://www.vianet.net.au/~marill/default.htm

Juliet Marillier – Die Tochter der Wälder (Sevenwaters 1)

„Die Tochter der Wälder“ ist eine Nacherzählung des Märchens „Die wilden Schwäne“ von Hans Christian Andersen.

Die junge Sorcha wächst in absoluter Freiheit auf. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt, ihr Vater ist fast ausschließlich in Kriegsangelegenheiten unterwegs, so dass das Mädchen in der alleinigen Obhut seiner Brüder ist, die liebevoll für es sorgen. Die Kinder wachsen glücklich und zufrieden auf, und alles ist in Ordnung, bis eines Tages einer der jüngeren, Finbar, sich dem Vater widersetzt. Er will nicht mit ihm in den Krieg ziehen. Als der Vater das nächste Mal nach Hause kommt, bringt er eine Frau mit, die er heiraten will. Sorcha, Finbar und Conor, der Bruder, der für seinen Vater die Ländereien verwaltet, spüren sofort die Bedrohung, die von dieser Frau ausgeht. Aber der Vater ist unzugänglich für alles, was seine Kinder ihm sagen, er heiratet sie trotzdem. Kaum verheiratet, beginnt die neue Frau, die Kinder zu tyrannisieren, trifft sie an ihren empfindlichsten Stellen. In kurzer Zeit wissen sie alle sechs, dass sie sie aufhalten und loswerden müssen. Aber sie sind nur zu sechst, der Siebte ist ihrem Zauber erlegen wie der Vater. Trotzdem schaffen sie es, sich nachts zu versammeln, um das Feenvolk um Hilfe zu bitten. Doch es ist bereits zu spät: Auf ihren Ruf hin erscheint nicht die Feenkönigin, sondern ihre Stiefmutter, und verwandelt die Jungen alle in Schwäne. Nur Sorcha kann entkommen. – Der Ruf der Sieben ist nicht ungehört verhallt. Die Feenkönigin kommt Sorcha zu Hilfe und erklärt ihr, wie sie ihre Brüder retten kann. Sorcha macht sich an die Arbeit. Doch der Weg, der vor ihr liegt, ist länger als sie glaubt. Und schwerer, viel schwerer…

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Britain, Kristen – Grüner Reiter (Reiter – Zyklus Band 1)

Kristen Britain gehört zu denen, die bereits als Kind zu schreiben anfingen. Ihr erstes Buch, eine Cartoon-Sammlung, veröffentlichte sie mit dreizehn Jahren. „Grüner Reiter“ ist ihr erster Roman. Ansonsten arbeitet sie in diversen US-Nationalparks als Rangerin.

Karigan ist abgehauen. Der Rektor hat sie vom Unterricht suspendiert, weil sie sich mit einem Mitschüler duelliert hat. Jetzt ist sie auf dem Weg nach Hause. Sie will sowieso lieber Abenteuer erleben als lernen.
Sie bekommt ihr Abenteuer, und schneller als ihr lieb ist. Plötzlich taucht aus dem Gebüsch ein Reiter in grünem Mantel auf, der sozusagen gerade vom Pferd fällt. Aus seinem Rücken ragen zwei schwarze Pfeile. Erstaunlicherweise lebt der Reiter noch, und er will offenbar auf keinen Fall sterben, bevor Karigan ihm versprochen hat, die Botschaft in seinem Beutel dem König zu überbringen. Weil es ihm so furchtbar wichtig zu sein scheint, sagt Karigan zu, der Bote stirbt.
Karigan macht sich auf den Weg zur Hauptstadt, ohne zu wissen, dass sie Verfolger hat. Und nicht nur einen…
Sie entkommt ihren Verfolgern. Aber nur durch die Hilfe ihres geerbten Pferdes, das einen sehr eigenwilligen Charakter hat, und durch die Hilfe zweier alter Damen, die mitten im Urwald wohnen. Und nur vorläufig. Sie wird noch viele Gefahren zu überstehen haben, wie gefährliche Monster, feindliche Soldaten, böse Magier. Noch öfter wird sie deshalb auf die Hilfe anderer angewiesen sein, um ihr Ziel zu erreichen. Und als sie es erreicht, ist sie trotzdem noch lange nicht am Ziel…

Kristen Britain hat einen erstaunlichen Debütroman vorgelegt. Die Geschichte vom bösen Zauberer, der die Welt bedroht, ist ja nun wahrhaftig nicht mehr neu. Aber die Autorin hat es verstanden, sie in ein wirklich neues Kleid zu verpacken, und das ist bei den Bergen an Fantasy, die existieren, inzwischen durchaus eine Kunst.
Mit Beschreibungen der Schauplätze ist sie eher geizig, lediglich das Haus der beiden alten Damen wird etwas genauer beschrieben, wobei bei genauem Hinsehen auch weniger auf das Haus als auf die magischen Artefakte in der Bücherei eingegangen wird.
Das Hauptaugenmerk liegt auf Personen und Handlung. Die Personen sind alle sehr lebendig, gut gezeichnet und wirken echt. Das gilt nicht nur für die burschikose Karigan – die zwar eine sehr gute Reiterin ist, sich aber trotzdem erst mit ihrem Pferd zusammenraufen muss, die zwar das Überleben in der Wildnis in groben Zügen gelernt hat, sich aber trotzdem immer wieder mal für ihre eigene Dummheit ohrfeigen könnte -, sondern auch für alle anderen.
Zum Beispiel für die beiden alten Damen, die in einem Haus mit dem wunderlichen Namen „Siebenschlot“ wohnen, als Spitznamen „Lorbeere“ und „Steinbeere“ tragen und von lauter unsichtbaren Dienstboten bedient werden, weil ihrem gelehrten Vater einst ein Unfall mit einer offenen Dose Bannsprüche passiert ist.
Oder für die energische Laren Mebstone, die bei allen Schwierigkeiten, die ihre Grünen Reiter, die Boten des Königs, ohnehin schon bei ihrer Berufsausübung haben, auch noch gegen einen unverdient schlechten Ruf ihrer Truppe ankämpfen muss.
Oder auch für die Söldnerin Jendara, die unter anderem versucht, Karigan am Überbringen der Botschaft zu hindern, und auch als ihr das misslingt, einfach nicht locker lassen will.
Auch sind die Charaktere breit gefächert, sie reichen von schrullig liebenswert über rücksichtslos ehrgeizig bis zu blind idealistisch, von sachlich kompetent über treu und verantwortungsbewusst bis selbstsüchtig, beleidigt hin zu despotisch und größenwahnsinnig.

Seit „Der Herr der Ringe“ neu verfilmt wurde, wird auf einmal jegliche Fantasy damit verglichen. Ich finde das eigentlich lästig. In diesem Fall ist allerdings die Darstellung der Eletier auffällig durch Tolkiens Elben inspiriert, und auch das Monster, gegen das Karigan kämpfen muss, weist leichte Parallelen zu den Spinnen im Hobbit auf. Im Übrigen aber ist die Geschichte erfreulich eigenständig und unverbraucht.

Was mir an dem Roman mindestens ebenso gefallen hat wie die handelnden Personen, war der Ideenreichtum der Autorin in Sachen… ich nenne es einmal „Kleinigkeiten“.
Dazu gehören in diesem Fall der Lorbeerzweig und die Steinbeerenblüte, die Karigan von den beiden alten Damen geschenkt bekommt, die Darstellung und die Handlung, die mit dem Mondstein zusammenhängt, die Idee der Brosche, die die grünen Reiter tragen, die Wirkung der schwarzen Pfeile, aber auch die Beschreibung, wie der große Nordwall zu Fall gebracht wurde, sowie die Idee des Spiels „Intrige“, das in der Entscheidungsszene am Ende eine wichtige Rolle spielt. Sie alle geben der Geschichte Flair und Stimmung und machen Britains Welt zu einer, die es sonst nirgends gibt.

Zudem hat die Autorin es verstanden, den Spannungsbogen fast die ganze Zeit über straff zu halten, und das ohne übermäßig brutale oder blutige Szenen. Karigan gerät einfach nur von einer Gefahr in die nächste, die alle ungemein fesselnd beschrieben sind, so dass man fast froh ist, dass es in Siebenschlot oder in der Herberge der Grünen Reiter mal vorrübergehend etwas ruhiger zugeht. Aber auch bei diesen ruhigeren Passagen wird es einem nicht langweilig, weil alles so lebendig und gut erzählt ist.
Als Karigan dann mitten im Buch überraschend schnell die Hauptstadt erreicht, war mein erster erstaunter Gedanke: „Was, schon da? Kann da jetzt noch viel kommen?“
Es kam noch eine ganze Menge. Die Ruhe ist trügerisch, und kaum hat man sich daran gewöhnt, dass die Action nachgelassen hat, zieht die Autorin die Schraube nochmal ganz gehörig an, so dass der zweite Spannungsbogen sogar ein Stück über dem ersten liegt.
Das hat seine Ursache unter anderem auch in dem eher knappen, präzisen Sprachstil, der auf Ausschmückung und blumige Beschreibungen fast völlig verzichtet.

Das Buch wird eigentlich als abgeschlossen bezeichnet, hat aber die angenehme Eigenschaft, nicht alles endgültig zu beantworten. Das betrifft weniger die Handlung, die wirklich in sich abgeschlossen ist, als vielmehr die Personen. So fragt man sich zum Beispiel, ob Karigan schließlich und endlich doch noch eine Grüne Reiterin wird, und was wohl aus Lorilie Dorran, der Revolutionärin, geworden ist. Und aus Mel… So lässt das Buch Raum genug, trotz einer abgeschlossenen Handlung den Faden für sich selber noch ein wenig weiterzuspinnen.
Natürlich lässt dieser Raum genauso eine Fortsetzung zu. Eigentlich halte ich nicht viel von der Methode, auf jeden Erfolg eine Fortsetzung draufzusetzen. Meistens kommen Enttäschungen nach. Entgegen meiner ursprünglichen Erwartung wurde nun auch zu diesem Buch im August letzten Jahres unter dem Titel „First Rider’s Call“ eine Fortsetzung veröffentlicht. Auf Deutsch trägt das Buch den Titel „Spiegel des Mondes“, ist aber noch nicht erschienen.

Homepage der Autorin:
http://www.kristenbritain.com