Alle Beiträge von Corinna Hein

Su Turhan – Kruzitürken. Ein neuer Fall für Kommissar Pascha

Ein Mann torkelt schwer verwundet, doch von der auf sich selbst konzentrierten Einwohnerschaft Münchens unbemerkt, mitten im Szeneviertel Schwabing seinem Tod entgegen. Damit wird es in Su Turhans drittem deutsch-türkischen Krimi schon auf der ersten Seite vielversprechend spannend und blutig. Außerdem macht eine Bauchtanzshow während ihrer internationalen Tournee in München Halt und verspricht interessante Einblicke in die türkische Kultur. Doch Kommissar Zeki Demirbilek, besser bekannt unter dem Namen Kommissar Pascha, ist vom Ausschlachten seines türkischen Erbes durch solche Shows oder gar durch Tänzerinnen europäischer Herkunft wenig begeistert. Daher hat er auch nicht vor, seinen Sohn, der bei der Show als Gastmusiker auftritt, zu hören. Der gewaltsame Tod zweier Tänzerinnen führt ihn schließlich trotzdem ins Theater und damit befindet er sich sofort mitten drin in einem Geflecht aus Lügen, Leidenschaft, dem Spiel mit der Sexualität, Drogen und natürlich der Aufklärung dieser verzwickten Morde.

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Wir lernen Farben – Zootiere: Mein kleines Fühlbuch

Um aus dem enormen Angebot an Kinderbüchern herauszustechen, lassen sich Verlage heute viel einfallen: Sie experimentieren mit versteckten Bildern zum Auf- und Abdecken sowie unterschiedlichen Materialien zum Fühlen und Entdecken; auch besondere Formen sind nicht selten. Der Helmut Lingen Verlag hat sich mit seiner Reihe „Mein kleines Fühlbuch“ im Kindersegment den Schwerpunkt Lernen und Wissensvermittlung auf seine Fahnen geschrieben und setzt unter anderem auch auf solche Ideen. Der Band „Wir lernen Farben – Zootiere“ möchte daher nicht nur mit einprägsamen, kurzen Texten und lustigen Motiven von Tierkindern erste Kenntnisse von Tierarten und Farben vermitteln, sondern zieht schon mit seiner Aufmachung die Blicke auf sich.

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Sylvia Schreiber: Professor Dur und die Notendetektive – Das Weihnachtsoratorium

Die Geschwister Lasse und Lotte bereiten sich auf das Weihnachtsfest und ein Krippenspiel vor, als sie von den ersten Schneeflocken zu einer Schneeballschlacht vor die Haustür gelockt werden. Dort hören sie sofort – „Jauchzet, frohlocket!“ – das krächzende Stimmchen der Ratte Rigoletto des Musikinstrumentenbauers Professor Coppelius Dur aus dessen Werkstatt dringen. Schon sind die Geschwister mitten drin in der Welt des berühmten Komponisten Johann Sebastian Bach, der als Thomaskantor in Leipzig nicht nur Probleme mit seinen vermeintlich zu wilden Orgelstücken und 15 Kindern hat, sondern auch noch in kürzester Zeit ein weihnachtliches Chorstück zusammenstellen muss.

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Sylvia Schreiber: Professor Dur und die Notendetektive – Das Klavier

Klassische Musik hat es heute nicht leicht. Obwohl sie sich über Jahrhunderte entwickelt hat, es Stars der Branche gibt, die es sogar regelmäßig bis in die Massenmedien schaffen, und auch Komponisten immer noch neuen Stücke schreiben, ist sie aus dem Alltag verschwunden. Wer nicht schon als Kind über die Eltern oder vielleicht den Instrumentenunterricht mit ihr in Berührung kam, wird auch im Erwachsenenalter kaum Zugang zu ihr finden. Zu sehr haben sich unsere Hörgewohnheiten im musikalischen Bereich gewandelt. Dabei sind gerade jüngere Kinder noch offen für alles und dabei wissbegierig zugleich.

Die Hörbuchreihe „Professor Dur und die Notendetektive“ von Sylvia Schreiber und Igel Genius kann Eltern bei einer kindgerechten Heranführung an die klassische Musik unter die Arme greifen. Bereits die erste Folge „Das Klavier“ vermittelt mit Hilfe einer spannenden Zeitreisegeschichte um das Geschwisterpaar Lasse und Lotte auf kurzweilige und amüsante Weise Wissen über Instrumente, klassische Musik und den berühmten Klavierbauer Steinweg (Steinway).

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Annette Dutton – Das geheime Versprechen

Annette Dutton scheint eine sehr disziplinierte Schreiberin zu sein. Nach dem Erfolg ihres ersten Romans „Der geheimnisvolle Garten“ (Knaur, 2012), hatte sie schon im letzten Jahr mit „Die verbotene Geschichte“ einen zweiten Roman, der die deutsche mit der australischen Geschichte verknüpft, nachgelegt. Im Sommer 2014 gab es den nächsten auf historischen Fakten und lose auf historischen Personen basierenden Roman aus ihrer Feder.

So routiniert wie der Titel aus Artikel, Adjektiv und Nomen klingt, ist auch in diesem Buch der Plot konstruiert. In mehreren Zeitebenen wird die Geschichte von Leah und Michael erzählt, die beide als Kinder im Rahmen der Evakuierung jüdischer Kinder aus Nazideutschland nach England gelangten, womit ihr Überleben zunächst einmal gesichert war, ihr Leben jedoch nicht unbedingt eine glückliche Wende genommen hat. In der Gegenwart versuchen zeitgleich Leahs Enkelin Sarah ihre Großmutter und ihren Großvater sowie Leahs Neffe Max deren Sohn ausfindig zu machen. Bei diesen Passagen kam es mir jedoch so vor, als dienten sie nur dazu, die spannende und mit Feingefühl erzählte Geschichte in der Vergangenheit zu unterbrechen und den Plot zu verlangsamen.

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Kirsten Wulf – Tanz der Tarantel

Die Fotojournalistin Elena von Eschenberg hat sich gerade ein halbes Jahr in ihrer neuen Wahlheimat Lecce eingelebt, in die sie in Kirsten Wulfs erstem Apulienkrimi „Aller Anfang ist Apulien“ vor ihrem untreuen Ehemann geflüchtet war, als sie schon wieder über ein Verbrechen stolpert – oder besser noch: als sie sich mitten in ein Verbrechen hineinfotografiert. Eine Recherche über die traditionelle Musik des Salent und den dort beheimateten, polkaähnlichen Volkstanz, Pizzica, führt Elena in das kleine Städtchen Galatina, wo sich hinter der Wärme, dem Licht und den Wohlgerüchen des Südens Enttäuschung, Hass und Kriminalität verbergen.

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Su Turhan – Bierleichen. Ein Fall für Kommissar Pascha

Es ist Sommer in München. Die Temperaturen erreichen Rekordwerte. Doch der türkischstämmige Kommissar Zeki Demirbilek, oft auch nur Kommissar Pascha genannt, schwitzt nicht nur höllisch, sondern leidet auch darunter, dass der muslimische Fastenmonat Ramadan just in diese Jahreszeit fällt. „Dreißig Tage lang. Von der Morgendämmerung bis zum Einbruch der Nacht war es ihm als Moslem nicht erlaubt, zu essen und zu trinken. … Auch Sex, Rauchen und sonstige überschwänglichen Vergnügungen waren tabu. Ganz zu schweigen davon, während des Fastenmonats auf üble Nachreden, Verleumdungen und Beleidigungen zu verzichten. Lügen war ebenfalls verboten.“

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Kate Atkinson – Die Unvollendete

„Ursula Todd kann ihr Leben wieder und wieder leben und die Fehler, die sie macht, korrigieren.“ – so liest man es auf dem Klappentext des Romans „Die Unvollendete“ von Kate Atkinson. Das erinnert sofort an den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ aus den 1990er Jahren, der auch heute noch häufiger im TV wiederholt wird. Der Komiker Bill Murray, der in diesem Streifen einen übellaunigen Reporter spielt, muss jeden Tag aufs Neue ein und denselben Tag durchleben, bis er endlich alles richtig macht und am nächsten Morgen aufwachen darf. Witzig! Ist es aber auch noch witzig, wenn der Murmeltiertag ein ganzes Leben umfasst? Nein, ganz und gar nicht.

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Dmitry Glukhovsky – Futu.re

Der russische Autor Dmitry Glukhovsky hat nach seinem Bestseller „Metro 2033“ und dem Nachfolgeband „Metro 2034“ wieder eine dystopische Zukunft für die Menschheit entworfen. Dabei zeigt er auch in seinem neuen Roman „Futu.re“, dass er die Klassiker aufmerksam gelesen hat. Wie in Samjatins „Wir“ haben die Protagonisten Nummern statt Namen. Wie in Orwells „1984“ werden alle Menschen überwacht und kontrolliert und wie in Huxleys „Schöne neue Welt“ betäuben die Menschen sich mit Drogen, um ihr Leben erträglich zu machen, denn – und das ist dieses Mal neu – das ewige Leben, das der Menschheit so verheißungsvoll erschien und erscheint, wurde endlich erreicht. Doch es wird bezahlt mit Künstlichkeit, Einsamkeit und innerer Leere.

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Tanja Kinkel – Verführung

In ihrem neuen Roman “Verführung” verknüpft Tanja Kinkel zwei faszinierende Persönlichkeiten, die das Handwerk der Verführung jede auf ihre Weise perfektionieren. Bereits als Angiola Calori im Alter von sechs Jahren zum ersten Mal ein Theater betritt, ist sie fasziniert von der Stimme einer Opernsängerin, die für sie wie die Stimme eines Engels klingt. Wie es der Zufall will trifft sie an diesem Tag auch auf einen der Söhne der Sängerin, welcher später zum wohl bekanntesten Verführer der Weltgeschichte werden und Angiolas Leben eine neue Richtung geben wird.

Doch zunächst verliebt sie sich in jungen Jahren in den berühmten Kastratensänger Appianino (1712-1742). Dieser erkennt die Qualität ihrer Stimme und ist ihr dabei behilflich, vor einer von ihrer Mutter arrangierten Heirat mit deren Liebhaber zu fliehen und als Kastrat Bellino eine neue Identität anzunehmen, um eine fundierte Gesangsausbildung zu erhalten, denn die Komponisten im Rokkoko schrieben in der Regel nicht für Sängerinnen, sondern für kastrierte Sänger wie den berühmten Farinelli (1705-1782). Tanja Kinkel gelingt es in diesem Roman unaufdringlich viel interessantes Hintergrundwissen über Musik, das Schicksal von Kastraten, dem Umgang mit Kindern und das sich im Wandel befindende Europa einfließen zu lassen. Demnach hatte die Kirche aus Anstandsgründen Frauen auf der Bühne verboten und die meisten Länder hielten sich an dieses Verbot. Um Frauenrollen trotzdem besetzen zu können, wurden Jungen mit einer vielversprechenden Stimme noch vor ihrem Stimmbruch kastriert, um diese Stimme zu erhalten. Nicht jeder schaffte es über den Durchschnitt hinaus und wurde ein berühmter Sänger, doch Kastraten, die es wie Farinelli oder der ebenfalls im Roman auftretende Caffarrelli (1710-1783) auf die großen Bühnen schafften, wurden wie die heutigen Popstars verehrt.

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Nina George – Das Lavendelzimmer

Mit zielsicherem Blick verkauft der Buchhändler Jean Perdu seinen Kunden in seiner literarischen Apotheke, einem zu einem Bücherschiff umgebauten Lastkahn, genau das Buch, das sie in der jeweiligen Situation benötigen, um Rat und Trost zu finden. Er will „Gefühle behandeln, die nie von Ärzten diagnostiziert werden. All diese kleinen Gefühle, Regungen, für die sich kein Therapeut interessiert, weil sie angeblich zu klein und zu unfassbar sind. Das Gefühl, wenn wieder ein Sommer zu Ende geht. Oder zu erkennen, nicht mehr ein ganzes Leben Zeit zu haben, um seinen Platz zu finden. Oder die kleine Trauer, wenn eine Freundschaft doch nicht in die Tiefe geht und man weitersuchen muss nach einem Lebensvertrauten. Oder die Schwermut am Morgen des Geburtstags. Heinweh nach der Luft seiner Kindheit. So etwas.“

So erfolgreich er damit bei seinen Patienten ist, so sehr ist er jedoch bei der Auseinandersetzung mit seinem eigenen Verlust gescheitert: Vor zwanzig Jahren hat ihn Manon, die große Liebe seines Lebens verlassen und ihm nichts weiter als einen Brief hinterlassen, den Perdu bis heute nicht einmal zu lesen wagte. Seine Erinnerung hat er im Lavendelzimmer eingesperrt, das er nach Manons Fortgang nie wieder betreten hat. Doch als die von ihrem Mann verlassene Catherine in das Mietshaus in der Pariser Rue Montagnard einzieht und nicht einmal einen Tisch oder einen Stuhl besitzt, öffnet Perdu das Lavendelzimmer, um ihr zu helfen. Damit setzt er ungewollt auch einen Prozess in Gang, der ihn samt seinem Bücherschiff und dem von Fans und Presse verfolgten, erfolgreichen Jungautor Max aus der Großstadt hinaus in die Weite der Provence treibt. Es beginnt eine Reise, die für alle Passagiere des Bücherkahns „Lulu“ gleichsam eine Suche nach der Vergangenheit und nach der Zukunft wird.

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Paulo Lins – Seit der Samba Samba ist

Liebe, Leidenschaft, Samba

Der Roman „Seit der Samba Samba ist“ des brasilianischen Schriftstellers Paulo Lins führt seine Leser auf den Spuren des jungen, schwarzen Zuhälters Brancura in das Armen- und Hurenviertel von Rio de Janeiro. Hier sind Gewalt und Verbrechen an der Tagesordnung. Der Stärkste regiert und notfalls auch der, der am schnellsten mit der Waffe ist.

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Thomas Vaucher – Winterhelden: Die Schlacht um Yrnis

Geschichtsstunde in Romanform

„‚Sechshundert gegen zehntausend‘, wiederholte Teiling und drehte sich um seine eigene Achse, um sich die Männer in der Gaststube anzusehen. ‚Sechshundert gegen zehntausend! Lasst es euch auf der Zunge zergehen, denn morgen werden wir kämpfen! Sechshundert gegen zehntausend! Und Hans Viol, dieser kleine Bergführer, Dichter und Sänger wird ein Lied darüber schreiben. Ein Lied, wie wir den zehntausend Lombarden den Arsch versohlen! Ein Lied, wie wir sie weinend und heulend wir kleine Kinder zurück nach Mailand schicken!'“

Man schreibt das Jahr 1490 und für eine tägliche warme Mahlzeit berichtet der zu einem Säufer heruntergekommene ehemals zu den gefürchtetsten und besten Kämpfern Europas zählende Hans Sturm dem Chronisten Etterlin von seinem Freund Hans Teiling. Thomas Vaucher – Winterhelden: Die Schlacht um Yrnis weiterlesen

Annette Dutton – Die verbotene Geschichte

Annette Dutton hat wieder in die Tasten gegriffen und mit „Die verbotene Geschichte“ ihren zweiten Roman vorgelegt. Wer ihren Erstling „Der geheimnisvolle Garten“ gelesen hat, wird schnell das bewährte Muster wiedererkennen: Eine junge Deutsche namens Katja verschlägt es ausgelöst durch den Tod einer ihr nahestehenden Person, in diesem Falle des Ehemanns, der bei einem Flugzeugabsturz in Tasmanien ums Leben gekommen ist, in die weite Ferne – in diesem Fall temporär nach Australien und Tasmanien, die meiste aber Zeit nach Papua-Neuguinea. Hier findet sie nicht nur einen neuen Mann, sondern deckt auch ein Familiengeheimnis auf, das ihr Leben und das ihrer Familie für immer verändert.

Dieses Geheimnis ist Teil der in Briefen und Tagebuchauszügen geschilderten Geschichte ihrer Urahnin Phebe und deren Freundin Johanna, die parallel zu Katjas Selbstfindungsgeschichte erzählt wird. Wie in „Der geheimnisvolle Garten“ hat der Leser es mit dem schwierigen Leben einer Missionarsfrau zu tun, die sich in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts unter widrigen Bedingungen in einem unerschlossenen Teil der Welt behaupten muss. Wie auch schon im Vorgänger beeindruckt Dutton in der mit gut recherchierten Fakten unterlegten Geschichte in der Vergangenheit dadurch, dass die Vorgänge in diesem Teil der Welt auch in den Zeiten der Weltkriege den deutschen Lesern wenig oder gar nicht bekannt sind. Man ist sich kaum bewusst, wie eng die Entwicklungen auf der kleinen Pazifkinsel mit denen in Deutschland verknüpft gewesen sind. Die wechselvolle Lebensgeschichte der Freundinnen bis hin zu ihrem tragischen, aber nicht schmalzigen Tod, macht den Roman der deutschen Autorin, die inzwischen seit zwölf Jahren in Australien lebt und in diesem Teil der Erde auch die Stoffe für ihre Frauenromane findet, spannend und interessant. Im Nachwort wird auf die historischen Eckdaten noch einmal erklärend eingegangen und ein umfassendes Literaturverzeichnis aufgelistet.
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Carla Federico – Die Rosen von Montevideo

„Montevideo“ – den Namen hat man schon einmal gehört; vielleicht im Zusammenhang mit der gleichnamigen Verfilmung des Theaterstücks “Das Haus in Montevideo” mit dem großen Heinz Rühmann. Aber sehr viel mehr weiß man von Uruguays Hauptstatt nicht, wenn man nicht gerade leidenschaftlich an Lateinamerika interessiert ist. Umso interessanter gestaltet sich Carla Federicos Frauenroman “Die Rosen von Montevideo”, der zu großen Teilen in den Jahren von 1829 bis 1898 in Montevideo spielt. Diese zeitliche Periode war gekennzeichnet von einer starken Einwanderungsbewegung aus Europa, staatliche Bevormundung durch die Briten und außerdem tobte ein grausamer Dreibundkrieg von Uruguay, Brasilien und Argentinien gegen Paraguay. Auch in Uruguya selbst hatte sich eine tiefe Kluft zwischen Arm und Reich sowie Stadt- und Landbevölkerung aufgetan.

Mit den ersten Einwanderern gelangt auch Valeria Olivares nach Montevideo. Doch wie die Rosen in ihrem Garten wird Valeria nie richtig heimisch in Uruguya. Ihre Tochter Rosa de la Vegas versucht mit Hilfe einer überstürzten Heirat mit dem Bankier Albert Gothman einer Zwangsehe mit einem wesentlich älteren Mann und Geschäftspartners ihres Vaters zu entgehen. Dadurch verschlägt es sie nach Frankfurt am Main, wo sie wiederum Montevideo vermisst und nicht richtig heimisch wird. Frankfurt wird als aufstrebendes Macht- und Kulturzentrum in Europa charakterisiert. Doch seine Einwohner und hierbei vor allem die Frauen scheinen im Vergleich zu Rosa zwar gebildeter, dafür aber auch steif und hinterhältig. Der Niedergang der im Überschwang der Gefühle geschlossenen Ehe und ihre Entwicklung hin zur Ehrlichkeit und zum Verzeihen, die schließlich in einer Freundschaft mündet, ist unter den Beziehungen im Roman am differenziertesten ausgearbeitet. Mit Rosas Tochter Valeria und Clair, der Tochter ihrer Schwägerin, hingegen kehrt der Leser mit der nächsten Frauengeneration wieder zurück nach Montevideo.
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Ulf Schiewe – Die Hure Babylon

“Die Hure Babylon” ist der dritte Teil der Montalban-Reihe, die der deutsche Autor Uwe Schiewe mit “Der Bastard von Tolosa” begonnen und mit “Die Comtessa” fortgesetzt hat. Während zwischen dem ersten und zweiten Teil des für seine historische Genauigkeit geschätzten Erzählzyklus‘ mehrere Jahrzehnte liegen, schließt “Die Hure Babylon” jedoch unmittelbar an ihren Vorgänger an.

Ermengarda von Narbonne, die sich in “Die Comtessa” mit Arnauts Hilfe einer Zwangsheirat zu entziehen versuchte und auf der Flucht in ihren Helfer verliebt hat, konnte der Heirat zwar nicht entgehen, lebt jedoch nur in einer Scheinehe und herrscht selbständig über ihr Land. Dass sie mit Arnaut zusammenlebt, ist allgemein bekannt. Als Ermengarda jedoch erneut eine Fehlgeburt erleidet, versteigt sich dieser in den Gedanken, Gott würde ihre Beziehung als Sünde ansehen und mit Hilfe der Kreuzzüge könnte er seine Schuld wieder abtragen. Trotz dieser offensichtlichen Begründung wird man den Eindruck nicht los, dass diese inoffizielle Beziehung auch seinen Stolz verletzt und er eine Möglichkeit sucht, sich erneut zu beweisen. Beeindruckend schildert der Autor an dieser Stelle schon die Kriegshetze, die von den Predigern betrieben wird, und junge Männer scharenweise begeistert zu den Waffen greifen lässt. So zieht auch Arnaut trotz der lebhaften Erinnerungen an seines Großvaters furchtbare Schilderungen der ersten Kreuzzüge mit seinen engsten Gefährten gen Jerusalem.
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Ekman, Kerstin – Schwindlerinnen

_Zwischen Altersweisheit und Kriminalroman_

Die erfolgreiche Schriftstellerin Lillemor Troj verbringt ihren Lebensabend finanziell abgesichert und sozial hoch angesehen als Mitglied der Schwedischen Akademie, die auch den Nobelpreis für Literatur verleiht. Als ihr Verleger ihr jedoch ein Manuskript präsentiert, von dem er denkt, sie habe es geschrieben und unter Pseudonym bei einem anderen Verlag herausbringen wollen, weil es „so ganz anders“ sei, als das, was sie sonst schriebe; der „reinste Unterhaltungsroman“ und trotzdem „Dynamit“, reißt es Lillemor den Boden unter den Füßen weg. Sie entführt das Manuskript, das so heikel ist, dass es das Verlagsgebäude auf keinen Fall verlassen sollte, und verschanzt sich schließlich zu Hause damit, um mit ungläubigem Staunen zu lesen, welche Bilanz ihre Freundin Barbro „Babba“ Andersson von ihrer beider Leben und ihrer schriftstellerischen Kooperation zieht. Sehr schnell wird in Kerstin Ekmans Roman „Schwindlerinnen“ klar, dass nicht Lillemor die zahlreichen erfolgreichen Kriminalromane geschrieben hat, sondern ihre Freundin Babba.

_Die 80-jährige Autorin_ Kerstin Ekman ist wie ihre Protagonistin Lillemor Troj eine der ganz Großen der schwedischen Literatur und Mitglied der Schwedischen Akademie. Mit „Schwindlerinnen“ hat sie ein kritisches Resümee unter ein halbes Jahrhundert im Literaturbetrieb gezogen. Der Originaltitel „Das große Finale in der Schwindlerbranche“ macht dieses Ansinnen noch deutlicher. So „schwindelt“ man in der Welt ihres aktuellen Romans nicht nur beim „Erfinden“ von Charakteren und Handlung, sondern auch indem man der realen Welt eine Schriftstellerfigur bietet, wie diese sie sich vorstellt.

Die unattraktive Außenseiterin Babba hat früh in ihrem Leben erkannt, das der Text nur eine Seite des Erfolgs ist, und sich die naive, gutbürgerliche und vor allem hübsche Lillemor ausgesucht, um sie als Alter Ego zu benutzen, das ihr Bild und ihr öffentliches Leben hingeben soll, um Babba das Publizieren ihrer Texte zu ermöglichen. An dieser Stelle setzt Ekmans Kritik am Literaturbetrieb an. Talent allein genügt nicht, um erfolgreich zu werden. Es braucht vielmehr eine attraktive Erscheinung, Präsenz in den Medien und Charme, um die Verleger und die Öffentlichkeit für die Person zu begeistern. Diesen schizophrenen Zustand, der vielen Autoren zu schaffen machen dürfte, die sowohl Ruhe und Abgeschiedenheit zum Schreiben als auch gleichzeitig das Licht der Öffentlichkeit für den Erfolg ihrer Bücher brauchen, zeigt Ekman in ihrem Roman, indem sie die Person der Autorin zweiteilt. Lillemor, die ihre Skrupel hinsichtlich dieser unheiligen Allianz nie verlassen, genießt trotzdem die Zeit im Rampenlicht und entwickelt im Laufe ihres Lebens ein Verständnis für Literatur, das sich grundsätzlich von Babbas unterscheidet. Daher ist Lillemor letztlich nicht nur Babbas Vertretung in der Öffentlichkeit, sondern ihr Arbeitsanteil an den Romanen dient dazu, diese zu glätten, sprachlich sowie inhaltlich abzurunden und überhaupt druckbar zu machen. Die Frauen werden zu Symbionten, die einander brauchen, um erfolgreich zu sein, und an dem Punkt angekommen, an dem Lillemor tatsächlich mit der Zweckgemeinschaft Schluss gemacht hat, sieht es so aus, als wolle sich Barbro Andersson nun dafür rächen.

Lillemor liest Babbas Sicht ihrer beider Leben als das vorliegende Romanmanuskript. Ihre eigene Sicht erfährt der Leser aus den Kapiteln, die das Gelesene reflektieren. Der Leser erkennt die Einseitigkeit von Babbas Schilderungen zum Beispiel an der Unterstellung, dass Lillemor jeglicher kreativer Anteil an den Romanen abgesprochen wird oder daran, dass ihr unterstellt wird, sie habe Baba mit derem Lebensgefährten betrogen. Es wird deutlich, dass beide Frauen ihr Leben stets dem Lügennetz unterordnen mussten, das sie sich selbst gesponnen hatten. Vor allem Lillemor, die vom Leben eigentlich nichts weiter wollte, als sich eine bürgerliche Existenz mit einer vorzeigbaren Familie aufzubauen, fürchtete ständig, entdeckt zu werden. Sie versuchte nicht nur einmal, vor Babba und der Öffentlichkeit zu flüchten und sich zurückzuziehen. Das Wort Freundschaft erscheint in diesem Zusammenhang euphemistisch. Trotzdem ist es einzig diese, sowohl von Freude und Überschwang hinsichtlich der Erfolge als auch von Unsicherheit und Angst vor der Entdeckung geprägte, Beziehung zwischen den beiden Frauen, die alle Jahre überdauert. Männerbeziehungen hingegen scheitern an den verschiedensten Umständen.

_Als Leser wird man_ in den Strudel aus Enttäuschung, Empörung und Rachegefühlen hineingezogen und hat permanent das Gefühl, es würde gleich ein Mord passieren. Doch statt Giftpilzmorde zu inszenieren, was man der resoluten und intriganten Babba zutrauen könnte, verliert Ekmans autobiografisch angehauchter Roman sich im Erzählerischen und in Reflexionen über das Wesen von Literatur sowie Betrachtungen über das Verwenden von Wörtern wie „Natur“ oder „Umwelt“. Über weite Strecken werden Lebensabschnitte auserzählt, die mit der eigentlichen Handlung wenig zu tun haben, den Roman aber vermutlich in der Lebenswelt Schwedens verankern sollen. Dabei gehen Ekman jedoch der Schwung und die Spannung des Anfangs verloren. Sie kehren erst in den letzten Kapiteln des Romans zurück, die wieder die Atmosphäre eines Kriminalromans beschwören, bis am Ende alles doch ganz anders kommt, als man zu ahnen glaubt. Ein gutes Buch, aber kein Muss.

|Gebundene Ausgabe, 448 Seiten
Originaltitel: Grand Final i Skojarbranschen
Ins Deutsche übertragen von Hedwig M. Binder
ISBN 978-3492055444|
http://www.piper-verlag.de

Holger Willi Montag – Reisen mit Pippo

Roadtrip nach Apulien

„Was tun, wenn der Großvater stirbt und die Erfüllung dessen letzten Wunsches – in der süditalienischen Heimat bestattet zu werden – […] scheitert?“ – so der Klappentext des im Jahr 2003 erschienen Debütromans „Reisen mit Pippo“ von Holger Willi Montag. „Für Luca Hübschen gibt es nur eine Lösung: Den toten Giuseppe – genannt Pippo – selbst die 2000 Kilometer von Saarbrücken nach Apulien zu transportieren, und zwar mit Hilfe seiner Freundin Steffi und seines betagten Fiat 500 ‚Cinquecento‘.“

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Bachmann, Tobias und Prescher, Sören – Sherlock Holmes taucht ab (Meisterdetektive 2)

_|Meisterdetektive|:_

Band 1: „Sherlock Holmes und das Druidengrab“
Band 2: _“Sherlock Holmes taucht ab“_
Band 3: „Sherlock Holmes und die Tochter des Henkers“

„_Vergnügliches Wiedersehen mit Sherlock Holmes_“

Im London des Jahres 1890 werden ein halbes Dutzend Menschen mit Stichverletzungen und durchschnittener Kehle aufgefunden. Inspektor Lestrade ist ratlos, denn es ist keine Verbindung zwischen den Mordopfern zu finden. Deshalb bittet er Sherlock Holmes um Hilfe bei der Aufklärung des Falles. Als Holmes für ein paar Tage „abtaucht“ und Dr. Watson bei der Obduktion des letzten Opfers eine merkwürdige Deformation der Lunge sowie eine eigentümliche „Hautkrankheit“ feststellt, macht dieser sich allein auf die Suche nach mehr Informationen, nach einem Professor Summers und nicht zuletzt nach Holmes. Mehr und mehr Indizien lenken das Geschehen nun aus dem viktorianischen London hin zu dem fantastischen Moment in dem Sherlock Holmes und Dr. Watson dann sogar wortwörtlich abtauchen – und zwar in einem Unterseeboot auf einer abenteuerlichen Fahrt nach Atlantis, wo sie helfen müssen, eine Schmugglerbande davon abzuhalten, ein wertvolles atlantisches Mineral nach London auszuführen. Nachdem Holmes die ersten Beteiligten in Atlantis dingfest gemacht hat und sich die Schlinge um die Schmugglerbande immer enger zusammenzieht, verlagert sich das Geschehen wieder zurück nach London, wo Sherlock Holmes die Geschichte schließlich zu einem befriedigenden Ende bringt.

Schon einmal hatte der weltbekannte Detektiv des englischen Schriftstellers Sir Arthur Conan-Doyle (1859-1930) mit einem Unterseeboot zu tun, als er in „The Adventure of the Bruce-Partington Plans“ gestohlene Baupläne für ein U-Boot wiederbeschaffen muss. Wo jedoch Conan-Doyles gedankliche Reise im Jahr 1912 aufhörte, schließen die beiden Autoren Bachmann und Prescher 2012 an. Sie versetzen den Meisterdetektiv mitten hinein in ein solches Beförderungsmittel und damit in die technisierte Welt des sagenumwobenen Atlantis. Mag dieser wenig traditionelle Ausflug zunächst nicht nach einem typischen Sherlock Holmes Abenteuer klingen, so müssen seine Fans dennoch keine Befürchtungen dahingehend hegen, dass ihrem Idol Gewalt angetan worden wäre. Im Gegenteil die Autoren scheinen selbst wahre Kenner zu sein, denn sie treffen in Ton und Stil die ursprünglichen Geschichten ausgesprochen gut. Dass sie Doyle gelesen haben, beweisen sie unaufdringlich und subtil, wenn sie in Nebensätzen beiläufig die Originalgeschichten zitieren; beispielsweise als Dr. Watson davon träumt, dass seine Frau Mary ihm von merkwürdgen Perlen erzählte, die sie seit eingen Jahren zu jedem Geburstag geschickt bekommen hatte („The Sign of the Four“, 1890).

Die Autoren nutzen auch über solche Anspielungen hinaus typische Elemente der Doyle’schen Kurzgeschichten. Wie im Original nimmt Dr. Watson als bewundernder Freund des großen Detektivs und als mitfühlender Mensch die Leser erzählend an die Hand, um sie durch das Geschehen zu führen. Er zeigt sich lange nicht so begeistert darüber, Tatorte oder Leichen zu untersuchen, wie Sherlock Holmes, der in einem Kriminalfall nur das Vergnügen der intellektuellen Herausforderung und keine Opfer oder Schäden sieht. Die fantastischen Elemente schleichen sich erst nach und nach über Indizien in den Text ein, so dass die Reise nach Atlantis nur folgerichtig und nicht krude erscheint. Dort angekommen bleiben sich die Charaktere weiterhin treu. Watson empfindet neben offensichtlichem Heimweh nach London und seiner Frau Bewunderung und Begeisterung für den Unterwasserstaat, während Holmes zwar interessiert ist, sich aber dennoch ganz auf die Lösung des Falles konzentriert. Außerdem ist Holmes die Anwesenheit der weiblichen atlantischen Detektive lästig. Er bleibt misstrauisch, während Watson mit den Frauen gut zurechtkommt und sich wie üblich wundert, wie unempfänglich Holmes für weibliche Reize ist. Die Charaktere sind also hervorragend getroffen.

Darüber hinaus ist der Doktor über lange Strecken des Buches hungrig und müde. Sein durch Holmes‘ unermüdliche Jagd häufig vereitelter Wunsch nach einer guten Mahlzeit wird zum Running Gag und lässt Watson gleichzeitig sehr viel menschlicher erscheinen, als die Denkmaschine Holmes, der während der Arbeit an einem Fall kaum Schlaf oder Nahrung nötig hat. Auch bei den knappen Dialogen zwingt ein leiser unaufdringlicher Witz den Leser immer wieder zum Schmunzeln – wenn z. B. Watson sich schließlich von Atlantis fasziniert bei Holmes für seine Betäubung und die Zwangsmitnahme im U-Boot bedankt und dieser ihm antwortet: „Es war mir, wie stets, ein Vergnügen, Watson.“

„Sherlock Holmes taucht ab“ ist daher eine respektvolle Verneigung vor dem Doyle’schen Original, an dem man auch als konservativer Sherlockianer von der ersten bis zur letzten Seite Vergnügen hat. Die fantasievollen Illustrationen von Peter Wall bereichern das Werk zusätzlich. Auffällig ist auch die gute Verarbeitung des Taschenbuches. Der Umschlag ist stabil, das Papier dick und griffig. Selbst nach mehrmaligem Lesen haben sich keine Seiten gelöst. Daher wird der Leser an diesem Buch aus dem kleinen Fabylon Verlag auch nach Jahren noch Freude haben.

|Taschenbuch: 200 Seiten
978-3927071766|
http://www.fabylon-verlag.de

Klausmann, Liza – Zeit der Raubtiere

„_Zeit zum Abtauchen_“

Lizy Klausmann fackelt nicht lange. Bereits auf den ersten Seiten ihres melodramatischen Romandebuts „Zeit der Raubtiere“ wird der Leser in hineingezogen in eine Atmosphäre aus schwüler Hitze, melancholischem Blues und Alkohol. Die Cousinen Helene und Nick warten in Cambridge sehnsüchtig darauf, dass in Europa der Zweite Weltkrieg zu Ende geht und Nicks Ehemann wieder heimkommt, während Helen, deren erster Mann im Krieg gefallen ist, einer zweiten Ehe mit dem glamourösen Filmproduzenten Avery Lewis aus Hollywood entgegenfiebert. In dem aufregenden Leben, das sich beide erträumen, wird der jährliche Sommerurlaub im Familienanwesen Tiger House auf der Insel Martha’s Vineyard als feste Größe eingeplant. „Nick lächelte. Sie dachte an Tiger Houser, an die luftigen Zimmer und den weiten grünen Rasen, der sich im Blau des Hafens verlor. Und an das kleine süße Cottage daneben, das ihr Vater als Geschenk für Helenas Mutter gebaut hatte. ‚Häuser, Ehemänner und Ginpartys um Mitternacht‘, sagte Nick. ‚Nichts wird sich ändern. Jedenfalls nichts Wichtiges. Alles wird so sein wie immer.'“

Doch natürlich macht das Leben keinen Halt und der Krieg hat vieles verändert. Nicks Ehemann Hughes ist nicht mehr der unbeschwerte Typ, in den sie sich verliebt hat, sondern möchte ein geordnetes bürgerliches Leben führen. Nick findet sich bald in der traditionellen Rolle der Hausfrau und Mutter wieder, die ihr stets widerstrebt hat. Auch Helens glamouröses Leben stellt sich als Farce heraus, die nur mit Alkohol und Tabletten zu ertragen ist. Dennoch treffen die Familien regelmäßig in Tiger House zusammen. Die Leser erleben in „Zeit der Raubtiere“ die Schlüsselmomente der Familiengeschichte aus den Jahren 1945 bis 1969 jeweils aus den Perspektiven von Nick, Helen, Hudges sowie den Kindern Daisy und Ed. Dadurch, dass jede der Figuren einen recht beschränkten Blick auf die Vorgänge in der eigenen Umgebung hat, sind die Wiederholungen des Erzählten immer wieder spannend zu lesen, denn von Mal zu Mal erhält der Leser mehr Informationen, kann sich ein umfassenderes Bild zusammenpuzzeln und der Wahrheit näher kommen, bis schließlich Eds Sicht auch die letzten Puzzleteilchen zur Verfügung stellt.

Daisy bildet in diesem Reigen aus der egozentrischen Selbstdarstellerin Nick, der bis zur Selbstaufgabe hörigen Helen, dem vorgeblich eloquenten Hughes und dem mysteriösen Ed wohl noch die sympathischste Figur, aber durch ihre überzeichnete Unschuld und Naivität kann man ihr ebenfalls keine reine Sympathie entgegenbringen, sondern möchte sie lieber durchschütteln, um ihr die Augen zu öffnen. Als Leser saugt man die gut 400 Seiten förmlich auf und lechzt nach dem nächsten Häppchen Wahrheit, das bestätigt, wie verkorkst nicht nur die beiden Familien, sondern die ganze Bevölkerung der Insel hinter ihrer bürgerlichen Fassade ist. Da nimmt es schon gar nicht mehr Wunder, dass Helens Sohn Ed spätestens nachdem er mit Daisy eines Sommers auf eine Leiche stößt, einer morbiden Faszination für das Innenleben von Menschen im wahrsten Sinne des Wortes erliegt. So gleitet die melancholische Grundstimmung immer mehr in Richtung Grauen und Verzweiflung ab, bis nicht nur Helen, sondern auch Nick vor den Trümmern ihrer Ehe stehen und dennoch mit aller Kraft und Hoffnung daran festzuhalten versuchen. In Tiger House treffen folglich mit den Figuren auch alles andere aufeinander: Erinnerungen und Träume, Realität, Lebenslügen, Liebe, Hass, Neid, Angst und Tod. Dennoch wird bis zur letzten Seite immer wieder deutlich, was man entweder als Segen oder als Fluch betrachten kann: dass die Familie alles ist, was man im Leben hat und sie jedem Mitglied helfend zur Seite steht – ob es will oder nicht.

Dieser Aspekt des Gefangenseins in der Familie wird nicht nur in Helens Geschichte deutlich, wo er vermutlich ihrer die einzige Rettung darstellt. Gut gelungen ist die Umsetzung der Problematik auch in Daisys Leben als Teenagerin, wenn in den Dialogen immer wieder deutlich wird, wie die Liebe zur Mutter in Hass und wieder zurück umschlägt immer begleitet von Schuldgefühlen, weil man dem Menschen mit seinem Hass vielleicht Unrecht getan haben könnte. In ihrem Teil kommt auch gut zum Ausdruck, wie der Teenager ständig zwischen Imitation der Erwachsenen mit Lippenstift, Drink und vorgeblicher Lebenserfahrung sowie einer kindlichen Unerfahrenheit und Blindheit für die Vorgänge in der Erwachsenenwelt pendelt, während Eds Wesen ganz darauf ausgerichtet zu sein scheint, alles zu hinterfragen, auszuspionieren und sich nicht blenden zu lassen. Der pointierte Erzählstil der Autorin zeigt dabei auch die anderen Figuren zwischen Fluchtreflex, Schuld und Festhalten an der Beständigkeit. Aber wie ein Tiger im Jungle lauert ständig etwas im Dunklen, das in jedem beliebigen Moment die mühsam aufrecht erhaltene Illusion zerstören kann.

Die Journalistin und Autorin Liza Klaussmann kann bei der Schilderung der Insel Martha’s Vineyard und der bürgerlichen Gesellschaft der 50er Jahre mit ihren Partys, dem Yachtclub und Bootstouren, der gepflegten Langeweile sowie dem beständigen Konsum von Alkohol auf ihre eigenen Erinnerungen an die kleine Insel vor Boston zurückgreifen, wo auch Präsidenten und Stars Urlaub machen. Wohl deshalb taucht man als Leser nicht nur wegen der Lust an den Geheimnissen der Charaktere nur schwer wieder aus dem Buch auf. Man bleibt auch gefangen in der fast poetisch beschriebenen Welt der Ostküste Amerikas mit romantischen Sommerhäuschen, staubiger Hitze, dem salzigen Geruch des Meeres, mit lachenden Menschen und Musik aus der Ferne, wo niemand sagt, was er denkt, und nichts wahr ist. Ein kleines Stück Amerika – unbedingt lesenswert.

|432 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Originaltitel: Tigers in Red Weather
Ins Deutsche übertragen von Michaela Grabinger
ISBN 978-3426199510|
http://www.droemer-knaur.de