Alle Beiträge von Corinna Hein

Kirsten Wulf – Tanz der Tarantel

Die Fotojournalistin Elena von Eschenberg hat sich gerade ein halbes Jahr in ihrer neuen Wahlheimat Lecce eingelebt, in die sie in Kirsten Wulfs erstem Apulienkrimi „Aller Anfang ist Apulien“ vor ihrem untreuen Ehemann geflüchtet war, als sie schon wieder über ein Verbrechen stolpert – oder besser noch: als sie sich mitten in ein Verbrechen hineinfotografiert. Eine Recherche über die traditionelle Musik des Salent und den dort beheimateten, polkaähnlichen Volkstanz, Pizzica, führt Elena in das kleine Städtchen Galatina, wo sich hinter der Wärme, dem Licht und den Wohlgerüchen des Südens Enttäuschung, Hass und Kriminalität verbergen.

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Su Turhan – Bierleichen. Ein Fall für Kommissar Pascha

Es ist Sommer in München. Die Temperaturen erreichen Rekordwerte. Doch der türkischstämmige Kommissar Zeki Demirbilek, oft auch nur Kommissar Pascha genannt, schwitzt nicht nur höllisch, sondern leidet auch darunter, dass der muslimische Fastenmonat Ramadan just in diese Jahreszeit fällt. „Dreißig Tage lang. Von der Morgendämmerung bis zum Einbruch der Nacht war es ihm als Moslem nicht erlaubt, zu essen und zu trinken. … Auch Sex, Rauchen und sonstige überschwänglichen Vergnügungen waren tabu. Ganz zu schweigen davon, während des Fastenmonats auf üble Nachreden, Verleumdungen und Beleidigungen zu verzichten. Lügen war ebenfalls verboten.“

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Kate Atkinson – Die Unvollendete

„Ursula Todd kann ihr Leben wieder und wieder leben und die Fehler, die sie macht, korrigieren.“ – so liest man es auf dem Klappentext des Romans „Die Unvollendete“ von Kate Atkinson. Das erinnert sofort an den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ aus den 1990er Jahren, der auch heute noch häufiger im TV wiederholt wird. Der Komiker Bill Murray, der in diesem Streifen einen übellaunigen Reporter spielt, muss jeden Tag aufs Neue ein und denselben Tag durchleben, bis er endlich alles richtig macht und am nächsten Morgen aufwachen darf. Witzig! Ist es aber auch noch witzig, wenn der Murmeltiertag ein ganzes Leben umfasst? Nein, ganz und gar nicht.

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Dmitry Glukhovsky – Futu.re

Der russische Autor Dmitry Glukhovsky hat nach seinem Bestseller „Metro 2033“ und dem Nachfolgeband „Metro 2034“ wieder eine dystopische Zukunft für die Menschheit entworfen. Dabei zeigt er auch in seinem neuen Roman „Futu.re“, dass er die Klassiker aufmerksam gelesen hat. Wie in Samjatins „Wir“ haben die Protagonisten Nummern statt Namen. Wie in Orwells „1984“ werden alle Menschen überwacht und kontrolliert und wie in Huxleys „Schöne neue Welt“ betäuben die Menschen sich mit Drogen, um ihr Leben erträglich zu machen, denn – und das ist dieses Mal neu – das ewige Leben, das der Menschheit so verheißungsvoll erschien und erscheint, wurde endlich erreicht. Doch es wird bezahlt mit Künstlichkeit, Einsamkeit und innerer Leere.

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Tanja Kinkel – Verführung

In ihrem neuen Roman “Verführung” verknüpft Tanja Kinkel zwei faszinierende Persönlichkeiten, die das Handwerk der Verführung jede auf ihre Weise perfektionieren. Bereits als Angiola Calori im Alter von sechs Jahren zum ersten Mal ein Theater betritt, ist sie fasziniert von der Stimme einer Opernsängerin, die für sie wie die Stimme eines Engels klingt. Wie es der Zufall will trifft sie an diesem Tag auch auf einen der Söhne der Sängerin, welcher später zum wohl bekanntesten Verführer der Weltgeschichte werden und Angiolas Leben eine neue Richtung geben wird.

Doch zunächst verliebt sie sich in jungen Jahren in den berühmten Kastratensänger Appianino (1712-1742). Dieser erkennt die Qualität ihrer Stimme und ist ihr dabei behilflich, vor einer von ihrer Mutter arrangierten Heirat mit deren Liebhaber zu fliehen und als Kastrat Bellino eine neue Identität anzunehmen, um eine fundierte Gesangsausbildung zu erhalten, denn die Komponisten im Rokkoko schrieben in der Regel nicht für Sängerinnen, sondern für kastrierte Sänger wie den berühmten Farinelli (1705-1782). Tanja Kinkel gelingt es in diesem Roman unaufdringlich viel interessantes Hintergrundwissen über Musik, das Schicksal von Kastraten, dem Umgang mit Kindern und das sich im Wandel befindende Europa einfließen zu lassen. Demnach hatte die Kirche aus Anstandsgründen Frauen auf der Bühne verboten und die meisten Länder hielten sich an dieses Verbot. Um Frauenrollen trotzdem besetzen zu können, wurden Jungen mit einer vielversprechenden Stimme noch vor ihrem Stimmbruch kastriert, um diese Stimme zu erhalten. Nicht jeder schaffte es über den Durchschnitt hinaus und wurde ein berühmter Sänger, doch Kastraten, die es wie Farinelli oder der ebenfalls im Roman auftretende Caffarrelli (1710-1783) auf die großen Bühnen schafften, wurden wie die heutigen Popstars verehrt.

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Nina George – Das Lavendelzimmer

Mit zielsicherem Blick verkauft der Buchhändler Jean Perdu seinen Kunden in seiner literarischen Apotheke, einem zu einem Bücherschiff umgebauten Lastkahn, genau das Buch, das sie in der jeweiligen Situation benötigen, um Rat und Trost zu finden. Er will „Gefühle behandeln, die nie von Ärzten diagnostiziert werden. All diese kleinen Gefühle, Regungen, für die sich kein Therapeut interessiert, weil sie angeblich zu klein und zu unfassbar sind. Das Gefühl, wenn wieder ein Sommer zu Ende geht. Oder zu erkennen, nicht mehr ein ganzes Leben Zeit zu haben, um seinen Platz zu finden. Oder die kleine Trauer, wenn eine Freundschaft doch nicht in die Tiefe geht und man weitersuchen muss nach einem Lebensvertrauten. Oder die Schwermut am Morgen des Geburtstags. Heinweh nach der Luft seiner Kindheit. So etwas.“

So erfolgreich er damit bei seinen Patienten ist, so sehr ist er jedoch bei der Auseinandersetzung mit seinem eigenen Verlust gescheitert: Vor zwanzig Jahren hat ihn Manon, die große Liebe seines Lebens verlassen und ihm nichts weiter als einen Brief hinterlassen, den Perdu bis heute nicht einmal zu lesen wagte. Seine Erinnerung hat er im Lavendelzimmer eingesperrt, das er nach Manons Fortgang nie wieder betreten hat. Doch als die von ihrem Mann verlassene Catherine in das Mietshaus in der Pariser Rue Montagnard einzieht und nicht einmal einen Tisch oder einen Stuhl besitzt, öffnet Perdu das Lavendelzimmer, um ihr zu helfen. Damit setzt er ungewollt auch einen Prozess in Gang, der ihn samt seinem Bücherschiff und dem von Fans und Presse verfolgten, erfolgreichen Jungautor Max aus der Großstadt hinaus in die Weite der Provence treibt. Es beginnt eine Reise, die für alle Passagiere des Bücherkahns „Lulu“ gleichsam eine Suche nach der Vergangenheit und nach der Zukunft wird.

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Paulo Lins – Seit der Samba Samba ist

Liebe, Leidenschaft, Samba

Der Roman „Seit der Samba Samba ist“ des brasilianischen Schriftstellers Paulo Lins führt seine Leser auf den Spuren des jungen, schwarzen Zuhälters Brancura in das Armen- und Hurenviertel von Rio de Janeiro. Hier sind Gewalt und Verbrechen an der Tagesordnung. Der Stärkste regiert und notfalls auch der, der am schnellsten mit der Waffe ist.

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Thomas Vaucher – Winterhelden: Die Schlacht um Yrnis

Geschichtsstunde in Romanform

„‚Sechshundert gegen zehntausend‘, wiederholte Teiling und drehte sich um seine eigene Achse, um sich die Männer in der Gaststube anzusehen. ‚Sechshundert gegen zehntausend! Lasst es euch auf der Zunge zergehen, denn morgen werden wir kämpfen! Sechshundert gegen zehntausend! Und Hans Viol, dieser kleine Bergführer, Dichter und Sänger wird ein Lied darüber schreiben. Ein Lied, wie wir den zehntausend Lombarden den Arsch versohlen! Ein Lied, wie wir sie weinend und heulend wir kleine Kinder zurück nach Mailand schicken!'“

Man schreibt das Jahr 1490 und für eine tägliche warme Mahlzeit berichtet der zu einem Säufer heruntergekommene ehemals zu den gefürchtetsten und besten Kämpfern Europas zählende Hans Sturm dem Chronisten Etterlin von seinem Freund Hans Teiling. Thomas Vaucher – Winterhelden: Die Schlacht um Yrnis weiterlesen

Annette Dutton – Die verbotene Geschichte

Annette Dutton hat wieder in die Tasten gegriffen und mit „Die verbotene Geschichte“ ihren zweiten Roman vorgelegt. Wer ihren Erstling „Der geheimnisvolle Garten“ gelesen hat, wird schnell das bewährte Muster wiedererkennen: Eine junge Deutsche namens Katja verschlägt es ausgelöst durch den Tod einer ihr nahestehenden Person, in diesem Falle des Ehemanns, der bei einem Flugzeugabsturz in Tasmanien ums Leben gekommen ist, in die weite Ferne – in diesem Fall temporär nach Australien und Tasmanien, die meiste aber Zeit nach Papua-Neuguinea. Hier findet sie nicht nur einen neuen Mann, sondern deckt auch ein Familiengeheimnis auf, das ihr Leben und das ihrer Familie für immer verändert.

Dieses Geheimnis ist Teil der in Briefen und Tagebuchauszügen geschilderten Geschichte ihrer Urahnin Phebe und deren Freundin Johanna, die parallel zu Katjas Selbstfindungsgeschichte erzählt wird. Wie in „Der geheimnisvolle Garten“ hat der Leser es mit dem schwierigen Leben einer Missionarsfrau zu tun, die sich in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts unter widrigen Bedingungen in einem unerschlossenen Teil der Welt behaupten muss. Wie auch schon im Vorgänger beeindruckt Dutton in der mit gut recherchierten Fakten unterlegten Geschichte in der Vergangenheit dadurch, dass die Vorgänge in diesem Teil der Welt auch in den Zeiten der Weltkriege den deutschen Lesern wenig oder gar nicht bekannt sind. Man ist sich kaum bewusst, wie eng die Entwicklungen auf der kleinen Pazifkinsel mit denen in Deutschland verknüpft gewesen sind. Die wechselvolle Lebensgeschichte der Freundinnen bis hin zu ihrem tragischen, aber nicht schmalzigen Tod, macht den Roman der deutschen Autorin, die inzwischen seit zwölf Jahren in Australien lebt und in diesem Teil der Erde auch die Stoffe für ihre Frauenromane findet, spannend und interessant. Im Nachwort wird auf die historischen Eckdaten noch einmal erklärend eingegangen und ein umfassendes Literaturverzeichnis aufgelistet.
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Carla Federico – Die Rosen von Montevideo

„Montevideo“ – den Namen hat man schon einmal gehört; vielleicht im Zusammenhang mit der gleichnamigen Verfilmung des Theaterstücks “Das Haus in Montevideo” mit dem großen Heinz Rühmann. Aber sehr viel mehr weiß man von Uruguays Hauptstatt nicht, wenn man nicht gerade leidenschaftlich an Lateinamerika interessiert ist. Umso interessanter gestaltet sich Carla Federicos Frauenroman “Die Rosen von Montevideo”, der zu großen Teilen in den Jahren von 1829 bis 1898 in Montevideo spielt. Diese zeitliche Periode war gekennzeichnet von einer starken Einwanderungsbewegung aus Europa, staatliche Bevormundung durch die Briten und außerdem tobte ein grausamer Dreibundkrieg von Uruguay, Brasilien und Argentinien gegen Paraguay. Auch in Uruguya selbst hatte sich eine tiefe Kluft zwischen Arm und Reich sowie Stadt- und Landbevölkerung aufgetan.

Mit den ersten Einwanderern gelangt auch Valeria Olivares nach Montevideo. Doch wie die Rosen in ihrem Garten wird Valeria nie richtig heimisch in Uruguya. Ihre Tochter Rosa de la Vegas versucht mit Hilfe einer überstürzten Heirat mit dem Bankier Albert Gothman einer Zwangsehe mit einem wesentlich älteren Mann und Geschäftspartners ihres Vaters zu entgehen. Dadurch verschlägt es sie nach Frankfurt am Main, wo sie wiederum Montevideo vermisst und nicht richtig heimisch wird. Frankfurt wird als aufstrebendes Macht- und Kulturzentrum in Europa charakterisiert. Doch seine Einwohner und hierbei vor allem die Frauen scheinen im Vergleich zu Rosa zwar gebildeter, dafür aber auch steif und hinterhältig. Der Niedergang der im Überschwang der Gefühle geschlossenen Ehe und ihre Entwicklung hin zur Ehrlichkeit und zum Verzeihen, die schließlich in einer Freundschaft mündet, ist unter den Beziehungen im Roman am differenziertesten ausgearbeitet. Mit Rosas Tochter Valeria und Clair, der Tochter ihrer Schwägerin, hingegen kehrt der Leser mit der nächsten Frauengeneration wieder zurück nach Montevideo.
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Ulf Schiewe – Die Hure Babylon

“Die Hure Babylon” ist der dritte Teil der Montalban-Reihe, die der deutsche Autor Uwe Schiewe mit “Der Bastard von Tolosa” begonnen und mit “Die Comtessa” fortgesetzt hat. Während zwischen dem ersten und zweiten Teil des für seine historische Genauigkeit geschätzten Erzählzyklus‘ mehrere Jahrzehnte liegen, schließt “Die Hure Babylon” jedoch unmittelbar an ihren Vorgänger an.

Ermengarda von Narbonne, die sich in “Die Comtessa” mit Arnauts Hilfe einer Zwangsheirat zu entziehen versuchte und auf der Flucht in ihren Helfer verliebt hat, konnte der Heirat zwar nicht entgehen, lebt jedoch nur in einer Scheinehe und herrscht selbständig über ihr Land. Dass sie mit Arnaut zusammenlebt, ist allgemein bekannt. Als Ermengarda jedoch erneut eine Fehlgeburt erleidet, versteigt sich dieser in den Gedanken, Gott würde ihre Beziehung als Sünde ansehen und mit Hilfe der Kreuzzüge könnte er seine Schuld wieder abtragen. Trotz dieser offensichtlichen Begründung wird man den Eindruck nicht los, dass diese inoffizielle Beziehung auch seinen Stolz verletzt und er eine Möglichkeit sucht, sich erneut zu beweisen. Beeindruckend schildert der Autor an dieser Stelle schon die Kriegshetze, die von den Predigern betrieben wird, und junge Männer scharenweise begeistert zu den Waffen greifen lässt. So zieht auch Arnaut trotz der lebhaften Erinnerungen an seines Großvaters furchtbare Schilderungen der ersten Kreuzzüge mit seinen engsten Gefährten gen Jerusalem.
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Ekman, Kerstin – Schwindlerinnen

_Zwischen Altersweisheit und Kriminalroman_

Die erfolgreiche Schriftstellerin Lillemor Troj verbringt ihren Lebensabend finanziell abgesichert und sozial hoch angesehen als Mitglied der Schwedischen Akademie, die auch den Nobelpreis für Literatur verleiht. Als ihr Verleger ihr jedoch ein Manuskript präsentiert, von dem er denkt, sie habe es geschrieben und unter Pseudonym bei einem anderen Verlag herausbringen wollen, weil es „so ganz anders“ sei, als das, was sie sonst schriebe; der „reinste Unterhaltungsroman“ und trotzdem „Dynamit“, reißt es Lillemor den Boden unter den Füßen weg. Sie entführt das Manuskript, das so heikel ist, dass es das Verlagsgebäude auf keinen Fall verlassen sollte, und verschanzt sich schließlich zu Hause damit, um mit ungläubigem Staunen zu lesen, welche Bilanz ihre Freundin Barbro „Babba“ Andersson von ihrer beider Leben und ihrer schriftstellerischen Kooperation zieht. Sehr schnell wird in Kerstin Ekmans Roman „Schwindlerinnen“ klar, dass nicht Lillemor die zahlreichen erfolgreichen Kriminalromane geschrieben hat, sondern ihre Freundin Babba.

_Die 80-jährige Autorin_ Kerstin Ekman ist wie ihre Protagonistin Lillemor Troj eine der ganz Großen der schwedischen Literatur und Mitglied der Schwedischen Akademie. Mit „Schwindlerinnen“ hat sie ein kritisches Resümee unter ein halbes Jahrhundert im Literaturbetrieb gezogen. Der Originaltitel „Das große Finale in der Schwindlerbranche“ macht dieses Ansinnen noch deutlicher. So „schwindelt“ man in der Welt ihres aktuellen Romans nicht nur beim „Erfinden“ von Charakteren und Handlung, sondern auch indem man der realen Welt eine Schriftstellerfigur bietet, wie diese sie sich vorstellt.

Die unattraktive Außenseiterin Babba hat früh in ihrem Leben erkannt, das der Text nur eine Seite des Erfolgs ist, und sich die naive, gutbürgerliche und vor allem hübsche Lillemor ausgesucht, um sie als Alter Ego zu benutzen, das ihr Bild und ihr öffentliches Leben hingeben soll, um Babba das Publizieren ihrer Texte zu ermöglichen. An dieser Stelle setzt Ekmans Kritik am Literaturbetrieb an. Talent allein genügt nicht, um erfolgreich zu werden. Es braucht vielmehr eine attraktive Erscheinung, Präsenz in den Medien und Charme, um die Verleger und die Öffentlichkeit für die Person zu begeistern. Diesen schizophrenen Zustand, der vielen Autoren zu schaffen machen dürfte, die sowohl Ruhe und Abgeschiedenheit zum Schreiben als auch gleichzeitig das Licht der Öffentlichkeit für den Erfolg ihrer Bücher brauchen, zeigt Ekman in ihrem Roman, indem sie die Person der Autorin zweiteilt. Lillemor, die ihre Skrupel hinsichtlich dieser unheiligen Allianz nie verlassen, genießt trotzdem die Zeit im Rampenlicht und entwickelt im Laufe ihres Lebens ein Verständnis für Literatur, das sich grundsätzlich von Babbas unterscheidet. Daher ist Lillemor letztlich nicht nur Babbas Vertretung in der Öffentlichkeit, sondern ihr Arbeitsanteil an den Romanen dient dazu, diese zu glätten, sprachlich sowie inhaltlich abzurunden und überhaupt druckbar zu machen. Die Frauen werden zu Symbionten, die einander brauchen, um erfolgreich zu sein, und an dem Punkt angekommen, an dem Lillemor tatsächlich mit der Zweckgemeinschaft Schluss gemacht hat, sieht es so aus, als wolle sich Barbro Andersson nun dafür rächen.

Lillemor liest Babbas Sicht ihrer beider Leben als das vorliegende Romanmanuskript. Ihre eigene Sicht erfährt der Leser aus den Kapiteln, die das Gelesene reflektieren. Der Leser erkennt die Einseitigkeit von Babbas Schilderungen zum Beispiel an der Unterstellung, dass Lillemor jeglicher kreativer Anteil an den Romanen abgesprochen wird oder daran, dass ihr unterstellt wird, sie habe Baba mit derem Lebensgefährten betrogen. Es wird deutlich, dass beide Frauen ihr Leben stets dem Lügennetz unterordnen mussten, das sie sich selbst gesponnen hatten. Vor allem Lillemor, die vom Leben eigentlich nichts weiter wollte, als sich eine bürgerliche Existenz mit einer vorzeigbaren Familie aufzubauen, fürchtete ständig, entdeckt zu werden. Sie versuchte nicht nur einmal, vor Babba und der Öffentlichkeit zu flüchten und sich zurückzuziehen. Das Wort Freundschaft erscheint in diesem Zusammenhang euphemistisch. Trotzdem ist es einzig diese, sowohl von Freude und Überschwang hinsichtlich der Erfolge als auch von Unsicherheit und Angst vor der Entdeckung geprägte, Beziehung zwischen den beiden Frauen, die alle Jahre überdauert. Männerbeziehungen hingegen scheitern an den verschiedensten Umständen.

_Als Leser wird man_ in den Strudel aus Enttäuschung, Empörung und Rachegefühlen hineingezogen und hat permanent das Gefühl, es würde gleich ein Mord passieren. Doch statt Giftpilzmorde zu inszenieren, was man der resoluten und intriganten Babba zutrauen könnte, verliert Ekmans autobiografisch angehauchter Roman sich im Erzählerischen und in Reflexionen über das Wesen von Literatur sowie Betrachtungen über das Verwenden von Wörtern wie „Natur“ oder „Umwelt“. Über weite Strecken werden Lebensabschnitte auserzählt, die mit der eigentlichen Handlung wenig zu tun haben, den Roman aber vermutlich in der Lebenswelt Schwedens verankern sollen. Dabei gehen Ekman jedoch der Schwung und die Spannung des Anfangs verloren. Sie kehren erst in den letzten Kapiteln des Romans zurück, die wieder die Atmosphäre eines Kriminalromans beschwören, bis am Ende alles doch ganz anders kommt, als man zu ahnen glaubt. Ein gutes Buch, aber kein Muss.

|Gebundene Ausgabe, 448 Seiten
Originaltitel: Grand Final i Skojarbranschen
Ins Deutsche übertragen von Hedwig M. Binder
ISBN 978-3492055444|
http://www.piper-verlag.de

Holger Willi Montag – Reisen mit Pippo

Roadtrip nach Apulien

„Was tun, wenn der Großvater stirbt und die Erfüllung dessen letzten Wunsches – in der süditalienischen Heimat bestattet zu werden – […] scheitert?“ – so der Klappentext des im Jahr 2003 erschienen Debütromans „Reisen mit Pippo“ von Holger Willi Montag. „Für Luca Hübschen gibt es nur eine Lösung: Den toten Giuseppe – genannt Pippo – selbst die 2000 Kilometer von Saarbrücken nach Apulien zu transportieren, und zwar mit Hilfe seiner Freundin Steffi und seines betagten Fiat 500 ‚Cinquecento‘.“

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Bachmann, Tobias und Prescher, Sören – Sherlock Holmes taucht ab (Meisterdetektive 2)

_|Meisterdetektive|:_

Band 1: „Sherlock Holmes und das Druidengrab“
Band 2: _“Sherlock Holmes taucht ab“_
Band 3: „Sherlock Holmes und die Tochter des Henkers“

„_Vergnügliches Wiedersehen mit Sherlock Holmes_“

Im London des Jahres 1890 werden ein halbes Dutzend Menschen mit Stichverletzungen und durchschnittener Kehle aufgefunden. Inspektor Lestrade ist ratlos, denn es ist keine Verbindung zwischen den Mordopfern zu finden. Deshalb bittet er Sherlock Holmes um Hilfe bei der Aufklärung des Falles. Als Holmes für ein paar Tage „abtaucht“ und Dr. Watson bei der Obduktion des letzten Opfers eine merkwürdige Deformation der Lunge sowie eine eigentümliche „Hautkrankheit“ feststellt, macht dieser sich allein auf die Suche nach mehr Informationen, nach einem Professor Summers und nicht zuletzt nach Holmes. Mehr und mehr Indizien lenken das Geschehen nun aus dem viktorianischen London hin zu dem fantastischen Moment in dem Sherlock Holmes und Dr. Watson dann sogar wortwörtlich abtauchen – und zwar in einem Unterseeboot auf einer abenteuerlichen Fahrt nach Atlantis, wo sie helfen müssen, eine Schmugglerbande davon abzuhalten, ein wertvolles atlantisches Mineral nach London auszuführen. Nachdem Holmes die ersten Beteiligten in Atlantis dingfest gemacht hat und sich die Schlinge um die Schmugglerbande immer enger zusammenzieht, verlagert sich das Geschehen wieder zurück nach London, wo Sherlock Holmes die Geschichte schließlich zu einem befriedigenden Ende bringt.

Schon einmal hatte der weltbekannte Detektiv des englischen Schriftstellers Sir Arthur Conan-Doyle (1859-1930) mit einem Unterseeboot zu tun, als er in „The Adventure of the Bruce-Partington Plans“ gestohlene Baupläne für ein U-Boot wiederbeschaffen muss. Wo jedoch Conan-Doyles gedankliche Reise im Jahr 1912 aufhörte, schließen die beiden Autoren Bachmann und Prescher 2012 an. Sie versetzen den Meisterdetektiv mitten hinein in ein solches Beförderungsmittel und damit in die technisierte Welt des sagenumwobenen Atlantis. Mag dieser wenig traditionelle Ausflug zunächst nicht nach einem typischen Sherlock Holmes Abenteuer klingen, so müssen seine Fans dennoch keine Befürchtungen dahingehend hegen, dass ihrem Idol Gewalt angetan worden wäre. Im Gegenteil die Autoren scheinen selbst wahre Kenner zu sein, denn sie treffen in Ton und Stil die ursprünglichen Geschichten ausgesprochen gut. Dass sie Doyle gelesen haben, beweisen sie unaufdringlich und subtil, wenn sie in Nebensätzen beiläufig die Originalgeschichten zitieren; beispielsweise als Dr. Watson davon träumt, dass seine Frau Mary ihm von merkwürdgen Perlen erzählte, die sie seit eingen Jahren zu jedem Geburstag geschickt bekommen hatte („The Sign of the Four“, 1890).

Die Autoren nutzen auch über solche Anspielungen hinaus typische Elemente der Doyle’schen Kurzgeschichten. Wie im Original nimmt Dr. Watson als bewundernder Freund des großen Detektivs und als mitfühlender Mensch die Leser erzählend an die Hand, um sie durch das Geschehen zu führen. Er zeigt sich lange nicht so begeistert darüber, Tatorte oder Leichen zu untersuchen, wie Sherlock Holmes, der in einem Kriminalfall nur das Vergnügen der intellektuellen Herausforderung und keine Opfer oder Schäden sieht. Die fantastischen Elemente schleichen sich erst nach und nach über Indizien in den Text ein, so dass die Reise nach Atlantis nur folgerichtig und nicht krude erscheint. Dort angekommen bleiben sich die Charaktere weiterhin treu. Watson empfindet neben offensichtlichem Heimweh nach London und seiner Frau Bewunderung und Begeisterung für den Unterwasserstaat, während Holmes zwar interessiert ist, sich aber dennoch ganz auf die Lösung des Falles konzentriert. Außerdem ist Holmes die Anwesenheit der weiblichen atlantischen Detektive lästig. Er bleibt misstrauisch, während Watson mit den Frauen gut zurechtkommt und sich wie üblich wundert, wie unempfänglich Holmes für weibliche Reize ist. Die Charaktere sind also hervorragend getroffen.

Darüber hinaus ist der Doktor über lange Strecken des Buches hungrig und müde. Sein durch Holmes‘ unermüdliche Jagd häufig vereitelter Wunsch nach einer guten Mahlzeit wird zum Running Gag und lässt Watson gleichzeitig sehr viel menschlicher erscheinen, als die Denkmaschine Holmes, der während der Arbeit an einem Fall kaum Schlaf oder Nahrung nötig hat. Auch bei den knappen Dialogen zwingt ein leiser unaufdringlicher Witz den Leser immer wieder zum Schmunzeln – wenn z. B. Watson sich schließlich von Atlantis fasziniert bei Holmes für seine Betäubung und die Zwangsmitnahme im U-Boot bedankt und dieser ihm antwortet: „Es war mir, wie stets, ein Vergnügen, Watson.“

„Sherlock Holmes taucht ab“ ist daher eine respektvolle Verneigung vor dem Doyle’schen Original, an dem man auch als konservativer Sherlockianer von der ersten bis zur letzten Seite Vergnügen hat. Die fantasievollen Illustrationen von Peter Wall bereichern das Werk zusätzlich. Auffällig ist auch die gute Verarbeitung des Taschenbuches. Der Umschlag ist stabil, das Papier dick und griffig. Selbst nach mehrmaligem Lesen haben sich keine Seiten gelöst. Daher wird der Leser an diesem Buch aus dem kleinen Fabylon Verlag auch nach Jahren noch Freude haben.

|Taschenbuch: 200 Seiten
978-3927071766|
http://www.fabylon-verlag.de

Klausmann, Liza – Zeit der Raubtiere

„_Zeit zum Abtauchen_“

Lizy Klausmann fackelt nicht lange. Bereits auf den ersten Seiten ihres melodramatischen Romandebuts „Zeit der Raubtiere“ wird der Leser in hineingezogen in eine Atmosphäre aus schwüler Hitze, melancholischem Blues und Alkohol. Die Cousinen Helene und Nick warten in Cambridge sehnsüchtig darauf, dass in Europa der Zweite Weltkrieg zu Ende geht und Nicks Ehemann wieder heimkommt, während Helen, deren erster Mann im Krieg gefallen ist, einer zweiten Ehe mit dem glamourösen Filmproduzenten Avery Lewis aus Hollywood entgegenfiebert. In dem aufregenden Leben, das sich beide erträumen, wird der jährliche Sommerurlaub im Familienanwesen Tiger House auf der Insel Martha’s Vineyard als feste Größe eingeplant. „Nick lächelte. Sie dachte an Tiger Houser, an die luftigen Zimmer und den weiten grünen Rasen, der sich im Blau des Hafens verlor. Und an das kleine süße Cottage daneben, das ihr Vater als Geschenk für Helenas Mutter gebaut hatte. ‚Häuser, Ehemänner und Ginpartys um Mitternacht‘, sagte Nick. ‚Nichts wird sich ändern. Jedenfalls nichts Wichtiges. Alles wird so sein wie immer.'“

Doch natürlich macht das Leben keinen Halt und der Krieg hat vieles verändert. Nicks Ehemann Hughes ist nicht mehr der unbeschwerte Typ, in den sie sich verliebt hat, sondern möchte ein geordnetes bürgerliches Leben führen. Nick findet sich bald in der traditionellen Rolle der Hausfrau und Mutter wieder, die ihr stets widerstrebt hat. Auch Helens glamouröses Leben stellt sich als Farce heraus, die nur mit Alkohol und Tabletten zu ertragen ist. Dennoch treffen die Familien regelmäßig in Tiger House zusammen. Die Leser erleben in „Zeit der Raubtiere“ die Schlüsselmomente der Familiengeschichte aus den Jahren 1945 bis 1969 jeweils aus den Perspektiven von Nick, Helen, Hudges sowie den Kindern Daisy und Ed. Dadurch, dass jede der Figuren einen recht beschränkten Blick auf die Vorgänge in der eigenen Umgebung hat, sind die Wiederholungen des Erzählten immer wieder spannend zu lesen, denn von Mal zu Mal erhält der Leser mehr Informationen, kann sich ein umfassenderes Bild zusammenpuzzeln und der Wahrheit näher kommen, bis schließlich Eds Sicht auch die letzten Puzzleteilchen zur Verfügung stellt.

Daisy bildet in diesem Reigen aus der egozentrischen Selbstdarstellerin Nick, der bis zur Selbstaufgabe hörigen Helen, dem vorgeblich eloquenten Hughes und dem mysteriösen Ed wohl noch die sympathischste Figur, aber durch ihre überzeichnete Unschuld und Naivität kann man ihr ebenfalls keine reine Sympathie entgegenbringen, sondern möchte sie lieber durchschütteln, um ihr die Augen zu öffnen. Als Leser saugt man die gut 400 Seiten förmlich auf und lechzt nach dem nächsten Häppchen Wahrheit, das bestätigt, wie verkorkst nicht nur die beiden Familien, sondern die ganze Bevölkerung der Insel hinter ihrer bürgerlichen Fassade ist. Da nimmt es schon gar nicht mehr Wunder, dass Helens Sohn Ed spätestens nachdem er mit Daisy eines Sommers auf eine Leiche stößt, einer morbiden Faszination für das Innenleben von Menschen im wahrsten Sinne des Wortes erliegt. So gleitet die melancholische Grundstimmung immer mehr in Richtung Grauen und Verzweiflung ab, bis nicht nur Helen, sondern auch Nick vor den Trümmern ihrer Ehe stehen und dennoch mit aller Kraft und Hoffnung daran festzuhalten versuchen. In Tiger House treffen folglich mit den Figuren auch alles andere aufeinander: Erinnerungen und Träume, Realität, Lebenslügen, Liebe, Hass, Neid, Angst und Tod. Dennoch wird bis zur letzten Seite immer wieder deutlich, was man entweder als Segen oder als Fluch betrachten kann: dass die Familie alles ist, was man im Leben hat und sie jedem Mitglied helfend zur Seite steht – ob es will oder nicht.

Dieser Aspekt des Gefangenseins in der Familie wird nicht nur in Helens Geschichte deutlich, wo er vermutlich ihrer die einzige Rettung darstellt. Gut gelungen ist die Umsetzung der Problematik auch in Daisys Leben als Teenagerin, wenn in den Dialogen immer wieder deutlich wird, wie die Liebe zur Mutter in Hass und wieder zurück umschlägt immer begleitet von Schuldgefühlen, weil man dem Menschen mit seinem Hass vielleicht Unrecht getan haben könnte. In ihrem Teil kommt auch gut zum Ausdruck, wie der Teenager ständig zwischen Imitation der Erwachsenen mit Lippenstift, Drink und vorgeblicher Lebenserfahrung sowie einer kindlichen Unerfahrenheit und Blindheit für die Vorgänge in der Erwachsenenwelt pendelt, während Eds Wesen ganz darauf ausgerichtet zu sein scheint, alles zu hinterfragen, auszuspionieren und sich nicht blenden zu lassen. Der pointierte Erzählstil der Autorin zeigt dabei auch die anderen Figuren zwischen Fluchtreflex, Schuld und Festhalten an der Beständigkeit. Aber wie ein Tiger im Jungle lauert ständig etwas im Dunklen, das in jedem beliebigen Moment die mühsam aufrecht erhaltene Illusion zerstören kann.

Die Journalistin und Autorin Liza Klaussmann kann bei der Schilderung der Insel Martha’s Vineyard und der bürgerlichen Gesellschaft der 50er Jahre mit ihren Partys, dem Yachtclub und Bootstouren, der gepflegten Langeweile sowie dem beständigen Konsum von Alkohol auf ihre eigenen Erinnerungen an die kleine Insel vor Boston zurückgreifen, wo auch Präsidenten und Stars Urlaub machen. Wohl deshalb taucht man als Leser nicht nur wegen der Lust an den Geheimnissen der Charaktere nur schwer wieder aus dem Buch auf. Man bleibt auch gefangen in der fast poetisch beschriebenen Welt der Ostküste Amerikas mit romantischen Sommerhäuschen, staubiger Hitze, dem salzigen Geruch des Meeres, mit lachenden Menschen und Musik aus der Ferne, wo niemand sagt, was er denkt, und nichts wahr ist. Ein kleines Stück Amerika – unbedingt lesenswert.

|432 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Originaltitel: Tigers in Red Weather
Ins Deutsche übertragen von Michaela Grabinger
ISBN 978-3426199510|
http://www.droemer-knaur.de

Dutton, Annette – geheimnisvolle Garten, Der

„_Liebe, Exotik und Abenteuer in Australien_“

Die junge Journalistin Natascha findet beim Ausräumen ihres Elternhauses ein gut verstecktes Bündel alter Briefe, die eine gewisse Helen Tanner an die Eltern von Nataschas Großmutter geschrieben hat. Sie stößt außerdem auf die Adoptionsurkunde ihrer Großmutter und stellt fest, dass diese ein Aborigine-Halbblut gewesen sein soll. Da Natascha keine weiteren Familienangehörigen hat, die sie in dieser Sache um Aufklärung bitten könnte, macht sie sich auf den Weg nach Australien, um herauszufinden, was es mit dieser Helen Tanner, die ihre mit Andeutungen gespickten Briefe im Namen eines Aborigine-Stammes verfasst hat, auf sich haben könnte.

Sie hat vier Wochen Zeit, um die Spuren bis zu Helens Farm Rosehill mit einem wunderschönen Schmetterlingsgarten nachzuvollziehen, herauszufinden, dass ein Familienamulett auf einen von dieser Farm weit entfernt lebenden Stamm hinweist, sowie, dass die Geschichte ihrer Großmutter eng verknüpft ist mit dem schweren Leid und Unrecht, dass den Ureinwohnern Australiens durch die Überlegenheitsgefühle, die Willkür und den missionarischen Eifer der europäischen Einwanderer angetan wurde. Dabei verliebt sie sich in den Tauchlehrer Alan, der wie sie selbst keine Familie mehr hat.

Auf mehreren Zeitebenen in der Vergangenheit spielt sich die Geschichte von Helen Tanner ab, die 1958 beginnt und rückblickend entwickelt wird bis zum Jahr 1902. In diesem Jahr siedelt sie als Helene Junker aus einem brandenburgischen Dorf in Deutschland in die deutsch-lutheranische Kolonie Neu Klemzig nach Australien über, um dort die Buchhaltung zu führen und in der Nachbargemeinde Zionshill die Stelle einer Lehrerin zu besetzen. Ihre Eltern haben sie dem Pfarrer Gottlieb Schmitter anvertraut, der jedoch seine Macht als Leiter des Missionarsdorfs Zionshill in jeglicher Hinsicht missbraucht. So stiftet er nicht nur in beiden Gemeinden Unfrieden, sondern Helene muss sich auch vor seinen Nachstellungen schützen, was ihr immerhin besser gelingt, als ihrer Aborigines-Freundin Amarina. Als Helene ihren Gefühlen für den jungen Pfarrer und Familienvater Johannes nachgibt und von diesem schwanger wird, sind ihre Tage in Neu Klemzig gezählt. Doch der Hass Gottliebs verfolgt sie über den ganzen Kontinent hinweg.

Die deutschstämmige Fernsehproduzentin und Autorin Annette Dutton ist im Jahr 2000 nach Australien ausgewandert und weiß, wovon sie schreibt. Vor allem ihren Landschaftsbeschreibungen und dem bunten Panorama der Orte, in die sie Natascha reisen lässt, merkt man die Liebe zu Australien an. Der Leser findet außerdem ein umfangreiches Literaturverzeichnis, dass die vorbereitende Recherche illustrieren dürfte. So ist denn auch Helenes Zeit in den lutheranischen Gemeinden, in denen die Einwanderer eng zusammenarbeiten müssen, um ihr Überleben in einem Land zu sichern, dass zwar auf den ersten Blick wie das Paradies erscheint, sich aber ebenso schnell zur Hölle entwickeln kann, wenn Buschfeuer und Regenfälle im Land wüten, sehr überzeugend beschrieben. Der Leser fühlt sich mit der jungen Frau und ihren Gastfamilien sofort verbunden. Man kann sich auch die kleinen Siedlungen bildlich vorstellen. Sehr gut gelungen ist ebenso der Einblick, den man in das Leben und die Kultur der Aborigines im Kontrast zu den Einwanderern erhält, wenn Helene ihre Beobachtungen über die auf den Farmen aushelfenden Aborigines wiedergibt oder auch als sie auf ihrer Flucht durch Australien eine Zeit lang bei den Ureinwohnern lebt. „Der geheimnisvolle Garten“ als Konsequenz eines Aborigine-Totems, das Helene von Amarina geschenkt bekommt und sie zu ihrer Bestimmung führen soll, wirkt jedoch einigermaßen konstruiert. So ist nichts Geheimnisvolles an dem Garten zu finden, sondern er fungiert selbst nur als Teil eines großen Ganzen, dessen Fäden an vielen Stellen zusammenführen.

In der Gegenwart kontrastieren Nataschas Entwurzelung und ihre Suche nach der Herkunft als Zeichen einer Zeit, in der die großen Familiengefüge nicht mehr existieren und auch die Glaubensgemeinschaften weniger familiäre Strukturen aufweisen. So wie die junge Journalistin nach den Wurzeln ihrer Familie sucht, findet sie auch die australischen Ureinwohner bestrebt, ihre Geschichte aufzuarbeiten, Wiedergutmachung für das Unrecht zu fordern, historische Güter zu bewahren und diese der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aborigines wie Mitch, der ihr immer wieder als Fahrer behilflich ist, erscheinen dabei wie Wanderer zwischen den Welten, auf der einen Seite modern und europäisch auf der anderen verwurzlet mit ihrer ursprünglichen Kultur. Geschickt verwebt die Autorin hier Geschichte mit der der Gegenwart.

Sehr gut gelungen ist der Charakter des Gottlieb, der in seinem missionarischen Eifer fast lächerlich erscheint, aber dessen Gefährlichkeit sowohl der Leser als auch Helene lange Zeit unterschätzen. Nachdem er seinen Status in den Gemeinden gefestigt und seine Wünsche durchgesetzt hat, verhelfen ihm sein vorgeblich wohlmeinender religiöser Habitus, sein hinterhältiges Wesen und seine abgrundtiefer Hass auf alle, die sich ihm nicht unterwerfen, dazu, seinen Einfluss auf Helenes Leben weit über die Grenzen von Zionshill auszudehnen und ihr das Wertvollste zu nehmen, was sie im Leben besessen hat. Unbefriedigend hingegen ist, dass es keinen Showdown mit dem Bösewicht gibt. Nur aus einem Bericht erfährt man, dass er etwas unschön an Syphillis gestorben sein soll. Doch jemandem, der so Grausames getan hat, hätte man wenigstens in einem fiktionalen Text im Gedenken an die „gestohlene Generation“ der australischen Ureinwohner ein angemesseneres Ende bereiten können.

Mit der ursprünglichen Hauptperson des Romans Natascha bin ich leider nicht warm geworden. Sobald Helens Geschichte beginnt, sticht deren stärkere Persönlichkeit hervor und wird der Fokus auf ihr Leben gerichtet. Die vielen unterschiedlichen Zeitebenen in der Vergangenheit verlangen etwas Geduld, aber durch das nicht stringente Erzählen wird Helenes Geschichte noch interessanter. Zuerst erfährt man nur über ihre Probleme mit Gottfried und die allgemeine Situation in der Kolonie, bevor man schließlich tiefer in das Leben der Einwanderer eintaucht sowie auf den wahren Grund für Helenes Flucht und die Verschleierung ihrer Identität gelenkt wird. Die Erlebnisse Nataschas erscheinen da plötzlich wie lästige Unterbrechungen. Zu gern möchte man wissen, wie Helenes Leben weitergeht und nicht, ob Natascha nun mit dem Tauchlehrer schläft. Besonders albern erscheint die Szene, in der Mitch Natascha darüber aufklärt, dass ihre Beziehung zu Alan sich etwas schleppend entwickelt, weil dieser Bindungsangst hat, und für alle, die es noch nicht wussten auch noch fachmännisch hinzusetzt, was das eigentlich ist. Nataschas Suche nach Hinweisen auf ihre Großmutter gestaltet sich nur mäßig spannend, weil man die Geschichte nicht mit ihr entdeckt, sondern immer schon etwas mehr weiß, bevor sie sich die Dinge zusammenreimen kann.

_Das Romandebüt „Der geheimnisvolle Garten“_ ist also bei aller Brisanz, die das Thema haben könnte, eine leichte Urlaubslektüre, so wie die rosafarbenen Blüten auf dem Cover und dem Schnitt es bereits vermuten lassen; jedoch eine Urlaubslektüre, die dem Leser durchaus etwas Langmut abverlangt.

|Taschenbuch: 560 Seiten
ISBN 978-3426511428|
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Erika Mayr – Stadtbienen: Eine Großstadt- Die Imkerin erzählt

„Von Bienen, Blumen und Großstadtdächern“

Seit 1985 stehen die Bienen des Theaterdekorateurs Jean Paucton auf dem Dach seiner Arbeitsstätte der Pariser „Garnier Oper“; auch im Garten des Weißen Hauses in den USA oder der Londoner St. Pauls Kathedrale werden seit Jahren erfolgreich Bienen gehalten. Aber nicht nur in Frankreich, England oder den Staaten, sondern auch in Hamburg oder Berlin fliegt die Honigbiene „Apis Mellifera“ nicht mehr zufällig durch die Straßenschluchten. „Urban Beekeeping“ lautet der Trend, der längst auch nach Deutschland geschwappt ist und immer mehr Menschen in Großstädten für das alte Handwerk des Imkerns begeistert. Erika Mayr erzählt in ihrem Buch „Die Stadtbienen“ wie sie persönlich zu den Bienen fand und mit deren Hilfe in Berlin heimisch wurde.

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Sattler, Elfriede – Nabelfrei. Mein Leben – kein Roman

„_Kein Roman, aber genauso fesselnd_“

Geboren 1931, ungeliebt aufgewachsen, von Erwachsenen immer wieder physisch und psychisch misshandelt, vom Stiefvater missbraucht sowie selbst nach ihrer Flucht vom elterlichen Hof noch von ihrer Mutter verfolgt und fast zur Rückkehr ins Martyrium gezwungen – der erste Teil von Elfriede Sattlers Lebensgeschichte liest sich wie ein nicht enden wollender Alptraum. Da kann man kaum glauben, dass es sich dabei um die wohlproportionierte junge Frau handeln soll, die dem Leser insbesondere vom rückwärtigen Umschlagbild in einer anmutigen Tanzpose entgegenstrahlt. Doch Elfriede hat eine starke Persönlichkeit und einen unbändigen Überlebenswillen und, was sich für sie als noch viel wichtiger erweisen wird, sie hat den unbedingten Wunsch, ein unabhängiges Leben zu führen.

Während im Nachkriegsdeutschland für die Frauen noch die Heirat als erstrebenswertestes Ziel gilt, will Elfriede sich nie von einem Mann abhängig machen. Innerlich immer auf der Hut vor zu viel Nähe, lernt sie erst nach und nach zu verstehen, dass sie von der Natur mit einem wunderschönen und begehrenswerten Körper ausgestattet wurde, der die Männer geradezu hypnotisch anzieht. So hat sie schnell beruflichen Erfolg als Modell. Als Komparsin beim Film kommt sie gut an, doch Elfriede will mehr. Sie will Deutschland hinter sich lassen. Sie wird Tänzerin und tourt mit einer kleinen Gruppe durch Clubs und Cabarets. Auch wenn „tanzen“ in diesem Zusammenhang noch nicht mehr bedeutete, als in Unterwäsche und Negligé zur Musik über ein Podest zu spazieren, ist es der erste Schritt zu mehr Körpergefühl und zur Akzeptanz ihres Körpers.

Das lang ersehnte Engagement in Zypern endet zwar als große Enttäuschung, aber Elfriede findet einen Ausweg und macht eine Tanzausbildung, nach der sie sich bei Agenturen als Solotänzerin vorstellen kann. Schließlich trifft sie auf Artin Bahadourian und damit auf einen Agenten, der ihr Engagements in Griechenland und auch im Orient vermittelt. So ist es unvermeidlich, dass sie in Ägypten dem orientalischen Tanz begegnet. Dieser setzt ihrer inzwischen erwachten Liebe zum Orient das i-Tüpfelchen auf. „Mir war es, als hätte jemand ein bis dahin fest um mich geschnürtes Korsett zerschnitten. Und zwar jedes Band einzeln. Als zöge meine Seele in ein anderes Haus. In ein viel Schöneres. Von einer schäbigen Hütte in eine Villa. Ich legte eine Schicht von meinem Panzer ab und wurde mehr und mehr zu einer empfindenden, fühlenden Frau.“, beschreibt Elfriede Sattler ihre Gefühle nach den ersten Tanzstunden bei Samia Gamal, welche in dieser Zeit eine der gefragtesten Tänzerinnen ist und in vielen ägyptischen Filmen mitspielt. Somit beginnt ihre Leidenschaft für den orientalischen Tanz, in dem sie es in einigen Jahren zu einer Meisterschaft bringt, bei der sie mit den besten orientalischen Tänzerinnen mithalten kann und viele Stars der Szene kennenlernt.

Dennoch ist es übertrieben, wenn man diese Lebensgeschichte als „Märchen aus 1001 Nacht“ beschreibt. Trotz der märchenhaften Umgebung und Elfriedes märchenhaftem Aufstieg zu der in der orientalischen Welt hoch angesehen Tänzerin Ulfat Sharif, lässt die Autorin keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Lebensgeschichten solcher Tänzerinnen selten ein gutes Ende nahmen. Mit diesem Bewusstsein hält sie sich vor allem von den Männern fern. Obwohl sie im Laufe der Jahre einige innige Beziehungen führt, ist sie immer bestrebt, ihre Unabhängigkeit zu wahren, Geld zurückzulegen und sich nie ganz auf eine Beziehung einzulassen, bis sie eines Tages einem jordanischen Prinzen begegnet und erkennen muss, dass man seinem Herzen doch kein ganzes Leben lang davonlaufen kann.

Die knapp 400 Seiten fassende Biografie liest sich aber nicht nur als Lebensgeschichte einer Frau, der man großen Respekt entgegenbringen muss, sondern auch wie ein Panorama seiner Zeit. Die aus heutiger Sicht erschütternd emotionslose Einstellung zur Kindererziehung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts sowie die Dramatik des Zweiten Weltkrieges und die Veränderungen in Deutschland kommen dabei genauso zum Ausdruck wie das kosmopolitische Leben in der international geprägten High Society im Orient, das einen krassen Gegensatz zum Leben der einfachen Orientalen darstellte. Mit Elfriede Sattler dürfen die Leser auch bei orientalischen Familienfesten dabei sein. Sie beschreibt Auftritte in Privathäusern und gibt damit Einblicke in die orientalische Lebensweise und orientalische Gebräuche. Man erlebt den sprichwörtlichen Kulturschock mit, als Elfriede in den 50ern zurück nach Europa geht, und hat mal wieder reichlich Grund, sich für den eigenen Kulturkreis fremdzuschämen, in dem eine solche Tänzerin sofort in die Schublade „leichtes Mädchen“ gesteckt wird, während man im Ursprungsland den Tanz völlig zurecht als hohe Kunstform betrachtet, deren Perfektion nur mit jahrelanger Übung und Leidenschaft zu erreichen ist.

_“Nabelfrei“ ist dabei_ keine große Literatur, sondern das in einfachen Worten aufgeschriebene bewegende Schicksal einer Frau, die sich trotz einer unvorstellbar schlechten Ausgangsposition, ein selbständiges und freies Leben in einer Welt erarbeitet hat, die sich über wenige Jahrzehnte extrem veränderte. Es ist die Geschichte einer misshandelten Frau, die mit dem orientalischen Tanz zu sich selbst und ihrem Körper gefunden hat und im späteren Leben auch in Europa für ihre Träume und ihre unabhängige Lebensweise eingetreten ist. Elfriede Sattler gibt ein hervorragendes Beispiel dafür, dass man sich im Leben nicht unterkriegen lassen darf, dass man wissen muss, wohin man will – kurz, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, selbst wenn es mit dem Traumprinzen nicht klappen sollte. Wenn man das Buch erst einmal aufgeschlagen hat, kann man es nur schwer wieder zur Seite legen, denn von „ungeheuerlich“ bis „unglaublich“ ist alles dabei.

|400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN-13: 978-3426655191|
http://www.knaur.de

Haji, Nafisa – Worte auf meiner Stirn

_Über Dichtung und Wahrheit und eine verflixte Großfamilie_

Die Journalistin Saira findet sich nach Jahren der unsteten berufsbedingten Wanderung plötzlich mit Sakina, der jungen Tochter ihrer Schwester, in ihrem Elternhaus in Los Angeles wieder. Rückblickend überlegt sie, wie sich ihr Leben bis zu diesem Zeitpunkt gestaltet hat, und versucht zu ergründen, welche Episoden aus der Vergangenheit ihrer Familie bis in die Gegenwart hineinwirken und ihr eigenes Leben maßgeblich beeinflusst haben.

Der wichtigste Ansatzpunkt in diesem autobiografischen Roman um einen großen pakistanischen Familienclan, der sich im Laufe des 20. Jahrhunderts über die Erdteile verstreut hat, sind die Geschichten, die Sairas Mutter ihren Töchtern seit frühester Kindheit erzählt hat. In ihnen spielen Pflicht, Verantwortung und vor allem die Heirat und Familiengründung die wichtigste Rolle. Sie sollen Moral lehren und Orientierung für den eigenen Lebensweg bieten. Was bei der älteren Schwester Ameena gut funktioniert, wirkt sich auf Saira insofern fatal aus, dass sie die Geschichten früh zu hinterfragen beginnt und mehr wissen will als für die Aussageabsicht der Mutter gut ist.

Auf einer Reise zu Familienfeierlichkeiten nach Indien erfährt Saira als Teenager, dass der Mann, welcher durch seine verhängnisvolle Leidenschaft für den Tanz angeblich bald gestorben ist, nachdem er sich und seine Familie ins Unglück gestürzt hatte, in Wahrheit ihr Großvater war, der sich nach einer Heirat mit einer Engländerin tatsächlich lange Zeit bester Gesundheit erfreute und Sairas Verwandte hinterlassen hat, die sie nie kennen lernen durfte, weil sich ihre Mutter von ihrem eigenen Vater losgesagt hat. Damit beginnt Saira zu verstehen, dass ihre große Familie voller Geheimnisse ist, und im Laufe ihres Lebens entdeckt sie immer mehr Wahrheiten hinter den Geschichten ihrer Mutter. Sie findet heraus, dass diese Geschichten sich aus nicht erfüllten Erwartungen und Enttäuschungen entwickelt haben. Unbeliebte Entscheidungen abseits der indischen und muslimischen Tradition werden dabei aus dem Familiengedächtnis verbannt; notfalls die Personen gleich mit. So hat ihr Großvater sich für die Freiheit und gegen die schöne, fügsame, traditionelle Frau entschieden. Ihre Tante Big Nanima hat sich halb gewollt, halb aus Mangel an Gelegenheit gegen die Heirat und für eine berufliche Karriere entschieden. Schließlich entscheidet sich auch Sairas homosexueller Cousin dafür, seine Neigung der Familie zu enthüllen und katapultiert sich damit aus ihr hinaus.

Das Finden der eigenen Stimme in einem Leben, in dem die Vorstellungen der modernen westlichen Welt und der Traditionen des alten Pakistan sich beständig aneinander reiben, wird durch das Symbol der „Speaker’s Corner“ in London immer wieder illustriert. An diesem Ort der freien Meinungsäußerung lernt der Großvater seine spätere englische Frau kennen, und dort entscheidet sich einmal mehr auch Sairas Schicksal, als sie die Möglichkeit, Journalistin zu werden, erkennt.

Natürlich muss Saira auch lernen, dass die gewonnene Freiheit ihre Schattenseiten hat. Big Nanima zeigt Saira auf, auf welche Möglichkeiten sie für ihren Traum verzichten musste. Aber sie macht ihr auch klar, dass die Traditionen ein Vorteil im Leben sein können und nicht grundsätzlich zurückgewiesen werden müssen. So lebt Big Nanima zwar als Dozentin ein selbständiges Leben, aber sie wird trotzdem nach ihrem Ausscheiden aus dem Berufsleben von ihrer Familie, die für jedes Mitglied lebenslang Verantwortung trägt, aufgefangen, weil sie ihre Freiheit nur in einem für ihre Familie vertretbaren moralischen Rahmen ausgelebt hat. Als ihre Mutter Saira mit Hilfe des riesigen Familiennetzwerkes an den Ehemann bringen will, rät Big Nanima Saira zu Verständnis für die Tradition und dazu, ihren Lebensweg so zu gehen, dass sie das Gute aus beiden Welten vereint: „Du musst dich entscheiden, was für ein Leben du willst. Aber übereile nichts und wirf nicht alles Alte dem Neuen zuliebe über Bord! Mach Platz für beides, Saira! Das alte Familiennetzwerk, das steht uns bei, wen wir geboren werden – und wenn wir sterben. Es ist nicht immer schlecht. Hier sterben Leute nicht allein und unbemerkt in ihren Wohnungen […] Es gibt Zeiten, in denen man sein Leben nicht selbst in der Hand hat, Saira. Und in diesen Zeiten brauchen wir alle … wie hast Du das genannt? Ein Drehbuch? … Ein Drehbuch, nach dem wir uns richten können.“

Schließlich zeigt die Tradition auch Saira nach Jahren der beruflichen Selbstverwirklichung und mit dem festen Vorsatz, keine Familie zu gründen, eine Möglichkeit, nach dem Tod der Schwester, die den traditionellen Weg der Heirat und Familiengründung gegangen ist, einen Weg zur Weiterentwicklung auf. Das überraschende Ende des Romans, das einmal mehr ein gut gehütetes Familiengeheimnis enthüllt, illustriert, dass es immer wieder Wendepunkte im Leben gibt, weil das Leben immer auch von unvorhersehbaren äußeren Umständen geprägt wird. Sich der Verantwortung zu stellen, bietet Saira die Möglichkeit, sich mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen und einen Weg zu gehen, den sie für sich bereits verworfen hatte.

Nafisa Haji schreibt mit der bezaubernden Leichtigkeit einer Geschichtenerzählerin über das schwierige Thema der Identitätsfindung von Immigranten in der postmodernen Welt, in der die über Jahrzehnte bewährten Strukturen und Lebensmuster kaum noch Orientierung bieten. Sie stellt die nüchterne westliche Welt, in der das Individuum vorrangig auf sich allein gestellt ist, der lauten, bunten indischen Welt der Großfamilie mit ihren Traditionen, Erwartungen und Verpflichtungen so gegenüber, dass dem Leser nicht nur Kritisches, sondern auch viel Liebevolles über die indische Kultur erzählt wird. Was für die erste Generation der Auswanderer scheinbar noch selbstverständlich ist, kann von den Kindern hinterfragt oder gar abgelehnt werden. Die noch heimlich erschlichene Möglichkeit Sairas zum Theaterspielen in der Schule wird für Sakina bereits selbstverständlicher Teil des Schullebens sein. Sie wird nicht frei von Ängsten und Zweifeln leben. Dennoch wächst auch sie mit den Worten auf, die die Mütter der Familie ihren Töchtern seit Generationen zur Beruhigung in Angstsituationen auf die Stirn schreiben, die bedeuten, „… dass es viele Dinge gibt, die wir nicht verstehen können. Die Vergangenheit. Die schlimmen Dinge, die geschehen sind. […] Und das macht uns Angst. Vor dem, was in Zukunft geschehen kann.“ Aber sie wächst auch mit der Gewissheit auf, dass die Angst ein Bestandteil des Lebens ist und sie trotzdem ihren eigenen Weg zum Glück und zur Zufriedenheit finden wird.

|Originaltitel: The Writing on my Forehead
Übersetzung: Christine Frick-Gerke
368 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3426198421|
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Stromiedel, Markus – Kuppel, Die

_Die rote oder die blaue Pille? – Zu Besuch im schönen neuen Europa_

„Thriller“ steht auf dem Cover von Markus Stromiedels neuen Roman „Die Kuppel“. Ich mag eigentlich keine Thriller, doch der Umschlagtext, der von Europa als einem „autoritären Überwachungsstaat“ spricht, weckt leicht die Neugier von jemandem, der Orwells „Neunzehnhundertvierundachzig“ und Huxleys [„Schöne neue Welt“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2462 verschlungen hat. Zudem hat der Drehbuchautor Markus Stromiedel sich durch seine Kriminalromane „Zwillingsspiel“ und „Feuertaufe“ bereits einen Namen gemacht. Da ist es nur folgerichtig, auch zu seinem neuesten Werk zu greifen.

Der junge Soldat Vincent Höfler schiebt seinen Dienst in der europäischen Armee in Brüssel auf Sparflamme. Überhaupt hat er sich lediglich verpflichtet, um seinen Vater zu ärgern und vielleicht an der Uni der Streitkräfte studieren zu können. Als ihm die begleitende Untersuchung eines Todesfalls auf einem Militärgelände im Osten Deutschlands übertragen wird, macht man ihm deutlich, dass man gerade ihn dort hinschickt, weil er der entbehrlichste Mann weit und breit ist. Für den Krieg am Horn von Afrika, in dem Europa sich gerade befindet, eignet er sich schon gar nicht, wie er gleich zu Anfang des Romans in einer Trainingssimulation eines Kriseneinsatzes eindrucksvoll beweist.

Also begibt sich der Leser mit Vincent auf eine Fahrt in den kleinen Ort Laage und gleichzeitig hinein in eine beängstigend real anmutende Zukunft: Autofahren ist durch hohe Preise für Strom, Diesel und Wasserstoff zum Luxus geworden; die Autobahnen und Straßen sind vom Verkehr befreit. Die europäischen Städte sind gekennzeichnet durch Vorstadtslums aus Baracken und Zelten, wie man sie aktuell in der dritten Welt findet. Kleinere Ortschaften sind bereits unbewohnt und verfallen wie die heutigen Geisterstädte in Amerikas Westen. Alle Menschen sind ganz selbstverständlich mit einem Tagger ausgerüstet, eine Art am Handgelenk zu tragendes Minihandy, das gleichzeitig Ausweis, Zahlungsmittel und Ortungssystem ist – sehr bequem, sehr normal und letztlich ein freiwillig angelegtes Überwachungsinstrument, das selbstverständlich in seinen verschiedenen Ausführungen auch Fashion und hippes Statussymbol sein kann.

In Laage angekommen, wird Vincent schnell klar, dass an dem Tod des alten Mannes einiges faul ist. So lag die Leiche auf der falschen Seite des Zauns, hätte aufgrund einer Thermobekleidung nicht erfrieren können und wurde, wie ihm die Ärztin Anna in der Leichenhalle zeigt, vermutlich durch eine Injektion getötet. Zu dumm, dass die Leiche noch dazu ganz plötzlich verschwindet und man von Vincent trotzdem erwartet, dass er die Ermittlungen im Sande verlaufen lässt. Er weiß, dass er seine Karriere bei der Armee riskiert, aber er beschließt, sich dennoch gründlicher umzusehen. Seine Spurensuche führt ihn zum First Resort, einem Prototyp der zukünftigen europäischen Altenheime. Wie die täuschend menschlichen Ausbildungsroboter, die Vincents Freund Eddy für die Ausbildung von Medizinern konstruiert, begrüßen auch im First Resort auf den ersten Blick nicht als humanoide Roboter erkennbare Maschinen den Ankömmling. Vincent gelingt es, einen Besuchstermin im Inneren der Glaskuppel, die das gigantische First Resort überspannt, zu erhalten. Was ihn dort erwartet, übertrifft alles Vorstellbare: Die dort lebenden ersten 500 Bewohner von zukünftig 5000 sind in eigenen Wohnungen in einer idyllischem Kleinstadt mit Bachlauf, Geschäften und kleinen Kaffees untergebracht – ein Paradies, für das es sich offensichtlich lohnt, sich auf eine Warteliste setzen zu lassen. Doch warum werden die mitgebrachten persönlichen Gegenstände der Bewohner in großen Lagerhallen außerhalb der Kuppel aufbewahrt? Warum begegnet Vincent in der Kuppel dem Toten vom Zaun, der sich offensichtlich bester Gesundheit erfreut? Und warum findet Vincent schließlich auch seinen Vater im First Resort wieder?

Wer sich die Überraschungsmomente des Kriminalromans nicht entgehen lassen möchte, sollte an dieser Stelle nicht weiterlesen _(Spoiler!)_. Doch natürlich kann die schöne neue Welt, die sich die Menschen unter der Kuppel konstruiert haben, nicht das Paradies sein. Dazu ist die Welt darum herum mit totaler Überwachung und der Verfolgung der Opposition zu gegensätzlich charakterisiert worden.

Tatsächlich wird dem Leser aber bei der zweiten Lektüre der Schlüsselstellen klar, dass der Autor ihn ordentlich an der Nase herumführt und man es sogar bemerken könnte. Bereits in der eingangs geschilderten Szene, in der Vincent sich in einer Computersimulation im Krieg befindet, wird deutlich, dass man über sogenannte Datenbänder und Computer von der Realität durch nichts zu unterscheidende Umgebungen und Vorgänge ins Gehirn projiziert bekommen kann. Dennoch wird der Leser bei Vincents Besuch des First Resorts durch Vincents Angst vor Verfolgern und des vorgeblich medizinischen Hintergrunds geschickt von der Ähnlichkeit der Prozedur abgelenkt und bemerkt wie der Protagonist bis fast zum Ende des Romans nicht, dass die Kuppel ein großes leeres Gebäude ist, während die vermeintlichen Gäste des Resorts matrixmäßig an einen Rechner angeschlossen und von Robotern überwacht in einer grünen Flüssigkeit schweben, während sie ihr restliches Leben in einer idyllischen Kleinstadt zu genießen glauben.

Auf diese Art und Weise löst man in Stromiedels Zukunftsvision das Problem der Überalterung der Bevölkerung, und mit Vincent kann man sich fragen: „Wo war ich hier gelandet? Im Horrorkabinet eines Wahnsinnigen oder im Refugium eines Visionärs?“ Die Frage wird auf den letzten Seiten durchaus diskutiert, denn Vincent versucht, den Leiter des Resorts dazu zu bewegen, seinen Vater freizugeben, der das First Resort mit einem Altenheim vergleicht: „Waren Sie schon einmal in einem staatlichen Pflegeheim? Haben Sie gesehen, wie die Bewohner dort vor sich hin siechen? Zeigen Sie mir den Menschen, der so alt werden will! Zeigen Sie mir einen Menschen, dem es Spaß macht, hilflos dabei zuzusehen, wie sein Körper verfällt! […] Schmerzen, Leiden, Not, das gibt es bei uns nicht. Wir ermöglichen alten Menschen ein würdiges Leben, so wie wir es in Ihrer sogenannten Realität niemals tun könnten.“ Der Resortleiter argumentiert mit der Überalterung der europäischen Bevölkerung, mit den finanziellen Ressourcen, die dafür aufgebracht werden müssen, die alten Menschen zu versorgen und zu pflegen. Schließlich beugt Vincent sich dem Wunsch seines todkranken Vaters, ihn in der künstlichen Umgebung zu belassen, statt ihn zu einem Pflegefall in der Realität zu machen. Trotzdem wird dem Leiter des Resorts, der bisher von der Brillanz seiner Mission überzeugt war, deutlich gemacht, dass seine fragwürdige Alternative zum Altenheim vom Militär, mit dem er wegen der technischen Möglichkeiten bei der Entwicklung des First Resorts zusammengearbeitet hat, auch missbraucht werden kann und wird – als Gefängnis für Regierungsgegner wie Vincent. Dieser muss sich dafür entscheiden, ob er die Simulation des Lebens wählen oder dagegen antreten will. So erscheint der Roman als Zeichen, dass sich mindestens der Autor seinen hoffnungsvollen Blick auf die Menschheit bewahrt hat und seine Hauptfigur bis zum letzten Buchstaben gegen den schönen neuen Schein kämpfen lässt.

Stromiedels Anleihen an [Orwell,]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1373 Huxley und den Film „Matrix“ sind unübersehbar. Sie beginnen bei der Darstellung eines umfangreichen totalitären und auf Überwachung ausgelegten Regimes, das seine Gegner mit allen Mitteln bekämpft, gehen über eine als Nebenhandlung eingebaute Romanze mit der Ärztin Anna bis zur Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten unserer Zeit und dem, was daraus erwachsen kann. Stromiedel unterfüttert seine Welt mit der aktuellen Debatte über die Überalterung der Bevölkerung. Es wird nicht mehr mit Gewalt oder Konditionierung gearbeitet, sondern wir gelangen mit Hilfe der Technik dorthin, von wo Neo in der noch ferneren Zukunft der „Matrix“ wieder ausbrechen wird: in ein perfektes Leben, an dem nichts Wahres ist.

Der Autor versteht sein Handwerk, denn der Roman ist von der ersten bis zur letzten Seite packend. Da verzeiht man ihm die für die Haupthandlung nicht notwendige, aber vermutlich aus seiner Profession als Drehbuchschreiber heraus eingebaute Verfolgungsjagd und auch den Ausflug des Protagonisten nach Hamburg, welcher der Geschichte das Tempo nimmt und lediglich dazu dient, Elemente des Thrillers, des Kriminalromans und etwas mehr Sex in diese wunderbar beklemmende Dystopie einzubauen. Am Ende bleibt für jeden Leser wieder die Frage, die wir uns 1999 nach „Matrix“ schon einmal gestellt haben: „Die rote oder die blaue Pille?“; „Altenheim“ oder „First Resort“? und stellen wir uns dieses Mal vor, wir sind bei der Beantwortung der Frage keine jugendlich agilen Dissidenten, sondern alte Menschen an der Schwelle zu Krankheit, Schmerzen und Tod. Das gibt der Frage die richtige Würze.

|400 Seiten, Broschur
ISBN-13: 978-3426198278|
http://www.droemer-knaur.de
http://www.markus-stromiedel.de

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