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Asaro, Catherine – PSI-Faktor, Der (Das Sternenreich von Skolia)

Dies ist der Startband einer neuen Science-Fiction-Reihe namens „Das Sternenreich von Skolia“ von jeweils eigenständigen Romanen. Die amerikanische Physikerin Catherine Asaro verbindet Sternenoper mit Hightech und Romantik zu einer fesselnden Mischung, die für durchaus gelungene Unterhaltung sorgt.

Ihre bisher erschienenen Science-Fiction-Romane aus dem Skolia-Sternenreich:

1) Primary Inversion, 1995, dt. als „Der PSI-Faktor“ bei Bastei-Lübbe, 2002
2) Catch the Lightning, 1996, dt. als „Jäger des Lichts“ bei Bastei-Lübbe eingeplant [Lektor: 08/2003 erschienen]
3) The Last Hawk, 1997
4) The Radiant Seas, 1998
5) Ascendant Sun, 1999
6) The Quantum Rose, 2000
7) Spherical Harmonic, 2001
8) The Moon’s Shadow, 2002

In ferner Zukunft hat sich das Universum der Menschen in drei Sternenreiche aufgespalten. Die Allianz der alten Erde betrachtet sich als neutrale Partei in dem fortdauernden Konflikt zwischen dem Sternenreich der Skolianer und dem Eubianer-Imperium der so genannten Händler (bzw. Trader). Alle drei Parteien unterhalten Raumschiffflotten und bewaffnete Patrouillen. Psi-gestützte Kommunikationsmittel, die schneller als das Licht arbeiten können, verbreiten Nachrichten in Blitzesschnelle.

Im Mittelpunkt des ersten Romans „Der PSI-Faktor“ steht eine Patrouillengeneralin namens Sauscony Valdoria, die sich aber von allen ihren Kameraden „Soz“ nennen lässt. Sie hat den Rang eines Primary inne, was wohl einem Vier-Sterne-General entspricht; ihr Kamerad Rex Blackstone ist ein Secondary. Wie alle solche Jagernauten ist auch sie mit einem ins Rückgrat eingebauten Computer, dem Nodus, versehen, dem sie Gedankenbefehle erteilen kann, weil sie über eine Gehirn-Computer-Schnittstelle verfügt. Auch Anschlüsse nach außen sind genügend vorhanden, beispielsweise einen von der Art, wie man ihn in „The Matrix“ sehen kann. Außerdem ist Soz eine Em- und Telepathin, die von ihren Freunden, aber auch von feindseligen Menschen starke Gefühle und Gedankennachrichten empfangen kann. Das ist ihre Stärke, aber auch ihre Achillesferse. Mit Hilfe ihrer Psi-Kräfte kann sie sich in das Skolia-weite Psi-Netz einklinken, um zu kommunizieren.

Auf Delos, einem neutralen Planeten der Erd-Allianz, begegnet Soz eines Tages bei einem Bummel einer Gruppe von feindlichen Händlern. Sie macht sofort den hoch gewachsenen Aristo aus und schaudert. Dieser erinnert sie an einen verstorbenen Händler namens Kryx Tarque, der sie zehn Jahre zuvor als „Provider“ missbraucht hatte, als sie auf einer Händler-Welt in seine Gefangenschaft geriet. Ein „Provider“ – Soz will gar nicht daran denken – ist schlimmer dran als ein „Diener“, denn nur Empathen werden Provider: Je größer die Pein eines Providers, desto größer die psychische Lust, die der Aristo daraus zieht. Ein Aristo ist also für einen Empathen das absolut Negative. (Diesen bio-psychologischen Sachverhalt erklärt Soz dem Übersetzer auf der Polizeiwache von Athen auf Delos. Sie hat den Eindruck, dass auch er ein Empath ist.)

Wie sich des weiteren zeigt, ist Soz keine Geringere als die Thronerbin des Skolia-Imperiums. Sie hat aber nun ein schweres Problem: Wen soll beziehungsweise darf oder kann sie heiraten, um den Fortbestand des Reiches zu sichern? Die Thronerbin ist eine ganz besondere Art von Psi-Begabten: Psione wie sie ermöglichen die Existenz des Skolia-Netzes, das den Skolianern allein die überlichtschnelle Nachrichtenübermittlung erlaubt. Ihr künftiger Gatte sollte zu dieser genetischen Bedingung kompatibel sein.

Als wäre nicht alles schon kompliziert genug, macht sie bei einem gewaltsamen Besuch des verdächtigen Aristos eine ungeheuerliche Entdeckung (die hier nicht verraten werden darf). Dieser Aristo ist nicht nur eine Hoffnung für sie, Soz, sondern auch die ultimative Bedrohung des Skolia-Netzes. Sie schließt mit ihm einen privaten Pakt, und er revanchiert sich mit der Information, dass der eubianische Kaiser bereits Kriegsschiffe gegen Tams, eine rebellierende Welt, in Marsch gesetzt habe. Sofort ruft Soz ihre drei Kollegen auf den Posten. So schnell es geht, setzen sich die vier Jagernauten Richtung Tams in Marsch, um die Welt der Rebellen vor dem sicheren Untergang zu bewahren.

Der Handlungsverlauf des hier skizzierten ersten Drittels lässt befürchten, dass Catherine Asaro nur einen weiteren Aufguss von David Weber „Honor Harrington“-Romanen oder Militär-Science-Fiction à la Elizabeth Moon abliefert. Das ist zum Glück nicht so, wie sich in den folgenden zwei Buchteilen zeigt. Für die Autorin, die inzwischen (s.o.) sieben weitere Skolia-Romane veröffentlicht hat, wäre dieses Marktsegment auch viel zu klein gewesen, um so erfolgreich werden zu können.

Vielmehr steht Asaro in nächster Nähe zu der immens erfolgreichen Lois McMaster Bujold. Während in Bujolds Barrayar-Serie jedoch ein Mann, nämlich ein verkrüppelter Prinz im Mittelpunkt steht, ist dies bei Asaro Primary Sauscony Valdoria, Thronerbin des Sternenreiches von Valdoria. Und da sie nun endlich ihren Seelengefährten gefunden hat, muss sie etliche Widerstände überwinden, um ihn zu bekommen und eine Familie zu gründen. Das wiederum wird den Fortbestand des Skolia-Imperiums sichern – und vielleicht sogar den Frieden mit den Eubianern ermöglichen. Eine ganze Menge für einen einzelnen Menschen. Aber genug für eine ausgewachsene Romanze.

Denn „Der PSI-Faktor“ ist im Grunde eine schöne altmodische Romanze, die man in ein hypermodernes Gewand gesteckt hat, statt etwa in ein Mäntelchen aus historischer Fantasy. Die Formeln für die literarische Darstellung sind inzwischen austauschbar. Und amerikanische Lektoren wachen mit Argusaugen darüber, dass die Formeln benutzt und die Regeln nicht gebrochen werden. (Und wenn Bertelsmann/Random House Ullstein-Heyne-List übernehmen darf, werden diese Bedingungen bald für einen Großteil des deutschen Taschenbuchmarktes gelten.) Da viel Sex und Erotik im Spiel ist, eignet sich dieser Roman wohl eher für Jugendliche ab 16 Jahren, während der Großteil der Star-Trek- und Star-Wars-Klone bereits ab 12 Jahren unbedenklich zu konsumieren ist. Warum dieser Roman auch Männer und Erwachsene anspricht, sind jedoch wohl der Science-Fiction-Gehalt an Ideen und die politischen Aspekte.

Enge Verbindungen zwischen Mensch und Maschine sind wie in „Matrix“ gang und gäbe. Befehle werden mittels Gedankenkraft an Maschinen erteilt. Auf einer höheren Ebene als der körperlichen existiert das Skolia-Netz, das rein auf Psi-Kraft basiert und in dem sowohl befähigte Personen wie Soz als auch kompatible Computer miteinander verknüpft sind. (Es gibt noch weitere Ideen, so etwa zum Reisen über Lichtgeschwindigkeit.)

In einer langen komplizierten Szene dringt Soz in Hochsicherheitszonen vor, die nur einer imperialen Thronerbin offen stehen. Sie demonstriert, wie Psi-gestützte Sicherheitseinrichtungen arbeiten, wie die Verbindungen zwischen Mensch und Maschine aussehen können (bis hin zu Nanorobotern) und wie man alle diese wunderbaren Einrichtungen austrickst. Diese Szene ist eindeutig eine Weiterentwicklung von William Gibsons klassischen Cyberspace-Stories, von denen „Chrom brennt“ die wichtigste und beste ist (neben „Neuromancer“). Anders als Neo in „The Matrix“ hat es Soz nicht mit virtuellen Agenten zu tun, sondern mit programmierbaren „Evolving Intelligences“, so genannten EIs (im Unterschied zu KIs). Diese lassen sich wenigstens mit einem Befehl ausschalten; man braucht kein Karateprogramm, um sie außer Gefecht zu setzen.

Doch wer ermöglicht das Skolia-Netz? Es sind natürlich keine Maschinen, sondern Personen, genauer: Soz‘ engste Angehörige, darunter ihr Vater und ihr Halbbruder, der Imperator. Sie bilden die Triade und haben das Netz gemäß ihrer eigenen Interessen abgesichert. Soz braucht all ihre Ausbildung und ihren Grips, um ihre Gegner zu überlisten. Dennoch scheitert sie beinahe. Doch sie erhält Hilfe von unerwarteter Seite.

Soz‘ Familie ist eine Gruppe interessanter und sehr detailreich gezeichneter Charaktere. Die meisten Szenen der Treffen mit ihren Verwandten sind sehr emotional, aber zuweilen auch humorvoll. Manchmal erinnert das an eine Seifenoper, etwa an „Denver-Clan“. Zum Glück nicht immer. Soz lernt auch ganz „normale“ Leute kennen, vor allem im ruhigen zweiten Teil, in dem Soz ihr psychologisches Problem erkennt und es mit Hilfe eines kompetenten Psychologen in den Griff bekommt. In der Folge kann sie ihre neue Einstellung im dritten Teil in die Tat umsetzen und so ihre Zukunft sichern. Dass ihre Verwandlung relativ friedlich verläuft und psychologisch motiviert ist, findet man in heutiger Serien-Science-Fiction nur selten und bringt Asaro einen Pluspunkt ein. Auch das Finale der Handlung entbehrt der Gewalt, ist aber trotzdem spannend.

Was mit politischen Intrigen und einer ausgewachsenen Raumschlacht (immerhin 30 Seiten) beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einer anrührenden Geschichte menschlicher Verwandlung. Diese führt dazu, dass die Hauptfigur Hochverrat begeht und mit ihrem Seelengefährten, der dem Feind angehört, ins Exil geht.

Catherine Asaro verknüpft die klassische Romanze um unterschiedliche Liebende auf verfeindeten Seiten (Romeo und Julia!) mit einem Hightech- und Psi-Hintergrund, der einige neue Ideen in die Cyberspace-verwandte Science-Fiction-Welt einbringt. Das Ergebnis ist im ersten Teil aufgrund der Action flott zu lesen, im zweiten Teil ruhig und tiefer gehend, nur um dann im dritten Teil zu einem recht kompliziert eingefädelten Finale ohne richtige Konfrontation oder Gewaltanwendung zu münden. Dies ist zwar nicht überragend oder visionär, aber weitaus besser als Massenware und verdient aufgrund der guten Unterhaltung und der Einfälle einer sehr gute Wertung meinerseits.

Hinweis: Dieser Bericht beruht auf der Lektüre des englischen Originals.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Nachtrag des Lektors: Der zweite Band ist im August gerade frisch erschienen.

Voenix – Tolkiens Wurzeln. Die mythischen Quellen zu \’Der Herr der Ringe\‘

Noch ein Buch zum Herrn der Ringe? Gleich vorweg: Voenix ist sich der mit einem solchen Thema verbundenen Fragen und Schwierigkeiten bewusst: zu viele Tolkien-Fans haben den Deutungsrahmen dieses Buches so überstrapaziert, dass alles und jedes darin gefunden werden kann. Dagegen sprach Tolkien sich klar gegen nachträgliche allegorische o. a. Deutungen aus und hielt davon nichts. Voenix schildert im Vorwort deutlich diese konträren Positionen und findet eine gelungene Synthese, die beidem Rechnung trägt: Jedes Kapitel ist in sich unterteilt in einen beschreibenden Teil, eine mythologische Ausleuchtung und eine Charakterisierung.

Die Gefahr der Überdeutung besteht bei Voenix nicht, da er als Kenner der nordischen Mythen den Schwerpunkt auf genau diese Bereiche legt. Durch diese Hintergründe bekommt Tolkiens Werk eine Tiefe und Verbindungen, die eine große Bereicherung für den Leser darstellen. Die Charakterisierungen in den einzelnen Kapiteln orientieren sich modellhaft an der Psychologie, besonders den Archetypen C.G. Jungs. Die archetypischen seelischen Prozesse sind eine naheliegende Parallele zum Mythos, Geschehnisse und Grundfragen des Lebens in einer zeitgemäßeren Sprache anders darzustellen und dadurch eine neue Perspektive zu gewinnen. Die Wahl ist also thematisch gut begründet; darüber hinaus zeigen sich hier Verbindungen zu Akron, mit dem der Autor seit Jahren befreundet ist und deren Zusammenarbeit dieses Buch in der Form erst ermöglichte.

An manchen Stellen scheint mir die Übertragung der HdR-Geschichte auf psychische Prozesse zu holzschnittartig, zu polar konstruiert, beispielsweise, wenn an einer Stelle Triebe und Erlösung(sstreben) als Gegensätze benannt werden oder ein dunkler (verdrängter) Persönlichkeitsanteil wie eine Konstante behandelt wird. Aber das sind insgesamt Kleinigkeiten, die am gelungenen Gesamteindruck von „Tolkiens Wurzeln“ verblassen. Und ob der Leser mit einer umfangreichen Psychologie-Einführung in einem Tolkien-Buch zufriedener wäre… das ist fraglich. Vielmehr werden bestimmte psychische Aspekte betont, und Schwerpunkte muss man gerade bei einem so facettenreichen Werk wie von Tolkien setzen – es bleiben Fragen offen, an denen der Leser gewinnbringend weiterdenken kann.
Noch ein paar Worte zum Inhalt: Wie schon erwähnt, ist die systematische Trennung einzelner Bereiche der Beschreibung und Deutung sehr positiv sowohl für das Mitdenken und Nachvollziehen, als auch für das Auffinden eines Themas. Die einzelnen Kapitel sind thematisch gruppiert; einige Themen sind ‚Die Völker von Mittelerde‘, ‚Die neun Gefährten‘, ‚Die Verbündeten und Frauen im HdR‘, die Gegner der Gefährten, mythische Motive und Historisches.

Voenix hat das Buch mit zahlreichen farbigen Illustrationen versehen, bei denen er sich an den Darstellern der Verfilmung von Peter Jackson orientierte, was bei mir so manche Erinnerung weckte und die Geschichte noch lebendiger werden ließ. So „verspricht dieses Buch neben neuen Antworten und Einsichten einen doppelten Lesegenuss für alle Fans des Fantasy-Genres, Mythenliebhaber und solche, die es werden wollen.“ (Klappentext) Jo, Recht hamse.

_Knut Gierdahl_
für die Zeitschrift [AHA]http://www.aha-zeitschrift.de
Ausgabe 04/2003 (August/September)

Homepage des Autors: http://www.voenix.de
Homepage des Verlages: http://www.akron.ch/verlag/verlag.htm

Barry, Max – Logoland

Max Barry, 1973 geboren, war Computerverkäufer für Hewlett-Packard, bevor er sich dem Schreiben widmete. Sein Debütroman „Syrup“, der hierzulande unter dem Titel „Fukk“ veröffentlicht wurde, wurde laut Verlag ein Bestseller. Für „Logoland“ haben sich demnach bereits Steven Soderbergh und George Clooney („Solaris“) die Rechte gesichert.

Zu „Logoland“ gibt es ein begleitendes Internetspiel des Autors, das man unter der Adresse http://www.nationstates.net findet. Jeder Spieler könne seinen eigenen Staat mit seinen eigenen politischen Idealen kreieren, heißt es in den Buchinfos.

Die Satire schildert eine nahe Zukunft, in der die globalen Multis das gesellschaftliche Leben übernommen haben und alles bestimmen: die neue Weltordnung ist in greifbarer Nähe. Doch freie Marktwirtschaft führt auch in letzter Konsequenz zur schärfsten Auseinandersetzung, wenn keine Regierung mehr vermittelnd eingreift.

Die Welt in wenigen Jahren: Die Vereinigten Staaten von Amerika haben ihr Territorium beträchtlich ausgeweitet. Dazu gehören jetzt die beiden Amerikas, Großbritannien, Indien, Russland, Japan und natürlich Australien. Die USA wiederum gehören keineswegs dem Volk und seiner gewählten Regierung, sondern vielmehr den multinationalen Konzernen – daher der Titel „Logoland“. Nur die EU und der schwarze Kontinent sowie der Orient leisten noch hartnäckigen Widerstand. (Die geografischen Verhältnisse sind auf einer Landkarte im Buch dargestellt.)

Die Konzerne treten als Sponsoren auf. So etwa gibt es Kindergärten und Schulen, die komplett von Mattel oder Microsoft geleitet und finanziert werden. Das Gleiche gilt für Straßen und Gesundheitsdienste: Ohne Cash (= Kreditkarte) kein Service. Die Regierung und die Kommunen sind einfach zu pleite, um diesen Job zu übernehmen. Es gibt nämlich keine Steuern mehr – wozu auch? Auch die Polizei wurde inzwischen privatisiert; das kann groteske Folgen haben. Die National Rifle Association (NRA) bildet inzwischen eine weltweit operierende Privatarmee, die gerne auch „Freischaffende“ engagiert und für jeden, der zahlungskräftig genug ist, Aufträge ausführt.

Hack Nike – alle Mitarbeiter in Logoland tragen automatisch den Firmen- als ihren Nachnamen – hat einen großen Fehler gemacht. Wieder einmal. Hack ist eigentlich für das Merchandising zuständig, doch zum Wasserlassen hat er sich in die Etage der Marketingfritzen gewagt. Dort wird er sofort von John Nike, dem Oberbösewicht des Romans, erspäht und für einen ungewöhnlichen Auftrag rekrutiert. Um seinen Job zu behalten, unterschreibt Hack einfach, was John ihm vorlegt. Wenige Minuten später ahnt Hack bereits, dass auch dies wohl ein Fehler war. Sein ganzes Leben scheint daraus zu bestehen.

Und das ist Hacks Job: Sportschuhhersteller Nike will einen sauteuren Schuh auf den Markt werfen, der pro Paar 2500 Dollar kosten soll. Null problemo, denn die Kids sind verrückt nach Nike’s Produkten. Um die „Street Credibility“ (Glaubwürdigkeit, Prestige) des Nike Mercury zu erhöhen, soll Hack bei der Markteinführung lediglich zehn Teenager töten. Sie starben für ihren Fetisch, soll es später heißen. Doch Hack hat noch nie einen Menschen getötet, könnte das auch gar nicht, wenn er seiner Freundin Violet glaubt.

In Logoland kann er diesen Auftrag ohne weiteres „outsourcen“: Er geht zur Polizei von Melbourne. Senior Sergeant ist auch gar nicht abgeneigt, gegen ein kleines Entgelt von 130 Mille den Job auszuführen. Doch niemand bei der Polizei will sich an so etwas die Finger schmutzig machen, und so wird der Auftrag erneut outgesourct: an die NRA. Die Waffenlobby und Privatarmee hat für so etwas genau die richtigen Leute. Leute wie Billy etwa, die eigentlich nur in Neuseeland Ski laufen wollten, aber dann doch wegen ihrer Zielsicherheit rekrutiert wurden.

Es kommt, wie es kommen muss: Am Tag der Markteinführung der Nike Mercurys werden in Melbournes Einkaufsmeile junge Menschen sterben. Zum Glück gibt es noch die Regierung – so unglaublich das klingen mag. Auch hier gilt das Namensprinzip, wonach ihre Mitarbeiter, die „Agenten“, statt des Familiennamens den Zusatz „Government“ tragen (daher auch der Original-Titel). Jennifer Government ist ein echte Powerfrau, die in jeder Situation automatisch die Leitung übernimmt. Und wie sich herausstellt, hat sie mit John Nike noch ein Hühnchen zu rupfen: Ihre Tochter ist sein Kind, das er nicht haben wollte.

Am Mercury Day also versucht Jennifer Government den Mord an zehn Teenagern zu verhindern und die Drahtzieher des Anschlags ausfindig zu machen. Wird es ihr gelingen?

So viel zu den ersten 50 Seiten. Der Rest des Buches wird noch wesentlich besser. Denn John Nike hat kapiert, was die ultimative Konsequenz aus der neuen Weltordnung ist: Krieg. Und warum sollte er nicht als neuer Weltpräsident daraus hervorgehen? Es kommt eben auf das richtige Marketing an, und dafür ist er mit seiner Guerillataktik genau der richtige Mann. Wenn nur nicht Jennifer Government wäre, seine Nemesis.

Im Verlauf der Handlung kristallisiert sich heraus, dass es in Logoland USA zwei konkurrierende Treuegesellschaften gibt, also etwas wie „Miles & More“ von der Lufthansa. United Alliance hat 500 Mio. Mitglieder, Team Advantage „nur“ 290 Mio. Mitglieder. Die beiden Systeme ersetzen die alten Machtblöcke Kapitalismus vs. Sozialismus, denn wer dem einen Block angehört, bekommt keine Services vom anderen Block. Und Konzerne wie IBM oder Nike gehören entweder dem einen oder dem anderen Block an. So kommt es, dass im turbulenten Finale des Romans ein Geschäft von Burger King im Auftrag von McDonald’s von der NRA per Raketenangriff pulverisiert wird. Geschäft ist eben Krieg. Buchstäblich. Man sollte das Wort „Konsumterror“ endlich ernst nehmen.

Die Tatsache, dass die Kapitel und ihre Unterabschnitte äußerst kurz sind und an die Dimensionen eines James-Patterson-Krimis erinnern, trägt stark zur Lesbarkeit des Buches bei. Die einzige Möglichkeit, mit dem Lesen innezuhalten, bilden die fünf großen Buchteile: eine Pause von immerhin zwei bis drei Seiten. Da der Text zu 90 Prozent aus Dialog besteht, liest sich der Roman wie das Drehbuch zu einem noch nicht realisierten Film.

Dieser Film, den ja Clooney & Soderbergh planen, würde wesentlich weiter über die schöne neue Konsumwelt von „Minority Report“ hinausgehen. In der von Spielberg adaptierten Vision des Jahres 2054 wird jeder Bürger per Netzhautabtastung erkannt und sofort mit personalisierten Lokal-Services bestürmt: „Besuchen Sie The Gap!“ „Nutzen Sie unsere halbstündigen Sonderangebote jetzt, Mister Anderton!“ In Logoland könnte Mr. Anderton mit seiner Treuekarte nur noch bei bestimmten Herstellern kaufen. Alle seine Bewegungen würden von Videokameras überwacht und aufgezeichnet, seine Kreditwürdigkeit würde in Sekundenschnelle feststellbar sein. Die Wunder der EDV machen dies bereits jetzt möglich. Auch der Computervirus, der im Buch von einem Konzern gegen den anderen eingesetzt wird, wäre wohl bereits jetzt möglich. Immerhin hat sich der Autor kompetent beraten lassen, wie man aus seiner eloquenten Danksagung erfährt, und vermeidet erfolgreich die gröbsten Schnitzer.

Eine ganze Reihe von Near-future-Szenarien wie „Logoland“ existiert bereits, und einige davon sind sogar satirisch aufgezogen. Doch leider fehlt ihnen einerseits der Biss und die Glaubwürdigkeit der Vision, weil sie sich nur auf bestimmte Ausschnitte der beschriebenen Realität beschränken. Zum anderen kommt häufig die menschliche Wärme zu kurz und die Möglichkeit, dass sich Menschen im Laufe der Zeit grundlegend ändern können. Schließlich sind Menschen doch lernfähig, oder?

Es gibt in Logoland einige Figuren, die sich radikal ändern, meist zum Besseren. Dazu gehört Hack Nike. Am Anfang nur ein Jammerlappen und Loser, wie er im Buch steht, entwickelt er sich durch die Fürsorge und Liebe einer Frau, Claire, zu einem Rebellen, der sich sogar gegen John Nike zu behaupten vermag. Wer hätte das gedacht. Wie in einem Roman von John Brunner (ich denke an „Der Schockwellenreiter“ und „Schafe blicken auf“) wird er zu einem Aktivisten, der seine Mitmenschen zu mehr Bewusstheit verhelfen will: Er manipuliert Werbeplakate und überfällt sogar einen McDonald’s. Leider hat er es auch in Nike Town schwer, den Kids, die bereits alles gewöhnt sind, was an Promotion auf sie losgelassen wird, klarzumachen, dass er keine Werbefritze ist, sondern ein Kritiker. Erst als die Kids bemerken, dass er KEINE LOGOS trägt, ist er glaubwürdig!

Ebenso positiv entwickelt sich der Börsenmakler Buy Mitsui. Er schafft gerade noch sein Plansoll und hat nach dem Nike-Town-Zwischenfall, in den er gerät, eine Art Burnout. Er kann sich zu nichts mehr aufraffen, das nach Geschäft riecht. Nicht einmal einen 45er Colt kann er richtig bedienen, um sich damit umzubringen. Über Umwege wird er von Jennifer Government quasi als Babysitter und Ersatzvater ihrer Tochter Kate adoptiert. Im Beisammensein mit dem Mädchen und in der Fürsorge blüht er richtig auf. Als Kate von John Nike entführt wird, muss er all seinen Einfallsreichtum aufbieten, um die Lage, d.h. sein Leben zu retten.

John Nike hingegen ist so ‚was von zielbewusst und skrupellos, dass er schon wieder als Verkörperung des Bösen erscheint. Dieses Urteil würde ihm aber keine Gerechtigkeit widerfahren lassen: Er ist lediglich ein zielbewusster Marketingheini, der weiß, was auf dem Personalmarkt gebraucht wird und was er dadurch erreichen kann. Er erklärt zum Beispiel den US-Präsidenten für abgesetzt, weil der eh nichts zu sagen habe. Es lebe das freie Spiel der Marktkräfte! Der Rest des Buches besteht daraus aufzuzeigen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Sie sind keineswegs angenehm: NRA-Heckenschützen, Virenattacken und NRA-Raketenangriffe sind die nunmehr legalisierten Auswüchse des „Laissez-faire“, das John Nike erklärt hat.

Kostprobe gefällig? John Nike: „Demokratie ist ein einziger Schwachsinn, Li.“ [NRA-General] Li setzte sich. „Wir beim Militär haben schon immer die Demokratie abgelehnt.“ – „Sehr vernünftig“, sagte John. „Also gut, reden wir über Panzer.“

Natürlich wird „Logoland“ das, was eine Satire seit jeher beabsichtigt: eine Warnung an die Lebenden. Durch absichtliche Übertreibung von bestehenden Entwicklungen und Auswüchsen entsteht ein Zerrbild, in dem sich eine mögliche Zukunft abzeichnet, wenn keine Maßnahmen eingeleitet werden, um sie zu verhindern. Manche Satiren übertreiben es (s.o.) in dieser Hinsicht, sind bierernst oder gar statisch. „Logoland“ schafft es gerade noch, auf dem Teppich zu bleiben. Sein Dystopia ist bereits zum Greifen nahe. Amerikanisches Expansionsstreben hat sich im Irak wieder einmal bewiesen. Aber geografische Expansion ist nichts gegen die globale Expansion der US-Konzerne, auch und gerade in Deutschland. Und diese Konzerne sind keineswegs Freunde der Gewerkschaften, sondern operieren – wie mehrfach im Roman – nach dem Prinzip „hire and fire“.

Neben der Funktion des Warnschildes soll eine Satire aber noch mehr können: Es sollte Spaß machen, sie zu lesen. Die überspitzten Dialoge und die grotesken Verhältnisse, die der Autor schildert, liefern so manchen Aha-Effekt und lassen den Leser manchmal, besonders am Anfang, lauthals auflachen. Bis irgendwann der Punkt kommt, an dem man der Groteske Glauben schenkt und einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Spätestens dann sollte der Roman auch spannend werden. Und das ist „Logoland“ ebenfalls – bis zur letzten Seite des Hauptteils. (Der Epilog beleuchtet das weitere Schicksal von John Ex-Nike.) Ich zumindest habe das leicht lesbare Buch in zwei Tagen verschlungen.

„Logoland“ ist beides: ein actiongeladener, geradezu rasanter Wirtschaftsthriller, aber auch eine Charakter- und Gesellschaftsstudie. Der schier atemlose, dialoglastige Text macht das Lesen leicht, doch sollte man dabei die zahlreichen intelligenten und mitunter witzigen Ideen nicht übersehen, die dem australischen Autor eingefallen sind.

Statt an Philip K. Dick hat mich „Logoland“ weitaus mehr an den Schotten Irvine Welsh („Trainspotting“) und den Manchester-Briten Jeff Noon („Alice im Automatenland“, „Gelb“, „Pollen“, „Nymphomation“) erinnert: der gleiche Einfallsreichtum, der gleiche Mut zur Groteske, nur diesmal übertragen auf die Wunderwelt der Globalwirtschaft. Logoland, wir kommen!

_Michael Matzer_ © 2003ff

Wilson, Robert Charles – Bios

Mutter Erde ist ein Waisenkind. Das stellt sich heraus, als die Menschen den Planeten Isis erforschen. Doch um diese Wahrheit zu erfahren, müssen die Forscher aufhören, als Menschen zu existieren. – „Bios“, im Original 1999 erschienen, ist ein wissenschaftlich fundierter und recht spannend geschriebener SF-Roman: ein wahrer Bio-Thriller.
Robert Charles Wilson wurde 1953 in Kalifornien geboren und lebt in Toronto. Er gehört seit seinem mehrfach preisgekrönten Roman „Darwinia“ zu den bedeutendsten Science-Fiction-Autoren der Gegenwart.

Im 22. Jahrhundert haben die Menschen die von Seuchen und Biowaffen verheerte Erde weitgehend verlassen müssen. Zunächst gründeten die konservativen Nonkonformisten am Rande des Solarsystems, im so genannten Kuiper-Gürtel, eigene Kolonien. Alle Hoffnungen jedoch ruhten auf weit entfernten erdähnlichen Welten wie Isis, die man komplett und in großer Zahl besiedeln konnte.
Auf Isis, so beobachten die Forscher, ist die Evolution natürlich anders verlaufen als auf der Erde, weniger von Katastrophen und Mutationen heimgesucht. Folglich ist das Leben an sich, die Zellen selbst, hoch entwickelt und äußerst wehrhaft gegen Einwirkungen von außen. Den Menschen präsentiert sich ein Paradies, das für sie absolut tödlich ist: Die Isis-Organismen zersetzen menschliche Zellen zu einer schwarzen Soße.
In dieses tödliche Wunderland dringt eine neue Alice vor. Mit Namen Zoe Fisher, soll sie erst auf der Orbitalstation Dienst schieben, später dann die neueste Errungenschaft der Erdwissenschaft testen: einem neuen Exkursionsanzug. Dafür ist’s auch höchste Zeit, denn die Isis-Mikroben haben offenbar eine Methode gefunden, um die Dichtungen der Bodenstationen und der herkömmliche Exkursionsanzüge, die schwer gepanzert sind, zu zersetzen: Der Untergang der Menschen auf – und über – Isis ist besiegelt.
Zoe ist nicht nur außen besser geschützt als der Rest, sondern auch innen. So kann sie weiter vordringen als irgendein Mensch vor ihr, mitten in eine Kolonie intelligenter Wesen. Und dort stößt sie auf ein unglaubliches Geheimnis.

Ich habe diesen Bio-Thriller in nur einem Tag gelesen. Das ist nicht schwer, denn die Kapitel sind so kurz wie bei James Patterson und ebenso spannend. Außerdem kam es mir dabei so vor, als hätte ich so manches Motiv bereits irgendwo anders gelesen – wenn auch nicht in dieser Kombination. Um zu entsprechenden Quellen zu gelangen, müsste man in die siebziger Jahre zurückgehen, zu Autoren wie Alan Dean Foster, oder noch weiter zurück.
Sei’s drum: Die Story reißt mit. Und es geht dem Autoren ja nicht um die simple Erforschung des Geheimnisses von Isis oder den unabwendbaren Untergang seiner Erforscher, sondern vielmehr auch um die Untersuchung eines Testfalls. Getestet wird hier nicht die Fremdwelt, sondern die Menschheit des 22. Jahrhunderts. Dieser Test bezieht sich nicht nur auf die fortgeschrittene Technik – das wäre ja zu erwarten -, sondern insbesondere auf die psychosoziale Verfassung der Menschen, die mit Isis zu tun haben.
Wie oben erwähnt, ist die Menschheit lange in zwei Siedlungszonen gespaltet gewesen: die Erdlinge, die das Kartell hervorgebracht haben, und die nonkonformistischen Rebellen der Kuiper-Welten. An der Front, also in der Isis-Orbitalstation und in den Bodenstationen, müssen beide zusammenarbeiten. Doch nur die Erdlinge haben leitende Funktionen inne, die Kuiper-Rebellen machen die Drecksarbeit und sind folglich unter den ersten, die geopfert werden.
Dieses System erinnert an die mittelalterliche Zeit des Feudalismus, als sich die Adligen zu Zeiten der Pest in ihren Schlösser und Burgen verschanzten, in der Hoffnung, von der tödlichen Seuche verschont zu werden. Eine Illusion, wie sich oft herausstellte. Edgar Allan Poe hat darüber eine schön-schaurige Geschichte geschrieben: „Die Maske/Der Maskenball des Roten Todes“ (The Masque of the Red Death).
Nun wiederholt sich die Geschichte auf Isis: Die ‚Bauern‘ werden geopfert, die ‚Adligen‘ und Funktionäre versuchen ihre Haut zu retten, und nur ein einziger Mensch setzt sich wirklich mit dem grundlegenden Problem auseinander: Zoe Fisher, unsere Alice im Wunderland. Als 150 Jahre später nach einer Revolution wieder Forscher nach Isis kommen, werden sie als alte Bekannte begrüßt – aber nicht von Menschen und nicht in einer ihnen bekannten Sprache. Werden die Waisen der Sterne endlich nach Hause finden?

Wie gesagt, lässt sich „Bios“ sehr schnell und spannend lesen. Der Schluss ist ein schöner Augenöffner, soll hier aber nicht verraten werden.
Die Übersetzung vom Ehepaar Linckens trägt wesentlich zum Verständnis der zahlreichen Fachbegriffe aus der Biochemie bei: Diese Begriffe werden kurz in Fußnoten erklärt. Auch stilistisch ist die Übersetzung ein echter Pluspunkt des Buches.
Science-Fiction-Kennern werden einige Motive bekannt vorkommen, so dass sie das Buch nicht gerade umhaut. Die Vorgänge an Bord der Isis-Orbitalstation hätte beispielsweise C. J. Cherryh wie in „Pells Stern“ (Downbelow Station, HUGO-preisgekrönt) sicherlich spannender und komplexer geschildert. Die Exkursionen auf Isis selbst wurden schon x-mal ähnlich beschrieben, etwa in zahllosen Folgen von „Earth 2“. Eigenständig ist wohl eher die Figur der Zoe Fisher und das System, das sie hervorgebracht hat.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Josef Dvorak – Satanismus

„Die Verteufelung des ‚kreativen Chaos‘ ist eine Verdrängung, deren Resultat eine erstarrte, lebensfeindliche ‚Gesellschaft‘ ist.“ (J. Dvorak, Konrad Becker zitierend)

Da Bücher über das Phänomen „Satanismus“ nur allzu gern den Federn von Theologen, so wie auch in diesem Falle, und Sektenbeauftragten zu entwachsen scheinen, sieht sich der Leser meist dem vernichtenden erhobenen Zeigefinger des Autors gegenüber und es fällt daher oft schwer, einer differenzierten und objektiven Betrachtungsweise Raum zu geben. Dieses Buch ist anders, in jedweder Hinsicht, zumal, wenn es darum geht, eine konsistente und dem Werk gerechte Klassifizierung zu liefern. Es ist sicherlich für jeden, der sich eingehender mit dem „Leibhaftigen“ und den damit einhergehenden Ausformungen eines Kultus der Selbstvergöttlichung auseinander setzen will, eine der besseren Publikationen zum Thema Satanismus / Okkultismus im deutschen Raum, auch wenn der alles bzw. nichts sagende und etwas plakativ daherkommende Titel zunächst den Anschein eines dieser typischen, an Banalität und Oberflächlichkeit nicht zu überbietenden Werke vermittelt. Dem tut auch der Untertitel („Schwarze Rituale, Teufelswahn und Exorzismus – Geschichte und Gegenwart“) vorerst keinen Abbruch.

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King, Stephen – Im Kabinett des Todes

Der Erfolgsautor Stephen King steht vor dem Ende seiner Schriftstellerkarriere: Er hat das angekündigt. Nun wird noch kurz aufgeräumt. In diesem Band sind die kürzeren Werke aus der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre gesammelt. Nun warten wir noch auf „The Wolves of Calla“, einen Roman aus dem Zyklus um den Dunklen Turm. Und dann? Stephen King – was kann man noch sagen, was nicht schon allgemein bekannt ist? Er ist einer der erfolgreichsten Autoren aller Zeiten. Und nicht ohne Grund. Das sollte eigentlich genügen.

Zu den vierzehn Stories:

1) Autopsieraum vier

Frisch vom Golfplatz in die Autopsie – so schnell kann’s gehen, denkt sich sich Howard Cottrell, Börsenmakler, entsetzt. Warum war er hier, kurz davor, mit einer Schere wie ein Truthahn aufgeschnitten zu werden? Warum kann er seine Hände nicht bewegen, geschweige denn, einen Laut von sich geben, um zu protestieren? Ein Schlangebiss scheint ihn gelähmt zu haben. Ihm ist einzig und allein gestattet, zuzuhören, wie die Chirurgin mit dem Praktikanten anbandelt, der den ersten Schnitt führen soll. Anästhesie? Fehlanzeige! Howard Cottrell möchte schreien und kann nicht.
Stephen King erzählt das klassische Thema „lebendig begraben“, nur eben in den Autopsieraum verlegt. Und er macht einen klasse Job daraus. Der Leser leidet praktisch mit dem Scheintoten mit. Oder ist Howie vielleicht doch tot und erlebt alles nur von „höherer Warte“? Oder ist dies nur sein Traum? Bis zum Schluss lässt uns der Autor im Ungewissen zappeln.

2) Der Mann im schwarzen Anzug

Für diese Story erhielt King eine der höchsten Auszeichnungen für US-Autoren, den O. Henry Award. King selbst hält die Story nicht für genug gut, um sich für diesen hohen Preis zu qualifizieren, aber für den Kritiker ist es nicht schwierig, die Gründe für die Entscheidung der Jury herauszufinden.
Zum einen geht es um eine uramerikanische Figur: den Teufel in menschlicher Verkleidung. Und die knappe Handlung findet an uramerikanischen Orten statt: auf einer Farm und am benachbarten Forellenbach. Gary ist im Sommer 1914 erst neun Jahre alt, als er nach getanem Tagwerk die Erlaubnis erhält, angeln zu gehen. Nahe Castle Rock ist der Wald damals noch weitläufig und kühl, die Bäche sauber und voller Forellen. Doch als Gary zwei Prachtexemplare gefangen hat, kreuzt der „Mann im schwarzen Anzug“ auf. Er riecht nach Schwefel und seine Augen sind Löcher, hinter denen das Höllenfeuer brennt. Sein Gebiss ähnelt dem des Weißen Hais, doch seine Lügen treffen Gary bis ins Mark. Eine schicksalhafte Begegnung folgt, die Gary erst 81 Jahre später nieder zu schreiben wagt.
Hier merkt man wieder, wie stark sich King in das Seelenleben eines Jungen hineinzuversetzen vermag. Mit wenigen Absätzen versetzt er diesen Jungen in eine Welt, die noch gar nicht so lange vergangen ist: Der Teufel ist hier noch lebendig, und wie weiland in Irland kann man ihm und seinen Versuchungen am helllichten Tag begegnen. Eine spannende Story, die man gleich noch einmal lesen möchte.

3) Alles, was du liebst, wird dir genommen

Eine sehr traurige Story, aber mit witzigen Einsprengseln. Alfie Zimmer, seines Zeichens Vertreter für Tiefkühlgerichte im Mittleren Westen, will sich heute Abend umbringen. Er hat im Motel eingecheckt und seine Smith & Wesson bereitgelegt: Kaliber 9 Millimeter – eine beträchtliche Durchschlagskraft.
Bevor er sich umbringt, ruft er noch fürsorglich an der Ostküste im Haus seine Frau Maura und seiner Tochter Carlene an, erreicht aber nur den Anrufbeantworter. Als er sich den Revolver in den Mund steckt, fällt sein Blick noch einmal auf sein Notizbuch. Er kann es nicht so aufgeschlagen liegen lassen. All diese Klosprüche! Obszön, schweinisch, politisch ganz bestimmt nicht korrekt, und zum Schluss noch dieser: „Alles, was du liebst, wird dir genommen.“
Diese Sprüche hat Alfie in den einsamen Toiletten entlang der einsamen, endlosen Highways gesammelt, weiß der Herr, warum. Flaschenpost auf dem stillen Örtchen? Aber was würde die Polizei daraus schließen? Oder seine Frau? Alfie nimmt den Revolver aus dem Mund, stellt sich auf den Parkplatz und wartet ab, ob ihm der tobende Wind das Notizbuch aus der Hand reißen wird. (Und wenn er nicht gestorben ist, steht Alfie Zimmer dort noch heute. Wir können nur für ihn und seinesgleichen beten, meint der Autor.)
Eine sehr traurige Geschichte: der Tod eines Handelsvertreters in seiner klassischen Form. Die einzigen Lichtblicke jedoch stammen von den witzigen Klosprüchen. Und sie bringen Alfie wirklich zum Nachdenken, so dass er über das richtige Versmaß grübelt und die Tatsache, dass ‚Maine‘ der einzige Bundesstaatname ist, der wegen seiner Einsilbigkeit in Klosprüchen vorkommt… Ein verfehltes Leben, das ist Alfie Zimmer. (Diese Geschichte erschien im renommierten Literaturmagazin ‚The New Yorker‘.)

4) Der Tod des Jack Hamilton

1934, Prohibition, Chicago-Gangster. Die Story erzählt zunächst eine rechte Räuberpistole, schlägt dann allmählich in eine Groteske mit makabren Zügen um, bevor sie richtig anrührend endet. Nachdem John Dillingers Bande eine Bank auf dem Lande überfallen hat, muss sie das Weite suchen. Allerdings wurde sein Komplize Jack Hamilton angeschossen, will aber nicht zugeben, wo. Als die Gangster glücklich im Hinterzimmer einer Chicagoer Absteige landen, nimmt man Jacks Verwundung näher in Augenschein. Wie sich zeigt, hat Jack einen glatten Lungendurchschuss erlitten. Wenn er eine raucht, dringt der Rauch wieder hinten (!) aus ihm heraus.
Die Geschehnisse werden von Jacks Freund Homer erzählt. Nach Dillingers Erschießung durch das FBI wunderte man sich nämlich allenthalben über dessen demolierte Oberlippe, und Homers Memoiren sollen erklären, wie es dazu kam. Der Grund dafür war, dass Homer und Dillinger Jacks letzten Wunsch erfüllten und es dabei zu einem beinahe tödlichen Unfall kam.

5) Im Kabinett des Todes

Bei dem Titel gebenden Raum handelt es sich schlicht und ergreifend um einen Raum im Keller einer Polizeistation irgendwo in Zentralamerika. Der amerikanische Journalist wird hierher gebracht, um verhört zu werden – wenn nötig mit Folter. Seine Folterknechte – Escobar mit dem mexikanischen Akzent, eine 60jährige, die aussieht wie „Frankensteins Braut“, ein Gunman sowie ein schleimiger Kriecher, der die Folterwerkzeuge bedient – wollen erfahren, was Fletcher über die Pläne des Rebellen weiß, der die bestehende Ordnung bedroht.
Kurz und gut: Die Ereignisse in diesem „Kabinett des Todes“ verlaufen etwas anders, als es die Beteiligten erwartet haben.

6) Die Kleinen Schwestern von Eluria

Eine Episode aus Kings umfangreichem ‚magnum opus‘ „Der dunkle Turm“. Ich setze die Vorgeschichte als allgemein bekannt voraus (sorry!). Der Revolvermann, eine der Hauptfiguren des Zyklus, gelangt in eine scheinbar verlassene Stadt, wird von Mutanten überwältigt und von den Kleinen Schwestern gepflegt. Mit kleinen Häppchen der Erkenntnis steigert King das Grauen, das nun folgt: Der Gunman ist in die Hände von Vampiren gefallen und muss zusehen, wie ihnen einer der Lazarettgenossen nach dem anderen zum Opfer fällt. Er ist der nächste… Wird es ihm gelingen, sich rechtzeitig zu befreien? Lest selbst! (Diese Novelle erschien zuerst in R. Silverbergs Anthologie „Der 7. Schrein“.)

7) Alles endgültig

Ein seltsames Bild: Ein junger Mann schüttet Woche für Woche Kleingeld in den Gully (und Scheine in den Müll-Schredder). Der junge Mann, Dinky Earnshaw, wurde von einer obskuren Behörde namens Trans Corp. angeheuert, ausgebildet und postiert – so wie etliche andere mit Fähigkeiten wie Dinky (sie werden „Trannys“ genannt, was im Englischen die Abkürzung für Transvestiten ist – eine kleine Ironie am Rande). Jede Woche gibt’s 70 Dollar zum Verpulvern. Was nicht weg ist, muss vernichtet werden, etwa im Gully. Mr. Sharpton von Trans Corp. erkannte Dinkys außergewöhnliches Talent: mit Hilfe von erfundenen Zeichen den Tod eines anderen Lebewesens herbei zu beschwören.
Was ihm beim nervenden Nachbarshund noch himmlische Ruhe verschafft hat, bereitet aber nun Dinky erhebliche Gewissensbisse: Er hat entdeckt, dass er ein Massenmörder ist. Mindestens 200 Leute hat er schon mit seinen codierten Botschaften ums Leben gebracht – und warum und wozu? Weil ihn erstens Trans Corp. während einiger Hypnosesitzungen dazu konditioniert hat. Und weil die Opfer den Interessen der Regierungsstellen zuwider handelten. Aber wie kann eine AIDS-Forscherin regierungsfeindlich sein, fragt sich Dinky, da sie doch zum Wohle der Menschheit arbeitet. Er beschließt, den Spieß umzudrehen.
Diese Novelle ist zwar interessant, aber schlecht geschrieben. Sie vermischt Konzepte aus Fantasy (magische Symbole) und Thriller (Regierungskomplott), wird in einer realistischen Umgangssprache erzählt und führt relativ geradlinig von A nach B. Der Plot erinnert an Kings frühen Roman „Feuerkind“ und ist ebenso abgedroschen wie vorhersehbar. Die geistige Beschränktheit des Ich-Erzählers Dinky verhindert, dass eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Problem der Auftragsmorde stattfindet, die den Leser anrühren könnte. Die schnoddrige Oberflächlichkeit der Erzählung und ihres Geschehens erzeugt den Eindruck einer zynischen Haltung des Autors, die mich abgestoßen hat. Diese Novelle ist der Tiefpunkt der Sammlung, und ich musste mich überwinden, sie zu Ende zu lesen.

8) L.T.s Theorie der Kuscheltiere

Diese wunderschöne Geschichte gibt es bereits als Hörbuch, gelesen von Ulrich Pleitgen. Seit fast einem Jahr erzählt L.T. deWitt seine Leidensgeschichte, wenn er im Lokal einen hebt. Er ist ein schlichtes Gemüt, leidet aber dennoch an der Tatsache, dass ihn seine Frau Lulubelle vor fast einem Jahr verlassen hat. Und schuld daran war offenbar ihre Unverträglichkeit mit einem Kuscheltierchen, das L.T. ihr geschenkt hatte: Sie nannte das Kätzchen schon bald nur noch „Spinnerlucy“, weil es Lulu offenbar nicht ausstehen konnte. Doch L.T. hatte ein Jahr zuvor von Lulu ebenfalls ein Haustier geschenkt bekommen: einen Terrier namens Frank (nicht wie der in MIB2), der leider in L.T.s Schuhe kotzte und pisste.
L.T.s Theorie über die Kuscheltiere geht also dahin, dass sie die betroffenen Ehepartner unweigerlich auseinander bringen. Was aber L.T. in seinem Kummer nicht ahnt, ist, dass es wahrscheinlich der von der Polizei gesuchte „Axtmann“ war, dem die ausgezogene Lulu zum Opfer gefallen ist, vermutet jedenfalls L.T.s Freund, der Erzähler.
Dies ist Kings Lieblingstory in diesem Band. Die ganze Story ist sprachlich so realistisch wie möglich und zugleich so wunderbar schräg erzählt, dass man sich in manche Szenen direkt hineinversetzt fühlt. Wie King in seiner obligatorischen Anmerkung berichtet, hatte er selbst zwei Haustierchen bekommen: einen Corgi-Hund namens Marlowe und eine „durchgeknallte“ Siamkatze namens Pearl. Sie kamen ebenso gut miteinander aus wie Frank und Lucy in der Geschichte. Dass das geschenkte Tier in der Story seinen neuen Besitzer nicht ausstehen kann, wohl aber dessen Partner, ist ein weiterer amüsanter Kunstgriff des Autors. Doch am Schluss erwischt er den Leser dann kalt, wenn er den Axtmann erwähnt und wie es L.T. in Wirklichkeit geht.

9) Der Straßenvirus zieht nach Norden

Diese wirklich unheimliche Erzählung erschien zuerst in Al Sarrantonios exzellenter Horror-Anthologie „999“ aus dem Jahr 1999. Der Horrorautor Richie Kinsell (ein alter ego des Autors) fährt mal wieder vom heimatlichen Derry/Maine nach Boston auf einen Schriftstellerkongress. Keine große Sache. Auf dem Rückweg kommt er im hübschen Städtchen Rosewood (ein Verweis auf den Roman „Rose Madder“?) an einem privaten Flohmarkt, einem ‚garage sale‘, vorbei. Sein Blick fällt auf ein Aquarell, das zum Kauf angeboten wird, und Kinsell muss das Bild sofort haben. Zum Glück ist die Verkäuferin auch noch ein Fan seiner Schundromane und erzählt ihm brühwarm die Story zum Bild: Der Maler brachte sich um. Es trägt den Titel „Der Straßenvirus zieht nach Norden“ und zeigt einen grinsenden blonden Mann in einem schnittigen Superschlitten, der gerade die Bostoner Tobin Bridge überquert. Besonderheit: Die Zähne des jungen Mannes sehen aus wie die eines Kannibalen – Reißzähne. Kinsell ist hingerissen.
Als Richie es auf dem Nachhauseweg seiner lieben Tante Trudy zeigt, ist diese entsetzt. Er aber auch: Das Bild hat sich verändert! Das grässliche Gebiss hat sich inzwischen vergrößert, der Blick des Fahrers ist noch irrer, und der Hintergrund besteht nicht mehr aus der Tobin Bridge. An einer Raststätte wirft Kinsell das Bild in den Müll, denn es hat sich schon wieder verändert: Nun zeigt es den Wagen auf dem Weg nach Rosewood… Was geht hier vor sich? Kaum zu Hause, schreit Kinsell beinahe auf: Das Bild hängt jetzt in seiner Diele, und es zeigt die Verkäuferin des privaten Flohmarkts in Rosewood in schrecklich zugerichtetem Zustand. Offenbar folgt der „Straßenvirus“ seinem neuen Besitzer – bis zur letzten Konsequenz…
Kontinuierlich zieht King die Daumenschraube des Entsetzens und der Bedrohung an, bis es der Leser – ebenso wie der Erzähler – kaum noch in seinem Sessel aushält und sich vorsichtig nach dem nächstgelegenen Bild umdreht. Denn der „Straßenvirus“ ist wahrscheinlich immer und überall.

10) Lunch im Gotham Café

Ebenfalls eine Rauchergeschichte. Joe Davis wurde – zack! peng! – von seiner Frau Diane verlassen und hat sofort mit dem Rauchen, dem Scheidungsgrund, aufgehört (ein wenig zu spät). Natürlich fühlt er sich während des Entzugs total mies. Aber der eigentliche Unglückstag kommt, als er sich mit Diane und deren Scheidungsanwalt William Humboldt in einem Feinschmeckerrestaurant in der New Yorker Innenstadt trifft: im Titel gebenden Gotham Café („Gotham“ ist quasi der literarische Spitzname New York Citys, siehe „Batman“ und Poe).
An der Rezeption des Cafés stößt Joe auf den Oberkellner, der ein äußerst merkwürdiger Zeitgenosse zu sein scheint. Der dunkle Fleck auf seinem Hemd könnte getrocknetes Blut sein. Und er kreischt ihn an, er solle gefälligst keinen Hund mit hereinbringen! Welchen Hund, bitteschön?
Kaum wurden die Verhandlungen eröffnet, rastet der Oberkellner aus unerfindlichen Gründen völlig aus und macht sich über mit einem enormen Schlachtmesser über den Scheidungsanwalt her. Den Rest kann man sich denken. Diese kurze Story ist ebenso actiongeladen wie absurd. Und es ist eben diese Absurdität, die sie so verdächtig macht, symbolisch zu sein. Symbol wofür? Wohl für die unterschwellig wütenden Aggressionen zwischen den meisten zu scheidenden Paaren und ihren jeweiligen Anwälten. Insofern ist diese kurze Story klassischer Horror, voll Splatter und ebenso drastisch. Nichts für zarte Gemüter!

11) Dieses Gefühl, das man nur auf Französisch ausdrücken kann

Carol Shelton hat dieses schreckliche Gefühl, sie sei in der Hölle gelandet. Nur, dass die Hölle genauso aussieht wie Florida. Seit 25 Jahren ist die streng katholisch erzogene Carol mit Billy, dem Software-Entwickler, verheiratet, ist aber kinderlos geblieben (eines hat sie, omeingott!, abgetrieben). Zur Silberhochzeit spendiert ihr der Göttergatte die zweiten Flitterwochen. Und die könnte sie auch wirklich genießen, wenn, ja wenn da nicht dieses seltsame Gefühl wäre, das man… ach ja: „Déjàvu“ nennt.
Und tatsächlich steigert sich Carols Unbehagen zu einer Angespanntheit, dann zu leisem Grauen, schließlich zu blankem Entsetzen: Denn sie hängt in einer Zeitschleife fest, die nichts anderes für sie ist als die Hölle. Und am Ende der Schleife scheint ein Atomschlag zu passieren, oder eine Rakete das Flugzeug zu treffen oder… Und es passiert immer wieder. Endlos. Es ist (sagte ich das nicht bereits? Es kommt mir jedenfalls so vor…) die Hölle.
Eine tolle Story, die für viele Leser verwirrend sein wird, die mich aber stark an die Science-Fiction-Geschichten erinnert, die von literarisch ambitionierten Briten und Amis Mitte der Sechzigerjahre für das Avantgarde-Magazin „New Wave“ geschrieben wurden, das damals unter der Leitung von Michael Moorcock Furore machte und für eine Anfrage im Parlament sorgte. Das Thema ist natürlich existenzialistisch. Und King zitiert dessen Götter: Camus und Sartre. Er weiß genau, auf welch schwankendem Terrain er sich bewegt.

12) 1408

Wie „Kuscheltiere“ wurde auch diese Geschichte bereits auf einem Audiobook verewigt, nämlich in der Sammlung „Blut und Rauch“. Der Autor empfiehlt die Quersumme aus dieser Zahl zu ziehen und sie auf die Nummern von Hotelzimmern anzuwenden.
Mike Enslin ist so eine Art Reporter des Unheimlichen. Aus seinen Ermittlungen in gespenstischen Gemäuern und seinen Besuchen auf berühmten Friedhöfen hat er bereits drei Bestseller fabriziert. Diesmal hat er sich ein etwas unbekannteres Hotelzimmer vorgenommen: Nr. 1408 im New Yorker Hotel Dolphin. Der Hoteldirektor möchte Mike warnen: Dort seien bereits 30 Leute eines so genannten ’natürlichen Todes‘ gestorben und weitere 16 eines wahrlich unnatürlichen: Einige sprangen aus dem Fenster. Mike bleibt unerschütterlich.
Er hat zwar etwas Mühe, die Tür zu diesem ominösen Zimmer zu öffnen, doch er schafft es und spricht weiterhin seine Beobachtungen in sein Diktaphon. Dann beginnt er allmählich, sinnloses Zeug von sich zu geben. Später hält die Polizei fest, dass Mike Enslin gerade mal siebzig Minuten in Zimmer Nr. 1408 verbracht habe. Seitdem hat man seine Verbrennungen wieder heilen können, doch Mike hat seither keine Zeile mehr geschrieben, hat alle Telefone aus seiner Wohnung entfernen lassen und verschließt bei Sonnenuntergang sämtliche Fenster, weil er die Farbe orangerot nicht mehr ertragen kann…
„1408“ ist eine wahrhaftig gruselige Story über das klassische Motiv des Gespensterzimmers. Nur dass Zimmer 1408 von einem Horror erfüllt ist, der – wie in einem Nebensatz angedeutet wird – von einem der namenlosen Schrecken stammen könnte, die sich H.P. Lovecraft, der große Phantast aus Neuengland, ausgedacht hat. Dies ist nicht die erste Lovecraft-Kopie, die King schrieb: Auch in „Briefe aus Jerusalem“ taucht ein namenloser Schrecken auf. Doch „1408“ ist weitaus besser und wirkungsvoller. Tauchte dort eine deutlich materialisierte Gestalt, ein Riesenwurm, auf, so ist diesmal das Unheimliche nur in seinen Auswirkungen feststellbar, und die sind für Mike Enslin absolut unerträglich.

13) Achterbahn (Riding the ‚Bullett‘)

Alans Mutter liegt 100 Meilen entfernt im zentralen Krankenhaus von Maine, und er will sie unbedingt besuchen, obwohl seine rostige Studentenkarre im Eimer ist. Beim Trampen durch die Wälder erlebt Alan so einiges, das man sich nicht als Alltagsroutine wünschen würde. Da ist der alte Witwer, der sich dauernd mit seiner „Affenklaue“ im Schritt kratzt, weil ihn sein Leistenbruch schmerzt. Und schließlich landet Al auch noch nächtens auf dem Friedhof – allerdings nicht als Leiche, sondern als Verletzter.
Was man mit einer Beule am Kopf so alles träumt… Zum Beispiel, dass man in einem 60er-Jahre-Ford-Mustang von einem Toten mitgenommen wird, der beim Rauchen Qualm aus den Stichen bläst, mit denen sein Kopf angenäht ist… Geträumt oder nicht: Fakt ist, dass Al bei seiner Ankunft im Hospital einen Button am Revers trägt: „Ich bin in Thrill Village, Laconia, mit dem BULLETT gefahren“. Zu dumm, dass Al nur einmal in Laconia, New Hampshire, gewesen ist: Als kleiner Junge, begleitet von seiner Mutter. Doch weil ihm die Achterbahn dort Angst machte, benahm er sich wie ein Feigling, und seine Mutter versetzte ihm eine schmerzhafte Kopfnuss. An so etwas erinnert man sich sein Leben lang.
Und jetzt liegt sie im Krankenbett, mit einem Schlagfall, und Al denkt, sie ist tot, und er ist schuld daran. Klar, denn der Tote im Mustang war sein Alter Ego, und es stellte ihn vor die Wahl: Wenn ich dich hinbringen soll, musst du wählen: Wer soll leben – du oder deine Mutter? Und nun, als Alan vor dem Zimmer steht, in dem seine Mutter liegt, weiß er es einfach…–
Stephen King hat eine wunderbare Geschichte über Schuld, Angst und Versöhnung geschrieben. Sie lässt einen auch nach der Lektüre nicht mehr los. Ständig hat man diese Szene im Mustang des Toten im Sinn. Sie hat ihr Gegenstück in der Szene, als Alan an das Krankenbett seiner Mutter treten muss. Dazwischen liegt ein ganzes Leben, ein Alptraum, eine immense Spannung, die diesem kurzen Stück Prosa seinen besonderen Reiz verleiht.

14) Der Glüggsbringer

Eine wirgglich schöne Story, die King in einem Casinohotel in Nevada geschrieben hat – und dort spielt sie auch. Er schreibt also aus eigener Anschauung. Da ich selbst solche Casinohotels von innen kenne, kann ich die Akkuratesse seiner Beschreibung nur bestätigen.
Lernen Sie Darlene kennen, das seit fünf Jahren von seinem Ehemann verlassene Zimmermädchen, das nun Mutter zweier quengelnder Kinder ist, Paul und Patricia. Darlene ist so arm, dass sie Patsy nicht einmal eine Zahnspange kaufen kann, geschweige denn für Paul ein Asthmamedikament. Vom Leben gebeutelt, glaubt sie auch keineswegs der Notiz, die ein Hotelgast in Zimmer Nr. 322 hinterlassen hat: „Dieser Vierteldollar bringt Ihnen Glügg! Echt wahr! Sie haben Glügg.“ Warum sollte eine ausgebeutete Kreatur wie Darlene auf einmal Glück haben sollen, hm?
Kurz träumt sie sich in einen Spielertraum vom großen Glügg, wacht aber schließlich wieder auf. Als sie Feierabend macht, schenkt sie ihrem Sohn Paulie den Quarter, kaum hoffend, dass dieser damit etwas anfangen könne. Als Paul den Quarter in den erstbesten Einarmigen Banditen steckt, hört Darlene im Davongehen nur das neidischen Quengeln von Patsy, ihrer Tochter. Und dann das einsetzende Klimpern von ausgeschütteten Vierteldollars. Und es hört nicht auf zu klimpern…
Das ist natürlich eine Art Weihnachtsgeschichte, eine Wunscherfüllung. Aber sind das letzten Endes nicht alle Geschichten? Und diese bietet dem Band einen netten, geradezu versöhnlichen Abschluss.

Unterm Strich:

Dieser neue Storyband lohnt sich wirklich, zumindest für Freunde des literarischen Horrors. Die Vielfalt der Themen – klassische wie neue – und Formen sorgt für unterhaltsame Abwechslung. Dies sind zumeist keine Kurzromane wie in den „Langoliers“-Novellen. Einzige Ausnahme: „Die Kleinen Schwestern von Eluria“, das für Silverberg geschrieben wurde. In der Mehrzahl sind es Kurzgeschichten von klassischem Zuschnitt.
In seiner Einleitung mit dem Titel „Wenn man sich einer fast ausgestorbenen Kunstform widmet“ beklagt sich King mehr oder weniger deutlich, dass es für diese Form der Literatur kaum noch einen Markt gebe: Die Short Story, vor etwa 170 Jahren von E. A. Poe „erfunden“ und in berühmten Essays definiert, ist dabei auszusterben. Woran liegt’s? Das Publikum wird mit zunehmend dickeren Romanen versorgt, ja mit ganzen Trilogien und Zyklen. Sei’s drum. Die Short Story verlangt nach einem echten Könner des Metiers. King ist so ein Könner, und diese Sammlung – vielleicht seine letzte überhaupt – belegt dies in überzeugender Weise.
Ich habe fast jeden Text mit Genuss gelesen, insbesondere die kürzeren, denn die längeren waren mir meist bereits bekannt („Achterbahn“, „Eluria“). Der einzige Ausfall im gesamten Band ist ausgerechnet die Novelle, die der Originalausgabe ihren Titel gab: „Alles endgültig“ (Everything’s eventual). Und selbst darüber, ob dies ein Ausfall ist, lässt sich natürlich streiten. Jedenfalls hatte ich bei diesem Band kaum je das Gefühl, meine Zeit zu verschwenden. Und das ist ein sehr befriedigendes Gefühl.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Nasaw, Jonathan – Geduld der Spinne, Die

Jonathan Nasaw lebt nach Angaben des Verlags in Pacific Grove, also dort, wo auch ein Abschnitt der Romanhandlung spielt: an der kalifornischen Pazifikküste südlich von San Francisco. „Die Geduld der Spinne“ ist sein erster Roman. Die Detailkenntnisse aus dem Leben eines alt gewordenen FBI-Agenten im Außendienst und der Humor, mit dem er diese Figur zeichnet, lassen vermuten, dass Nasaw möglicherweise selbst einmal beim FBI war.

„Die Geduld der Spinne“ vereint Elemente aus „Das Schweigen der Lämmer“ und „…denn zum Küssen sind sie da“, doch der Serienkiller selbst könnte direkt aus der Psychiatrie entsprungen sein: Er besitzt eine multiple Persönlichkeit, die sich in Sekundenschnelle ändern kann. Der Verführer hat es auf Frauen mit nur einem besonderen Merkmal abgesehen: eine bestimmte Haarfarbe…

Als die Psychotherapeutin Dr. Irene Cogan, 41, das erste Gespräch mit dem Häftling führt, ahnt sie noch nicht, was sich daraus entwickeln wird. Er hat bei einer Verkehrskontrolle die Polizeibeamtin ohne Vorwarnung mit einem Messer gestochen, kurz zuvor aber noch seiner 18-jährigen Beifahrerin den Bauch aufgeschlitzt. Offenbar ist mit einem solchen Mann nicht gut Kirschen essen. Irene ist sehr vorsichtig. Der Häftling ist äußerst charmant: Das ist die Persönlichkeit, die sich „Christopher“ nennt, der Verführer. Dann gibt es da noch den kleinen Jungen, der sich „Lyssy“ nennt und den Irene sehr gut hypnotisieren kann, um mehr zu erfahren. Das Kommando hat aber „Max“, ein ziemlich kämpferischer und verschlagener Typ. Irene ahnt noch nichts von der Existenz anderer Persönlichkeiten im System, das den Körper von Ulysses Christopher Maxwell III bewohnt: Da sind Ish, Mose, Alicea und der gefährlichste von allen: Kinch, der Metzger. Noch denkt Irene, was für ein wunderbares Beispiel von dissoziierter (gespaltener) Persönlichkeit sie hier vor sich hat. Darüber würde sie gerne bald einen DIS-Fachartikel schreiben. Ihre Kollegen würden vor Neid erblassen. Das hat die Wissenschaft noch nicht gesehen.
Doch auch das FBI ist in Gestalt von Edgar Lee Pender hinter „Max“ her, den er „Casey“ nennt. Er verdächtigt Max sehr stark, der Serienmörder zu sein, der seit Jahren Frauen verführt, so dass sie mit ihm „durchbrennen“, bis er sich ihrer entledigt. Alle Frauen haben ein Merkmal gemeinsam: ihr schönes rotblondes Haar. Als Pender sich mit „Max“ in eine gemeinsame Zelle sperren lässt, um ihn auszuhorchen, ist Max viel zu schlau für ihn: Er überwältigt Pender in Nullkommanix, öffnet die Zellentür, tötet einen Vollzugsbeamten und entkommt in ein nahes Versteck. Dort wartet er, bis sich die erste Panik der Polizei gelegt hat und macht sich dann ganz methodisch an die Arbeit.
Dr. Irene Cogan hat keine Chance, sich zu wehren, als Max sie und ihre Freundin Barbara überfällt. Auch Irene hat rotblondes Haar, nur etwas getönt. Und dafür gibt es in Oregon einen Abnehmer, der bereits ungeduldig auf die nächste Lieferung wartet. Wird es Irene gelingen, den multiplen Verstand ihres Entführers zu heilen, bevor er sie umbringt? Kann Agent Pender das Versteck des Killers rechtzeitig aufspüren?

Jonathan Nasaw ist kein neuer Thomas Harris, aber er hat von ihm und James Patterson schon einiges abgeguckt. Von Patterson stammt die Einteilung in kurze Kapitel von maximal 4-5 Seiten sowie das Motiv des „Casanova“, der seine Mädchen entführt (aus „…denn zum Küssen sind sie da“). Von Harris hat Nasaw die Methode, erst einmal gründliche Recherche über das besondere Merkmal des Killers durchzuführen, bevor er darüber schreibt. Dieses Können allein ist es, was Nasaws Thriller ein wenig über den Durchschnitt hinausragen lässt. (Harris‘ Bücher befinden sich natürlich auch in Max‘ umfangreicher Bibliothek.)
Wir werden eingehend nicht nur mit der Welt von Dr. Cogan vertraut gemacht, sondern auch mit ihrer Spezialität: den multiplen DIS-Persönlichkeiten. Darüber hat der Psychologe Daniel Keyes bereits gute Romane wie „Die fünfte Sally“ und „Die Leben des Billy Milligan“ geschrieben, doch verschwanden sie im Ghetto der Science-Fiction-Ecken diverser Verlage. Bei Theodore Sturgeon („More than human“, 1953) war die multiple Persönlichkeit noch auf telepathischem Wege zustande gekommen und von positiver Natur. DIS-Killer sind noch selten in der Thrillerliteratur, ganz einfach deswegen, weil das ein kompliziertes Krankheitsbild ist, das hohe Anforderungen an die Darstellungsfähigkeit des Autors stellt.

Nun, soviel ist gewiss: Nasaw hat seine Hausaufgaben gemacht. Max ist uns so unheimlich und angsteinflößend, dass er durchaus einem Mutanten gleichkommt, was seine Gefährlichkeit, Anpassungs- und Überlebensfähigkeit angeht. Zum Glück hat „Max“ nicht alle Persönlichkeiten, die so genannten „alters“, unter Kontrolle. Es kommt immer wieder zu Chaos, Fehlern und Ausrutschern, bei denen er sich eine Blöße gibt. Diese kann Irene manchmal nutzen. Aber ihr Job ist genauso, als wolle man eine wildgewordene Kobra beschwören.
Agent E. L. Pender ist ein ganz anderes Kaliber. Der massige Kerl in den späten Fünfzigern steht kurz vor seiner Pensionierung (auf die er pfeift), hat Freunde weiter oben und vor nichts Angst, vor allem nicht dann, wenn es darum geht, „Casey“ zur Strecke zu bringen. Aber Irene Cogan aufzuspüren und zu retten, führt auch den schlauen Pender an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Daher endet das Buch in einem langen, spannenden Showdown, indem weitere Geheimnisse aufgedeckt werden. Selbst die allerletzte Zeile verpasst dem Leser noch so etwas wie einen kleinen Elektroschock.
Pender ist auch die einzige Figur, die so etwas wie Humor einbringt: es ist ein lakonischer Sarkasmus, mit dem er seine Arbeit und seine Kollegen betrachtet, die sich allesamt besser dünken als er. Dann aber gibt es noch witzige Aspekte bei seinen Recherchen. So etwa die Prostituierte in Dallas, die zwar eine waschechte Amerikanerin ist, aber einen auf kleine, geile Vietnamesin macht, um es den Kriegsveteranen, ihre Freier, recht zu machen. Da ist Big Nig, der Zweimetermann, der von Max fertig gemacht wurde. Aber es gibt auch Buckley, der mit Leberkrebs im Endstadium im Hospital liegt. Er gibt Pender den entscheidenden Tipp auf „Caseys“ Identität. Bei Buckley vergießt selbst der hartgesottene Pender ein paar Tränen. In Pender hat sich der Autor wohl am meisten selbst eingebracht.

„Strawberry Blonds forever“ wäre ebenfalls ein passender Titel, aber leider ist er schon vergeben: So heißt ein Haarfärbemittel im Buch. Und wer da nicht an den Beatles-Song denkt, ist selber schuld. Dies ist nur ein kleines Beispiel für die humorvolleren Aspekte eines Buches, das doch den Leser und vor allem die LeserIn in die dunkelsten Ecken des Grauens führen dürfte.
Im Kielwasser von Thomas Harris, J. Deaver und James Patterson segelnd, bietet Nasaw solide Spannung, psychologische Bizarrerie, FBI-Action und eine Art makabrer Erotik, so dass die meisten Thrillerwünsche erfüllt werden. Eine Anfängerschwäche hat das Buch dennoch: An manchen Stellen doziert es, seitenlang. Das Fachwissen ist zwar notwendig, aber sollte eigentlich in erzählende Prosa eingebettet bzw. umgesetzt sein. Das kann Nasaw sicherlich noch besser.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

Card, Orson Scott – Ender

Dieser Sammelband umfasst die beiden ersten Ender-Romane „Das große Spiel“ und „Sprecher für die Toten“. Beide Romane wurden mit den höchsten Preisen des Genres ausgezeichnet, dem „Hugo Gernsback Award“ und dem „Nebula Award“. Die Geschichte um Ender wurde in den Romanen „Xenozid“ und „Enders Kinder“ fortgesetzt. 1999 erschien der Roman „Ender’s Shadow“.

Zur Handlung von „Das große Spiel“: Nur dem äußeren Anschein nach ist Andrew ‚Ender‘ Wiggin ein ganz normaler Junge. In Wahrheit ist er das Resultat eines genetischen Experiments: Er soll zu einem militärischen Genie werden, das die Erde benötigt, um einen fremden, übermächtigen Feind zu besiegen. Doch Enders geistige und moralische Entwicklung verläuft anders als sich das die Militärs vorgestellt hatten. Zwar erweist er sich als der große Stratege, doch dann wandelt er sich zum Hoffnungsträger der gesamten Galaxis. Denn er nimmt es auf sich, zum Mittler zwischen den Menschen und anderen, intelligenten Rassen zu werden, zum „Sprecher für die Toten“.

Zur Handlung von „Sprecher für die Toten“: Im Planeten Lusitania (der alte Name für Portugal) scheint Ender die neue Heimat für die Krabblerkönigin gefunden zu haben. Hier gibt es nur eine eng begrenzte menschliche Kolonie unter katholischer Lizenz – sowie eine intelligente Alienrasse, nach ihrem Aussehen „Schweinchen“ genannt. Um letztere nicht in ihrer Entwicklung zu stören, dürfen sich nur zwei Alienforscher, so genannte Xenologen, im Schweinchengebiet aufhalten. Mehr soll von der Geschichte nicht verraten werden, um dem überraschenden Verlauf nichts vorweg zu nehmen.

Wer Cards „Play Kosmos“ gelesen hat, dem kommt „Das große Spiel“ schon ein wenig bekannt vor. Teile des Romans fanden sich in jenem Storyband unter dem Titel „Enders Spiel“. Was diese Geschichte versprach, hat der Roman mehr als erfüllt. Selten hat mich ein Roman so angesprochen. Card beherrscht es, den Leser in seinen Bann zu ziehen, ihn auch gefühlsmäßig in die Handlung einzubinden und auf der letzten Seite mit Herzklopfen daraus zu entlassen. Cards Themen und sein Stil berühren, fesseln, überwältigen – seine Bücher sind keine, die man vergisst, sobald man sie aus der Hand legt.

„Das große Spiel“ ist eine meisterhaft geschriebene psychologische Studie. Card versucht alle beteiligten Seiten verstehbar zu machen, lässt aber auch keine Illusionen über menschliche Eigenschaften, insbesondere Furcht und Aggression, aufkommen.

Im Vordergrund der Handlung von „Sprecher für die Toten“ stehen die Ereignisse auf dem Planeten und das Schicksal der Menschen, die vom Rätsel der Schweinchen betroffen sind. Seitenhiebe und Frontalangriffe des Mormonen Card auf Calvinisten und Katholiken würzen die Lektüre. Die ‚pikanten‘ Details entnehme der geneingte Leser selbst der Lektüre.

Das eigentliche Thema: die Angst vor dem Unbekannten, Fremden – Xenophobie. Card stellt ein Modell vor, nach dem sich vier Grade der Fremdartigkeit unterscheiden lassen; die jeweilige Einstufung eines Fremden bestimmt die Verhaltensweise ihm gegenüber. Die erste Stufe umfasst die „Andersländer“, Menschen von unserer Welt, aber aus einem anderen Land oder einer anderen Stadt. Auf der zweiten, schon fremderen Stufe findet sich der „Framling“, der Mensch von einer anderen Welt. Fremde (Aliens), die als menschlich anerkannt werden, aber einer anderen Spezies angehören, werden „Ramänner“ genannt, und „Varelse“ schließlich ist der wahrhaft Fremde, mit dem keine Verständigung möglich ist, aus dessen Handlungen wir nicht auf seine Motive oder seine Intelligenz schließen können.

Der Roman fordert eine ethische Einstellung, von der die meisten Menschen heute noch weit entfernt sind, und Card legt unnachsichtig Schwächen und Vorurteile bloß, deren Existenz die meisten von uns nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Dies ist wie angemerkt kein Buch, das man nach unterhaltender Lektüre weglegt. Es hält einige unangenehme Wahrheiten bereit, die es, verpackt in Cards mitreißenden Erzählstil, zu einem außergewöhnlichen Werk machen, angesiedelt weit über durchschnittlicher Science-Fiction-Kost.

Homepage des Autors: http://www.hatrack.com

_Michael Matzer_ © 2000ff
(lektoriell editiert)

Grace, Celia L. – Heilerin von Canterbury sucht das Auge Gottes, Die

_Historischer Kriminalroman_

Ein neuer Fall für Kathryn Swinbrooke, die Ärztin und Apothekerin aus Canterbury. Die Detektivin im Nebenberuf erhält diesmal gemeinsam mit ihrem Freund Column den Auftrag, einen kostbaren Saphir – das Auge Gottes genannt – wiederzufinden, der in den Wirren des Rosenkrieges verloren gegangen ist. Die Angelegenheit wird kompliziert, als sich erweist, dass Columns Leben in Gefahr ist, weil Feinde aus seiner Heimat – die schon lange seine Ermordung geplant haben – ihrem Ziel nun bedenklich nahe gekommen zu sein scheinen.

Spannung ist also bis zur letzten Seite garantiert. Die Story ist – wie schon bei Kathryns erstem Fall – in Bezug auf die historischen Details gut recherchiert. Besonders der Konflikt zwischen den Ärzten der Stadt und der Apothekerin und Ärztin Kathryn spiegelt die Situation des Umbruchs in den heilenden Berufen wider. Eine (ent)spannende Lektüre!

Rezension von _Barbara Stühlmeyer_ aus Karfunkel Nr. 18, Seite 58
Abdruck auf dieser Seite (powermetal.de) mit freundlicher Genehmigung des _Karfunkel-Verlages_

[Karfunkel – Zeitschrift für erlebbare Geschichte]http://www.karfunkel.de

Elisabeth Gössmann – Hildegard von Bingen – Versuche einer Annäherung

Elisabeth Gössmann gehört zu den ganz Großen in der Hildegard-Forschung. Mit unermüdlicher und nüchterner Leidenschaft arbeitet sie seit Jahrzehnten mit ihren theologisch-philosophischen Werken. Wir verdanken ihrer Arbeit wesentliche Erkenntnisse in Bezug auf Hildegards Selbstbild und ihre höchst eigenständigen theologischen Ansätze. Gössmann hat, um nur ein Beispiel zu nennen, die double voice theory auf ihre Werke angewandt und so herausgearbeitet, dass Hildegard, wenn sie beispielsweise frauenfeindliche Thesen in ihren Werken nennt, diesen keineswegs zustimmt, sondern sie gleichsam kontrapunktisch bearbeitet und in der Gegenstimme ihre eigene Theologie zu Wort kommen läßt.

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Cowell, Stephanie – Ballade des Falken, Die

Was für ein Mensch war eigentlich William Shakespeare? Wie hat er gelebt? Wie sah er aus? Was tat er, wenn er nicht gerade damit beschäftigt war, einen seiner zahlreichen Knüller der Weltliteratur zu schreiben, die noch heute unzählige Schüler im Englischunterricht je nach Einstellung in Schrecken oder Begeisterung versetzen?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die „Ballade des Falken“ ist keine Shakespeare-Biographie. Eigentlich geht es auch gar nicht so sehr um den berühmten Dichter, sondern um den Heranwachsenden Nicholas Cooke, den natürlich niemand kennt. Wie könnte man auch, denn Nicholas ist eine fiktive Person.

Die ersten Jahre seines Lebens verbringt Nicholas Tomkins – so heißt er eigentlich – in Canterbury, wo er als Fünfjähriger mit ansehen muss, wie sein Vater als Dieb hingerichtet wird. Seine Mutter sinkt in die Prostitution ab. Nick selber ist äußerst wissbegierig und träumt von einem Theologiestudium. Dieses wird ihm jedoch verwehrt, sodass ihm nichts anderes übrig bleibt, als bei einem unsympathischen Stellmacher in die Lehre zu gehen. Lange arbeitet Nick allerdings nicht bei ihm, denn bei einem Streit verletzt er seinen Meister so schwer, dass er glaubt, er habe ihn getötet. Daraufhin flüchtet der Junge aus der Stadt. Seine Mutter ist bei der Geburt eines Kindes gestorben.

Nicholas verschlägt es nach London. Dort findet er schließlich Zugang zu Schauspieler- und Dichterkreisen. Mit Kit Morley (Christopher Marlowe) geht er eine stürmische Beziehung ein. Der von ihm hochverehrte Dichter wird jedoch ermordet. Nicks ausgesprochenes Talent für das Theater bleibt nicht unverborgen, und so geht der Junge bei dem Schauspieler John Heminges in die Lehre. Über John lernt Nick Shagspere (Shakespeare) kennen und schätzen, der seine innere Zerrissenheit und Einsamkeit versteht und ihn liebevoll „mein Falke“ – daher der Titel des Romans – nennt.

Der rastlose Nick findet keine Ruhe. Sein teilweise extrem egozentrisches Handeln erweckt beim Leser bisweilen alles andere als Sympathie. Zwar verabscheute Nick seinerzeit die Tätigkeit seiner Mutter, was ihn aber nicht davon abhält, sich nun immer wieder mit Prostituierten einzulassen. John Heminges, in dessen Haus Nick lebt, ist ihm sehr wohlgesonnen und ständig bereit, Nick sein nicht immer vorbildliches Verhalten zu verzeihen. Der Junge selber hat ein eher gespaltenes Verhältnis zu Heminges. Dessen Frau bringt er jedoch ganz andere Gefühle entgegen. Die Beziehung scheitert aber am Pflichtgefühl von Rebecca Heminges.

Um am Krieg in Irland teilnehmen zu können, lässt Nick die Schauspieltruppe im Stich. Das verzeiht ihm John jedoch nach Nicks Rückkehr und gibt ihm sogar seine Tochter Susan zur Frau. Die Ehe geht aber dank Nicks unbeständigem Wesen in die Brüche. Mit John versöhnt sich Nick erst viel später wieder, als er seinen Kindheitstraum erfüllen kann, Priester wird und so seinen inneren Frieden findet.

Der in der Ich-Perspektive geschriebene Roman gibt einen ausführlichen Einblick in das England der Renaissance. Vor dem Hintergrund der politischen Auseinandersetzungen erhält der Leser Zugang zu der Welt des Theaters jener Zeit, insbesondere dem bekannten Globe Theatre. Die Personen, die Nick umgeben, sind fast alle historisch. Hier ist der dem Roman beigefügte Anhang positiv hervorzuheben, in dem diese Personen und die sozialen Umstände, die sie umgaben, kurz charakterisiert werden.

Der Roman ist gut zu lesen, bisweilen allerdings ein wenig zähflüssig. Rückblickende historische Gegebenheiten und Umstände wirken manchmal etwas steif und gekünstelt. Im Ganzen zeichnet sich die Erzählweise aber durch eine lebendige und anschauliche Sprache aus.
Das Ende ist für einen modernen Roman ein wenig ungewöhnlich und erinnert eher an eine mittelalterliche Erzählung, was den Reiz dieses Werkes eigentlich erhöht, es sei denn, man erwartet den „Standardschluß“, demzufolge der Held und seine Geliebte sich glücklich in die Arme sinken. Schön, dass es nicht immer so ausgehen muss.

Rezension von _Sabina Schult_ aus Karfunkel Nr. 18, Seite 58
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Cross, Donna W. – Päpstin, Die

Um es gleich vorwegzunehmen: Dieses Buch ist uneingeschränkt lesenswert. Es ist spannend geschrieben, und es handelt von einer Frau, die ihren Wunsch nach Bildung und selbstbestimmtem Berufsleben gegen alle Widerstände verwirklicht.

Aufgewachsen als missachtete Tochter des Dorfpriesters von Ingelheim und seiner ihrem Heidentum im Geheimen gegen alle Indoktrination anhängenden sächsischen Frau, lernt Johanna zunächst heimlich mit ihrem älteren Bruder. Später wird sie von einem Lehrer der Domschule in Dorstadt, der ihre Begabung erkennt, in Lesen und Schreiben, Latein und Griechisch, vor allem aber im Gebrauch ihres für die Logik so begabten Verstandes unterrichtet. Schlimm wird es, als dieser Lehrer wegen der Freiheit seines Denkens durch einen klassischen Kleingeist abgelöst wird. Ein Jahr lang hat Johanna keinen Unterricht und verliert beinahe jede Hoffnung, dass sie jemals ihre Ausbildung fortsetzen kann. Dass sie nach einigen Wirren dennoch als Schülerin der Domschule akzeptiert wird, grenzt an ein Wunder.

Doch die Schwierigkeiten werden nicht weniger. Es scheint unmöglich, als Frau ungehindert Bildung zu erlangen, zu lernen und zu lehren. Und so ergreift Johanna die Gelegenheit, als sie nach einem Überfall der Normannen als einzige der Anwesenden aus Dorstadt überlebt: Sie verkleidet sich als Mann und geht ins Kloster nach Fulda. Dort findet plötzlich alles Achtung und Anerkennung, was ihr zuvor Kritik eingebracht hat: ihre wissenschaftliche Qualifikation, ihre Fähigkeit zu logischem Denken und zum gelehrten Disput, sie wird zum Gelehrten und Heiler, dessen Fähigkeiten schier unermesslich scheinen. Beim Ausbruch der Pest jedoch, an der auch sie erkrankt, muss sie mit einer sie enttarnenden Untersuchung rechnen, und so flieht sie aus Fulda und gelangt auf Umwegen nach Rom, wo sie ihre Karriere zielsicher fortsetzt – bis hin zur Ausübung des Papstamtes.
Dies allein wäre schon spannend genug, doch man ahnt schon, es fehlt noch etwas. Denn da sind Gerold, ein Markgraf aus Dorstadt, bei dem Johanna als Domschülerin lebte, und die Liebe der beiden…

Bleibt die Frage: Gab es sie wirklich, die Päpstin? Donna W. Cross ist davon überzeugt und legt dies anhand einer Reihe von Argumenten dar. Wer sich näher für die Forschungsgeschichte über dieses Thema interessiert, dem sei der Band von Elisabeth Gössmann mit dem Titel „Mulier Papa – der Skandal eines weiblichen Papstes. Zur Rezeptionsgeschichte der Gestalt der Päpstin Johanna“ empfohlen. Er erschien 1994 als Band 5 der Reihe “Archiv für philosophie- und theologiegeschichtliche Frauenforschung“ im iudicium Verlag München.

Rezension von _Barbara Stühlmeyer_ aus Karfunkel Nr. 17, Seite 58
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Busson, Paul – Seelenwanderer, Der – Die Wiedergeburt des Melchior Dronte

Paul Bussons bekanntester Roman, der 1921 erstmals erschien, ist jetzt in 3. Auflage erhältlich, nachdem er lange vergriffen war. Die Erzählung des Sennon Vorauf um das Leben seiner vorherigen Geburt als Melchior Dronte wird von einem Rahmen umfasst. Eröffnet wird sie mit dem Hinweis, dass dieses Buch die Unsterblichkeit der Seele bekennen soll und dieses Bekenntnis in anderen erwecken möge.

Retrospektiv beginnt Vorauf die Geschichte seines Lebens, beginnend mit dem fünften Lebensjahr, zu erzählen. Dem Leser wird klar, dass es sich um einen Entwicklungsroman handelt, eine spirituelle Entwicklung. Diese vollzieht sich zur Zeit der Französischen Revolution, einer Zeit, die gezeichnet ist von Krieg, Gewalt und Zerfall der Aristokratie. Demgemäß ist die Sprache nicht nur der Situation angemessen – neben poetischen Landschaftsbeschreibungen stehen brutale Kriegsszenarien – sondern auch den Personen. Neben Dialektformen des einfachen Menschen spricht der Adel seine hochgestochene Sprache, der Magister sein Kanzleideutsch und der Pöbel die Sprache der Gosse.
Melchior verweilt selbst in verschiedenen Milieus, ist Student, Soldat, Bürger und Adeliger, entwickelt sich vom Rohling zum Ewli, einem, der ‚wiederkommt‘.

Der Tod begegnet dem Leser in verschiedenen Formen. Vom sanften ‚Entschlafen‘ über den grausamen Tod auf dem Schlachtfeld bis zum personifizierten Tod mit dem bezeichnenden Namen ‚Fangerle‘. Ebenso variationsreich ist der Reinkarnationsgedanke, denn die Seelen treten gefangen in Tierkörpern auf, wie dem allwissenden Papagei Appolonius, kehren ohne Wissen um eine Inkarnation in Körper ein, oder wie im Falle des Dronte auch bewusst.
So geschehen, nachdem er in den Revolutionswirren seinen Kopf durch die „Maschine des Guillotin“ verliert. Doch hier endet der Roman überraschenderweise nicht, sondern schildert den Weg der Seele in den nächsten Körper, den des Sennon Vorauf, aus dessen Leben einige Details erzählt werden. Geschlossen wird die Erzählung von seinem Freund Kaspar Hodrich, der die Funktion des Ich-Erzählers übernimmt und vom Verschwinden Sennons im Albanien des ersten Weltkrieges erzählt. Er bekommt auch die Erzählung, innerhalb der fiktiven Geschichte, zugesandt.

„Aber – was in diesem Werk ist Fiktion, Phantasie, Geschichte – was erlebt und was aus einem tieferen, verborgenen Wissen gespeist“ (S. 295), um den Herausgeber Jürgen Grasmück, selbst erfolgreicher Autor zahlreicher phantastischer Romane (u.a. unter dem Pseudonym Dan Shocker die Heftromanserien Macabros, Larry Brent und Ron Kelly) aus seinem Nachwort zu zitieren.

Das Vorwort verfasste übrigens Penny Mc Lean, die schreibt: „dieses Buch wird zum Hinweis- und Zeichenlieferant in Ihrem Leben“. Dem mag sich der Rezensent nicht ganz anschließen, kann aber gehobene Unterhaltung versprechen, wie auch Anregungen zur Reflexion über wesentliche Aspekte des Lebens und natürlich des Todes.
Ungewöhnlich ist der für das Buch gewählte Schriftsatz. Auf Blocksatz wurde verzichtet und die Schrift linksbündig gesetzt (zumindest in der mir vorliegenden 1. Auflage) was den Lesefluss aber in keiner Weise beeinträchtigt. Zahlreiche Illustrationen von Maria Anna Schmitt, die schlicht aber schön sind, schmücken dieses Buch.

_Martin Dembowsky_
für die [AHA-Zeitschrift]http://www.aha-zeitschrift.de

Gierdahl, Knut – Goldene Equinox, Der

In Anlehnung an die zwischen 1909 und 1913 von der „Großen Weißen Bruderschaft“ zu den Tag- und Nachtgleichen im Frühling und Herbst (Äquinoxe) herausgegebenen Bände des Äquinox (insgesamt 11 Bände), nennt der Autor Knut Gierdahl, Redakteur des legendären Okkultmagazins AHA, seinen Band „Der Goldene Equinox“. Ebenso setzt er sich mit der Wahl des Titels von den in der Schweiz, vom Verlag Psychosophische Gesellschaft (in limitierter und nummerierter Auflage, ohne Jahr) herausgegebenen Äquinoxen ab, bei denen es sich jedoch nicht um Übersetzungen der englischen Ausgaben handelt, sondern um die Herausgabe einzelner Werke von Aleister Crowley (z.B. „Das Herz des Meisters“, „Kleine Aufsätze die zur Wahrheit führen“, etc.).

Sieht Gierdahl die Schwerpunkte der damaligen Äquinoxe in der Klärung der Eckpunkte und Wurzeln von Thelema in der Sprache der Magie, so soll sein Goldener Equinox dem Leser Anregung und Hilfe sein, „Magick als Set von Methoden [zu] verstehen, um ihren Wahren Willen zu erschaffen und zu leben“ (Vorwort, S. 6). Dazu wählt er, gemäß dem damaligen Motto des Äquinox: „Die Methode der Wissenschaft – Das Ziel der Religion“, die wissenschaftliche Sprache, „um Thelema als sinnstiftende Lebensform weiter zu entwickeln“ (ebd. S.7).
In 13 Abhandlungen, eine in Zusammenarbeit mit Michael D. Eschner, geht der Autor auf vielseitige Themen wie Gnostizismus, Logik, Liber Al, Schuld und Verantwortung, Kult der Sonne etc. ein und bringt sie in Zusammenhang mit Thelema. Neben den Artikeln befindet sich in diesem Band auch eine Kurzgeschichte, „Der Grasgrünfärber“, die an einen Zen-Koan erinnert, sowie eine praktische Anleitung zur Ausübung der yogischen Sonnengrüße mit photographischen Abbildungen der einzelnen Stellungen im Anhang, nebst Einführung in das System des Yoga mit Bedeutung von Atem, Tipps zur Vorbereitung und dergleichen mehr. Allgemein wird immer wieder Theorie mit Praxis verbunden und auf die Umsetzung in den Alltag hingewiesen. So gibt auch das Kapitel über „Willenstraining“ eindeutige Handlungsanweisungen.

Die einzelnen Artikel lassen einen roten Faden erkennen, beginnend mit den Wurzeln Thelemas im Gnostizismus – Gnosis als Erkenntnis, die nicht vermittelt, sondern erlebt wird – und der Bedeutung vom Kult der Sonne bei Ägyptern, Indianern und Hindus, bis hin zu Thelema als „Designer-Religion“ des Neuen Äons mit verschiedenen, individuellen Entwicklungswegen und -modi. Dabei werden zentrale Themen wie Ideologie, Weltanschauung und Logik angesprochen (wie z.B. in „Open-Source-Kultur und die schenkende Tugend“ oder „Fuzzylogik und die Tattwas“).
Knut Gierdahl wählt einen lockeren, den Leser ansprechenden Stil mit humorvollen Ansätzen. Stets erläutert er seine Aussagen mit konkreten Beispielen aus Alltag, Geschichte oder Technik, fügt Zitate ein oder nennt Literaturstellen zur Weiterführung.
Negativ fallen der Drucksatz und oberflächliches Lektorat ins Auge. So werden mal einzelne Worte oder Absätze wiederholt oder der Drucksatz wechselt von Block- in Flattersatz. Ebenso hätten bei den zitierten Quellen nähere Angaben (z.B. Erscheinungsjahr, Band- /Seriennummer) erwähnt werden können.
Insgesamt wird Knut Gierdahl seinem Anspruch mehr als gerecht und der Goldene Equinox ist für jeden an Magie, Thelema und/oder Entwicklung Interessierten mit Gewinn zu lesen.
Eine Fortsetzung, wie als „Open-Source-Projekt“ geplant, wäre ebenso wünschenswert wie eine thematische Ausweitung über Thelema relevante Themen hinaus.

_Martin Dembowsky_
für die [AHA-Zeitschrift]http://www.aha-zeitschrift.de

Ergänzung des Lektors: Zum Bereich Thelema hat K. Gierdahl bzw. die Zeitschrift „AHA“ ein umfangreiches Sonderheft für 9 € herausgebracht, das man auf der Homepage bestellen kann. Dies könnte man als Fortsetzung des hier beschriebenen Bandes betrachten, wenngleich die Artikel hier von verschiedenen Autoren stammen – umso interessanter.

Sibylle Berg – Sex 2

Sibylle Berg: Sex 2

Stell dir vor, du wachst eines Morgens auf und leidest an einer merkwürdigen Krankheit; die Welt, die dich umgibt, ist zu einem allzu transparenten Kosmos geworden, den du durchschreiten kannst und in dem dir nichts entgeht, weil du alles durchschaust wie Glas: Türen, Wände, ja selbst die Köpfe der Menschen sind kein Hindernis. Du bist wie Gott, der die Wahrheit zu erkennen vermag und auch die schrecklichsten Geheimnisse der Menschen kennt, die tief in ihren Seelen ruhen. Doch was anfangen mit dieser Wahrheit – und viel wichtiger, wie damit umgehen? „Die natürliche Reaktion auf den Wahnsinn ist der Wahnsinn“, und so begibst du dich auf einen Streifzug, der dich Herz und Verstand kosten könnte.

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Frater Eremor – Im Kraftstrom des Satan-Set – Der Pfad der dunklen Einweihung

Eremor verbindet hier Set und Satan und zeigt eine Tradition voller archaischer Bezüge einerseits und visionärer Möglichkeiten andererseits.

Als größte Schwäche erschien mir zuerst die geringe Systematik, die Kapitel bauen nicht linear aufeinander auf – dass hier der Pfad der dunklen Einweihung beschrieben wird, ist nicht immer deutlich. Doch beim Lesen wird der Vorteil dieses Aufbaus bald deutlich: die Kapitel sind für sich verständlich, man kann überall einsteigen und je nachdem, welches Thema nach welchem gelesen wird, ergeben sich immer neue Zusammenhänge. Das regt das eigene Nach- und Weiterdenken weit mehr an als jeder noch so gute, festgelegte Themenaufbau. Die Kapitel sind Puzzlestücke, die dem Leser Vorschläge machen. Du kannst sie annehmen oder nicht, wie Du willst.

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Baecker, Dirk / Krieg, Peter / Simon, Fritz B. (Hrsg.) – Terror im System – Der 11. September 2001 und die Folgen

„Terror im System“ zeigt, wie und aus welchen Gründen der Westen weiterhin seine eigene Rolle beim Anschlag vom 11. September verdrängt. Durch den 11.9. zerplatzte der westliche Traum von Frieden und Sicherheit und es wurde deutlich, dass Terror gerade für die Länder der „Ersten Welt“ eine Gefahr darstellt, die nicht gebannt werden kann (höchstens eingedämmt). Wie kam es zu diesem Konflikt? Worin besteht er? Wie könnte er wirklich gelöst werden oder zumindest reguliert? Die Autoren des Sammelbandes legen erstmals eine systemische Analyse des Terrors als globalem Phänomen vor.

Gemeinsam ist allen Autoren (es sind insgesamt zwölf) der systemtheoretische Hintergrund bei der Erörterung verschiedenster Aspekte globalen Terrors; angefangen bei der Frage, was Terror(ismus) ist, über politische Aspekte und Auswirkungen auf die Weltpolitik, Djihad und Menschenrechte, die „ewige Gerechtigkeit“, bis hin zum Schock für die Gesellschaft und die Rolle der Medien (die nicht nur eine abbildende ist). Das Buch ist auch ohne Vorwissen über Systemtheorie für interessierte Laien gut verständlich und kein trockener Stoff.

Das wichtigste ist m.E., dass durch die systemische Betrachtungsweise neue Standpunkte zum Terrorismus möglich sind: eine kritische Position zum Terror und Kritik an den Vergeltungsmaßnahmen der cowboymäßig agierenden Weltmacht USA. Oder keines von beidem. Je nachdem. Nachdem Bushs Slogan „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ zum Paradigma erhoben wurde, war Kritik egal welcher Art zugleich eine Kampfansage an die gesamte westliche Welt. Durch dieses Buch wird Terrorismus als Teil des (Welt-)Gesellschafts-Ganzen verständlich. Es stellen sich Fragen nach wechselseitigen Bedingtheiten und Folgen, die zuvor verschleiert wurden. Nach Ansicht von Simon z.B. ist es schädlich, einen Krieg gegen den Terrorismus zu führen. Begründung: „Kriege sind Systeme, die sich durch die gegenseitigen Grausamkeiten der Kontrahenten die Gründe für ihre Fortsetzung selbst liefern.“

Ein Jahr ist vergangen, seit am 11. September 2001 die Doppeltürme des New Yorker Wold-Trade-Centers in sich zusammensackten. In nachdenklicher Distanz zum damaligen Geschehen versucht dieses Buch, das zunächst Unfassbare fassbar zu machen. Es zeigt sich, dass der Westen noch(?) nicht gelernt hat, seine eigene Rolle in den globalen Zusammenhängen dieses Anschlages angemessen zu bewerten und die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Dafür liefert der Band Hinweise und Ansätze für ein angemessenes Verständnis.
Ziel des Bandes sei es, so Baecker, „die Ambivalenz jedes Urteils, also auch des Urteils gegen den Krieg, herauszuarbeiten, um auf diese Art und Weise Material zur Reflexion möglicher Beobachtungen zu beschaffen und so überhaupt erst einmal Mut zur Beobachtung (und nicht zum wie immer erschrockenen Augenverschließen) zu machen.“
Diese bewusste Vieldeutigkeit drückt sich in unterschiedlichen Bewertungen der Autoren aus: Der französische Philosoph Alain Badiou liefert eine Begriffs-Analyse von Terrorismus: „Es ist bemerkenswert, wie es dazu kommen konnte, dass das Wort ‚Terrorismus‘, das eindeutig eine bestimmte Form der Ausübung der Staatsgewalt charakterisiert, nach und nach genau das Gegenteil bezeichnete (…)“, wundert sich der Autor. Am Ende seiner semantischen Entwicklung sei „Terrorismus“ heute im Grunde eine propagandistische Vokabel. „Sie enthebt aller vernünftigen Untersuchung der politischen Situationen, ihrer Ursachen und Konsequenzen.“

Insgesamt kein Buch mit glatten schnellen Antworten, dafür mit vielen Fragen für Selbst-Denker.

Knut Gierdahl
Chefredakteur der [AHA-Zeitschrift]http://www.aha-zeitschrift.de

Gebhardt, Lisette – Japans neue Spiritualität

New Age im Land der aufgehenden Sonne.

Dies ist das wohl umfassendste und bestrecherchierte Buch zur japanischen Spiritualität und Religion der Gegenwart.
Japan? Das Fuji-Honda-Sony-Land, in dem die Angestellten in ihrer Firma wohnen? Nein, es wird eine Kultur vorgestellt, die auf ganz andere Weise vertraut und exotisch ist. Japan hat in viel kürzerer Zeit als die westeuropäischen Staaten die Entwicklung vom Nationalstaat zur internationalen Wirtschaftsmacht vollzogen und daraus resultieren die meisten Fragen, Probleme, Spannungen und Selbstfindungsansätze, um die es in “Japans neuer Spiritualität” geht.
Was mir zuerst auffiel: die Autorin liefert einen äußerst detaillierten, facettenreichen, widersprüchlichen Überblick der spirituellen Ansätze im heutigen Japan. Dadurch wird dieser Überblick viel mehr zum Abbild der tatsächlichen Situation, als o.g. Klischeevorstellung.

Ziel des Buches ist es, “Texte der japanischen Gegenwartsliteratur vorzustellen, die Religion und Religiöses/’Spirituelles‘ thematisieren. Zum anderen versucht [es], diese Texte im Umfeld einer ’neuen spirituellen Kultur‘ zu lokalisieren.” Besonders wichtig:
1. Eine wissenschaftliche Perspektive auf das Phänomen NewAge dürfte ungewohnt sein, da hierzulande das moralisierende Geschwafel der Amtskirchen jegliches Forschungsinteresse ad absurdum führt. Wenn man aber die Wechselwirkung von ‘spirituellen’ Fragen, Gesellschaft und dem Streben nach erlebbarer Religion unvoreingenommen beobachtet, sieht man Anderes als beim Versuch, ein Feindbild zu bestätigen.
2. Die Frage nach dem Sinn des Lebens, möglichen Zukünften oder neuen Paradigmen sind komplexe Zusammenhänge. Diese können wir besser erkennen, wenn wir uns auf Entdeckungsreise ins fremde Japan begeben. Denn was uns selbstverständlich ist, sehen wir im Kontrast zum fremden Anderen.

Das Buch ist gespickt mit Quellenangaben, was das Lesen teils etwas erschwert. Buchbesprechungen, Artikel, öffentliche Diskussionen, zentrale Begriffe oder Biografien schnell vertiefen zu können, ist andererseits auch lohnenswert. Das Spektrum reicht von ‘Freaks’ über die AUM-Shinrikyo bis zu Künstlern und Schriftstellern – was ahnen lässt, dass das Intereesse an japanischer Spiritualität (was immer das genau sein mag) enorm ist.

Knut Gierdahl
Chefredakteur der [AHA-Zeitschrift]http://www.aha-zeitschrift.de

Peter Hertel – Schleichende Übernahme – Josemaría Escrivá, sein Opus Dei und die Macht im Vatikan

Peter Hertel beschreibt das ‚Opus Dei‘, das ‚Werk Gottes‘. Dessen Geschichte ist die Geschichte der erfolgreichsten kirchlichen Organisation der letzten Jahrhunderte. Angetreten mit dem Ziel einer Rekatholisierung der katholischen Mutterkirche, kann man viele Parallelen zur Gegenreformation und den Jesuiten ziehen. Dennoch kennen viele selbst nach 80 Jahren das Opus Dei nicht, nicht als fundamentale Hauptkraft der Papstkirche, die die Richtung des Vatikans bestimmt.

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