Alle Beiträge von Kirsten Braselmann

Draesner, Ulrike – Vorliebe

_Inhalt:_

Harriet ist sich sicher, dass sie ihr Leben im Griff hat. Sie ist Astrophysikerin und ihre Arbeit bedeutet ihr viel: Sie hat so viel mit Zahlen zu tun, mit dem Erschaffen von Bildern, die man nicht sehen kann, durch Formeln, die beweisen, dass sie da sein müssen. Harriet liebt Zahlen, hat sie schon immer geliebt. Und darüber hinaus gibt es immer noch die kleine, die winzigkleine Chance, einmal ins All zu kommen.

Die Tests laufen gut, sie ist zwar schon relativ alt, aber ihre Ergebnisse sind überdurchschnittlich. Nur das mit dem Rauchen muss sie noch in den Griff bekommen. So, wie sie ansonsten auch ihr Leben im Griff hat, wie gesagt. Ihr Leben mit Freund Ash und dessen Sohn Ben.

Doch es kommt zu einer Verkettung unglückseliger Umstände: Ash fährt versehentlich eine Frau an, wartet zusammen mit Harriet im Krankenhaus auf Nachricht, die Tür fliegt auf und – Peng! – da steht Peter. Pfarrer Peter Olvaeus, den Harriet seit einundzwanzig Jahren nicht gesehen hat. Peter, der ihre erste, große, unerbittliche Jugendliebe war. Nicht, dass da etwas gelaufen wäre – Harriet war sechzehn und Peter zwanzig Jahre älter. Aber es war auch nicht so, dass da nichts war: seelisch, herzlich. Und während das Mädchen noch hoffte, verlobte sich Peter mit Maria. Mit der Maria, die Ash dann anfuhr, einundzwanzig Jahre später.

Ein zart-nostalgisches Band verbindet Harriet und Peter, und wie von selbst beginnen die Familien, miteinander zu verkehren. Dass sich dabei eine alte Liebe Bahn bricht, war – ja, was? Geplant? Nicht geplant? Unvermeidlich? Ersehnt? Befürchtet? Wohl von allem ein bisschen. Und zwei erwachsene Leben, die schon auf ihren separaten Bahnen dahin zogen, brechen plötzlich aus, springen gewaltsam aus den Schienen, entscheiden sich bewusst, sich Zeit miteinander zu stehlen und nehmen in Kauf, was dabei zu Bruch geht. Und es bleibt nicht bei ein paar Scherben…

_Kritik:_

Mädchen trifft Junge, Mädchen verliert Jungen, Junge heiratet anderes Mädchen, Mädchen findet anderen Jungen, Mädchen und Junge treffen einander wieder und betrügen Mädchen II und Jungen II. Das ist jetzt nicht eben eine neue Geschichte, sondern vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Es kommt also auf die Erzählweise an bei dieser alten Mär.

Und Ulrike Draesner erzählt so introspektiv, dass der Leser sich an ihren Stil erst gewöhnen muss. Gedanken werden manchmal ohne nähere Erklärung aneinander gereiht, so dass man danach die Situation betrachten muss, in der sie gedacht worden sind, um einen Zusammenhang herstellen zu können.

Um die unmittelbare Wucht darzustellen, mit der Harriet vom plötzlichen Wiederauftauchen Peters getroffen wird, wechseln sich Szenen aus dem Jetzt und Hier mit Szenen aus ihrer leidenschaftlichen Jugend ab, als sie noch den Mut hatte, ihre Liebe mit reiner Flamme brennen zu lassen – ehe Peter ihr das Herz brach. Und allein das, allein die Tatsache, dass Ash, der durchaus sympathisch gezeichnet ist, nie die Chance hatte, von Harriet so geliebt zu werden, wie Peter es einst wurde, das ist schon tragisch.

Und es bleibt nicht die einzige Tragik in diesen Zeilen: Es wird ziemlich deutlich gemacht, was die Sehnsucht nach der vergangenen Jugend, nach verpassten Gelegenheiten, nach dem Ausleben etwas einst bewusst Nichtausgelebten anrichten kann. Allerdings wird nicht gewertet, es wird wiedergegeben: Auf verschlungenen Pfaden, auf den Gehirnwindungen der Protagonisten wird erzählt, was passiert ist und was passiert. Und das mit ziemlich großer literarischer Klasse.

_Fazit:_

„Vorliebe“ ist kein lautes Buch. Es ist ein nachdenkliches, reflektierendes Schriftstück, aber es darf nicht falsch verstanden werden. Es ist nicht etwa barmherzig oder milde. Hier werden unvorbereitete Protagonisten aus ihrer zivilisierten Alltagswelt mitten in die rohe Pracht von urtümlichen Empfindungen verpflanzt. Und auch die Tünche vieler Worte und innerer Monologe kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier Wunden geschlagen, Empfindungen verletzt, Ungeduld entzügelt und kleine Funken zu brausenden Flammen entfacht werden.

„Vorliebe“ ist ein meisterliches Werk über die Abgründe im Menschen, eine Lockung zum und eine Warnung vor dem Genießen verbotener Früchte gleichermaßen. Hut ab, Ulrike Draesner, das ist schmerzhafte Poesie.

|Gebundene Ausgabe: 253 Seiten
ISBN-13: 9783630872940|
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[www.draesner.de]http://www.draesner.de

Dimitri Verhulst – Gottverdammte Tage auf einem gottverdammten Planeten

Inhalt:

Alles begann in einer Art Ursuppe. Eines der Suppeningredienzien wollte höher hinaus als alle anderen, kroch an Land und mehrte sich redlich. Den Weg dieses mit dem Willen zur Macht ausgestatteten Wesens vollzieht Dimitri Verhulst nach. In raschen Schritten saust er über die Menschheitsgeschichte hinweg, stößt mit ausgestrecktem Finger direkt in die ekligen Tatsachen und lässt durch seine Auswahl des Erzählten im Lesergehirn immer wieder unwillkürlich die Frage aufblitzen, ob man nicht doch besser namenloses Teilchen der Ursuppe geblieben wäre, anstatt aufrecht gehen zu wollen und schließlich die Atombombe zu zünden.

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Forman, Gayle – Wenn ich bleibe

_Inhalt:_

Mias Leben erfährt von der einen Sekunde zur anderen eine einschneidende Veränderung: Eben saß sie noch im Auto, zusammen mit ihrer Familie. Man war ausgelassen: Es gab schneefrei – schneefrei in Oregon! Wie oft kommt das schon vor? – und die Familie wollte Freunde besuchen. Dann gab es einen ohrenbetäubenden Krach, und als Nächstes steht Mia neben den Überresten des Autos, das auf der glatten Straße von einem Laster erfasst worden war, und starrt entsetzt auf die Leichen ihrer Eltern.

In Panik sucht sie Teddy, ihren kleinen Bruder, und findet im Graben – sich selbst. Sich selbst?

Wie im Traum sieht sie zu, wie Rettungskräfte um den letzten Funken Leben in ihrem übel zugerichteten Körper kämpfen. Sie hört, was gesprochen wird, wird selbst aber nicht verstanden. Und sie fühlt die Schmerzen nicht – dafür ist sie sogar dankbar. Sie wird in ein Krankenhaus geflogen und sitzt neben ihrem Körper, während der operiert wird. Sie macht sich Gedanken: Was soll sie tun? Soll sie ohne ihre Eltern und vielleicht ohne den kleinen Bruder weiterleben, mit den ganzen entsetzlichen Verletzungen, oder soll sie aufgeben, auch sterben und Ruhe haben?

Verwandte kommen zu Besuch, ihre engste Freundin Kim und Adam, ihre große Liebe. In Rückblenden werden Geschichten der Familie beschworen, das Kennenlernen von Mia und Kim, Mias Leidenschaft für das Cello spielen und der behutsame Anfang ihrer Liebe zu Adam. Es sind liebevolle Bilder einer unkonventionellen, sympathischen Familie, die Mias Verlust klar vor Augen führen und damit die Ratlosigkeit unterstreichen, mit der Mia vor der drängenden Entscheidung steht.

Jedes Wort, das ihre Verwandten, Kim und Adam zu ihr sagen, fällt mit in die Waagschale: Gehen oder bleiben? Und als Mias Geschichte bis zur Gegenwart erzählt ist, ist der Moment der Entscheidung gekommen.

_Kritik_:

Gayle Forman hat den Schwebezustand zwischen Leben und Tod zum Ausgangspunkt ihrer Erzählung genommen. Das ist zwar keine ganz neue Idee, aber schön umgesetzt.

Die Geschichten über Mias Familie sind detailreich gezeichnet. Die Eltern waren Zeit ihres Lebens Punkrocker, auch wenn der Vater ab der Geburt des kleinen Teddy die Bassgitarre an den Nagel gehängt hatte, um sein Brot als Lehrer zu verdienen. Mia wirkt vor diesem Hintergrund schon ausgesprochen konventionell. Verschiedene Probleme werden angerissen, die bei so unterschiedlichen Personen nicht ausbleiben, aber es steht immer klar im Vordergrund, dass das Verhältnis der einzelnen Personen untereinander ein liebevolles ist.

Genauso ist es mit Kim, die Mia am Anfang mit herzlicher Abneigung betrachtet hatte und die dann zu einer der Hauptbezugspersonen in ihrem Leben geworden war. Und die Romanze zwischen Mia, dem ruhigen, braven, Cello spielenden Mädchen und dem Rockmusiker Adam geht in ihrer Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit ans Herz.

Darüber hinaus wird dem Leser vor Augen geführt, dass das Cellospielen für Mia nicht nur ein Hobby, sondern möglicherweise eine Berufung ist. Ein Punkt, der ihr Sorgen bereitet hatte: Sollte sie dem Cello folgen, würde es sie weg führen, fort von Adam, der in der Gegend bleiben musste, in der seine Band gerade ihren Aufstieg Richtung Profimusikertum erlebte. All das verblasst nun aber vor der Frage: Gehen oder bleiben?

_Fazit:_

„Wenn ich bleibe“ ist ein wunderschön gezeichnetes Familienporträt, eine Liebesgeschichte und ein Drama in einem.

Natürlich geht die Geschichte dem Leser an die Nieren, weil sie von so viel Verlust handelt, aber sie ist gleichzeitig auch ein Ansporn zum Weitermachen, weil sie in so vielen Einzelheiten vor Augen führt, für wie viele Dinge es sich zu leben lohnt. Wie hier verschiedenste Ansichten und Vorlieben unterschiedlichster Menschen selbstverständlich und unprätentiös nebeneinander gestellt werden, ist schon erstaunlich.

Wer gerade ein starkes Bedürfnis nach Harmonie hat, sollte dringend „Wenn ich bleibe“ lesen. Aber Achtung: Gerade in so einer Stimmung sollten Sie eine Packung Taschentücher bereithalten. Gayle Formans Buch ist sehr schön und sehr traurig.

|Gebundene Ausgabe: 270 Seiten
Originaltitel: If I Stay
ISBN-13: 978-3764503512
Aus dem Amerikanischen von Alexandra Ernst.|
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[www.gayleforman.com]http://www.gayleforman.com

Brown, Sandra – Ewige Treue

_Inhalt_

Griff Burkett steht das Wasser bis zum Hals: Gerade wurde er aus dem Gefängnis entlassen, und seine Aussichten sind alles andere als rosig. Sein Anwalt hat zur Begleichung seiner Verbindlichkeiten fast seinen gesamten geliebten Besitz veräußert, und es wird sich sicherlich nicht so schnell jemand finden, der ihm einen Job gibt: Seit Griff – einst umjubelter Footballstar – nach einem wichtigen Spiel des Betrugs überführt worden war, gehört er zu Amerikas bestgehassten Personen. Und dann war da noch die Geschichte mit dem ermordeten Buchmacher, in der Griff dringend verdächtigt wurde, man ihm aber nichts nachweisen konnte. Wer also sollte einen spielsüchtigen, kriminellen, vielleicht-mörderischen Ex-Knastbruder einstellen wollen?

Wie aus heiterem Himmel bekommt er ein Angebot von dem spleenigen querschnittsgelähmten Multimillionär Foster Speakman. Speakman möchte ein Kind mit seiner Frau Laura, und er möchte, dass es ihm ähnelt. Da er selbst zeugungsunfähig ist und Griff ihm auffällig ähnelt, bittet er den gefallenen Spielerstar, mit seiner Frau ein Kind zu zeugen. Er bietet so viel Geld dafür, dass Griff, obwohl er den Mann für wahnsinnig hält, nicht nein sagen kann.

Ab da gerät alles aus den Fugen. Verfolgt von einem brutalen Polizisten, der ihm noch immer den Mord an dem Buchmacher anhängen möchte, und den Gedanken an die unnahbare, verletzliche Laura versucht Griff, die Scherben seines Lebens bestmöglich zu kitten. Dass sein Widersacher bei seiner Verfolgung mit außergewöhnlicher Grausamkeit vorgeht und nicht vor Personen haltmacht, die ihm nahestehen, hilft ihm dabei ebenso wenig weiter wie die Tatsache, dass er sein Herz an Laura Speakman verliert, die um nichts in der Welt mehr für ihn sein darf als ein Job.

Während Griff noch nach einer angebrachten Vorgehensweise sucht, zumindest mit dem Polizisten fertig zu werden, geschieht eine Katastrophe, und ihm bleibt nur die Flucht. Aber er kann nicht fort – wenn er sich nicht irrt, schwebt Laura in einer Gefahr, von der sie nichts ahnen kann …

_Kritik_

„Ewige Treue“ ist ein harter, rasanter Thriller, der in einem möglichst coolen Stil von übertypisierten Menschen erzählt, die in einem unglaubwürdigen Plot herumwüten.

„Wenn Sie Spannung suchen, bei der ihnen vor Aufregung die Zähne klappern, dann ist Sandra Brown die richtige Autorin für Sie“, sagte offenbar mal Stephen King. Ich weiß ja nicht. Wenn Sie einen Protagonisten suchen, dessen Redeweise ihm Sätze erlaubt wie „Er hätte ihn nicht einmal angepinkelt, wenn er in Flammen gestanden hätte“, und eine elegante, wohlerzogene, intellektuelle, distinguierte Frau, die sich allen Ernstes in ihn verlieben soll, DANN ist Sandra Brown die richtige Autorin für Sie.

Der Böse ist so unfassbar böse, wie das sonst eigentlich nur in Fantasy-Romanen vorkommt, und der Protagonist hat zwar jede Menge Dreck am Stecken, aber eigentlich ist er doch viel besser als sein Ruf und überhaupt ja auch ein ganz Charmanter.

Tatsächlich war der Thriller stellenweise spannend, andernteils aber auch arg vorhersehbar, und der verheerende Stil tat sein Übriges, um mich anzuöden. Die Charaktere wirken ein bisschen wie 4-Teile-Puzzle (gut-unverstanden-trotzig-cool, lieb-naiv-reuig-Opfer, böse-brutal-gerissen-fies usf.) und lassen keine Überraschung zu, und die letztendliche Auflösung tat nichts, um mich mit dem Vorangegangenen zu versöhnen.

_Fazit_

Nach dem ersten Unglauben (das kann doch nicht ihr Ernst sein …?) habe ich dieses Buch nur mehr widerwillig zur Hand genommen. In kleinen Etappen habe ich mich bis zum Ende durchgebissen und kann das niemandem empfehlen, der Wert legt auf schönen Stil, psychologische Glaubwürdigkeit der Charaktere und Handlungen, Logik und Ästhetik.
Sollten Sie allerdings ihr Gehirn abschalten wollen und ein Faible haben für unglaubwürdige Action, dann ist „Ewige Treue“ vielleicht doch ganz schön für Sie. Oder wenn Sie Stephen King sind, vielleicht. Irgendwie landen Sandra Browns Thriller wohl auch immer auf Bestsellerlisten. Wenn die anderen aber diesem Werk gleichen, habe ich beim besten Willen keine Ahnung, wie es dazu kommen kann.

|Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
ISBN-13: 978-3764503086
Originaltitel: Play Dirty
Aus dem Amerikanischen von Christoph Göhler
Gebundene Ausgabe 19,95 €|
http://www.randomhouse.de/blanvalet
http://www.sandrabrown.net

_Mehr von Sandra Brown auf |Buchwurm.info|:_

[„Crush – Gier“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1124

Spencer-Fleming, Julia – Wer mit Schuld beladen ist

_Inhalt_

Die ehemalige Helikopterpilotin und jetzige Pastorin Clare Fergusson macht gerade eine schwierige Phase durch: Seit einiger Zeit weiß sie, dass sie den Sheriff Russ Van Alstyne liebt. Und sie weiß, dass er sie ebenfalls liebt. So sicher wie das Amen in ihrer Kirche weiß sie, dass niemals etwas zwischen ihnen passieren darf: Russ ist verheiratet. Aber was heißt denn „nichts passieren“? Wenn sie auch keine Affäre miteinander hatten, so haben sie sich doch häufig gesehen, einmal die Woche sogar zum Mittagessen – sie haben sich genug Zeit miteinander eingeräumt, um sich ihrer Gefühle sicher zu sein.

Russ war ebendieser Gefühle wegen kurz zuvor von seiner Frau vor die Tür gesetzt worden; eine Entscheidung musste her. Und Clare hatte sich gerade schweren Herzens entschlossen, Russ nicht mehr zu sehen, da kommt der nächste Schlag: Der Bischof stellt ihr eine neue Diakonin zur Seite, die ganz offensichtlich als eine Art Wachhund für die unkonventionelle Pastorin fungieren soll.
So ist Clares Laune sowieso schon am Tiefpunkt, als sie erfährt, dass Linda, Russ‘ wütende Ehefrau, brutal ermordet in ihrem Haus aufgefunden wurde. Folgerichtig dauert es nicht lange, bis Russ in Verdacht gerät und vom Dienst suspendiert wird. Clare beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, um seine Unschuld zu beweisen, und sieht sich bald selbst misstrauisch beäugt. War sie nicht der Grund, warum Linda Russ überhaupt hinausgeworfen hatte?

Die Verdachtsmomente in verschiedenste Richtungen verdichten sich, tränenreiche Anschuldigungen werden erhoben, absurde Pläne geschmiedet, und in einem Gefühlstaumel, der ebenso heftig ist wie der herannahende Schneesturm, schlagen die Protagonisten um sich und fügen anderen schwerere Verletzungen zu als eigentlich geplant …

_Kritik_

„Wer mit Schuld beladen ist“ ist der fünfte Band um Clare Fergusson und Russ Van Alstyne. Band zwei, [„Die rote Spur des Zorns“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2812 hat auf dieser Seite bereits Beachtung gefunden. Meiner Ansicht nach hat sich Julia Spencer-Fleming seit diesem Punkt weiterentwickelt. Zwar sind einige Typisierungen überzogen – ist es etwa nötig, dass eine Pastorin aus einem TOD-AUS-DEN-WOLKEN-Becher Kaffee trinkt, nur weil sie mal bei der Army war? – aber ansonsten sind die Charaktere recht ausgewogen dargestellt.

Es gibt zwar noch immer wenig feine Besonderheiten in Spencer-Flemings Stil, dafür hat sie inzwischen gelernt, an der Spannungsschraube zu drehen. Die Art, wie sich das Netz um den Sheriff und die Pastorin immer enger zusammen zieht, wie sie sich selber halb kampf-, halb hilfsbereit gegenüberstehen, während in einer natürlichen Spiegelung der inneren Konflikte sich draußen ein Blizzard von Jahrhundertgewalt zusammenbraut, das ist schon stark gemacht. Die Diskrepanz von Clares gequält lächelndem Gesicht, das sie der neuen Diakonin und ihren neugierigen Gemeindemitgliedern zeigt, und ihren tatsächlichen Gefühlen lässt den Leser ebenfalls schwer schlucken.

Während man noch hier und dort gedanklich einer Spur zu folgen versucht und mit sich selbst hadert, was genau man den Protagonisten denn nun eigentlich wünschen sollte, ergibt sich eine überraschende Wendung, die alles Bisherige in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt.

_Fazit_

Letztlich ist es wohl am besten, wenn man Clares und Russ‘ Vorgeschichte kennt, also auch die früheren Bücher liest, ansonsten fällt der Einstieg ein bisschen schwer.

Die Beiläufigkeit des oben erwähnten früheren Bandes hat sich in „Wer mit Schuld beladen ist“ verloren – aber Achtung: Es handelt sich hier keinesfalls um ein nettes Buch. Zuhauf kommen dunkle Geheimnisse ans Licht und lassen den Beleuchteten ausgesprochen schlecht dastehen, Enttäuschungen jagen Katastrophen und umgekehrt. Wer auf düstere Szenarien und das Leben verändernde Situationen steht, sollte hier zugreifen. Vom Spannungsverlauf her bleiben keine Wünsche offen.

|Broschiert: 509 Seiten
Englischer Originaltitel: All Mortal Flesh
Aus dem Amerikanischen von Frauke Czwikla
ISBN-13: 978-3426503126
Taschenbuch: 8,95 €|
http://www.droemer-knaur.de
http://www.juliaspencerfleming.com

Griffiths, Elly – Totenpfad

_Inhalt_

Ruth Galloway, eine forensische Archäologin, lebt zusammen mit ihren Katzen am Rande des Salzmoors in der Nähe von Norfolk. Es ist eine unwirtliche, trübe Gegend, aber Ruth mag es hier: Die Abgeschiedenheit, die raue Landschaft, den Ruf der Vergangenheit. Ganz in der Nähe ihres Häuschens hat eine Ausgrabung stattgefunden; hier war einst – vor mehreren tausend Jahren – ein ritueller Versammlungsort, ein Hengering. Ruth Galloway kam zur Ausgrabung und blieb, als die Arbeiten abgeschlossen waren.

Ihr eintöniger Alltag wird unterbrochen von Polizeibesuch. Detective Chief Inspector Harry Nelson bittet sie um ihre berufliche Meinung: Er hat im Salzmoor Knochen gefunden und möchte nun von Ruth wissen, ob sie zu einem Mädchen gehören könnten, das zehn Jahre zuvor verschwunden ist.

Ruth muss ihn enttäuschen: Die Knochen sind zweitausend Jahre als. Was für sie eine kleine Sensation ist und eine neue Ausgrabung ins Rollen bringt, ist für Harry Nelson ein bitterer Schlag: Der Fall der verschwundenen Lucy macht ihm seit einem Jahrzehnt zu schaffen; er leidet mit den Eltern und möchte ihnen zumindest in irgendeiner Form Gewissheit verschaffen. Außerdem verfolgt ihn der Täter mit Briefen, die er nicht versteht, voll düsterer Anspielungen und religiöser Motive.

Dann verschwindet ein weiteres Mädchen. Ruth, die Nelson geholfen hatte – nicht nur mit den Knochen, sondern auch beim Verstehen der Briefe -, wird in den Fall hineingezogen und muss plötzlich um ihr Leben fürchten. Sie, die sie sich an den Rand der Zivilisation zurückgezogen hatte, um mit ihrem Übergewicht, ihren Katzen und ihrem Bedürfnis nach Ruhe allein zu sein, muss plötzlich feststellen, dass sie den Täter vermutlich kennt. Ist tatsächlich einer ihrer wenigen Freunde ein Entführer und Mörder? Ruth spürt den Atem des Verbrechers quasi im Genick, und doch tappt sie im Dunkeln …

_Kritik_

Auf den ersten paar Seiten von „Totenpfad“ habe ich die Zähne zusammenbeißen müssen: Eine Aneinanderreihung von Hauptsätzen, kurz, unschön, noch dazu im Präsens. Das hat keinen Spaß gemacht. Und doch bin ich froh, dass ich den Impuls, das Buch wegzulegen, unterdrückte: Ans Präsens musste ich mich zwar gewöhnen, aber der fragwürdige Stil verlor sich zugunsten eines weitaus angenehmeren. Zwar blieb er etwas rau und kantig, aber er passte hervorragend zum Inhalt des Romans: Zu den grauen Salzmooren mit den toten Bäumen, zu den Unwettern über dem Wattenmeer, zu den Überbleibseln aus alter, urtümlicher Vorzeit. Hier, am Rande der Welt, wo Himmel und Erde einander so nahe scheinen, kommt es einem vor, als sei der Schleier zwischen den Zeiten dünn. Hier wie dort gibt es nicht viel Gutes und Schönes, und die selbst gewählte Abgeschiedenheit der eigenwilligen Protagonistin erscheint vollkommen nachvollziehbar. Auch die seltsamen Briefe des Verbrechers scheinen fast angemessen, und man empfindet eine gewisse Art von Mitleid für Harry Nelson, der all dies Graue und Ferne nicht versteht und nicht verstehen will.

Abstruse Personen geben sich mehr oder weniger die Klinke in die Hand in diesem Roman, und Unwirklichkeit wird zur Norm. Wer tatsächlich vollkommen unfatalistisch in der normalen Welt herumspaziert, wirkt hier fast fehl am Platze. Und dann feststellen zu müssen, dass weder in der unwirklichen Welt des Salzmoores noch in der bunten Realität von Norfolk alles ist, wie es zu sein schien, zieht dem Leser zusammen mit Ruth den Boden unter den Füßen weg.

_Fazit_

Was schwach begann, wuchs sich aus zu einem der atmosphärischsten Romane, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Abgesehen davon, dass ich die Verquickung aus Kriminalfall und Archäologie immer schon spannend fand, sind Ruth Galloway und Harry Nelson zwei absolute Charakterköpfe. Vielleicht ist ihr Handeln nicht unbedingt nachvollziehbar, aber sie sind in all ihren Eigenheiten so klar gemeißelt, dass mir plötzlich an ihnen lag. „Totenpfad“ ist wie ein Splitter im Finger, es ist unmöglich, sich nicht darauf zu konzentrieren.

Elly Griffiths hat bestimmt nicht den schönsten Roman der Welt geschrieben, aber dafür einen unglaublich einprägsamen. Er lässt die Gedanken nicht los, führt sie zurück in all diese Unwirtlichkeit – und dann ist man regelrecht beruhigt, wenn man liest, dass weitere Bände in Vorbereitung sind. Ich werde den Fortgang dieser Geschichte jedenfalls aufmerksam verfolgen und kann Ihnen nur ans Herz legen, es mir gleichzutun.

|Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
ISBN-13: 978-3805208741
Originaltitel: The crossing Places
aus dem Englischen von Tanja Handels|
http://www.rowohlt.de
http://www.ellygriffiths.co.uk

Sabine Ebert – Blut und Silber

Inhalt

Freiburg 1296: Das Apothekermündel Änne leidet an Alpträumen, in denen sie zusehen muss, wie ihre Mitbürger abgeschlachtet werden. Inbrünstig hofft sie, dass diese Träume mit der Realität nichts zu tun haben, und doch weiß sie es eigentlich besser: Ihre Träume werden mit beunruhigender Regelmäßigkeit wahr.

Und tatsächlich: König Adolf von Nassau träumt von den Silberschätzen der reichen Stadt und braucht sie darüber hinaus zur Festigung seines Reiches. Zwar halten die Mauern, und die Soldaten sind hervorragend ausgebildet, doch gegen Verrat ist niemand gefeit, und so wird die Stadt erobert.

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Rickman, Phil – Mittwinternacht

_Inhalt_

Hochwürden Merrily Watkins von der anglikanischen Kirche erhält ein beunruhigendes Angebot: Der neue Bischof, jung, modern und grenzgängerisch, würde sie gern zur neuen „Beraterin für spirituelle Grenzfragen“ ernennen. Was durch die behutsame Umbenennung vor zwanzig Jahren nun nach einer Art Gesprächstherapie klingt, ist de facto nichts anderes als Exorzismus. Merrily ist hin- und hergerissen: Einerseits wüsste sie so gern mehr über „spirituelle Grenzfragen“, hat sie selbst doch im Jahr zuvor eine Erscheinung gehabt, die sicherlich in dieses Ressort fiele, aber andererseits hat sie Angst vor dem, was sich ihr erschließen könnte. Natürlich weiß sie auch, dass die Ernennung einer Frau auf diesem Sektor ein knallhartes Politikum darstellt, und ist sich nicht sicher, ob sie sich dergestalt vereinnahmen lassen will.

Doch noch während sie mit sich ringt, wird sie in einen Strudel von Ereignissen gesogen, der ihr die Entscheidung quasi abnimmt. Und während sie gegen das Böse in seiner offensichtlichen und in seinen weniger offensichtlichen Manifestationen antritt, verliert sie ihre Tochter aus den Augen, die andere Wege sucht, ihre spirituellen Bedürfnisse zu befriedigen. Sind Janes Freunde nur harmlose Spinner? Sind sie ernsthafte Heiden, oder verbergen sie ganz andere Ziele hinter ihren freundlichen Gesichtern?

Und apropos: Macht der Bischof selbst nicht irgendwie ab und an ein |zu| freundliches Gesicht?
Als Merrliy dann auch noch Lol wieder begegnet, mit dem sie eine Zeit lang sehr eng befreundet war, von ihm unheimliche Geschichten über eine seiner Bekannten hört und ihr von anderer Seite Berichte über eine Kirchenschändung zugetragen werden, geht ihr langsam auf, dass all diese Dinge möglicherweise zusammenhängen. Sollte sie Recht haben, braut sich gerade etwas zusammen, das möglicherweise zu groß und zu stark für sie wird …

_Kritik_

Exorzismus. Dabei denkt der Durchschnittsmensch an einen Horrorfilm und ein kleines Mädchen, das grünen Schleim kotzt. Auf jeden Fall hat das Ganze einen mittelalterlichen Anklang, und so kann man sich der Assoziation des Anachronistischen nicht ganz entziehen, die dieses Wort hervorruft. Und doch gibt es nach wie vor Exorzisten in Kirchendiensten. Das Thema wird – wie so vieles, das sich wissenschaftlichen Erklärungen entzieht – oft beiseite geschoben. Phil Rickman hingegen stellt es in den Mittelpunkt seines Romans und setzt damit verstärkt fort, was er in dem Erstling der Merrily-Watkins-Reihe („Frucht der Sünde“) begonnen hat.

Vielleicht wäre es insgesamt schwerer, ihm den Plot abzunehmen, wenn Merrily Watkins nicht so eine nette, vernünftige, unsentimentale Person wäre. Da sie aber überhaupt nicht schwülstig daherkommt, sondern wie jede andere arbeitende und alleinerziehende Mutter auch versucht, Beruf und Kind unter einen Hut zu bekommen, wirkt die Handlung weniger abgehoben als vielmehr unmittelbar. Und der Verdacht, dass nicht nur Das Böse, sondern auch schlichte, wenngleich kriminelle Menschen in dieser verwickelten Geschichte mitmischen, tut sein Übriges, um die Bodenhaftung des Romans zu wahren.

Auch die Darstellung der halbwüchsigen Tochter Merrilys, Jane, ist überraschend gut gelungen. Sechzehnjährige Mädchen mit all ihren inneren Konflikten so darzustellen, dass sie nicht albern oder überzogen wirken, ist keine Kleinigkeit, und die Tatsache, dass ein Mann mittleren Alters diese Schwierigkeiten bewältigt, nötigt mir Achtung ab. Jane ist kein peinlicher Charakter geworden, sondern vielschichtig und so zerrissen, suchend, ungestüm, sehnsuchts- und liebevoll, wie ihr Alter es gebietet. Hut ab, Phil Rickman.

_Fazit_

Nach Erscheinen des ersten Bands der Merrily-Watkins-Reihe habe ich ungeduldig auf den zweiten gewartet. Wie schon einmal hat mich Phil Rickman überrascht – war der erste Roman doch überwiegend Krimi mit einem verblüffenden Schlenker ins Metaphysische, liegt der Schwerpunkt beim zweiten deutlich anders. Ob ich damit von Anfang an gut klarkam, sei mal dahingestellt. Aber ich muss sagen, dass das Buch fesselt. Sicherlich liegt das mit an den fein ausgearbeiteten Charakteren, aber auch an dem ungewöhnlichen Thema und der deutlich erkennbaren sorgfältigen Recherche, die Rickman betrieben hat. „Mittwinternacht“ ist ein dichter, spannender Thriller, der trotz seines unorthodoxen Inhalts nicht unglaubwürdig wirkt und seinen Leser gefangen nimmt. Ich kann ihn und seinen Vorläufer nur wärmstens empfehlen und hänge mal den Tipp an, auf weitere Veröffentlichungen Rickmans ein wachsames Auge zu haben. Der Mann versteht zu unterhalten.

|Broschiert: 604 Seiten
ISBN-13: 978-3499249068
Originaltitel: Midwinter of the Spirit
Aus dem Englischen von Karolina Fell|
http://www.rowohlt.de
http://www.philrickman.co.uk

French, Tana – Totengleich

_Inhalt_

Cassie Maddox ist früh am Morgen auf dem Schießstand, als ihr Freund Sam sie anruft und sie bittet, zu dem Tatort eines Mordes zu kommen. Cassie versteht die Bitte nicht: Sam ist schließlich beim Morddezernat, sie nicht mehr. Doch als sie bei dem verfallenen Cottage außerhalb von Dublin die Leiche in Augenschein nimmt, kann sie Sams Dringlichkeit und Panik nachvollziehen: Die Tote ist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Noch unheimlicher ist die Tatsache, dass sie einen Studentenausweis auf den Namen Lexie Madison bei sich trägt. Lexie Madison existiert nicht, sie ist ein Phantasieprodukt, vor Jahren erdacht von Cassie und ihrem ehemaligen Vorgesetzten für eine verdeckte Ermittlung.

Wer ist die Tote, die in die Hülle der Studentin Lexie geschlüpft ist? Wie hat sie das schaffen können, wieso sieht sie so aus wie Cassie, und wer hat sie auf dem Gewissen?

Die Tote hat gemeinsam mit einigen Freunden von der Universität in einem Haus auf dem Land gelebt. Cassie fühlt sich auf verquere Weise verantwortlich für ihren Tod – sie hat Lexie schließlich erschaffen und damit der Fremden den Weg geebnet, an dessen Ende ein Messer auf sie wartete – und lässt sich von ihrem ehemaligen Vorgesetzten überreden, noch einmal undercover zu ermitteln. Mühselig arbeitet sie sich in die Rolle der neuen Lexie ein und lässt sich schließlich als „geheilt“ bei deren Freunden absetzen. Und nun beginnt ein andauerndes, atemloses Vabanquespiel: Cassie tastet sich langsam wie im Dunkeln an Lexies Platz innerhalb der Gruppe und versucht herauszufinden, wer ihren Tod wollte.

Die seltsamen Verbindungen, die feierlichen Anachronismen, der eigentümliche Rhythmus der Freundesgruppe ziehen die Polizistin wie magisch an und lassen die Grenzen zwischen Ermittlung und Leben für sie verschwimmen. Das allerdings ist eine gefährliche Entwicklung, wenn man bedenkt, dass die Frau, die Lexie Madison gemimt hatte, erstochen worden ist …

_Kritik_

Wie schon Tana Frenchs Erstling [„Grabesgrün“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6054 hat auch „Totengleich“ einen vollkommen eigenen Zauber. Hier wie dort findet sich ein traumwandlerisch sicherer, anspruchs- und niveauvoller Stil, allerdings ist der vorliegende Krimi in meinen Augen atmosphärisch noch dichter geraten.

Cassie Maddox ist als Protagonistin ein ganzes Stück sympathischer als Rob Ryan aus dem ersten Band, und Tana French spielt gekonnt mit dem, was sie den Leser bereits von Cassie hat wissen lassen. Während Cassie selbst erzählt, denkt man als Leser schon die ganze Zeit ein Stück weiter, hofft und fürchtet und weiß doch nicht genau, was man ihr wünschen soll. Kann Sam tatsächlich der Richtige für sie sein? Ist die reizvolle Gefahr der verdeckten Ermittlung nicht viel mehr ihr Metier, als er das je verstehen könnte? Und wäre es nicht schön, so schön für sie, wenn sie in das lockende Gewebe von Lexies Leben abtauchen und der Realität den Rücken drehen könnte?

Die Schilderung der Freundesgruppe, der alltäglichen Abläufe, der augenscheinlichen unbedingten Loyalität in Verbindung mit dem unbestimmten Brodeln unter der Oberfläche ist ein absolutes Meisterwerk. Dass Cassie sich als völlig Fremde, aber nach außen hin als altes Mitglied in der eigentümlichen Gemeinschaft bewähren muss, lässt den Leser in atemloser Spannung zurück. Und dass sie nur gute Arbeit leisten kann, weil sie vielleicht zu sehr in ihrer Rolle aufgeht und sich selbst zu verlieren droht, ist herzzerreißend.

_Fazit_

War ich schon von „Grabesgrün“ begeistert, bin ich von „Totengleich“ hin und weg. Ich bin mir nicht sicher, wann ich das letzte Mal so unmittelbar mit einer Heldin gelitten, gezagt, gebangt und gehofft habe. Diese Undercoverermittlung, dieses Verschwimmen von Arbeit und ganz persönlichen Lebensfragen, von Wünschen, Sehnen und Realität ist so ziemlich das Spannendste, das mir seit langem untergekommen ist. Dieser Krimi ist psychologisch verschlungen, aber logisch aufgebaut und hält sich nicht lange mit der Oberfläche auf. Es geht direkt ans Eingemachte – umso heftiger, als die Protagonistin sich vom letzten Fall noch nicht komplett erholt hat.

„Totengleich“ nicht zu lesen, käme einem Verlust gleich. Natürlich gilt auch hier: Wenn Sie Action bevorzugen, werden Sie sich irgendwann fragen, warum die Leute bloß reden und seltsam gucken. Aber ich wende mich dann mit meiner Empfehlung auch nicht an Sie, sondern an all jene, denen die Kombination aus Kriminalroman und Literatur nicht als Mesalliance, sondern als wünschenswerte Melange erscheint.

|Gebundene Ausgabe: 780 Seiten
ISBN-13: 978-3502101925
Originaltitel: The Likeness
Aus dem Engischen von Ulrike Wasel
und Klaus Timmermann|
http://www.fischerverlage.de
http://www.tanafrench.com

French, Tana – Grabesgrün

_Inhalt_

Dunkle Wolken ziehen auf am ganz persönlichen Himmel des irischen Detektive Rob Ryan, als er die Details des neuesten Falls hört, den er und seine Partnerin Cassie Maddox bearbeiten sollen: Eine Zwölfjährige wurde erschlagen und missbraucht auf einem alten Opferaltar auf einer Ausgrabungsstätte bei dem Städtchen Knocknaree gefunden. Was Ryan allerdings wirklich zu schaffen macht, ist die Tatsache, dass diese Ausgrabungsstätte und der umliegende Wald der Ort sind, in dem vor zweieinhalb Jahrzehnten seine beiden besten Freunde verschwunden sind. Ryan selbst wurde damals nach langer Suchaktion mit blutigen Kleidern und Amnesie gefunden, während Jamie und Peter verschollen blieben. Das mutmaßliche Verbrechen wurde nie aufgeklärt.

Ryan, der nach der traumatischen Erfahrung nach England zur Schule geschickt wurde und die Kleinstadt seiner Kindertage nie wieder gesehen hatte, begibt sich nun mit gemischten Gefühlen zurück an den alten Tatort. Wüssten seine Vorgesetzten davon, dass er ein persönliches Interesse hat, in Knocknaree zu ermitteln, müssten sie ihn von dem Fall abziehen. Ryan weiß das nur zu gut, also enthält er ihnen diese Information vor. Cassie, die davon weiß, deckt sein Schweigen.

In Knocknaree warten alte Geister und neues Grauen auf Ryan und Cassie. Während die junge Frau allerdings mit einigermaßen klaren Sinnen an die Ermittlungen heran gehen kann, wird Ryans Nervenkostüm auf empfindliche Weise auf die Probe gestellt: Die Umgebung bedrückt ihn, seine Unfähigkeit, sich an etwas Relevantes zu erinnern, zermürbt ihn, und alte, längst vergessene Befürchtungen heben ihr hässliches Haupt. Ryan steuert dem Nervenzusammenbruch entgegen. Als ihm schließlich aufgeht, dass er dem Täter ganz nah ist, ist noch lange nicht heraus, ob er in seinem labilen Zustand nicht viel mehr kaputtmachen wird, als er zu helfen imstande ist …

_Kritik_

Tana French ist eine Wortkünstlerin. All das, was sie sagen möchte, umwebt sie mit einem feinen Schleier aus wohlgesetzten Formulierungen: Sie lockt und erklärt, verführt und verletzt, stößt fort und zieht an. Introspektive Erläuterungen, sachtes Philosophieren über Sinn und Zweck von Begebenheiten wechseln sich ab mit dem raschen, leichten Wortgeplänkel zwischen den Partnern und Freunden Ryan und Cassie und sind letztlich doch nur Überbau für die Dunkelheit des Verdorbenen. Es ist ein düsterer Zauber, den French wirkt, und doch folgt man ihr gern. Auf Ryans Spuren stolpert man in ein Netz aus Manipulation und Intrige, das man ebenso wenig erkennen konnte wie er und das umso erschreckender wirkt, als es am Anfang kaum ernstzunehmen wirkte.

Ich beneide Tana French um ihren Stil. Sie schafft es mit spielerischer Leichtigkeit, moderne Umgangssprache und gehobenen Sprachgebrauch miteinander zu verweben, während verschiedene ihrer Kollegen schon mit ersterem ein Problem haben. Hier wirkt nichts bemüht; jedes Wort findet sicher seinen Platz, und so ergibt sich am Ende ein Mosaik, das an linguistischer Schönheit und psychologischer Monstrosität seinesgleichen sucht.

Es ist jede Menge Trauer in diesem Erstling, Wut, Unverständnis und Wehmut, aber auch Witz, Freundschaft, Liebe, Nähe. Es ist eine Komposition, wie sie selten zu finden ist, und ich bin froh, dass ich sie genießen durfte.

_Fazit_

„Grabesgrün“ hat mich vollkommen in seinen Bann gezogen. Mein persönliches Fazit lautet, dass dieses Buch in jedes Regal gehört und jeder, der es nicht liest, wirklich etwas verpasst. Ich habe schon ziemlich viele Kommentare gelesen, die meine ehrfürchtige Begeisterung widerspiegelten, allerdings las ich auch verschiedentlich, dass das Buch langweilig bzw. zu lang sei oder vom Stil her nicht gefiel. Das will mir zwar nicht in den Kopf, aber es ist schon so, dass French mit einigen Dingen Neuland betritt. Hier ist nichts 08/15, es werden keine alten Schemata notdürftig befüllt, und wer auf Explosionen, literweise Blut, atemlos kurze Sätze und Showdown auf Seite 295 steht, der wird vermutlich enttäuscht sein, ja.

Sollten Sie aber einen wirklich spannenden, düsteren Krimi zu schätzen wissen und zu jenen gehören, die wie ich verzückt auf originelle Formulierungen starren und dann mit dem Buch in der Hand durch die Wohnung laufen, um das Ganze jemandem zu zitieren, der gerade nicht weglaufen kann, dann ist „Grabesgrün“ perfekt für Sie.

|Gebundene Ausgabe: 672 Seiten
ISBN-13: 978-3502101918
Originaltitel: In the Woods
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann|
http://www.fischerverlage.de
http://www.tanafrench.com

Douglas, Tania – Ballonfahrerin des Königs, Die

_Inhalt_

Marie-Provence de Serdaine entstammt einer adligen, königstreuen französischen Familie. Was zu anderen Zeiten sicherlich ein Grund zur Freude gewesen wäre, ist im Paris des Revolutionsjahres 1795 ein Grund, um seinen Kopf zu fürchten.

Marie-Provence nimmt einen anderen Namen an und schafft es durch einige Kunstgriffe, als Hilfskraft bei einem Arzt angestellt zu werden. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass sie tatsächlich etwas verdient – Geld, das sie und ihre versteckten Leidensgenossen gut gebrauchen können: Marie ist nicht die einzige Adlige, die im Verborgenen überlebt hat.

Tatsächlich kommt es der mutigen jungen Frau auf etwas ganz anderes an. Ihre Mutter – inzwischen auf der Guillotine gestorben – hatte sie in glücklicheren Jahren oft mit nach Versailles genommen, wo sie eine besondere Bindung zum Dauphin, zum kleinen Thronfolger, hatte aufbauen können. Der Sohn des enthaupteten Königspaares wird nun unter schmählichen Bedingungen gefangen gehalten, und Marie-Provence, die ihn einst zu beschützen versprach, will einen Weg finden, ihn zu befreien.

Sie war sich der Gefährlichkeit ihres Plans vorher bewusst, doch den Strudel der Ereignisse, in den sie als Arztassistentin hineingerissen wird, hätte sie unmöglich vorhersehen können. Vor allem hätte sie ganz sicher nicht damit gerechnet, ihr Herz zu verlieren – noch dazu an einen Bürgerlichen. Fakt aber ist, dass sie André, dem Tapetenhändler und Ballonfahrer aus Leidenschaft, vollkommen verfällt, ohne jedoch dabei ihr eigentliches Ziel aus den Augen zu verlieren. Es geht darum, einen Jungen zu retten, das ihr am Herzen liegt! Das jedenfalls sagt sie sich, doch die Kreise, die sie unterstützen, sehen im Königssohn nicht das verängstigte Kind, das er ist, sondern den neuen Feldherrn und König. Marie-Provence weiß, dass das absurd ist, und doch muss der kranke Junge dringend aus dem Kerker geholt werden, sonst stirbt er bald. Die junge Frau weiß, dass sie dafür Andrés Hilfe benötigt – und seinen Ballon. Genauso gut weiß sie, dass sie beides aus freien Stücken nie bekäme, und so schmiedet sie einen Plan, der ihre Liebe und den Mann ihrer Träume zu Gunsten eines Kindes verrät …

_Kritik_

Tania Douglas hat sich die Gerüchte, die sich Jahrhunderte lang um das Schicksal des Dauphin rankten, zunutze gemacht und ihre eigene Interpretation geschrieben. Sie verpackt diese Geschichte in die Bilder, die schon viele Menschen faszinierten: Die Bilder des blutigen Terrors auf Frankreichs Straßen, der Hysterie um die Guillotine, des Wahnsinns des immer wiederkehrenden Umsturzes.

Die Beschreibungen des Ballons – von der Herstellung über die Wartung und den Flug bis zur Verwendung für militärische Zwecke – scheinen sorgfältig recherchiert und sind interessant zu lesen.

Allerdings sind mir persönlich ein paar Dinge zu reißerisch dargestellt. Da wäre beispielsweise eine Rettung in letzter Sekunde vor der Guillotine, mit schreiendem Volk und Umfallen-nach-Schlag-ins-Gesicht und allem Drum und Dran – das wäre nicht unbedingt nötig gewesen. Das erinnert eher an das, was italienische Filmemacher der 50er Jahre aus einem Roman machen würden, als an einen Roman an sich.

Und der Kernpunkt der Geschichte – die Befreiung des Thronfolgers von Frankreich mittels Ballon – verlangt mir zu viel Phantasie ab. Vielleicht wurde man als Leser so behutsam wie möglich an diesen Punkt herangeführt, aber holprig war der Weg trotzdem. Es gab einfach viel zu viele wahnsinnige Zufälle dafür, als dass das Ganze als machbar durchgehen könnte.

_Fazit_

Tania Douglas hat einen zugegebenermaßen spannenden und unterhaltsamen Roman geschrieben, der mir aber nicht gefallen hat. Superlativ jagt hier Superlativ, und das ist einfach zu viel. Das schmale Korsett des Buches (einengend wie das an Marie-Provences Abendkleid aus adligen Tagen) ist kaum imstande, all die Handlung einzuschnüren, und so quillt sie an allen Ecken und Enden hervor. Und der Stil ist all dem so angemessen und glatt, dass er mich nicht mit schönen Außergewöhnlichkeiten über diesen Wust aus Geschehnissen hinwegtröstet.

Die Auseinandersetzung mit den Umbrüchen im Frankreich der Revolution habe ich in „Désirée“ von Annemarie Selinko und der „Joséphine“-Trilogie von Sandra Gulland schon schöner gelesen. Wer allerdings jede Menge Action mag und dringend etwas über die Anfänge der Ballonfahrt wissen möchte, der sollte sich an „Die Ballonfahrerin des Königs“ halten.

|Broschiert: 584 Seiten
ISBN-13: 978-3499252525|
http://www.rowohlt.de
http://www.taniadouglas.com

_Mehr von Tania Douglas auf |Buchwurm.info|:_

[„Tanz der Wasserläufer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4047

Higgins Clark, Mary – Denn niemand hört dein Rufen

_Inhalt_

Emily Wallace ist aufgeregt: Sie darf tatsächlich die Anklage im Fall von Gregg Aldrich führen, der seine Ehefrau, die berühmte Schauspielerin Natalie Raines, erschossen haben soll. Die junge Frau wirft sich mit aller Kraft in die Arbeit: Noch ist sie Assistenzstaatsanwältin, aber wenn sie jetzt alles richtig macht, dann steht ihrer Karriere ein kräftiger Schub bevor.

Sie hat keinen Zweifel an der Schuld des Angeklagten. Er stand schon immer unter Verdacht, mit Natalies Tod etwas zu tun zu haben, die sich zum Zeitpunkt ihres Todes von ihm hatte scheiden lassen wollen. Doch man hat ihm nie etwas beweisen können, bis sich jetzt plötzlich, drei Jahre später, ein Zeuge gefunden hat. Kein besonders Vertrauen erweckender Zeuge, zugegeben, aber er hat eine unwiderlegbare Geschichte, die den Angeklagten schwer belastet.

Emily feilt an ihren Verhören und Plädoyers, und es läuft gut für die Juristin, bis der Angeklagte selbst zu Wort kommt. Dann zeigen sich Risse in der glatten Fassade: Kann Emily tatsächlich noch aus ganzem Herzen an die Schuld des Mannes glauben? Widerstrebend gesteht sie sich ein, dass eventuell doch mehr hinter dem Tod der Schauspielerin steckt als Eifersucht – tatsächlich hat sie das Gefühl, dass sich im Dunkeln eine ganz andere Geschichte verbirgt, düsterer, weniger alltäglich, mit Wurzeln, die tief in der Vergangenheit stecken.

Das unheimliche Gefühl, das sie die ganze Zeit über begleitet, stammt allerdings nicht allein von dem Fall her, der ihr über den Kopf zu wachsen droht: Auch in ihrer unmittelbaren Nähe bereitet sich eine Katastrophe vor, die sie keinesfalls kommen sehen kann.

Um Emily zieht sich ein unsichtbares Netz zusammen, und unversehens findet sich die Jägerin in der Rolle der Gejagten wieder …

_Kritik_

Mary Higgins Clark hat zuverlässig einen weiteren unheimlich spannenden Thriller abgeliefert. Trotz verschiedener Perspektiven wird genug Raum für Zweifel jeglicher Art gelassen, und die einzelnen Personen gehen dem Leser jeweils auf ganz eigene Art und Weise ans Herz, genauso, wie die Einblicke in das kranke Gemüt eines Psychopathen unmittelbares Gruseln auslösen.

Clark schreibt stilistisch nicht bombastisch, aber rund und flüssig: Ihre Wortwahl lässt den Leser schnell über die kurzen Kapitel hinweg fliegen, und das ist bei ihrer Art von Buch das einzig Richtige. Schlangensätzen oder komplizierten Konstruktionen kann zwar eine ganz eigene Schönheit innewohnen, aber deren müßige Betrachtung würde bei der atemlosen Spannung, die Clark aufbaut, doch nur hinderlich wirken. Die schnellen Szenenwechsel erhöhen das Erzähltempo und lassen den Leser mit befriedigender Geschwindigkeit auf den Knalleffekt am Ende zu sausen.

Die Charaktere, die diese Autorin erschafft, sind auch in diesem Roman von hoher Glaubwürdigkeit, sowohl mit ihren guten Seiten als auch mit ihren bösen. Und doch kann es immer wieder zur Überraschung kommen, wenn plötzlich eine Maske fällt und sich das Böse in einer vollkommen neuen Form zeigt.

Auch die Art, wie sich zwei Pflanzen des Verbrechens unbemerkt aufeinander zu entwickeln, ohne die jeweils andere wahrzunehmen, bis sich letztendlich ihre Zweige ineinander verstricken, ist wunderschön subtil gelöst.

_Fazit_

Die Lady of Crime hat diesem ihrem Ehrentitel einmal mehr alle Ehre gemacht. „Denn niemand hört dein Rufen“ jagt dem geneigten Leser nicht nur einen Schauer über den Rücken. Man schwankt auch dauernd in seiner Parteinahme und verdächtigt mal diesen und mal jenen.

Mary Higgins Clark gehört zu Recht zu den erfolgreichsten Thrillerautorinnen unserer Tage; es kommt einfach nicht vor, dass eines ihrer Bücher öde, langweilig oder vorhersehbar ist. Auch wird die Vorstellungskraft der Leser nicht überstrapaziert; eher ist es so, dass der jeweilige Fall aus einem Blickwinkel beleuchtet wird, der für alle ersichtlich ist. Dass diese einfachste Lösung aber selten die Richtige ist und sich in den Schatten noch ganz andere Tatsachen verbergen, wird Schritt für Schritt aufgezeigt, und wie sich das Bild dann wandelt, ist immer wieder ein hübsch anzusehender Zaubertrick.

Wenn Sie Thriller mögen, kommen Sie an Mary Higgins Clark nicht vorbei. Vielleicht explodiert hier nicht andauernd etwas, aber das tut der Spannung keinen Abbruch.

|Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Originaltitel: Just Take My Heart
aus dem Amerikanischen von Andreas Gressmann und Karl Heinz Ebnet
ISBN-13: 978-3453266070|
http://www.randomhouse.de/heyne
http://www.maryhigginsclark.com

_Mehr von Mary Higgins Clark auf |Buchwurm.info|:_

[„Und hinter dir die Finsternis“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4283
[„Requiem für einen Mörder“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3108
[„Nimm dich in acht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2042
[„Mein ist die Stunde der Nacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1981
[„Hab Acht auf meine Schritte“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1799
[„Denn vergeben wird dir nie“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=378

Mayall, Felicitas – Stunde der Zikaden, die

_Inhalt_

Laura Gottberg, Münchner Kommissarin und Mutter zweier Halbwüchsiger, kann ihr Glück noch kaum fassen: Zwei volle Wochen kann sie nun einzig und allein mit Commissario Angelo Guerrini verbringen. Trotz aller Unwägbarkeiten haben die beiden viel beschäftigten Polizisten es geschafft, gleichzeitig Urlaub zu bekommen. Und den wollen sie zusammen verbringen: Es ist das erste Mal in ihrer inzwischen zweijährigen Beziehung, dass sie sich so lange Zeit am Stück sehen.

Angelo hat Laura mitgenommen in das Ferienhaus seiner Kindheit. Es liegt in einem noblen Resort an der toskanischen Küste, und Angelo fällt erst vor Ort auf, dass die Idee vielleicht nicht perfekt war: Die eine oder andere unschöne Erinnerung an seine Kindheitsferien kommt wieder hoch – ob es tatsächlich so gut ist, Laura dabeizuhaben? Er will sie ja nicht verschrecken.

Ehe Guerrini entscheiden kann, wie er mit den metaphorischen Leichen aus seiner Vergangenheit umgehen soll, trifft Laura beim Schwimmen auf eine tatsächliche. Guerrini explodiert: Er hat Urlaub und will nichts mit dem Toten zu tun haben! Doch als der ihm tatsächlich den Gefallen tut zu verschwinden und einer der Resortwächter gleich mit ihm, ist auch Guerrini klar, dass sie nun nicht mehr so tun können, als sei nichts passiert.

Ohne Anhaltspunkte strecken Angelo und Laura ihre Fühler aus, einzig geleitet von jahrzehntelang geschultem polizeilichen Instinkt, und tappen blindlings in ein Spiel hinein, das eine Nummer zu groß für sie ist und in dem ein Menschenleben nicht viel zählt.

Als der geheimnisvolle Fall dann auch noch Verbindungen zu Angelos weniger schönen Jugenderinnerungen aufzuweisen beginnt, ist der Urlaub wirklich völlig im Eimer: Der Commissario muss fürchten, dass der Fall seine Fangarme bis in seine eigene Familie hinein ausgestreckt und Narben hinterlassen hat. Zum Glück hat er Laura dabei, die bereit ist, mit ihm Schulter an Schulter bei Bedarf auch das organisierte Verbrechen herauszufordern …

_Kritik_

Felicitas Mayall hat mit der Beschreibung des Resorts einmal mehr Großes geschaffen: Wie sie die oberflächliche Schönheit beschreibt, die doch so trügerisch ist wie Treibsand, das ist ganz wunderbar gelungen. Die Atmosphäre, die ständig zwischen beschaulich und bedrohlich schwankt, ist ebenso gut herausgearbeitet wie die Stimmung zwischen Laura und Angelo, die sich so gern öffnen wollen und es doch nur unter Schwierigkeiten schaffen, bedrängt von äußeren Einflüssen und inneren Bedenken.

Auch die beschränkte Zahl der Personen vor Ort, die alle – durch die Urlaubssituation? Oder aus düstereren Gründen? – seltsam unwirklich erscheinen, lädt die Spannung noch auf. Wer von ihnen ist ein Verbrecher? Ist noch ein Ermittler vor Ort? Wo ist dieser Wachmann? Welche Rolle spielt der einsiedlerische alte Dichter, der fast das ganze Jahr hier verbringt? Und lässt Angelo sich in seinem Verdacht von alten Antipathien leiten oder steckt hinter seiner lebenslang gehegten Abneigung mehr?

Ein feines Netz aus Fragen legt sich um die gemeinsamen freien Tage der beiden Kommissare mittleren Alters und zwingt sie, ihre moralischen Pflichten und Ansichten neu zu beleuchten, so dass der Fall auf einer weiteren, tieferen Ebene die Erforschung des eigenen Selbst bedeutet – während direkt daneben die geliebte Person dasselbe tun muss. Werden sie mit den Antworten leben können?

Viele dieser Fragen benötigen eine behutsame Antwort, und umso größer ist die Überraschung, wenn die beiden Protagonisten einen krassen Angriff mit einer ähnlich heftigen Handlung reagieren – aber es ist so verflixt gut gemacht!

_Fazit_

Felicitas Mayall ist eine außergewöhnliche Stimme im vielfältigen Chor deutscher Kriminalautorinnen. Sie ist eine Meisterin im Erschaffen und Vermitteln von Atmosphäre, und sie macht es dem Leser dadurch leicht, sich mit ihren Büchern vollständig aus dem Alltag zu verabschieden. Wie schon ihre vorherigen Werke, kann ich auch „Die Stunde der Zikaden“ jedem Krimileser ans Herz legen – und jedem, der die Darstellung einer halbwegs realistischen, zögerlichen Liebe zu schätzen weiß, an der gearbeitet wird. Und jedem, der sich gern von Beschreibungen gefangen nehmen lässt. Und – ach Himmel, eigentlich gibt es keinen Grund, aus dem irgendwer es nicht lesen sollte. Tun sie’s einfach, Sie werden es nicht bereuen.

|Gebundene Ausgabe: 398 Seiten
ISBN 13: 978-3463405513|
http://www.rowohlt.de

_Mehr von Felicitas Mayall auf |Buchwurm.info|:_
[„Hundszeiten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6009

Handeland, Lori – Asche (Die Phoenix-Chroniken 1)

_Inhalt_

Elizabeth Phoenix weiß schon als junges Waisenkind, dass sie anders ist als andere: Sie braucht einen Gegenstand nur zu berühren, und schon sieht sie vor ihrem inneren Auge Dinge, die den Besitzer betreffen. Sie stellt ihre Fähigkeiten der Polizei zur Verfügung, scheidet jedoch aus dem Dienst wieder aus, als sie den Tod ihres Partners nicht hat kommen sehen.

Eher schlecht als recht schlägt sie sich als Kellnerin durch, stets darauf bedacht, nicht aufzufallen. Sie hält sich für einen Freak, ein Monster. Dann kommt jedoch der Tag, an dem ein dringliches Gefühl sie zu Ruthie, ihrer Pflegemutter, treibt. Sie findet die alte Frau schrecklich zugerichtet in ihrem Haus vor. Sterbend murmelt Ruthie, dass jetzt die letzte Schlacht begänne – und dann ist nichts mehr wie zuvor.

Viel zu schnell und zu harsch erfährt Elizabeth, dass ihre ewig unterdrückte Gabe ein Segen ist und kein Fluch: Sie soll die Kräfte des Lichts in die letzte Schlacht führen, als neue Seherin und als Anführerin. Leider ist sie überhaupt nicht vorbereitet. Und auf dem Weg zur möglichst eiligen Erweckung aller noch schlummernder Talente begleiten sie Gestalten, mit denen sie nie wieder zu tun haben wollte: Jimmy, die Liebe ihres Lebens, außerdem dreckiger Verräter und Fremdgänger, und Sawyer, ein Navajo-Mystiker, bei dem sie einige Sommer verbrachte und der sie immer mit Angst erfüllt hatte. Sie erfährt über die beiden Männer Dinge, die sie nie hatte wissen wollen und die für sie die Frage aufwerfen, wem sie – verdammt noch mal! – denn überhaupt noch vertrauen kann.

Es ist eine wilde, unbekannte, blutrünstige Welt, in die Elizabeth geworfen wird, und sie ist so gut wie gar nicht gewappnet. Das Böse allerdings wartet nicht höflich, bis der Gegenspieler ausgelernt und die Rüstung angelegt hat: Es springt sie aus dem Dunkeln an, und Elizabeth muss wohl oder übel zeigen, was in ihr steckt.

_Kritik_

„Ich wollte seinen Tot“, „Am liebsten hätte ich sie ihr einen nach dem anderen herausgerissen. Die Nägel nicht die Finger“ – Das sind nur zwei der unzähligen Stilblüten, die vor meinen ungläubigen Augen aus dem Roman in die Höhe wuchsen. Okay, das sind Übersetzungsfehler, aber man glaube mir: Der Rest tut auch weh. Lori Handeland ist ein Phänomen: Ganz offensichtlich benutzt sie Sprache ausschließlich als Gerüst für Dinge, die sie sagen möchte. Sie schreibt, wie andere Leute sprechen. Und damit meine ich nicht, dass sie das kunstvoll tut, so wie etwa Alice Walker in „Die Farbe Lila“, damit meine ich, dass sie offenbar keine Zeit verloren hat: Sie hat zu Papier gebracht, was sie erzählen wollte, so hart und rau und krumpelig, wie es eben kam, und das war’s dann. Wenn da an irgendeiner Stelle nachgebessert wurde, dann will ich nicht wissen, wie das Ganze vorher ausgesehen hat. Der Roman hat keinen Hauch von Seele, keine Atmosphäre, kein Leben, und meiner Sprachwissenschaftlerseite hat er mehrfach schmerzhaft ins Gesicht geschlagen.

Mal kurz zusammengefasst: Übersinnliche Kräfte, Blut, Erektion, Schlägerei, Erektion, Sex, Blut, übersinnliche Kräfte, Fluchen, Prügeln, ErektionBlutSexsklavinTodTodBlutStänder. Herzlichen Dank dafür. Hier hat jemand die dürftige Umhüllung vom Ende aller Tage genommen, sie mit ein paar Werwölfen und Vampiren beworfen und sie bis zum Rand mit unappetitlichen Sexszenen gefüllt. Ich habe gegen Sexszenen nicht das Geringste einzuwenden, aber doch bitte mit einem Hauch von Geschmack, ja? Abgesehen davon häufen sich hier blöde Fehler, die beim zweiten Drübergucken sofort ins Auge gefallen wären, etwa, was Beschreibungen der Protagonistin angeht oder zeitliche Abläufe betrifft.

_Fazit_

Wenn Sie billiger Vampirpornographie nachjagen, dann ist Ihre Suche hier am Ende. Dann können Sie sich auch auf die Fortsetzungen freuen, denn „Asche“ ist der erste Teil der „Phoenix-Chroniken“. Sollten Sie jedoch auch an Fantasyromane irgendeine Form von Anspruch stellen, dann gehen Sie weiter, denn dann gibt es hier nichts zu sehen. „Asche“ war inhaltlich fade und hat mich stilistisch entrüstet. Der Zeitverlust macht mich regelrecht wütend. Arrrrr!
Ich wasche mir jetzt die Augen, und dann lese ich ein gutes Buch.

|Broschiert: 331 Seiten
ISBN-13: 978-3802582349
Originaltitel: Phoenix Chronicles Any given Doomsday
Aus dem Englischen von Petra Knese|
http://www.egmont-lyx.de
http://www.lorihandeland.com

_Mehr von Lori Handeland auf |Buchwurm.info|:_

[„Wolfskuss“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5012 (Geschöpfe der Nacht 1)
[„Wolfsglut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5964 (Geschöpfe der Nacht 3)

Mayall, Felicitas – Hundszeiten

_Inhalt_

Laura Gottberg, zweifache alleinerziehende Mutter und Kommissarin, kann ihr Glück kaum fassen: Ihre Kinder Sofia und Luca sind in Sprachferien in England, und sie hätte theoretisch noch ein bisschen Zeit für sich, um zur Ruhe zu kommen und aufzutanken, und dann entspannt ihren Freund, den Commissario Angelo Guerrini, empfangen zu können.
Praktisch aber herrscht in München in diesem Sommer eine derartige Gluthitze, dass an Entspannung nicht zu denken ist. „Erholsamer Nachtschlaf“ sind nur mehr zwei Worte ohne Bedeutung, und die Sterblichkeitsrate vor allem alter Menschen steigt rapide an.

Laura und ihre Kollegen haben alle Hände voll zu tun, bei den vielen Todesfällen am Ball zu bleiben. Für Laura gewinnt auch ein etwas älterer Fall durch die Wiederverfügbarkeit eines Zeugen an Bedeutung. Was aber ihr wie auch all ihren Kollegen besondere Kopfschmerzen bereitet, ist die Tatsache, dass die Hitze sich auf ganz München so seltsam auswirkt. Alle sind gereizt, unkonzentriert – gewaltbereiter als sonst.

Durch einen Zufall lernt Laura am Isarufer einen Obdachlosen kennen, Ralf. In einem Nebensatz erwähnt er eine Gruppe, die sich am Fluss herumtreibt und die man besser meiden sollte.
Bald darauf wird Laura an die Isar gerufen: Ein Obdachloser wurde zu Tode geprügelt. Der Kommissarin fährt der Schreck in die Glieder: Hat Ralf seine eigene Warnung in den Wind geschlagen?

Berichte von nächtlichen Zusammenrottungen werden laut, von Menschen, die sich treffen, Reden halten, Lieder singen, die längst verboten sind. Der alte Fall Lauras und die neue bedrohliche Situation scheinen durch unsichtbare Fäden miteinander verwoben, und die Androhung von Gewalt hängt über der schwül-heißen Stadt wie eine düstere Gewitterwolke. Es ist klar, dass alles auf irgendeinen Punkt der Entladung hinausläuft, und Laura fragt sich schaudernd, wer danach noch stehen wird …

_Kritik_

Laura Gottberg steckt diesmal in einer Kombination aus Fällen, die aus dem Ruder zu laufen drohen. Während einer etwas wieder aufleben lässt, das längst vergangen sein sollte, stecken die Wurzeln des anderen tatsächlich tief in der Vergangenheit, und Laura muss wie bei einer Zwiebel Schicht um Schicht abtragen.

Die Fast-Fünfzigerin ist übrigens eine sympathische Hauptperson, manchmal etwas zu harsch, aber letztlich herzensgut. Und da ihre Mitarbeiter das auch wissen, gibt es zwar Reibereien, aber selten ernstlich Krach.

„Hundszeiten“ besticht durch die bedrückende Atmosphäre der sonnenheißen Großstadt, durch die aufgeladene, träg-hysterische Stimmung, in der jeder ein bisschen neben der Spur ist. Wer kann sich nicht noch gut an diesen Sommer erinnern, den die Medien als „Glutsommer“ titulierten und in dem den Radiohörern und Fernsehzuschauern an manchen Tagen nahe gelegt wurde, das Haus erst abends zu verlassen? Mayall fängt all diese Erinnerungen ein und verwebt sie mit den Fällen, die sie ihrer Protagonistin zu knacken gibt.

Nebenher hat Laura zusätzlich zu aller Gereiztheit auch noch mit dem Gedanken an die zögerliche, wenngleich innige Beziehung mit Guerrini zu kämpfen: Wie viel Raum will sie ihm in ihrem Leben lassen? Braucht sie ihn? Möchte sie sich überhaupt noch einmal auf so etwas einlassen? Und hat sie denn noch eine Wahl?

Wie üblich stellt Mayall ihrer Protagonistin diese und alle anderen Fragen stilistisch nicht nur einwandfrei, sondern wunderschön.

_Fazit_

„Hundszeiten“ ist der fünfte Fall, in dem Laura Gottberg von Felicitas Mayall auf die Pirsch geschickt wird. Schon der Erstling („Die Nacht der Stachelschweine“) war beeindruckend aufgrund der vielfältigen Variation leiser Töne und eines souveränen Sprachgebrauchs der Autorin, die sich nie im Ton vergriffen und stimmige, einprägsame Bilder geschaffen hat.

Dieses unbestreitbare Talent hat sich bis jetzt noch verfeinert; „Hundszeiten“ ist eine großartige Komposition fein abgestimmter Zutaten. Versprochen: Wenn Sie das Buch zur Hand nehmen und sich in die Beschreibungen vertiefen, werden Sie völlig desorientiert sein, wenn Sie wieder hochgucken. Und ganz abgesehen von diesen Glanzpunkten, die mich hier zu den wildesten Lobeshymnen hingerissen haben, handelt es sich bei diesem Roman um einen ausgesprochen spannenden Krimi mit einem Thema, das bedauerlicherweise viel zu aktuell ist.

|ISBN-13: 978-3-463-40526-1
gebundene Ausgabe: 416 Seiten|
http://www.rowohlt.de

Rudd, Matt – Junggesellenabschied, Der

_Inhalt_

William Walker ist selig: Er hat seine Traumfrau geheiratet, Isabel. Sie ist hübsch, witzig, spontan, und mit ihr ergab zum ersten Mal alles einen Sinn. Sie ist anders als alle seine vorherigen Freundinnen, und so heiratete William sie, obwohl er erst neunundzwanzig ist und nicht vor zweiunddreißig heiraten wollte.

Alles könnte so wundervoll sein – wenn da nicht Alex wäre, Isabels bester Freund. Alex ist ein schnöseliger Widerling, der Isabel „Izzy-Süße“ nennt und andauernd an ihr klebt. Und Isabel, die sonst so verständig ist, will einfach nicht einsehen, dass der Typ in ihre Freundschaft mehr hineininterpretiert. Zähneknirschend hat William zugestimmt, dass Alex die Braut abholen und zur Kirche bringen darf, und der fährt mit einer Kutsche vor. Gezogen von vier Schimmeln, natürlich. Dann singt er auf der Feier „I will always love you“.

Es ist ein Wehrmutstropfen für William, dass er sich mit Alex abfinden muss. Auch beginnt Isabel plötzlich nicht eben subtil, an ihm herumzuerziehen – nur zu seinem Besten, selbstredend. Alles in allem überwiegen aber natürlich die Freuden der Ehe.

Gut, es gibt ärgerliche Kleinigkeiten, etwa im Job oder mit den besten Freunden. Auch die Besuche im Fitnessstudio verlaufen eher deprimierend. Aber eigentlich läuft im Großen und Ganzen alles super, bis sich plötzlich Saskia, die Beziehungszerstörerin, meldet.

Saskia hat ihren Beinamen bekommen, weil William während seiner letzten Beziehung vor Isabel eine Affäre mit ihr hatte. Die Affäre hatte er, weil er nicht glücklich war, und es war lediglich eine Affäre, weil Saskia und er nichts miteinander gemein hatten.

Saskia verfügt über unglaubliche Kurven, eine ausgeprägte Abneigung gegen Kleidung und das Wort „nein“. Und neuerdings verfügt sie – oh Schreck! – über die Wohnung unter der von William und Isabel.

Da hilft nur der Umzug, fort aus der Stadt, hinaus aufs Land. Aber im Zeitalter der Telekommunikation ist es unmöglich, Leuten für immer aus dem Weg zu gehen, zumal Isabel das im Falle des dreimal verfluchten Alex nicht einmal möchte.

Während er tapfer gegen den vermeintlich normalen Unbill des Alltags kämpft, schwant William langsam, dass irgendetwas ganz und gar nicht normal läuft. Hat er Recht, ist er das Opfer einer unglaublichen Verschwörung? Oder hat Isabel Recht und er dreht durch? Fragen, die die junge Ehe auf den Prüfstand stellen …

_Kritik_

„Junggesellenabschied“ ist ein fröhlicher, seichter kleiner Klamauk. Stilistisch erinnert es ein wenig an „Come together“ von Emlyn Rees und Josie Lloyd, nur, dass hier natürlich die weibliche Sicht auf die Dinge fehlt.

Der Stil ist dem Thema angemessen schlicht und schnell, es sind vorwiegend kurze Sätze, mit denen die Geschichte erzählt wird. Auch die Kapitel sind kurz und knapp gehalten, Beschreibungen des allgemeinen Zustandes wechseln sich ab mit kurzen, quasiphilosophischen Anschauungen über das Leben, die Frauen, die Freunde und die Feinde.

Wer Anspruch sucht, ist hier völlig falsch. Allerdings ist „Junggesellenabschied“ ein teilweise boshafter Spaß, und zur Entspannung (auch der Gehirnzellen) hervorragend geeignet. Als kleines Bonbon ist den „Hauptkapiteln“, die nach den Monaten des geschilderten ersten Ehejahres benannt sind, Zitate zur Ehe vorangestellt, die aus den verschiedensten Ecken zusammengetragen worden sind und teilweise ehrliches Amüsement hervorrufen.

_Fazit_

Hin und wieder muss man respektive frau sich kichernd eingestehen, dass die Geschichte nicht allzu weit an der Realität vorbei klamaukt, aber vieles ist natürlich völlig überzogen. Jede Menge Klischees werden angehäuft und wirken in der Überzeichnung lustig. Wahrscheinlich verfilmt man das Buch irgendwann mit Leuten aus dem American-Pie-Team.

Aber, Jungs: Wer von euch gerade mit sich ringt, ob er den großen Schritt in die Ehe wagen sollte oder nicht, der sollte die Finger von dem Roman lassen. Selbst auf mich als Frau wirkten Isabels Erziehungsversuche abschreckend.

|Origialtitel: William Walkers first year of marriage
Broschiert: 361 Seiten
Aus dem Englischen von Julia Walther
ISBN-13: 978-3499252419|
http://www.mattrudd.co.uk
http://www.rowohlt.de

Gablé, Rebecca – Hiobs Brüder

_Inhalt_

England, 1147: Der junge Simon de Clare ist verzweifelt. Er hat die Fallsucht, und zwar in einer so beängstigenden Form, dass seine Mitmenschen ihn für besessen halten. Da auch ein Exorzismus keine Ergebnisse zeitigt, sperrt man ihn ein. Aber nicht in einem normalen Gefängnis, sondern in einer alten Inselfestung – zusammen mit anderen Menschen, die von der Norm abweichen und/oder gefährlich sind. Hier trifft Simon auf Losian, der sein Gedächtnis verloren hat, auf King Edmund, der sich für einen verstorbenen Märtyrerkönig hält, auf den an einem Down-Syndrom leidenden Oswald, auf die siamesischen Zwillinge Godric und Wulfric und andere.

Der junge Adlige ist der Verzweiflung nahe: Seine Mitgefangenen sind ihm unheimlich, der Hunger macht ihm zu schaffen, und er hadert mit sich und der Welt. Nicht lange nach seiner Ankunft aber verwüstet ein Sturm die Insel und reißt einen Teil der Festung ein. Für die Männer steht der gefährliche Weg in die Freiheit offen.

Unwillkürlich übernimmt der Mann mit Amnesie die Führung – Losians Gedächtnis mag versagen, aber seine Muskeln und Reflexe erinnern sich an sein früheres Leben. Er hält die Männer zusammen, und so trotzen sie den Gefahren ihres Wegs durch das vom Krieg um den Thron zerrissene Land.

Widerwillig lässt Losian sich von Simon in die Geschichte der Kaiserin Maud von Deutschland und König Stephen einweihen, die seit zwölf Jahren um die Krone Englands kämpfen. Während Maud die von ihrem Vater eingesetzte Königin ist, halten die meisten Barone zu Stephen. Die Leidtragenden in diesem Konflikt sind die Landbewohner Englands, die überall dort, wo die Kämpfe toben, den Soldaten nichts entgegen zu setzen haben.

Was aber, so denkt Losian, geht mich dieser Kampf an? Er ahnt nicht, was auf ihn zukommen wird, wenn er sein Gedächtnis wiederfindet …

_Kritik_

„Hiobs Brüder“ führt die seltsamen Gefährten durch eins der blutigen Kapitel der englischen Geschichte. Illustre Gestalten kreuzen ihren Weg – nicht nur die beiden mit Herrschaftsanspruch, sondern auch Geoffrey Plantagenet, Thomas Becket und die wunderschöne, eigenwillige Aliénor von Aquitanien.

Wie die symbiotischen, ungleichen Freunde am Rande der Ereignisse auf die Geschichte Englands Einfluss nehmen, erzählt Rebecca Gablé in epischer Breite.

Die Lebenswege der Protagonisten sind durch ihre gemeinsame Gefangenschaft miteinander verwoben, und durch die Notwendigkeit, sich arrangieren zu müssen, wachsen sie mit- und aneinander. Diese Entwicklung wird unmittelbar erzählt, so dass man den fiktiven Personen persönliches Interesse entgegenzubringen beginnt. Jedenfalls, wenn man die gesammelten Klischees der ersten hundert Seiten hinter sich gebracht hat: Die ganzen bösen Mönche. Und dann all den Aberglauben. Auch ein paar Ungenauigkeiten haben sich eingeschlichen: So fürchten sich die Gefährten beispielsweise vor Raubrittern, was wahrscheinlich ziemlich genau die Bedrohung beschreibt, die die Autorin verdeutlichen wollte, allerdings kam das Raubrittertum erst im Spätmittelalter auf.

Doch letztlich sind diese Kleinigkeiten egal. „Hiobs Brüder“ ist schließlich Unterhaltung, und zwar ziemlich gute und spannende Unterhaltung.

_Fazit_

Es gibt massenweise historische Romane, die es mit den geschichtlichen Tatsachen weniger genau nehmen als das neue Werk Rebecca Gablés, und wenn man sich erst einmal in diese Geschichte hineingelesen hat, möchte man dringend wissen, wie sie ausgeht. Und damit ist nicht der geschichtliche Rahmen gemeint (der ist den Liebhabern historischer Romane spätestens seit Tanja Kinkels großartigem Buch „Die Löwin von Aquitanien“ bekannt), sondern die individuellen Geschichten der erdachten Protagonisten, denen man nach der langen Lesebekanntschaft nur das Beste wünscht.

Alles in allem ist die Lektüre von „Hiobs Brüder“ durchaus empfehlenswert. Bringen Sie Zeit mit, die 900 Seiten lesen sich nicht an einem Abend.

|ISBN: 978-3-431-03791-3
Hardcover/Gebunden
907 Seiten
Preis: 24,99 EUR ISBN (D), 25,70 EUR (A), 42,90 SFR (UVP)
Ersterscheinungsdatum: 09.10.2009|
http://www.luebbe.de
http://www.gable.de

_Rebecca Gablé auf |Buchwurm.info|:_

[„Die Siedler von Catan“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1218 (Hörbuch)
[„Die Siedler von Catan“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=258 (Buch)
[„Das Lächeln der Fortuna“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1522 (Hörbuch)
[„Die Hüter der Rose“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1733 (Buch)
[„Das Spiel der Könige“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4129 (Buch)
[„Das zweite Königreich“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4541 (Hörspiel)

Er, Li – Koloratur

_Inhalt_

Im Mai 1942 fand die Schlacht von Erligang statt. Chinesische und japanische Truppen kämpften, die Chinesen schlugen die Japaner zunächst in die Flucht, verloren aber ihrerseits viele tapfere Männer und Frauen. Unter ihnen war Ge Ren, der Übersetzer, Literat, Dichter und Kommunist aus Überzeugung.

Jedenfalls hätte er das sein sollen. Er wäre ein so großartiger Volksheld gewesen mit seinem sanften Wesen, den großartigen Gedichten und der romantischen Liebe zu seiner Frau, der berühmten Schauspielerin Bingying.

Ge Ren allerdings hatte andere Pläne, für die er am Leben sein musste. So starb er nicht, sondern zog sich in ein Dorf im Dahuang-Gebirge zurück. Er verhielt sich ruhig und schrieb an seiner Autobiographie – unentdeckt erst, doch bald sickerten Gerüchte durch, dass er nicht den Heldentod gefunden habe. Kurz darauf war Ge Ren tot – die Legende lebte.

Ge Ren war in China aufgewachsen, hatte in Japan studiert und war nach Russland gereist, weil sein politisches Sehnen ihn zu den Wurzeln des Kommunismus zog. Er hatte den langen Marsch mitgemacht und sich dort mit Tuberkulose infiziert, die er bis zu seinem Tod nicht losgeworden war.

Als interessierter Intellektueller hatte Ge Ren im Laufe seines Lebens mit den verschiedensten Leuten Freundschaft geschlossen: Mit anderen Kommunisten, mit chinesischen Nationalisten und mit Japanern. Verschiedenste Menschen schätzen ihn aufs Höchste – und erzählen seine Geschichte auf unterschiedliche Weisen. Welche davon der Wahrheit am nächsten kommt, lässt sich im Nachhinein wohl kaum mehr rekonstruieren …

_Kritik_

Die drei Erzählungen über Ge Rens Schicksal lesen sich wie Krimis. Gerade weil von Anfang an klar ist, wie die Geschichte enden wird, ist es fast schmerzhaft, die verschiedenen Erzähler von ihrer Hoffnung sprechen zu hören, den verehrten Dichter und Freund retten zu können.

Speziell der Unterschied zwischen dem ersten Bericht – dem des Arztes – und dem zweiten, der von Ge Rens Jugendfreund und skrupellosen Mann fürs Grobe der Kommunisten verfasst wurde, ist faszinierend. Die Einstellungen, das gesamte Weltbild, Ethik und Moral sind gänzlich entgegengesetzt, was durch die Diskrepanz in den Sprachstilen perfekt untermauert wird.

Das Puzzle aus drei verschiedenen Sichtweisen auf ein und denselben Gegenstand ergibt ein Bild, das so ganz schlicht nicht stimmen kann. Nicht einmal unterschiedliche Blickwinkel können die Abweichungen erklären – jemand lügt. Vielleicht alle drei? Und wenn ja, ist das dann verwunderlich, oder würde nicht doch jede Geschichte so klingen, wenn man nur genügend Leute fragte?

Eine hässliche Geschichte von Politik, von Schein und Sein, von Ruhm und befohlenem Opfer arbeitet einen Teil der chinesischen Historie auf, der bisher nur unzureichend beleuchtet wurde. Und all das Grau, all die Lügen werden immer wieder unterbrochen von sanft schimmernden Lichtstrahlen, die Ge Ren und Bingying beleuchten und Liebe, Großmut, Weisheit und Freundlichkeit ein Zeichen setzen lassen gegen den von einer kranken Realität aufgezwungenen Wahnsinn, obwohl sie von Vornherein zum Scheitern verurteilt sind.

_Fazit_

„Koloratur“ ist ein faszinierendes Stück Literatur. Die Tatsache, dass Ge Ren zwar bei allen Geschichten die Hauptperson ist, aber tatsächlich in diesem winzigen Bergdorf sitzt, ruhig schreibt und bewusst auf seinen Tod wartet, ist herzzerreißend.

Selbst ich, die ich weder mit Kommunismus noch mit Lyrik wirklich viel anfangen kann (nicht, dass da ein zwingender Zusammenhang bestünde), war von diesem Buch hingerissen. Alles, was von den so verschiedenen Männern über den Dichter gesagt wird, zeichnet das Bild eines feinfühligen, intelligenten, freundlichen, großherzigen Menschen – der gar nicht hätte sterben dürfen, wenn die Geschichten gänzlich wahr wären, in denen die einzelnen Erzähler ihre Motive und Rettungsversuche darlegen.

Ich kann die Lektüre nur jedem ans Herz legen, der jetzt nicht unbedingt nur laue Unterhaltung sucht. Die Fremdartigkeit von Sprache, Rhythmus und Lebensgefühl ist für mich als Menschen, der über China extrem wenig weiß, exotisch und interessant gewesen; die Figuren schillernd und die Gegensätze atemberaubend. Lesen Sie es, Sie werden es nicht bereuen.

|Titel der Originalausgabe: Huaqiang
Aus dem Chinesischen übersetzt von Thekla Chabbi
ISBN-13: 978-3608937947
Gebundene Ausgabe, 440 Seiten|
http://www.klett-cotta.de

Camilleri, Andrea – Flügel der Sphinx, Die. Commissario Montalbano sehnt sich nach der Leichtigkeit des Seins

_Inhalt_

Wie so häufig beginnt der Tag für Salvo Montalbano mit einem frühen Telefonanruf: Die unbekleidete Leiche einer schönen jungen Frau wurde gefunden. Ihr Gesicht ist durch einen Schuss unkenntlich, doch auf ihrem Schulterblatt findet sich die Tätowierung eines Schmetterlings. Montalbano geht der Fall nahe: Seit einigen Jahren kann er junge Mordopfer fast nicht mehr ertragen. Und dieses Mädchen wurde erschossen und auf eine wilde Müllkippe in einem ausgetrockneten Flussbett geworfen.

Wütend und voller Elan macht der Commissario sich an die Ermittlungen, und nicht zum ersten Male ist es seine liebe alte Freundin Ingrid, die ihm einen entscheidenden Hinweis liefert. Montalbano freut sich bereits über die heiße Spur, doch bekommt er einen weiteren Tipp von einem selbst ernannten Gentleman alter Schule, dessen Erziehung etwas eigenwillig gewesen sein mag: Das Tattoo erweist sich als hilfreich, aber nicht als einzigartig.

Wer sind diese jungen Frauen, die die Schmetterlinge verbinden? Montalbano stößt im Zuge seiner Ermittlungen auf eine altruistische Gesellschaft namens „Der gute Wille“, die die Mädchen vor der Prostitution bewahren und ihnen ein solides, anständiges Leben ermöglichen möchte.

Dem zynischen Commissario kommen ein paar Dinge an dieser Geschichte bedenklich vor, und er weiß, dass er sich auf seinen Instinkt im Allgemeinen verlassen kann. Worauf er sich leider auch verlassen kann, ist die Tatsache, dass ihm in politisch brisanten Fällen von höherer Position aus Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Diesmal bricht er sich im übertragenen Sinne fast die Beine. Je mehr man ihn jedoch an der kurzen Leine hält, desto sicherer weiß er, dass er auf der richtigen Spur ist.

Und doch – auch, wenn es hier nach unlauteren Machenschaften stinkt, gibt es doch ein paar irritierende Indizien, und der Commissario streckt seine Fühler auch in eine andere Richtung aus …

_Kritik_

Das Wiedersehen mit Salvo Montalbano ist so schön wie immer. Wer das Vergnügen noch nicht hatte, dem sei es wärmstens ans Herz gelegt. Seit seinem ersten Erscheinen hat der Commissario schon so einiges durchmachen müssen, und seiner Entwicklung zu folgen, war ebenso spannend wie die Fälle, die er zu lösen hat.

Auch die übrigen bekannten Gesichter sind wieder dabei: Fazio mit dem „Einwohnermeldeamtfimmel“, der ehemalige Frauenheld Augello, nun aufopfernder, wenngleich ab und an entnervter Familienvater, Catarella mit dem kindlichen Gemüt und den überragenden Computerfähigkeiten. Dann Adelina, die zuverlässige Haushaltshilfe mit den außergewöhnlichen Kochkünsten und der notorisch kriminellen Familie, und natürlich Livia, Salvos Langzeitfernbeziehung – aber oh, es gibt Streit. Schlimmen Streit, der das Gefüge der langjährigen Beziehung ins Wanken bringt. Und es gibt Klärungsbedarf …

Glücklicherweise kommt auch die Beschreibung des großartigen sizilianischen Essens wieder einmal nicht zu kurz. Und die Mischung aus den ausgefeilten Charakteren, den verzwickten Fällen, dem umwerfenden Humor und dem unnachahmlichen Stil macht diesen Roman nicht eben überraschend, aber zuverlässig zu einem Geschenk.

Ohne zu viel zu verraten, möchte ich doch darauf hinweisen, dass, wer in dem Montalbano-Roman „Der Dieb der süßen Dinge“ die Szene mit dem groß angelegten Bluff Colonello Pera gegenüber genossen hat, auch in diesem Band nicht zu kurz kommen wird.

_Fazit_

Andrea Camilleri ist einer der ganz Großen, weise und humorvoll und ausgesprochen scharfsinnig. Es ist nicht verwunderlich, dass Salvo Montalbano eine große Fangemeinde besitzt. Nicht wenige Fans sind süchtig nach seinen Abenteuern, und für sie ist natürlich die Lektüre dieses Krimis ein Muss. Allen anderen sei dies ebenfalls dringend empfohlen.

Camilleri weiß übrigens nicht nur Kriminalromane zu schreiben: Wer also Krimis nicht mag, aber trotzdem in den Genuss des außergewöhnlichen Talents dieses Mannes kommen möchte, könnte anfangen mit der Lektüre von „Der zweite Kuss des Judas“. Sie werden sich scheckig lachen. Versprochen.

|Originaltitel: Le Ali della Sfinge
übersetzt von Moshe Kahn
ISBN: 978-3-7857-2378-4 (3-7857-2378-4)
Hardcover/Leinen mit Schutzumschlag
271 Seiten
Preis: 19,99 EUR (D), 20,60 EUR (A), 34,50 SFR (UVP)
Ersterscheinungsdatum: 09.10.2009|
http://www.edition-luebbe.de
http://www.andreacamilleri.net
http://www.andreacamilleri.de.tt
http://www.vigata.org

Nielsen, Maiken – siebte Werk, Das

1982 suchte eine Cholera-Epidemie von ungekannter Stärke Hamburg heim. Über 8600 Menschen mussten sterben, weil in der Handelsstadt katastrophale hygienische Bedingungen herrschen. Immerhin wurden nach dem großen Sterben die dringlichsten Sanierungen vorgenommen, damit man die Geißel kein weiteres Mal würde ertragen müssen.

_Inhalt_

Kurz vor Ausbruch der Seuche: Die junge Liliane Winterberg ist erleichtert, dass die lange Reise von London nach Hause nun endlich vorbei ist. Nicht, dass Lili nicht gern ihrem verwitweten Bruder dort bei seinen Geschäften geholfen hatte, doch es ist so schön, wieder in den Schoß der Familie zurückzukehren.

Aber apropos: Wo ist die eigentlich? Warum holt sie niemand ab? Halb ärgerlich, halb besorgt macht Lili sich auf den Heimweg. Zu Hause sorgt sie fast für einen Herzinfarkt bei ihren Eltern, die just an diesem Morgen vor ihrer Haustür ein ermordetes Mädchen gefunden hatten, das fast genau wie Lili aussah.

Wer ist die junge Frau, woher kam sie, und wer hat sie getötet? Und wie – das ist wohl das Rätselhafteste – ist sie in den Besitz der Taschenuhr gelangt, die Liliane in London entwendet worden ist?

Lili würde sich gern näher mit dieser mysteriösen Geschichte beschäftigen, doch ihre Konzentration wird empfindlich gestört durch ihr viel zu lautes Herzklopfen, wenn der junge Journalist Rurik Robertson in der Nähe ist. Wie es scheint, erwidert er ihr Interesse … aber kann sie sich dessen ganz sicher sein? Schließlich meiden die meisten Menschen sie, da sie als Bestatterstochter in dem Ruf steht, Unglück zu bringen. Außerdem gibt es eine ganze Menge anderer Mädchen, welche die Ansicht teilen, dass Rurik ganz hinreißend ist.

Auch um das Geschäft macht Lili sich Sorgen: Es ist eine Katastrophe, dass ihr Vater vorübergehend eingesperrt wird, weil man ihn des Mordes an der unbekannten Toten verdächtigt, doch auch ohne diese Komplikation kämpft das Unternehmen ums Überleben. Zwar war Herr Winterberg der erste, der einen umfassenden Service angeboten hatte, doch inzwischen gibt es Nachahmer, die den Bestatter mittels massiver Werbung aus dem Geschäft zu drängen versuchen.

In der Person einer jungen Frau aus dem übel beleumdeten Gängeviertel findet Liliane zufällig eine Spur in dem Mordfall, der ihr Leben so einschneidend verändert hat. Doch ehe sie mit Recherchen loslegen kann, warnt ihr Nachbar, der Arzt Christian Buchner, sie vor einer neuen Gefahr: Die Cholera hat Einzug in Hamburg gehalten und verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Die Behandlung ist unzureichend, da man sich nicht einmal über die Art der Ansteckung einig ist. Angst vor Ketzereiverdacht lässt die Bewohner der Handelsstadt zögern, das neu erbaute Krematorium in Betrieb zu nehmen, was der Seuche als Einziges Einhalt gebieten könnte. Und in all dem Elend und dem Sterben vergisst Liliane ganz, dass ihr vielleicht auch von anderer Seite tödliche Gefahr droht.

_Kritik_

Mit der Familie des Bestatters Winterberg hat Maiken Nielsen einen interessanten Mikrokosmos geschaffen. Durch das abergläubische Unbehagen, das ihr Gewerbe bei ihren Mitmenschen auslöst, rücken die Familienmitglieder eng zusammen, und wie Lilis kleine Geschwister mit der Abneigung umgehen, ist rührend dargestellt. Auch der Arzt, der in der Kaufmannsstadt weniger gilt, als man annehmen möchte, muss auf eigene Art damit umgehen. Ob dem wirklich so war, ob diesen beiden Berufsgruppen tatsächlich auf diese Weise begegnet wurde, weiß ich nicht. Die Charaktere sind jedoch ordentlich herausgearbeitet und glaubwürdig.

Der Kriminalfall ist besonders verwickelt. Kaum eine Spur lässt sich finden, und man weiß meist nicht einmal im Ansatz, wie er einzuordnen ist: Handelt es sich um die Mordserie eines Wahnsinnigen? Geht es um politische Prinzipien, oder ist das Ganze doch privater Natur?

Bis zum Finale werden die Windungen enger, die Hinweise verwirrender. Es ist schwer, sie richtig einzuordnen, und wer das vor der Auflösung schafft, muss über jede Menge Scharfsinn verfügen.

_Fazit_

Maiken Nielsen besitzt einen sicheren, flüssigen Stil, der die Lektüre von „Das siebte Werk“ zu einem Vergnügen macht. Zwar ist dieser Roman keine große Literatur, aber er ist rundherum angenehme Unterhaltung.

|Taschenbuch: 448 Seiten
ISBN-13: 978-3499249433|
http://www.maiken-nielsen.info
http://www.rowohlt.de