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Stackpole, Michael A. – Geisterkrieg (Mechwarrior Dark Age 1)

Unglaublich, aber wahr: Das Merchandising boomt, und die Firma, welche die Initialzündung gab, geht Pleite. Die Rede ist von der FASA Corporation. Diese hatte im Rollenspiel-/Brettspielbereich große Erfolge, Shadowrun und BattleTech sind in Deutschland und weltweit erfolgreiche und bekannte Serien. BattleTech brachte es auch im Computerspielbereich zu einigem Ruhm: Die beliebte MechWarrior-Serie wurde erst von Activision und später Microsoft vertrieben, sogar im Konsolenbereich wurden die Stahlkolosse dieser Serie in die Schlacht geschickt.

Für mich persönlich, der nur die Computerspiele und die Romanserie kannte, waren die Bücher allerdings das Größte: Einigen Autoren, allen voran Michael Stackpole, gelang es, dem tumben Gekloppe meterhoher, schwer bewaffneter Kampfmaschinen mit Pilot (den BattleMechs) ein zeitweise überdurchschnittlich hohes literarisches Niveau zu geben, und so dem ganzen zugehörigen BattleTech-Universum Esprit und Leben einzuhauchen.

Leider verspekulierte FASA sich, 2001 musste die Firma die Rechte an BattleTech an WizKids abtreten – davor sprangen schon zahlreiche der besten Autoren, u.a. Stackpole, ab und das Niveau litt am Ende teilweise erheblich. Vom Glanz der Highlights wie Stackpoles „Blut der Kerensky“-Trilogie oder der Saga der „Gray Death Legion“ zurück ins Mittelmaß.

WizKids machte einen recht radikalen Schnitt: Man startete die neue Serie „Dark Age“, die in einer apokalyptischen Zeit spielt, in der die alten Strukturen der bekannten BattleTech-Romane nicht mehr existieren. Wo einst Mech-Regimenter aufeinander losgingen und Söldnereinheiten von Planet zu Planet zogen, klopfen sich nun umgebaute Agro-Mechs mit veralteter Hardware und wahre BattleMechs sind zur Seltenheit geworden.

Die Regelwerke für das TableTop wurden verfeinert, und man konnte für die Wiederauferstehung BattleTechs namhafte Autoren gewinnen: Michael Stackpole ist wieder dabei, ebenso Loren Coleman. Die Einführung in das neue „Dunkle Zeitalter“ überließ man dem Liebling der Fans, Michael Stackpole – der Einstiegsroman „Geisterkrieg“ kam allerdings bei vielen Fans nicht so gut an wie erhofft…

Anstelle einer Inhaltsangabe des ersten Bandes gebe ich das Szenario wieder, das vorgestellt wird – und verzichte darauf, einige Überraschungen zu verraten:

Die Innere Sphäre hat es geschafft: Nach dem Ende des Bürgerkriegs haben Extremisten von Blake’s Wort die Hyperpuls-Generatoren ComStars sabotiert, die galaxisweite Kommunikation brach zusammen und es kam zu einer Katastrophe, die dem Endes des damaligen Sternenbundes nicht unähnlich war: Das Lyranische Commonwealth, die Liga Freier Welten, nicht einmal die Konföderation Capella noch das Draconis-Kombinat existieren noch in ihrer alten Form. Erneut hat sich die Menschheit fast in die Steinzeit zurückgebombt. Lokale Warlords rissen die Macht an sich, die einzige größere Macht ist die Republik der Inneren Sphäre, die mit ihren „Rittern“ streng darüber wacht, dass niemand zu viele BattleMechs um sich schart und selbst mit ihren oft eher als Undercover-Agenten arbeitenden Mechkriegern versucht, die überall aufflammenden Krisenherde unter Kontrolle zu halten.

Einer dieser inoffiziellen Phantomritter ist Sam Donelly. Er merkt bald, dass hinter terroristischen Anschlägen auf einer eher unbedeutenden Welt gezielte Beeinflussung von außen steckt: Der große Unbekannte agiert mit seinen Untergebenen wie mit Bauern in einem Schachspiel, in dem ganze Welten ihm für ein Bauernopfer nicht zu schade sind.

Sam ist der Einzige, der neben dem greisen und in Ehren ergrauten Victor Davion die schwer erkennbaren Zusammenhänge hinter diesen Scharmützeln sieht. Infiltration und klassische Doppelagententätigkeit sind hier mehr gefragt als die Schießkünste der offiziell agierenden Ritterin Janella Lakewood, die mit ihren Mechkriegern und Sam den offiziellen Auftrag der Republik erhält, dieser mysteriösen Bedrohung ein Ende zu setzen.

Soweit, so gut. Oder sagen wir gleich: So schlecht. Obwohl Michael Stackpole das klassische BattleTech-Universum zu dem gemacht hat, was es ist, gefällt mir seine neue Idee ganz und gar nicht.

Sicherlich ist es nicht verkehrt, ganze BattleMech-Heere durch den interessanteren und persönlicheren Kampf weniger Mechs gegeneinander zu ersetzen, aber leider gibt es in diesem Buch ziemlich exakt nur ein einziges, wenig berauschendes Scharmützel. Stattdessen wird Sam auf haarsträubende Weise in eine Terrororganisation eingeschleust, die Stackpoles Variante des „gemäßigten Terrorismus“ praktiziert, der die lokale Regierung diskreditieren soll, damit der neue Machthaber als der kompetente Retter erscheinen und die ganze Welt einsacken kann. Die Vorgeschichte dieser kaputten Welt wird, für Stackpole untypisch, kaum erzählt, und wenn, dann als lieblose und oberflächliche Litanei. Statt dessen lamentiert er zu Beginn des Buches über einen Vorwurf, er würde anspruchslose Literatur schreiben, den er recht aufdringlich auf unpassende Weise der Hauptperson in den Mund legt – und bestätigt ihn damit in gewisser Weise. Auch die ominöse Macht im Hintergrund wird nur in Nebensätzen erkennbar, man muss wohl weitere Bände abwarten. Sam kann keinen Charakter entwickeln – der alte Victor Davion muss als Repräsentant der guten, alten Zeit als Rentner reaktiviert werden. Furchtbar!

Schlimmer ist, dass die „Ritter“ wie eine Jedi-Ritter-Kopie daherkommen und quasi einen ominösen Osama jagen, während die sowieso schon am Boden liegende Welt von Terrorismus noch mehr gebeutelt wird. Für fremdartige Kulturen wie die Clans, oder das japanisch angehauchte Draconis-Kombinat, blieb in dieser US-amerikanischen Endzeitwelt kein Platz.

Logische Ungereimtheiten und die blassen Charaktere – ich musste erst einmal den Nachnamen der Hauptperson nachschlagen! – geben dem Buch den Todesstoß. Zumal BattleTech-Fans wohl erwarten dürfen, dass sie, wenn sie BattleTech lesen wollen, auch BattleTech geliefert bekommen, und nicht minderwertige Agenten-Thriller. Hier hat Stackpole ein Eigentor geschossen – in diesem Genre ist er kein Meister, hier sollte er die Bühne anderen überlassen.

Fazit: Interesse geweckt hat das Buch nicht gerade. Entsetzen hervorgerufen, das schon eher. Auch die gewohnt gute Übersetzung von Reinhold H. Mai kann da nichts mehr retten. Infos über das neue Szenario findet man eher im Internet als im Einstiegsband, der einen wahrlich ein „Dunkles Zeitalter“ befürchten lässt. Keine Reanimation, eher eine Leichenschändung einer ehemals erfolgreichen Merchandise. „Classic“ BattleTech erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit; wie es im TableTop-Bereich aussieht, möchte ich nicht beurteilen, den Erfolg und positiven Einfluss, den die alten BattleTech-Romane auf die ganze Serie hatten, wird man nach diesem fehlgeschlagenen Einstand und dem fast besser zu Shadowrun passenden Szenario nicht mehr erwarten können. Mein Tipp: Lieber die alten BattleTech-Romane komplett sammeln – unterhaltsamer und ein potenzieller Kandidat für hohe Preise im Antiquariat in fünf bis zehn Jahren.

Homepage von Michael Stackpole: http://www.stormwolf.com/
(inklusive interessanter Diskussion über das neue Szenario)

Eddings, David – Kind der Prophezeiung (Belgariad)

David Eddings wurde am 7. Juli 1931 geboren. Man kann ihn schon allein deshalb als einen „Altmeister“ der Fantasyliteratur bezeichnen. Mit seiner Frau Leigh hat er seit 1973 bis heute zahlreiche Fantasyzyklen geschrieben, deren bekanntester die Belgariad-Saga ist.

Eine Welt ohne Orks und Elfen… und dennoch klassische Fantasy? Die Welt, die der Belgariad- und der Malloreon-Saga zugrunde liegt, ist geprägt von ihrer seltsamen Geographie und Theologie: So gibt es sieben Götter, die jeder ein Menschenvolk regierten und ihm ihre Charakteristiken aufprägten. Nur ein Gott, Aldur, war anders. Er nahm sich einige wenige Schüler, wie Garath, die ihm dienten und zu mächtigen Magiern wurden. Aus Garath wurde der Magier Belgarath, der zusammen mit seiner Tochter Polgara schon seit Jahrtausenden das Schicksal der Welt mitgestaltet.

Auch unter Göttern sind Eifersucht und Neid keine Fremdwörter: So versuchte der Gott Torak ein mächtiges Artefakt seines Bruders, das Auge Aldurs, zu rauben. Er wurde von Belgarath und einem Heer der Anhänger aller anderen Götter gestoppt, die ungeheure Macht des Auges zerriss jedoch die Welt in einen großen West- und einen Ostkontinent. Torak konnte von seinen Magierschülern gerettet werden und schläft nun an einem unbekannten Ort, während sein Volk, die Angarakaner, „Murgos“ in Anlehnung an ihre Hauptstadt genannt, bis zum heutigen Tag den meisten anderen Völkern verhasst sind – aus gutem Grund, säen sie doch nach wie vor Zwietracht und streben danach, ihren Gott wieder auferstehen zu lassen. Das Auge Aldurs wird auf der „Insel der Stürme“ von einem Hüter bewahrt, denn es kann nur noch von einem Nachfahren der nahezu ausgelöschten Linie des Königs von Riva und Belgaraths Tochter Beldaran berührt werden.

Eines Tages gelingt es dennoch einem Diener Toraks, das Auge zu stehlen. Damit wäre die Prophezeiung, alle Völker des Westens können in Frieden leben, solange das Auge Aldurs ruht, gebrochen… Torak droht wiedererweckt zu werden.

Belgarath und Polgara lebten jahrelang als alter Geschichtenerzähler und Haushälterin unter den Menschen, um den jungen Garion zu behüten. Dieser spielt eine wichtige Rolle in einer Prophezeiung, wie man die Welt noch vor Torak retten kann. Denn wie man bald unschwer erraten kann, wird Garion zu Belgarion, Hüter des Auges und machtvoller Magier.

Vorerst ist er ein überforderter kleiner Junge, der gar nicht so recht weiß wie ihm geschieht, als seine Tante Pol und Onkel Wolf sich langsam als mehr entpuppen als sie zu sein scheinen. Zusammen mit einigen schillernden Charakteren, die in den Augen Belgaraths den Schlüssel zu der Erfüllung der Prophezeiung zur Rettung vor Toraks bieten, wird Garion auf die Spur von Grolimpriestern und vor allem dem mysteriösen Murgo Asharak angesetzt, die den Leser in den Folgebänden in die zahlreichen Länder dieser Welt mit ihren archetypischen und sehr unterschiedlich charakterisierten Völkern entführt.

Trotz des Verzichts auf die fantasytypischen Rassen wie Orks, Elfen und Zwerge erkennt man die Grundzüge eines klassischen Fantasyzyklus: Der Hinterwäldler, der mit tapferen Mitstreitern loszieht, um die Welt zu retten und bedeutender ist als er selbst zuerst weiß, kommt sowohl im „Rad der Zeit“ von Robert Jordan als auch Tolkiens „Herr der Ringe“ und zahllosen anderen Werken der Fantasyliteratur vor.

„Kind der Prophezeiung“ ist nicht in sich abgeschlossen, es ist nur der Auftakt zu dem fünfbändigen Belgariad-Zyklus, der einem genauso langen Folgezyklus, der Malloreon-Saga, und Prequels über Belgarath und Polgara vorangeht.

Mit Magie geht Eddings zu Beginn sehr sparsam um, oft werden subtile Beeinflussungen hypnotischer Art wahren „Wundern“, wie Verwandlungen Belgaraths in einen Wolf oder Polgaras in eine Eule, vorgezogen. Später nimmt die magische Komponente mehr Raum ein, je mehr Garion sich zum Zauberer mausert.

Erzählerisch ist die Geschichte sehr linear gehalten, auch die Intrigen sind nicht annährend so verschlungen wie bei moderner Fantasy, wie George R.R. Martin’s „Lied von Eis und Feuer“-Zyklus. Ebenso haben die Charaktere zwar Tiefe und Stärken und Schwächen, sind jedoch eindeutig in „Gute“ und „Böse“ aufteilbar, somit eher in der Schwarz-Weiß-Liga des Herrn der Ringe als in der modernen Grauschleier-Fantasy zu finden.

Sprachlich ist Eddings deutlich leichtere Kost als der Herr der Ringe: Dialoge der Hauptfiguren machen den größten Teil des Buches aus, auf Kosten detaillierter Ortsbeschreibungen und nur konzentriert lesbarer Hintergrundinformationen. Hier kann man wirklich verschlafen im Bett drüberlesen; da die Storyline schnörkellos und geradlinig ist, kann man ihr problemlos folgen.

Viel Raum wird dem Humor gegeben, der sich aus dem Zusammenspiel der Charakteren wie Polgara und ihrem Vater Belgarath ergibt. Besonders Polgara hat ihre Eigenheiten, Ecken und Kanten, an denen sich andere Protagonisten und der Leser stoßen können.

Einen breiten Charakter-Pool stellen die Begleiter der Drei dar: Der cherekische Krieger Barak, der verschlagene drasnische Gauner Silk, sowie der simple und grundehrliche sendarische Schmied Durnik sind typische Vertreter ihrer Völker. Genauso wie alle Murgos hinterhältige Lügner und Hetzer sind, die nur Übles im Schilde führen. Zum Glück sind die Figuren alle mit ihren Besonderheiten versehen, sonst würde ich diese Schemata als ziemlich langweilig empfinden.

Erwähnenswert: Liebesgeschichten werden alle recht harmlos gehalten, ebenso hält sich Eddings bei den Kämpfen zurück – diese werden selten detailliert und brutal beschrieben, sind allerdings auch nicht seine Stärke und nicht gerade packend geschrieben, wie es ein R.A. Salvatore z.B. tun würde. Leider wirkt der meist einem harten Kampf folgende ironische Kommentar (meist vom gaunerhaften Silk oder dem tapferen Mandorallen) mir stets ein bisschen zu aufgesetzt, um wirklich als humorig durchzugehen.

Eddings hat eine große, schöne Fantasywelt geschaffen, die zu den besten des Genres zählt. Leider nichts für Gelegenheitsleser: Wer nur den ersten Band liest, hat noch nicht viel erlebt. Seine Charaktere kann man lieben, die schöne Zauberin Polgara und der stets etwas arrogante Mandorallen haben es mir besonders angetan. Alle Bücher sind in verständlicher Form geschrieben und sehr gut übersetzt, die Originale sprachen in den USA sehr viele Leser an, es handelt sich um keine besonders anspruchsvolle, aber dafür um eine verdammt gute und unterhaltsame Serie.

Es geht also auch ohne Elfen und Orks – dennoch fand ich Raymond Feist’s Midkemia-Romane einen Tick besser, da sich der Charme Polgaras und der anderen Akteure im Verlauf des Zyklus etwas abnutzt und dann eine eher einfache und seichte Handlung bleibt. Komplexere Handlung und Intrigenspiele sowie ausgefeiltere Charaktere bietet George R.R. Martin.

Wem jedoch der „Herr der Ringe“ als Buch manchmal zu langatmig war, sollte zugreifen: Auch für ungeübte Leser ist Eddings sehr gut genießbar, kurz ist sein Werk jedoch keinesfalls – unbedingt alle fünf Bände des Zyklus lesen!

Hier liegt auch ein weiteres Problem: Die 5. Auflage der Belgariad-Saga erschien 2001, bei Amazon konnte man im September 2003 nur noch vier der fünf Bände erwerben. Erstaunlich ist, das trotz der 5. Auflage die Bücher immer noch schlampig lektoriert sind: Buchstaben werden oft ausgelassen oder gedreht, manchmal findet sich auch ein sinngemäß falsch übersetztes Wort.

Zum Abschluss noch ein paar frei übersetzte Worte von Eddings über sein eigenes Werk:

„Ich habe eine Welt erschaffen, die es so nicht geben könnte, mit ungewöhnlichen Religonen und noch ungewöhnlicherer Geologie (Anm.: Der vom Auge Aldurs geteilte Kontinent ist gemeint). Mein Magiesystem ist sehr pragmatisch – viele Erklärungen, wie Magie funktioniert, sind ziemlich absurd, aber die Charaktere glauben daran und zweifeln nicht, und so ergeht es dann auch dem Leser. Vielleicht ist das die „wahre“ Magie. Das ist die grundlegende Formel für Fantasy. Ein bisschen Magie, gemischt mit einigen entwickelbaren archetypischen Mythen, lass die Hauptfiguren schwitzen und sich plagen und im unpassendsten Moment hungrig werden, garniere das Ganze mit einer gewaltigen und umfangreichen Vorgeschichte und lass der Handlung ihren Lauf.“

Homepage des Autors: http://www.eddingschronicles.com/

Nyary, Josef – Vinland-Saga, Die

Mittlerweile gilt es als erwiesen, dass Wikinger Jahrhunderte vor Kolumbus in Amerika landeten, wenn auch in einem nördlicheren Teil.

Der 1944 nahe Berlin geborene Joseph Nyary, heute als freier Journalist in Hamburg tätig, hat sich diesem weitgehend unbeschriebenen Blatt in der Geschichte der Nordleute angenommen: Wo bei Frans G. Bengtsson’s Klassiker „Die Abenteuer des Röde Orm“ die Raubfahrten der Wikinger nach England, Spanien und sogar in die Flüsse Russlands die Grundlage bildeten, verschiebt Nyary die Handlung weit in den Westen: Grönland, Island und eben Neufundland/Labrador als „Vinland“ sind Handlungsorte seiner Wikinger-Saga.

Basierend auf der Saga des legendären „Erik dem Roten“ wird berichtet, wie es zur Entdeckung Vinlands kam: Auf der Heimfahrt von einem Raubzug in Bremen kommt das Schiff Bjarne Herjulfssohns vom Kurs ab, er verfehlt Grönland und wird an die amerikanische Küste abgetrieben, traut sich dort jedoch nicht an Land und segelt zurück. Seine Gefährten nimmt er unter Eid, ihre Entdeckung vorerst geheim zu halten: Gerade eben erst haben die Herjulfssohns auf Grönland einen günstig gelegenen Hof erworben, der Hauptumschlagsplatz für den Handel der von Erik dem Roten entdeckten Eisinsel ist.

In einer Ironie des Schicksals sollen zwei Gefangene des Bremen-Raubzugs die Geschicke Grönlands für immer verändern: Mit Tyrker kam ein christlicher Priester ins Land der Heiden, der Eriks Sohn Leif das Leben rettet und bald große Missionierungs-Erfolge verbucht. Die schöne Nonne Frilla wird von ihrem Bruder, dem Ritter Dankbrand, gesucht, zudem ist der Wikinger Aris Bardssohn, der Held der Geschichte, auch ganz vernarrt in sie. Leider hat sie der übelste Nordmann überhaupt, der Berserker Thorhall, seinem Freund Erik zum Geschenk gemacht. Doch hängt der Haussegen schief, die Frau Eriks des Roten ist unheimlich sauer auf ihn, und die ohnehin sehr willensstarke Frilla muss ausziehen und erhält ihren eigenen Hof.

Leif Erikssohn wird der erste sein, der von dem Geheimnis Vinlands erfährt. Zusammen mit dem Bischof Tyrker wird er dorthin segeln und als Christ wieder nach Grönland heimkehren, sehr zum Missfallen seines Vaters Erik und seines Freundes, des Urtypus des rauhen Nordmanns, Thorhall.

Weitere Fahrten Bjarne Herjulfssons und Thorfinn Karlsefnis folgen, und die Wikinger stoßen schließlich auf Indianer. Durch die tückische uneheliche Tochter Frillas und Eriks, die ganz und gar nicht fromme Freydis, kommt es zu Kämpfen mit den Rothäuten. Schließlich geht sie gar mit Thorhall gegen die christlichen Wikinger in Vinland vor…

Wer erwartet, dass ein großer Teil der Geschichte in Amerika spielt, liegt falsch. Der Konflikt zwischen den die Asen anbetenden und den bekehrten Wikingern nimmt große Teile des Buches ein, und spielt sich weitgehend auf Grönland und vor Norwegens und Irlands Küsten ab. Dabei steht der urige Thorhall für die alten Götter, Frilla und Tyrker für das Christentum und unser Held Aris Bardssohn ist Atheist. Mit Erik dem Roten und Thorhall trägt er wegen Frilla manchen Strauß aus, und die Fahrt Eriks nach Vinland ist eher Folge der Spannungen in Grönland und geradezu Nebenhandlung, wie auch alle weiteren Fahrten anderer Wikinger recht knapp abgehandelt werden. Der Kontakt der Wikinger mit den Indianern und Eskimos wird sehr oberflächlich und auf recht wenigen Seiten abgehandelt. Hier wusste der Autor nicht, Prioritäten zu setzen. Das lustige Wikingerleben und die metaphernreiche Sprache werden sehr gut rübergebracht von Bjarnes Gefährten mit illustren Namen wie Sven Stinkhals (wg. Mundgeruchs), Ulf Mädchenauge und dem grindigen Gorm. Als genretypisch und immer wieder unterhaltsam empfand ich die Auslegungen und schlauen Sprüche der Nordleute zu verschiedenen Naturereignissen, hier hat sich Nyary nicht lumpen lassen.

Manchmal schoss er jedoch über das Ziel hinaus, wenn seine Wikinger ihren Skalden den Schneid abkaufen und mehr reimen denn sprechen:

S. 648:
„Gorms Haar war gleichfalls weiß wie Schnee und sein Gesicht zeigte Runzeln wie ein vertrockneter Apfel. Die Kraft des Grindigen schien jedoch ungebrochen und sein Durst ungelöscht, denn er leerte sein Trinkhorn schneller als ein Igel ein aufgeschlagenes Ei.“

„In seinen Reden aber ähnelte er einem christlichen Priester in keiner Weise. ‚Bei Hengstes Hoden und Gletscherbärs Glied!‘ schimpfte er laut. ‚Das Bier ist sauer wie Altweibermilch!'“

„Durch Saufen und Fressen wird viel Weisheit vergessen.“
„Mancher denkt nicht weiter als ein fettes Schwein springt.“
„Spart’s der Mund, so frißt’s der Hund!“
„Volle Töpfe, leere Köpfe.“

Das mag lustig sein, aber seitenweise solche Simpelreime können den Leser schon etwas irritieren. Der Knackpunkt ist jedoch, dass die Oberflächlichkeit der Vinlandexpeditionen dem Buch das Genick bricht – ab der Buchmitte hat Nyary wohl seine besten Ideen bereits aufgebraucht, und er setzt auf nordische Mystik: Thorhalls Bruder Magog ist ein leibhaftiger Troll, Tyrker wird Asgard und das Reich der Hel gezeigt, Erik der Rote und Bjarne Herjulfssohn eilen als Wiedergänger (von den Toten auferstandene) umher und Leif darf um eines chronologischen Zusammenhangs willen ein halbes Jahr in der Höhle einer Wölwa (Hexe) abtauchen…

Das Buch ist historisch sehr exakt, das Auftauchen solch übernatürlicher Phänomene zu schalen Zwecken wie dem Schließen einer kleinen zeitlichen Lücke, die nur aufmerksamen Lesern auffällt, sowie die Einbindung eines wiedergekehrten Toten als Stichwortgeber und viele andere der phantastischen Dinge zeigen eigentlich nur, wie verzettelt auch Nyary seine Ausflüge nach Vinland durchführte: Die zweite Buchhälfte erleidet handlungsmäßigen Schiffbruch und entsetzt durch die aufgesetzt wirkenden phantastischen Elemente.

Ich kann das Buch nur Wikingerfreunden empfehlen, die den bereits verfilmten Klassiker „Röde Orm“ und ähnliche Werke wie das besser gelungene „Die Männer vom Meer“ von Konrad Hansen gelesen haben. Unterhaltsam und lustig, mit einem deutlichen Qualitätsknick ab der Mitte und einem unausgegorenen Ende, kann man der Vinland-Fahrt dennoch nicht ihren Reiz absprechen. Leider kommt sie nicht an Nyary’s beste Romane wie „Nimrods letzte Jagd“ heran. Dazu fordert sie dem Leser auch sehr viele Vorkenntnisse der nordischen Edda ab, und geizt mit Erklärungen: So kann ich nur vermuten, dass ein „Ägirshirsch“ wohl einen hörnertragenden Narwal darstellen soll. Deshalb nur eine Empfehlung für Nordleute, die bereits alle Klassiker des Genres gelesen haben – die vorhandenen Schwächen und die hohen Voraussetzungen an das Wissen des Lesers sind jedoch eine klare Abfuhr für Wikinger auf ihrem ersten Raubzug in dieser Romangattung.

Lawhead, Stephen – Gast des Kalifen, Der (The Celtic Crusades)

Stephen Lawhead lässt in „Der Gast des Kalifen“, dem zweiten Band der „Celtic Crusades“-Trilogie, einen Sohn seines Helden Murdo eine Pilgerfahrt ins Heilige Land antreten.

Wie schon im Vorgänger „Das Kreuz und die Lanze“ ist das Ziel der Reise eine Reliquie von unschätzbarem Wert: Dieses Mal nicht die Heilige Lanze, sondern der Schwarze Stamm, Überrest des Wahren Kreuzes, an dem Jesus starb. Lawhead, der Theologie studierte, bietet auch diesmal wieder eine Melange aus mit Keltizismen vermischtem Christentum und katholischer Reliquienverehrung im Rahmen eines historischen Romans – garniert mit einem christlichen Geheimbund, der die Mission der frommen Männer aus dem Mittelalter auch in unserer Zeit fortsetzt.

Da alle drei Bände dieser Serie in etwa diesem Schema des braven Schotten, der zum Reliquiensammeln aufbricht, entsprechen, sind sie sich vom Stil und Inhalt sehr ähnlich, an dieser Stelle möchte ich zur besseren Orientierung eine Auflistung der Trilogie einfügen:

The Celtic Crusades
1. Das Kreuz und die Lanze (The Iron Lance)
2. Der Gast des Kalifen (The Black Rood)
3. The Mystic Rose (dt. Übersetzung Ende 2003 / 2004)

Achtung: Die Taschenbuchausgabe des ersten Bandes ist unter dem irreführend geänderten Titel „Der Sohn des Kreuzfahrers“ erschienen (siehe auch unsere Rezension dazu im Archiv).

Duncan’s Reise ins Heilige Land beginnt im schottischen Caithness. Murdo Ranulfson ist schon Jahre von seiner Kreuzfahrt zurückgekehrt, hat ein Stück Land erworben sowie die Eiserne Lanze, die den Leib Christi durchbohrte, der Obhut der Mönche der Célé Dé übergeben – und wurde selbst Mitglied des inneren Kreises dieser christlichen Sekte, die für das „wahre Christentum“ streitet, dem Papst und Kreuzfahrer nicht treu geblieben sind in ihren Augen.

Murdos Bruder Torf-Einar kehrt todkrank zurück, anstelle von Ruhm, Gold und Ehre fand er im Heiligen Land nur Habgier und Intrigen, er ist verarmt und körperlich am Ende. Bevor er stirbt, erzählt er Murdos Sohn Duncan vom Heiligen Land, auch vom Schwarzen Stamm, der vom Wahren Kreuz Christi stammt und in vier Teile getrennt wurde, da jedes Heer, das unter seinem Zeichen kämpfte, bisher den Sieg errang. Duncan ist fasziniert.

Torf stirbt, Duncans Frau kurze Zeit später im Kindbett. Duncan ist am Ende, er will Selbstmord begehen, wird aber von einem Freund, dem Mönch Padraig, daran gehindert. Mit neuem Lebensmut stellt sich Duncan eine Aufgabe: Er will ins Heilige Land und das Wahre Kreuz bergen. Murdo ist entsetzt, ihm selbst hat seine Kreuzfahrt während seiner Abwesenheit den Verlust seiner Ländereien durch skrupellose Kirchenmänner eingebracht, und sie verlief ganz anders als er sie sich vorgestellt hat. Duncan ahnt ein wenig von der Verbindung seines Vaters mit den Célé Dé, ist aber nicht eingeweiht.

Gegen den Widerstand seines Vaters bricht er mit dem Mönch Padraig auf. Sie nehmen in Frankreich den Sohn des armenischen Königs auf, den letzten Überlebenden einer Gesandtschaft zum Hofe König Ludwigs. Eine Krankheit und die ungewohnte Nahrung in Frankreich hat die Armenier das Leben gekostet. Roupen empfiehlt den beiden, über Flüsse quer durch Frankreich nach Marseille zu segeln, was sie auch tun. Auf dieser Fahrt erleben sie einige Abenteuer mit Räubern und Hass gegen den fremdländischen Roupen, obwohl er als Armenier auch ein Christ ist, wird er oft als Jude beschimpft.

In Marseille tun sie einem Komtur der Tempelritter einen Gefallen und segeln an Bord seines Schiffes nach Palästina. Dort erleben sie, wie wenig fromm die Mönchsritter sich mitunter benehmen können – saufen wie ein Templer war damals ein Sprichwort mit realem Hintergrund. Der Komtur Renaud de Bracineaux zieht schließlich Duncan ins Vertrauen: Bohemund II. plant von Antiochia aus einen Überfall auf das christliche Armenien. Er ist ehrgeizig und will seine Grenzen erweitern. Er bittet Duncan ihm zu helfen, Bohemund von diesem Unternehmen abzubringen. Roupen will er derweil schützen.

Bohemund ist jedoch nicht geneigt, dem Templer und seinen Begleitern zuzuhören. Bracineaux wird festgesetzt, Duncan flieht mit Roupen nach Famagusta auf Zypern. Dort soll laut Bracineaux ein Kopte namens Jordanus ihnen helfen, dieser unangenehmen Situation zu entfliehen. Jordanus bringt sie schließlich nach Anavarza, wo sich bald zeigt, dass ihre Warnung nicht unbedingt nötig ist: Die Armenier haben sich mit den Seldschuken verbündet, und das Heer Bohemunds rennt ins Verderben. Bei der Abreise wird Duncan von seinen Gefährten getrennt und von Emir Ghazi gefangen genommen. Unter der Beute befindet sich auch der Schwarze Stamm, was die Moslems jedoch nicht erkennen. Ghazi verschenkt ihn über Umwege an den Kalifen von Kairo. Dieser beschließt schließlich Duncans Hinrichtung. In den wenigen Tagen davor schreibt er seine Geschichte auf, wird jedoch bei einem Aufstand befreit und kann mit dem Wahren Kreuz fliehen.

Doch auch die Templer und Haschischin [= „Assassinen“, Anm. d. Lektors] suchen das Wahre Kreuz und arbeiten Hand in Hand, und so werden Duncan und seine Freunde von Attentätern verfolgt…

Vieles wird geboten – Templer, Haschischin, quer durch Frankreich und von Zypern ins Heilige Land nach Ägypten und wieder zurück geht Duncans Reise. Leider fehlen so auch deutliche Schwerpunkte, kein einziger Aspekt wird wirklich zufrieden stellend in Szene gesetzt. Die interessante Verbindung zwischen den Templern und den Haschischin ist in wenigen Sätzen aufgebaut, und das war es dann auch schon. An keinem der zahlreichen Handlungsorte wird näher ins Detail gegangen, die Reise wird im Buch sehr zügig vorangetrieben. So wurde mir zwar nicht langweilig, aber es blieb leider bei oberflächlichen Betrachtungen.

Größter Kritikpunkt ist die Ähnlichkeit zu vorherigen Romanen Lawheads: Dieses Schema wurde schon in „Das Kreuz und die Lanze“ verwendet, welches wiederum in dem abenteuerlicheren „Byzantium“ abgehandelt wurde, welches in der deutschen Version in zwei Teile aufgeteilt wurde, die vielsagende Titel haben: „Aidan – Die Reise nach Byzanz“ und „Aidan in der Hand des Kalifen“. Eine Reise die in der Gefangenschaft eines Kalifen endet… Lawhead käut hier denselben Gedanken wieder wie eine Kuh das Futter – leider ist das nicht gerade Appetit anregend… zudem war „Byzantium“ detaillierter, abwechslungsreicher und spannender.

So wirken die Celtic Crusades wie eine schwächere Neuauflage dieses Buches, nicht zuletzt bedingt durch eine Erzählweise Lawheads, die in meinen Augen schon immer seine Schwäche war: Der ominöse Geheimbund der Célé Dé lässt einen Nachfahren Murdos und Duncans in unserer Zeit die Reisemanuskripte ihrer Vorfahren lesen und… ja was und? Welche Ziele die Célé Dé haben, ist nie klar definiert, auch weiß ich selbst nach zwei Bänden nicht, was sie überhaupt tun. Reliquien sammeln? Besser wird die Geschichte durch die oftmals ins teils Sentimentale rutschenden Gedanken von Duncans Nachfahren nicht. Hier wird nur offenbar, dass Lawhead selbst als ehemaliger Theologiestudent offensichtlich seine Vorliebe für keltische Kultur und Lebensweise in den Célé Dé mit dem Christentum, wie er es sich vorstellt mixt – für die katholische Kirche und den Papst hatte er im Vorläufer sehr wenig übrig, dieses Mal ist diese Kritik nicht so ersichtlich, aber die einzig richtig frommen Christen sind wieder einmal die Célé Dé.

Ein Eigenplagiat mit einer wenig gelungenen übergestülpten Handlung in der Jetztzeit präsentiert erneut Lawheads Liebe zu den Kelten in einer rasanten Rundfahrt durch weite Teile der damaligen Welt. Da die Hauptfiguren recht sympathisch sind und das Ganze sehr gut lesbar ist, die Übersetzung hervorragend, man könnte meinen sie wäre das Original, kann man „Der Gast des Kalifen“ dennoch genießen. Große Höhepunkte sollte man jedoch nicht erwarten. Vielleicht schließt ja der dritte Band die unbefriedigende Geheimnistuerei in der Gegenwart zufrieden stellend ab, allen anderen empfehle ich als ähnliche Lektüre das wesentlich spannendere „Byzantium“, in der dt. Übersetzung als „Aidan – Die Reise nach Byzanz“ und „Aidan in der Hand des Kalifen“ erschienen.

Homepage des Autors: http://www.stephenlawhead.com/

Grundy, Stephan – Rheingold

Rheingold – wer jetzt an einen Zug der Bundesbahn denkt, der fährt auf dem falschen Gleis. Der sagenumwobene Nibelungenschatz im Rhein ist hier gemeint.

„Rheingold“ ist das Erstlingswerk und gleichzeitiger Bestseller des Autoren Stephan Grundy, der auf die ältere Wälsungen-Saga zurückgreift. Der 1967 in New York geborene Grundy schrieb seine Doktorarbeit über den germanischen Kriegsgott Wotan, er ist zweifellos ein Kenner der Materie. Sein Verdienst ist es, die Geschichte in eine zeitgemäße Sprache umgesetzt zu haben.

Wer kennt die Geschichte um den Drachentöter Siegfried, den grimmen Hagen und den Untergang der Burgunder nicht, die besonders in der Nazizeit zum deutschesten aller deutschen Epen hochstilisiert und missbraucht wurde? Das Rheingold, ein Zwergenschatz, zu dem auch der verfluchte Ring der Nibelungen gehört, ist jedoch in der bekannten Form eher nebensächlich – bei Wagner’s Oper geht es viel mehr um menschliche Tragödien, Pflichterfüllung und Rachsucht. Bei Grundy erfährt der Leser wesentlich mehr.

Er beschreibt, wie es zum Fluch des Rheingoldes kam. Loki musste eine Blutschuld zahlen für den Sohn seines Gastgebers, den er unwissentlich getötet hat. Um Wotan, der als Geisel zurückblieb, wieder auszulösen, knöpfte er listig den Schwanenjungfrauen und den Zwergen ihren Schatz ab. Doch seine rücksichtslose Betrügerei blieb nicht ohne Folgen, denn die Zwerge verfluchten das Rheingold, insbesondere den Ring. Doch der listige Loki zahlte der Sippe der Wälsungen den Ring und das Rheingold als Wehrgeld…

Vor Gier nach Gold töteten Fafnir und Regin ihren eigenen Vater, Fafnir wurde zum Drachen und behütete den Hort mit dem Gold, Regin wurde Lehrling der Zwerge. Hier zeigen sich erste Unterschiede zum bekannten Nibelungenlied auf, die ich nur stichpunktartig und unvollständig erwähnen werde – so bleibt euch eine gewisse Spannung bestehen, denn die Wälsungen-Saga unterscheidet sich teilweise ganz erheblich von der bekannteren wagnerianischen Fassung!

Im ersten Buch, DIE WÄLSUNGEN, wird erzählt, wie es zum Fluch des Goldes kommt. Streit und Neid in der Sippe führen dazu, dass Sigmund, der Vater Sigfrids, gegen den Gemahl seiner Schwester, Siggeir, Krieg führt. Einem Zweig der Sippe schob Wotan seine Walküre Hild als Frau unter, von dieser rührt die übermenschliche Stärke der Wälsungen her. Mit Sigmunds Tod und der Annahme seiner Frau Herwodis und ihrem ungeborenen Sohn Sigfrid durch den fränkischen Fürsten Alprecht beginnt das zweite Buch.

In SIGFRID beginnt der klassische Teil des Nibelungenlieds, allerdings bekämpft hier Sigfrid nicht den Zwerg Alberich, vielmehr hilft ihm der zum Zwerg gewordene Regin, den Drachen Fafnir zu töten. Auch erbeutet er nicht das Zauberschwert Balmung, sondern er schmiedet das Gram genannte Schwert seines Vaters Sigmund wieder zusammen. Das Verhältnis von Sigfrid zu Gunter und Hagen ist auch differenzierter als bei Wagner: Der grimme Hagen schwört sogar Sigfrid Blutsbrüderschaft, es herrscht kein Hass zwischen den beiden. Auch wird Sigfrid nicht mit Krimhild vermählt, sondern mit Gunters Schwester Gudrun. Die auf Erden gefangene Walküre Brünhild, der er zuvor die Ehe versprochen hat, trickst er ohne eigene Schuld aus, denn ein Liebestrank seiner Schwiegermutter Krimhild lässt ihn alle alten Schwüre vergessen. Doch bald weiß jeder, was Sache ist – und das Unheil nimmt seinen Lauf…

Im letzten Buch, GUDRUN, kommt es zum Streit zwischen Brünhild und Gudrun. Diese fühlt sich betrogen und fordert von allen, den eidbrüchigen Sigfrid zu strafen, zusätzlich fordert sie noch als Königin seinen Kopf. Hagen führt die Pflicht aus, und wird danach von allen gehasst. Gudrun flieht im Zorn auf ihre Brüder und kehrt erst Jahre später zurück, als ihre Mutter Krimhild im Sterben liegt. Sie wird mit Attila, dem König der Hunnen, vermählt. Anders als bei Wagner warnt sie jedoch ihre Brüder Hagen und Gunter, als dieser sie in seine Halle einlädt: Die Römer fordern den Kopf Gunters, und Attila selbst möchte endlich das Gudrun von Sigfrid als Morgengabe überreichte Rheingold. Auch endet das folgende Gemetzel anders, so kämpft Gudrun auf Seiten ihrer Brüder. Mehr verrate ich euch aber nicht.

Es gibt noch einige weitere bemerkenswerte Unterschiede: So wird Sigfrid als starker, mutiger, ehrlicher Kerl beschrieben, der jedoch leichtsinnig und unbedacht handelt, keine Geduld hat und nicht gerade der Hellste ist. Hagen wird als unbeliebter Eigenbrötler beschrieben, der hier jedoch keinen persönlichen Groll gegen Sigfrid hegt, auch nicht als er für das Wohl seiner Sippe – Hagen gehört entfernt zum Zwergengeschlecht der Nibelungen – und für Burgund sich schließlich ins soziale Abseits rückt und Sigfrid tötet. In dieser Fassung hat er sogar eine Frau und einen Sohn, der ihn nach seinem Tod an Attila rächen darf. War bei Wagner die Feindschaft Hagens und Sigfrids sowie der beiden Frauen Krimhild und Brünhild zentrales Thema, wird hier Krimhild zur Drahtzieherin im Hintergrund und durch die nicht rachsüchtige Gudrun ersetzt, Hagen nicht zum Feind Sigfrids, sondern zum doch eher düsteren, aber klugen und bedacht handelnden Vertreter der Zwerge. Auch die Tarnkappe wird anders beschrieben als bei Wagner, die ganze Tötung Fafnirs unterscheidet sich stark von dem, was ich bisher kannte.

Rheingold war wider Erwarten spannend, obwohl ich das Nibelungenlied kannte, insbesondere das erste Buch über die Ursprünge der Wälsungen war mir völlig neu. Alle Personen sprechen ein zeitgemäßes Deutsch, die Sitten, Gebräuche und Anreden, wie „Frowe“ für die Herrin des Hauses, blieben jedoch erhalten. Ebenso das Flair, das eine Sage in meinen Augen ausmacht. Der Sprachstil dürfte jedoch ein breites Publikum ansprechen, ohne dabei auch nur im Geringsten das Nibelungenlied zu profanisieren.

Was mir weniger gut gefiel war ein Hinweis auf Zensur im Nachwort, die „Völsung“-Saga ist in einer wilden und rauhen Zeit entstanden, so wurden Grausamkeiten Siglinds wie das Annähen von Lederhemden in die Haut von Kindern, die sie auf ihr Wälsungen-Blut prüfen will, oder Hagens Rat in der Halle Attilas, das Blut der Gefallenen zu trinken, da Wassermangel herrschte, gestrichen oder durch harmloses Wasser aus der Küche ersetzt. Mich stört das, andere freut es vielleicht, denn obwohl öfter Männer im Kampf sterben, ist das die friedlichste Umsetzung der blutigen Sage überhaupt. Der Kern der Geschichte wird davon nicht berührt, und ich bin mir nicht sicher, ob das Nachwort „in dieser Fassung gestrichen“ nur die deutsche Version oder alle Sprachausgaben von Rheingold meint. So bleiben selbst Szenen wie ein in einen Werwolf verwandelter Sigmund, der Menschen im Wald anfällt, sehr harmlos und unblutig, was das Buch für jüngere Leser eignen würde, aber andererseits zielt es auf ein erwachsenes Publikum ab in Länge, Anspruch und Umfang. Leider erweckt dieser Gewaltverzicht auch oft den Eindruck, Sigfrids Männer wären keine wilden und brutalen Eroberer, oft Vergewaltiger, sondern ein gesitteter Haufen gewesen. Übrigens: Historisch gesichert ist nur die Figur des Gunter, alles andere hat keinen besonders nahen Bezug zur tatsächlichen Geschichte.

Die Übersetzung ist erstklassig, die beiden Übersetzer haben die englischen Varianten der Namen sehr gut und stimmig im Sinne des Autors übersetzt, mein einziger Kritikpunkt an der stilistisch und sprachlich vorzüglichen Leistung: Warum hat man, wenn man heute bekannte Namen wählt und zum Teil auf philologisch korrekte Namensgebung bewusst verzichtet, nicht das heutige SIEGFRIED anstelle von SIGFRID genommen?

Im ganzen Buch ist mir kein einziger Setzungsfehler aufgefallen, Satz und Druck sind ebenfalls ausgezeichnet. Das sehr schöne Titelbild zeigt Brünhild oder Gudrun mit Sigfrids Schwert am Rheinufer. Mit 846 Seiten Umfang, die dicht bedruckt sind in einer platzsparend kleinen Schriftgröße, ist das Buch zudem sehr umfangreich. Selbst Vielleser haben einiges zu tun. Es ist sehr gut gebunden, selten ist ein Softcover so gut verarbeitet, dass die Seiten nicht zur Loseblattsammlung mutieren und es sich nicht selbst zublättert. Zum Glück, bei dem Unfang wäre das auch eine ziemliche Plage.

Ein großer Mythos – für unsere Zeit neu erzählt. So steht es auf dem Buchrevers. Dem kann ich mich nur anschließen. Wer auch nur einen kleinen Funken für Sagen oder Geschichte allgemein übrig hat, sollte sich das Buch unbedingt kaufen. Selbst wer das Nibelungenlied kennt – Grundys Mix aus dem von Wagner her bekannten Stoff und der Völsung-Saga ist gerade wegen der oft gravierenden Unterschiede sehr interessant zu lesen. Wer auf den Geschmack gekommen sein sollte und mehr über den auch hier mysteriösen Hagen lesen möchte, dem sei das inoffizielle Prequel „Wodans Fluch“ vom gleichen Autor empfohlen. „Rheingold“ ist ein Buch, das jeden Cent wert ist.

Follett, Ken – Leopardin, Die

Frankreich, 28. Mai 1944: Die alliierte Landung in der Normandie steht kurz bevor. Die Résistance begeht verstärkt Sabotageakte hinter den feindlichen Linien, sprengt Bahntunnel und Kommunikationsknoten. An einem besonders schwer zu knackenden Château in Saint-Cécile, in dem eine hochmoderne Fernmeldezentrale sowie ein Gestapo-Hauptquartier untergebracht sind, versucht sich nun der Bollinger-Kreis unter der Leitung der britisch-französischen Top-Agentin Felicity Clairet, genannt Flick, bekannt unter dem Decknamen „Die Leopardin“… Doch der frontale Überraschungsangriff schlägt fehl, fast alle werden erschossen oder gefangen genommen – und mit Major Dieter Franck ist ein gefürchteter Verhörspezialist vor Ort.

Flick hat jedoch einen neuen Plan: Mit den Ausweisen der nur aus weiblichen Mitgliedern bestehenden Putztruppe könnte man ein sechsköpfiges Team in das Château einschleusen und Sabotage verüben – effektiver als die bisher fruchtlosen Bomberangriffe und der gescheiterte Handstreich. Doch man gibt ihr nur noch wenige Tage Zeit in London, da man in Kürze die Invasion starten will. So kann Flick bei der Wahl ihrer Begleiterinnen nur auf den nicht zur Agentin geeigneten Rest zurückgreifen, den man bestenfalls als dritte Garnitur bezeichnen kann: Die Sprengstoffexpertin ist eine ehemalige Panzerknackerin, der Fernmelde-Experte ein Transvestit, auch der Rest der Truppe wäre unter normalen Umständen niemals eingesetzt worden.

Gefährlich wird die Situation durch Major Franck: Anders als der nur durch seine Führertreue glänzende Sturmbannführer Willi Weber schleicht er sich geschickt in die Reste der Zelle von Flicks Ehemann Michel ein, und es gelingt ihm, sich das Vertrauen des Kontaktmanns „Helicopter“ zu erschleichen – er kennt nicht den genauen Auftrag Flicks, aber er weiß, wann und wo sie und ihre „Dohlen“ in der Normandie landen wollen… Ein SS-Empfangskomitee steht zur Begrüßung schon bereit…

Sehr spannend, gut recherchiert, sehr realistisch und… leider dann doch stellenweise sehr trivial. Begeistern konnten mich Feinheiten des Spionagewesens, so zum Beispiel, wie eine Zelle operiert, in der ein Mitglied gerade mal das andere kennt und sonst wenig mehr über den Rest weiß. Auch sorgen delikate Konkurrenz zwischen MI6 und Flicks Sabotage-Abteilung SOE für Spannung, Fehler und Misserfolge schiebt man gerne der anderen Abteilung unter. Bei den Deutschen ist es kaum anders: Der intelligente Wehrmachts-Major Franck ist ein cleverer Fuchs, der seinen Gefangenen Informationen etwas subtiler als der brutale Folterknecht Becker und sein nicht minder grober Chef, Sturmbannführer Willi Weber, entlocken kann. Beide können sich nicht leiden, der dumme Weber, der durch seine Führertreue im Reich begrenzt Karriere machen konnte, neidete dem Lebemann Franck schon damals bei der Kölner Polizei seinen Erfolg.

Franck selbst ist neben Flick eine der interessantesten Figuren: Er ist wahrhaft ein Kriegsgewinnler. Er fährt einen exklusiven Sportwagen, hat einen Adjutanten, führt an und für sich ein Leben, das er in Friedenszeiten niemals hätte, kommt in der Welt herum und liebt Frankreich. Seine halbjüdische Mätresse Stéphanie hat er sich in seiner manipulativen Art gefügig gemacht, aber da er grundsätzlich kein schlechter Mensch ist und sich selbst in seine Gespielin immer mehr verliebt, kann man ihn sogar sympathisch finden, trotz der Grausamkeiten, die er seinen Gefangenen zufügt.

Doch in Flick hat er eine erfahrene Gegenspielerin. Die harte und mit allen Wassern gewaschene Agentin führt trickreich ihr unerfahrenes Team ins Gefecht und ist ihm immer einen Schritt voraus, so dass sie trotz der Gefangennahme und dem Tod einiger ihrer Begleiterinnen entwischen kann.

Insgesamt ein sehr spannender Agenten-Thriller aus dieser Zeit, der leider auch einige sehr triviale Elemente beimischt: So betrügt Michel, Flicks Ehemann, sie mit der blutjungen Gilberte, etwas, das Franck zu nutzen weiß. In London verliebt sich derweil Flick in Paul Chancellor, der die Leitung ihres gewagten Putztruppen-Einsatzes übernommen hat. „Greta“ ist natürlich die einzig greifbare Transvestiten-Alternative zu einer echten Fernmelde-Expertin für die Truppe, wobei ich mich frage wozu man eine solche braucht, eine Sprengmeisterin hat man ja bereits und will sowieso fast das ganze Château in die Luft jagen. Als offenkundig wird, dass Flick in Gefahr ist, fliegt ihr Paul nach Frankreich nach – und das keine drei Tage vor der möglichen Invasion. An und für sich schon unlogisch, so noch unglaubwürdiger. Weiter dreht sich das Liebeskarussell: Nun verliebt sich auch Diana, eine alte Freundin von Flick, in die weniger kluge Maude, die auch zum Team gehört. Beide sind natürlich in Frankreich ein gefundenes Fressen für Franck und die Gestapo…

Die Rekrutierung der natürlich wegen ihrer Mängel recht schillernden Figuren der Damen geht auch bemerkenswert flott und problemlos voran. Wenigstens wird die pathologische Lügnerin, die ihr Maul nicht halten kann, in England zurückgelassen…

Diese ärgerlichen Mängel, die man eher in einem Groschenroman erwarten würde, und die unnatürlich vielen Liebschaften konnten mir das Buch trotz allem nicht vermiesen. Flick und Franck sind tolle Antagonisten, Spionage und Agententätigkeit an und für sich ein interessantes Thema, vor allem wenn es so gut recherchiert und dargestellt wird. Dass Flick und viele Mädels sowie ihr Mann Michel allesamt recht hübsch sind, ließ mich manchmal daran denken, wie einfach man aus diesem Roman ein Drehbuch machen könnte – Liebe, Sex, Gewalt, Schießereien, Nazis – was braucht man in Hollywood mehr?

Für zarte Gemüter ist das Buch nichts: Die perversen Foltermethoden der Gestapo mit weiblichen Gefangenen, ich deute nur mal an wo man überall am Körper Klemmen für Elektroschocks anschließen kann, wenn man jemand demütigen und wehtun will, sind starker Tobak. Mir hat es sogar besser gefallen als Follett’s Einstands-Klassiker „Die Nadel“, da „Die Leopardin“ actionlastiger und spannender ist. Zu dem plötzlichen Hormonkoller aller Beteiligten möchte ich sagen: Liebe und Krieg sind und waren schon immer Garanten für Spannung und emotionale Beteiligung, auch wenn hier übertrieben wurde.

Das Buch hat einen etwas einfallslosen Papierumschlag, das Hardcover ist aber sehr gut gebunden und der Druck von hoher Qualität. Tippfehler fand ich keine, jeder Tag der Handlung ist ein Kapitel und wird mit einer schönen Bleistiftillustration eingeleitet. Die Übersetzung machte auf mich einen sehr guten Eindruck. Gesalzen ist der Preis: Für die 543 Seiten muss man glatt 24 Euro (Mai 2003) berappen! Immerhin ist dafür wenigstens ein Stoff-Leseband in die Bindung eingenäht.

Ich bin mir sicher, die „Leopardin“ und Major Franck werden uns über kurz oder lang im Kino beehren. Selten war ein Roman schon in Rohform so gut zur Verfilmung geeignet. Die Rechte hat Dino de Laurentiis – wer nicht warten will, sollte zugreifen, bis auf kleine Schönheitsfehler ist „Die Leopardin“ ein unheimlich spannender und sehr gut gelungener Unterhaltungs-Agententhriller.

Ken Follett’s Homepage (englisch): http://www.ken-follett.co.uk/
„Die Leopardin“ Homepage (deutsch): http://www.die-leopardin.de/

Dan Brown – Illuminati

Das Weiße Haus bot schon oft Romanstoff für Bombenattentate, aber das kann man noch steigern: Auch den Vatikan mitsamt Papst einzuäschern, verspricht Spannung satt.

Der Streit zwischen katholischer Kirche und der Wissenschaft ist uralt. Galileo Galilei’s heliozentrisches Weltbild wurde Jahrhunderte lang nicht anerkannt, trotz aller Fakten, die dafür sprachen. Hier setzt der Autor Dan Brown an: Die legendäre Bruderschaft der Illuminaten stand Pate für den deutschen Titel des schon im Jahre 2000 in den USA veröffentlichten Thrillers „Angels & Demons“.

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