Alle Beiträge von Michael Drewniok

Sardou, Romain – dreizehnte Dorf, Das

Im Januar des Jahres 1284 verschlägt es den jungen Priester Henno Gui nach Südfrankreich und dort in das Dörflein Domines. Es gehört zur winzigen und völlig unbedeutenden Diözese Draguan, die außerhalb dieses abgelegenen Landstrichs kaum jemand kennt. Beschaulich geht es hier normalerweise zu, doch in diesen Tagen herrscht große Aufregung: Kurz vor Guis Ankunft wurde der alte Bischof Haquin von einem Unbekannten brutal ermordet.

Die abergläubischen Dorfbewohner sehen sofort einen Zusammenhang mit unheimlichen Vorkommnissen im Vorjahr. Da hatte der Fluss Montayon die Leichenteile eines Herzogs und seiner beiden Söhne angespült. Sie hatten sich im dichten Wald verirrt und waren dort ihren Mördern in die Arme gelaufen. Haquin hatte damals flussaufwärts Nachforschungen anstellen lassen. Dabei war zwar nicht der Täter, aber etwas viel Seltsameres entdeckt worden: Heurteloup, das unbekannte dreizehnte Dorf der Diözese, tief verborgen in Wald und Sümpfen, seit 1233 ohne jeden Kontakt zur Außenwelt.

Menschen ohne geistige Führung (und Kontrolle)? Das kann die Kirche nicht dulden! Haquin wollte Gui als „Missionar“ nach Heurteloup schicken. Dieser übernimmt den Auftrag und macht sich mit seinem Schüler Floris de Meung und dem Riesen Mardi-Gras auf in die feindliche Wildnis …

Derweil bringt Haquins Vikar Chuquet die Leiche seines ermordeten Herrn nach Paris. Er nutzt die Gelegenheit, um eigene Nachforschungen anzustellen. Haquin war ein Mann scheinbar ohne Vergangenheit, aber von großem Wissen, der keineswegs in ein Nest wie Domines gehörte. Tatsächlich kommt Chuquet in Paris eigentümlichen Vertuschungen auf die Spur. Offenbar war Haquin in eine alte Verschwörung des „Konvents von Armaggedon“ verwickelt, die mächtige Kirchenmänner aus ganz Europa einschließt und ihr Zentrum womöglich am Hofe des Papstes in Rom hat. Aus Chuquets Suche nach der Wahrheit wird bald eine wilde Flucht vor unsichtbaren, aber unerbittlichen Feinden …

In Rom bittet der Ritter Enguerran du Grand-Celier, Held diverser Kreuzzüge, im Papst- Palast, dem Lateran, Artemidore, den Kanzler Martins IV., demütig um das Leben seines Sohnes. Aymard hatte seinen Adelsstand ausgenutzt, um mit verderbten Freunden den „Orden der Frommen Brüder“ zu gründen. Dieser diente als Kulisse für einen Kreis blasphemischer Teufelsanbeter, die zudem hohe Stiftungsgeldsummen veruntreuten. Eigentlich müsste Aymard vor Gericht gestellt werden, aber sogar der Papst fürchtet den Skandal. So wird Aymard der geheimen Gemeinschaft von Albert le Grand überstellt und dort zu einem robotergleichen Gotteskrieger dressiert, der für den Konvent in Heurteloup diverse Drecksarbeiten erledigen soll …

Wüste Verschwörungen in ferner Vergangenheit, die ihren Weg niemals in die Geschichtsbücher gefunden haben, sind eindeutig „in“, wie der Blick auf die Bestsellerlisten zeigt. Das gilt besonders, wenn das geheimnisvolle Geschehen sich auf den Vatikan konzentriert: Die katholische Kirche, der älteste Konzern der Welt, ist nicht für seine Offenheit im Umgang mit der eigenen Geschichte bekannt. Dafür gibt es gute Gründe, haben sich doch die Päpste im angeblichen Namen des Herrn seit jeher diverser und recht monumentaler Verbrechen schuldig gemacht, die dann mehr schlecht als recht, aber unter Einsatz von Gewalt und Drohungen vertuscht werden sollten.

Wo man nichts Genaues weiß, lässt sich herrlich spekulieren. Zwei Jahrtausende Geschichte bieten mehr als genug Nischen dafür, zumal die Kirche immer noch Züge einer Geheimgesellschaft aufweist. Im Mittelalter war sie sogar eine reale politische Macht, die durchaus Interesse an der Weltherrschaft zeigte – selbstverständlich wiederum nur im Dienst der göttlichen Sache …

Im 13. Jahrhundert wogt der Kampf zwischen Kirche und Welt mächtig hin und her. Auch innerhalb der Kirche gibt es reichlich Ränke und Intrigen. Die zunehmende Verweltlichung, die Korruption lässt konservative Kleriker an der Kirche zweifeln. Immer wieder spalten sich Gruppen ab, die teils misstrauisch beobachtet, wie die Bettelorden, teils als „Ketzer“ verfolgt werden, wenn sie sich nicht Rom unterwerfen wollen. Ihre Zahl ist so groß geworden, dass der Stuhl des Papstes durchaus wackelt. Deshalb ist die „offizielle“ Kirche nervös und schlägt hart zu, wo sie ihre Privilegien in Gefahr sieht.

Eine verheißungsvolle Kulisse für einen historischen Roman; sie wird nicht zum ersten Mal genutzt. Weil ihm die Realität als Schablone nicht ausreichend erscheint, greift Autor Romain Sardou außerdem auf Elemente des Mystery- und Horrorthrillers zurück. „Akte X“ selig ist Kinderkram gegen die x-fach verwuselte Story vom Komplott um die Macht auf dem europäischen Kontinent.

Kinderkram ist leider auch die Lösung, die sich der Verfasser für seinen vielen Haupt- und Nebenplots einfallen ließ. Sie sollen an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden, aber eine Warnung sei gestattet: Die sorgfältig aufgebaute und kunstvoll geschürte Spannung fällt im Finale zusammen und wird sogar von Enttäuschung abgelöst. S o dämlich waren auch die Menschen des Mittelalters nicht, wie Sardou es ihnen hier unterstellt!

Nicht die Unwahrscheinlichkeit des Geschehens irritiert dabei – dies ist schließlich ein Unterhaltungsroman, kein Sachbuch. Es genügt, wenn die historischen Fakten nicht gar zu sehr vernachlässigt werden, was man dem Verfasser nicht vorwerfen kann: Er hat seine Geschichte geschickt in diverse Lücken platziert oder bedient sich interpretationsfähiger Episoden der Vergangenheit. Nein, es ist die schiere Unlogik, mit der sich der Handlungsknoten schürzen soll. Alle Stränge, die bisher weitgehend selbstständig liefen, sollen sich in Heurteloup treffen, doch das will einfach nicht klappen. Da verwundert es überhaupt nicht, dass am Ende ein gigantisches Gemetzel steht, das praktisch keine Hauptfigur mehr überleben lässt. Sardou fand wohl keine andere Möglichkeit mehr, seine Geschichte zum Abschluss zu bringen.

Bis sich die Ernüchterung einstellt, bietet „Das dreizehnte Dorf“ freilich die angestrebte Unterhaltung. Der nüchterne Stil, die kurzen Sätze fördern den Eindruck, eine reale historische Episode zu verfolgen. Die zeitgenössischen Impressionen aus Paris oder Rom fallen auffällig zurückhaltend aus; der Verfasser ergeht sich nicht in Details, sondern ordnet den Orte stets seiner Handlung unter, zeigt sogar die großen Städte der Vergangenheit aus der Sicht seiner gehetzten, an Wichtigeres denkenden Figuren.

Sucht man für „Das dreizehnte Dorf“ nach einer Schublade (oder einem Vorbild?), könnte man die Geschichte übrigens mit dem (ebenfalls französischen) Erfolg „Le pacte des loups“ (dt. „Der Pakt der Wölfe“) vergleichen; die winterkalte Stimmung, die Atmosphäre des Unheimlichen prägt vor allem den gleichnamigen Film.

Groß ist die Zahl der Figuren, die Sardou Abenteuer erleben lässt. Es verwirrt zunächst, dass sich diese höchstens zufällig über den Weg laufen, aber ansonsten isoliert agieren. Der ständige Wechsel der Schauplätze ist Stilmittel, er ist zudem wichtig, denn Aktion muss vor allem im zweiten und dritten Teil Tiefe und erzählerische Dimension ersetzen.

Im Zentrum des Geschehens stehen „gute“ und „böse“ Kirchenmänner. Die Fronten sind klar, sie wurden vor allem in der Gegenwart gesteckt: „Gut“ sind Männer wie Henno Gui oder Chuquet, die sich den alten Idealen der Kirche und den Menschen verpflichtet fühlen. Auf der Gegenseite stehen die Mitglieder des „Konvents“, die vor allem die Macht lieben und zu allen Schandtaten bereit sind, um der Sache der Kirche, wie sie diese interpretieren, und natürlich dem eigenen Vorteil zu dienen.

Leider fällt Sardou wenig Neues ein. Er zeichnet uns Pfaffenbilder, die wir schon kennen. Höchstens Chuquet macht einen Wandel durch, entwickelt sich vom kritiklosen Jasager zum Kämpfer für das Recht. Der Papst ist dieses Mal nicht der Böse, sondern eher der Dumme. Den Rest der Welt vermittelt uns der Verfasser als Spielball der Kirche. Dass dem in der Realität längst nicht so war und sich die Könige, Herzöge oder Grafen ihrer Haut schon zu wehren wussten, deutet er zwar an, negiert es freilich um der Story willen. Er müsste sonst beispielsweise auf den schwachsinnigen Einfall verzichten, sich den Konvent die Heerstraße nach Heurteloup quasi erkaufen zu lassen.

Die Bewohner des „dreizehnten Dorfes“ stellen nach dem Willen Sardous Ratten in einem Versuchslabor dar. Als solche mimen sie als moderne Wilde die üblichen Bewohner einer vergessenen Welt. Sie können niemals Profil gewinnen, bleiben exotische Statisten, deren Schicksal kalt lässt. Der Verfasser muss zu viele Bälle gleichzeitig jonglieren. Nur selten bleibt ihm die Zeit, konturstarke Protagonisten für sein Spiel zu schnitzen.

Er verzettelt sich gern, manchmal witzig (Bischof Haquin blättert im „Necronomicon“, dem fiktiven Buch des absoluten Bösen, das Phantastik-Klassiker H. P. Lovecraft erfand), dann verwirrend (Elfen treten als Gaststars auf), manchmal sogar ärgerlich (Irgendwo in Asien hat der „Konvent“ – wahrscheinlich durch Vermittlung Quentin Tarantinos – einen weisen Chinamann angeheuert, der die geheime Kunst der fernöstlichen Gehirnwäsche beherrscht). „Das dreizehnte Dorf“ ist ein wenig zu sichtbar auf den Effekt hin inszeniert.

Es bleibt ein historischer Roman, der mit Vorschusslorbeeren bedacht wurde (s. u.), die er so nicht verdient – ein interessanter Bucherstling, der stark beginnt, aber im wichtigen Schlussteil arge Schwächen an den Tag legt, lesenwert, aber auch enttäuschend: ein Retorten-Bestseller halt.

Romain Sardou (geb. 1974) trägt einen wahrlich großen Namen: Sein Vater ist der Chansonier Michel Sardou, was sicherlich recht praktisch war, als es darum ging, für das Manuskript von „Das dreizehnte Dorf“ einen Verlag zu finden und das fertige Werk zu vermarkten.

Für seinen Erstling konnte Sardou jr. auf einschlägige Erfahrungen im modernen Unterhaltungsgewerbe zurückgreifen. Er arbeitete in der (Kinder-)Filmindustrie von Hollywood, wo er offenkundig lernte, ein öffentlichkeitswirksames Garn zu spinnen. Der „Traum vom großen historischen Roman“ (so pompös der Klappentext) trieb ihn zurück nach Paris.

„Groß“ ist „Das dreizehnte Dorf“ tatsächlich geworden – zwar nicht ob seiner literarischen Qualitäten, aber als Produkt: Gleich in zwölf Ländern wurde es mit viel Mediendonner auf den Buchmarkt gebracht und entwickelte sich offenbar planmäßig zum Verkaufsschlager. Über weitere Sardou-Stücke („Le roman du temps“ ist Epos Nr. 2) werden wir sicherlich bereits im Vorfeld ausgiebig informiert …

Colin Forbes – Das Double

Das geschieht:

Im März 1943 gelingt es deutschen Widerstandskämpfern, Adolf Hitler, Diktator des „Dritten Reiches“, zu töten, als dieser von der russischen Kriegsfront in sein geheimes Hauptquartier, die „Wolfsschanze“, fliegt. Reichsleiter Martin Bormann, skrupelloser Drahtzieher im Schatten seines „Führers“, kann das Attentat, das dem Nazi-Regime ein Ende bereiten würde, geheim halten. Vor Jahren hat er bereits ein Hitler-Double ausgebildet. Der ehemalige Schauspieler Heinz Kuby beherrscht die Rolle seines Lebens perfekt. Nun soll er den Krieg als Marionette Bormanns fortsetzen. Aber Kuby hat nicht nur Hitlers Aussehen und Auftreten, sondern auch seinen Größenwahn übernommen. Bormann steckt in der Klemme, denn er kann auf Kuby nicht verzichten.

Die Alliierten planen einen gewagten Agenteneinsatz gegen das Reich. Ein sorgfältig präparierter ‚Überläufer‘ wird in die „Wolfsschanze“ eingeschleust: Ian Lindsay ist ein Neffe des Herzogs von Dunkeith. Hitler hat ihn vor dem Krieg persönlich kennen und schätzen gelernt. Lindsay soll dem „Führer“ ein geheimes Friedensangebot unterbreiten. Hitler, dem wegen der deutschen Schwierigkeiten an der Ostfront eine Ruhepause im Westen sehr gelegen käme, müsste eigentlich anbeißen, doch Hitler ist nun Kuby, der Lindsay nie getroffen hat … Colin Forbes – Das Double weiterlesen

Robert Harris – Pompeji

Im Jahre 79 n. Chr. steht der Vulkan Vesuv kurz vor einem Ausbruch. Warnungen werden ignoriert, Gegenmaßnahmen kommen zu spät; die antike Welt geht zumindest am Golf von Neapel unter … – Mischung aus Historien- und Katastrophenroman, in beiden Bereichen sorgfältig recherchiert, angenehm sachlich und doch stimmungsvoll geschrieben: keineswegs das von der Werbung behauptete Literaturereignis aber eine spannende, lesenswerte Geschichte.
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Fleischhauer, Wolfram – Buch, in dem die Welt verschwand, Das

Eines Wintertages im Jahre 1780 wird der junge Arzt Nicolai Röschlaub aus Nürnberg vom Kammerherrn Selling in das Schloss des Grafen Alldorf gerufen, der seit längerer Zeit unpässlich ist. Röschlaub findet den Adligen tot, vergiftet – ein Selbstmord, nachdem Alldorf die Qualen einer mysteriösen Krankheit nicht länger ertragen konnte. Vor ihm waren ihr schon sein beiden Kinder und die Gattin zum Opfer gefallen.

Aus einer Tragödie wird ein Skandal, als sich herausstellt, dass Alldorf im großen Stil Immobilienschwindel und Kreditbetrug betrieben und eine ungeheuerliche Geldsumme zusammengetragen hat, die nach seinem Tod verschwunden ist. Offenbar gehörte der Graf einer obskuren Geheimorganisation an, die Übles gegen den Kaiser plante.

Bald ist Röschlaub wieder im Schloss. Der gefürchtete Giancarlo Di Tassi, Justizrat des Reichskammergerichts zu Wetzlar, hat sich des Falls angenommen. Gerade hat man den inzwischen verschwundenen Selling aufgefunden: grausam ermordet und verstümmelt, zu Füßen der Leiche eine bewusstlose Frau, die alles mit ansehen musste. Magdalena Lahner ist für den notorisch misstrauischen Di Tassi sehr verdächtig. Um sie, in die er sich umgehend verliebt, zu schützen, aber auch um seine Karriere in Gang zu bringen, lässt sich Röschlaub als Berater des Justizrates anwerben. Freilich hat er keine Ahnung, dass dieser auch ihn für einen Komplizen des Grafen hält.

Gemeinsam untersuchen Di Tassi und Röschlaub eine Serie seltsamer Postkutschen-Überfälle: Nichts wird geraubt, nur die Kutschen samt Ladung in Brand gesteckt. Es ergibt sich ein Muster: ein gigantisches, auf den Kopf gestelltes Kreuz, das ganz Deutschland erfasst! Aber das ist nur eines der unzähligen Rätsel, vor das sich die Ermittler gestellt sehen. Hinter jedem Mysterium tut sich ein neues Geheimnis auf. Für Röschlaub wird aus Spiel Ernst, als er erkennt, dass auch Di Tassi keineswegs der ist, für den er sich ausgibt. Gemeinsam mit Magdalena flieht er vor dem übermächtigen Feind, um nun selbst der Sache auf den Grund zu gehen – doch wer ist eigentlich Magdalena, die so viel mehr weiß als sie bisher zugab …?

Die gerade skizzierte Handlung gibt nur einen Bruchteil des Gesamtgeschehens wieder. „Das Buch, in dem die Welt verschwand“ weist einen komplexen (und komplizierten) Plot auf, der manchmal hinter diversen Erzählsträngen schwer zu erkennen bleibt. So ist es freilich vom Verfasser geplant: Seine Geschichte dreht sich weniger um die Macht obskurer Geheimbünde, sondern mehr um die Kraft oder die Ohnmacht von Ideen.

Als reine Kriminalstory mit Mystery-Touch funktioniert „Das Buch …“ über drei Viertel seines Umfangs fabelhaft. Selten liest man – zumal in Deutschland – ein Werk, das so geschickt konstruiert und elegant geschrieben wurde. Der Fan des Genres wird nicht vermissen, was er (oder sie) so liebt: Illuminaten, Rosenkreuzler & andere kapuzinierte Munkelmänner, Meuchelmörder, Räuber, Verschwörer, Geheimagenten, Intriganten, eine Maschine zum Sternenstaubsammeln, das alles dargeboten in der Welt des Jahres 1780. Jede Person spielt ein doppeltes, dreifaches Spiel, niemandem kann getraut werden, eine Hitchcocksche Atmosphäre des Misstrauens ist allgegenwärtig.

Es macht Freude diesen Thriller zu lesen, der sich so geschickt einer vergangenen Zeit zu bedienen weiß. Das alte Deutsche Reich in seinen letzten Zügen, ein seltsames Konglomerat aus unzähligen mittelgroßen, kleinen und kleinsten Fürstentümer und Kirchenstaaten, freien Städten und Abteien, in ihrer Gesamtheit notdürftig als „Deutschland“ unter einen Hut gebracht, tatsächlich aber hoffnungslos untereinander konkurrierend, sich verbündend, streitend … Das Leben muss vor allem für den, der viel reiste, ein Albtraum gewesen sein. Fleischhauer lässt seinen Nicolai Röschlaub diese Erfahrung mehr als einmal machen.

Viele Ereignisse knüpfen an diesen seltsamen territorialen Flickenteppich an, können sich nur hier so abspielen. Die oft bizarren Auswirkungen wirken in diesem Umfeld ganz natürlich, zumal Fleischhauer sein Wissen um die Vergangenheit nie aufdringlich doziert, sondern unauffällig in die Geschichte einfließen lässt. Das gilt ebenso für die politischen, religiösen oder wissenschaftlichen Entwicklungen dieser Epoche. Wir erkennen rasch, wieso der Autor sein Garn gerade gegen Ende des 18. Jahrhunderts spielen lässt.

Dies ist die Nahtstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Absolutismus und Aufklärung. Auf der einen Seite symbolisiert das Deutsche Reich noch das Mittelalter mit seiner Adels- und Kirchenherrschaft, seinen Glauben an Geister und Hexen, an die Unwandelbarkeit der Welt. Auf der anderen Seite steht die neue Zeit, deren Repräsentanten sich nicht mehr mit der alten Ordnung abfinden wollen. Die Wissenschaft schreitet voran, politisch weht in Preußen und besonders in Frankreich ein frischer Wind. Die Kirche kann ihre Vormacht nicht mehr halten, die Protestanten sind eine Macht geworden, die sich gegen Rom zur Wehr setzen kann.

Alle Fixpunkte der (deutschen) Existenz sind ins Rollen und Rutschen geraten. Um die Konsequenzen geht es in diesem Roman. Die Vertreter der alten Ordnung kämpfen gegen ihre Angst, dass deren Untergang das Ende der Welt einläuten wird, und natürlich für ihre Privilegien. Dagegen verlangen die Repräsentanten der Moderne den rigorosen Schnitt mit der Vergangenheit, der ihrer Meinung nach der Menschheit den Start in eine glanzvolle Zukunft ermöglichen wird.

„Das Buch, in dem die Welt verschwand“, verfasst vom Philosophen Immanuel Kant, ist Fleischhauers Symbol für den daraus erwachsenen Konflikt. Die Auflösung der unzähligen Geheimnisse wird viele Leser verwirren. Ihre Irritation entsteht aus Unwissen. Kann denn eine Idee eine ganze Welt aus den Angeln heben? Die Angst davor Menschen umbringen? Es fällt schwer nachzuvollziehen, dass dies wirklich geschehen ist. Zwar überspitzt Fleischhauer aus Gründen der Dramatik die reale Historie, doch es ist eine Tatsache, dass schon das Deutschland von 1835 – dem Datum der Rahmenhandlung – keine Ähnlichkeit mehr mit dem Deutschland von 1780 aufweist. Letzteres ist nach Fleischhauer in der Tat in einem Buch verschwunden – eine interessante, ungewöhnliche Interpretation, die nachhaltiger wirkt als das übliche Schlussgemetzel zwischen „Gut“ und „Böse“.

Nicolai Röschlaub, unser „Held“, ist in vielerlei Hinsicht ein reiner Tor. Er ist keineswegs dumm, aber sehr naiv. Mit anderthalb Beinen steht er bereits in der neuen Zeit. Die Ränken in Politik und Gesellschaft sind ihm fremd, für ihn steht die unverfälschte Wahrheit im Vordergrund. Deshalb hat er mit seinen eigenen medizinischen Forschungen kläglich Schiffbruch erlitten – nicht weil er falsch liegt, sondern weil er nicht über das diplomatische Geschick verfügt, diese Wahrheit über die richtigen Kanäle zu verbreiten.

Aber echter Forschergeist lässt sich nie wirklich unterdrücken. Bald spürt Röschlaub neuen Krankheitserregern nach. Dieses Mal bleibt er bis zum bitteren Ende dabei. Das widerstrebt seinem eigentlichen Wesen, aber es bleibt ihm gar nichts Anderes übrig. Siehe da, in der Krise entwickelt Röschlaub Überlebensqualitäten. Und zuletzt ist er es, der das Geheimnis des Buches nicht nur entdeckt, sondern überlebt und sogar profitiert.

Magdalena scheint zunächst die übliche weibliche Hauptrolle an der Seite von Röschlaub zu spielen. Auch hier durchbricht Fleischhauer das Klischee: Das angebliche Opfer entpuppt sich als religiöse Fanatikerin und gehört auf ihre Art in dasselbe Lager des Feindes wie Di Tassi. Beide wollen sie die alte Ordnung – ihre alte Ordnung – retten, fürchten sich vor einer Zukunft, die sie nicht mehr lenken, in der sie nicht mehr bestimmen können.

Wobei Di Tassi die politische Reaktion repräsentiert. Er spielt viele Rollen, dient aber letztlich dem Kaiser, das heißt dem Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, dessen pompöser Titel mit der traurigen Realität kaum noch etwas gemein hat. Fortschritt ist für Di Tassi per se gefährlich und muss aufgehalten werden. Als ihm das nicht mehr gelingt, verschwindet er spurlos aus unserer Geschichte.

Wolfgang Fleischhauer wird am 9.Juni 1961 in Karlsruhe geboren, wo er bis zu seinem Abitur 1974 lebte. Anschließend studierte er Literatur in Deutschland, Spanien, Frankreich und den USA. Dort schrieb er sich in diverse Kurse für kreatives Schreiben ein. Nach langjährigen Recherchen entstand 1996 „Die Purpurlinie“, ein historischer Thriller, der Kritiker und Leser sind gleichermaßen begeisterte.

Mit „Die Frau mit den Regenhänden“ blieb Fleischhauer dem Genre 1999 treu. Er wurde für sein Werk mit dem dritten Platz des Deutschen Krimipreises 2000 (Sparte „National“) ausgezeichnet. Im Sommer 2001 erschien „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“, ein in Südamerika spielende Geschichte um Liebe und Verrat, Macht und Politik.

Fleischhauer lebt in Brüssel und arbeitet als Konferenzdolmetscher bei der EU-Kommission.

Pringle, Heather – Mumien-Kongress, Der. Reise in die Welt des ewigen Todes

„Der Kongress“ ist es, der die Wissenschaftsjounalistin Heather Pringle anfänglich in den Bann zieht. Genauer gesagt ist es der „3. Weltkongress der Mumienforschung“, an dem sie auf der Suche nach Berichtenswertem im fernen chilenischen Arica als Zuhörerin teilnimmt. Aus der ganzen Welt sind kluge Männer und Frauen zusammengekommen, um über künstlich oder zufällig konservierte Leichen und deren Aussagewert für die Wissenschaft zu diskutieren.

Pringle erwartet, an einen unheimlichen Ort voller Sonderlinge zu geraten. Dies bestätigt sich voll und ganz, aber nach kurzer Zeit ist sie den Mumien trotzdem gänzlich verfallen: Ihrer morbiden Faszination kann offenbar niemand widerstehen. Die Mumienforscher entpuppen sich zudem bei aller Verschrobenheit als liebenswürdige, kontaktfreudige Menschen, die gern über ihre Arbeit Auskunft geben.

So beschließt Pringle, sich nach dem Besuch in Arica nicht sogleich anderen Themen zu widmen, sondern sich echten Eintritt in die Welt der Mumien zu verschaffen. Sie beschließt dort damit zu beginnen, wo aus Laiensicht alles begann: im alten Ägypten. „Das Messer des Pathologen“ beschreibt zum einen die Grundlagen der Mumifizierung. Es ist gar nicht so leicht Menschenfleisch wirklich haltbar zu machen. Längst sind die diesbezüglichen Geheimnisse nicht alle gelöst. Eine Gruppe von Forscher studiert den Prozess und sein Objekt am Ergebnis selbst, d. h. an der Mumie. Die wird zu diesem Zweck wie eine x-beliebige Fundleiche auf den Untersuchungstisch gehievt, um anschließend nach allen Regel ärztlicher Kunst auseinandergenommen zu werden. Die Einzelteile werden anschließend à la „CSI“ mit moderner Labortechnik untersucht.

Erstaunliches kommt dabei ans Licht. Mit ein gutes Argument gegen jene, die sich gegen die Störung der Totenruhe aussprechen – Mumien waren schließlich einst Menschen, die viel Zeit & Geld in ihre körperliche Unsterblichkeit investierten -, ist nicht die reine wissenschaftliche Neugier, sondern der „allgemeine Nutzen“. So ist auch das moderne Ägypten ein von fiesen Wasserparasiten geplagtes Land. Deren Lebenskreislauf ist unerhört kompliziert. Eines steht fest: Eine fest eingeplante Station ist der Mensch. Die unglücklichen „Wirte“ verenden an grausigen Krankheiten, die sich nach wie vor nicht heilen lassen. Es gilt mehr über diese uralten Geißeln der Menschheit zu erfahren – und uralt sind sie wirklich, denn sie lassen sich in Mumien nachweisen und so besser erforschen.

„Drogenbarone“ überschreibt Pringle provokativ das nächste Kapitel. Mumienforscher sind keineswegs ein einig‘ Volk gemeinsam studierender Brüder & Schwestern. Eifersüchtig hüten sie ihre „Claims“, verteidigen ihre Theorien, befehden einander. Einen Aspekt dieses an sich gesunden, die Diskussion in Gang haltenden Verfahrens greift Pringle auf, als sie das Rätsel auffälliger Kokain- und Tabaknachweise in Mumiengewebe beschreibt. Gab es etwa urzeitliche Verbindungen zwischen Altägypten und Südamerika?

Mumien sind das ideale Objekt für „Kriminalgeschichten“. Sie konservieren oft unabsichtlich die Geschichte eines gewaltsamen Todes. Überall auf der Welt werden mumifizierte Männer und Frauen gefunden, die man erdrosselt, denen man den Hals durchgeschnitten oder die man sonstwie zu Tode gebracht hat. Dies übrigens auch im kalten und feuchten, dem Mumienbau ansonsten eher abträglichen Mitteleuropa, wo es die berühmten Moorleichen sind, die das Interesse späterer Generationen finden. Mord oder Menschenopfer, das ist hier die Frage, die sich zwar schwierig, aber doch häufiger als gedacht beantworten lässt.

Das Sprichwort vom Kehren (unangenehmer) Beweise unter den Tisch lässt sich auch auf die doch scheinbar harmlosen, weil von Äonen in einer völlig fremden Urwelt entstandenen Mumien anwenden. Sie können urplötzlich wieder sehr präsent werden, wenn moderne Politik und Religion ins Spiel kommen. Die Volksrepublik China ist ein großes und mächtiges, aber auch empfindliches Land. Kommunistisches Unrecht beim Aufbau einer „neuen, besseren Welt“ haben nicht die Zustimmung des Auslands gefunden. Deshalb achten die Machthaber sehr auf die Wahrung ihrer Ansprüche. Die Realität wird dem nicht selten angepasst. Das gilt auch für die Vergangenheit. So ist man im „offiziellen“ China sehr stolz darauf, deutlich früher und aus eigener Kraft als die viel gerühmten europäischen Länder zur Kulturnation aufgestiegen zu sein. Da ist es peinlich, dass unlängst sehr gut erhaltene Mumien entdeckt wurden, die eine andere Sprache sprechen. Bisher unbekannte „Eindringlinge aus dem Westen“ sind vor vielen tausend Jahren aus Europa nach Asien gekommen und haben dort viele der großen Erfindungen, derer man sich dort heute rühmt, erst eingeführt – ein prekäre Situation, die den Mumienforschern sehr zu schaffen macht, da sie mit Unterstützung unter diesen Umständen kaum zu rechnen haben.

Vor gar nicht so langer Zeit war dies allerdings auch im „freien“ Westen der Welt kaum anders. Pringle erzählt traurige Geschichten von „Wissenschaftlern“, die mit Hilfe der Mumien die geradezu biblische Überlegenheit der weißen „Herrenrasse“ belegen wollten. Wie üblich setzen die Nazis den traurigen Höhe- und Schlusspunkt dieser breiten Sackgasse.

Sie möchten im Wohnzimmer ihren Freunden eine getrocknete Königstochter präsentieren? Vielleicht reicht auch ein Kaminaufsatz aus geschmackvoll arrangierten Kinderköpfen? Oder wie wäre es gegen Unwohlsein und Alterswehwehchen mit einem Tee aus Mumienpulver? Damit lassen sich übrigens auch tolle Bilder malen! Vor kaum einem Jahrhundert war die Erfüllung solcher Wünsche kein Problem; der kultivierte Europäer, der nicht ins schmutzige und heiße Ägypten reisen wollte, konnte sich Mumien sogar bestellen. „Mumienhändler“ traten in vielen Gestalten auf – und sie tun es sogar noch heute, obwohl das Gewerbe gefährlich geworden ist.

So mancher Zeitgenosse schafft es erst nach dem Tod, in den erlauchten Kreis der „Berühmtheiten“ aufgenommen zu werden. „Ötzi“ aus Tirol beweist, dass sogar potthässliche Mumien zu echten Kultstars aufsteigen können. Das gilt noch viel mehr für die berühmten Inkakinder-Mumien aus Südamerika. Eine Laune der Natur ließ sie sich manchmal erschreckend gut erhalten – erschreckend deshalb, weil prompt konkurrierende Gruppen um die Toten zu raufen beginnen. Pringle schildert das (Zwerchfell) erschütternde Gezerre zwischen Entdeckern, Mäzenen, Regierungen, Medien und Moralaposteln im Fall „Juanita“, der vielleicht prominentesten Inkamumie.

Mumien in Europa? Die Moorleichen haben wir schon kennengelernt. Aber es gibt auch echte Mumien – und sogar einen eigenen Begriff für sie: „Die Unvergänglichen“ sind Männer und Frauen, auf die ihre Zeitgenossen auch im Tode einfach nicht verzichten wollten. Also wurden sie konserviert und in ihrer Mitte platziert. Die Katholische Kirche hat sogar einen regelrechten Kult um ihre „Heiligen“ betrieben, die im Leben so fromm waren, dass sie im Tod kein Wurm anzubohren wagte. Pringle weist nach, dass hierbei recht oft kräftig und wenig ehrerbietig nachgeholfen wurde.

Aber das Mittelalter ist vorüber, die Menschen sind über solchen Reliquienkult hinaus? Pringle besucht in Moskau die kleine Gruppe hochqualifizierter Spezialisten, die nach wie vor die berühmteste Mumie der Jetztzeit in Schuss halten. Der Sowjetdiktator Lenin gehört zu den zahlreichen kommunistischen „Despoten“, die quasi als Heiligenersatz im 20. Jahrhundert mit ungeheuerlichem Aufwand konserviert wurden. Josef Stalin, Ho Chi Minh, Kim Il Sung – sie alle erfuhren diese Behandlung, doch nur Lenin hat sie „überlebt“.

Wie kam der Mensch vor Äonen auf den Gedanken, seine Verstorbenen vor dem Verfall zu bewahren? Die ältesten bekannten Mumien der Welt scheinen einen sehr verständlichen Grund zu offenbaren: Schon zweieinhalb Jahrtausende vor den Ägyptern schufen die chilenischen Chinchorro Mumien – sie präparierten so ihre „Kinder“ für die Ewigkeit. So begann womöglich die Mumifizierung: als Versuch untröstlicher Eltern, ihre Lieben auch im Tod bei sich zu behalten.

Und es geht weiter. Mumien sind längst nicht ausgestorben. Sie scheinen an Zahl sogar zuzunehmen. „Selbstkonservierung“ nennt Pringle ihr letztes Kapitel. Sie beschreibt darin die bizarre Praxis überfrommer japanischer Mönche, sich buchstäblich selbst bei lebendigem Leibe zu mumifizieren. Wer die Ewigkeit nicht als Wurmfutter, aber etwas bequemer betreten will, findet heute (bei ausreichend dicker Geldbörse) zahlreiche Alternativen. Pringle besucht bizarre Kühlhäuser, in denen sorgfältig tiefgefrorene Leichen auf eine mögliche Wiederauferstehung in ferner Zukunft warten. Wer es wünscht, kann sich aber auch auf altägyptische Weise, d. h. ganz klassisch mumifizieren und in Leinenbinden einwickeln lassen, womit sich der Kreis wohl geschlossen hätte.

Der Mensch und der Kult um seine Toten … ein unerschöpfliches Thema, das gleichzeitig fasziniert, erschreckt und abstößt. Dafür gibt es kaum ein besseres Symbol als die Mumie. Sie repräsentiert, was nach Auffassung zumindest der Bewohner der westlichen Erdhemisphäre lieber sorgfältig außer Sicht gehalten werden sollte. Aber so denken eben längst nicht alle Menschen, und selbst in Europa oder Nordamerika, wo der Tod heute vom Leben separiert wird, war es vor gar nicht langer Zeit ganz anders.

Leichen gehören zum Alltagsleben. Das kann groteske Formen annehmen, aber auch rührend wirken. Heather Pringle versucht das gesamte Spektrum des Mumienphänomens nachzuzeichnen. Sie hat dabei buchstäblich eine Weltreise unternommen und erstaunliche, erschreckende und – man vergesse nie, dass Leiden & Lachen Verwandte sind – erheiternde Fakten zusammengetragen.

Pringle nähert sich dem komplexen und schwierigen Thema nicht unvoreingenommen. Sie bekennt schon früh, dass sie Probleme mit Bereichen der Forschung hat. Mumien sollten ihrer Meinung nach erhalten werden – nicht als historische „Objekte“, sondern als Hüllen einst lebendiger Menschen, denen es wichtig war, gut konserviert in die Ewigkeit einzugehen. Nun landen sie auf dem Labortisch und werden zum Wohl der Wissenschaft in kleine Stückchen zerhackt.

Dieser Riss klafft sogar zwischen den Mumienforschern selbst. Es gibt heute schonende Untersuchungsmethoden, aber Praktiker schwören weiterhin auf das Pathologenmesser. Sie könnten Recht haben. Darf man sie aufgrund moralischer Vorbehalte stoppen? Oder sind Mumien doch nichts als wissenschaftlich hochinteressantes Aas? Eine schwierige Frage mit vielen Antworten, die längst nicht beantwortet ist.

Nur einmal verliert Pringle ihre Objektivität. „Kinder“, die Geschichte der Chinchorro-Mumien, gerinnt ihr zur rührseligen Gute-Nacht-Geschichte, für die sie vor ihrem geistigen Auge schluchzende Mütter materialisieren lässt, die eine Möglichkeit gefunden haben, ihre Kinder bis über den Tod hinaus lieben. Dass es dafür erforderlich wurde, die lieben Kleinen u. a. zu häuten, scheint Pringle in ihrem urzeit-paradiesischen Traueridyll nicht weiter zu irritieren. Auch fragt sich, was die Chinchorro den lieben langen Tag eigentlich sonst noch getrieben haben außer ihre aufwändigen Mumien zu basteln und auszubessern. Die zeitliche Distanz zur aufgeklärten Jetztzeit schützt Chinchorro offenbar vor solcher Kritik.

Den Pringleschen Schutz verlieren die mumifizierwütigen Mitmenschen, je weiter wir uns der Gegenwart nähern. Die Verfasserin setzt möglicherweise voraus, dass der Mensch mit den Jahren „klüger“ wird und folglich auch den Drang zur unbeschädigten Jenseitsfahrt überwunden haben sollte. Wieso eigentlich? Wir sollten froh darüber sein, dass dies tatsächlich so ist, und die wenigen Abweichler mit Nachsicht betrachten.

In einem hat Pringle freilich absolut Recht: Den Hightech-Mumien von heute wird es in der Zukunft nicht anders ergehen als ihren Vorgängern. Eines Tages wird man sie finden, beileibe nicht neu beleben, sondern wiederum neugierig untersuchen, ausstellen (ausrauben wird nicht mehr lohnen, da keine Beigaben im Kühlsarg liegen) und sich viele Gedanken um sie machen. Aber das ist seit jeher das kalkulierte Risiko bei der Sache gewesen.

„Der Mumienkongress“ ist hier und da zwar ein wenig parteiisch, aber stets sachlich, gut recherchiert und sehr unterhaltsam geschrieben. Nicht das Thema muss den Leser fesseln, die Verfasserin schafft es selbst. Für den Gruselfreund gibt es eine Strecke mit gar zu detailscharfen Fotos. Sie belegen vor allem eines, was dem Laien vielleicht gar nicht deutlich ist: Unsere Vorfahren waren Realisten. Sie wussten, dass ihnen eine 1:1- Präparierung nicht möglich war. Die Mumifizierung war die beste Alternative. Sie erhielt den Körper, der als Gefäß für den Tag der Wiederauferstehung bereit stand. Dass er dann nicht mehr ansehnlich war, wussten sie und nahmen es in Kauf. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man die Mumienporträts mustert: Sie zeigen eben keine in ewigem Schlaf erstarrte Menschen, sondern grässliche Fratzen. Wieder eine der unzähligen nützlichen Infos, die wir Heather Pringle verdanken.

Robert R. McCammon – Tauchstation

McCammon Tauchstation Cover kleinDas geschieht:

Seit er vor sieben Jahren seine Familie bei einem tragischen Unfall verlor, lebt der ehemalige Bank-Hai David Moore zurückgezogen auf der kleinen Karibik-Insel Coquino, wo er ein Hotel – das „Indigo Inn“ führt. In seiner reichlichen Freizeit unternimmt Moore Tauchfahrten in die Gewässer um die Insel, die reich an Schiffswracks aus vielen turbulenten Jahrhunderten sind.

Ein paar Andenken aus einem im II. Weltkrieg versenkten Frachter möchte Moore bergen, als er aus dem Grund des Meeres etwas Überraschendes entdeckt: Im Sand steckt das nazideutsche U-Boot Nr. 198 – und eine Wasserbombe, deren verspätete Detonation Moore beinahe ins Jenseits und das Tauchgefährt an die Oberfläche befördert. Dort treibt es die Strömung genau in den Hafen von Coquina. Robert R. McCammon – Tauchstation weiterlesen

Dunne, Patrick – Keltennadel, Die

Kilbrick, eine kleine Gemeinde westlich von Dublin auf der Insel Irland, kurz nach der Jahrtausendwende: In seiner Kirche macht Pfarrer Liam Lavelle eine grausige Entdeckung – auf dem Altar liegt wie aufgebahrt die nackte Leiche einer jungen Frau, grausam gefoltert, verstümmelt, ausgeblutet; in einer Wange steckt die Nachbildung einer keltischen Gewandnadel.

Lavelle vermutet sogleich einen rituellen Opfermord in der Tat. Er hat in den Vereinigten Staaten lange für „Cultwatch“ gearbeitet, eine Organisation, die sich ausgiebig mit dem modernen Sektenwesen beschäftigt. Der Pfarrer ist sofort bereit, sein Wissen mit der Polizei zu teilen. Er hat herausgefunden, dass die Frau am Tag der hl. Brigitta (1. Februar) ermordet wurde – und dass dieser kirchliche Feiertag einst einem viel älteren, „heidnischen“ Fest „übergestülpt“ wurde, das die keltischen Ureinwohner Irlands zu Ehren der Feuergöttin Brigida feierten.

Detective Inspector Kevin Dempsey von der Mordkommission ist durchaus geneigt, Lavelles Theorien zu folgen, doch der mit auf den Fall angesetzte Detective Sergeant Jack Taaffe hält wenig von allzu komplizierten Erklärungen. In guter, alter Polizeimanier ist in seinen Augen immer noch derjenige der Hauptverdächtige, der eine Leiche entdeckt. Zunächst hält Dempsey jedoch seine schützende Hand über Lavelle, der nun unerwartet Hilfe erhält.

Die junge Kunstkritikerin Jane Wade, die in der Redaktion der TV-Sendung „Artspeak“ arbeitet, macht sich Sorgen um ihre Schwester Hazel. Sie hat sich offenbar einer obskuren Glaubensgemeinschaft angeschlossen und ist nun spurlos verschwunden. Jane macht sich große Sorgen und fragt Pater Lavelle um Rat, von dessen Tätigkeit als „Sektenbeobachter“ sie erfahren hat. Bei dieser Gelegenheit erfährt sie von dem bizarren Mord in der Kilbricker Pfarrkirche und beschliesst, Lavelle sowie die Polizei – die darüber wenig erbaut ist – zu unterstützen. Rasch kristallisiert sich heraus, dass es ungeahnte Verbindungen zwischen den unbekannten Mördern, dem Verschwinden von Hazel sowie einer Reihe ungeklärter Gewalttaten und Morden gibt, die seit einigen Monaten nicht nur die irischen Ermittlungsbeamten vor Rätsel stellen. Lavelle kommt einer mysteriösen Sekte namens „Zehnter Kreuzzug“ auf die Spur, einer militanten, auch in den USA aktiven Organisation, die sich an den asketischen Werten der frühen irischen Kirche sowie an der Religion der Kelten orientiert. Damit einher geht ein ausgeprägter Hass auf die weibliche Sexualität, die eine Verbindung zum Ritualmord in Kilbrick (dem bald ein zweiter folgt) herstellt. Lavelle wird alarmiert, als seine ehemaligen „Cultwatch“-Kollegen ihn darüber informieren, dass der Kopf des „Zehnten Kreuzzugs“ vermutlich Michael Roberts ist. Er kennt Roberts aus seiner Zeit auf dem Priesterseminar. Der charismatische, aber psychisch gestörte Mann fiel dort durch bizarre religiöse Praktiken auf und musste das Seminar verlassen. In den folgenden Jahren hat er offenbar seinen seltsamen Weg weiterverfolgt und ist dabei in seinen Ansichten immer radikaler geworden. Nun schreckt er in seinem selbst ausgerufenen Kampf gegen die „Ungläubigen“ dieser Welt auch vor extremer Gewalt nicht mehr zurück.

Dempsey und Taaffe verwickeln sich in ihrem Bemühen, die immer größere Zahl brutaler Ritual- und Rachemorde aufzuklären, ebenso wie Lavelle und Jane Wade in dem Dickicht seltsamer und zwielichtiger sektiererischer Gruppen, die zu ihrer Überraschung im modernen Irland erschreckend viele Anhänger um sich scharen. Deshalb erkennen sie zu spät, dass Roberts Untaten in Irland nur Teil eines wahnwitzigen Plans sind: Der Herr des „Zehnten Kreuzzuges“ plant nichts Geringeres als die buchstäbliche Sprengung einer Friedenskonferenz, die von den großen Kirchen dieser Welt auf historischem Boden abgehalten werden soll: in Bethlehem …

An dieser Stelle soll es genug sein mit der Inhaltsangabe, um jenen Lesern, die neugierig geworden sind, die Freude an der Lektüre dieses spannenden Romans nicht durch die Vorwegnahme der Auflösung zu verraten. Nur soviel sei verraten: Autor Patrick Dunne bleibt konsequent in seinem Bemühen, durch das Legen falscher Fährten und das Schlagen manchen Hakens seine Geschichte so überraschend wie möglich zu gestalten.

„Die Keltennadel“ ist das literarische Debüt des irischen Schriftstellers Patrick Dunne. In Dublin geboren, studierte er später Literatur und Philosophie, wurde dann Musiker und schrieb schließlich ein Musical, das sich auf die keltischen Wurzeln seiner Inselheimat stützte. Zur Ruhe kam er als Regisseur und Produzent beim irischen Rundfunk, wo er zwanzig Jahre später sein Fachwissen und seine Lebenserfahrung in seinen ersten Roman einfließen ließ.

Ein Debütroman weist in der Regel ganz spezifische Eigenschaften auf – im Guten wie im Bösen. „Die Keltennadel“ macht da keine Ausnahme. Positiv anzumerken ist die Sorgfalt, mit der Dunne seine nicht unkomplizierte Geschichte entwickelt. Die verwickelte religiöse und kulturelle Vergangenheit Irlands weiß er gut herauszustellen. Sie ist beileibe nicht abgeschlossen. Gerade im religiösen Bereich gilt Irland als „Wahlheimat“ zahlreicher moderner Kulte und Sekten, die ihre angebliche Weisheit hauptsächlich aus zwei Quellen speisen:

Wer weiß heute schon, dass gerade in Irland eine der Wiegen des frühen (oder besser frühmittelalterlichen) Christentums stand? Anders als auf dem europäischen Kontinent verkündeten asketisch lebende Mönche das Wort Christi. Ihre in der Regel karge, in ihrer Strenge aus heutiger Sicht geradezu menschenunwürdige Lebensweise ist es, die sie zu allen Zeiten für „Glaubenserneuerer“ vorbildlich erscheinen ließ: Nicht nur aus christlicher Sicht „taugt“ eine Religion für viele Gläubige nur dann etwas, wenn sie ihren Anhängern möglichst große Entbehrungen abfordert.

Die eher „heidnisch“ ausgerichtete Fraktion moderner Heilssucher zieht die „ursprünglichere“ Religionswelt der Kelten magisch an. Allerlei mystische Rätsel werden dieser untergegangenen bzw. vom sowieso ignoranten Christentum vom Erdboden getilgten und damit automatisch zu höchsten Weihen gelangten Kultur unterstellt. Dass die historische Realität freilich recht prosaisch aussah – auch Druiden waren letztlich nur Menschen -, ignorieren die Heiden von heute ebenso geflissentlich wie die Einsprüche lästiger Wissenschaftler, die bis auf den heutigen Tag eifrig Steinchen für Steinchen zusammentrugen und auf diese Weise die keltische Kultur durchaus erfolgreich aus der munkelhaften Nacht der Geschichte befreien konnten.

Das dumpfe Gebräu nur halb verstandener oder gleich ganz erfundener, immer wieder „ergänzter“ und vermischter Glaubensvorstellungen weiß Dunne gut in seine Geschichte zu integrieren. Gerade vor dem Hintergrund realer Wahnsinnstaten fanatisierter Fundamentalisten und Sektierer gewinnt „Die Keltennadel“ traurige Überzeugungskraft.

Dunne wählt für seinen Roman Irland als Ort der Handlung. Das macht bei der Lektüre zunächst nervös, weil man immer damit rechnet, dass der Autor fröhliche, rothaarige Trunkenbolde, Kobolde oder zumindest wild um sich schießende IRA-Terroristen auftreten läsät – dafür steht Irland nämlich in Wort, Bild und Film seit langer Zeit, und diese Klischees nerven. Aber Dunne wagt das politisch Unkorrekte und stellt Irland als Ort da, an dem ganz normale Menschen ein meist ganz normales Leben führen.

Einige weniger erfreuliche Aspekte der „Keltennadel“ dürfen an dieser Stelle nicht ungenannt bleiben. Sie resultieren hauptsächlich aus dem Übereifer eines frischgebackenen Autors, der natürlich das Rad neu erfinden möchte. So weist der Handlungsfaden an vielen Stellen einige Knoten zuviel auf; Dunne gelingt es nicht, die aufwändig vorbereitete Auflösung durch einen entsprechenden Höhepunkt zu krönen. Sobald die Geschichte Irland verlässt, wird sie leicht lächerlich. Das trifft besonders auf das dramatische Schlusskapitel in Bethlehem zu – Weltgeschichte, wie der kleine Max sie sich vorstellt.

Auch die Demaskierung der so sorgfältig aufgebauten Bösewichter des „Zehnten Kreuzzugs“ enttäuscht. Diesen geistig minderbemittelten, dummes Zeug faselnden Gestalten soll es gelungen sein, die Polizei auf zwei Kontinenten und die Welt in Atem zu halten? So ist es wohl kaum eine Überraschung, dass Dunne auf den letzten Seiten in bewährter „Akte X“-Manier die „wahren“ Verschwörer aus dem Hut zaubert, die den gerade malerisch in Jenseits beförderten Schurken als Strohmann vorgeschoben haben und nun ihre düsteren Pläne ungestört weiterverfolgen können – ein Hintertürchen für eine mögliche Fortsetzung?

Zu erwähnen sind noch gewisse Schwächen in der Figurenzeichnung, die allzu sehr nur zu bekannten Klischees folgt: die unermüdliche, unerschrockene Journalistin und der attraktive, mit seinem Glauben ringende Priester (die hier sogar zueinander finden dürfen – ho-ho, welch‘ revolutionärer Einfall! Da werden die Papisten aber aufheulen!), der „gute“ Bulle und sein treuer, aber ständig auf dem Holzweg befindliche und dem echten Täter dadurch in die Hand spielende Gefährte (der Konvention folgend, hätte er eigentlich im Verlauf der Handlung umkommen müssen), der genial-satanische Bösewicht, der souverän an den Fäden seines weltumspannenden Imperiums des Abscheulichen zieht (in denen er sich freilich – wenig überzeugend – sofort verheddert, sobald der „gute Held“ ihm auf die Schliche kommt) und natürlich seine treu ergebenen, zu jeder Schandtat bereiten Helfershelfer, die durch ausgeprägte Schusseligkeit ihren Teil dazu beitragen müssen, Held und Schurke zueinander finden zu lassen.

Insofern wartet auf den Leser ganz gewiss nicht „ein neuer Super-Schocker des neuen ‘King of Crime‘ aus Irland“, wie ein (klugerweise ungenannt bleibender) Fürsprecher auf der Rückseite des Covers mächtig dröhnt, sondern „nur“ ein solider und unterhaltsamer Thriller, der auf der allerdings auch schon wieder abflauenden Welle der „Massenmord-nach-der-Bibel“-Romane und -Filme reitet und trotz einiger Längen gute Unterhaltung bietet.

Basil Copper – Die Eishölle

Anno 1932 macht sich eine fünfköpfige Expedition unter Leitung des charismatischen Professors Scarsdale auf die gefährliche Reise in die gefürchteten Schwarzen Berge irgendwo am asiatischen Ende dieser Welt. Dort wartet der „Große Weiße Raum“, der ein Tor in Zeit und Weltraum ist, an dessen Schwelle allerlei Ungeheuer warten … – Basil Copper wandelt in den Fußstapfen von H. P. Lovecraft, die er leidlich unterhaltsam trifft, ohne Denkwürdiges zur Geschichte der unheimlichen Literatur beizutragen.
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Suzuki, Kôji – Ring II – Spiral

Mitsuo Ando, Pathologe am Gerichtsmedizinischen Institut der Präfektur Tokio, ist ein gebrochener Mann. Vor fünfzehn Monaten war er im Urlaub unachtsam; sein dreijähriger Sohn Takamori ist durch seine Schuld im Meer ertrunken. Die Gattin gab ihm die Schuld, die Ehe ist zerbrochen.

Nur die Arbeit gibt Ando Halt. Er bekommt mehr Ablenkung als ihm lieb ist, als auf seinem Seziertisch ausgerechnet ein Kollege, Studienkollege und Freund landet: Ryuji Takahama, genialer Mediziner, Mathematiker und Philosoph wurde von seiner jungen Lebensgefährtin Mai Takano tot in der Wohnung aufgefunden – gestorben offenbar an einem Herzinfarkt.

Die Obduktion bestätigt diese Vermutung. Damit wäre der Fall erledigt, gäbe es da nicht den seltsamen Zettel, den Ando in der Bauchhöhle Takahamas findet. Darauf steht eine Zahlenkombination: 178 136 – ein Code, den der Pathologe zu entschlüsseln weiß: Die Folge steht für das Wort „Ring“.

Ando wird abgelenkt, als ein Kollege Takahamas wahre Todesursache erkennt: Der Gelehrte starb wie vom Blitz getroffen an einem Virus, das den Herzmuskel befällt. Breitet sich da etwa eine Seuche heimlich aus? Ando stellt Nachforschungen an und entdeckt, dass weitere Menschen dem Virus zum Opfer fielen. Wie haben sie sich angesteckt? Die einzige Gemeinsamkeit scheint ein Videoband zu sein, das sich die Verstorbenen vor ihrem Ende angeschaut haben.

Mai Takano könnte dies bestätigen; sie hat eine Kopie des Videos in Takahamas Nachlass gefunden und angeschaut. Seither ist sie spurlos verschwunden. Des Rätsels Lösung kennt nun womöglich nur noch ein Mensch: der Journalist Asakawa Kazuyuki, der in Sachen „Ring“ ermittelt hatte. Doch der liegt seit dem mysteriösen Sekundentod seiner Ehefrau und seines Kindes – ein Virus hat sie umgebracht … – im Koma.

Hartnäckig verfolgt Ando die Spur des Videos weiter – und so wird auch er schließlich Teil des perfiden Plans, mit dessen Hilfe sich die vor einem Vierteljahrhundert grausam ermordete, aber ganz und gar nicht tote Mutantin Sadako Yamamura an der ganzen Welt rächen will …

Die Videohexe ist zurück – bösartiger und mordlustiger denn je, wie es sich für eine Fortsetzung gehört. Der Reiz des ganz Neuen ist verflogen, die Geschichte ist bekannt, sie muss nun variiert und mit vordergründigeren Effekten erzählt werden: das bekannte Schicksal von Fortsetzungen, die selten die Qualität des Originals erreichen können.

Das gilt besonders, wenn sich diese ohnehin in Grenzen hält. „Ring“, der Roman aus dem Jahre 1991, ist ein unterhaltsamer aber mittelmäßiger Gruselthriller, der vor allem mit seiner Herkunft punkten kann: Horror aus Japan ist hierzulande nicht gerade alltäglich. Da die „Ring“-Saga inzwischen weltweit zum Kult avanciert ist, werden nun auch die deutschen Fans beglückt; zur angenehmen Abwechslung einmal eine Bereicherung.

Natürlich ruht sich Verfasser Suzuki über allzu lange Passagen auf seinen Lorbeeren aus. In [„Ring“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=170 (Heyne TB Nr. 01/13741) verfolgten wir ausführlich, wie Journalist Kazuyuki und Freund Takahama dem Spuk der Sadako Yamamura auf die Schliche kamen. Nun wird diese Geschichte lässig gerafft und langatmig nacherzählt; sie breitet sich über den gesamten Mittelteil der Handlung aus – für den Leser ein ziemlich starkes Stück, aber für den Verfasser eine angenehme Arbeitserleichterung.

Ansonsten wiederholt sich die Story von Teil 1 zunächst ziemlich deckungsgleich mit den neuen Protagonisten. Bis auch Ando & Freund Miyashita begreifen, wie der untote Hase läuft, werden wir erneut Zeuge ausgiebiger Lauf- und Sucharbeit. Wir kehren zurück an bekannte Orte, treffen bekannte Gestalten wieder. Schließlich haben auch unsere Helden erkannt, was wir längst wissen, und sind Sadako auf die Schliche gekommen.

Nunmehr gibt sich Suzuki echte Mühe, die Story weiter zu entwickeln. Wir erfahren, wie der Fluch funktioniert: Er nutzt das Fernsehen und später andere Informations- und Unterhaltungsmedien als „Trägerwelle“, um seinen Opfern eine üble Krankheit anzuhängen. Angesichts des modernen Freizeitverhaltens ist das ein todsicheres Vorgehen. Unter dramaturgischen Gesichtspunkten kann man Suzuki leider nicht zu seinem Einfall beglückwünschen: Möchten wir wirklich wissen, wie die böse Sadako arbeitet? Das ist recht ernüchternd.

Doch „Ring II – Spiral“ ist deutlich als Gegensatz zum Vorgänger angelegt. „Ring“ war klassischer Rache-Horror und vom Grundton eher philosophisch. Die Fortsetzung ist mehr Wissenschafts-Thriller, in dem sich das Grauen als Science-Fiction tarnt.

Was sich Suzuki dabei ausgedacht hat, ist völlig absurd, eigentlich sogar lächerlich. Der böse Geist verbündet sich mit einem entthronten Virus, um die Welt mit Ihresgleichen zu bevölkern. Suzuki verschlimmert es, indem er lange Passagen einflicht, in denen er mit angelesenem medizinischen Halbwissen ungelenk „nachweisen“ möchte, wie das eingefädelt wird. Selbst der Laie bemerkt den puren Schwachsinn dieser Prämissen; sie sind zudem für die Handlung überflüssig. Noch einmal: Nichts tötet den Horror zuverlässiger als die Erkenntnis. (Immerhin leuchtet ein, dass Suzukis Sadako wesentlich effektiver arbeiten kann als dies der Hollywood-Sadako im Kinofilm von 2002 zugestanden wurde, die für jeden Mord höchstpersönlich als Wasserleiche aus dem Fernseher kriechen musste …)

Fast gibt Suzuki der Story den Rest, als er im letzten Drittel die spukhafte Sadako einen Brief schreiben lässt (!), in dem sie – wieso auch immer – haarklein berichtet, was bisher nur angedeutet wurde – Seiten, die das mysteriöse Dunkel zuverlässiger killen als jeder Fluch.

Die definitive Realitätsferne ist andererseits der Rettungsanker. Kombiniert mit Suzukis Fähigkeit, sein Garn nüchtern und flott zu spinnen (dieses Mal spendierte der Heyne-Verlag sogar eine Übersetzung des japanischen Originals, statt die US-Ausgabe übertragen zu lassen) und dabei durchaus gruselige Szenen zu inszenieren, entstand ein kurzweiliges Spektakel mit unerwartetem, trügerisch glücklichem Finale.

Der merkwürdige deutsche Titel scheint übrigens eine Anspielung auf die Gestalt der (menschlichen) DNS zu sein, deren Elemente sich in Spiralform anordnen. Und da das denglische „Spiral“ in den Ohren haargegelter Werbestrategen attraktiver klingt als das altmodische „Spirale“, müssen wir uns ein paar Gedanken darüber machen, was uns der Titel sagen will. (Eventuell heißt „Rasen“ ebenfalls „Spirale“, aber das muss euer Rezensent, der des Japanischen nicht mächtig ist, unbeantwortet lassen.)

Mitsuo Ando ist wie Asakawa Kazuyuki aus Teil 1 ganz und gar kein heldenhafter Charakter, sondern ein Durchschnittsmensch, der sogar unsympathische Züge trägt. Besonders helle ist er ebenfalls nicht – es wäre ihm sonst womöglich früher aufgefallen, dass tote Freunde normalerweise keine verschlüsselten Warnungen per Leichen-DNS aus dem Jenseits senden. Aber auch das kennen wir aus „Ring“: Für Japaner ist das Übernatürliche offenbar Bestandteil des Alltagslebens und wird nicht groß in Frage gestellt, sondern akzeptiert.

Die ursprünglich wohl nicht geplante Fortsetzung von „Ring“ bedingte einige Brüche in der Figurenzeichnung. Das vermied Suzuki dort, wo er die wenigen Überlebenden aus Teil 1 noch vor Einsetzung von Teil 2 umbrachte oder ins Koma sinken ließ. Auffällig ist jedoch die Verschiebung bei Sadako Yamamura. Sie war zunächst Opfer und wurde aus Rache zur Täterin. Dieser Gedanke lebt fort, wird aber nun mit dem Virus-Plot gekreuzt. Dadurch wird Sadako überflüssig in ihrer eigenen Geschichte. Man merkt es sofort, wenn sie persönlich und neuerdings in Fleisch und Blut auftaucht – auch kein glücklicher Einfall übrigens, denn die wiedergeborene Sadako ist erschreckend gewöhnlich.

Ryuji Takahama ist ein zynischer Schweinehund geblieben. Allerdings hat sich die Dimension seiner Menschenverachtung geändert: Während er sich in „Ring“ die Freizeit damit vertrieb Frauen zu überfallen und zu vergewaltigen (und diese Gruselgeschichten womöglich nur erfand), entpuppt er sich nunmehr als Statthalter des Weltuntergangs – eine mögliche, aber so wie von Suzuki geschildert wenig wahrscheinliche Entwicklung.

Suzuki Kôji = Stephen King aus Japan. So urteilt jedenfalls die Werbung, die stets auf der Suche nach einer Schublade für neue, kommerziell noch unerprobte Talente ist. Ob Kôji im Land der aufgehenden Sonne tatsächlich solchen Ruhm genießt, müssen wir glauben oder nicht. Was wir wissen: Bis 1991 kannten auch die Japaner Kôji nicht. Der 1957 geborene Schriftsteller rackerte da noch redlich um Lohn, Brot und Ruhm; für die ersten beiden musste für einige Jahre seine Ehefrau, eine Lehrerin, sorgen.

Als Absolvent der Keio University in Tokio hatte Kôji 1990 einen (japanischen) „Fantasy Novel Award“ für seinen Roman „Rakuen“ gewonnen, aber erst „Ring“ gab seiner dahindümpelnden Karriere den ersehnten Schub. Aus der Geheimtipp wurde Gruselvolkes Eigentum, als Regisseur Hideo Nakata 1998 den Roman verfilmte. Trotz vieler Veränderungen wurde „Ring“ zum internationalen Erfolg, der selbstverständlich mehrfach fortgesetzt wurde sowie die übliche verwässerte Hollywood-Interpretation erfuhr.

Wen es drängt, sich tiefer in das „Ring“-Universum ziehen zu lassen, sei auf die zahlreichen Websites verwiesen. Eurem Rezensenten gefiel am besten http://ringworld.somrux.com – außerordentlich ausführlich und wunderbar gestaltet. Hier kann man sich wirklich verlieren.

Die „Ring“-Saga von Kôji Suzuki

Ring (1991, dt. „The Ring“ Heyne TB Nr. 01/13741)
Rasen (1995. dt. „Spiral – The Ring II“)
Loop (1998)
The Birthday (1999; Sammlung dreier Kurzgeschichten)

Suzuki, Kôji – Ring

Tokio 1989: Der Journalist Asakawa Kazuyuki stolpert durch einen Zufall über die Story seines Lebens. Ein Taxifahrer erzählt ihm von einem jungen Mann, der vor seinen Augen wie vom Blitz getroffen starb. Dasselbe Schicksal hat jüngst eine Nichte Kazuyukis getroffen – sie fand ihr Ende sogar in genau dieser Nacht. Ebenso traf es zwei weitere Jugendliche. Sie alle fürchteten sich offenbar zu Tode, und sie alle kannten sich!

Klar, dass der Journalist anbeißt. Er ermittelt, dass sich das Quartett in der Woche vor seinem Abgang in einer Ferienhauskolonie an der Küste eingemietet hatte. Kazuyuki schaut sich um in der kleinen Hütte, kann aber nur ein unscheinbares Videoband entdecken, das er sich selbstverständlich sogleich anschaut. Der Inhalt: eine Folge wirrer, unzusammenhängender, aber beängstigender Sequenzen, gefolgt von der Warnung, der Zuschauer sei binnen einer Woche tot, wenn er nicht … Genau an dieser entscheidenden Stelle bricht besagtes Video ab.

Kazuyuki ist beeindruckt, zumal er deutlich zu spüren bekommt, dass die gerade vernommene Drohung keineswegs leer ist. In seiner Not sucht er die Hilfe seines alten Freundes Ryuji Takahama, der ein genialer Philosoph und Gelehrter ist, welcher in seiner Freizeit gern junge Frauen vergewaltigt. Auch dieser betrachtet das Video und sitzt nun mit im Boot. Eine Woche bleiben ihm und Kazuyuki sich zu retten. Letzterer gerät in Panik, als er entdecken muss, dass seine neugierige Gattin heimlich den Rekorder in Gang gesetzt hat und dabei die Baby-Tochter auf dem Schoß hielt … Der Fluch wird auch diese Beiden treffen, wenn Kazuyuki nicht vor Ablauf der Frist des Rätsels Lösung findet.

Die unbarmherzig tickende Uhr im Nacken kommen Kazuyuki und Takahama der unglaublichen Geschichte der Sadako Yamamura auf die Spur. Das Drama um die hellseherisch begabte, aber vom Unglück verfolgte Frau liegt schon Jahrzehnte zurück, aber was ihr geschah, rechtfertigt durchaus einen Hass auf die Menschheit, den selbst der Tod nicht beenden kann …

Es war einmal … ein eigentlich gutes Mädchen, das die Schlechtigkeit der Welt in eine böse Hexe verwandelte, die einfach unkaputtbar ist; weil sie sich in Japan nicht ausgelastet fühlt, wechselt sie inkognito manchmal in die USA, wo sie als „Blair Witch“ ihr Unwesen treibt – nun, dieser letzte Teil ist eine Hypothese eures Rezensenten, den der vergleichbare Medienrummel um beide Spuk-Heroinnen darauf brachte.

Denn auch der Rummel um die „Ring“-Romane und vor allem -Filme ist vor allem ein Produkt der Werbung und der Medien. Wie immer stürzen sie sich wie die Geier darauf, was leichte Beute zu sein scheint und viel, viel Geld einbringen könnte. In diesem Fall war es die in Japan zum Horror-Tipp heranwachsende Geschichte eines verwünschten Videobandes, das den Kern zum Untergang der Menschheit beinhalten könnte. Die „Ring“-Saga ist inzwischen (welches Unwort!) „Kult“ geworden – und zwar ein echter, kein künstlich lancierter – und bewegt sich weiter auf die Endstation „moderner Mythos“ zu. Ist er erreicht (womöglich ist dies längst geschehen), läuft die „Ring“-Welt (und das Geschäft) à la „Star Trek“ von allein.

Dabei fragt man sich, was den „Ring“ so besonders werden ließ. Objektiv betrachtet, lesen wir „nur“ einen gut geschriebenen Gruselroman. Der Schauplatz mag uns europäischen Lesern etwas fremd sein, aber die Geschichte ist es sicher nicht. Rächender Spuk, verwunschene Grabstätten, tödliche Flüche – das ist wahrlich wenig originell.

Aber es sind Elemente des Horrors, die immer funktionieren, wenn man sie nur zu mischen weiß. Das gelingt Verfasser Suzuki sicherlich. Er geht ganz einfach vor (was stets eine gute Idee ist) und legt „Ring“ über weite Strecken fast dokumentarisch an. Die Suche nach der Geschichte hinter dem Videoband füllt viele Seiten. Wir verfolgen eine simple Suche, die immer wieder in Sackgassen endet, hier und da ein Puzzlesteinchen zum anderen trägt, bis sich schließlich das Gesamtbild fügt. Solche Detektiv-Geschichten fesseln immer; sie sind sogar interessanter als das Ergebnis, das zwangsläufig enttäuschen muss: noch’n böser Geist, der einen Dreh gefunden hat, es seinen Peinigern heimzuzahlen. Wäre da nicht Suzukis Gag, dem eigentlichen Spuk einen apokalyptischen Beifahrer aufzusatteln, hätte der „Ring“-Mythos wohl kaum eine Chance gehabt sich zu entwickeln.

Offen muss bleiben, was denn Suzuki zum „japanischen Stephen King“ machen soll. Anscheinend reicht es heute bereits, einen handwerklich sauber gedrechselten Horrorroman vorzulegen, um mit diesem Ehrentitel versehen zu werden. Die „Qualität“ der meisten Geschichten dieses Genres legen diesen Verdacht jedenfalls nahe.

Jedenfalls schießen „Ring“-Websites wie Pilze aus dem Boden. Manche sind sogar gut und führen den verwirrten Anfänger in das Sadako-Universum ein. Unter den von mir besuchten erfüllte diese hier ihre Informationspflicht am besten: http://ringworld.somrux.com ist außerordentlich ausführlich und wunderbar gestaltet. Hier kann man sich wirklich verlieren – und weiß anschließend auch noch mehr! So gab es in Japan wie in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen regelrechten Siegeszug des Okkultismus. Suzuki hat sich für seinen „Ring“ reichlich aus dieser Geschichte bedient, was ihre Stimmigkeit sicherlich unterstützt hat. Sogar für Sadako Yamamura gibt es eine historische Vorlage. Und wer glaubt, dass es ungebräuchlich ist, sich in einen Vulkan zu stürzen, darf sich wundern: Mehr als 300 Personen haben sich im Laufe der Zeit in den Krater des Mihara geworfen.

Japaner sind anders … Diese drei Worte bilden eventuell den Schlüssel zu einer Kritik, die man im Zusammenhang mit dem „Ring“-Roman immer wieder finden kann: Alle Beteiligten des Spektakels seien im Grunde ziemlich unsympathisch. Das trifft nicht nur auf den Feierabend-Frauenschänder Takahama zu (D i e s e s Detail ließ Hollywood bei der US-„Ring“-Verfilmung von 2002 besonders schleunigst unter den Tisch fallen), sondern fast noch mehr auf Asakawa Kazuyuki. Nicht nur, dass er seinen kriminellen Freund deckt – er ist auch sonst ein seltsamer Zeitgenosse. Seine Familie liebe er über alle Maßen, behauptet er mehr als einmal. Trotzdem ist er so gut wie niemals zu Hause bei Weib und Kind, selbst wenn er nicht von Dämonen gejagt wird. Niemand scheint dies für ungewöhnlich zu halten; besagtes Weib übrigens auch nicht. Die Arbeit geht halt vor im Land der aufgehenden Sonne!

Die liebe Gattin hinterlässt ohnehin – es sei an dieser Stelle politisch unkorrekt ausgesprochen – einen ziemlich trantütigen Eindruck. Dass Kazuyuki so um ihr Schicksal besorgt ist, kann man ihm kaum nachfühlen. Seinen Kumpel Takahama scheint er jedenfalls öfter (und lieber) zu sehen als die eigene Ehefrau.

Sehr gut hat Suzuki begriffen, dass er mit seinem Gespenst geizen muss. Sadako Yamamura greift niemals direkt in die Handlung ein. Wir erfahren nur Bruchstücke über ihr Leben, die uns aus den Mündern Dritter erreichen – ein kluger Kunstgriff, denn nichts ernüchtert in einer Horrorgeschichte normalerweise stärker als der Auftritt des Monsters, das unter Umständen auch noch langatmig seine Beweggründe erörtert. Sadako bleibt mysteriös, tragisch – und bösartig.

Erstaunen erregt beim westlichen Leser auch die noch heute offensichtlich ausgeprägte japanische Affinität zur Welt der Geister. Mr. King hätte viele hundert Seiten mit Text füllen müssen, bis seine aufgeklärten Landsleute begriffen und akzeptiert hätten, dass es irgendwo spukt. Kazuyuki und seine Gefährten, Kinder des aufgeklärten 20. Jahrhunderts, wissen sofort, dass es umgeht, und stellen sich darauf ein. Das irritiert bei der Lektüre, aber es drückt natürlich aufs Tempo – „Ring“ ist ein Roman ohne Langatmigkeit.

Wer ist Suzuki Kôji? Das hätte bis 1991 wohl auch in Japan kaum jemand beantworten können. Der 1957 geborene Schriftsteller rackerte da noch redlich um Lohn, Brot und Ruhm; für die ersten beiden musste für einige Jahre seine Ehefrau, eine Lehrerin, sorgen, was in einem Land, das Hausmänner kaum kennt, kein einfaches Los für Suzuki war.

Als Absolvent der Keio University in Tokio hatte er bereits 1990 einen „Fantasy Novel Award“ für seinen Roman „Rakuen“ gewonnen, aber erst „Ring“ gab seiner dahindümpelnden Karriere den ersehnten Schub. Aus dem Geheimtipp wurde Gruselvolkes Eigentum, als Regisseur Hideo Nakata 1998 den Roman verfilmte. Trotz vieler Veränderungen wurde „Ring“ zum internationalen Erfolg. (1995 gab es übrigens schon eine Fernsehfassung.)

Die „Ring“-Saga von Kôji Suzuki

Ring (1991, dt. „The Ring“)
Rasen (1995. dt. „Spiral – The Ring II“, Heyne TB Nr. 01/13918)
Loop (1998)
The Birthday (1999; Sammlung dreier Kurzgeschichten)

Oakes, Terry – Menschen gegen Monster. Der Kampf um unseren Planeten

Der Weg des urzeitlichen Menschen über die Erde wird in diesem Sachbuch nachgezeichnet. Ganze Kontinente galt es zu betreten, zu erforschen, zu besiedeln. Immer trafen die Neuankömmlinge dabei auf tierische Ureinwohner, die zwar nicht besonders schlau, aber entweder schmackhaft oder wenig erfreut über konkurrierende Nachbarn waren. Auf jeden Fall waren sie groß und mit scharfen Zähnen oder Klauen ausgestattet, was der Geschichte des Homo Sapiens ihre ganz eigene Prägung verlieh. „Menschen gegen Monster“ folgt der komplexen Evolution unserer Vorfahren, die einher geht mit ihrem Siegeszug über den Planeten Erde. Die Kapiteln zeichnen den zeitlichen Ablauf nach.

Kapitel 1: Der Mensch ist nach Ansicht der modernen Forschung in Afrika „entstanden“. Sechs Millionen Jahre ist es her, dass dort durch dichten Urwald ein kleines Tier sprang, aus dem sich später Affen und Menschen entwickelten. Bis es soweit war, mussten beide der heimischen Großfauna ihren Tribut zollen. Nach Ansicht der Forschung war es vor allem die Angst, die unsere Vorfahren über Äonen vor ihren überlegenen (und hungrigen) Gegnern ausstanden, welche einerseits das Hirn zwecks Gegenwehr wachsen ließ, während sich andererseits die Erinnerung an die Schmach, ständig gejagt und gefressen zu werden, genau dort einprägte. Deshalb „wissen“ wir instinktiv noch heute, dass um einen Löwen lieber einen Bogen zu schlagen ist, während sich dieser daran „erinnert“, dass sich die leckere Beute von einst erst zu einer Landplage und dann zu einer ernsten Gefahr entwickelt hat. Ähnlich „denkt“ der Elefant, der (angeblich) nicht vergessen kann, dass sich der zweibeinige Nachbar irgendwann Waffen ausdachte, die es möglich machten, ein viel größeres und stärkeres Tier in einen leckeren Braten zu verwandeln …

Kapitel 2: Vor 60.000 Jahren war es dann soweit: Der Mensch verfügte über das (geistige) Rüstzeug und die Entschlossenheit, über den afrikanischen Tellerrand zu schauen. Wie es aussieht, war es Australien, das man zuerst ansteuerte; Europa lag zwar näher, wurde aber gerade wieder einmal von Eiszeit-Gletschern blockiert. Die Vorfahren der heutigen Aborigines stellten ihre Intelligenz und Entschlossenheit deutlich unter Beweis, denn Australien war damals wie heute ein Inselkontinent, der sich nur per Boot erreichen ließ. Sie erreichten eine Welt, die an einen fernen Planeten erinnerte, denn sie wurden u. a. erwartet von straußengroßen Enten und gelenkbuslangen Waranechsen …

Kapitel 3: Vor 35.000 Jahren war es dann soweit – das Eis über Europa zog sich zwar nicht zurück, aber es konnte den Menschen nicht mehr stoppen. Köpfchen und Kleidung zeichneten Siedler aus, der ganz sicher keine grunzenden Höhlenbewohner waren. Das war nur gut so, da man in der neuen Welt viele unerfreuliche alte Bekannte fand: Vor dem Menschen hatte die afrikanische Großtierwelt Europa als Lebensraum entdeckt. Löwen, Hyänen, Bären, Elefanten, Nashörner – sie waren alle schon da, nur dass sie in der Kälte an Größe, Haaren und Selbstbewusstsein noch zugelegt hatten …

Kapitel 4: Vor 13.000 Jahren ging der Mensch daran, den riesigen amerikanischen Doppelkontinent unter die Lupe zu nehmen. Die größte Landnahme, seit er Afrika verlassen hatte, fand unendlich lange vor Kolumbus statt. Die Monster warteten auch hier schon, aber inzwischen hatte ihr zweibeiniger Kontrahent längst gelernt, solche Kämpfe für sich zu entscheiden; selbst elefantengroße Faultiere und andere bizarre Ungetüme wurden jetzt über kurz oder lang ausgerottet.

Kapitel 5: Blieben noch die letzten weißen Flecken. Die Polynesier übernahmen es, sich den Rest der Erde untertan zu machen. Großinseln wie Madagaskar, Neuseeland oder Hawaii wurden vergleichsweise spät, d. h. manchmal erst vor wenigen Jahrhunderten besiedelt. Da blieb den Menschen wenig Zeit, die vor Ort gefundenen Monster auszurotten. Aber sie hatten sich weit entfernt von den ängstlichen Duckmäusern aus Ur- Afrika, so dass sie die letzten faszinierenden Großtiere der Eiszeit gerade noch umbringen konnten, bevor sich der Naturschutzgedanke manifestierte …

Ein abschließendes Kapitel versucht auszuwerten, was uns im Schnelldurchlauf vorgestellt wurde: Hat die (eiszeitliche) Welt den Menschen oder hat der Mensch die Welt geprägt? Der kaum überraschende Schluss bejaht beides, nur dass sich das Schwergewicht stetig verschob. Je weiter wir uns der Gegenwart nähern, desto souveräner wusste der Mensch seine Position zu behaupten. Aus der Beute wurde im Laufe von Äonen der Nachbar und schließlich der Herr – ein unduldsamer Herr, der seine Ressourcen allzu oft unbedacht vernichtete, statt sie einzuteilen. Der Kampf „Menschen gegen Monster“ ging daher ausnahmslos mit dem „Sieg“ der Zweibeiner zu Ende. Bis es so weit war, musste freilich viel blutiges Lehrgeld gezahlt werden. Das schärfte den Intellekt, so dass wir Menschen den „Monstern“ viel zu danken haben: Ohne sie wären wir wohl nicht sehr weit gekommen, sondern würden womöglich weiterhin in einem warmen Land von Ast zu Ast springen …

Der Weg des Menschen über die Erde, bevor sie ihm „gehörte“, die einzelnen Stationen fassbar gemacht mit Hilfe der ursprünglichen Bewohner, die ihm das Leben schwer machten, es aber gleichzeitig erst möglich machten: „Menschen gegen Monster“ ist trotzdem ein „Locktitel“, erdacht anscheinend aus dem Gedanken heraus, dass man Naturwissenschaft heutzutage „spannend“ verkaufen muss, um ihr ein nach ständigen Sensationen gierendes Publikum zu gewinnen.

Glücklicherweise ist dies wohl der einzige billige Trick, denn im Buchinneren geht es wesentlich sachlicher zu. Schon im Vorwort relativiert der Verfasser die Bezeichnung „Monster“: Er definiert diese primär als Ausdruck einer Emotion, die unsere Vorfahren empfanden, die sich oftmals hilflos den Löwen, Säbelzahntigern und anderen Raubtieren ausgeliefert sahen. Gleichzeitig waren da die Mammuts, Auerochsen und andere schmackhafte Kreaturen, die sich einfach nicht kampflos in den Kopftopf werfen lassen wollten und erst durch wahre Knochenarbeit dorthin zu zwingen waren.

Vielleicht spricht man deshalb besser von „Großtieren“, die indes auch nicht ständig im Zentrum der Darstellung stehen. Tatsächlich versucht das Autorenteam, seine Leser kurz und knapp mit dem faszinierenden Phänomen der Erdbesiedlung vertraut zu machen. Die stellt sich aber nicht als ständiger Krieg gegen geifernde Ungeheuer dar. Statt dessen lernen wir, den Menschen als zunehmend klügeren und vor allem hartnäckigen Zeitgenossen kennen, der sich seine Nische erst sucht und später erobert.

„Menschen gegen Monster“ stellt uns dabei die erstaunliche Bandbreite der Ausgangssituationen vor. Afrika, Australien, Europa, Nord- und Südamerika, die pazifische Inselwelt: Stets mussten eigene Strategien entwickelt werden. Die unglaubliche Herausforderung weiß dieses Buch deutlich zu machen, indem es die unterschiedlichen Welten vorstellt. Die eigentlichen „Monster“ entpuppen sich dabei als extreme Kälte oder Hitze, scheinbar unüberwindliche Bergketten oder Wasserflächen und selbstverständlich zwischenmenschliche Konflikte, die unsere Spezies begleiten, seit es sie gibt.

„Monster“ sehen wir deshalb vergleichsweise selten. Da es sie nicht mehr bzw. nur noch als klägliche Knochenhaufen gibt, wurden sie mit Hilfe modernster Technik digital neu erschaffen. Dabei bediente man sich der aktuellen Erkenntnisse der Wissenschaft. Gemeint ist damit ein Zusammenspiel unterschiedlicher Fachrichtungen. Geologen, Klimatologen, Biologen, Archäologen … Das Spektrum ist enorm, die daraus resultierende Arbeit gewaltig. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Zusammenführung des vorhandenen Wissens summiert sich zu einem bemerkenswerten Gesamtbild.

Die darzustellende Zeitspanne ist gewaltig, die Materie komplex. Das führt zu Vereinfachungen, die den Fachmann sicherlich mehrfach die Stirn runzeln lassen. Aber auch der Laie merkt, dass ihm (oder ihr) manchmal Informationen fehlen. „Menschen gegen Monster“ ist vor allem eine Einführung, ein erster Überblick. Allzu simpel und oft sprunghaft rasen die Autoren durch die Zeit. Hier macht sich zudem bemerkbar, dass „Menschen gegen Monster“ das „Nebenprodukt“ einer Fernsehserie ist. Dieses Medium gibt seine Informationen durch Bild und Ton weiter und kann dabei „Tempo machen“, ohne den Zuschauer zu überfordern. Das Buch fordert mehr eigene Denkarbeit. Dies macht mehr Input und eine andere Art der Wissensvermittlung erforderlich. Hier ist „Menschen gegen Monster“ irgendwo auf halber Strecke stecken geblieben.

Gut aufgewogen wird dieses Manko durch das fabelhafte Abbildungsmaterial. Gestochen scharfe, oft großformatige Farbfotos und sehr anschauliche Karten fesseln das Auge. Viel wurde dabei verständlicherweise aus den TV-Filmen übernommen. Das betrifft vor allem die aufwändigen Digitalbilder längst ausgestorbener Kreaturen. Von Kostenersparnis und „Serienproduktion“ kündet im Amerika-Kapitel auch die 1:1-Übernahme von Bildern aus dem BBC-Band „Wildes Amerika“.

„Menschen gegen Monster“ ist ein Gemeinschaftswerk von Terry Oakes, Amanda Kear, Annie Bates und Kathryn Holmes, ihres Zeichens Naturwissenschaftler bzw. Journalisten, die der Vermittlung von Wissen den Vorzug vor der Forschung gegeben haben. Das ist eine wichtige und auch schwierige Aufgabe: Sie schaffen eine Schnittstelle zwischen der Forschung und dem durchaus interessierten, aber oftmals überforderten Laien. Die vier Autoren – auch verantwortlich für die TV-Miniserie – leisten gute Arbeit, für die sie sich nicht selbst auf die Schulter klopfen, sondern die Urheber der vorgestellten Thesen und Erkenntnisse nennen. „Menschen gegen Monster“ – dies sei hier abschließend noch einmal in Erinnerung gerufen – ist trotz des reißerischen Titels und des leichten Tons ein Schnappschuss der aktuellen Forschung in ihren vielen unterschiedlichen Zweigen, deren Ergebnisse an dieser Stelle zusammengefasst und allgemein verständlich aufbereitet werden.

James, P. D. / Critchley, T. A. – Morde am Ratcliffe Highway, Die

London ist im Jahre 1811 bereits eine Millionenstadt. Doch die Mehrheit der Bürger lebt im Kerngebiet. Die Außenbezirke bilden einen Flickenteppiche kleiner, oft noch gar nicht eingemeindeter Ortschaften mit eigenen Verwaltungen. Eifersüchtig wachen Aufseher, Verwalter und Kirchenvorsteher über ihre aus dem Mittelalter stammenden Privilegien. Zu einer Zusammenarbeit mit dem Nachbarn sind sie nicht bereit. Das nutzen Kriminelle, die ihre Übeltaten in der einen Gemeinde begehen und sich in einer anderen verstecken. Ihre Verfolger sind machtlos; ihre ohnehin kargen Befugnisse enden an den Ortsgrenzen. Die Polizei ist schlecht ausgebildet, unterbezahlt, in der Minderzahl. Von den Bürgern wird ihnen Misstrauen entgegengebracht, denn Korruption ist an der Tagesordnung.

St.-George’s-in-the-East wird sich später in das East End von London verwandeln. 1811 ist es ein kleiner Flecken an der Themse, gelegen am Ratcliffe Highway, einer der Ausfallstraßen von London. Strategisch günstig gelegen, hat hier der junge Herrenausstatter Timothy Marr einen Laden eröffnet und eine Familie gegründet. Es geht aufwärts, die Marrs sind gut angesehen. Doch eines Dezembermorgens findet man Vater, Mutter, Baby und den Ladenjungen ermordet: Mit einem Messer hat man bestialisch abgeschlachtet, mit einem schweren Zimmermannshammer buchstäblich zu Brei geschlagen.

Unerkannt ist der Täter entkommen – oder sind es deren mehrere? Die Ermittlungen laufen sofort an, doch sie werden durch die eingangs geschilderten Probleme behindert. Viele Verdächtige werden verhört und eingesperrt, doch alle können ihre Unschuld nachweisen. So droht die Einstellung des Falls, als keine zwei Wochen nach der Untat im benachbarten St. Paul’s ein zweites Verbrechen nach dem bekannten Muster verübt wird. Dieses Mal fallen ihm ein Schankwirt-Ehepaar und ihr Dienstmädchen auf brutalste Weise zum Opfer. Die Bürgerschaft verwandelt sich in einen erst panischen, dann wütenden Pöbel, die Obrigkeit muss reagieren. Sie wählt den einfachsten Weg und sucht fieberhaft nach einem Sündenbock. Wer sich nicht gegen solche Ränke wehren kann, dessen Schicksal ist praktisch bereits besiegelt. Es trifft einen unglücklichen Seemann, und Justizias Mühlen laufen an – langsam und unerbittlich …

Die Morde am Ratcliffe Highway sind ein Bestandteil der englischen Kriminalgeschichte. In der übrigen Welt wurden sie niemals so bekannt; hier hat sich knapp acht Jahrzehnte später ein weiterer Serienmörder mit dem Künstlernamen „Jack the Ripper“ als wesentlich medientauglicher erwiesen …

Dass hinter den Ereignissen von 1811 eine ähnlich bemerkenswerte und erinnerungswürdige Geschichte steckt, belegen Phyllis Dorothy James und T. A. Critchley in ihrem 1971 zum ersten Mal erschienenen (und seither mehrfach überarbeiteten und aktualisierten) „True Crime“-Sachbuch. Sie ist eine zu Recht mit Anerkennung überhäufte Lichtgestalt des angelsächsischen Kriminalromans, er war ein Historiker, der sich auf englische Justizgeschichte spezialisiert hatte. Talent und Wissen gingen eine selten gelungene Verbindung ein: „Die Morde am Ratcliffe Highway“ ist ein fabelhaftes Sachbuch.

Vermieden werden die Sünden, die eine Lektüre von „True Crime“-Bücher oft zur Qual werden lassen. Recherche soll und muss in diesem Genre häufig schriftstellerisches Geschick ersetzen. Die Autoren setzen voraus, dass die Wucht der Fakten und ihr Mitteilungsbedürfnis den beklagenswerten Dilettantismus in der Umsetzung aufwerten. Gern wird als stilistisches Mittel die wörtliche Rede gewählt, werden die ausgegrabenen Verbrechen in der Gegenwartsform erzählt, als ob der Verfasser anwesend gewesen sei. Dem Hörensagen wird so Tür und Tor geöffnet.

Solche faulen Tricks haben James und Critchley nicht nötig. Sie berichten, was 1811 geschehen ist. Die vorhandenen Quellen haben sie einer sorgfältigen Überprüfung unterworfen und in eine chronologische Reihenfolge gebracht. So arbeiten Kriminalisten, aber eben auch Historiker. Das sichtlich vorhandene Wissen über den Umgang mit Fakten gestattet eine Gewichtung derselben in ihrem zeitgenössischen Umfeld. Man glaube nicht, dass die Welt von 1811 mit der von Heute gleichgesetzt werden darf. James und Critchley wissen das; sie beschränken sich daher nicht auf die Morde mit ihren schön-schaurigen Details, sondern beziehen das politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Umfeld mit ein.

Dies löst beim „normalen“ Leser angeblich Fluchtinstinkte aus. Dem kann man zustimmen, wenn Zeilenschinder am Werk sind. James und Critchley lassen dagegen eine versunkene Welt wiederaufstehen. Ohne sich in Faktenhuberei zu verlieren, zeichnen sie diese mit kühnem Strich. Vergangenheit ist kein Synonym für Nostalgie; in St.-George’s-in-the-East, St. Paul’s oder London haben 1811 Menschen gelebt – Menschen, denen ihre Gegenwart völlig normal erschien, keine lebenden Museumsstücke. Ihr Denken und Tun, das uns heute so fremd erscheint, lässt sich erklären, wenn man die Schlüssel kennt.

James und Critchley haben sich Mühe gegeben. Lange haben sie in Archiven und Bibliotheken gesucht und gegraben. Dabei fiel ihnen viel und vor allem oft unbekanntes Material in die Hände. Auch das ist eine erstaunliche Tatsache: Die Welt von 1811 war keine primitive, von Schmutz, Grausamkeit, Krankheit und Ungerechtigkeit dominierte Hölle. Diese Aspekte waren tatsächlich gegenwärtig (nicht umsonst wurde der durch Selbstmord in der Zelle geendete Williams auf einem offenen Karren durch die Stadt gefahren, der Leiche ein Pflock durchs schwarze Herz gerammt und die unter einer Straßenkreuzung verscharrt), die Menschen gefangen in den Denkschemata ihrer Epoche, aber nicht dümmer als ihre Nachfahren. Es wurde bereits registriert und analysiert. So konnten James und Critchley auf eine Fülle zeitgenössischer Berichte zurückgreifen. Wer sie einst niederschrieb, war um Objektivität bemüht, ohne sie freilich zu erreichen. Die Interpretation während der Niederschrift von den nackten Tatsachen zu trennen, ist ebenfalls die Aufgabe des Historikers. James und Critchley bleiben dabei bemerkenswert erfolgreich.

So ist es auch mit ihrem Versuch, die wahren Hintergründe der Verbrechen zu rekonstruieren. Der Pechvogel John Williams war wahrscheinlich nicht der Täter. Wie und wer es statt dessen gewesen sein könnte, bleibt natürlich Theorie. Daraus machen James und Critchley auch keinen Hehl, aber sie türmen akribisch Steinchen auf Steinchen und enthüllen eine Geschichte, die sich ereignet haben könnte.

Auch dabei verwandeln die Verfasser eine eigentlich trockene Materie – die Darstellung juristischer Vorgänge – in einen Kriminalroman, ohne dabei die Fakten zu vernachlässigen. Wer glaubt, dies sei nicht möglich, wird sich gern eines Besseren belehren lassen. Leider sind wir durch eine Flut minderwertiger Blut-und-Gewalt-Schwelger – im „True Crime“-Genre steckt Geld, denn die Sucht des Menschen, aus sicherer Entfernung am Unglück des Nachbarn teilzuhaben, ist eine sichere Bank – viel plakativen Sachbuchmüll gewohnt. Da ist es eine besondere Freude erleben zu dürfen, dass es auch anders geht.

Wenige, aber gut ausgewählte zeitgenössische Abbildungen ergänzen den Text, der zu den längst überfälligen Veröffentlichungen hier in Deutschland gehört, wo ebenfalls dem „Wahren Verbrechen“ in den Buchläden so mancher Regalmeter gewidmet (und verschwendet) wird.

Der Originaltitel bezieht sich übrigens auf zwei zentrale Elemente des „Ratcliffe Highway“-Falls. Der „Maul“ ist der schaurige Zimmermannshammer, mit dem den Marrs der Geraus gemacht wurde, das „Pear Tree“ jenes Gasthaus, in dem der angebliche Mörder gehaust haben soll.

Phyllis Dorothy James wurde 1920 in Oxford geboren. 1941 wurde sie die Gattin des Militärarztes Connor Bantry White. Dieser gehörte zu den vielen Teilnehmern des II. Weltkriegs, die zwar lebendig, aber seelisch gebrochen zurückkehrten. Bis zu seinem Tod im Jahre 1964 musste er immer wieder psychatrisch behandelt werden. Da White praktisch arbeitsunfähig war, musste Phyllis die Ernährung der inzwischen vierköpfigen Familie übernehmen. Sie nahm eine Stelle in der Krankenhausverwaltung an. Später ging sie zum britischen Innenministerium.

Ab 1962 schrieb P. D. James Kriminalgeschichten. Sie schuf die Figur des Commanders Adam Dalgliesh, der es seit seinem seinen ersten Auftritt in „Cover Her Face“ (1962, dt. „Ein Spiel zuviel“) zu einem der bekanntesten Ermittler der angelsächsischen Kriminalliteratur gebracht hat. Von Anfang an recht erfolgreich, kam der echte Durchbruch 1977 mit „Death of an Expert Witness“ (dt. „Tod eines Sachverständigen“). Zwei Jahre später konnte James ihre Arbeit für das Ministerium aufgeben und sich auf die Schriftstellerei konzentrieren.

P. D. James ist eine Vertreterin der klassischen Schule ihres Genres. Plakative Gewalt und Action-Spektakel wird man bei ihr vergeblich suchen. Statt dessen stehen (manchmal sogar allzu) ausgefeilte Milieu- und Charakterstudien im Vordergrund. Auch „Die Morde am Ratcliffe Highway“ verdanken dem die Intensität der Darstellung.

Solche vornehme Zurückhaltung bei gleichzeitigem Talent konnte auf Dauer nicht unbelohnt bleiben; das Establishment schätzt Romane „mit Anspruch“. 1991 wurde P. D. James zur „Baroness James of Holland Park“ geadelt. 1999 veröffentlichte sie ihre als Tagebuch gestaltete Autobiografie, ohne darüber das Schreiben neuer Thriller aufzugeben, die bis heute mit großem Erfolg erscheinen, obwohl die Verfasserin ihren schriftstellerischen Zenit inzwischen überschritten hat.

T. A Critchley (1910-1991) war Spezialist für Angelegenheiten der Polizeiverwaltung und als solcher ein Arbeitskollege James‘ im Innenministerium. Er betätigte sich außerdem als Historiker; aus seiner Feder floss eine voluminöse Geschichte der Polizei von England und Wales (1978). Seine Kenntnisse der Materie und im Umgang mit historischen Dokumenten ergänzten sich vorzüglich mit James‘ Fähigkeit, eine logische und spannende Geschichte aus den Fakten zu destillieren.

Jerome, Jerome K. – Drei Männer im Boot … ganz zu schweigen vom Hund

_Das geschieht:_

Sommer im London der späten 1880er Jahre … Harris, George und Jerome, drei junge Männer, geben sich gelangweilt ihren hypochondrischen Neigungen hin. Bald kommen sie zu dem Schluss, dass ihnen ein Urlaub gut täte. Doch Geld und Zeit sind knapp; höchstens 14 Tage könnte man sich der verhassten Arbeit fernhalten. Nach ausgiebigen Beratungen entscheidet man sich deshalb für eine Bootsfahrt die Themse hinauf.

Die junge Elite des viktorianischen Britanniens bildet sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts viel auf ihren Abenteuer- und Sportsgeist ein. Unser Trio ist da keine Ausnahme. Tatsächlich sind weder Harris, George oder Jerome der rauen Realität eines Sommerurlaubs in England gewachsen. Der rauflustige Foxterrier Montmorency ist da schon aus anderem Holz geschnitzt. Er setzt sein Talent freilich bevorzugt ein, seinen Herren allerlei Scherereien zu machen.

Da muss er sich jedoch anstrengen, denn Harris, George und Jerome schaffen es selbst, sich ständig in peinliche Situationen zu bringen. Sie fahren in die Irre, kentern häufig, fallen über Bord, geraten mit schrulligen Uferbewohnern aneinander, streiten und vertragen sich – und erleben die Ferien ihres Lebens, denn ihre Fahrt geht durch eine traumhaft schöne Flusslandschaft, entlang an uralten Städtchen, lauschigen Winkeln und gemütlichen Gasthäusern, die anzusteuern besonders Harris stets am Herzen liegt …

_Der Weg ist das Ziel_

Ein Roman ohne echte Handlung, ein Bestseller, den die Leser einfach lieben, ohne dazu von der Werbung gezwungen zu werden: „Drei Männer im Boot“ ist eines jener Bücher, die exakt den rechten Ton zur rechten Zeit trafen und sich auf diese Weise ihren Klassikerstatus sicherten. Autor Jerome hat später noch viele mindestens ebenso lesenswerte und lustige Werke verfasst, ohne seinen Erfolg von 1889 auch nur annähernd zu erreichen.

Die Ausgangsidee ist ebenso einfach wie genial. Drei Männer begeben sich auf eine Bootsfahrt, ohne eine echte Ahnung davon zu haben, worauf sie sich da einlassen. Die Kulisse – der Fluss Themse und seine Ufer – ist überschaubar, und auf 250 Seiten dekliniert Jerome die möglichen Zwischenfälle durch. Deren Unterhaltungswert hält sich theoretisch in Grenzen: Was ist an ständigem Kentern oder Verirren schon komisch? Hier setzt Jerome deshalb ganz auf den berühmten britischen Humor, der schwarz und knochentrocken ist und deshalb kein Verfallsdatum besitzt. Die deutsche Übersetzung weiß ihn glücklicherweise zu bewahren, obwohl „Three Men in a Boot“ trotzdem zu jenen Büchern gehört, deren Lektüre im Original angeraten wird.

|Bekannte Orte, liebevoll verfremdet|

Eines der schönsten Merkmale dieses britischen Humors ist die Tatsache, dass er den Witz anders als die |Brou-har-har|-Klamottenkomiker, die im Auftrag des deutschen Privatfernsehens ihr Publikum foltern, nicht herbei zwingt, sondern ihm quasi den Rücken kehrt. Mit beinahe dokumentarischer Sachlichkeit werden die Erlebnisse unseres Trios (bzw. Quartetts, denn Hund Montmorency ist ein vollwertiges Besatzungsmitglied) geschildert. Der Clou ist dabei, dass man Jeromes Beschreibungen liest und sehr genau weiß, dass er hemmungslos übertreibt oder die ‚Wahrheit‘ verzerrt. Je ernsthafter George, Harris und Jerome ihren Urlaub angehen, desto lächerlicher machen sie sich.

Zu Ruhm und Zeitlosigkeit von „Drei Männer im Boot“ tragen nicht in geringem Maße Jeromes kundigen Beschreibungen von Land und Leuten an der Themse bei. Ihm fällt zu jedem Ort eine schnurrige historische Anekdote ein, die der offiziellen Geschichtsschreibung ganz neue Seiten abgewinnt. Gleichzeitig fasziniert die Darstellung einer längst vergangenen Welt, in der es völlig selbstverständlich war, dass Menschen jeglichen Alters die Themse hinauf- und hinab schipperten, um sich dabei zu erholen. Das tun sie heute auch noch, aber die Methoden und Sitten haben sich sichtlich geändert.

|Drei Jedermänner machen Urlaub|

Neben der wunderbaren Beschreibung einer Themsefahrt ist es die bemerkenswerte Figurenzeichnung, die Autor Jerome seinen drei Protagonisten angedeihen lässt. Harris, George und Jerome repräsentieren eine untergegangene Epoche, aber sie tun dies so liebenswert, dass man sich wünscht, im viktorianischen England zu leben (und dessen weniger angenehme Seiten fast vergisst …)

Sicherlich der Hauptgrund für diese lebendigen Charaktere ist die Tatsache, dass es unser Trio tatsächlich gegeben hat. Carl Hentschel (Harris) (1864-1930), George Wingrave (George) (1862-1941) und Jerome K. Jerome (1859-1927) waren alte Freunde, die eine Menge zusammen erlebten. (Eine Themse-Fahrt unternahmen sie allerdings nie.) Jerome, der Schriftsteller, ließ sie und sich unsterblich werden.

Sie sind liebenswerte Musterbilder und gleichzeitig Karikaturen des unerschütterlichen Briten mit „steifer Oberlippe“. Über den Großteil der Welt herrschen sie und finden das völlig in Ordnung. Trotzdem klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine gewisse Lücke. Unsere drei Bootsfahrer sind hauptsächlich in ihren Träumen jene unerschrockenen, abgehärteten Abenteurer, als die sie selbst so gern in sich sehen. Wenn Jerome sie nun bereits in der Sommerfrische der heimatlichen Themse kläglich scheitern lässt, so war und ist der daraus entstehende Unterhaltungseffekt so beträchtlich, dass „Drei Männer im Boot“ auch in Deutschland seit Jahrzehnten immer wieder aufgelegt wird.

|Autor|

Jerome Klapka Jerome wurde in Walsall, Staffordshire, am 2. Mai 1859, als jüngstes von vier Kindern in eine solide Mittelstands-Familie geboren. Das kleine Glück endete bereits 1861, als der Vater, der in Kohle und Eisen spekulierte, geschäftlichen Schiffbruch erlitt. Am Rande der Armut lebten die Jeromes zunächst in Stourbridge, bevor sie nach Poplar, einem wenig heimeligen Viertel im East End von London, zogen.

Im Alter von 14 verließ Jerome die Schule. Er arbeitete als Angestellter, Journalist, Schauspieler oder Schulmeister. Nebenbei versuchte er sich als Schriftsteller. Sein erstes Werk „On the Stage and Off“ erschien 1885 und erregte wie die ihm folgenden Schauspiele, Bücher und Magazinartikel nur mäßiges Aufsehen. Das änderte sich nachhaltig, nachdem Jerome 1889 „Three Man in a Boat“ veröffentlichte.

Er blieb ein fleißiger Schreiber, Kolumnist und Zeitschriften-Herausgeber, dem es allerdings nie wieder gelang, auch nur annähernd dem Erfolg seines berühmtesten Werkes nahe zu kommen. Selbstverständlich kehrten Harris, George und Jerome zurück; schon im 19. Jahrhundert wurde ein ohnehin rarer Erfolg gern fortgesetzt. „Three Men on the Bummel“ (in den USA: „Three Men on Wheels“) beschreibt eine wahrlich zwerchfellerschütternde Radtour durch das wilhelminische Deutschland des Jahres 1900. Dieses Werk hat seltsamerweise die Zeit nicht so gut überstanden, obwohl es keineswegs ’schlechter‘ oder weniger unterhaltsam ist als sein Vorgänger.

Mit 57 Jahren zog Jerome 1916 in den I. Weltkrieg; das dort als Ambulanzfahrer in Frankreich Erlebte zeichnete ihn für den Rest seines Lebens. 1926 verfasste Jerome noch seine Autobiografie „My Life and Times“, bevor ihn ein auf einer Autoreise durch die Grafschaft Devon im folgenden Jahr ein Schlaganfall niederstreckte. Jerome K. Jerome starb am 14. Juni 1927 und liegt in Ewelne in Oxfordshire begraben.

Es gibt eine „Jerome K. Jerome Society“, die eine optisch schlichte, aber inhaltlich fabelhafte Website hält: [Autorenhomepage]http://www.jeromekjerome.com. Hier lässt sich die ganze Geschichte unserer drei Helden nachlesen; sie ist es wirklich wert!

|Originaltitel: Three Men in a Boat (London : Arrowsmith 1889)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Drei Mann in einem Boot – vom Hunde ganz zu schweigen“): 1900 (A. Schumann’s Verlag)
Übersetzung: A. u. M. Springer
279 S.
[keine ISBN]
Diese Ausgabe: September 2009 (Piper Verlag Nr. 2451)
Übersetzung: Arndt Kösling
247 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-492-22451-2|
[Verlagshomepage]http://www.piper-verlag.de

Tom Holland – Der Schläfer in der Wüste

Howard Carter öffnet 1922 das Grab des Pharaos Tutenchamun, der tatsächlich ein Vampir mit außerirdischen Ahnen ist und nunmehr befreit sein Unwesen in der Gegenwart treiben kann … – Gelungene Mischung aus Fakten und Fiktion, die dem berüchtigten „Fluch der Pharaonen“ eine ungewöhnliche ‚Erklärung‘ gibt: spannend, gut umgesetzt und stimmungsvoll in die gewählte Epoche eingepasst.
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Hoffmann, Gabriele – Schiffbrüchigen, Die

Sommer 1629: Die „Batavia“, das Flaggschiff der „Herbstflotte“, die im Auftrag der „Vereinigten Ostindischen Companie“ (VOC) im Oktober des Vorjahres die Niederlande via Ostindien verlassen hat, läuft in einem schweren Sturm auf den Riffen einer namenlosen Insel irgendwo im tropischen Ozean auf. Etwa 300 Überlebende können sich retten – sie finden sich mit minimalen Wasser- und Lebensmittelvorräten auf einem öden Eiland wieder. Der Kapitän und der Repräsentant der VOC machen sich mit den Offizieren und einem Teil der Besatzung im Beiboot der „Batavia“ auf, Hilfe zu holen. Ob sie es schaffen werden, das Festland zu erreichen, ist ungewiss. Sollte es ihnen allerdings gelingen, werden sie auf jeden Fall zurückkehren, denn die Laderäume des Wracks bersten förmlich vor Gold, Juwelen, kostbaren Stoffen und anderen Schätzen.

Die Überlebenden müssen sich auf eine lange Wartezeit gefasst machen. Sie sind auf ihr Dasein als Schiffbrüchige nicht vorbereitet. Ohne Führung bricht die Disziplin bald zusammen. Die Inselgesellschaft droht an ihrer Tatenlosigkeit zugrunde zu gehen, da fühlt sich ein Mann berufen, die Zügel in die Hand zu nehmen: Jeronimus Cornelisz, ein Kaufmann, der an Bord der „Batavia“ eher unauffällig geblieben ist. Nun wählt man ihn zum Vorsitzenden eines Inselrates, der den Kampf ums Überleben organisieren soll.

Cornelisz ist ein Mann mit geheimen Träumen von brutaler Herrschaft und perverser Gewalt; nun, da er zum ersten Mal in seinem Leben Macht ausüben kann, lässt er seinen bisher unterdrückten Leidenschaften freien Lauf. Er entpuppt sich als geborener Anführer und geschickter Verführer, der rasch eine Gruppe zu allem entschlossener Männer um sich scharen kann. Sie nennen sich die „Auserwählten“, und sie errichten auf der trostlosen Insel, genannt „Batavias Friedhof“, ein grausames Terrorregime. Cornelisz erklärt sich zum Herrn über Leben und Tod, lässt Kranke und Kinder als „unnütze“ Esser ermorden, zwingt die Frauen sich zu prostituieren, rafft die Schätze der „Batavia“ an sich. Unter dem Vorwand, die drückende Enge auf der Insel mildern zu wollen, lässt Cornelisz mehrfach Männer und Frauen auf benachbarte Eilande übersetzen. Tatsächlich werden sie dort jämmerlich abgeschlachtet und ausgeraubt.

Binnen zweier Monate bringen die „Erwählten“ über 125 Menschen um; bald töten sie offen und aus reiner Mordlust. Die durch Hunger, Krankheit und Furcht geschwächten Überlebenden liefern sich der Willkür fast ausnahmslos aus. Doch der Gipfel der Gräuel ist noch längst nicht erreicht. In dem Wissen, dass ihre Schreckensherrschaft sich bald dem Ende zuneigen oder man sie bei einer Rettung streng bestrafen wird, beginnen die „Erwählten“ sich auch untereinander zu bekriegen. Einig sind sie sich höchstens in ihrem Bestreben, sämtliche Zeugen ihrer Untaten zu beseitigen …

Die wahre Geschichte der „Batavia“ – oder besser die ihrer schiffbrüchigen Besatzung – gehört zu den durchaus bekannten, aber halb vergessenen historischen Episoden. Wenn Gabriele Hoffmann den VOC-Kommandeur Pelzert im zweiten Teil ihres Romans die unglaublichen Ereignisse des Jahres 1629 niederschreiben lässt, hält sie sich damit eng an die Wahrheit. Pelzerts umfangreiche Protokolle stellen eine reiche Quelle dar, aus der auch die Autorin schöpfen konnte.

Da die Ereignisse wahrlich für sich selbst sprechen, übernimmt sie den nüchternen Tenor der Vorlage. Ihr Roman wirkt dadurch über weite Strecken wie eine dokumentarische Bestandsaufnahme. Der Verzicht auf inszenierten Horror und Melodramatik kommt der Geschichte sehr zugute. Dennoch sollte man sich davor hüten, Hoffmanns Schilderung mit der Realität des Jahres 1629 gleich zu setzen. „Die Schiffbrüchigen“ ist ein Roman und damit fiktiv; es gibt zum Beispiel keine Aufzeichnungen eines Ritters Christoph von Eck.

Außerdem unterwirft Hoffmann die reale Geschichte ihrer subjektiven Wertung. „Die Schiffbrüchigen“ soll mehr als reine Unterhaltung sein – nämlich ein romanhafter Essay über das Wesen der Schuld. Das Geschehen von 1629 steht stellvertretend für alle Grausamkeiten, die sich die Menschen im Laufe der Jahrtausende angetan haben; Gräuel, die unzweifelhaft geschehen sind, die aber nachträglich niemand zufriedenstellend erklären konnte und kann, was die Opfer wie die Täter (!) einschließt.

Statt „Batavia Friedhof“ könnte der Ort der Handlung auch Little Big Horn, My Lai oder Auschwitz heißen, wobei Hoffmans Allegorie hauptsächlich auf den organisierten Massenmord der Nazis zielt. Der Aufstieg einer kleinen, aber skrupellosen Clique in krisenhafter Zeit, die Ausgrenzung angeblich „schädlicher“ Minderheiten, die geschickte Eingliederung der schweigenden Mehrheit in eine Unterdrückungs- und Mordmaschinerie, der Terror, der bald seine eigenen Kinder frisst, aber auch das Schweigen, die Fassungslosigkeit und das Leugnen derer, die „dabei“ waren, sobald der Spuk vorbei ist – das sind Phänomene, die untrennbar mit dem „Dritten Reich“, den Kriegsverbrecherprozessen der überforderten Siegermächte und der Grabesstille der deutschen Nachkriegsjahrzehnte verbunden sind.

Dem erzählerischen Talent Gabriele Hoffmanns ist es zu verdanken, dass diese Aspekte sich einerseits nie aufdringlich in den Vordergrund schieben, während sie sich andererseits stets als persönliche Standpunkte der Autorin erkennen lassen. Hoffmanns (resignatives) Fazit, dass „das Böse“ in jedem Menschen lebt und jederzeit und an jedem Ort ausbrechen kann, hat etwas bestechend Logisches, vereinfacht ein komplexes Problem allerdings in vielerlei Hinsicht und muss nicht unbedingt zutreffen. Aber bei einem Roman ist es das Privileg des Autoren, die Wirklichkeit nach eigenem Gusto zu verändern, mit ihr zu spielen und eine persönliche Sicht der Welt ins buchstäbliche Spiel zu bringen.

Wer sich als Leser also nicht berufen fühlt, an einer philosophischen Diskussion über Gut und Böse teilzunehmen, sei beruhigt: „Die Schiffbrüchigen“ funktioniert auch als „normales“, sehr spannendes, wenn auch düsteres historisches Abenteuer.

Jeronimus Cornelisz – die personifizierte Banalität des Bösen. Als Kaufmann führt er ein völlig unauffälliges, von hohen Risiken und gefahrvollen Geschäftsfahrten geprägtes Dasein. Niemand würde in ihm den geradezu archaischen Schreckensherrscher vermuten, in den er sich aus heiterem Himmel verwandelt. Er muss sein geheimen Träume von lustvollem Terror gehabt, aber sorgfältig in seinem Herzen verborgen haben. Nun lässt er ihnen freien Lauf, da niemand ihnen (endlich) Einhalt gebieten kann.

So ist es natürlich nicht. Wieso greift beispielsweise Christoph von Eck nicht ein? Er trägt den Rittertitel und ist eigentlich verpflichtet für Zucht und Ordnung zu sorgen. Doch in diesem Jahr 1629 ist der Ritterstand in uralten Denkmuster erstarrt, trauert kodifizierten Verhaltensvorschriften nach, die von der Zeit längst überholt sind. Von Eck sieht sich als Krieger im Auftrag Gottes; für die Disziplinierung eines Gewaltherrschers fühlt er sich nicht zuständig, so lange ihn dieser nur in Ruhe lässt.

Cornelisz wiederum ist schlau genug zu warten, bis seine Anhängerschaft so stark gewachsen und seine Gegner so schwach geworden sind, dass ihm die Macht in den Schoß fällt. Wäre die Mordlust nicht mit ihm durchgegangen, hätte sein Plan aufgehen können. Aber der amokhafte Blutrausch führt den unheimvoll „befreiten“ Kaufmann letztlich selbst ins Verderben: Als man ihn zur Verantwortung zieht, verhält sich „das Gesetz“ nicht minder grausam als er. Seine Richter und Henker sehen freilich das Recht auf ihrer Seite und sich selbst in der Pflicht, Cornelisz‘ unglaubliche Taten zu sühnen – und das geschieht auf zeitgenössische Art, d. h. nach dem Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Die Überlebenden der „Batavia“ müssen sich den Rest ihres Lebens die Frage stellen, wieso sie mittaten- als Täter, Mitläufer oder Opfer. Sie finden keine Antwort, verstricken sich in gegenseitige Schuldzuweisungen, erwachen – Cornelisz eingeschlossen – aus einem bösen Traum. Und das war die „Batavia“-Katastrophe denn auch: eine unerfreuliche Lektion in der Alltäglichkeit des Bösen, das dich auf eine Weise überraschen kann, mit der du niemals gerechnet hättest: als Unschuldiger, aber auch als Schuldiger.

James Turner (Hg.) – Hüter der Pforten. Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos

James Turner: Iä! Iä! Cthulhu fhtagn! (Iä! Iä! Cthulhu fhtagn!) – Vorwort zu dieser Sammlung

H. P. Lovecraft: Cthulhus Ruf (The Call of Cthulhu, 1928) – Ein junger Mann, der eigentlich nur das seltsame Erbe eines Onkels ordnen wollte, muss entsetzt erkennen, dass die Menschheit diese Erde mit urzeitlichen Unwesen aus kosmischen Tiefen teilt …

Clark Ashton Smith: Des Magiers Wiederkehr (The Return of the Sorcerer, 1931) – Böse sind beide Zaubermeister, aber der eine ist auch noch rachsüchtig und lässt sich sogar durch seine Ermordung nicht von einer spektakulären Rückkehr abhalten …

James Turner (Hg.) – Hüter der Pforten. Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos weiterlesen

Souhami, Diana – Selkirks Insel. Die wahre Geschichte von Robinson Crusoe

Ein (Seefahrer-) Leben im frühen 18. Jahrhundert: England befindet sich im Krieg mit Spanien, der auch auf den Weltmeeren ausgetragen wird. Mittel- und Südamerika sowie die Südsee und die Karibik befinden sich fest in spanischer Hand. Der katholische König lässt gewaltige Gold- und Silbermengen aus seinen Kolonien pressen. Die schwer beladenen Schatzschiffe stechen den Engländern begehrlich ins Auge. Mit königlicher Billigung werden Kaperschiffe ausgerüstet, die den dickbäuchigen Galeonen entlang der südamerikanischen Küsten auflauern.

Eines davon ist im Jahre 1704 die „Cinque Ports“. Sie gehört zu einem Verbund von zwei Schiffen unter dem Kommando des Abenteurers William Dampier. Dieser entpuppt sich als führungsuntauglicher, ständig betrunkener, cholerischer Mann. Der Steuermann Alexander Selkirk, ein junger Schotte, ist selbst ein grober, jähzorniger Mensch, der hart mit Thomas Stradling, dem Kapitän der „Cinque Ports“, aneinander gerät, als sich die schlecht vorbereitete Kaperfahrt als Desaster erweist.

Stradling macht kurzen Prozess mit dem „Meuterer“. Er setzt Selkirk im September 1704 auf einer einsamen Insel aus – ein seinerzeit nicht ungebräuchliches Verfahren. San Fernando liegt mehr als 600 km vor der chilenischen Westküste im Pazifik. Der unversöhnliche Kapitän lässt seinen Widersacher dort allein zurück, was allerdings ungewöhnlich grausam ist.

Selkirk erlebt seine erste Zeit auf San Fernando im Schockzustand. Ohne sehr viel Ausrüstung, ist er völlig auf sich gestellt. Bald setzt sich der Lebenshaltungstrieb durch. Der einsame Mann stellt sich der Herausforderung einer wilden, aber nicht generell lebensfeindlichen Umfeld und meistert sie, indem er sich ihr nach und nach anpasst, statt sich gegen sie zu stellen. Vier Jahre und vier Monate überlebt Selkirk auf seiner Insel. Im Februar 1709 wird er vom Segler „Duke“ entdeckt und gerettet.

Erst 1711 kehrt er zurück nach England und nimmt sein Leben wieder auf. Seine niedergeschriebene Geschichte sichert ihm eine gewisse Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Der Seefahrt bleibt er verbunden; trotz seiner Leiden zieht es ihn weiterhin in ferne Länder, wo er sein Glück sucht. Als er 1721 stirbt, geschieht dies auf einer weiteren „Geschäftsreise“ vor der afrikanischen Küste.

Immerhin kann Selkirk noch erleben, wie seine Geschichte sich in unsterbliche Literatur verwandelt: Sie dient dem Schriftsteller Daniel Defoe (1660-1731) als Vorlage für seinen Roman „Robinson Crusoe“ (1719). Ob sich Verfasser und Vorbild jemals persönlich getroffen haben, wird angenommen, ist aber nicht belegt.

Selkirks Biografie, die sich verständlicherweise auf jene vier Jahre vier Monate konzentriert, die er auf „seiner“ Insel hauste, ist hinter Defoes Roman lange verschwunden. Diana Souhami ist nicht die Erste, die sich bemüht hat, die Wahrheit hinter der Legende zu rekonstruieren. Die Autorin ist aber tiefer als ihre Vorgänger in die Archive der seefahrenden Welt hinabgestiegen und hat alte Logbücher, Berichte, Akten usw. gelesen und ausgewertet.

Wieder erstanden ist auf diese Weise nicht nur das Schicksal des Alexander Selkirk. Souhami entwirft ein Panorama des Seelebens um 1700, das wiederum einen wichtigen Aspekt des historischen Alltags mit seinen heute exotisch, ja barbarisch anmutenden Gesetzen und Regeln, Sitten und Bräuchen darstellt.

Diese versunkene Welt wird andererseits nicht in allen angelesenen Details vor uns ausgebreitet (oder breit getreten). Souhami hat ihren Stoff im Griff und verfügt über die Selbstdisziplin mit den Fakten zu arbeiten. Sie wählt aus, interpretiert, wertet, führt ihre Leser straff durch die Geschichte. Die Chronologie ist eine grobe, Zeitsprünge kommen vor. Kurze Kapitel werfen Schlaglichter auf manchmal dem Zusammenhang fremd wirkende Aspekte. Insgesamt fügen sie sich zum Gesamtbild: Selkirks Welt.

Das Kernstück der Darstellung bilden natürlich Selkirks Inseljahre. Ein Leben als „Aussteiger“ direkt am Busen der Natur hatte für den Zeitgenossen rein gar nichts Lockenswertes an sich. Die Wildnis hieß nicht umsonst so; sie galt als erschreckender Ort, den es zu „zähmen“, zu „kultivieren“ galt, bevor er menschenwürdig wurde. Dabei ermöglichten ein mildes Klima, Wasser, essbare Pflanzen und Tiere Selkirk durchaus ein erträgliches Auskommen – Souhami beschreibt die Insel und ihre Bewohner und vermittelt uns ein anschauliches Bild dieser exotischen Pazifikwelt.

Nicht zu leugnen sind Selkirks Einsamkeit und Ängste. Ein Mensch wird buchstäblich mutterseelenallein ausgesetzt und muss mit seiner fremden Umwelt, aber auch mit sich selbst leben. Diesen schwierigen Prozess fasst Souhami in Worte, die den Rahmen eines Sachbuches sicherlich verlassen und ins Romanhafte spielen. Selkirk selbst hat sich über sein Innenleben während des Exils nur ansatzweise bzw. mit dem Pathos seiner Zeit geäußert, so dass hier Vermutungen wohl statthaft sind. Auf jeden Fall ist Souhami zuzustimmen, die in Selkirk einen rauen, schurkenhaften und dadurch auch unempfindlichen und lebenstüchtigen Zeitgenossen sieht, der ganz sicher nicht wie sein geistvolles Spiegelbild Robinson Crusoe hochmoralischen Gedanken nachhängt – er verfügt nicht über den entsprechenden Intellekt und es bleibt ihm schlicht auch keine Zeit dafür in seinem Überlebenskampf. (Außerdem fällt Robinson nicht sexuell ausgehungert über die Ziegen seiner Insel her, wie Souhami es Selkirk unterstellt …)

Souhami rekonstruiert auch Selkirks Leben nach dem Inselaufenthalt. Die Rückkehr in die Zivilisation ist gleichzeitig die Rückkehr in alte Schwierigkeiten. Seine Charakterfehler hat Selkirk keineswegs überwunden. Rasch verwandelt er sich zurück in einen rauen, rücksichtslosen Gesellen, der alles vergisst, was er auf seiner Insel gelernt haben könnte. Sein Ende ist ebenso zeittypisch wie banal; ein Happy-End gibt es nicht.

Das letzte Kapitel beschreibt den Besuch der Verfasserin auf der heutigen Insel San Fernando (die aus touristischen Gründen in „Robinson-Insel“ umgetauft wurde …). Viel gibt es nicht mehr zu sehen von Selkirks Insel, die sich in drei Jahrhunderten stark verändert hat. Nie siedelten viele Menschen auf der Insel, doch sie haben sie nach Menschenart wahrlich „kultiviert“, d. h. die einzigartige Fauna und Flora nach Kräften ausgebeutet und zerstört. Erst heute wird Selkirks Insel, die ein wirklich ungastlicher Ort geworden war, naturgeschützt, was der Autorin Gelegenheit zu allerlei klugen philosophischen Exkursen über die Rätselhaftigkeit der menschlichen Natur gibt. (Von einer interessanten Reise auf die heutige Robinson-Insel berichtet übrigens http://www.ini.unizh.ch/~tobi/alex/alex.html.)

Diana Souhami ist eine überaus aktive Schriftstellerin, die Theaterstücke und Drehbücher für Radio und Fernsehen verfasst. Darüber hinaus ist sie durch ihre zahlreichen, von der Kritik hoch gelobten Bücher bekannt geworden. „The Trials of Radclyffe Hall“ wurde für den James Tait Black Prize for Biography vorgeschlagen und gewann den US Lambda Literary Award. „Mrs. Keppel and Her Daughter“, „Greta and Cecil“, „Gluck: Her Biography“ sowie das auch auf deutsch erschienene „Gertrude Stein und Alice B. Toklas. Zwei Leben – eine Biografie“ wurden Erfolge. Für „Selkirks Insel“ erhielt Diana Souhami 2001 den renommierten britischen Whitbread-Preis in der Kategorie „beste Biografie“.

George A. Romero/Susanna Sparrow – Dawn of the Dead. Der Roman zum Film

Romero Zombie Cover kleinDie Toten erwachen zu neuem ‚Leben‘, um ihre geschockten Hinterbliebenen zu jagen und zu fressen. Die Zivilisation droht zusammenzubrechen. In allgemeinen Chaos verbarrikadieren sich vier Überlebende in einem Großsupermarkt, doch die wahre Gefahr droht von den lebendigen Mitmenschen … – Roman zum verstörenden Filmklassiker von 1978: eine simple aber gesellschaftskritische, düstere und auch ohne Unterstützung durch bewegte Bilder wirkungsvolle Geschichte.
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Martin, Russell – Beethovens Locke

Zwischen zwei historischen Daten spannt sich der Bogen unserer wahren Geschichte: An einem Abend im März 1827 erliegt in Wien der geniale Komponist Ludwig nach Beethoven einem schweren Leberleiden. Vor seinem Ende hat er noch mehrfach Besuch empfangen. Unter seinen Gästen: der 15-jährige Ferdinand Hiller, ein hoffnungsvolles musikalisches Talent, und dessen Lehrer Johann Nepomuk Hummel. Sie dürfen auch von der im Schlafzimmer aufgebahrten Leiche von Beethoven Abschied nehmen.

Bei dieser Gelegenheit nimmt der junge Hiller ein Andenken an sich. Von Beethovens Haar schneidet er sich, wie es Brauch ist zu jener Zeit, eine Locke ab, die er in einem Medaillon birgt, Zeit seines Lebens hoch in Ehren hält und seinen Nachkommen vererbt, die das gute Stück ebenfalls schätzen. Doch in den turbulenten Jahren des II. Weltkriegs verschwindet diese Reliquie aus der Geschichte, bis sie 1995 plötzlich auf einer großen Versteigerung angeboten wird.

Noch immer steckt Magie im Namen Ludwig van Beethoven. Ein erfolgreicher Unternehmer und ein Arzt aus den USA, beide erklärte Jünger des Meisters, können ihr Glück kaum fassen und ersteigern das Relikt. Die Medien bekommen Wind von der Sache; Beethovens Locke wird öffentlichkeitstauglich, zumal ihre neuen Besitzer Großes planen: Die Haare werden wissenschaftlich untersucht. Endlich soll geklärt werden, woran Beethoven wirklich starb.

Ein historisches Rätsel mit kriminalistischen Zügen zeichnet sich ab. Unter den interessierten Journalisten befindet sich Russell Martin aus Colorado. Er beschließt, die Geschichte von Beethovens Locke zu rekonstruieren bzw. die Bemühungen jener zu schildern, die sich auf zwei Kontinenten an die schwierige, fast unmögliche Aufgabe begeben, die bruchstückhaften Quellen und wenigen Zeitzeugen zu befragen.

Während in Europa kleinste Informationsfragmente entdeckt und zusammengesetzt werden, unterziehen Wissenschaftler an verschiedenen Orten der USA die Locke komplizierter Untersuchungen. Sie müssen Jahre forschen, bis feststeht: Die Haare stammen in der Tat von Beethovens Schädel – und sein Besitzer ist offensichtlich einer langjährigen Bleivergiftung erlegen!

Auf einer Glatze kann man manchmal tatsächlich Locken drehen, um einen alten Aphorismus von Karl Kraus zu bemühen. Oder anders ausgedrückt: Wer hätte gedacht, dass eine kleine Haarlocke eine Heerschar von Fachleuten, Geschäftsmännern und Zeitzeugen auf Trab halten und Grundlage für ein 300-seitiges Buch werden kann?

Russell Martin beweist, wie es geht. Er sah die Geschichte hinter der Locke und hat sie gründlich recherchiert. Jetzt erzählt er sie in einfachen Worten als „Geschichte zum Anfassen“, wobei seine Begeisterung hier und da ein wenig zu deutlich durchklingt bzw. von Hollywood inspiriert wird, aber dieses Buch soll sich schließlich verkaufen.

„Beethovens Locke“ ist keine Chronik. Martin springt zwischen den Zeiten; er folgt dem Weg der kostbaren Haarsträhne durch die Jahrzehnte, greift aber kapitelweise immer wieder zurück auf die Biografie Ludwig van Beethovens. Das ist vor allem für den Laien wichtig: Die Bedeutung Beethovens für die Musikgeschichte wird nicht in Zweifel gestellt, aber selten wirklich verstanden. Das ist aber die Voraussetzung dafür zu verstehen, wieso ein paar Haare solche Bedeutung erlangen können. Beethoven ist ein historische Gestalt von Format – zudem eine, die nicht durch Kriegszüge oder ähnliche „Heldentaten“, sondern als Künstler ihre prominente Stellung erlangte.

Die Geschichte der Locke ist zugleich die Geschichte Mitteleuropas. Immer wieder geraten ihre jeweiligen Besitzer in den Strudel zeitgenössischer Entwicklungen. Dramatisch wird es 1943, als Beethovens Haare unter ungeklärten Umständen ihren Besitzer wechseln: In Gilleleje, einem kleinen dänischen Fischerdorf an der Nordspitze Seelands, geschieht es, als nazideutsche Besatzer dänische Juden zusammenzutreiben. Unter den Verfolgten befinden sich auch Nachfahren von Ferdinand Hiller. Haben sie sich mit der Locke ihre Flucht und damit ihr Leben erkaufen können?

Der Versuch der Rekonstruktion dieser Ereignisse gewinnt unter Martins Feder Thrillerqualitäten. Weniger die Locke steht noch im Mittelpunkt, sondern das Schicksal von Menschen, die zum Spielball des Schicksals werden. Vieles bleibt ungeklärt, aber gleichzeitig kommt Erstaunliches zum Vorschein. Der mögliche letzte Besitzer der Locke aus dem Hiller-Clan begann in den USA ein neues Leben – unter dem Namen Marcel Hillaire ließ er sich in Los Angeles nieder und wurde Schauspieler, der bis zu seinem Tode 1988 in zahlreichen Kinofilmen (wie „Sabrina“ mit Humphrey Bogart und Audrey Hepburn) und TV-Shows mitwirkte.

Die eigentliche Untersuchung der Locke inszeniert Martin als uramerikanische Erfolgsstory: Zwei Selfmade-Geschäftsmänner wie aus Uncle Sams Bilderbuch setzen ihr Vermögen selbstlos zum Wohle der Menschheit (bzw. ihrer Landsleute) ein. Sie kaufen Beethovens Locke und gründen ein eigenes Forschungsinstitut. Weihevoll und pathetisch werden ihre Aktivitäten verklärt, unschöne Reibereien oder die Tatsache, dass die beteiligten Fachleute nach der Pfeife ihrer Geldgeber zu tanzen haben, nur angedeutet. Martin hat seine Helden gefunden, und vielleicht hat er ja Recht: Wenigstens dieses Mal ist die schwierige Vereinigung von Begeisterung, Wissenschaft und Kommerz gelungen.

Beethovens Locke, das macht Martin deutlich, ist eben nicht nur Reliquie, sondern als solche auch Katalysator. Noch heute kann sie die Menschen begeistern und bewegen. Nachzulesen, wieso dies so ist, bereitet Vergnügen. Eine Bildstrecke gibt den meisten an dieser historischen Episode Beteiligten ein Gesicht. Der Fachmann vermisst einen Anmerkungsapparat, der womöglich aus Ersparnisgründen verlagsseitig unterschlagen wurde. Die Übersetzung ist gediegen; beim Lesen stutzt und stolpert man nicht, was heutzutage schon ein lobende Erwähnung Wert ist …

Russell Martin, 1952 in Durango/ Colorado geboren, studierte am Colorado College und arbeitete als Reporter und Redakteur. Heute gibt er Kurse über kreatives Schreiben und unterrichtet Englisch am Colorado College. Er lebt als freier Autor in Salt Lake City und Denver und hat mehrere Sachbücher und Romane sowie zahlreiche Artikel veröffentlicht.