Alle Beiträge von Michael Drewniok

Souhami, Diana – Selkirks Insel. Die wahre Geschichte von Robinson Crusoe

Ein (Seefahrer-) Leben im frühen 18. Jahrhundert: England befindet sich im Krieg mit Spanien, der auch auf den Weltmeeren ausgetragen wird. Mittel- und Südamerika sowie die Südsee und die Karibik befinden sich fest in spanischer Hand. Der katholische König lässt gewaltige Gold- und Silbermengen aus seinen Kolonien pressen. Die schwer beladenen Schatzschiffe stechen den Engländern begehrlich ins Auge. Mit königlicher Billigung werden Kaperschiffe ausgerüstet, die den dickbäuchigen Galeonen entlang der südamerikanischen Küsten auflauern.

Eines davon ist im Jahre 1704 die „Cinque Ports“. Sie gehört zu einem Verbund von zwei Schiffen unter dem Kommando des Abenteurers William Dampier. Dieser entpuppt sich als führungsuntauglicher, ständig betrunkener, cholerischer Mann. Der Steuermann Alexander Selkirk, ein junger Schotte, ist selbst ein grober, jähzorniger Mensch, der hart mit Thomas Stradling, dem Kapitän der „Cinque Ports“, aneinander gerät, als sich die schlecht vorbereitete Kaperfahrt als Desaster erweist.

Stradling macht kurzen Prozess mit dem „Meuterer“. Er setzt Selkirk im September 1704 auf einer einsamen Insel aus – ein seinerzeit nicht ungebräuchliches Verfahren. San Fernando liegt mehr als 600 km vor der chilenischen Westküste im Pazifik. Der unversöhnliche Kapitän lässt seinen Widersacher dort allein zurück, was allerdings ungewöhnlich grausam ist.

Selkirk erlebt seine erste Zeit auf San Fernando im Schockzustand. Ohne sehr viel Ausrüstung, ist er völlig auf sich gestellt. Bald setzt sich der Lebenshaltungstrieb durch. Der einsame Mann stellt sich der Herausforderung einer wilden, aber nicht generell lebensfeindlichen Umfeld und meistert sie, indem er sich ihr nach und nach anpasst, statt sich gegen sie zu stellen. Vier Jahre und vier Monate überlebt Selkirk auf seiner Insel. Im Februar 1709 wird er vom Segler „Duke“ entdeckt und gerettet.

Erst 1711 kehrt er zurück nach England und nimmt sein Leben wieder auf. Seine niedergeschriebene Geschichte sichert ihm eine gewisse Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Der Seefahrt bleibt er verbunden; trotz seiner Leiden zieht es ihn weiterhin in ferne Länder, wo er sein Glück sucht. Als er 1721 stirbt, geschieht dies auf einer weiteren „Geschäftsreise“ vor der afrikanischen Küste.

Immerhin kann Selkirk noch erleben, wie seine Geschichte sich in unsterbliche Literatur verwandelt: Sie dient dem Schriftsteller Daniel Defoe (1660-1731) als Vorlage für seinen Roman „Robinson Crusoe“ (1719). Ob sich Verfasser und Vorbild jemals persönlich getroffen haben, wird angenommen, ist aber nicht belegt.

Selkirks Biografie, die sich verständlicherweise auf jene vier Jahre vier Monate konzentriert, die er auf „seiner“ Insel hauste, ist hinter Defoes Roman lange verschwunden. Diana Souhami ist nicht die Erste, die sich bemüht hat, die Wahrheit hinter der Legende zu rekonstruieren. Die Autorin ist aber tiefer als ihre Vorgänger in die Archive der seefahrenden Welt hinabgestiegen und hat alte Logbücher, Berichte, Akten usw. gelesen und ausgewertet.

Wieder erstanden ist auf diese Weise nicht nur das Schicksal des Alexander Selkirk. Souhami entwirft ein Panorama des Seelebens um 1700, das wiederum einen wichtigen Aspekt des historischen Alltags mit seinen heute exotisch, ja barbarisch anmutenden Gesetzen und Regeln, Sitten und Bräuchen darstellt.

Diese versunkene Welt wird andererseits nicht in allen angelesenen Details vor uns ausgebreitet (oder breit getreten). Souhami hat ihren Stoff im Griff und verfügt über die Selbstdisziplin mit den Fakten zu arbeiten. Sie wählt aus, interpretiert, wertet, führt ihre Leser straff durch die Geschichte. Die Chronologie ist eine grobe, Zeitsprünge kommen vor. Kurze Kapitel werfen Schlaglichter auf manchmal dem Zusammenhang fremd wirkende Aspekte. Insgesamt fügen sie sich zum Gesamtbild: Selkirks Welt.

Das Kernstück der Darstellung bilden natürlich Selkirks Inseljahre. Ein Leben als „Aussteiger“ direkt am Busen der Natur hatte für den Zeitgenossen rein gar nichts Lockenswertes an sich. Die Wildnis hieß nicht umsonst so; sie galt als erschreckender Ort, den es zu „zähmen“, zu „kultivieren“ galt, bevor er menschenwürdig wurde. Dabei ermöglichten ein mildes Klima, Wasser, essbare Pflanzen und Tiere Selkirk durchaus ein erträgliches Auskommen – Souhami beschreibt die Insel und ihre Bewohner und vermittelt uns ein anschauliches Bild dieser exotischen Pazifikwelt.

Nicht zu leugnen sind Selkirks Einsamkeit und Ängste. Ein Mensch wird buchstäblich mutterseelenallein ausgesetzt und muss mit seiner fremden Umwelt, aber auch mit sich selbst leben. Diesen schwierigen Prozess fasst Souhami in Worte, die den Rahmen eines Sachbuches sicherlich verlassen und ins Romanhafte spielen. Selkirk selbst hat sich über sein Innenleben während des Exils nur ansatzweise bzw. mit dem Pathos seiner Zeit geäußert, so dass hier Vermutungen wohl statthaft sind. Auf jeden Fall ist Souhami zuzustimmen, die in Selkirk einen rauen, schurkenhaften und dadurch auch unempfindlichen und lebenstüchtigen Zeitgenossen sieht, der ganz sicher nicht wie sein geistvolles Spiegelbild Robinson Crusoe hochmoralischen Gedanken nachhängt – er verfügt nicht über den entsprechenden Intellekt und es bleibt ihm schlicht auch keine Zeit dafür in seinem Überlebenskampf. (Außerdem fällt Robinson nicht sexuell ausgehungert über die Ziegen seiner Insel her, wie Souhami es Selkirk unterstellt …)

Souhami rekonstruiert auch Selkirks Leben nach dem Inselaufenthalt. Die Rückkehr in die Zivilisation ist gleichzeitig die Rückkehr in alte Schwierigkeiten. Seine Charakterfehler hat Selkirk keineswegs überwunden. Rasch verwandelt er sich zurück in einen rauen, rücksichtslosen Gesellen, der alles vergisst, was er auf seiner Insel gelernt haben könnte. Sein Ende ist ebenso zeittypisch wie banal; ein Happy-End gibt es nicht.

Das letzte Kapitel beschreibt den Besuch der Verfasserin auf der heutigen Insel San Fernando (die aus touristischen Gründen in „Robinson-Insel“ umgetauft wurde …). Viel gibt es nicht mehr zu sehen von Selkirks Insel, die sich in drei Jahrhunderten stark verändert hat. Nie siedelten viele Menschen auf der Insel, doch sie haben sie nach Menschenart wahrlich „kultiviert“, d. h. die einzigartige Fauna und Flora nach Kräften ausgebeutet und zerstört. Erst heute wird Selkirks Insel, die ein wirklich ungastlicher Ort geworden war, naturgeschützt, was der Autorin Gelegenheit zu allerlei klugen philosophischen Exkursen über die Rätselhaftigkeit der menschlichen Natur gibt. (Von einer interessanten Reise auf die heutige Robinson-Insel berichtet übrigens http://www.ini.unizh.ch/~tobi/alex/alex.html.)

Diana Souhami ist eine überaus aktive Schriftstellerin, die Theaterstücke und Drehbücher für Radio und Fernsehen verfasst. Darüber hinaus ist sie durch ihre zahlreichen, von der Kritik hoch gelobten Bücher bekannt geworden. „The Trials of Radclyffe Hall“ wurde für den James Tait Black Prize for Biography vorgeschlagen und gewann den US Lambda Literary Award. „Mrs. Keppel and Her Daughter“, „Greta and Cecil“, „Gluck: Her Biography“ sowie das auch auf deutsch erschienene „Gertrude Stein und Alice B. Toklas. Zwei Leben – eine Biografie“ wurden Erfolge. Für „Selkirks Insel“ erhielt Diana Souhami 2001 den renommierten britischen Whitbread-Preis in der Kategorie „beste Biografie“.

George A. Romero/Susanna Sparrow – Dawn of the Dead. Der Roman zum Film

Romero Zombie Cover kleinDie Toten erwachen zu neuem ‚Leben‘, um ihre geschockten Hinterbliebenen zu jagen und zu fressen. Die Zivilisation droht zusammenzubrechen. In allgemeinen Chaos verbarrikadieren sich vier Überlebende in einem Großsupermarkt, doch die wahre Gefahr droht von den lebendigen Mitmenschen … – Roman zum verstörenden Filmklassiker von 1978: eine simple aber gesellschaftskritische, düstere und auch ohne Unterstützung durch bewegte Bilder wirkungsvolle Geschichte.
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Martin, Russell – Beethovens Locke

Zwischen zwei historischen Daten spannt sich der Bogen unserer wahren Geschichte: An einem Abend im März 1827 erliegt in Wien der geniale Komponist Ludwig nach Beethoven einem schweren Leberleiden. Vor seinem Ende hat er noch mehrfach Besuch empfangen. Unter seinen Gästen: der 15-jährige Ferdinand Hiller, ein hoffnungsvolles musikalisches Talent, und dessen Lehrer Johann Nepomuk Hummel. Sie dürfen auch von der im Schlafzimmer aufgebahrten Leiche von Beethoven Abschied nehmen.

Bei dieser Gelegenheit nimmt der junge Hiller ein Andenken an sich. Von Beethovens Haar schneidet er sich, wie es Brauch ist zu jener Zeit, eine Locke ab, die er in einem Medaillon birgt, Zeit seines Lebens hoch in Ehren hält und seinen Nachkommen vererbt, die das gute Stück ebenfalls schätzen. Doch in den turbulenten Jahren des II. Weltkriegs verschwindet diese Reliquie aus der Geschichte, bis sie 1995 plötzlich auf einer großen Versteigerung angeboten wird.

Noch immer steckt Magie im Namen Ludwig van Beethoven. Ein erfolgreicher Unternehmer und ein Arzt aus den USA, beide erklärte Jünger des Meisters, können ihr Glück kaum fassen und ersteigern das Relikt. Die Medien bekommen Wind von der Sache; Beethovens Locke wird öffentlichkeitstauglich, zumal ihre neuen Besitzer Großes planen: Die Haare werden wissenschaftlich untersucht. Endlich soll geklärt werden, woran Beethoven wirklich starb.

Ein historisches Rätsel mit kriminalistischen Zügen zeichnet sich ab. Unter den interessierten Journalisten befindet sich Russell Martin aus Colorado. Er beschließt, die Geschichte von Beethovens Locke zu rekonstruieren bzw. die Bemühungen jener zu schildern, die sich auf zwei Kontinenten an die schwierige, fast unmögliche Aufgabe begeben, die bruchstückhaften Quellen und wenigen Zeitzeugen zu befragen.

Während in Europa kleinste Informationsfragmente entdeckt und zusammengesetzt werden, unterziehen Wissenschaftler an verschiedenen Orten der USA die Locke komplizierter Untersuchungen. Sie müssen Jahre forschen, bis feststeht: Die Haare stammen in der Tat von Beethovens Schädel – und sein Besitzer ist offensichtlich einer langjährigen Bleivergiftung erlegen!

Auf einer Glatze kann man manchmal tatsächlich Locken drehen, um einen alten Aphorismus von Karl Kraus zu bemühen. Oder anders ausgedrückt: Wer hätte gedacht, dass eine kleine Haarlocke eine Heerschar von Fachleuten, Geschäftsmännern und Zeitzeugen auf Trab halten und Grundlage für ein 300-seitiges Buch werden kann?

Russell Martin beweist, wie es geht. Er sah die Geschichte hinter der Locke und hat sie gründlich recherchiert. Jetzt erzählt er sie in einfachen Worten als „Geschichte zum Anfassen“, wobei seine Begeisterung hier und da ein wenig zu deutlich durchklingt bzw. von Hollywood inspiriert wird, aber dieses Buch soll sich schließlich verkaufen.

„Beethovens Locke“ ist keine Chronik. Martin springt zwischen den Zeiten; er folgt dem Weg der kostbaren Haarsträhne durch die Jahrzehnte, greift aber kapitelweise immer wieder zurück auf die Biografie Ludwig van Beethovens. Das ist vor allem für den Laien wichtig: Die Bedeutung Beethovens für die Musikgeschichte wird nicht in Zweifel gestellt, aber selten wirklich verstanden. Das ist aber die Voraussetzung dafür zu verstehen, wieso ein paar Haare solche Bedeutung erlangen können. Beethoven ist ein historische Gestalt von Format – zudem eine, die nicht durch Kriegszüge oder ähnliche „Heldentaten“, sondern als Künstler ihre prominente Stellung erlangte.

Die Geschichte der Locke ist zugleich die Geschichte Mitteleuropas. Immer wieder geraten ihre jeweiligen Besitzer in den Strudel zeitgenössischer Entwicklungen. Dramatisch wird es 1943, als Beethovens Haare unter ungeklärten Umständen ihren Besitzer wechseln: In Gilleleje, einem kleinen dänischen Fischerdorf an der Nordspitze Seelands, geschieht es, als nazideutsche Besatzer dänische Juden zusammenzutreiben. Unter den Verfolgten befinden sich auch Nachfahren von Ferdinand Hiller. Haben sie sich mit der Locke ihre Flucht und damit ihr Leben erkaufen können?

Der Versuch der Rekonstruktion dieser Ereignisse gewinnt unter Martins Feder Thrillerqualitäten. Weniger die Locke steht noch im Mittelpunkt, sondern das Schicksal von Menschen, die zum Spielball des Schicksals werden. Vieles bleibt ungeklärt, aber gleichzeitig kommt Erstaunliches zum Vorschein. Der mögliche letzte Besitzer der Locke aus dem Hiller-Clan begann in den USA ein neues Leben – unter dem Namen Marcel Hillaire ließ er sich in Los Angeles nieder und wurde Schauspieler, der bis zu seinem Tode 1988 in zahlreichen Kinofilmen (wie „Sabrina“ mit Humphrey Bogart und Audrey Hepburn) und TV-Shows mitwirkte.

Die eigentliche Untersuchung der Locke inszeniert Martin als uramerikanische Erfolgsstory: Zwei Selfmade-Geschäftsmänner wie aus Uncle Sams Bilderbuch setzen ihr Vermögen selbstlos zum Wohle der Menschheit (bzw. ihrer Landsleute) ein. Sie kaufen Beethovens Locke und gründen ein eigenes Forschungsinstitut. Weihevoll und pathetisch werden ihre Aktivitäten verklärt, unschöne Reibereien oder die Tatsache, dass die beteiligten Fachleute nach der Pfeife ihrer Geldgeber zu tanzen haben, nur angedeutet. Martin hat seine Helden gefunden, und vielleicht hat er ja Recht: Wenigstens dieses Mal ist die schwierige Vereinigung von Begeisterung, Wissenschaft und Kommerz gelungen.

Beethovens Locke, das macht Martin deutlich, ist eben nicht nur Reliquie, sondern als solche auch Katalysator. Noch heute kann sie die Menschen begeistern und bewegen. Nachzulesen, wieso dies so ist, bereitet Vergnügen. Eine Bildstrecke gibt den meisten an dieser historischen Episode Beteiligten ein Gesicht. Der Fachmann vermisst einen Anmerkungsapparat, der womöglich aus Ersparnisgründen verlagsseitig unterschlagen wurde. Die Übersetzung ist gediegen; beim Lesen stutzt und stolpert man nicht, was heutzutage schon ein lobende Erwähnung Wert ist …

Russell Martin, 1952 in Durango/ Colorado geboren, studierte am Colorado College und arbeitete als Reporter und Redakteur. Heute gibt er Kurse über kreatives Schreiben und unterrichtet Englisch am Colorado College. Er lebt als freier Autor in Salt Lake City und Denver und hat mehrere Sachbücher und Romane sowie zahlreiche Artikel veröffentlicht.

Joseph Kanon – „The Good German“ – In den Ruinen von Berlin

Das geschieht:

Jacob „Jake“ Geismar hat als US Auslandskorrespondent ab 1936 erfolgreiche Jahre in Deutschland verbracht, bis Propagandaminister Josef Goebbels ihm wegen offen nazifeindlicher Äußerungen die Abreise dringend nahelegte. Zurück ließ Geismar Lena, die Liebe seines Lebens, deren Gatte, der Mathematiker Emil Brandt, ein guter Freund des Amerikaners war, ohne vom Ehebruch zu wissen. Lenas wegen kehrt Geismar im Juli 1945 zurück. Außerdem soll er über den Alltag in der von den vier Siegermächten besetzten Hauptstadt berichten.

Berlin ist eine gigantische Geister und Totenstadt. In der endlosen Ruinenwüste fristen die Überlebenden ein von Not geprägtes Leben. Die Amerikaner sehen die Besatzung pragmatisch. Geismar erlebt, wie hier Kriegsverbrecher gestellt und verurteilt werden, während dort andere heimlich aus dem Land geschmuggelt werden, weil sie über wissenschaftliches oder technisches Wissen verfügen, das den Siegern wichtiger ist als Gerechtigkeit. Zudem beteiligen sich Besatzungssoldaten an Schwarzmarktgeschäften, verschieben gestohlene Kunstschätze, handeln mit Entnazifizierungs Papieren eine Unterwelt, in die es Geismar durch den Mordfall Patrick Tully verschlägt. Der US- Lieutenant hatte Emil Brandt zur Flucht aus einem Internierungslager verholfen. Brandt wird es zu Lena ziehen, die Geismar inzwischen ausfindig machen konnte. Sie haben ihr Verhältnis wieder aufgenommen. Joseph Kanon – „The Good German“ – In den Ruinen von Berlin weiterlesen

Ellery Queen – Chinesische Mandarinen

Queen Mandarinen Cover kleinEin eigentlich unmöglicher Mord ruft Meisterdetektiv Ellery Queen auf den Plan. Wie hat es der Täter geschafft – und wieso hat er sich solche Mühe gegeben, dem Opfer die Kleidung verkehrt herum anzuziehen und im Mordzimmer alle Einrichtungsgegenstände gegen die Wände zu drehen …? – „Whodunit“-Krimi aus der „Goldenen Ära“ dieses Genres, komplex und liebevoll abgedreht, in Handlung und Personal Krimi-Klassik pur, dazu spannend und witzig. Ellery Queen – Chinesische Mandarinen weiterlesen

Alan Dean Foster – Herr der Plagen

Das geschieht:

Dass Leid und Streit nicht unbedingt menschlich sind, sondern von außen gesteuert werden, entdeckt zufällig Archäologie-Professor Coschocton „Cody“ Westcott: In Nordperu findet er in der Kollegin Kelli Alwydd nicht nur seine zukünftige Gattin, sondern in einer Zeremonienhöhle der Chachapaya-Indianer ein uraltes Schamanen-Rezept für einen Trank, der ihm buchstäblich die Augen öffnet.

Plötzlich erspäht Westcott überall „Okkupanten“ – ektoplasmatische Parasiten aus einer fremden Dimension, die unsichtbar die Menschen heimsuchen. Heimlich schüren sie Schmerz und negative Gefühle ihrer Wirte und nähren sich davon. Natürliche Substanzen – unbehandeltes Holz, Stein, Pflanzen – sind für die unheimlichen Räuber Hafen und Gefängnis zugleich: Erst muss das Opfer die Heimstatt des Okkupanten berühren, um befallen zu werden. Alan Dean Foster – Herr der Plagen weiterlesen

Miles Barton u. a. – Wildes Amerika. Zeugen der Eiszeit

Vor 13000 Jahren wurde Nordamerika von Gletschereis geprägt und von Elefanten mit und ohne Fell, walrosszahnigen Raubkatzen, turmhohen Faultiere und bärengroßen Bibern bewohnt. „Wildes Amerika“ stellt die eiszeitliche Landschaft, die Pflanzen und vor allem die Tiere vor. Letztere präsentieren sich uns nicht nur als bleiche Knochen, sondern werden digital ins ‚Leben‘” zurückgerufen … – Begleitbuch zur BBC-Serie gleichen Namens; wissenschaftlich präzise aber inhaltlich simpel gestrickt. Das Interesse gilt eindeutig den à la „Jurassic Park“ nachgebauten Kreaturen, die qualitativ nicht mit den BBC-Sauriern der Serie „Im Reich der Giganten“ mithalten können: informativ aber nicht mitreißend.
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Michael Patrick Hearn/L. Frank Baum – Alles über den Zauberer von Oz

Dorothy aus Kansas reist ins Zauberland Oz, wo sie mit einer Vogelscheuche, einem Blechmann und einem feigen Löwen über eine gelbe Ziegelsteinstraße zieht .. – Opulente, vielfarbige Neuausgabe des US-amerikanischen Volksmärchens, eingeleitet von einer 100-seitigen, von vielen Fotografien und Zeichnungen begleiteten Biografie seines Schöpfers L. Frank Baum: ein Meisterwerk auch der Buchdruckkunst, in dem man sich viele schöne Lesestunden verlieren kann.
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Arthur W. Upfield – Wer war der zweite Mann?

Das geschieht:

Vor mehr als einem halben Jahrhundert ein großer Meteorit am glücklicherweise spärlich besiedelten Westrand der großen australischen Wüste einen gewaltigen Krater in die Erde geschlagen. Die Wissenschaft hat ihm den Namen „Wolf-Creek“ verliehen, aber die weniger Anwohner nennen ihn „Lucifer’s Couch“.

In diesem Krater liegt die Leiche eines Mannes. Er wurde erschlagen, der oder die Täter ist oder sind unbekannt. Niemand weiß, wie der Tote eigentlich an diesen Ort geraten ist. Es gibt keine Spuren, die zur Leiche hin und wieder weg führen.

Ein kriminalistisches Rätsel, das die örtliche Polizei, verkörpert vom tüchtigen aber nicht gerade kreativen Wachtmeister Howard, nicht lösen kann. In solchen Fällen ruft man oft den berühmten Inspektor Napoleon Bonaparte zu Hilfe. „Bony“, wie er kurz genannt wird, ist das Kind eines Siedlers und einer einheimischen Frau. Er kennt sich in weißen wie in der schwarzen Welt Australien aus. Arthur W. Upfield – Wer war der zweite Mann? weiterlesen

Reginald Hill – Der Schrei des Eisvogels

In einem englischen Provinzweiler verschwindet der verhasste Dorfpolizist spurlos. Detective Superintendent Andrew Dalziel und sein Team stoßen in ein Wespennest: In Enscombe geht es unter der trügerisch beschaulichen Oberfläche krimineller zu als in mancher Großstadt … – Der Plot ist vertrackt und eingebunden in das Ambiente des ehrwürdigen Landhaus-Krimis, dessen harmoniesüchtig-naive Verlogenheit gleichzeitig genutzt und parodiert wird und sorgt für ein wunderbares Spiel mit verkrusteten Regeln des Kriminalromans: Band 15 der großartigen Dalziel/Pascoe-Serie ist einer der besten.
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Frances Sherwood – Die Schneiderin von Prag oder Das Buch des Glanzes

Die jüdische Gemeinde in Prag wird 1601 von der katholischen Kirche und Kaiser Rudolf II. bedroht. In ihrer Not erschaffen sich die Juden aus Lehm einen Golem, der sie beschützen soll. Der künstliche Mensch entwickelt Geist und Gefühle, die von einer jungen Frau erwidert werden … – Historischer Roman, der die Golem-Sage um den Rabbi Löw variiert. Die Verfasserin erzählt mit Schwung und angenehmer ironischer Distanz diese Geschichte, ohne sich in der bloßen Rekonstruktion der frühneuzeitlichen Welt zu verlieren. Der historischen Handlung eingeflochten wird eine Liebesgeschichte, die allerdings diese Tugenden vernachlässigt und in Herz-Schmerz-Klischees abrutscht, was den ansonsten positiven Eindruck verwässert.
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Simon Scarrow – Im Zeichen des Adlers

Das geschieht:

Für Gaius Julius Cäsar endete der Britannien-Feldzug des Jahres 54 v. Chr. mit einer doppelten Niederlage. Der spätere Herrscher des Römischen Imperiums wurde von den Inselbewohnern vertrieben. Im Tumult blieb eine riesige Truhe mit geraubten Schätzen zurück; sie konnte im letzten Augenblick versteckt werden.

Knapp einhundert Jahre später plant Imperator Claudius eine neue Invasion Britanniens. Außerpolitischer Erfolg tut Not, denn der Herrscher ist unbeliebt. Truppen werden in Gang gesetzt. Darunter befindet sich auch die in der germanischen Provinz stationierte Zweite Legion, genannt „Augusta“: fünfeinhalbtausend Männer, die zu den besten Soldaten des Reiches gehören. Simon Scarrow – Im Zeichen des Adlers weiterlesen

Greg Iles – Infernal

Das geschieht:

Ihre Fotografien von den Schlachtfeldern dieser Welt haben sie berühmt gemacht. Doch nun ist Jordan Glass ausgebrannt. Sie begibt sich auf eine Reise nach Asien – und gerät in Hongkong vom Regen in die Traufe: In einem Kunstmuseum findet sie eine unheimliche Ausstellung. Der anonyme, hoch talentierte Maler bildet Frauen ab: nackt, schlafend – oder sogar tot? Jordans faszinierte Abscheu verwandelt sich in Schrecken, als sie in einem der ‚Modelle‘ ihre Zwillingsschwester Jane erkennt. Die ist vor einem Jahr in New Orleans während eines Jogginglaufes spurlos verschwunden. Das FBI kennt noch mehr dieser Fälle, denen eines gemeinsam ist: Eine Lösegeldforderung wurde nicht gestellt, eine Leiche nie gefunden.

Können nun die Ermittlungen wieder aufgenommen werden? Die Behörden sind willig aber auch ratlos. Kein Mensch hat den Künstler bisher gesehen. Auf eigene Faust beginnt Jordan nach ihm zu fahnden. In New York kann sie seinen Galeristen ausfindig machen. Auch dieser Christopher Wingate behauptet jedoch, seinen Auftraggeber nicht zu kennen, und bedroht die lästige Jordan, die ihm ein lukratives Geschäft zerstören kann. Doch plötzlich geht die Galerie in Flammen auf, denen nur Jordan entkommt. Der unheimliche Maler ist wohl näher als gedacht und schützt sich rigoros davor, enthüllt zu werden. Greg Iles – Infernal weiterlesen

Hill, Reginald – dunkle Lady meint es ernst, Die

Nicht von ungefähr kam Eileen Chung, die exzentrische Regisseurin am Kemble-Theater zu Mid-Yorkshire im Norden Englands, auf die Idee, in dem von ihr geplanten mittelalterlichen Mysterienspiel die Rolle Gottes mit Detective Superintendent Andrew Dalziel zu besetzen. Als solcher sieht sich der eigenwillige Chef der Kriminalpolizei selbst nicht ungern. Sein gewaltiges Ego, übertroffen nur vom Leibesumfang, und seine kaum vorhandenen Manieren werden vom Mid-Yorker Stadtklüngel und den eigenen Kollegen geduldet bzw. ertragen, weil Dalziel ein fabelhafter Polizist mit erstaunlicher Aufklärungsquote ist.

Dieses Mal hat er den Vogel abgeschossen. In schlafloser Nacht schaut Dalziel hinaus in die Nacht – und erkennt, dass sich im Nachbarhaus ein Drama abspielt. Unerschrocken eilt er hinüber und stellt den Bauunternehmer Philip Swain, der mit rauchendem Revolver über der Leiche seiner Gattin Gail steht. Ebenfalls anwesend: Hausherr Gregory Waterson, der sich als Liebhaber der Verstorbenen entpuppt.

Noch am Ort des Geschehens nimmt Dalziel Swain fest. Der Fall scheint klar, obwohl der Unternehmer leugnet. Seine Frau sei depressiv gewesen und habe Selbstmord begangen, so seine Aussage. Dumm für Dalziel, dass Waterson dies bestätigt. Der Superintendent rückt nicht von seiner Mordtheorie ab, nach der beide Männer sich abgesprochen haben. Aussage steht gegen Aussage. Selbst in Inspector Peter Pascoe, Dalziels rechte Hand und Freund, und dem treuen Sergeanten Wield steigen leise Zweifel auf. Steigert sich ihr Chef dieses Mal in eine fixe Idee hinein, die sogar ihn zu Fall bringen könnte?

Nebenbei beunruhigen auch die Briefe der „dunklen Lady“, einer Bürgerin von Mid- Yorkshire, die Dalziel anonyme Briefe schickt, in denen sie ihren baldigen Selbstmord ankündigt. Das Mysterienspiel wird alle Beteiligten zusammenführen. Neben Dalziel als Gott soll Waterson als Luzifer auf die Bühne treten – ein Streich des Schicksals, der den Superintendent erst recht erbost und anstachelt, worunter seine Leute und der brandneue Parkplatz der Polizeiwache heftig zu leiden haben …

Gute Zeiten für die Freunde ebensolcher Kriminalromane: Der längeren Pause bis zum neuen Dalziel/Pascoe-Fall einerseits und dem offensichtlichen Erfolg des Duos beim deutschen Leser verdanken wir diesen schon älteren Band der Serie, der aus Gründen der Kontinuität – Buchkäufer sind scheue Gewohnheitstiere – eingeschoben wurde, bis neues Lesefutter erscheint. Das Alter ist bei einem Roman von Reginald Hill seit jeher kein qualitätsminderndes Handicap. Statt dessen darf man sich auf das Übliche, d. h. fein gesponnene Vergnügen eines kniffligen Plots mit zahllosen Haken und Ösen freuen, das vom Verfasser mit dem nötigen Ernst und trockenem Witz – Könner schaffen es, beides zu verknüpfen – dargeboten wird. (Die Übersetzung lässt es am Leben.)

Mid-Yorkshire ist auf den ersten und auch auf den zweiten Blick die typische Provinzstadt des englischen Landhaus-Krimis. Wir befinden uns in einer beschaulichen und überschaubaren kleinen Welt, bevölkert mit skurrilen oder exzentrischen Gestalten, die sich auch durch Mord & Totschlag nur marginal aus dem üblichen Trott werfen lassen. Doch so einfach strickt Hill seine Krimis nicht: Mid-Yorkshire ist eine moderne Schlangengrube, bevölkert von ehrgeizigen Politikern, skrupellosen Geschäftsmachern, korrupten Künstlern, die untereinander kräftig mauscheln und schieben.

Die Filzokratie wird von Hill mit viel Sarkasmus bloßgestellt. Dieses Mal werden die üblichen gesellschaftlichen Grenzen im großen Mysterienspiel aufgehoben. Hinter diversen Masken kommt allerlei Unerwartetes zum Vorschein: ein großartiges Vexierspiel doppelter und dreifacher Täuschungen, das Hill hier entwirft, ein würdiger Höhepunkt für einen wunderbaren Thriller, der mit einer unerwarteten, die eigentliche Aufklärung des Falles tragisch überschattenden Tragödie endet – kein angeklebter Buh!-Bätsch!-Der-war’s-doch- nicht-Schluss à la Jeffery Deaver, sondern die traurige Quintessenz einer bemerkenswerten Nebenhandlung.

„Chef der Kripo von Mid-Yorkshire; der Dicke, das Ekelpaket, das Genie vom CID“ – so stellt uns Reginald Hill Andrew Dalziel vor – sein aktueller Kriminalroman wird stilvoll von einer Liste der auftretenden Figuren eingeleitet: einer der vielen eleganten Scherze des belesenen Verfassers, der uns seine Geschichte als Freiluft-Schauspiel präsentiert, wie Eileen Chung es zu inszenieren gedenkt. Hill doppelt gern seine Handlung bzw. spiegelt sie spielerisch in diversen literarischen Formen und Vorbildern. So haben wir Dalziel bereits in einem früheren Leben als den sagenhaften Odysseus erlebt („Das Haus auf der Klippe“), während ein anderer Fall („Die rätselhaften Worte“) damit endet, dass ihn die Mordopfer im Jenseits klären. Der gegenwärtige Dalziel lehnt sich in Gestalt und Lebensart zudem eng an Shakespeares tragikomischen Falstaff an.

Dalziel balanciert haarscharf auf dem schmalen Grad zur Karikatur. Da ist es gut, dass uns Hill immer wieder daran erinnert: Der Dicke kultiviert sein Image als grobinanischer Bürgerschreck. Dahinter verbirgt sich ein hochintelligenter Skeptiker, der eingleisiges Denken sowie verkrustete Strukturen hasst, und ein komplexer, durchaus menschenfreundlicher, lebenslustiger Charakter. Um Dalziel wenigstens zeitweise aufs Glatteis zu führen, bedarf es schon eines besonderen Gegners. Hill findet ihn in Gestalt eines jämmerlichen Feiglings und Blenders, der indes kein Dummkopf ist und seinen unerbittlichen Verfolger immer wieder mit Finten und Hakenschlägen übertölpeln kann.

Für alle Fälle gibt es Peter Pascoe, den Hill deutlich „realistischer“ zeichnet. Er leistet die Fußarbeit, während Dalziel sich klugerweise auf gelegentliche Auftritte beschränkt, so dass sich seine Figur nicht abnutzen kann. Wenn wir hier lesen, dass Pascoe nach einer Zwangspause von drei Monaten zum Dienst zurückkehrt, so bezieht sich das auf frühere Ereignisse, die hierzulande bereits 1989 (!) in „Unter Tage“ geschildert wurden und sicherlich auch dem Hill-Fan nicht unbedingt präsent sind.

Sergeant Wield kämpft weiterhin mit den Konsequenzen seines „Outings“. Ein homosexueller Polizist in der englischen Provinz darf sich keinen Beförderungswünschen hingeben, um es vorsichtig auszudrücken. Die daraus entstehenden Konflikte sorgen in diesem und vielen weiteren Bänden der Dalziel/Pascoe-Serie für den Seifenoper-Anteil, der mindest ebenso wichtig wie die eigentliche Kriminalhandlung ist.

Die „dunkle Lady“, welche hier natürlich nicht enttarnt werden soll, ist in das eigentliche Geschehen nicht verwickelt, aber stets präsent, bis sie zu schlechter Letzt ihren dramatischen Auftritt hat. Sie lässt den Triumph der Gerechtigkeit schal werden, ohne dass dies einen Missklang in das ausgeklügelte Geschehen bringt – die Lady bringt es selbst auf den Punkt: „I think also that our bodies are in truth naked. We are only lightly covered with buttoned cloth; and beneath these pavements are shells, bones and silence“, zitiert sie aus „The Waves“ der ebenfalls unglücklich geendeten Dichterin Virginia Woolf (1882- 1941) – die letzten drei Wörter bilden übrigens den englischen Originaltitel von „Die dunkle Lady …“.

Reginald Hill wurde 1936 in Hartlepool im nordöstlichen England geboren, doch die Familie zog bald nach Cumbria um. Als Student ging Hill nach Oxford und wurde später Lehrer in Yorkshire. Hier arbeitete er an seinen schriftstellerischen Ambitionen und debütierte 1970 mit „A Clubbable Woman“ (dt. „Eine Gasse für den Tod“), gleichzeiitg der erste Auftritt von Andrew Dalziel und Peter Pascoe.

Diese Serie umfasst inzwischen zwanzig Episoden und wird weiterhin mit großem Erfolg fortgesetzt. Die BBC hat sich ihrer inzwischen angenommen; Warren Clarke and Colin Buchanan spielen unsere Helden im Fernsehen.

Die Abenteuer von Dalziel und Pascoe stellen nur eine Hälfte von Hills Werk dar. Der Schriftsteller ist fleißig und hat insgesamt mehr als 40 Bücher verfasst – längst nicht nur Krimis, sondern auch Historienromane und sogar Science-Fiction.
Einige Thriller erschienen unter den Pseudonymen Dick Morland, Charles Underhill und Patrick Ruell. („The Long Kill“ veröffentlichte der Bastei-Lübbe-Verlag als „Der lange Mord“ 1988 unter der Taschenbuch-Nr. 13152.)

Erstaunlich ist das trotz solcher Produktivität über die Jahrzehnte gehaltene Qualitätsniveau der Hill-Geschichten. Das schlägt sich unter anderem in einer wahren Flut von Preisen nieder. Für „Bones and Silence“ zeichnete die „Crime Writers‘ Association“ Hill mit dem begehrten „Gold Dagger Award“ für den besten Kriminalroman des Jahres 1990 aus. Fünf Jahre später folgte der „Diamond Dagger“ für seine Verdienste um das Genre.

Autorenhomepage: http://www.randomhouse.com/features/reghill/

Preston, Douglas / Child, Lincoln – Formula – Tunnel des Grauens

Bauarbeiten in einem halb vergessenen Stadtviertel von New York fördern ein unterirdisches Gewölbe zu Tage. Darin finden sich die Knochen von 36 Jugendlichen, die hier um 1880 von Enoch Leng, einem irren Wissenschaftler, bei grausamen „medizinischen“ Eingriffen umgebracht und zerstückelt wurden.

Der Baulöwe Anthony Windhaven, der keine Zeit verlieren will, einen seiner Luxus- Wolkenkratzer hochzuziehen, nutzt seine durch Korruption und Drohungen erworbenen Beziehungen zu Politik und Polizei, den grausigen Fund vertuschen zu lassen. Er hat die Rechnung ohne FBI Special Agent Pendergast gemacht, der sich für groteske Kriminalfälle seit jeher interessiert (vgl. „Relic/Das Relikt – Museum der Angst“, Knaur-TB Nr. 60358, sowie die Fortsetzung „Attic“, Knaur-TB Nr. 61823).

Zur Unterstützung holt sich Pendergast die Archäologin Dr. Nora Kelly, die ihrerseits schon mit dem Übernatürlichen Bekanntschaft geschlossen hat („Thunderhead“, Knaur-TB Nr. 62158). Zur Zeit arbeitet sie am Naturwissenschaftlichen Museum von New York, dem größten Institut seiner Art in der Welt. Bürokraten und Sparschweine haben hier hinter den Kulissen das Ruder übernommen. Windhaven ist ein Mäzen und soll nicht verärgert werden.

Das bleibt nicht aus, da auch Kellys Freund, der Sensationsjournalist Bill Smithback, Wind von der Sache bekommt. Wie sich herausstellt, war Leng einst Kurator in einem der Kuriositätenkabinette, die sich im 19. Jahrhundert in New York großer Beliebtheit erfreuten. Offenbar hatte er seine Opfer unter den Besuchern gefunden und für Experimente missbraucht, die der Verlängerung des eigenen Lebens dienten.

Schlimmer noch: Die Morde nach bekanntem Muster setzen in der Gegenwart wieder ein. Haben die Berichte einen modernen Nachahmungstäter inspiriert, wie die ebenfalls von Fairhaven geschmierte Polizei behauptet? Oder trifft etwa zu, was Agent Pendergast vermutet – dass Leng erfolgreich war, aber nun neues Wunderelixier produzieren muss …?

„Formula – Tunnel des Todes“ ist ein fröhlich-brutaler Plünderzug durch Vergangenheit und Gegenwart des Bestseller-Unterhaltungsromans. Wie die Kuriositätenkabinette des (sehr viel besseren) Originaltitels präsentiert dieser Roman alle bekannten Ungeheuerlichkeiten, mit denen uns vor allem Hollywood ausgiebig verwöhnt (oder überfüttert) hat. Dr. Lecter kommt uns dieses Mal unsterblich, ist aber ansonsten genauso mordlustig wie in seiner eigentlichen Inkarnation.

Die Kulissen sind klassisch und bewährt: unterirdische, halb verschüttete Stollen; aus dem Dunkel kann jederzeit das Grauen brechen. Dasselbe gilt für finstere Gassen, einsame Häuser und vor allem für die unergründlichen Gewölbe des größten Museums der Welt.

Hier wird zum ersten Mal deutlich, dass „Formula“ wie fast alle Romane von Preston & Child leicht abgewandelt dieselbe Geschichte erzählt. Besagtes Museum war sogar schon einmal Schauplatz eines mysteriösen Verbrechens mit hohem Bodycount. „Relic“ (1995, dt. „Das Relikt – Museum des Grauens“, wurde auch aufwändig verfilmt) war der erste und mit Abstand beste Thriller des Schriftsteller-Duos. Hier stimmte eigentlich alles, aber vor allem mischten sich profunde Ortskenntnis und ein simpler, aber wunderbar entwickelter Plot zu einem furiosen Actionspaß.

Nie wieder fanden Preston & Child eine Bühne wie das Naturwissenschaftliche Museum. 3.000 Räume und katakombenähnliche Kellerräume, vollgestellt mit faszinierenden, absurden, grässlichen Schaustücken – ein Universum des vergessenen Wissens, ein Labyrinth mit unendlichen dramaturgischen Möglichkeiten, ein Fenster in die Vergangenheit hinter einer Hightech-Fassade. Kein Wunder, dass sie mit „Formula“ hierher zurückkehren.

Das Museum bleibt auch im Aufguss ein wunderbarer Spielplatz. Man merkt sofort, wie trittfest Preston & Child sich hier fühlen, während Werke wie „Ice Ship“ oder „Riptide“ sichtlich auf nur angelesenem Wissen basieren. Und es ist der ideale Ausgangspunkt, von dem die Hauptfiguren ausschwärmen können. Anders als „Attic“ mit seiner grotesk übertriebenen Reise in den Mittelpunkt der (New Yorker) Erde schalten die Verfasser in „Formula“ einen Gang zurück. Sie beschränken sich auf ausgewählte Episoden und Stätten der New Yorker Stadtgeschichte.

Die ist an farbigen und wahrlich üblen Aspekten reich, denn New York ist nicht nur eine große, sondern schon eine sehr alte Stadt. Sie blickt zurück auf eine Vergangenheit, die mehr als genug Anknüpfungspunkte für blutvolle Histörchen liefert. Preston & Child wählten klug die Kuriositätenkabinette des 19. Jahrhunderts. Die gibt es heute nur noch in Museen oder auf Jahrmärkten, aber einst waren sie riesig und vollgestopft mit den skurrilsten Objekten, die man sich vorstellen kann – menschliche und tierische Missgeburten, seltsam geformte Pflanzen oder Steine, Fossilien, Mord- und Folterinstrumente … Hauptsächlich auffällig musste es sein, Echtheit war keine Bedingung, politisch korrekte Zurückhaltung wurde nicht geübt.

Wundervoll „gotisch“, das heißt ohne Scheu vor Verfall, Staub und Verwesung, kommt „Formula“ – selbst ein Kabinett trivialliterarischer Kuriositäten – daher und wandelt sicher auf dem schmalen Grad zwischen Vergnügen und Lächerlichkeit. Das klappt lange gut, bis Preston & Child sich schließlich doch – auch das ein „Markenzeichen“ – alle Mühe geben es zu vermasseln. Völlig unnötig und ärgerlich ist es, urplötzlich dem Mörder und Agent Pendergast eine gemeinsame Herkunft aufzustülpen. Gleichzeitig wird dem Clan der Pendergasts eine Familiengeschichte geradezu lovecraftscher Dimension angedichtet; kollektiver Wahnsinn, geheimes Wissen, Verwicklung in uralte weltweite Komplotte – ganz offensichtlich legen die Verfasser hier den Grundstein für weitere Fortsetzungen. (Die erste wird unter dem Titel „Still Life with Crows“ erscheinen. In Deutschland wird daraus vermutlich „Todesvögel aus der Hölle“ …) So überdrehen sie die „Formula“-Schraube, aber glücklicherweise verzeiht man es ihnen, nachdem sie bisher vorzüglich unterhalten haben.

Man darf sich da nichts vormachen: „Formula“ bietet keinen Platz für tiefgründige Psychogramme. Typen stehen im Vordergrund: die energische, kluge, aber selbstverständlich hübsche und rettungswürdige Frau, der rasende Reporter, der handfeste Polizist, der weise Freund mit dem tiefen Geheimnis.

Noch schematischer treten „die Bösen“ auf. Damit ist nicht der schreckliche „Doktor“ Leng gemeint. Politiker, hohe Beamte, Wirtschaftsbosse – sie alle sind egoistische Karrieristen, offen kriminell oder wenigstens korrupt und charakterschwach. Die „echte“, an der Forschung interessierte Wissenschaft wird von Bürokraten beherrscht und geknebelt. Zwischen allen diesen üblen Zeitgenossen herrscht eine unheilvolle Allianz; Pack schlägt sich, aber es hilft auch einander. Konkurrenten und Reformer, die das einträgliche Spiel auf Kosten der ahnungslosen, dummen Mehrheit verderben könnten, werden kaltgestellt und ausgeschaltet: Hier zeichnet „Formula“ ein düsteres Bild, das womöglich auf Prestons und Childs Vergangenheit als Wissenschaftler hinweist, die keiner selbst ernannten Elite angehörten und mit ähnlichen Schwierigkeiten und Frustrationen wie Nora Kelly kämpfen mussten.

„Enoch Leng“ ist ein glücklicherweise lange gesichtslos bleibender Übeltäter, der aus dem Hinterhalt zuschlägt. Theatralisch im Auftreten, furchtbar im Wirken – das nie im blutigen Detail, sondern im Ergebnis geschildert wird, was der Vortellungskraft des Lesers reichlich Arbeit verschafft -, ist er das dämonisch attraktive „Böse an sich“, das der Serienmörder nur in Literatur und Film, aber niemals in der Realität verkörpert. Jack the Ripper, der unsterbliche Dracula, der das Blut der Menschen trinken muss, und natürlich Dr. Frankenstein, der Forscher, der sich über alle ethischen Grenzen hinwegsetzt, fließen in diesem Leng zusammen. (Direkt von Hannibal Lector geklaut ist Pendergasts Fähigkeit, sich kraft seines Geistes eine imaginäre Realität zu erschaffen und sogar in der Zeit zurückzureisen.)

Douglas Preston wurde 1956 in Cambridge, Massachusetts geboren. Er studierte ausgiebig, nämlich Mathematik, Physik, Anthropologie, Biologie, Chemie, Geologie, Astronomie und Englische Literatur. Erstaunlicherweise immer noch jung an Jahren, nahm er anschließend einen Job am American Museum of Natural History in New York (!) an. Während der Arbeit an einem Sachbuch über „Dinosaurier in der Dachkammer“ (= attic) – gemeint sind die über das ganze Riesenhaus verteilten, oft ungehobenen Schätze dieses Museums – arbeitete Preston bei St. Martin’s Press mit einem jungen Lektor namens Lincoln Child zusammen. Thema und Ort inspirierten das Duo zur Niederschrift eines ersten Romans: „Relic“.

Wenn Preston das Hirn ist, muss man Lincoln Child, geboren 1957 in Westport, Connecticut, als Herz des Duos bezeichnen. Er begann schon früh zu schreiben, entdeckte sein Faible für das Phantastische und bald darauf die Tatsache, dass sich davon schlecht leben ließ. So ging Child – auch er studierte übrigens Englische Literatur – nach New York und wurde bei St. Martins Press angestellt. Er betreute Autoren des Hauses und gab selbst mehrere Anthologien mit Geistergeschichten heraus. 1987 wechselte Child in die Software-Entwicklung. Mehrere Jahre war er dort tätig, während er nach Feierabend mit Douglas Preston an „Relic“ schrieb. Erst seit dem Durchbruch mit diesem Werk ist Child hauptberuflicher Schriftsteller.

Douglas Preston ist übrigens nicht mit seinem ebenfalls schriftstellernden Bruder Richard zu verwechseln, aus dessen Feder Bestseller wie „The Cobra Event“ und „The Hot Zone“ stammen.

Selbstverständlich haben die beiden Autoren eine eigene Website ins Netz gestellt. Unter http://www.prestonchild.com wird man großzügig mit Neuigkeiten versorgt (und mit verkaufsförderlichen Ankündigungen gelockt).