Alle Beiträge von Michael Drewniok

Michael Connelly – Kein Engel so rein

Das geschieht:

An seinen neuen Fall gerät Hieronymus „Harry“ Bosch, Veteran des Morddezernats der Polizei von Los Angeles, ausgerechnet am Neujahrstag. An einem Steilhang des Laurel Canyons apportierte ein durch das Gebüsch strolchender Hund seinem erstaunten Herrchen einen menschlichen Armknochen. Bosch findet ein Grab, welches das Skelett eines Kindes birgt. Die Untersuchung legt offen, dass es hier schon mindestens ein Vierteljahrhundert gelegen haben muss.

Kindermorde bringen sogar die abgebrühten und ausgebrannten Beamten des LAPD aus dem Gleichgewicht. Dieser Fall ist besonders tragisch, da die Überreste des Opfers – eines Jungen – die Spuren systematischer, sich über Jahre hinziehender schwerer Misshandlungen zeigen. Harry Bosch, der selbst eine schwierige Kindheit als wenig geliebte Waise nie überwunden hat, schwört sich, den Täter zu finden. Michael Connelly – Kein Engel so rein weiterlesen

Carol O’Connell – Falscher Zauber [Mallory 5]

Eine Gruppe berühmter Bühnenmagier wird vom Tod heimgesucht. Polizistin Mallory, ermittelt ein Rachemotiv, das tief in die Vergangenheit zurückführt. Der Täter muss einer der Illusionisten sein. Da diese zwar alt aber überaus fähig sind, täuschen sowohl Verdächtiger als auch potenzielle Opfer die Polizei mit immer neuen Zaubertricks, während die Leichen sich mehren … – Der fünfte der Mallory-Krimis verblüfft erneut mit Thriller-Härte und surrealen Zügen sowie mit unkonventionellen Figuren, kann aber nur bedingt an die grandiosen Vorgängerbände anschließen.
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Rainer Eisfeld/Wolfgang Jeschke – Marsfieber. Aufbruch zum Roten Planeten. Phantasie und Wirklichkeit

Eisfeld Jeschke Marsfieber Cover kleinDer Mars: Faszination und Schrecken

Dieses Buch bietet einen Streifzug durch die Geschichte der Marsforschung. In zehn Kapiteln wird sie konterkariert durch die Dokumentation des Einflusses, den der rote Planet auf Kunst, Literatur und Film nahm. Die Darstellung setzt zeitlich nicht in der Vorzeit oder der Antike, sondern mit dem Beginn der Neuzeit oder präziser: mit dem Beginn der modernen Astronomie Ende des 16. Jahrhunderts ein. Die Instrumente dieser Epoche ermöglichten zum ersten Mal einen direkten Blick auf den Mars und signalisierten den Start seiner wissenschaftlichen Erforschung.

Frisch erworbenes Wissen wirft stets weitere Fragen auf und befördert ganz neue Dimensionen des Irrtums. Das „Marsfieber“ schreibt in dieser Hinsicht ein eigenes Kapitel. Noch viele Jahrhunderte blieben die Teleskope erdgebunden. Aufgrund der astronomischen Entfernung blieb das Bild vom Mars buchstäblich vage. Wie man das, was man nicht richtig sehen konnte, durchaus guten Gewissens erfand, stellt eine Lektion in wissenschaftlicher Fantasie dar: Eisfeld und Jeschke drucken viele Marskarten ab. Sie zeigen eine Marsoberfläche, die es niemals gab. Rainer Eisfeld/Wolfgang Jeschke – Marsfieber. Aufbruch zum Roten Planeten. Phantasie und Wirklichkeit weiterlesen

Dawkins, Richard – entzauberte Regenbogen, Der. Wissenschaft, Aberglaube und die Kraft der Phantasie

Isaac Newton ist an allem Schuld. Seit er vor Jahrhunderten schon seine Mitmenschen darüber aufklärte, wie ein Regenbogen zustande kommt, wird er als Repräsentant einer elitären, allzu neugierigen, gottlosen Bande von Zeitgenossen geschmäht, die es sich zum Ziel gesetzt hat, eine Welt der Wunder und Rätsel in einen seelenlosen Monumental-Mechanismus zu verwandeln. Dichter, Kirchenleute, denkfaule Dummköpfe und natürlich Volkes Stimme schimpf(t)en laut ob solcher Blasphemie und nutzten gleichzeitig die Gelegenheit, den Forschern – weltfremde, gutes Geld verschwendende, d. h. „echte“ Arbeit scheuende Elfenbeinturmbewohner – die Eierköpfe zu waschen.

Im derzeitigen Klima einer wirtschaftlichen Rezession in der westlichen Welt sind solche Vorurteile lebendiger denn je. Wieso es keinen Grund gibt sich den Ignoranten, den Sparschweinen und den Sauertöpfen zu beugen, versucht schon seit Jahren der Evolutionsforscher Richard Dawkins deutlich zu machen. Er vertritt die Meinung, dass die wahre Faszination der Natur nicht in dem liegt, was der Mensch in sie projiziert, sondern in ihrer Realität: Der Regenbogen wird durch seine Erklärung nicht „entzaubert“. Statt dessen öffnet die Deutung dem Interessierten eine völlig neue Dimension: Die Natur verwandelt sich plötzlich vom Spielball manipulierender Dogmatiker, selbst ernannter Vordenker oder skrupelloser Geschäftemacher in ein für sich selbst stehendes Wunderland schier unbegrenzter Möglichkeiten.

Dies nachzuvollziehen ist keine einfache Aufgabe. Schon im Vorwort macht der Verfasser seinen Lesern keine Illusionen: Hier werden keine leicht verdaulichen Informationshäppchen geliefert. Der Leser muss das Hirn schon anwerfen und benutzen, sonst klappt es nicht mit der Datenübertragung. Das darf man jedoch nicht zu streng nehmen: Dawkins bemüht sich um eine allgemein verständliche Sprache, die selbst hoch komplexe Prozesse erfassbar macht, ohne dass dafür die naturwissenschaftliche Realität mit Füßen getreten wird. Die angenehme Überraschung: Es funktioniert.

Mit „Die betäubende Wirkung des Vertrauten“ bereitet Dawkins das Terrain für das Folgende vor. Er schildert in lebhaften Worten die Einzigartigkeit der realen Schöpfung, die wundergläubige oder zaghafte Gesellen gegen selbst erdachte Spinnereien einzutauschen bereit sind. Bereits hier wird Dawkins‘ Argumentation klar: Die Klarheit ist dem Verharren im Bekannten, scheinbar Bewährten allemal vorzuziehen, ohne dass darunter die Eindruckskraft der Schöpfung leidet.

Statt dessen nimmt sie zu, und dies zu vermitteln sollte nicht nur Aufgabe, sondern auch Anliegen derer sein, die nicht mit der Wissenschaft, sondern eher mit der Feder umzugehen wissen. „Im Salon der Herzöge“ erzählt von der nach Auffassung des Verfassers unnötigen, ja schädlichen Unverträglichkeit von Forschern und Dichtern. Dawkins lässt einen „natürlichen“ Konflikt nicht gelten, sondern verweist erneut auf die Herausforderung, die Realität in Worte zu fassen.

Auf diese Weise vorbereitet beschreiten wir nun an Dawkins Seite diverse Wunderwelten. „Strichcodes in den Sternen“ überschreibt der Verfasser jenes Kapitel, das uns das Wesen des Universums näher bringt. Von Newtons Beobachtung, dass ein gläsernes Prisma das Licht in eine genau zu definierende Palette von Farben bricht, bis zur Entdeckung, dass sich so Aussagen auch über die Struktur unendlich weit entfernter Sterne treffen lassen, spannt sich das Spektrum – Dawkins‘ erster überzeugender Beweis dafür, dass der Realist der Welt mindestens so viel Poesie abgewinnen kann wie der Träumer.

„Strichcodes in der Luft“ führt in eine weitere Wunderwelt ein – die des Schalls, der sich ähnlich entwirren und zur Lösung mannigfacher Probleme und Fragen einsetzen lässt. Für den Leser, der dennoch hartnäckig nach dem „Nutzen“ von Forschung fragt, verfasste Dawkins den Beitrag „Strichcodes vor Gericht“, was sicherlich die Fans der diversen „CSI“-Fernsehkrimis sogleich aufhorchen lässt.

„Märchen, Geister, Sternendeuter“ leitet den vielleicht spannendsten Abschnitt dieses Buches ein. Es geht um jene, die den Regenbogen nicht erklären, ihn aber auch nicht entzaubern, sondern ihn um des eigenen Vorteils missbrauchen – und um jene, die missbraucht werden wollen, weil sie lieber in einer Hokuspokuswelt angeblicher „Wunder“ als im Hier und Jetzt leben. Dawkins ist ein Mann, der keine Rücksicht auf den Zeitgeist nimmt, der Astrologie, Parapsychologie, New-Age-Gewaber und UFO-Esoterik schätzt oder gar der Wissenschaft vorzieht. Wieso dem so ist und warum er dies als echte Gefahr (z. B. im Zusammenhang fundamentalistischer Unterdrückungs-Religion) betrachtet, weiß er hier und im Kapitel „Berechnete Schauer“ sehr deutlich zu machen.

„Wolkige Symbole von höchster Romantik“ straft die moderne „Voodoo Science“ ab. Sie kleiden abstruse Theorien in wohl klingende Worte und missbrauchen die Realität, indem sie diese nach eigenem Gusto verbiegen. Das Nachsehen haben wieder einmal die redlichen, aber leider grauen, weil weniger wortgewandten, von den Medien missachteten, lobbylosen Labormäuse, deren auf langwierigen Nachforschungen basierende Urteile einfach nicht „attraktiv“ genug für die breite Öffentlichkeit ausfallen.

Dann wird es Ernst. Dawkins, der Evolutions-Spezialist, wählt den eigenen Fachbereich, um den Zauber der wissenschaftlich fundierten Realität im Detail zu belegen. Er wählt ein schwieriges, aber auch hochaktuelles Thema, denn es geht um Gene. „Der egoistische Kooperator“ berichtet von der aus brachialökologischer Sicht höchst unbeliebten Tatsache, dass sich das Leben auf der Erde primär per Konflikt weiterentwickelt und keineswegs eine übergeordnete „kosmische Intelligenz“ es kooperieren lässt. Harte Fakten beschreiben den Weg des Lebens, dem romantische Interpretationen höchstens nachträglich und zwanghaft übergestülpt werden können.

„Das genetische Totenbuch“ ist ein „Friedhof“ von Genen, die womöglich ursprünglich wichtige Aufgaben erfüllten, aber inzwischen ihre Bedeutung verloren haben. Ihre Deutung ermöglicht vielleicht einen Blick in die Vergangenheit. „Die Welt wird neu verwoben“ leitet in die Gegenwart über. Dawkins führt aus, dass unser Gehirn die Welt weniger registriert als übersetzt. Seine unglaubliche Leistungsfähigkeit lässt sich eben nicht oder nur bedingt durch den Vergleich mit dem technischen Wunderwerk Computer erklären. Das Gehirn hat zur Interpretation tausendfacher Umwelteinflüsse seine eigenen Methoden entwickelt; es schafft sich schon seit Äonen seine „virtuelle Realität“, die wir nur zum Teil entschlüsseln können, aber bereits bestaunen sollten.

Unter dem flappsigen Titel „Ein Ballon zum Denken“ spekuliert Dawkins darüber, wie das Gehirn seine einzigartige Kraft entwickelt haben könnte. Das lässt ihn letztlich den Kreis schließen, denn es war genau dieses Hirn, das ein Buch wie dieses ermöglichte, welches stellvertretend für die „richtige“ Art steht, sich die Welt zu erschließen. Noch einmal hält Dawkins sein Plädoyer gegen Augenwischerei und Aberglaube und für die Poesie der (naturwissenschaftlichen) Realität.

Und er hat zumindest die Realisten unter seinen Lesern überzeugt. Dawkins ist ein Romantiker. Das gibt er zu; dass für ihn die Poesie zur Naturwissenschaft gehört, macht schon der (manchmal allzu) reichliche Einsatz von Zitaten bekannter Literaten wie Shakespeare, Keats & Co. deutlich. Dies unter Beweis zu stellen, ist schließlich auch sein aktuelles Vorhaben.

Jenen, die Augen haben zu sehen und Ohren zu hören, legt Dawkins eine Fülle überzeugender Beweise dafür vor, wieso man unter der gemütlichen „Akte X“-Decke hervor und an die frische Luft der blanken Tatsachen sollte. Diese Luft mag einem zwar zunächst kalt ins Gesicht blasen, aber sie macht den Kopf klar, statt das Hirn mit lauwarm vorgewärmten und -gekauten, aber eben erfundenen „Fakten“ zu verkleistern. Dies wird übrigens nur der unverbesserliche Weltverschwörungstheoretiker als Arroganz verstehen, denn Dawkins bemüht sich auch, den Mechanismen nachzuspüren, die Pseudowissen so attraktiv wirken lassen.

In einem ist Dawkins freilich konsequent. Überhaupt kein Verständnis bringt er für jene gefährlich dummen Zeitgenossen auf, die Wissenschaft nur unter dem Kosten-Nutzen-Aspekt gelten lassen wollen. Auf diese Weise lässt sich leicht ein neues geistiges Mittelalter erzeugen; der Verfasser kann beunruhigend gute Argumente dafür anführen.

Wichtiger noch: Dawkins ruft jene, die hinter die Kulissen der Natur schauen wollen, zur Standhaftigkeit auf. Allzu mürbe sind die Vertreter „unnützer“ Wissenschaften bereits geworden; sie neigen dazu sich dem Urteil der „Realisten“ zu beugen, das eigene Wissen zu verleugnen, es in Frage zu stellen. Dawkins steuert dagegen, legt die Ungeheuerlichkeit dieser Verkehrung aller Werte offen: Wer viel weiß, solle nicht stolz im Sinne von überheblich, sondern selbstbewusst und froh durchs Leben schreiten, so sein Rat, denn er oder sie habe allen Grund dafür. Auf Unwissenheit oder gar Ignoranz brauche man sich dagegen überhaupt nichts einbilden.

Das ist nicht nur Balsam für geplagte Eierkopf-Seelen, sondern ein schlichtes Faktum: Obwohl die Wissenschaft – die schließlich von Menschen betrieben wird – der Menscheitsgeschichte ihren Teil an Irrtümern, Tragödien und Verbrechen zugefügt hat, lässt sich ihr fundamentaler Anteil am Fortschritt nicht leugnen. Deshalb gibt es keinen Grund, sich falschen Kritikern zu beugen oder sich gar von pseudo-ökologischen Bilderstürmern und fanatisierten Weltverbesserern gängeln zu lassen. (Damit es klar ist: Dawkins setzt diese nicht mit Umweltschützern oder anderen konstruktiven Gruppen gleich.) Selbst wenn man im Detail nicht mit dem Verfasser übereinstimmen mag (der sich manchmal vom gerechten Zorn gar zu sehr hinreißen lässt), ist sein Werk doch wie ein einsamer Leuchtturn über einer See der Ignoranz und lohnt deshalb die Lektüre, auch wenn manchmal der Kopf dabei zu schmerzen beginnt; es ist ein gutes Gefühl, das Hirn wirklich in Gang zu setzen …

Richard Dawkins wurde 1941 in Nairobi geboren. Die Familie verließ Kenia 1949 und kehrte nach England zurück. Dort studierte Richard in Oxford. Seinen Abschluss als Zoologe machte er 1962, blieb aber zunächst in Oxford, um als Doktorand für und mit dem berühmten Ethnologen Nikolaus Tinbergen zu arbeiten. 1967 ging Dawkins nach Kalifornien und lehrte in Berkeley, kehrte aber 1970 als Dozent nach Oxford zurück.

Sein erstes Buch („The Selfish Gene“; dt. „Das egoistische Gen“) erschien 1976 und wurde sogleich ein internationaler Sachbuch-Bestseller. Es folgten „The Blind Watchmaker“ (dt. „Der blinde Uhrmacher“) und 1982 seine Fortsetzung „The Extended Phenotype“. Weitere Erfolge: „River Out of Eden“ (1995, dt. „Und es entsprang ein Fluss in Eden“), „Climbing Mount Improbable“ (1996, dt. „Gipfel des Unwahrscheinlichen“) und „Der entzauberte Regenbogen“.

Schon früh setzte sich Dawkins dafür ein, Wissen dort, wo es angebracht war, allgemein verständlich zu vermitteln. Folgerichtig ist er der erste Inhaber des 1995 ins Leben gerufenen „Charles Simonyi Chair of Public Understanding of Science“.

Gleichzeitig bemühte sich Dawkins um die Vermittlung zwischen Wissenschaft und Literatur, die er persönlich nicht im Widerstreit sieht. Für seine Bemühungen nahm ihn 1997 die „Royal Society of Literature“ auf.

Weitere Fakten zu Leben und Werk lässt sich folgender Website entnehmen: http://www.brainyencyclopedia.com/encyclopedia/r/ri/richard__dawkins.html

Jules Verne – Reise zum Mittelpunkt der Erde

Das Manuskript eines kühnen Forschers weist dem Hamburger Geologen Otto Lidenbrock, seinem Neffen Axel und dem Isländer Hans den Weg zum Mittelpunkt der Erde. Er beginnt im Krater eines erloschenen Vulkans auf Island und führt steil hinab in eine bizarre, keineswegs tote, sondern von durchaus gefährlichen Kreaturen bewohnte Unterwelt, die unseren Reisenden stets neue, aufregende Abenteuer beschert – Nostalgischer Klassiker der Phantastik von einem der Urväter des Genres; nach mehr als einem Jahrhundert frisch und faszinierend: Lesefutter für alle Fans verlorener Welten.
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Elizabeth Peters – Im Tal der Sphinx

Peters Tal der Sphinx Cover 2006 kleinDas geschieht:

Ägypten im Herbst des Jahres 1895. Unter den vielen ausländischen Archäologen, die das uralte Land der Pharaonen erforschen (oder heimsuchen), finden wir das Ehepaar Radcliffe und Amelia (Peabody) Emerson. Sie zieht es ins Gräberfeld von Dahschur, wo vor mehr als 4500 Jahren der König Snofru zwei Pyramiden errichten ließ. Schon im Vorjahr war das Ehepaar im benachbarten Mazghuna aktiv gewesen und dabei auf die kriminellen Machenschaften eines Mannes gestoßen, der die Grabanlagen systematisch plündern ließ. Die Emersons hatten dem nur als „Sethos“ bekannten Räuberhauptmann dessen Beute abjagen können; er selbst war unter bitteren Racheschwüren entkommen. (vgl. „The Mummy Case“, dt. „Der Mumienschrein“).

Amelia, die sich auch als Amateur-Detektivin betätigt, ist auf der Hut, als nun die neue Grabungssaison beginnt. Ihr Misstrauen scheint berechtigt, als die Emersons noch in Kairo den Gauner Kalenischeff treffen, der im Vorjahr Sethos als rechte Hand diente. Nun bemüht er sich als Reisebegleiter um die junge Enid Debenham, die einzige Tochter des just verstorbenen Barons Piccadilly. Natürlich hat Kalenischeff es auf das Millionenerbe abgesehen, wie ihm Amelia auf den Kopf zusagt. Als kurz darauf ein Versuch knapp scheitert, Sohn Ramses zu entführen, weist sie die Schuld allerdings dem neuerlich aktiven Sethos zu. Ihre Überzeugung wächst, als Kalenischeff erdolcht in Miss Debenhams Hotelzimmer gefunden wird; offenbar hat sich sein Meister gerächt. Die Polizei verdächtigt allerdings Enid, zumal diese spurlos verschwunden ist. Elizabeth Peters – Im Tal der Sphinx weiterlesen

Peter James / Nick Thorpe – Halley, Hünen, Hinkelsteine. Die großen Rätsel der Menschheit

Inhalt:

Ein sechsteiliger Schlag gegen (allzu) lieb gewonnene Rätsel der (Erd-) Geschichte, unterteilt in diverse Unterkapitel, die sich auf bestimmte Favoriten (= Dauerbrenner der Boulevard-Medien in der sommerlichen Saure-Gurken-Zeit) konzentrieren. Sie dienen als repräsentative Beispiele für die jeweiligen Gesamtphänomene, die da wären:

„Versunkene Kontinente und Katastrophen“: Hier lesen wir u. a. über Atlantis, das ‚historische‘ Vermächtnis des Griechen Plato, der sich auf Wolke Nr. Sieben vermutlich totlacht über die monströse Lawine haltloser Spekulationen, die den ‚verlorenen‘ Kontinent der Urzeit völlig ‚logisch‘ an praktisch jedem Ort unseres Globus‘ orten. Dabei ist nie (und für die Atlantis-Jünger glücklicherweise) ein handfester, wirklich glaubhafter Hinweis auf seine Existenz aufgetaucht wäre. James und Thorpe legen sachlich und plausibel dar, wieso dies so ist – so sein muss.

Weiterhin scheuen sie sich nicht, den Kopf in den Rachen gewisser ‚Forscher‘ zu legen, welche die Bibel in den Rang eines Geschichtsbuchs erheben. Die damit verbundenen Schwierigkeiten und haarsträubenden Verbiegungen historischer Tatsachen belegen sie am Beispiel der Suche nach Sodom und Gomorrha. Auch Noahs Arche wurde inzwischen mehrfach erspäht … Wer’s lieber ein wenig sachlicher mag, wird durch die Vorstellung der Polverschiebungstheorie eines Schlechteren belehrt.

„Himmelsbeobachtungen“: Nachdem sich in den vergangenen Jahren immer deutlicher herausstellt, dass die Menschen der Vorzeit keine grunzenden, in Höhlen hausenden Wilde waren, sondern sich bereits die Köpfe über erstaunlich transzendente Themen zerbrachen, sammeln sich die Anhänger jener Theorie, nach der es überall auf dieser Erde ‚Priestergelehrte‘ prähistorischer, hoch zivilisierter, leider fundlos verschwundener Kulturen gab, die ihre Schäfchen schwere Steine zu komplizierten Mustern wuchten ließen, um auf diese Weise den Sternen- und Planetenhimmel abzubilden. Diese Steinzeit und Bibel Astronomie ist geradezu ein Steckenpferd für ‚Historiker‘ geworden, die an eine Vergangenheit glauben möchten, in der die Magie der Natur noch stark war in der Welt.

„Architektonische Wunderwerke“: Hier treffen wir u. a. krypto-historische Dauerbrenner wie Stonehenge, die ägyptischen Pyramiden oder die Steinfiguren der Osterinseln – und jene selbst ernannten Bilderstürmer, die frischen Wind in die etablierte und damit zwangsläufig verkrustete und langweilige Wissenschaft – wozu studieren, wenn man auch spinnen & Fakten klittern kann? – bringen möchten, indem sie beispielsweise „Götter aus dem All“ den Urzeit-Menschen hilfreich zur Hand gehen und prähistorische „Computer aus Stein“ errichten lassen.

„Erdmuster“: Aber ganz ohne eigene seltsame Kraft waren unsere Vorfahren auch nicht. Ohne böse Zivilisation (oder Wissenschaft) hatten sie noch Mutter Naturs Ohr. Ihre prähistorischen Sternwarten, Raumschiffhäfen und Kultstätten (Glastonbury, Somerset, Nazca) vernetzten sie durch „Erdmuster“ (Ley Linien), durch die nicht selten eine Art ätherische Erdstrahlung floss – gleichzeitig eine Art Telefonleitung, über die Geistwesen und/oder Außerirdische den weiter oben genannten Priestergelehrten ihre Anweisungen durchgaben. („Heute nur fünf Jungfrauen opfern.“)

„Original oder Fälschung“ erzählt vom Hang des Menschen, der Wahrheit manchmal etwas nachzuhelfen bzw. sie in eine Gestalt zu zwingen, die der erwünschten Realität (König Artus‘ Grab – endlich gefunden!) oder wenigstens dem eigenen Ruhm zu Gute kommt (Heinrich Schliemann und ‚sein‘ Troja Schatz). Dieses Kapitel verdeutlicht aber auch, dass die Vergangenheit echte Überraschungen birgt (Ötzi, die Mumie, die aus der Steinzeit kam, oder die Schriftrollen vom Toten Meer), die als solche zunächst nicht erkannt werden oder die als ‚unmöglich‘ abgelehnt werden: Die etablierte Forschung kann irren, aber im Gegensatz zur „Voodoo Science“ verfügt sie über Mechanismen der Korrektur, auch wenn‘s manchmal ein wenig dauert.

„Übersinnliches und Archäologie“: Hier wird es endgültig wundersam und wunderlich. Tutanchamuns Fluch kennt sicherlich jede/r, den Fall Omm Seti weniger. Faszinierend auch die Story des „Bundes von Avalon“, der einen Geschichtsforscher quasi exklusiv aus dem Jenseits beriet.

Wie es sich gehört, stehen am Ende unseres Werkes eine Bibliografie (die notgedrungen mit den Jahren an Wert verliert) sowie ein Namens und Sachregister – immer ein Qualitätsmerkmal für ein Sachbuch, mit dem man arbeiten kann. Da ist es fast schon selbstverständlich, dass „Halley, Hünen, Hinkelsteine“ das im Text Gesagte durch zahlreiche Grafiken und (schwarz weiße) Fotos verdeutlicht.

Der Mensch will (Unsinn) glauben

Die einen mögen sie Spielverderber und/oder Knechte der weltumspannenden Verschwörung skrupelloser Politiker, Großkonzerne & Wissenschaftler schimpfen, die uns Bürger dumm und ahnungslos und dadurch leicht regierbar halten sollen, die anderen begrüßen sie als Stimme der Vernunft. Auf jeden Fall gleiten Peter James und Nick Thorpe aufrecht über das Glatteis, auf das sie sich freiwillig begeben haben. In der (guten, alten) gar nicht so lange verstrichenen Zeit nannte man das „Aufklärung“: die sachliche Beschäftigung mit strittigen Fragen der Natur- und Geisteswissenschaft, das Abwägen von Für- und Wider-Argumenten, die Formulierung einer (vorläufigen) Schlussfolgerung auf der Basis der gesammelten und ausgewerteten Fakten.

Dass solche Aufklärung alles andere als langweilig oder gar überholt ist, beweist unser Autorenduo eindrucksvoll. (Vor und frühgeschichtliche) Rätsel verlieren keineswegs ihre Faszination, nur weil keine Besucher aus dem All, Geister oder sonstige esoterische Lichtgestalten hinter ihnen stecken. James und Thorpe beeindrucken durch eine gar nicht selbstverständliche Gabe: Sie können komplexe, oft recht schwer verständliche Themenkomplexe allgemeinverständlich präsentieren.

So reagieren sie auf den oft und mit Recht der Wissenschaft gemachten Vorwurf, bei der Vermittlung des Entdeckten zu knausern bzw. sich in einen Nebel hochgeistiger Formulierungen zu hüllen, der vor allem den Kollegen Wissen und Seriosität suggerieren soll. Gute Sachbücher vermitteln erfolgreich zwischen dem Forscher-Olymp und den akademischen Bergtälern, in denen durchaus interessierte Laien hausen – und sie leuchten in die düsteren Höhlen, welche die Scharlatane beherbergen.

Manchmal verloren auf einem Meer der Dummheit

Dabei trennen James und Thorpe Fakten und Spekulationen voneinander. Ganz so streng geht es trotzdem nicht zu. Zwar behaupten die Autoren u. a., sie wollen in Sachen Rätsel einen Schlussstrich im Jahre 1492 ziehen – Columbus segelt nach Amerika und läutet dadurch quasi die Neuzeit ein -, halten sich aber nicht durchweg daran. Andererseits gehört die Diskussion um das berühmte „Marsgesicht“ durchaus zum Thema, denn gibt es ein besseres Beispiel für die Kapriolen der Selbsttäuschung, die dem menschlichen Geist manchmal unterlaufen?

Die Fülle des vorgestellten Materials bedingt manche Vereinfachung oder Verkürzung – davor warnen die Autoren einleitend selbst -, die hier und da Fehlinterpretationen durch den Leser begünstigt. Troja und seine Geschichte ist ein komplexes Thema, das gerade in den letzten Jahren auf der Basis neuer bzw. neu bewerteter Funde in der wissenschaftlichen Diskussion steht. Diese Autoren legen das Schwergewicht ein wenig zu stark auf den ‚Kriminalfall‘ Schliemann und den mysteriösen, womöglich frisierten Schatz des Priamos.

Den eigenen Prinzipien eindeutig untreu werden James und Thorpe, wenn sie ihrer Begeisterung für Kometen & Meteoriten als Katalysatoren aller möglichen (und unmöglichen) irdischen Umwälzungen ein wenig zu blauäugig nachgehen. Das ist aber der einzige gravierende Vorwurf, den man den Verfassern machen kann, deren Ausführungen man ansonsten mit Vergnügen und Gewinn folgt.

Autoren

Peter James studierte in Birmingham und London Alte Geschichte und Archäologie. Dabei spezialisierte er sich auf den Nahen Osten und den Mittelmeerraum und hier wiederum auf die Bereiche Technik- und Wissenschaftsgeschichte.

Nick Thorpe studierte Archäologie sowie Vor- und Frühgeschichte in Reading und London. Er lehrt am King Alfred’s College in Winchester. Darüber hinaus leitete er mehrere Forschungsprojekte in Großbritannien und Dänemark und verfasste Aufsätze und Bücher über Landwirtschaft, Handwerk, frühgeschichtliche Gesellschaftsformen und Astronomie.

Taschenbuch: 492 Seiten
Originaltitel: Ancient Mysteries (New York : Ballantine Books, a division of Random House, Inc. 1999)
Übersetzung: Annette von Heinz u. Susanne Hornfeck
http://www.dtv.de

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Neale, Jonathan – Schneetiger. Sherpas: Die wahren Bezwinger des Himalaya

Wer hätte gedacht, dass die Sherpas, die wir in jedem Filmbericht über den Bergtourismus im Himalaya kopfstark durch das Bild wandern sehen, ursprünglich gar keine Ahnung hatten, wie hohe Berge zu besteigen sind? Andererseits überrascht dies nicht, denn sie hatten keinen Grund dazu, bis die weißen Bergsteiger aus dem Ausland zu ihnen kamen. Sherpas lebten im Gebirge, aber sie stiegen mit ihrem Vieh nur so hoch wie es nötig war. 8000 Meter hohe Gipfel stellten aufgrund eines gesunden Menschenverstandes keine Verlockung dar und wurden außerdem von Geistern bewohnt, die Besuch nicht schätzten.

Auftritt der britischen Gentleman-Kraxler. Sie kamen aus der Kolonie Indien in den Himalaya und besaßen von daher gewisse Standortvorteile gegenüber der Konkurrenz. Die gab es reichlich, denn das Bergsteigen gewann in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts stetig an Bedeutung. Nachdem die meisten weißen Flecken auf der Erdkarte verschwunden und zuletzt die Pole erobert waren, ging es nun darum, die höchsten Berge zu erklimmen. Da deren Zahl begrenzt ist, wurden diese Ruhm verheißenden Gipfel eifersüchtig gehütet.

Abgesehen davon war es verteufelt schwierig sie zu besteigen – und noch schwieriger lebendig wieder zurückzukehren. Die europäischen Bergsteiger kannten sich inzwischen gut aus mit den Gebirgen ihrer Heimatländer. Doch so ein Berg in den Alpen ist kaum halb so hoch wie sein Gegenstück im Himalaya. Was das bedeutet – nämlich einen Ausflug in weltraumnahe Gefilde -, wusste keiner dieser kühnen Eroberer.

Also wurde experimentiert und dabei das eigene Leben aufs Spiel gesetzt; noch mehr freilich die Leben derer, die im Hintergrund die weniger glamouröse Kärrnerarbeit leisten und den Gipfelstürmern Lebensmittel, Tabak oder Toilettenpapier hinterher tragen mussten. Als „Kulis“ kamen die starken, aber angeblich ungebildeten und „unterlegenen“ Sherpas gerade recht. Diese hießen in ihrer kargen Heimat wiederum die Möglichkeit willkommen, sich ein Zubrot zu verdienen, auch wenn dies ein frühes Ende in Kälte, Schnee und Gletscherspalten mit sich bringen konnte, so wie es 1922 während der britischen Everest-Expedition gleich sieben Sherpas erwischte. (Kommentar des Ausstatters der Expedition: „Gott sei Dank ging kein europäisches Leben dabei zugrunde.“)

Neale schildert, wie Herren (vorn) und Träger (hinten) gleichermaßen ahnungslos in den Himalaya vorstießen. Mit den zu erwartenden katastrophalen Ergebnissen, da diese Hochwelt Fehler und Selbstüberschätzung nicht verzeiht. In der Not rückten Sahibs und Sherpas näher zusammen, der Berg ließ Dünkel und Klassenunterschiede wanken. Es dauerte nicht lange, bis die Sherpas bemerkten, dass a) ohne sie nichts ging im bergsteigenden Himalaya und sie sich b) die Frage stellten, was sie eigentlich abhielt mitzutun im sportlichen Wettkampf. Mit ihrem Wissen und dem Erlernten wurden sie den Gästen vom Kuli zum Partner und Bergkameraden. Noch später ließen einige Sherpas die Ausländer ganz außen vor und kletterten selbst. Tensing Norgay (s. u.) gründete das „Himalayan Mountaineering Institute“ in Darjeeling, das Generationen einheimischer Bergsteiger ausbildete.

Aus Trägern wurden so im Laufe von Jahrzehnten die „Schneetiger“. Als eigentlichen Wendepunkt dieser Entwicklung macht Neale die nazideutsche Expedition zum Nanga Parbat im Jahre 1934 fest. Die überforderten, unter Erfolgsdruck stehenden Sahibs brachten sich während eines Schneesturms in Sicherheit und ließen ihre Träger auf über 7.000 m Höhe im Stich. Den Sherpas gelang es, sich ohne Lebensmittel oder Zelte in einem siebentägigen Martyrium zu retten. Diese Episode vergaßen sie weder im Bösen wie im Guten. Vorbei waren die Zeiten, in denen sie sich herumscheuchen ließen.

Hilfreich war es, dass nach dem II. Weltkrieg eine andere Generation europäischer Bergsteiger in den Himalaya kam. Hier waren es besonders die berufsmäßigen Bergführer aus der Schweiz, die in den Sherpas von vornherein Gefährten sahen. Dies war der Nährboden, auf dem sich die „Schneetiger“ entwickelten, bis 1958 der Mount Everest, höchster Berg der Erde, von Edmund Hillary und Sherpa Tensing Norgay bezwungen wurde – Seite an Seite.

Wie aus der ausführlichen (aber – dies zur Beruhigung der Leser – das Werk nicht einmal annähernd ausschöpfenden) Inhaltsangabe hervorgeht, stellt sich der Verfasser seinem Thema aus einem bisher sträflich vernachlässigten Blickwinkel. Zwar muss die Geschichte des Himalaya-Bergsteigens nunmehr nicht etwa neu geschrieben werden, aber sie erfährt doch eine Reihe wichtiger Korrekturen, vor allem aber Ergänzungen.

Die Sherpas haben nicht nur eine eigene Kultur, sondern eine Stimme. Auch Ehrgeiz ist ihnen nicht fremd. Dem zivilisationsfeindlichen Weltverbesserer, der sie ökologisch korrekt lieber in yetimistbeheizten Yakfellzelten sitzen sieht, mag dies missfallen, aber Sherpas sind halt auch nur Menschen. In der Gegenwart wünschen oder fordern sie ihren Anteil am Bergtourismus – am Geschäft und am Ruhm. Außerdem wollen sie ihre Rolle in der Geschichte gewürdigt wissen, in der sie sich zu Recht bisher unter Wert verkauft fühlen.

Insofern stieß Autor Neale offene Türen auf, als er sich daran machte, die wahre Geschichte der „Schneetiger“ zu erzählen. Nun ließe sich wiederum darüber philosophieren, wieso sich kein Sherpa fand, der dies übernahm. Ist halt nicht geschehen, und Neale hat gute Arbeit geleistet.

Das fängt schon damit an, dass er sich nicht nur in den Archiven diverser Bergsteigerclubs und -vereine des Westens aufgehalten, sondern auch an den Ort des Geschehens begeben hat. Viele Monate war Neale in Indien und im Nepal, hat sich den Sherpas vorgestellt, mit ihnen gelebt und sich sogar bemüht, die komplizierte Landessprache zu lernen. Wie das meist so ist, wurde dies von den Einheimischen mit Freundlichkeit und Offenheit honoriert.

Nicht dass sich die plötzlich zahlreich auf der Bildfläche erscheinenden Überlebenden diverser Hochgebirgs-Expeditionen bisher versteckt gehalten hätten; es hatte sich nur niemand die Mühe gemacht nach ihnen zu fahnden oder sie zu fragen. Aber Neale fand sie, die sich zum Teil an Ereignisse erinnern konnten, welche sieben Jahrzehnte in der Vergangenheit lagen – und sie redeten!

Wer nun – zumal im Zusammenhang mit unseren nazideutschen Bergrecken – mit saftigen Skandalen rechnet, wird freilich enttäuscht sein: „Schneetiger“ erzählt die Geschichte einer ganz normalen Ausbeutung, wie sie in den Kolonien und später in den „selbstständigen“ Regionen der dritten und vierten Welt an der Tagesordnung war und ist. Die Himalaya-Besteiger aus dem fernen Westen waren in der Regel nicht vorsätzlich anmaßend, die Sherpas auf der anderen Seite durchaus keine naturgeborenen Engel, sondern beide Seiten bis zu einem gewissen Punkt Gefangene ihrer Zeit und der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Der Punkt ist, dass die Sherpas es früher als andere „Naturvölker“ und aus eigener Kraft schafften sich zu emanzipieren. Sie nutzten dies u. a., um eine eigene nepalesische Oberschicht zu gründen und den Zorn der nicht am Bergtourismus partizipierenden Landsleute zu erregen, aber das steht auf einem anderen Blatt …

Jonathan Neale wurde 1947 in New York geboren. 1971-1973 nahm er an anthropologischen Feldforschungen mit Nomadenstämmen in Afghanistan teil. Seither bereist er die ganze Welt.

Ein „anderer“ Jonathan Neale ist seit den späten 1960er Jahren sehr aktiv in der Zivilrechts- und Antikriegsbewegung der USA. Seiner Karriere als Universitätsdozent war dies ebenso wenig förderlich wie sein ausgeprägter Reisedrang. So begann Neale die Menschen quasi vor Ort zu studieren, was ihn u. a. Jobs als Krankenhaustechniker, Zimmermann, Abtreibungsberater, AIDS-Tester oder Redakteur annehmen ließ. Heute lebt Jonathan Neale als hauptberuflicher Schriftsteller in London. Inzwischen hat er elf Theaterstücke, drei Romane und vier Sachbücher geschrieben.

Richard Parry: Die Männer der Polaris. Die wahre Geschichte der tragischen Arktis-Expedition von 1871

Parry Männer der Polaris Cover kleinDas große Rennen um (und über) die Welt

Das Jahr ist 1871. Der Große Bürgerkrieg ist vorüber, die Blauen & die Grauen schlagen sich nicht mehr die Köpfe ein; Zeit für die immer noch jungen, jetzt wieder Vereinigten Staaten von Amerika, sich darauf zu besinnen, der Restwelt das Heil zu bringen, was sie bereits zu diesem Zeitpunkt als ihren von Gott (oder Gandalf) erteilten Auftrag erkannt haben.

Damit stehen sie nicht allein. Imperialismus politisch schwer im Kommen. Auf dem gesamten Globus machen sich mächtig aufgerüstete Nationen daran, ihrem Herrschaftsgebiet möglichst viele und lukrative Kolonien einzuverleiben. Die Filetstücke sind schon vergeben, als sich nun auch die USA an diesem Run beteiligen möchten. Wenn‘s nichts mehr zu erobern gibt, dann lässt sich immerhin einiger Ruhm damit ernten, unbekannte Länder zu entdecken (die dann womöglich doch das Ausbeuten lohnen). Richard Parry: Die Männer der Polaris. Die wahre Geschichte der tragischen Arktis-Expedition von 1871 weiterlesen

MacKinlay Kantor – Signal 32

Ein erfahrener Streifenpolizist lehrt einen jungen Kollegen Tricks und Kniffe, die im Großstadt-Dschungel von New York überlebenswichtig sind. Wo Brutalität und Widerstand gegen die Staatsgewalt an der Tagesordnung sind, heißt es sonst: „Signal 32“ – Polizeibeamter in Gefahr … – Früher „Police-Procedural“-Krimi, der quasi dokumentarisch unsere Freunde und Helfer bei der Arbeit beobachtet. Die präzise Wiedergabe alltäglicher kriminalistischer Arbeit leidet unter moralinsaurer Verlogenheit und Rassismen: heute eher entlarvend interessant als unterhaltsam. MacKinlay Kantor – Signal 32 weiterlesen

Giles Blunt – Gefrorene Seelen

Das geschieht:

Algonquin Bay ist eine Kleinstadt in der kanadischen Provinz Ontario. Die Beamten des hiesigen Morddezernats werden von den „Windigo“-Morden in Atem gehalten. Auf einer Insel wurde die Leiche der jungen Katie Pine entdeckt. Seit Monaten galt sie als vermisst. Detective John Cardinal vermutete bereits damals eine Entführung. Als wenig später zwei weitere Teenager verschwanden, sprach er sogar von Serienmord. Seinem Vorgesetzten, dem ehrgeizigen Detective Sergeant Don Dyson, missfiel diese Theorie. Als Cardinal dennoch nicht nachgab, wurde er in die Abteilung für Einbruchsdiebstähle versetzt.

Jetzt holt ihn Dyson zurück. Er stellt Cardinal Detective Lise Delorme zur Seite. Sie ist nicht nur eine Frau ist, sondern war bisher zuständig für interne Ermittlungen gegen möglicherweise korrupte Kollegen. Delorme ist noch unerfahren, vor allem aber hat sie einen geheimen Auftrag: Sie soll John Cardinal ausspionieren. Dieser wird verdächtigt, im Sold eines Gangsterbosses aus Toronto zu stehen, den er angeblich schon mehrfach vor geplanten Razzias gewarnt hat. Tatsächlich hat Cardinal keine reine Weste. Um seiner Tochter das teure Kunststudium an einer Elite-Hochschule zu ermöglichen, hat er vor Jahren Geld unterschlagen. Diese Tat liegt dem eigentlich ehrlichen Mann auf dem Gewissen. Zudem schickt ihm der wütende Drogenhändler aus dem Knast Drohungen: Er will sein Geld zurück!

Giles Blunt – Gefrorene Seelen weiterlesen

Sylvian Hamilton – Der Knochenhändler

Ein mittelalterlicher Reliquienhändler gerät in eine politische Verschwörung, die sich gegen den König von England richtet; schwarze Magie kommt ins Spiel, der die Tochter des Händlers zum Opfer zu fallen droht … – Farbenfroher, detailreicher und spannender Historienkrimi, den die Autorin behutsam um Mystery- und Horrorelemente bereichert: gelungener Start in die mehrbändige Richard-Straccan-Serie.
Sylvian Hamilton – Der Knochenhändler weiterlesen

Guy Newell Boothby – Pharos der Ägypter

boothby-pharos-cover-1999-kleinEin unsterblicher Magier will sich an Gott und der Welt rächen. Zwischen dem Gelingen seines Plans und der Apokalypse steht nur ein englischer Wagehals, der außerdem eine schöne Maid retten muss … – Altmodischer aber auch nostalgischer sowie mit einer tüchtigen Schuss Mystik gewürzter Abenteuerroman, dessen Garn nicht raffiniert aber spannend und temporeich gesponnen ist: Lesefutter aus einer durchaus trivial gesonnenen Vergangenheit.
Guy Newell Boothby – Pharos der Ägypter weiterlesen

Eigel Wiese – Das Geisterschiff. Die wahre Geschichte der Mary Celeste

Darum geht’s:

1872 treibt das Frachtschiff „Marie Celeste“ unbeschädigt aber besatzungsleer im Meer; die Fragen nach dem Geschehen werden einerseits nie wirklich geklärt, während sie andererseits vor allem in den Medien ein Eigenleben annehmen, bis die Logik im Strudel kunterbunter Mythen versinkt … – Autor Wiese geht zurück an die Quellenbasis, entwickelt eine glaubhafte Erklärungstheorie und berichtet vom „Geisterschiff“, in dessen Schatten die Geschichte der „Marie Celeste“ längst nebensächlich geworden ist. Eigel Wiese – Das Geisterschiff. Die wahre Geschichte der Mary Celeste weiterlesen

Berg, A. Scott – Katharine Hepburn. Ein Jahrhundertleben

1983 war Katharine Hepburn längst eine lebende Legende: fünf Jahrzehnte Film und Theater, dazu ein Lebensstil, der seiner – oder besser: ihrer – Zeit weit voraus war. Mit unvergleichlicher Energie waren Karriere und Privatleben gemeistert worden, als ein schwerer Autounfall die scheinbar unverwüstliche „Kate of Arrogance“ zeitweise zum Kürzertreten zwang.

Die ungewohnte Ruhe führte zu einigen Umwälzungen im Hepburnschen Alltag. So gab sie der Langeweile nach und empfing gnädig einen jungen Mann, der einen biografischen Zeitschriftenartikel über sie verfassen wollte. A. Scott Berg war kein Journalist, sondern Buchautor mit gutem Ruf, als er sich der berühmten, als exzentrisch bekannten Schauspielerin vorsichtig näherte.

Siehe da: Die Chemie stimmte, aus Interviewpartnern wurden rasch echte Freunde. Zwei Jahrzehnte gehörte Berg nun zum Hepburn-Haushalt. Wie wenige andere Menschen lernte er diese ungewöhnliche Frau kennen, verfolgte ihren hartnäckigen Weg zurück ins Berufsleben, die späten Triumphe, aber auch den erst allmählichen und dann immer rascheren Verfall, der die bitteren letzten Jahre bis zum Tod Katharine Hepburns im Alter von 96 Jahren nicht ausspart.

A. Scott Berg hat auf Wunsch der Künstlerin stets Augen und Ohren offen und den Stift gespitzt gehalten. Wenn man ihm Glauben schenkt, hat Hepburn ihn als Gesprächspartner mit beinahe therapeutischer Bedeutung geschätzt, mit dem sie über ihr keineswegs einfaches Leben reden konnte. Dabei kamen viele Details zur Sprache, die sehr privat waren und folglich die Gier der Medien erregten. Primär war dies die ebenso legendäre wie komplexe Liebesgeschichte zwischen Hepburn und Spencer Tracy, über deren alltäglicher Realität noch Jahrzehnte später Unklarheit herrscht.

In ihrer Autobiografie drückte sich Hepburn 1988 um viele für sie unbequeme oder belastende Aspekte ihres Privatlebens. Laut Berg hat sie diese ihm mehr oder weniger in die Feder diktiert, damit er – allerdings erst nach ihrem Tod – auch diese Geheimnisse offenbare. Diesen Auftrag erfüllt er mit dem vorliegenden Buch, das Biografie und Erinnerung an eine wertvolle Freundschaft gleichzeitig ist.

Wobei sich formal gegen beides keine Einwände erheben lässt. Die Mischung ist reizvoll, denn sie durchbricht das oft dröge Muster biografischer Beschreibungen: Sie wurde geboren, sie lebte, sie starb. Berg durchsetzt die Lebensbeschreibung immer wieder mit Erinnerungen an die „alte Kate“, was ihm u. a. die Möglichkeit gibt, diese vielen vergangenen Ereignisse quasi persönlich zu kommentieren.

Dabei betont Berg, dass er sich hauptsächlich auf die Wiedergabe von Fakten beschränkt. Seine übliche Arbeitsweise als Biograf bedinge normalerweise eine intensivere Beschäftigung mit dem vorgefundenen Quellenmaterial. Vor allem analysiere er dieses, um zwischen den Zeilen verborgene Wahrheiten zu entdecken. Dies unterbleibe hier, was an der Nähe zum Objekt seiner Beschreibung – einer wirklich engen Freundin – liege, welche die dafür erforderliche Distanz unmöglich mache. (Ein wichtige Rolle mag zudem der Zeitfaktor gespielt haben – der frühe Vogel fängt den Wurm; eine Hepburn-Biografie, die Berg-typisch mehrere Jahre der Archiv- und Schreibarbeit in Anspruch genommen hätte, wäre wohl kaum mehr auf das Interesse einer breiten Öffentlichkeit gestoßen.)

Berg überspringt die allzu oft für Künstler- und besonders Schauspieler-Biografien übliche Grenze naiver Staranbetung. Er profitiert natürlich von der erwähnten Freundschaft. Dennoch kann zumindest der nüchtern interessierte Leser keine „Skandale“ offengelegt finden. Es stellt sich insgesamt die Frage, ob sich für ein nach Sensationen dürstendes Publikum die Lektüre lohnt. Trotz ihrer beneidensweiten Offenheit, die es Wert ist festgehalten zu werden, war Katharine Hepburn „nur“ ein Mensch. Insofern gibt es keine Schmutzwäsche ans Tageslicht zu zerren; was vor Jahrzehnten sicherlich für Aufsehen gesorgt hätte, lässt den privatfernsehgestählten Zeitgenossen der Jetztzeit nur noch müde abwinken.

So schreibt Berg die Hepburn-Geschichte nicht neu, sondern ergänzt sie höchstens um Details, korrigiert sie hier und da und entkleidet sie vor allem ihrer Legenden. Ob er dabei alle Klippen umschiffen konnten, weiß er selbst nicht recht; es ist in der Tat nicht einfach, nach dunklen Flecken auf der Weste eines Menschen zu fahnden, den man ehrlich schätzt.

Schwer fällt es zu entscheiden, wie tief die Freundschaft zwischen Hepburn und Berg denn nun wirklich gewesen ist. Zumindest in den ersten Jahren hat er lange Zeiträume unter ihrem Dach gewohnt und am Familienleben teilgenommen. Ob es dabei wirklich so US-amerikanisch-sentimental zugegangen ist, wie Berg es manchmal schildert, muss offen bleiben. Es ist auf der anderen Seite genug Offenheit in der Beschreibung der sehr alten Katharine Hepburn, die keine Ähnlichkeit mit der verehrten unabhängigen Persönlichkeit aufweist, sondern nur mehr eine kranke, senile, kaum mehr ansprechbare Frau ist. Auch große Künstler holt das Alter ein; was den meisten Biografen höchstens einige Zeilen Wert ist, beschreibt Berg in aller Ausführlichkeit. Dies liest sich oft traurig, ist aber kein Gazettenschwein-Wühlen im Medienschmutz, sondern eine ehrliche und auch notwendige Ergänzung. Schließlich ist Katharine Hepburn nach ihren letzten Filmen Mitte der 1990er Jahre nicht als unwürdige Greisin außer Dienst in ein Künstler-Nirvana verzogen, sondern hat noch bis 2003 gelebt.

Weil Berg über die Jahre notierte, was er bei oder mit seiner Freundin erlebte (diese wusste das übrigens und billigte es), ist sein Buch kein Schnellschuss, um den Hepburn-Fans das Geld aus der Tasche zu ziehen. Er kann auf echtes Material zurückgreifen, statt den bekannten Wust aus Fakten und Legenden noch einmal aufzukochen. Außerdem verfügt Berg über die Gabe zu schreiben. Knapp vierhundert Seiten lesen sich (auch in der Übersetzung) außerordentlich flüssig. Zeit- und Themensprünge lassen sich als Stilmittel erkennen, statt den unterbezahlten, von Terminen gehetzten Schreiberling zu verraten. In die Reihe von Scotts grundlegenden Biografien über den Herausgeber Max Perkins, den Filmmogul Sam Goldwyn oder die Fliegerlegende Charles Lindbergh reiht sich dieses Buch sicherlich nicht. Es ist eher eine Fingerübung, aber eine, die der Leser mit Freude und Gewinn zur Kenntnis nimmt.

A. Scott Berg wurde 1950 geboren, studierte an der Elite-Universität Princeton und beschloss bereits dort, sich seinen Lebensunterhalt als Biograf zu verdienen. Seine Abschlussarbeit über den Herausgeber Max Perkins baute er später zu seinem ersten Buch und Bucherfolg aus. Seither hat er drei weitere Werke veröffentlicht. Bergs nächstes Projekt – über US-Präsident Woodrov Wilson – besitzt wieder den für ihn üblichen Rahmen, er selbst hofft, es 2009 abschließen zu können …

Bernard Cornwell – Die Galgenfrist

Im Jahre 1817 beauftragt der englische Innenminister einen ehemaligen Offizier, ein wegen Mordes verhängtes Todesurteil zu überprüfen. Zum Unwillen der Justiz entdeckt dieser, dass die Beweise gefälscht wurden und der angebliche Täter unschuldig ist … – Gelungener Historienkrimi, der sich geschickt der zeitgenössischen Rechtsprechung bedient. Das alte London und seine pittoresken Bewohner nehmen vor dem Leser Gestalt an, ohne um der Unterhaltung willen in historische Zerrbilder verwandelt zu werden: ein durchweg empfehlenswertes Lektürevergnügen.
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Stephen Baxter – Evolution

Über mehr als eine halbe Milliarde Jahre spannt sich der Bogen dieses Romans, der den langen Weg der Menschwerdung beschreibt, um schließlich mit dem Ende der Menschheit und sogar allen Lebens zu schließen; in seinen ersten beiden Dritteln ein Quasi-Sachbuch mit erzählerischen Elementen, das mit dem Sprung in die nahe und besonders in die ferne Zukunft den Charakter einer Vision gewinnt. Ob 1000 Seiten erforderlich sind, eine im Grunde aus Episoden montierte Geschichte zu erzählen, ist ein diskussionswürdiger Punkt. Zwar nicht „das große Meisterwerk der Science Fiction“ (Klappentext), aber definitiv ein lesenswertes Buch! Stephen Baxter – Evolution weiterlesen

Sardou, Romain – dreizehnte Dorf, Das

Im Januar des Jahres 1284 verschlägt es den jungen Priester Henno Gui nach Südfrankreich und dort in das Dörflein Domines. Es gehört zur winzigen und völlig unbedeutenden Diözese Draguan, die außerhalb dieses abgelegenen Landstrichs kaum jemand kennt. Beschaulich geht es hier normalerweise zu, doch in diesen Tagen herrscht große Aufregung: Kurz vor Guis Ankunft wurde der alte Bischof Haquin von einem Unbekannten brutal ermordet.

Die abergläubischen Dorfbewohner sehen sofort einen Zusammenhang mit unheimlichen Vorkommnissen im Vorjahr. Da hatte der Fluss Montayon die Leichenteile eines Herzogs und seiner beiden Söhne angespült. Sie hatten sich im dichten Wald verirrt und waren dort ihren Mördern in die Arme gelaufen. Haquin hatte damals flussaufwärts Nachforschungen anstellen lassen. Dabei war zwar nicht der Täter, aber etwas viel Seltsameres entdeckt worden: Heurteloup, das unbekannte dreizehnte Dorf der Diözese, tief verborgen in Wald und Sümpfen, seit 1233 ohne jeden Kontakt zur Außenwelt.

Menschen ohne geistige Führung (und Kontrolle)? Das kann die Kirche nicht dulden! Haquin wollte Gui als „Missionar“ nach Heurteloup schicken. Dieser übernimmt den Auftrag und macht sich mit seinem Schüler Floris de Meung und dem Riesen Mardi-Gras auf in die feindliche Wildnis …

Derweil bringt Haquins Vikar Chuquet die Leiche seines ermordeten Herrn nach Paris. Er nutzt die Gelegenheit, um eigene Nachforschungen anzustellen. Haquin war ein Mann scheinbar ohne Vergangenheit, aber von großem Wissen, der keineswegs in ein Nest wie Domines gehörte. Tatsächlich kommt Chuquet in Paris eigentümlichen Vertuschungen auf die Spur. Offenbar war Haquin in eine alte Verschwörung des „Konvents von Armaggedon“ verwickelt, die mächtige Kirchenmänner aus ganz Europa einschließt und ihr Zentrum womöglich am Hofe des Papstes in Rom hat. Aus Chuquets Suche nach der Wahrheit wird bald eine wilde Flucht vor unsichtbaren, aber unerbittlichen Feinden …

In Rom bittet der Ritter Enguerran du Grand-Celier, Held diverser Kreuzzüge, im Papst- Palast, dem Lateran, Artemidore, den Kanzler Martins IV., demütig um das Leben seines Sohnes. Aymard hatte seinen Adelsstand ausgenutzt, um mit verderbten Freunden den „Orden der Frommen Brüder“ zu gründen. Dieser diente als Kulisse für einen Kreis blasphemischer Teufelsanbeter, die zudem hohe Stiftungsgeldsummen veruntreuten. Eigentlich müsste Aymard vor Gericht gestellt werden, aber sogar der Papst fürchtet den Skandal. So wird Aymard der geheimen Gemeinschaft von Albert le Grand überstellt und dort zu einem robotergleichen Gotteskrieger dressiert, der für den Konvent in Heurteloup diverse Drecksarbeiten erledigen soll …

Wüste Verschwörungen in ferner Vergangenheit, die ihren Weg niemals in die Geschichtsbücher gefunden haben, sind eindeutig „in“, wie der Blick auf die Bestsellerlisten zeigt. Das gilt besonders, wenn das geheimnisvolle Geschehen sich auf den Vatikan konzentriert: Die katholische Kirche, der älteste Konzern der Welt, ist nicht für seine Offenheit im Umgang mit der eigenen Geschichte bekannt. Dafür gibt es gute Gründe, haben sich doch die Päpste im angeblichen Namen des Herrn seit jeher diverser und recht monumentaler Verbrechen schuldig gemacht, die dann mehr schlecht als recht, aber unter Einsatz von Gewalt und Drohungen vertuscht werden sollten.

Wo man nichts Genaues weiß, lässt sich herrlich spekulieren. Zwei Jahrtausende Geschichte bieten mehr als genug Nischen dafür, zumal die Kirche immer noch Züge einer Geheimgesellschaft aufweist. Im Mittelalter war sie sogar eine reale politische Macht, die durchaus Interesse an der Weltherrschaft zeigte – selbstverständlich wiederum nur im Dienst der göttlichen Sache …

Im 13. Jahrhundert wogt der Kampf zwischen Kirche und Welt mächtig hin und her. Auch innerhalb der Kirche gibt es reichlich Ränke und Intrigen. Die zunehmende Verweltlichung, die Korruption lässt konservative Kleriker an der Kirche zweifeln. Immer wieder spalten sich Gruppen ab, die teils misstrauisch beobachtet, wie die Bettelorden, teils als „Ketzer“ verfolgt werden, wenn sie sich nicht Rom unterwerfen wollen. Ihre Zahl ist so groß geworden, dass der Stuhl des Papstes durchaus wackelt. Deshalb ist die „offizielle“ Kirche nervös und schlägt hart zu, wo sie ihre Privilegien in Gefahr sieht.

Eine verheißungsvolle Kulisse für einen historischen Roman; sie wird nicht zum ersten Mal genutzt. Weil ihm die Realität als Schablone nicht ausreichend erscheint, greift Autor Romain Sardou außerdem auf Elemente des Mystery- und Horrorthrillers zurück. „Akte X“ selig ist Kinderkram gegen die x-fach verwuselte Story vom Komplott um die Macht auf dem europäischen Kontinent.

Kinderkram ist leider auch die Lösung, die sich der Verfasser für seinen vielen Haupt- und Nebenplots einfallen ließ. Sie sollen an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden, aber eine Warnung sei gestattet: Die sorgfältig aufgebaute und kunstvoll geschürte Spannung fällt im Finale zusammen und wird sogar von Enttäuschung abgelöst. S o dämlich waren auch die Menschen des Mittelalters nicht, wie Sardou es ihnen hier unterstellt!

Nicht die Unwahrscheinlichkeit des Geschehens irritiert dabei – dies ist schließlich ein Unterhaltungsroman, kein Sachbuch. Es genügt, wenn die historischen Fakten nicht gar zu sehr vernachlässigt werden, was man dem Verfasser nicht vorwerfen kann: Er hat seine Geschichte geschickt in diverse Lücken platziert oder bedient sich interpretationsfähiger Episoden der Vergangenheit. Nein, es ist die schiere Unlogik, mit der sich der Handlungsknoten schürzen soll. Alle Stränge, die bisher weitgehend selbstständig liefen, sollen sich in Heurteloup treffen, doch das will einfach nicht klappen. Da verwundert es überhaupt nicht, dass am Ende ein gigantisches Gemetzel steht, das praktisch keine Hauptfigur mehr überleben lässt. Sardou fand wohl keine andere Möglichkeit mehr, seine Geschichte zum Abschluss zu bringen.

Bis sich die Ernüchterung einstellt, bietet „Das dreizehnte Dorf“ freilich die angestrebte Unterhaltung. Der nüchterne Stil, die kurzen Sätze fördern den Eindruck, eine reale historische Episode zu verfolgen. Die zeitgenössischen Impressionen aus Paris oder Rom fallen auffällig zurückhaltend aus; der Verfasser ergeht sich nicht in Details, sondern ordnet den Orte stets seiner Handlung unter, zeigt sogar die großen Städte der Vergangenheit aus der Sicht seiner gehetzten, an Wichtigeres denkenden Figuren.

Sucht man für „Das dreizehnte Dorf“ nach einer Schublade (oder einem Vorbild?), könnte man die Geschichte übrigens mit dem (ebenfalls französischen) Erfolg „Le pacte des loups“ (dt. „Der Pakt der Wölfe“) vergleichen; die winterkalte Stimmung, die Atmosphäre des Unheimlichen prägt vor allem den gleichnamigen Film.

Groß ist die Zahl der Figuren, die Sardou Abenteuer erleben lässt. Es verwirrt zunächst, dass sich diese höchstens zufällig über den Weg laufen, aber ansonsten isoliert agieren. Der ständige Wechsel der Schauplätze ist Stilmittel, er ist zudem wichtig, denn Aktion muss vor allem im zweiten und dritten Teil Tiefe und erzählerische Dimension ersetzen.

Im Zentrum des Geschehens stehen „gute“ und „böse“ Kirchenmänner. Die Fronten sind klar, sie wurden vor allem in der Gegenwart gesteckt: „Gut“ sind Männer wie Henno Gui oder Chuquet, die sich den alten Idealen der Kirche und den Menschen verpflichtet fühlen. Auf der Gegenseite stehen die Mitglieder des „Konvents“, die vor allem die Macht lieben und zu allen Schandtaten bereit sind, um der Sache der Kirche, wie sie diese interpretieren, und natürlich dem eigenen Vorteil zu dienen.

Leider fällt Sardou wenig Neues ein. Er zeichnet uns Pfaffenbilder, die wir schon kennen. Höchstens Chuquet macht einen Wandel durch, entwickelt sich vom kritiklosen Jasager zum Kämpfer für das Recht. Der Papst ist dieses Mal nicht der Böse, sondern eher der Dumme. Den Rest der Welt vermittelt uns der Verfasser als Spielball der Kirche. Dass dem in der Realität längst nicht so war und sich die Könige, Herzöge oder Grafen ihrer Haut schon zu wehren wussten, deutet er zwar an, negiert es freilich um der Story willen. Er müsste sonst beispielsweise auf den schwachsinnigen Einfall verzichten, sich den Konvent die Heerstraße nach Heurteloup quasi erkaufen zu lassen.

Die Bewohner des „dreizehnten Dorfes“ stellen nach dem Willen Sardous Ratten in einem Versuchslabor dar. Als solche mimen sie als moderne Wilde die üblichen Bewohner einer vergessenen Welt. Sie können niemals Profil gewinnen, bleiben exotische Statisten, deren Schicksal kalt lässt. Der Verfasser muss zu viele Bälle gleichzeitig jonglieren. Nur selten bleibt ihm die Zeit, konturstarke Protagonisten für sein Spiel zu schnitzen.

Er verzettelt sich gern, manchmal witzig (Bischof Haquin blättert im „Necronomicon“, dem fiktiven Buch des absoluten Bösen, das Phantastik-Klassiker H. P. Lovecraft erfand), dann verwirrend (Elfen treten als Gaststars auf), manchmal sogar ärgerlich (Irgendwo in Asien hat der „Konvent“ – wahrscheinlich durch Vermittlung Quentin Tarantinos – einen weisen Chinamann angeheuert, der die geheime Kunst der fernöstlichen Gehirnwäsche beherrscht). „Das dreizehnte Dorf“ ist ein wenig zu sichtbar auf den Effekt hin inszeniert.

Es bleibt ein historischer Roman, der mit Vorschusslorbeeren bedacht wurde (s. u.), die er so nicht verdient – ein interessanter Bucherstling, der stark beginnt, aber im wichtigen Schlussteil arge Schwächen an den Tag legt, lesenwert, aber auch enttäuschend: ein Retorten-Bestseller halt.

Romain Sardou (geb. 1974) trägt einen wahrlich großen Namen: Sein Vater ist der Chansonier Michel Sardou, was sicherlich recht praktisch war, als es darum ging, für das Manuskript von „Das dreizehnte Dorf“ einen Verlag zu finden und das fertige Werk zu vermarkten.

Für seinen Erstling konnte Sardou jr. auf einschlägige Erfahrungen im modernen Unterhaltungsgewerbe zurückgreifen. Er arbeitete in der (Kinder-)Filmindustrie von Hollywood, wo er offenkundig lernte, ein öffentlichkeitswirksames Garn zu spinnen. Der „Traum vom großen historischen Roman“ (so pompös der Klappentext) trieb ihn zurück nach Paris.

„Groß“ ist „Das dreizehnte Dorf“ tatsächlich geworden – zwar nicht ob seiner literarischen Qualitäten, aber als Produkt: Gleich in zwölf Ländern wurde es mit viel Mediendonner auf den Buchmarkt gebracht und entwickelte sich offenbar planmäßig zum Verkaufsschlager. Über weitere Sardou-Stücke („Le roman du temps“ ist Epos Nr. 2) werden wir sicherlich bereits im Vorfeld ausgiebig informiert …

Colin Forbes – Das Double

Das geschieht:

Im März 1943 gelingt es deutschen Widerstandskämpfern, Adolf Hitler, Diktator des „Dritten Reiches“, zu töten, als dieser von der russischen Kriegsfront in sein geheimes Hauptquartier, die „Wolfsschanze“, fliegt. Reichsleiter Martin Bormann, skrupelloser Drahtzieher im Schatten seines „Führers“, kann das Attentat, das dem Nazi-Regime ein Ende bereiten würde, geheim halten. Vor Jahren hat er bereits ein Hitler-Double ausgebildet. Der ehemalige Schauspieler Heinz Kuby beherrscht die Rolle seines Lebens perfekt. Nun soll er den Krieg als Marionette Bormanns fortsetzen. Aber Kuby hat nicht nur Hitlers Aussehen und Auftreten, sondern auch seinen Größenwahn übernommen. Bormann steckt in der Klemme, denn er kann auf Kuby nicht verzichten.

Die Alliierten planen einen gewagten Agenteneinsatz gegen das Reich. Ein sorgfältig präparierter ‚Überläufer‘ wird in die „Wolfsschanze“ eingeschleust: Ian Lindsay ist ein Neffe des Herzogs von Dunkeith. Hitler hat ihn vor dem Krieg persönlich kennen und schätzen gelernt. Lindsay soll dem „Führer“ ein geheimes Friedensangebot unterbreiten. Hitler, dem wegen der deutschen Schwierigkeiten an der Ostfront eine Ruhepause im Westen sehr gelegen käme, müsste eigentlich anbeißen, doch Hitler ist nun Kuby, der Lindsay nie getroffen hat … Colin Forbes – Das Double weiterlesen

Robert Harris – Pompeji

Im Jahre 79 n. Chr. steht der Vulkan Vesuv kurz vor einem Ausbruch. Warnungen werden ignoriert, Gegenmaßnahmen kommen zu spät; die antike Welt geht zumindest am Golf von Neapel unter … – Mischung aus Historien- und Katastrophenroman, in beiden Bereichen sorgfältig recherchiert, angenehm sachlich und doch stimmungsvoll geschrieben: keineswegs das von der Werbung behauptete Literaturereignis aber eine spannende, lesenswerte Geschichte.
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