Alle Beiträge von Michael Drewniok

Suzuki, Kôji – Ring

Tokio 1989: Der Journalist Asakawa Kazuyuki stolpert durch einen Zufall über die Story seines Lebens. Ein Taxifahrer erzählt ihm von einem jungen Mann, der vor seinen Augen wie vom Blitz getroffen starb. Dasselbe Schicksal hat jüngst eine Nichte Kazuyukis getroffen – sie fand ihr Ende sogar in genau dieser Nacht. Ebenso traf es zwei weitere Jugendliche. Sie alle fürchteten sich offenbar zu Tode, und sie alle kannten sich!

Klar, dass der Journalist anbeißt. Er ermittelt, dass sich das Quartett in der Woche vor seinem Abgang in einer Ferienhauskolonie an der Küste eingemietet hatte. Kazuyuki schaut sich um in der kleinen Hütte, kann aber nur ein unscheinbares Videoband entdecken, das er sich selbstverständlich sogleich anschaut. Der Inhalt: eine Folge wirrer, unzusammenhängender, aber beängstigender Sequenzen, gefolgt von der Warnung, der Zuschauer sei binnen einer Woche tot, wenn er nicht … Genau an dieser entscheidenden Stelle bricht besagtes Video ab.

Kazuyuki ist beeindruckt, zumal er deutlich zu spüren bekommt, dass die gerade vernommene Drohung keineswegs leer ist. In seiner Not sucht er die Hilfe seines alten Freundes Ryuji Takahama, der ein genialer Philosoph und Gelehrter ist, welcher in seiner Freizeit gern junge Frauen vergewaltigt. Auch dieser betrachtet das Video und sitzt nun mit im Boot. Eine Woche bleiben ihm und Kazuyuki sich zu retten. Letzterer gerät in Panik, als er entdecken muss, dass seine neugierige Gattin heimlich den Rekorder in Gang gesetzt hat und dabei die Baby-Tochter auf dem Schoß hielt … Der Fluch wird auch diese Beiden treffen, wenn Kazuyuki nicht vor Ablauf der Frist des Rätsels Lösung findet.

Die unbarmherzig tickende Uhr im Nacken kommen Kazuyuki und Takahama der unglaublichen Geschichte der Sadako Yamamura auf die Spur. Das Drama um die hellseherisch begabte, aber vom Unglück verfolgte Frau liegt schon Jahrzehnte zurück, aber was ihr geschah, rechtfertigt durchaus einen Hass auf die Menschheit, den selbst der Tod nicht beenden kann …

Es war einmal … ein eigentlich gutes Mädchen, das die Schlechtigkeit der Welt in eine böse Hexe verwandelte, die einfach unkaputtbar ist; weil sie sich in Japan nicht ausgelastet fühlt, wechselt sie inkognito manchmal in die USA, wo sie als „Blair Witch“ ihr Unwesen treibt – nun, dieser letzte Teil ist eine Hypothese eures Rezensenten, den der vergleichbare Medienrummel um beide Spuk-Heroinnen darauf brachte.

Denn auch der Rummel um die „Ring“-Romane und vor allem -Filme ist vor allem ein Produkt der Werbung und der Medien. Wie immer stürzen sie sich wie die Geier darauf, was leichte Beute zu sein scheint und viel, viel Geld einbringen könnte. In diesem Fall war es die in Japan zum Horror-Tipp heranwachsende Geschichte eines verwünschten Videobandes, das den Kern zum Untergang der Menschheit beinhalten könnte. Die „Ring“-Saga ist inzwischen (welches Unwort!) „Kult“ geworden – und zwar ein echter, kein künstlich lancierter – und bewegt sich weiter auf die Endstation „moderner Mythos“ zu. Ist er erreicht (womöglich ist dies längst geschehen), läuft die „Ring“-Welt (und das Geschäft) à la „Star Trek“ von allein.

Dabei fragt man sich, was den „Ring“ so besonders werden ließ. Objektiv betrachtet, lesen wir „nur“ einen gut geschriebenen Gruselroman. Der Schauplatz mag uns europäischen Lesern etwas fremd sein, aber die Geschichte ist es sicher nicht. Rächender Spuk, verwunschene Grabstätten, tödliche Flüche – das ist wahrlich wenig originell.

Aber es sind Elemente des Horrors, die immer funktionieren, wenn man sie nur zu mischen weiß. Das gelingt Verfasser Suzuki sicherlich. Er geht ganz einfach vor (was stets eine gute Idee ist) und legt „Ring“ über weite Strecken fast dokumentarisch an. Die Suche nach der Geschichte hinter dem Videoband füllt viele Seiten. Wir verfolgen eine simple Suche, die immer wieder in Sackgassen endet, hier und da ein Puzzlesteinchen zum anderen trägt, bis sich schließlich das Gesamtbild fügt. Solche Detektiv-Geschichten fesseln immer; sie sind sogar interessanter als das Ergebnis, das zwangsläufig enttäuschen muss: noch’n böser Geist, der einen Dreh gefunden hat, es seinen Peinigern heimzuzahlen. Wäre da nicht Suzukis Gag, dem eigentlichen Spuk einen apokalyptischen Beifahrer aufzusatteln, hätte der „Ring“-Mythos wohl kaum eine Chance gehabt sich zu entwickeln.

Offen muss bleiben, was denn Suzuki zum „japanischen Stephen King“ machen soll. Anscheinend reicht es heute bereits, einen handwerklich sauber gedrechselten Horrorroman vorzulegen, um mit diesem Ehrentitel versehen zu werden. Die „Qualität“ der meisten Geschichten dieses Genres legen diesen Verdacht jedenfalls nahe.

Jedenfalls schießen „Ring“-Websites wie Pilze aus dem Boden. Manche sind sogar gut und führen den verwirrten Anfänger in das Sadako-Universum ein. Unter den von mir besuchten erfüllte diese hier ihre Informationspflicht am besten: http://ringworld.somrux.com ist außerordentlich ausführlich und wunderbar gestaltet. Hier kann man sich wirklich verlieren – und weiß anschließend auch noch mehr! So gab es in Japan wie in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen regelrechten Siegeszug des Okkultismus. Suzuki hat sich für seinen „Ring“ reichlich aus dieser Geschichte bedient, was ihre Stimmigkeit sicherlich unterstützt hat. Sogar für Sadako Yamamura gibt es eine historische Vorlage. Und wer glaubt, dass es ungebräuchlich ist, sich in einen Vulkan zu stürzen, darf sich wundern: Mehr als 300 Personen haben sich im Laufe der Zeit in den Krater des Mihara geworfen.

Japaner sind anders … Diese drei Worte bilden eventuell den Schlüssel zu einer Kritik, die man im Zusammenhang mit dem „Ring“-Roman immer wieder finden kann: Alle Beteiligten des Spektakels seien im Grunde ziemlich unsympathisch. Das trifft nicht nur auf den Feierabend-Frauenschänder Takahama zu (D i e s e s Detail ließ Hollywood bei der US-„Ring“-Verfilmung von 2002 besonders schleunigst unter den Tisch fallen), sondern fast noch mehr auf Asakawa Kazuyuki. Nicht nur, dass er seinen kriminellen Freund deckt – er ist auch sonst ein seltsamer Zeitgenosse. Seine Familie liebe er über alle Maßen, behauptet er mehr als einmal. Trotzdem ist er so gut wie niemals zu Hause bei Weib und Kind, selbst wenn er nicht von Dämonen gejagt wird. Niemand scheint dies für ungewöhnlich zu halten; besagtes Weib übrigens auch nicht. Die Arbeit geht halt vor im Land der aufgehenden Sonne!

Die liebe Gattin hinterlässt ohnehin – es sei an dieser Stelle politisch unkorrekt ausgesprochen – einen ziemlich trantütigen Eindruck. Dass Kazuyuki so um ihr Schicksal besorgt ist, kann man ihm kaum nachfühlen. Seinen Kumpel Takahama scheint er jedenfalls öfter (und lieber) zu sehen als die eigene Ehefrau.

Sehr gut hat Suzuki begriffen, dass er mit seinem Gespenst geizen muss. Sadako Yamamura greift niemals direkt in die Handlung ein. Wir erfahren nur Bruchstücke über ihr Leben, die uns aus den Mündern Dritter erreichen – ein kluger Kunstgriff, denn nichts ernüchtert in einer Horrorgeschichte normalerweise stärker als der Auftritt des Monsters, das unter Umständen auch noch langatmig seine Beweggründe erörtert. Sadako bleibt mysteriös, tragisch – und bösartig.

Erstaunen erregt beim westlichen Leser auch die noch heute offensichtlich ausgeprägte japanische Affinität zur Welt der Geister. Mr. King hätte viele hundert Seiten mit Text füllen müssen, bis seine aufgeklärten Landsleute begriffen und akzeptiert hätten, dass es irgendwo spukt. Kazuyuki und seine Gefährten, Kinder des aufgeklärten 20. Jahrhunderts, wissen sofort, dass es umgeht, und stellen sich darauf ein. Das irritiert bei der Lektüre, aber es drückt natürlich aufs Tempo – „Ring“ ist ein Roman ohne Langatmigkeit.

Wer ist Suzuki Kôji? Das hätte bis 1991 wohl auch in Japan kaum jemand beantworten können. Der 1957 geborene Schriftsteller rackerte da noch redlich um Lohn, Brot und Ruhm; für die ersten beiden musste für einige Jahre seine Ehefrau, eine Lehrerin, sorgen, was in einem Land, das Hausmänner kaum kennt, kein einfaches Los für Suzuki war.

Als Absolvent der Keio University in Tokio hatte er bereits 1990 einen „Fantasy Novel Award“ für seinen Roman „Rakuen“ gewonnen, aber erst „Ring“ gab seiner dahindümpelnden Karriere den ersehnten Schub. Aus dem Geheimtipp wurde Gruselvolkes Eigentum, als Regisseur Hideo Nakata 1998 den Roman verfilmte. Trotz vieler Veränderungen wurde „Ring“ zum internationalen Erfolg. (1995 gab es übrigens schon eine Fernsehfassung.)

Die „Ring“-Saga von Kôji Suzuki

Ring (1991, dt. „The Ring“)
Rasen (1995. dt. „Spiral – The Ring II“, Heyne TB Nr. 01/13918)
Loop (1998)
The Birthday (1999; Sammlung dreier Kurzgeschichten)

Oakes, Terry – Menschen gegen Monster. Der Kampf um unseren Planeten

Der Weg des urzeitlichen Menschen über die Erde wird in diesem Sachbuch nachgezeichnet. Ganze Kontinente galt es zu betreten, zu erforschen, zu besiedeln. Immer trafen die Neuankömmlinge dabei auf tierische Ureinwohner, die zwar nicht besonders schlau, aber entweder schmackhaft oder wenig erfreut über konkurrierende Nachbarn waren. Auf jeden Fall waren sie groß und mit scharfen Zähnen oder Klauen ausgestattet, was der Geschichte des Homo Sapiens ihre ganz eigene Prägung verlieh. „Menschen gegen Monster“ folgt der komplexen Evolution unserer Vorfahren, die einher geht mit ihrem Siegeszug über den Planeten Erde. Die Kapiteln zeichnen den zeitlichen Ablauf nach.

Kapitel 1: Der Mensch ist nach Ansicht der modernen Forschung in Afrika „entstanden“. Sechs Millionen Jahre ist es her, dass dort durch dichten Urwald ein kleines Tier sprang, aus dem sich später Affen und Menschen entwickelten. Bis es soweit war, mussten beide der heimischen Großfauna ihren Tribut zollen. Nach Ansicht der Forschung war es vor allem die Angst, die unsere Vorfahren über Äonen vor ihren überlegenen (und hungrigen) Gegnern ausstanden, welche einerseits das Hirn zwecks Gegenwehr wachsen ließ, während sich andererseits die Erinnerung an die Schmach, ständig gejagt und gefressen zu werden, genau dort einprägte. Deshalb „wissen“ wir instinktiv noch heute, dass um einen Löwen lieber einen Bogen zu schlagen ist, während sich dieser daran „erinnert“, dass sich die leckere Beute von einst erst zu einer Landplage und dann zu einer ernsten Gefahr entwickelt hat. Ähnlich „denkt“ der Elefant, der (angeblich) nicht vergessen kann, dass sich der zweibeinige Nachbar irgendwann Waffen ausdachte, die es möglich machten, ein viel größeres und stärkeres Tier in einen leckeren Braten zu verwandeln …

Kapitel 2: Vor 60.000 Jahren war es dann soweit: Der Mensch verfügte über das (geistige) Rüstzeug und die Entschlossenheit, über den afrikanischen Tellerrand zu schauen. Wie es aussieht, war es Australien, das man zuerst ansteuerte; Europa lag zwar näher, wurde aber gerade wieder einmal von Eiszeit-Gletschern blockiert. Die Vorfahren der heutigen Aborigines stellten ihre Intelligenz und Entschlossenheit deutlich unter Beweis, denn Australien war damals wie heute ein Inselkontinent, der sich nur per Boot erreichen ließ. Sie erreichten eine Welt, die an einen fernen Planeten erinnerte, denn sie wurden u. a. erwartet von straußengroßen Enten und gelenkbuslangen Waranechsen …

Kapitel 3: Vor 35.000 Jahren war es dann soweit – das Eis über Europa zog sich zwar nicht zurück, aber es konnte den Menschen nicht mehr stoppen. Köpfchen und Kleidung zeichneten Siedler aus, der ganz sicher keine grunzenden Höhlenbewohner waren. Das war nur gut so, da man in der neuen Welt viele unerfreuliche alte Bekannte fand: Vor dem Menschen hatte die afrikanische Großtierwelt Europa als Lebensraum entdeckt. Löwen, Hyänen, Bären, Elefanten, Nashörner – sie waren alle schon da, nur dass sie in der Kälte an Größe, Haaren und Selbstbewusstsein noch zugelegt hatten …

Kapitel 4: Vor 13.000 Jahren ging der Mensch daran, den riesigen amerikanischen Doppelkontinent unter die Lupe zu nehmen. Die größte Landnahme, seit er Afrika verlassen hatte, fand unendlich lange vor Kolumbus statt. Die Monster warteten auch hier schon, aber inzwischen hatte ihr zweibeiniger Kontrahent längst gelernt, solche Kämpfe für sich zu entscheiden; selbst elefantengroße Faultiere und andere bizarre Ungetüme wurden jetzt über kurz oder lang ausgerottet.

Kapitel 5: Blieben noch die letzten weißen Flecken. Die Polynesier übernahmen es, sich den Rest der Erde untertan zu machen. Großinseln wie Madagaskar, Neuseeland oder Hawaii wurden vergleichsweise spät, d. h. manchmal erst vor wenigen Jahrhunderten besiedelt. Da blieb den Menschen wenig Zeit, die vor Ort gefundenen Monster auszurotten. Aber sie hatten sich weit entfernt von den ängstlichen Duckmäusern aus Ur- Afrika, so dass sie die letzten faszinierenden Großtiere der Eiszeit gerade noch umbringen konnten, bevor sich der Naturschutzgedanke manifestierte …

Ein abschließendes Kapitel versucht auszuwerten, was uns im Schnelldurchlauf vorgestellt wurde: Hat die (eiszeitliche) Welt den Menschen oder hat der Mensch die Welt geprägt? Der kaum überraschende Schluss bejaht beides, nur dass sich das Schwergewicht stetig verschob. Je weiter wir uns der Gegenwart nähern, desto souveräner wusste der Mensch seine Position zu behaupten. Aus der Beute wurde im Laufe von Äonen der Nachbar und schließlich der Herr – ein unduldsamer Herr, der seine Ressourcen allzu oft unbedacht vernichtete, statt sie einzuteilen. Der Kampf „Menschen gegen Monster“ ging daher ausnahmslos mit dem „Sieg“ der Zweibeiner zu Ende. Bis es so weit war, musste freilich viel blutiges Lehrgeld gezahlt werden. Das schärfte den Intellekt, so dass wir Menschen den „Monstern“ viel zu danken haben: Ohne sie wären wir wohl nicht sehr weit gekommen, sondern würden womöglich weiterhin in einem warmen Land von Ast zu Ast springen …

Der Weg des Menschen über die Erde, bevor sie ihm „gehörte“, die einzelnen Stationen fassbar gemacht mit Hilfe der ursprünglichen Bewohner, die ihm das Leben schwer machten, es aber gleichzeitig erst möglich machten: „Menschen gegen Monster“ ist trotzdem ein „Locktitel“, erdacht anscheinend aus dem Gedanken heraus, dass man Naturwissenschaft heutzutage „spannend“ verkaufen muss, um ihr ein nach ständigen Sensationen gierendes Publikum zu gewinnen.

Glücklicherweise ist dies wohl der einzige billige Trick, denn im Buchinneren geht es wesentlich sachlicher zu. Schon im Vorwort relativiert der Verfasser die Bezeichnung „Monster“: Er definiert diese primär als Ausdruck einer Emotion, die unsere Vorfahren empfanden, die sich oftmals hilflos den Löwen, Säbelzahntigern und anderen Raubtieren ausgeliefert sahen. Gleichzeitig waren da die Mammuts, Auerochsen und andere schmackhafte Kreaturen, die sich einfach nicht kampflos in den Kopftopf werfen lassen wollten und erst durch wahre Knochenarbeit dorthin zu zwingen waren.

Vielleicht spricht man deshalb besser von „Großtieren“, die indes auch nicht ständig im Zentrum der Darstellung stehen. Tatsächlich versucht das Autorenteam, seine Leser kurz und knapp mit dem faszinierenden Phänomen der Erdbesiedlung vertraut zu machen. Die stellt sich aber nicht als ständiger Krieg gegen geifernde Ungeheuer dar. Statt dessen lernen wir, den Menschen als zunehmend klügeren und vor allem hartnäckigen Zeitgenossen kennen, der sich seine Nische erst sucht und später erobert.

„Menschen gegen Monster“ stellt uns dabei die erstaunliche Bandbreite der Ausgangssituationen vor. Afrika, Australien, Europa, Nord- und Südamerika, die pazifische Inselwelt: Stets mussten eigene Strategien entwickelt werden. Die unglaubliche Herausforderung weiß dieses Buch deutlich zu machen, indem es die unterschiedlichen Welten vorstellt. Die eigentlichen „Monster“ entpuppen sich dabei als extreme Kälte oder Hitze, scheinbar unüberwindliche Bergketten oder Wasserflächen und selbstverständlich zwischenmenschliche Konflikte, die unsere Spezies begleiten, seit es sie gibt.

„Monster“ sehen wir deshalb vergleichsweise selten. Da es sie nicht mehr bzw. nur noch als klägliche Knochenhaufen gibt, wurden sie mit Hilfe modernster Technik digital neu erschaffen. Dabei bediente man sich der aktuellen Erkenntnisse der Wissenschaft. Gemeint ist damit ein Zusammenspiel unterschiedlicher Fachrichtungen. Geologen, Klimatologen, Biologen, Archäologen … Das Spektrum ist enorm, die daraus resultierende Arbeit gewaltig. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Zusammenführung des vorhandenen Wissens summiert sich zu einem bemerkenswerten Gesamtbild.

Die darzustellende Zeitspanne ist gewaltig, die Materie komplex. Das führt zu Vereinfachungen, die den Fachmann sicherlich mehrfach die Stirn runzeln lassen. Aber auch der Laie merkt, dass ihm (oder ihr) manchmal Informationen fehlen. „Menschen gegen Monster“ ist vor allem eine Einführung, ein erster Überblick. Allzu simpel und oft sprunghaft rasen die Autoren durch die Zeit. Hier macht sich zudem bemerkbar, dass „Menschen gegen Monster“ das „Nebenprodukt“ einer Fernsehserie ist. Dieses Medium gibt seine Informationen durch Bild und Ton weiter und kann dabei „Tempo machen“, ohne den Zuschauer zu überfordern. Das Buch fordert mehr eigene Denkarbeit. Dies macht mehr Input und eine andere Art der Wissensvermittlung erforderlich. Hier ist „Menschen gegen Monster“ irgendwo auf halber Strecke stecken geblieben.

Gut aufgewogen wird dieses Manko durch das fabelhafte Abbildungsmaterial. Gestochen scharfe, oft großformatige Farbfotos und sehr anschauliche Karten fesseln das Auge. Viel wurde dabei verständlicherweise aus den TV-Filmen übernommen. Das betrifft vor allem die aufwändigen Digitalbilder längst ausgestorbener Kreaturen. Von Kostenersparnis und „Serienproduktion“ kündet im Amerika-Kapitel auch die 1:1-Übernahme von Bildern aus dem BBC-Band „Wildes Amerika“.

„Menschen gegen Monster“ ist ein Gemeinschaftswerk von Terry Oakes, Amanda Kear, Annie Bates und Kathryn Holmes, ihres Zeichens Naturwissenschaftler bzw. Journalisten, die der Vermittlung von Wissen den Vorzug vor der Forschung gegeben haben. Das ist eine wichtige und auch schwierige Aufgabe: Sie schaffen eine Schnittstelle zwischen der Forschung und dem durchaus interessierten, aber oftmals überforderten Laien. Die vier Autoren – auch verantwortlich für die TV-Miniserie – leisten gute Arbeit, für die sie sich nicht selbst auf die Schulter klopfen, sondern die Urheber der vorgestellten Thesen und Erkenntnisse nennen. „Menschen gegen Monster“ – dies sei hier abschließend noch einmal in Erinnerung gerufen – ist trotz des reißerischen Titels und des leichten Tons ein Schnappschuss der aktuellen Forschung in ihren vielen unterschiedlichen Zweigen, deren Ergebnisse an dieser Stelle zusammengefasst und allgemein verständlich aufbereitet werden.

James, P. D. / Critchley, T. A. – Morde am Ratcliffe Highway, Die

London ist im Jahre 1811 bereits eine Millionenstadt. Doch die Mehrheit der Bürger lebt im Kerngebiet. Die Außenbezirke bilden einen Flickenteppiche kleiner, oft noch gar nicht eingemeindeter Ortschaften mit eigenen Verwaltungen. Eifersüchtig wachen Aufseher, Verwalter und Kirchenvorsteher über ihre aus dem Mittelalter stammenden Privilegien. Zu einer Zusammenarbeit mit dem Nachbarn sind sie nicht bereit. Das nutzen Kriminelle, die ihre Übeltaten in der einen Gemeinde begehen und sich in einer anderen verstecken. Ihre Verfolger sind machtlos; ihre ohnehin kargen Befugnisse enden an den Ortsgrenzen. Die Polizei ist schlecht ausgebildet, unterbezahlt, in der Minderzahl. Von den Bürgern wird ihnen Misstrauen entgegengebracht, denn Korruption ist an der Tagesordnung.

St.-George’s-in-the-East wird sich später in das East End von London verwandeln. 1811 ist es ein kleiner Flecken an der Themse, gelegen am Ratcliffe Highway, einer der Ausfallstraßen von London. Strategisch günstig gelegen, hat hier der junge Herrenausstatter Timothy Marr einen Laden eröffnet und eine Familie gegründet. Es geht aufwärts, die Marrs sind gut angesehen. Doch eines Dezembermorgens findet man Vater, Mutter, Baby und den Ladenjungen ermordet: Mit einem Messer hat man bestialisch abgeschlachtet, mit einem schweren Zimmermannshammer buchstäblich zu Brei geschlagen.

Unerkannt ist der Täter entkommen – oder sind es deren mehrere? Die Ermittlungen laufen sofort an, doch sie werden durch die eingangs geschilderten Probleme behindert. Viele Verdächtige werden verhört und eingesperrt, doch alle können ihre Unschuld nachweisen. So droht die Einstellung des Falls, als keine zwei Wochen nach der Untat im benachbarten St. Paul’s ein zweites Verbrechen nach dem bekannten Muster verübt wird. Dieses Mal fallen ihm ein Schankwirt-Ehepaar und ihr Dienstmädchen auf brutalste Weise zum Opfer. Die Bürgerschaft verwandelt sich in einen erst panischen, dann wütenden Pöbel, die Obrigkeit muss reagieren. Sie wählt den einfachsten Weg und sucht fieberhaft nach einem Sündenbock. Wer sich nicht gegen solche Ränke wehren kann, dessen Schicksal ist praktisch bereits besiegelt. Es trifft einen unglücklichen Seemann, und Justizias Mühlen laufen an – langsam und unerbittlich …

Die Morde am Ratcliffe Highway sind ein Bestandteil der englischen Kriminalgeschichte. In der übrigen Welt wurden sie niemals so bekannt; hier hat sich knapp acht Jahrzehnte später ein weiterer Serienmörder mit dem Künstlernamen „Jack the Ripper“ als wesentlich medientauglicher erwiesen …

Dass hinter den Ereignissen von 1811 eine ähnlich bemerkenswerte und erinnerungswürdige Geschichte steckt, belegen Phyllis Dorothy James und T. A. Critchley in ihrem 1971 zum ersten Mal erschienenen (und seither mehrfach überarbeiteten und aktualisierten) „True Crime“-Sachbuch. Sie ist eine zu Recht mit Anerkennung überhäufte Lichtgestalt des angelsächsischen Kriminalromans, er war ein Historiker, der sich auf englische Justizgeschichte spezialisiert hatte. Talent und Wissen gingen eine selten gelungene Verbindung ein: „Die Morde am Ratcliffe Highway“ ist ein fabelhaftes Sachbuch.

Vermieden werden die Sünden, die eine Lektüre von „True Crime“-Bücher oft zur Qual werden lassen. Recherche soll und muss in diesem Genre häufig schriftstellerisches Geschick ersetzen. Die Autoren setzen voraus, dass die Wucht der Fakten und ihr Mitteilungsbedürfnis den beklagenswerten Dilettantismus in der Umsetzung aufwerten. Gern wird als stilistisches Mittel die wörtliche Rede gewählt, werden die ausgegrabenen Verbrechen in der Gegenwartsform erzählt, als ob der Verfasser anwesend gewesen sei. Dem Hörensagen wird so Tür und Tor geöffnet.

Solche faulen Tricks haben James und Critchley nicht nötig. Sie berichten, was 1811 geschehen ist. Die vorhandenen Quellen haben sie einer sorgfältigen Überprüfung unterworfen und in eine chronologische Reihenfolge gebracht. So arbeiten Kriminalisten, aber eben auch Historiker. Das sichtlich vorhandene Wissen über den Umgang mit Fakten gestattet eine Gewichtung derselben in ihrem zeitgenössischen Umfeld. Man glaube nicht, dass die Welt von 1811 mit der von Heute gleichgesetzt werden darf. James und Critchley wissen das; sie beschränken sich daher nicht auf die Morde mit ihren schön-schaurigen Details, sondern beziehen das politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Umfeld mit ein.

Dies löst beim „normalen“ Leser angeblich Fluchtinstinkte aus. Dem kann man zustimmen, wenn Zeilenschinder am Werk sind. James und Critchley lassen dagegen eine versunkene Welt wiederaufstehen. Ohne sich in Faktenhuberei zu verlieren, zeichnen sie diese mit kühnem Strich. Vergangenheit ist kein Synonym für Nostalgie; in St.-George’s-in-the-East, St. Paul’s oder London haben 1811 Menschen gelebt – Menschen, denen ihre Gegenwart völlig normal erschien, keine lebenden Museumsstücke. Ihr Denken und Tun, das uns heute so fremd erscheint, lässt sich erklären, wenn man die Schlüssel kennt.

James und Critchley haben sich Mühe gegeben. Lange haben sie in Archiven und Bibliotheken gesucht und gegraben. Dabei fiel ihnen viel und vor allem oft unbekanntes Material in die Hände. Auch das ist eine erstaunliche Tatsache: Die Welt von 1811 war keine primitive, von Schmutz, Grausamkeit, Krankheit und Ungerechtigkeit dominierte Hölle. Diese Aspekte waren tatsächlich gegenwärtig (nicht umsonst wurde der durch Selbstmord in der Zelle geendete Williams auf einem offenen Karren durch die Stadt gefahren, der Leiche ein Pflock durchs schwarze Herz gerammt und die unter einer Straßenkreuzung verscharrt), die Menschen gefangen in den Denkschemata ihrer Epoche, aber nicht dümmer als ihre Nachfahren. Es wurde bereits registriert und analysiert. So konnten James und Critchley auf eine Fülle zeitgenössischer Berichte zurückgreifen. Wer sie einst niederschrieb, war um Objektivität bemüht, ohne sie freilich zu erreichen. Die Interpretation während der Niederschrift von den nackten Tatsachen zu trennen, ist ebenfalls die Aufgabe des Historikers. James und Critchley bleiben dabei bemerkenswert erfolgreich.

So ist es auch mit ihrem Versuch, die wahren Hintergründe der Verbrechen zu rekonstruieren. Der Pechvogel John Williams war wahrscheinlich nicht der Täter. Wie und wer es statt dessen gewesen sein könnte, bleibt natürlich Theorie. Daraus machen James und Critchley auch keinen Hehl, aber sie türmen akribisch Steinchen auf Steinchen und enthüllen eine Geschichte, die sich ereignet haben könnte.

Auch dabei verwandeln die Verfasser eine eigentlich trockene Materie – die Darstellung juristischer Vorgänge – in einen Kriminalroman, ohne dabei die Fakten zu vernachlässigen. Wer glaubt, dies sei nicht möglich, wird sich gern eines Besseren belehren lassen. Leider sind wir durch eine Flut minderwertiger Blut-und-Gewalt-Schwelger – im „True Crime“-Genre steckt Geld, denn die Sucht des Menschen, aus sicherer Entfernung am Unglück des Nachbarn teilzuhaben, ist eine sichere Bank – viel plakativen Sachbuchmüll gewohnt. Da ist es eine besondere Freude erleben zu dürfen, dass es auch anders geht.

Wenige, aber gut ausgewählte zeitgenössische Abbildungen ergänzen den Text, der zu den längst überfälligen Veröffentlichungen hier in Deutschland gehört, wo ebenfalls dem „Wahren Verbrechen“ in den Buchläden so mancher Regalmeter gewidmet (und verschwendet) wird.

Der Originaltitel bezieht sich übrigens auf zwei zentrale Elemente des „Ratcliffe Highway“-Falls. Der „Maul“ ist der schaurige Zimmermannshammer, mit dem den Marrs der Geraus gemacht wurde, das „Pear Tree“ jenes Gasthaus, in dem der angebliche Mörder gehaust haben soll.

Phyllis Dorothy James wurde 1920 in Oxford geboren. 1941 wurde sie die Gattin des Militärarztes Connor Bantry White. Dieser gehörte zu den vielen Teilnehmern des II. Weltkriegs, die zwar lebendig, aber seelisch gebrochen zurückkehrten. Bis zu seinem Tod im Jahre 1964 musste er immer wieder psychatrisch behandelt werden. Da White praktisch arbeitsunfähig war, musste Phyllis die Ernährung der inzwischen vierköpfigen Familie übernehmen. Sie nahm eine Stelle in der Krankenhausverwaltung an. Später ging sie zum britischen Innenministerium.

Ab 1962 schrieb P. D. James Kriminalgeschichten. Sie schuf die Figur des Commanders Adam Dalgliesh, der es seit seinem seinen ersten Auftritt in „Cover Her Face“ (1962, dt. „Ein Spiel zuviel“) zu einem der bekanntesten Ermittler der angelsächsischen Kriminalliteratur gebracht hat. Von Anfang an recht erfolgreich, kam der echte Durchbruch 1977 mit „Death of an Expert Witness“ (dt. „Tod eines Sachverständigen“). Zwei Jahre später konnte James ihre Arbeit für das Ministerium aufgeben und sich auf die Schriftstellerei konzentrieren.

P. D. James ist eine Vertreterin der klassischen Schule ihres Genres. Plakative Gewalt und Action-Spektakel wird man bei ihr vergeblich suchen. Statt dessen stehen (manchmal sogar allzu) ausgefeilte Milieu- und Charakterstudien im Vordergrund. Auch „Die Morde am Ratcliffe Highway“ verdanken dem die Intensität der Darstellung.

Solche vornehme Zurückhaltung bei gleichzeitigem Talent konnte auf Dauer nicht unbelohnt bleiben; das Establishment schätzt Romane „mit Anspruch“. 1991 wurde P. D. James zur „Baroness James of Holland Park“ geadelt. 1999 veröffentlichte sie ihre als Tagebuch gestaltete Autobiografie, ohne darüber das Schreiben neuer Thriller aufzugeben, die bis heute mit großem Erfolg erscheinen, obwohl die Verfasserin ihren schriftstellerischen Zenit inzwischen überschritten hat.

T. A Critchley (1910-1991) war Spezialist für Angelegenheiten der Polizeiverwaltung und als solcher ein Arbeitskollege James‘ im Innenministerium. Er betätigte sich außerdem als Historiker; aus seiner Feder floss eine voluminöse Geschichte der Polizei von England und Wales (1978). Seine Kenntnisse der Materie und im Umgang mit historischen Dokumenten ergänzten sich vorzüglich mit James‘ Fähigkeit, eine logische und spannende Geschichte aus den Fakten zu destillieren.

Jerome, Jerome K. – Drei Männer im Boot … ganz zu schweigen vom Hund

_Das geschieht:_

Sommer im London der späten 1880er Jahre … Harris, George und Jerome, drei junge Männer, geben sich gelangweilt ihren hypochondrischen Neigungen hin. Bald kommen sie zu dem Schluss, dass ihnen ein Urlaub gut täte. Doch Geld und Zeit sind knapp; höchstens 14 Tage könnte man sich der verhassten Arbeit fernhalten. Nach ausgiebigen Beratungen entscheidet man sich deshalb für eine Bootsfahrt die Themse hinauf.

Die junge Elite des viktorianischen Britanniens bildet sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts viel auf ihren Abenteuer- und Sportsgeist ein. Unser Trio ist da keine Ausnahme. Tatsächlich sind weder Harris, George oder Jerome der rauen Realität eines Sommerurlaubs in England gewachsen. Der rauflustige Foxterrier Montmorency ist da schon aus anderem Holz geschnitzt. Er setzt sein Talent freilich bevorzugt ein, seinen Herren allerlei Scherereien zu machen.

Da muss er sich jedoch anstrengen, denn Harris, George und Jerome schaffen es selbst, sich ständig in peinliche Situationen zu bringen. Sie fahren in die Irre, kentern häufig, fallen über Bord, geraten mit schrulligen Uferbewohnern aneinander, streiten und vertragen sich – und erleben die Ferien ihres Lebens, denn ihre Fahrt geht durch eine traumhaft schöne Flusslandschaft, entlang an uralten Städtchen, lauschigen Winkeln und gemütlichen Gasthäusern, die anzusteuern besonders Harris stets am Herzen liegt …

_Der Weg ist das Ziel_

Ein Roman ohne echte Handlung, ein Bestseller, den die Leser einfach lieben, ohne dazu von der Werbung gezwungen zu werden: „Drei Männer im Boot“ ist eines jener Bücher, die exakt den rechten Ton zur rechten Zeit trafen und sich auf diese Weise ihren Klassikerstatus sicherten. Autor Jerome hat später noch viele mindestens ebenso lesenswerte und lustige Werke verfasst, ohne seinen Erfolg von 1889 auch nur annähernd zu erreichen.

Die Ausgangsidee ist ebenso einfach wie genial. Drei Männer begeben sich auf eine Bootsfahrt, ohne eine echte Ahnung davon zu haben, worauf sie sich da einlassen. Die Kulisse – der Fluss Themse und seine Ufer – ist überschaubar, und auf 250 Seiten dekliniert Jerome die möglichen Zwischenfälle durch. Deren Unterhaltungswert hält sich theoretisch in Grenzen: Was ist an ständigem Kentern oder Verirren schon komisch? Hier setzt Jerome deshalb ganz auf den berühmten britischen Humor, der schwarz und knochentrocken ist und deshalb kein Verfallsdatum besitzt. Die deutsche Übersetzung weiß ihn glücklicherweise zu bewahren, obwohl „Three Men in a Boot“ trotzdem zu jenen Büchern gehört, deren Lektüre im Original angeraten wird.

|Bekannte Orte, liebevoll verfremdet|

Eines der schönsten Merkmale dieses britischen Humors ist die Tatsache, dass er den Witz anders als die |Brou-har-har|-Klamottenkomiker, die im Auftrag des deutschen Privatfernsehens ihr Publikum foltern, nicht herbei zwingt, sondern ihm quasi den Rücken kehrt. Mit beinahe dokumentarischer Sachlichkeit werden die Erlebnisse unseres Trios (bzw. Quartetts, denn Hund Montmorency ist ein vollwertiges Besatzungsmitglied) geschildert. Der Clou ist dabei, dass man Jeromes Beschreibungen liest und sehr genau weiß, dass er hemmungslos übertreibt oder die ‚Wahrheit‘ verzerrt. Je ernsthafter George, Harris und Jerome ihren Urlaub angehen, desto lächerlicher machen sie sich.

Zu Ruhm und Zeitlosigkeit von „Drei Männer im Boot“ tragen nicht in geringem Maße Jeromes kundigen Beschreibungen von Land und Leuten an der Themse bei. Ihm fällt zu jedem Ort eine schnurrige historische Anekdote ein, die der offiziellen Geschichtsschreibung ganz neue Seiten abgewinnt. Gleichzeitig fasziniert die Darstellung einer längst vergangenen Welt, in der es völlig selbstverständlich war, dass Menschen jeglichen Alters die Themse hinauf- und hinab schipperten, um sich dabei zu erholen. Das tun sie heute auch noch, aber die Methoden und Sitten haben sich sichtlich geändert.

|Drei Jedermänner machen Urlaub|

Neben der wunderbaren Beschreibung einer Themsefahrt ist es die bemerkenswerte Figurenzeichnung, die Autor Jerome seinen drei Protagonisten angedeihen lässt. Harris, George und Jerome repräsentieren eine untergegangene Epoche, aber sie tun dies so liebenswert, dass man sich wünscht, im viktorianischen England zu leben (und dessen weniger angenehme Seiten fast vergisst …)

Sicherlich der Hauptgrund für diese lebendigen Charaktere ist die Tatsache, dass es unser Trio tatsächlich gegeben hat. Carl Hentschel (Harris) (1864-1930), George Wingrave (George) (1862-1941) und Jerome K. Jerome (1859-1927) waren alte Freunde, die eine Menge zusammen erlebten. (Eine Themse-Fahrt unternahmen sie allerdings nie.) Jerome, der Schriftsteller, ließ sie und sich unsterblich werden.

Sie sind liebenswerte Musterbilder und gleichzeitig Karikaturen des unerschütterlichen Briten mit „steifer Oberlippe“. Über den Großteil der Welt herrschen sie und finden das völlig in Ordnung. Trotzdem klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine gewisse Lücke. Unsere drei Bootsfahrer sind hauptsächlich in ihren Träumen jene unerschrockenen, abgehärteten Abenteurer, als die sie selbst so gern in sich sehen. Wenn Jerome sie nun bereits in der Sommerfrische der heimatlichen Themse kläglich scheitern lässt, so war und ist der daraus entstehende Unterhaltungseffekt so beträchtlich, dass „Drei Männer im Boot“ auch in Deutschland seit Jahrzehnten immer wieder aufgelegt wird.

|Autor|

Jerome Klapka Jerome wurde in Walsall, Staffordshire, am 2. Mai 1859, als jüngstes von vier Kindern in eine solide Mittelstands-Familie geboren. Das kleine Glück endete bereits 1861, als der Vater, der in Kohle und Eisen spekulierte, geschäftlichen Schiffbruch erlitt. Am Rande der Armut lebten die Jeromes zunächst in Stourbridge, bevor sie nach Poplar, einem wenig heimeligen Viertel im East End von London, zogen.

Im Alter von 14 verließ Jerome die Schule. Er arbeitete als Angestellter, Journalist, Schauspieler oder Schulmeister. Nebenbei versuchte er sich als Schriftsteller. Sein erstes Werk „On the Stage and Off“ erschien 1885 und erregte wie die ihm folgenden Schauspiele, Bücher und Magazinartikel nur mäßiges Aufsehen. Das änderte sich nachhaltig, nachdem Jerome 1889 „Three Man in a Boat“ veröffentlichte.

Er blieb ein fleißiger Schreiber, Kolumnist und Zeitschriften-Herausgeber, dem es allerdings nie wieder gelang, auch nur annähernd dem Erfolg seines berühmtesten Werkes nahe zu kommen. Selbstverständlich kehrten Harris, George und Jerome zurück; schon im 19. Jahrhundert wurde ein ohnehin rarer Erfolg gern fortgesetzt. „Three Men on the Bummel“ (in den USA: „Three Men on Wheels“) beschreibt eine wahrlich zwerchfellerschütternde Radtour durch das wilhelminische Deutschland des Jahres 1900. Dieses Werk hat seltsamerweise die Zeit nicht so gut überstanden, obwohl es keineswegs ’schlechter‘ oder weniger unterhaltsam ist als sein Vorgänger.

Mit 57 Jahren zog Jerome 1916 in den I. Weltkrieg; das dort als Ambulanzfahrer in Frankreich Erlebte zeichnete ihn für den Rest seines Lebens. 1926 verfasste Jerome noch seine Autobiografie „My Life and Times“, bevor ihn ein auf einer Autoreise durch die Grafschaft Devon im folgenden Jahr ein Schlaganfall niederstreckte. Jerome K. Jerome starb am 14. Juni 1927 und liegt in Ewelne in Oxfordshire begraben.

Es gibt eine „Jerome K. Jerome Society“, die eine optisch schlichte, aber inhaltlich fabelhafte Website hält: [Autorenhomepage]http://www.jeromekjerome.com. Hier lässt sich die ganze Geschichte unserer drei Helden nachlesen; sie ist es wirklich wert!

|Originaltitel: Three Men in a Boat (London : Arrowsmith 1889)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Drei Mann in einem Boot – vom Hunde ganz zu schweigen“): 1900 (A. Schumann’s Verlag)
Übersetzung: A. u. M. Springer
279 S.
[keine ISBN]
Diese Ausgabe: September 2009 (Piper Verlag Nr. 2451)
Übersetzung: Arndt Kösling
247 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-492-22451-2|
[Verlagshomepage]http://www.piper-verlag.de

Tom Holland – Der Schläfer in der Wüste

Howard Carter öffnet 1922 das Grab des Pharaos Tutenchamun, der tatsächlich ein Vampir mit außerirdischen Ahnen ist und nunmehr befreit sein Unwesen in der Gegenwart treiben kann … – Gelungene Mischung aus Fakten und Fiktion, die dem berüchtigten „Fluch der Pharaonen“ eine ungewöhnliche ‚Erklärung‘ gibt: spannend, gut umgesetzt und stimmungsvoll in die gewählte Epoche eingepasst.
Tom Holland – Der Schläfer in der Wüste weiterlesen

Hoffmann, Gabriele – Schiffbrüchigen, Die

Sommer 1629: Die „Batavia“, das Flaggschiff der „Herbstflotte“, die im Auftrag der „Vereinigten Ostindischen Companie“ (VOC) im Oktober des Vorjahres die Niederlande via Ostindien verlassen hat, läuft in einem schweren Sturm auf den Riffen einer namenlosen Insel irgendwo im tropischen Ozean auf. Etwa 300 Überlebende können sich retten – sie finden sich mit minimalen Wasser- und Lebensmittelvorräten auf einem öden Eiland wieder. Der Kapitän und der Repräsentant der VOC machen sich mit den Offizieren und einem Teil der Besatzung im Beiboot der „Batavia“ auf, Hilfe zu holen. Ob sie es schaffen werden, das Festland zu erreichen, ist ungewiss. Sollte es ihnen allerdings gelingen, werden sie auf jeden Fall zurückkehren, denn die Laderäume des Wracks bersten förmlich vor Gold, Juwelen, kostbaren Stoffen und anderen Schätzen.

Die Überlebenden müssen sich auf eine lange Wartezeit gefasst machen. Sie sind auf ihr Dasein als Schiffbrüchige nicht vorbereitet. Ohne Führung bricht die Disziplin bald zusammen. Die Inselgesellschaft droht an ihrer Tatenlosigkeit zugrunde zu gehen, da fühlt sich ein Mann berufen, die Zügel in die Hand zu nehmen: Jeronimus Cornelisz, ein Kaufmann, der an Bord der „Batavia“ eher unauffällig geblieben ist. Nun wählt man ihn zum Vorsitzenden eines Inselrates, der den Kampf ums Überleben organisieren soll.

Cornelisz ist ein Mann mit geheimen Träumen von brutaler Herrschaft und perverser Gewalt; nun, da er zum ersten Mal in seinem Leben Macht ausüben kann, lässt er seinen bisher unterdrückten Leidenschaften freien Lauf. Er entpuppt sich als geborener Anführer und geschickter Verführer, der rasch eine Gruppe zu allem entschlossener Männer um sich scharen kann. Sie nennen sich die „Auserwählten“, und sie errichten auf der trostlosen Insel, genannt „Batavias Friedhof“, ein grausames Terrorregime. Cornelisz erklärt sich zum Herrn über Leben und Tod, lässt Kranke und Kinder als „unnütze“ Esser ermorden, zwingt die Frauen sich zu prostituieren, rafft die Schätze der „Batavia“ an sich. Unter dem Vorwand, die drückende Enge auf der Insel mildern zu wollen, lässt Cornelisz mehrfach Männer und Frauen auf benachbarte Eilande übersetzen. Tatsächlich werden sie dort jämmerlich abgeschlachtet und ausgeraubt.

Binnen zweier Monate bringen die „Erwählten“ über 125 Menschen um; bald töten sie offen und aus reiner Mordlust. Die durch Hunger, Krankheit und Furcht geschwächten Überlebenden liefern sich der Willkür fast ausnahmslos aus. Doch der Gipfel der Gräuel ist noch längst nicht erreicht. In dem Wissen, dass ihre Schreckensherrschaft sich bald dem Ende zuneigen oder man sie bei einer Rettung streng bestrafen wird, beginnen die „Erwählten“ sich auch untereinander zu bekriegen. Einig sind sie sich höchstens in ihrem Bestreben, sämtliche Zeugen ihrer Untaten zu beseitigen …

Die wahre Geschichte der „Batavia“ – oder besser die ihrer schiffbrüchigen Besatzung – gehört zu den durchaus bekannten, aber halb vergessenen historischen Episoden. Wenn Gabriele Hoffmann den VOC-Kommandeur Pelzert im zweiten Teil ihres Romans die unglaublichen Ereignisse des Jahres 1629 niederschreiben lässt, hält sie sich damit eng an die Wahrheit. Pelzerts umfangreiche Protokolle stellen eine reiche Quelle dar, aus der auch die Autorin schöpfen konnte.

Da die Ereignisse wahrlich für sich selbst sprechen, übernimmt sie den nüchternen Tenor der Vorlage. Ihr Roman wirkt dadurch über weite Strecken wie eine dokumentarische Bestandsaufnahme. Der Verzicht auf inszenierten Horror und Melodramatik kommt der Geschichte sehr zugute. Dennoch sollte man sich davor hüten, Hoffmanns Schilderung mit der Realität des Jahres 1629 gleich zu setzen. „Die Schiffbrüchigen“ ist ein Roman und damit fiktiv; es gibt zum Beispiel keine Aufzeichnungen eines Ritters Christoph von Eck.

Außerdem unterwirft Hoffmann die reale Geschichte ihrer subjektiven Wertung. „Die Schiffbrüchigen“ soll mehr als reine Unterhaltung sein – nämlich ein romanhafter Essay über das Wesen der Schuld. Das Geschehen von 1629 steht stellvertretend für alle Grausamkeiten, die sich die Menschen im Laufe der Jahrtausende angetan haben; Gräuel, die unzweifelhaft geschehen sind, die aber nachträglich niemand zufriedenstellend erklären konnte und kann, was die Opfer wie die Täter (!) einschließt.

Statt „Batavia Friedhof“ könnte der Ort der Handlung auch Little Big Horn, My Lai oder Auschwitz heißen, wobei Hoffmans Allegorie hauptsächlich auf den organisierten Massenmord der Nazis zielt. Der Aufstieg einer kleinen, aber skrupellosen Clique in krisenhafter Zeit, die Ausgrenzung angeblich „schädlicher“ Minderheiten, die geschickte Eingliederung der schweigenden Mehrheit in eine Unterdrückungs- und Mordmaschinerie, der Terror, der bald seine eigenen Kinder frisst, aber auch das Schweigen, die Fassungslosigkeit und das Leugnen derer, die „dabei“ waren, sobald der Spuk vorbei ist – das sind Phänomene, die untrennbar mit dem „Dritten Reich“, den Kriegsverbrecherprozessen der überforderten Siegermächte und der Grabesstille der deutschen Nachkriegsjahrzehnte verbunden sind.

Dem erzählerischen Talent Gabriele Hoffmanns ist es zu verdanken, dass diese Aspekte sich einerseits nie aufdringlich in den Vordergrund schieben, während sie sich andererseits stets als persönliche Standpunkte der Autorin erkennen lassen. Hoffmanns (resignatives) Fazit, dass „das Böse“ in jedem Menschen lebt und jederzeit und an jedem Ort ausbrechen kann, hat etwas bestechend Logisches, vereinfacht ein komplexes Problem allerdings in vielerlei Hinsicht und muss nicht unbedingt zutreffen. Aber bei einem Roman ist es das Privileg des Autoren, die Wirklichkeit nach eigenem Gusto zu verändern, mit ihr zu spielen und eine persönliche Sicht der Welt ins buchstäbliche Spiel zu bringen.

Wer sich als Leser also nicht berufen fühlt, an einer philosophischen Diskussion über Gut und Böse teilzunehmen, sei beruhigt: „Die Schiffbrüchigen“ funktioniert auch als „normales“, sehr spannendes, wenn auch düsteres historisches Abenteuer.

Jeronimus Cornelisz – die personifizierte Banalität des Bösen. Als Kaufmann führt er ein völlig unauffälliges, von hohen Risiken und gefahrvollen Geschäftsfahrten geprägtes Dasein. Niemand würde in ihm den geradezu archaischen Schreckensherrscher vermuten, in den er sich aus heiterem Himmel verwandelt. Er muss sein geheimen Träume von lustvollem Terror gehabt, aber sorgfältig in seinem Herzen verborgen haben. Nun lässt er ihnen freien Lauf, da niemand ihnen (endlich) Einhalt gebieten kann.

So ist es natürlich nicht. Wieso greift beispielsweise Christoph von Eck nicht ein? Er trägt den Rittertitel und ist eigentlich verpflichtet für Zucht und Ordnung zu sorgen. Doch in diesem Jahr 1629 ist der Ritterstand in uralten Denkmuster erstarrt, trauert kodifizierten Verhaltensvorschriften nach, die von der Zeit längst überholt sind. Von Eck sieht sich als Krieger im Auftrag Gottes; für die Disziplinierung eines Gewaltherrschers fühlt er sich nicht zuständig, so lange ihn dieser nur in Ruhe lässt.

Cornelisz wiederum ist schlau genug zu warten, bis seine Anhängerschaft so stark gewachsen und seine Gegner so schwach geworden sind, dass ihm die Macht in den Schoß fällt. Wäre die Mordlust nicht mit ihm durchgegangen, hätte sein Plan aufgehen können. Aber der amokhafte Blutrausch führt den unheimvoll „befreiten“ Kaufmann letztlich selbst ins Verderben: Als man ihn zur Verantwortung zieht, verhält sich „das Gesetz“ nicht minder grausam als er. Seine Richter und Henker sehen freilich das Recht auf ihrer Seite und sich selbst in der Pflicht, Cornelisz‘ unglaubliche Taten zu sühnen – und das geschieht auf zeitgenössische Art, d. h. nach dem Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Die Überlebenden der „Batavia“ müssen sich den Rest ihres Lebens die Frage stellen, wieso sie mittaten- als Täter, Mitläufer oder Opfer. Sie finden keine Antwort, verstricken sich in gegenseitige Schuldzuweisungen, erwachen – Cornelisz eingeschlossen – aus einem bösen Traum. Und das war die „Batavia“-Katastrophe denn auch: eine unerfreuliche Lektion in der Alltäglichkeit des Bösen, das dich auf eine Weise überraschen kann, mit der du niemals gerechnet hättest: als Unschuldiger, aber auch als Schuldiger.

James Turner (Hg.) – Hüter der Pforten. Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos

James Turner: Iä! Iä! Cthulhu fhtagn! (Iä! Iä! Cthulhu fhtagn!) – Vorwort zu dieser Sammlung

H. P. Lovecraft: Cthulhus Ruf (The Call of Cthulhu, 1928) – Ein junger Mann, der eigentlich nur das seltsame Erbe eines Onkels ordnen wollte, muss entsetzt erkennen, dass die Menschheit diese Erde mit urzeitlichen Unwesen aus kosmischen Tiefen teilt …

Clark Ashton Smith: Des Magiers Wiederkehr (The Return of the Sorcerer, 1931) – Böse sind beide Zaubermeister, aber der eine ist auch noch rachsüchtig und lässt sich sogar durch seine Ermordung nicht von einer spektakulären Rückkehr abhalten …

James Turner (Hg.) – Hüter der Pforten. Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos weiterlesen

Souhami, Diana – Selkirks Insel. Die wahre Geschichte von Robinson Crusoe

Ein (Seefahrer-) Leben im frühen 18. Jahrhundert: England befindet sich im Krieg mit Spanien, der auch auf den Weltmeeren ausgetragen wird. Mittel- und Südamerika sowie die Südsee und die Karibik befinden sich fest in spanischer Hand. Der katholische König lässt gewaltige Gold- und Silbermengen aus seinen Kolonien pressen. Die schwer beladenen Schatzschiffe stechen den Engländern begehrlich ins Auge. Mit königlicher Billigung werden Kaperschiffe ausgerüstet, die den dickbäuchigen Galeonen entlang der südamerikanischen Küsten auflauern.

Eines davon ist im Jahre 1704 die „Cinque Ports“. Sie gehört zu einem Verbund von zwei Schiffen unter dem Kommando des Abenteurers William Dampier. Dieser entpuppt sich als führungsuntauglicher, ständig betrunkener, cholerischer Mann. Der Steuermann Alexander Selkirk, ein junger Schotte, ist selbst ein grober, jähzorniger Mensch, der hart mit Thomas Stradling, dem Kapitän der „Cinque Ports“, aneinander gerät, als sich die schlecht vorbereitete Kaperfahrt als Desaster erweist.

Stradling macht kurzen Prozess mit dem „Meuterer“. Er setzt Selkirk im September 1704 auf einer einsamen Insel aus – ein seinerzeit nicht ungebräuchliches Verfahren. San Fernando liegt mehr als 600 km vor der chilenischen Westküste im Pazifik. Der unversöhnliche Kapitän lässt seinen Widersacher dort allein zurück, was allerdings ungewöhnlich grausam ist.

Selkirk erlebt seine erste Zeit auf San Fernando im Schockzustand. Ohne sehr viel Ausrüstung, ist er völlig auf sich gestellt. Bald setzt sich der Lebenshaltungstrieb durch. Der einsame Mann stellt sich der Herausforderung einer wilden, aber nicht generell lebensfeindlichen Umfeld und meistert sie, indem er sich ihr nach und nach anpasst, statt sich gegen sie zu stellen. Vier Jahre und vier Monate überlebt Selkirk auf seiner Insel. Im Februar 1709 wird er vom Segler „Duke“ entdeckt und gerettet.

Erst 1711 kehrt er zurück nach England und nimmt sein Leben wieder auf. Seine niedergeschriebene Geschichte sichert ihm eine gewisse Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Der Seefahrt bleibt er verbunden; trotz seiner Leiden zieht es ihn weiterhin in ferne Länder, wo er sein Glück sucht. Als er 1721 stirbt, geschieht dies auf einer weiteren „Geschäftsreise“ vor der afrikanischen Küste.

Immerhin kann Selkirk noch erleben, wie seine Geschichte sich in unsterbliche Literatur verwandelt: Sie dient dem Schriftsteller Daniel Defoe (1660-1731) als Vorlage für seinen Roman „Robinson Crusoe“ (1719). Ob sich Verfasser und Vorbild jemals persönlich getroffen haben, wird angenommen, ist aber nicht belegt.

Selkirks Biografie, die sich verständlicherweise auf jene vier Jahre vier Monate konzentriert, die er auf „seiner“ Insel hauste, ist hinter Defoes Roman lange verschwunden. Diana Souhami ist nicht die Erste, die sich bemüht hat, die Wahrheit hinter der Legende zu rekonstruieren. Die Autorin ist aber tiefer als ihre Vorgänger in die Archive der seefahrenden Welt hinabgestiegen und hat alte Logbücher, Berichte, Akten usw. gelesen und ausgewertet.

Wieder erstanden ist auf diese Weise nicht nur das Schicksal des Alexander Selkirk. Souhami entwirft ein Panorama des Seelebens um 1700, das wiederum einen wichtigen Aspekt des historischen Alltags mit seinen heute exotisch, ja barbarisch anmutenden Gesetzen und Regeln, Sitten und Bräuchen darstellt.

Diese versunkene Welt wird andererseits nicht in allen angelesenen Details vor uns ausgebreitet (oder breit getreten). Souhami hat ihren Stoff im Griff und verfügt über die Selbstdisziplin mit den Fakten zu arbeiten. Sie wählt aus, interpretiert, wertet, führt ihre Leser straff durch die Geschichte. Die Chronologie ist eine grobe, Zeitsprünge kommen vor. Kurze Kapitel werfen Schlaglichter auf manchmal dem Zusammenhang fremd wirkende Aspekte. Insgesamt fügen sie sich zum Gesamtbild: Selkirks Welt.

Das Kernstück der Darstellung bilden natürlich Selkirks Inseljahre. Ein Leben als „Aussteiger“ direkt am Busen der Natur hatte für den Zeitgenossen rein gar nichts Lockenswertes an sich. Die Wildnis hieß nicht umsonst so; sie galt als erschreckender Ort, den es zu „zähmen“, zu „kultivieren“ galt, bevor er menschenwürdig wurde. Dabei ermöglichten ein mildes Klima, Wasser, essbare Pflanzen und Tiere Selkirk durchaus ein erträgliches Auskommen – Souhami beschreibt die Insel und ihre Bewohner und vermittelt uns ein anschauliches Bild dieser exotischen Pazifikwelt.

Nicht zu leugnen sind Selkirks Einsamkeit und Ängste. Ein Mensch wird buchstäblich mutterseelenallein ausgesetzt und muss mit seiner fremden Umwelt, aber auch mit sich selbst leben. Diesen schwierigen Prozess fasst Souhami in Worte, die den Rahmen eines Sachbuches sicherlich verlassen und ins Romanhafte spielen. Selkirk selbst hat sich über sein Innenleben während des Exils nur ansatzweise bzw. mit dem Pathos seiner Zeit geäußert, so dass hier Vermutungen wohl statthaft sind. Auf jeden Fall ist Souhami zuzustimmen, die in Selkirk einen rauen, schurkenhaften und dadurch auch unempfindlichen und lebenstüchtigen Zeitgenossen sieht, der ganz sicher nicht wie sein geistvolles Spiegelbild Robinson Crusoe hochmoralischen Gedanken nachhängt – er verfügt nicht über den entsprechenden Intellekt und es bleibt ihm schlicht auch keine Zeit dafür in seinem Überlebenskampf. (Außerdem fällt Robinson nicht sexuell ausgehungert über die Ziegen seiner Insel her, wie Souhami es Selkirk unterstellt …)

Souhami rekonstruiert auch Selkirks Leben nach dem Inselaufenthalt. Die Rückkehr in die Zivilisation ist gleichzeitig die Rückkehr in alte Schwierigkeiten. Seine Charakterfehler hat Selkirk keineswegs überwunden. Rasch verwandelt er sich zurück in einen rauen, rücksichtslosen Gesellen, der alles vergisst, was er auf seiner Insel gelernt haben könnte. Sein Ende ist ebenso zeittypisch wie banal; ein Happy-End gibt es nicht.

Das letzte Kapitel beschreibt den Besuch der Verfasserin auf der heutigen Insel San Fernando (die aus touristischen Gründen in „Robinson-Insel“ umgetauft wurde …). Viel gibt es nicht mehr zu sehen von Selkirks Insel, die sich in drei Jahrhunderten stark verändert hat. Nie siedelten viele Menschen auf der Insel, doch sie haben sie nach Menschenart wahrlich „kultiviert“, d. h. die einzigartige Fauna und Flora nach Kräften ausgebeutet und zerstört. Erst heute wird Selkirks Insel, die ein wirklich ungastlicher Ort geworden war, naturgeschützt, was der Autorin Gelegenheit zu allerlei klugen philosophischen Exkursen über die Rätselhaftigkeit der menschlichen Natur gibt. (Von einer interessanten Reise auf die heutige Robinson-Insel berichtet übrigens http://www.ini.unizh.ch/~tobi/alex/alex.html.)

Diana Souhami ist eine überaus aktive Schriftstellerin, die Theaterstücke und Drehbücher für Radio und Fernsehen verfasst. Darüber hinaus ist sie durch ihre zahlreichen, von der Kritik hoch gelobten Bücher bekannt geworden. „The Trials of Radclyffe Hall“ wurde für den James Tait Black Prize for Biography vorgeschlagen und gewann den US Lambda Literary Award. „Mrs. Keppel and Her Daughter“, „Greta and Cecil“, „Gluck: Her Biography“ sowie das auch auf deutsch erschienene „Gertrude Stein und Alice B. Toklas. Zwei Leben – eine Biografie“ wurden Erfolge. Für „Selkirks Insel“ erhielt Diana Souhami 2001 den renommierten britischen Whitbread-Preis in der Kategorie „beste Biografie“.

George A. Romero/Susanna Sparrow – Dawn of the Dead. Der Roman zum Film

Romero Zombie Cover kleinDie Toten erwachen zu neuem ‚Leben‘, um ihre geschockten Hinterbliebenen zu jagen und zu fressen. Die Zivilisation droht zusammenzubrechen. In allgemeinen Chaos verbarrikadieren sich vier Überlebende in einem Großsupermarkt, doch die wahre Gefahr droht von den lebendigen Mitmenschen … – Roman zum verstörenden Filmklassiker von 1978: eine simple aber gesellschaftskritische, düstere und auch ohne Unterstützung durch bewegte Bilder wirkungsvolle Geschichte.
George A. Romero/Susanna Sparrow – Dawn of the Dead. Der Roman zum Film weiterlesen

Martin, Russell – Beethovens Locke

Zwischen zwei historischen Daten spannt sich der Bogen unserer wahren Geschichte: An einem Abend im März 1827 erliegt in Wien der geniale Komponist Ludwig nach Beethoven einem schweren Leberleiden. Vor seinem Ende hat er noch mehrfach Besuch empfangen. Unter seinen Gästen: der 15-jährige Ferdinand Hiller, ein hoffnungsvolles musikalisches Talent, und dessen Lehrer Johann Nepomuk Hummel. Sie dürfen auch von der im Schlafzimmer aufgebahrten Leiche von Beethoven Abschied nehmen.

Bei dieser Gelegenheit nimmt der junge Hiller ein Andenken an sich. Von Beethovens Haar schneidet er sich, wie es Brauch ist zu jener Zeit, eine Locke ab, die er in einem Medaillon birgt, Zeit seines Lebens hoch in Ehren hält und seinen Nachkommen vererbt, die das gute Stück ebenfalls schätzen. Doch in den turbulenten Jahren des II. Weltkriegs verschwindet diese Reliquie aus der Geschichte, bis sie 1995 plötzlich auf einer großen Versteigerung angeboten wird.

Noch immer steckt Magie im Namen Ludwig van Beethoven. Ein erfolgreicher Unternehmer und ein Arzt aus den USA, beide erklärte Jünger des Meisters, können ihr Glück kaum fassen und ersteigern das Relikt. Die Medien bekommen Wind von der Sache; Beethovens Locke wird öffentlichkeitstauglich, zumal ihre neuen Besitzer Großes planen: Die Haare werden wissenschaftlich untersucht. Endlich soll geklärt werden, woran Beethoven wirklich starb.

Ein historisches Rätsel mit kriminalistischen Zügen zeichnet sich ab. Unter den interessierten Journalisten befindet sich Russell Martin aus Colorado. Er beschließt, die Geschichte von Beethovens Locke zu rekonstruieren bzw. die Bemühungen jener zu schildern, die sich auf zwei Kontinenten an die schwierige, fast unmögliche Aufgabe begeben, die bruchstückhaften Quellen und wenigen Zeitzeugen zu befragen.

Während in Europa kleinste Informationsfragmente entdeckt und zusammengesetzt werden, unterziehen Wissenschaftler an verschiedenen Orten der USA die Locke komplizierter Untersuchungen. Sie müssen Jahre forschen, bis feststeht: Die Haare stammen in der Tat von Beethovens Schädel – und sein Besitzer ist offensichtlich einer langjährigen Bleivergiftung erlegen!

Auf einer Glatze kann man manchmal tatsächlich Locken drehen, um einen alten Aphorismus von Karl Kraus zu bemühen. Oder anders ausgedrückt: Wer hätte gedacht, dass eine kleine Haarlocke eine Heerschar von Fachleuten, Geschäftsmännern und Zeitzeugen auf Trab halten und Grundlage für ein 300-seitiges Buch werden kann?

Russell Martin beweist, wie es geht. Er sah die Geschichte hinter der Locke und hat sie gründlich recherchiert. Jetzt erzählt er sie in einfachen Worten als „Geschichte zum Anfassen“, wobei seine Begeisterung hier und da ein wenig zu deutlich durchklingt bzw. von Hollywood inspiriert wird, aber dieses Buch soll sich schließlich verkaufen.

„Beethovens Locke“ ist keine Chronik. Martin springt zwischen den Zeiten; er folgt dem Weg der kostbaren Haarsträhne durch die Jahrzehnte, greift aber kapitelweise immer wieder zurück auf die Biografie Ludwig van Beethovens. Das ist vor allem für den Laien wichtig: Die Bedeutung Beethovens für die Musikgeschichte wird nicht in Zweifel gestellt, aber selten wirklich verstanden. Das ist aber die Voraussetzung dafür zu verstehen, wieso ein paar Haare solche Bedeutung erlangen können. Beethoven ist ein historische Gestalt von Format – zudem eine, die nicht durch Kriegszüge oder ähnliche „Heldentaten“, sondern als Künstler ihre prominente Stellung erlangte.

Die Geschichte der Locke ist zugleich die Geschichte Mitteleuropas. Immer wieder geraten ihre jeweiligen Besitzer in den Strudel zeitgenössischer Entwicklungen. Dramatisch wird es 1943, als Beethovens Haare unter ungeklärten Umständen ihren Besitzer wechseln: In Gilleleje, einem kleinen dänischen Fischerdorf an der Nordspitze Seelands, geschieht es, als nazideutsche Besatzer dänische Juden zusammenzutreiben. Unter den Verfolgten befinden sich auch Nachfahren von Ferdinand Hiller. Haben sie sich mit der Locke ihre Flucht und damit ihr Leben erkaufen können?

Der Versuch der Rekonstruktion dieser Ereignisse gewinnt unter Martins Feder Thrillerqualitäten. Weniger die Locke steht noch im Mittelpunkt, sondern das Schicksal von Menschen, die zum Spielball des Schicksals werden. Vieles bleibt ungeklärt, aber gleichzeitig kommt Erstaunliches zum Vorschein. Der mögliche letzte Besitzer der Locke aus dem Hiller-Clan begann in den USA ein neues Leben – unter dem Namen Marcel Hillaire ließ er sich in Los Angeles nieder und wurde Schauspieler, der bis zu seinem Tode 1988 in zahlreichen Kinofilmen (wie „Sabrina“ mit Humphrey Bogart und Audrey Hepburn) und TV-Shows mitwirkte.

Die eigentliche Untersuchung der Locke inszeniert Martin als uramerikanische Erfolgsstory: Zwei Selfmade-Geschäftsmänner wie aus Uncle Sams Bilderbuch setzen ihr Vermögen selbstlos zum Wohle der Menschheit (bzw. ihrer Landsleute) ein. Sie kaufen Beethovens Locke und gründen ein eigenes Forschungsinstitut. Weihevoll und pathetisch werden ihre Aktivitäten verklärt, unschöne Reibereien oder die Tatsache, dass die beteiligten Fachleute nach der Pfeife ihrer Geldgeber zu tanzen haben, nur angedeutet. Martin hat seine Helden gefunden, und vielleicht hat er ja Recht: Wenigstens dieses Mal ist die schwierige Vereinigung von Begeisterung, Wissenschaft und Kommerz gelungen.

Beethovens Locke, das macht Martin deutlich, ist eben nicht nur Reliquie, sondern als solche auch Katalysator. Noch heute kann sie die Menschen begeistern und bewegen. Nachzulesen, wieso dies so ist, bereitet Vergnügen. Eine Bildstrecke gibt den meisten an dieser historischen Episode Beteiligten ein Gesicht. Der Fachmann vermisst einen Anmerkungsapparat, der womöglich aus Ersparnisgründen verlagsseitig unterschlagen wurde. Die Übersetzung ist gediegen; beim Lesen stutzt und stolpert man nicht, was heutzutage schon ein lobende Erwähnung Wert ist …

Russell Martin, 1952 in Durango/ Colorado geboren, studierte am Colorado College und arbeitete als Reporter und Redakteur. Heute gibt er Kurse über kreatives Schreiben und unterrichtet Englisch am Colorado College. Er lebt als freier Autor in Salt Lake City und Denver und hat mehrere Sachbücher und Romane sowie zahlreiche Artikel veröffentlicht.

Joseph Kanon – „The Good German“ – In den Ruinen von Berlin

Das geschieht:

Jacob „Jake“ Geismar hat als US Auslandskorrespondent ab 1936 erfolgreiche Jahre in Deutschland verbracht, bis Propagandaminister Josef Goebbels ihm wegen offen nazifeindlicher Äußerungen die Abreise dringend nahelegte. Zurück ließ Geismar Lena, die Liebe seines Lebens, deren Gatte, der Mathematiker Emil Brandt, ein guter Freund des Amerikaners war, ohne vom Ehebruch zu wissen. Lenas wegen kehrt Geismar im Juli 1945 zurück. Außerdem soll er über den Alltag in der von den vier Siegermächten besetzten Hauptstadt berichten.

Berlin ist eine gigantische Geister und Totenstadt. In der endlosen Ruinenwüste fristen die Überlebenden ein von Not geprägtes Leben. Die Amerikaner sehen die Besatzung pragmatisch. Geismar erlebt, wie hier Kriegsverbrecher gestellt und verurteilt werden, während dort andere heimlich aus dem Land geschmuggelt werden, weil sie über wissenschaftliches oder technisches Wissen verfügen, das den Siegern wichtiger ist als Gerechtigkeit. Zudem beteiligen sich Besatzungssoldaten an Schwarzmarktgeschäften, verschieben gestohlene Kunstschätze, handeln mit Entnazifizierungs Papieren eine Unterwelt, in die es Geismar durch den Mordfall Patrick Tully verschlägt. Der US- Lieutenant hatte Emil Brandt zur Flucht aus einem Internierungslager verholfen. Brandt wird es zu Lena ziehen, die Geismar inzwischen ausfindig machen konnte. Sie haben ihr Verhältnis wieder aufgenommen. Joseph Kanon – „The Good German“ – In den Ruinen von Berlin weiterlesen

Ellery Queen – Chinesische Mandarinen

Queen Mandarinen Cover kleinEin eigentlich unmöglicher Mord ruft Meisterdetektiv Ellery Queen auf den Plan. Wie hat es der Täter geschafft – und wieso hat er sich solche Mühe gegeben, dem Opfer die Kleidung verkehrt herum anzuziehen und im Mordzimmer alle Einrichtungsgegenstände gegen die Wände zu drehen …? – „Whodunit“-Krimi aus der „Goldenen Ära“ dieses Genres, komplex und liebevoll abgedreht, in Handlung und Personal Krimi-Klassik pur, dazu spannend und witzig. Ellery Queen – Chinesische Mandarinen weiterlesen

Alan Dean Foster – Herr der Plagen

Das geschieht:

Dass Leid und Streit nicht unbedingt menschlich sind, sondern von außen gesteuert werden, entdeckt zufällig Archäologie-Professor Coschocton „Cody“ Westcott: In Nordperu findet er in der Kollegin Kelli Alwydd nicht nur seine zukünftige Gattin, sondern in einer Zeremonienhöhle der Chachapaya-Indianer ein uraltes Schamanen-Rezept für einen Trank, der ihm buchstäblich die Augen öffnet.

Plötzlich erspäht Westcott überall „Okkupanten“ – ektoplasmatische Parasiten aus einer fremden Dimension, die unsichtbar die Menschen heimsuchen. Heimlich schüren sie Schmerz und negative Gefühle ihrer Wirte und nähren sich davon. Natürliche Substanzen – unbehandeltes Holz, Stein, Pflanzen – sind für die unheimlichen Räuber Hafen und Gefängnis zugleich: Erst muss das Opfer die Heimstatt des Okkupanten berühren, um befallen zu werden. Alan Dean Foster – Herr der Plagen weiterlesen

Miles Barton u. a. – Wildes Amerika. Zeugen der Eiszeit

Vor 13000 Jahren wurde Nordamerika von Gletschereis geprägt und von Elefanten mit und ohne Fell, walrosszahnigen Raubkatzen, turmhohen Faultiere und bärengroßen Bibern bewohnt. „Wildes Amerika“ stellt die eiszeitliche Landschaft, die Pflanzen und vor allem die Tiere vor. Letztere präsentieren sich uns nicht nur als bleiche Knochen, sondern werden digital ins ‚Leben‘” zurückgerufen … – Begleitbuch zur BBC-Serie gleichen Namens; wissenschaftlich präzise aber inhaltlich simpel gestrickt. Das Interesse gilt eindeutig den à la „Jurassic Park“ nachgebauten Kreaturen, die qualitativ nicht mit den BBC-Sauriern der Serie „Im Reich der Giganten“ mithalten können: informativ aber nicht mitreißend.
Miles Barton u. a. – Wildes Amerika. Zeugen der Eiszeit weiterlesen

Michael Patrick Hearn/L. Frank Baum – Alles über den Zauberer von Oz

Dorothy aus Kansas reist ins Zauberland Oz, wo sie mit einer Vogelscheuche, einem Blechmann und einem feigen Löwen über eine gelbe Ziegelsteinstraße zieht .. – Opulente, vielfarbige Neuausgabe des US-amerikanischen Volksmärchens, eingeleitet von einer 100-seitigen, von vielen Fotografien und Zeichnungen begleiteten Biografie seines Schöpfers L. Frank Baum: ein Meisterwerk auch der Buchdruckkunst, in dem man sich viele schöne Lesestunden verlieren kann.
Michael Patrick Hearn/L. Frank Baum – Alles über den Zauberer von Oz weiterlesen

Arthur W. Upfield – Wer war der zweite Mann?

Das geschieht:

Vor mehr als einem halben Jahrhundert ein großer Meteorit am glücklicherweise spärlich besiedelten Westrand der großen australischen Wüste einen gewaltigen Krater in die Erde geschlagen. Die Wissenschaft hat ihm den Namen „Wolf-Creek“ verliehen, aber die weniger Anwohner nennen ihn „Lucifer’s Couch“.

In diesem Krater liegt die Leiche eines Mannes. Er wurde erschlagen, der oder die Täter ist oder sind unbekannt. Niemand weiß, wie der Tote eigentlich an diesen Ort geraten ist. Es gibt keine Spuren, die zur Leiche hin und wieder weg führen.

Ein kriminalistisches Rätsel, das die örtliche Polizei, verkörpert vom tüchtigen aber nicht gerade kreativen Wachtmeister Howard, nicht lösen kann. In solchen Fällen ruft man oft den berühmten Inspektor Napoleon Bonaparte zu Hilfe. „Bony“, wie er kurz genannt wird, ist das Kind eines Siedlers und einer einheimischen Frau. Er kennt sich in weißen wie in der schwarzen Welt Australien aus. Arthur W. Upfield – Wer war der zweite Mann? weiterlesen

Reginald Hill – Der Schrei des Eisvogels

In einem englischen Provinzweiler verschwindet der verhasste Dorfpolizist spurlos. Detective Superintendent Andrew Dalziel und sein Team stoßen in ein Wespennest: In Enscombe geht es unter der trügerisch beschaulichen Oberfläche krimineller zu als in mancher Großstadt … – Der Plot ist vertrackt und eingebunden in das Ambiente des ehrwürdigen Landhaus-Krimis, dessen harmoniesüchtig-naive Verlogenheit gleichzeitig genutzt und parodiert wird und sorgt für ein wunderbares Spiel mit verkrusteten Regeln des Kriminalromans: Band 15 der großartigen Dalziel/Pascoe-Serie ist einer der besten.
Reginald Hill – Der Schrei des Eisvogels weiterlesen

Frances Sherwood – Die Schneiderin von Prag oder Das Buch des Glanzes

Die jüdische Gemeinde in Prag wird 1601 von der katholischen Kirche und Kaiser Rudolf II. bedroht. In ihrer Not erschaffen sich die Juden aus Lehm einen Golem, der sie beschützen soll. Der künstliche Mensch entwickelt Geist und Gefühle, die von einer jungen Frau erwidert werden … – Historischer Roman, der die Golem-Sage um den Rabbi Löw variiert. Die Verfasserin erzählt mit Schwung und angenehmer ironischer Distanz diese Geschichte, ohne sich in der bloßen Rekonstruktion der frühneuzeitlichen Welt zu verlieren. Der historischen Handlung eingeflochten wird eine Liebesgeschichte, die allerdings diese Tugenden vernachlässigt und in Herz-Schmerz-Klischees abrutscht, was den ansonsten positiven Eindruck verwässert.
Frances Sherwood – Die Schneiderin von Prag oder Das Buch des Glanzes weiterlesen

Simon Scarrow – Im Zeichen des Adlers

Das geschieht:

Für Gaius Julius Cäsar endete der Britannien-Feldzug des Jahres 54 v. Chr. mit einer doppelten Niederlage. Der spätere Herrscher des Römischen Imperiums wurde von den Inselbewohnern vertrieben. Im Tumult blieb eine riesige Truhe mit geraubten Schätzen zurück; sie konnte im letzten Augenblick versteckt werden.

Knapp einhundert Jahre später plant Imperator Claudius eine neue Invasion Britanniens. Außerpolitischer Erfolg tut Not, denn der Herrscher ist unbeliebt. Truppen werden in Gang gesetzt. Darunter befindet sich auch die in der germanischen Provinz stationierte Zweite Legion, genannt „Augusta“: fünfeinhalbtausend Männer, die zu den besten Soldaten des Reiches gehören. Simon Scarrow – Im Zeichen des Adlers weiterlesen

Greg Iles – Infernal

Das geschieht:

Ihre Fotografien von den Schlachtfeldern dieser Welt haben sie berühmt gemacht. Doch nun ist Jordan Glass ausgebrannt. Sie begibt sich auf eine Reise nach Asien – und gerät in Hongkong vom Regen in die Traufe: In einem Kunstmuseum findet sie eine unheimliche Ausstellung. Der anonyme, hoch talentierte Maler bildet Frauen ab: nackt, schlafend – oder sogar tot? Jordans faszinierte Abscheu verwandelt sich in Schrecken, als sie in einem der ‚Modelle‘ ihre Zwillingsschwester Jane erkennt. Die ist vor einem Jahr in New Orleans während eines Jogginglaufes spurlos verschwunden. Das FBI kennt noch mehr dieser Fälle, denen eines gemeinsam ist: Eine Lösegeldforderung wurde nicht gestellt, eine Leiche nie gefunden.

Können nun die Ermittlungen wieder aufgenommen werden? Die Behörden sind willig aber auch ratlos. Kein Mensch hat den Künstler bisher gesehen. Auf eigene Faust beginnt Jordan nach ihm zu fahnden. In New York kann sie seinen Galeristen ausfindig machen. Auch dieser Christopher Wingate behauptet jedoch, seinen Auftraggeber nicht zu kennen, und bedroht die lästige Jordan, die ihm ein lukratives Geschäft zerstören kann. Doch plötzlich geht die Galerie in Flammen auf, denen nur Jordan entkommt. Der unheimliche Maler ist wohl näher als gedacht und schützt sich rigoros davor, enthüllt zu werden. Greg Iles – Infernal weiterlesen