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Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Lebendig begraben (POE #8)

„Lebendig begraben“ ist der achte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hat auch an den ersten vier Hörbüchern der Serie mitgewirkt:

– [Die Grube und das Pendel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=744
– [Die schwarze Katze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=755
– [Der Untergang des Hauses Usher]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761
– [Die Maske des Roten Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=773

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:

#5: [Sturz in den Mahlstrom]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=860
#6: [Der Goldkäfer]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=867
#7: [Die Morde in der Rue Morgue]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=870
#8: Lebendig begraben

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan der Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne ihn sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und verschiedene weitere Figuren.

_Die Sprecherin_

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon sieben Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe von Albträumen – über „Die Morde in der Rue Morgue“ – nicht verschont.

_Handlung_

Zehn Tage sind seit der Ankunft in New Orleans vergangen. Leonie Goron und „Edgar Allan Poe“ logieren noch in ihrer kleinen Pension. Leonie wird hier immer noch wegen ihrer Verpflichtung in der Stadt festgehalten, den Sarg ihrer Freundin Lucy Monahan, den sie mitgebracht haben, der Familie zurückzugeben. Das ist schon klar. Aber dies gilt nicht für Mr. Poe. Sein Grund zu bleiben ist Leonie selbst: Er hat sich in sie verliebt.

Wieder einmal sind sie zusammen zum Hafenkontor gegangen, um sich zu erkundigen, ob jemand nach dem Sarg gefragt habe. Wieder einmal haben sie eine negative Auskunft erhalten. Auch der Adressat „Tempelten“ habe sich nicht gemeldet. Möglicherweise habe er noch nicht vom Untergang der „Demeter 2“ erfahren, die den Sarg über den Atlantik transportieren sollte. Es gibt noch keine Transatlantikkabel für Telegramme, geschweige denn fürs Telefon.

Wie erstaunt sind Leonie und Poe, als sie vor dem Hafenkontor auf Poes Psychiater Dr. Templeton stoßen! Poe glaubte ihn noch immer oben an der nördlichen Ostküste – und nun ist er hier im tiefsten Süden, den die Vereinigten Staaten den Franzosen 1805 abgekauft haben (zusammen mit dem ganzen Mittelwesten, ein riesiges Territorium, das die Franzosen „Louisiana“ nannten).

Templeton hat hier in der Nähe ein Landhaus, auf das er sie einlädt. Im Café erkundigt sich der Doktor nach Poes Träumen. Diese betrachtet er als eine Art Schlüssel zu Poes Erinnerung an seine wahre Identität. Poe erwähnt den Sarg als Grund ihres Bleibens, erwähnt aber auch die diversen Mordanschläge, verschweigt aber die letzten Worte des sterbenden Israel Hands von der „Independence“. Leonie erwähnt einen Mr. Tempelten als Adressaten des Sarges – ob es sich wohl um Dr. Templeton handeln könnte? Der Doktor verspricht, in seinem Familienarchiv nachzusehen, ob sein Familienname jemals so geschrieben wurde. Ob sie nicht mitkommen wollten?

Gesagt, getan. Mit Neugier bemerkt Poe, der gegenüber Templeton sowohl misstrauisch als auch eifersüchtig geworden ist, dass auf dessen Kutschenladefläche eine große, längliche Kiste transportiert wird. Ob darin wohl ein Sarg Platz finden könnte? Ohne Zweifel.

Das ausgedehnte Anwesen Dr. Templetons unterscheidet sich drastisch vom französisch-legeren Stil Louisianas. Das Herrenhaus ähnelt eher einer englischen Burg im gotischen Stil à la „Haus Usher“, inklusive Teich, und im Garten steht ein Mausoleum inklusive Familiengruft. Doch das Schloss an dessen Tür ist neu. Das erklärt Templeton bei seiner Führung mit dem Aberglauben des Südens. Was meint er bloß?, fragen sich seine Gäste.

Als die Tür der Gruft von alleine zufällt, erklärt er ihnen, dass er durchaus Angst habe, einmal lebendig begraben zu werden und aus diesem Grund dagegen Vorkehrungen getroffen habe. Erstens gebe es eine Klingel in der Gruft, die im Haupthaus Alarm schlägt. Dort befindet sich dann der Schlüssel zur Gruft. Zweitens habe er einen Geheimgang anlegen lassen, der die Gruft mit dem Haus verbinde. Er befinde sich hinter einer der Steinplatten, die das Mausoleum komplett auskleiden. Es ist kalt wie am Nordpol in den dunklen Mauern.

In den folgenden Tagen fallen den Gästen mehrere Ungereimtheiten auf, die in ihnen das Gefühl drohender Gefahr wecken. Erstens gibt es keinerlei Bedienstete, wohl aber Wache haltende Bluthunde auf dem Gelände. Zweitens entdecken sie in jener Kiste einen Sarg, der aber schon bald wieder verschwunden ist. Sie konnten nicht feststellen, ob es sich um Lucys Sarg handelt. Drittens stellt sich heraus, dass Templeton sie bezüglich verliehener Dokumente des Familienarchivs angelogen hat.

Und viertens stößt Poe zu guter Letzt im Arbeitszimmer seines häufig abwesenden Gastgebers auf einen Umschlag mit Schlüsseln und zwei Fotografien. Das eine Porträt zeigt eine gewisse Lucy Monahan (die mittlerweile sehr tot ist), das andere – ihn selbst! Der Name darunter lautet: „Jimmy Farrell“. Ist dies sein wahrer Name und Lucy seine Schwester?

Der Blitz der Erkenntnis streckt den labilen Poe augenblicklich nieder. Als er erwacht, findet er sich in einer verschlossenen Sargkammer wieder. Es ist stockdunkel, stickig und äußerst kalt. Er ist lebendig begraben und die Luft geht ihm aus …

_Mein Eindruck_

Ich bin etwas geteilter Meinung über diese Episode, die beileibe nicht die letzte der POE-Serie sein kann. Da muss noch einiges nachkommen. Zum Glück gibt es noch einige der besten Poe-Erzählungen zu verarbeiten, so etwa alle, in denen Frauen als Hauptfiguren vorkommen. Ich freue mich schon auf die berühmteste dieser Gestalten, die Lady Ligeia. (Siehe dazu auch meine Rezension über: Poe: [„Faszination des Grauens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=554 .)

Warum geteilt? Die Rahmenhandlung erfährt in Episode 8 endlich eine entscheidende Wendung: Poe findet heraus, wer er wirklich ist: Jimmy Farrell. Und er hat eine nahe Verwandte, möglicherweise sogar eine Gattin: Lucy Monahan. Doch dieser Gewinn wird bitter bezahlt: Seine neue Liebe Leonie Goron ist verschwunden. Und mit ihr der zwielichtige Dr. Templeton, der wahrscheinliche Drahtzieher aller seltsamen Geschehnisse, die Poe widerfahren sind. Wer weiß, was er mit ihr anstellt?!

Man sieht: Dieser Teil der Episode folgt der klassische Krimistruktur: Es wird ermittelt, was das Zeug hält, bis sich der Gastgeber als Hauptverdächtiger herausstellt. Doch wessen ist er schuldig? Das genau herauszubekommen, ist Poes Aufgabe am Schluss der Episode.

|Die Realität als Albtraum|

Die Träume, die sich bislang regelmäßig als eine Binnenhandlung betrachten ließen, sind diesmal verschwunden. Vielmehr hat sich die Realität in einen Albtraum verwandelt. Doch die Dauer dieser Szene ist ungleich kürzer im Vergleich zum Umfang dessen, was bislang als Rahmenhandlung angesehen werden konnte.

Die Szene in der Gruft wurde wieder einmal inspiriert von einer Erzählung Poes. Sie ist als „Die Scheintoten“ (besonders S. 322) in „Poe: Faszination des Grauens“ abgedruckt. Bei der Vorlage könnte es sich um „The premature burial“ von 1844 handeln. Dieses Original liegt mir nicht vor, so dass ich das nicht genau sagen kann. Auf jeden Fall kann es sich nicht um „Der Fall Valdemar“ (The facts in the case of Valdemar) handeln. Denn dort geht es um die Aufschiebung der Folgen des Todes mittels Magnetismus. (Man sehe sich beispielsweise die Verfilmung von Roger Corman mit dem unvergleichlichen Vincent Price in der Hauptrolle an.)

Die Vorkehrungen, die Templeton gegen den Fall des Lebendigbegrabenwerdens trifft, ähneln jenen, die der Ich-Erzähler in „Die Scheintoten“ vornimmt: die Alarmklingel, der Hebel, der die Türen öffnet und anderes mehr. Und wie diesem Erzähler nützen sie dem, der schließlich wirklich lebendig begraben wird, im Ernstfall herzlich wenig. Eine typische Poe’sche Ironie.

Diese Szene hat dennoch ihre eigentümliche Wirkung auf den Zuhörer. Denn bevor der lebendig begrabene Mr. Poe überhaupt an Wege denken kann, sich zu befreien, muss er erst einmal seine Panikattacken bewältigen, die ihn mit zügelloser Emotion daran hindern, überhaupt einen Gedanken zu fassen und sich an das zu erinnern, was sein Möchtegern-Kerkermeister über Fluchtwege gesagt hat. Die Szene hat mir gefallen, weil sie sowohl gruselig als auch recht spannend ist. Abgebrühte Zeitgenossen werden sie lediglich langweilig finden und sich vermutlich fragen, was das Ganze überhaupt soll.

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

|Mr. Poe alias Jimmy Farrell|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Folge spielt die Entdeckung seiner Vergangenheit und Identität eine größere Rolle als irgendwelche Träume. Eine andere Figur kommt daher nicht vor. Aber die stimmliche Darstellung von Poes misslicher Lage in der Sargkammer fordert den Sprecher bis an die Grenzen seiner Ausdrucksmöglichkeiten: Anfängliche Panik wechselt ab mit Beruhigung und anschließendem Denken, nur um um erneut von einer Panikattacke hinweggefegt zu werden.

|Miss Leonie Goron|

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. Leider sind diese Qualitäten diesmal fast gar nicht gefragt, so dass ihre Figur in dieser Episode unverdient blass erscheint.

_Sound und Musik_

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet. Bis auf die Eingangsszene sind aber diesmal alle Szenen in Interieurs eingerichtet, so dass Sound eine untergeordnete Rolle spielt. Immerhin sind Effekte wie etwa Hall – für eine Art von innerem Monolog – und ein sehr tiefes Bassgrummeln festzustellen, das Gefahr anzeigt. In der Sargkammer erklingt Poes Stimme verzerrt, als dränge sie aus einer Tonne.

Die Musik erhält daher eine umso wichtigere Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der zwei Hauptfiguren und ihres jeweiligen Ambientes darzustellen. Diese rein untermalende Aufgabe ist auf den ersten Blick leichter zu bewerkstelligen als die Gestaltung ganzer Szenen, doch wenn es sich um actionarme Szenen wie diesmal handelt, zählt jede Note, jede Tonlage.

Die serientypische Erkennungsmelodie erklingt in zahlreichen Variationen und wird von unterschiedlichsten Instrumenten angestimmt. Als Templeton erwähnt, er spiele – wie einst Roderick Usher – Geige, erklingt das Poe-Motiv erneut, allerdings gespielt auf einer Kirchenorgel. Und genau so eine Orgel spielte Usher in der entsprechenden Hörspiel-Episode. Danach wird das Motiv auf einer Harfe wiederholt, um die Wirkung romantischer zu gestalten.

Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei sowie Solisten auf Violine und Singender Säge (Christhard Zimpel) – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen.

|Der Song|

In der neuen Serie hat Lübbe den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe Orange Blue (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen.

_Unterm Strich_

Der eine oder andere Hörer dürfte wie ich schon einige Zeit – spätestens seit den Anschlägen in Episode 5 – Dr. Templeton im Verdacht gehabt haben, für zwielichtige Machenschaften rund um Mr. Poe verantwortlich zu sein. Doch wer weiß, wie tief seine Verstrickungen mit dem Schicksal von Poes Familie wirklich reichen? Ist er auch für den Selbstmord der armen Lucy Monahan verantwortlich? Vielleicht sogar für den Untergang des Schiffes, auf dem sich Leonie Goron befand. Es bleiben noch viele Rätsel zu lösen …

Und viele weitere Erzählungen von Edgar Allan Poe zu verarbeiten. Schließlich hat der Mann rund 15 Jahre lang Erzählungen publiziert. Und nur die wenigsten davon sind allgemein bekannt. Wir können also darauf hoffen, dass im nächsten Herbst wieder eine Staffel hervorragend gemachter Hörspiele veröffentlicht wird.

Die Episode „Lebendig begraben“ verfügt kaum über Action-Elemente und nur eine gruselige Szene. Für Unterhaltung ist also nur wenig gesorgt. Dennoch ist sie innerhalb der Serie eine der wichtigeren, weil sie innerhalb der bisherigen Rahmenhandlung eine entscheidende Wendung herbeiführt: Poe findet seine – wahrscheinlich – wahre Identität heraus, gleichzeitig verliert er seine neue Seelengefährtin Leonie. Der Zwiespalt dürfte Stoff für weitere Albträume liefern. Wir freuen uns schon darauf.

Wie ich in den Abschnitten über Sprecher, Sprecherin, Sound und Musik ausgeführt habe, kann die Episode zwar künstlerisch voll überzeugen, dramaturgisch jedoch nicht mit den vorhergehenden Hörspielen mithalten. Dennoch bietet sie den Reiz eines Kriminalhörspiels: Leonie und Poe ermitteln gegen ihren Gastgeber, mit durchaus handfesten Ergebnissen und einem drastischen Resultat: Poe wird lebendig begraben.

Fazit: Kann man hören, muss man aber nicht.

|Umfang: 66 Minuten auf 1 CD|

Feist, Raymond – Lehrling des Magiers, Der (Die Midkemia-Saga 1)

Mit diesem Buch eröffnete Feist seinen Zyklus um die Fantasy-Welt Midkemia und schuf sogleich einen Klassiker: ein umfassendes Universum verschiedener Welten.

Allerdings macht sich hier der Einfluss von Tolkien noch sehr stark bemerkbar: Es gibt unterschiedliche Elbenvölker, desweiteren Drachen, Kobolde, Zwerge und natürlich Zauberer und Recken. Immerhin sind die Frauenfiguren weitaus lebensechter und realitätsnaher gezeichnet als beim alten Meister (sogar die Elfenkönigin!).

_Der Autor_

Raymond Feist, geboren 1945 in Los Angeles, studierte an der Universität San Diego und war Fotograf und Spielerfinder, ehe er mit dem Schreiben begann. Fast alle seine Romane spielen auf der erfundenen Welt Midkemia, die zu Anfang ein regelrechter Mittlerde-Klon war, mit Elfen und Zwergen, die sich dann aber rasch weiterentwickelte und auch gewisse Science-Fiction-Elemente enthält. Dazu gehört der „Spalt“, den ich immer als Dimensionstor aufgefasst habe, und der das „magische“ Tor zur Welt Kelewan bildet – in beide Richtungen. Die Midkemia-Romane sowie die Krondor-Saga wurden auch zu Rollenspielen verarbeitet; sie dürften mehr als zwei Dutzend Bände umfassen, speziell in den gesplitteten deutschen Ausgaben bei Goldmann/Blanvalet.

_Handlung_

Pug ist ein Waisenkind und hat kaum Chancen im Leben. Sein einziger Freund ist der Halbelf Tomas. Da nimmt ihn der Magier Kulgan in die Lehre, und es zeigt sich, dass Pug – er rettet damit Carline, der Tochter des Herzogs, das Leben – über eine neuartige Methode verfügt, Magie anzuwenden. Pug ist ein Held, Tomas hingegen lediglich ein unscheinbarer Schwertkämpfer – vorerst.

Beide können zeigen, was in ihnen steckt, als Soldaten von einer anderen Welt in den Westen des Königreichs einfallen. Die Armeen überfallen alles in der Nähe der Berge, deren Minen sie ausbeuten wollen. Pug, nunmehr in den herzoglichen Hofstaat aufgenommen, reist mit Kulgan und Herzog Borric über die Berge nach Osten, um den jungen König Rodric von der Gefahr zu unterrichten. Leider fallen den Angriffen von Dunkelelben viele Begleiter zum Opfer, und Tomas verschwindet in den Minen.

Herog Borric wird zum Befehlshaber der Armeen des Westens ernannt, und auch Pug kann nicht zurück in die Heimat reisen, um Borrics Tochter Carline seine Liebe zu beweisen. Der verschollene Tomas findet in der Höhle eines sterbenden Drachen eine wundersame Rüstung und ein erstklassiges Schwert: Die Rüstung wird nie schmutzig und das Schwert nie schartig. Nachdem er gehört hat, dass Pug bei einem Angriff auf die Eroberer gefangen genommen wurde, kämpft Tomas noch härter gegen die Tsurani. Mit knapper Not entkommen er und seine Zwergenfreunde zu den guten Elben und zu Königin Aglaranna.

Der Rest des Buches ist ausgefüllt mit dem Kampf um die Burg von Herzog Borric, Crydee. Hier beweist sich Prinz Arutha als genialer Soldatenführer. Die Tsurani ziehen sich geschlagen zurück.

_Kurzes Fazit_

„Der Lehrling des Magiers“ ist also nur die erste Hälfte der Geschichten um Pug und Tomas. Die Fortsetzung heißt „Der verwaiste Thron“. Dies ist bunte Fantasy der unterhaltsamsten Art und lässt sich jedem jung gebliebenen Fantasy-Anhänger guten Gewissens empfehlen. Wer jedoch etwas anderes als Tolkien-Imitatoren mag, der suche woanders.

|Originaltitel: Magician: Apprentice, 1982
Aus dem US-Englischen übertragen von Dagmar Hartmann|

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Morde in der Rue Morgue, Die (POE #7)

„Die Morde in der Rue Morgue“ ist der siebte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hat auch in den ersten vier Hörbüchern der Serie mitgewirkt:

– [Die Grube und das Pendel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=744
– [Die schwarze Katze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=755
– [Der Untergang des Hauses Usher]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761
– [Die Maske des Roten Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=773

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:

#5: [Sturz in den Mahlstrom]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=860
#6: [Der Goldkäfer]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=867
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

Seine Originalstory „The murders in the Rue Morgue“ lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Zwei grausige Morde haben in der Rue Morgue stattgefunden, doch die Polizei ist ziemlich ratlos. Sie können sich nicht vorstellen, wer als Täter in Frage kommt, noch wie es dem Täter überhaupt gelang, zum jeweiligen Tatort zu gelangen. Doch Auguste Dupin hält sich an die Gesetze der Logik, wie etwa an „Occams Rasiermesser“: „Wenn man alles, was nicht in Frage kommt, hat ausschließen können, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch aussehen mag.“ Folglich war der Mörder kein Mensch … – Der Rest ist eine ziemlich spannende Mörderjagd.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren.

_Die Sprecherin_

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem |Bambi| und der |Goldenen Kamera| ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon sechs Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach dem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führen soll. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten …

_Handlung_

Endlich an Land! Möwen kreischen und Glocken bimmeln, um Leonie und den Fremden, der sich Edgar Allan Poe nennt, in New Orleans zu begrüßen. Er und seine Lebensretterin haben noch nicht herausgefunden, warum jemand ihn umbringen will, doch er will sich darüber keine Sorgen machen. Er erinnert sich jedoch, dass sein Psychiater Dr. Templeton dagegen war, dass er abreiste. Leonie prophezeit ihm, dass die Vergangenheit ihn einholen werde – wie ein Affe, den man nicht loswird und der einem ständig hinterherläuft.

Etwa so wie der Affe, der bei der Minstrel Show auf einer der Straßen Possen reißt und Passanten anbettelt, während ein Tamburin- und ein Knochenspieler, Mr. Tambo und Brother Bones, Musik machen. Leonie und Poe finden in einer billigen Pension am Hafen Quartier, unweit der Leichenhalle, der Morgue. Sie checken als Ehepaar ein, ihre Zimmer sind durch eine Tür miteinander verbunden. Poe döst in der Hitze ein und sein Geist kreiert wieder mal Phantasmen und einen bemerkenswert zusammenhängenden Traum …

(Übergang zur Binnenhandlung)

Die Szene wechselt nach Paris, wo ein gewisser Auguste Dupin, seines Zeichens Privatdetektiv, lebt. Doch der spielt erst ganz am Schluss eine Rolle. Man muss ihn jedoch kennen, denn er entscheidet mit seinen Erkenntnissen über das grausige Geschehen über das weitere Schicksal der Hauptfigur.

Dabei handelt es sich um einen Malteser Seemann, der auf einer Insel Schiffbruch erlitten hat und sich nun Ben Gunn nennt, nach der berühmten Figur aus Robert Louis Stevensons Roman „Die Schatzinsel“. Ein junger Orang-Utan hat sich ihm auf Borneo angeschlossen, und den nimmt er nach seiner Rettung auf einem Walfänger mit. Der Affe eignet sich Kunststücke an, so etwa ahmt er hervorragend das Bartschneiden mit Hilfe eines scharfen Rasiermessers nach.

Als Ben in Paris eintrifft, ist er kein armer Schlucker, sondern im Grunde ein reicher Mann: Er hat einen Schatz auf seiner Insel gefunden und einen kleinen Teil davon mitgebracht, hauptsächlich Gold in einem Beutel. Ben, der sonst eigentlich ein umgänglicher Bursche ist, sperrt den Affen ein, wenn er ausgeht, und prügelt und peitscht ihn, wenn das Tier unartig war. Dazu wird Ben leider mehrmals Anlass haben …

Eine lebhafte Hafenszene, mit Möwengekreisch, Glockengebimmel, Hufgetrappel, Hundegebell. Ben bemerkt zwei Bürgersfrauen, die ratlos das Hafenbüro suchen. Sie scheinen Mutter und Tochter zu sein. Ein Fass rollt auf sie zu und wirft die Tochter ins Hafenbecken. Wird sie ertrinken?! Ben zögert nicht, ihr nachzuspringen und sie aus dem Wasser zu retten. Doch sie ist bewusstlos, und er bittet einen vorüberhastenden Arzt, ihm zu helfen. Die Wiederbelebung ist erfolgreich, und Ben belohnt den seltsamerweise nur widerwillig Hilfe leistenden Dottore mit einem Geldstück. Die Mutter lädt Ben zum Tee ein.

Bevor sich Ben zur Rue Morgue begibt, wo Madame L’Espanaye und ihre Tochter wohnen, sperrt er seinen Affen ein. Während Ben sich zur jungen Dame sehr hingezogen fühlt, verbietet die sittenstrenge Mutter jeglichen unschicklichen Kontakt, besonders nachdem er zugegeben hat, einen Affen zu haben. Dieser Ausdruck ist insofern komisch, als er auch bedeutet, etwas zu viel über den Durst getrunken zu haben. Ben lässt sich zu einem Wortspiel hinreißen, in dem Muscheln und Perlen vorkommen. Eine vorwitzige Anspielung, die sofort von Madame niedergebügelt wird.

Nach seiner Rückkehr findet Ben sein Zimmer verwüstet vor, der Affe wurde freigelassen. Ständig hat er nun das Gefühl, von einem Schatten verfolgt zu werden. Für den Affenkäfig kauft er sich nun einen schweren Eisenriegel. Ob das hilft?

Am Abend trifft er zufällig Mademoiselle L’Espanaye wieder, die sich beim Hafenmeister nach einem Schiff namens „Dimitri“ erkundigt. Wie sie dem ihr sympathisch gewordenen Ben anvertraut, wartet sie auf einen Sarg, den die „Dimitri“ aus Osteuropa bringen sollte. Er enthalte ihre Verwandte Lucienne L’Espanaye, doch auch einige Erbstücke wie etwa Perlen, die ein kleines, aber dringend benötigtes Vermögen wert seien. Doch der Hafenmeister hat gerade Meldung erhalten, dass die „Dimitri“ in der Biskaya gesunken sei. Mademoiselle (wie erfahren nie ihren Namen) L’Espanaye ist untröstlich, und der hoffnungsvolle Ben darf sie nach Hause bringen und Zukunftspläne schmieden.

Wieder fühlt er sich verfolgt. Wohl mit Recht, denn in ihrer Wohnung sieht auch Mademoiselle ein Gesicht am Fenster, das aber gleich wieder verschwindet. Als er in seine eigene Wohnung zurückkehrt, erfährt er vom Besuch eines Arztes. Das Zimmer ist verwüstet, der Affe übt im Bad das Rasieren. Als Ben es einzufangen versucht, entkommt das Tier mitsamt dem scharfen Rasiermesser. Ihre Verfolgung führt sie zu einem gewissen Haus in der Rue Morgue …

_Mein Eindruck_

Wie ein kurzer Vergleich dieser Handlung mit der Originalstory zeigt, dreht es sich nun keineswegs um spannende Ermittlungen, sondern um eine romantische Liebesgeschichte, die in einer Bluttat grausig endet. Auch die Täter sind etwas anders verteilt, und die Motive sowieso. Insgesamt ist der neue Entwurf nicht ohne Reiz, denn er spricht nicht, wie Dupins rationale Logik, so sehr die Vernunft an, sondern vielmehr auch die Emotionen des Hörers.

Die Wirkung dringt ungleich tiefer als Poes Finale. Ich musste feststellen, dass die Bluttat, unterstrichen von einer enervierenden Musik, mich den Atem anhalten ließ. Soeben hat man sich noch (mit Bens Augen sehend) in die liebevolle und vom Schicksal gebeutelte Mademoiselle L’Espanaye verliebt, da wird ihr auch schon das Schlimmste angetan – von ihrer Mutter, der liebenswerten Schreckschraube, ganz zu schweigen.

Man kann daher durchaus Bens emotionales Chaos, seine Benommenheit nachvollziehen, als nach Hause zurückkehrt und anderntags einem gewissen Auguste Dupin gegenübersteht, der ihm die Leviten liest. Dieser Plot ist ein Meisterstück an subtiler Lenkung der Emotionen des Zuhörers. Dafür wird allerdings die Plausibilität des Geschehens vernachlässigt. Ein gestrengerer Kritiker könnte den gesamten Plot „wegen Irrationalität“ in die Tonne treten.

Nun könnte man sich natürlich – ob der Verlagseinordnung als Horrorhörspiel – zynisch fragen, was denn, bitte schön, an einem simplen Doppelmord so horrormäßig sei. Das Blut an den Wänden, auf der Straße? Na schön, vielleicht könnte es sich dabei um Horror handeln. Auch spannende Ermittlungen gibt es hier nicht zu besichtigen und voyeuristisch zu begleiten, in der Hoffnung, das Böse zur Strecke zu bringen. Ganz im Gegenteil: Diesmal ist es der vermeintlich Gute, der sich unversehens in eine Gräueltat verwickelt sieht. Können wir dem Universum noch trauen? Oder müssen wir hinter diesen Vorgängen – wie Ben Gunn – das Wirken eines finsteren Verfolgers vermuten, quasi eine (Welt-)Verschwörung?

Und schon wieder taucht ein Arzt auf …

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

|Mr. Poe alias Ben Gunn|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Folge spielt die Liebe für seine beiden Figuren eine zentrale Rolle: Poe findet größten Gefallen an Leonie, und dass sie als Ehepaar einchecken, gibt ihm Anlass zu schönsten Hoffnungen. Mademoiselle L’Espanaye ist noch ein ganzes Stück jünger, aber dafür noch schnuckeliger, ein wahres Goldstück – oder, besser noch, eine Perle. Ihr schreckliches Ende trifft Ben umso härter. Pleitgen legt größtes Gefühl in seine Stimme, um den chaotischen Gemütszustand Bens auszudrücken. In solchen Szenen stellt er sein ganzes Können unter Beweis.

|Miss Leonie Goron alias Mademoiselle L’Espanaye|

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. Sie kann aber auch im richtigen Moment zuschlagen.

Mademoiselle L’Espanaye ist eine naive, weil streng behütete junge Dame. Wie gesagt: ein schnuckeliges Goldstück, das ein klein wenig an Amélie erinnert. Sie interessiert sich für Affen und – aufgepasst! – sie weiß um das Geheimnis von Muscheln und Perlen. Diese doppelthematische Symbolsprache zieht sich durch das gesamte Hörspiel in Binnen- und Rahmenhandlung. Die Autoren versuchen uns etwas damit zu sagen. Jeder Hörer muss es für sich selbst entschlüsseln.

|Auguste Dupin|

Besonders verblüfft hat mich das Auftreten von Auguste Dupin. Da seine Rolle von Manfred Lehmann gesprochen wird, erklingt auf einmal die (deutsche) Stimme von Gerard Depardieu. Das ist insofern sehr passend, als Depardieu in dem Detektiv-Horror-Fantasy-Thriller „Vidocq“ die titelgebende Rolle eines Meisterdetektivs gespielt hat. Es ist lediglich bedauerlich, dass „Dupin“ nicht die Gelegenheit ergreift, Ben zu erklären, wie er auf die Lösung des Falles gekommen ist. Dafür müssen wir dann wieder das Original von Poe lesen (siehe oben).

|Sound und Musik|

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet: siehe meine Beschreibung oben. Hier kann sich der Hörer einfühlen. Hier wünsche ich mir die dreidimensionale Empfindung, die Dolby Surround vermittelt. Vielleicht wird es einmal alle acht POE-Hörspiele auf einer DVD in Dolby Surround (DD 5.1) oder DTS geben – das wäre mein bescheidener Traum.

Die Musik bildet die perfekte Ergänzung: Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei, Vokalisen der Sängerin Gaby Bultmann – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen.

Ganz besonders eindrucksvoll fand ich die Szenen in Paris. Denn hier kommen noch ein charakteristisches Akkordeon (Klaus Staab) und eine Klarinette (Tim Weiland) hinzu. Während das Akkordeon – o là là! – romantische Gefühle weckt, ist die Klarinette für unheilvolle Untertöne zuständig. Auf dem Höhepunkt in der Rue Morgue erklingt eine chaotische Kakophonie, die perfekt zum blutigen Geschehen passt und geeignet ist, den Zuhörer entsprechend zu erschrecken. Das ist ganz schön makaber.

|Der Song|

In der neuen Serie hat Lübbe den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe Orange Blue (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen. Passt perfekt zum Perlenmotiv der Binnenhandlung.

_Unterm Strich_

Der Hörer sollte sich diesmal zufrieden geben und nicht die üblichen zwei oder drei Höhepunkte verlangen: Er bekommt nämlich diesmal nur ein Finale. Doch dieses ist so schön und geschickt aufgebaut, dass seine dramatische Wirkung umso nachhaltiger sein dürfte. Ich jedenfalls war ein wenig (ein ganz klein wenig) erschüttert.

Auch den üblichen Wahnsinn sucht man vergebens. Zunächst jedenfalls. Keine spinnerten Schatzsucher trampeln durch die Botanik; kein Mahlstrom lockt mit dem sicheren Tod in den Irrsinn. Allenfalls der Liebe süßer Wahn lockt unseren Helden durch Pariser Gassen. Der Tod offenbart sich in schrecklicher Zufälligkeit und sicher nicht, um irgendjemandes Nerven zu schonen.

Sprecher, Musiker, Toningenieure – ihre Leistung muss ich wieder einmal lobend hervorheben. Wie leicht könnte ein so emotionales Geschehen übertrieben, unecht oder gar abgeschmackt wirken. Hier ist vielmehr Subtilität gefragt, ohne die Lebhaftigkeit der Figuren zu verdecken. Dies gelingt den beiden zentralen Sprechern Pleitgen und Berben hervorragend.

|Ausblick|

Wieder ist ein kleines Puzzlestückchen enthüllt worden, das einen Hinweis auf den Drahtzieher der Anschläge auf Herr „Poe“ liefert. Ärzte allenthalben – sie spielen eine zwielichtige Rolle sowohl in Poes Träumen als auch in seiner Realität. Und sicherlich hat das eine mit dem anderen zu tun. Wir können außerdem nicht hundertprozentig sicher sein, dass nicht auch Leonie Goron etwas im Schilde führt oder in den Plänen eines Arztes eine Rolle spielt.

|Originaltitel: The murders in the Rue Morgue
66 Minuten auf 1 CD|

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Goldkäfer, Der (POE #6)

„Der Goldkäfer“ ist der sechste Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hatte auch auf den ersten vier Hörbüchern der Serie die Hauptrolle inne:
– [Die Grube und das Pendel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=744
– [Die schwarze Katze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=755
– [Der Untergang des Hauses Usher]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761
– [Die Maske des Roten Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=773

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:
#5: [Sturz in den Mahlstrom]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=860
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan der Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen, wohin er 1830 zurückkehrte, um diese dann ein Jahr später endgültig zu verlassen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern. 1836 heiratete er seine damals dreizehnjährige Cousine Virginia Clemm.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne ihn sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und verschiedene weitere Figuren.

_Die Sprecherin_

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem |Bambi| und der |Goldenen Kamera| ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und verschiedene weitere Figuren.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon fünf Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach dem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führen soll. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Schau an!

_Handlung_

Einen Tag von New Orleans entfernt kreuzt die „Independence“, auf der sich der Mann, der sich Edgar Allan Poe nennt, befindet, in einer Flaute. Schon ist das Wasser knapp und der Ausguck hält nach einer Insel Ausschau, auf der sich vielleicht eine Quelle befindet.

Zu dieser Zeit erfährt Leonie Goron viel über Poes Leben und was er durchgemacht hat. Sie fragt ihn daher: „Glauben Sie an diese Träume?“ Will heißen: Sind seine Albträume Prophezeiungen, Botschaften seines Unterbewussten? Ein ziemlich moderner Gedanke. Wenig später nimmt Poe auch ihren Körper erstmals als attraktiv wahr …

Die Rahmenhandlung kommt etwas voran. Der Sarg, den Leonie von Europa aus begleitet, ist an einen gewissen Tempelten adressiert, abgeschickt vom Bruder der im Sarg Bestatteten, einer gewissen Lucy Monahan. Poe stutzt: Handelt es sich bei diesem Tempelten um seinen Dr. Templeton? Die Schreibweise weicht jedenfalls ab.

Er fragt sich auch: Wenn diese Lucy Monahan die beste Freundin von Leonie war, warum weiß Leonie dann so wenig über Lucys Familie? Lucy lebte nicht in Paris wie Leonie, sondern in einer Landschaft namens Bukowina, nachdem sie sich von ihrer Familie getrennt hatte. Als Lucy ihre Freundin per Brief zu sich rief, hatte sie nicht mehr lange zu leben. Als Leonie bei ihr eintraf, hatte sie Selbstmord begangen. Der Rest ist bekannt: Leonie begleitete ihren Sarg auf dem untergegangenen Schiff, der „Demeter 2“, über den Atlantik – bis Poe auf der „Independence“ beide an Bord nahm.

„Land!“ An Steuerbord wird eine Insel gesichtet. Kapitän Hardy (Jürgen Wolters) meint, es handle sich wohl um die Sullivans-Insel, einem „merkwürdigen Stück Land“, das nach den zahlreichen Myrtensträuchern durftet, die darauf gedeihen. Poe kommt der Name irgendwie vertraut vor. Als er sich ausruht, schläft er ein und träumt.

(Übergang zur Binnenhandlung)

Er schlüpft in die Rolle eines Mr. Simpson, eines schon etwas betagten Herrn mit nicht gerade allerbester Konstitution, der sich als Archäologe betätigt. Gerade wartet er auf Sullivan’s Island, einer Flussinsel (!) auf die Ankunft eines jungen Fräuleins, das ihn zu sich in ihre Hütte bestellt hat.

Diese intelligente junge Frau namens Lucy Legrand (bei Poe ist es ein William) ist ein höchst quirliges Frauenzimmer, auch wenn ihr Alleinleben irgendwie anstößig wirkt – jedenfalls in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nachdem sie sich wegen einer missbilligten Liebschaft mit ihrem Vater überworfen hatte, war sie vor zwei Jahren aus dem Elternhaus aus- und auf die Insel gezogen, wo sie sich nun offenbar mit amateurhaften Forschungen in der Pflanzen- und Insektenwelt die Zeit vertreibt.

Mr. Simpson soll ein außergewöhnliches Insekt begutachten: einen Goldkäfer. Er liegt schwer in der Hand und krabbelt noch. Auch einen Papierfetzen hat sie am Fluss gefunden, aber weil nichts draufsteht, wirft sie ihn zum Feuer, um ihn später zu verbrennen. (Bei Poe trägt der Käfer die Zeichnung eines Totenschädels. Der Diener Jupiter, den auch Lucy hat, ist abergläubisch und ahnt Schlimmes.)

Der Arzt des Städtchens, wo Simpson lebt, weiß von Legenden, in denen die Rede vom Geist eines Piraten ist, der einen unermesslichen Schatz an dieser Küste bewache. Als Simpson ihn wegen einer Erkältung konsultiert, erzählt er ihm auch von Lucys Hirngespinsten und dem Goldkäfer. Wenig später ruft sie ihn zum Fluss: Er soll auf eine Expedition mitfahren. Simpson staunt nicht schlecht: Spaten, Fernglas, Sense – und natürlich Jupiter. Was soll das bedeuten?

Aufgeregt erzählt ihm Lucy, dass der Papierfetzen mit einer Geheimschrift bedeckt sei: Es handelt sich um eine Schatzkarte. Dreimal darf er raten, welchen Schatz sie nun heben wolle!

Der brave Mister Simpson ist nun ebenso sicher wie der Diener Jupiter, dass die arme Miss Lucy komplett den Verstand verloren hat. Er soll sich irren. Doch er ahnt nicht, welch grausames Ende sein Abenteuer mit ihr nehmen wird.

_Mein Eindruck_

Ein Sack voll glücklicher Zufälle kommt der guten Lucy also zu Hilfe. Ich bin aber nicht sicher, ob es in Poes Original wesentlich logischer zugeht. Immerhin gelingt es jedes Mal, die kodierte und in unsichtbarer Tinte geschriebene (Zitronensaft?) Schatzkarte zu entschlüsseln. Die Schwierigkeiten beim Aufspüren der richtigen Grabungsstelle sind eine andere Sache, und daran ist vor allem der Diener Jupiter schuld …

Die Hörspielfassung ist selbstverständlich viel romantischer und konfliktreicher aufgezogen, als es Poes Original jemals war. Der Autor bekam seinen Wettbewerbsgewinn vor allem für die trickreiche Entschlüsselung der Schatzkarte, die noch heute als Lehrmaterial für angehende Kryptographen dienen könnte. Dieser Prozess gibt aber in dramaturgischer Hinsicht überhaupt nichts her und wurde deshalb gestrichen. Man erfährt aber, dass Lucy Erkundigungen bei einem alten Einsiedler unweit der Stadt eingezogen hat und so auf die richtige Lösung gekommen ist: Der Teufelssitz über der kleinen, abgeschiedenen Bucht muss der Ort sein, den das X markiert. Und dort wartet der unheilvoll aufragende Baum mit dem Totenschädel – siehe das Titelbild …

Diese Binnenhandlung führt zu einem recht unerwarteten Actionhöhepunkt, der für Mr. Simpson bzw. unseren träumenden Mr. Poe recht unangenehm endet. Aber der Hörer bekommt noch mehr geliefert: Auch die Rahmenhandlung verfügt über einen Höhepunkt, der es an Dramatik und Action durchaus mit der Goldkäfer-Story aufnehmen kann: Poe und Leonie erkunden das Eiland und stoßen auf einen riesigen Baum auf einer Lichtung, der fatal an den Baum auf dem Teufelssitz erinnert. „Glauben Sie an Träume, Miss Goron?“, fragt er daher ahnungsvoll.

Mr. Poe fällt auf, wie stark sich die beiden Handlungen ähneln: Die Lucy im Traum trug nämlich das gleiche Gesicht wie Miss Goron. Und auf beiden Ebenen spielte ein gewisser Doktor eine unheilvolle Rolle. Dies veranlasst mich zu dem Verdacht, dass in Poes Geist alle Ärzte eine sinistre Qualität angenommen haben, seitdem er in Dr. Templetons Behandlung gewesen ist. Und Poe tut vielleicht sogar gut daran, Ärzten zu misstrauen. Jemand will ihm ans Leben, doch wer steckt dahinter?

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

|Mr. Poe alias Simpson|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Folge ist von Poes frohgemuter Stimmung nichts mehr übrig geblieben. Die beiden Anschläge haben ihn ebenso ins Grübeln gebracht wie der Traum vom „Sturz in den Mahlstrom“.

Deshalb bildet der joviale Mr. Simpson einen Ausgleich mit seinem menschenfreundlichen, aber leider zu vertrauensseligen Gemüt, durch das er Miss Lucy in schwere Bedrängnis bringt.

|Miss Leonie Goron alias Lucy Legrand|

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5. In „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird.

Auch in der Rolle der wesentlich jüngeren Lucy Legrand, in der ich sie fast nicht wieder erkannt hätte, verleiht Iris Berben der Szene den gewissen Pfiff: Sie sorgt für Action in der Binnenhandlung und setzt ihre Intelligenz für ein ansonsten wahnwitziges Unternehmen ein: die Hebung eines Piratenschatzes.

|Israel Hands|

Der bekannte Schauspieler Benno Fürmann wird im Booklet als Sprecher eines gewissen „Israel Hands“ aufgeführt. Bei dieser Figur, deren Namen in Episode 5 und 6 nicht genannt wird, könnte es sich um den Matrosen handeln, der immer wieder lautstark in „Mahlstrom“ zu hören ist („Ein Sarg an Bord – das bringt Unheil“) und dann in „Der Goldkäfer“ einen recht wirkungsvollen Auftritt hat. Mehr darf nicht verraten werden.

|Jupiter|

Auch die Rolle des Dieners Jupiters darf nicht verschwiegen werden. Jupiter ist wichtig, weil er erstens Unheil ahnt, denn das Ausbuddeln von Skeletten und Schätzen ist seiner Ansicht nach bestimmt kein gottgefälliges Treiben. Und zweitens sorgt er mit seinem Fehler des Verwechselns von links und rechts für eine Erhöhung bzw. Verzögerung der Spannung bei der Schatzsuche.

Thomas B. Hoffmann gestaltet die Stimme und Ausdrucksweise Jupiters auf so lebhafte und glaubwürdige Weise, dass man kaum glauben würde, er sei nicht mit einer dunklen Haut auf die Welt gekommen. Seine Rolle des gottesfürchtigen Dieners, der lieber Reißaus nehmen würde als nach Knochen zu buddeln, trägt so auch stark zum komischen Aspekt der Schatzsuche bei und beleuchtet die verschrobene Natur dieses Unterfangens.

|Sound und Musik|

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Besonders auffällig ist dies während der beiden Höhepunkte: Der soundmäßige Hintergrund stimmt einfach von A bis Z. Und wer genau aufpasst, kann sogar die Schritte von Leonie an Bord der „Independence“ erlauschen.

Die Musik bildet die perfekte Ergänzung: Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei, Vokalisen der Sängerin Gaby Bultmann – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Ganz besonders eindrucksvoll gelingt dies auf dem Höhepunkt der Schatzsucher-Szene und dem anschließenden Überfall.

|Der Song|

In der neuen Serie hat |Lübbe| den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe Orange Blue (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen. O yeah, baby.

_Unterm Strich_

„Der Goldkäfer“ ist sozusagen Grusel für die ganze Familie – äh, ab 12. Schließlich können Jüngere wohl kaum etwas den Skeletten, Totenschädeln und mysteriösen Käfern abgewinnen, die in der Binnenhandlung das Dekor für eine abenteuerliche Schatzsuche bilden. Auch die Rahmenhandlung geht nicht ohne blutige Action zu Ende, und das sollte man vielleicht nicht unbedingt den Kleinen zumuten. Andererseits bekommen Splatterfreunde, für die nicht genug Lebenssaft spritzen kann, wenn es „guter“ Horror sein soll, hier fast nichts geboten, das ihren Blutdurst stillen könnte.

Wie schon „Sturz in den Mahlstrom“ ist „Der Goldkäfer“ in meinen Ohren eine sehr gute Hörspiel-Produktion, die auch sehr verwöhnte Ansprüche erfüllen kann. Die Sprecher, die Musiker, der Tonmeister – ihre Leistungen wirken hervorragend zusammen, um für eine Stunde ein perfektes Gruselerlebnis zu bescheren. Und das zu einem sehr annehmbaren Preis.

Maupassant, Guy de – HR Giger\’s Vampirric 4 – Der Horla

In der vierten Folge von HR Giger´s Vampirric findet sich die Vampir-Geschichte „Der Horla“ von Guy de Maupassant. Es liest Torsten Michaelis. H. R. Giger spricht persönlich das Vorwort und läutet so auf seine ganz persönliche Art das Grauen ein.

_Der Autor_

Guy de Maupassant lebte von 1850 bis 1893. „Der aus lothringischem Adel stammende, in der Normandie aufgewachsene Maupassant war nach Jurastudium und Teilnahme am Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 im Marine-, dann im Unterrichtsministerium tätig. Nach dem Erfolg der Novelle „Boule de suif“ (1880, dt. „Fettklößchen“, 1900) widmete er sich ganz der Schriftstellerei.

Die Bandbreite seiner fast 300 Novellen reicht von traditionellen schwankhaften Dreiecksgeschichten über die seit der Romantik beliebten Schauernovellen und phantastischen Erzählungen, meist tragisch endende Liebesgeschichten bis hin zu sozialkritischen Novellen. Er veröffentlichte sechs Romane, von denen „Bel Ami“ (1885) verfilmt wurde. In seinem Stilwillen und seiner Freiraum lassenden Erzählhaltung kommt Maupassant seinem literarischen Ziehvater Gustave Flaubert nahe, mit dem er auch die pessimistische Weltsicht teilt.“ (zitiert nach: Harenbergs Lexikon der Weltliteratur, S. 1945/46). Er fürchtete sich vor einem eingebildeten Doppelgänger und schrieb darüber in der Novelle „Lui“. Auch „Der Horla“ weist in diese Richtung.

|Der Sprecher|

Ich kenne Torsten Michaelis als den Synchronsprecher von Wesley Snipes. Durch sein Spektrum an verschiedenen Klangfarben wird er für die unterschiedlichsten Rollen eingesetzt. Er kann auf über 400 synchronisierte Filme zurückblicken.

Neben Wesley Snipes leiht er seine markante Stimme auch Martin Lawrence, Sean Bean, Don Cheadle, Thomas C. Howell, Jason Scott Lee, Salvatore Marino, Sergio Rubini, James Russo, Chris Tucker, Brandon Lee. Kein Scherz – das steht in seiner Selbstbeschreibung.

_Handlung_

Die Geschichte folgt der Form eines Tagebuchs. Der erzählte Zeitraum erstreckt sich über einen Sommer, von Mai bis September. Der Ich-Erzähler erzählt am 8. Mai von seiner ländlichen Heimat in der Nähe von Rouen, von wo er die Glocken der großen Kathedrale läuten hört. Unweit der idyllischen Ufer der Seine befindet sich der elterliche Landsitz. Auf der Seine betrachtet er die schönen Schiffe, darunter welche aus dem fernen Brasilien …

Nur wenige Tage später verspürt er eine seltsame Traurigkeit, Gereiztheit und später Fieber. Ihn beschleicht das Gefühl drohender Gefahr und er macht sich Gedanken um das „Mysterium des Unsichtbaren“: Der Mensch kann weder das unsichtbar Kleine, etwa Mikroben, noch das unendlich weit Entfernte sehen, etwa Galaxien.

Nach einem ergebnislosen Arztbesuch hat er einen Albtraum, dass ihn ein Dämon würgt, der ihm auf der Brust sitzt und den er nicht abzuschütteln vermag. Dies wiederholt sich Nacht für Nacht, bis ihn sogar tagsüber das Gefühl beschleicht, verfolgt zu werden. Wird er wahnsinnig?

Auf einer Kurreise zum Mont St. Michel erzählt ihm ein Mönch von Geisterstimmen. Nach der Rückkehr – es ist Anfang Juli – geht der Albtraum von Neuem los. Als er bemerkt, dass seine Wasserkaraffe am nächsten Morgen leer ist, fragt er sich, ob er nicht selbst ein Schlafwandler ist. Einfache Versuche mit der Karaffe bestätigen ihm jedoch, dass es ein anderes Wesen sein muss, das das Gefäß leert.

Doch welche Art von Wesen vermag zugleich unsichtbar zu sein und ihm die Lebenskraft auszusaugen?

_Mein Eindruck_

Die berühmte Erzählung thematisiert den Horror, der damit verbunden ist, dass eine unsichtbare, fremde Macht parasitär Besitz von einem Menschen ergreift und ihn zu Taten zwingt, die er gar nicht begehen will. Wohlgemerkt, hier geht es nicht nur um den Entzug von Lebenskraft, wie ihn der altbekannte, inzwischen schon heimelig wirkende Vampir praktiziert. Hier geht es vielmehr auch um die Inbesitznahme von Willen und Verstand des Opfers. Der solcherart Besessene wird quasi ferngesteuert, nur mit dem Unterschied, dass der Steuernde im Kopf seines Instrumentes sitzt.

Der Autor zieht die damals bekannten Techniken der psychischen Steuerung heran, nämlich die als Mesmerismus etc. bekannte Hypnose, insbesondere den posthypnotischen Befehl, etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt auszuführen. Der Erzähler wird selbst Zeuge eines solchen Psycho-Experiments an seiner Schwester, als er in Paris weilt, wo man den Dingen des Unsichtbaren normalerweise abgeklärt gegenübersteht. Als er seine eigene Notlage erklären will, um Hilfe zu erlangen, wird er daher ausgelacht.

Auf sich selbst zurückgeworfen, muss er umso angestrengter danach trachten, seinen Meister, den er inzwischen den „Horla“ nennt, zu besiegen. Sein Anstrengungen kann man einfach nur heldenhaft und einfallsreich nennen, wenn sie auch auf tragische Weise Neben-Opfer fordern. Was aber, wenn der Horla unsterblich ist und selbst den letzten Vernichtungsversuch überleben könnte?

Ein Aspekt, der in meinen Augen diese Geschichte aus dem Umfeld der Vampirstorys heraushebt, ist die Überlegung, dass der Horla a) der Nachfolger der Spezies Mensch auf der Erde ist und b) von den Sternen kommt. Beide Vorstellungen sind bislang der Science-Fiction vorbehalten geblieben, doch Maupassant hat sie bereits geäußert, lange bevor H. G. Wells 1898 seinen Invasionsroman „Krieg der Welten“ veröffentlichte, der fortan das Klischee vom Alien-Monster bestimmen sollte.

|Der Sprecher|

Manche Sprecher lesen eine Geschichte nur vor, manche aber spielen sie vor. Torsten Michaelis gehört mit „Der Horla“ zur zweiten Kategorie. Da der Schurke im Stück ja unsichtbar und quasi un(an)greifbar ist, gehört eine Menge Darstellungsvermögen dazu, die Reaktionen auf dieses Un-Wesen herauszustellen, um wenigstens auf diesem indirekten Wege den Horror, den es verbreitet, zu vermitteln. Und Michaelis gelingt dies auf sehr eindringliche Weise.

Man würde auch nicht unbedingt annehmen, dass sich die Form des Tagebuchs für eine dramatische Schilderung von Horror eignet. Doch hier ist eben der Knackpunkt: Der Horror ist rein psychologisch statt äußerlich (außer an einer Stelle). Deshalb ist es umso wirkungsvoller, dass Michaelis bestimmte Passagen im Tempo ebenso moduliert wie in der Tonlage und der Tonstärke. Mal liest er langsam, mal schnell, dann wieder leise oder laut. Auf diese Weise erzielt er nicht nur den gewünschten eindringlichen Effekt, sondern hält auch unsere Aufmerksamkeit wach.

_Unterm Strich_

Die beiden wirkungsvollsten und besten Erzählungen in der Vampirric-Reihe sind zweifellos [„Das Grabmal auf dem Père Lachaise“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=583 und „Der Horla“. Welche von den beiden nun die „bessere“ ist, hängt von der individuellen Vorliebe des Hörers ab. „Das Grabmal“ ist anschaulicher, szenischer aufgebaut und bedient weitaus mehr Klischees aus der Vampirliteratur.

Mit Vampiren dieser Art hat „Der Horla“ nichts am Hut. Auch die Bezeichnung „Vampir“ fällt kein einziges Mal. Und doch geht „Der Horla“ weiter als „Das Grabmal“, indem er den Horror, der von der Besessenheit durch ein Fremdwesen von den Sternen ausgeht, nicht nur zu einem globalen, aber weltimmanenten Grauen aufbauscht, sondern es sogar zu einem kosmischen Grauen à la Lovecraft ausbaut. Die Horlas werden Menschen ablösen – gibt es eine größere Horrovision? Und all dies ist mit einer Stilsicherheit erzählt und mit anschaulichen Beispielen gespickt, dass auch der Durchschnittsleser noch etwas damit anfangen kann (sofern er nicht Splatterfan ist).

Der Sprecher Torsten Michaelis macht mit seiner Präsentationskunst „Der Horla“ praktisch schon zu einem Hörspiel, und Geräusche und Musik kann man sich leicht hinzu denken, denn die Erzählung ist dafür anschaulich genug. Schaurig, so vermittelt es der Sprecher, ist auch das Finale der Novelle, wenn der Erzähler die letzte Konsequenz aus dem Erfahrenen erkennt und zieht. Das hat Klasse.

_Der Herausgeber_

HR Giger wurde 1940 in Chur, Schweiz, geboren. Im zweiten Stock des Elternhauses befand sich sein legendäres schwarzes Zimmer. Die fortschreitende Transformation aus einem Jugendzimmer zu einer Werkstätte, in eine Waffenschmiede, bis hin zu einer ägyptischen Grabkammer wurde zur ersten Kostprobe der Kreativität Gigers. 1977 erscheint sein Bildband „Giger´s Necronomicon“. Daraufhin folgt der weltweite Durchbruch. 1980: Oscar für „Alien“. Seit 1981: Arbeit an Projekten wie Poltergeist 2, Species und Alien 3. 1988: Eröffnung der Giger-Bar in Tokio. 1991: Sein Bildband ARh+ erscheint in sieben Sprachen. Seit Mitte der Neunziger Jahre arbeitet HR Giger unermüdlich an seinem Museum. Dies befindet sich im mittelalterlichen Schloss Saint-Germain in Gruyères, Schweiz. Das Museum beherbergt Gigers persönliche Kunst-Sammlung, seine eigenen Bilder und Skulpturen. Das jetzige Museum ist die erste Stufe eines umfassenden Gesamt-Kunstwerkes. HR Giger ist einer der bedeutendsten modernen Künstler weltweit. (Verlagsinformation)

|Umfang: 78:32 Minuten auf 1 CD|

Strobl, Karl Hans – HR Giger\’s Vampirric 3 – Das Grabmal auf dem Père Lachaise

In der dritten Folge von HR Giger´s Vampirric findet sich nur eine Vampirgeschichte, aber die hat es in sich: „Das Grabmal auf dem Père Lachaise“ von Karl Hans Strobl. Es liest David Nathan. Das Vorwort spricht HR Giger. „Es ist eine unvergessliche Horrorgeschichte über Gier, Wahnsinn und Alpträume, die sich jeder selber macht“, behauptet der |Festa|-Verlag.

_Der Autor_

HR GIGER: „Dieses Mal erwartet Sie bei Vampirric eine Geschichte von Karl Hans Strobl, der zu Lebzeiten einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren war. Strobl, ein Österreicher, der zusammen mit Meyrink und Ewers zu den wichtigsten deutschen Phantasten des frühen 20. Jahrhunderts zählt, starb 1946. Es ist eine Geschichte über die teuflische Gier, das menschliche Übermaß und den Wahnsinn. Zu welchen Taten den Mensch ein wenig schnöder Mammon nur treiben kann! … Eine wirklich böse Story! Und ich mag böse Storys – Sie nicht auch?“

Zum Herausgeber schreibe ich am Schluss etwas.

_Handlung_

„Das Grabmal auf dem Père Lachaise“ besteht im Wesentlichen aus den Tagebuchauszügen des Wissenschaftlers Ernest, der sich, da er bettelarm ist, auf einen äußerst merkwürdigen Deal einlässt: Die am 13.3.1913 – also wenige Jahre zuvor – verstorbene Gräfin Anna Feodorowna Wassilska hat in ihrem Testament verfügt, dass demjenigen Mann zweimal hunderttausend Franken aus ihrem Nachlass gegeben werden sollen, der es schafft, ein Jahr in ihrem marmornen Grabmal auf dem bekannten Pariser Friedhof Père Lachaise zu leben. Hier sind ja etliche Künstler begraben, darunter nicht zuletzt auch Jim Morrison.

Wir brauchen aber für Ernest, den Ich-Erzähler, keinerlei Mitleid zu hegen, denn er ist ein von sich selbst sehr überzeugter Jünger der optischen Physik. Im Grabmal schreibt er sein erstes Buch, das unter anderem auf seinen Aufzeichnungen im Grabmal basieren soll. Hier will er eine Theorie des Lichts aufstellen und untermauern. Von dem nicht unbeträchtlichen Lohn plant er eine Vortragsreise sowie einen Urlaub mit seiner Frau Margause zu finanzieren.

Um Verpflegung während des einen Jahres braucht er sich keine Sorgen zu machen. Iwan, ein „borstiger Tatar“, hässlich wie die Nacht und seiner nun toten Herrin noch immer treu ergeben, versorgt Ernest mit den exquisitesten Speisen, doch soll dies gemäß Testamentsbestimmungen der einzige Kontakt sein, den der Wissenschaftler pflegen darf. Schon bald nimmt der Leibesumfang des Grabbewohners erheblich zu. Soll er etwa gemästet werden? Der Tatar gibt keinen Piep von sich. Er erinnert Ernest lieber an die Geschichte vom nekrophilen Sergeanten, der auf dem Friedhof sein Unwesen treiben soll.

Doch auch das in der Gruft bestattete Frauenzimmer verdient unser Mitgefühl nicht. Ein Vamp bleibt eben ein Vamp. Die Madame Wassilska muss nach dem Bild, das Ernest uns zeichnet, nicht nur mannstoll wie Katharina die Große gewesen sein, sondern obendrein reichlich brutal und grausam. Einen Bäckerlehrling biss sie beispielsweise zweimal, so dass er lieber Reißaus nahm. Ihren Bediensteten, etwa wehrlosen Kammerzofen, trieb sie Nadeln ins Fleisch. Auf ihrem Foto fallen Ernst die ungewöhnlich „grausam weißen“ Zähne auf …

In der Gruft ereignen sich unerklärliche Phänomene. Obwohl kein Wind ging, sind Ernests zahlreiche und wohlsortierte Notizzettel durcheinander gewirbelt. Ein grünliches Leuchten geht vom Stein des eigentliches Grabes und der bronzenen Grabplatte aus – sehr interessant, gerade für einen Optophysiker. Handelt es sich etwa um Röntgenstrahlen oder gar um den mysteriösen Äther? Wirken hier intermolekulare Kräfte? Die Steinstruktur selbst scheint sich regelmäßig um Mitternacht in Gallert zu verwandeln. Der Gallert brennt auf der Haut. Das ist für Ernest aber auch nichts Neues, denn polnische Experimente im galizischen Lemberg beschreiben ein ähnliches Phänomen.

Richtig ernst wird’s für Ernest aber erst, als er nicht mehr durch den schmalen Zugang zur Gruft passt: Er ist so gemästet worden, dass er zum Gefangenen der Gruft geworden ist. Nach dem Allerseelentag stellt er fest, dass er gebissen und ausgesaugt wurde. Geradezu elend fühlt er sich, als er einen Zettel findet, auf dem eine Botschaft steht: „Der Atem der Katechana“.

Iwan verrät ihm auf seinen Drängen hin, dass es sich bei der „Katechana“ um die Gräfin handelt: „eine, die nie genug haben kann vom Opfer der Mannheit, bis jenseits des Todes“. Ernest beschleicht ein übler Verdacht: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Verflüssigung der Grababdeckung, dem grünen Leuchten und den allnächtlich wiederkehrenden Bissen in seinem Hals?

_Mein Eindruck_

Na, servus! Mit Physik hat dies wohl weniger zu tun als vielmehr mit Metaphysik. Schon solche antiquierten Begriffe wie der noch um 1900 herum postulierte „Äther“ als universelles Trägermedium kennzeichnen den Wissensstand des „Helden“ als einen Physiker, der immer noch auf der Schwelle zur Metaphysik steht. Und wenn es nicht um sehr viel Geld ginge, das ihn korrumpiert, hätte er sich wohl kaum auf eine solch makabre Forschungsstätte eingelassen, die eines echten Physikers schwerlich würdig ist.

Der eng umgrenzte Raum des Grabmals ist ein exzellentes Experimentierfeld: Hier treffen zwei Zeiten und Kulturen aufeinander. An der Nahtstelle zwischen modernem Leben und uralter Totenkultur treffen sich der wissenschaftlich-rational orientierte Westen mit dem weitaus mysteriöseren Osten des europäischen Kontinents, mit den alten legenden Asiens von den Vampyri. Von diesen Wesen hat Ernst offensichtlich noch nichts gehört, denn alle seine Erklärungsversuche und haltlosen Theorien betreffen nur Bildungsbruchstücke, gehen aber an dem eigentlichen Phänomen weit vorbei. Umso genauer treffen sie den Leser bzw. Hörer, der sich allmählich seinen eigenen Reim darauf machen muss. Umso wirkungsvoller ist das Grauen, das sich im Hörer unterschwellig breitmacht.

Bereits die Charakterisierung der Gräfin sollte Ernest einen wichtigen Hinweis liefern: eine männermordende Nymphomanin mit grausamen Zügen; mit „grausam weißen“ Zähnen und „Fingern wie Klauen“. Dazu passen die klassischen Versatzstücke wie etwa die Gruft, Nekrophilie, ewiger Hunger über den Tod hinaus, Bissmale, sich zersetzende Materie, der stumme Diener, ein Todeshauch, unheimliches Leuchten und dergleichen mehr. Doch der Vampir selbst ist, wie sich zeigt, weit mehr als nur ein materielles Phänomen. Er dringt in den Verstand seines Opfers und beschwört allerlei Trugbilder.

Ernst ist jedoch beileibe kein tumbes Opferlamm. Natürlich darf zwar der actionreiche Schluss nicht verraten werden, aber der als Opfer Auserkorene weiß sich durchaus wirkungsvoll seiner lädierten Haut zu wehren. Obwohl die Ereignisse im Grabmal auf eine Krise zutreiben, so verblüfft doch das Ausmaß der nun gebotenen Action den auf sachten Grusel eingestimmten Zuhörer.

|Der Sprecher|

David Nathan ist Regisseur und gilt außerdem als einer der besten Synchronsprecher Deutschlands. Im deutschsprachigen Kino erlebt man ihn als Synchronstimme von Johnny Depp, „Spike“ oder Christian Bale. Auch auf den Webseiten zu den „Drei ???“ findet man seinen Namen einschlägig erwähnt. Nathan hat für |LPL records| bereits eine Erzählung auf der Hör-Anthologie „Necrophobia 1“ gesprochen, außerdem tritt er auf „Das Ding auf der Schwelle“ und „Der Schatten über Innsmouth“ in Erscheinung. „Das Grabmal“ wird von ihm souverän und mit einer zunehmenden Eindringlichkeit vorgetragen, der man sich nur sehr schwer entziehen kann.

Ich konnte nur einen Aussprachefehler feststellen: Müsste der Name des bekannten Physikers und Mathematikers Henri Poincaré nicht französisch statt englisch ausgesprochen werden?

_Unterm Strich_

In seinem Aufbau ist „Das Grabmal“ offensichtlich an viele der Frauenerzählungen von Edgar Allan Poe angelehnt. Ob nun die vampireske Lady Ligeia, Morella, Eleonora oder wie sie alle heißen – es ist eine unheimliche Frauengestalt, die durch ihren Bann den ihr psychisch oder emotional ausgelieferten Mann erst um den Verstand und dann um sein armseliges Leben bringen wird. Das psychische Band ist jedoch bei Strobl durch physikalische bzw. metaphysische Phänomene ersetzt, was die Story zwar moderner, aber weitaus weniger romantisch macht.

Die andere Komponente, die Poe entspricht, ist die Bemühung der Hauptfigur, all die seltsamen Phänomene, die er beobachtet oder am eigenen Leib erfährt, wegzurationalisieren (im Sinne von „ratiocination“ à la Auguste Dupin), indem er die Erkenntnisse der Naturwissenschaft anführt. Diese geistigen Waffen gegen Geister einzusetzen, erweist sich selbstverständlich (und ironischerweise) als völlig zwecklos. Die immaterielle Welt obsiegt über die kläglichen Versuche, sie mit Erkenntnissen aus der materiellen Welt zu erklären. Insofern ist diese Erzählung wiederum zutiefst romantisch.

Stellt man Modernität und Romantizismus nebeneinander, so ergibt sich der Eindruck einer Erzählung, die einer Zeit des Übergangs entspricht. Gut möglich, dass sie unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs entstand, als die alte, so wohlgeordnet erscheinende Welt der Monarchien und des Großbürgertums unter den Stiefeltritten faschistischer und kommunistischer Bewegungen verschwand. Es dürfte wohl kein Zufall sein, dass die Gräfin Wassilska als Vertreter eines absolut herrschenden Adels genau im Vorjahr des Kriegsausbruches das Zeitliche segnete und fortan ihre Grabinsassen als Vampir beehrt – böser Schatten einer versunkenen Welt. Adieu, belle epoque!

Das Hörbuchs inszeniert diese reichhaltige Erzählung mit angemessenen Mittels. Besonders der Sprecher David Nathan vermittelt die unterschwellige Botschaft ausgezeichnet mit seinem Vortrag.

Innerhalb der Vampirric-Serie ist „Das Grabmal …“ mit Sicherheit ein Höhepunkt. Noch besser gefiel mir allerdings [„Der Horla“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=584 weil dort die horrible Vision des Autors geradezu kosmische Dimensionen annimmt.

_Der Herausgeber_

HR Giger wurde 1940 in Chur, Schweiz, geboren. Im zweiten Stock des Elternhauses befand sich sein legendäres schwarzes Zimmer. Die fortschreitende Transformation aus einem Jugendzimmer zu einer Werkstätte, in eine Waffenschmiede, bis hin zu einer ägyptischen Grabkammer wurde zur ersten Kostprobe der Kreativität Gigers. 1977 erscheint sein Bildband „Giger´s Necronomicon“. Daraufhin folgt der weltweite Durchbruch. 1980: Oscar für „Alien“. Seit 1981: Arbeit an Projekten wie Poltergeist 2, Species und Alien 3. 1988: Eröffnung der Giger-Bar in Tokio. 1991: Sein Bildband ARh+ erscheint in sieben Sprachen. Seit Mitte der Neunziger Jahre arbeitet HR Giger unermüdlich an seinem Museum. Dies befindet sich im mittelalterlichen Schloss Saint-Germain in Gruyères, Schweiz. Das Museum beherbergt Gigers persönliche Kunst-Sammlung, seine eigenen Bilder und Skulpturen. Das jetzige Museum ist die erste Stufe eines umfassenden Gesamt-Kunstwerkes. HR Giger ist einer der bedeutendsten modernen Künstler weltweit. (Verlagsinfo)

|Umfang: 78:22 Minuten auf 1 CD|

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Sturz in den Mahlstrom (POE #5)

„Sturz in den Mahlstrom“ ist der fünfte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hat auch die ersten vier Hörbücher der Serie vorgelesen:
– [Die Grube und das Pendel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=744
– [Die schwarze Katze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=755
– [Der Untergang des Hauses Usher]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761
– [Die Maske des Roten Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=773

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:
#5: Sturz in den Mahlstrom
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben

|Der Autor|

Edgar Allan Poe (gestorben 1849) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Er gab verschiedene Zeitschriften heraus, veröffentlichte aber nur wenige eigene Werke in Buchform, sondern sah seine Geschichten und Gedichte lieber in Zeitschriften gedruckt. Er starb im Alkoholdelirium. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Fremden, der sich „Edgar Allan Poe“ nennt.

|Die Sprecherin|

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und nach zehn Wochen entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon vier Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach dem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise.

_Handlung_

Mit dem Segelschiff „Independence“ begibt sich der Fremde, der sich den Namen Edgar Allan Poe zugelegt hat, auf eine Seereise nach New Orleans. Von dort will er weiter in den Fernen Osten. Der Segler und sein Kapitän Hardy scheinen in Ordnung zu sein, doch kurz vor dem Auslaufen sieht Poe, wie ein Fremder einem der Matrosen etwas übergibt.

Das Schiff ist noch nicht lange auf See, als ein schwerer Belegblock auf Poe herabstürzt und ihn nur um Haaresbreite verfehlt. Das Seil daran ist jedoch nicht durchschnitten, und so macht sich Poe keine Sorgen deswegen. Ein Sturm ist im Anzug, sagt Käptn Hardy mit knorriger Stimme (Jürgen Wolters). Und eines der Opfer dieser stürmischen Gegend wird wenig später gesichtet.

Poe rudert zwecks Erkundung des Schiffswracks mit der Mannschaft hinüber. Das Erste, was man entdeckt, ist ein Sarg an Deck. „Das bringt Unglück“, dürfte ja wohl klar sein. Obwohl der Bootsmann sich zum Verlassen des sinkenden Wracks anschickt, sucht Poe noch achtern in den Kajüten – und wird fündig: Eine weibliche Gestalt in langem weißem Gewand erscheint wie ein Gespenst und fragt ihn: „Wo bin ich?“

Das Boot ist weg, das Schiff sinkt. Poe und die Lady springen ins Meer und finden sich später neben dem ominösen Sarg treiben. Nachdem die „Independence“ sie aufgefischt hat, stellt sie sich als Leonie Goron (mit französischer Aussprache) vor. Sie fragt ihn, ob er an Zufälle glaube. In der folgenden Nacht schiebt Poe ebenfalls Wache, weil der Sturm erwartet wird. Nach seiner Ablösung verschwindet der andere Matrose spurlos. Vielleicht sollte er sich spätestens jetzt Sorgen machen.

Der Sturm bricht unvermittelt los, und Poe und Leonie müssen unter Deck. Hier hat Poe wieder mal einen seiner typischen Albträume. (Es ist die Handlung von Poes titelgebender Story.)

An der norwegischen Küste wird der Fisch zwischen den küstennahen Inseln knapp, so dass zweien der der letzten unabhängigen Fischer, den Brüdern Per und Tore, nur noch die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub bleibt: Sie verkaufen entweder ihr Boot und verdingen sich als Matrosen beim reichsten Fischer Lars Hansen – oder sie blicken dem Tod ins Auge und versuchen ihr Glück bei den Äußeren Inseln. Doch dort lauert in der Meerenge ein Verderben bringender Mahlstrom auf Fischer, die nicht rechtzeitig zurückfahren. Ganze Dreimaster habe er schon verschlungen, erzählt das Seemannsgarn in der Hafenkneipe.

Doch Per wettet, er sei ein besserer Fischer als Lars Hansen. Dessen höhnisches Gelächter bringt ihn auf die Palme. Er setzt sein Boot ein, doch Lars muss ihm die Erlaubnis geben, um die Hand seiner Schwester Susanne anhalten zu dürfen, wenn Per gewinnt. (Ist doch immer eine Frau im Spiel, nicht?) Listig gibt Susanne ihm eine Taschenuhr mit, so dass er den Tidenwechsel besser einschätzen kann.

Doch der Chronometer erweist sich als ebenso trügerisch wie das Meer über dem Mahlstrom. Zu spät bemerken Per und Tore, wie es sich verändert und schließlich zu einem riesigen Trichter öffnet. Ihr schlimmster Albtraum scheint in Erfüllung zu gehen, da erkennt Per den Weg zur Rettung. Tore hält ihn für völlig durchgeknallt. Kein Wunder: Wer würde im Angesicht des sicheren Todes schon sein Schiff verlassen?

_Mein Eindruck_

Während die Binnenhandlung, die im Albtraum erzählt wird, ziemlich genau Poes genialer Horror-Story „Descent into the Maelstrom“ folgt, verarbeitet die Rahmenhandlung in freier und kreativer Weise Motive aus Poes Story „The oblong Box“ („Die längliche Kiste“). Darin befindet sich ebenfalls ein Sarg an Bord eines Segelschiffes, das unseren Erzähler von A nach B bringen soll. Jeder Matrose, der einen Schuss Pulver wert ist, weiß natürlich, dass ein Sarg an Bord Unglück magnetisch anzieht. Und denen von der „Independence“ geht es genauso. Recht haben sie, wie die folgenden Geschehnisse belegen. Offenbar zweimal entgeht Mr. Poe einem Anschlag auf sein Leben. Wer steckt dahinter? Die zweite Frage lautet natürlich: Warum besteht Leonie Goron so hartnäckig darauf, den Sarg an Bord zu nehmen, statt ihn der See zu übergeben?

Die zentrale Erzählung, „Der Sturz in den Mahlstrom“, gehört zu den wirkungsvollsten Meisterwerken der Horrorliteratur. Ähnlich wie „Grube und Pendel“ gerät die Hauptfigur durch Furcht und Schrecken in einen seelischen Zustand, der ihm eine „gleichgültige Neugier“ erlaubt. In diesem Zustand quasi außer sich, bemerkt er wie ein vernünftig denkender Mensch ein Phänomen, das er normalerweise nie wahrgenommen hätte: Massereiche Gegenstände erreichen den zerstörerischen Grund des riesigen Strudels schneller als kleine, leichtere. Dieser Beobachtung lässt er sogar die richtige Handlungsweise folgen, so wahnwitzig und selbstmörderisch sie auch erscheinen mag. Kein Wunder, dass ihn sein Bruder für verrückt hält, widerspricht dies doch dem so genannten „gesunden Menschenverstand“. Und wir dürfen annehmen, dass Per nun die Hand der süßen Susanne sicher ist.

|Die Sprecher / Die Inszenierung|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. Als das Schiff ausläuft, das ihn zu neuen Ufern bringen soll, klingt er richtig frohgemut – genau wie die Musik, die sich machtvoll zu einem vorwärts drängenden Thema aufschwingt.

Während der Binnenhandlung spricht er auch Per, der den Mahlstrom erforscht. Ihn begleitet als Tore, Pers Bruder, Manfred Lehmann, der verdächtig wie die deutsche Stimme von Nick Nolte klingt. Auch der bekannte Schauspieler Benno Fürmann wird im Booklet als Sprecher eines gewissen „Israel Hands“ aufgeführt. Diese Figur konnte ich aber nicht entdecken. Kommt vielleicht noch.

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn aus. Der wird wohl noch benötigt … Auch in der Rolle als Susanne Hansen, in der ich sie fast nicht wiedererkannt hätte, verleiht Berben der Szene den gewissen Pfiff: Sie ist das listige Frauenzimmer, hinter dem Per her ist, das aber offenbar auch eigene Pläne verfolgt.

|Sound und Musik|

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt: wenn der Stürm wütet, wenn die Möwen kreischen, wenn Poe und Leonie halbtot im Meer treiben, im Regen, das Knarren der Takelage und vieles mehr. Der Hörer kommt sich vor wie der blinde Passagier auf einer abenteuerreichen Seereise, wie einst [Arthur Gordon Pym.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=781

Die Musik bildet die perfekte Ergänzung: Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei, Vokalisen der Sängerin Gaby Bultmann – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Ganz besonders eindrucksvoll gelingt dies auf dem Höhepunkt der Mahlstrom-Sequenz, als die Musik die Katastrophe geradezu beängstigend spürbar macht.

|Der Song|

In der neuen Serie hat |Lübbe| den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe |Orange Blue| (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen. O yeah, baby.

_Unterm Strich_

Mit diesem Hörbuch beginnt eine neue Staffel von POE-Hörspielen bei |Lübbe|. Waren die ersten vier Hörspiele schon ob ihrer hervorragenden Produktionsqualität mit dem |Deutschen Phantastik Preis| 2004 ausgezeichnet worden, so legt |Lübbe| diesmal noch einen drauf. War die erste Staffel vom Charakter eines Kammerspiels gekennzeichnet, so weitet sich nun die Bühne zu Breitwandfilm-Cinemascope-Dimensionen. Sound, „Film“-Musik, Sprecher, Schnitt, Erzählstruktur – alle tragen zu einem hörbaren Kinoerlebnis bei.

Der Ausflug in Phantasieregionen dauert nur rund eine Stunde, aber das ist völlig in Ordnung – die Erzählstruktur trägt nur zwei bis drei Höhepunkte und ist am Ende offen. Will heißen: Hier muss offenbar noch einiges nachfolgen. Bin schon sehr gespannt.

|Umfang: 68 Minuten auf 1 CD|

Brooks, Terry – Ausgestoßene von Shannara, Der

Bestseller-Autor Terry Brooks erzählt die Vorgeschichte seines bekannten Fantasy-Zyklus‘ um das Königreich Shannara. Er verrät, wie es zum ersten König von Shannara kam.

_Handlung_

Während des ersten großen Krieges hatten die Druiden von Paranor in Shannara mitansehen müssen, was geschehen konnte, wenn Magie in die falschen Hände geriet. Seitdem widmeten sie sich nur noch dem Studium der herkömmlichen Wissenschaften. Nur einige wenige von ihnen, darunter der Druide Bremen, befassten sich noch mit Magie und den alten Geheimlehren. Und die Druiden waren sich schnell einig, was mit dem Frevler zu geschehen hatte – sie schlossen Bremen aus ihrer Gemeinschaft aus.

Doch der nunmehr Ausgestoßene macht eine Entdeckung, die nur allzu deutlich darauf hinweist, dass man sich in Paranor in falscher Sicherheit wiegt. Aus den Nordlanden fallen Trolle in die Vier Länder ein, und ihre Späher sind Schädelträger – abtrünnige Druiden, die sich der Schwarzen Magie verschrieben haben. Ihr Anführer ist der Dämonenlord Brona, und sein Ziel ist die endgültige Unterwerfung der Vier Länder mitsamt der Vernichtung ihrer Völker. Doch die Druiden haben längst die Macht verloren, um seinen Armeen zu widerstehen.

Also macht sich Bremen nach Paranor auf, um Hilfe gegen Brona zu holen und die Druiden zu warnen. Er wird nicht ernstgenommen außer von zwei alten Freunden, Risca und Kinson. Wenig später schließt sich ihm eine junge Frau an, die über empathische Kräfte verfügt, sie aber nicht zu kontrollieren versteht. Mit Hilfe eines Orakels vom Geist eines Toten erfährt Bremen mehr über die Zukunft. Es steht nicht zum Besten.

In einer breit angelegten Rettungsaktion begeben sich die Gefährten zu verschiedenen Völkern, um sie vor Bronas Horden zu warnen und zum Widerstand aufzurufen. Doch Bremen begibt sich mit einem magischen Schwert zum Schädelberg, um dort eine weitere Geheimwaffe zu holen. Es gelingt ihm mit knapper Not, denn Bronas Trolle sind bereits überall. In einer über hundert Seiten beschriebenen Schlacht – genauer: eine Reihe davon – wird Brona schließlich von den vereinten Völkern bekämpft. Die Führung haben Bremen und der künftige König von Shannara. Wie’s ausgeht, will ich hier nicht verraten.

_Fazit_

Der Roman ist gut und übersichtlich strukturiert, wird nicht überhastet, sondern wohlverständlich erzählt. So hat der Leser Muße, über die Motivationen der verschiedenen Beteiligten nachzudenken. Die mehreren Höhepunkte werden daher umso intensiver erlebt, bis schließlich der üble Brona verjagt ist. Diese Punkte täuschen allerdings nicht darüber hinweg, dass sich in menschlicher Hinsicht nichts Neues oder Aufregendes ergibt. Man hat den Eindruck, als habe Brooks mit dieserm Vorgeschichte-Roman eine Pflichtübung absolviert – dieser Aufgabe hat er sich mit Anstand entledigt. Seine später folgenden Landover-Romane, die in der Gegenwart spielen, sind weitaus besser und ausgereifter.

|Originaltitel: First King of Shannara, 1996
Aus dem US-Englischen übertragen von Susanne Gerold.|

Harris, Robert – Pompeji

Im Sommer des Jahres 79 n. Chr. kommen wie eh und je die Reichen und Schönen aus Rom in ihre Villen am Meer, um Urlaub zu machen. Attilius, ein Wasserbaumeister, ist jedoch wegen der Arbeit hier. Er ersetzt in Misenum, Pompeji und Herculaneum den spurlos verschwundenen Vorgänger Exomnius. Diese und andere Unstimmigkeiten an der lebenswichtigen Wasserleitung Aqua Augusta scheinen kriminellen Ursprungs zu sein.

Als der Vesuv ausbricht, der den Anwohnern jahrhundertelang so friedlich erschien, dass sie seine Existenz kaum noch wahrnahmen, muss Attilius um seine neue Freundin Corelia bangen, die von ihrem korrupten Vater Ampliatus eingesperrt wurde. Kann er sie rechtzeitig erreichen und aus der Apokalypse, die sich nun entfaltet, retten?

_Der Autor_

Robert Harris wurde 1957 im britischen Nottingham geboren. Nach seinem Geschichtsstudium in Cambridge war er als BBC-Reporter und politischer Redakteur des „Observer“ tätig. Die historischen Hintergründe seiner Romane recherchiert Harris als Historiker exakt. Trotzdem schreibt er keine Sachbücher: Er will die Leser gleichzeitig unterhalten und informieren, schreibt der Verlag.

Mit seinem Roman „Vaterland“ gelangte er 1992 in die internationalen Bestsellerlisten, danach folgten das ebenfalls verfilmte „Enigma“ sowie „Aurora“ (1998). Harris ist heute ständiger Kolumnist der Tageszeitung „The Times“. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in einem alten Pfarrhaus in Kintbury bei London.

_Der Sprecher_

Jürgen Tarrach erhielt seine Schauspielausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien und stand seit Mitte der neunziger Jahre in zahlreichen großen Rollen auf der Bühne. Zu seinen Filmerfolgen zählen „Die Musterknaben“, neben Oliver Korittke, und – zusammen mit Dietmar Bär – „Durch dick und dünn“ sowie diverse Rollen in Film und Fernsehen. (Verlagsinfo)

_Handlung_

Misenum, 22. August 79, noch zwei Tage bis zum Ausbruch des Vesuv. Bereits zwei Stunden vor Sonnenaufgang quält sich ein kleiner Arbeitertrupp die Hänge des Vulkans empor. Der neue Wasserbaumeister Attilius ist erst drei Tage im Amt, nachdem seine Vorgänger Exomnius spurlos verschwunden ist. Daher nehmen ihn seine Arbeiter ob seiner Jugend – er ist erst 27 – nicht für voll und murren. Vor allem Corax, der Aufseher, scheint etwas gegen Attilius, den Römer, zu haben. Was genau das ist, wirst erst später klar, aber dann ziemlich eindeutig. Corax steht nicht nur in Diensten des römischen Staates.

|Die Lebensader Kampaniens|

Attilius hat die Aufgabe übernommen, die Aqua Augusta instand zu halten und mit diesem 60 Kilometer langen Aquädukt die gesamte Region Kampanien rings um den Vulkan mit Wasser zu versorgen. Es ist die längste Wasserleitung der Welt, eine architektonische Meisterleistung. Kein Wunder, dass sich durch die optimale Wasserversorgung zahlreiche Reiche in ihren Villen angesiedelt haben und ihre Gäste mit raffinierten Wasserspielen unterhalten. Nur das Erdbeben, das Pompeji einmal schwer beschädigt hat, erscheint auf ihrer inneren Landkarte als kleine Störung. Die Stadt hat sich nämlich inzwischen davon erholt. Etwas störender ist die Dürre, die seit drei Monaten Kampanien belästigt.

Als Attilius eine Grube ausgehoben hat, um eine neue Quelle anzulegen, ist er nicht wenig erstaunt, als das Wasser sofort wieder versiegt. Doch dies ist nur der Anfang vom Ende. Binnen weniger Stunden versiegt das Wasser der gesamten riesigen Wasserleitung: Acht Gemeinden sind abgeschnitten. Attilius hat so etwas noch nie erlebt und kann es sich nicht erklären. Ist die Wasserleitung gebrochen?

|Ampliatus und Corelia|

Zwei Frauen holen ihn aus dem Wasserreservoir der Stadt zur Villa Hortensia in Misenum. Sie wollen, dass er die Wasserqualität in den Fischzuchtbecken der Villa prüft. Das Wasser kommt aus dem noch vollen Reservoir, nicht aus der versiegten Aqua Augusta. Weil sich diese Qualität eventuell verändert hat, sind vor wenigen Stunden die empfindlichen, aber als Luxusspeise beliebten Meerbarben gestorben. Dafür macht der Besitzer Ampliatus aber nicht das Wasser, sondern den zuständigen Sklaven verantwortlich. Die junge Corelia, Ampliatus‘ Tochter, ist entsetzt über die Rohheit, mit der er den Sklaven gefräßigen Muränen vorgeworfen hat.

Der Sklave ist bereits tot, als Attilius eintrifft und dem Wasser einen hohen Schwefelanteil attestiert. Er kann sich den Grund dafür zwar nicht denken, empfiehlt Ampliatus aber, die Leitung sofort zu sperren. Er selbst werde die Brunnen der Stadt sperren lassen. Schließlich soll kein Bürger Wasser trinken, das nach faulen Eiern stinkt. Als er Ampliatus verlässt, geht ihm Corelia nicht aus dem Kopf. Sie sieht seiner fünf Jahre zuvor im Kindbett gestorbenen Frau Sabina sehr ähnlich.

|Plinius|

Der Naturforscher Gaius Plinius, ein unglaublich korpulenter, aber intelligenter und gebildeter Soldat, ist Befehlshaber der römischen Kriegsflotte, die in Misenum ihren Stützpunkt im westlichen Mittelmeer hat. Bei einem Experiment wundert er sich, dass die Flüssigkeit in einem Weinglas nicht zu zittern aufhört – Erdbeben? (Plinius wird später, während des Ausbruchs, eine zentrale Rolle spielen.)

Attilius muss ihm melden, dass er die Brunnen sperren und das Wasser der Flotte rationieren lässt. Inzwischen haben Boten ein Bild vom Ausmaß der Wasserkatastrophe geliefert: Acht von neun Gemeinden haben kein Wasser mehr. Warum aber hat ausgerechnet Pompeji noch Wasser? (Das hat Attilius von einem Augur erfahren, der von dort gerade in Misenum eingetroffen ist.)

Um dies herauszufinden, erbittet Attlius als Beamter des Kaisers von Plinius ein schnelles Schiff. Es wird ihm gewährt, und Attilius ist am selben Tag noch in der vor 17 Jahren von einem Erdbeben zerstörten Stadt. Er staunt, wie rasch hier der Wiederaufbau vorangegangen ist, so dass sogar das Forum, der Marktplatz, fast wieder fertig ist. Woher kam das Geld dafür? Und warum lässt die Stadt frisches Wasser ins Meer laufen – gibt es hier denn Wasser im Überfluss?

|Pompeji|

23. August, noch ein Tag bis zum Ausbruch. Um die Unterstützung der Stadtverwaltung bei der Untersuchung und eventuellen Reparatur der Wasserleitung zu erhalten, sucht Attilius die zwei zuständigen Magistrate auf. Er findet sie in der Villa eines alten Bekannten: Ampliatus. Die Stadtväter sind keineswegs geneigt, Attilius ihre Unterstützung zu gewähren, denn sie glauben seinen Theorien von drohendem Unheil nicht.

Es ist vielmehr Ampliatus, der ihm zwölf Arbeiter anbietet, gegen einen kleinen Gefallen, versteht sich. Attilius ist jedoch ein wirklich ehrenwerter Mann, der sich rundweg weigert, irgendeine Gegenleistung zu gewähren – er hat das Recht, die zwölf Sklaven zu requirieren. Ampliatus ist nicht amüsiert. Gegen ehrenwerte Männer gibt es für ihn nur ein Mittel: einen Dolch in den Rücken.

Während Attilius allmählich gegen Ampliatus und seinen Vorgänger Exomnius einen schweren Verdacht hegt, begegnet ihm Corelia erneut, die heute noch besser aussieht. Kein Wunder, denn sie trägt nur eine leichte Tunika fürs Schwimmen. Selbst als er noch in der gleichen Nacht mit den Sklaven und einigen Ochsengespannen die Hänge des Vulkans erklimmt, geht sie ihm nicht aus dem Kopf.

Corelia ist wütend darüber, dass ihr Vater sie vor Attilius wegsperren will, schleicht sich in den Garten und belauscht den Mordauftrag, den ihr Vater erteilt. Sie stibitzt wichtige Dokumente und macht sich noch am Abend auf den Weg, Attilius zu warnen. Eine junge Frau, die ganz alleine auf einem Pferd durch die Wildnis am Fuße des Berges reitet – ein gefährliches Vorhaben. Doch sie hat ihr Schicksal an das des jungen Wasserbaumeisters geknüpft. Sie will keinen alten Knacker heiraten, der sie unter Verschluss hält, sondern wünscht sich eine Zukunft als freie Frau eines jungen, aufstrebenden Mannes.

Ihnen beiden bleiben nur noch wenige Stunden bis zum Ausbruch des Vesuv, der zwei volle Tage dauern wird. Werden sie der Apokalypse entgehen? Oder wird man sie zweitausend Jahre später als versteinerte Mumien aus der Asche des Vulkans graben?

_Mein Eindruck_

Insgesamt ist „Pompeji“ eine rundum gelungene Kombination aus Krimi, historischem Drama und Katastrophenthriller. Harris, Autor von historischen Thrillern wie „Enigma“ und „Vaterland“, hat saubere Arbeit geleistet.

|Der Krimi|

Ein Mann ist verschwunden, und zwar nicht bloß irgendein Mann, sondern der Wasserbaumeister der wichtigsten Wasserleitung für Kampanien. Sein eilig herbeigeholter Nachfolger Attilius muss sich daher nicht nur mit den Problemen des Alltags eines Wasserbaumeister beschäftigen, sondern muss dringend dieses Verschwinden aufklären. Schließlich könnte er der Nächste sein. War es ein Verbrechen, so hat jemand Exomnius umgebracht oder entführt. War es ein Unfall, so könnte Attilius die gleiche Gefahr drohen. In beiden Fällen liegt es in seinem ureigensten Interesse, den Fall schnellstens aufzukleren.

Doch so etwas wie eine Wasserpolizei gibt es offenbar ebenso wenig wie eine normale städtische Polizei, die für Attilius ermitteln könnte. Er muss sich selbst darum kümmern und begibt sich in die verrufensten Viertel von Pompeji, dorthin, wo man bis heute die Graffiti für Gladiatoren und einschlägigen Werbesprüche für Bordelle und Huren finden kann.

Und tatsächlich wird er fündig: Doch in Exomnius Zimmer fehlt etwas, ein Kästchen mit Dokumenten. Es sind die Dokumente, die Corelia ihrem Vater stibitzt, um sie Attilius zu bringen. Dadurch stößt er auf ein lange Jahre praktiziertes Verbrechen, das Exomnius zu einem reichen Mann gemacht haben muss. Doch wo befindet sich sein beiseite geschafftes Vermögen? (Banken wurden erst im Mittelalter erfunden.)

Kaum hat Attilius diese Erkenntnisse erhalten, sieht er sich an den Hängen des Vulkans verfolgt. Es ist Ampliatus‘ Auftragskiller.

Obwohl der grundlegende Drama-Plot zwischen Attilius und Corelia recht einfach aufgebaut ist, trifft dies für den Krimiteil nicht zu. Attilus‘ Ermittlungen mögen vielleicht nicht so kompliziert und wendungsreich sein wie die in Romanen von Patricia Cornwell oder Michael Connelly, doch sie müssen mit Sachverstand und einem Gespür für Menschen geführt werden, um erfolgreich zu sein. Wenn es auch nicht Attilius ist, der Exomnius‘ Schatz findet, so deckt er doch das Verbrechen auf.

|Der Katastrophen-Thriller|

Andere Dokumente, die Corelia ihm bringt, beschäftigen sich mit Vulkanismus. Dazu zählen bekanntlich sehr viele Phänomene: Gase, Fumarolen, heiße Tümpel, Krater, Auswurf aller Art. Exomnius war Sizilier und kannte sich mit den Phänomenen an den Hängen des Ätna aus. Wusste er, worauf die verstärkte unteridische Tätigkeit des Berges Vesuv hindeutete? Diese Fragen stellt sich Attilius selbst noch am Morgen direkt vor dem Ausbruch. Dann findet er die traurige Wahrheit heraus …

Der Leser oder Hörer fragt sich natürlich die ganze Zeit, warum erstens die Dokumente des Exomnius so wichtig sind und zweitens, warum niemand sonst in Kampanien die Vorzeichen für den bevorstehenden Ausbruchs des Vulkans richtig zu deuten vermag. Offensichtlich verhält es sich so, dass der Vulkan Vesuv seit Jahrhunderten nicht mehr ausgebrochen ist und das Wissen über Vulkanologie verloren gegangen ist – außer in Gegenden wie Sizilien, wo Vulkanausbrüche praktisch an der Tagesordnung sind.

Wenn Plinius & Co. registrieren, wie der Wein im Glas zittert, so führen sie dies entweder auf Wind, Götter oder ein entferntes Erdbeben zurück. Da 17 Jahre zuvor Pompeji durch ein Beben verwüstet wurde, ist das eine nahe liegende Erklärung. Der Naturforscher Plinius ist daher vom Ausbruch des Vesuv, als er erfolgt, nicht so sehr überrascht, dass er handlungsunfähig wäre. Vielmehr ist er in der Lage, Befehle zum koordinierten Einsatz von Kriegsschiffen zu geben, die den bald zu erwartenden Opfern Hilfe bringen sollen, so etwa zwecks Evakuierung.

Es ist ein erstaunlicher Effekt, wenn Plinius am Vulkan vorbeischippert und dabei seinem Sekretär diktiert, was er beobachtet: Sein geradezu klinischer Blick beschreibt eine aufsteigende Rauch- und Aschewolke, die ungeheuer hoch in den Himmel ragt. Bisher dachten Gelehrte, der von den Göttern bewohnte Himmel begönne ungefähr drei, andere meinten elf Kilometer (in Stadien gemessen) über der Erde. Aber diese ungeheure Wolke scheint diese Theorien zu widerlegen. Plinius‘ detaillierte Beschreibung führt dazu, dass solche Vulkanausbrüche noch heute „plinianisch“ genannt werden.

Richtig bizarr wird es dann, als Plinius‘ Galeere von einem Regen von Bimsstein zuerst zugedeckt und dann gestoppt wird. Da die gesamte Wasseroberfläche von leicht schwimmendem Bimsstein meterhoch bedeckt ist, gibt es kein Vorwärtskommen mehr. Steine regnen tonnenweise und stundenlang aufs Schiffsdeck, unter dem Besatzung und Passagiere Zuflucht gesucht haben. Das Ende der Welt scheint nicht nur nahe zu sein – es ist bereits angebrochen.

Als Attilus von der Küste nach Pompeji marschiert, um Corelia zu suchen, wandert er durch eine Albtraumlandschaft, die es mit jeder jemals ersonnenen Version der Hölle aufnehmen kann. Doch Pompejis Schicksal ist noch nicht besiegelt …

|Das historische Drama|

Ich bin vor etlichen Jahren einmal stundenlang durch die Ruinen von Pompeji gegangen: das gewaltige Forum mit den Säulen des zentralen Tempels, die kleinen Häuser der umliegenden Viertel, die mit bunten, kostbaren Wandfresken ausgemalten Villen (z. B. die „Villa der Mysterien“) – all dies beherbergte einstmals Menschen und viele andere Lebewesen. Die unter der heißen Asche zu Stein erstarrten „Mumien“ stammen nicht nur von Bürgern, sondern auch von Hunden und anderen Haustieren. Es sind tausende solcher „Mumien“ gefunden worden. Und das nur in einer der neun Städte am Fuße des Vulkans.

Dem Autor gelingt es, ein vielschichtiges Bild des damaligen Vesuvgebietes mit Leben zu füllen. Dies ist aber kein statischer Querschnitt, sondern verfügt über eine historische Tiefe. Viele Entwicklungen haben dazu geführt, dass Attilius diese Gegend so blühend vorfindet und vor allem in Pompeji auf einen Überfluss an Wasser stößt. Offenbar blüht hier nicht nur der Oleander, sondern auch das Verbrechen. Vielleicht ein frühe Form der neapolitanischen Camorra? Ampliatus ist der Pate der Stadt, und zwar in mehr als nur einer Hinsicht.

Für die Reichtümer, die die Adeligen in ihren Villa angesammelt haben, steht stellvertretend die Villa Calpurnia des Senators Cascus. Als Plinius seine Schiffe ausschickt, weiß er um die kulturellen Schätze, die hier in Gefahr sind, vernichtet zu werden. Die Villa ist Aufenthaltsort zahlreicher Philosophen, und der Senator hat aus Griechenland sämtliche 120 (!) Dramen des Sophokles herbeigeschafft. Alles verloren. Von den Dramen sind uns heute nur eine Handvoll überliefert.

Der Autor hat jede seiner Hauptfiguren mit Leben gefüllt: mit Zielen, Motiven, Erinnerungen, Wünschen und Ängsten, so dass aus dem historischen Roman durch das Aufeinandertreffen dieser Figuren ein Drama wird. Dies ist der eigentliche Motor der Handlung. Und dadurch stellt uns der Roman auch auf einer menschlichen Ebene zufrieden. Krimi und Katastrophen – das ist schön und gut, würde aber nur für oberflächliche Unterhaltung ohne Bedeutung für uns reichen. Erst das Drama hat Bedeutung, denn es behandelt Themen, mit denen wir uns noch heute identifizieren können: Liebe, Furcht und Schrecken, auch Tragik und möglicherweise sogar Heldentum.

|Humor|

Wie könnte ein Katastrophenthriller auf irgendeine Weise humorvoll sein, mag sich der Leser bzw. Hörer fragen. „Es gibt nichts Lukrativeres als Besitz in Pompeji“, sagt Ampliatus an einer Stelle. Allerdings gibt es bestimmte Einschränkungen, wie er erfahren muss. So etwas nennt man tragische Ironie.

_Der Sprecher_

Jürgen Tarrach erweist sich als überaus kompetenter Sprecher des Textes. Zwischen jedem Kapitel macht er eine deutliche Pause, so dass der Hörer nie im Zweifel ist, wo die eine Szene aufhört und die nächste anfängt. Dies ist umso notwendiger, als die Erzählung im Verlauf der Handlung auf vier Handlungsstränge aufgeteilt wird: Attilius, Corelia, Ampliatus, Plinius. Sie finden erst im letzten Drittel wieder zusammen.

Auch Tarrachs Vortrag selbst lässt nichts an Verständlichkeit zu wünschen übrig. Corelias Stimme ist deutlich wegen ihrer etwas höheren Stimmlage zu identifizieren. Plinius sticht mit seiner kurzatmigen, etwas heiseren Stimme ebenfalls deutlich heraus.

Nur bei Attilius und Ampliatus muss man ein wenig aufpassen. Doch der Letztere verrät sich durch einen etwas hinterlistigen öligen Tonfall als Ganove: der „Pate“ von Pompeji. Attilius hingegen ist stets der dynamische und von seiner Mission voll überzeugte, aufrechte Beamte des Kaisers, der es nie nötig hat, sich zu verstellen. Sein autoritäres Auftreten gegenüber dem reichen Ampliatus lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Es gibt aber eine gespenstische Szene, in der wir an Attilius selbst zu zweifeln wagen. Sie findet auf dem Gipfel des noch nicht ausgebrochenen Vulkans statt, und der Beamte stolpert durch eine Wüstenei von Schlacke und Asche. In einem der kleinen Krater hat sich ein Tümpel giftigen Gases – vermutlich Kohlenmonoxid – gebildet, und Attilius bekommt die Auswirkungen am eigenen Leib zu spüren. Sein Geist wird verwirrt, als das Gift seine Wahrnehmung beeinträchtigt. Noch unheimlicher fühlt er sich, als er über eine Leiche stolpert. Dieser Szenerie der Unterwelt und des Todes wird schließlich die Krone aufgesetzt, als der Mörder auftaucht, den Ampliatus auf Attilius angesetzt hat …

_Unterm Strich_

Der Autor hatte mit „Vaterland“ und „Enigma“ große Erfolge, doch sein dritter Roman „Aurora“ („Archangel“) ging bei uns ein wenig unter. „Pompeji“ hingegen könnte man keinen größeren Erfolg wünschen, als es ohnehin schon hat. Es ist ein auf drei Ebenen hervorragend funktionierender Roman und stellt jeden Leser zufrieden: Krimi, Katastrophenthriller und menschliches Drama.

Das Hörbuch kann eine rundum gelungene Lesung von Jürgen Tarrach vorweisen, die mir sehr gut gefallen hat. Sein Stimmumfang ist zwar begrenzt, doch für die Charakterisierung der vier Hauptfiguren reicht es allemal. Wenn sich |Random House/Bertelsmann| einmal zu einer Senkung seiner Hörbuchpreise entschließen könnte, so wäre dies ein weiterer Grund, das Hörbuch zu kaufen. Andere Verlage wie |Lübbe| können das ja auch.

|Umfang: 430 Minuten auf 6 CDs
Übersetzt von Christel Wiemken|

Basu, Jay – Sterne können warten, Die

Im deutsch besetzten Oberschlesien wächst 1940/41 der vierzehnjährige Gracian auf. Nachts schleicht er sich auf eine Waldlichtung, um die Sterne zu betrachten. Sein Bruder Pawel holt ihn da weg, schenkt ihm dann aber ein Teleskop, mit dem er die Sterne viel besser sehen kann. Gracian beobachtet aber auch seinen Bruder bei dessen nächtlichen Aktivitäten. Und die sind mitunter ziemlich gefährlich. Eines Nachts folgt er ihm …

|Der Autor|

Jay Basu ist der Sohn eines indischen Vaters und einer polnischen Mutter mit russischen und deutschen Vorfahren. Er hat in Cambridge studiert und lebt in London. Sein erster Roman „Die Sterne können warten“ wurde nach Verlagsangaben ein internationaler Bucherfolg.

_Handlung_

Das Kriegsjahr 1940, im ehemals polnischen Teil Oberschlesiens, der nun von deutschen Truppen des „Generalgouvernements Polen“ besetzt ist. Die Lebensmittel sind rationiert, viele junge Männer leben im Untergrund und arbeiten für den Widerstand.

Hier lebt der vierzehnjährige Junge Gracian mit seiner Familie: seiner Mutter und seinem bewunderten Bruder Pawel. Seitdem Pawel ihm ein Buch über Astronomie geschenkt hat, liebt es Gracian, die Sterne zu beobachten. Sie sind das Einzige, wohin sein Geist fliehen kann, um der Not, Gefahr und Bedrückung ringsum zu entgehen.

Doch Gracian belässt es nicht beim Sterngucken aus dem Fenster. Er begibt sich dazu mitten in den nahen Wald, jenseits dessen das Militärlager der Deutschen liegen. Wieder einmal hat er sich in den Wald auf seine Lieblingslichtung geschlichen und ist den Wachen und Patrouillen knapp entgangen, da packt ihn eine Hand am Schlafittchen. Pawel schleift ihn wieder nach Hause, vernagelt das Fenster und verbietet Gracian, jemals wieder in den Wald zu gehen: „Die Sterne können warten. Das haben sie schon immer getan.“

Tagsüber schuftet Gracian in der Kohlenzeche einen Kilometer unter Tage, an bestimmten Tagen jedoch begleitet er seine Mutter auf gefährliche Expeditionen in ihr Heimatdorf. Dort herrscht noch keine große Not, und so kann sie mit Schinken und Würsten unter ihrer dicken Kleidung nach Hause zurückkehren. Doch nicht immer klappt das reibungslos. Zweimal hätten deutsche Wachen Gracian und seine Mutter fast auffliegen lassen.

Das Leben gewinnt wieder an Reiz, als Pawel ihm ein schönes, altes Teleskop schenkt. Damit rücken die Sterne wieder in greifbare Nähe, aber auch andere Dinge. Nun kann er auch den geheimnisvollen Wegen Pawels besser folgen, der mitunter tagelang verschwindet, um dann wieder am Hof von Gracians Familie aufzutauchen. Ist er ein Schmuggler oder gar ein Partisan? Als Gracian hinter Pawels Geheimnis kommt, setzt er, ohne es zu wollen, eine Entwicklung in Gang, in deren Verlauf das Schicksal seiner ganzen Familie, wenn nicht sogar des Dorfes auf dem Spiel steht.

_Mein Eindruck_

Vieles dessen, was der Autor erzählt, steht zwischen den Zeilen. Er braucht uns nicht zu sagen, dass Gracian seinen Bruder ebenso liebt wie seine Mutter. Wer Augen hat zu sehen, der wird an Dingen, die Gracian tut, merken, wie sehr ihn das Schicksal seines Bruders interessiert. Das ist auch gut so, denn den Geschichten, die Gracian von seinem Zechenkumpel Dylong über Pawel erzählt bekommt, darf man nicht hundertprozentig trauen. Taten zählen, Wörte können allzuoft lügen.

|Die Wahrheit des Zeigens|

Und deshalb konzentriert sich die wortkarge Erzählung auf das, was Gracian empfindet und tut. Hier liegt Wahrheit. Die Schwierigkeit liegt darin, sie angemessen zu beschreiben. Wie leicht wäre es, Gefühle zu behaupten statt sie zu beschreiben. Bis zu einem gewissen Grad muss jeder Erzähler diese Dinge behaupten. „ABC fühlte sich, aber XYZ ging es hingegen dreckig.“ Solche Sätze findet man allzu häufig in Unterhaltungsromanen.

Jay Basu tut dies nicht. Und sein Roman will auch nicht unterhalten, sondern erzählt in sehr einfacher Sprache, aber sehr präzise. Er nimmt keine Abkürzungen. Vielmehr stellt er uns Gracians Welt genau vor, in all ihrer Schönheit, mit allen Schrecken. Dies fand ich nicht immer einfach zu ertragen, und deshalb musste ich nach dem ersten Teil, an dessen Ende Pawel ihm das Teleskop schenkt, eine mehrwöchige Pause einlegen.

Das war vielleicht ein Fehler, vielleicht auch nicht. Der Rest des Buches lässt sich ohne Schwierigkeiten weiterlesen, denn nun ergeben sich die Konsequenzen aus dem Geschenk. Wurden im ersten Teil wichtige Figuren vorgestellt, so erleben wir nun, wie es ihnen ergeht, während die Besatzung durch die Deutschen in ihr zweites Jahr (nach dem September 1939) geht. Pawel ist tatsächlich in den Widerstand gegangen. Seine Erfahrungen als Schmuggler, die er schon mit sechzehn und siebzehn gemacht hat, kommen ihm jetzt wie gerufen. Allerdings nimmt er seine Verlobte Anna ebenfalls mit auf die nächtlichen Erkundungen bei den Einrichtungen der Deutschen. Das erweist sich als verhängnisvoll.

|Eine Frage der Wahrnehmung|

Gracian hat ein Problem mit dem Sehen durch das Teleskop. Er kann nahe Dinge noch näher heranholen, so dass er ihre Bewegung genau beobachten kann, wie etwa die einer Spinne. Oder er kann Strukturen entdecken, die ihm mit bloßem Auge noch verborgen gewesen waren, so etwa die Sternbilder, in denen nun auch schwächere Sterne auftauchen. Die Schwierigkeit liegt für ihn in der Überbrückung dieser zwei Extreme, denn das Teleskop bietet ihm nur diese zwei Pole des Sehens.

Die menschliche Wahrnehmung ist jedoch ein Kontinuum, in dem die Einzelheiten stets etwas mit dem Hintergrund zu tun haben und mit anderen Strukturen interagieren. Gracians Bemühen, diese Distanz der Wahrnehmung zu überbrücken, indem er seinen Bruder erst beobachtet und dann auch noch verfolgt, führt zu einer Katastrophe. Zu spät bemerkt der Beobachter, dass er seine Anwesenheit mit seinem Gerät in einer ungewohnten Umgebung verraten hat. Dies ist die reale Umsetzung von Heisenbergs Unschärferelation aus der Quantenphysik.

|Betrachten heißt enscheiden|

Die Folgen seiner Tat bereiten Gracians lange Zeit schreckliche Schuldgefühle, und die Erlösung lässt lange auf sich warten. Dann jedoch zieht er nach der klaren Erkenntnis, dass die wartenden Sterne keinen Trost spenden, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit. |“Leben lag in der Betrachtungsweise. Die Betrachtungsweise war eine Entscheidung, die getroffen werden musste.“| (S. 190)

Am Schluss steht Gracian verändert auf der alten Waldlichtung: |“Und wenn jemand von dort aufgestiegen wäre, fort von dem knienden Jungen mit den erdbedeckten Händen, hätte er nur das dunkle Aufragen der Fichtenstämme im Regen gesehen und darüber die zitternden Wellenkämme eines grünen, schattigen Meeres und darüber, weit darüber noch, den weiten, offenen Himmel, an dem die fernen Wächter ihre Bahnen beschreiben: kreisend, vorbeiziehend und der Unendlichkeit winkend.“| (S.191)

Der lange, harte Winter ist endlich vorüber, denn es fällt Regen statt Schnee. Und der Junge hat Abschied von den Sternen genommen. Seine Hände sind bedeckt mit dem, was menschliche Dimensionen hat und alleine zählt: Erde.

_Unterm Strich_

Die Geschichte, wie Gracian in jenem Winter aufwächst und schließlich erwachsen wird, ist schlicht und doch poetisch erzählt, voller gefühlter Humanität und Würde. Man kann diese Erzählung immer wieder lesen und wird doch Neues dabei entdecken, vor allem all jene Dinge, die zwischen den Zeilen stehen, die Dinge, die wirklich wichtig sind: Liebe, Solidarität, Hass, Schrecken und Schönheit.

Es ereignen sich keine weltbewegenden Dinge wie etwa in „Schindlers Liste“, und doch erklärt diese Geschichte genauso viele Dinge wie jener Roman, den Spielberg verfilmte. Der Mut der Menschen, ihre verrückten Hoffnungen, ihre Liebe zueinander werden ebenso sichtbar gemacht wie die Schrecken der deutschen Besetzung Oberschlesiens. Dabei sind die Menschen um Gracian herum nicht einmal Juden, denen ein viel härteres Los zugedacht worden wäre. Die Schupos der „Sonderpolizei“ verbreiten genügend Schrecken für alle.

Sehr wichtig fand ich, dass sich Gracians Betrachtungsweise ändert. Statt zu den Sternen ist sein Blick nun auf die Erde gerichtet. Kein Teleskop ist mehr nötig, kein Astronomiebuch, um die irdischen Dinge in all ihrer Komplexität zu verstehen. Wir können nur hoffen, dass Gracian in seiner neuen Realität zurechtkommt.

Dem Engländer Jay Basu ist ein unglaublich genaues und sehr schönes Buch gelungen. Er entführt den Leser in eine Welt, die vielleicht schon versunken ist und doch in allen wichtigen Details wieder zum Leben erweckt wird. Ich konnte mich jedenfalls sofort zurechtfinden. Meine eigene Verwandtschaft mütterlicherseits, die mir davon erzählte, kam aus dieser Gegend: Oberschlesien, mährisches Sudentenland, aber nicht Richtung Kattowitz (dem Kohlegebiet), sondern Richtung Olmütz in Mähren, einer sehr ländlich strukturierten Region.

Ich kann mir vorstellen, dass sich auch Frauen für diese Geschichte begeistern könnten. Denn nicht irgendwelche Action zählt hier, sondern die Werte zwischenmenschlicher Beziehungen. Und wer weiß? Vielleicht können Frauen besser zwischen den Zeilen lesen als ich.

|Originaltitel: The stars can wait, 2002
Aus dem Englischen übersetzt von Marie Rahn.|

Stein, Leonhard / Long, Amelia Reynolds – HR Giger\’s Vampirric 2 – Der Vampyr / Der Untote

In der zweiten Folge von HR Giger´s Vampirric finden sich die Vampir-Geschichten: „Der Vampyr“ von Leonhard Stein und „Der Untote“ von Amelia Reynolds Long. Beide Storys liest Helmut Krauss. Die Vorworte spricht wieder HR Giger. (Mehr zum Herausgeber am Schluss.)

_Autor #1_

HR GIGER über DER VAMPYR: „Zwischen 1918 und 1920 erschienen einige Erzählungen eines gewissen Leonhard Stein. Niemand weiß bis heute, wer dieser Autor war, vielleicht war der Name sogar ein Pseudonym, wer weiß. Auf jeden Fall werden Sie seine Geschichte über ein recht seltsames Arbeitsverhältnis nie vergessen, da bin ich mir sicher!“

_Handlung von „Der Vampyr“_

Den Anfang macht mit „Der Vampyr“ eine fast schon kafkaeske Horrorgeschichte, die sich auch als Parabel auf die Arbeitswelten der modernen Zivilisation lesen lässt.

Die Hauptfigur ist Herr Samassa, ein „schöner Mann“ und Genussmensch, der in der Anwaltskanzlei Dr. Herzfeld arbeitet. Er plant, demnächst die schöne Klara Gärtner zu ehelichen und eine Familie zu gründen. Privat wie beruflich dürfte ihm der Erfolg sicher sein.

Doch es soll anders kommen. Er lehnt die Annäherungsversuche der neuen Tippse ab, ist sie doch viel zu unansehnlich, schlecht gekleidet und verhärmt: ein Inbild des Misserfolgs. Zu seinem Verdruss muss er feststellen, dass sie in die Wohnung neben seiner eingezogen ist. Wie kann sie sich die denn leisten? Sie hat rotes Haar und betörende grüne Augen, die ihn, als sie im Nachthemd auftritt, in Versuchung führen. In einem Alptraum, so kommt’s ihm vor, saugt sie ihm das Blut aus den Adern. Er fühlt seltsamerweise keinen Schmerz, nur eine „tiefe Ermattung“. Schlaf und ein gutes Steak bringen Erhohlung, doch fortan wiederholt sich das nächtliche Phänomen.

Während die Tippse schön und proper gedeiht, verblasst ihr Wirt zusehends. Vergeblich bittet er um Entlassung des Vampirs, wird aber abschlägig beschieden. Nach einem Zusammenbruch bei Klara wird er ins Hospital eingeliefert. Er sieht nur einen Ausweg aus der Misere: Kurz vor seiner Hochzeit mit Klara quartiert er sie zwischen seiner Wohnung und der des Vampirs ein. Nachdem Klara den Löffel abgegeben hat, ist Samassa wieder an der Reihe. In dem Kollegen Iglseder findet er einen würdigen Nachfolger für die arme Klara.

Doch der Strom der Opfer, die er dem Vampir zuführen muss, um selbst überleben zu können, reißt nicht ab und nimmt Formen an, die eines Jack the Ripper würdig wären. Bevor er von der Polizei gestellt wird, sieht er nur noch einen Ausweg: Der Vampir muss dran glauben. Doch wie tötet man einen Unsterblichen?

_Mein Eindruck_

Der Vampir in Gestalt der hexenhaft gezeichneten Frau ist das genaue Gegenteil der wohlanständigen Heiratskandidatin Klara Gärtner, nämlich das Inbild hemmungsloser Lust und Sinnlichkeit. Diese Lust kennt jedoch keine Grenze, als wäre sie ein Traumbild. Vielmehr ist ihr Hunger unersättlich und erfordert immer neue Opfer. Bis schließlich nichts mehr ausreicht, will der Träumer Samassa nicht seine körperliche Existenz vollends verlieren. Ergo muss der Vampir sterben. Dass Samassa einen Teil von sich tötet, dürfte klar sein. Die Folgen sind dementsprechend.

Ein Hörer hat die Geschichte als Reflektion der modernen Zivilisation und ihrer Arbeitsverhältnisse interpretiert. Ein Marxist und Sozialtheoretiker könnte dies tun, würde aber dabei die psychoanalytischen Erkenntnisse eines gewissen Sigmund Freud sowie von dessen Schüler C. G. Jung außer Acht lassen. Der bekannte Wiener Arzt hat ja gerade solche Traumbilder und Extreme ebenso untersucht, wie Jung Archetypen postuliert hat. Eine rothaarige, grünäugige Frau von verlockender Sinnlichkeit und unersättlichem Blutdurst dürfte sämtliche Klischees furchterfüllter Männer mit Kastrationsangst befriedigen. So kommt man dem Kern der Sache schon näher, wie mir scheint. Und ein bajuwarisch-austriakischer Name wie Iglseder verlegt den Schauplatz sehr wahrscheinlich in die gleiche Großstadt, in der Freud wirkte: Wien.

Ähnlich wie „Der Golem“ von Gustav Meyrink oder die Romane „Nachts unter der steinernen Brücke“ und „Zwischen neun und neun“ von Leo Perutz baut die Geschichte sorgfältig ein Spannungsfeld auf zwischen Alltag und Normalität einerseits und nächtlichem Irrsinn andererseits auf. Dass diese Entwicklung in eine Katastrophe münden muss, erscheint folgerichtig. Sie spiegelt die Katastrophe des 1. Weltkriegs wider, der den Untergang der alten Monarchien zur Folge hatte.

|Zweite Story: Amelia Reynolds Long: „Der Untote“|

_Autorin #2:_

Über das Leben und Werk der Autorin Amelia Reynolds Long ist mir nichts bekannt. Ihre Geschichte folgt klassischen Mustern englischer Spukgeschichten.

HR GIGER über DER UNTOTE: „Während der Arbeit an Vampirric habe ich viel über das Thema Vampire nachgedacht – und über Blut. Ich erinnere mich an eine merkwürdige Vision während einer Autofahrt durch Zürich …“

_Handlung von „Der Untote“_

Henry Thorne erzählt seinem Besucher (und Ich-Erzähler) Michael, der der „Gesellschaft für psychologische Forschung“ angehört, zunächst von seinem verstorbenen Halbbruder, dem Baronet James Thorne, dann von seinem zurückgezogen in einem Turm des Herrenhauses lebenden Bruder George Thorne. Henry selbst hat ein nervöses Leiden, das er kuriert zu haben wünscht. Er fühle sich nämlich bedroht vom Schatten einer großen Fledermaus, von der ihm träume.

Dem Manne kann geholfen werden, denkt Michael. Er erwacht eines Nachts, erblickt auf dem Gang eine Gestalt, die in einen Lederumhang gehüllt ist und eine Laterne trägt. Vor allem ihr weißes Gesicht verstört Michael und er folgt der Gestalt, die in der Bibliothek verschwindet. Doch gleich nebenan liegt Sir Henrys Schlafzimmer. Dort beugt sich das Schattenwesen über den Schlafenden, doch Michaels Eintreten verscheucht es.

Anderntags werden zwei Tote in der Umgebung gefunden: ein Irrer und ein Junge. Handelt es sich um Opfer eines Vampirs? Michael schwant nichts Gutes und stellt dem nächtlichen Eindringling eine Falle.

_Mein Eindruck_

Die Zutaten der Kurzgeschichte von Amelia Reynolds Long sind derart klassisch, dass die Geschichte abläuft, als handle es sich um ein Uhrwerk. Allzu vorhersehbar sind die nächsten Ereignisse, als dass sie dem Kenner noch einen Anreiz bieten würden, neugierig das Ende zu erwarten. Es gibt keinerlei Überraschungen für den, der zwei und zwei zusammenzählen kann und nicht auf fünf kommt.

Selbst Helmut Krauss mit seiner charismatischen Stimme kann nicht viel mehr aus der Geschichte herausholen. Giger selbst, der Herausgeber, trägt nichts Erhellendes oder Reizvolles bei, denn seine Einleitung ist irrelevant.

_Der Sprecher_

Helmut Krauss ist seit Jahrzehnten ein vielbeschäftigter Schauspieler. In Filmen schenkt er Marlon Brando und Samuel L. Jackson seine sonore, beeindruckende Stimme.

Helmut Krauss erweist sich als wahres Stimmwunder, wenn er nicht nur Stimmungen und Atmosphäre in seine rauchigen, getragenen Vortrag legt, sondern er erweckt tatsächlich einen Charakter zum Leben, erschafft eine ganze Stadt um ihn herum und schickt ihm und den Hörer dann einen fleischgewordenen Alptraum hinzu.

_Unterm Strich_

„Der Vampyr“ ist eine ganz besondere Geschichte für alle Freunde älterer Horrorkunst, die noch ohne viel Blutvergießen auskam. Giger hat hier eine echte Perle ausgegraben.

Nicht ganz so überzeugend wie die [erste CD]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=581 der „Vampiric“-Reihe, ist das Hörbuch doch immer noch weit jenseits der allermeisten anderen Horror-Hörbuchproduktionen und auf alle Fälle ein Kauftipp. Mit der titelgebenden Geschichte hat Giger eine wahre Meistererzählung vor dem Vergessen bewahrt. Dass „Der Untote“ den äußerst positiven Gesamteindruck schmälert, fällt da eigentlich nicht weiter ins Gewicht.

_Der Herausgeber_

HR Giger wurde 1940 in Chur, Schweiz geboren. Im zweiten Stock des Elternhauses befand sich sein legendäres schwarzes Zimmer. Die fortschreitende Transformation aus einem Jugendzimmer zu einer Werkstätte, in eine Waffenschmiede, bis hin zu einer ägyptischen Grabkammer wurde zur ersten Kostprobe der Kreativität Gigers. 1977 erscheint sein Bildband Giger´s Necronomicon. Daraufhin folgt der weltweite Durchbruch. 1980: Oscar für „Alien“. Seit 1981: Arbeit an Projekten wie Poltergeist 2, Species und Alien 3. 1988: Eröffnung der Giger-Bar in Tokio. 1991: Sein Bildband ARh+ erscheint in sieben Sprachen. Seit Mitte der Neunziger Jahre arbeitet HR Giger unermüdlich an seinem Museum. Dies befindet sich im mittelalterlichen Schloss Saint-Germain in Gruyères, Schweiz. Das Museum beherbergt Gigers persönliche Kunst-Sammlung, seine eigenen Bilder und Skulpturen. Das jetzige Museum ist die erste Stufe eines umfassenden Gesamt-Kunstwerkes. HR Giger ist einer der bedeutendsten modernen Künstler weltweit.

|Umfang: 78:32 Minuten auf 1 CD|

Moore, Christopher – Bibel nach Biff, Die

Der Untertitel des Hörbuches lautet „Die wilden Jugendjahre von Jesus, erzählt von seinem besten Freund“. Denn diese Zeit fehlt bekanntlich in den vier Evangelien, die die Kirche nicht verboten hat. Hatte Jesus vielleicht eine Freundin? Was hat er in seiner Pubertät angestellt? Biff, sein „bester Freund“, hat darüber einiges zu berichten. Man darf sich nicht davon verwirren lassen, dass er Jesus „Josh“ nennt. Und dass im Hörbuch etliche Kapitel des Buches unterdrückt wurden. Merke: Religion ist eine ernste Sache, vor allem dann, wenn’s lustig wird.

_Der Autor_

Christopher Moore, geboren 1957 in Toledo/Ohio, hatte angeblich eine „ganz normale Kindheit“ in der Vorstadt. Er jobbte für den Führerschein und andere Zwecke, danach begann er zu schreiben und wurde berühmt. So geht’s eben manchmal. Wie auch diverse andere Kritiker stecke ich ihn mit Douglas Adams und Terry Pratchett in eine Schublade, aber dort fühlt er sich nicht wohl. Immer wieder bricht er in andere Genres aus – na sowas! Moore lebt in Cambria, Kalifornien.

Empfehlenswerte Bücher (alle bei |Goldmann|):
Der kleine Dämonenberater
Der Lustmolch
Die Himmelskönigin

_Der Sprecher_

Hugo Egon Balder, 1950 in Berlin geboren, arbeitete laut Verlag als Schlagzeuger, Komponist, Texter, landete schließlich 1985 mit „Erna kommt“ einen „Hit“. Nach der Schauspielschule trat er am Schiller-Theater in Berlin auf. Es folgte Kabarett, so etwa 1985 bis 1988 im „Kom(m)ödchen“ in Düsseldorf. Er produzierte u. a. „Samstag nacht“ und Frank Elstners „April, April“. Am ehesten erinnert man sich wahrscheinlich an ihn – etwas peinlich berührt – als Moderator der Nackedei-Ratesendung „Tutti Frutti“ aus den Uranfängen von RTL. 1997 folgte sein Debüt als Regisseur. Auf Sat.1 moderiert er zur Zeit „Genial daneben – Die Comedy Arena“.

Die Ansage erfolgt durch Hans Peter Hallwachs.

_Handlung_

Schon als kleiner Steppke vertreibt sich Joshua – das ist die aramäische oder hebräische Form des griechischen „Jesus“ – die Zeit damit, Wunder zu wirken. Er spielt Eidechsen-Zermantschen. Erst macht er sie platt, dann erweckt er sie wieder zum Leben. Macht anscheinend Spaß. Joshuas Sandkastengefährte und Jugendfreunde ist unser Chronist Levi bar Alphäus, der von seiner Mutter auch „Biff“ gerufen wird. Das klingt wie die Kopfnüsse, die sie ihm ständig verpasst.

Joshua lebt bei Joseph und Maria, schon klar, aber Joseph von Nazareth ist natürlich nicht sein richtiger Vater – den kennt bloß Maria. Joshuas Halbgeschwister sind Mirjam und Jakobus. Als Joshua zehn ist, ereignet sich die Sache mit der Schlange. Die Kobra hat er aus der Wüste mitgebracht, sie heißt Sarah, und er sagt, die tut keinem weh. Sie sieht aber trotzdem gefährlich aus, wenn sie sich aufrichtet. Deshalb meinen alle anderen, sie sei ein Dämon. Alle außer einem Mädchen namens Maria Magdalena (= aus Magdala). Die blauäugige Tochter eines Schmieds ist die Vernünftigste von allen und widerlegt die Dämonentheorie. Fortan an sind Maggie, wie ein Freund sie nennen darf, Joshua und Biff die dicksten Freunde.

Das erweist sich auch als ziemlich nötig, um Joshua vor den Folgen des Unsinns, den er mit seinen Wunder bewirkt, zu bewahren. Bei der Beerdigung der Esther beispielsweise lässt er die Tote wiederauferstehen. Während die Einheimischen bestürzt sind, reagieren die Römer, die stets Menschenansammlungen überwachen, alarmiert. Die Tote lässt Joshua lieber erneut sterben, als noch mehr Ärger zu verursachen.

Natürlich dürfen auch Engel in der Jesus-Chronik nicht fehlen. Der Bote Gottes ist der „gefürchtete Raziel“. Doch leider stellt sich heraus, dass er nicht ganz auf dem Laufenden ist. Zu Mariä Verkündigung kommt er zehn Jahre zu spät. Wie peinlich. Doch nett, wie sie sind, versprechen ihm die drei Freunde, die Klappe zu halten.

Der erste Apostel ist nicht etwa Biff, sondern ein gewisser Bartolomäus, kurz Bart genannt. Da Bart ein zynischer Philosoph ist, lebt er auch wie ein Hund, d. h. auch unter Hunden, genau wie Diogenes. Die Zyniker bzw. Kyniker habe ihren Namen vom griechischen Wort für Hund: kynos. Bart bemüht sich, gewisse unappetitliche Fähigkeiten und Eigenheiten seiner Geistesverwandten anzunehmen. Schwamm drüber!

Während Joshua noch überlegt, ob er statt Steinmetz wie Biffs Vater doch lieber Messias werden möchte, erfährt er zu seiner Überraschung, dass seine liebe Maggie verlobt ist. Und zwar ausgerechnet mit dem größten Rüpel von Nazareth, Yakan bar Iban. Dieser Bursche wird ihn noch sein ganzes, kurzes Leben lang verfolgen. Yakans Vater ist, wie später der Sohn, einer der Pharisäer, die für die Auslegung der alttestamentarischen Gebote Gottes zuständig sind. Wenn diese Gebote auch reichlich bizarr sein können, so werden sie doch streng überwacht. Es ist leicht, sie zu übertreten, und davon macht Joshua später ausgiebig Gebrauch.

Schon wieder tritt dieser lästige Raziel auf. Er gebietet Joshua, nichts mit Maggie anzufangen, sondern fortan keusch zu leben, in die Welt hinauszugehen und sein Schicksal zu suchen. Joshua kommt erst 17 Jahre später zurück in seine Heimat, doch was er erlebt hat, darüber erfahren wir im Hörbuch nichts (nur im Buch).

Jedenfalls fängt der Ärger jetzt erst richtig an. Es beginnt damit, dass Joshua Johannes den Täufer aufsuchen soll. Schon wieder ein Befehl seines Vaters. Nein, nicht von Joseph – der ist schon zwei Monate tot. Der andere. Biff und später Maggie bemühen sich redlich, Joshua von seinem Selbstmordtrip abzubringen. Meint der doch tatsächlich, er werde am Passahfest in Jerusalem einziehen und dann von den Pharisäern eingelocht werden, um am Kreuz zu enden. Was für eine fixe Idee!

Doch wenn alle Stricke reißen, haben Biff und Maggie immer noch einen Plan in petto. Biff beschließt, seinen suizidalen Freund zu vergiften, um ihn zu retten …

_Mein Eindruck_

Das Hörbuch gibt das Buch nicht wieder. Wie in den Kommentaren auf Amazon.de und anderswo nachzulesen ist, fehlt die Rahmengeschichte, die erklären würde, wie Biff überhaupt zum Chronisten von Jesu Leben wurde. Außerdem werden die 17 Jahre, die im Hörbuch übergangen werden, doch mit ein paar Begebenheiten gefüllt, so etwa mit der Reise zu den drei Weisen aus dem Morgenlande und zu einem gewissen Onan.

Es hilft aber nichts zu jammern, wenn es gilt, das Hörbuch als eigenständiges und abgeschlossenes Produkt zu bewerten. Da es sich um eine Satire handelt, ist klar, dass hier zahlreiche Verstöße gegen die orthodoxen Auffassungen von dem, was in der Bibel steht, zu finden sind. Allein schon Maria Magdalena. Die „Ehebrecherin“ – eine Bezeichnung, die man sich seinerzeit für so ziemlich jeden Fehltritt zuziehen konnte – ist hier eine sehr vernünftige und liebe Anhängerin Joshuas. Dass sie zugleich eine freundschaftliche Liebesbeziehung zu Biff pflegt, liegt daran, dass sie mit Joshua keinen Sex haben darf. Von wegen göttlichem Gebot und so. Sie lebt zeitweise wie mit Jules und Jim zusammen.

Aber auch Joshua erscheint uns nun in ganz anderem Licht. Er hat Humor, wenn er nicht gerade ein Wunder wirkt und die Bergpredigt schreiben lässt. Sein „dunkler Drang“ verleitet ihn dazu, ständig gegen die jüdischen Gesetze zu verstoßen und die Pharisäer zu provozieren. Er erscheint schon bald als der Selbstmordkandidat par excellence. Vielleicht weil er dem Teufel in der Wüste begegnet ist? Wohl nicht. Schon eher hat ihm sein richtiger Vater diese fixe Idee, sich zu opfern, eingepflanzt. Ironischerweise tritt Jahwe (oder Jehova oder wie man das sonst schreibt) nur ein einziges Mal auf, nämlich, als Johannes der Täufer Joshua untertaucht. Gerade als Jahwe sein Wohlgefallen ausspricht, hört dies Joshua natürlich nicht, was ihn maßlos ärgert und uns maßlos belustigt.

Kurz und gut: Moores Satire räumt mit einigen Legenden und Interpretationen der vier überlieferten, legalen Evangelien auf, die für die bibelfesten TV-Evangelisten sozusagen in Stein gemeißelt sind. Was jedoch die Amerikaner zur Weißglut treibt, ruft bei uns eher ein müdes Schulterzucken hervor. Nur ein Aspekt amüsiert uns, und das ist der gleiche, wie er in „Leben des Brian“ ausgebeutet wird. Dass es endlich ein paar halbwegs lustige Erklärungen gibt dafür, wie bizarr es seinerzeit in Judäa, Galiläa und den sonstigen römisch besetzten Gebieten zuging.

Ansonsten bleibt Moore mit seinem bodenständigen Yankeehumor ziemlich auf dem Teppich: Auf Golgatha schreit keiner „Vater, vergib ihnen!“, sondern es geschieht ein Mord. Von den ach so tollen Aposteln – das griechische Worte bedeutet lediglich, dass sie eine Nachricht verbreiten – bleibt ebenfalls wenig Heiliges übrig. Es sind übrigens fünfzehn, nicht zwölf. Der apokryphe Bartolomäus gehört natürlich dazu. Und als Zyniker hat er die Narrenkappe auf und stets einen kessen Spruch auf der Lippe. Kein Problem für Joshua.

Schade nur, dass das Hörbuch so kurz ist und am Schluss relativ abrupt endet. Ein kleines Glossar wird schmerzlich vermisst, das dem Hörer erklärt, was denn unter „Mazze“ (ungesäuertes Brot) und „Mikwe“ zu verstehen ist. Vielleicht gibt es das nur im Buch.

_Der Sprecher_

Hugo Egon Balder entledigt sich seiner Aufgabe mit der Routine des langjährigen Entertainers und Conferenciers. Leider liest er viel zu schnell für meinen Geschmack. So überhört wahrscheinlich jeder den Witz über die „Trockenpflaumerei“ Was das sein soll? Ganz einfach: Frigidität. Ähnliche Beispiele ließen sich massenhaft anführen.

Warum Balder jetzt auch Hörbücher aufnimmt? Wer weiß, vielleicht hat er ja von den Honoraren gehört, die ein Rufus Beck verlangen kann. Beck hat seine eigene Hörbuchedition bei |Hörbuch Hamburg|. Allerdings verfügt Beck über eine ungleich längere Liste von Werken, die er „vertont“ hat und über weitaus mehr Stimmen und Klangfarben, die ihm zur Verfügung stehen. Im Vergleich dazu ist Balder ein Zwerg, aber jeder Zwerg hat ja mal klein angefangen, nicht wahr?

Die einzigen Stücke der Stimmakrobatik, zu denen sich Balder hinreißen lässt, sind zum einen die Witwe des Zebedäus, die als Mutter der Apostel Johannes und Jakobus einen Platz im Himmelreich für die beiden fordert. Diese Witwe hat ein kreischendes Organ, dass es einem die Socken auszieht und den letzten Nerv raubt. Und zum anderen macht Balder einen Marktschreier und einen Geldwechsler täuschend echt nach – wenn es bei uns noch Marktschreier und Geldwechsler gäbe. Gäbe es ein Remake von „Leben des Brian“, so müsste Balder unbedingt diese Nebenrollen synchronisieren.

_Unterm Strich_

Die Geschichte von Joshua, Biff und Maggie ist stellenweise durchaus witzig und hat auch ihre spannenden Momente, wenn es dem Autor gelingt, die Figuren von ihrer religiösen Patina zu befreien und zum Leben zu erwecken. Dann kann sich der Hörer Szenen einer Handlung vorstellen, wie er sie sonst nur aus Monty Pythons „Leben des Brian“ kennt. Sie sind vor allem eines: respektlos. Das trägt erheblich zum Unterhaltungswert der Geschichte bei.

Aber „Bibel nach Biff“ belässt es nicht bei der Klamotte à la Monty Python, sondern untersucht auch elementare Lehren wie etwa die der „Bergpredigt“. Beim Verfassen dieser Rede, die bei keinem der legalisierten Evangelisten fehlen darf, erscheinen uns Biff und Joshua wie zwei Krämerseelen, die sich als Redakteure betätigen, wenn sie neue Ge- oder Verbote aufstellen, so etwa für das beliebte Verbrechen des Ehebruchs. Das nenne ich respektlos. Auch ein Homosexueller ist unter den Aposteln, natürlich undercover: ein gewisser Johannes.Und Maggie ist natürlich keine Hure, sondern ein sehr vernünftiges und liebes Frauenzimmer. Außerdem liebt sie Joshua, was ihr einen Bonuspunkt einbringt.

Was die Hörbuchfassung vom Buch übrig lässt, ist vielleicht nicht berauschend, aber doch annehmbar, wenn man sie alleine betrachtet. Der Sprecher Balder erledigt einen nicht so wahnsinnig tollen Job, was vor allem daran liegt, dass er viel zu schnell vorliest. Man könne dagegenhalten, dass eine Komödie immer schnell sein muss, aber das halte ich für Unsinn. So aber gehen viele Witze einfach unter. Sehr unterhaltsam sind hingegen seine stimmlichen Karikaturen. Leider sind sie viel zu selten. Zum Niveau eines Rufus Beck reicht eben noch nicht.

|Umfang: 280 Minuten auf 4 CDs
Originaltitel: Lamb: The gospel according to Biff, Christ’s childhood pal, 2002|

Lumley, Brian – Necroscope 2 – Vampirblut

Die Wege von Harry Keogh, dem Nekroskopen, und Boris Dragosani, dem Nekromanten, kreuzen sich und die Konfrontation ist unausweichlich. Doch beide kämpfen nicht alleine, sondern mit Unterstützung unheimlicher Verbündeter.

_Der Autor_

Brian Lumley wurde 1937 in England geboren. 1981 beendete er seine Militär-Karriere. Seither arbeitet er als freier Schriftsteller. Seine ersten Veröffentlichungen standen ganz unter dem Einfluss von H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos. 1986 schuf Brian Lumley mit seiner Vampir-Saga „Necroscope“ eine der erfolgreichsten Horror-Serien der Welt. Alleine in den USA haben sich seine Bücher weit über 2 Millionen Mal verkauft. So wie Brian Lumley den Vampir darstellt, hat es noch kein Autor zuvor gewagt. Mittlerweile hat Brian Lumley mehr als 50 Bücher veröffentlicht und schreibt fleißig weiter. Er und seine Frau Barbara Ann leben in Devon, England. (Verlagsinfo)

|Der Autor über sein Buch|

„Ich begann das erste Buch im März 1984. Ich hatte mir schon lange gewünscht, einen eigenen Vampir-Roman zu schreiben, irgendwann nach der Lektüre von Mathesons „Ich bin eine Legende“ (I am legend; verfilmt mit Charlton Heston) – und das ist schon Ewigkeiten her. Ich wollte jedoch Vampire darstellen, die etwas mehr tun, als bloß Blut zu saugen. Sie sollten ihre eigene Historie haben, eine Abstammung, und es musste einen verdammt guten Grund geben, warum sie noch nicht die ganze Welt beherrschen.“ (Verlagsinfo)

_Der Sprecher_

Der Synchronsprecher Helmut Krauss schenkt seine sonore und imposante Stimme u. a. Marlon Brando und Samuel L. Jackson. Krauss wurde am 11. Juni 1941 in Augsburg geboren. Nach seiner Schauspielausbildung machte er an diversen Theatern erste Bühnenschritte, studierte nebenher Pädagogik. 1963 übersiedelte er nach Berlin und arbeitete beim Rundfunk. Es folgten Engagements bei Fernsehen, Theater, Musical, Kabarett, Film und Synchron. Seit 1980 hört man Krauss als Nachbar Paschulke in Peter Lustigs ZDF-Kinderserie „Löwenzahn“.

_Das Hörbuch_

Auf dem Rücken jeder CD-Hülle sind Informationen zu Autor, Sprecher und Musiker abgedruckt sowie die Tracklist. Alle sieben CD-Hüllen stecken in einem dunkelroten Schuber, der selbstredend ebenfalls Infos trägt, darunter ein Zitat von Hans Ruedi Giger: „Ich liebe Lumleys deftige Fantasie“. Geschenkt.

Regie führte wieder Lars Peter Lueg von LPL records (www.lpl.de). Die Musik und Tontechnik sowie den Schnitt besorgte Andy Matern. Er hat maßgeblich an dem Hörbuch [„Der Cthulhu-Mythos“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=524 mitgearbeitet, das 2003 den |Deutschen Phantastik Preis| erhielt (www.andymatern.de).

Der Buchtext wurde von Frank Festa (www.Festa-Verlag.de) bearbeitet und gekürzt. Dennoch ist das Hörbuch noch neun Stunden lang, inklusive der Pausenfüllermusik.

_Handlung_

Im [ersten Band]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=779 der Vampirsaga „Necroscope“ haben wir bereits Boris Dragosani als eine der beiden Hauptfiguren kennen gelernt. Er ist im ESP-Dezernat (ESP: übersinnliche Wahrnehmung) von Gregor Borowitz für die Interessen des sowjetischen Geheimdienstes tätig. Seine Tätigkeit ist ebenso speziell wie grausig: Er ist ein Totenhorcher in dem Sinne, dass er frisch getöteten Opfern den Körper öffnet und dann daraus liest – eine perverse Art von Augur. Auf diese Weise zapft er die Erinnerungen der Opfer an. (Wie das im Einzelnen funktionieren soll, ist mir allerdings schleierhaft, wie so vieles in der Serie.) Sein Chef bezeichnet ihn als „Nekromant“, was gar nicht so verkehrt ist. Man denke etwa an Chiromantie, die Kunst des aus der Hand Lesens.

Dragosani hat in Transsylvanien die intime Bekanntschaft eines Wesens gemacht, das er als einen Vampyr und „alten Drachen“ bezeichnet. Durch einen über sechzig Jahre alten Vampirforscher namens Ladislau Gireski erfährt er mehr über Vampyri. Gireski erfuhr während der Bombenangriffe, die während des 2. Weltkriegs auf die Ölstadt Ploesti in Südrumänien geflogen wurden, von der Existenz dieser seltsamen Rasse von Wesen.

Gireski wohnte dem Sterben eines 500 Jahre alten Vampirs namens Fetor Fernczy bei, der unter den Trümmern eines ausgebombten Hauses sein Leben verlor. Interessanterweise sind Vampyri Symbionten: Ein Fremdwesen, der eigentliche Vampir, hat sich in einem normalen Menschen eingenistet, seine Physis ebenso verändert wie sein Leben verlängert. Im Falle des drohenden Todes seines Wirtes versucht der Vampir wieder zu entkommen, während das Fleisch seines Wirtes rapide verfällt. (Ob Vampire vom Titan oder Mars kommen, ist noch nicht ganz klar.)

Wie höchst interessant, findet Dragosani. Das bedeutet, dass jeder Mensch zum Vampyr (gemacht) werden kann. Er erfährt auch, dass Fetor Ferenczy zwei Söhne hatte: Tibor und Janosch, beide haben angeblich das Zeitliche gesegnet. Doch das Wesen, mit dem Boris schon Bekanntschaft gemacht hat, ist offenbar Tibor – man hat bei seiner Bestattung vergessen, ihn zu köpfen.

Boris bringt ihm Blutnahrung, woraufhin das bislang substanzlose Ding einen Tropfen seiner Essenz, ein Ei, auf Dragosanis Nacken fallen lässt. Als er es wegwischen will, ist es bereits in ihn eingedrungen und breitet sich mit rasender Geschwindigkeit aus. Schon nach kurzer Zeit registrieren Dragosanis Mitarbeiter die typischen Symptome eines Vampirs: lange Zähne, ebenso verlängerter Schädel, bleiche Haut und erhöhte Lichtempfindlichkeit.

All dies geschieht während des Frühjahrs und des Sommers 1976. Im Dezember schickt Borowitz seinen Nekromanten auf einen Killereinsatz nach England: Er und sein Kollege Max Batu sollen den Chef der ESP-Abteilung des britischen Geheimdienstes, Sir Keenan Gormley, töten. Außerdem sollen sie herausfinden, warum britische Atom-U-Boote für sowjetische Überwacher-Telepathen unsichtbar sind.

|Harry Keoghs Fehde und Aufstieg|

Frühjahr/Sommer 1976: Der britische Totenhorcher oder „Nekroskop“ Harry Keogh hat im ersten Band den Mörder seiner Mutter, Viktor Schukschin, ermittelt und nahe Edinburgh gefunden. Er besucht ihn und übergibt ihm eine Warnung in Form des Ringes seiner Mutter, ein Indiz für das Verbrechen. Schukschin, der gerade Borowitz seine Mitarbeit angeboten hat, ist entsprechend erschüttert. Er hasst alle ESP-ler, warum, wird (noch) nicht erklärt.

Harry wiederum erhält in seinen Träumen ernste Warnungen von seiner verstorbenen Mutter – er kann ja mit den Toten kommunizieren, und sie ist ein Medium. Sie warnt ihn vor Schukschins Reaktion und vor weiteren Agenten, die es auf Harrys ungeborenes Kind, das Brenda empfangen hat, abgesehen haben könnten.

Sir Keenan Gormley ist von Harrys ehemaligen Schuldirektor informiert worden. Er besucht Harry und bittet ihn um Mitarbeit in seiner Geheimdienstabteilung. Es herrscht Kalter Krieg und Harrys Beitrag könnte sich als wertvoll erweisen.

Für Harry ist es das erste Mal, dass jemand seine wahren Fähigkeiten ihm gegenüber zur Sprache bringt und nutzen will. Entsprechend verängstigt reagiert er, stellt sich unwissend und abweisend. Als diese Nummer nicht zieht, erbittet er sich Bedenkzeit, bis er seine Fehde gegen Schukschin abgeschlossen hat. Die Warnung seiner Mutter veranlasst ihn im Dezember, Brenda schleunigst zu heiraten und Gormley ebenfalls sein Ja-Wort zu geben.

|Killerwinter in Moskau|

In Moskau spitzen sich die Ereignisse zu. Werden der Vampyr Dragosani, sein Killer Batu, der Vampyr Tibor und der Nekroskop Harry Keogh erstmals in einem Duell der ESP-ler aufeinandertreffen? Eines steht schon mal fest: Die Dimensionen dieses Duells werden übermenschlich sein.

_Mein Eindruck_

Die Handlung dieses zweiten Bandes ist in vielerlei Hinsicht zufrieden stellender als die des ersten. Auf dem Debütroman liegt die Bürde, die Hauptfiguren vorzustellen und aufeinander zuzuführen. Im zweiten Band wird diese Bewegung vollendet, denn hier findet die finale Konfrontation zwischen Harry Keogh und Boris Dragosani statt. Auf einer höheren Ebene geht es in dieser Schlacht um die Vorherrschaft in der Welt des ESP-Einsatzes, und zwar nicht nur im Rahmen des Kalten Krieges.

|Der schwarze Ritter|

Aber die Schlacht wäre ziemlich spannungslos, wenn wir von vornherein wüssten, wie stark die Kontrahenten sind. Beide entwickeln sich aber zum Glück um wesentliche Bestandteile ihres Arsenals von „Talenten“ weiter. Hinsichtlich Dragosanis besteht ja der Sinn seiner häufigen Besuche in Transsylvanien darin, sich die Geheimnisse und Fähigkeiten eines unsterblichen Vampyrs anzueignen, um seinen Chef Gregor Borowitz vom Thron der ESP-Welt zu stürzen und sich an seiner Stelle zum König der sowjetischen ESP-ler-Zentrale auf Schloss Bronizy zu machen. Es ist spannend und mitunter bizarr zu verfolgen, wie dem rücksichtslosen Nekromanten dies gelingt.

|Der weiße Ritter|

Dragosanis Markenzeichen ist der skrupellose Machtmissbrauch, er geht buchstäblich über Leichen – um sie dann zu verhören. Er versagt darin nur ein einziges Mal … Sein genaues Gegenteil ist Harry Keogh, der Nekroskop. Um die geistigen Inhalte Verstorbener zu erhalten, schlitzt er keine Körper auf, sondern bittet ausschließlich die Verstorbenen selbst darum. Diese können bereits mehrere hundert Jahre tot sein, wie der Fall eines Adligen aus dem 17. Jahrhundert belegt. Von diesem veröffentlicht er das „Tagebuch eines Lebemanns“, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Eigeninteresse liegt Harry also nicht fern.

Harry ist darauf eingestellt, die Toten zu seinen Verbündeten zu machen. Dies wird sich bei dem Angriff auf Dragosanis Festung als entscheidender Vorteil erweisen. Doch nachdem ihn Lebende wie Sir Keenan Gormley mit wichtigem Rat versehen haben, wendet er sich der Entwicklung eigener Fähigkeiten zu. Für die Weiterentwicklung von entscheidender Bedeutung ist die Begegnung mit dem 1868 verstorbenen deutschen Mathematiker und Astronomen Möbius.

|Teleportation|

Noch heute ist dessen endlose und in sich verdrehte Möbiusschleife vielfach abgebildet zu sehen. Es geht um Dimensionen und das Durchschreiten von Türen in der Raumzeitdimension. Faktisch kommt dies dem Talent der Teleportation gleich. Grenzen sind für Harry fortan kein Hindernis mehr. In diesem „Möbius-Kontinuum“ begegnet Keogh mehreren Opfern von Dragosanis Spur der Verwüstung. Sie bitten Harry, sie zu rächen und steuern jeder ein Instrument zu Dragosanis Vernichtung bei. Mit diesen Attributen ausgestattet und mit mehreren Helfern an seiner Seite stellt Harry den klassischen weißen Ritter dar, der gegen den schwarzen antritt.

|Ironie|

Wieder einmal rächt sich für seinen Gegner, dass das absolut Böse keine Zweifel kennt oder zulässt. Es darf sich und seine Handlungsweise nicht hinterfragen, denn das würde belegen, dass es über ein Moralbewusstsein verfügt, mit dem es sich infrage stellen könnte. Spätestens der Vampir in Dragosani hat diese Ethikinstanz vernichtet. Das rächt sich bitter. Denn nun schlägt Dragosani auch die Warnung in den Wind, die ihm der bodenständige Mongole Max Batu auf den Weg gegeben hat: „Man kann die Toten nicht mit dem Bösen Blick verfluchen, denn sie sind bereits tot. Der Fluch fällt daher auf seinen Urheber zurück …“

|Für Harry und das liebe Vaterland|

Etwas naiv fand ich Lumleys Darstellung von Brendas Verhalten. Als die frisch angetraute Mutter von Harrys Sohn erfährt, dass ihr Mann Harry gedenkt, sich einer geheimnisvollen Abteilung des britischen Geheimdienstes anzuschließen, mäkelt sie keineswegs zickig herum, dass sie ja von nun an nur noch wenig von ihm haben werde. Und wer diese Finsterlinge denn überhaupt seien, ihr den Mann wegzunehmen? Oh nein, sie findet das voll in Ordnung, wünscht ihm viel Glück und opfert sich fürs liebe Vaterland. Jemand sollte der Lady ein Denkmal errichten und eine Flasche zwölf Jahre alten Glenmorangie schenken!

_Der Sprecher_

Ich habe mich immer wieder gefragt, wie wohl Joachim Kerzel, der Sprecher von „Necroscope 1: Das Erwachen“ bestimmte Passagen gelesen hätte. Ich denke mal, er hätte bestimmte Figuren wie etwa den uralten Vampyr viel lustvoller dargestellt. „Aaaah! Bluuuut!“ Und der finale Abgang des Vampyrs wäre wesentlich dramatischer ausgefallen: „Du Naaaaarrrr!“ Nun ja, man muss es ja nicht gleich übertreiben.

|Keine Atempause, die Geschichte wird gemacht, es geht voran!|

Helmut Krauss macht relativ kurzen Prozess mit solchen dramatischen Höhepunkten, als gelte es, doch möglichst viel Text in möglichst kurzer Zeit zu sprechen. Von Runterleiern kann zwar nicht die Rede sein, aber die fehlenden Pausen zwischen den Szenenwechseln haben mich mehr als einmal verwirrt und aus dem Konzept gebracht. Nur zwischen den riesigen Kapiteln wurde Füllmusik eingefügt, so dass man ein wenig zum Verschnaufen kam.

|Die CDs|

Die CD-Wechsel sind ebenfalls mitten in einer Szene fällig, was von den anderen Verlagen meistens vermieden wird. Die Wirkung besteht darin, dass der Hörer gezwungen ist, sofort weiterzuhören, um das Ende der Szene noch zu erfahren. Ein raffinierter Trick der Regie oder ungeschickte Aufteilung? Ich neige eher dazu, das Erste anzunehmen. Jedenfalls ist jede CD 78 bis 78,5 Minuten lang, eingeteilt in 16 bis 17 Tracks. Die Aufnahmequalität ist unverändert hoch.

_Unterm Strich_

Nach einem schleppenden ersten Drittel, in dem es vor allem Dragosani um Informationsbeschaffung geht, verknüpfen sich die Handlungsstränge, und es kommt zu ersten Szenen, in denen Interessenskonflikte ausgetragen werden. Ich rede hier von Action, okay? Die Spannung steigt, als sich sowohl Dragosani als auch sein britischer Gegenspieler Harry Keogh neue Fähigkeiten aneignen können, mit völlig gegensätzlichen Methoden. Der Showdown nahe Moskau ist unausweichlich und dürfte alle actionhungrigen Vampirfans zufriedenstellen.

Wie sich aus der Zusammenfassung der Handlung ergibt, setzt dieser Band die Kenntnis der Handlung des ersten voraus. Neueinsteiger dürften hiermit nur wenig anzufangen wissen. Wer nicht in das – gekürzte – Hörbuch von „Necroscope 1“ investieren will (wenn es nicht bereits vergriffen ist), der sollte sich beim |Festa|-Verlag das Buch besorgen.

Der Sprecher Helmut Krauss konnte mich nicht so begeistern wie Joachim Kerzel, wenn er auch die gleiche sonore Stimme voll zur Geltung bringt. Mein Tipp: Bässe aufdrehen! Doch die Tatsache, dass keine Pausen zwischen den Szenen einen Wechsel andeuten, hat mich mehr als einmal verwirrt.

Andere Verlage agieren diesbezüglich rücksichtsvoller. Ein besonders positives Beispiel stellt Jürgen Tarrachs Lesung von Robert Harris‘ Roman „Pompeji“ dar. Obwohl die Szene ständig wechselt und oftmals ebenso die erlebende Hauptfigur, so verliert der Hörer doch nie den Faden. Bei „Vampirblut“ kann das schon mal vorkommen. Die Musik von Matern ist mir nicht in besonderer Erinnerung – ein Beleg, dass sie sich dezent im Hintergrund hält.

Fazit: Ein ausgezeichnetes Horror-Hörbuch für hohe Ansprüche, das zwar hier und da Kanten & Ecken aufweist, aber exzellent ausgestattet ist.

|Umfang: 548 Minuten auf 7 CDs|

Grimwood, Ken – Replay – Das zweite Spiel

Betreut von SF-Lektor Wolfgang Jeschke, hat |Heyne| diesen SF-Roman zuerst 1994 in der Allgemeinen Reihe erscheinen lassen (aktuelle Neuausgabe in überarbeiteter Fassung). Dies wird durch das Setting gerechtfertigt, das immer wieder zwischen dem Jahr 1963 und 1988 angesiedelt ist, und das einzige SF-Mäßige an diesem Buch ist seine zentrale Pointe: Die Hauptfigur darf bzw. muss die 25 Jahre zwischen 1963 und 1988 immer wieder durchleben.

Der Roman wurde 1988 mit dem |World Fantasy Award| geadelt, eine bedeutende Auszeichnung. Sie ist auch vollständig verdient.

|Der Autor|

Ken Grimwood: |Der Autor des spekulativen Kultromans “Replay” von 1986, welcher in mehrere Sprachen übersetzt wurde und in Japan zu einem Bestseller wurde, schrieb fünf weitere Romane für Doubleday und Arbor House, darunter auch “Into the Deep”. Er arbeitete an einem Sequel zu “Replay”, als er am am 6. Juni 2003 in Santa Barbara, CA, einem Herzanfall erlag. Er war 59 Jahre alt.| (Internet-Information)

_Handlung_

Wer kennt sie nicht – die phantastische Szene in „Zurück in die Zukunft 1“, als Marty McFly im Bett seiner 14jährigen Mutter aufwacht und den schönen Namen Calvin Klein annimmt? Oder Kathleen Turner in „Peggy Sue hat geheiratet“, als sie ihrem Freund den Text eines berühmten Beatles-Songs als Karrierebonus gibt? Zeitreisende, die die Chance haben, alle im bisherigen Leben begangenen Fehler wiedergutzumachen oder zumindest nicht zu wiederholen: das zweite Spiel – Replay.

Dieser Zauber liegt auch über diesem Buch, jedoch mit einem bitteren Beigeschmack. Es beginnt mit der wunderbaren Aufreißerzeile: „Jeff Winston telefonierte gerade mit seiner Frau, als er starb.“ Der 43jährige Jeff Winston stirbt offenbar an einem Herzanfall im Jahr 1988.

Im gleichen Augenblick wird er „wiedergeboren“ im Jahr 1963, im Körper seines 18jährigen Ichs. Jung, körperlich gut in Form und sorgenfrei, hat er alle seine Erinnerungen an sein „früheres“ Leben beibehalten – an seine unglückliche, kinderlose Ehe, eine mittelmäßige Karriere als Rundfunkjournalist und 25 Jahre zerflossener Hoffnungen.

Sobald er sich wie Marty McFly von seiner anfänglichen Desorientierung erholt und gelernt hat, sein merkwürdiges Schicksal anzunehmen, nimmt er sich vor, sein zweites Leben bis zur Neige auszukosten. Er will ein Vermögen erwerben, die Gunst schöner Frauen gewinnen, die Welt bereisen, vielleicht sogar den Lauf der Geschichte durch die Denunzierung des Kennedy-Mörders Lee Harvey Oswald verändern.

Wie im Märchen erreicht Jeff all diese Ziele, wenn auch nicht ganz mit den Ergebnissen, die er erwartet hatte. Nachdem er sich die Gewinner verschiedener Pferderennen und Baseballmeisterschaften erinnern konnte, gewinnt er riesige Summen bei den Wetteinsätzen (erinnert Sie an „Zurück in die Zukunft II“, nicht wahr?). Damit steigt er in den Aktienmarkt ein, kauft Anteile an IBM, Xerox, Polaroid, investiert sogar in die Firma zweier Hippies in Kalifornien, die sich Apple Computer nennt. Er wird Multi-Millionär.

Doch sein privates Leben verläuft ungleich weniger zufriedenstellend. Nachdem er sein College-Schätzchen verlassen hat, tut er sich im Spielerparadies Las Vegas mit der gleichermaßen sexhungrigen Rumtreiberin Sharla zusammen.

Um etwas für die Zukunft des Landes zu tun, denunziert er wenige Tage vor der geplanten Ermodung J.F. Kennedys Oswald, den Mörder aus den Geschichtsbüchern. Kennedy stirbt trotzdem, getroffen von den Kugeln eines Nelson Bennet, der wiederum von Jack Ruby abgeknallt wird.

Jeff erkennt, wie eingeschränkt seine Möglichkeiten sind. Er wendet sich dem respektablen, stabilen Leben zu, zahlt Sharla aus, heiratet eine Frau aus den oberen Zehntausend von Boston (nachdem seine „frühere“ Ehefrau ihn als verrückt abgewiesen hatte) und hat eine wunderschöne Tochter, die er abgöttisch liebt.

Mit 43 ist er zwar glücklicher als zuvor, aber emotional unerfüllt. Als er wiederum stirbt und in den 18jährigen Körper zurückkehrt, erbittert ihn lediglich der Verlust seiner geliebten Tochter.

Mit der Aussicht, wiederum in der Zeitschleife hängen zu bleiben, heiratet er seine Collegeliebe Judy, um mit ihr eine glückliche Ehe zu führen. Eigene Kinder zu zeugen, versagt er sich, doch adoptiert er welche.

Als der Moment des Abschieds naht, spielen die EKGs verrückt, aber nichts kann das neuerliche Zurückgeworfenwerden ins Jahr ’63 verhindern. Mit Sharla durchlebt er die sexuelle Libertinage der frühen Sechziger, zieht sich aber nach einem Beinaheabsturz seines Fliegers als Eremit von der Welt zurück.

Erst als er den Film „Starsea“, von einem gewissen Steven Spielberg gedreht, sieht, macht er sich auf, die Drehbuchautorin zu treffen: Pamela Phillips ist ebenfalls eine Wiederholerin. Und sie hat vor, z. B. über solche Filme die Welt zu verändern. Doch jetzt ist Jeff nicht mehr allein mit seinem Leid.

Von hier an wird die Handlung zunehmend komplex (falls das noch geht) und hält Überraschungen bis zum Schluss bereit. Doch die Schleife stellt sich als Spirale heraus: Zu ihrer wachsenden Beklemmung merken sie, daß der Zeitpunkt ihres „Wiedergeborenwerdens“ immer später stattfindet – eine sich schließende Schere, die den Lebensfaden abschneidet …

_Mein Eindruck_

Das Buch ist im allseits bekannten Mainstream-Stil der US-Bestseller geschrieben, eine Lektüre, die sich wirklich gut verschlingen (und verstehen) läßt. Grimwoods Plot wird etwas gestört durch die unreflektierte Verehrung für JFK und durch eine ganze Menge Sexszenen, die aber immerhin nicht um ihrer selbst willen geschrieben wurden. Sex ist hier keine Religion, sondern eine Quelle des Vergnügens, ein Zeugnis der zwischenmenschlichen Zuneigung.

Trotzdem beschert Grimwoods Buch kurzweilige Lektüre, clever, manchmal bewegend und einfallsreich. Es ist meines Wissens das einzige Buch im SF-Dunstkreis, das mit Hilfe einer Zeitschleife einen derart befriedigenden Plot zustande bringt.

|Originaltitel: Replay, 1986
Aus dem US-Englischen von Norbert Stöbe
Mit einem Vorwort von Terry Bisson|

Thomas Ligotti / Horacio Quiroga – H. R. Giger’s Vampirric 1 – Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts

Der Schweizer Multimediakünstler H.R. Giger ist am besten bekannt für seine Kreation des Alien-Monsters in Ridley Scotts gleichnamigen Science-Fiction-Horror-Film. Sein Museum befindet sich in Gruyères in der Schweiz – und natürlich auch im Internet. Siehe auch den Schluss dieses Artikels.

In der ersten Folge von H.R. Gigers vierteiliger „Vampirric“-Reihe finden sich folgende zwei Vampir-Geschichten: „Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts“ von Thomas Ligotti und „Das Federkissen“ von Horacio Quiroga. Beide Storys liest Lutz Riedel. Die Vorworte spricht HR Giger.

Thomas Ligotti / Horacio Quiroga – H. R. Giger’s Vampirric 1 – Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts weiterlesen

Gemmell, David – Im Zeichen des dunklen Mondes

Dies ist ein spannender, wenn auch nicht unbedingt mitreißender Fantasy-Action-Roman. Es geht um Wahrheit, Menschlichkeit, Liebe, Hass und Versöhnung. Im Mittelpunkt steht die Frage: Gibt es eine biologische und soziale Notwendigkeit bzw. Rechtfertigung für Gewalt und Krieg?

_Der Autor_

David Gemmell (geb. 1948), früher selbst einmal Soldat, ist der führende britische Autor (wenn nicht sogar weltweit) von Fantasy-Action-Romanen. Besonders bekannt wurde ab 1984 er mit der Drenai-Saga, in der kernige Helden wie „Druss die Legende“ in einem untergehenden mittelalterlichen Reich schier aussichtslose Kämpfe ausfechten.

Seine zweite Romansequenz dreht sich um die magischen Sipstrassi-Steine (1987-94). Dazu gehören auch einige Romane, die in einer Post-Holocaust-Zukunft angesiedelt sind („The Jerusalem Man“). Ein dritter Romankomplex umfasst die historischen Fantasien um Alexander den Großen: „Der Löwe von Makedonien“ und „Der dunkle Prinz“ (1990/91). Die Falkenkönigin-Duologie dreht sich um eine heldenhafte Kriegerin: „Eisenhands Tochter“ und „Die Keltenkriege“. Es handelt sich eindeutig um Heroic Fantasy.

_Handlung_

Der Schwertkämpfer Tarantio begibt sich nach verlorener Schlacht in die große Stadt Corduin, eine der vier Hauptstädte im Land, die, in wechselnden Allianzen, miteinander im Krieg liegen. Seit sieben Jahren kämpft man um den Besitz der kostbaren Perle der Eldarin, eines verschwundenen Volkes friedliebender Elfenwesen. Tarantio macht es sich mit seinem etwas zurückgebliebenen Gefährten Brune gemütlich. Leider ist er eine schizophrene Persönlichkeit: Dace, der wilde und rachsüchtige Teil von ihm, lässt ihn immer wieder in Streit geraten. Schon bald darf er sich auf ein Duell freuen.

Herzog Sirano von Prentuis hat das Geheimnis der Perle in seinem Besitz mittels Magie gelüftet und den Bann, den sie speichert, aufgehoben. Als Folge dessen löst sich das Gefängnis um die Welt der von den Eldarin verbannten fremdartigen, brutalen Daroths auf: Sieben ihrer Städte erscheinen in der Welt der Menschen. Die Daroths, die sich mittels Telepathie verständigen, sind praktisch unsterblich, denn alle zehn Jahre wird ein Daroth durch eine jüngere Version ersetzt. Kein Wunder, dass sie für so kurzlebige Wesen wie die Menschen nur Verachtung übrig haben: Sie essen sie und nehmen ihr Land.

Tarantios friedliche Tage sind gezählt. Als die Feldherrin Karis, deren Truppen ihn besiegten, in Corduis auftaucht und bekannt wird, dass die Daroth die Stadt bedrohen, wird er von Karis und dem Herzog Albreck kurzerhand eingezogen, ebenso wie sein Duellgegner Vint. Corduis erfährt vom Untergang der Stadt Prentuis und dem Verschwinden Herzogs Sirano, macht sich selbst für die Belagerung bereit. Tarantio begegnet dem Harfner und Heiler Duvodas, der eine alte magische Gabe des Oltor-Volkes, das von den Daroth vernichtet worden war, geerbt hat: Seine Musik heilt und bringt Wohlstand. Als Tarantios Freund Brune vom Geist eines Oltor besessen wird, weist dieser den Weg zur Rettung vor den Daroth. Doch diese liegt nicht in Waffen und List, sondern in der Magie und dem Glauben an Frieden und Liebe.

Als die Daroth-Armee vor den Mauern von Corduis auftaucht, haben deren Bewohnern und Soldaten einige Überraschungen bereit, aber auch Duvodas ist nicht untätig. Er reitet direkt in die Hauptstadt der Daroth …

_Mein Eindruck_

Gemmell stellt uns zwei alternative Gesellschaften vor. Am Schluss versucht er eine versöhnliche Antwort zu geben. „Im Zeichen des dunklen Mondes“ ist ein stellenweise fast schon nachdenklich erscheinender Fantasyroman. Doch die Figuren (außer den „Pazifisten“) ergehen sich nicht in langen Monologen, sondern setzen ihre jeweiligen Überzeugungen ohne Zögern in die Tat um. Actionfans kommen hier also voll auf ihre Kosten. So weit so schön, fast wie in der Drenai-Saga.

Von dieser Regel gibt es nur wenige Ausnahmen, und das sind bezeichnenderweise jene Figuren, die durch die Liebe verändert werden: Tarantio, Duvodas, Karis. Und hier kommen dann die Erotikfans voll auf ihre Kosten, denn entsprechende Szenen gibt es hier reichlich.

Doch Liebe muss nicht immer Segen bringen: Ihre Kehrseite ist der Hass, und von dem ist Duvodas erfüllt, als seine schwangere Frau Shira von den Daroth getötet wird. Duvodas wird erst wieder menschlich, als er Jahre später seinen tot geglaubten Sohn wiederbekommt – ausgerechnet von den Daroth. Gemmell zeigt hier, dass er nicht auf einem Auge blind ist, wie so viele Autoren von heroischer Fantasy und anderen romantischen Genres. Vielmehr schaut er den Tatsachen ins Gesicht und konfrontiert den Leser mit der ungeschminkten Wirklichkeit des Lebens.

Das Titelbild ist wie fast immer bei dieser Reihe sehr gelungen, obwohl es schon etwas älter ist: Es zeigt eine weibliche japanische Samurai, wie man sie sich in den achtziger Jahren vorstellte. Tatsächlich war dies die Illustration zu „Tomoe, die Samurai“, einem Fantasyroman, der ebenfalls bei |Bastei Lübbe| erschien. Jedem Kapitel ist die kleine Vignette eines Mondes vorangestellt – ein reizvolles optisches Element. Insgesamt hat mich die Lektüre sehr zufriedengestellt.

|Originaltitel: Dark Moon, 1996|

Jules Verne – Von der Erde zum Mond (Hörspiel, 1967)

Die Eroberung des Erdtrabanten war in der Literatur schon seit der Antike – etwa bei Lukian – ein gängiges Motiv. Die meisten Autoren ließen sich irgendwelche fantastischen Tricks einfallen, um von A nach B zu gelangen, was ihre Geschichte denn auch als Fabel auswies. Doch erst Verne strengte sich an, eine technische Lösung für das Problem der Personenbeförderung zum Erdmond zu suchen. Und er fand sie in Gestalt einer 300 Meter langen Superkanone. Sie funktioniert allerdings auch nur in seiner Geschichte …

Der Autor

Jules Verne – Von der Erde zum Mond (Hörspiel, 1967) weiterlesen

Isaac Asimov – Falsch korrigiert

Wer den Film „I, Robot“ mit Will Smith in der Hauptrolle gesehen hat, bemerkte vielleicht an der Seite des Detektivs die Roboterentwicklerin Dr. Susan Calvin. Diese von Isaac Asimov erfundene kluge Wissenschaftlerin spielt in mehreren Robot-Storys eine wichtige Rolle. Ihr fällt die Aufgabe zu, die bekannten drei Gesetze der Robotik in Form positronischer Schaltkreise umzusetzen. So auch im vorliegenden Hörspiel: Dr. Calvin steht vor Gericht.

Der Autor

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Baldacci, David – Im Bruchteil der Sekunde

„Sean King ist Agent des Secret Service und soll einen Präsidentschaftskandidaten schützen. Doch im entscheidenden Moment versagt er. Sein Schützling wird vor seinen Augen erschossen. – Acht Jahre später: Die junge Agentin Michelle Maxwell in ihrem ersten großen Einsatz. Auch ihr Auftrag ist der Schutz eines Kandidaten. Auch sie lässt sich täuschen. Doch sie sieht noch eine Chance – Sean King. Denn solche Dinge geschehen nicht zweimal. Nicht aus Zufall!“ (Verlagsinfo)

|Der Autor|

David Baldacci ist der Verfasser u. a. von „Der Präsident“, das Clint Eastwood unter dem Titel „Absolute Power“ verfilmt hat. Der frühere Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist lebt in Virginia, USA, in der Nähe von Washington, D.C. Weitere Baldacci-Hörfassungen bei |Lübbe|: „Das Labyrinth“, „Der Abgrund“, „Die Versuchung“, „Das Versprechen“, „Die Verschwörung“ und „Die Wahrheit“, „Das Geschenk“.

|Die Sprecherin|

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Akte-X-Star Gillian Anderson („Scully“) und Demi Moore, hat bereits u. a. mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ und Stephen Kings „Das Mädchen“ gesprochen. Während ihrer Schauspielausbildung in Berlin trat sie als Sprecherin im Hörfunk hervor. Inzwischen ist sie auch bei der Wissenschaftssendung „Galileo“ regelmäßig als Kommentatorin der Berichte zu hören.

Ihre Tonaufnahme ist von erstaunlicher Präsenz und sehr klar. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.

Die Hörbuchfassung wurde von Dr. Arno Hoven gekürzt und redigiert.

_Handlung_

26. September 1996: Sean King, Agent des Secret Service, ist mal wieder für den Personenschutz eingeteilt. Diesmal ist es seine Aufgabe, den Präsidentschaftskandidaten Clyde Ritter vor möglichen Anschlägen zu schützen. Deshalb hält er sich mit seinem Team stets in unmittelbarer Nähe seines Schutzbefohlenen auf.

Dennoch lenkt ihn für wenige Sekunden ein bestimmter Anblick ab. Es muss ein ziemlich bemerkenswerter Anblick sein, vielleicht auch ein Geräusch – in seiner Erinnerung ist das inzwischen alles miteinander verschmolzen. Doch wir erfahren perfiderweise lange Zeit nicht, was es eigentlich ist.

Ein Knall ertönt, sein Mittelfinger wird weggeschossen, Clyde Ritter stürzt, ins Herz getroffen, Panik bricht unter den jubelnden Anhängern im Saal des |Fairmount Hotel| aus. Der Todesschütze steht Sean King hilflos, irgendwie überrascht gegenüber, und King hat keine andere Wahl, als den Mann mit einem gezielten Schuss ins Jenseits zu befördern. In diesem Moment stirbt auch in Sean King etwas. Er hat versagt, im entscheidenden Augenblick.

Acht Jahre später findet in Virginia eine ganz andere Szene statt, die zu einem ähnlichen Ausgang führt. Wieder ist ein Mitglied des Secret Service involviert: Michelle Maxwell, eine attraktive Frau Anfang dreißig, leitet den Einsatz, um den Besuch des Präsidentschaftskandidaten John Bruno bei der Bestattung seines Freundes Bill Martin zu sichern. Der sozialdarwinistisch eingestellte Anwalt und ehemalige Fernsehprediger hat viele Feinde.

Es geht ihr daher mächtig gegen den Strich, dass er die Leichenhalle ganz allein besuchen möchte, um mit der Witwe ein privates Gespräch zu führen. Nach einer gründlichen Durchsuchung der Leichenhalle gibt Michelle widerwillig ihr Okay. Als die Minuten verstreichen, ohne dass Bruno wieder auftaucht, wird Michelle sehr nervös. Als sie den Saal betritt, liegt Bruno tot auf dem Boden, wie es scheint, und von der Witwe findet sich keine Spur. Auch mit dem Sarg scheint etwas nicht zu stimmen …

Wenig später erhält Sean Kings Anwaltskanzlei in Rydesburg, Virginia, ungebetenen Besuch. Doch da sich King auf seinem allwöchentlichen Einsatz als Hilfspolizist befindet, bekommt er nichts davon mit. Erst als King, der morgens im TV von dem Zwischenfall mit John Bruno erfahren hat, seine Kanzlei betritt, bemerkt er den Toten: Howard Jennings arbeitete für ihn. Doch was King nicht hätte wissen sollen, aber ahnte, macht die Sache brisant: Jennings war im Zeugenschutzprogramm des FBI. Wer also hat seinen Aufenthaltsort verraten? For Deputy Marshal Parks ist der Fall klar: King muss darin verwickelt sein.

Wenig später erfährt Michelle von dem Mord an Jennings und findet, dass die Sache sehr merkwürdig ist. Ihr fallen die Parallelen zwischen dem Mord an Clyde Ritter und dem Anschlag auf John Bruno auf. Obwohl sie von ihrem wütenden Chef Bishop beurlaubt worden ist, stellt sie auf eigene Faust Ermittlungen an. Als sie das Überwachungsvideo von dem Mord an Ritter sieht, fällt ihr auf, dass Agent King seinerzeit durch ein seltsames Geräusch abgelenkt worden war: ein PING, wie man es von einer sich öffnenden Fahrstuhltür kennt. Wer kam damals aus dem Fahrstuhl?

Sie beschließt, sich an King zu wenden, um mit ihm die beiden möglicherweise zusammenhängenden Anschläge aufzuklären und ihrer beider Namen reinzuwaschen sowie die Verbrechen aufzuklären. Unterdessen hat King alle Hände voll zu tun, die amourösen Annäherungsversuche seiner füheren Kollegin Joan Dillinger abzuwehren. Sie legt sich doch tatsächlich halb entkleidet auf seinen Frühstückstisch …

_Mein Eindruck_

Wie schon „Der Abgrund“ ist auch „Im Bruchteil der Sekunde“ ein Thriller über die Leute, die sich von Amts wegen um den Schutz von wichtigen Leuten oder um deren Befreiung kümmern. In „Der Abgrund“ war es der Angehörige eines Geiselbefreiungsteams des FBI, in „Sekunde“ sind es zwei Secret-Service-Agenten, die von Unbekannten als unfähig bloßgestellt werden. Und wie Michelle Maxwell richtig erkannt hat, gibt es mehrere Verbindungen zwischen den Fällen Clyde Ritter, Howard Jennings und John Bruno. Wie sich der erfahrene Leser leicht zusammenreimen kann, steckt eine groß angelegte Verschwörung dahinter. Deren Zweck ist ziemlich eindeutig: Vergeltung. Doch wofür?

Eine der Schlüsselfiguren ist der Mann, der Clyde Ritter erschoss. Der College-Professor Arnold Ramsey war Politologe an einem unbedeutenden College in der Provinz, dabei hatte er einen guten Uni-Berkeley-Abschluss. Wie sich nach längeren Nachforschungen zeigt, war Ramsey politisch engagiert und demonstrierte 1974 in Washington, D.C., gegen Nixon (der Vietnamkrieg endete 1973, aber Nixon stürzte über die Watergate-Affäre). Und in dieser Zeit, die 30 Jahre zurückliegt, befindet sich der Schlüssel zu der Verschwörung. Da sind sich Sean King und Michelle Maxwell zunehmend sicher.

|Im Labyrinth der Verschwörer|

Bis aber der Drahtzieher gefunden ist, vergehen schier unendlich lange Kapitel, in denen sich ein rätselhafter Zwischenfall an den nächsten reiht, so dass es den beiden Berufskollegen schwer fällt, zwischenmenschliche Gefühle zueinander aufzubauen. Ständig werden sie schikaniert, eingeschüchtert, verfolgt, überwacht, entführt, wieder befreit, so dass sich der Hörer allmählich fragt, wohin das alles denn führen soll.

Dieser Zickzackkurs dient dazu, zahlreiche Spuren aufzudecken und Zusammenhänge herzustellen. Die Verschwörung ist – allein schon wegen des 30 Jahre umfassenden Zeitraums – derartig gut versteckt, dass erst nach langen Ermittlungen für King feststeht, wer dahinter stecken muss. Und natürlich werden King und Maxwell auf falsche Fährten gelockt und von falschen Identitäten getäuscht – der reinste Informationsdschungel. Wenn man lange genug nachgraben würde, könnte man vermutlich den einen oder anderen Logikfehler zutage fördern. Dieses unterschwellige Gefühl der Unsicherheit, ob das alles so hinhaut, trug ebenfalls zu meinem Frust bei.

|Es ist immer was los|

King wundert sich mehrmals, warum man ihn noch nicht verhaftet hat – wir auch. Schließlich hat er einen Toten in seinem Büro und die vermisste Tatwaffe von Arnold Ramsey seit neuestem in seiner Verwahrung. Nun, wenigstens wird sein Haus abgefackelt und er selbst hurtig von Finsterlingen entführt. Das ist doch schon mal was. Es ist immer was los.

Auch das Finale ist nicht von schlechten Eltern. Der Schurke inszeniert jenen verhängnisvollen 26. September 1996 noch einmal. Nur setzt dieser „begnadete“ Regisseur diesmal eine etwas andere und reichlich bunt zusammengewürfelte Truppe ein, um Sean King sein damaliges Versagen mit absolut tödlicher Konsequenz deutlich zu machen. Es ist eine Exekution von höchster Raffinesse.

|Ein langer Weg zum Ziel|

„It’s a long road to Tipperary“, sangen die irischen Soldaten, wenn sie aus einem der vielen Kolonialkriege ihrer englischen Eroberer nach Hause trotteten. Die irische Stadt liegt auf einem lange sacht ansteigenden Hügel, und man braucht zu Fuß fast eine Ewigkeit, um den Gipfel zu erreichen.

So ähnlich erging es mir mit diesem Hörbuch. Selbst noch in der gekürzten Fassung wollten die undurchsichtigen Verwircklungen, in denen sich Michelle und King gefangen sehen, kaum ein Ende nehmen. (Ich behielt den Überblick für die obige Zusammenfassung nur durch meine Notizen, die ich mir standardmäßig bei einem Hörbuch mache.)

Schließlich war ich froh, dass das Finale mit einer gehörigen Portion Action zu den entsprechenden Entscheidungen führte, wer überlebt und wer nicht. Ich verrate natürlich nicht, ob die Guten davonkommen oder nicht und welcher der Bösewichte ins Gras beißen muss. Aber es ist interessant, wie der Autor seine Entscheidungen verteilt hat, wenn er Schicksal spielt.

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla, die Synchronstimme von Gillian Anderson, verleiht den Figuren eine ziemlich unverwechselbare Charakteristik. Sie lassen sich relativ leicht auseinanderhalten. Das ist bei einer so großen Riege von Figuren auch dringend notwendig. Am besten gelingen ihr Frauen, die ein wenig vom Durchschnitt abweichen, so etwa die alte Gin-Säuferin Millie Martin (hat sie ihren Mann umgebracht oder nicht?) und die scheinbar einfache Putzfrau Loretta Baldwin, die sich nebenberuflich als Erpresserin betätigt. Jedenfalls bis zu ihrem vorzeitigen Ableben.

Pigulla erhält Gelegenheit, ihren gesamten Stimmumfang einzusetzen, und das schließt auch die Lautstärke mit ein. Gerade beim Showdown im Hotelsaal wird ordentlich geschrien, und wenn’s bloß „In Deckung!“ ist. Den Lärm der Schüsse – so eine .357er verursacht in der Realität (im Film nie!) ein irres Getöse – muss man sich dazudenken. Auch das Tempo wird von der Sprecherin feinfühlig reguliert, mal schnell bei Action, mal langsam bei einem intensiven zwischenmenschlichen Kontakt.

Es ist immer schön festzustellen, dass ein Sprecher seinen Vortrag geübt hat. Man kann zwar mit Recht annehmen, dass Versprecher und Patzer an der Tagesordnung sind und sofort rausgeschnitten werden, aber das ist nur die halbe Miete. Wenn die Betonung eines Satzes nicht hinhaut – war das jetzt eine Frage oder eine Feststellung? – oder eine Satzeinheit nicht richtig betont wird, so verunsichert das den Hörer. Und zusätzlich zu der Komplexität der Handlung erhöht dies nur den Frust. Das verhindert Pigulla durch ihren erstklassigen Vortrag.

_Unterm Strich_

Ich fand das erste Drittel recht spannend, das actionreiche Finale steigerte diese Spannung und belohnte das lange Warten. Doch in der Mitte muss der Hörer eine lange Durststrecke überwinden. Es ist zwar, wie gesagt, immer was los, auch Verschnaufpausen verleihen der Handlung einen gewissen Rhythmus. Doch was so viel Mühe bereitet, ist die Vielzahl an Spuren, welche die beiden Hauptfiguren abklappern müssen, um der Verschwörung auf den Grund zu gehen. Gut, wenn man sich Notizen macht, um den Überblick zu behalten.

Humor habe ich meistens vergeblich gesucht, und es ist einigermaßen bemerkenswert, dass vor allem die Frauen dafür zuständig sind. Sean King als gebrochener Charakter ist eh nicht so der Wonneproppen, und die Frauen kümmern sich der Reihe nach liebevoll um den geknickten Kämpen. Man könnte glatt den Glauben an die Menschheit zurückgewinnen. Sean King zumindest fällt dies äußerst schwer. Offenbar hat die Verschwörung auf ihn abgefärbt und er sieht hinter jeder liebevollen Geste einen versteckten Anschlag. Selbst Joan Dillinger auf dem Präsentierteller kann ihn nicht vom Gegenteil überzeugen. Recht hat der Mann. Vielleicht einmal zu oft.

Franziska Pigulla hat mich wieder einmal von ihren Sprecherfähigkeiten überzeugt. Sie haucht der Handlung und den Figuren Leben ein, kann allerdings nur wenig gegen die strukturellen Schwächen der Story ausrichten. Es bleibt ein Verschwörungsthriller nach Schema F. Der Preis dürfte deshalb auch nicht höher sein.

|Umfang: 468 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Split Second, 2003
Aus dem US-Englischen von Till R. Lohmeyer und Christel Rost.
Autorenhomepage: http://www.david-baldacci.com/ |

Stanislaw Lem – Die lymphatersche Formel

„Die lymphatersche Formel“ behandelt ein Thema, das seit E. A. Poe und Meyrinks „Der Golem“ zu großen Visionen in Literatur und Film geführt hat: den Wahnsinn eines genialen Wissenschaftlers, der fatale Konsequenzen hat.

Der Autor

Stanislaw Lem, geboren am 12. September 1921 in Lwòw, dem galizischen Lemberg, lebt heute in Krakow. Er studierte Medizin und war nach dem Staatsexamen als Assistent für Probleme der angewandten Psychologie tätig. Privat beschäftigte er sich mit Problemen der Kybernetik, der Mathematik und übersetzte wissenschaftliche Publikationen. 1985 wurde Lem mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet und 1987 mit dem Literaturpreis der Alfred Jurzykowski Foundation. Am bekanntesten wurde er für die literarische Vorlage für zwei Filme: „Solaris“, das 1961 veröffentlicht wurde.

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