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Farmer, Philip José – Flusswelt der Zeit, Die (Flusswelt 1)

Auf einer von Unbekannten erschaffenen Welt erwachen Milliarden von gestorbenen Menschen wieder, um ohne ihr Wissen an einem anthropologischen und soziologischen Experiment teilzunehmen. Richard Francis Burton, britischer Abenteurer, gestorben 1890, macht sich mit Gefährten auf den Weg, den Zweck des Experiments von den Erbauern zu erfragen.

_Der Autor_

Philip José Farmer wurde bereits 1918 in North Terre Haute, Indiana, als Nachkomme von deutschen, niederländischen und irischen Vorfahren geboren. 1946 verkaufte er eine Kriegserzählung an das Magazin „Adventure“, sein erster Roman „The Lovers“ (Die Liebenden) erschien 1952 in „Startling Stories“ und brachte zum ersten Mal das Thema Sexualität in die (eher prüden) Science-Fiction-Magazine seiner Zeit ein. Danach galt er als Tabubrecher. Viele seiner Werke zeichnen sich durch unterhaltende Themen und Erzählweise sowie durch Ideenreichtum aus. Das gilt auch für den fünfbändigen Flusswelt-Zyklus.

1) Die Flusswelt der Zeit (1953/1971)
2) Auf dem Zeitstrom (1971)
3) Das dunkle Muster (1977)
4) Das magische Labyrinth (1980)
5) Die Götter der Flusswelt (1983)

Der erste Flusswelt-Roman entstand bereits 1953 anlässlich eines Romanwettbewerbs, doch Farmer wurde um Preis und Honorar betrogen. Das im Jahr 1972 mit dem renommierten |Hugo Gernsback Award| ausgezeichnete Werk erschien schließlich erst 1971, nachdem der Autor mehrere Teile zu einem lesbaren Ganzen verschmolzen hatte: eine sogenannte Fix-up-Novel, wie sie in der phantastischen Literatur keineswegs selten ist.

|Hinweis|

Am Schluss von „Die Götter der Flusswelt“ findet ihr eine Zusammenfassung der Handlung, in der der Autor alles erklärt. Das erspart zwar die Mühe des Lesens und verschafft schnellen Durchblick, bringt den Leser aber um das Vergnügen all der Abenteuer, die die Helden aus allen Erdepochen zu bestehen haben – und das sind eine ganze Menge!

_Hintergrund: die Flusswelt_

Die Flusswelt ist ein riesiger, offenbar künstlich geschaffener Planet, der keine Jahreszeiten kennt, aber ein angenehmes Klima aufweist. Diese erdähnliche Welt wird von einem über 20 Millionen Kilometer langen Flusstal durchzogen, das zu beiden Seiten von unüberwindbar hohen, steilen Gebirgszügen eingegrenzt wird. Ab und zu fallen Meteore auf die Gebirge, sie bedeuten das einzige Metallvorkommen. Auf beiden Ufern des Flusstals sind merkwürdige Kunstgebilde auszumachen, die pilzfömig in die Höhe ragen und Schutz vor dem Regen bieten, der pünktlich um drei Uhr morgens einsetzt. Diese „Gralsteine“ sind – neben den Flussfischen – die einzige Nahrungs- und Versorgungsquelle für die künftigen Bewohner: die Menschen der Erde.

Dieser Planet wird im Jahr 2008 zur Stätte der Wiedergeburt für fast die gesamte Menschheit. Es wird aber bemerkt, dass es keine Kinder unter fünf Jahren und keine Alten über sechzig Jahren gibt. Unter den Wiedererweckten befinden sich alle restlichen Menschen und Hominiden aus den letzten zwei Millionen Jahren auf Erden. Sie alle finden sich am Wiedererweckungstag nackt, haarlos, beschnitten und 25-jährig an den Ufern des großen Flusses wieder. Die Gralsteine spenden ihnen Nahrung und Kleider. Die Ausgangsposition ist also für alle gleich. Ideal für das Experiment, das die Erbauer dieser Welt hier durchführen. Doch zu welchem Zweck?

_Handlung_

Sir Richard Francis Burton, der britische Forschungsreisende, Literat, Soldat, Konsul und Abenteurer, hatte zu Lebzeiten versucht, die Quellen des Nils zu entdecken (und war dabei betrogen worden), hatte „Tausendundeine Nacht“ ins Englische übersetzt, diverse skandalträchtige Bücher verfasst und war (um 1852) der erste Europäer, der, als Moslem verkleidet, die heiligen Städte Mekka und Medina besuchte.

Er war zeit seines Lebens kein gläubiger Mensch gewesen. Als er 1890 im italienischen Triest, wo er britischer Konsul war, einer Herzattacke erliegt, glaubt er daher nicht an ein Leben nach dem Tode. Er hat sich getäuscht.

Zunächst erwacht er als erster von Milliarden Menschen in einem Zwischen-Raum, den man sich heute gut als „Matrix“ vorstellen darf: Milliarden nackte Menschen stecken bewusstlos in Blasen, die jeweils an einem Stab befestigt sind. Burton erlangt das Bewusstsein als Erster wieder und bemerkt die anderen Menschenwesen ringsum – endlose Reihen. Kurz darauf zieht ihn eine unsichtbare Kraft auf die Oberfläche der Flusswelt. In seinen Träumen sieht Burton immer einen dunklen Turm, der ihn am Nordpol erwartet. Diese zwei Elemente – das vorzeitige Erwachen und der dunkle Turm – unterscheiden Burton von allen anderen Milliarden Wiedererweckten. Das wird später wichtig.

Er erwacht in dem oben beschriebenen Flusstal, mit nichts am Leib als einem seltsamen Metallzylinder. Schon bald weiß er, was das Ding ist: ein Gral. Man steckt ihn in die Vertiefungen der pilzförmigen Gralsteine, sobald ein flammenförmiges Signal sichtbar ist und erhält wenig später in diesem Ding Nahrungsmittel, aber auch Schnaps, Zigarren, Zigaretten und seltsame Kaugummistreifen. Ein Amerikaner namens Peter Jairus Frigate (die Initialen PJF verraten, dass es sich um eine Inkarnation des Autors handelt) klärt Burton darüber auf, was Kaugummi ist. Frigate ist Science-Fiction-Autor und mit dem Leben und Werk des Richard Francis Burton bestens vertraut.

Andere Wiederweckte sind nicht so freundlich. Eine Jude namens Lev Ruach klagt Burton des Antisemitismus an und würde ihn am liebsten umbringen. Aber wer war Hitler? Burton hat keine Ahnung. Es gibt auch einen Alien, Monát, und einen Frühmenschen, Kazz. Der Alien gesteht, dass er es war, der im Jahr 2008 mit seiner Geheimwaffe die Erde sterilisierte. „Aber es war Notwehr!“

|Die erste Nacht|

Schon in der ersten Nacht finden Männlein und Weiblein unweigerlich zusammen, besonders da beide unbekleidet sind. Der Kaugummi kommt jetzt zum Einsatz und zeitigt verhängsvolle Wirkungen: Die Droge darin baut alle Hemmungen ab. So kommt es in kürzester Zeit zu Mord und Totschlag, zu Vergewaltigungen. Auch Burton und die von ihm verehrte (oder vielmehr begehrte) Lady Alice Liddell Hargreaves (sie ist das in „Alice im Wunderland“ verweigte Mädchen) können sich dem Befehl des Geschlechtstriebs nicht entziehen. Nach dem Abklingen des Drogenrausches jedoch will Alice diesen „wahnsinnigen“ Mr. Burton nie mehr wiedersehen.

Schon bald kommt es zu Gruppenbildung, und der Kampf ums Überleben beginnt. Burton erweist sich als natürlicher Führer, und Frigate, Alice und sogar Lev schließen sich ihm an, ebenso Monat und Kazz. Nach wenigen Wochen erwacht in Burton die alte Unrast, er gibt sich mit der bloßen Tatsache seiner Wiedergeburt nicht zufrieden. Er will herausfinden, wer ihn um seinen Tod betrogen hat und mit der menschlichen Rasse diese „groteske Posse“ treibt. Denn grausamerweise können die Frauen auf dieser Welt keine Kinder empfangen. Schon in wenigen Jahren würde es nur noch Alte geben und schließlich niemanden mehr, oder?

|Die Expedition|

Zusammen mit seiner Gruppe und weiteren Begleitern macht er sich auf einem selbstgebauten Bambusboot auf, den Ursprung des Flusses zu finden – wie einst die Quellen des Nils. Fünf Jahre schippern sie den Fluss hinauf, begegnen zahlreiche Kulturen und Stämmen aus allen Zeiten. Frigate ist bald klar: „Dieser zeitliche Schmelztiegel stellt das größte anthropologische und sozialwissenschaftliche Unternehmen dar, das je gestartet wurde.“

Doch da sich die Menschen nicht um ihren Lebensunterhalt kümmern und keine Kinder großziehen müssen, suchen sie anderweitig die Langeweile zu vertreiben: Sie führen Krieg. Auf diese Weise geraten Burton & Co. öfters in Not, bis sie eines Tages nicht mehr entkommen können. Sie geraten zwei Tyrannen in die Hände: Hermann Göring, einst Reichsmarschall bzw. „Reichsjägermeister“ im Dritten Reich, und, weit schlimmer, einem römischen König namens Tullius Hostilius, der mit dem kleinen Volk der Römer Krieg gegen die umliegenden Stämme führte. Leider ist Göring ebenso drogenabhängig und wahnsinnig.

|Gefangen!|

In Görings Festung gelingt Burton eine wichtige Entdeckung: Die Wiedererweckten können nicht sterben, das heißt, nur ihre Körper, nicht aber ihre geistige Essenz mit dem Gedächtnis. Später wird sich Burton auf der Suche nach den Erbauern der Flusswelt genau 777-mal selbst töten (oder töten lassen), um sich ihrem dunklen Turm zu nähern.

Eine zweite wichtige Entdeckung: Unter den Menschen befinden sich die Agenten der Erbauer, und einer von ihnen, „Spruce“, berichtet unter Androhung von Folter, worum es den „Ethikern“ geht und warum sie unbedingt Burton haben wollen: Er weiß zu viel, ganz besonders über jene Matrix-Zwischenwelt und den dunklen Turm. Ein anderer Agent offenbart sich Burton als ein Renegat unter den Erbauern. Wem soll Burton glauben?

|Wo ist die Matrix-Quelle?|

Von nun an dreht sich Burtons Streben nur noch um den Kampf gegen den unsterblichen Hermann Göring, der ihn verfolgt, und gegen die „Ethiker“. Beide sind hinter ihm her. Doch die Flusswelt ist groß, sehr groß.

_Mein Eindruck_

Wie schon in meiner Inhaltsangabe angedeutet, erinnerten mich viele Aspekte des Romans an die „Matrix“-Trilogie der Wachowski-Brüder. Ohne viel ins Detail gehen zu wollen – das können die Literaturwissenschaftler erledigen -, geht es wie in den Filmen um die Erkenntnis, worin der Sinn der eigenen Existenz besteht. Ja, mehr noch: worin der Sinn des Todes und der Existenz nach der Wiederweckung besteht.

Wenn man sich die Erklärungsmodelle für die Existenz nach dem Tod ansieht, so halten die diversen Religionen mehrere Antworten bereit. Sie sind alle irrelevant, wie sich zeigt, denn die Wiedererweckten verfügen über ewiges Leben, aber über keine Kinder. Die einzigen Erkenntnisse, die sie erwerben, können sie nicht an Kinder weitergeben, die diese dann adaptieren würden, sondern an sich selbst, wenn sie wieder mal gestorben sind. Daher scheitern zwar viele Religionen, doch es ensteht eine neue Kirche: die der zweiten Chance. Burton hat damit ausnahmsweise kein Problem, obwohl er Agnostiker ist, doch tritt er gleich wieder aus, weil er das kirchliche Verbot des Tötens nicht befolgen will.

Worin Burtons Glaube wirklich besteht, offenbaren ihm zunächst seine Träume: der dunkle Turm am Nordpol und an der Quelle des Flusses. Da dies das Machtzentrum der „Ethiker“ ist, stellt Burtons Expedition eine Suche nach Erkenntnis in der Realität dar. Seine Fahrt stromauf ist eine Queste, wie man sie in einem Artusroman nicht besser schildern könnte. Natürlich muss er gegen Wiedersacher kämpfen (Göring) und das Herz einer edlen Frau gewinnen (Alice Liddell). Der Ausgang soll nicht verraten werden.

Die Parallele zu Neos Queste auf der Suche nach der Quelle der Matrix ist offensichtlich. Nachdem es ihm in Teil 2 nicht gelungen ist, die Quelle (das Hochhaus) zu zerstören, muss er in Teil 3 seine eigene Existenz aufs Spiel setzen, will er die Quelle ausschalten. Zudem finden ständig Zweikämpfe mit seinem brüderlichen Widersacher Agent Smith statt und Rettungsaktionen für die Herzensdame Trinity. Jeweils in ihrem eigenen Medium befolgen die Autoren die uralten Regeln und Richtlinien, die für Heldengeschichten gelten.

|Der Viktorianer|

Zunächst einmal ist es recht spannend zu verfolgen, wie sich Burton, der uns erst richtig ab Seite 125 vorgestellt wird, mit der neuen Welt auseinandersetzt. Ist dies der Himmel oder eine neue Hölle? Wie stets ist die Antwort: Kommt drauf an, was man draus macht. Seine Gruppe arbeitet konstruktiv unter seiner Anleitung zusammen und es gelingt ihr, im Gegensatz zu vielen anderen Gruppen, zu überleben und sogar ein Schifff zu bauen. Am Fluss haben sich Stämme, Stadtstaaten und sogar Königreiche gebildet, entdeckt Burton binnen seiner fünf Jahre auf dem Strom. Und es fast immer die Hölle, denn hier herrscht Krieg. Auf einer sehr privaten Ebene liegt auch Burton im Krieg – und zwar mit Alice, die ihm immer noch böse ist wegen der ersten Nacht. Es dauert sehr lange, bis beide einsehen, wie sie zusammenkommen können.

|Agentenjagd|

Leider lässt nach diesem vorläufigen Höhepunkt, der im siegreichen Kampf gegen Göring und Tullius Hostilius gipfelt, die Spannung erheblich nach. Zwar sorgt Göring dafür, dass Burton stets gefährdet bleibt, und auch die Agenten der „Ethiker“ sind hinter Burton her. Aber das ist leider keine Handlung mehr im eigentlichen Sinne. Es ist eine Schnitzeljagd à la „Dr. Kimble auf der Flucht“. Die 777 Tode, die Burton stirbt, dienen lediglich dazu, ihn dem dunklen Turm der „Ethiker“ näher zu bringen, ohne sich dabei erwischen zu lassen. Der Renegat hilft ihm dabei, schon klar.

Aber jede Station, an der Burton verweilt, ist lediglich wie ein Szene auf einem Filmstreifen – eine mehr oder weniger lange Episode. Hier entwickeln sich keine Konflikte und somit auch kaum Spannung. Das letzte Drittel ist in dieser Hinsicht also ein wenig enttäuschend. Manche Leser mögen das dennoch für unterhaltend halten. Sie werden sich dann auch an den erotischen Details erfreuen, die Farmer schon 1953 einzustreuen wagte.

|Metaphysik|

Was manche Leser für völlig überflüssig halten, was jedoch einen wesentlichen Bestandteil der Bedeutungsebene des Romans darstellt, ist die Metaphysik. Bekanntlich scheiden sich daran die Geister, wenn es um Religion geht. Besonders die Ansichten von Juden, Christen und Muslimen über das Leben nach dem Tode und seinen Sinn gehen doch etwas auseinander.

Der Autor könnte nun aus dieser Spannung eine metaphysische Komödie spinnen, die uns unterhalten würde, wohingegen sie einige Strenggläubige sicher auf die Barrikaden getrieben hätte. Doch für eine Komödie nimmt Farmer das Thema Religion zu ernst. Und das ist auch angemessen. Denn nach der Wiedererweckung in Fleisch und Blut geht es unter anderem auch darum, die Belohnung oder Bestrafung für das Leben davor zuzumessen.

Der Jude Lev, der Burton wegen dessen Bücher für einen Antisemiten hält, würde ihn am liebsten umbringen. Aber hat Burton vielleicht darum gebeten, wiedererweckt zu werden? Wozu sind die Menschen hierhergebracht worden – in ein Fegefeuer? Und von antisemitischen Absichten könne überhaupt keine Rede sein. Vielmehr wurde er ja selbst um seinen Tod betrogen. Soll er sich hier auf der Flusswelt nicht vielmehr bewähren – genau wie zum Beispiel auch der Alien Monát, der der Erde im Jahr 2008 den Garaus gemacht hatte?

Lev und einige andere sehen ein, dass der Menschheit eine zweite Chance gegeben wurde. So heißt ja auch die neue Kirche der Wiedererweckten: ein stetiger Pfad zur Selbstverbesserung. In seinem Traum sieht Burton hingegen stets einen alten Viktorianer – Gott? – , der ihn streng anklagt, dass er, Burton, ihm sein Fleisch schulde. Was hat das zu bedeuten, fragt sich der Engländer. Ob wohl der dunkle Turm eine Antwort darauf liefern wird?

(Dass Stephen King diesen Roman gelesen haben ‚könnte‘, dürfte wohl klar sein. „Flusswelt 1 und 2“ erschienen 1971 und 1972, die erste Story über den Revolvermann und den Mann in Schwarz erschien in „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“ Mitte der 70er Jahre, der Roman „Schwarz“ erst 1982.)

|Die Verfilmung|

Im deutschen Free-TV wurde die Verfilmung „Riverworld“ gezeigt. Urteilt man nach den Handlungselementen, so handelt es sich um eine Verarbeitung der ersten beiden Romane. Allerdings wurde der Engländer Burton durch den Amerikaner Hale ersetzt und das Duo Hermann Göring & T. Hostilius durch Kaiser Nero. Auch einige Nebenfiguren wie Lev und die stumme Gwen sowie Alice und der Alien tauchen auf.

So weit, so gut. Nun allerdings kommt die Dramturgie des Fernsehens und der Serie zum Zug. Jede Episode zwischen zwei Werbepausen muss daher irgendeinen Konflikt vorweisen können – vorzugsweise eine Prügelei. Und das geht so weiter bis zum Schluss, wo das Gute gefälligst zu obsiegen hat.

Hier werden keine theologischen Fragen gewälzt, sondern lediglich zwei Lebensphilosphien gegeneinander gestellt. Während der Römer Nero alle Individuen dem Wohl der Gemeinschaft unterordnet (mit ihm an der Spitze, versteht sich), sieht es der Amerikaner genau andersherum: Dem Individuum gebührt der Vorrang. Dreimal darf man raten, wer in einer US-Produktion gewinnt.

_Unterm Strich_

Die ersten zwei Drittel des metaphysischen Abenteuerromans vergehen wie im Fluge, denn es gibt viel Neues zu erkunden und viele Konflikte zu bewältigen. Sicher sind auch die humorvoll-ironisch bearbeiteten Aspekte der allgemeinen Nacktheit unter den Wiedererweckten sehr unterhaltsam, denn gerade unter den Viktorianern Burton und Alice Lidell gehen die Ansichten über Sex und Anstand doch sehr auseinander.

Da dies ein Experiment ist, wie es einem Science-Fiction-Roman wohlansteht, dürfen auch die Aspekte von Anthropologie und Soziologie nicht zu kurz kommen. Auch die Theologie findet ihren Platz (siehe oben unter „Metaphysik“). Für Farmers Leser im Jahr 1971, als die Gegenkultur der 68er-Generation sich inneren Werten und Einstellungen zuwandte (Stichwort: freie Liebe, Drogen usw.), waren solche Themen sicher einerseits willkommen, in der bürgerlichen Gesellschaft erregten sie mit Sicherheit Anstoß. Genau, wie es schon zehn Jahre zuvor mit Heinleins Roman [„Fremder in einer fremden Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=43 passiert war.

Das letzte Drittel widmet sich der Jagd nach den Antworten auf die Fragen, die das Experiment aufwirft. Doch da die Konflikte schlecht ausgeführt sind, kommt nur wenig Spannung auf. In den vier folgenden Romanen schrieb Farmer einfach diesen Episoden-Erzählstil fort, wobei sie in zunehmendem Maße enttäuschten. Daher ist dieser erste Roman noch der ideenreichste und heute interessanteste. Wenn auch den übrigen Bänden Verkaufserfolge beschieden waren, so juckt uns das doch heute nicht mehr.

|Originaltitel: To your scattered Bodies go, 1971
Aus dem US-Englischen übersetzt von Ronald M. Hahn
Heyne-Ausgabe von 1979 mit der ISBN 3-453-30552-3|

Goodkind, Terry – Schatten des Magiers, Der (Das Schwert der Wahrheit 2)

„Wizard’s First Rule“, der erste Roman im Zyklus „Das Schwert der Wahrheit“ ist ein furioser Auftakt, der den Leser ausgezeichnet unterhält und mit einigen althergebrachten Vorurteilen gegen Fantasy aufräumt. Starke Frauen, hilflose Zauberer, weibliche Drachen. Kurzum: Hier gibt es einige Augenöffner – und eine packende Handlung.

_Der Autor_

Mit seinem vielbändigen Zyklus um „Das Schwert der Wahrheit“, den er 1994 begann, hat sich der 1948 geborene Amerikaner Terry Goodkind in die erste Reihe der meistverdienenden Fantasyautoren geschrieben.

Aus der Masse der High-Fantasy-Bücher heben sich seine Romane wie „Wizard’s First Rule“ oder „Stone of Tears“ durch eine nüchterne, wenn nicht sogar düstere moralische Vielschichtigkeit und durch Momente von Erfindungsreichtum – meist hinsichtlich unangenehmer Überraschungen – heraus. Der Zyklus umfasst bereits ein Dutzend Romane und höret nimmer auf, wie es scheint.

Band 1: [Das erste Gesetz der Magie]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3442246148/powermetalde-21 (Wizard’s First Rule 1)

Band 2: [Der Schatten des Magiers]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/344224658X/powermetalde-21 (Wizard’s First Rule 2)

Band 3: Die Schwestern des Lichts (Stone of Tears 1)

Band 4: Der Palast des Propheten (Stone of Tears 2)

Band 5: Die Günstlinge der Unterwelt (Blood of the Fold 1)

Band 6: Die Dämonen des Gestern (Blood of the Fold 2)

Band 7: Die Nächte des roten Mondes (Temple of Winds 1)

Band 8: Der Tempel der vier Winde (Temple of Winds 2)

Band 9: Die Burg der Zauberer (Soul of Fire 1

Band 10: Die Seele des Feuers (Soul of Fire 2)

Band 11: Schwester der Finsternis (Faith of the Fallen 1)

Band 12: Der Palast des Kaisers (Faith of the Fallen 2)

Band 13: Die Säulen der Schöpfung (The Pillars of Creation)

Das Verhängnis der Schuld – Die Vorgeschichte von „Das Schwert der Wahrheit“

Band 14: Das Reich des dunklen Herrschers (Naked Empire; dt. im August 2004 bei |Limes|)

Weitere Infos unter http://www.terrygoodkind.com.

_Allgemeines_

Im ersten Band des Zyklus‘, „Wizard’s First Rule“ (1994), gerät der Serienheld Richard Cypher, ein bis dahin unscheinbarer Provinzjüngling, in den Sog größerer Ereignisse, als sein Ziehvater ermordet und er selbst von menschlichen und nichtmenschlichen Agenten verfolgt wird, die der dunkle Herrscher Darken Rahl gegen ihn ausgesandt hat. Im Verlauf seiner Quest, um diesen Gefahren zu begegnen, erlebt Richard sowohl größtes Leid als auch größte Liebe: Er verliebt sich in die wunderschöne Lady Kahlan.

Im zweiten Band, „Stone of Tears“, muss Richard die magischen Konsequenzen, die sich aus seinem Sieg über Darken Rahl ergeben haben, wieder ausbügeln, doch zeigt sich, dass dafür ein hoher Preis zu bezahlen ist. Das Universum, in dem die Romane um das „Schwert der Wahrheit“ spielen, basiert nämlich auf verschiedenen Balancen aus polaren Gegengewichten: Leben und Tod, Gut und Böse, Schöpfer (Gott) und Hüter (der Widersacher), Schwestern des Lichts und Schwestern der Finsternis. Diese manichäische Welt ist auch die Grundlage für die späteren Romane, wenn auch mit Variationen.

_Handlung_

Der junge Waldführer Richard Cypher hat sein Leben bislang friedlich in Westland gelebt, als eines Tages sein Vater meuchlings ermordet wird. Sein Freund und Lehrer, der alte Zauberer Zedd, rät ihm weiter. Durch das magische „Schwert der Wahrheit“, das Richard mit Zorn stärkt, macht er seinen Schüler zu einem „Sucher“, der über eine spezielle Art von Magie verfügt.

Auf der Suche nach den Mördern lernt Richard die schöne Kahlan kennen, die nach Westland gekommen ist, weil ihre Heimat Midland von dem mächtigen Magier Darken Rahl bedroht wird, der vom östlichen D’Hara aus die restliche Welt mit Krieg überzieht. Auch Kahlan scheint über eine besondere Art von Magie zu verfügen, aber es ist zunächst nicht deutlich, über welche.

Darken Rahl braucht drei magische Kästchen, erfährt Richard, um Allmacht zu erlangen. Zwei davon befinden sich bereits in seinem Besitz. Im Land der Schlammmenschen, die im südlichen Midland leben, erfahren Richard und Kahlan von der zwielichtigen Hexe Shota, wo sich das dritte Kästchen befindet. Die böse Königin Milena hat es in ihrer Juwelenkammer, und aufgrund eines Bündnisses soll es Darken Rahl demnächst ausgehändigt werden.

Milenas Zauberer Giller jedoch hat die Gefahr erkannt, die der Menschheit durch Rahl droht, sobald dieser über absolute Macht verfügt. Mit Hilfe des kleinen Mädchens Rachel schmiedet er einen mutigen Plan, um das dritte „Kästchen der Ordnung“ in Sicherheit zu bringen. Diese Episode ist sehr spannend und bewegend.

Bei der Hexe Shota, die Kahlan gefangen genommen hatte, hat Richard etwas Schreckliches über Kahlan erfahren: Shota prophezeite, dass sie und Zedd ihn töten würden. Doch Kahlan hatte geschworen, den „Sucher“ um jeden Preis zu schützen. Als einzigen Ausweg aus diesem Dilemma wählt sie für sich selbst den Selbstmord, doch den versucht Richard mit allen Mitteln zu verhindern. Er braucht Kahlan als Führerin zu Rahls „Palast des Volkes“, der weit im Osten liegt.

Ständig verfolgen Monster und andere schleichende Kreaturen Richard, Kahlan und Zedd, der zwischendurch auftaucht, um sie zu überfallen und ihren Plan zu vereiteln, Darken Rahl das dritte Kästchen abzujagen. Doch sie haben nicht damit gerechnet, dass sich in ihrer Mitte ein Verräter befindet. Und schließlich scheint für Richards Unternehmen Feierabend zu sein, als er in die Gefangenschaft des Schwarzen Magiers gerät und von einer Mord-Sith über die Bedeutung des Wortes „Schmerz“ vollständig aufgeklärt wird.

_Mein Eindruck_

Wie um Himmels willen soll man nur über einen halben Roman urteilen können? Alles, was man darüber sagen würde, wäre ja nur zur Hälfte zutreffend und würde durch die andere Hälfte sofort wieder relativiert werden. Es gibt aber zwei Möglichkeiten, diesem halben Roman zu Leibe zu rücken: Indem man sich auf das sehr Allgemeine und das sehr Spezifische beschränkt. Aus dem Konkreten lassen sich hoffentlich Schlüsse auf das Allgemeine ziehen.

|Easy Reading|

Zunächst einmal ist der Roman sehr leicht zu lesen, denn die Formulierungen sind sehr flüssig geschrieben und oft in kurze Sätze gepackt. Das erweist sich als sehr hilfreich, die doch recht komplizierten Verhältnisse und Vorgänge zu erfassen. Warum eine schwierige Sache noch schwieriger machen? Anders als bei Tolkien besteht der Roman fast ausschließlich aus Szenen, die in der Mehrzahl emotional sehr intensiv sind. Weitschweifige Erklärungen, wie Tolkien sie (besonders in „Die Gefährten“) liebt, gibt es in dieser Romanhälfte nur eine, nämlich dann, als Zedd erklärt, wie es dazu kam, dass die Zauberer einst den weiblichen Orden der Konfessoren schufen, zu denen Kahlan als Chefin gehört.

|Die Leiden der Konfessoren|

Dieser Erklärung geht eine sehr bewegende, um nicht zu sagen herzzerreißende konkrete Szene voraus, in der Kahlan beizubringen versucht, was es heißt, eine Konfessorin zu sein. Solch eine Frau verfügt über die alleinige Macht, die Unschuld eines Verurteilten zu bestätigen, wenn dieser ein Geständnis – eine Konfession – ablegen möchte. Sie lässt ihre Macht den Beichtenden überwältigen, wodurch jedoch dessen früheres Ich ausgelöscht und durch ein dienendes, unterwürfiges Ich ersetzt wird. Kurz gesagt: Eine Konfessorin führt eine ziemlich brutale Unterwerfung durch.

Der Haken bei der Geschichte: Würde sich Kahlan ihrem lieben Richard völlig hingeben, so würde ihre Konfessorenmagie ihn in ein unterwürfiges Schoßhündchen verwandeln. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft für beide, denn sie kann daher Richard nur als ihren Freund haben und niemals ein Kind von ihm empfangen. Bedeutende Aspekte der Weiblichkeit sind ihr also verwehrt. Und er darf sie nur, äh, sehr vorsichtig lieben.

|Die Lehren des Schmerzes|

Das ändert sich jedoch mit jener intensiven Episode im Palast des Volkes, als die Mord-Sith Denna ihn die Bedeutung des Schmerzes lehrt. Denna wurde selbst von klein auf an Schmerz und Gefühllosigkeit gewöhnt – sie musste Vater und Mutter töten. Ihr einziger Lebensinhalt besteht darin, dem Vater Rahl zu dienen und seine Untertanen und Feinde zu unterwerfen. Mit einem magischen Instrument, dem „Strafer“, fügt sie sehr direkt und brutal Schmerzen zu. Schmerzen, die schließlich auch unseren armen Richard in die Knie zwingen und dazu bringen, sich ihr zu unterwerfen.

Das ist aber gar nicht so schlimm, wie man meinen sollte, denn der Sucher findet in sich selbst erstaunt eine Kraft, die er zunächst vorsichtig kennen lernen und dann einsetzen muss: Diese Kraft besteht in Mitgefühl (compassion), Mitleid und Liebe. Wenn er diese Kraft heraufbeschwört, verfärbt sich die Klinge seines Schwertes der Wahrheit weiß. War ihm zuvor durch den Zorn die Macht des Hasses zugeflossen, um die Gegner zu töten, so steht ihm nun die Kraft der Liebe zur Verfügung. Denna hatte ihn bei der Hassanwendung mit ihrer Magie in die Falle gelockt: Jedes Mal, wenn er die Zornesmacht des Schwertes beschwor, fügte er sich selbst lähmende Schmerzen zu. Umso erstaunter ist ihre Reaktion, als die Liebe ihm die Kraft verleiht, ihrer Macht und den Schmerzen des Strafers zu widerstehen. Schließlich erfleht sie den erlösenden Tod von seiner Hand, denn es ergeht ihr wie Kahlan: Sie kann nie volle Weiblichkeit erlangen, denn alles, was sie liebt, muss sie auf Vaters Rahls Geheiß zerstören.

Diese über hundert Seiten währende Sadomaso-Episode ist meines Wissens bislang einzigartig in der Mainstream-Fantasy (allerdings kenne ich [„Kushiel’s Dart“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=205 noch nicht, und es gibt ja noch den Grenzbereich zwischen Fantasy und S&M-Erotica). Die Episode in Novellenstärke ist keineswegs in erotischen Termini erzählt, obwohl natürlich die Beziehung zwischen Richard und seiner „Herrin Denna“ nicht anders als von höchster emotionaler Intensität sein kann. Sie wird jedem Leser in Erinnerung bleiben.

|Zweischneidige Prophezeiungen|

Zu den anderen bemerkenswerten Szenen gehören der Besuch bei der Zauberin Shota, als Richard voll Entsetzen mit ansehen muss, wie Kahlan von Giftschlangen eingehüllt ist. Bei dieser Gelegenheit äußert Shota eine Prophezeiung, die verhängnisvolle Folgen hätte, wenn Richard sich nicht auf das „Erste Gesetz der Magie“ besänne: Die Menschen sind dumm und wollen lieber glauben, was ihnen passt, als der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Glücklicherweise gilt diese ewige Weisheit auch für Zauberer jeder Art – für Zedd ebenso wie für den abgeklärten Darken Rahl.

|Geburt einer Nemesis|

Eine wahrhaft erhabene – im Sinne von schrecklich schön – Szene ergibt sich kurz vor dem Showdown, als Kahlan von Rahls Schergen erfährt , dass Richard getötet worden sei. Ein Schauder überkommt mich, wenn ich an den Moment zurückdenke, als Kahlan ihre eigene Konfessorenmagie mit der Magie der Unterwelt vereinigt, indem sie dreimal einen gewaltigen Schrei ausstößt, der die Welt erschüttert. Sie wird zu einer Rachegöttin antiken Zuschnitts (Erinnye, Nemesis, you name it). Da sie aber selbst nicht gegen das Erste Gesetz der Magie gefeit ist, sind die Folgen dieses Handelns ziemlich verheerend – für Richard.

|Spaß muss sein!|

Das alles klingt reichlich dramatisch. Das ist es ja auch, und mit einiger Berechtigung, doch es gibt auch einige Momente auflockernder Ironie und Komik. Das wichtigste Beispiel dafür ist Richards Begegnung mit der roten Drachendame mit dem bezaubernden Namen Scarlet (= scharlachrot). Anstatt sie wie jeder zünftige Drachentöter mit seinem Schwert in die ewigen Jagdgründe zu schicken, macht er mit ihr einen saucoolen Deal: Er darf auf ihr reiten, um nach seinen verlorenen Gefährten zu suchen, und er hilft ihr dabei, ihr Ei zurückzugewinnen, das ihr Darken Rahl weggenommen hat. Gelingt ihm dies nicht, darf sie ihn ganz legitim auffressen.

Zum Glück klappt das alles doch recht gut, ohne dass es sich als notwendig erweist, Richard zu verspeisen – denn sonst wäre der Zyklus ja schon nach einem Buch zu Ende, und das kann ja nicht sein!

|Schwächen|

Ein paar seltsame Ungereimtheiten haben mich dann aber doch ein wenig geärgert, besonders im letzten Viertel des Buches (von „Roman“ darf ich ja im Falle der deutschen Aufteilung nicht reden). Goodkind macht es sich nämlich mehrmals ziemlich einfach, indem er den Zauberer erstens mit einem Gedächtnis wie ein Sieb ausstattet und ihn obendrein als so dämlich zeigt, dass er nicht einmal einen Feindzauber oder Lähmzauber erkennt, wenn er auf ihn trifft. Als Folge dieser Blödheit ist Zedd immer dann außer Gefecht gesetzt, wenn seine Kräfte am nötigsten gebraucht würden. An einer Stelle ist eklatant klar, als sich Zedd weigert, darüber nachzudenken, ob man ihn und Kahlan verraten hat – und wenn ja, wer der Verräter ist. Hier lenkt der Autor die Intelligenz des Lesers doch zu offensichtlich.

Im Übrigen lügt auch der Klappentext: Richard selbst findet keineswegs heraus, wer sein wahrer Vater ist. Das tun nur Rahl und Zedd in trautem Zaubererplausch. Er selbst ist zu diesem Zeitpunkt schon von der Bühne abgegangen. Wäre ja vielleicht auch sonst zu peinlich gewesen.

_Unterm Strich_

Die Lektüre des – vollständigen! – ersten Romans von „Das Schwert der Wahrheit“ lohnt sich durchaus, ja, das Gesamtbuch gehört für mich zum festen Kanon der modernen Fantasy. Über die späteren Bücher erlaube ich mir kein Urteil, aber „Säulen der Schöpfung“ beispielsweise (siehe oben) war eher enttäuschend in seiner Routiniertheit. Gegen dieses laue Lüftchen nimmt sich der erste Band wie ein Sturm mit Donner und Hagelschlag aus.

|Originaltitel: Wizard’s First Rule, Kap. 30-49, 1994
Aus dem US-Englischen übersetzt von Caspar Holz|

Audible.de – Die neue Hörbuch-Download-Plattform

|Junge Leute mit dem Köpfhörer im Ohr – man sieht sie heute überall, sie gehören zum Alltagsbild. Aber was hören sie eigentlich mit ihrem MP3-Player oder ihrem Handy? Vielleicht klingen ihnen die Ohren in Zukunft nicht nur vom neuesten R&B-Soul-Hit, sondern von einem aufregenden Hörspiel wie etwa „Otherland“. Eine neue Download-Plattform für Hörbücher macht’s möglich.|

Hat der Weihnachtsmann den MP3-Player erfunden? Wohl nicht ganz, aber es war am Nikolaustag 2004, dass das deutsche Internet-Portal audible.de für den Download von Hörbüchern und Audiomagazinen seine Pforten öffnete. Die amerikanische |Audible Incorporated| hat sich mit zweien der größten Medienhäuser zusammengetan und ein Jointventure mit |Random House| (Bertelsmann) und |Holtzbrinck NetworXs AG| gegründet.

Was hat der Nutzer von Medien davon, fragt man sich unwillkürlich. Reicht es nicht, dass ein Musikportal nach dem anderen dem mehr oder weniger jungen Musik-Junkie das Geld aus der Tasche zieht? Müssen es auch noch Audiobooks sein, nach denen wir gieren sollen?

Diese Bedenken waren den Machern der Plattform wohl nicht ganz unbekannt, denn zunächst gab es etwas völlig kostenfrei: ein frei wählbares Hörbuch – bei einer Auswahl unter 1000 Stück; zeitweilig wurde die Aktion auch auf zwei frei wählbare Hörbücher ausgedehnt. Für das Jahresabo wurde man mit einem kostenlosen MP3-Player (iPod shuffle) belohnt. Entsprechend rege war das Interesse. Innerhalb der ersten Woche luden mehr als 2000 Nutzer über 5000 Hörbücher herunter.

_Wen juckt’s?_

Spricht daraus ein erhöhtes Interesse deutscher Verbraucher an hörbarer Literatur und gesprochenen Texten aus Zeitung, Zeitschrift und Reiseführer? Wie ich selbst immer wieder an mir und anderen festgestellt habe und beobachten kann, besteht in der Tat eine große Nachfrage nach solchen Angeboten – mit Einschränkungen. Arik Meyer, der deutsche Geschäftsführer von audible.de, erläutert: „Es geht vor allem um einen anderen Hörstil, etwa im Auto, unterwegs zur Arbeit (oder dem Studienort) oder beim Sport.“ Die einfache Verfügbarkeit spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: „Einfach im Internet auswählen, herunterladen und sofort am MP3-Player oder PC hören“, das sei |audible|s Devise.

_Zu hohe Preise? Kein Problem_

Doch viele Hörbuch-Freunde werden immer noch von den überdurchschnittlich hohen Preisen der Anbieter abgeschreckt. Sie liegen – mit nur wenigen löblichen Ausnahmen – meist im Bereich für Hardcover-Bücher. Als ob man CDs einen Ehrenplatz im Bücherregal einräumen würde! Arik Meyer sieht sich im Vorteil: „Die Titel aus unserem englisch- oder deutschsprachigen Programm sind rund 30 Prozent günstiger als vergleichbare Hörbücher auf CD.“

Damit liegt audible.de etwa gleichauf mit den Hörbuchpreisen, die Amazon.de, der größte Online-Buchhändler, für preisgesenkte Hörbücher – die zudem portofrei verschickt werden – verlangt. Preisgünstiger sind nur noch Secondhand-Hörbücher, doch das Angebot ist bislang spärlich. Kaum wird ein Hörbuch als gebraucht angeboten, ist es schon wenige Tage später wieder weg. Das belegt einen hohen Bedarf. Will audible.de jedoch Amazon.de und Gebrauchthändler (besonders auf Ebay.de) dauerhaft unterbieten, muss es über kurz oder lang die Preise weiter senken – gut für die Käufer.

_Abonnements_

Dies gilt, wenn man sich die Titel quasi à la carte zusammensucht. Es gibt aber auch zwei Modelle für Abonnements: Classic und Premium. Beim „Classic“-Abo erhält der Kunde monatlich eine Zeitschrift und ein Audiobuch seiner Wahl für einen Monatsbeitrag von 9,95 Euro. Außer dem „Handelsblatt“ und „Die Zeit“ sind jedoch alle Zeitschriften in Englisch. Dadurch ist dieses Abo wenig reizvoll für deutschsprachige Leser.

Das Premium-Abo verpflichtet zur Abnahme von zwei Hörbücher pro Monat und kostet – ja, wie viel denn nun? Nach den Angaben des Audible-Geschäftsführers Arik Meyers handelt es sich um ein Sonderpreisangebot in Höhe von 14,95 Euro. Man spart also im Schnitt fünf Euro. Vorausgesetzt, es bleibt beim permanenten Sonderangebot. Wer ein Hörbuch als Geschenkidee toll findet, kann einen digitalen Geschenkgutschein verschicken.

_Was gibt’s im Angebot?_

Die Käufer bleiben jedoch ebenfalls weg, wenn sie merken, dass es nichts im Angebot gibt, das sie interessiert. Deshalb ist der im Neudeutschen so genannte Content ebenfalls von hoher Bedeutung. Die Titel werden von zurzeit 25 Vertragspartnern – nennen wir sie mal „Content-Provider“ – bereitgestellt. Am Anfang handelte es sich um rund 1000 Stunden deutschsprachiges Programm plus 5000 Stunden Belletristik- und Sachtitel in englischer Sprache. Kein Wunder, wenn der Betreiber aus den USA kommt. Dagegen nehmen sich die 400 deutschen Hörbücher doch recht bescheiden aus. Hinzu kommen rund 7600 englischsprachige Hörbücher. (Natürlich gibt es auch Audiozeitschriften und -Zeitungen.)

Daher ist das Gewinnen von weiteren Content-Providern so wichtig. In den USA verfügt Audible Inc. über 230 Vertragspartner (stand Mai 2005), die mehr als einer halben Million Kunden über 50.000 Stunden Audio-Inhalte anbieten. Dies ist die Marke, auf die das Unternehmen auch hierzulande hinarbeiten muss – wenn auch eine Nummer kleiner als im riesigen US-Markt. Doch bei einem genaueren Blick ins Angebot von Audible.de bekommt der Kunde zunächst vielleicht ein langes Gesicht. Bei einem Sortiment von 80 Klassikern, 28 Offerten im Kinder- und Jugendbuch, 32 Angeboten bei den Krimis und Thrillern, 30 „Märchen und Sagen“ sowie 86 Hörbüchern unter „Romane“ und „Allgemein“ fallen die deutschsprachigen Angebote noch eher spärlich aus. Dafür gibt es bereits 152 deutsche Sachbücher und Ratgebertitel. Diese Angaben spiegeln den Stand Anfang Mai 2005 wider – das Angebot wird sukzessive erweitert, um etwa 40 deutsche Titel pro Woche, sagte mir der Geschäftsführer Arik Meyer.

„Manche Autoren wie etwa Wolfgang Hohlbein oder Brian Lumley sucht man vergebens, Autoren wie Patricia Cornwell oder Dan Brown sind nur mit englischen Ausgaben vertreten. Gerade bei Harry Potter hätte ich mindestens eine deutsche Ausgabe erwartet“, berichtet Audible-Kunde Volker Wende.

Die Schwierigkeit beim Einstellen deutschsprachiger Angebote liegt laut Arik Meyer darin, dass für jeden Titel die Rechte geklärt und freigegeben werden müssen. Dieser Prozess erstreckt sich bis hin zum Autor, Produzenten, Sprecher, Übersetzer oder gar Musiker, der auf einem Hörbuch auftaucht. Audible.de wartet auf eine Urheberrechtsnovelle, die diesen Prozess beschleunigen soll.

_Wie geht das?_

Für das Einkaufen geht der Kunde wie bei Amazon.de vor: Konto anlegen, Modalitäten für Zahlung usw. erledigen, auswählen der Ware und Ablage in einem Warenkorb. Dieser heißt hier allerdings „Bibliothek“ und dient zugleich als Archiv: Man kann die dort gespeicherten Dateien beliebig oft herunterladen, was bei einem Verlust von Player oder CD recht willkommen ist. Eine Download-Seite ist natürlich für Downloads ausgelegt. Doch wie groß sind diese und wie lange? Wo werden die Dateien extern gespeichert?

|Herunterladen|

Jedes Hörbuch liegt in vier Qualitätsstufen bereit. Die geringste Stufe erzeugt die kleinste Datei, die höchste Stufe (128 KBit/s) generiert die größte Datei, liefert aber die beste Tonqualität. Das kennt man ja vom verlustbehafteten JPEG-Bildformat. Die minimale Qualität ist indiskutabel, findet Audible-Nutzer Volker Wende. Audible-Geschäftsführer Arik Meyer weist jedoch darauf hin, dass man eine gekaufte Audio-Datei mehr als einmal herunterladen darf, so natürlich auch in einem besseren Klangformat.

Die maximale Qualität führt zu Dateigrößen zwischen 80 und 120 Mbyte (105 MB = ca. 7,5 Stunden Hördauer). Da ein solcher Download mit einem 56K-Modem eine kleine Ewigkeit dauert, ist ein DSL-Anschluss sehr anzuraten. Dann dauert das Herunterladen nur wenige Minuten.

Die neue Datei wird vom |Audible|-eigenen AudioManager verwaltet, der zugleich als Archiv des Kunden dient. In diesem Manager ist ein eigener Player zum PC-basierten Abspielen der Dateien integriert. Man kann die Dateien aber auch mit dem Windows-Mediaplayer oder mit dem Realplayer nach Installation entsprechender Plugins wiedergeben.

Der AudioManager benötigt selbst rund 25 MB Speicherplatz und handhabt Downloads auf den Audible-kompatiblen MuVo-MP3-Player im Wert von rund 180 Euro, den |Audible.de| im Jahresabo anbietet, oder auf den |iPod shuffle|, der zur Zeit im Angebot ist. Der Player ist kostenlos, wenn man ein Jahresabo bestellt, das ja fast genau 180 Euro (14,95 x 12) für 24 Hörbücher kostet.

|Speichern und Nutzen|

Die Bedienung eines MP3-Players brauche ich hier ja wohl kaum zu beschreiben. Sie ist kinderleicht, dennoch liegt sicherheitshalber eine Bedienungsanleitung bei. Der getestete MuVo-Player versah seinen Dienst anstandslos, allerdings suchte ich die Möglichkeit, quasi „zurückzuspulen“. Das wäre bei weniger leicht verständlichen Englischtexten eine sehr erwünschte Funktion. Die Funktion ist aber zu finden, wenn man im Handbuch nachschlägt. Der neue |iPod shuffle|, der zur Zeit im Angebot fürs Jahresabo ist, stand für Testzwecke nicht zur Verfügung. Er kostet im Laden 99 Euro.

Nun könnte der Eindruck entstehen, das heruntergeladene Format sei ein einfach zu handhabendes MP3-Format. Dem ist nicht so! Vielmehr handelt es sich um das .aa-Format, das der MuVo-Player versteht und das höhere Kompressionsraten als MP3 zulässt. Zweitens bietet es den viel größeren Vorteil, dass es nur eine zusammenhängende Datei zu verwalten und zu handhaben gibt statt Dutzende davon. Wenn man mitten in der Datei aufhört, den Text zu hören, kann man später an dieser Stelle fortsetzen, so als hätte man hier ein Lesezeichen gesetzt. Nach Meyers Angaben besteht auch die Möglichkeit, von Kapitel zu Kapitel beziehungsweise – in einer Audio-Zeitschrift – von Artikel zu Artikel zu springen.

|Gerätekunde|

Die folgenden mobilen Geräte werden unterstützt, auf die man die Dateien mit Hilfe dieses Managers übertragen kann: Creative MuVo MP3-Player, Apple iPod, Rio Forge, Rio Carbon, Samsung Napster / YH-920, alle Modelle der HP iPAQ-Serie, Windows Pocket PC anderer Hersteller, wie z. B. Hewlett-Packard (Jornada), Dell, Toshiba, Casio, Audiovox, ViewSonic, und NEC, PalmOne Handhelds wie der Zire 71 und die Tungsten C-, E- und T-Series und Palm One Treo 600 und 650 Smartphone. Man sollte sich auf der Audible-Webseite umsehen. Laut Arik Meyer plant Nokia für seine Smartphones, ebenfalls das .aa-Format zu unterstützen.

|Brennen|

Das .aa-Format lässt sich mit Hilfe eines MP3-Rippers ins MP3-Format konvertieren. Immerhin darf man laut Lizenz (s. u.) das Hörbuch jeweils einmal auf CD brennen. Dazu wird ein Plugin von Roxio automatisch in den Audible-Manager integriert. Auch passende Labels lassen sich einfach ausdrucken. Das Brennprogramm sollte von guter Qualität sein, damit der Brennvorgang erfolgreich verläuft. Für die nötige Konvertierung in MP3 gibt es Ripping-Shareware. Bei einer Qualitätsstufe von 128 KBit/sec entsteht ein Speicherbedarf von rund 400 MByte. Das sollte man beim Einsatz eines entsprechenden MP3-Players hinsichtlich seiner Kapazität (512 MB oder mehr; der MuVo hat 1 GB Speicher) berücksichtigen.

Auf bis zu drei MP3-Player darf man sein Hörbuch übertragen. In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen heißt es: „(Es ist erlaubt,) die Audioprogramme für den individuellen privaten Gebrauch einmalig auf CD zu brennen und auf jeweils maximal drei MP3-Spielern und/oder PCs nutzbar zu machen.“ Natürlich gilt es beim Brennen auf CD oder bei der Konvertierung in MP3 den Zeit- und Materialaufwand zu berücksichtigen, der gerade auf schwächeren Systemen beträchtlich sein kann. Zwei Stunden für sechs CDs sind bei meinem 1-GHz-PC mit DVD-Brenner keine Seltenheit. Zieht man diesen Aufwand in Betracht, wird ein Hörbuch-Preis von 10 Euro (oder 20 Euro bei neueren und umfangreicheren Titeln und ohne Abo) schon wesentlich weniger attraktiv. Berücksichtigt man noch, dass es gebrauchte Hörbücher für ähnliche Preise bei |Amazon| und |eBay| gibt, so relativiert sich der Audible-Preis noch einmal.

Andererseits kann man sich diesen ganzen Aufwand sparen, wenn man einen der 1-GB-Player nutzt. Der Download geht mit einer DSL-Leitung schnell, ebenso die Übertragung per USB2-Bus. Anschließend braucht man keine CDs herumzuschleppen und zu wechseln – bei sechs CDs für den neuen Grisham „Die Begnadigung“ kann das lästig werden. Zudem lässt sich leicht zwischen den Medien wechseln: vom Hörbuch zur Zeitschrift, von dort zum Reiseführer – je nach Gusto und Gelegenheit.

|Empfehlungen|

|Audible.de| sollte vielleicht von vornherein das MP3-Format oder das entsprechende .wma-Äquivalent von Microsoft, das ja ebenfalls stärker als MP3 komprimiert, anbieten. Allerdings hat .aa seine oben angeführten Vorteile. Um Missbrauch vorzubeugen, lassen sich die Dateien ja mit einem DRM-Stempel – quasi einem digitalen Wasserzeichen – versehen. DRM steht für Digital Rights Management und wird von Microsoft stark unterstützt. „Sollte nun eine copyrightgeschützte Datei auf Tauschbörsen oder dergleichen auftauchen, lässt sich der verantwortliche Verkäufer und Käufer rasch ermitteln“, erläutert Volker Wende. „Jeder Käufer hat also selbst ein großes Interesse daran, seine Hörbuchdateien gut zu verwahren und nicht weiterzugeben.“ Wer sein Abo kündigen will, wendet sich an: Audible GmbH, Bayerstraße 21, 80335 München; Fax-Nr.: 089-206077-42; E-Mail: info@audible.de.

_Unterm Strich_

Zurzeit erscheint es mir für deutsche Interessenten noch früh, aber nicht verfrüht, ein Abonnement mit |Audible.de| abzuschließen. Den Audio-Player braucht man zwar nicht zu kaufen (im Wert von 180 Euro bzw. 100 Euro beim |iPod shuffle|), aber man sollte damit umgehen können. Für À-la-Carte-Käufe finden sich momentan schon attraktive Angebote in einem breiten Spektrum von Reiseführern über Zeitschriften und Zeitungen bis hin zu Roman-Hörbüchern.

Dass die meisten deutschen Audiobooks von |Random House| (Bertelsmann) stammen, ist auf dessen Beteiligung am Jointventure zurückzuführen. Hier kann man nur hoffen, dass die Klärung der Rechte an diesen Werken möglichst beschleunigt werden kann und so sukzessive ein größerer Anteil an deutschsprachigen Werken verfügbar wird.

Wenn der Otto-Mair-Verlag einsteigen würde, so könnte man bald Reise- und Stadtführer in rauen Mengen (Baedeker, Marco Polo usw.) erstehen. Zur Leipziger Buchmesse gab es bereits einen Stadtrundgang, der auf dem Testgerät zu finden war. Eine interessante Technik jedenfalls. Oder wird man in Zukunft die Städte nicht mehr real besuchen, sondern nur noch virtuell – mit dem Kopfhörer im Ohr?

Anderson, Poul – Schwert des Nordens, Das (Das geborstene Schwert / Hrolf Krakis Saga)

Dieser Band enthält zwei klassische Wikinger-Romane: „Das geborstene Schwert“ (auch: „Das zerbrochene Schwert“; 1954/71) und „Hrolf Krakis Saga“ (1973). Obwohl die zwei Romane in Aufbau und Thema sehr unterschiedlich sind, geht es doch stets auch um das Erlangen und den Einsatz von Schwertern. Dadurch kommt der Freund von Heroic Action Fantasy voll auf seine Kosten.

_Der Autor_

Poul Andersons Eltern stammten von eingewanderten Dänen ab. Poul, der vor dem 2. Weltkrieg kurze Zeit in Dänemark lebte, interessierte sich für diese Herkunft so sehr, dass er mehrere Romane an dem Schauplatz Skandinavien zur Zeit der Wikinger spielen ließ, darunter den vorliegenden, aber auch „Krieg der Götter“ und die Trilogie „The Last Viking“ (unübersetzt). Ansonsten ist Anderson für seine zahlreichen Science-Fiction-Romane bekannt, von denen „Brain Wave“ (1954) wohl der innovativste ist.

Der 1926 geborene Physiker, der schon 1947 zu veröffentlichen begann, starb 2001. Er ist Greg Bears Schwiegervater. Seine Werke hier aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen, denn allein in der „Encyclopedia of Science Fiction“ ist sein Eintrag nicht weniger als sechs Spalten lang … Er gewann sieben |Hugo Awards| und drei |Nebula Awards|, viermal den |Prometheus Award|, den |Tolkien Memorial Award|, den |August Derleth Award| und 1978 den |Gandalf Grand Master Award| sowie 1997 den |Grand Master Award| der |Science Fiction and Fantasy Writers of America| und 2000 den |John W. Campbell Memorial Award| – mehr und Höheres kann man in diesen Genres fast nicht gewinnen.

_Handlung von „Das geborstene Schwert“_

Es war zu jener Zeit, als die irischen Mönche noch nicht ganz Europa missioniert hatten. Wer über die Hexensicht verfügte, konnte noch Elfenfürsten und Trolle erspähen, ja vielleicht sogar einen riskanten Blick auf die Jötunen, die Eisriesen, und ihre Gegenspieler, die Asen, werfen. Aber nur die wenigsten tapferen Wanderer und Krieger in den neun Welten schafften es nach Jötunheim und Asgard.

Umgekehrt galt dies natürlich nicht, den Odin, der einäugige Wanderer, besuchte mit der Wilden Jagd häufig die Siedlungen von Menschenwesen, Elfen und Trollen. Und manchmal mischten er und seine Geschwister sich in die Angelegenheiten der Wesen in Midgard, der Mittel-Erde, ein. Dies ist eine solche Geschichte, die Geschichte von Skafloc, Frida und dem verfluchten Götterschwert Tyrfing.

|Orm der Starke Ketilssohn|

Es war ein Mann namens Orm der Starke, der zog von seinem heimatlichen Jütland in jenen Teil von England, den man Danelaw nannte. Orm nahm sich eine schöne, eigenwillige Frau, um mit ihr einen starken Clan zu gründen, der das Land besiedeln und beherrschen sollte. Das wäre ihm auch fast gelungen, doch Elfen und Götter hatten anderes beschlossen.

Orm war wieder auf einer seiner Beutefahrten, vielleicht nach Gardariki, dem alten Byzanz, als seine Frau Älfrida einen gesunden Knaben gebar. Wegen schlechten Wetters konnte das Kind erst in zwei, drei Tagen getauft werden. In der Zwischenzeit war seine Seele schutzlos. Davon erfuhr eine Hexe, die sich für das, was Orms Krieger ihrer Sippe angetan hatten, rächen wollte. Sie berichtete dem mächtigen und listigen Elfenfürsten Imric davon.

Sogleich fasst Imric einen kühnen Plan. Vor neun Jahrhunderten hatte er die Tochter des Trollkönigs entführt und auf seiner Burg Alfheim eingekerkert. Sie musste ihm noch in der gleichen Sturmnacht einen Wechselbalg gebären. Dieses Kind versah Imric mit Hilfe eines Elfenzaubers mit dem Aussehen von Älfridas Neugeborenem. Das Austauschen war danach nur noch ein Klacks. Ölfrida merkte nichts davon, sie wunderte sich höchstens, dass ihr Baby mit einmal so aggressiv beim Stillen war.

|Skafloc und Valgard|

Während Älfrida den Wechselbalg auf den namen Valgard taufen ließ und wie ihren eigenen Sohn aufzog, wuchs das geraubte Kind im Schoße der Elfen auf Alfheim zu einem starken und zaubermächtigen Krieger heran. Imric hatte ihm den Namen Skafloc gegeben und niemals getauft, denn die Elfen müssen die Riten und den Namen des Weißen Christus scheuen.

Zu seinem Namensfeste aber erschien auf Alfheim ein Bote der Asen, der trug ein zerbrochenes Schwert, dessen Name war Tyrfing. Der Bote prophezeite, nach dem Willen der Nornen (Schicksalsgöttinnen) werde Skafloc eines Tages das Schwert brauchen und es schmieden lassen, um es wieder ganz zu machen. Imric beschlich darob ein ungutes Gefühl, denn mit Geschenken der Götter hatte er noch nie gute Erfahrungen gemacht, und er ließ das Schwert in einer Kerkermauer verstecken.

|Der Krieg gegen die Trolle|

Valgard, der Wechselbalg, ist zu einem geächteten Krieger in Orms Sippe herangewachsen. Nach einem Streit, in dem er mehrere Männer aus Orms Sippe tötet, muss er England verlassen. Beraten von der Waldhexe, die ihre Rache vollzieht, schließt er sich dem Trollkönig an. Illrede ist sehr erbaut von den Ruhmestaten Valgards und er lässt ihn erneut Orms Sippe heimsuchen. Bei diesem Raubzug sterben alle außer drei Frauen: Valgards „Mutter“ und ihre zwei schönen Töchter Frida und Asgerd. Er verschleppt sie nach Trollheim, wo sie ein finsteres Schicksal als Sklavinnen erwartet.

Wenn da nicht Skafloc wäre. Er sieht den Zeitpunkt gekommen, sich als Kriegsführer zu beweisen und die übermütigen Trolle unter Valgard in ihre Schranken zu weisen. Bei seinem Feldzug befreit er Frida, doch Asgerd stirbt im Gefecht. Als Valgard ihm gegenübertritt, sind beide natürlich ziemlich verblüfft: Sie tragen das gleiche Gesicht!

|Sklafloc und Frida|

Nachdem Skafloc unter schweren Verlusten heimgekehrt ist, rüsten die Trolle zu einem allumfassenden Eroberungskrieg, der nicht nur ihrer Rache dienen soll, sondern auch die Unterwerfung aller Elfenländer Europas bezweckt. Valgard ist der zweite Mann bei diesem Krieg, doch er weiß schon, wie er sich zum Anführer machen kann.

Unterdessen ahnen Skafloc und Imric nur wenig von dem Unheil, das auf sie zukommt. Skafloc hat sich schwer in Frida verliebt und nimmt sie ohne große christliche Zeremonie zu seiner Frau, sehr zum Missfallen seiner Ziehmutter Lia, Imrics Schwester. Er ahnt nicht, dass Frida seine leibliche Schwester ist. Doch andere wissen dies nur zu gut, so etwa Valgard.

|Das verfluchte Schwert der Asen|

Als Alfheim gefallen und Elfenkönig Imric von den Trollen eingekerkert worden ist, führt Skafloc mit Frida, einer hervorragenden Bogenschützin, einen Guerillakrieg gegen die Besatzer. Doch er sieht das Ende der Elfennationen nahen, und so fasst er einen verzweifelten Plan: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion, in Gestalt von Wolf, Adler und Otter, will er das Götterschwert aus der Burg holen und es von den Eisriesen neu schmieden lassen, um damit Elfenland von den Trollen zu befreien.

Frida, die ihn innig liebt, und alle überlebenden Elfen haben ein ungutes Gefühl dabei. Ihm wird geweissagt, dass er durch dieses Schwert umkommen werde. Das ist ihm einerlei, denn wofür lohnt es sich schon, in einer Trollwelt als Elf-Mensch zu leben? Nachdem die schwangere Frida bitter von ihm Abschied genommen hat, segelt Skafloc mit einem der irischen Elfengötter, Mananaan Mac Lir, gen Jötunheim, das im äußersten Norden liegt und streng bewacht wird. Nur sehr wenige sind von dort zurückgekehrt …

_Mein Eindruck von „Das geborstene Schwert“_

Um es vorweg zu sagen: Das Buch liest sich rasend gut. Es ist schnell und schnörkellos. Der Autor hat keine Skrupel, auch tabuisierte Themen wie den Inzest zu beschreiben und in allen Konsequenzen darzustellen. Geschwisterliebe – natürlich stets unwissenderweise – findet sich übrigens auch in Poul Andersons Roman „Hrolf Krakis Saga“, die nur wenige Jahre vor Skaflocs Abenteuern spielt. Es ist schon seltsam, was die heidnischen Nordvölker da umgetrieben hat. Aber vielleicht fanden ihre Poeten, das Thema Inzest rege die männliche Phantasie ihrer Zuhörer ganz besonders an …

|Historisch verbürgte Wikinger|

Wie auch immer: Bei solchen Themen würde Professor Tolkien als gläubiger Christ im Grabe rotieren. Das heißt aber nicht, dass er die alten Sagas, in denen solche Motive vorkommen, nicht kannte. Im Gegenteil: Sie waren sein Spezialgebiet, als er in Oxford lehrte. Den „Beowulf“ hat er nicht nur kommentiert, sondern, wie man erst vor kurzem herausfand, auch komplett ins moderne Englisch übertragen. Alle genannten Epen spielen um die Zeit des frühen 6. Jahrhunderts n. Chr., wie eine Autorennotiz zu „Hrolf Krakis Saga“ klarmacht. Diese Saga stützt sich auf historische Tatsachen. Beowulfs Gastgeber König Hrothgar gab es wirklich und er taucht in Hrolf Krakis Saga als Hroar auf. Ob es riesige Ungeheuer namens Grendel gab, darf hingegen getrost bezweifelt werden.

|Keine braven Elben|

Ebenso ins Rotieren geriete Tolkien angesichts der Schilderung der Elfen in „Das geborstene Schwert“. Das sind ziemlich machtgierige Typen, die nicht wie die Menschen lieben können, dafür aber ihre Zaubermacht einsetzen, um diverse Siege davonzutragen, so etwa gegen den Erzfeind, die Trolle. Diese Trolle haben mit den Steintrollen im „Hobbit“ ziemlich wenig zu tun. Sie sind zwar auch ganz schön groß, doch Andersons Trolle sind alles andere als Dösköppe, die kleine Hobbits und Zwerge zerquetschen wollen. Diese Trolle sind richtig gefährlich. Und wie die Zwerge leben sie in Höhlen.

|Sexy Hexy|

Wer nun dachte, dies sei eine Fortsetzung des „Herrn der Ringe“, nur von einem anderen Autor, der befindet sich gewaltig auf dem Holzweg. Wenn schon auf den ersten Seiten der Elfenkönig eine Prinzessin der Trolle vergewaltigt und sie ihm ruckzuck einen Wechselbalg gebiert – und so geschieht es seit 900 Jahren -, so befinden wir uns auf ziemlich heidnischem Territorium. Valgard treibt es mit einer als junge sexy Schönheit verkleideten alten verhutzelten Hexe, und Skafloc treibt es, wie gesagt, gar lustig mit seiner Schwester. Am schlimmsten – und da würde Liv Tyler vor Jammer kreischen – sind die Elfenfrauen. Sie treiben es mit den neuen Herren Elfenlands, den Trollen, doch listigerweise bringen sie einen der Besatzer nach dem anderen um, bis der Tag der Befreiung gekommen ist.

|Noch ein Siegfried?|

Deswegen ist Skafloc aber keineswegs ein hirnloser Schlächter. Weder ist er so lieblos und machtgierig wie seine Zieheltern, noch so schwach und täuschbar wie die Menschen, seine wahre Spezies. Auch ist er – zumindest später – kein blonder Haudrauf wie sein berühmterer Vetter Siegfried, der in den alten Sagas noch Sigurd heißt. Als er herausfinden muss, wo er das Dämonenschwert Tyrfing reparieren lassen kann, befragt er die Toten. Das tut man nicht ungestraft.

Prompt erhält er eine Antwort, die er ganz und gar nicht hören wollte: dass Frida von seinem eigenen Fleisch und Blut sei. Kurz darauf ziehen Frida und Skafloc die traurigen Konsequenzen. Doch zuvor ergehen sich beide in langen Beteuerungen der Liebe und erklären einander ihre Stimmung und warum sie sich trennen müssen. Es ist klar, dass Skaflocs Schicksal nicht ein langes Leben, sondern eine nur kurz brennende Supernova sein wird. Die Reparatur des Dämonenschwerts besiegelt sein Schicksal über kurz oder lang, und er weiß es. Doch wie der Obergott Odin Frida kurz vor dem Finale erklärt, kann Skafloc durch Fridas Liebe gerettet werden. Es gibt also Erlösung in diesem düsteren Universum aus neun Welten.

|Es wird gestabreimt|

Es gibt auch Schönheit. Ich habe selten so wunderbare Gedichte gelesen, die in Stabreimen abgefasst sind. Selbst noch in der Übersetzung wirken sie frisch, kraftvoll und zaubermächtig – denn Wörter sind in den Sagas immer Magie, ebenso wie Runen. Mein großes Lob gilt daher der viel zu früh verstorbenen Übersetzerin Rosemarie Hundertmarck. Vergleicht man die Stabreime, so haben sie nichts mit Tolkiens Poesie im „Herr der Ringe“ zu tun, sondern viel mehr mit den alten Epen wie etwa dem berühmten „Beowulf“.

_Handlung von „Hrolf Krakis Saga“_

Ein König von Dänemark hatte im neunten Jahrhundert zwei ungleiche Söhne namens Helgi und Hroar, doch als er starb, mussten diese vor seinem missgünstigen Bruder verborgen werden. Trotz langer und von Magiern unterstützter Suche blieben sie unentdeckt, überlebten und wuchsen bei einem fernen Verwandten auf. Hroar wurde klug und ein guter Verwalter, Helgi jedoch stark, kühn und ein wagemutiger Abenteurer. Als sie sechzehn sind, nimmt ihr Ziehvater sie an den Hof des Königs mit, wo sie sich verstecken. Nachts brennen sie die Halle des Thronräubers nieder, so dass er mitsamt seiner Königin in den Flammen umkommt.

Helgi und Hroar teilen sich die Herrschaft, doch Helgi zieht ins Land der Sachsen beim heutigen Schleswig, um Beute zu machen. Das Einzige, was er verhängnisvollerweise erringt, ist eine widerspenstige Geliebte: Olof ist die unvermählte und höchst eigensinnige Königin von Alsen. Das Ergebnis der Vergewaltigung ist eine Tochter, die sie nach ihrer Hündin Yrsa nennt und an arme Fischer weggibt. Als Yrsa sechzehn oder siebzehn ist, aber keine Ahnung hat, wer ihre richtigen Eltern sind, schaut Helgi mal wieder vorbei, verliebt sich in das schöne Kind und macht sie zu seiner Königin in Odense.

Nach der Geburt eines schönen Knaben namens Hrolf (eben jener des Romantitels) sieht Olof die Zeit für ihre Rache gekommen. Während die beiden Könige von Thing zu Thing unterwegs sind, lädt sie Yrsa zu sich aufs Schiff ein, das im Hafen von Odense liegt und eröffnet ihr, dass sie ihre Tochter und Helgi, ihr Mann, ihr Vater sei. Die am Boden zerstörte Yrsa verlässt Helgi und Hrolf und segelt mit ihrer Mutter nach Hause. Auf Hroars Rat hin greift der wütende Helgi Alsen nicht an. Helgi zeugt in einer Art Eremitenphase die Tochter Skuld mit einer Elfenfrau, die er gerettet hat. Skuld wird das Verhängnis des dänischen Königshauses werden.

Unterdessen hat sich die politische Landschaft in Südschweden und Götarland gewaltig verändert. Auf dem Thron des mächtigen und landreichen Svithjodh (Schweden nördlich von Schonen) sitzt nun ein Magier namens Adhils. Er wird den Dänen noch viel Ungemach bereiten, denn er hat es auf die dänischen Könige abgesehen und demütigt sie, indem er Yrsa heiratet, obwohl er erfährt, dass sie keine Kinder mehr bekommen kann.

Als König Helgi die Provokationen Adhils nicht mehr hinnimmt, begibt er sich auf einen Feldzug gen Uppsala. Doch Adhils Berserker überfallen Helgis Truppe aus dem Hinterhalt. Die Nachricht von Helgis Tod erschüttert sowohl Yrsa, seine Witwe, als auch Hroar, seinen Bruder, doch er lässt sich nicht hinreißen, Adhils anzugreifen. Diese Aufgabe überlässt er vielmehr Hrolf, seinem klugen Sohn, der den Dänen Jahre des Friedens und der Expansion beschert.

Als das Glück des Dänenkönigs vollkommen ist, gibt es nur noch eines zu tun, um die Scharte auszuwetzen, die Adhils ihm bereitet hat: Helgis Tod zu rächen und dessen Goldhort nach Dänemark zurückzuholen. Mit zwölf ruhmreichen Recken, deren Geschichten vereinzelt als Saga erzählt werden, und hundert Soldaten zieht Hrolf im Vorfrühling nach Svithjodh.

Leider ist das erste Wesen, das sie dort antreffen, keineswegs ein Mensch. Es ist der Göttervater Odin, Vater der Siege. Zu dumm, dass sie ihn nicht als Gott erkennen. Noch viele weitere unheimliche Dinge widerfahren ihnen bei ihrem Unterfangen, den ermordeten Helgi zu rächen.

_Mein Eindruck von „Hrolf Krakis Saga“_

Auf den ersten Blick scheint Hrolf Krakis Geschichte keine Verbindung zu der von Skafloc aufzuweisen, aber es kommen durchaus gemeinsame Elemente vor. Auf diese weisen der Autor und die zwei Herausgeber Lin Carter und Helmut W. Pesch in ihren Vorwörtern hin. Hrolf Kraki lebt eine Generation später als Beowulf und Skafloc, nämlich in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts. Sowohl Beowulf als auch das verfluchte Schwert Tyrfing werden en passant genannt. Im „Beowulf“-Epos spielen die Ereignisse in der Halle Heorot eines gewissen Königs Hrothgar – dieser König ist mit Hrolfs Vater Hroar identisch. Man sieht also, dass sich die in der Saga erzählten Geschehnisse zeitlich recht gut einordnen lassen. Dieser Ansicht ist auch die „Encyclopaedia Britannica“.

Man sollte aber keine direkte Fortsetzung von „Das geborstene Schwert“ erwarten. Die „Saga“ entstand knapp 20 Jahre später und mit einem ganz anderen Ziel. Man würde heute sagen, es handle sich um Doku-Fiction: Die gut recherchierte Chronik des dänischen Königsgeschlechts der Skjöldungen, die ihre Herkunft auf Odins Sohn Skjöld zurückführen, und ihr Schicksal und Untergang. Diese Jahrzehnte umspannende historisierende Darstellung ist verquickt mit recht unterhaltsamen und mitunter eigentümlichen Storys, unter denen vor allem die der wichtigsten Recken Hrolf Krakis herausragen.

Bjarki beispielsweise stammt von einem Krieger ab, den eine Hexe aus Rache in einen Werbären verwandelte, der nur nachts ein Mann – mitsamt Geliebter – sein durfte, tagsüber aber die Herden der Siedler dezimierte. Die Geliebte gebar ihm drei Söhne: Frodhi hat die Hufe eines Elchs, Thori, der zweite, die Beine eines Jagdhundes, nur Bjarki scheint ganz normal zu sein, außer an seinem Lebensende, in der glorreichen Schlacht gegen die Hexenkönigin Skuld, Helgis missratener Elfentochter. Da erblicken seine Kollegen und Mitstreiter die Gestalt eines großen roten Bären, der die Feinde regelrecht auseinander nimmt …

In weit höherem Maß als „Das geborstene Schwert“ vermittelt Anderson mit „Hrolf Krakis Saga“ ein lebendiges Bild von jener Zeit, als die Nordländer in alle Welt fuhren und unter anderem das von den Römern verlassene Britannien für sich eroberten. Es ist daher kein Wunder, dass die gesamte Saga in eine Rahmenhandlung eingebettet ist, die von einem Erzähler an einem christlichen Hofe im England des frühen 10. Jahrhunderts dargeboten wird, um seine edlen Gastgeber zu unterhalten – nach dem Motto: So wild ging’s einstmals zu bei den wilden Heiden von Dänemark. Seid bloß froh, dass ihr zivilisierte Christen seid!

Zur Unterhaltung und/oder Abschreckung seines Publikums schmückt der Erzähler seine Geschichten mit Trollen, Göttern, Berserkern (brutale Krieger, die mehr Tier als Mensch sind), Zauberern und Hexenköniginnen, Elfen und Drachen aus. Ganz wichtig sind natürlich die Schwerter. Ob das Elfenschwert Skofnung, ob Bjarkis Langschwert Lövi oder Hjaltis Goldheft – alle dienen sie in Heldentaten, von denen die Saga berichtet.

Und solche Taten waren offensichtlich nicht bloß um des Ruhmes willen nötig, sondern um allerlei Gesocks zur Räson zu bringen: nicht bloß die oben genannten Wesen, sondern auch Plünderer, Piraten und Marodeure. Sich an ihnen zu rächen und Vergeltung zu üben, hatten die könglichen Herrschaften ebenfalls mehr als einen Grund, wie man den Geschichten von Helgi, Olof, Yrsa und Vögg (der Hrolfs Tod rächte) entnehmen kann. Helden als Polizei, Richter und Vollstrecker – das war ihre Funktion. Und wenn auch nicht alles stimmen mag, was die Sagas erzählen, so sind die Zuhörer doch höchst zufrieden. Denn wer sehnt nicht Gerechtigkeit herbei in einer Welt, die so wenig davon zeigt?

_Unterm Strich_

Der Stoff von Skaflocs Schicksal bietet Gelegenheit zu großem Drama, das ist schon klar, aber die Tragödie wird nicht wie bei den alten Griechen so ausgeschlachtet, dass es aussieht, als handle es sich um ein Gottesurteil, was Skafloc da ereilt. Nein, er ist seines Schicksals Schmied – aber leider nur teilweise. Und das wird sein Verhängnis. Weil er fehlbar und menschlich ist, können wir mit ihm fühlen. Wäre das nicht so, ließe uns sein Drama kalt. So aber erringt er mit seiner größten Tat, der Vertreibung der Trolle, eine Statur, die jedem Helden der Menschen, der jemals in einem Lied verewigt wurde, zukommt: dem Retter des Volkes, dem Verteidiger der Zukunft.

Im Gegensatz dazu ist „Hrolf Krakis Saga“ eine Jahrzehnte übergreifende Saga mit mehreren Hauptfiguren. Allerdings tauchen die Götter und Elfen nur sehr am Rande auf, und das ist vielleicht gut so: Im Mittelpunkt stehen die Taten von Recken und Königen, von Zauberern und schrecklichen (Skuld) bzw. guten (Yrsa) Königinnen. Mag auch die Dramatik etwas leiden und so manche Überleitung sich ein wenig langweilig dahinziehen, so entschädigt doch das letzte Viertel voll und ganz für die Mühe, die der Rest machen könnte: Der glanzvolle Feldzug der Dänen gegen den Zauberer Adhils, ihr Untergang durch das von Zombies und Untiere verstärkte Heer Königin Skulds. Das hat Klasse, das verschlingt man förmlich beim Lesen.

Diese Doppelausgabe des |area|-Verlags macht zwei klassische „Wikinger“-Romane wieder zugänglich. „Das zerbrochene Schwert“ erschien im Mai 2005 in Neuausgabe beim |Piper|-Verlag, doch „Hrolf Krakis Saga“, die einst im |Bastei-Lübbe|-Verlag erschien, dürfte längst vergriffen sein und in nächster Zukunft wohl kaum neu aufgelegt werden.

Daher ist diese Ausgabe durchaus zu begrüßen, zumal sie a) sämtliche Vorwörter enthält und b) mit einem Preis von 9,95 Euro in dieser fest gebundenen Fassung fast so viel kostet wie eine Taschenbuch-Einzelausgabe von „Das zerbrochene Schwert“. Das Schriftbild ist zwar kleiner als üblich und es fehlt auch eine Landkarte – aber wer würde es wagen, die Grenzen des Elfenreichs zu ziehen oder die des Dänenreichs im längst versunkenen 6. Jahrhundert? Ich bin jedenfalls mit dieser Ausgabe zufrieden. Das Titelbild von Luis Royo habe ich übrigens schon mal auf einer Ausgabe eines Romans von David Gemmell gesehen – irgendwie stilecht.

|Originaltitel: The Broken Sword, 1954/1971, Hrolf Kraki’s Saga, 1973
Aus dem US-Englischen übersetzt von Rosemarie Hundertmarck|

Eddings, David & Leigh – wilde Land, Das (Götterkinder 1)

Um dem aggressiven Vordringen des Bösen Einhalt zu gebieten, müssen sich die vier Götter der Welt zusammentun, um entsprechende Armeen aufzustellen. Sie selbst dürfen nicht töten. Bei dieser Unternehmung erweisen sich ihre jeweiligen „Götterkinder“ oder Träumer von besonderem Wert.

_Die Autoren_

David Eddings, geboren 1931, und seine Frau Leigh gehören zu den erfolgreichsten Autoren von Fantasyserien. 1982 wurde sein erster fünfbändiger Zyklus, Die Belgariad-Saga, zum Bestseller, und eine ganze Reihe weiterer folgten. Schließlich veröffentlichte er mit dem „Riva-Kodex“ sogar eine fiktive Historia seiner erfundenen Welt. Mit „Althalus“ erschien erstmals ein Fantasy-Soloroman. Mit zwei anderen Romanen erkundete er das Terrain des Psychothrillers, bevor er mit „Götterkinder“ doch wieder einen neuen Zyklus begann. Der erste Band liegt jetzt auf Deutsch vor; Teil 2, „Dämonenbrut“, folgte im Februar 2005.

_Handlung_

Vier Götter behüten seit alters her das Land Dhrall. Jedem seiner Quadranten ist ein Gott oder eine Göttin zugewiesen. Im Westen herrscht die Göttin Zelana. Sie ist willensstark, aber an den Angelegenheiten der Evolution wenig interessiert. Daher entgeht ihr auch die Entwicklung des Homo sapiens völlig, bis ihr nördlicher Bruder Dahlain sie darauf aufmerksam macht, dass Ungemach droht und sie gefälligst vielleicht doch etwas unternehmen könnten. Zelana spielt lieber in ihrer Meereshöhle an der Küste ihrer Insel.

So kommt es, dass ein böses Wesen namens Vlagh von der unbewachten Zone in der Mitte des Landes Dhrall aus seinen Einfluss auf die angrenzenden Gebiete ausweiten kann. Wie weiland Tolkiens Morgoth und Sauron erschafft es gefährliche Zerrbilder der vorhandenen Kreaturen, bis sie ihm bedrohlich und unbesiegbar genug sind. Das Vlagh bereitet eine Invasion vor.

Unterdessen hat Dahlain allen seinen drei Geschwistern ein Geschenk gemacht: einen sogenannten Träumer. Zelanas Träumer ist ein zauberhaftes Mädchen, das sie Eleria nennt. Von Mutter Meer bekommt Eleria eine riesengroße Perle geschenkt, die ihr offenbar beim Träumen hilft. Sie warnt Zelana vor dem Vlagh, so dass erst einmal Kriegsrat gehalten wird.

Zelana verspricht, eine Kriegerschar aufzustellen, um der Vlagh-Invasion entgegenzutreten. Leichter gesagt als getan. Erst muss sie mal ein paar Recken finden. Da wäre in den Küstenlanden Dhralls zunächst Langbogen. Nachdem seine Braut kurz vor der Hochzeit von einem Diener Vlaghs getötet wurde, widmet Langbogen sein Leben der Jagd auf die Vlagh-Kreaturen.

Dann beschafft Zelana mit ihrem Gold eine riesige Flotte aus dem Lande Maag, die sie, nach einigen Widerständen, endlich auch nach Dhrall schaffen kann, um mit den Seeleuten ein Heer aufzustellen. Nachdem ihre Geschwister ebenso verfahren sind, kann ja der Krieg nun eigentlich losgehen. Oder?

_Mein Eindruck_

Wieder einmal gilt es, dem von diversen US-Präsidenten beschworenen „Reich des Bösen“ (oder gar einer „Achse von Schurkenstaaten“) Einhalt zu gebieten und ein streitbares Heer der „Willigen“ aufzustellen. Wie willig diese jedoch sind, hängt ganz von der Menge Gold ab, mit der sie jeweils bezahlt werden. Das gilt besonders für die Maag-Piraten unter Käpt’n Hakenschnabel und die trogitische Söldnerarmee unter Kommandant Narasan. Rühmliche Ausnahmen stammen allesamt aus dem bedrohten Lande Dhrall selbst: Hier geht es nämlich um Heimatschutz. Und dafür lässt man sich schließlich nicht bezahlen, oder?

Was hier nach einer Neuauflage des 3. Golfkrieges und etlicher Midkemia-Romane des Eddings-Kollegen Raymond Feist klingt, wird nur durch zwei Aspekte erträglich. Das eine Element bilden die Götter und ihre Träumer, das andere der Humor.

Die vier genannten Götter stammen von Vater Erde und Mutter Meer ab. Das kehrt die Zuteilung der griechischen Antike um, in der von Vater Okeanos und Mutter Gäa alle Götter abstammen. Das Abkupfern wollten die Eddings wohl nicht so offensichtlich machen. Der nördliche Gott Dahlain hat hingegen starke Ähnlichkeit mit Hephaistos / Vulkan, denn er ist Schmied. Allerdings ist er weder mit der Liebe Blindheit (zu Venus) noch mit Behinderungen geschlagen, sondern ein hervorragender Stratege, der seinen Geschwistern verbal in den Hintern tritt, damit sie endlich was unternehmen.

Dahlain ist es auch, der ihnen und sich je ein Götterkind zur Seite stellt, einen Träumer. Sie erweisen sich als Agenten seines Willens, aber auch als Empfänger für den Willen von Mutter Meer (Eleria) und Vater Erde (Yaltar, Dahlains Träumer). Noch ist nicht klar, ob sie bald die aktuellen Götter ablösen werden, deren Zyklus sich nach Äonen nun seinem Ende zuneigt. Zelana beispielsweise leidet unter Erinnerungslücken: göttlicher Alzheimer? Kein Wunder, dass sie auf Eleria angewiesen ist.

Dieses Schmusekätzchen dürfte wohl eine Erfindung von Leigh Eddings sein, denn nur eine Frau würde vermutlich auf die Idee kommen, dass ein Kind sich die Recken der Heere erobert, indem es sie küsst und Küsschen einfordert, sich ihnen auf den Schoß setzt und dort prompt ein Schläfchen hält. Diese Auserwählten scheinen immerhin zu den Intelligenteren der maßgeblichen Krieger zu zählen, also hat Eleria keinen schlechten Geschmack. Natürlich werden die so „Beglückten“ von den anderen Kämpfern schief angeguckt.

Dies ist nur ein Beispiel für den sympathischen Humor und die durchweg vorhandene Ironie, mit der sich die Eddings seit jeher ihre zu Millionen zählende Lesergemeinde eroberten. Eine weitere Quelle für humoristische Szenen und Dialoge bietet das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Volksvertreter, insbesondere zwischen den Kommandanten Narasan (Trogit) und Hakenschnabel (Maag), aber auch zwischen Langbogen und Rotbart (beide aus Dhrall) sowie Hase (Maag) und Keselo (Trogit).

Ein wenig enttäuscht hat mich das Fehlen von richtiger Action in diesem Band. Nicht, dass man den Helden wünschen würde, dass sie es mit dem Gift von Schlangenwesen aufnehmen sollten. Aber ein wenig Handgemenge und Getümmel hat noch keinem Heroic-Fantasy-Roman geschadet. Daher scheinen die Eddings etwas anderes im Sinn gehabt zu haben. Zwar geht es um den Krieg gegen unmenschliche Gegner – das Vlagh hat viel Ähnlichkeit mit Morgoth und Sauron, und seine Diener entsprechen den Orks. Doch im Vordergrund stehen die Götter und ihre Helfer. Hier scheint die Hauptentwicklung zu liegen. Wie diese verlaufen wird, ist noch nicht abzusehen, aber da der Zyklus der aktuellen Götter um Dahlain abgelaufen ist, dürfte es eine interessante „Wachablösung“ geben. Am Ende könnte das „Reich des Menschen“ stehen, mit allen Vor- und Nachteilen, sozusagen das Vierte Zeitalter (gemäß Tolkien).

_Unterm Strich_

Nach zwei anspruchsvolleren Soloromanen kehren die Erfolgsautoren David & Leigh Eddings wieder in ihre angestammte Domäne der Fantasyserien zurück. Der erste Band der mindestens vierbändigen „Trilogie“ – je einen pro Götterdomäne – ist so leicht verständlich geschrieben, dass selbst Neun- oder Zehnjährige damit kaum Probleme haben dürften. Das ist heute die Generation, die schon ans Spielen auf dem PC denkt.

Insbesondere die Mädels kommen auf ihre Kosten. Die wichtigste Göttin ist die etwas launische und bequeme Zelana, und ihr wichtigster Helfer die kleine Eleria, die zwar unschuldig und honigsüß tut, aber die Schlaueste und Entschlossenste unter allen Götterwesen zu sein scheint (ihre Auserwählten Hase und Keleso haben sie genau beobachtet). Von ihr dürfen sich die Mädels noch einiges erwarten.

Die Jungs werden an den diversen Kriegshandlungen ihre Unterhaltung finden. Denn auch an den Listen des Vlagh herrscht kein Mangel. Das fordert die Recken und Kommandanten heraus, ebenso wie es die Hirnzellen der Leser anspornen dürfte. Dass auch die Recken über weibliche Listen verfügen können, demonstrieren Langbogen und sein Freund Rotbart, als sie ihr Volk zum Umsiedeln überreden müssen. Da werden sogar die gestandenen Frauen (ein wenig) rot.

Kurzum: Der „Götterkinder“-Zyklus hat wieder einmal das Zeug zum Bestseller für die jungen Massen. Mir selbst war es zu leichte Lektüre. Aber lustig war’s schon.

|Originaltitel: The Dreamers, Vol. 1 – The Elder Gods
Aus dem US-Englischen übersetzt von Andreas Helweg|

Ellroy, James – L.A. Confidential

Los Angeles 1953: Bud White, Jack Vincennes und Ed Exley: Die Männer haben viel gemeinsam, aber wenig miteinander zu tun, und erst ein Blutbad führt die drei zusammen. In einer Bar, dem „Nite Owl“, hat es ein Massaker gegeben: sechs Tote, keine Zeugen (wie üblich), falsche Spuren. Und in den billigen Absteigen der Stadt geht ein Serienkiller um, der Prostituierte quält und mordet – und womöglich mit dem Killer in der Bar identisch ist. Das Polizistentrio fahndet nach dem Täter. Nach und nach decken sie Hintergründe auf, die bis ins Jahr 1934 zurückreichen, zu Exleys Vater …

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Lumley, Brian – Necroscope 1 – Das Erwachen

Mit dieser Geschichte begründet Lumley seine groß angelegte Saga um Harry Keogh, den Nekroskopen, und Boris Dragosani, den Nekromanten. Abwechselnd steht jeweils eine der beiden Zentralgestalten der Saga im Mittelpunkt der Episoden. Ihr Aufeinandertreffen findet allerdings erst in einer späteren Folge statt.

|Vorab-Infos|

Die 7 CDs enthalten die „ungekürzte inszenierte Lesung“, wie der Umschlag besagt: 7 Stunden und 45 Minuten Lumley pur – ein Vergnügen für Fans soliden Grusels.

Der Schuber ist ganz in Schwarz mit orangefarbener Beschriftung gehalten. Auf der Vorderseite ist eine reichlich unheimliche Fratze zu sehen – ebenfalls in Orange- und Brauntönen.

_Der Autor_

Brian Lumley wurde am 2.12.1937 in einem Kohlebergwerksdorf in England geboren. In Englisch hatte er sehr schlechte Noten und sein Wunsch Schriftsteller zu werden, wurde daher lachend von seinen Lehrern als unsinnig abgetan. Seit 1981 seine Militärkarriere endete, lebt er als freier Schriftsteller.

Von Brian Lumley sind inzwischen (Stand 2003) rund 74 Bücher erschienen. Bereits vor etwa 30 Jahren erschienen seine ersten Werke beim Meister der Horror-Herausgeber, August Derleth, im Arkham House Verlag, der alle von Lovecrafts Werken verlegte. Lumley galt lange Zeit als Experte von H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos.

Durch den Tod seines Vaters und den Wunsch, auch weiterhin mit ihm reden zu können, entwickelte er seine Hauptfigur Harry Keogh, und es entstand 1986 die Necroscope-Reihe. Damit zog er eine große Leserschaft in seinen Bann. Inzwischen werden Lumleys Bücher bereits in elf Ländern veröffentlicht, und die Zahl ist steigend. Im Zuge der Necroscope-Reihe wurden im Laufe der Jahre auch eigene Comics, ein Rollenspiel und Sammelfiguren dazu herausgebracht.

Aus der Necroscope-Saga sind bisher in der Buch-Reihe des |Festa|-Verlags erschienen:

Band 1 „Das Erwachen“
Band 2 [„Vampirblut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=843
Band 3 „Kreaturen der Nacht“
Band 4 „Untot“
Band 5 „Totenwache“
Band 6 „Das Dämonentor“
Band 7 „Blutlust“
Band 8 „Höllenbrut“
Band 9 „Wechselbalg“
Band 10 „Duell der Vampire“
Band 11 „Totenhorcher“
Band 12 „Blutkuss“
Band 13 „Konzil der Vampire“
Band 14 „Grabgesang“
Band 15 „Blutsbrüder“
band 16 „Vampirwelt“
Band 17 „Nestors Rache“
Band 18 „Metamorphose“

_Der Sprecher_

Joachim Kerzel ist der Synchronsprecher von Hollywoodstars wie Jack Nicholson und Dustin Hoffman. Durch zahlreiche Bestseller-Lesungen – etwa von Ken Follett und Stephen King – hat er sich einen Namen gemacht.

_Handlung_

Gerade ist der Chef eines geheimen Regierungsdezernates in Großbritannien, das sich mit dem Übernatürlichen beschäftigt, gestorben und Alec Kyle soll nun dessen Posten übernehmen. Als er im Büro seines Vorgängers alte Akten durchsieht, fällt ihm die Akte eines gewissen Harry Keogh in die Hände. Doch er kommt nicht dazu, sie zu lesen, denn plötzlich erhält er Besuch von einer geisterhaften Gestalt, die ihm unbedingt eine Geschichte erzählen will. Und dann verspricht sie, Kyles Dezernat unentbehrlich für die Regierung Ihrer Majestät zu machen …

In der Sowjetunion des Jahres 1971 gibt es unter Breschnew ein ähnliches Dezernat, geleitet von General Gregor Borowitz. Er sitzt mit zwei Begleitern hinter einem Einwegspiegel. Davor spielt sich in einem antiseptischen Saal eine unheimliche Szene ab.

Gerade ist eine sehr bizarre Obduktion im Gange, sofern man es überhaupt als solche bezeichnen kann. Ein gewisser Boris Dragosani, der sich jedes Körperhaar abrasiert hat, ist gerade dabei, seiner Arbeit als „Totenhorcher“ nachzugehen, was seinem Chef vom Dezernat neue Erkenntnisse über seine Feinde liefern soll.

Die Szene findet ein brutales und gewaltsames Ende, als es die zwei Begleiter des Generals nicht mehr aushalten und ausrasten. Einer der beiden schießt die beiden anderen nieder und flüchtet. Doch Borowitz hat überlebt, und Dragosani setzt alles daran, den Verräter auszuschalten. Nachdem sich der Staub gelegt hat, gelingt es Borowitz, sich den KGB vom Hals zu halten und frei und unbehelligt tätig zu werden.

Boris Dragosani ist ein eigenbrötlerischer Typ. Einmal im Jahr nimmt er sich Urlaub, um in Rumänien nach seiner „Vergangenheit“ zu forschen, da er als kleines Kind im Ort Dragosani ausgesetzt wurde. Seiner Vergangenheit kommt er dabei immer näher und die Zeit eilt, denn er hat nur noch vier Jahre zu leben. Seit seinem siebten Lebensjahr steht er in Kontakt mit einem Wesen, das tief in einem finstren Wald in einem Grabmal lebt – und in Boris‘ Bewusstsein spricht – ein Wesen, das an die 1000 Jahre alt ist und von den meisten Menschen Dracul genannt wird. Doch Boris hat keine Angst: Er braucht Dracul, um bestimmte menschliche Erfahrungen zu machen, so etwa die körperliche Liebe …

Harry Keogh, den Nekroskop, lernen wir in einem parallel laufenden Erzählstrang kennen. Harry ist anfangs nur ein verträumter Zwölfjähriger, der sich gegen Schlägertypen kaum durchzusetzen weiß. Eines Tages entdeckt der Mathelehrer Hennand eine neue Qualität geistiger Tätigkeit an Harry. Von einem Tag zum anderen kann er plötzlich mathematische Gleichungen lösen, von denen er noch nie etwas gehört hat. Er kann sich plötzlich gegen die übelsten Schläger schlagkräftig und ohne Waffen zur Wehr setzen. Von der gleichen Art ist wohl auch seine spätere Fähigkeit, Storys und Romane zu schreiben, die aufs Lebhafteste in einer Zeit spielen, die Harry nie kennen gelernt hat, so etwa im 17. Jahrhundert …

Und was seine Freundin Brenda Cowl am sonderbarsten findet: Stets befindet sich Harrys Wohnung in der Nähe eines Friedhofs. Der schönen Aussicht wegen, sagt Harry. Doch selbst ihr verschweigt er sein eigentliches Geheimnis: Er selbst ist der Nekroskop, der mit den Toten sprechen kann. Das ist keine Figur in seinen Geschichten, wie er vorgibt, das ist er selbst.

Und er hat eine Mission. Seine geliebte Mutter Mary wurde, als Harry noch klein war, von grausamen Händen in einen vereisten Fluss bei Edinburgh gestoßen. Durch seinen Kontakt mit der Toten weiß Harry, wer der Mörder ist und wo er wohnt. Doch wie soll die exquisite Rache aussehen, die Harry auszuüben hat? Was ist die angemessene Strafe? Wie soll die Falle aussehen? Und vor allem: Wer soll der Köder sein?

_Mein Eindruck_

Die Handlung ist wie für einen Film geschrieben: in Szenen, die sich aneinanderreihen, dabei Kontraste und Verstärkungen bilden. Wenn also die Rede endlich auf Harry Keogh kommt, sind bereits die lange Einleitung und die dramatische „Totenbehorchung“ durch Dragosani erfolgt, so dass der Hörer dringend eine Ruhepause mit etwas halbwegs Alltäglichem benötigt – die dann ja auch erfolgt: Harry blamiert sich in der Schulstunde.

Anders als bei langatmigeren Autoren der alten englischen Schule vor dem 2. Weltkrieg lässt Lumley unwichtiges Beiwerk weg, das nicht unmittelbar zur Wirkung einer Szene beiträgt. Wenn wir etwas über die ungewöhnliche Kindheit und Jugend Boris Dragosanis, des Nekromanten, erfahren müssen, so wird auch dies in einer Szene realisiert, die an Spannung und (mitunter erotischem) Nervenkitzel nichts zu wünschen übriglässt. Auch Harry Keogh hat seine erotischen Momente, wenn er den Lehrern beim Schulausflug zusieht. Der Tod, die Liebe und die Rache – drei psychologisch wichtige Elementarkräfte, die auf Keogh und Dragosani einwirken.

Wenn das Hörbuch mit Keoghs Beschluss, seine Mutter endlich zu rächen, beendet ist, so möchte man am liebsten gleich das nächste Kapitel hören – das Hörbuch zu [„Necroscope 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=843 macht’s auch möglich.

_Der Sprecher_

Joachim Kerzel stellt wieder einmal seine Meisterschaft unter Beweis. Der Sprecher von anspruchsvollen Schauspieler wie Hoffman und Nicholson (s. o.) muss selbst auch schauspielerische Qualitäten einbringen, um seinen Vortrag realistisch wirken zu lassen und den Zuhörer auch emotional zu erreichen. Seine tiefe Stimme ist ihm das wichtigste Instrument, hinzu kommt eine ausgefeilte Handhabung von Pausen und Intonationen. Beides zusammen erzeugt die hohe Spannung, die über dem gesamten Text schwebt.

Ganz besonders gefiel mir, wie er Dracul seine Freude ausdrücken lässt – man hört zugleich die Gier des Blutsaugers: „Aaaaaahhhhh!!!“

_Unterm Strich_

Für Liebhaber von Horrorliteratur oder Gruselfilmen bietet „Necroscope 1“ zwar wenig Splatter, dafür aber umso mehr Spannung und menschliche Psychologie. Was Keogh und Dragosani verbindet, ist noch nicht klar, doch es dürfte auf eine Konfrontation hinauslaufen, denn Dragosani hat sich einer furchtbaren Macht verschrieben.

Leute mit schwachen Nerven könnten in der Szene, in der Dragosani eine Leiche ausnimmt oder vielmehr zerfetzt, vom Hocker fallen. Sie sollten dann doch lieber etwas anderes hören bzw. lesen.

Die grafische Gestaltung, die Musik sowie der fabelhafte Sprecher Joachim Kerzel machen „Necroscope 1“ zu einem sehr gelungenen Hörbuch. Ob es die ganzen 35 Euro (bzw. 29,95 bei |amazon.de|) wert ist, muss jeder selbst entscheiden.

Grimes, Martha – Mädchen ohne Namen, Das

_Hanni und Nanni auf Männerjagd_

Eine einfühlsame Mischung aus Roadmovie, Hanni und Nanni und „Am wilden Fluss“, doch beileibe kein Psychothriller à la „Schweigen der Lämmer“. Hier treten keine Serienmörder und FBI-Profiler, sondern lediglich zwei junge, aber überraschend couragierte Frauen auf. Sie haben das Rätsel der Herkunft der einen zu lösen und müssen dazu einen gefährlichen Unbekannten aufstöbern.

|Die Autorin|

Die Amerikanerin Martha Grimes ist eine der bekanntesten Krimiautorinnen der Welt. Zuletzt begeisterte ihr Roman „Die Treppe zum Meer“ und „Was am Meer geschah“ Leser und Kritik gleichermaßen. Sie lebt u.a. in Santa Fé, New Mexico, wo auch der vorliegende Roman beginnt.

_Handlung_

Eine 17-jährige junge Frau wacht eines Morgens in einem Motel in der Nähe von Santa Fé, New Mexico, auf. Über dem Stuhl hängen Kleidungsstücke eines Mannes, doch der ist verschwunden. Und sie kann sich weder an ihn noch ihren eigenen Namen erinnern. Alles ist weg: die letzte Nacht, ihre Herkunft, nur noch Bruchstücke tauchen aus ihrem Gedächtnis auf.

Klar, dass die junge Frau ziemliche Angst verspürt. Sie hat keine Ahnung, wie sie hierher kam. Als sie von der redseligen Wirtin des Motels, Patsy Orr, die Auskunft erhält, sie sei am Abend zuvor mit ihrem ‚Daddy‘ angereist, steigert sich ihre Angst zu Panik. Was hat dieser unbekannte ‚Daddy‘ mit ihr angestellt? Sie schnappt sich sechshundert Dollar aus der Jacke des Unbekannten, der in die Stadt gefahren ist und bald zurückkehren will. Dann schnappt sie sich ihren Rucksack, auf dem die Initialen ‚A.O.‘ eventuell ihre eigenen sind. Aus dem Wagen ‚Daddys‘ entwendet sie eine halbautomatische Pistole und macht sich auf die Socken.

Auf ihrer Flucht lässt sie sich von einem Mann mit sehr blauen Augen mitnehmen, der sie in die nahen Sandia-Berge bringen kann. Könnte er ihr ‚Daddy‘ sein? Herrje, fast jeder könnte ‚Daddy‘ sein! Offenbar darüber beruhigt, dass sie ihn nicht wiedererkannt hat, verabschiedet er sich wieder. Zum Glück findet sie eine abgelegene Berghütte, in der sie sich einrichten kann. Von den SANDIA-Bergen leitet sie ihren neuen Namen ab: ANDI. Und weil die Initialen auf dem Rucksack ‚A.O.‘ lauten, nennt sie sich fortan Andi Olivier und erfindet eine ganze Familie samt ihrer Geschichte. Nachdem sie merkt, dass jemand während ihrer Abwesenheit in der Hütte war (Daddy?!), beginnt sie mit Schießübungen und kann schon bald passabel mit der Knarre umgehen. Das wird für sie noch wichtig.

Dort in den Bergen rettet sie gefangene und verletzte Wildtiere aus den Schlingen und Fallen der Wilderer. Um die Schmerzen der Tiere zu lindern, braucht sie Morphium und ähnliche Stoffe. Die besorgt sie sich klammheimlich aus der Apotheke des nächsten Dorfes, in der sie sich einschließen lässt. Beim dritten Mal wird sie allerdings erwischt. Die 14-jährige Mary Dark Hope findet heraus, wozu Andi diese Substanzen klaut, und freundet sich sofort mit ihr an. Mary ist Vollwaise, die nicht nur Eltern, sondern auch ihre Schwester verloren hat und nun von ihrer Haushälterin Rosella betreut wird.

Mary ist geschockt, als sie herausbekommt, welches Schicksal Andi widerfahren ist. Sie sieht auch ein, dass sie ‚Daddy‘ finden müssen, der angeblich aus Idaho kommt und kurz in der Spielerstadt Cripple Creek abgestiegen war. Obwohl die beiden keinen Führerschein haben, fahren sie nach Cripple Creek und Idaho. Auf dem Weg tun sie etwas, was am Ende ausschlaggebend wird für das Urteil, das sie über ‚Daddy‘ fällen: Sie befreien Wildtiere und misshandelte Haushunde aus ihrer Not. Das führt mitunter zu komischen Szenen, die sich im menschenleeren Westen schnell herumsprechen. Allerdings verdächtigt niemand die beiden Mädchen.

Erst in Idaho treffen sie auf ‚Daddy‘, eine miese Ratte, der wirklich alles zuzutrauen ist. Vorgeblich ein Führer bei Wildwasserfahrten – sie machen eine davon mit – hat Daddy auch eine Vorliebe für illegale Wildtierjagden, Kinderpornofotos und Frauenmisshandlungen. Zum Glück finden Andi und Mary schnell einen Verbündeten, mit dessen Hilfe sie es mit Daddy und seinen Kumpanen aufnehmen können, bis zum bitteren Ende …

|Zum Klappentext|

Der Klappentext erzählt mal wieder Unsinn. Es geht nicht um einen „mysteriösen Verfolger“, denn der ist bereits über alle Berge und wiegt sich in Sicherheit, als Andis Geschichte beginnt. Außerdem würde ich nicht sagen, dass dies ein „Psychothriller“ ist. Vielmehr musste ich rund 240 Seiten warten, bis die beiden Mädchen in Idaho ankommen, wo sie dann wenigstens herausfinden, um wen es sich bei ‚Daddy‘ handelt. Das Finale ist noch in weiter Ferne. Davor kommen noch jede Menge Roadmovie und Wildwasserabenteuer.

_Mein Eindruck_

Der Roman ist sehr schnell und flüssig zu lesen – ein Zeichen für gute Erzählkunst. Es bereitet auch keinerlei Mühe, selbst komplexere Zusammenhänge und Andeutungen zu verstehen. Der Leser, der gut kombinieren kann, wird schon das Ende der ‚Daddy‘-Handlung voraussehen können. Es kommen auch nur sehr wenige überraschende Wendungen vor, die einen in die Irre führen könnten. Vielmehr öffnet sich das Geheimnis um Daddy wie eine große Blüte. Andi und Mary setzen auf ihrer Tour nach Idaho alle Indizien zusammen, bis sie recht genau wissen, was sie dort erwartet.

Die beiden Mädchen entwickeln ihre jeweils unterschiedlichen Persönlichkeiten rasch weiter. Mary, die den Großteil der Handlung erzählt, ist als die Jüngere weitaus vorsichtiger und zaghafter. Andi hingegen scheint sich zu einer entschlossenen Frau zu entwickeln, die manchmal mit einem Pokergesicht die härtesten Fragen stellt. Ihr alter Kumpel Reuel vergleicht Andi mit einem vor langer Zeit abgeschossenen Pfeil, der nun bald in sein Ziel einschlagen muss. Andi ist die Faszinierendere von beiden, doch durch ihr entschlossenes Schweigen wirkt sie unnahbar, wenn nicht sogar furchterregend. Sie jagt nicht nur Mary, sondern auch ‚Daddy‘ Angst ein. Und „Janie’s got a gun“!

Nachdem Andi wieder aus ihrem Leben verschwunden ist, sieht sich Mary außerstande, so wie bisher weiterzumachen: die Augen vor dem Bösen, das Menschen tun, zu verschließen. Und so wird sie auf ihre eigene stille Art eine Heldin. Natürlich geht es um Tiere, aber nicht nur.

Mit Marys Tun klagt die Autorin die korrupten Zustände in den Vereinigten Staaten an, wenn es um den Schutz von Tieren und die Beachtung des Washingtoner Artenschutzabkommens geht. Mit dem Schicksal Andis und Daddys Verbrechen prangert sie offen das Verhalten der Bevölkerung gegenüber missbrauchten Mädchen und Frauen an. Man schaut lieber weg, als etwas dagegen zu unternehmen.

|The mystery stranger – der Fremde ohne Namen|

Wie Clint Eastwood in „Pale Rider“ und anderen Filmen tritt Andi als Beschützerin der Bedürftigen auf. Selbst eine Vollwaise und ohne Namen oder Herkunft in diese Welt geworfen, solidarisiert sie sich mit den schutzlosen Wildtieren und mit einer anderen Waise, Mary Dark Hope (‚dunkle Hoffnung‘ – dieser Beiname wird leider nie erklärt). Dass sie dabei zwangsläufig auch der Ursache dieses Zustands auf den Grund gehen muss, ist konsequent. Daddy verrät ihr, dass sie nach einem schrecklichen Busunglück als einzige Überlebende am Straßenrand entlangstolperte, als er sie auflas. Warum sie überlebte, wird im Dunkeln gelassen.

|Hanni & Nanni|

Meine Überschrift bezieht sich auf die bekannte Mädchenbuchserie und nimmt sie ein wenig auf die Schippe. Aber wie schon angedeutet, muss man sich 240 Seiten lang gedulden, bis die beiden endlich in so etwas wie eine brenzlige Situation geraten. Die Autorin ist zunächst auffällig konfliktscheu. Dafür kommen die finalen Auseinandersetzungen umso härter daher.

Wendet sich Martha Grimes also an ein jugendliches Publikum? Durchaus. Doch von diesen gedämpften, geradezu netten Anfängen führt sie die Leser zu immer provozierenderen Szenarien und Enthüllungen. Schließlich ist Mary, ihre Protagonistin, mehrmals so weit, einfach nur noch abhauen zu wollen, um die Augen weiterhin vor der Wahrheit verschließen zu können. Als dies nicht mehr geht, ist sie selbst ein abgeschossener Pfeil.

_Mein Eindruck_

„Das Mädchen ohne Namen“ kommt ohne große Dramatik und Action daher, denn die Opferzahl scheint gering zu sein. Doch das täuscht. Denn für die Autorin zählen auch jene zu den Opfern, die nicht getötet wurden, sondern lediglich permanente Opfer der Gewalt von Männern sind: misshandelte Frauen, missbrauchte Kinder, sinnlos abgeschlachtete Wildtiere.

Immer wieder habe ich mich über den Mut der beiden jungen Frauen gewundert, und dieser Mut ist übertragbar, wie sich zeigt. Insofern ist dies kein Psychothriller à la „Schweigen der Lämmer“, sondern ein Aufruf an die Leser, besonders an die Frauen, sich auf die Hinterbeine zu stellen und etwas zu tun. Denn „es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ (E. Kästner).

|Der Originaltitel|

„Biting the moon“ wird zum Glück erklärt. Dieses „Beißen des Mondes“ scheinen die Kojoten zu tun, wenn sie den Erdtrabanten anheulen. Das Bild lässt sich leicht auf Andis psychische Verfassung übertragen. Eine schöne, passende Metapher.

|Originaltitel: Biting the moon, 1999
Aus dem US-Englischen übertragen von Cornelia Walter|

Mann, Phillip – Auge der Königin, Das

„Das Auge der Königin“ war der erste Roman des Neuseeländers Phillip Mann, der bei uns in deutscher Übersetzung erschien. Es ist wohl einer der besten Romane über die Begegnung mit einer absolut fremdartigen, nichtmenschlichen Rasse, der je geschrieben wurde.

Bei der Lektüre entsteht der Eindruck, dass Phillip Mann eine wissenschaftliche Ausbildung in Linguistik und Ethnologie erhalten haben muss. Nicht zufällig nämlich sind zwei Hauptfiguren seines Romans Experten vom „Institut für Kontakt-Linguistik“. Dieses hat sich, hundert Jahre nach Beginn der interstellaren Raumfahrt, die Aufgabe gestellt, außerirdische Kulturen zu erforschen.

_Der Autor_

Der 1942 geborene Engländer Phillip Mann lebt seit 1969 in Neuseeland. Seine Tätigkeiten als Theaterdirektor und Drama-Dozent verhalfen seinen Romanen und Hörspielen zu klarer Struktur und Anschaulichkeit. Neben „Das Auge der Königin“ (1982; dt. bei |Heyne|) ist „Pioniere“ als sein bester Roman anerkannt.

Der Neuseeländer wurde bei uns mit den zwei Paxwax-Romanen, dem Roman „Pioniere“ und mit „Wolfs Garn“ bekannt. Im Mittelpunkt seiner Bücher stehen menschliche Eitelkeit und Überheblichkeit, weshalb selbst die besten Pläne bei ihm stets schief gehen, so auch in diesem Roman über einen Erstkontakt. Die Arroganz besteht diesmal in dem Glauben, unbeteiligter Beobachter sein und bleiben zu können. Wolfgang Jeschke nannte dieses Buch einmal in den achtziger Jahren den besten Science-Fiction-Roman überhaupt – lang ist’s her.

Die Krönung von Manns schmalem Oeuvre bildet bislang der vierbändige Zyklus „Ein Land für Helden“ (A land fit for heroes):

1. Flucht in die Wälder
2. Der Monolith
3. Der Drache erwacht
4. Der brennende Wald

_Handlung_

Sobald die inzwischen galaxisweit Raumfahrt treibende Erde erkennt, dass in gewissen Richtungen Widerstand geleistet wird, geben sich dessen Verursacher zu erkennen. Es sind die Bewohner des Planeten Pe-Ellia (die Ähnlichkeit mit Perelandra bei C. S. Lewis ist wohl nicht ganz zufällig). Die Pe-Ellianer sind eidechsenähnliche, doch menschenförmige Riesengeschöpfe.

Sie laden den pensionierten Kontakt-Linguistiker Marius Thorndyke und seinen Schüler Thomas Mnaba nach Pe-Ellia ein. Sein Tagebuch und dessen Kommentar ergänzen sich später zu einem annähernd runden Bild von der pe-ellianischen Zivilisation.

Da auf Pe-Ellia der Geist die absolute Kontrolle über die Materie errungen hat und der telepathische Kontakt untereinander somit das Zusammenleben bestimmt, finden die zwei Menschen, die über keine telepathischen Kräfte verfügen, nur schwer Zugang zum Kern dieser fremden Kultur. Ja, die beiden stellen für diese sogar eine Bedrohung dar, wenn auch unwissentlich.

Die Pe-Ellianer verfolgen seit Jahrtausenden mit Sorge das Anwachsen der unbewussten, ungezügelten psychischen Potenz der Menschheit. Denn sie selbst beherrschen psychische Kräfte wie Werkzeug – die Unio Mystica (Gefühl der Einheit zwischen Ich und Welt) ist bei ihnen ein Dauerzustand.

Andererseits ist diese Gabe ihre Achillesferse: Ein unbeherrschter Fluch kann sie töten. Sie streben nach Vollkommenheit, die sich im Verlauf ihrer sieben Häutungen zeigt. Wird sie erreicht, werden sie zu „mantissae“ (femininer Plural von griechisch-lateinisch „Mantis“ = Seher, Weissager), die Geist und Materie beherrschen. Die psychischen Einwirkungen der Menschen stören diese Entwicklung.

Entgegen aller wohlerprobten Maximen, die es den Kontakt-Linguisten verbieten, Einfluss auf die Kultur der zu erforschenden Aliens zu nehmen, bringt Thorndyke sich selbst, d.h. seine Persönlichkeit, ins Spiel ein. Thorndyke sieht nur einen gangbaren Weg, um diese Fremdwesen völlig zu verstehen. Er lässt sich zum Pe-Ellianer umwandeln. Er weiß, dass ihm bis zu seinem Tod im „Auge der Königin“, einem Zugang zur Unter- und Totenwelt, nicht mehr viel Zeit bleibt.

[SPOILER]
Durch Verschmelzung mit der „Königin“, einer gewaltigen, den Planeten durchwuchernden Biomasse mit quasigöttlichen Fähigkeiten, wird Thorndyke Bestandteil des pe-ellianischen Genpools und gewährleistet damit, soweit er es vermag, eine denkbare Synthese zwischen Erde und Pe-Ellia.
[Ende des Spoilers]

_Mein Eindruck_

Die Erzählform des kommentierten Tagebuchs beleuchtet das Geschehen von mehreren Seiten, erlaubt es aber auch, die innersten Gedanken des jeweiligen Schreibers auszudrücken – ein genialer Schachzug des Autors. Der einigermaßen lesbare Roman bietet Spannung, Weitblick, Philosophie und Humanismus in einem und gemahnt so an Klassiker von H. G. Wells, Olaf Stapledon („Der Sternenschöpfer“), C. S. Lewis („Perelandra“) und David Lindsay („Reise zum Arcturus“). Manche Strecken gemahnen an Johannes den Täufer, der das Leben und die Verwandlung Jesu erzählt. Ist der Bericht ein Evangelium – oder eine Fälschung?

Man merkt dem Roman an, dass ihn ein gebildeter Mensch geschrieben hat, der mit der literarischen Tradition vertraut ist. Das ist zwar gut und schön, wenn es ums Lesevergnügen geht, doch um einen SF-Roman gut werden zu lassen, gehört noch einiges mehr dazu. Seit 1985 hat dieses Buch nämlich keine einzige Neuauflage erlebt, und das gibt doch zu denken.

Das ganze Buch ist insofern nicht gerade konsumfreundlich, weil es sich einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise bedient, die doch in ihrer Nüchternheit nicht gerade einladend wirkt. Fähige Autoren wie Michael Bishop haben dies in Ethnologen-Romanen wie dem fabelhaften „Transfigurationen“ sehr viel unterhaltsamer bewerkstelligt. Die Action hält sich jedenfalls bei Phillip Mann stark in Grenzen. Denn anders als etwa Michael Bishop, Nicola Griffith („Ammonit“) oder Ursula K. Le Guin (die Tochter eines berühmten Anthropologen; Buchbeispiel: „Die linke Hand der Dunkelheit“), ist Manns Erzählstil auch bei großer Anspannung undramatisch. Er zeigt die Probleme bei der Kontaktaufnahme mit einer Fremdkultur geduldig auf.

Je mehr sich der Blickwinkel Thorndykes und Mnabas ausweitet und das Erleben sich intensiviert, desto deutlicher werden sie sich ihrer eigenen Rolle und jener der Menschheit bewusst. Die Wirkung ist die einer immer stärker werdenden kosmischen Ironie. Das ist jedoch nicht komisch, sondern tragisch.

_Unterm Strich_

Ich fand diesen gelehrten Kontakt-Roman einerseits recht faszinierend zu lesen, wenn man etwas für die wissenschaftliche Betrachtungsweise übrig hat. Andererseits fordert die Lektüre aber auch ein Höchstmaß an Geduld vom Leser, so dass Actionfans hier keineswegs auf ihre Kosten kommen. Ein Buch offenbar für ambitionierte Leser.

Das Buch wird vom |Heyne|-Verlag schon lange nicht mehr angeboten. Nicht einmal in die Einsteigerreihe „Warp 7000“ schaffte es der Titel. Bei Amazon.de und Ebay.de sind jedoch noch gebrauchte Exemplare zu bekommen.

|Originaltitel: The Eye of the Queen
Aus dem Englischen übertragen von Hans Maeter|

Simmons, Dan – A Winter Haunting

Dieser spannende Geisterthriller führt den Leser zurück in die Welt von „Sommer der Nacht“. Doch diesmal ist die Landschaft winterlich und unsicher. Nicht alle Wesen, denen Dale Stewart, Professor an der Universität von Montana, begegnet, sind menschlich, auch wenn ihm das nicht sofort auffällt. Und es ist auch nicht immer eindeutig klar, ob Dale Stewart selbst ein Mensch ist. Möglicherweise ist er nach seinem gescheiterten Selbstmordversuch beides: ein Mensch |und| ein Geist. Das würde zumindest einiges erklären …

_Der Autor_

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A Winter Haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und „Der Sturz von Hyperion“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 (deutsch im Sommer 2004) mit seinem Roman „Ilium“ fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Das Schlangenhaupt“) und Kurzgeschichten (z. B. „Styx“ bei Heyne). Mit „Hardcase“ und „Hard Freeze“ hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit „Hard as Nails“ fortgesetzt wurde. Simmons lebt in Colorado.

|Dan Simmons bei Buchwurm.info:|
[Endymion – Pforten der Zeit]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=651
[Fiesta in Havanna]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=359
[Hardcase]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=789
[Hard Freeze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=819
[Hard as Nails]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=823
[Ilium]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346
[Das Schlangenhaupt]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1011
[Welten und Zeit genug]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=790

_Handlung_

Der vormals geachtete Uniprofessor und Romancier Dale Stewart, 52, zieht weg von Montana, zurück an den Ort, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte, in den kleinen Ort Elm Haven, mitten in Illinois. Er hat seine Familie ebenso verlassen wie seine Karriere als Dozent für englische Literatur, um hier einen „richtigen“ Roman zu schreiben. Er will die Geschehnisse wieder lebendig werden lassen, die zum Tod seines Freundes Duane McBride führten, der elfjährig angeblich von einem Mähdrescher getötet wurde.

Und so mietet Dale das alte Farmanwesen, das Duanes Tante gehört hatte: „The Jolly Corner“, benannt nach einer Geistergeschichte von Henry James. Während der Keller und das Erdgeschoss gemütlich eingerichtet sind, trifft dies für das Obergeschoss keineswegs zu: Es ist versiegelt, zwar nur notdürftig mit Plastikplanen zugenagelt, aber immerhin. Und hier oben spukt es eindeutig: Geräusche, Lichter, ein leerer Raum, der von einem einzigen Gefühl erfüllt ist: Geilheit. Als sich Dale mal hierher wagt, ist der Aufenthalt lediglich peinlich.

Doch Dale kommt zunächst weder zum Schreiben noch zum Geisterjagen, denn die Außenwelt verlangt seine ganze Aufmerksamkeit. Fünf Skinheads haben es auf ihn abgesehen, weil er mal im Internet ein paarmal gegen die antisemitischen Kreise in Montana gewettert hat. Zweimal jagen sie ihn, und immer entkommt er ihnen, allerdings etwas lädiert.

Außerdem gibt es ein paar Gestalten, die direkt Dales Vergangenheit entstiegen zu sein scheinen. Sheriff C.J. Congden beispielsweise hatte dem jugendlichen Dale mal die Kanone an den Kopf gesetzt und gedroht, ihn in den Fluss werfen zu lassen. Seitdem ist Congden das Schreckgespenst, vor dem Dale jedes Mal Schiss bekommt.

Und da ist Michelle Staffney, die Dale in der Schule angehimmelt hatte und der Traum seiner schlaflosen Nächte war. Nun ist sie mit ihrer lesbischen Freundin Diane aus heiterem Himmel wieder in Elm Haven aufgetaucht, um das Haus ihrer Eltern wieder so instandzusetzen, dass es sich verkaufen lässt. Sagt sie jedenfalls. Aber die 51-jährige TV-Schauspielerin mit dem aufgemotzten Silikonbusen hat es eindeutig auf Dale abgesehen.

Schon wenige Tage nach seinem Einzug im Oktober beobachtet Dale einen kleinen schwarzen Hund auf seinem Grundstück. Keiner kann ihm sagen, wem der gehört. Doch merkwürdig: Der Hund scheint im Laufe der Zeit zu wachsen und Artgenossen zu bekommen. Nach vier Wochen sind aus dem kleinen schwarzen Hund fünf ausgewachsene Wolfshunde geworden. Dale bekommt es mit der Angst zu tun, denn das sind garantiert keine gewöhnlichen Hunde.

Auf seinem Laptop-Computer will er seinen Roman über das Jahr 1960 schreiben, das Jahr, in dem Duane McBride starb. Doch jemand oder etwas schreibt auch auf seinem PC! Jedoch nicht unter |Windows|, sondern auf der Zeile der |DOS|-Eingabeaufforderung. Und die Sprachen, die der Unsichtbare benutzt, stammen nicht aus Elm Haven, Illinois: Alt-Englisch, Alt-Ägyptisch, sogar Latein und Hethitisch. Aber Dale wäre kein Englischprofessor, wenn ihm nicht sofort die Zitate aus dem altenglischen Heldengedicht „Beowulf“, der altisländischen „Edda“ und dem ägyptischen „Buch der Toten“ auffallen würden. Hätte Duane diese Sprachen kennen können, fragt sich Dale? Durchaus, denn Duane war gelehrt und selbst Schriftsteller, allerdings ein ganz anderer als Dale.

Der Geist, mit dem Dale zu kommunizieren lernt, bezieht sich auf die schwarzen Hunde draußen, die er bei ihren ägyptischen Namen nennt, und auf Anubis, den hundeköpfigen Wächter der Totenwelt und Geleiter der toten Seelen, der die Höllenhunde befehligt. Und der Geist warnt Dale vor dem, was er werden wird: ein „warg“. Anders als bei Tolkien ist damit ein Mensch gemeint, der – wie ein einsamer Wolf – von der Gemeinschaft (wegen eines Verbrechens) ausgestoßen wurde und nun als Vogelfreier von jedermann ungestraft getötet werden darf. Wenn Dale an die Neo-Nazis in seiner Heimatstadt denkt, dann kommt ihm dieser Gedanke nicht ganz unwahrscheinlich vor.

Doch welches Verbrechen hat Dale begangen, dass ihm solches Schicksal droht? Er hat (vergeblich) versucht, sich mit einem Gewehrschuss umzubringen. Das war zwei Monate, nachdem sich seine Geliebte, die Halbindianerin Clare Two-Hearts, von ihm getrennt hatte. (Hat er sie aus Eifersucht umgebracht? Wir erfahren es nicht, aber er hat sie und ihren Lover verfolgt.) Und seine Frau hat sich von ihm scheiden lassen, er verlor seine beiden geliebten Töchter Mab und Katie.

Schon damals, im Sommer 1999, vor diesem verhängnisvollen Winter, war Clare mit Dale in die Blackfeet-Reservation zu einem alten Begräbnisort gefahren, um ihn in der Gemeinschaft der dortigen Geister zu lieben. Wenig später hatte sie ihm offenbart, dass sie ihn als Liebhaber ausgewählt hatte, weil er aussah, als sei er von einem Geist besessen. Und dieser Geist wachse: Etwas sei kurz davor, geboren zu werden.

Als Michelle Staffney, C.J. Congden und die fünf Skinheads auftauchen, um mit Dale zum Jahresende (dem Anbruch des neuen Jahrtausends) abzurechnen, wird es eng für Professor Dale Stewart. Wird er ein zweites Mal versuchen, sich umzubringen oder wird er diesmal kämpfen?

_Mein Eindruck_

Man könnte befürchten, dass ein Großteil dieses Romans aus nostalgisch-melancholischen Reminiszenzen bestünde. Aber auch wenn Dale sich an das Jahr 1960 erinnert, um mit Duane McBride und allem anderen klarzukommen – diese Geschichte wurde bereits in „Sommer der Nacht“ verarbeitet und auf großartige Weise erzählt. Es handelt sich um den Roman, den Dale in „The Jolly Corner“ angefangen hat. Jemand anderes hat ihn fertiggestellt, jemand, dessen Identität hier nicht verraten werden darf.

Daher kann sich der Autor in „A Winter Haunting“ – „haunting“ bedeutet sowohl Heimstatt als auch geisterhafte Heimsuchung – auf die Action konzentrieren. Und er macht das einfach so unterhaltsam, dass man an keiner Stelle mit dem Lesen aufhören möchte. Ständig ist was los, tauchen neue Figuren auf, zum Teil aus Dales Vergangenheit, teils aus der Gegenwart. Und es ist nicht sicher, ob die aus der Vergangenheit real sind oder Geister. Und wenn es Geister wären, so sähen sie doch verdammt real aus. Mindestens so real wie die großen schwarzen Höllenhunde …

In einer Schicht darunter kommuniziert Dale nicht nur mit dem Unsichtbaren via Computer, sondern erinnert sich auch an seine kürzlich zurückliegende Affäre mit Clare Two-Hearts, die sich ebenfalls mit Geistern auskennt. Nicht nur mit indianischen, sondern auch mit italienischen. Selbst im mondänen Paris kennt sie die gruseligsten Orte: die Katakomben, wo die Gebeine von sechs Millionen Menschen aufgestapelt liegen. Clare mit den zwei Herzen: Sie hat Dales Herz gebrochen.

Die Konfrontation mit Vergangenheit und Gegenwart verändert Dale. Er wird zu einem „warg“. Das liegt nicht nur an seiner Schlaflosigkeit, seinen Depressionen, seiner Kommunikation mit einem Geist, der Altenglisch beherrscht. Es liegt auch daran, dass er selbst besessen ist und es nicht bemerkt. Der Geist, der uns von Dale bis in alle intimen Details berichtet (so etwa die Affäre mit Clare), geleitet Dale ins Reich der Toten. Schließlich ist Anubis der Gott, den er verehrt. Wird Dale ein Wolf, ein „Höllenhund“ werden? Wer oder was wird ihn retten? Und wird es ihn danach noch geben?

|Ein ungewöhnlicher Geisterthriller|

„A Winter Haunting“ ist einer der ungewöhnlichsten Geisterthriller, die ich je gelesen habe. Unmerklich verändert nämlich der Autor durch die Perspektive der zwei „Erzähler“ die Sichtweise des Lesers auf die Dinge, von denen er erfährt. Viele Dinge entpuppen sich als etwas ganz anderes als das, wie man sie wahrgenommen und interpretiert hat.

Dennoch ist die Sympathie des Lesers stets auf Seiten Dale Stewarts, der nach Hause gekommen ist – angeblich um zu schreiben und sich zu retten, aber in Wahrheit, um endlich zu sterben. Dale tut all die richtigen Dinge, wie es scheint, und doch läuft alles irgendwie schief. Ganz einfach deswegen, weil ihm die richtige, flexible Perspektive fehlt, um das, was ihm an Unglaublichem widerfährt, richtig zu deuten und seine Handlungs- und Denkweise entsprechend anzupassen. Wir bangen um ihn, aber wir können ihn auch aus anderem Licht sehen, aus dem desjenigen, mit dem Dale per Computer kommuniziert (nicht per Internet oder Mobilfunk). Daher ist Dales Figur relativiert: ein schwacher Mann, der nach den gleichen Dingen strebt wie du und ich: Sex, Komfort, Reichtum, Macht. Am Schluss weiß er, dass all dies nicht wichtig ist, aber er weiß, wohin er zu gehen hat. Und das ist eine Menge mehr wert.

|Ein literarischer Thriller|

Dan Simmons ist schon so lange im Horrorgeschäft, dass er sie alle kennt. Natürlich auch Stephen King und Dean Koontz. Aber er weiß auch, woher diese Erfolgsautoren kommen, auf welcher Tradition sie aufbauen. Einer der wichtigsten Autoren ist der Amerikaner Henry James, der sich mit Herbert George Wells, dem Autor von „Die Zeitmaschine“, ein paar Jahre einen berühmten literarischen Streit lieferte.

James schrieb die klassiche Gruselgeschichte „The Turn of the Screw/Die Drehung der Schraube“, aber auch „The Jolly Corner“, die Geschichte über ein Haus, in dem ein Amerikaner, der sein Leben in Europa verbracht hat, sein alternatives Ich trifft, das sich so entwickelt hätte, wenn er im Lande geblieben wäre. Für James – wie für Simmons – ist diese Story sehr symbolisch. Dale Stewart kehrt aus der Fremde (Montana) zurück, und in seinem Heimatort begegnet er Gestalten aus seiner Kindheit. Nicht nur lebendigen Menschen, auch Geistern. Und Michelle Staffney liefert ihm eine überraschend andersartige Interpretation der James-Geschichte …

Der Totengott Anubis, die schwarzen Höllenhunde, schließlich Beowulfs Ungeheuer, das um die große Halle des Königs schleicht. Alle diese literarischen Figuren zeugen von großer Belesenheit, erschlagen aber die Dale-Story nicht, sondern sind ihr integraler Bestandteil und wichtig für ihre Weiterentwicklung. Sie bilden das mystische Unterfutter, die psychologisch relevante zweite Schicht für Dales Existenz in Elm Haven.

Anubis‘ Funktion als Seelengeleiter entspricht Stephen Kings Sperlingen in dessen Roman „Stark – The Dark Half“, in dem es ja auch ums Schreiben geht, allerdings auch um einen gewälttätigen Widersacher, ein alternatives Ego. Dale Stewart hingegen hat keine Perspektive mehr, geschweige denn eine Alternative: Er ist gescheitert, und er weiß es, zumindest ganz tief drinnen.

_Unterm Strich_

Was hätte ein deutscher Autor aus diesem tiefgründigen Geister-Stoff gemacht? Ich wage gar nicht, mir das auszumalen. Wahrscheinlich wäre ein zäher melancholischer Mist dabei herausgekommen.

Dan Simmons hingegen weiß die Geschichte von Dale Stewart actiongeladen, sexy, temporeich, spannend und verdammt unheimlich zu erzählen. Die Relativität, die durch zwei Erzähler erzeugt wird (der zweite wird hier nicht verraten, aber man kann es sich denken), führt zu zahlreichen ironischen Effekten. Die Ironie macht uns aber Dale Stewart umso sympathischer, und wir sorgen uns um sein Schicksal, so unwahrscheinlich es auch sein mag.

Dies ist allerdings kein Roman, in dem dem Leser alles haarklein erklärt wird. Man muss schon gehörig mitdenken, möglicherweise zweimal lesen. Und die Sexszene mit Michelle Staffney ist sicherlich nicht unbedingt für Leser unter 16 geeignet.

|Ergänzend dazu: Dr. Michael Drewnioks [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2956 der deutschen Ausgabe bei Heyne.|

Eschbach, Andreas – seltene Gabe, Die

Marie staunt nicht schlecht: Armand, der bei ihr eingebrochene Junge aus Frankreich, kann einen Zug mit der Kraft seines Geistes anhalten. Dumm nur, dass er wegen dieser Fähigkeit von den Militärs seines Landes ebenso verfolgt wird wie von den Geheimdienstlern Deutschlands. Warum musste er sich ausgerechnet ihr Haus als Unterschlupf aussuchen? Und soll sie ihm, dem seltsamen Überwesen, überhaupt helfen?

_Der Autor_

Andreas Eschbach, geboren 1959, schrieb mit „Das Jesus-Video“ einen der erfolgreichsten deutschen Unterhaltungs-Thriller: Er wurde von Pro7 verfilmt und als Hörbuch von |Lübbe| vertont. Inzwischen hat er neben Science-Fiction auch den spekulativen Wirtschafts-Thriller „Eine Billion Dollar“ und die Jugendbücher „Perfect Copy“ (über Kloning), „Die seltene Gabe“ (über Telekinese) und „Das Mars-Projekt“ (Trilogie) veröffentlicht. Im September 2003 erschien sein Roman „Der Letzte seiner Art“, in dem es um einen Kyborgsoldaten im Ruhestand geht. Eschbach lebt in der Bretagne.

|Andreas Eschbach bei Buchwurm.info:|
[Eine Billion Dollar]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=653
[Exponentialdrift]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=187
[Das Jesus-Video]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=267
[Der Letzte seiner Art]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=317
[Das Marsprojekt]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1102

_Handlung_

Marie ist eine durchschnittliche Schülerin, die in einer durchschnittlichen Familie ein durchschnittliches Leben führt. Bis zu einen bestimmten Tag, der ihr Leben auf den Kopf stellt. Ihre Eltern haben eine Karibikreise gewonnen und sind seit einer Woche weg. Marie führt den Haushalt und merkt sofort, dass etwas nicht stimmt, als sie von der Schule nach Hause kommt.

Es liegt keineswegs daran, dass auf den Straßen der Stadt Streifenwagen mit Blaulicht herumdüsen und per Lautsprecher Durchsagen machen, die sie nicht versteht. Nein, es liegt daran, dass in ihrem Haushalt Dinge fehlen: Lebensmittel hauptsächlich. Marie durchsucht das ganze Haus, und im Schrank wird sie fündig. Ein junger Mann springt heraus, der es sich darin gemütlich gemacht hat, komplett mit Decke und allem.

Armand, 17, ist Franzose und auf der Flucht vor der Polizei. Allerdings ist er kein bewaffneter Schwerverbrecher, wie die Polizei behauptet. Dennoch ist er immerhin in Maries Haus eingebrochen – bloß wie? Als sie ihm auf die Schliche kommt, demonstriert er sein spezielles Talent: Er kann Materie mit der Kraft seines Geistes bewegen – oder auch zerstören, so wie die schöne Lampe im Wohnzimmer.

Er zwingt sie, ihn zu begleiten, indem er ihr Gewalt androht. Keine sonderlich Vertrauen erweckende Methode, findet Marie. Sie packen das Nötigste zusammen, Marie schreibt eine letzte Nachricht an ihre Eltern, dann machen sie sich „vom Acker“. Allmählich geht ihr auf, dass Armand überhaupt keinen Plan hat. Wieso will er ausgerechnet in den ICE nach Dresden? Weil das der erste Fernzug ist, der ihn aus Stuttgart wegbringt. Na, und wie soll’s dann weitergehen?

In den Gesprächen, die sie zu führen beginnen, erklärt er ihr, dass er vor den militärischen Leitern jenes französischen Instituts wegläuft, in dem er sieben Jahre seines Lebens verbracht hat. Dort wurde seine Gabe weiterentwickelt. Doch der Anlass seiner Flucht war der Auftrag, einen anderen Menschen zu töten. Einen Mann namens Levroux, der über die Machenschaften von Geheimdienstlern aussagen würde, falls man ihn nicht ausschaltete – etwa durch einen telekinetischen Angriff auf sein Herz oder ein anderes lebenswichtiges Organ. Armand wollte das nicht, und als sein Aufpasser Pierre, ein Telepath, zu einer Beerdigung wegfuhr, nutzte Armand die Fluchtgelegenheit, die sich ihm erstmals bot.

Pierre ist hier, in Stuttgart! Und er hält nach Armand Ausschau. Selbst wenn Armand seine Gedanken abschirmen könnte, so würde doch Marie seine Anwesenheit und sogar seine Pläne verraten. So oder so – Marie hängt in der Sache tiefer drin, als ihr lieb und zunächst bewusst ist. Und viel später merkt sie, dass sie nicht mehr von Armands Seite weichen möchte. Denn sie erkennt, dass ihr Entführer kein „Monstrum“ ist, sondern ein menschliches Wesen. Sie trifft eine weitreichende Entscheidung.

_Mein Eindruck_

Die Story ist eine dichte und realistische Erzählung über ein außergewöhnliches menschliches Wesen und wie man es missbraucht hat. Anders als in Eschbachs Jugendroman „Perfect Copy. Die zweite Schöpfung“ findet die Hauptfigur nicht nachträglich heraus, was ihr angetan wurde (er wurde geklont), sondern Armand ist schon ziemlich mit zehn Jahren klar, dass er eine ungewöhnliche Gabe hat. Allerdings nicht viel ungewöhnlicher als die von Altersgenossen, die immer bei Mensch-ärgere-dich-nicht gewinnen. Armand hätte sich für immer und ewig in dem Institut verwöhnen und testen lassen, wenn man nicht von ihm verlangt hätte, einen anderen Menschen zu töten. Behauptet er jedenfalls.

Die Geheimdienstler, die ihn und Armand schließlich fangen, behaupten natürlich das Gegenteil. Und an diesem Punkt wird es spannend. Wird es diesen Leuten, die sehr deutlich beschrieben werden, gelingen, Armand und Marie auseinanderzubringen? Wird sie ihn wieder als „Monstrum“ ansehen und ihre Hilfe verweigern – oder ihn als Menschen betrachten und ihm zur Flucht verhelfen? Diese moralische Entscheidung ist eine der schwierigsten überhaupt, denn sie verlangt vom Entscheider, sich selbst neu zu definieren: als menschliches Wesen, das einen Andersartigen als gleichwertig einstufen muss.

Diese Relativität aus der Selbsterkenntnis (und aus Liebe) heraus ist die eigentliche Leistung, etwas, was man meist erst als Erwachsener zu tun hat. Sobald Marie eine solche Entscheidung getroffen hat, kann sie ihr Leben nicht mehr wie zuvor fortsetzen – unselbständig, unbewusst, frei von Verantwortung, kindlich eben. Dass die Geschichte gut ausgeht, ist nicht selbstverständlich, denn die beiden, Entführte und Entführer, streiten sich von Anfang an. Eigentlich müssten sich ihre Wege schon sehr bald trennen, doch dazu kommt es zum Glück nicht.

|Stil und Sprache|

Sprache und Darstellungsstil sind so einfach, aktuell und realistisch gestaltet, dass sich jedes Kind ab 12 Jahren damit leicht tun dürfte (das gilt natürlich nicht für Leute mit Leseschwäche). Weil aber die Hauptfiguren handeln wie Siebzehnjährige, wage ich zu bezweifeln, dass schon jeder Zwölfjährige diese Handlungsweise auf Anhieb versteht. Immerhin werden die Entscheidungen Maries somit schon vorstellbar – Akte der Toleranz, die dem jungen Leser hoffentlich auch in seiner Realität helfen, sie auszuüben.

|Humor|

In keinem Jugendbuch sollte eigentlich Humor fehlen, sonst macht das Lesen einfach keinen Spaß. Menschenskind – mit Telekinese könnte man ja die Welt aus den Angeln heben! Dass es nicht ganz so einfach ist, aber dennoch Spaß macht, zeigt der Autor an den Handlungen Armands. Er stibitzt einem jungen Mann, der nachts eine teure Sonnenbrille trägt, eben dieses absurde Accessoire, indem er es zum Himmel fliegen lässt. Die Reaktion des Bestohlenen ist schon recht lustig zu verfolgen: Er kichert wie ein Irrer.

|Schwächen|

Etwas unplausibel fand ich Armands Verhalten in Stuttgart aber doch. Der Junge, der seit sieben Jahren, aus der Provinz kommend, in einer Anstalt weggesperrt war, kennt sich hervorragend damit aus, wie der öffentliche Nahverkehr einer Großstadt funktioniert. Er studiert Fahrpläne wie ein alter Hase und kalkuliert mit Umsteigestationen, als wäre er Hartmut Mehdorn himself.

Als Entschuldigung kann man nur anführen, dass Armand ohne diese spezielle „Gabe“ noch nerviger geworden wäre, als er es für Marie eh schon ist. Wenigstens ist er auch nicht perfekt: Dass es in Stuttgart schon lange keinen „Westbahnhof“ mehr gibt, merkt er leider etwas zu spät. In diesem Gebäude könnte er höchstens einen heben gehen. Prost!

_Unterm Strich_

Der kurzweilige Jugendroman über einen Telekineten lässt sich locker in sechs Stunden lesen und bereitet keinerlei Verständnisschwierigkeiten. Dabei stellt der Autor seinen Helden keineswegs als Superman vor, sondern als einen Verfolgten, den die Militärs – wieder einmal – missbrauchen wollen.

Doch darauf kommt es dem Autor nicht an: Es geht um eine viel schwierigere Entscheidung, eine, die wir alle früher oder später in einer globalisierten Weltkultur fällen müssen: Lehnen wir den Andersartigen ab – oder können wir ihn als menschliches Wesen, das nur eben anders ist, akzeptieren? Wenn der Leser eine Antwort auf diese Frage in seinem eigenen Leben findet, ist schon viel gewonnen – und sicherlich genau das, was sich der Autor erhofft hat.

Gaiman, Neil – Messerkönigin, Die

Dieser erste bei uns veröffentliche Storyband von Neil Gaiman ist eine Fundgrube von Ideen für Fantasy- und Krimileser. Die Geschichten sind vielgestaltig wie ihre Themen: Legenden, realistische Storys, Fabeln, Gleichnisse, Märchen, Balladen – die berühmten langzeiligen Erzählgedichten Gaimans ebenso wie kunstvoll gedrechselte Sestinen.

Zu jedem Beitrag der Sammlung hat Gaiman einen Begleittext zur Entstehung und dem Ort des ersten Erscheinens verfasst. Diese Texte hat er in einem langen Einleitungskapitel zusammengefasst. Wer also darauf keinen Wert legt, kann gleich mit dem zweiten Kapitel loslegen.

_Der Autor_

Neil Gaiman ist seinen Lesern vor allem als einfallsreicher Autor der gruseligen und einfallsreichen „Sandman“-Comicbooks bekannt. Er hat mit „Die Messerkönigin“ ausgezeichnete Grusel-, Fantasy- und Märchenstorys vorgelegt, sowie mit „Niemalsland“, „Sternwanderer“ und „American Gods“ drei vielbeachtete Romane (alle bei |Heyne| verlegt). Gaiman erzielte mit seinem Real-Fantasy-Roman „Niemalsland“ auch hierzulande einen Bestseller.

_Die Storys_

Welcher Idiot hat eigentlich die Liebe erfunden? Schon kurz nachdem sie im himmlischen Design-Center der Engel entworfen und getestet worden ist, fordert sie bereits das erste Todesopfer: der verlassene Engel bringt den Geliebten um – ein klarer Fall für den Racheengel des Herrn. Hierzulande wäre die jedenfalls so nicht durch den TÜV gekommen. Aber zu der Zeit, als Er das Universum in die Phase des Prototyps gehen ließ, hatte Er völlig freie Hand. Er erfand sogar ziemlich neumodische Sachen wie etwa auch den Begriff des Todes (und später sogar, noch schlimmer, erfand Er Geschlechter!). Kein Wunder, dass über solch bedenklichen Vorfällen wie gemeuchelten Engeln sein Oberengel Luzifer, der Feldherr der Heerscharen, ins Grübeln kam und sich fragte, ob es nicht besser sei, zur Abwechslung mal auf die Stimmen aus der Finsternis zu hören …

Überhaupt bekommen Neil Gaimans Hauptfiguren, die in unseren Legenden und Sagen schon so lange als Bösewichte und Übeltäter verleumdet worden sind, in seinen in „Die Messerkönigin“ gesammelten Geschichten und Gedichten endlich ihre Chance, die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

So entspricht es offensichtlich auch nicht den Tatsachen, dass Schneewittchen als Unschuld vom Lande von ihrer Stiefmutter aus reiner Eifersucht getötet wurde. Nicht doch! Vielmehr ist das Mädchen, das durch spätere Propaganda als „Schneewitchen“ bekannt wurde, eindeutig ein Vampir, der seinen Liebesopfern das Blut aussaugte. In der Geschichte „Schnee, Glas, Äpfel“ lässt ihr die Gemahlin des von diesem Vampir zu Tode gebrachten Königs denn auch als Vergeltung das kalte Herz herausschneiden und die Leiche in den Wald bringen. Sie hätte es besser wissen müssen!

Vampire wie das untote Mädchen treiben weiterhin ihr Unwesen. Erst als die verantwortungsbewusste Königin die kleine Vampirin per Apfel vergiftet, kehrt Frieden im Land ein. Doch leider nicht für lange: Denn ein ausländischer Prinz hat sich in das in Glas und Kristall eingesargte Mädchen verguckt und befreit es. Nun schlägt der Königin die letzte Stunde: Denn selbstverständlich heischt die Vampirin Rache, die ihr der von Liebe umnebelte Prinz allzu gerne verschafft. Die Königin landet wie eine gewöhnliche Hexe im Ofen.

Es ließen sich noch weitere Beispiele anführen, wie Gaiman, der Autor der „Sandman“-Comicbooks, die bekannten Geschichten gegen den Strich bürstet und ihre Schurken endlich zu Wort kommen lässt. Vampire, Grendel-Ungeheuer („Baywolf“ ist eine drollige Verbindung aus „Beowulf“ und „Baywatch“) , Trolle, Vogelmädchen und Werwölfe finden sich hier, aber auch H. P. Lovecrafts Große Alte (in „Old Shoggoths Peculiar“) feiern ein Wiedersehen mit der ahnungslosen Welt. Mehrmals, wen wundert’s, geht dabei die Welt unter.

|Liebe, Begehren und Tod|

Viele der Geschichten enthalten erotische Elemente. Doch Gaiman, man ahnt es bereits, hat seine besondere Sicht auf das, was man gemeinhin für erotisch hält. Sex, Liebe, Begehren und Tod sind für ihn eng verwoben. Daraus ergibt sich ein in der Regel tragischer Verlauf aus der erotischen Begegnung.
Am zugänglichsten sind für Krimileser zwei Geschichten um die Traumfabrik Hollywood, die in diesem Band enthalten sind. Die erste, „Mordmysterien“, habe ich bereits eingangs gerafft wiedergegeben. Sie trägt diesen merkwürdigen Titel, weil sie sowohl ein Rätsel – mystery – als auch ein Mysterienspiel enthält. Ein Besucher aus England, der kurz mal seine amerikanische Ex-Freundin besucht, hat nach einem frustrierenden Liebesspiel einen Gedächtnis-Aussetzer. Schlaflos begibt er sich auf die Straße vor seinem Hotel und trifft einen Streuner, der sich eine Zigarette borgt und sich mit der erwähnten Geschichte revanchiert. Es könnte sich um Luzifer handeln. Am nächsten Tag liest der Engländer vom Tod seiner Ex-Freundin. Sie und ihre Tochter wurden Opfer eines brutalen Mordes …

|Star-Ruhm|

„Der Goldfischteich und andere Geschichten“ erzählt eine unheimliche Geschichte à la „Barton Fink“. Ein englischer Autor landet einen Bestseller über Charles Mansons Nachkommen und soll für ein Hollywood-Studio das Drehbuch schreiben. Natürlich in L. A. und zwar in keinem anderen Hotel als in dem, in dem John Belushi starb (ich glaube, das war das Chateau Marmont, aber der Hotelname wird nie erwähnt). Genau wie Barton Fink kann es der Engländer niemandem recht machen, doch bekommt er von einem der Gärtner, selbst schon über 90, eine recht merkwürdige Story erzählt. Eine junge Filmgöttin, June Lincoln, stirbt im Jahr 1926 kurze Zeit nach einem Filmerfolg. Auf ihrer Premierenparty küsste sie einen der drei Goldfische im Teich des Hotels. Diesen Fisch nannte der Gärtner daher Princess. Die anderen beiden hießen Ghost und Buster. Merkwürdig findet unser englischer Freund, dass die Goldfische ein genauso langes Gedächtnis haben wie die Fahrten von Punkt A nach B in L. A. dauern: dreißig Minuten. Und auch die Studiogewaltigen haben eine entspechend kurzes Gedächtnis. L. A. ist ein mit Geistern gefüllter Teich, in dem die Goldfische (auch die Stars!) einander schon nach kurzer Zeit vergessen haben und sich begrüßen, als hätten sie den anderen nie zuvor gesehen.—Es gibt nur wenige Geschichten wie diese, die ein reales Geschehen mit einem surreal und ominös aufgeladenen Symbol (dem Teich) so gut erklären.

|Humor|

Auch der Humor kommt nicht zu kurz: So etwa wird der heilige Gral nicht vom edlen Ritter Sir Galahad auf seiner ewigen Suche gefunden, sondern von einer schrulligen alten Witwe bei einer Wohltätigkeitsorganisation. Und die lässt sich den Gral, als Galahad ihn kaufen will, schon gut entgelten. So ist wenigstens der Stein der Weisen doch noch zu etwas nutze.

_Unterm Strich_

Man kann dieses Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und wird sofort eine interessante Idee, eine gewagte Beschreibung oder verblüffend-provokante Aussage finde. Ein Buch, das mit keinem Beitrag langweilig ist. In mancher Hinsicht erinnerte es mich an Clive Barkers [„Bücher des Blutes“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=538

Opfer der Zeitdiebe lesen die Storys oder Langzeilenpoeme von zwei bis vier Seiten. Leute mit mehr Zeit auf ihrem Konto können ihr Vergnügen auf bis zu 40 Seiten auskosten.

Warnung: Manche Geschichten sind für Leser erst ab 16 Jahren geeignet, da die erotische Schilderung doch mitunter etwas drastisch ausfallen kann!

Die Übersetzung ist brauchbar, hat aber durchaus Fehler. So hat sich die Übersetzerin nicht die Mühe gemacht, mal einen falsch geschriebenen Buchtitel von C.S. Lewis nachzuschlagen: „Dawntrader“ statt richtig „Dawntreader“. Daher kommt natürlich im Deutschen eine völlig falsche Bedeutung heraus.

Gegenüber der Originalausgabe wurde ein Beitrag gestrichen: „Eaten“, eine Art Drehbuch.

|Originaltitel: Smoke and mirrors, 1998
Aus dem Englischen übertragen von Ingrid Krane-Müschen|

Patterson, James / Gross, Andrew – Rache des Kreuzfahrers, Die

„Die Rache des Kreuzfahrers“ ist ein temporeicher historischer Roman, dessen abenteuerliche Handlung im 11. Jahrhundert in der Zeit der ersten Kreuzzüge spielt. Action, Drama, Lovestory und jede Menge derber Humor sind die Hauptzutaten dieses „pageturners“. Mich hat erstaunt, wie untypisch dieses Buch für Patterson ist.

_Die Autoren_

James Patterson, geboren 1949, ehemaliger Besitzer einer Werbeagentur, ist der Autor von fünfzehn Nummer-1-Bestsellern (inklusive diesem Buch). Allerdings sind es vor allem seine Alex-Cross-Thriller, die den Leser berühren. Folglich war Alex Cross bereits zweimal im Film zu sehen: „Im Netz der Spinne“ und „… denn zum Küssen sind sie da“ wurden beide erfolgreich mit Morgan Freeman in der Hauptrolle verfilmt. Für Einsteiger sei gesagt, dass Alex Cross ein sympathischer schwarzer Polizeipsychologe ist, der mit seiner Familie in Washington, D.C., lebt.

Patterson ist extrem fleißig. Sein letzter Solo-Roman hieß „The Lake House“, doch inzwischen wurde auch „Sam’s Letter to Jennifer“ veröffentlicht, das ähnlich aufgebaut ist wie der |tearjerker| „Tagebuch für Nicholas“. Mittlerweile erschienen neue Alex-Cross-Romane mit den Titeln „The Big Bad Wolf“ und „London Bridges“. Im Januar und Februar 2005 sind zwei weitere Patterson-Romane erschienen, darunter „Lifeguard“. Nähere Infos finden sich unter www.twbookmark.com und www.jamespatterson.com. Patterson lebt mit seiner Familie in Florida.

Andrew Gross war Pattersons Ko-Autor an „Die 2. Chance“ (Limes-Verlag) und lebt in New York City.

_Der Sprecher_

Tobias Meister, geboren 1957 in Köln, steht seit seinem fünften Lebensjahr auf der Bühne. Er ist Schauspieler und Synchronregisseur. Als Synchronsprecher leiht er Brad Pitt, Kiefer Sutherland, Tim Robbins, Sean Penn und anderen seine Stimme.

_Handlung_

Frankreich Ende des 11. Jahrhunderts: Das Zeitalter der Kreuzzüge beginnt, zu denen Papst Urban aufgerufen hat, um das Heilige Land von den „Ungläubigen“ zu befreien.

In einem kleinen Provinzdörfchen hat sich der junge Hugh de Luc mit seiner Frau Sophie als Gastwirt zur Ruhe gesetzt – zuvor hatte er ein unruhiges Leben als umherziehender Gaukler „genossen“. Bis er sich in Sophie verliebte. Das Einzige, was den beiden zum vollkommenen Glück fehlt, ist ein Kind – und Freiheit von ihrem Oberherrn, dem Herzog Baudouin von Treille.

|Ins Heilige Land|

Seine Sehnsucht nach ungebundenem Leben in Freiheit wird Hugh zum Verhängnis: Er zieht mit einer zusammengewürfelten Soldatentruppe Richtung Palästina, um Ruhm und Beute zu erlangen. Sophie bleibt hoffend zurück, doch beim Abschied gibt sie Hugh eine Hälfte eines schönen Kammes mit, der ein Erbstück ist: ein Symbol der Treue, ein Versprechen auf ein Wiedersehen.

Die Katastrophe, in die sich Hugh begibt, hätte er sich nicht vorstellen können. Sterben die Männer nicht auf dem Fußmarsch durch die Gebirge des Balkans und Kleinasiens, dann an den Strapazen bei der Belagerung der wichtigsten moslemischen Festung vor Jerusalem, Antiochia im heutigen Syrien. Die Verteidiger dezimieren die christlichen Reihen von zusammengewürfelten, undisziplinierten Haufen, die nicht mal Sold bekommen.

Nachdem Antiochia durch Verrat gefallen ist, plündern die Christen die Stadt, metzeln die Bevölkerung, moslemische wie auch christliche Einwohner, nieder, und stecken anschließend die Häuser an. In einer winzigen Kirche, die demnächst geplündert wird, hat Hugh sein Damaskus-Erlebnis. Hatte er schon zuvor nicht an einen Christen-Gott geglaubt, so verliert er nun auch den Glauben an Vernunft, Vorsehung, Liebe und andere Werte. Ein Moslem verschont sein Leben, nachdem Hugh ob dieses Irrwitzes in Lachen ausgebrochen ist. Der Moslem verliert sein Leben beim Angriff fränkischer Fanatiker, der Tafur. Sie tragen das Zeichen des Kreuzes eingebrannt am Hals. Da vergeht Hugh das Lachen und er macht sich aus dem Staub – nicht ohne ein goldenes Kreuz aus der Kirche mitzunehmen.

|Wieder in der Heimat|

Ein halbes Jahr später, zwei Jahre nach seinem Abschied, ist Hugh wieder in seinem Heimatdorf angelangt. Seine Vorfreude auf ein Wiedersehen verwandelt sich in Schrecken, als er sieht, dass sein Gasthof bis auf die Grundmauern niedergebrannt wurde. Sophie ist verschwunden. Sein kleiner Sohn Philippe, von dem er nichts geahnt hatte, liegt begraben auf einem Feld. Dort vergräbt der verzweifelte Hugh auch sein Kreuz.

Wer hat dieses Unglück über sein Dorf gebracht? Es seien Ritter ohne Erkennungszeichen gewesen, heißt es von den versprengten Dörflern. Nun, Hugh kann sich’s denken: Baudouin von Treille muss dahinter stecken, oder? Er hofft, dass die entführte Sophie noch am Leben ist, und wandert durch die Wildnis Richtung Treille. Nach einem Angriff durch einen Eber wird der verwundete Hugh von einem edlen Fräulein namens Emilie in die Burg des Herzogs von Borée gebracht und gesund gepflegt.

Da Emilie durch Hughs Erzählungen zutiefst ergriffen ist (ohne es zu zeigen), will sie ihm helfen, Sophie zurückzugewinnen, sofern sie noch lebt. Dazu aber muss sich Hugh eines Vorwandes bedienen, und welche Verkleidung wäre für einen früheren Gaukler besser geeignet als die eines Hofnarren? Hugh macht sich auf den Weg in die Höhle des Löwen …

Unterdessen suchen Ritter vom Schwarzen Kreuz nächtens Dörfer und Weiler des Herzogtums von Treille heim. Sie sind hinter einer ganz bestimmten Reliquie her, die von Rittern und Händlern aus dem Heiligen Land mitgenommen oder erworben wurde. Was sie am dringendsten haben wollen, ist eine Reliquie von der Kreuzigung Jesu. Und die könnte sich in Hughs Besitz befinden, ohne dass er es ahnt …

_Mein Eindruck_

Ich habe dieses actionreiche und humorvolle Hörbuch in wenigen Tagen verschlungen. Ich fühlte mich hervorragend unterhalten, denn der Roman ist vieles zugleich. Was zunächst nach einem mittelalterlichen Kriegsabenteuer aussieht, verwandelt sich in Hughs Heimat in einen ungewöhnlichen Kriminalthriller, denn es geht darum, zwei Rätsel zu lösen: Wer sind die Ritter vom Schwarzen Kreuz, und in wessen Auftrag handeln sie? Und was wollen sie, das Hugh angeblich in seinem Besitz hat?

|Action, endlich!|

Sind diese Rätsel gelöst, wandelt sich der Roman erneut: zu einem romantischen Actiondrama, das einerseits in einem Bauernaufstand gipfelt und zum anderen in der Erfüllung von Lady Emilies Liebe zu Hugh de Luc. Und auch sie hat ein pikantes Geheimnis zu lüften! Die Action besteht in einem Dreisprung: Zuerst ist Baudouin zu überwältigen, dann der Anführer der Ritter vom Schwarzen Kreuz und zu guter Letzt dessen Auftraggeber.

So gelingt es also den beiden Autoren scheinbar mühelos, aber mit etlichen Tricks und Kniffen, den Hörer bis zur letzten Minute des Finales prächtig zu unterhalten. Kaum ist ein Rätsel gelöst, taucht schon das nächste Geheimnis dahinter auf. Oder eine Aufgabe, die Hugh zu bewältigen hat. Oder Lady Emilie bringt Hugh in Schwierigkeiten…

|Der spezielle Humor des Mittelalters|

Nur ein Narr würde nicht bei so vielen Sorgen durchdrehen und andere die Drecksarbeit machen lassen. Zum Glück ist Hugh eben dieser Narr! Ohne seinen bissigen und mitunter recht derben Humor würde er wohl kaum so viele Herausforderungen bewältigen. Und in der mittelalterlichen Gesellschaft bewährt sich sein eingeübter Wortwitz ausgezeichnet. Zu diesem Witz gehören eine ganze Menge Wortspiele.

Ich war skeptisch, ob die offenherzig geschilderten erotischen Szenen so stehen gelassen würden, aber in der deutschen Ausgabe wurde offenbar nichts davon der Zensur geopfert – bravo! Die mittelalterlichen Leute hatten offensichtlich ein viel unverkrampfteres Verhältnis zu körperlichen Angelegenheiten als wir heute.

|Toujours l’amour!|

Die einzige erlösende Kraft auf Erden scheint Hugh die Liebe zu sein, zuerst jene von Sophie, dann jene der Lady Emilie. Für die beiden Frauen verkämpft er sich denn auch bis zum letzten Atemzug und nimmt die größten Risiken auf sich. Als Hugh also Frau und Kind verliert, kündigt er den Lehnseid auf, der ihn als Untertan an seinen Lehnsherrn bindet, den Ritter, der sein Land besitzt und von ihm Dienste fordern kann, beispielsweise im Krieg.

|Rebellion|

Die Aufkündigung dieses seit Jahrtausenden bindenden Verhältnisses ist ein revolutionärer Akt. Seine Mitmenschen können kaum fassen, was Hugh tut. Erst nach langen Verhandlungen und intensiver Überzeugungsarbeit schließen sie sich ihm an. Der einzige Grund: Sie haben selbst nichts mehr zu verlieren außer ihrem Leben. Und das können sie genauso gut für ihre Befreiung einsetzen, oder? Außerdem hat Hugh ja eine gewisse Reliquie, die ihn zu etwas Besonderem macht.

Der nun folgende Bauernaufstand – den die Geschichtsbücher sicher nicht der Erwähnung wert halten – erinnert uns natürlich stark an den Unabhängigkeitskampf der „amerikanischen“ Siedler in den Kolonien Neu-Englands. Diese so genannten „Amerikaner“ waren ja meist ebenfalls nur eingewanderte Engländer, Schotten, Waliser oder Iren. Und viele, viele so genannte „Deutsche“ – meistens Hessen. Wie die „Amerikaner“ erhoben sie sich gegen ihre Landesfürsten. Denn das waren die britischen Lords und Ladies ja letzten Endes, wie man beispielsweise in dem Emmerich-Film „Der Patriot“ mehrmals gesagt bekommt.

|Die Übersetzung|

Axel Merz hat sich in der mittelalterlichen Kultur kundig gemacht, wie an zahlreichen Stellen zu bemerken ist. Zu dieser Kultur gehören nicht nur das Essen oder die feineren Vergnügungen der Edlen, sondern auch die Kriegskunst und die damit verbundenen Gerätschaften.

Übrigens: Kostprobe des hier zu findenden Humors gefällig? „Zwei brave Männer stehen abends nach der Kneipe auf einer Brücke und pissen in den Fluss. Jeder brüstet sich damit, er habe den größeren. Sagt der eine: ‚Das Wasser ist aber ganz schön kalt.‘ Meint der andere trocken: ‚Ja, und ganz schön tief.'“

Zweite Kostprobe, ein Witz aus dem „wilden Languedoc“: Was ist unten drunter haarig, steht hoch aufgerichtet in seinem Bett, besitzt eine rötliche Haut und bringt garantiert jede Nonne zum Weinen? Eine Zwiebel.

_Der Sprecher_

Tobias Meister trägt mit seiner tiefen Stimme die Geschichte mit der erforderlichen Autorität vor. Denn sonst würden die schrecklichen Szenen des Krieges, die romantischen ebenso wie die komischen Szenen nicht angemessen wirken: Das Problem mit sehr emotionalen Szenen liegt darin, dass man sie völlig ernst darstellen muss, sonst wirken sie lächerlich oder übertrieben.

Meister „meistert“ diese Schwierigkeit ohne Mühe. Unzählige Male ruft die Hauptfigur Hugo de Luc ihren Gott an, mit gutem Grund – und dann hebt sich auch Meisters Stimme um einige Intervalle. Andererseits bricht er auch nicht in Lachen aus, wenn Hugo einen Witz erzählt. Er bevormundet den Hörer nicht.

Einen weiteren Pluspunkt sammelt der Sprecher durch seine perfekte Beherrschung des Französischen. Sämtliche Namen, die in Hugos Heimat auftauchen, spricht er korrekt aus. Das gilt aber nicht immer für andere Namen: Nicaea in Kleinasien spricht man eben nicht mit a-e-a aus, sondern wie Nizäa. (Dieser Ort ging im 4. Jahrhundert in die Geschichte des Christentums ein, als die Bischöfe einige abweichende Lehren wie die der Arianer und der Gnostiker als Ketzereien verwarfen und deren Anhänger fortan verfolgen ließen.)

_Unterm Strich_

Selten habe ich ein derart temporeiches Hörbuch gehört, das mich von Anfang gepackt hat und hielt. Und dabei ist es im Grunde ein historischer Roman, sollte man meinen. In Wahrheit ist es aber eine Kombination aus Action, Kriegsdrama, Liebes-Story und ganz viel Humor, wenn auch von der derberen Sorte. In das Buch flossen zahlreiche Infos der Wissenschaft ein. Diese Quellen listet in der Buchfassung ein zwei Seiten langes Quellenverzeichnis auf. Sogar ein deutscher Autor ist darunter.

Wer also ein paar Stunden mit humorvoller und spannender „kurtzweyl“ verbringen will, der greife zu diesem historischen Thriller.

Tobias Meister ist ein kompetenter Sprecher, der sich in seinem Vortrag zurückhält, aber dennoch den Schmerz und den Schrecken der Szenen – etwa auf dem Kreuzzug – zu vermitteln versteht. Bei komischen Szenen überlässt er dem Zuhörer das Lachen. Auch seine Beherrschung des Französischen ist perfekt. Insgesamt überzeugt mich die Qualität des Hörbuchs, doch der Preis ist mit 29,90 Euro ganz schön hoch. Deshalb wird so mancher Interessent auf das Taschenbuch warten wollen.

|407 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: The Jester, 2003
Aus dem US-Englischen übersetzt von Axel Merz|

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2389
[„Honeymoon“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3919
[„Ave Maria“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1683
[„Mauer des Schweigens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1394
[„Stunde der Rache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1149
[„Vor aller Augen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1087
[„Tagebuch für Nikolas“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=854
[„Sonne, Mord und Sterne“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=537
[„Rosenrot Mausetot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429
[„Die Wiege des Bösen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=47
[„Der 1. Mord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1361
[„Die 2. Chance“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1362
[„Der 3. Grad“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1370
[„4th of July“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1565
[„Die 5. Plage“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3915

Krakauer, Jon – In eisige Höhen

Jon Krakauers Katastrophenbericht ist eine der bewegendsten Schilderungen einer Everest-Besteigung. Es gab schon andere Berichte, natürlich die vom Erstbesteiger Sir Edmund Hillary, aber auch die von Reinhold Messner.

Doch nur Krakauers Buch lieferte die Vorlage für einen Hollywoodfilm. Aber Buch und Film unterscheiden sich in zahlreichen Details, nur die grundlegenden Tatsachen sind gleich. Und dann bestehen noch Zweifel, ob der Bericht überhaupt stimmt. In jedem Fall kann der Konsument des Hörbuchs die ungekürzte Fassung des Textes begutachten – ein bemerkenswertes Detail, das nicht selbstverständlich ist.

_Der Autor_

Jon Krakauer war schon um die vierzig, als er 1996 nach Nepal flog. In seiner Jugend hatte er zahlreiche Bergtouren gemacht, die er in seinen Reportagen unter dem Titel „Auf den Gipfeln der Welt“ („Eiger Dreams“) beschrieben hat. Als Journalist ließ er sich mit seiner Lebensgefährtin Linda in Seattle nieder, wo er als Redakteur des Magazins „Outside“ – nicht zu verwechseln mit „Outside Online“ – arbeitet.

1996 erschien sein erster Bestseller „In die Wildnis“ („Into the Wild“) über einen jungen Aussteiger, der in Alaska umgekommen war. Auch darin ging es um das Scheitern von Träumen und Ambitionen an den harten Bedingungen der Realität, sei es in der Wildnis oder in den Bergen. Krakauer lebt mit seiner Frau in Colorado. Sein neuestes Buch trägt den Titel „Mord im Auftrag Gottes“.

_Der Sprecher_

Christian Brückner ist einer der beliebtesten Sprecher Deutschlands. Bekannt wurde er als Stimmbandvertretung Robert de Niros. Seit langem setzt er Maßstäbe als Hörbuchsprecher und hat bei einem der Verlage seine eigene Edition.

_Handlung_

Jon Krakauer wollte als Journalist, also als Beobachter, an einer Expedition auf den höchsten Berg der Welt teilnehmen, um für das „Outside“-Magazin darüber zu schreiben: Der ungewöhnlich lange Artikel erschien in der Septemberausgabe 1996 und wirbelte viel Staub auf, enthielt aber einige falsche Darstellungen. Die Reaktionen und notwendigen Korrekturen flossen 1997 in dieses Buch ein.

Es war eine der geschäftigsten Saisons am Everest überhaupt, als Krakauer im April 1996 bereits angeschlagen im Basislager ankam. Es folgten vier Tage Akklimatisierung unter den fast ein Dutzend Expeditionsteams, von denen einige unter höchst dubiosen Umständen zustande gekommen waren. Laut Krakauers Darstellung war das Team des Bergführers Rob Hall eines der am besten geführten. Man fühlte sich sicher. Und doch sollte ausgerechnet Rob Hall auf dem Berg sterben.

Als Jon Krakauer den Gipfel des Berges am frühen Nachmittag des 10. Mai 1996 erreichte, hatte er bereits 57 Stunden lang nicht geschlafen, kaum etwas essen können und litt unter dem massiven, anhaltenden Sauerstoffmangel – trotz des künstlichen Sauerstoffs, den alle außer den stärksten Bergsteigern atmen mussten. Die Luftdichte in 9000 Metern Höhe entspricht einem Drittel derer auf Meereshöhe.

Als er wieder absteigen wollte, bemerkte er zweierlei: merkwürdige Quellwolken, die das Tal heraufzogen, und mehr als zwanzig Bergsteiger, die seinen Abstieg blockierten. Die resultierende Verzögerung führte fast zu seinem eigenen Tod, denn als sich die heraufziehenden Wolken zu einem tobenden Schneesturm ausgewachsen hatten, sah Krakauer kaum die anderen Bergsteiger auf dem Südsattel oder die Zelte im darunter liegenden Lager IV.

Doch der Sturm wurde noch stärker, während sich noch fast zwanzig Kletterer auf dem Südwestgrat aufhielten. Am Ende des Tages waren fünf Teilnehmer der verschiedenen Expeditionen in Eis und Kälte umgekommen. Am Ende des Tages waren neun Menschen tot, am Ende der Saison zwölf – ein hoher Tribut an Leben, wie ihn der Everest selten erlebt hat.

Der Tod des neuseeländischen Bergführers Andy Harris ließe sich direkt auf Krakauers Mangel an geistiger Präsenz zurückführen, denn Krakauer hätte sonst bemerkt, dass Harris selbst bereits massiv unter der Höhenkrankheit litt, als er ihn zuletzt sah. Krakauer hätte etwas unternehmen können. Doch so muss er heute mit Harris‘ Tod auf dem Berg leben.

Durch den Einsatz des kasachischen Bergführers Anatoli Boukreev (der selbst ein Buch darüber geschrieben hat) gelang die Rettung von mehreren Expeditionsmitgliedern. Leider spielt dies Krakauer einigermaßen herunter, was wohl nicht ganz fair erscheint.

_Mein Eindruck_

Das Buch packt einen schon vom ersten Kapitel an, als der Autor den Moment auf dem Gipfel des Everest beschreibt und sich das Verhängnis bereits anbahnt, das zur Katastrophe führen soll. Immer wieder schiebt der Autor historische Rückblicke ein, um den Leser mit dem Berg und seinen erfolgreichen und erfolglosen Bezwingern bekannt zu machen. Krakauer gibt die Geschichte und die Abenteuer großer Everest-Pioniere wieder, darunter Sir Edmund Hillary und Tenzing Norgay, die zwei Männer, die den Gipfel 1953 als erste erreicht hatten: genau einen Tag vor der Krönung Königin Elizabeths II.

Einen großen Einschnitt bedeutete 1985 die Besteigung durch einen Amateur namens Dick Bass, der lediglich einen Haufen Geld bezahlt hatte. Nach dem Jahr 1988 setzte eine Art Massentourismus ein, und die nepalesische Teilnahmegebühr pro Tour erhöhte sich von 10.000 auf 65.000 Dollar.

Doch das schreckte etliche Leute nicht ab, die einfach nur ihre „Sieben-Gipfel-Quote“ komplettieren wollten: die Liste der jeweils höchsten Berge auf den Kontinenten. Auch in Krakauers Team befand sich so jemand darunter: In Sandy Pittmans Sammlung fehlte noch der Everest. Er sollte sie beinahe umbringen.

Denn der Everest ist ein unversöhnlicher Berg. Er wird von den Sherpa als „Göttin des Himmels“ (Sagarmatha) kultisch verehrt, ebenso von den Tibetern. Noch bevor es dem ersten Menschen gelang, einen Fuß auf den Gipfel zu setzen, hatte der Everest bereits 24 Menschen aus 15 verschiedenen Expeditionen das Leben gekostet. Mehr als hundert sollten bis 1996 folgen.

Dabei ist es nicht einmal das Terrain selbst, dem die Menschen zum Opfer fallen. Häufig ist einfach die extreme Höhe schuld: Ab 8000 Metern beginnt die „Todeszone“, in der der Körper beginnt, sich selbst zu verzehren: kein Essen ist mehr möglich, und kein Schlaf. Große Gefahr droht von den durch die Höhe und dünne Luft ausgelösten Krankheiten: Lungen- und Gehirnödem, im Original HAPE und HACE genannt. Bei deren Auftreten hilft nur noch der rasche Abtransport in in tiefere Lagen oder die künstliche Herstellung einer entsprechenden Atmosphäre in einem Spezialzelt (Gamow-Zelt). Manchmal kommt auch diese Maßnahme zu spät.

In Rob Halls Expedition waren es nicht nur bergsteigerische oder gesundheitliche Unzulänglichkeiten, sondern einfach menschliche Fehler, die sich „zu einer kritischen Masse summierten“: falscher Ehrgeiz, Konkurrenzdenken, übersteigerte Personenverehrung oder einfach Geldgier. Am Ende fehlten Kraft und Zeit. Es kam zu einer kritischen Situation im Schneesturm, die direkt fünf Menschenleben forderte. Weitere kamen als indirekte Folge hinzu.

Krakauers Doku-Roman ist spannend, bewegend und dramatisch. Er macht wütend auf ein System, das die Gefahren des Berges herunterspielt oder gar leugnet. Um nicht nur seiner persönlichen Katharsis (emotionalen Läuterung) zu dienen, wie er sagt, fügte er zahlreiche, abgesicherte Fakten ein und verbrämte diese mit Literaturauszügen.

_Der Sprecher_

Der Sprecher Christian Brückner liest selbstredend wie ein Profi, der das schon ewig und drei Tage macht. Deshalb kommt es auf die Feinheiten an. Stets macht er an geeigneten Stellen eine Pause, die das Verständnis erhöht, erleichtert oder eine Denkpause erlaubt. Das kann nach dem Ende einer komplizierten Satzkonstruktion sein, am Ende eines Satzes, eines Absatzes – und natürlich zwischen den Kapiteln.

Das einzige Verständnisproblem, das daher auftauchen kann, besteht darin, dass der Hörer entscheiden muss, wer nun gerade spricht. Ist es, wie fast immer, der Autor selbst – oder vielmehr der Autor eines Literaturauszuges? Zum Glück lässt der veränderte Tonfall, dessen sich der Sprecher befleißigt, die Unterscheidung zu. Und das ist meist nur am Anfang eines Kapitels nötig.

Etwas anderes ist Brückners Aussprache von Namen und Bezeichnungen. Englische Namen, die wie deutsche aussehen, sind ganz besonders tückisch. Doch Brückner meistert das Problem und spricht die Namen nach englischen Regeln und Gepflogenheiten aus. Er hat sich offensichtlich gut vorbereitet. Dies gilt nicht nur fürs Englische, sondern auch für Nepalesisch. Wieder und wieder erstaunte mich, der ich das Original zur Kontrolle las, seine Aussprache der einheimische Bergnamen. Sie passten so gar nicht zur Vorstellung, die ich mir von Namen wie Makalu („mokalú“) und Kanchenjunga (kantschendschánga“) gemacht habe. Da ich kein Nepalesisch beherrsche, maße ich mir kein Urteil darüber an.

_Unterm Strich_

Krakauer liefert einen packenden, minuziös geschilderten Bericht, der trotz seiner persönlichen Sichtweise zu überzeugen weiß, weil er weder mit Hintergrundinformationen über Berge, Menschen und alpine Technik geizt, noch mit den Konsequenzen der Katastrophe nach seiner Rückkehr hinterm Berg hält.

Der Sprecher Christian Brückner besticht durch eine klare Vortragsweise, die sich an der Vermittlung deutlich erkennbarer Bedeutungseinheiten – Wörter, Sätze, Phrasen, Absätze, Kapitel – und an Verständlichkeit orientiert. Auch berichtsfremde Zitate sind zu unterscheiden, so dass es leichtfällt, ein Zitat als solches zu erkennen. Fußnoten werden weggelassen, wenn sie zu lang sind, kurze Fußnoten werden in den Vortrag unauffällig integriert. Insgesamt hat mir die Lesung sehr gefallen, ich finde sie vorbildlich gelungen. Musik und Geräusche gibt es keine, denn sie würden lediglich stören – ganz besonders bei einem so ernsten Thema.

Der Preis von knapp 30 Euro für neun CDs ist meines Erachtens ungewöhnlich günstig und sollte einen Anreiz bieten, sich das Hörbuch zuzulegen. Hier winken dem einsamen Trucker oder Wochenendpendler fast elf Stunden packende Beschreibungen einer abenteuerlichen Welt, in der dem Menschen gezeigt wird, wo seine Grenzen liegen: nicht zuletzt in ihm selbst.

|Hinweise auf andere Quellen|

Man möchte sich seiner kritischen Sicht über die Auswüchse des modernen Alpinismus im Hochgbirge anschließen. Aber man sollte auch andere Quellen hinzuziehen, um auch andere Aspekte der Wahrheit zu erfahren: Sehr empfehlenswerte Bücher zu dieser Tragödie sind: „Der Gipfel“ von Anatoli Boukreev und „Die letzte Herausforderung“ von Lene Gammelgaard, einer Teilnehmerin an der Mountain Madness Expedition des damals umgekommenen Bergführers Scott Fischer.

Außerdem gibt es bei Amazon.de auch ein Buch des beinahe auf dem Südsattel erfrorenen Kunden Beck Weathers – eine der erstaunlichsten Wiederauferstehungen, von der ich je gehört habe. Das Buch von Boukreev habe ich andrenorts besprochen. Der Film, den David Breashears und Ed Viesturs von der gleichzeitig stattgefundenen IMAX-Epedition gedreht haben, ist ebenfalls informativ – von dem beeindruckenden IMAX-Breitwandfilm ganz zu schweigen. David Breashears geht in seiner Biografie ebenfalls auf das Drama ein, natürlich nur mehr am Rande, denn am tragischen Gipfelsturm war er nicht beteiligt.

|646 Minuten auf 9 CDs
Originaltitel: Into thin air, 1997
Übersetzt von Stephan Steeger|

Robert J. Sawyer – Die Neanderthal-Parallaxe (Neanderthal 1)

Parallelwelt-SF: Besuch vom haarigen Vetter

Neutrinos sind nahezu unendlich kleine atomare Teilchen, die alles durchdringen und sich daher extrem schwer nachweisen lassen. Um sie überhaupt feststellen zu können, muss die superempfindliche Messvorrichtung selbst vor allen möglichen Störfaktoren wie etwa elektromagnetischer Strahlung abgeschirmt werden. Deshalb liegt das Neutrino-Observatorium im kanadischen Sudbury unter zwei Kilometern solidem Fels. Der Zugang zum Neutrino-Detektor, einem Tank mit schwerem Wasser (Deuterium) ist natürlich ebenfalls streng reglementiert.

Deshalb staunt die Wissenschaftlerin Louise Benoit nicht schlecht, als sie eines Tages einen ausgewachsenen Mann in eben diesem Tank vorfindet. Wie um Himmels willen ist er da hineingeraten? Nicht ganz freiwillig, wie sich herausstellt. Liegt ein Verbrechen vor?

Robert J. Sawyer – Die Neanderthal-Parallaxe (Neanderthal 1) weiterlesen

Bear, Greg – Darwin-Virus, Das

_Kein weiteres „Outbreak“, sondern eine Vision_

Ein Massengrab in Georgien, in dem etliche Leichen schwangerer Frauen gefunden werden. Die sensationelle Entdeckung einer mumifizierten prähistorischen Familie, die verwirrende biologische Merkmale aufweist. Eine rätselhafte Epidemie, die ausschließlich werdende Mütter befällt. Und der furchtbare Verdacht, dass sich in der menschlichen Erbsubstanz etwas verbirgt, das nun zum Leben erwacht – und die Welt für immer verändern wird … (Verlagsinfo)

„Das Darwin-Virus“ stellt eine faszinierende und erschreckende Vision von der nächsten Phase der menschlichen Evolution dar. Am Ende konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen und las bis morgens um zwei Uhr weiter. Es hat sich jedoch absolut gelohnt! Dieser Roman war 1999 für den |Hugo Gernsback Award|, den Preis der amerikanischen Science-Fiction-Leser, nominiert und hätte den Preis verdient gehabt. (Das Rennen machte Vernor Vinge’s [„Eine Tiefe am Himmel“.)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=364

_Der Autor_

Greg Bear wurde 1951 in San Diego, einer wichtigen US-Marinebasis, geboren und studierte dort englische Literatur. Unter den Top-Hard-SF-Autoren ist er der einzige, der keine naturwissenschaftliche Ausbildung hat. Seit 1975 als freier Schriftsteller tätig, gilt er heute dennoch als einer der ideenreichsten wissenschaftlich orientierten Autoren.

Sein „Das Darwin-Virus“, der hierzulande zuerst in einem Wissenschaftsverlag erschien, wurde zu einem preisgekrönten Bestseller. Erst damit konnte sich Bear aus dem Science-Fiction-Ghetto herausschreiben, so dass man ihn heute ohne weiteres mit Michael Crichton vergleicht. Nur dass Bear da anfängt, wo Crichton aufhört. Dieses Jahr erscheinen bei uns „Die Darwin-Kinder“, die Fortsetzung von „Darwin-Virus“, sowie der Horrorthriller [„Stimmen“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=743

Bear hat eine ganze Reihe von Science-Fiction- und Fantasyzyklen verfasst. Die wichtigsten davon sind (HSF = Heyne Science Fiction):

– Die Thistledown-Trilogie: Äon (HSF 06/4433), Ewigkeit (HSF 06/4916); Legacy (bislang unübersetzt).
– Der Amboss-Zyklus: Die Schmiede Gottes (HSF 06/4617); Der Amboss der Sterne (HSF 06/5510).
– Der Sidhe-Zyklus: Das Lied der Macht (06/4382); Der Schlangenmagier (06/4569).

Weitere wichtige Werke: „Blutmusik“ (06/4480), „Königin der Engel“ (06/4954), „Slant“ (06/6357) und „Heimat Mars“ (06/5922). Er hat zudem Beiträge für die Buchreihen des Foundation-, Star-Trek- und Star-Wars-Universums geschrieben. Witzige Einfälle sind u. a. in der Storysammlung „Tangenten“ (Heyne Science Fiction) zu finden.

_Handlung_

Uralte Krankheiten, die im Erbgut der Menschen einkodiert sind, warten nur darauf, wieder geweckt zu werden und auszubrechen – das zumindest glaubt die Molekularbiologin Kaye Lang. Und jetzt, wenige Jahre in der Zukunft, sieht es so aus, als ob ihre in Fachkreisen heftig umstrittene Theorie grausame Realität geworden sei.

Denn Christopher Dicken, quasi ein „Virenjäger“ beim amerikanischen Epidemic Intelligence Service, ist einer grippeähnlichen Infektion auf der Spur, die werdende Mütter ebenso wie ihre Föten befällt und zu Fehlgeburten führt. Sie wird „Herodes‘ Grippe“ genannt, aus naheliegenden Gründen. Ein Massengrab in Georgien, in dem etliche Leichen schwangerer Frauen gefunden werden, verstärkt seine Furcht vor einer Epidemie. Eine der an der Untersuchung dieses Virus beteiligten Gesundheitsbehörden nennt den die Grippe verursachenden Virus SHEVA, nach Shiva, dem hinduistischen Gott der Zerstörung und Wiedererschaffung. Das Virus erscheint ebenso verheerend wie das HIV.

Mitchell Rafelson, ein in Fachkreisen wegen „Leichenraubs“ in Ungnade gefallener Archäologe, entdeckt zur selben Zeit auf einem österreichischen Gletscher in einer tiefen Höhle die mumifizierten Leichen einer prähistorischen Familie, die hier vor rund 15.000 Jahren umkam. Sie wurde ein Opfer der Verfolgung ihres Stammes. Die Geflohenen waren anders als der Rest des Stammes. (Das ist natürlich eine Parallele zum Fund des „Ötzi“ auf einem Gletscher zwischen Österreich und Italien.)

Mitch und Kaye bemerken eine schockierende Verbindung zwischen den zwei Entdeckungen. Das „Virus“ SHEVA, das damals die Neandertaler verändert hatte, ist erwacht und hat inzwischen nicht nur im Kaukasus seine Opfer gefordert, sondern breitet sich nun, geweckt durch Einflüsse der modernen Zivilisation, auch in den USA aus.

Ein Wettlauf mit der Zeit und gegen die Behörden beginnt. Während die Mütter millionenfach Fehlgeburten erleiden und eine ganze Generation ausfällt, versuchen die Gesundheitsbehörden das Richtige zu tun. Und das, was sie tun, sieht sehr nach Faschismus und Diktatur aus. Der Autor lässt durch die eingestreuten Assoziationen keinen Zweifel an seiner ablehnenden Haltung demgegenüber.

Christopher Dicken, Mitch und Kaye sind sich in einer Geheimunterredung über die Lage klar geworden. Doch während Dicken zweifelt und einknickt, verlieben sich Kaye und Mitch ineinander und Kaye wird schwanger – ist ihre Handlungsweise verantwortunglos? Fest steht nur: Es wird ein SHEVA-Baby werden.

Während Mitch und Kaye vor den Polizisten, die sich wie einst Herodes‘ Soldaten aufführen, wie einst Joseph und Maria fliehen, scheint der Ausbruch SHEVAs die ganze Welt zu erfassen. Hat die Menschheit noch eine Chance?

_Mein Eindruck_

Wieder einmal hat es einer der großen Autoren in der Science-Fiction geschafft, eine umfassende Veränderung in den Vorgaben für die menschliche Existenz zu skizzieren und bis zur endgültigen Konsequenz durchzudenken. Das Buch scheint zwar vorzeitig zu enden, und mancher Erzählstrang wird nicht weiter – oder erst in der Fortsetzung „Die Darwin-Kinder“ (2004) – verfolgt, doch das, was bereits verraten wird, ist als Idee und Vorstellung wunderbar, weitreichend und für den einen oder anderen Leser sehr positiv.

Bears Figuren sind vielschichtig, sie haben eine plausible Psychologie, ein gemeinsames Schicksal, und sie verändern sich. Ich empfand es als spannend und von größtem Interesse, ihren Werdegang zu verfolgen. Anders als in „Slant“, wo der Leser sechs Schicksale zu verfolgen hat, sind es hier nur vier – im Mittelpunkt nur Mitch und Kaye. Dadurch liest sich das Buch einfacher, weil zusammenhängender und konventioneller.

|Zusatzinformationen|

Mit Hilfe wirklich ausgetüftelter Erzählstrukturen gelingt es Bear, die Spannung durchgehend aufrechtzuerhalten und gegen Ende sogar noch zu steigern. Man merkt, dass Bears Verlag, Ballantine, das Feedback der Probeleser ernstgenommen und in die Endfassung aufgenommen hat. Das wäre hierzulande wohl nur schwer denk- und umsetzbar. Sogar ein „Kurzes Glossar biologischer Fachbegriffe“ findet sich, das es dem weniger geschulten Leser erleichtert, sich im wissenschaftlichen Hintergrund zurechtzufinden. Ein kurzes Kapitel über „Biologische Grundlagen“ führt das Glossar ein und unterrichtet den Leser über einfache Molekularbiologie, also über alles, was mit Vererbung und Zellen zu tun hat.

_Unterm Strich_

Man merkt es dem spannenden Roman an, dass sich hier Greg Bear von der Science-Fiction, seiner bisherigen Spielwiese, auf das Territorium Michael Crichtons vorwagt. Doch anders als die Plagiatoren Crichtons wirkt Bear nicht spekulativ um der reißerischen Unterhaltung willen, sondern bleibt der wissenschaftlichen Methode und ihren Vertretern in der Molekularbiologie verpflichtet. Dies ist keine weitere Version von „Outbreak“, sondern geht viel, viel weiter: Es ist eine Evolutionstheorie.

Das bedeutet für den Leser zwar weniger „Menschen, Tiere, Sensationen“, aber dafür kühnere und höhere Höhenflüge, wie es mit der Menschheit weitergehen könnte, als bei zehn Crichton-Plagiatoren zusammen. Daraus ergibt sich allerdings auch, dass der Autor hier – anders als in seinen Romanen „Stimmen“ und [„Jäger“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=487 – einen hohen Anspruch an das Begriffsvermögen des Lesers stellt. Das habe ich stellenweise durchaus als anstrengend empfunden, und zwar besonders im actionarmen Mittelteil. Wer sich mit Molekularbiologie nicht befassen will, sollte sowieso die Finger von diesem Buch lassen.

|Etwas mehr Realismus bitte!|

Was ist von alldem zu halten, was Bear hier als mögliche künftige Katastrophe ausmalt? In seinem Nachwort und in der Danksagung berichtet der Autor von seinen Besuchen in entsprechenden Instituten, die für solche Epidemien zuständig sind – allen voran das bekannte Center for Disease Control in Atlanta, wo die gefährlichsten Viren und Bakterien der Welt weggeschlossen lagern.

In einschlägigen Fachmagazinen werden entsprechende Viren diskutiert, beispielsweise zu der Frage: Wie kommt es, dass sich das HI-Virus ständig anpassen kann? Welche Mechanismen helfen ihm? Wie kommt es, dass sich Taufliegen an radikale Klimaänderungen binnen weniger Generationen anpassen können? Was hilft ihnen dabei? Bear äußert die Überzeugung, das ein SHEVA-ähnlicher Ausbruch nicht innerhalb von Jahrzehnten erfolgen wird, sondern binnen Jahren. Na, Prost Mahlzeit!

|Originaltitel: Darwin’s Radio, im Hardcover 1999, Taschenbuchausgabe 2000
Deutsch zuerst im Verlag Spektrum der Wissenschaft 2001
Aus dem US-Englischen übersetzt von Sebastian Vogel|

Evangelisti, Valerio – Geheimnis des Inquisitors, Das (Inquisitor-Zyklus Band 4)

Auf Bitte des Königs von Aragón nimmt Großinquisitor Nikolas Eymerich an der Invasion Sardiniens teil. Dort wird er mit den fürchterlichsten Seuchen konfrontiert, aber auch mit wundersamen Heilungen, die ihren Ursprung im blauen Licht der Neptungrotte haben. Als der Inquisitor in dieser Grotte Augenzeuge vorchristlicher Rituale wird, ist er überzeugt, dass es sich bei den Wunderheilungen um Teufelswerk handelt. Es gelingt ihm, das unterirdische Höhlensystem zu fluten, doch er weiß, dass die Mächte der Finsternis nicht für immer gebannt sind … (Verlagsinfo)

Fans von „Der Name der Rose“ dürften diesen Roman ebenso mögen wie eingefleischte Fantasy- oder Science-Fiction-Leser. Der Italiener Evangelisti, mit seinem „Nostradamus“-Zyklus (bei |Goldmann|) als Mittelalter-Fachmann ausgewiesen, bietet in den vier Handlungssträngen seines Romans jedem etwas.

_Der Autor_

Valerio Evangelisti, geboren 1952 in Bologna, studierte Geschichte und ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Später befasste er sich vorwiegend mit fantastischer Literatur, bis er 1994 selbst zum preisgekrönten Fantasy-Schriftsteller wurde. Seither werden seine Romane in vielen Ländern aufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt. Mit seiner Nostradamus-Trilogie wurde er schließlich zum internationalen Bestsellerautor. Seine Werke werden bereits für das italienische Fernsehen verfilmt.

Der Inquisitor-Zyklus:

Der Schatten des Inquisitors (Heyne 06/9124)
Das Blut des Inquisitors (Heyne 06/9125)
Die Ketten des Inquisitors (Heyne 06/9126)
Das Geheimnis des Inquisitors (Heyne 06/9156)
Die Versuchung des Inquisitors (Heyne 06/9157)

_Handlung_

Man schreibt das Jahr des Herrn 1354, und Großinquisitor Nikolas Eymerich ist gerade mal zwei Jahre im Amt, da hat er bereits zwei ketzerische Sekte ausgerottet. Mit der Flotte des Königs Peter I. von Aragon schippert er nach dessen Einladung zur Insel Sardinien, von der finstere Gerüchte nach Aragon gedrungen sind. Was Peter I. in Wahrheit im Schilde führt, erkennt Eymerich beinahe zu spät. Die Flotte ist ganz einfach zur Eroberung hier, heißt es, doch wie sich zeigt, ist auch ein Inquisitor gefragt.

Ein Richter namens Mariano hat sich mit seiner Bevölkerung in die Küstentadt Alghero zurückgezogen, die alsbald mit sämtlichen verfügbaren Kriegsmaschinen belagert wird. Doch Eymerich beunruhigt etwas ganz anderes: Das Land selbst scheint krank und verseucht zu sein: Epidemien und missgebildete Kinder scheinen an der Tagesordnung zu sein. Da er selbst wie ein Hypochonder allergisch auf Berührungen und Verschmutzung sowie Krankheit jeder Art reagiert, fühlt er sich äußerst unbehaglich in seiner Haut.

Da kommt ihm durch einen gefolterten Gefangenen zu Ohren, dass Mariano einen offenbar heidnischen Kult wiederbelebt hat: Er dient der Fruchtbarkeit und verehrt vorchristliche Gottheiten wie etwa die phönizischen Göttern Tanit und Eschmun, da Sardinien bis zum Jahr 231 v. Chr. den Karthagern gehörte, die es aber an die Römer verloren.

Eymerich greift zu einer List: Er lässt sich wie einen Gefolterten herrichten und lässt es so aussehen, als könne er zur Stadt flüchten. Da man ihn dort nicht erkennt, kann er sich als einen Bekannten des Richters ausgeben und Asyl erhalten. Fortan kann er ohne Weiteres die Stadt auskundschaften sowie die tieferen Geheimnisse, die in einem Höhlensystem und in der blau strahlenden Neptunsgrotte auf ihn warten …

|Zweite Haupthandlung|

Das 20. Jahrhundert: Nach einem Physiker und einem Genetiker tritt auch diesmal wieder ein „Wissenschaftler“ mit dubiosem Ruf auf: [Wilhelm Reich]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=66 (1897-1957). Der Österreicher übte den Beruf eines Psychotherapeuten aus, der Freud kannte, bis er jedoch zur Biologie umschwenkte, um seiner Theorie von der Energie des Orgasmus auf den Grund zu gehen. In Berlin gründet er 1930 ein Institut für Sexualforschung und -beratung, das sozialistische Sympathien nicht verhehlt.

Er entgeht 1933 den Nazis, wird im Exil von norwegischen Kollegen angegriffen, von Einstein im Exil abgelehnt und schließlich vom FBI wegen „Kurpfuscherei“ verhaftet und eingebuchtet. Die auf Kommunistenhatz befindlichen Gesetzesvertreter sind ebenso borniert wie Eymerich auf Sardinien, und Reich tritt als ein geistiger Nachfahre des Judex Mariano aus Alghero auf. Alles, was mit Sex zu tun hat, wird also durch die Jahrhunderte hindurch von Ignoranten verfolgt und ausgemerzt, ungeachtet dessen, ob die Theorie zu einer Heilung führt oder nicht.

|Dritte Haupthandlung|

In seinen letzten Wochen im Knast von Lewisburg (1954 bis November 1957) wird Reich einer Behandlung mit Methionin unterzogen, die zu schizophrenen Wahnvorstellungen führt. Dort erscheint ihm der Inquisitor Eymerich, der ihn nach seinem Verhältnis zu Vater und Mutter befragt. Eymerichs „Opfer“ windet sich in Seelenqualen.

|Vierte Haupthandlung|

In der nahen Zukunft. Die USA haben sich in drei Staatenbünde aufgespalten, von denen zwei erzkonservative Werte vertreten. Nur der dritte im Nordosten scheint noch liberale Werte vertreten zu können. Insbesondere die woanders verbotenen „Kinder der Zukunft“ verbreiten in der geistigen Nachfolge Wilhelm Reichs eine befreite Sexualität, die zu einer psychischen Integration führen soll.

Dieser Handlungsstrang schildert das Schicksal dreier Jungen, die in staatlichen Erziehungsanstalten durch Kontakt mit Mädchen gegen die strengen Verhaltensregeln verstoßen und als „Aufsässige“ deportiert werden. Ein Flugzeug bringt sie an einen unbekannten Ort, der nur als „Lazzarett“ bekannt und gefürchtet ist. Wie sich bald zeigt, handelt es sich um ein Sardinien, das von Radioaktivität verstrahlt ist und auf dem Krankheiten die Lagerinsassen dahinraffen. Sie können nicht fliehen, weil wilde Hunde sie alsbald reißen würden.

Das Jungen-Trio stößt während eines schweren Sturms in einem Schiffswrack auf einen Angehörigen von Reichs verbotener Kolonie. David hat sogar Funkkontakt zum Lager der geliebten Mädchen! Daher kann er sie dazu bringen, ihm zu helfen. Sie sollen in das seit Jahrhunderten blockierte und verfemte Höhlensystem an der Neptunsgrotte vordringen und die Blockade beseitigen. Das Ergebnis erweist sich als wesentlich mehr, als David erwartet hat …

_Mein Eindruck_

Die vierfache Handlungsstruktur ist für den Anspruchslosen sicherlich einigermaßen verwirrend. Wir bewegen uns nicht mehr auf Groschenheftniveau à la „Conan“, sondern müssen unseren Grips und vor allem die Erinnerung anstrengen. Erst dann entsteht so etwas wie eine Bedeutungsebene des Romans.

Obwohl die erzählte Zeit rund 700 bis 800 Jahre umfasst, bleibt doch die Grundkonstellation stets die gleiche. Auf der einen Seite stehen die körperfeindlichen, die Lust verdammenden Kräfte, die vom Inquisitor, vom FBI und von den diktatorischen US-Regimes in den Staatsinternaten vertreten werden. Die Opfer sind stets die Befürworter der Lust, des Sexus und schließlich – in naher Zukunft – der bloßen körperlichen Berührung. Man könnte auch die Gegensatzpaare Unterdrückung und Befreiung, Kollektiv gegen Individuum etc. bilden.

In Eymerichs Handlungen ist das Kollektiv die rechtmäßige römisch-katholische Kirche, die aber leider zu Eymerichs Leidwesen noch keine strikte Einheitslehre vertritt, sondern abweichende Lehren zulässt – zu dumm aber auch. Gut aber für die Abweichler wie etwa die Benediktiner, die in der Neptunsgrotte Heilungen fördern. Deren Treiben sieht für Eymerich aus wie heidnischer Götzendienst, der die Unzucht fördert. Herrje, Männlein und Weiblein tanzen splitternackt um eine Phallus-förmige Säule herum! Und in einem finsteren Abgrund winden sich Würmer, die Eymerich das kalte Grausen einjagen. Sicher ist auch die uralte Göttin Tanit nicht weit. Doch er wird dem Treiben Einhalt gebieten.

Obwohl der Autor Eymerichs Opfer ebenso als Unschuldige hinstellt wie Wilhelm Reich und die drei Jungs, so darf man doch daran zweifeln, dass Reich in allen Punkten Recht hatte. Orgonenergie – davon ist heute nicht mehr die Rede, obwohl Reichs Ideen in den Gegenkulturen der sechziger und siebziger Jahre viele Anhänger fanden. Sein Orgon-Akkumulator und sein „Cloudbuster“ (Kate Bush hat ein schönes Lied dazu geschrieben) befinden sich heute als Kuriosa der Wissenschaft in Museen.

Doch es kommt nicht darauf an, ob Reich Recht hatte oder nicht, sondern wie man mit ihm umging. Und die Art der Behandlung, die ihm die US-Justiz in den Fünfzigern zukommen ließ, bedeutete ebenso eine menschenverachtende Unterdrückung wie sie die Nazis 1933 mit ihm vorhatten. Dass diese antiliberale und körperfeindliche Einstellung auch heute und künftig verbreitet ist, dürfte niemand bestreiten, der sich einmal das Parteiprogramm der Republikaner unter Bush und die Ideen der Neo-Konservativen ansieht.

Der Autor extrapoliert diese Tendenz im Geiste der Inquisition in die nahe Zukunft, wo sich drei „Aufsässige“ wie in einer Endzeitwelt vorkommen, wo der Tod schon auf sie wartet: Er ist im Land (Krankheitserreger, Bandwürmer usw.), im Wasser (verbotene Trinkzeiten) und in der Luft (Radioaktivität). Dies ist J. G. Ballards „Terminal Beach“ und H. G. Wells‘ Endzeitvision aus „Die Zeitmaschine“.

Allerdings hat mich der Schluss enttäuscht. Es gibt keine Erlösung im Sinne von Heilung, sondern den Ausbruch des so genannten Bösen. Es sieht so aus, als wolle der Autor sagen, dass Eymerich 1354 richtig gehandelt hat, als er die Neptunsgrotte blockieren ließ. Und das finde ich wenig erfreulich.

_Unterm Strich_

Vom Plot her hat mich dieser Inquisitor-Roman weniger überzeugt als die Vorgänger „Der Schatten des Inquisitors“ und „Das Blut des Inquisitors“. Die treibende Kraft ist weniger die kriminalistische Absicht Eymerichs als seine von vornherein feststehende Bekämpfung antichristlicher Impulse, obwohl, wie ihm deutlich gemacht wird, dieser Kult notwendig ist, um die Fruchtbarkeit und Gesundheit der Bewohner Sardiniens zu fördern. Macht nix – weg damit, sagt Eymerich. Das ist ziemlich uncool von ihm und stellt ihn als Psychopathen hin. Einleuchtender ist daher, dass er ein intrigantes Komplott unter Adeligen aufdeckt – ob für oder gegen den König, muss sich allerdings noch herausstellen.

Der diesmal auftretende Wissenschaftler ist kein Monster, sondern ein angenehmer Zeitgenosse, der lediglich etwas kuriose Ideen hat. Diese aber werden sowohl von den Nazis als auch von den US-Justizbehörden – ein übler Vergleich – nicht geduldet und unterdrückt. Seine Bücher wurden öffentlich verbrannt. Es kann jedoch gut sein, dass Reich ein Scharlatan war, der nur den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen wollte, besonders mit seinen Apparaten, die sowohl der Krebsbekämpfung (der Akkumulator) als auch dem Regenmachen (Cloudbusting) dienen sollten. Reichs Albtraumphantasien unter dem Einfluss des Methionin sind ziemlich frustrierend und unschön, zum Glück aber kurz gehalten. Hier wird er entlarvt.

Am sympathischsten ist der Handlungsstrang um die „Kinder der Zukunft“. Zuweilen ist das eine Kombination aus Internatsroman, Orwells „1984“ und „Herr der Fliegen“. Diese Story bleibt aber im Abschluss recht enttäuschend, denn sie und die Insel werden weder geheilt noch erlöst. Denn ob sich durch ihre Tat die Welt verändert- ob zum Guten oder Schlechten -, bleibt offen.

|Originaltitel: Il mistero dell‘ inquisitore Eymerich, 1996
Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Kleiner|

Anderson, Poul – zerbrochene Schwert, Das – Eine Saga von der letzten Schlacht

Der Menschensohn Skafloc ist gemäß einer alten Prophezeiung als Einziger in der Lage, das legendäre zerbrochene Schwert Tyrfing wieder zusammenzufügen. Und nur er kann die Waffe schwingen, die im Krieg der Elfen gegen die Trolle die Entscheidung bringen soll. Doch die mächtige Waffe ist zugleich sein Schicksal …

„Das zerbrochene Schwert“ ist das bedeutendste Werk des Großmeisters Poul Anderson. Die fesselnde Saga um Elfen, Trolle und alte Götter gilt als das heidnisch-düstere Gegenstück zu Tolkiens „Der Herr der Ringe“. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Poul Andersons Eltern stammten von eingewanderten Dänen ab. Poul, der vor dem 2. Weltkrieg kurze Zeit in Dänemark lebte, interessierte sich für diese Herkunft so sehr, dass er mehrere Romane an dem Schauplatz Skandinavien zur Zeit der Wikinger spielen ließ, darunter den vorliegenden, aber auch „Krieg der Götter“ und die Trilogie „The Last Viking“ (unübersetzt). Ansonsten ist Anderson für seine zahlreichen Science-Fiction-Romane bekannt, von denen „Brain Wave“ (1954) wohl der innovativste ist.

Der 1926 geborene Physiker, der schon 1947 zu veröffentlichen begann, starb 2001. Er ist Greg Bears Schwiegervater. Seine Werke hier aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen, denn allein in der „Encyclopedia of Science Fiction“ ist sein Eintrag nicht weniger als sechs Spalten lang … Er gewann sieben |Hugo Awards| und drei |Nebula Awards|, viermal den |Prometheus Award|, den |Tolkien Memorial Award|, den |August Derleth Award| und 1978 den |Gandalf Grand Master Award| sowie 1997 den |Grand Master Award| der |Science Fiction and Fantasy Writers of America| und 2000 den |John W. Campbell Memorial Award| – mehr und Höheres kann man in diesen Genres fast nicht gewinnen.

_Handlung_

Es war zu jener Zeit, als die irischen Mönche noch nicht ganz Europa missioniert hatten. Wer über die Hexensicht verfügte, konnte noch Elfenfürsten und Trolle erspähen, ja vielleicht sogar einen riskanten Blick auf die Jötunen, die Eisriesen, und ihre Gegenspieler, die Asen, werfen. Aber nur die wenigsten tapferen Wanderer und Krieger in den neun Welten schafften es nach Jötunheim und Asgard.

Umgekehrt galt dies natürlich nicht, denn Odin, der einäugige Wanderer, besuchte mit der Wilden Jagd häufig die Siedlungen von Menschenwesen, Elfen und Trollen. Und manchmal mischten er und seine Geschwister sich in die Angelegenheiten der Wesen in Midgard, der Mittel-Erde, ein. Dies ist eine solche Geschichte, die Geschichte von Skafloc, Frida und dem verfluchten Götterschwert Tyrfing.

|Orm der Starke Ketilssohn|

Es war ein Mann namens Orm der Starke, der zog von seinem heimatlichen Jütland in jenen Teil von England, den man Danelaw nannte. Orm nahm sich eine schöne, eigenwillige Frau, um mit ihr einen starken Clan zu gründen, der das Land besiedeln und beherrschen sollte. Das wäre ihm auch fast gelungen, doch Elfen und Götter hatten anderes beschlossen.

Orm war wieder auf einer seiner Beutefahrten, vielleicht nach Gardariki, dem alten Byzanz, als seine Frau Älfrida einen gesunden Knaben gebar. Wegen schlechten Wetters konnte das Kind erst in zwei, drei Tagen getauft werden. In der Zwischenzeit war seine Seele schutzlos. Davon erfuhr eine Hexe, die sich für das, was Orms Krieger ihrer Sippe angetan hatten, rächen wollte. Sie berichtete dem mächtigen und listigen Elfenfürsten Imric davon.

Sogleich fasst Imric einen kühnen Plan. Vor neun Jahrhunderten hatte er die Tochter des Trollkönigs entführt und auf seiner Burg Alfheim eingekerkert. Sie musste ihm noch in der gleichen Sturmnacht einen Wechselbalg gebären. Dieses Kind versah Imric mit Hilfe eines Elfenzaubers mit dem Aussehen von Älfridas Neugeborenem. Das Austauschen war danach nur noch ein Klacks. Ölfrida merkte nichts davon, sie wunderte sich höchstens, dass ihr Baby mit einmal so aggressiv beim Stillen war.

|Skafloc und Valgard|

Während Älfrida den Wechselbalg auf den namen Valgard taufen ließ und wie ihren eigenen Sohn aufzog, wuchs das geraubte Kind im Schoße der Elfen auf Alfheim zu einem starken und zaubermächtigen Krieger heran. Imric hatte ihm den Namen Skafloc gegeben und niemals getauft, denn die Elfen müssen die Riten und den Namen des Weißen Christus scheuen.

Zu seinem Namensfeste aber erschien auf Alfheim ein Bote der Asen, der trug ein zerbrochenes Schwert, dessen Name war Tyrfing. Der Bote prophezeite, nach dem Willen der Nornen (Schicksalsgöttinnen) werde Skafloc eines Tages das Schwert brauchen und es schmieden lassen, um es wieder ganz zu machen. Imric beschlich darob ein ungutes Gefühl, denn mit Geschenken der Götter hatte er noch nie gute Erfahrungen gemacht, und er ließ das Schwert in einer Kerkermauer verstecken.

|Der Krieg gegen die Trolle|

Valgard, der Wechselbalg, ist zu einem geächteten Krieger in Orms Sippe herangewachsen. Nach einem Streit, in dem er mehrere Männer aus Orms Sippe tötet, muss er England verlassen. Beraten von der Waldhexe, die ihre Rache vollzieht, schließt er sich dem Trollkönig an. Illrede ist sehr erbaut von den Ruhmestaten Valgards und er lässt ihn erneut Orms Sippe heimsuchen. Bei diesem Raubzug sterben alle außer drei Frauen: Valgards „Mutter“ und ihre zwei schönen Töchter Frida und Asgerd. Er verschleppt sie nach Trollheim, wo sie ein finsteres Schicksal als Sklavinnen erwartet.

Wenn da nicht Skafloc wäre. Er sieht den Zeitpunkt gekommen, sich als Kriegsführer zu beweisen und die übermütigen Trolle unter Valgard in ihre Schranken zu weisen. Bei seinem Feldzug befreit er Frida, doch Asgerd stirbt im Gefecht. Als Valgard ihm gegenübertritt, sind beide natürlich ziemlich verblüfft: Sie tragen das gleiche Gesicht!

|Sklafloc und Frida|

Nachdem Skafloc unter schweren Verlusten heimgekehrt ist, rüsten die Trolle zu einem allumfassenden Eroberungskrieg, der nicht nur ihrer Rache dienen soll, sondern auch die Unterwerfung aller Elfenländer Europas bezweckt. Valgard ist der zweite Mann bei diesem Krieg, doch er weiß schon, wie er sich zum Anführer machen kann.

Unterdessen ahnen Skafloc und Imric nur wenig von dem Unheil, das auf sie zukommt. Skafloc hat sich schwer in Frida verliebt und nimmt sie ohne große christliche Zeremonie zu seiner Frau, sehr zum Missfallen seiner Ziehmutter Lia, Imrics Schwester. Er ahnt nicht, dass Frida seine leibliche Schwester ist. Doch andere wissen dies nur zu gut, so etwa Valgard.

|Das verfluchte Schwert der Asen|

Als Alfheim gefallen und Elfenkönig Imric von den Trollen eingekerkert worden ist, führt Skafloc mit Frida, einer hervorragenden Bogenschützin, einen Guerillakrieg gegen die Besatzer. Doch er sieht das Ende der Elfennationen nahen, und so fasst er einen verzweifelten Plan: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion, in Gestalt von Wolf, Adler und Otter, will er das Götterschwert aus der Burg holen und es von den Eisriesen neu schmieden lassen, um damit Elfenland von den Trollen zu befreien.

Frida, die ihn innig liebt, und alle überlebenden Elfen haben ein ungutes Gefühl dabei. Ihm wird geweissagt, dass er durch dieses Schwert umkommen werde. Das ist ihm einerlei, denn wofür lohnt es sich schon, in einer Trollwelt als Elf-Mensch zu leben? Nachdem die schwangere Frida bitter von ihm Abschied genommen hat, segelt Skafloc mit einem der irischen Elfengötter, Mananaan Mac Lir, gen Jötunheim, das im äußersten Norden liegt und streng bewacht wird. Nur sehr wenige sind von dort zurückgekehrt …

_Mein Eindruck_

Um es vorweg zu sagen: Das Buch liest sich rasend gut. Es ist schnell und schnörkellos. Der Autor hat keine Skrupel, auch tabuisierte Themen wie den Inzest zu beschreiben und in allen Konsequenzen darzustellen. Geschwisterliebe – natürlich stets unwissenderweise – findet sich übrigens auch in Poul Andersons Roman „Hrolf Krakis Saga“, die nur wenige Jahre vor Skaflocs Abenteuern spielt. Es ist schon seltsam, was die heidnischen Nordvölker da umgetrieben hat. Aber vielleicht fanden ihre Poeten, das Thema Inzest rege die männliche Phantasie ihrer Zuhörer ganz besonders an …

|Historisch verbürgte Wikinger|

Wie auch immer: Bei solchen Themen würde Professor Tolkien als gläubiger Christ im Grabe rotieren. Das heißt aber nicht, dass er die alten Sagas, in denen solche Motive vorkommen, nicht kannte. Im Gegenteil: Sie waren sein Spezialgebiet, als er in Oxford lehrte. Den „Beowulf“ hat er nicht nur kommentiert, sondern, wie man erst vor kurzem herausfand, auch komplett ins moderne Englisch übertragen. Alle genannten Epen spielen um die Zeit von 850-900 n. Chr., wie eine Autorennotiz zu „Hrolf Krakis Saga“ klarmacht. Diese Saga stützt sich auf historische Tatsachen. Beowulfs Gastgeber König Hrothgar gab es wirklich und er taucht in Hrolf Krakis Saga als Hroar auf. Ob es riesige Ungeheuer namens Grendel gab, darf hingegen getrost bezweifelt werden.

|Keine braven Elben|

Ebenso ins Rotieren geriete Tolkien angesichts der Schilderung der Elfen in „Das zerbrochene Schwert“. Das sind ziemlich machtgierige Typen, die nicht wie die Menschen lieben können, dafür aber ihre Zaubermacht einsetzen, um diverse Siege davonzutragen, so etwa gegen den Erzfeind, die Trolle. Diese Trolle haben mit den Steintrollen im „Hobbit“ ziemlich wenig zu tun. Sie sind zwar auch ganz schön groß, doch Andersons Trolle sind alles andere als Dösköppe, die kleine Hobbits und Zwerge zerquetschen wollen. Diese Trolle sind richtig gefährlich. Und wie die Zwerge leben sie in Höhlen.

|Sexy Hexy|

Wer nun dachte, dies sei eine Fortsetzung des „Herrn der Ringe“, nur von einem anderen Autor, der befindet sich gewaltig auf dem Holzweg. Wenn schon auf den ersten Seiten der Elfenkönig eine Prinzessin der Trolle vergewaltigt und sie ihm ruckzuck einen Wechselbalg gebiert – und so geschieht es seit 900 Jahren -, so befinden wir uns auf ziemlich heidnischem Territorium. Valgard treibt es mit einer als junge sexy Schönheit verkleideten alten verhutzelten Hexe, und Skafloc treibt es, wie gesagt, gar lustig mit seiner Schwester. Am schlimmsten – und da würde Liv Tyler vor Jammer kreischen – sind die Elfenfrauen. Sie treiben es mit den neuen Herren Elfenlands, den Trollen, doch listigerweise bringen sie einen der Besatzer nach dem anderen um, bis der Tag der Befreiung gekommen ist.

|Noch ein Siegfried?|

Deswegen ist Skafloc aber keineswegs ein hirnloser Schlächter. Weder ist er so lieblos und machtgierig wie seine Zieheltern, noch so schwach und täuschbar wie die Menschen, seine wahre Spezies. Auch ist er – zumindest später – kein blonder Haudrauf wie sein berühmterer Vetter Siegfried, der in den alten Sagas noch Sigurd heißt. Als er herausfinden muss, wo er das Dämonenschwert Tyrfing reparieren lassen kann, befragt er die Toten. Das tut man nicht ungestraft.

Prompt erhält er eine Antwort, die er ganz und gar nicht hören wollte: dass Frida von seinem eigenen Fleisch und Blut sei. Kurz darauf ziehen Frida und Skafloc die traurigen Konsequenzen. Doch zuvor ergehen sich beide in langen Beteuerungen der Liebe und erklären einander ihre Stimmung und warum sie sich trennen müssen. Es ist klar, dass Skaflocs Schicksal nicht ein langes Leben, sondern eine nur kurz brennende Supernova sein wird. Die Reparatur des Dämonenschwerts besiegelt sein Schicksal über kurz oder lang, und er weiß es. Doch wie der Obergott Odin Frida kurz vor dem Finale erklärt, kann Skafloc durch Fridas Liebe gerettet werden. Es gibt also Erlösung in diesem düsteren Universum aus neun Welten.

|Es wird gestabreimt|

Es gibt auch Schönheit. Ich habe selten so wunderbare Gedichte gelesen, die in Stabreimen abgefasst sind. Selbst noch in der Übersetzung wirken sie frisch, kraftvoll und zaubermächtig – denn Wörter sind in den Sagas immer Magie, ebenso wie Runen. Mein großes Lob gilt daher der viel zu früh verstorbenen Übersetzerin Rosemarie Hundertmarck. Vergleicht man die Stabreime, so haben sie nichts mit Tolkiens Poesie im „Herrn der Ringe“ zu tun, sondern viel mehr mit den alten Epen wie etwa dem berühmten „Beowulf“.

|Das Telefonbuch der Elfen?|

Ein Problem hatte ich lediglich mit der Fülle der Figuren. Das kann leicht zum Eindruck einer Art Telefonbuch wie das „Silmarillion“ führen. Kai Meyers Vowort, das schön persönlich gehalten ist, weist direkt auf diese Parallele hin – aber so lief das eben in den alten Sagas. Wer schlechtes Blut hatte, war eben verflucht. – Doch wer genau aufpasst, merkt, dass die Zahl der Figuren auch rapide wieder abnimmt: durch unnatürliche Selektion …

_Unterm Strich_

Man merkt dem jetzigen Text, wie er 1971 überarbeitet wurde, immer noch die ungestüme Frische und Kraft seiner Entstehung im Jahr 1954 an, als der Autor gerade mal 28 Lenze zählte. Okay, der Aufbau der Story ist nicht besonders ausgefeilt, aber das macht gerade den Reiz aus. Weder ist Skafloc, der große Held, ein düsterer Haudrauf à la Conan, noch ein edler Held à la Siegfried, sondern eben ein Wechselbalg: nicht ganz Mensch, aber auch nicht ganz Elf.

Der Stoff von Skaflocs Schicksal bietet Gelegenheit zu großem Drama, das ist schon klar, aber die Tragödie wird nicht wie bei den alten Griechen so ausgeschlachtet, dass es aussieht, als handle es sich um ein Gottesurteil, was Skafloc da ereilt. Nein, er ist seines Schicksals Schmied – aber leider nur teilweise. Und das wird sein Verhängnis. Weil er fehlbar und menschlich ist, können wir mit ihm fühlen. Wäre das nicht so, ließe uns sein Drama kalt. So aber erringt er mit seiner größten Tat, der Vertreibung der Trolle, eine Statur, die jedem Helden der Menschen, der jemals in einem Lied verewigt wurde, zukommt: dem Retter des Volkes, dem Verteidiger der Zukunft.

Wie der Autor diese Story aufgezogen hat, ist schon sehr wirkungsvoll, und ich frage mich, woher er wohl diesen genialen Stoff hat. Wird wohl mal wieder Zeit, die alten Eddas – die jüngere und die ältere, die Völuspa – zu wälzen.

|Originaltitel: The broken sword, 1954/1971
Aus dem US-Englischen übersetzt von Rosemarie Hundertmarck, mit einem Vorwort von Kai Meyer|

Lester Powell – Die Dame im Nebel

Dieses Hörspiel bietet den ersten Fall in der legendären „Damen-Krimi“-Reihe aus den 1950er Jahren. Philip Odell, Privatschnüffler und ehemaliger Mitarbeiter des Secret Service, wird von der charmanten Heather McMara gebeten, den Tod ihres Bruders Ricky zu untersuchen. Der war zwar auch ihrer Meinung nach „ein Lump oder Schlimmeres“, an Selbstmord kann sie jedoch nicht glauben.

Bald schon bekommen Heather und Philip eine Ahnung davon, dass Ricky vielleicht nur der Strohmann in einem gefährlichen Netz aus Intrigen, Eifersucht und schmutzigen Geschäften war. Und auch für die beiden Ermittler wird der Fall immer bedrohlicher … (Verlagsinfo)

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