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Bernuth, Christa von – Damals warst du still

Eine Mordserie beschäftigt die Kripo, und Kommissarin Mona Seiler muss sich schnell etwas einfallen lassen, um weitere Opfer zu verhindern. Denn die Wörter, die den ersten beiden Opfern in die Haut geritzt wurden, bilden erst den Anfang eines Satzes: „DAMALS WARST…“

_Die Autorin_

Christa von Bernuth, geboren 1961, ist freie Journalistin und lebt zusammen mit ihrem Freund und zwei Katzen in München. Bereits mit ihrem ersten Roman „Die Frau, die ihr Gewissen verlor“ lotete sie laut Verlag seelische Tiefen aus. In ihrem zweiten Roman „Die Stimmen“ führte sie die Figur der Mona Seiler ein. Der Roman wurde von RTL als Pilotfilm einer neuen Krimiserie verfilmt. Die Hauptrolle spielt Mariele Millowitsch.

_Die Sprecherin_

Mariele Millowitsch, die Tochter des bekannten Kölner Originals Willy Millowitsch, stand schon als Kind im Kölner Millowitsch-Theater auf der Bühne. Neben dem Studium der Tiermedizin trat sie immer mal wieder auf der Bühne auf und nahm Schauspielunterricht. 1983 ging sie ein Jahr lang mit einem Düsseldorfer Satire-Kabarett auf Tournee. Ab 1989 war sie drei Jahre lang in einer TV-Quizshow zu sehen. 1995/96 gelang ihr beim ZDF der TV-Durchbruch, woraufhin sie etliche Preise einheimste, darunter den Adolf-Grimme-Preis und den Bayerischen sowie den Deutschen Fernsehpreis. Als Kommissarin Mona Seiler war sie bislang in „Die Stimmen“ und „Untreu“ zu sehen. „Damals warst du still“ soll laut Verlag Ende 2004 verfilmt werden.

_Handlung_

Samuel, der Sohn des Familientherapeuten Fabian Plessen, ist tot, gestorben an einer Überdosis Heroin. Drogenfahnder David Gerulaitis und sein Partner Janosch Kleiber finden Samuels Leiche. In den Bauch ist das Wort „WARST“ geritzt, die Zunge ist herausgeschnitten. Kaum hat Kriminalhauptkommissarin Mona Seiler in Sachen Plessen zu ermitteln begonnen, taucht eine zweite Leiche mit ähnlichen Merkmalen auf. Sonja Martinez ist nach einer Woche schon stark verwest, dennoch ist das Wort deutlich zu erkennen, das auf ihrem Bauch steht: „DAMALS“. Doch Sonja war bei Plessen in Behandlung.

Mona Seiler schleust Gerulaitis in eine der Therapiegruppen ein, und was er dort erlebt, erschüttert ihn zutiefst. In dem Seminar ordnen die Teilnehmer nacheinander die anderen zu jener Familienkonstellation an, die ihnen innerhalb des Rollenspiels angemessen erscheint. Als David merkt, dass seine „Schwester“ ganz nah bei ihm stehen sollte, bricht er das Seminar ab. Er ist an die inzestuöse Liebe zu seiner jüngeren Schwester Danae erinnert worden. Als er später ihr Bild in der Wohnung eines Junkies findet, haut es ihn um: Danae ist selbst in der Drogenszene. Hat er das zugelassen? Um diese Scharte auszuwetzen, durchsucht er Plessens stattliches Anwesen und wird fündig…

Derweil kämpft Mona Seiler sozusagen an der Heimatfront. Ihr Kollege Hans Fischer will sie demontieren, und ihr Interimschef Berkamer unterstützt eine ganz andere Theorie als die von einem Familiengeheimnis, das Plessen umgibt. In Zürich hat sich ein ehemaliger Patient Plessens umgebracht. Paolo Gianfrancos Witwe bezichtigt indirekt Plessens unorthodoxe Heilmethoden der Schuld an Paolos Freitod. Berkamer ist von Gianfrancos Schuld überzeugt.

Doch der Profiler Kern ist sich da nicht so sicher: Die eingeritzten Worte auf den Leiche ergeben garantiert einen Satz: „DAMALS WARST [DU xxx]“. Das lässt auf einen Serientäter schließen, doch das Profil passt nicht zu Gianfranco.

Es wird weitere Tote geben, wenn Mona Seiler sich nicht durchsetzen kann…

_Mein Eindruck_

„Damals warst du still“ ist der Versuch, einen Serienkrimi zu einem Psychothriller aufzupeppen. Was im Buch gelingen mag, scheitert leider im Hörbuch. Das liegt zum Großteil an der Sprecherin, auf die ich gleich zu sprechen komme. Aber auch die Umsetzung der Handlung trägt ihren Teil dazu bei.

Die Geschichte beginnt schon recht ordentlich. Der Werdegang eines achtjährigen Ich-Erzählers lässt nichts Gutes erwarten. Er beginnt mit dem Sezieren von Tieren. Die Identität dieses Menschen wird erst am Schluss des Hauptteils enthüllt, gerade noch rechtzeitig. Die Gründe für die Mordserie werden erst im Epilog, einem lange gesuchten Brief, verständlich. Ein gewisser Spannungsbogen ist also vorhanden.

Auch die Zutaten für den Psychothriller finden sich. Da sind zum einen die detailliert geschilderten Mordszenen selbst, die an Thrill nichts zu wünschen übrig lassen. Und da sind zum anderen die Therapiestunden des Fabian Plessen. Er ist selbst schon siebzig Jahre alt, kommt also wohl kaum als Täter in Betracht. Fahnder Gerulaitis macht selbst unangenehme Bekanntschaft mit den Folgen der Plessen-Methode: Schuldgefühle, Alpträume, unvernünftiges Verhalten sind die Folge. Warum sollen andere Kursteilnehmer nicht ebenso entgleisen?

Da hat Gerulaitis völlig Recht. Leider kommt ihm diese Erkenntnis ein ganz klein wenig zu spät, um ihn noch retten zu können. Er gerät in eine lebensgefährliche Situation. Wird es Mona Seiler gelingen, ihn rechtzeitig rauszuhauen?

Mit Kommissarin Seiler beginnt der Serienkrimi, der leider, leider im Hörbuch den Großteil der Handlung bestimmt. Die Polizeiarbeit steht im Vordergrund. Und das bedeutet auch, dass Seiler sich mit Konkurrenz im eigenen Haus auseinander setzen muss. Statt ihrer Intuition folgen zu dürfen, muss sie sich deshalb mit einem Verdächtigen beschäftigen, auf den ihr Chef setzt, um die öffentliche Meinung zufrieden zu stellen, will heißen: die Medien.

Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis sie sich freigekämpft hat, so dass sie endlich hinter Gerulaitis, ihrem in Lebensgefahr schwebenden Undercover-Ermittler, herjagen kann. Es ist schon etwas frustrierend, diese internen Kämpfe miterleben zu müssen. Gehört das zum Realismus des Krimis? Na, danke auch. Wenigstens kommt Seiler in die Gänge und auf die richtige Spur -sie hat eben Ahnung von Familienangelegenheiten, wo sie doch selbst eine hat. Ihre psychologischen Einsichten sind ungewöhnlich intelligent und feinfühlig. Aber wird sie auch rechtzeitig zur Stelle sein?

_Die Sprecherin_

Mariele Millowitsch hat unüberhörbar eine Ausbildung erhalten. Sie ist eine Schauspielerin, aber keine Synchronsprecherin, soweit ich informiert bin. Aus mehreren Gründen fand ich ihren Vortrag schwer zu ertragen:

1) Der Sound wurde falsch aufgenommen. Die Höhen sind überbetont, so dass ich die Bass-Stufe an meiner HiFi-Anlage zuschalten musste, die eigentlich nur für laute Partys gedacht ist. Da klang ihre Stimme schon wesentlich erträglicher und nicht mehr wie Hundegebell.

2) Recht gewöhnungsbedürftig ist die Vortragsweise, in der die Sprecherin zahlreiche Pausen macht und Worte überdeutlich ausspricht. Dadurch wird das Gesagte zwar gut verständlich, aber der Redefluss klingt völlig künstlich.

3) Die Sprecherin intoniert die Sätze von Frauen und Männern völlig verschieden. Frauen klingen gefühlvoll, weich und leise. Männer klingen, als würden sie auf dem Kasernenhof brüllen: Hundegebell. Und das trifft sogar auf den siebzigjährigen Plessen zu!

4) Ebenso unangemessen wie diese diskriminierende Intonierung ist auch die Betonung mancher Sätze. Es ist ein Unterschied, ob der Satz „Gibt es noch etwas, was Sie sagen wollen?“ auf diese oder jene Weise vorgelesen wird. Die Betonung kann beispielsweise auf „gibt“ liegen oder auf „noch“. Der Unterschied in der Bedeutung sollte klar sein, doch nicht so bei Millowitsch. Ich könnte noch weitere Beispiele anführen.

_Unterm Strich_

Ich bezweifle, ob diese Hörspielumsetzung hundertprozentig im Sinne der Autorin ist. Diese hat zwar ohne Zweifel saubere Arbeit geleistet, was Krimi- und Psychothriller-Handlung angeht, doch das, was im Hörbuch noch übrig geblieben ist, will den an Thomas Harris und Peter Robinson geschulten Hörer nicht zufriedenstellen. Der rechte Grusel will sich nicht recht einstellen.

Das ist schade, denn die Ursache der Mordserie betrifft deutsche Schicksale, wie sie im 2. Weltkrieg zahlreiche Flüchtlinge aus dem Osten erleiden mussten. Insofern ist die Story eine beachtenswerte Verarbeitung deutscher Geschichte – auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs.

Die Hauptverantwortung für den Erfolg eines Hörbuchs trägt der Vortragende. Mariele Millowitschs Vortrag bereitete mir aus den oben genannten Gründen keinerlei Vergnügen, sondern vielmehr Frust. Einen Teil der Schuld trägt auch die falsche Aussteuerung des Originalsounds, der sich erst nach Zuschaltung der Bass-Stufe (sozusagen der Tieftöner) als erträglich erwies.

Meine Empfehlung daher: Lieber das Buch lesen oder warten, bis auch dieser Seiler-Krimi im Fernsehen gezeigt wird.

Umfang: 450 Minuten auf 6 CDs, (zu stark) gekürzte Lesung

Kendall, Paul / Lewis, Dave – Led Zeppelin – Talking

Dieses Buch besteht ausschließlich aus Zitaten und Fotos. Zu wenig? Kommt darauf an, für wen.

Der Titel kommt einem schon wie ein Widerspruch in sich vor: |Led Zeppelin| redet? Auf einmal? Wer die diversen Biografien der Band gelesen hat, weiß ja schließlich, dass die Band, die Jimmy Page 1967/68 auf die Beine stellte, zunächst Hohn und Spott, dann Unverständnis, schließlich blanke Ablehnung erntete, und zwar nicht nur bei den gestrengen Herren Kritikern – etwa beim Branchenfachblatt |Rolling Stone| -, sondern sogar bei Kollegen. (Ab Seite 101 setzen sich die Bandmitglieder mit der Presse auseinander.)

Und wer die fabelhafte Doppel-DVD von 2003 gesehen hat, der weiß auch, dass sich die Fernsehauftritte der Band sehr in Grenzen hielten – und zwar nicht nur wegen des zuweilen seltsamen Ambientes, sondern vor allem wegen des äußerst mangelhaften Sounds, den die Fernsehtechniker zustande brachten und den Page regelmäßig kritisierte (vgl. Booklet zur DVD). Infolgedessen verlegten sich die führenden Köpfe der Band – Page, Plant und Manager Grant – auf Live-Auftritte in den USA, wo man sie bereits frühzeitig feierte, als sie die beiden Fillmore-Klubs an Ost- und Westküste mit ihrer Musik begeisterten.

Die USA-Tourneen waren denn auch die größten kommerziellen Erfolge der Band in ihrer rund 13-jährigen Geschichte. Dokumentiert sind ihre Auftritte am besten auf den beiden einzigen Live-Alben „The Song remains the same“ (Filmsoundtrack, 1976) und „How the West was won“ (2003). Die zweite Doppel-DVD weiß einen exzellenten Sound vorzuweisen. Die Fernsehmedien verglichen sie mit den |Beatles| – und lagen damit um Lichtjahre hinter der Entwicklung zurück.

Die Bandmitglieder, so weiß auch Autor Dave Lewis zu erzählen, redeten praktisch nur mit Fans, über die sie Bescheid wussten. Das ist auch auf der DVD dokumentiert. Dort erzählt Plant sogar etwas über ihr kommendes Mega-Album „Physical Graffiti“ (1975), das unter der Musikkritik als eines der besten, wenn nicht sogar als das beste Rockalbum der Siebziger gilt. |Led Zep| redete – okay, aber nur mit den richtigen Leuten.

_Die Autoren_

Das Buch enthält keinerlei Angaben darüber, wer denn die Autoren sind und mit welcher Glaubwürdigkeit sie die gesammelten Zitate publizieren. Das finde ich ziemlich suspekt. Nicht einmal im „Vorwort“, das Dave Lewis im September 2003 schrieb, finden sich entsprechende Information. Es werden eine Menge Behauptungen über die Band aufgestellt, aber mit welcher Berechtigung? Wenigstens wird nicht aus der Pseudo-Biografie „Hammer of the Gods“ von Richard Cole zitiert. Das ist ja schon mal ein Fortschritt.

_Die Band_

Vocals and harmonica: Robert Plant
Acoustic and electric guitars: Jimmy Page
Bass guitar, keyboards, mandolin: John Paul Jones
Drums and percussion: John Bonham (gest. 1980)
Der 5. Zeppelin: Manager Peter Grant

_Die Inhalte_

Die folgenden ausgewählten Kapitelüberschriften verraten eine zunächst chronologische Ordnung des Materials, das wie gesagt ausschließlich aus Zitaten und Fotos besteht.

„Die frühen Jahre“ – „The Yardbirds“ – „Wie Led Zeppelin entstand“ – „Die Alben“ – „Die Solo-Jahre“- „Led Zeppelin Remastered“ – “ Led Zeppelin Reunited“ – „Coda“.

Man sieht also, dass der Schwerpunkt ziemlich eindeutig auf den Anfängen und den späten Jahren der Band-Mitglieder liegt. Rein an der Masse gemessen, sind die Zitate aus der Anfangszeit in der Überzahl, verdientermaßen, denn hier kann selbst der eingefleischte Fan noch etwas Neues finden. Jedes der Mitglieder – also auch Grant – erzählt, wie er jeweils zur Musik, zum Blues & Rock sowie schließlich zu |Led Zeppelin| gestoßen war. Mit Ausnahme von Jones hatten ja schließlich alle bereits Engagements in einer eigenen Band. Als Page die Band gründete, wurde sie auf ihrer ersten Tournee sogar als „The New Yardbirds“ angekündigt, sozusagen als Fortsetzung einer bekannten Band. Diese verwickelten Anfänge sind sehr interessant – aber wohl nur für den Fan.

Über die Alben wissen die Mitglieder nur wenig zu sagen, was doch ein wenig erstaunt. Immerhin erfährt man, unter welchen kuriosen oder stressigen Umständen die Platten zustande kamen. Singles wollte Page nicht, und er weigerte sich sogar strikt, den Megahit „Stairway to Heaven“ als Single zu veröffentlichen. Diese Strategie zahlte sich in hohen Albumverkaufszahlen aus. Außerdem fiel der ganze Promo-Zirkus bei den Radiosendern weg und man konnte sich auf Tourneen konzentrieren. Zitate zu „In through the Outdoor“ fehlen leider. Worte zu „Coda“, einem Aufräum-Album, fallen nur ein- oder zweimal.

Dass Plant eine wachsende Abneigung, ja sogar Aversion gegen den Song „Stairway to Heaven“ entwickelte, dürfte wohl bekannt sein. Hier erklärt er auch – ein wenig – wie es dazu kam. Insgesamt war ich etwas enttäuscht, nicht mehr über die einzelnen Songs zu erfahren. Immerhin gibt es ein aufschlussreiches Plant-Zitat (Plant schrieb die meisten Original-Lyrics) zu „Ten Years gone“ (1975). Er beschrieb eine Frau, in die er zehn Jahre zuvor verschossen war, doch sie stellte ihn vor die Wahl zwischen ihr und seinen Fans. „Dabei hatte ich überhaupt keine Fans.“

Das Kapitel Groupies wird sehr kurz unter den Überschriften „Lifestyle“ und „Ansichten“ abgehandelt. „In Texas gibt es die reichsten Groupies der Welt. Einige Groupies sind unserem Privatjet [einer umgebauten Boeing 727] in ihrem eigenen Privatjet gefolgt“, weiß Jimmy Page.

Auf diesen Tourneen kam es bekanntlich zu einigen Eskapaden, für die |Led Zep| schon bald berüchtigt wurde. Aber wenn man den Herrschaften glaubt, sind daran vor allem die Roadies schuld. Wie auch immer: Aus dem Fenster fliegendes Mobiliar und demolierte Hotelzimmer waren offenbar harmlose Begleiterscheinungen. Etwas verschärfter waren wohl die Streiche, die sie den Stubenmädchen (|room service|) spielten. Dazu gehörte offenbar auch ein Kleiderschrank voll kleiner Haifische… Nix Genaues wird hier nicht verraten.

Und so sieht sich der Leser – mal wieder – auf die vorhandenen Biografien verwiesen. Hier stößt man aber unweigerlich auf den Namen des von |Led Zep| geächteten Tournee-Managers Richard Cole. Seine zusammen mit R. Trubo verfasste Biografie „Led Zeppelin – Stairway to Heaven“ ist 1995 bei |Heyne| (01/9433) erschienen; das Original erschien 1993. Die Storys, die Cole dort zum Besten gibt (neben zahlreichen Privatfotos), sind sehr unterhaltsam. Auch die Story vom Raub im |Madison Square Garden| findet sich dort (S. 278): Der Band wurden sämtliche Einnahmen des Auftrittes in New York City gestohlen, rund 203.000 Dollar.

Die Versuche, die Band, die sich nach dem Tode des Schlagzeugers aufgelöst hatte, wiederzuvereinigen, waren zahlreich. Eine Menge Zitate in den Abschlusskapiteln beschäftigen sich damit. Es drängt sich einem der Eindruck auf, dass zwar Page und Jones der Idee sehr aufgeschlossen gegenüberstanden (von den Fans ganz zu schweigen), aber Plant hier der große Spielverderber war. Nach einer Episode „Page & Plant“, die gerade mal für zwei Alben und einige Tournee-Auftritte gut war (immerhin), gingen die beiden führenden Köpfe wieder getrennte Wege. Zukunft ungewiss, so lautet das Fazit. Wahrscheinlich will Plant nie wieder in die Verlegenheit kommen, „Stairway to Heaven“ singen zu müssen.

|Die Fotos|

Alle Fotos sind von exzellenter Qualität. Das verdient eine besondere Erwähnung, denn wie oft hat man schon Amateurfotos wie die von Herrn Cole gesehen, die mal nebenher bei einem Konzert vom Bühnenrand geschossen worden waren? Und die sind immerhin schon locker dreißig Jahre alt.

Wenn es also definitiv einen Pluspunkt in diesem Buch gibt, dann sind es diese Fotos. Und sie zeigen auch nicht irgendwelche Nebenfiguren, sondern ausschließlich die fünf Bandmitglieder. Einen Abstrich muss man dabei in Kauf nehmen: Sie liegen fast alle in Schwarzweiß vor. Nur im hinteren Drittel findet sich eine kurze Strecke mit sieben (darunter einem doppelseitigen) Farbfotos, die sich ebenfalls durch hohe Qualität auszeichnen. Mehrere Motive dürften dabei die Band bei ihrem legendären Auftritt im |Madison Square Garden| in New York City (1973) zeigen. Zwei Motive zeigen Plant, als er noch „Percy“, der Mann mit dem ritterlichen Schnurr- und Kinnbart, war. Das dürfte vor 1972 gewesen sein.

_Unterm Strich_

„Led Zeppelin Talking“ ist eine wertvolle Ergänzung im Dokumentenarchiv eines eingefleischten Fans. Denn dies muss man bereits sein, um die Zitate einordnen und bewerten zu können. Jemand, der die Band und ihre Umgebung nicht kennt, kann damit wohl herzlich wenig anfangen.

Ein Beispiel: Jimmy Page wurde in der englischen Presse mit okkulten Machenschaften (sprich: Satanismus) in Zusammenhang gebracht, denn nicht nur hatte er ein Anwesen gekauft, das dem Okkultisten Aleister Crowley gehört hatte, sondern er hatte das vierte Album der Band mit mystischen Zeichen verzieren lassen. Sein ausführliches Zitat zu diesen Vorgängen, das immerhin fast eine ganze Seite einnimmt, ist deshalb für einen Insider von hoher Signifikanz, wenn nicht sogar Brisanz. Einem Uneingeweihten dürfte es sich dabei lediglich um eine lokal aufgehängte Anekdote handeln. So unterschiedlich können also die Bewertungen ausfallen.

|Tipps:|

Dem Einsteiger helfen weder eine Chronologie noch eine Diskografie, die sich im Buch sehr gut gemacht hätten. Offenbar werden diese Kenntnisse vorausgesetzt. Dazu gibt es exzellente Bücher, auf die ich hinweisen möchte.

Chris Welch: „Led Zeppelin. Dazed and confused – The stories behind every song“ (ISBN [3-283-00359-9)]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3283003599/powermetalde-21
Cross/Flannigan/Preston: „Led Zeppelin. Heaven and hell – an illustrated history“ (ISBN 0-517-58308-9)

Die beiden (teuren) Bücher bieten auch dem Einsteiger zahlreiche wertvolle Informationen zur Geschichte der Band und vor allem ihrer Musik, die weiterhin lebendig nachwirkt und auf neue Musikergenerationen Einfluss ausübt (darauf gehen das Unterkapitel „New Wave“ ab S. 99 sowie Zitate ab S. 118 ein).

_Fazit_

Das vorliegende Buch bildet offenkundig den ernsthaft und ästhetisch gut gestalteten Versuch, die Band gebührend zu würdigen. Dabei bildet es aber von seinem Inhalt her das Sahnehäubchen im Archiv des bereits eingefleischten Led-Zep-Fans. Und das zu einem vertretbaren Preis.

Nasaw, Jonathan – Angstspiel

Ein psychopathischer Mörder sucht sich seit Jahren für seine „Angstspiele“ Opfer unter den von zwanghaften Ängsten geplagten Landsleuten, um sich die „blinde Ratte“ der Langeweile für eine Weile vom Leib zu halten. Dass er sich ständig mit Drogen und Medikamenten zuknallt, hilft ihm auch nicht gerade, wieder zu Verstand zu kommen. Als ihm das FBI in Gestalt zweier Agenten auf die Schliche kommt, sieht er die Gelegenheit für zwei letzte Ruhmestaten gekommen.

_Der Autor_

Jonathan Nasaw lebt in Pacific Grove, Kalifornien, nicht weit entfernt von Carmel, wo ein Großteil dieses Romans spielt. Seine detaillierten Innenansichten des FBI legen den Schluss nahe, dass er selbst früher für die Bundespolizei arbeitete. Von ihm liegt bereits auf Deutsch der Thriller [„Die Geduld der Spinne“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=82 vor, und in USA ist bereits der Krimi „27 Bones“ erschienen, der in der Karibik spielt.

_Handlung_

Simon Childs, 50, macht es Spaß, mit den Phobien seiner Mitmenschen zu spielen und daraus Lust zu gewinnen, wenn ihre Angst sie zur Bewusstlosigkeit treibt. Schon auf Seite 35 ist klar, dass er die Rolle des Schurken ausgezeichnet ausfüllt. Auf einem selbst veranstalteten Phobiker-Kongress in Las Vegas hat er Menschen kennen gelernt, die unter den bizarrsten Ängsten leiden. Höhenangst und Stauballergie sind ja nichts Neues, aber die Angst vor Masken oder vor Vögeln sind doch etwas ausgefallener. Simon nutzt das raffiniert aus.

Bis der Phobikerin Dorie Bell in Kalifornien auffällt, dass ein Leidensgenosse nach dem anderen das Zeitliche segnet. Sie glaubt nicht an Selbstmord. Warum sollte sich jemand vom Dach eines Hauses stürzen, dessen Angst es ihm verbot, selbst in den ersten Stock hochzusteigen? Dorie schreibt einen Brief an das FBI in der Hauptstadt. Dort landet er auf dem Schreibtisch von Linda Abruzzi, die den Job von Special Agent E. L. Pender übernehmen wird, sobald dieser in die längst fällige Rente gegangen ist.

Penders Gewissen erlaubt ihm nicht, Dories Hilferuf zu ignorieren. Zusammen mit einem Freund macht er sich auf den Weg, um nach dem Rechten zu sehen. Dummerweise hat sich Dorie auch Simon anvertraut, und so erfährt dieser vom Vorhaben des FBI. Während Pender in Kalifornien agiert, hält die von Multipler Sklerose bedrohte Abruzzi in Washington die Stellung. Sie hat einen Köder für den Killer ausgelegt. Als Simon Childs das Pflaster in Kalifornien zu heiß wird, kommt er deshalb an die Ostküste – nicht nur wegen des Köders, sondern weil hier auch seine lange vernachlässigte Mutter lebt.

Für alle Beteiligten tickt die Uhr nun schneller. Simon hofft, die FBI-Schnüffler durch seine patentierte Methode der Phobie-Erzeugung zu stoppen. Wird Pender rechtzeitig zurückkehren, um Linda Abruzzi zu retten?

_Mein Eindruck_

Das ist so ziemlich der spannungsfreieste Psychopathen-Thriller, den man sich vorstellen kann. Man fragt sich, was wohl Thomas Harris, der Autor von „Das Schweigen der Lämmer“ und „Roter Drache“, aus diesem ergiebigen Stoff gemacht hätte. Dieser Vergleich zwingt sich sogar auf, denn im letzten Drittel des Romans benutzt Simon Childs den gleichen Trick wie der Killer in „Roter Drache“: Die Polizei soll glauben, er sei bei einer Explosion verbrannt.

|Spielverderber|

Es wäre schön gewesen, wenn auch der Leser dies hätte glauben dürfen, wenigstens für ein paar Seiten. Aber nein. Mr. Nasaw muss uns unbedingt davon unterrichten, wie gut es Mr. Childs geht und dass dieser nun gleich Miss Abruzzi einen Besuch abstatten werde. So macht man Spannung kaputt und lässt dem Leser keine Chance, sich gut mit dieser Story zu unterhalten.

E. L. Pender ist auch keine große Hilfe. Er ist zwar nach Kalifornien gekommen, um einen Serienmörder zu fangen, aber Golfspielen muss auch mal sein. Von einer Liebschaft mit dem Opfer Dorie Bell ganz zu schweigen. Leser im Rentenalter mögen die Liaison vielleicht unterhaltsam und völlig okay finden, doch das oberflächliche Geplänkel, das mit ironischen bis schlüpfrigen Anspielungen gespickt ist, passt eher in eine Farce oder Posse als in ein Kriminaldrama.

|Garten der Phobien|

Wie schon in „Die Geduld der Spinne“ stellt der Autor auch in „Angstspiel“ sein enzyklopädisches Wissen unter Beweis, diesmal über alles, was mit Ängsten, Zwangsneurosen und Phobien zu tun hat. Er hat sich offensichtlich tief in die Materie eingearbeitet, mit der sonst nur Psychotherapeuten in Berührung kommen. Er kann sämtliche Entstehungstheorien aufzählen und illustrieren, aber auch alle Behandlungstherapien, zum Beispiel Desensibilisierung. Dennoch bleibt beim Leser ein schaler Geschmack zurück, so als ob dies alles nur ein Vorwand dafür wäre, das Horror-Disneyland der Phobien zu schildern: „Schaut doch mal, wie seltsam und interessant das alles ist, und das wollen wir jetzt zusammen erkunden.“ Nein, danke, Goofy.

|Wie bei Freud: Schuld ist die Kindheit|

Eine Möglichkeit, den Leser wirklich zu packen und zu berühren, wäre ein glaubhafter Blick in Simon Childs‘ verkorkste Kindheit gewesen. Nachdem Simons leiblicher Vater gestorben war und seine Mutter ihn mit seiner Schwester an ihren Vater „verkauft“ hatte (dies erzählt Rose tatsächlich), machte Großvater Childs, ein schwerreicher Industriemagnat, durch fortgesetzte Gewaltanwendung aus seinen Enkeln kleine Monster. Ihr spezieller Wahnsinn wurde aber erst nach Jahren sichtbar, so etwa dann, als Simon mit dem Nachbarsjungen Nelson den „Horror Club“ gründete, um alles Mögliche anstellen zu können. Damit wollte er die ätzende Langeweile des Daseins, die Großvater immer nur die „blinde Ratte“ nannte, vertreiben. Doch sie kommt natürlich immer wieder zurück. Und die Gegenmittel müssen stärker werden.

|Das Angstspiel|

In der homosexuellen Freundschaft mit Nelson Campbell entwickelte Simon das, was er das (titelgebende) „Angstspiel“ nennt und erzeugte in Nelson ein halbes Dutzend Phobien. Es ist immerhin eine Kunst, bei einem anderen Menschen Angst auszulösen. Damit meint Simon nicht Schrecken und Furcht, die von außen erzeugt werden, sondern vielmehr Angst, die von innen kommt und wie ein zartes Pflänzchen zum Blühen gebracht werden muss. Deshalb sind für ihn Informationen über die Psyche seiner Opfer so wichtig. Die Phobiker kannte er ja schon vom Kongress in Las Vegas. Doch Pender und Abruzzi sind ein anderes Paar Stiefel.

Um an deren Daten heranzukommen, bedient er sich der Dienste eines Hackers in San Francisco, mit Erfolg, wie sich zeigt. Ein Kurzbesuch bei Penders Schwesters in Wisconsin bringt auch die entscheidende Info über Penders Urangst: blind zu sein. Und Abruzzi hat Angst vor Schlangen. Die Frage, auf deren Beantwortung wir bis zum Showdown warten müssen, lautet also, ob es Simon gelingt, dieses Wissen „erfolgreich“ anzuwenden. Simon hat nach rund dreißig Morden in mindestens ebenso vielen Jahren große Routine im „Angstspiel“ entwickelt. Aber auch FBI-Agenten haben eine psychologische Ausbildung erhalten. Wird diese Ausbildung zu ihrem Schutz ausreichen? Das darf hier nicht verraten werden.

_Unterm Strich_

Obwohl sich der Roman sehr flüssig liest (bis auf so manches Fremdwort), so vermag die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird, nur wenig echte Spannung zu erzeugen. Jeden viel versprechenden Ansatz dazu erstickt der Autor gleich wieder im Keim, indem er zu viel verrät. Die Erkundung des Reiches der Phobien artet zu einem heiter-amüsant-makabren Ausflug in das Disneyland der Ängste aus, in dem dann selbst pensionierte FBI-Agenten mit Verbrechensopfern bis zum Umfallen vögeln können.

Danke, Goofy, für die nette Führung, aber „Seelenjagd“ von Karin Yapalater hat mir zehmal besser gefallen. Dort kommen wenigstens halbwegs echte Menschen vor.

Patterson, James – Rosenrot Mausetot

Eine Reihe von Banküberfällen und Geiselnahmen hält den Washingtoner Polizei-Psychologen Dr. Alex Cross und das FBI in Atem. Doch jeder, den sie als Verantwortlichen fangen und festnehmen, sagt ihnen: „Sie haben den Falschen erwischt!“ Denn der Drahtzieher befindet sich unsichtbar in nächster Nähe der Ermittler.

_Der Autor_

James Patterson, Jahrgang 1949, ist einer der am effektvollsten erzählenden Krimiautoren der Welt. Seine Romane wurden mittlerweile in 30 Millionen Exemplaren gelesen (besser: verschlungen). Am besten gefallen mir seine Romane um den Washingtoner Polizei-Psychologen Dr. Alex Cross.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

_Handlung_

Eine Reihe von Banküberfällen hält Dr. Alex Cross und das FBI in Atem. Bei den Überfällen finden regelmäßig unschuldige Menschen den Tod, offenbar mit voller Absicht. Die Skrupellosigkeit, Präzision und Brutalität der Ausführung schreiben sie einem „Superhirn“ genannten Planer und Leiter zu. Die eigentlichen Ausführenden, die Handlanger, leben meist nicht allzu lange nach ihrer Tat. Das Superhirn ist darauf bedacht, keine Risiken einzugehen. Will es sich nur an den Banken für ungerechte Behandlung rächen? Die Ermittler tappen im Dunkeln.

Bis das Superhirn eines Tages seinen größten Coup landet. Mitten in Washington, D.C., lässt es von seinen Handlangern einen Touristenbus entführen. Im Bus befinden sich die Kinder und Gattinnen der Manager einer Versicherung aus Hartford, Connecticut. Das Superhirn fordert 30 Millionen Dollar Lösegeld, zum Teil in Diamanten. Die Übergabe des Geldes artet zu einem demütigenden Katz-und-Maus-Spiel für die FBI-Agenten und Alex Cross aus. Doch sie haben Glück: Wenig später wird der Touristenbus in Virginia gesichtet, die Geiseln können – oh Wunder! – unverletzt geborgen werden und wenig später sind sogar die Täter in New York City ausgemacht. Was sollte das alles?

Das Superhirn ist leider nicht darunter, doch die geschnappten Täter geben Hinweise auf sein Aussehen und sogar auf seinen Aufenthaltsort. Und so kommt es, dass Alex Cross und seine Polizisten in einer psychiatrischen Anstalt Dienst tun. Nach mehreren Verfolgungsjagden haben sie zwei Verdächtige ausgemacht: Der eine hat die Banken auf dem Kieker, und der andere hat möglicherweise das Ding in Washington, D.C., durchgezogen. Doch sind sie auch das Superhirn? Denn beide behaupten: „Sie haben den Falschen erwischt.“

Alex Cross gerät heftig ins Schwitzen, als jemand beginnt, seine Kollegen vom FBI umzubringen, einen nach dem anderen, und alle waren an der Jagd auf das Superhirn beteiligt. Und dies berührt ihn ganz persönlich.

Denn wie stets in Pattersons Romanen um den Polizeipsychologen Dr. Alex Cross spielt auch dessen Privatleben eine bedeutende Rolle. Seine Familie bewahrt Cross praktisch davor durchzudrehen. In dem Vorgänger-Roman hat Cross‘ Freundin Christine Johnson schwere seelische Schäden davongetragen. Dies führt dazu, dass sie nach ihrer Befreiung und Wiedereingliederung in Job und Familie ihre Beziehung zu Cross nicht aufrechterhalten kann. Die Belastung, die Furcht durch seine Arbeit ist ihr zu viel. Lediglich ihr Sohn Alex junior darf bei ihm bleiben, doch sie selbst verschwindet.

Beim FBI lernt Cross die fähige Agentin Betsey Buccieri kennen, die die Jagd auf das Superhirn leitet, eine ebenso taffe wie humorvolle Frau. Die beiden verlieben sich ineinander, und es ist bewegend mitzuerleben, wie die beiden ihre Beziehung vertiefen. Doch die Serie der Morde an Betseys Kollegen reißt nicht ab, und so kommt, was kommen muss: Alex Cross‘ schwerste Stunde.

_Mein Eindruck_

Dieser von der ersten Szene an mit Schockeffekten gespickte Roman endet mit einer Szene, die man sich nur aus Thomas Harris‘ Hannibal-Romanen vorstellen könnte. Die Sätze kommen daher wie Hammerschläge. Und so bleibt der Leser voll Begierde zu erfahren, wie es weitergeht (in „Violets are blue“) – ein echter Cliffhanger-Schluss.

Patterson hat seine patentierte Methode, pro Minikapitel nur eine Aussage oder eine Handlung zu schildern, vervollkommnet. In wenigen Minuten erzählt er das, worauf es ankommt. Sicher entsteht dadurch zuweilen der Eindruck, dem Leser würde etwas Wichtiges vorenthalten. Doch dieser Eindruck beruht lediglich auf der Weigerung, die eigene Vorstellungs- und Einfühlungskraft zu aktivieren. Es wäre schon sehr auffällig, wenn Patterson bzw. der von sich selbst berichtende Dr. Cross auf einmal anfangen würde, seine Gefühlswelt zu sezieren und vor unserem gelangweilten Auge auszubreiten.

Dennoch bewirkt diese Erzählmethode eine Art blinden Fleck im Informationsstand des Lesers bzw. der Protagonisten. Ich habe mich mehrmals gefragt: Wenn Cross oder Betsey nur einmal für fünf Minuten nachdenken würden, dann kämen sie bestimmt endlich auf die zündende Idee. Denn an Hinweisen besteht ja kein Mangel. Man kann Cross & Co. lediglich zugutehalten, dass Superhirns Aktionen sie ständig auf Trab und derart unter Stress halten, dass sie nicht zum Nachdenken innehalten können. Auch Cross‘ Privatleben ist ja nicht ganz stressfrei. Signifikanterweise hat er seinen rettenden Geistesblitz, als er und Betsey eine Art Auszeit nehmen und es sich gut gehen lassen.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen spricht nuancenreich, mit feiner Betonung der wichtigen Satzelemente (etwa Namen) und mit einem Gespür für das richtige Tempo und den nötigen Rhythmus einer Szene. Familien- und Liebesszenen, die Alex Cross selbst erzählt, sind in einem meist heiteren oder gar zärtlichen Ton vorgetragen. Seine Ermittlungen tragen die Handschrift des unbarmherzigen Alltags. Die Verfolgungsjagd nach der Washingtoner Entführung ist atemlos, hastend. Dem steht wieder der überhebliche Monolog des Superhirns gegenüber, das Cross‘ Aktionen spöttisch verfolgt und so für ahnungsvolle Schauder sorgt. Pleitgens flexibler Vortrag zwingt zum Zuhören. Ich habe die 356 Minuten auf fünf CDs an einem Stück angehört, weil ich einfach nicht warten konnte. Klasse.

_Unterm Strich_

Ich kann nur sagen, dass mich kaum einer der anderen Cross-Romane derartig bewegt und erschüttert hat wie „Rosenrot Mausetot“. Die Szenen aus dem Familien- und Liebesleben sind emotional und humorvoll, der Oberschurke unglaublich zynisch, das Finale hingegen packend und hammerhart – genau deshalb wohl, weil man es nicht erwartet.

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2389
[„Honeymoon“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3919
[„Ave Maria“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1683
[„Mauer des Schweigens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1394
[„Stunde der Rache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1149
[„Vor aller Augen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1087
[„Tagebuch für Nikolas“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=854
[„Sonne, Mord und Sterne“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=537
[„Rosenrot Mausetot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429
[„Die Wiege des Bösen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=47
[„Der 1. Mord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1361
[„Die 2. Chance“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1362
[„Der 3. Grad“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1370
[„4th of July“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1565
[„Die 5. Plage“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3915

Patterson, James – Tagebuch für Nikolas

Ein Frau bekommt von ihrem Geliebten, der sie verlassen hat, einen Brief und ein Tagebuch geschickt. Schock! Was sie nie wusste: Er war die ganze Zeit verheiratet und hatte ein Kind. Warum sie ihm trotzdem verzeihen kann, erzählt das Buch auf bewegende Weise.

_Der Autor_

James Patterson ist einer der erfolgreichsten US-Krimiautoren. Mit seinen Alex-Cross-Romanen, von denen einige bereits verfilmt wurden („Im Netz der Spinne“, „Denn zum Küssen sind sie da“), schrieb er sich in die erste Reihe der Thrillerautoren. „Tagebuch für Nikolas“ ist sein ungewöhnlichstes Buch, aber wenn man sich die Familienschicksale in den Thrillern vor Augen hält, so spricht daraus die gleiche mitfühlende und furchtlose Anteilnahme wie im „Tagebuch“.

Die Aufnahme von „Tagebuch für Nikolas“ ist ungekürzt und 294 Minuten lang, also knapp fünf Stunden.

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla, geboren 1964, hat bereits mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ gesprochen, ebenso „das Mädchen“ von Stephen King, „Die Kinder von Eden“ von Ken Follett, diverses von Patricia D. Cornwell und einige Dutzend anderer Produktionen. Während ihrer Schauspielausbildung in Berlin trat sie als Sprecherin im Hörfunk hervor. Später war sie Moderatorin und Sprecherin bei SAT.1, n-tv, SFB, Deutsche Welle TV und bei der BBC. Sie hat u. a. Demi Moore („Ein unmoralisches Angebot“) und Sharon Stone („Begegnungen“, „Basic Instinct“) synchronisiert sowie natürlich Gillian Anderson („Akte X“).

Ihre Tonaufnahme ist von erstaunlicher Präsenz und sehr deutlich gesprochen. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.

_Handlung_

Leseprobe:

|“Mein geliebter kleiner Junge,

stellt dir vor, das Leben wäre ein Spiel, in dem es darum geht, fünf Bälle zu jonglieren. Ich nenne sie Arbeit, Familie, Gesundheit, Freunde und Rechtschaffenheit. Du bemühst dich, sie alle in der Luft zu halten. Bis du eines Tages begreifst: Der Ball, der die Arbeit verkörpert, ist aus Gummi; er wird immer wieder hochschnellen. Die übrigen aber – sie sind aus Glas. Lässt du einen davon fallen, ist er beschädigt, abgestoßen, ja vielleicht sogar für immer in tausend Stücke zersprungen. Denk immer daran!“| (aus dem Tagebuch)

In der erzählten Gegenwart, der Rahmenhandlung, erhält Katie Wilkinson, eine attraktive Verlagslektorin in New York City, eine Briefsendung von Matt Harrison, einem von ihr betreuten Dichter, der in Neuengland lebt. In all der Zeit, als Matt ihr Geliebter gewesen war, hat sie ihn nie in seinem Domizil auf der Insel Martha’s Vineyard besuchen dürfen. Aus gutem Grund, wie sie nun erfährt: Matt ist verheiratet und hat ein Kind. Diese Nachricht bricht Katie das Herz, denn Matt war der einzige Mann, den sie je aus tiefstem Herzen geliebt hat.

Und nun dies: ein Tagebuch und Matts Bitte, es zu lesen. Es gehört Suzanne, Matts Ehefrau. Eigentlich sollte Katie wütend auf Suzanne sein, doch ringt sich dazu durch, Matts Bitte zu entsprechen. Das Buch trägt den Titel „Tagebuch für Nikolas“ und die darin geschilderten Ereignisse werden in der Binnenhandlung erzählt.

Suzanne Bedford ist eine schwer gestresste 35-jährige Ärztin am |Massachusetts General Hospital| in Boston, als das Schicksal zuschlägt: Bei einem ganz normalen Spaziergang erleidet sie eine Herzinfarkt, doch sie überlebt und erhält einen Bypass. In den zwei Monaten Pause vom Beruf überdenkt sie ihre Lebensziele sowie die Freundschaft zu Dr. Michael Bernstein. Sie erinnert sich an die „Geschichte von den fünf Kugeln“, die ich oben in der Leseprobe zitierte: |“Der Ball, der die Arbeit verkörpert, ist aus Gummi; er wird immer wieder hochschnellen. Die übrigen aber – sie sind aus Glas.“|

Nachdem sich Bernstein auf schmerzhafte Weise von ihr getrennt hat, beschließt sie, auf Martha’s Vineyard, ihrer alten Heimat, eine Praxis als Landärztin aufzumachen und im Krankenhaus auszuhelfen. Sie trifft einen Jugendfreund wieder: Matt Wolfe ist Anwalt und Kunsthändler. Bei Ausbesserungsarbeiten an ihrem neuen alten Haus lernt sie den unkonventionellen Maler Matt Harrison kennen und verliebt sich in ihn, nachdem ihr „Picasso“ eine Liebeserklärung geschickt hat. Die Hochzeit folgt bereits an Silvester, bald ist Suzanne schwanger und feiert ihren 36. Geburtstag.

Die Geburt ihres Sohnes Nikolas stellt sich für Suzanne als lebensgefährlich heraus. Sie leidet an den Folgen ihres Herzinfarkts, und bei einer späteren Untersuchung stellt sich heraus, dass zwei ihrer Herzkammern beschädigt sind. Dennoch riskiert sie eine zweite Schwangerschaft.

Währenddessen hat Matt über und für Suzanne und seinen Sohn Nikolas „den Krieger“ Gedichte geschrieben, die er in New York City mit Hilfe von Katie Wilkinson veröffentlichen kann. Er verliebt sich in die junge Lektorin.

Nachdem Katie das Tagebuch gelesen hat, fährt sie nach Martha’s Vineyard, um Matt zu suchen. Sie trifft nur die Nachbarin, doch eine Woche später taucht Matt direkt vor ihrem Verlagsgebäude auf. Er kniet den ganzen Tag auf dem Boden! Was zum Geier soll das denn, fragt sie sich. Sie hat festgestellt, dass sie selbst schwanger ist. Soll sie sich wirklich dazu herablassen, zu einem Mann zurückzukehren, der sie monatelang nach Strich und Faden belogen und betrogen hat? Aber vielleicht lernt auch Katie die Lektion der fünf Kugeln.

_Mein Eindruck_

Wir wissen, dass James Patterson ein ausgefuchster Routinier im Erzählen von spannenden Geschichten ist. Und daher wird auch aus dem harmlos klingenden „Tagebuch für Nikolas“ unter Pattersons Händen eine äußerst raffiniert erzählte Geschichte, die dem Zuhörer einige Aufmerksamkeit abverlangt. Sowohl die Zeitebenen wechseln ständig und mit ihnen die Hauptfiguren, als auch das Medium, mit dem erzählt wird: Brief, Tagebuch, Anrufe, direktes Geschehen – alles ist da. Und mit diesen Mitteln baut Patterson eine Spannung auf, die erst gegen Schluss das zentrale Geheimnis enthüllt, auf dem die Spannung aufbaut. (Ich hüte mich, auch nur Andeutungen zu machen, aber erfahrene Leser können es sich an fünf Fingern ausrechnen.) Die Abwechslung sorgt dafür, dass das Hörbuch an keiner Stelle langweilig wird.

Natürlich ist die ganze Story ein Fall für die Tränendrüsen. Am besten hat man sich bereits vor dem Beginn des Hörbuchs eine große Familienpackung Papiertaschentücher bereitgelegt, um sie im Notfall einzusetzen. Dieser Notfall tritt mit der Zunahme der dramatischen Ereignisse ebenso zunehmend häufiger auf. Wenigstens wirkt der Ausklang der Geschichte wie Balsam für die romantische Seele. Dabei drückt sich der hartgesottene Autor nicht einmal so geschwollen aus wie einer der berüchtigten Julia-Groschenromane, sondern sagt alles Wichtige mit möglichst einfachen Worten. Und das kann manchmal eben das Schwierigste sein.

_Die Sprecherin _

Pigulla ist seit „Die Leopardin“ eine meiner bevorzugten Sprecherinnen. Bei „Tagebuch für Nikolas“ ist mir ihre dunkle, samtweiche Stimme wirklich unter die Haut gegangen. Ich möchte nicht mehr über die ausgelösten Gefühle sagen, aber wer gar nichts bei diesem Vortrag empfindet, der ist bereits tot.

_Unterm Strich_

„Tagebuch für Nikolas“ ist eine sehr bewegende Geschichte, die von Franziska Pigulla ausgezeichnet und in völlig ungekürzter Form vorgetragen wird. Ich könnte mir vorstellen, dass sogar die Sprecherin ihre Momente hatte, in denen ihr die geschilderten Szenen fast das Herz brachen. Feststeht, dass sich die Geschichte in mein Gedächtnis eingegraben hat. Zynische Zeitgeister werden die Story wohl als weinerlichen Groschenroman abtun, aber Zyniker können eben nicht anders, als damit über ihre eigene Gefühlswüste hinwegzutäuschen.

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2389
[„Honeymoon“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3919
[„Ave Maria“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1683
[„Mauer des Schweigens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1394
[„Stunde der Rache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1149
[„Vor aller Augen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1087
[„Tagebuch für Nikolas“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=854
[„Sonne, Mord und Sterne“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=537
[„Rosenrot Mausetot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429
[„Die Wiege des Bösen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=47
[„Der 1. Mord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1361
[„Die 2. Chance“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1362
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[„4th of July“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1565
[„Die 5. Plage“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3915

Nesser, Hakan – Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod; Die

Die Maardamer Kriminaler haben es diesmal mit einem ebenso kuriosen wie grausigen Fall zu tun: Seine Aufklärung zieht sich über ein halbes Jahr hin und gelingt auch dann nur, weil der alte „Hauptkommissar“ van Veeteren seinen Ex-Kollegen mit seiner Spürnase und Kombinationsgabe beisteht. Ein Serienmörder, der Frauen erwürgt, verunsichert die Bevölkerung. Er scheint ein Faible für gute Literatur zu haben.

_Der Autor_

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen.

Manche seiner Romane um Kommissar van Veeteren wurden verfilmt. Auf deutsch sind unter anderem erschienen: „Das vierte Opfer“, „Der unglückliche Mörder“, „Münsters Fall“ und „Der Kommissar und das Schweigen“ (Auswahl).

_Der Sprecher_

Dietmar Bär, 1961 geboren, ist mit dem Genre „Krimi“ schauspielerisch groß geworden. Erste Aufmerksamkeit als TV-Darsteller zog er durch seinen Auftritt im Schimanski-Tatort „Zweierlei Blut“ 1984 und die Hauptrolle in Dominik Grafs Fernsehspiel „Treffer“ 1984 auf sich. 1986 erhielt er den „Deutschen Darsteller-Preis für den Nachwuchs“. Als Kommissar Freddy Schenk steht er seit 1987 im „Tatort“ zusammen mit Klaus J. Behrendt vor der Kamera.

Bär hat bislang an Nesser-Krimis den vorliegenden Roman, „Der Tote vom Strand“ sowie „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ gesprochen. „Das vierte Opfer“ gibt es bislang nur als Hörspiel.

_Handlung_

Monica Kammerle, Schülerin, ist erst 16, aber schon eine Mörderin. Glaubt sie zumindest. Und sie hat auch allen Grund dazu. Benjamin Kerran, den sie auf dem Gewissen hat, war zunächst der Geliebte ihrer Mutter, bevor er auch ihrer wurde. Die manisch-depressive Mutter durfte von der Affäre ihrer Tochter natürlich nichts erfahren, und damit erpresste Kerran Monica schließlich.

Anfangs war es schön für sie, einen ersten Liebhaber zu haben, aber dann begann er, Monicas Körper zu benutzen. Als sie ihm nicht zu Willen sein wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn umzubringen. Alles ging so schnell: Sie rammt ihm die Schere zehn Zentimeter in den Bauch und rennt in Panik weg, während er zusammenbricht.

Merkwürdig nur, dass keine Zeitung den Tod von Benjamin Kerran meldet. Oder zumindest den Tod eines anderen in jenem Uni-Wohngebäude, wo es geschah. Monica muss zurück an den Tatort, um Gewissheit zu erlangen, und erlebt eine böse Überraschung. Denn sie war beileibe nicht das erste Opfer von „Benjamin Kerran“.

Ex-Kommissar van Veeteren kehrt am 7. Oktober aus dem Urlaub zurück, den er mit seiner Freundin Ulrike Fremdli in Rom genossen hat. Am nächsten Morgen frisst seine Katze eine zum Fenster hereingeflogene Schwalbe, und als er die Zeitung von vor drei Wochen aufschlägt, starrt ihm ein Gesicht entgegen, das er kennt: Tomas Gassel war Pastor im Maardamer Vorort Leimaar, als er sich an van Veeteren wandte, um ein Geheimnis „zu beichten“, das sein Gewissen bedrückte. Es ginge um ein junges Mädchen, das etwas Verbotenes getan habe (Monica). Offensichtlich konnte er dies nicht mit seinen Standeskollegen besprechen. Und ob van Veeteren nicht auch der Schweigepflicht unterliege?

Ulrike Fremdli ist nicht begeistert, als van Veeteren herauszufinden versucht, warum sich Pastor Gassel im Hauptbahnhof vor einen Zug geworfen haben soll. Eigentlich ist ja Ewa Moreno für den Fall zuständig. Und bald schaltet sie auch ihre Kollegen in den Fall ein, als die Verbindung zwischen Monica und Pastor Gassel sichtbar wird.

Doch dies soll nicht der einzige Tote im Umkreis des Falles bleiben. Van Veeteren stößt auf ein deutliches Muster aus der Bücherwelt: Die arme Monica Kammerle hatte einen seltenen und somit teuren Band mit Gedichten von William Blake in ihrem Regal: Hatte sie den geschenkt bekommen? Und wenn ja, von wem? Von ihrem Lover und Mörder? Besonders liebte sie das Poem „The sick rose“ (vgl. den Titel): Die Zeile „His secret love does thy life destroy“ schien Monicas Leben zu beschreiben.

Die Decknamen des Mörders sind literarische Anspielungen, seine einzigen Spuren seltene Gedichtbände. Ein winziger Hinweis, eine Vereinsnadel, führt van Veeteren und Kollegen in einen elitären Universitätszirkel, der schon seit 250 Jahren existiert. Oder ist das nur ein Ablenkungsmanöver in einem fiesen Schachspiel? Nun: Auch van Veeteren ist ein gewiefter Schachspieler, und die Lösung des Falls rückt näher.

Als jedoch van Veeteren den Mörder quasi schon vor der Nase hat, kommt ihm von völlig unerwarteter Seite jemand in die Quere. Manchmal siegt eben Rache über das Recht, wenn auch beides Gerechtigkeit bedeuten mag.

_Mein Eindruck_

Was für eine wunderbare Story! Nach einer psychologisch enervierenden Einleitung um den ersten Mord des Killers und um Monica Kammerles Lieben, Leiden und Ende beginnen die zähen Ermittlungen. Allmählich entwickelt sich ein Geflecht von kriminalistischen Anstrengungen, die keine Früchte tragen, sondern lediglich kleine und kleinste Puzzleteilchen zusammentragen. Ausschließlich dünnste, unscheinbare Indizien bringen die Ermittler weiter. Und so kommt es, dass in diesem seltsamen Fall mehr Emotionen, Assoziationen und „Ahnungen“ die Ermittler leiten als handfeste Fakten. Das halte ich für sehr ungewöhnlich und trägt entscheidend zur speziellen Stimmung dieses Kriminalromans bei.

Als das nächste Opfer verschwindet, ohne dass man seine Leiche findet, wird der Fall dringend und ins Fernsehen gebracht: weitere Spuren, weitere Rätsel, aber noch nichts Entscheidendes. Dann beschließt der Würger, es mit der Polizei aufzunehmen, doch mit anderen Folgen als gedacht: Statt des außer Gefecht gesetzten Kommissars Reinhart muss van Veeteren einspringen, und der führt seine Ermittlungen mit seinen eigenen, etwas gewöhnungsbedürftigen Methoden weiter. Eine überraschende Wendung folgt daher der nächsten, und im letzten Viertel beginnt ein langes, spannendes Finale.

Es geht dem Autor nicht um die Darstellung von Grausamkeiten, auch nicht um glorreiche Ermittlungsmethoden à la FBI. Im Mittelpunkt stehen die denkenden und vor allem fühlenden Wesen, deren Zusammenspiel sich a) mit der Mordserie befasst, b) mit der erschreckenden Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern (die Leichen der Kammerles blieben über einen Monat lang unentdeckt!) und c) mit der verschrobenen Herangehensweise Van Veeterens.

Jeder der Ermittler wird als eigenständiger Charakter und als Betroffener der Geschehnisse kenntlich. Rooth ist fast so schräg drauf wie der „Hauptkommissar“, wohingegen Ewa Moreno ihr Privatleben mit Mikael Bau in den Griff zu bekommen versucht. Hier schwingt des Öfteren eine humane Ironie mit, die auch den Beteiligten selbst keineswegs entgeht. Wie soll Ewa später ihren Kindern erklären, warum sie Mikael Baus Heiratsantrag angenommen hatte – wegen seiner wundervollen Fischsuppe?! Kommissar Reinhart, seine hilfreiche Frau Winifred Lynn und der überkorrekte Polizeipräsident Hiller sind Figuren, die im Gedächtnis haften bleiben. In dieser Charakterdarstellung kommt nicht nur Nessers Sympathie für seine Figuren zum Ausdruck, sondern auch sein tiefreichender, verständnisvoller Humor.

Das Grundthema des Falles, den es aufzuklären gilt, ist fehlgeleitete Sexualität auf Seiten des Killers und gewagte erotische Gehversuche seitens der Opfer. Opfer wurden – außer Gassel – nur Frauen, die sich als verwundbar erweisen und die sich den Wünschen des Killers verweigern. Dies geht auf die Kindheit des Mannes zurück, der eine langjährige Liebesbeziehung zu seiner Mutter hatte.

Das letzte Opfer ist anders. Ester und Anna sind Freundinnen, erfolgreiche Geschäftsfrauen über 30, die von der Ehe enttäuscht wurden. Nun suchen sie sich Männerbekanntschaften per Annonce und Zuschriften aus. Leider hat Anna in die Endauswahl auch eine „Wild Card“, einen Joker eingeführt, und der wird Ester zum Verhängnis: Es ist „Benjamin Kerran“.

Wie man sieht, ist Nesser neuen gesellschaftlichen Entwicklungen durchaus aufgeschlossen. Das bedeutet nicht, dass er die Taten des Würgers entschuldigt: Er macht sie aber verstehbar, indem er ihre Wurzeln offenlegt, die zum Wahnsinn des Soziopathen führten. Das Thema Sexualität stellt Nesser offen und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen dar.

|Der Sprecher|

Dieter Bär hat eine bärige Stimme. Man kann ihn sich selbst gut als Kommissar vorstellen, voll Autorität und Integrität. Und wenn er die Einsatzbesprechungen der „Truppe“ im Maardamer Kommissariat vorliest, dann lässt er den Ernst der vorgebrachten Einwürfe und Meldungen und Chef-Aufforderungen für sich sprechen. Das ändert jedoch – oder gerade deswegen – nichts daran, dass viele dieser Beiträge in ihrem Zusammenspiel sehr komisch wirken. An einer Stelle dachte ich wirklich, einem Komödienstadel zuzuhören. Ex-Hauptkommissar Van Veeteren ist als knurriger Übervater natürlich der Komiker par excellence – obwohl er stets selbst ernst ist und ernst genommen wird. Nur Münster, der aufgeweckteste von allen Inspektoren, wagt es, seine kryptische Bemerkungen zu hinterfragen – natürlich auch ohne Erfolg.

Die Glanzpunkte von Bärs Sprechkunst sollen nicht verschwiegen werden. Der eine Fall ist der 89 Jahre alte Vater Koschinski. Der ehemalige Feinschmied oder Schlüsselmacher, der sich an sämtliche Vereinsnadeln erinnert, die je in Maardam produziert wurden, lebt als mürrischer Einsiedler mitten in der Stadt, wo ihm nur zwei Katzen Gesellschaft leisten. So knurrig, markig und abweisend wie Koschinski könnte durchaus auch Bärs eigener Großvater geklungen haben.

Das andere Beispiel ist Hauptkommissar Reinhart, wie er im Krankenhausbett liegt und in seinen Kopfverband nuschelt. Er wurde vom Bus angefahren und ist in keinem guten Zustand. Bärs Genuschel wirkt authentisch. Weniger echt wirkt hingegen der griechische Akzent des Polizisten Georgios Jakos auf der Insel Kefallonia, auf der der Showdown zwischen dem Killer und seinem letzten Opfer, seiner Nemesis, stattfindet. Dieser Akzent, nun ja, so stellt man sich als Nichtgrieche vielleicht den Akzent vor, aber ob das hinhaut? Hauptsache, wird sich Bär gedacht haben, es ist noch als Deutsch zu verstehen.

|Ein Autorenfehler?|

Die Übersetzung ist Christel Hildebrandt ausgezeichnet gelungen . Ich habe nur einmal wegen eines möglichen Fehlers des Autors (!) gestutzt, und zwar auf der vorletzten Seite. Ester hat den Killer in einem Lokal getroffen, und dessen Erkennungszeichen sollte ein roter Band des Gedichts „The Waste Land“ von T. S. Eliot sein. Okay. Nun zieht am Ende der antiquarische Buchhändler van Veeteren ein Resümee des Falls und packt seinen Kollegen sämtliche Bücher ein, die in dem Fall eine Rolle gespielt haben. Doch statt des Eliot-Bandes findet sich darunter nun der Lyrikband „Duineser Elegien“ von R. M. Rilke! Alle anderen Bände sind korrekt erwähnt. Beim Film würde man wohl von einem Continuity-Fehler sprechen. Das kann auch den besten Autoren passieren. Aber ihre Lektoren sollte dafür sorgen, dass solche Fehler bzw. versehen rechtzeitig berichtigt werden. Der Fehler ist auch im Hörbuch enthalten.

_Unterm Strich_

Alles in allem ist dies ein wunderbarer Krimi, an dem man immer neue Facetten entdecken kann. Da ein Großteil des Textes aus Dialogen und kurzen Sätzen besteht, hört sich die Geschichte sehr flüssig an. Der Text macht es einem leicht, die Konzentration zu behalten. Und man will unbedingt wissen, wie der Showdown ausgeht. Aufgrund der ironischen Wechselwirkung zwischen den Polizisten in ihrer jeweiligen Charakterisierung gibt es zahlreiche komische Momente.

Diese kontrastieren stark mit den sehr ernsten bis bewegenden Momenten, die mit den Opfern verknüpft sind, besonders mit Monica Kammerle. Dass das Finale auf einer griechischen Insel stattfindet, passt einfach hervorragend: Nicht nur deshalb, weil auf Kefallonia die Killerserie 1995 begonnen hat, sondern weil in dieser Weltgegend solche ernsten Ideen wie Nemesis, Schicksal und Vergeltung erfunden und uns im antiken Drama bis heute erhalten geblieben sind.

Dietmar Bär ist es gelungen, diese Qualitäten herauszuarbeiten und mit der angemessenen Ernsthaftigkeit vorzutragen. Sein Vortrag ist auch abwechslungsreich, mit entsprechenden Charaktergestalten wie Koschinski oder Reinhart.

Der Text ist natürlich gekürzt, und so kann es vorkommen, dass sich der Hörer wundert, woher bestimmte Stichwörter kommen oder warum bestimmte Hinweise später nicht aufgegriffen werden. Um diese Lücken zu füllen, sofern sie als störend empfunden werden, empfiehlt sich die Lektüre des Buches. Es ist 572 Seiten dick.

Umfang: 420 Minuten auf 6 CDs

Baldacci, David – Abgrund, Der

Web London: Top-Mann in einem Top-Team des FBI. Gestern waren sie noch „Die Sieger“, doch heute sind alle tot – bis auf einen: Web London. Was ist der Grund für sein Überleben?

_Der Autor_

David Baldacci ist der Verfasser u. a. von „Der Präsident“, das Clint Eastwood unter dem Titel „Absolute Power“ verfilmt hat. Der frühere Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist lebt in Virginia, USA.

Weitere Baldacci-Hörfassungen bei Lübbe: „Das Labyrinth“, „Die Versuchung“, „Die Verschwörung“ und „Die Wahrheit“, „Das Versprechen“, „Im Bruchteil der Sekunde“ (September 2004). Die Hörbuchfassung von „Der Abgrund“ ist gekürzt und 465 Minuten lang, also knapp acht Stunden auf sechs CDs.

_Der Sprecher _

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

_Handlung_

Web London ist ein knallharter Typ, aber was ihm da letzte Nacht passiert ist, haute selbst ihn um. Er gehört einem Hostage Rescue Team (HRT), also Geiselrettungsteam, des FBI an. Dementsprechend hoch qualifiziert war seine Ausbildung. Zusammen mit seinem Team schickte man ihn nach Richmond, Virginia, um ein Fabrikgebäude zu stürmen. Das Haus sollte angeblich einem Drogenbaron als Einsatzzentrale dienen und bis obenhin mit Unterlagen vollgestopft sein. Das Einzige, was sich darin befand, waren ein Dutzend Maschinengewehre. Und die nahmen seine nichts ahnenden Teamkollegen sofort unter Feuer.

Durch einen Zufall gelangt London als Letzter zu dem Schauplatz des Blutbads. Auf dem Weg dorthin kommt er an einem Jungen vorbei, der zu ihm das Wort „Donnerhall“ sagt. Fortan kann sich London kaum bewegen, er weiß nicht wieso. Mit größter Mühe gelingt es ihm, die Maschinengewehre eines nach dem anderen auszuschalten und sogar den Jungen wieder aus der Gefahrenzone wegzuschaffen. Er überlebt als einziger seines Teams. Natürlich fallen sowohl seine Vorgesetzten als auch die Medienfritzen über ihn her. Überlebt zu haben, macht ihn schuldig; es lässt ihn wie einen Verräter aussehen.

Auch London macht sich schwere Vorwürfe. Was ist der Grund für sein Überleben? Um über das Trauma hinwegzukommen, begibt er sich, wie so viele seiner FBI- und HRT-Kollegen, in psychotherapeutische Behandlung bei Dr. Claire Daniels. Zuvor war er immer bei Ed O’Bannon in Betreuung gewesen, aber Dr. Daniels wollte seinen interessanten Fall übernehmen.

In der Praxis von Daniels und O’Bannon wird regelmäßige Hypnose als Mitteleingesetzt, um auf das zugreifen zu können, was das Bewusstsein im Gedächtnis weggesperrt hat. Bei diesen Sitzungen entdecken Dr. Daniels und London eine unglaubliche Tatsache: Am Tatort waren zwei Jungen, und sie wurden gegeneinander ausgetauscht. Der Junge, der „Donnerhall“ sagte, war nicht der, den Web rettete. Doch auf die Frage, warum sich in dem angegriffenen Gebäude statt einiger harmloser Büros eine Batterie tödlicher MGs befand, hat auch Web keine Antwort. Der Gedanke an Verrat in den eigenen Reihen liegt nahe, und der Undercover-Agent Randall Cove, der den Angriff vorzubereiten half, bestätigt den Verdacht. (Das wäre in einem Baldacci-Thriller wahrlich nichts Neues.)

Zunächst sieht es so aus, als stecke eine sektiererische Miliz namens „The Free Society“ unter einem gewissen Ernest B. Free dahinter, die zugleich auch den Drogenhandel an der Ostküste kontrolliert. Doch dann bekommen Web und sein bester Teamkamerad Paul Romano den Auftrag, einen reichen Pferdezüchter im Umland von Washington, D.C., zu beschützen. Billy Kenfield hat eine sehr schöne Frau, Gwen, und ein paar merkwürdige Gestalten als Ranchverwalter. Als ein Handy explodiert, scheint Web am richtigen Ort zu sein, um zu helfen.

Er ahnt nicht, dass auf dieser wie auch auf der Nachbarranch nicht alles so ist, wie es aussieht. Wie tief der Schlamassel ist, in den er hier geraten ist, ahnt er erst, als es schon fast zu spät ist. Unterdessen macht Claire Daniels in der Praxis ihres Kollegen O’Bannon eine erschütternde Entdeckung, und sie erkennt die Wahrheit über Web London selbst.

_Mein Eindruck_

Wie so viele Romane von David Baldacci ist auch „Der Abgrund“ eine Kombination von Psychothriller und Actionroman, garniert mit einer recht heftigen Verschwörung, die den Helden in ein frühes Grab führen soll. Wieder einmal kommt er gerade noch mit dem Leben davon.

Für die Action sorgen die spezialtrainierten HRT-Angehörigen mit ihren massenhaft eingesetzten Waffen, seien es nun Knarren oder Blendgranaten. Bis zum Showdown kann Web London also beweisen, was er draufhat. Und das ist eine ganze Menge.

Dumm nur, dass er trotz allem doch kein Terminator, sondern ein menschliches Wesen ist. Das macht ihn zum Beispiel für posthypnotische Befehlswörter wie etwa „Donnerhall“ anfällig und setzt ihn außer Gefecht. Das macht ihn aber auch fähig zur Liebe: zu Claire Daniels, zu Gwen Kenfield. Und die Hypnose legt offen, dass er in seiner Kindheit den gewaltsamen Tod seines Vaters zu ertragen hatte.

|Das ist alles schön und gut, aber funktioniert das auch in einem Hörbuch?|

Leider nur unter bestimmten Bedingungen. Wie alle Baldaccis ist auch dieses Buch mit einer Vielfalt von Personal vollgestopft, und dies erfordert vom Leser erhöhte Konzentration auf die Namen, die von Szenen zu Szene wechseln. Die erhöhte Aufmerksamkeit kann leicht zu Kopfschmerzen führen. Um damit nicht so große Mühe zu haben, sollte man sich also frühzeitig eine Liste der auftretenden Figuren mit ihren Namen anlegen. (Schon in meiner Zusammenfassung habe ich etliche Nebenfiguren weggelassen, um euch nicht zu verwirren.)

Um den Zusammenhang nicht zu verlieren, sollte man, anders als ich, keine längeren Pausen zwischen den einzelnen CDs machen, sondern sich alles in einem Stück anhören. Und dann noch ein zweites Mal. Nur dann, so glaube ich, kommt man dahinter, wer die wahren Drahtzieher hinter dem HRT-Hinterhalt in Richmond sind (Tipp: die Free Society ist es nicht).

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen muss diesmal eine breite Palette von Figuren abdecken. Mit den meisten Männerstimmen hat er keine Schwierigkeiten, und auch die Frauen bekommt er meist gut hin. Aber wenn er den Vorgesetzten von Web London, einen Bürohengst namens Percy Bates, spricht, meine ich immer, einem falschen Fuffziger zuzuhören, der den Helden aufs Kreuz legen will. Bates hat eine hohe Männerstimme und spricht auch noch hastig – nicht ganz koscher.

|Die Musik|

… stammt von Michael Marianetti und wird immer dann eingesetzt, wenn es spannend oder bewegend oder irgendwie besonders wird. Außerdem am Anfang jeder der sechs CDs. Und natürlich ganz besonders beim Showdown und am Schluss des Hörbuchs. Die Musik muss nicht anspruchsvoll sein, um gut zu wirken, und das tut sie. Einmal erklingt sogar eine recht fetzige Rockgitarre.

|Die Übersetzung|

… ist ein richtiges Ärgernis. Einer der Profis hat sie angefertigt: Uwe Anton. Er ist schon seit über 20 Jahren im Geschäft und selbst Autor von Jugendromanen. Aber er hatte wohl zu wenig Zeit, um sein Werk zu überarbeiten, und so kamen zuweilen recht auffällige sprachliche Schnitzer zustande. Was zum Beispiel hat man sich unter einem „Laserpfeil“ vorzustellen“? Auf den ersten Blick sieht das okay aus, aber wenn man darüber nachdenkt, ergibt es keinen Sinn. Entweder ein Laserstrahl existiert oder er existiert nicht. Aber keine Waffe verschießt Pfeile aus Licht! Außer natürlich in irgendwelchen billigen Science-Fiction-Filmen, wo sie zu den Spezialeffekten gehören. Allerdings ist Baldacci kein Science-Fiction-Autor. Und da er sich scheut, wie ein Dichter irgendwelche Metaphern einzusetzen, taugt „Laserpfeil“ auch als Metapher nicht. Es ist schlicht und ergreifend falsch ausgedrückt.

Es gäbe noch etliche weitere misslungene Übertragungen ins Deutsche aufzuzählen, aber dieses Beispiel mag genügen. Aufmerksame Leser und Zuhörer werden ohne Weiteres auf sie stoßen.

_Unterm Strich_

Die Mischung aus Actionabenteuer und Psychothriller plus Verschwörungstheorie macht auch aus diesem Baldacci-Roman eine kurzweilige, unterhaltsame Sache. Allerdings macht es die Fülle der auftretenden Figuren nötig, eine Liste anzulegen, oder man verliert den Überblick und Zusammenhang. Ratsam ist es daher auch, das Hörbuch an einem Stück und dann noch einmal anzuhören, um alles mitzubekommen. Es könnte sonst vorkommen, dass man die Pointe nicht mitbekommt. Erschwerend kommt hinzu, dass das Hörbuch eine gekürzte Fassung des Buches wiedergibt. Hilfreiche Szenen könnten fehlen.

Ulrich Pleitgen macht wie so oft einen guten Job, allerdings habe ich ihm eine oder zwei stimmliche Interpretationen nicht abgenommen. Er klingt eben am besten bei tiefen Männerstimmen. Die manchmal etwas schiefe Übersetzung durch Uwe Anton hat mich ebenfalls gestört. Aber da heutzutage Deutsch sowieso kaum noch jemand korrekt gebraucht, dürfte dieser Umstand nicht allzu vielen Leuten auffallen. Die Musikbegleitung wird einfach, aber wirkungsvoll eingesetzt. Insgesamt eine solide und lohnenswerte Veröffentlichung.

Pearl, Matthew – Dante-Club, Der

Eine Mordserie erschüttert das Boston des Kriegsjahres 1865: Der Mörder tötet mit jenen Methoden, wie Dante seiner Zeit im „Inferno“ die Sünder bestrafen ließ. Und einige dieser Methoden sind recht bizarr.

Doch wer kann die Gräueltaten aufklären? Offenbar weder die korrupte Polizei noch die bestechlichen Detektive des Bürgermeisters noch diejenigen der Detektei Pinkerton. Es sind vielmehr die gesetzten älteren Herrschaften, die sich im |Dante Club| einem ehrgeizigen literarischen Projekt verschrieben haben: der ersten US-amerikanischen Übersetzung von Dantes |Göttlicher Komödie|. Dabei geraten sie selbst in Lebensgefahr.

_Der Autor_

Matthew Pearl, geboren 1977, hat in Harvard, wo ein Großteil der Handlung spielt, Englische und Amerikanische Literatur studiert und 1997 seinen Abschluss mit summa cum laude gemacht. 1998 erhielt er für seine Forschungen den Dante-Preis der |Dante Society of America|. Die erste Fassung seines Thrillers „The Dante Club“ schrieb er, während er an der Yale Law School promovierte.

Er wuchs in Fort Lauderdale auf und lebt in Cambridge, Massachusetts, wo er Literatur und Kreatives Schreiben unterrichtet. „Der Dante Club“, sein erster Roman, ist bisher in mehr als einem Dutzend Ländern erschienen. (Verlagsinfo)

_Der Sprecher_

Burghart Klaußner ist im Kino, im Fernsehen und auf der Bühne gleichermaßen präsent. Nach seiner Ausbildung an der Berliner Max-Reinhardt-Schule war er an zahlreichen Theaterbühnen in Deutschland und der Schweiz engagiert. 1999 wurde er mit der „Goldenen Maske“ des Schauspielhauses Zürich ausgezeichnet. Seit 1995 wirkt er als Kommissar Heimeran in der ARD-Serie „Adelheid und ihre Mörder“ mit. Klaußner war zudem in Kinofilmen wie „Das Superweib“, „Rossini“, „23“, „Crazy“ und „Goodbye Lenin“ zu sehen. (Verlagsinfo)

Klaußner liest die von Gisela Mathiak gekürzte Fassung.

_Hintergrund: „Die göttliche Komödie“_

Dante Alighieris erzählendes Mega-Gedicht, entstanden zwischen 1307 und 1321 (der Erstdruck erfolgte erst anderthalb Jahrhunderte später: 1472), erzählt von des Dichters Wanderung durch das Jenseits, geleitet von Vergil, einem römischen Dichterkollegen. Ein Drache namens Geryon stellt sich als Flugvehikel zur Verfügung, während der Weg durch drei Reiche führt:

– das Reich der Verdammten (Hölle bzw. Inferno)

– den Läuterungsberg bzw. das Reich der erlösbaren Büßer (Fegefeuer bzw. Purgatorio) und

– das Paradies (Paradiso)

Überall begegnet Dante den Seelen der Verstorbenen und Vergil erklärt ihm die ganze Chose. Es ist für das Verständnis des Romans wichtig zu wissen, wie sich Dante das Jenseits vorstellt und warum sein Gedicht von manchen als so gefährlich für die amerikanische Gesellschaft des Kriegsjahres 1865 erachtet wird. Denn es ist natürlich auch eine moralische Predigt – an die Lebenden.

Am Anfang des „Inferno“-Teils tritt Dante durch das Höllentor in die Vorhölle, in welche die Gleichgültigen verbannt sind. Von da aus gelangt er in die eigentliche Hölle, an deren Eingang Minos sitzt – in der Antike der Richter der Unterwelt, bei Dante ein Dämon. Minos weist den Verdammten die ihnen bestimmten Höllenstufen zu, wobei die Strafe entsprechend dem Vergehen des Sünders festgesetzt wird (contrapasso). In der Oberen Hölle (2. bis 5. Kreis) werden die Sünder aus Leidenschaft, in der Unteren Hölle (7. bis 9. Kreis) die aus Bosheit bestraft. Je größer ihre Schuld, desto tiefer ihr Platz oder Rang im Höllenschlund.

Auf seiner Reise durch das „Inferno“ trifft Dante auf verschiedene Sünder (mitunter Politiker und Kirchenmänner), deren Qualen dem Möder aus „Der Dante Club“ als Vorbild für seine Verbrechen dienen …

_Handlung_

John Kurtz, der Polizeichef von Boston im Jahre 1865, wird aufs Land zu einem ungewöhnlichen Tatort gerufen. Meist ist Kurtz mit seinen Leuten in den ausgedehnten Elendsvierteln der Stadt tätig, doch das neueste Mordopfer wurde vor einer Villa am Rande der Stadt gefunden. Der Coroner identifiziert den Toten als Richter Healey. Oder vielmehr dessen sterbliche Überreste: madenzerfressen, von Fliegen umschwärmt und – zum Entsetzen der Frauenwelt – nackt. Richter Healeys Witwe Edna ist außer sich und wirft dem Kommissar zielsicher eine Vase an den Kopf. Der Coroner bringt ihn noch rechtzeitig in Sicherheit. Sie lässt sich versprechen, nicht eher zu ruhen, als bis der Täter bestraft ist. Für Kurtz wird das also eine ernste Sache, denn mit einer Patrizierin ist nicht zu spaßen, wenn einem der Job lieb ist.

Zunächst gibt es keinerlei Verbindungen zu Dantes „Göttlicher Komödie“. Doch es gibt sehr wohl den |Dante Club| des Titels. Der Club besteht aus den vier angesehensten Dichtern von Neuengland: Prof. emer. Henry Wadsworth Longfellow (Dichter), Prof. James Russell Lowell (Sprachen), Prof. Oliver Wendell Holmes (Anatom) und Prof. G. W. Green (Historiker). Der Fünfte im Bunde ist ihr Verleger J. T. Fields, der ihre Übersetzung des Dante-Textes drucken wird.

Dieses Quintett steht unter Beschuss, denn die ehrwürdige (und offenbar völlig verkalkte) |Harvard Corporation| torpediert das Publikationsprojekt, wo und wie sie nur kann. Die |Harvard Corp.| stellt die wirtschaftliche Leitung der Universität dar, und Augustus Manning ist ihr (beinahe) allmächtiger Schatzmeister. Er setzt alle Hebel gegen das Dante-Projekt in Bewegung, denn in seinen Augen ist die poetische Dante’sche Predigt geeignet, die moralische Festigkeit selbst der besten Bürger Neuenglands zu untergraben: Sie ist katholisch! In Bostons puritanischem Geistesklima verursacht auch die von Holmes vorgenommene anatomische Sektion einer weiblichen Leiche einen Aufruhr unter den Studenten.

Ja, die Zeiten ändern sich: In Bostons Straßen patrouilliert der erste schwarze Polizist Neuenglands, wenn auch nicht in Uniform – eigentlich ein Mulatte mit dem schönen Namen Nicholas Ray (so heißt im 20. Jahrhundert ein bedeutender Filmregisseur). Ray hat die zweifelhafte Ehre, auf dem Polizeirevier von einem besoffenen Selbstmörder etwas ins Ohr geflüstert zu bekommen: vermutlich etwas Italienisches. Der Mann springt danach aus dem Fenster in den Tod. Ray wendet sich an die Kapazitäten des |Dante Club|, die eine Transkription der letzten Worte des Selbstmörders deuten sollen. Es handelt sich um eine Zeile aus dem „Inferno“ …

Nur wenige Tage danach bitten Kurtz und Ray Dr. Holmes, seinen Sezierraum benutzen zu dürfen: eine neue Leiche wäre zu untersuchen. Es handelt sich dabei um Reverend Elisha Talbot von der 2. Unitarierkirche in Cambridge. Auffälligstes Merkmal: die völlig verkohlten Füße. Nachdem sich der zartbesaitete Arzt mit Grausen abgewendet hat, fällt ihm eine Stelle bei Dante ein: Verbrannte Füße – so werden im „Inferno“ die bestechlichen Kleriker genannt, die Simonisten. Bestraft also jemand Verbrecher mit Dantes Strafmaß, dem |contrapasso| (s.o.)?

Allmählich erkennen die fünf Übersetzer, dass jemand in Boston genau jene Strafen austeilt, die sie gerade dabei sind, ins Englische zu übertragen. Es besteht eine direkte Verbindung zwischen den Übersetzungssitzungen und den entsprechenden Verbrechen. Der |Dante Club| muss entscheiden, ob er gewillt ist, die Verantwortung zu tragen und entsprechend zu handeln, oder die ganze Angelegenheit, so absurd sie klingen mag, der korrupten Polizei zu übergeben. Denn Schutz für sie selbst bedeutet auch den Schutz für das Dante-Projekt. Und daher darf niemand von dem Zusammenhang mit den Verbrechen erfahren, soll das Projekt nicht völlig diskreditiert werden. Manning spioniert ihnen bestimmt bereits nach.

George Washington Green gibt schließlich den Ausschlag: Nehmen wir uns ein Beispiel an Alfred Lord Tennysons Darstellung des Odysseus und seien wir Männer, auch wenn wir schon alte Männer sind! Daraufhin schlägt der nur 48 Jahre junge Lowell forsch vor, selbst Ermittlungen anzustellen und die Polizei im Dunkeln zu lassen. Doch Letzteres gelingt nicht, denn Ray ist dafür viel zu schlau. Aber die Ermittlungen führen schon bald auf die Spur eines von der Uni verstoßenen Italienisch-Dozenten namens Pietro Bacchi. Und der hat eine verdächtige Vorliebe für Dante. Aber ist er auch der wahre Täter?

_Mein Eindruck_

Dies ist lediglich das erste Drittel der Handlung, denn es handelt sich um einen sehr umfangreichen Roman. Nach einigen Verwicklungen, weiteren Morden und einer überraschenden Wendung kommt es zu einem ausgedehnten, höchst dramatischen Finale, in dem alle Mitglieder des |Dante Club| in Lebensgefahr geraten. Für Spannung und Action ist also durchaus gesorgt.

Aber in Pearls vielschichtigem Roman geht es nicht vordergründig um die Morde, so grausig und spektakulär sie mitunter auch sein mögen. Auch der Spionagekrieg zwischen dem Club und der |Harvard Corporation| kommt nicht zu kurz, ist aber nicht das Fundament, sondern eine Auswirkung der Vorbedingungen in Boston und Cambridge. Denn die Historie spielt eine bedeutende Rolle, nicht nur die internationale, die literarische, die kulturelle, sondern vor allem auch die nationale Geschichte.

|Schatten des Bürgerkriegs|

1865 ist das letzte Kriegsjahr des amerikanischen Bürgerkriegs. In seiner „Beichte“ gewährt uns der Täter einen privaten und unmittelbaren Einblick in das Grauen der Zustände in den Lagern und während der blutigen Schlachten. Der Tod war in vielfältiger Form allgegenwärtig: Nicht nur Kugeln aus Gewehren oder Kanonen mähten die Männer dahin wie Heu im Juni, sondern auch zahlreiche Krankheiten sowie die Kurpfuscherei der Lagerärzte, die im Zweifel stets eine Amputation vornahmen. Schmeißfliegen legten ihre Eier in die amputierten Gliedmaßen oder hastig verscharrten Leichen, und schon bald wimmelten sie von Maden – genau wie Oberrichter Artemus Healey …

|Verantwortung der Dichter|

„Der Dante Club“ ist also kein Buch für schwache Mägen oder Nerven. Die Verantwortung, vor die sich die Mitglieder des Clubs gestellt sehen, ist angesichts der Gräuel, die die Morde in Boston darstellen, unabweisbar. Es handelt sich jedoch in der Mehrzahl um recht gesetzte Herrschaften zwischen 48 (Lowell) und über 60 (Longfellow). Welche Strapazen werden sie auf sich nehmen müssen, um den Täter zu ermitteln? In welche Tunnel unter Bostons Straßen werden sie kriechen müssen, um den Täter aufzustöbern? Zu welchen Gewaltmitteln werden sie greifen müssen, um ihn zur Strecke zu bringen? All diese Bedenken lassen sie zögern, von der Macht des Wortes abzuweichen. Aber um das Dante-Projekt zu schützen, müssen sie schweigen und zur Tat schreiten, wie Odysseus. Aus Rednern müssen Kämpfer werden, so wie 565 Jahre zuvor der Florentiner Dante selbst in den Krieg (gegen Pisa) ziehen musste, bevor man ihn ins Exil verbannte… Was sie allerdings nicht ahnen, ist, dass es das Projekt selbst ist, das die Morde auslöst!

|Bücherverbrennung: das Ende der Literatur?|

Am Ausgang der Anstrengungen des Dante-Clubs wird sich entscheiden, ob die literarische Führung Neuenglands in Amerika und Westeuropa, wo diese Dichter und ihr Dante-Projekt sehr wohl beachtet werden, weiterstrahlen oder in die Bedeutungslosigkeit stürzen wird. Dabei steht ihnen nicht nur die Mordserie entgegen, sondern auch die |Harvard Corporation| unter ihrem Schatzmeister. A. Manning veranlasst sogar eine öffentliche Bücherverbrennung der Schriften des „Ketzers“ Charles Darwin! Da wissen sie, was ihnen blüht, sollten sie versagen.

_Der Sprecher_

Burghart Klaußner sorgt für eine deutliche Charakterisierung jeder einzelnen Stimme. Bei den Mitgliedern des Clubs ist es besonders Longfellow, der mit einer langsamen und tiefen Patriarchenstimme aus der Gruppe herausragt. Im Vergleich zu ihm ist der 48-jährige Lowell geradezu ein flinkes Wiesel. Wenn Longfellow mit seiner Tochter Annie Allegra spricht, sieht man förmlich das Bild des silberbärtigen Alten vor sich, der über die Redakteursambitionen seiner Tochter schmunzelt. Da kommt ein sehr menschlicher Humor zum Tragen. Auch die Stimme von Green ist unverwechselbar, markant in ihrer Atemnot.

Den krasseste nur denkbaren Gegensatz dazu bilden die quengeligen Stimmen der Gegner des Clubs: Augustus Manning, der fiese Schurke an der Uni, und Stadtrat Fitch, der Polizeichef John Kurtz auf die Hörner nimmt. Wenn er sich da mal nicht verhebt. Frauen kommen selten vor, und so hat der Sprecher keine Mühe, ihnen eine markante Stimm- und Tonlage zu verleihen.

Beeindruckend ist Klaußners Fähigkeit zur korrekten Aussprache. Nicht nur sein Englisch ist völlig korrekt, sondern auch sein astreines Italienisch. Die poetischen Verse des Florentiners intoniert er so flüssig und klangvoll, dass man meinen könnte, er habe das jahrelang geübt.

_Unterm Strich_

„Der Dante Club“ hat mir außerordentlich gut gefallen. Einige Aspekte erinnern an Donna Tartts Bestseller „Die geheime Geschichte“, so etwa der Uni-Schauplatz und der literarische Zirkel der Täter. Bei „Dante Club“ kommt die komplexe Geschichte nur schwer in Fahrt, denn zunächst muss allen Hauptfiguren ein glaubwürdiges menschliches Innenleben verliehen werden. Außerdem ist zu erklären, was das Besondere an ihrem Übersetzungsprojekt ist und welche Konflikte es auslöst.

Doch schon bald beginnen sich Handlungsstränge und Motive zu verbinden, und es werden mehrere zentrale Konflikte sichtbar, die sich bis zum Finale gegenseitig verstärken sollen. Das letzte Drittel ist besonders spannend, denn die Suche nach dem wahren Täter nähert sich ihrem Ende und die sich ergebenden Konsequenzen sind für alle Beteiligten lebensgefährlich.

Besonders großen Spaß am Zuhören vermochte mir der fabelhafte Vortrag des Sprechers Burghart Klaußner zu verschaffen. Seine italienischen Verse klingen praktisch wie im florentinischen Original, und sein Englisch ist makellos. Die Charakterisierung der Figuren gelingt über weite Strecken so gut, dass der Zuhörer keine Zweifel hat, wer da gerade spricht.

Wegen des schleppenden zweiten Kapitels, als nach dem Healey-Leichenfund eine lange Setup-Phase die Mitglieder des Clubs vorstellt, erreicht das Buch zwar nicht ganz meine persönliche Bestwertung, für eine Spitzenposition im Gesamteindruck reicht es aber immer noch.

|Siehe ergänzend dazu unsere [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1776 der Buchausgabe.|

Andreas Eschbach – Das Jesus-Video

Hat ein Zeitreisender von Jesu Leben ein Video gedreht? Archäologen finden in Israel die Bedienungsanleitung für eine Videokamera, die erst in drei Jahren auf den Markt kommt. Und befindet sich die Kamera mit dem Video ebenfalls in Israel?
Während der Projektleiter, ein Industrieller, vom Vatikan 10 Milliarden Dollar für seinen Fund haben will, kontert die römisch-katholische Kirche mit einem Kommando der Heiligen Inquisition. Steht ein Religionskrieg bevor?

Der Autor

Andreas Eschbach, geboren 1959, schrieb mit „Das Jesus-Video“ einen der erfolgreichsten deutschen Unterhaltungs-Thriller: Er wurde von Pro7 verfilmt und als Hörbuch von Lübbe vertont. Inzwischen hat er neben Science-Fiction auch den spekulativen Wirtschafts-Thriller „Eine Billion Dollar“ und die Jugendbücher „Perfect Copy“ (über Kloning) und „Das Mars-Projekt“ veröffentlicht. Im September 2003 erschien sein neuester Roman „Der letzte seiner Art“, in dem es um einen Kyborgsoldaten im Ruhestand geht. Eschbach lebt in der Bretagne.

Der Sprecher

Matthias Koeberlin, geboren 1974, spielte den Stephen Foxx in der ProSieben-Verfilmung des Bestsellers. Als ausgebildeter Schauspieler weiß er seine Stimme wirkungsvoll einzusetzen und die Sätze deutlich und richtig betont zu lesen. Aber er kennt nicht die Aussprache jedes einzelnen ausländischen Namens – wer könnte es ihm verdenken? Daher betont er beispielsweise den Namen des Papst-Agenten Scalfaro falsch: Er sagt Scalfáro statt Scálfaro.

Handlung

Gibt es Zeitreisende – und wenn ja, wo sind sie geblieben? Haben sie was mitgebracht?

Stephen Foxx, Mitglied der New Yorker Explorer’s Society, findet bei archäologischen Ausgrabungen in Israel in einem 2000 Jahre alten Grab die Bedienungsanleitung einer Videokamera, die erst in drei Jahren auf den Markt kommen soll. Es gibt nur eine Erklärung (oder?): Jemand muss versucht haben, Videos von Jesus Christus zu machen. Der Tote im Grab wäre demnach ein Mann aus der Zukunft, dem es gelungen war, in die Vergangenheit zu reisen. Und irgendwo in Israel wartet eine Kamera samt Videoaufnahmen in einem sicheren Versteck darauf, gefunden zu werden.

Aber möglicherweise ist ja alles nur ein groß angelegter Schwindel. Schließlich hat ein Medienzar, John Kaun, seine Finger im Spiel. Er finanziert die Ausgrabung, und ein dubioser britischer „Wissenschaftler“ leitet die Grabungen. Als John Kaun dem Vatikan die noch nicht einmal gefundenen Videobänder gegen eine astronomische Summe verkaufen will, beginnt ein lebensbedrohliches Katz-und-Maus-Spiel für Stephen Foxx, das ihn zuletzt an den Rand des Verdurstens in der Wüste Negev führt.

Mein Eindruck

Eschbachs große erzählerischen Vorbilder sind Konsalik und Alistair McLean. Der Leser stößt dementsprechend allenthalben auf Kniffe und effektvolle Strukturen in Eschbachs extrem spannenden Thriller. Auffallend sind die vielen Cliffhanger-Schlüsse an Kapitelenden.

Flache Figuren

Leider sind seine Figuren notgedrungen entsprechend flach, geradezu stromlinienförmig. Sie erfüllen häufig nur dramaturgisch notwendige Funktionen. Nur Stephen Foxx‘ engste Freunde wie Peter Eisenhardt, Judith & Joshua Menes erfahren deutlichere Charakterisierung. Immerhin rettet seine stellenweise auftretende Selbstironie den Erzählton vor dem Abrutschen ins pathetische Drama. Am markantesten gelungen ist wohl der eremitische Vater eines der Ausgrabungshelfer – er gibt den entscheidenden Hinweis auf den Verbleib der Videokamera, doch schließt er sich selbst vom Geschehen, ja vom Rest der Welt aus.

Bildungsreise durch Israel

Ganz nebenbei vermittelt der Erzähler eine ganze Menge an Bildungswissen und wertvollen Einsichten: nicht nur über das politische Pulverfass Israel – allein schon der PLAN für eine Grabung an der Klagemauer könnte einen Krieg auslösen! -, sondern auch über seine vieltausendjährige Geschichte, auf die sich unter anderem auch unsere abendländische Kultur gründet. Hier agiert der Erzähler mit Tonnen von Material auf leichtfüßige Weise, glänzt stellenweise mit ironischem Witz und originellen Einsichten. Dies macht dieses Hörbuch nicht nur zu einem spannendem Hörerlebnis, sondern zu einem Vergnügen, das nicht so schnell zu wiederholen ist.

Zickzack-Epiloge

In den Epilogen, die der Haupthandlung folgen, verkehrt sich das vermeintlich so traurige Ergebnis der Haupthandlung mehrfach in ihr Gegenteil. Hier stellt der Autor die Frage, ob es so wahnsinnig wichtig ist, ob das Jesus-Video „echt“ ist und dies die „Wahrheit“ für alle Christen sei. Natürlich werden diese absoluten Wertkategorien relativiert. Aber rein aus Spaß an der Freud an diesem Spiel baut sich dann doch so etwas wie eine Zeitschleife auf. Nicht von ungefähr lautet der letzte Satz des Romans „Die Geschichte beginnt.“ Und der Begriff „Geschichte“ hat an dieser Stelle natürlich mehrere Bedeutungen. Selbst wenn wir dieses Buch lesen, sind wir Teil der „Geschichte“.

Originelle Sprache

Immer wieder fällt die abwechslungsreiche und originelle Verwendung der deutschen Sprache auf. So viele passende Begriffe wird man in kaum einer Übersetzung aus dem angelsächsischen Raum finden. Wörter wie „Kugelblitz“, „Glutball“, „herumfuhrwerken“ sind außerhalb der deutschen Sprache – und sogar innerhalb – nur wenig gebräuchlich.

Logischer Fehler

Ein Fehler ist auffallend, eine Fehlkalkulation in der Zeit: Die letzte Szene findet fünfeinhalb Jahre nach der Haupthandlung statt. Dort heißt es, die Videokamera käme in drei Jahren auf den Markt. Als der Zeitreisende auftaucht, sind die fünfeinhalb Jahre vergangen, die Kamera ist bereits seit zweieinhalb Jahren erhältlich. Dennoch wurde sie vom Verkäufer als „das Neueste vom Neuen“ empfohlen. Heute erscheinen zweieinhalb Jahre als eine Ewigkeit für einen Innovationszyklus.

Die musikalische Inszenierung

Diese Romanlesung ist sehr wirkungsvoll. Zum einen trägt ein ausgebildeter Schauspieler sie vor, zum anderen wurde sie mit dem Original-Soundtrack der ProSieben-Verfilmung inszeniert. Das bedeutet, dass jede CD mit einem Intro und einem Extro versehen ist, das den Zuhörer nach Israel versetzt. Das heißt auch, dass entsprechende Stimmen und Musikinstrumente erklingen, die in das jeweilige Milieu passen. Geräusche tauchen kaum auf. Sie würden auch nur stören, denn zwei „Tonspuren“ sind das Maximum, das das menschliche Gehör als erträglich empfindet (Grundkurs Tontechnik). Jede weitere Tonebene muss, wie jeder Spielfilm zeigt, entsprechend zurückgenommen werden.

Die letzte CD weist noch ein weiteres Schmankerl auf: den originalen Abschluss-Song, gesungen von einer Künstlerin. Unter „vocals“ gibt die Hörbuchbeilage „Anna“ an, mehr nicht. Die Musik selbst wurde komponiert, arrangiert, programmiert und aufgenommen von Egon Riedel (www.ego-n.de).

Unterm Strich

Die Hörbuchfassung vereint meines Erachtens das Beste aus beiden Fassungen: Gelesen wird die Buchfassung, aber mit der Musik und der Hauptrolle der ProSieben-Verfilmung. Der Film zeigt eine Variation der Geschichte und legt viel Wert auf Action und Tempo. Wer das Buch mag, kann man über den Film wohl nur den Kopf schütteln.

Deshalb bietet die Hörbuchfassung sozusagen das Original, aber multimedial aufbereitet: eine Rundumerfahrung, die die Längen des Buches hinter sich lässt (Redaktion: S. Scheibler), um zielstrebig zur Sache zu kommen (soweit das bei einer Katz-und-Maus-Jagd überhaupt möglich ist).

Umfang: 410 Minuten auf 6 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Gary Russell – Der Herr der Ringe – Die zwei Türme: Die Erschaffung eines Filmkunstwerks

Wieder einmal tauchen wir ein in die Welt der kreativen Prozesse, die zur künstlerischen Entstehung des zweiten Herr-der-Ringe-Filmes geführt haben – zumindest, was die visuelle Seite betrifft. Wer den Film auch hören will, muss sich vorerst mit dem Soundtrack begnügen. Erst im August kommt die erste DVD auf den Markt und im November die Special Extended Edition, die 44 Minuten mehr Filmmaterial aufweisen soll (das hoffentlich nicht zum Großteil aus 20 Minuten Abspann besteht!).
Dieser Bildband bietet über 500 Abbildungen aus den Ateliers: Entwurfsskizzen, Farbstudien und natürliche Miniaturen bzw. „Big-atures“: von Orthanc, Barad-dur, Fangorn und natürlich Helms Klamm.

Gary Russell – Der Herr der Ringe – Die zwei Türme: Die Erschaffung eines Filmkunstwerks weiterlesen