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Moore, Christopher – Bibel nach Biff, Die

Der Untertitel des Hörbuches lautet „Die wilden Jugendjahre von Jesus, erzählt von seinem besten Freund“. Denn diese Zeit fehlt bekanntlich in den vier Evangelien, die die Kirche nicht verboten hat. Hatte Jesus vielleicht eine Freundin? Was hat er in seiner Pubertät angestellt? Biff, sein „bester Freund“, hat darüber einiges zu berichten. Man darf sich nicht davon verwirren lassen, dass er Jesus „Josh“ nennt. Und dass im Hörbuch etliche Kapitel des Buches unterdrückt wurden. Merke: Religion ist eine ernste Sache, vor allem dann, wenn’s lustig wird.

_Der Autor_

Christopher Moore, geboren 1957 in Toledo/Ohio, hatte angeblich eine „ganz normale Kindheit“ in der Vorstadt. Er jobbte für den Führerschein und andere Zwecke, danach begann er zu schreiben und wurde berühmt. So geht’s eben manchmal. Wie auch diverse andere Kritiker stecke ich ihn mit Douglas Adams und Terry Pratchett in eine Schublade, aber dort fühlt er sich nicht wohl. Immer wieder bricht er in andere Genres aus – na sowas! Moore lebt in Cambria, Kalifornien.

Empfehlenswerte Bücher (alle bei |Goldmann|):
Der kleine Dämonenberater
Der Lustmolch
Die Himmelskönigin

_Der Sprecher_

Hugo Egon Balder, 1950 in Berlin geboren, arbeitete laut Verlag als Schlagzeuger, Komponist, Texter, landete schließlich 1985 mit „Erna kommt“ einen „Hit“. Nach der Schauspielschule trat er am Schiller-Theater in Berlin auf. Es folgte Kabarett, so etwa 1985 bis 1988 im „Kom(m)ödchen“ in Düsseldorf. Er produzierte u. a. „Samstag nacht“ und Frank Elstners „April, April“. Am ehesten erinnert man sich wahrscheinlich an ihn – etwas peinlich berührt – als Moderator der Nackedei-Ratesendung „Tutti Frutti“ aus den Uranfängen von RTL. 1997 folgte sein Debüt als Regisseur. Auf Sat.1 moderiert er zur Zeit „Genial daneben – Die Comedy Arena“.

Die Ansage erfolgt durch Hans Peter Hallwachs.

_Handlung_

Schon als kleiner Steppke vertreibt sich Joshua – das ist die aramäische oder hebräische Form des griechischen „Jesus“ – die Zeit damit, Wunder zu wirken. Er spielt Eidechsen-Zermantschen. Erst macht er sie platt, dann erweckt er sie wieder zum Leben. Macht anscheinend Spaß. Joshuas Sandkastengefährte und Jugendfreunde ist unser Chronist Levi bar Alphäus, der von seiner Mutter auch „Biff“ gerufen wird. Das klingt wie die Kopfnüsse, die sie ihm ständig verpasst.

Joshua lebt bei Joseph und Maria, schon klar, aber Joseph von Nazareth ist natürlich nicht sein richtiger Vater – den kennt bloß Maria. Joshuas Halbgeschwister sind Mirjam und Jakobus. Als Joshua zehn ist, ereignet sich die Sache mit der Schlange. Die Kobra hat er aus der Wüste mitgebracht, sie heißt Sarah, und er sagt, die tut keinem weh. Sie sieht aber trotzdem gefährlich aus, wenn sie sich aufrichtet. Deshalb meinen alle anderen, sie sei ein Dämon. Alle außer einem Mädchen namens Maria Magdalena (= aus Magdala). Die blauäugige Tochter eines Schmieds ist die Vernünftigste von allen und widerlegt die Dämonentheorie. Fortan an sind Maggie, wie ein Freund sie nennen darf, Joshua und Biff die dicksten Freunde.

Das erweist sich auch als ziemlich nötig, um Joshua vor den Folgen des Unsinns, den er mit seinen Wunder bewirkt, zu bewahren. Bei der Beerdigung der Esther beispielsweise lässt er die Tote wiederauferstehen. Während die Einheimischen bestürzt sind, reagieren die Römer, die stets Menschenansammlungen überwachen, alarmiert. Die Tote lässt Joshua lieber erneut sterben, als noch mehr Ärger zu verursachen.

Natürlich dürfen auch Engel in der Jesus-Chronik nicht fehlen. Der Bote Gottes ist der „gefürchtete Raziel“. Doch leider stellt sich heraus, dass er nicht ganz auf dem Laufenden ist. Zu Mariä Verkündigung kommt er zehn Jahre zu spät. Wie peinlich. Doch nett, wie sie sind, versprechen ihm die drei Freunde, die Klappe zu halten.

Der erste Apostel ist nicht etwa Biff, sondern ein gewisser Bartolomäus, kurz Bart genannt. Da Bart ein zynischer Philosoph ist, lebt er auch wie ein Hund, d. h. auch unter Hunden, genau wie Diogenes. Die Zyniker bzw. Kyniker habe ihren Namen vom griechischen Wort für Hund: kynos. Bart bemüht sich, gewisse unappetitliche Fähigkeiten und Eigenheiten seiner Geistesverwandten anzunehmen. Schwamm drüber!

Während Joshua noch überlegt, ob er statt Steinmetz wie Biffs Vater doch lieber Messias werden möchte, erfährt er zu seiner Überraschung, dass seine liebe Maggie verlobt ist. Und zwar ausgerechnet mit dem größten Rüpel von Nazareth, Yakan bar Iban. Dieser Bursche wird ihn noch sein ganzes, kurzes Leben lang verfolgen. Yakans Vater ist, wie später der Sohn, einer der Pharisäer, die für die Auslegung der alttestamentarischen Gebote Gottes zuständig sind. Wenn diese Gebote auch reichlich bizarr sein können, so werden sie doch streng überwacht. Es ist leicht, sie zu übertreten, und davon macht Joshua später ausgiebig Gebrauch.

Schon wieder tritt dieser lästige Raziel auf. Er gebietet Joshua, nichts mit Maggie anzufangen, sondern fortan keusch zu leben, in die Welt hinauszugehen und sein Schicksal zu suchen. Joshua kommt erst 17 Jahre später zurück in seine Heimat, doch was er erlebt hat, darüber erfahren wir im Hörbuch nichts (nur im Buch).

Jedenfalls fängt der Ärger jetzt erst richtig an. Es beginnt damit, dass Joshua Johannes den Täufer aufsuchen soll. Schon wieder ein Befehl seines Vaters. Nein, nicht von Joseph – der ist schon zwei Monate tot. Der andere. Biff und später Maggie bemühen sich redlich, Joshua von seinem Selbstmordtrip abzubringen. Meint der doch tatsächlich, er werde am Passahfest in Jerusalem einziehen und dann von den Pharisäern eingelocht werden, um am Kreuz zu enden. Was für eine fixe Idee!

Doch wenn alle Stricke reißen, haben Biff und Maggie immer noch einen Plan in petto. Biff beschließt, seinen suizidalen Freund zu vergiften, um ihn zu retten …

_Mein Eindruck_

Das Hörbuch gibt das Buch nicht wieder. Wie in den Kommentaren auf Amazon.de und anderswo nachzulesen ist, fehlt die Rahmengeschichte, die erklären würde, wie Biff überhaupt zum Chronisten von Jesu Leben wurde. Außerdem werden die 17 Jahre, die im Hörbuch übergangen werden, doch mit ein paar Begebenheiten gefüllt, so etwa mit der Reise zu den drei Weisen aus dem Morgenlande und zu einem gewissen Onan.

Es hilft aber nichts zu jammern, wenn es gilt, das Hörbuch als eigenständiges und abgeschlossenes Produkt zu bewerten. Da es sich um eine Satire handelt, ist klar, dass hier zahlreiche Verstöße gegen die orthodoxen Auffassungen von dem, was in der Bibel steht, zu finden sind. Allein schon Maria Magdalena. Die „Ehebrecherin“ – eine Bezeichnung, die man sich seinerzeit für so ziemlich jeden Fehltritt zuziehen konnte – ist hier eine sehr vernünftige und liebe Anhängerin Joshuas. Dass sie zugleich eine freundschaftliche Liebesbeziehung zu Biff pflegt, liegt daran, dass sie mit Joshua keinen Sex haben darf. Von wegen göttlichem Gebot und so. Sie lebt zeitweise wie mit Jules und Jim zusammen.

Aber auch Joshua erscheint uns nun in ganz anderem Licht. Er hat Humor, wenn er nicht gerade ein Wunder wirkt und die Bergpredigt schreiben lässt. Sein „dunkler Drang“ verleitet ihn dazu, ständig gegen die jüdischen Gesetze zu verstoßen und die Pharisäer zu provozieren. Er erscheint schon bald als der Selbstmordkandidat par excellence. Vielleicht weil er dem Teufel in der Wüste begegnet ist? Wohl nicht. Schon eher hat ihm sein richtiger Vater diese fixe Idee, sich zu opfern, eingepflanzt. Ironischerweise tritt Jahwe (oder Jehova oder wie man das sonst schreibt) nur ein einziges Mal auf, nämlich, als Johannes der Täufer Joshua untertaucht. Gerade als Jahwe sein Wohlgefallen ausspricht, hört dies Joshua natürlich nicht, was ihn maßlos ärgert und uns maßlos belustigt.

Kurz und gut: Moores Satire räumt mit einigen Legenden und Interpretationen der vier überlieferten, legalen Evangelien auf, die für die bibelfesten TV-Evangelisten sozusagen in Stein gemeißelt sind. Was jedoch die Amerikaner zur Weißglut treibt, ruft bei uns eher ein müdes Schulterzucken hervor. Nur ein Aspekt amüsiert uns, und das ist der gleiche, wie er in „Leben des Brian“ ausgebeutet wird. Dass es endlich ein paar halbwegs lustige Erklärungen gibt dafür, wie bizarr es seinerzeit in Judäa, Galiläa und den sonstigen römisch besetzten Gebieten zuging.

Ansonsten bleibt Moore mit seinem bodenständigen Yankeehumor ziemlich auf dem Teppich: Auf Golgatha schreit keiner „Vater, vergib ihnen!“, sondern es geschieht ein Mord. Von den ach so tollen Aposteln – das griechische Worte bedeutet lediglich, dass sie eine Nachricht verbreiten – bleibt ebenfalls wenig Heiliges übrig. Es sind übrigens fünfzehn, nicht zwölf. Der apokryphe Bartolomäus gehört natürlich dazu. Und als Zyniker hat er die Narrenkappe auf und stets einen kessen Spruch auf der Lippe. Kein Problem für Joshua.

Schade nur, dass das Hörbuch so kurz ist und am Schluss relativ abrupt endet. Ein kleines Glossar wird schmerzlich vermisst, das dem Hörer erklärt, was denn unter „Mazze“ (ungesäuertes Brot) und „Mikwe“ zu verstehen ist. Vielleicht gibt es das nur im Buch.

_Der Sprecher_

Hugo Egon Balder entledigt sich seiner Aufgabe mit der Routine des langjährigen Entertainers und Conferenciers. Leider liest er viel zu schnell für meinen Geschmack. So überhört wahrscheinlich jeder den Witz über die „Trockenpflaumerei“ Was das sein soll? Ganz einfach: Frigidität. Ähnliche Beispiele ließen sich massenhaft anführen.

Warum Balder jetzt auch Hörbücher aufnimmt? Wer weiß, vielleicht hat er ja von den Honoraren gehört, die ein Rufus Beck verlangen kann. Beck hat seine eigene Hörbuchedition bei |Hörbuch Hamburg|. Allerdings verfügt Beck über eine ungleich längere Liste von Werken, die er „vertont“ hat und über weitaus mehr Stimmen und Klangfarben, die ihm zur Verfügung stehen. Im Vergleich dazu ist Balder ein Zwerg, aber jeder Zwerg hat ja mal klein angefangen, nicht wahr?

Die einzigen Stücke der Stimmakrobatik, zu denen sich Balder hinreißen lässt, sind zum einen die Witwe des Zebedäus, die als Mutter der Apostel Johannes und Jakobus einen Platz im Himmelreich für die beiden fordert. Diese Witwe hat ein kreischendes Organ, dass es einem die Socken auszieht und den letzten Nerv raubt. Und zum anderen macht Balder einen Marktschreier und einen Geldwechsler täuschend echt nach – wenn es bei uns noch Marktschreier und Geldwechsler gäbe. Gäbe es ein Remake von „Leben des Brian“, so müsste Balder unbedingt diese Nebenrollen synchronisieren.

_Unterm Strich_

Die Geschichte von Joshua, Biff und Maggie ist stellenweise durchaus witzig und hat auch ihre spannenden Momente, wenn es dem Autor gelingt, die Figuren von ihrer religiösen Patina zu befreien und zum Leben zu erwecken. Dann kann sich der Hörer Szenen einer Handlung vorstellen, wie er sie sonst nur aus Monty Pythons „Leben des Brian“ kennt. Sie sind vor allem eines: respektlos. Das trägt erheblich zum Unterhaltungswert der Geschichte bei.

Aber „Bibel nach Biff“ belässt es nicht bei der Klamotte à la Monty Python, sondern untersucht auch elementare Lehren wie etwa die der „Bergpredigt“. Beim Verfassen dieser Rede, die bei keinem der legalisierten Evangelisten fehlen darf, erscheinen uns Biff und Joshua wie zwei Krämerseelen, die sich als Redakteure betätigen, wenn sie neue Ge- oder Verbote aufstellen, so etwa für das beliebte Verbrechen des Ehebruchs. Das nenne ich respektlos. Auch ein Homosexueller ist unter den Aposteln, natürlich undercover: ein gewisser Johannes.Und Maggie ist natürlich keine Hure, sondern ein sehr vernünftiges und liebes Frauenzimmer. Außerdem liebt sie Joshua, was ihr einen Bonuspunkt einbringt.

Was die Hörbuchfassung vom Buch übrig lässt, ist vielleicht nicht berauschend, aber doch annehmbar, wenn man sie alleine betrachtet. Der Sprecher Balder erledigt einen nicht so wahnsinnig tollen Job, was vor allem daran liegt, dass er viel zu schnell vorliest. Man könne dagegenhalten, dass eine Komödie immer schnell sein muss, aber das halte ich für Unsinn. So aber gehen viele Witze einfach unter. Sehr unterhaltsam sind hingegen seine stimmlichen Karikaturen. Leider sind sie viel zu selten. Zum Niveau eines Rufus Beck reicht eben noch nicht.

|Umfang: 280 Minuten auf 4 CDs
Originaltitel: Lamb: The gospel according to Biff, Christ’s childhood pal, 2002|

Lumley, Brian – Necroscope 2 – Vampirblut

Die Wege von Harry Keogh, dem Nekroskopen, und Boris Dragosani, dem Nekromanten, kreuzen sich und die Konfrontation ist unausweichlich. Doch beide kämpfen nicht alleine, sondern mit Unterstützung unheimlicher Verbündeter.

_Der Autor_

Brian Lumley wurde 1937 in England geboren. 1981 beendete er seine Militär-Karriere. Seither arbeitet er als freier Schriftsteller. Seine ersten Veröffentlichungen standen ganz unter dem Einfluss von H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos. 1986 schuf Brian Lumley mit seiner Vampir-Saga „Necroscope“ eine der erfolgreichsten Horror-Serien der Welt. Alleine in den USA haben sich seine Bücher weit über 2 Millionen Mal verkauft. So wie Brian Lumley den Vampir darstellt, hat es noch kein Autor zuvor gewagt. Mittlerweile hat Brian Lumley mehr als 50 Bücher veröffentlicht und schreibt fleißig weiter. Er und seine Frau Barbara Ann leben in Devon, England. (Verlagsinfo)

|Der Autor über sein Buch|

„Ich begann das erste Buch im März 1984. Ich hatte mir schon lange gewünscht, einen eigenen Vampir-Roman zu schreiben, irgendwann nach der Lektüre von Mathesons „Ich bin eine Legende“ (I am legend; verfilmt mit Charlton Heston) – und das ist schon Ewigkeiten her. Ich wollte jedoch Vampire darstellen, die etwas mehr tun, als bloß Blut zu saugen. Sie sollten ihre eigene Historie haben, eine Abstammung, und es musste einen verdammt guten Grund geben, warum sie noch nicht die ganze Welt beherrschen.“ (Verlagsinfo)

_Der Sprecher_

Der Synchronsprecher Helmut Krauss schenkt seine sonore und imposante Stimme u. a. Marlon Brando und Samuel L. Jackson. Krauss wurde am 11. Juni 1941 in Augsburg geboren. Nach seiner Schauspielausbildung machte er an diversen Theatern erste Bühnenschritte, studierte nebenher Pädagogik. 1963 übersiedelte er nach Berlin und arbeitete beim Rundfunk. Es folgten Engagements bei Fernsehen, Theater, Musical, Kabarett, Film und Synchron. Seit 1980 hört man Krauss als Nachbar Paschulke in Peter Lustigs ZDF-Kinderserie „Löwenzahn“.

_Das Hörbuch_

Auf dem Rücken jeder CD-Hülle sind Informationen zu Autor, Sprecher und Musiker abgedruckt sowie die Tracklist. Alle sieben CD-Hüllen stecken in einem dunkelroten Schuber, der selbstredend ebenfalls Infos trägt, darunter ein Zitat von Hans Ruedi Giger: „Ich liebe Lumleys deftige Fantasie“. Geschenkt.

Regie führte wieder Lars Peter Lueg von LPL records (www.lpl.de). Die Musik und Tontechnik sowie den Schnitt besorgte Andy Matern. Er hat maßgeblich an dem Hörbuch [„Der Cthulhu-Mythos“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=524 mitgearbeitet, das 2003 den |Deutschen Phantastik Preis| erhielt (www.andymatern.de).

Der Buchtext wurde von Frank Festa (www.Festa-Verlag.de) bearbeitet und gekürzt. Dennoch ist das Hörbuch noch neun Stunden lang, inklusive der Pausenfüllermusik.

_Handlung_

Im [ersten Band]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=779 der Vampirsaga „Necroscope“ haben wir bereits Boris Dragosani als eine der beiden Hauptfiguren kennen gelernt. Er ist im ESP-Dezernat (ESP: übersinnliche Wahrnehmung) von Gregor Borowitz für die Interessen des sowjetischen Geheimdienstes tätig. Seine Tätigkeit ist ebenso speziell wie grausig: Er ist ein Totenhorcher in dem Sinne, dass er frisch getöteten Opfern den Körper öffnet und dann daraus liest – eine perverse Art von Augur. Auf diese Weise zapft er die Erinnerungen der Opfer an. (Wie das im Einzelnen funktionieren soll, ist mir allerdings schleierhaft, wie so vieles in der Serie.) Sein Chef bezeichnet ihn als „Nekromant“, was gar nicht so verkehrt ist. Man denke etwa an Chiromantie, die Kunst des aus der Hand Lesens.

Dragosani hat in Transsylvanien die intime Bekanntschaft eines Wesens gemacht, das er als einen Vampyr und „alten Drachen“ bezeichnet. Durch einen über sechzig Jahre alten Vampirforscher namens Ladislau Gireski erfährt er mehr über Vampyri. Gireski erfuhr während der Bombenangriffe, die während des 2. Weltkriegs auf die Ölstadt Ploesti in Südrumänien geflogen wurden, von der Existenz dieser seltsamen Rasse von Wesen.

Gireski wohnte dem Sterben eines 500 Jahre alten Vampirs namens Fetor Fernczy bei, der unter den Trümmern eines ausgebombten Hauses sein Leben verlor. Interessanterweise sind Vampyri Symbionten: Ein Fremdwesen, der eigentliche Vampir, hat sich in einem normalen Menschen eingenistet, seine Physis ebenso verändert wie sein Leben verlängert. Im Falle des drohenden Todes seines Wirtes versucht der Vampir wieder zu entkommen, während das Fleisch seines Wirtes rapide verfällt. (Ob Vampire vom Titan oder Mars kommen, ist noch nicht ganz klar.)

Wie höchst interessant, findet Dragosani. Das bedeutet, dass jeder Mensch zum Vampyr (gemacht) werden kann. Er erfährt auch, dass Fetor Ferenczy zwei Söhne hatte: Tibor und Janosch, beide haben angeblich das Zeitliche gesegnet. Doch das Wesen, mit dem Boris schon Bekanntschaft gemacht hat, ist offenbar Tibor – man hat bei seiner Bestattung vergessen, ihn zu köpfen.

Boris bringt ihm Blutnahrung, woraufhin das bislang substanzlose Ding einen Tropfen seiner Essenz, ein Ei, auf Dragosanis Nacken fallen lässt. Als er es wegwischen will, ist es bereits in ihn eingedrungen und breitet sich mit rasender Geschwindigkeit aus. Schon nach kurzer Zeit registrieren Dragosanis Mitarbeiter die typischen Symptome eines Vampirs: lange Zähne, ebenso verlängerter Schädel, bleiche Haut und erhöhte Lichtempfindlichkeit.

All dies geschieht während des Frühjahrs und des Sommers 1976. Im Dezember schickt Borowitz seinen Nekromanten auf einen Killereinsatz nach England: Er und sein Kollege Max Batu sollen den Chef der ESP-Abteilung des britischen Geheimdienstes, Sir Keenan Gormley, töten. Außerdem sollen sie herausfinden, warum britische Atom-U-Boote für sowjetische Überwacher-Telepathen unsichtbar sind.

|Harry Keoghs Fehde und Aufstieg|

Frühjahr/Sommer 1976: Der britische Totenhorcher oder „Nekroskop“ Harry Keogh hat im ersten Band den Mörder seiner Mutter, Viktor Schukschin, ermittelt und nahe Edinburgh gefunden. Er besucht ihn und übergibt ihm eine Warnung in Form des Ringes seiner Mutter, ein Indiz für das Verbrechen. Schukschin, der gerade Borowitz seine Mitarbeit angeboten hat, ist entsprechend erschüttert. Er hasst alle ESP-ler, warum, wird (noch) nicht erklärt.

Harry wiederum erhält in seinen Träumen ernste Warnungen von seiner verstorbenen Mutter – er kann ja mit den Toten kommunizieren, und sie ist ein Medium. Sie warnt ihn vor Schukschins Reaktion und vor weiteren Agenten, die es auf Harrys ungeborenes Kind, das Brenda empfangen hat, abgesehen haben könnten.

Sir Keenan Gormley ist von Harrys ehemaligen Schuldirektor informiert worden. Er besucht Harry und bittet ihn um Mitarbeit in seiner Geheimdienstabteilung. Es herrscht Kalter Krieg und Harrys Beitrag könnte sich als wertvoll erweisen.

Für Harry ist es das erste Mal, dass jemand seine wahren Fähigkeiten ihm gegenüber zur Sprache bringt und nutzen will. Entsprechend verängstigt reagiert er, stellt sich unwissend und abweisend. Als diese Nummer nicht zieht, erbittet er sich Bedenkzeit, bis er seine Fehde gegen Schukschin abgeschlossen hat. Die Warnung seiner Mutter veranlasst ihn im Dezember, Brenda schleunigst zu heiraten und Gormley ebenfalls sein Ja-Wort zu geben.

|Killerwinter in Moskau|

In Moskau spitzen sich die Ereignisse zu. Werden der Vampyr Dragosani, sein Killer Batu, der Vampyr Tibor und der Nekroskop Harry Keogh erstmals in einem Duell der ESP-ler aufeinandertreffen? Eines steht schon mal fest: Die Dimensionen dieses Duells werden übermenschlich sein.

_Mein Eindruck_

Die Handlung dieses zweiten Bandes ist in vielerlei Hinsicht zufrieden stellender als die des ersten. Auf dem Debütroman liegt die Bürde, die Hauptfiguren vorzustellen und aufeinander zuzuführen. Im zweiten Band wird diese Bewegung vollendet, denn hier findet die finale Konfrontation zwischen Harry Keogh und Boris Dragosani statt. Auf einer höheren Ebene geht es in dieser Schlacht um die Vorherrschaft in der Welt des ESP-Einsatzes, und zwar nicht nur im Rahmen des Kalten Krieges.

|Der schwarze Ritter|

Aber die Schlacht wäre ziemlich spannungslos, wenn wir von vornherein wüssten, wie stark die Kontrahenten sind. Beide entwickeln sich aber zum Glück um wesentliche Bestandteile ihres Arsenals von „Talenten“ weiter. Hinsichtlich Dragosanis besteht ja der Sinn seiner häufigen Besuche in Transsylvanien darin, sich die Geheimnisse und Fähigkeiten eines unsterblichen Vampyrs anzueignen, um seinen Chef Gregor Borowitz vom Thron der ESP-Welt zu stürzen und sich an seiner Stelle zum König der sowjetischen ESP-ler-Zentrale auf Schloss Bronizy zu machen. Es ist spannend und mitunter bizarr zu verfolgen, wie dem rücksichtslosen Nekromanten dies gelingt.

|Der weiße Ritter|

Dragosanis Markenzeichen ist der skrupellose Machtmissbrauch, er geht buchstäblich über Leichen – um sie dann zu verhören. Er versagt darin nur ein einziges Mal … Sein genaues Gegenteil ist Harry Keogh, der Nekroskop. Um die geistigen Inhalte Verstorbener zu erhalten, schlitzt er keine Körper auf, sondern bittet ausschließlich die Verstorbenen selbst darum. Diese können bereits mehrere hundert Jahre tot sein, wie der Fall eines Adligen aus dem 17. Jahrhundert belegt. Von diesem veröffentlicht er das „Tagebuch eines Lebemanns“, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Eigeninteresse liegt Harry also nicht fern.

Harry ist darauf eingestellt, die Toten zu seinen Verbündeten zu machen. Dies wird sich bei dem Angriff auf Dragosanis Festung als entscheidender Vorteil erweisen. Doch nachdem ihn Lebende wie Sir Keenan Gormley mit wichtigem Rat versehen haben, wendet er sich der Entwicklung eigener Fähigkeiten zu. Für die Weiterentwicklung von entscheidender Bedeutung ist die Begegnung mit dem 1868 verstorbenen deutschen Mathematiker und Astronomen Möbius.

|Teleportation|

Noch heute ist dessen endlose und in sich verdrehte Möbiusschleife vielfach abgebildet zu sehen. Es geht um Dimensionen und das Durchschreiten von Türen in der Raumzeitdimension. Faktisch kommt dies dem Talent der Teleportation gleich. Grenzen sind für Harry fortan kein Hindernis mehr. In diesem „Möbius-Kontinuum“ begegnet Keogh mehreren Opfern von Dragosanis Spur der Verwüstung. Sie bitten Harry, sie zu rächen und steuern jeder ein Instrument zu Dragosanis Vernichtung bei. Mit diesen Attributen ausgestattet und mit mehreren Helfern an seiner Seite stellt Harry den klassischen weißen Ritter dar, der gegen den schwarzen antritt.

|Ironie|

Wieder einmal rächt sich für seinen Gegner, dass das absolut Böse keine Zweifel kennt oder zulässt. Es darf sich und seine Handlungsweise nicht hinterfragen, denn das würde belegen, dass es über ein Moralbewusstsein verfügt, mit dem es sich infrage stellen könnte. Spätestens der Vampir in Dragosani hat diese Ethikinstanz vernichtet. Das rächt sich bitter. Denn nun schlägt Dragosani auch die Warnung in den Wind, die ihm der bodenständige Mongole Max Batu auf den Weg gegeben hat: „Man kann die Toten nicht mit dem Bösen Blick verfluchen, denn sie sind bereits tot. Der Fluch fällt daher auf seinen Urheber zurück …“

|Für Harry und das liebe Vaterland|

Etwas naiv fand ich Lumleys Darstellung von Brendas Verhalten. Als die frisch angetraute Mutter von Harrys Sohn erfährt, dass ihr Mann Harry gedenkt, sich einer geheimnisvollen Abteilung des britischen Geheimdienstes anzuschließen, mäkelt sie keineswegs zickig herum, dass sie ja von nun an nur noch wenig von ihm haben werde. Und wer diese Finsterlinge denn überhaupt seien, ihr den Mann wegzunehmen? Oh nein, sie findet das voll in Ordnung, wünscht ihm viel Glück und opfert sich fürs liebe Vaterland. Jemand sollte der Lady ein Denkmal errichten und eine Flasche zwölf Jahre alten Glenmorangie schenken!

_Der Sprecher_

Ich habe mich immer wieder gefragt, wie wohl Joachim Kerzel, der Sprecher von „Necroscope 1: Das Erwachen“ bestimmte Passagen gelesen hätte. Ich denke mal, er hätte bestimmte Figuren wie etwa den uralten Vampyr viel lustvoller dargestellt. „Aaaah! Bluuuut!“ Und der finale Abgang des Vampyrs wäre wesentlich dramatischer ausgefallen: „Du Naaaaarrrr!“ Nun ja, man muss es ja nicht gleich übertreiben.

|Keine Atempause, die Geschichte wird gemacht, es geht voran!|

Helmut Krauss macht relativ kurzen Prozess mit solchen dramatischen Höhepunkten, als gelte es, doch möglichst viel Text in möglichst kurzer Zeit zu sprechen. Von Runterleiern kann zwar nicht die Rede sein, aber die fehlenden Pausen zwischen den Szenenwechseln haben mich mehr als einmal verwirrt und aus dem Konzept gebracht. Nur zwischen den riesigen Kapiteln wurde Füllmusik eingefügt, so dass man ein wenig zum Verschnaufen kam.

|Die CDs|

Die CD-Wechsel sind ebenfalls mitten in einer Szene fällig, was von den anderen Verlagen meistens vermieden wird. Die Wirkung besteht darin, dass der Hörer gezwungen ist, sofort weiterzuhören, um das Ende der Szene noch zu erfahren. Ein raffinierter Trick der Regie oder ungeschickte Aufteilung? Ich neige eher dazu, das Erste anzunehmen. Jedenfalls ist jede CD 78 bis 78,5 Minuten lang, eingeteilt in 16 bis 17 Tracks. Die Aufnahmequalität ist unverändert hoch.

_Unterm Strich_

Nach einem schleppenden ersten Drittel, in dem es vor allem Dragosani um Informationsbeschaffung geht, verknüpfen sich die Handlungsstränge, und es kommt zu ersten Szenen, in denen Interessenskonflikte ausgetragen werden. Ich rede hier von Action, okay? Die Spannung steigt, als sich sowohl Dragosani als auch sein britischer Gegenspieler Harry Keogh neue Fähigkeiten aneignen können, mit völlig gegensätzlichen Methoden. Der Showdown nahe Moskau ist unausweichlich und dürfte alle actionhungrigen Vampirfans zufriedenstellen.

Wie sich aus der Zusammenfassung der Handlung ergibt, setzt dieser Band die Kenntnis der Handlung des ersten voraus. Neueinsteiger dürften hiermit nur wenig anzufangen wissen. Wer nicht in das – gekürzte – Hörbuch von „Necroscope 1“ investieren will (wenn es nicht bereits vergriffen ist), der sollte sich beim |Festa|-Verlag das Buch besorgen.

Der Sprecher Helmut Krauss konnte mich nicht so begeistern wie Joachim Kerzel, wenn er auch die gleiche sonore Stimme voll zur Geltung bringt. Mein Tipp: Bässe aufdrehen! Doch die Tatsache, dass keine Pausen zwischen den Szenen einen Wechsel andeuten, hat mich mehr als einmal verwirrt.

Andere Verlage agieren diesbezüglich rücksichtsvoller. Ein besonders positives Beispiel stellt Jürgen Tarrachs Lesung von Robert Harris‘ Roman „Pompeji“ dar. Obwohl die Szene ständig wechselt und oftmals ebenso die erlebende Hauptfigur, so verliert der Hörer doch nie den Faden. Bei „Vampirblut“ kann das schon mal vorkommen. Die Musik von Matern ist mir nicht in besonderer Erinnerung – ein Beleg, dass sie sich dezent im Hintergrund hält.

Fazit: Ein ausgezeichnetes Horror-Hörbuch für hohe Ansprüche, das zwar hier und da Kanten & Ecken aufweist, aber exzellent ausgestattet ist.

|Umfang: 548 Minuten auf 7 CDs|

Grimwood, Ken – Replay – Das zweite Spiel

Betreut von SF-Lektor Wolfgang Jeschke, hat |Heyne| diesen SF-Roman zuerst 1994 in der Allgemeinen Reihe erscheinen lassen (aktuelle Neuausgabe in überarbeiteter Fassung). Dies wird durch das Setting gerechtfertigt, das immer wieder zwischen dem Jahr 1963 und 1988 angesiedelt ist, und das einzige SF-Mäßige an diesem Buch ist seine zentrale Pointe: Die Hauptfigur darf bzw. muss die 25 Jahre zwischen 1963 und 1988 immer wieder durchleben.

Der Roman wurde 1988 mit dem |World Fantasy Award| geadelt, eine bedeutende Auszeichnung. Sie ist auch vollständig verdient.

|Der Autor|

Ken Grimwood: |Der Autor des spekulativen Kultromans “Replay” von 1986, welcher in mehrere Sprachen übersetzt wurde und in Japan zu einem Bestseller wurde, schrieb fünf weitere Romane für Doubleday und Arbor House, darunter auch “Into the Deep”. Er arbeitete an einem Sequel zu “Replay”, als er am am 6. Juni 2003 in Santa Barbara, CA, einem Herzanfall erlag. Er war 59 Jahre alt.| (Internet-Information)

_Handlung_

Wer kennt sie nicht – die phantastische Szene in „Zurück in die Zukunft 1“, als Marty McFly im Bett seiner 14jährigen Mutter aufwacht und den schönen Namen Calvin Klein annimmt? Oder Kathleen Turner in „Peggy Sue hat geheiratet“, als sie ihrem Freund den Text eines berühmten Beatles-Songs als Karrierebonus gibt? Zeitreisende, die die Chance haben, alle im bisherigen Leben begangenen Fehler wiedergutzumachen oder zumindest nicht zu wiederholen: das zweite Spiel – Replay.

Dieser Zauber liegt auch über diesem Buch, jedoch mit einem bitteren Beigeschmack. Es beginnt mit der wunderbaren Aufreißerzeile: „Jeff Winston telefonierte gerade mit seiner Frau, als er starb.“ Der 43jährige Jeff Winston stirbt offenbar an einem Herzanfall im Jahr 1988.

Im gleichen Augenblick wird er „wiedergeboren“ im Jahr 1963, im Körper seines 18jährigen Ichs. Jung, körperlich gut in Form und sorgenfrei, hat er alle seine Erinnerungen an sein „früheres“ Leben beibehalten – an seine unglückliche, kinderlose Ehe, eine mittelmäßige Karriere als Rundfunkjournalist und 25 Jahre zerflossener Hoffnungen.

Sobald er sich wie Marty McFly von seiner anfänglichen Desorientierung erholt und gelernt hat, sein merkwürdiges Schicksal anzunehmen, nimmt er sich vor, sein zweites Leben bis zur Neige auszukosten. Er will ein Vermögen erwerben, die Gunst schöner Frauen gewinnen, die Welt bereisen, vielleicht sogar den Lauf der Geschichte durch die Denunzierung des Kennedy-Mörders Lee Harvey Oswald verändern.

Wie im Märchen erreicht Jeff all diese Ziele, wenn auch nicht ganz mit den Ergebnissen, die er erwartet hatte. Nachdem er sich die Gewinner verschiedener Pferderennen und Baseballmeisterschaften erinnern konnte, gewinnt er riesige Summen bei den Wetteinsätzen (erinnert Sie an „Zurück in die Zukunft II“, nicht wahr?). Damit steigt er in den Aktienmarkt ein, kauft Anteile an IBM, Xerox, Polaroid, investiert sogar in die Firma zweier Hippies in Kalifornien, die sich Apple Computer nennt. Er wird Multi-Millionär.

Doch sein privates Leben verläuft ungleich weniger zufriedenstellend. Nachdem er sein College-Schätzchen verlassen hat, tut er sich im Spielerparadies Las Vegas mit der gleichermaßen sexhungrigen Rumtreiberin Sharla zusammen.

Um etwas für die Zukunft des Landes zu tun, denunziert er wenige Tage vor der geplanten Ermodung J.F. Kennedys Oswald, den Mörder aus den Geschichtsbüchern. Kennedy stirbt trotzdem, getroffen von den Kugeln eines Nelson Bennet, der wiederum von Jack Ruby abgeknallt wird.

Jeff erkennt, wie eingeschränkt seine Möglichkeiten sind. Er wendet sich dem respektablen, stabilen Leben zu, zahlt Sharla aus, heiratet eine Frau aus den oberen Zehntausend von Boston (nachdem seine „frühere“ Ehefrau ihn als verrückt abgewiesen hatte) und hat eine wunderschöne Tochter, die er abgöttisch liebt.

Mit 43 ist er zwar glücklicher als zuvor, aber emotional unerfüllt. Als er wiederum stirbt und in den 18jährigen Körper zurückkehrt, erbittert ihn lediglich der Verlust seiner geliebten Tochter.

Mit der Aussicht, wiederum in der Zeitschleife hängen zu bleiben, heiratet er seine Collegeliebe Judy, um mit ihr eine glückliche Ehe zu führen. Eigene Kinder zu zeugen, versagt er sich, doch adoptiert er welche.

Als der Moment des Abschieds naht, spielen die EKGs verrückt, aber nichts kann das neuerliche Zurückgeworfenwerden ins Jahr ’63 verhindern. Mit Sharla durchlebt er die sexuelle Libertinage der frühen Sechziger, zieht sich aber nach einem Beinaheabsturz seines Fliegers als Eremit von der Welt zurück.

Erst als er den Film „Starsea“, von einem gewissen Steven Spielberg gedreht, sieht, macht er sich auf, die Drehbuchautorin zu treffen: Pamela Phillips ist ebenfalls eine Wiederholerin. Und sie hat vor, z. B. über solche Filme die Welt zu verändern. Doch jetzt ist Jeff nicht mehr allein mit seinem Leid.

Von hier an wird die Handlung zunehmend komplex (falls das noch geht) und hält Überraschungen bis zum Schluss bereit. Doch die Schleife stellt sich als Spirale heraus: Zu ihrer wachsenden Beklemmung merken sie, daß der Zeitpunkt ihres „Wiedergeborenwerdens“ immer später stattfindet – eine sich schließende Schere, die den Lebensfaden abschneidet …

_Mein Eindruck_

Das Buch ist im allseits bekannten Mainstream-Stil der US-Bestseller geschrieben, eine Lektüre, die sich wirklich gut verschlingen (und verstehen) läßt. Grimwoods Plot wird etwas gestört durch die unreflektierte Verehrung für JFK und durch eine ganze Menge Sexszenen, die aber immerhin nicht um ihrer selbst willen geschrieben wurden. Sex ist hier keine Religion, sondern eine Quelle des Vergnügens, ein Zeugnis der zwischenmenschlichen Zuneigung.

Trotzdem beschert Grimwoods Buch kurzweilige Lektüre, clever, manchmal bewegend und einfallsreich. Es ist meines Wissens das einzige Buch im SF-Dunstkreis, das mit Hilfe einer Zeitschleife einen derart befriedigenden Plot zustande bringt.

|Originaltitel: Replay, 1986
Aus dem US-Englischen von Norbert Stöbe
Mit einem Vorwort von Terry Bisson|

Thomas Ligotti / Horacio Quiroga – H. R. Giger’s Vampirric 1 – Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts

Der Schweizer Multimediakünstler H.R. Giger ist am besten bekannt für seine Kreation des Alien-Monsters in Ridley Scotts gleichnamigen Science-Fiction-Horror-Film. Sein Museum befindet sich in Gruyères in der Schweiz – und natürlich auch im Internet. Siehe auch den Schluss dieses Artikels.

In der ersten Folge von H.R. Gigers vierteiliger „Vampirric“-Reihe finden sich folgende zwei Vampir-Geschichten: „Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts“ von Thomas Ligotti und „Das Federkissen“ von Horacio Quiroga. Beide Storys liest Lutz Riedel. Die Vorworte spricht HR Giger.

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Gemmell, David – Im Zeichen des dunklen Mondes

Dies ist ein spannender, wenn auch nicht unbedingt mitreißender Fantasy-Action-Roman. Es geht um Wahrheit, Menschlichkeit, Liebe, Hass und Versöhnung. Im Mittelpunkt steht die Frage: Gibt es eine biologische und soziale Notwendigkeit bzw. Rechtfertigung für Gewalt und Krieg?

_Der Autor_

David Gemmell (geb. 1948), früher selbst einmal Soldat, ist der führende britische Autor (wenn nicht sogar weltweit) von Fantasy-Action-Romanen. Besonders bekannt wurde ab 1984 er mit der Drenai-Saga, in der kernige Helden wie „Druss die Legende“ in einem untergehenden mittelalterlichen Reich schier aussichtslose Kämpfe ausfechten.

Seine zweite Romansequenz dreht sich um die magischen Sipstrassi-Steine (1987-94). Dazu gehören auch einige Romane, die in einer Post-Holocaust-Zukunft angesiedelt sind („The Jerusalem Man“). Ein dritter Romankomplex umfasst die historischen Fantasien um Alexander den Großen: „Der Löwe von Makedonien“ und „Der dunkle Prinz“ (1990/91). Die Falkenkönigin-Duologie dreht sich um eine heldenhafte Kriegerin: „Eisenhands Tochter“ und „Die Keltenkriege“. Es handelt sich eindeutig um Heroic Fantasy.

_Handlung_

Der Schwertkämpfer Tarantio begibt sich nach verlorener Schlacht in die große Stadt Corduin, eine der vier Hauptstädte im Land, die, in wechselnden Allianzen, miteinander im Krieg liegen. Seit sieben Jahren kämpft man um den Besitz der kostbaren Perle der Eldarin, eines verschwundenen Volkes friedliebender Elfenwesen. Tarantio macht es sich mit seinem etwas zurückgebliebenen Gefährten Brune gemütlich. Leider ist er eine schizophrene Persönlichkeit: Dace, der wilde und rachsüchtige Teil von ihm, lässt ihn immer wieder in Streit geraten. Schon bald darf er sich auf ein Duell freuen.

Herzog Sirano von Prentuis hat das Geheimnis der Perle in seinem Besitz mittels Magie gelüftet und den Bann, den sie speichert, aufgehoben. Als Folge dessen löst sich das Gefängnis um die Welt der von den Eldarin verbannten fremdartigen, brutalen Daroths auf: Sieben ihrer Städte erscheinen in der Welt der Menschen. Die Daroths, die sich mittels Telepathie verständigen, sind praktisch unsterblich, denn alle zehn Jahre wird ein Daroth durch eine jüngere Version ersetzt. Kein Wunder, dass sie für so kurzlebige Wesen wie die Menschen nur Verachtung übrig haben: Sie essen sie und nehmen ihr Land.

Tarantios friedliche Tage sind gezählt. Als die Feldherrin Karis, deren Truppen ihn besiegten, in Corduis auftaucht und bekannt wird, dass die Daroth die Stadt bedrohen, wird er von Karis und dem Herzog Albreck kurzerhand eingezogen, ebenso wie sein Duellgegner Vint. Corduis erfährt vom Untergang der Stadt Prentuis und dem Verschwinden Herzogs Sirano, macht sich selbst für die Belagerung bereit. Tarantio begegnet dem Harfner und Heiler Duvodas, der eine alte magische Gabe des Oltor-Volkes, das von den Daroth vernichtet worden war, geerbt hat: Seine Musik heilt und bringt Wohlstand. Als Tarantios Freund Brune vom Geist eines Oltor besessen wird, weist dieser den Weg zur Rettung vor den Daroth. Doch diese liegt nicht in Waffen und List, sondern in der Magie und dem Glauben an Frieden und Liebe.

Als die Daroth-Armee vor den Mauern von Corduis auftaucht, haben deren Bewohnern und Soldaten einige Überraschungen bereit, aber auch Duvodas ist nicht untätig. Er reitet direkt in die Hauptstadt der Daroth …

_Mein Eindruck_

Gemmell stellt uns zwei alternative Gesellschaften vor. Am Schluss versucht er eine versöhnliche Antwort zu geben. „Im Zeichen des dunklen Mondes“ ist ein stellenweise fast schon nachdenklich erscheinender Fantasyroman. Doch die Figuren (außer den „Pazifisten“) ergehen sich nicht in langen Monologen, sondern setzen ihre jeweiligen Überzeugungen ohne Zögern in die Tat um. Actionfans kommen hier also voll auf ihre Kosten. So weit so schön, fast wie in der Drenai-Saga.

Von dieser Regel gibt es nur wenige Ausnahmen, und das sind bezeichnenderweise jene Figuren, die durch die Liebe verändert werden: Tarantio, Duvodas, Karis. Und hier kommen dann die Erotikfans voll auf ihre Kosten, denn entsprechende Szenen gibt es hier reichlich.

Doch Liebe muss nicht immer Segen bringen: Ihre Kehrseite ist der Hass, und von dem ist Duvodas erfüllt, als seine schwangere Frau Shira von den Daroth getötet wird. Duvodas wird erst wieder menschlich, als er Jahre später seinen tot geglaubten Sohn wiederbekommt – ausgerechnet von den Daroth. Gemmell zeigt hier, dass er nicht auf einem Auge blind ist, wie so viele Autoren von heroischer Fantasy und anderen romantischen Genres. Vielmehr schaut er den Tatsachen ins Gesicht und konfrontiert den Leser mit der ungeschminkten Wirklichkeit des Lebens.

Das Titelbild ist wie fast immer bei dieser Reihe sehr gelungen, obwohl es schon etwas älter ist: Es zeigt eine weibliche japanische Samurai, wie man sie sich in den achtziger Jahren vorstellte. Tatsächlich war dies die Illustration zu „Tomoe, die Samurai“, einem Fantasyroman, der ebenfalls bei |Bastei Lübbe| erschien. Jedem Kapitel ist die kleine Vignette eines Mondes vorangestellt – ein reizvolles optisches Element. Insgesamt hat mich die Lektüre sehr zufriedengestellt.

|Originaltitel: Dark Moon, 1996|

Jules Verne – Von der Erde zum Mond (Hörspiel, 1967)

Die Eroberung des Erdtrabanten war in der Literatur schon seit der Antike – etwa bei Lukian – ein gängiges Motiv. Die meisten Autoren ließen sich irgendwelche fantastischen Tricks einfallen, um von A nach B zu gelangen, was ihre Geschichte denn auch als Fabel auswies. Doch erst Verne strengte sich an, eine technische Lösung für das Problem der Personenbeförderung zum Erdmond zu suchen. Und er fand sie in Gestalt einer 300 Meter langen Superkanone. Sie funktioniert allerdings auch nur in seiner Geschichte …

Der Autor

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Isaac Asimov – Falsch korrigiert

Wer den Film „I, Robot“ mit Will Smith in der Hauptrolle gesehen hat, bemerkte vielleicht an der Seite des Detektivs die Roboterentwicklerin Dr. Susan Calvin. Diese von Isaac Asimov erfundene kluge Wissenschaftlerin spielt in mehreren Robot-Storys eine wichtige Rolle. Ihr fällt die Aufgabe zu, die bekannten drei Gesetze der Robotik in Form positronischer Schaltkreise umzusetzen. So auch im vorliegenden Hörspiel: Dr. Calvin steht vor Gericht.

Der Autor

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Baldacci, David – Im Bruchteil der Sekunde

„Sean King ist Agent des Secret Service und soll einen Präsidentschaftskandidaten schützen. Doch im entscheidenden Moment versagt er. Sein Schützling wird vor seinen Augen erschossen. – Acht Jahre später: Die junge Agentin Michelle Maxwell in ihrem ersten großen Einsatz. Auch ihr Auftrag ist der Schutz eines Kandidaten. Auch sie lässt sich täuschen. Doch sie sieht noch eine Chance – Sean King. Denn solche Dinge geschehen nicht zweimal. Nicht aus Zufall!“ (Verlagsinfo)

|Der Autor|

David Baldacci ist der Verfasser u. a. von „Der Präsident“, das Clint Eastwood unter dem Titel „Absolute Power“ verfilmt hat. Der frühere Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist lebt in Virginia, USA, in der Nähe von Washington, D.C. Weitere Baldacci-Hörfassungen bei |Lübbe|: „Das Labyrinth“, „Der Abgrund“, „Die Versuchung“, „Das Versprechen“, „Die Verschwörung“ und „Die Wahrheit“, „Das Geschenk“.

|Die Sprecherin|

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Akte-X-Star Gillian Anderson („Scully“) und Demi Moore, hat bereits u. a. mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ und Stephen Kings „Das Mädchen“ gesprochen. Während ihrer Schauspielausbildung in Berlin trat sie als Sprecherin im Hörfunk hervor. Inzwischen ist sie auch bei der Wissenschaftssendung „Galileo“ regelmäßig als Kommentatorin der Berichte zu hören.

Ihre Tonaufnahme ist von erstaunlicher Präsenz und sehr klar. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.

Die Hörbuchfassung wurde von Dr. Arno Hoven gekürzt und redigiert.

_Handlung_

26. September 1996: Sean King, Agent des Secret Service, ist mal wieder für den Personenschutz eingeteilt. Diesmal ist es seine Aufgabe, den Präsidentschaftskandidaten Clyde Ritter vor möglichen Anschlägen zu schützen. Deshalb hält er sich mit seinem Team stets in unmittelbarer Nähe seines Schutzbefohlenen auf.

Dennoch lenkt ihn für wenige Sekunden ein bestimmter Anblick ab. Es muss ein ziemlich bemerkenswerter Anblick sein, vielleicht auch ein Geräusch – in seiner Erinnerung ist das inzwischen alles miteinander verschmolzen. Doch wir erfahren perfiderweise lange Zeit nicht, was es eigentlich ist.

Ein Knall ertönt, sein Mittelfinger wird weggeschossen, Clyde Ritter stürzt, ins Herz getroffen, Panik bricht unter den jubelnden Anhängern im Saal des |Fairmount Hotel| aus. Der Todesschütze steht Sean King hilflos, irgendwie überrascht gegenüber, und King hat keine andere Wahl, als den Mann mit einem gezielten Schuss ins Jenseits zu befördern. In diesem Moment stirbt auch in Sean King etwas. Er hat versagt, im entscheidenden Augenblick.

Acht Jahre später findet in Virginia eine ganz andere Szene statt, die zu einem ähnlichen Ausgang führt. Wieder ist ein Mitglied des Secret Service involviert: Michelle Maxwell, eine attraktive Frau Anfang dreißig, leitet den Einsatz, um den Besuch des Präsidentschaftskandidaten John Bruno bei der Bestattung seines Freundes Bill Martin zu sichern. Der sozialdarwinistisch eingestellte Anwalt und ehemalige Fernsehprediger hat viele Feinde.

Es geht ihr daher mächtig gegen den Strich, dass er die Leichenhalle ganz allein besuchen möchte, um mit der Witwe ein privates Gespräch zu führen. Nach einer gründlichen Durchsuchung der Leichenhalle gibt Michelle widerwillig ihr Okay. Als die Minuten verstreichen, ohne dass Bruno wieder auftaucht, wird Michelle sehr nervös. Als sie den Saal betritt, liegt Bruno tot auf dem Boden, wie es scheint, und von der Witwe findet sich keine Spur. Auch mit dem Sarg scheint etwas nicht zu stimmen …

Wenig später erhält Sean Kings Anwaltskanzlei in Rydesburg, Virginia, ungebetenen Besuch. Doch da sich King auf seinem allwöchentlichen Einsatz als Hilfspolizist befindet, bekommt er nichts davon mit. Erst als King, der morgens im TV von dem Zwischenfall mit John Bruno erfahren hat, seine Kanzlei betritt, bemerkt er den Toten: Howard Jennings arbeitete für ihn. Doch was King nicht hätte wissen sollen, aber ahnte, macht die Sache brisant: Jennings war im Zeugenschutzprogramm des FBI. Wer also hat seinen Aufenthaltsort verraten? For Deputy Marshal Parks ist der Fall klar: King muss darin verwickelt sein.

Wenig später erfährt Michelle von dem Mord an Jennings und findet, dass die Sache sehr merkwürdig ist. Ihr fallen die Parallelen zwischen dem Mord an Clyde Ritter und dem Anschlag auf John Bruno auf. Obwohl sie von ihrem wütenden Chef Bishop beurlaubt worden ist, stellt sie auf eigene Faust Ermittlungen an. Als sie das Überwachungsvideo von dem Mord an Ritter sieht, fällt ihr auf, dass Agent King seinerzeit durch ein seltsames Geräusch abgelenkt worden war: ein PING, wie man es von einer sich öffnenden Fahrstuhltür kennt. Wer kam damals aus dem Fahrstuhl?

Sie beschließt, sich an King zu wenden, um mit ihm die beiden möglicherweise zusammenhängenden Anschläge aufzuklären und ihrer beider Namen reinzuwaschen sowie die Verbrechen aufzuklären. Unterdessen hat King alle Hände voll zu tun, die amourösen Annäherungsversuche seiner füheren Kollegin Joan Dillinger abzuwehren. Sie legt sich doch tatsächlich halb entkleidet auf seinen Frühstückstisch …

_Mein Eindruck_

Wie schon „Der Abgrund“ ist auch „Im Bruchteil der Sekunde“ ein Thriller über die Leute, die sich von Amts wegen um den Schutz von wichtigen Leuten oder um deren Befreiung kümmern. In „Der Abgrund“ war es der Angehörige eines Geiselbefreiungsteams des FBI, in „Sekunde“ sind es zwei Secret-Service-Agenten, die von Unbekannten als unfähig bloßgestellt werden. Und wie Michelle Maxwell richtig erkannt hat, gibt es mehrere Verbindungen zwischen den Fällen Clyde Ritter, Howard Jennings und John Bruno. Wie sich der erfahrene Leser leicht zusammenreimen kann, steckt eine groß angelegte Verschwörung dahinter. Deren Zweck ist ziemlich eindeutig: Vergeltung. Doch wofür?

Eine der Schlüsselfiguren ist der Mann, der Clyde Ritter erschoss. Der College-Professor Arnold Ramsey war Politologe an einem unbedeutenden College in der Provinz, dabei hatte er einen guten Uni-Berkeley-Abschluss. Wie sich nach längeren Nachforschungen zeigt, war Ramsey politisch engagiert und demonstrierte 1974 in Washington, D.C., gegen Nixon (der Vietnamkrieg endete 1973, aber Nixon stürzte über die Watergate-Affäre). Und in dieser Zeit, die 30 Jahre zurückliegt, befindet sich der Schlüssel zu der Verschwörung. Da sind sich Sean King und Michelle Maxwell zunehmend sicher.

|Im Labyrinth der Verschwörer|

Bis aber der Drahtzieher gefunden ist, vergehen schier unendlich lange Kapitel, in denen sich ein rätselhafter Zwischenfall an den nächsten reiht, so dass es den beiden Berufskollegen schwer fällt, zwischenmenschliche Gefühle zueinander aufzubauen. Ständig werden sie schikaniert, eingeschüchtert, verfolgt, überwacht, entführt, wieder befreit, so dass sich der Hörer allmählich fragt, wohin das alles denn führen soll.

Dieser Zickzackkurs dient dazu, zahlreiche Spuren aufzudecken und Zusammenhänge herzustellen. Die Verschwörung ist – allein schon wegen des 30 Jahre umfassenden Zeitraums – derartig gut versteckt, dass erst nach langen Ermittlungen für King feststeht, wer dahinter stecken muss. Und natürlich werden King und Maxwell auf falsche Fährten gelockt und von falschen Identitäten getäuscht – der reinste Informationsdschungel. Wenn man lange genug nachgraben würde, könnte man vermutlich den einen oder anderen Logikfehler zutage fördern. Dieses unterschwellige Gefühl der Unsicherheit, ob das alles so hinhaut, trug ebenfalls zu meinem Frust bei.

|Es ist immer was los|

King wundert sich mehrmals, warum man ihn noch nicht verhaftet hat – wir auch. Schließlich hat er einen Toten in seinem Büro und die vermisste Tatwaffe von Arnold Ramsey seit neuestem in seiner Verwahrung. Nun, wenigstens wird sein Haus abgefackelt und er selbst hurtig von Finsterlingen entführt. Das ist doch schon mal was. Es ist immer was los.

Auch das Finale ist nicht von schlechten Eltern. Der Schurke inszeniert jenen verhängnisvollen 26. September 1996 noch einmal. Nur setzt dieser „begnadete“ Regisseur diesmal eine etwas andere und reichlich bunt zusammengewürfelte Truppe ein, um Sean King sein damaliges Versagen mit absolut tödlicher Konsequenz deutlich zu machen. Es ist eine Exekution von höchster Raffinesse.

|Ein langer Weg zum Ziel|

„It’s a long road to Tipperary“, sangen die irischen Soldaten, wenn sie aus einem der vielen Kolonialkriege ihrer englischen Eroberer nach Hause trotteten. Die irische Stadt liegt auf einem lange sacht ansteigenden Hügel, und man braucht zu Fuß fast eine Ewigkeit, um den Gipfel zu erreichen.

So ähnlich erging es mir mit diesem Hörbuch. Selbst noch in der gekürzten Fassung wollten die undurchsichtigen Verwircklungen, in denen sich Michelle und King gefangen sehen, kaum ein Ende nehmen. (Ich behielt den Überblick für die obige Zusammenfassung nur durch meine Notizen, die ich mir standardmäßig bei einem Hörbuch mache.)

Schließlich war ich froh, dass das Finale mit einer gehörigen Portion Action zu den entsprechenden Entscheidungen führte, wer überlebt und wer nicht. Ich verrate natürlich nicht, ob die Guten davonkommen oder nicht und welcher der Bösewichte ins Gras beißen muss. Aber es ist interessant, wie der Autor seine Entscheidungen verteilt hat, wenn er Schicksal spielt.

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla, die Synchronstimme von Gillian Anderson, verleiht den Figuren eine ziemlich unverwechselbare Charakteristik. Sie lassen sich relativ leicht auseinanderhalten. Das ist bei einer so großen Riege von Figuren auch dringend notwendig. Am besten gelingen ihr Frauen, die ein wenig vom Durchschnitt abweichen, so etwa die alte Gin-Säuferin Millie Martin (hat sie ihren Mann umgebracht oder nicht?) und die scheinbar einfache Putzfrau Loretta Baldwin, die sich nebenberuflich als Erpresserin betätigt. Jedenfalls bis zu ihrem vorzeitigen Ableben.

Pigulla erhält Gelegenheit, ihren gesamten Stimmumfang einzusetzen, und das schließt auch die Lautstärke mit ein. Gerade beim Showdown im Hotelsaal wird ordentlich geschrien, und wenn’s bloß „In Deckung!“ ist. Den Lärm der Schüsse – so eine .357er verursacht in der Realität (im Film nie!) ein irres Getöse – muss man sich dazudenken. Auch das Tempo wird von der Sprecherin feinfühlig reguliert, mal schnell bei Action, mal langsam bei einem intensiven zwischenmenschlichen Kontakt.

Es ist immer schön festzustellen, dass ein Sprecher seinen Vortrag geübt hat. Man kann zwar mit Recht annehmen, dass Versprecher und Patzer an der Tagesordnung sind und sofort rausgeschnitten werden, aber das ist nur die halbe Miete. Wenn die Betonung eines Satzes nicht hinhaut – war das jetzt eine Frage oder eine Feststellung? – oder eine Satzeinheit nicht richtig betont wird, so verunsichert das den Hörer. Und zusätzlich zu der Komplexität der Handlung erhöht dies nur den Frust. Das verhindert Pigulla durch ihren erstklassigen Vortrag.

_Unterm Strich_

Ich fand das erste Drittel recht spannend, das actionreiche Finale steigerte diese Spannung und belohnte das lange Warten. Doch in der Mitte muss der Hörer eine lange Durststrecke überwinden. Es ist zwar, wie gesagt, immer was los, auch Verschnaufpausen verleihen der Handlung einen gewissen Rhythmus. Doch was so viel Mühe bereitet, ist die Vielzahl an Spuren, welche die beiden Hauptfiguren abklappern müssen, um der Verschwörung auf den Grund zu gehen. Gut, wenn man sich Notizen macht, um den Überblick zu behalten.

Humor habe ich meistens vergeblich gesucht, und es ist einigermaßen bemerkenswert, dass vor allem die Frauen dafür zuständig sind. Sean King als gebrochener Charakter ist eh nicht so der Wonneproppen, und die Frauen kümmern sich der Reihe nach liebevoll um den geknickten Kämpen. Man könnte glatt den Glauben an die Menschheit zurückgewinnen. Sean King zumindest fällt dies äußerst schwer. Offenbar hat die Verschwörung auf ihn abgefärbt und er sieht hinter jeder liebevollen Geste einen versteckten Anschlag. Selbst Joan Dillinger auf dem Präsentierteller kann ihn nicht vom Gegenteil überzeugen. Recht hat der Mann. Vielleicht einmal zu oft.

Franziska Pigulla hat mich wieder einmal von ihren Sprecherfähigkeiten überzeugt. Sie haucht der Handlung und den Figuren Leben ein, kann allerdings nur wenig gegen die strukturellen Schwächen der Story ausrichten. Es bleibt ein Verschwörungsthriller nach Schema F. Der Preis dürfte deshalb auch nicht höher sein.

|Umfang: 468 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Split Second, 2003
Aus dem US-Englischen von Till R. Lohmeyer und Christel Rost.
Autorenhomepage: http://www.david-baldacci.com/ |

Stanislaw Lem – Die lymphatersche Formel

„Die lymphatersche Formel“ behandelt ein Thema, das seit E. A. Poe und Meyrinks „Der Golem“ zu großen Visionen in Literatur und Film geführt hat: den Wahnsinn eines genialen Wissenschaftlers, der fatale Konsequenzen hat.

Der Autor

Stanislaw Lem, geboren am 12. September 1921 in Lwòw, dem galizischen Lemberg, lebt heute in Krakow. Er studierte Medizin und war nach dem Staatsexamen als Assistent für Probleme der angewandten Psychologie tätig. Privat beschäftigte er sich mit Problemen der Kybernetik, der Mathematik und übersetzte wissenschaftliche Publikationen. 1985 wurde Lem mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet und 1987 mit dem Literaturpreis der Alfred Jurzykowski Foundation. Am bekanntesten wurde er für die literarische Vorlage für zwei Filme: „Solaris“, das 1961 veröffentlicht wurde.

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Simmons, Dan – Hard as Nails

„Hard as Nails“ ist der dritte und letzte Krimi mit Privatermittler Joe Kurtz aus Buffalo im US-Bundesstaat New York. Gleich zu Beginn wird Joe über den Haufen geschossen. Dann heuern ihn zwei Mafiafamilien an, die sich gegenseitig verdächtigen: jemand hat bereits 22 Junkies und Dealer abgemurkst und die Leichen entsorgt. Will jemand die beiden Drogenbarone gegeneinander aufhetzen? Joe muss aufpassen, dass er nicht zwischen die Fronten gerät.

|Der Autor|

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A winter haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und „Der Sturz von Hyperions“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 mit seinem Roman [„Ilium“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346 fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“ und kommt Mitte 2005 auf den Markt.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Das Schlangenhaupt“ bei Goldmann) und Kurzgeschichten (z. B. „Styx“ bei Heyne). Mit [„Hardcase“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=789 hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit „Hard Freeze“ und „Hard as Nails“ fortgesetzt wurde. Simmons wuchs selbst in Buffalo, dem Schauplatz der drei Kurtz-Romane, auf, bevor er 1974 nach Boulder in Colorado umzog.

_Handlung_

Gleich auf den ersten Seiten kriegt Joe Kurtz eine Kugel in den Kopf. Zugegeben, eigentlich ist es mehr ein Streifschuss, aber der Schuss, der sein Hirn um Millimeter verfehlt, setzt ihn erst einmal außer Gefecht. Und das kam so:

Joe hat elfeinhalb Jahre im Staatsgefängnis von Attica für Totschlag gesessen. Nun ist er, nachdem er den Knast wunderbarerweise überlebt hat, seit fast einem Jahr auf Bewährung draußen. Leichen pflastern seinen Weg, weil jeder dahergelaufene Mafioso was von ihm will (siehe „Hardcase“ und „Hard Freeze“), aber die Behörden können ihm nichts anhängen, so gerne sie das auch täten. Und das Beste ist: Seine Bewährungshelferin Peg O’Toole, die er gerade besucht, findet ihn integer und möchte seine Bewährungsauflagen lockern. Dann braucht er sich nicht mehr jede Woche, sondern nur noch jeden Monat bei ihr melden.

Sie erbittet eine kleine Gegenleistung. Er soll doch mal herausfinden, wo ein paar Fotos von einem alten, verfallenen Rummelplatz im Grünen aufgenommen wurden. Sie sei da auf eine Spur gestoßen. Leider scheint ihre Aktivität jemandem gewaltig auf den Zeiger zu gehen, denn als zuerst O’Toole und dann Kurtz die Tiefgarage betreten, werden sie beschossen. Alle Lampen sind abgeschlagen – das kommt Joe gleich verdächtig vor. Er schießt zwar zurück auf das Mündungsfeuer, doch plötzlich bricht O’Toole zusammen und er erhält besagten Kopfschuss. Feierabend?

Nicht ganz. Während O’Toole irgendwo auf der Intensivstation liegt, wird Joe gleich nach dem Erwachen von zwei Mitarbeitern des Morddezernats des Buffalo Police Departments (BPD) vernommen. Es handelt sich um seine alte Jugendflamme (Cathy) Rigby King und ihren Partner Detective Kemper. Sie erinnert ihn später an die alten Zeiten: Als Joe und Rigby einst im kirchlichen Waisenhaus – fein säuberlich nach Jungs und Mädels getrennt – aufwuchsen, trafen sie sich in der Basilika an einem versteckten Plätzchen, um Liebe zu machen. Jetzt würde Rigby gerne an die alten Zeiten anknüpfen, denn sie will Joe für einen Plan benutzen. Dazu setzt sie auch ihre weiblichen Waffen ein.

In der ersten Nacht nach dem Aufwachen erhält Joe unangenehmen Besuch. Der Onkel von O’Toole, ein ehemaliger Major der Army, haut ihm links und rechts eine in die Fresse. Als sei das nicht deutlich genug gewesen, schwört er ihm auch noch Rache. Bevor noch mehr ungebetene Besucher auftauchen, macht sich Joe aus dem Staub. Er sieht mit seinem blutigen Kopfverband aus wie der wandelnde Tod und sein Schädel brummt wie tausend Glocken, doch irgendwie hängt Joe an seinem Leben. Wahrscheinlich, weil er nur eines davon hat.

Zunächst schnappen ihn sich aber zuerst die Mafiafamilien, zuerst Toma Gonzaga, dann die Lady der Farinos. Beide wollen das Gleiche, als hätten sie sich abgesprochen. Doch sie verdächtigen sich gegenseitig. Joe soll herausfinden, wer ihre Junkies und Heroindealer kaltmacht. 22 Leute in nur vier Wochen, das ist eine ganze Menge. Und wer ihre Abnehmer kaltmacht, versaut den Markt. Schon klar. Während Angelina Ferrara Farino ihm karge 15.000 Mäuse bietet, winkt Toma Gonzaga mit immerhin 100 Riesen. Das Angebot ist verlockend – und „eines, das er nicht ablehnen kann“. Diese „Paten“-Sprüche gehen Joe total auf den Geist.

Dennoch Joe hat zunächst andere Prioritäten. Und er hat völlig Recht, zuerst herausfinden zu wollen, ob er oder O’Toole das Ziel des Anschlags in der Tiefgarage war. Die Spur führt zu einem Jemeniten, der als Schütze missbraucht und dann entsorgt wurde, und zu eben jenem Major Michael O’Toole, der so scharf auf Joes Kopf ist. Dort in Neola, im Süden des Bundesstaates New York, erlebt Joe eine handfeste Überraschung. Hier laufen viel zu viele Fäden zusammen, als dass es ein Zufall sein könnte. Und das Städtchen Neola ist geradezu „absurd wohlhabend“ …

_Mein Eindruck_

|Ein Kriegsschauplatz|

„Hard as Nails“ funktioniert ein wenig anders als „Hardcase“. Während in diesem Startband der Joe-Kurtz-Trilogie sich die Action in verschiedenen Episoden entfaltete, steigert sich in Band 3 die Spannung mit der Komplexität der Handlung, bis so etwas wie eine kritische Masse erreicht ist. Dann explodiert die Action geradezu mit einem monumental inszenierten Generalangriff, der das gesamte dritte Viertel des Romans einnimmt. Obwohl es sich um einen Krieg der Drogenimperien handelt, kommt dieser Angriff einem Söldnerangriff schon ziemlich nahe.

Entsprechend blei- und hämoglobinhaltig sind die Resultate. Aber das Ziel ist edel: Rigby King, seine Jugendflamme, muss gerettet werden, als handle es sich um die Jungfrau in Not. Und das ist sie in der Tat. Denn Kurtz weiß aus eigener schmerzhafter Erfahrung, welchen Unmenschen sie in die Hände gefallen ist. Und außerdem: Ihn kostet es keinen Cent, wenn sich die Drogenbarone gegenseitig umbringen. Er muss nur sich und Rigby mit heiler Haut da rauskriegen. Ob das hinhaut?

|Tapfere Mädels|

Es ist erstaunlich, aber nicht nur die beiden Frauen Rigby King und Peg O’Toole liegen Kurtz am Herzen, sondern auch seine Tochter Rachel, seine Sekretärin Arlene DeMarco und deren Schwester Gail – bei der Rachel aufwächst, nachdem Joe (in „Hard Freeze“) ihren üblen Stiefvater ausgeschaltet hat. Auch Arlene selbst sieht ein: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ (Kästner), und stellt sich zur Verfügung, um die Verlobte des jemenitischen Todesschützen an der kanadischen Grenze in Empfang zu nehmen. Wie sich zeigt, ist Arlenes Mission nicht nur menschenfreundlich und mutig, sondern auch lebensgefährlich. Denn der Killer jener 22 Junkies wurde ebenfalls entsandt, um die junge Jemenitin „in Empfang“ zu nehmen. Sie weiß zu viel.

|The Dodger|

Dieser Auftragsmörder ist eine recht interessante Figur. Er trägt den Spitznamen „The Artful Dodger“ oder kurz „Dodger“, nach einem bekannten Roman von Charles Dickens: „Oliver Twist“. Auch der Titel des Romans ist ein Zitat aus diesem Buch: »“Hard“, replied the Dodger. „As nails“, added Charley Bates.« Der Killer heißt Dodger, weil er allen Gefahren und Verfolgern auszuweichen versteht. Keiner außer seinem Boss kennt ihn. Nicht einmal sein eigener Vater weiß, dass er am Leben ist. Und an jedem Halloween-Fest zelebriert der Dodger mit den Leichen seiner jüngsten Opfer eine ganz besondere Rummelplatzveranstaltung. Denn Halloween ist sein Geburtstag.

Manchen |Amazon.com|-Lesern war dieser Psychopath ein Dorn im Auge, denn solch eine Figur hat offenbar in einem ordentlichen Krimi nichts zu suchen. Dafür sind offenbar Thrillerautoren wie Thomas Harris („Das Schweigen der Lämmer“) oder Patricia Cornwell zuständig. Ich halte diese Trennung für künstlich und den Auftritt des Psychopathen für nicht nur plausibel, sondern auch sehr wirkungsvoll. Er ist eine Marionette, die von einem Unbekannten gesteuert wird. Dieser Unbekannte hat es auf das Drogengeschäft im westlichen Bundesstaat New York abgesehen.

|Deus ex machina|

Mehr Probleme bereitete mir hingegen das zweite Finale des Romans. Joe ist wieder einmal in einer aussichtslosen Lage, wie so oft. Und wie so oft, findet sich eine Rettung für ihn. Allerdings wusste sich Joe in den ersten zwei Bänden selbst zu helfen, diesmal tritt eine Art „deus ex machina“ auf. Für mich war dies immer ein Beleg für schlechte Handlungsentwicklung. Es wirkt künstlich.

Ich bezweifle auch, dass der Plural von „Mafioso“ „Mafiosa“ lautet, wie Simmons schreibt. Es müsste eigentlich „Mafiosi“ heißen.

|Humor ist, wenn man trotz Tränen lacht|

Der Aspekt des Humors darf in jedem Joe-Kurtz-Roman nicht fehlen. Besonders im ersten Viertel wimmelt es von extrem ironischen Seitenhieben und Bemerkungen. Die bekommt man leider oft nur mit, wenn man die Umgangs- und Gangstersprache kennt. Diese wird ziemlich intensiv in den entsprechen Dialogen mit Gangstern benutzt. Am besten legt man sich ein Wörterbuch des amerikanischen Slangs bereit. Und der Autor tut den Teufel, um den Leser mit der Nase auf komische Stellen zu stoßen.

Am ehesten tut Simmons das noch an folgender Stelle. Arlene (oder Rigby?) sagt: „As tight as a proctologist’s dog’s asshole.“ Und dann wird hinzugefügt: „Kurtz thought about that for a moment.“ Nun muss man natürlich wissen, was ein Proktologe macht. Ich werde den Teufel tun und euch den Witz erklären. Das müsst ihr selbst herausfinden.

_Unterm Strich_

Wieder einmal ist es Simmons gelungen, mich zwei, drei Tage völlig in seinen Bann zu schlagen. Ich wollte unbedingt herausfinden, wie diese Joe-Kurtz-Story ausgeht. Oftmals sah es nicht gut für den Helden aus, aber selbst mit drei Schusslöchern im Mantel, einem verbundenen Schädel und rasenden Kopfschmerzen nimmt es der Unbezwingbare mit allen Bösewichten auf. Damit er nicht wie eine Comicfigur wirkt, erfahren wir diesmal sehr viel über seine Vergangenheit: Joe wuchs (neben Rigby) als Waise auf, tat Dienst als Militärpolizist in Bangkok, wurde Privatermittler in Buffalo (Partnerin: Samantha, die Mutter von Rachel) und schließlich eingebuchtet – siehe oben.

Von Bösewichten gibt es in Buffalo und Umgebung mehr als genug. Der Bundesstaat New York ist unter fünf Mafiafamilien aufgeteilt worden, damit man sich nicht ins Gehege kommt. Hinzu kommen noch kleinere Lokalfürsten der Unterwelt, mit denen sich Kurtz auskennt. Nun drängen weitere Konkurrenten auf den Drogenarkt. Desweiteren wären da natürlich noch korrupte Polizisten und irgendwelche Finsterlinge, die mit brandneuen Superautos durch die Straßen rollen. Das sind die Schlimmsten: FBI, CIA, Heimatschutz, private Sicherheitsdienste – die reinste Buchstabensuppe.

Simmons lässt dazu einige bissige Bemerkungen fallen, die nicht alle aus dem Mund von Kurtz kommen. Im Jahre 2 nach 9/11 scheint sich diese Pest rasant auszubreiten. Und diese neuen Typen reden einen aufgesetzten englischen Akzent wie Pierce Brosnan, kleiden sich in 3000-Dollar-Anzüge und nennen ihre Opfer zynisch „alter Kumpel“ (old sport). Was ist aus der Welt geworden, wenn sich nicht mal mehr die Schurken wie Schurken kleiden, sondern wie Banker? Vielleicht besteht da ja auch kein Unterschied mehr.

Wie heißt es so schön? Simmons macht in den Joe-Kurtz-Romanen keine Kompromisse. Das ist vielleicht zu gut, um wahr zu sein. Aber was ist an einem Roman schon wahr? Aber wenn ich mir heutzutage einen harten Krimi à la Chandler und „Mike Hammer“ aussuchen könnte, dann würde meine Wahl auf jeden Fall auf einen Krimi mit Joe Kurtz fallen.

|Homepage des Autors: http://www.dansimmons.com |

Schwindt, Peter – Justin Time – Der Fall Montauk

Justin ist vorwitziger Junge, den es nicht ruhig in seinem englischen Internat hält, seit seine Eltern bei einem Experiment mit einer Zeitmaschine verschwunden sind. Er reist ihrer Spur nach und stößt auf einen Krieg der Zeitagenten, in dem um die Vorherrschaft über die neue Technik gerungen wird: Denn wer die Macht hat, die Vergangenheit zu ändern, beherrscht automatisch die Gegenwart. Doch auf welcher Seite stehen seine Eltern? Justin muss es herausfinden, bevor es – buchstäblich – zu spät ist. Er ahnt nicht, dass er selbst der Schlüssel zum Rätsel ist.

|Der Autor|

Peter Schwindt ist der deutsche Autor der „Justin Time“-Trilogie, in der zuvor der Band [„Zeitsprung“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=314 erschienen ist. Die Abenteuer des Helden Justin Time, der seine Eltern in den Zeiten sucht, sind für junge Leser ab zwölf Jahren geeignet.

Schwindt wurde 1964 in Bonn geboren. Nachdem er als Volontär und Redakteur für verschiedene Verlage gearbeitet hatte, betreute er zahlreiche Erwachsenen-Comics und arbeitete in der PC-Spielebranche. Seit 1997 ist Schwindt freiberuflich tätig und schreibt unter anderem als Hörspiel- und Drehbuchautor für Radio und Fernsehen. Witzig: Er gründete eine Bauchtanz-Agentur. Er lebt mit Frau (eine Bauchtänzerin?) und Tochter im Siegerland.

Die „Justin-Time“-Bücher sind seine ersten Romane. Sie beruhen auf den drei Hörspielen, die Schwindt 2000 für den WDR schrieb. (Ich habe zum Teil auf Verlagsinfos zurückgegriffen.)

_Handlung_

|Vorgeschichte|

Der vierzehnjährige Justin Time reiste im ersten Band „Zeitsprung“ ins Jahr 1862. In London musste er auf der Suche nach seinen verschwundenen Eltern Abenteuer à la „Oliver Twist“ durchstehen und kehrte mit einer neuen Freundin in sein angestammtes Jahr 2384. Fanny hatte in einem Londoner Armenhaus gelebt, und das Leben dort war beileibe kein Zuckerschlecken. Justin suchte nach der berühmten Rechenmaschine des Charles Babbage, bekam von Charles Darwin einen unschätzbaren Gefallen erwiesen, ein Schurke namens Der schöne Bertie fiel ordentlich auf die Nase, und Fanny erlitt einen schrecklichen Verlust. Mehr sei nicht verraten.

|Hauptgeschichte|

Man schreibt zwar das Jahr 2384, aber in England, das noch nicht in der Nordseee versunken ist, gibt es immer noch die guten alten Internate. Und wieder einmal langweilt sich der aufgeweckte Justin fast zu Tode. Und da er es nicht geschafft hat, seine verschwundenen Eltern wiederzufinden, macht er sich immer noch Sorgen um sie. (Und wer soll dann sein Schulgeld zahlen?)

Da hilft ihm der Gärtner, ein Faktotum, das nur „Der Kapitän“ genannt wird. Mit ihm und Fanny begibt er nach Kanada, wo er er eine Spur zu finden hofft. Im hohen Norden an der Hudson Bay geht auch zunächst alles gut, doch dann manipuliert ein Unbekannter den Schweber, an dem der Kapitän werkelte. Der gute Mann wird halbtot ins Krankenhaus gebracht. Beim Versuch, am Schweber nach dem Rechten zu sehen, schließt das Vehikel ihn und Fanny ein und schwirrt ab, gesteuert vom Autopiloten. Nur ein Sturm zwingt sie zur Landung; es ist wohl mehr ein Absturz.

Zum Glück genau an der richtigen Adresse. Professor Curicaberis gehörte dem Forschungsteam von Justins Eltern an. Endlich bekommt Justin die Zusammenhänge erklärt. Es ging um das Projekt AION, das zur Entwicklung und dem Einsatz einer funktionierenden Zeitmaschine führte. Sie brachte zwar bei jedem Einsatz das Stromnetz von Oxford zum Zusammenbruch, doch die Erfinder waren völlig aus dem Häuschen.

Allerdings herrscht über die Anwendungsmöglichkeiten jeder Erfindung mitunter Uneinigkeit. So auch hier. Justins Eltern Avery und Annie wollten damit die Geschichte korrigieren, um all die Gräuel der Geschichte zu tilgen oder wenigstens zu lindern. Sie werden die Revisionisten genannt. Ihnen stehen die Konservativen gegenüber. Sie befürchten schwerwiegende Folgen für die etablierte Gegenwart, falls jemand in die Vergangenheit eingreift. Man kennt das ja von „Zurück in die Zukunft“: Wenn ich meine Großmutter umbringe, kann ich dann jemals geboren werden?

Justins Eltern verschwanden also, aber warum? Um den Missbrauch der Zeitmaschine zu verhindern, wurde jedenfalls von den Konservativen eine Geheimagentur gebildet, die von Catherine Janus geleitet wird. Ihre Agenten wiederum schauen in bestimmten Epochen nach dem Rechten und rekrutieren dort auch freiwillige Mitarbeiter. Leider muss Justin im weiteren Verlauf der Handlung feststellen, dass Agenten mitunter auch für beide Seiten arbeiten können.

Nachdem Justin das Holovideo angesehen hat, das ihm der Professor gegeben hat, wird ihm klar, dass er nun eine Chance hat, AION auf den Grund zu gehen und so vielleicht den Verbleib seiner Eltern herauszubekommen. Auf dem Video ist der Leuchtturm von Montauk Point auf Long Island zu sehen.

Doch Justin wäre es niemals gelungen, in das gesicherte Gebäude der Zeitreiseagentur Chrono Travel von Catherine Janus einzudringen, wenn ihm nicht ein braver Mann namens Herbert Hanfstäckl geholfen hätte. Der will unbedingt seinen Schwager Alois Bierbichler zurückhaben, der als deren Assistent zusammen mit Justins Eltern in der Zeit verschollen ist.

In den Wartungstunneln unter dem Gebäude von Chrono Travel schlagen sich Justin, Fanny und Hanfstäckl mit krakenförmigen Robotern à la „Matrix“ herum, die ihnen mit Laserstrahler den Garaus machen wollen. Der Zeitsprung gelingt, aber Hanfstäckl müssen sie zurücklassen.

Auf Long Island im Jahr 1983 stellen Fanny und Justin schon bald fest, dass es im Umkreis des Luftwaffenstützpunktes von Montauk von Verrückten wimmelt. Was könnte die Ursache sein? Werden hier illegale Experimente mit der Bevölkerung durchgeführt? Als eine Zeitagentin auftaucht und Fanny entführt, hat Justin nichts mehr zu lachen. Er muss seine Freundin schnellstens retten. Wer weiß, was man mit ihr anstellt.

_Mein Eindruck_

Manche von uns kennen den unterhaltsamen Science-Fiction-Film „Das Philadelphia-Experiment“, in dem Michael Paré eine seiner ersten Rollen spielte: einen Matrosen. Das war in den Achtzigern. Darin unternimmt die US-Navy 1943 einen verhängnisvollen Versuch, eines ihrer Schiffe, die USS Eldridge, gegen das Radar der deutschen U-Boote „unsichtbar“ zu machen. Der Versuch gelingt – bedingt. Die „Eldridge“ verschwindet zunächst und taucht dann wieder im Hafen von Philadelphia auf (daher der Experimentname).

Doch die Veränderungen, die die Beobachter an Bord vorfinden, sind Grauen erregend. Manche der Matrosen sind mit den Decksaufbauten verschmolzen und stecken im Stahl. Die Hypothese des Films besteht nun darin, dass drei der Matrosen aus dieser Zeit herauskatapultiert und 40 Jahre später wieder im Westen auftauchen. Dort beginnt ihre Odyssee nach Hause. Doch Parés Figur stößt auf ein zweites Philadelphia-Experiment, das weitaus verheerender zu enden droht.

Soweit der – durchaus gelungene – Film.

In „Der Fall Montauk“ greift Peter Schwindt den Fall wieder auf und erklärt seine Geschichte. Anders als vermutet, haben die Amerikaner jedoch ihre Experimente à la „USS Eldridge“ keineswegs eingestellt. Die Luftwaffenbasis, die im Jahr 1983, als Justin eintrifft, aufgelöst wird, birgt daher ein düsteres Geheimnis, das mit AION zu tun hat. Dieses gilt es aufzudecken, und vor Ort hilft Justin einer der „Verrückten“. Max Briggman hat man seine Erinnerungen gestohlen. Und seine Tochter Susan ist deswegen schier am Verzweifeln.

Wie sich zeigt, können Fanny und Justin diesen beiden armen Menschen helfen. Dafür müssen sie sich jedoch, ohne es zu ahnen, in große Gefahr begeben …

Wie man sieht, gelingt es dem Autor, den zunächst so harmlos beginnenden Fall Montauk zu einem spannenden Suchspiel aufzubauen, das den Leser durch zahlreiche erzählerische Kniffe bei der Stange hält, und zwar bis zum Schluss. Dabei erlebt man die Geschehnisse nicht immer nur aus dem Blickwinkel von Justin und Fanny.

|Menschliches Drama|

Allerdings ist dies keine Schnitzeljagd à la „Sakrileg“, sondern wird durch die beiden Figuren von Susan und Max Briggman zu einem menschlichen Drama, das den Leser durchaus zu bewegen weiß. Die Not, in der sich Susan befindet, als ihr „verrückter“ Vater verschwindet, ist durchaus glaubhaft dargestellt. Wer möchte schon mit 16 Jahren zur Vollwaise und Ausgestoßenen werden? Es dauert eine ganze Weile, bis die brave Susan auf Beweise stößt, dass sie Opfer einer Verschwörung geworden ist.

Ebenso glaubwürdig, wenn auch wesentlich seltsamer ist das Schicksal, das Max Briggmann widerfährt. Er selbst versucht verzweifelt, seinen Kopf abzuschirmen, den offenbar Strahlung von der Air-Force-Basis unter Beschuss genommen hat. Daher ist sein durch Antennen abgeschirmter Kopf doch recht merkwürdig anzuschauen. Aber vielleicht haben die beiden Besucher aus der Zukunft einen Tipp für ihn, was los ist? Und dass sie aus der Zukunft kommen, sieht man schon an Justins T-Shirt, auf dem hinten „Argentina Weltmeister 1986“ steht …

|Nur Science-Fiction?|

Nun könnte der eine oder andere Leser vielleicht meinen, diese Strahlung und ihre Auswirkungen seien an den Haaren herbeigezogene Science-Fiction. Dass aber unsere Gedankenimpulse auf elektrochemische Weise weitergeleitet werden, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Also sind sie auch auf elektronische Weise zu stören. Und was simple Radarstrahlen anrichten, könnten uns ein paar Radartechniker der Bundeswehr berichten, die gegen ihren früheren Arbeitgeber wegen Körperverletzung klagen.

|Lausige Logik? Oder doch Magie?|

Natürlich wird an keiner Stelle erklärt, wie die Zeitmaschine funktioniert. Das gelang schon ihrem Erfinder H.G. Wells nicht. Und es ist auch nicht wirklich wichtig. Wichtig ist das Drama, das dadurch ins Rollen gebracht wird: das Verschwinden von Justins Eltern und seine Jagd nach ihnen, eingebettet in einen Zeitkrieg, dessen Umrisse erst allmählich erkennbar werden.

Genauso wenig werden Geräte wie Emitter – eine Art Tarnkappe Marke Alberich – und Transponder für die Rückholung von Zeitreisenden erklärt. Das sind lediglich „gadgets“ und ebenfalls unwichtig. Und Floater, also Schweber, kann man sich leicht vorstellen. Dass sie aber erst im 24. Jahrhundert zur Verfügung stehen, kommt mir doch weit in die Zukunft verlegt vor.

Herbert Hanfstäckl hat mir am meisten Bauchschmerzen bereitet. Er ist ein Konservativer, wie er im Buch steht. Er konserviert alles, was schon heute leicht anachronistisch ist: Vinyl-Schallplatten beispielsweise. Wenigstens kann er Fanny und Justin mit echten Dollarnoten, die vierhundert Jahre alt sind, aushelfen. Auch wenn sie etwas müffeln …

Wie schon oben angedeutet, gibt es noch englische Internate – und auch sonst nicht viele Veränderungen. Ich könnte mir dieses England auch in 40 Jahre vorstellen, nicht erst in 400. Und das ist eines der größten Mankos von Zeitreiseromanen wie diesem: Der Autor ist gezwungen, seinem jungen zeitgenössischen Leser etwas vorzusetzen, was dieser aus seinem Umfeld – aus Filmen, Videos, Songs – kennt, aber dennoch eine Zukunft zu schildern, die genügend weit entwickelte Technik bietet, dass man sie für glaubwürdig hält.

An dieser Stelle tritt das Clarke’sche Axiom in Kraft: „Eine Technologie, die genügend weit entwickelt ist, lässt sich für uns nicht von Magie unterscheiden.“ Und da niemand Magie erklären kann, braucht man es bei dieser Art Superdupertechnik gar nicht erst zu versuchen.

|Witz, komm raus, du bist umzingelt!|

Wesentlich interessanter fand ich Schwindts lustige Sprachspiele: Justin = just in time, Avery = every Time, Annie = any Time. Und an einer Stelle kurz vor dem Finale dachte ich, der Autor bzw. Lektor hätte einen kapitalen Erzählfehler übersehen: Die Stelle wiederholte sich … Aber todesmutig las ich weiter – und siehe da, es handelte sich um einen gar witzigen Einfall. Den aber darf ich euch nicht verraten, terribly sorry!

_Unterm Strich_

Nach einem langsamen Start nahm Justins zweites großes Abenteuer mit seiner Ankunft im Jahr 1983 doch ziemlich schnell Dimensionen an, die mich für den Ausgang seiner Erlebnisse interessierten. Schließlich flogen die groß bedruckten rund 310 Seiten nur so vorüber. Wäre ich ein Zwölfjähriger, würde ich mich hervorragend unterhalten fühlen, da bin sicher.

Da ich aber kein junger Hüpfer mehr bin, vermisste ich streckenweise etwas die Psychologie und durchweg die Originalität an Schwindts Erzählgarn. Vorbilder wie „The Matrix“ habe ich schon erwähnt, auch Wells „Zeitmaschine“ ist schwer zu übersehen. Tarnkappentechnik war gerade wieder in Uli Edels Edel-Soap „Die Nibelungen“ zu bestaunen. Auch die Verschwörungsopfer Susan und Max Briggman meine ich irgendwoher zu kennen – vielleicht aus dem „Marathon-Mann“? Dass Justin als edler Ritter seine entführte Herzensdame retten muss, dürfte uns auch vertraut vorkommen. Witzig aber fand ich, dass er nach vollbrachter Rettung von ihr böse überrascht wird.

Das alles macht aber nichts, wenn es um den Unterhaltungswert geht. Und der ist ebenso hoch wie der Gehalt an menschlichem Drama und engagierter Aussage. Diese US-Regierung geht wirklich über Leichen, wenn es um die Entdeckung der Zeitreise geht. Und damit wären wir wieder beim „Philadelphia-Experiment“. Nur ein Film, oder …?

|Hinweis|

Im 3. Band reist Justin nach Sibirien ins Jahr 1908, als dort der so genannte Tunguska-Meteor einschlägt und ganze Wälder plattmacht. Bei dem Versuch (nicht dem „Verlust“, wie es im Buch „Der Fall Montauk“ heißt), die Pläne seiner Feinde zu vereiteln, verliert er um ein Haar sein Leben – gäbe es da nicht Lena, ein Mädchen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten.

p.s.: Ach ja, fast hätt‘ ich’s vergessen: Eure Handys strahlen auch Gedankenstrahlen aus! Aber das habt ihr euch wahrscheinlich schon gedacht. Besonders die SMS- und Klingelton-Junkies unter euch. Also, immer schön das Handy anlassen, damit ihr die Botschaften von Ming dem Gnadenlosen vom Planeten Mongo empfangen könnt!

Raphael, Frederic – Eyes Wide Open. Eine Nahaufnahme von Stanley Kubrick

Als Stanley Kubrick den Entschluss fasste, Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ zu verfilmen, brauchte er einen kundigen Autor, der das Drehbuch verfasste. Er suchte lange und sorgfältig. Seine zögerliche Wahl fiel auf Frederic Raphael. Dies sind die Protokolle und Erlebnisse des Autors mit einem Genie des Filmemachens.

|Der Autor|

Frederic Raphael lebt als Autor, Feuilletonist und Dramaturg in Frankreich und Großbritannien. Sein Drehbuch für „Darling“, das 1965 mit Julie Christie verfilmt wurde, wurde mit einem Oscar ausgezeichnet. In den beiden Jahren 1995 und 1996, als er für und mit Kubrick an dem Drehbuch für „Eyes Wide Shut“ (1999) schrieb, beschreibt er sich selbst als „um die sechzig Jahre alt“ – er wurde 1931 in Chicago geboren. Er gehört der |Royal Society for Literature| an. Seine Fernsehserie „After the War“ wurde weltweit ausgestrahlt.

Ich setze Stanley Kubrick als bekannt voraus. Wer Infos braucht, lese meine Artikel zu
[„2001: Odyssee im Weltraum“]http://www.powermetal.de/video/review-294.html
[„Eyes Wide Shut“]http://www.powermetal.de/video/review-297.html
[„Full Metal Jacket“.]http://www.powermetal.de/video/review-296.html

_Inhalte_

Stanley Kubrick starb bekanntlich am 7. März 1999. Die Erleichterung über die wohlwollende, um nicht zu sagen: enthusiastische Aufnahme seines neuesten, letzten Films „Eyes Wide Shut“ bei den Studiobossen und den ersten Kritikern hatte ihm eine derartige Last von der Seele gewälzt, dass offenbar eine körperliche Reaktion einsetzte. Sein Film hatte noch nicht das Stadium des allerletzten Schnitts erreicht, und so kam in die Kinos eine Fassung, die unfertig war. Sie ist die Fassung letzter Hand, wie man in der Literatur sagt.

Nichtsdestotrotz stellt sie das Ergebnis von zwei Jahren Arbeit am Drehbuch und noch einmal zweieinhalb Jahren bei Dreharbeiten und Schnitt dar. Frederic Raphaels Buch beschreibt lediglich die Arbeit am Drehbuch und stoppt vor den Dreharbeiten, die im November 1996 begannen.

Schon lange hatte Kubrick nach Raphaels Worten den Plan, einen Kunstporno zu drehen. Den entsprechenden Versuch seines Drehbuchautors an „Dr. Seltsam“, Terry Southern, mit „Candy“ fand er erbärmlich misslungen. Er selbst nutzte die liberale Kunstzensur der USA, die nach einem Urteil seit 1966/67 bestand, ebenfalls aus, und zwar mit „Uhrwerk Orange“. Darin waren schon eine Menge leicht bekleidete Damen zu sehen, ja sogar eine Massenvergewaltigung. Der Skandal nach dem Film war so enorm, dass die Kubricks Morddrohungen erhielten und ans Auswandern dachten. Fortan verschanzte sich der Maestro in seinem Landhaus und gestaltete seine Kontakte zur Umwelt sehr umsichtig und mit größter Vorsicht.

Aber Kubrick wollte noch weiter gehen als in „Orange“ und eine richtige Orgie zeigen. In Schnitzlers „Traumnovelle“ fand er eine, die ihm zusagte. Sie fand natürlich nicht bei den ollen Römern statt, sondern im dekadenten Wien um die Jahrhundertwende von 1900. Und durch die Qualität eines Traums ließ sich das Gezeigte a) leicht als Produktion der Einbildung entschuldigen und b) ohne Schwierigkeiten stilisieren und zu etwas anderem überhöhen. Zu Kunst eben.

Allerdings brauchte er einen Schreiberling, der ihm Schnitzlers Prosa in kompetente Szenen eines dramaturgischen Mediums transformierte. Deshalb bekam Raphael über seine Literaturagentur William Morris im Frühjahr und Sommer 1994 rätselhafte Anfragen, ob er eventuell verfügbar sein. Noch war nicht ganz klar, von wem sie ursprünglich stammten, denn natürlich hatte auch Kubrick seine Agentenscharen.

Als Raphael und seiner Frau endlich klar wird, wer dahintersteckt, erinnern sie sich an einen Filmemacher, den sie 1972 auf einer von Stanley (noch ein Stanley) Donens Partys kennengelernt hatten. Raphael bewunderte „Wege zum Ruhm“ und bis zu einem gewissen Grad auch „Spartacus“, den Kubrick für Kirk Douglas drehte, seinen Hauptdarsteller aus „Wege zum Ruhm“. Raphael hingegen hatte immerhin einen Oscar errungen, für sein Drehbuch zu „Darling“ (1967), und er hatte ein witziges Skript für Donens „Two for the Road“ mit Audrey Hepburn und Albert Finney geliefert (der kaum je im Free-TV gezeigt wird).

Und nun sollte Raphael für das Filmgenie einen Kunstporno schreiben? Nun ja, sagt sich Raphael, es kommt drauf an, wie es gemacht wird. Doch genau da liegt der Hase im Pfeffer.

_Mein Eindruck_

Raphael hat seine detaillierten Schilderungen der Arbeit mit den Protokollen seiner Dialoge mit Kubrick aufgelockert. Da ruft meist der Regisseur an: „Freddie, stör ich gerade?“ Und Raphael verneint natürlich stets. Schließlich ist Kubrick der Auftraggeber. Doch obwohl dieser nach den ersten 40 Seiten entzückt über das Gelieferte ist, scheint der weitere Verlauf in eine andere Richtung zu gehen. Zunächst ist Raphael froh, ein absolut traditionelles Skript geliefert zu haben, das hohen Ansprüchen genügt. Nach einer Verschnaufpause meldet sich Kubrick wieder, um etwas anderes zu verlangen. „Schreiben Sie alles in Prosa und mit genauen Anweisungen.“ Also keine Dialoge.

|Vercingetorix vs. Caesar|

Das findet Raphael sehr merkwürdig. Und in der Tat kommt auch diese Version nicht gut an. Allmählich macht sich der Autor Sorgen über das, was zwischen ihm und Kubrick läuft. Was ist das für eine Art Verhältnis? Er zieht Parallelen und stößt – als Franzose – auf Gaius Julius Caesar und Vercingetorix, den letzten Feldherrn der Gallier. Dieser musste 52 v. Chr. bei Alesia kapitulieren, nachdem Caesar ihn wochenlang in seiner Bergfestung belagert und auch den Ersatz ausgesperrt hatte.

|Just like Sisyphos|

Immer weitere Änderungswünsche von Seiten Kubricks treiben Raphael, der ein kluger, intelligenter Mann ist, keineswegs in den Wahnsinn. Schließlich gibt es noch anderes und Wichtigeres auf der Welt, als für einen englischen Regisseur zu arbeiten. Doch nachdem das erste Jahr verstrichen ist, denkt Raphael das erste Mal an Sisyphos. Der griechischen Sage nach straften die Götter den überheblichen König, indem sie ihn einen Felsen einen Berg hochwälzen ließen. Sobald er fast den Gipfel erreicht hatte, ließen sie den Felsen wieder hinabrollen. Doch Sisyphos‘ Strafe dauerte ewig, und so musste er den Felsen wieder und wieder hochwälzen.

Allmählich kam sich Raphael wie ein moderner Sisyphos vor. „All diese Monate der Arbeit für Stanley wirkten wie Einzelhaft ohne den Trost des Alleinseins.“ (228) Er änderte hier, er änderte dort. Doch was bezweckte Kubrick mit diesen Änderungen? Warum konnte es ihm Raphael nie recht machen? Nach einer ganzen Weile kommt er zu einer Erkenntnis, dass es für ein Genie wie Kubrick ganz einfach notwendig ist, nichts zu akzeptieren, das man ihm fix und fertig vorsetzt. Er muss einfach alle Möglichkeiten austesten und Untaugliches eliminieren, bis er einen gangbaren Weg gefunden hat. Niemals darf sich ein Autor anmaßen, ihm vorzuschreiben, was er zu drehen habe.

|Der Prozess|

So kommt ein Prozess wie in einer Werkstatt in Gang. Vorsichtig besucht Raphael den Meister, seinen Meister und diskutiert, aber nicht rechthaberisch, sondern konziliant. Die meiste Zeit telefonieren sie, dargestellt in Dialogform. Das sieht mitunter recht komisch aus, mit einer Menge ironischer Untertöne. Sie erörtern die Situation eines jüdischen Menschen um 1900 und heute. Gibt es Unterschiede? Und wenn ja, welche? Welche Filme sind misslungen, welche gut? Heikle Fragen, doch Raphael spricht mit Kubrick auf der gleichen Augenhöhe. Er ist ein enorm gebildeter und auf der Höhe der Zeit befindlicher „homme des lettres“.

Während diese Dialoge kurzweilig zu lesen sind, sind es die – zum Glück wenigen – langen Passagen leider nicht, in denen sich der Autor Überlegungen darüber hingibt, in welcher psychologischen Lage sich er (Sisyphos, Vercingetorix) und Kubrick (Caesar, das Genie, die Diva, der Mann im Käfig) befinden. Danach sollte sich der Leser eine Ruhepause gönnen. Verschnaufen lässt sich auch bei Schilderungen der geschäftlichen Abläufe – ist der Scheck eingetroffen? – und der gesellschaftlichen Ablenkungen wie etwa Urlaub, Partys und Feiertage.

|Ein begnadeter Schweinehund|

Am interessantesten sind vielleicht Kommentare über Kubricks Filme: welche zum Beispiel als misslungen zu betrachten sind, wie Raphael meint. Dazu zählt er eindeutig „Lolita“ und wohl auch „Full Metal Jacket“. Zahlreiche Informationen über Schauspieler wie James Mason oder Kirk Douglas bleiben im Gedächtnis. Douglas, der Produzent von „Spartacus“, sagt auf der Rückseite des Buches: „Stanley Kubrick ist ein begnadeter Schweinehund.“ Voilà, ein Filmfan oder Cineast kann hier einige Funde machen. Über Cruise & Kidman wird man allerdings kaum ein Wort finden. Um die Dreharbeiten kümmerte sich der Autor nicht. Über diesen Aspekt gibt es andere Bücher.

_Unterm Strich_

„Eyes Wide Open“ ist keine populärwissenschaftliche Behandlung des Themas „Wie aus Schnitzlers ‚Traumnovelle‘ ein Kubrick-Film namens ‚Eyes Wide Shut‘ wurde“, auch kein rezensierendes Resümee von Kubricks Werk. Es handelt sich vielmehr um eine intellektuell anspruchsvolle Auseinandersetzung mit einem außergewöhnlichen Regisseur und dessen allerletztem Film. Cruise: „There will never be another Kubrick movie, ever.“

Die Sicht auf diesen zweijährigen Prozess ist durchweg subjektiv, sie kann auch nichts anderes sein. Dadurch aber erringt der Prozess eine menschlich anrührende Dimension: ein Zweikampf und Dialog, eine Auseinandersetzung und ein Austausch.

Der Leser wird Zeuge eines Dramas und eines Einfühlungsvorgangs, einer Analyse. Ob der Autor diesen Regisseur in seiner Gänze erfasst hat, darf bezweifelt werden, aber ich habe bislang keine tiefer schürfenden Analysen der Psyche des Genies Kubrick, des Menschen Stanley, gefunden. Insofern ist das Buch für mich eine Bereicherung gewesen. Aber ich möchte die Mühe nicht noch einmal aufbringen müssen, es zu lesen. Jedenfalls nicht so bald.

|Originaltitel: Speaking with Kubrick, 1999
Aus dem Englischen übersetzt von Johannes Sabinski.|

Harrison, Harry / Holm, John – König und Imperator (Hammer und Kreuz 3)

Wie sähe die Zivilisation heute ohne Christentum aus? Nun, jedenfalls wesentlich menschenfreundlicher und fortschrittlicher, meinen die zwei Autoren der „Hammer & Kreuz“-Trilogie. Sie haben diese Annahme einmal in einem alternativen Geschichtsverlauf nachgezeichnet. Das Ergebnis ist durchaus bedenkenswert, auch für Leser ohne Hang zu nordischen Religionen. Aber auch Leser, die unterhalten werden wollen, kommen hier voll auf ihre Kosten.

_Vorgeschichte_

Im Jahr 865 suchen die Wikinger mit grausamen Raubzügen den Norden Englands heim. Shef, ein junger Schmied nordischer Abstammung mit erstaunlicher Auffassungsgabe für technische Zusammenhänge, bringt den Wikingerbanden blutige Niederlagen bei und baut eine Streitmacht auf – unter einer Fahne, die sowohl den Hammer Thors als auch das Kreuz als Zeichen führt. Er selbst wählt als sein „Totem“ die Pfahlleiter, denn sie ist das Symbol für seinen göttlichen Vater Rigr, einen der nordischen Asen.

Shef schlägt sogar eine Streitmacht der Franken, die die katholische Kirche gegen ihn ausgesandt hat. Im 2. Band der Trilogie, [„Der Pfad des Königs“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=791 erobert Shef aufgrund seiner brillanten Ideen Skandinavien und besiegt seine wichtigsten Kontrahenten, die Söhne Ragnar Lodbroks, der England plünderte. Fortan regiert er als der Eine König des Nordens, während sein Mitkönig Alfred von Wessex halb England beherrscht. Doch Shef hat sich in Deutschland einen mächtigen Feind geschaffen: Bruno, den Lanzenritter. Dieser wird unterstützt von Diakon Erkenbert, der bei der Eroberung von York durch die Wikinger entkommen war. Dieses Duo taucht nun, im 3. Band, wieder auf: Bruno ist Kaiser der Deutschen und Franken.

_Handlung_

Im Süden Europas haben die Nachfolger des West- und des Oströmischen Reiches, Kaiser Bruno und der Patriarch von Byzanz, ein Militärbündnis geschlossen, um die vorgedrungenen Piraten der Mohammedaner zurückzuschlagen. Denn wer die Inseln beherrscht und deren Brunnen, der beherrscht das Mittlemeer. Mit Hilfe des geheimnisvollen „Griechischen Feuers“, dem aus Erdöl gewonnenen Naphtha, verbrennen die Griechen die arabische Flotte. Nun ist der Weg nach Südfrankreich und Spanien frei. Doch dort herrschen die Araber unter dem Kalifen von Cordoba.

Der immer auf „Neues Wissen“ erpichte Shef erhält die Nachricht, dass die Griechen eine neue Waffe einsetzen. Außerdem macht er sich Sorgen um seine strategische Lage: Sobald Spanien wieder christlich ist, geht es England und dem Norden an den Kragen, also seinem Reich. Mit seiner Flotte von Schlacht- und Langschiffen besucht er erst einmal Cordoba. Dort interessieren ihn die Kunst des Fluges und Teleskope. Außerdem freut es ihn, dass hier anscheinend Moslems, Christen und Juden einträchtig zusammenleben. Allerdings müssen letztere Steuern zahlen, die Moslems aber nicht.

Nächste Stopps sind Mallorca und Septimanien, das in der Gegend von Montpellier liegen dürfte, an einen steilen Berghang geschmiegt: Auch hier leben Juden und Christen zusammen, allerdings gibt es hier auch christliche Ketzer, die später als Katharer bekannt und von der Inquisition blutig verfolgt wurden. Die Ketzer erkennen in Shefs Emblem die Pfahlleiter, die für sie eine heilige Reliquie darstellt: den Gral beziehungsweise graduale. Diesen Gral sucht Bruno verzweifelt aus den Ketzerburgen zu bergen, um seine Macht zu mehren.

Natürlich wissen sich die Ketzer umgehend die Unterstützung Shefs zu sichern, indem sie seine Geliebte, Svandis, entführen. Svandis ist zwar Atheistin, aber das macht nichts: Shef muss sie wiederhaben. Es kommt, wie es kommen muss: Wieder einmal stehen sich Shef und sein Erzrivale Bruno gegenüber – zwar nicht Aug in Aug, aber doch mit drastischen Resultaten: Shef lässt Feuer vom Himmel regnen und schickt Knaben in Flugdrachen zur Aufklärung in die Luft, der Gral wird in Sicherheit gebracht und etliche Katapulte kommen zum Einsatz. Viel Action allhier: eine Schlacht der sechs Religionen: katholische Kirche, griechisch-orthodoxe Kirche, Nordischer Weg (= Shef), Juden, Islam und Ketzer.

Nachdem Shef in hartem, knappem Kampf Bruno geschlagen hat, erhält dieser die willkommene Gelegenheit, den Kalifen von Cordoba, der den Ungläubigen mitsamt Heer entgegen gezogen ist, vernichtend zu schlagen. Durch Verrat fällt ihm auch noch der Gral in die Hände. Frohgemut zieht Kaiser Bruno gen Rom, um den dortigen Papst durch Diakon Erkenbert, seinen treusten und intelligentesten Berater, zu ersetzen. Dass die Italiener etwas dagegen haben, dürfte klar sein – und der amtierende Papst sowieso.

Und wenn sich Shef nicht beeilt, kommt er zu spät, um sein eigenes Reich gegen diesen fanatisch christlichen Kaiser zu verteidigen. Es kommt schon bald zum Showdown vor den antiken Mauern der Ewigen Stadt …

_Mein Eindruck_

Im Vergleich zu den Landschaften und Ideengebäuden, auf die Shef und seine Mannen (und Frau) in diesem Band treffen, muten die vorherigen geradezu vorsintflutlich und finster an. In den warmen südlichen Gefilden des Mittelmeers tauchen nun Geisteshaltungen und Begriffe auf, die uns schon recht neuzeitlich vorkommen.

|Erfindungen 1: Algebra|

Bei den Arabern von Cordoba erfährt Shef erstmals vom Konzept der Zahl Null, die die Araber „sifr“ nennen, wovon unser Wort „Ziffer“ stammt. Damit eng verbunden ist das Konzept der Algebra (al-gabr), das es Shef erstmals erlaubt, besser zu rechnen, als es die Römer konnten. Da Diakon Erkenbert nur römisch rechnen kann, um seine Katapultschüsse richtig einzustellen, hat Shef nun einen schweren militärischen Vorteil: Ihm fallen Teilen, Malnehmen, Abziehen und Addieren sehr viel leichter, insbesondere auch noch auf einem Rechenbrett, dem Abakus. Mit nur zwei Schüssen zerstört er das gegnerische Katapult: zack, peng!

|Erfindungen 2: Fliegen|

Das ist nicht alles: Von den Arabern lernt Shef das Fliegen. Dass dies nicht ganz ungefährlich ist, sieht er schon an seinem arabischen Lehrmeister Ibn-Firnas: Der hat sich schwer am Bein verletzt. Doch bei eigenen Versuchen mit dem Drachenfliegen greift Shef zunächst auf Knaben zurück, dann traut er sich selbst – mit viermal größerer Segelfläche.

|Erfindungen 3: Sprengstoff, Luftwaffe|

Von den Griechen klaut Shef das Geheimnis des Griechischen Feuers. Dies zusammen mit dem Drachenflug erlaubt ihm die Entwicklung einer Art Luftwaffe – die von den Christen natürlich sofort für Engel mit Flammenspeeren gehalten wird. Dass man solches Feuer auch werfen kann, demonstrieren seine Loki-Jünger vor Rom.

|Erfindungen 4: Buchdruck|

Die weitaus folgenreichste Erfindung Shefs dürften allerdings der Buchdruck mit beweglichen Lettern und die damit gedruckte Progaganda sein. Denn was nützen militärische Siege, wenn der Gegner weiterhin borniert und in alten Denkmustern verhaftet bleibt? Die drei Weltreligionen Christentum, Islam und Judentum sind allesamt Religionen des Buches: Neue Gedanken dürfen nicht gegen die niedergeschriebenen Glaubenssätze, das Dogma, verstoßen. Daher, so Shef, würden Araber nie richtig fliegen lernen: Es ist nicht Teil des Dogmas (dessen, was – von Wenigen, die dazu befugt sind – gelehrt wird).

Nachdem er den Ketzern der Pyrenäen eines ihrer heiligen Bücher abgeluchst hat, verbreitet Shef das alternative Evangelium, demzufolge Jesus von Nazareth gar nicht in den Himmel auffuhr, sondern putzmunter im Untergrund weiterlebte und fröhlich Kinder zeugte. Der heilige Joseph von Arimathaia holte den überhaupt nicht toten Religionslehrer mit einer Leiter (= Graduale oder Gral) vom Kreuz und verbarg ihn. Joseph wird im verbotenen Evangelium des Nikodemus erwähnt und ist im südenglischen Glastonbury kein Unbekannter …

|Erfindungen 5: Sexualaufklärung|

Wesentlich lustiger als solche Ketzerei ist jedoch die Verbreitung der Tricks und Tipps, die Svandis von den arabischen Frauen gelernt hat: Damit kann ein christlicher Mann, etwa ein Bischof, einer Frau, etwa einer Mätresse, beiwohnen, ohne mit ihr ein Kind zu zeugen, das er dann wieder teuer unterhalten müsste (es kostet Mitgift oder Lehrgeld). Die Autoren führen mehrere amüsante Beispiele für die Folgen der Lektüre solcher Bettratgeber an. Selber schuld, wer sich beim Lesen erwischen lässt – das Büchlein wird konfisziert und der Leser schier exkommuniziert oder nach Sibirien verbannt. Es gibt eben nichts Gefährlicheres, als über Sex Bescheid zu wissen.

Man kann sich leicht vorstellen, dass es stets eine gewisse Menge Text erfordert, um solche bahnbrechenden Erfindungen zu erklären und ihre Übernahme und Umsetzung zu schildern. Leider schaffen es die beiden Autoren nicht immer, die Geduld des Lesers nicht überzustrapazieren. Das war besonders an ein oder zwei Stellen in der Mitte der Fall. Das belegt aber einmal mehr, dass diese Trilogie nicht nur aus Abenteuerromanen besteht, sondern in erster Linie eine Art alternative Ideengeschichte ist: Was wäre, wenn …

|Die zweite Ebene: Lokis Ausbruch|

Wie gesagt, ist Shef der Sohn des Gottes Rigr. Immer wenn Shef ein gewisses Quantum von „Mutterkorn“, dem giftigen Belag von Roggenkörnern, genossen hat, bekommt er Visionen, zumindest lebhafte Träume. Er sieht dann das Geschehen in der Anders- oder Götterwelt, unter anderem kommuniziert er mit seinem Vater – der ganz bestimmt nicht sein Freund ist. Andersherum ist er dann dort selbst präsent (auch wenn Svandis dies vehement abstreitet).

So bekommt er mit, dass Loki zunächst von seinen göttlichen Brüdern wegen „Verrats“ in einer unterirdischen Höhle gefesselt und dem ätzenden Gift einer Schlange ausgesetzt worden ist. Eines Tages jedoch ist Loki frei (Shef weiß nicht, dass Rigr dafür verantwortlich ist) und auf Rache aus. Loki, der listenreiche Gott des Feuers, bietet Shef seine Hilfe an, wenn er ihm dient. In der Folge gelingt Shef die Nutzbarmachung des Griechischen Feuers und des Sprengstoffs.

Doch Shef hat eine Abneigung, Loki bei seiner Rache zu helfen. Schließlich lebt der Lichtgott Balder, für dessen Tod Loki verantwortlich gemacht wurde, ja noch, wenn auch hinter den Mauern von Hel. Und so schafft Shef schließlich auch in der Anderswelt, was ihm im Diesseits gelingt: Versöhnung zwischen zwei völlig unterschiedlichen Standpunkten. Es kommt eben darauf an, beiden Seiten etwas zu geben, was sie zufrieden stellt. (Wenn es nur immer so einfach wäre!)

_Für wen eignet sich dieses Buch?_

Freunde der |Recluce|-Fantasyromane von L. E. Modesitt könnten sich an manche Szenen erinnert fühlen: In einer archaisch-frühmittelalterlichen Welt tauchen Maschinen auf und schließlich sogar Raumschiffe („Sturz der Engel“).

Allerdings schildern Harrison und Holm die Entstehung solcher Erfindungen aus einem komplexen und durchdachten Umfeld heraus: Shef hat eine Philosophie des Suchens nach „Neuem Wissen“, die Teil der Religion des „Weges“ ist. Insofern wirken diese Anachronismen nicht aufgesetzt oder von Außenstehenden eingeführt (wie abgestürzte Raumschiffe), sondern von innen her erzeugt oder zumindest aufgenommen und weiterentwickelt. (Die Araber haben keinen Buchdruck entwickelt, lediglich die Grundlage.) Hieran dürfen sich Freunde der Kultur- und Ideengeschichte erfreuen.

Kritiker der Religionen des Buches (s. o.) und ihrer dogmatischen Lehren kommen ebenfalls auf ihre Kosten. Sie werden hier reichlich Munition finden.

Dass die wichtigsten Erfindungen dem militärischen Vorteil dienen, ist natürlich für Pazifisten nicht so schön. Andererseits wären die Träger der neuen Ideen ohne diese Vorteile schlicht und ergreifend vernichtet worden: Es war bekanntlich im Mittelalter weitverbreitete Sitte, Andersdenkende, „Ketzer“ genannt, aufzuknüpfen. Auch Judenprogrome waren in Mitteleuropa an der Tagesordnung.

Glücklicherweise kommt der Humor nicht zu kurz. Der richtet sich gegen zwei Mitglieder von Shefs Expeditionstrupp. Brand ist ein hochaufgeschossener Norweger, dessen Abstammung offenbar nicht ganz menschlich ist, jedenfalls was den homo sapiens angeht. – Und Svandis, die aufbrausende Atheistin an Shefs Seite – und in seinem Bett – weiß ab und zu durch ihre unorthodoxen Ansichten zu verblüffen: Sie nimmt Thesen der Psychoanalyse vorweg. Dadurch steht sie manchmal in den Augen ihrer männlichen Expeditionskollegen recht merkwürdig da. Denen ist es lieber, Visionen und seltsame Zufälle durch den Willen der Götter zu erklären.

|Originaltitel: King and Emperor, 1996
Übertragung aus dem US-Englischen & Glossar: Frank Borsch
Webseite des Autors: http://www.harryharrison.com|

Simmons, Dan – Hard Freeze

Joe Kurtz ist ein entlassener Sträfling und ehemaliger Privatdetektiv, der versucht, ein ehrliches Leben zu führen. Das ist aber in einer Stadt wie Buffalo, New York State, gar nicht so einfach. Er gerät nicht nur zwischen die Fronten zweier verfeindeter Mafiafamilien, sondern kommt auch einem psychopathischen Serienkiller in die Quere, der momentan auf der „richtigen“ Seite des Gesetzes arbeitet.

|Der Autor|

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A winter haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und „Der Sturz von Hyperions“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 mit seinem Roman [„Ilium“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346 fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“ und kommt Mitte 2005 auf den Markt.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Das Schlangenhaupt“ bei Goldmann) und Kurzgeschichten (z. B. „Styx“ bei Heyne).

Mit [„Hardcase“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=789 hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit „Hard Freeze“ und „Hard as Nails“ fortgesetzt wird. Simmons lebt in Colorado, wuchs aber in Buffalo, dem Schauplatz der Kurtz-Romane, auf.

_Handlung_

Joe Kurtz, die Hauptfigur des Romans, ist ein harter Brocken. Er hat kein einfaches Leben als früherer Privatdetektiv und langjähriger Gefängnisinsasse, der sich nun mit einer Webfirma für Datenrecherche über Wasser halten will. Nun plagt ihn chronischer Geldmangel, und so nimmt er doch wieder ein paar Fälle an. Leider sitzt ihm die Polizei genauso im Nacken wie die Mafia. Im eisigen Winter auf Buffalos Straßen entkommt er den Kontraktkillern um Haaresbreite.

Doch wer hat den Kontrakt für ihn ausgeschrieben? Ist es Angelina Farino Ferrara, die aus Italien zurückgekehrte Mafiaerbin des in Attica einsitzenden Bosses Stephen „Little Skag“ Farino, den Kurtz bestens in schlechter Erinnerung hat? Oder ist es ihr Gegenspieler, der schmierige Drogenschieber Emilio Gonzaga mit dem miserablen Geschmack und dem noch übleren Mundgeruch, mit dem sie sich zum Schein arrangieren muss?

Als sei dies noch nicht genug Kummer, bekommt Kurtz auch noch Besuch von einem relativ betuchten, aber todkranken Schwarzen namens John Wellington Frears, der nach Jahren endlich den immer noch frei herumlaufenden Mörder seiner Tochter Crystal finden will. Da hat sich Kurtz auf was eingelassen: Der berechnende Mädchenserienkiller, ein Meister der Verkleidung, hat nun eine Rechnung mit Kurtz offen und alle Trümpfe in der Hand: James B. Hansen arbeitet im Augenblick unter falscher Identität auf der Seite der Gesetzeshüter, hat eine respektable Familie und ein respektables Haus in einem vornehmen Viertel. Sein finsteres Geheimnis bewahrt er in einer Titanschachtel in einem Safe seines stets abgesperrten Arbeitszimmers auf. Zumindest so lange, bis Joe Kurtz es dort aufspürt.

So oder so wird es für Joe Kurtz ein heißer Winter in Buffalo, der kältesten Stadt im Bundestaat New York, gleich neben den Niagara-Fällen. Der Showdown findet folgerichtig während eines Schneesturms am totesten und kältesten Ort der Stadt statt: in den verfallenen dunklen Gewölben des alten verfallenen Hauptbahnhofs.

_Mein Eindruck_

Manchmal erinnert der schweigsame und kaltblütige Joe Kurtz an Mike Hammer, den ebenso kaltblütigen und gewaltbereiten Serienhelden, den Stacy Keach kongenial verkörperte. Dann aber erweist sich, dass Kurtz keineswegs aus Stein besteht, der die Schurken gnadenlos zur Strecke bringt, sondern dass er auch ein Herz besitzt – er kann es nur nicht zeigen.

Kurtz hat eine Tochter namens Rachel, die er wegen seiner 12-jährigen Haft nie kennen lernen durfte. Samantha, ihre Mutter, war Kurtz‘ Geliebte und berufliche Partnerin. Emilio Gonzaga hat sie auf dem Gewissen. Kurtz‘ Feldzug gegen Gonzaga entspringt also seinem Wunsch nach Vergeltung. Rachel hat inzwischen einen Pflegevater namens Donald Rafferty, doch der stellt sich als saufender und hurender Taugenichts heraus. Als er auch Rachel an die Wäsche will, läuft sie davon. Kurtz hat Abhörgeräte in Raffertys Haus angebracht, doch die neueste Entwicklung überrascht auch ihn. Plötzlich sind seine Qualitäten als Vater gefragt. Und wie sich zeigt, ist dies für Donnie Rafferty äußerst ungesund.

Auch gegenüber Frauen zeigt sich Kurtz souverän. Während er mit seiner Berufspartnerin Arlene DiMarco hervorragend auskommt, ohne zu persönlich zu werden, handhabt er die Mafiaerbin Angelina Farino Ferrara, wie es sich gebührt: eiskalt, vorsichtig und geschäftsmäßig. Für jeden muss etwas dabei herausspringen, wenn man etwas erreichen will. Ferrara will Gonzaga ebenso aus dem Weg haben wie ihren „kleinen Bruder“ Little Skag, der vom Bundesgefängnis in Attica weiterhin die Familiengeschäfte leitet. Als Angelina merkt, dass Kurtz imstande sein könnte, es mit den beiden aufzunehmen, will sie ihn benutzen. Dummerweise hat er eine Tonbandaufnahme von ihr, auf der sie gesteht, ihr Baby, das sie von Emilio Gonzaga gegen ihren Willen bekommen hatte, getötet zu haben …

In einer Welt der Psychopathen, Bodyguards, eiskalten Drogenschieber und Kindermörder nimmt sich ein Killer wie Joe Kurtz dennoch recht normal aus. Für einen Killer ist er sogar außerordentlich belesen und gebildet. In Attica hatte er zwölf Jahre Zeit fürs Lesen. Er liebt Shakespeare, und der Showdown im Hauptbahnhof gemahnt ihn an den Schlussakt von Shakespeares „Titus Andronicus“: eine wahre Schlachtplatte (inzwischen verfilmt mit Sir Anthony Hopkins).

Ungewöhnlich für einen Hardboiled-Thriller: Kurtz‘ geistiger Mentor, ein Ex-Professor in Princeton, wartet mit einer Theorie der moralischen Entwicklung auf. Wie Jean Piaget bewiesen hat, dass sich jeder Mensch in einer geistigen und sozialen Entwicklung befindet und es verschiedene Entwicklungsphasen gibt, so postuliert der Ex-Professor sieben Entwicklungsstufen des moralischen Empfindens und Bewusstseins. Ein Kinderschänder und Mahatma Gandhi mögen zwar beide der Spezies Mensch angehören, stehen aber wohl kaum auf der gleichen sittlichen Stufe. Kurtz‘ Beitrag zu dieser Theorie: Es gibt eine Nullstufe, und er kenne einige Vertreter dieser Stufe persönlich. Der Ex-Prof muss ihm widerwillig zustimmen. Ein solcher Vertreter hat gerade kalblütig seinen Doppelgänger erschossen. Man nennt diese Leute gemeinhin „Monster“.

Buffalo eignet sich nicht von ungefähr hervorragend für die Serie der Kurtz-Thriller. Die Stadt liegt an den Niagara-Fällen, einem mächtigen Symbol. Außerdem ist die kanadische Grenze gleich um die Ecke, was Buffalo für Drogen- und andere Schmuggler sehr interessant macht. Zu guter Letzt sind hier nicht nur die Winter besonders hart und lang, sondern es gibt am Lake Erie ein spezielles Wetterphänomen: einen extrem starken Schneesturm, der von Westen über die Weite des Sees heranbraust, bis er die Stadt mit ungeheurer Wucht trifft. Keine Frage, dass dies genau dann eintritt, als der Showdown des Buches stattfindet. Daher auch der Titel.

_Unterm Strich_

„Hard Freeze“ ist als zweiter Band der Kurtz-Serie vielleicht nicht so gewalttätig wie der erste, auf dessen Ereignisse ständig verwiesen wird. Aber „Hard Freeze“ entwickelt eine unaufhaltsam wirkende Wucht, die wie der sich zusammenbrauende Sturm irgendwann zum Ausbruch kommen muss.

Wie in jedem Hardboiled-Thriller seit Dashiel Hammett und Mickey Spillane („Mike Hammer“) wird auch hier nicht lange philosophiert und gequasselt, sondern gehandelt. Wo gehobelt wird, fallen Späne, und wo wie hier grob gehobelt wird, fallen die Späne reihenweise.

Dies bedeutet nicht, dass Gewalt Selbstzweck ist. Im Gegenteil. Jeder der Schurken wird nicht nur in seinem Handeln, Reden und Denken dargestellt, sondern auch anhand der Konsequenzen seines Tuns. James B. Hansen, den wir wie keine andere Figur im Buch kennen lernen, ist beispielsweise ein vorbildliches Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft und Polizei, doch die Tatsache, dass er bereits über zwei Dutzend zwölfjährige Mädchen vergewaltigt und brutal umgebracht hat, macht ihn zum Monster.

Sobald eine seiner vielen Identitäten ausgedient hat, bringt er seine Gastfamilie um und hinterlässt die Leiche eines Unschuldigen im brennenden Haus, so dass man Hansen für tot hält. Eine Spur der Vernichtung kennzeichnet seinen Lebensweg. Kurtz‘ Tochter könnte sein nächstes Opfer sein.

Dan Simmons ist ein erprobter und gewiefter Autor. Er kennt alle Tricks des Erzählens, und so ist auch „Hard Freeze“ gespickt mit Überraschungen, die die Spannung gehörig anheizen. Dass Simmons sich nach Themen aus dem Bereich des Futuristischen, Mystischen und Übernatürlichen nun dem Krimi zugewandt hat, tut dem Genre gut und nützt dem Leser. Das war schon in dem genialen „Schlangenhaupt“ festzustellen, das hoffentlich bald verfilmt wird.

Zwar gehorchen im Vergleich dazu die Kurtz-Romane allen Vermarktungsregeln des Genres, doch hier und da blitzen typisch Simmons’sche Elemente auf, wie etwa philosophische Killer, diebische Mafiaprinzessinnen und als Penner lebende Princeton-Professoren.

Der ironische Humor ist extrem trocken und unterkühlt. Das dürfte so manchem Leser gar nicht auffallen, und wenn doch, muss es ihm nicht mal gefallen. Aber wie die Klingonen zu sagen pflegen: „Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert.“

|Verlagsseite: http://www.minotaurbooks.com
Homepage des Autors: http://www.dansimmons.com |

Harrison, Harry / Holm, John – Pfad des Königs, Der (Hammer und Kreuz 2)

Dies ist der zweite Roman der Trilogie „Hammer und Kreuz“ um einen alternativen Geschichtsverlauf im Mittelalter. Shefs Abenteuer (siehe meine [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=782 zu „Hammer des Nordens“) finden nun in Skandinavien ihre Fortsetzung, bis er den entscheidenden Kampf gegen die drei verbliebenen Söhne Ragnar Lodbroks aufnehmen kann: Shef wird König des Nordens.

_Handlung_

Nachdem seine Schwester Godive seinen Allianzpartner König Alfred von Wessex und Mercien geheiratet hat, ist Shef, der König von Ost- und Mittelanglien, relativ einsam. Da trifft es sich gut, dass es eine Menge für sein Land zu tun gibt. Shef lässt eine Reihe von sogenannten ‚Schlachtschiffen‘ bauen, auf denen sich jeweils ein schwerfälliges Katapult befindet. Mit diesen Schiffen segelt er nach Friesland, um dort den auf Raubzug ausfahrenden Wikingern aus Dänemark Paroli zu bieten.

Schon bald kommt es zu einem Seegefecht mit der Flotte der Ragnarssöhne, in dessen Verlauf Shef zwar ein oder zwei feindliche Schiffe versenken kann, sein eigenes Schiff aber im Wattenmeer der Elbmündung auf Grund setzt. Mit knapper Not entkommt er den Nachstellungen der gewieften feindlichen Anführer und findet Unterschlupf in einem fremden Dorf in Dithmarschen. An der Tür wird er erst einmal von einem Fausthieb niedergestreckt – sicher ist sicher, denkt sich der Hausherr. Er freundet sich mit Karli, dem Boxer, an, soll aber dann von den Dörflern in Haithabu als Sklave verkauft werden. Haithabu ist ein hervorragender Ort für Shefs Bemühen, wieder Kontakt zu seiner Sekte aufzunehmen, und so willigt er ein.

Haithabu, an der Schlei in Schleswig-Holstein gelegen, ist im Jahr 867 vor seiner Zerstörung durch die Wikinger der wichtigste Handelsplatz zwischen Süd- und Nordeuropa. Und König Horik sorgt dafür, dass hier jeder mit praktisch allem Handel treiben kann. Natürlich wartet auch hier Ärger auf Shef. Mit knapper Not entkommt er sowohl einem neuen Deutschritterorden (die Leute von Diakon Erkenbert) als auch Angehörigen der Ragnarssons und natürlich dem Dithmarscher Sklavenhändler. Dafür verscherbelt ihn König Horik an die Norweger in Kaupang, dem späteren Oslo.

In Kaupang berät die Akademie des ‚Weges Asgards‘ über die Zukunft, die Shef für die Welt bedeutet: Ist er der prophezeite Einiger und Retter der Welt, der aus dem Norden kommt? Die Priesterschaft ist gespalten, und so wird Shef auf eine geheime Probe gestellt. Wird ihm sein fast schon sprichwörtliches Glück beistehen?

|Königin Ragnhilds Rache|

Die Verhältnisse in Südnorwegen sind kompliziert, und Shef gerät ahnungslos mittenhinein. Die Frau des erfolgreichen Königs Halfdan von Ostfold ist Königin Ragnhild. Sie residiert auf einer Insel im Oslo-Fjord, die nur über mehrere Brücken und zwei vorgelagerte Inseln zu erreichen ist. Bei ihr wohnt ihre Schwiegermutter, doch die beiden hassen sich bis aufs Blut. Ragnhilds einziger Lebenssinn liegt in der Erziehung ihres Sohnes Harald Schönhaar.

Doch das Verhängnis beginnt, als sie Shef zu sich einlädt: „Die Brücke ist bewacht, doch das Eis ist dick.“ Der sexuell frustrierte Shef zieht umgehend mit Freund Karli los. Leider ist das Eis zwar dick und es bricht auch nicht, doch es säuft einfach ab! Beinahe finden die beiden ein nassen beziehungsweise eisigen Tod. Gleich darauf müssen sie mit ein paar bissigen Wolfshunden fertigwerden. Als Lohn der Mühe darf sich Shef in den Armen Königin Ragnhilds fast um den Verstand rammeln, und auch Karli wird in dieser Hinsicht gut versorgt.

Von den Sklavinnen der Königin erfährt Karli, dass Shef nach erfolgreicher Befruchtung der Königin vergiftet werden soll. Karli haut heimlich ab und holt seine Freunde zu Hilfe, die denn auch einen erfolgreichen Angriff auf die Königinneninsel starten. Als unbeabsichtigte Folge dieses Angriffs sterben der junge Harald Schönhaar sowie die Schwiegermutter Ragnhilds, und schließlich wird sogar der König von ihr vergiftet. Ragnhilds Wut kennt keine Grenzen mehr. Als Shef nach Nordnorwegen flieht, setzt sie ihm nach, um ihre Rache zu bekommen …

_Mein Eindruck_

Dies ist nur die erste Hälfte des Inhalts dieses abenteuerlichen Romans. Shefs Reisen führen ihn zu riesigen Trollen, merkwürdigen Finnen, zwischen Mörderwalen und Wölfen hindurch bis nach Schweden. Mit seinen Freunden macht er zahlreiche Entdeckungen und ebenso viele Erfindungen, da ja der Weg Asgards stets nach neuem Wissen strebt.

Erfunden werden: die drehbare Windmühle, der mechanisch betriebene Hammer, gehärteter Stahl, ein gepanzertes Schlachtschiff mit zwei Katapulten – und sogenanntes ‚Winter-Ale‘, das wohl so etwas wie Aquavit sein könnte. Insgesamt beachtliche Leistungen. Der Eindruck entstand bei mir, dass diese Romantrilogie durch solche Elemente nicht nur Fantasy ist, sondern ebenso auch Science-Fiction. Dafür spricht auch das Element des alternativen Geschichtsverlaufs.

_Unterm Strich_

Während auch in diesem Band wieder Action und Abenteuer überwiegen, so findet doch nun die Frage, woher Shef kommt und was er auf Erden soll, eine vorläufige Antwort, die für die Religionen von größter Bedeutung ist. Shef ist offenbar nicht der Sohn eines Menschen (siehe ‚Shef Sigvarthsson‘ in Band 1), sondern der des Gottes Rigr, der wiederum Odins Sohn ist. Daher findet auch das Ringen zwischen Odin und Rigr um Shefs Zukunft seine Fortsetzung, was sich etwa in der Spaltung der Sekte des Wegs Asgards äußert: Odins Priester Valgrim schließt sich der rachsüchtigen Ragnhild an, muss aber dafür einen hohen Preis bezahlen.

Beide Götter beeinflussen Shef mit ihren Visionen, und Shefs Aufgabe besteht darin, zu wählen, wessen Einfluss er gehorchen will. Er entscheidet sich schließlich für keinen von beiden, sondern geht seinen eigenen Weg, den der Lanze. Die Lanze hat er in einer Trollhöhle gefunden, und es ist diejenige, die ein deutscher Legionär Jesus am Kreuz in die Seite gestoßen hatte. (Diese Lanze wird von den Leuten des deutschen Ritterordens verzweifelt gesucht.)

Mithin vereint Shef nun die beiden nordischen Götter mit dem christlichen Gott in sich, wenn es um Entscheidungen geht. Für mich ist es vor allem dieses Element, das es so spannend und interessant macht, seinen Weg zu verfolgen, so etwa dann, als er Anhänger des ‚Wegs‘ aus Schweden vor dem Opfertod retten muss.

|Humor|

Dieser zweite Band erschien mir noch humorvoller als der erste, soweit dies überhaupt möglich ist. Doch da es sich unter anderem auch um eine Reiseerzählung à la Karl May handelt, sorgen die Begegnungen mit fremden Sitten und Bräuchen für komische Elemente. Zu Shefs denkwürdigsten Erlebnissen gehört sicherlich der Besuch bei einem finnischen Schamanen, bei dem er den Urin seiner Trinkbrüder zu trinken hat. Da dieser Urin mit einem Fliegenpilzextrakt durchsetzt ist, kommen Shef recht wunderliche Visionen in den Sinn. Viel spricht trotzdem nicht dafür, dass sich diese Trinksitte ausbreiten wird …

Ach so – und Königin Ragnhild? Tja, um deren Schicksal zu erfahren, müsst ihr das Buch schon selbst lesen. Ich bin ja nicht der Spoiler vom Dienst.

|Originaltitel: One King’s Way, 1995
Übertragung aus dem Englischen & Glossar: Frank Borsch|

Andreas Steinhöfel – Die Mitte der Welt

Phil wächst in einem süddeutschen Dorf auf, aber nicht in dessen Mitte, sondern am Rande. Seine Mutter ist Amerikanerin, sein unbekannter Vater Amerikaner. Seine Entwicklung am Rande der Gesellschaft ist gekennzeichnet von Auseinandersetzungen, seine Liebe zu einem anderen Jungen bedeutet deshalb für ihn Anerkennung und Befreiung. Aus dieser Spannung zwischen Ausgrenzung einerseits und Liebe andererseits bezieht der Roman seine Spannung. Und da viele Geheimnisse erst am Schluss gelüftet werden, bleibt der Hörer bzw. Leser von Geschichte bis zum Schluss gefesselt.

Der Autor

Andreas Steinhöfel, geboren 1962 in Battenberg, studierte Amerikanistik, Anglistik und Medienwissenschaften. Er schreibt Drehbücher, Rezensionen und seit 1991 zahlreiche Kinder- und Jugendbücher.

Der Sprecher

Rufus Beck, geboren 1957, ist Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler und hat als deutsche Stimme der „Harry Potter“-Hörbücher mit seiner vollendeten Sprechkunst die Herzen zahlreicher HP-Fans erobert. Er hat aber auch alle Bücher des Iren Eoin Colfer als Hörbücher aufgenommen, insbesondere die über „Artemis Fowl“.

Handlung

Als die Hauptfigur Phil mit 17 Jahren auf einem Frachtdampfer anheuert und nach Amerika fährt, um seinen Vater zu suchen, schließt sich ein Kreis, der im Jahr seiner Geburt begann.

In Boston geht die hochschwangere Glass, Phils Mutter, an Bord eines Dampfers nach Europa. Sie will zu ihrer Schwester Stella, die irgendwo im südlichen Deutschland lebt. Den Vater ihres Kindes, Nummer drei, lässt sie zurück. Doch niemand wartet auf sie am Zielbahnhof, es fahren keine Taxis, und so muss sie selbst den weiten Weg durch den Wald gehen. Durch die Anstrengung setzen die Wehen ein und in Sichtweite des schwesterlichen Hauses bringt sie Zwillinge zur Welt. Eine junge Frau kommt aus dem Haus, weil sie die Schreie gehört hat. Es ist Teresa, und sie sie berichtet, dass Stella tot sei. Glass bringt zweieiige Zwillinge zur Welt: Phil und Diane.

Das Haus ist eine große, teilweise leer stehende Villa auf einem Hügel. Sie beherbergt eine große alte Bibliothek, die für die Kinder zur „Mitte der Welt“ wird. Kern der Bücherei sind große Folianten mit gepressten Pflanzen darin. Sie spielen später eine unheilvolle Rolle. Hier geht Phils Phantasie auf Reisen. Das einzige Buch, das er mit 17 mitnimmt, stammt von hier: „Moby Dick“.

Die Leute aus dem Dorf misstrauen den neuen Bewohnern, und die selbstbewusste Glass nennt die Dörfler die „Jenseitigen“ und „die kleinen Leute“, wegen ihres kleinen Geistes. Denn Glass und ihre Brut tun alles, um die Normen zu verletzen. Das beginnt damit, dass Glass sich einen Liebhaber nach dem anderen ins Bett holt. Das ist gut für die Instandsetzung des Hauses. Aber sie prostituiert sich nicht, denn ihre Haupttätigkeit besteht in der psychologischen Beratung der ahnungs- und hilflosen Dorffrauen. Die holen sich bei ihr nicht nur Rat und Selbstvertrauen, sondern ab und zu auch mal eine Arznei.

Teresa ist Glass‘ Geliebte und Freundin, aber auch ihre Arbeitgeberin, denn Teresa hat von ihrem verstorbenen Vater eine Anwaltskanzlei geerbt, und als Teresa diese nach dem Studium übernimmt, kann Glass bei ihr als Sekretärin arbeiten. Auch Phil und Diane sind zunächst unzertrennlich, und der Höhepunkt dieser Freundschaft ist die glorreiche „Schlacht am großen Auge“. Um Phil gegen die Rüpel des Dorfs zu verteidigen, schießt Diane mit ihrem Bogen einen Pfeil auf deren Anführer und trift ihn in den Arm. Dafür wird sie von dessen Komplizen mit dem Messer angegriffen. Die Wunde am Schlüsselbein ist tief. Als sie das Messer herauszieht, vergrößert sie sie noch, ohne mit der Wimper zu zucken. Vor so viel Masochismus nehmen die feindlichen Jungs Reißaus. Phil ist schwer beeindruckt.

Obwohl Phil in der unkonventionellen und wagemutigen Kat bereits seitdem er fünf ist eine Freundin hat, verguckt er sich zunächst in einen schönen Jungen, den er vor der Kirche sieht. Wie er Jahre später herausfindet, handelt es sich um Nicholas, den an der Schule alle nur den „Läufer“ nennen. Aber Nicholas ist auch ein Sammler von Dingen, die er zufällig auf der Straße oder sonstwo findet. Phil fragt sich, was Nicholas damit macht. Und er selbst vermisst seit dem Tag vor der Kirche seine geliebte Schneekugel … Glass hingegen verliert ihr ungeborenes Baby und leidet monatelang unter Depressionen.

Als Phil etwa 17 Jahre alt ist, wird aus der Zuneigung zu Nicholas Ernst. Sie gehen miteinander ins Bett. Dies spricht sich langsam herum, denn so etwas ist natürlich ein gefundenes Fressen für alle Klatschtanten, ob nun weiblich oder männlich. Diane und Glass tragen’s ebenso gleichmütig wie Teresa, die selbst eine lesbische Geliebte hat. Diane scheint eine Freundin zu haben: Cora oder „Zephyr“, das hat Phil noch nicht herausgefunden. Er selbst wird heftig angefeindet, und zwar ausgerechnet von Kats Freund Thomas, wo doch seine Beziehung zu Kat völlig platonisch ist. Um seine Veranlagung zu demonstrieren, macht Phil den Fehler, Thomas zu küssen. Der, zunächst verblüfft, schwört bittere Rache. Und so kommt es zu einem schweren Unglück.

Diane hat sich lange Zeit von ihrer Mutter wegentwickelt. Phil vermutet, dass sie von Glass‘ zahlreichen Männerbekanntschaften abgestoßen ist. Das ändert sich, als Glass ihr Baby verliert. Da kümmert sich Diane plötzlich wieder wie ein Engel um sie. Phil ahnt nicht, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt und ein düsteres Geheimnis die Familie überschattet …

Mein Eindruck

Nicht nur auf einer symbolischen Ebene dürfte von vornherein klar sein, dass in „Visible“, der Villa im Wald, nur unkonventionelle Außenseiter leben. Wenn eine Mutter, wie Glass bei ihrer Ankunft, weder männlichen Beistand noch Dach überm Kopf hat, wenn sie ihre Kinder zur Welt bringt, dann ist bereits klar, welche ungewöhnlichen Umstände hier vorliegen. Spätestens wenn sich Glass und ihre Freundin Teresa als Leichenräuber betätigen, merkt der Leser, dass das Leben als Outcast auch ganz spaßig sein kann.

Aufgrund ihres unkonventionellen Verhaltens und ihrer liberalen Ansichten ist Glass schon bald der Gegenpol zur dörflichen Gemeinschaft, die von Konventionen zusammengehalten wird, nicht ohne dabei Opfer zu fordern. (Es spricht für die dörfliche Doppelmoral, dass sich die Frauen von Glass beraten lassen.) Dass auch Glass‘ Kinder ihr Außenseitertum ausbaden müssen, dürfte klar sein. Diane ist dies schon bald nach der Einschulung klar, und sie hasst es. Ihr fällt es zwar leicht, tapfer ihren Zwillingsbruder zu verteidigen, möchte aber spätestens in der Schule integriert werden.

Die Gefahren des Nacktbadens

Ein schlagendes und sehr komisches Kapitel für Dianes Nöte in der Gesellschaft ist ihr Auftritt vor dem Polizeihauptwachmeister Assmann. Ein Junge wurde verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Die Anklage lautet, Diane habe einen Hund auf ihn gehetzt, während sie und ihre Freundin unbekleidet um Mitternacht (!) am Fluss badeten. Dass es sich beim Vollmondbaden keineswegs um ein todeswürdiges Verbrechen handelt, versucht Diane dem eifrigen Polizisten erfolgreich klarzumachen. Auch dass der Hund nicht ihr gehört, sondern dem Jungen, gelingt ihr noch zu erklären. Weniger leicht zu begreifen ist hingegen ihre Behauptung, der Hund habe sich beißend auf sein Herrchen gestürzt, während sich dieser beim Anblick der nackten Mädchen einen runterholte …

Ersatzväter

Die Abwesenheit eines Vaters öffnet alle möglichen Optionen des sozialen und sexuellen Miteinanders, die der Konvention entgegenstehen. Am ehesten ist dies am Werdegang der Hauptfigur Phil abzulesen. Er hat eine Art abwesenden Ersatzvater namens Gable, einem Seemann, bei dem er sich geborgen fühlt und der ihm von seinen Fahrten in alle Erdwinkel wundersame Dinge mitbringt, wenn er an Weihnachten „Visible“ besucht. Gable nimmt Phil auf einen Törn übers Mittelmeer mit und arrangiert für ihn eine zärtliche Liebesnacht mit einem griechischen Jungen. Später nimmt der heterosexuelle Anwalt Michael die Stelle des Vaters ein, aber zu ihm hat Phil einen ganz anderen Bezug. Er sucht viel lieber seinen leiblichen Vater.

Zärtliche Lover

Sehr feinfühlig, anschaulich und unverklemmt schildert der Autor Phils Beziehung zu dem ein bis zwei Jahre älteren Nicholas. Phil muss wie wir alle sämtliche Höhen und Tiefen einer Liebesbeziehung durchlaufen, um zu erfahren, was es bedeutet, jemanden wirklich zu lieben. Eine körperliche Beziehung ist ihm zu wenig, er würde zunächst am liebsten seelisch mit seinem Lover verschmelzen. Diese Liebesszenen sind keineswegs schwülstig oder verklemmt erzählt, sondern recht poetisch und einfühlsam.

Nicholas verrät Phil ein paar seiner Geheimnisse, so etwa sein „Museum der verlorenen Dinge“ und seine getippten Erzählungen darüber. Nicholas ist selbst quasi elternlos und offen für alternative Beziehungsformen. Wie weit dies gehen kann, hätte sich Phil aber nicht träumen lassen. Unabsichtlich beobachtet er Nicholas mit seiner Freundin Kat beim Sex. Dass für ihn beinahe die Welt untergeht, leuchtet ein, andererseits haben die drei schon einige Spritztouren in Nicholas‘ Sportwagen unternommen, also sollte Phil nicht so verwundert sein. Dennoch nagt die Eifersucht an ihm. Er ahnt aber nicht, wie sehr er durch sein Verhalten Nicholas in die Schusslinie von rachsüchtigen Leuten gebracht hat.

Durch psychologisch geschickte Detektivarbeit bei Glass und Diane gelingt es Phil, mehrere Top-Geheimnisse seiner Familie zu lüften und so einige Anlässe für Streit aus dem Weg zu räumen. Als er schließlich seiner Mutter sogar den Namen seines richtigen Vaters entlockt, gibt es für ihn kein Halten mehr. Diese letzten Kapitel sind total spannend zu verfolgen, denn hier geht es nicht um Leichenräuberei oder Nacktbaden bei Vollmond, sondern ganz einfach um Leben und Tod.

Der Sprecher

Rufus Beck hat diesmal nicht die Aufgabe, ein Dutzend verschiedener Figuren stimmlich zu charakterisieren. Es treten auch keine Zauberlehrlinge oder Wundertiere auf. Diesmal darf er im Gegenteil nur mit einer Stimme sprechen, und dies möglichst einfühlsam. (Einzige Ausnahme: Phils Lehrer.) Doch „Mitte der Welt“ ist nicht das erste von ihm vorgelesene Buch, in dem sehr ungewöhnliche Jungs die Hauptrolle spielen. Auch das rasend komische Buch „Der Fliegenfänger“ von Willy Russell (|Heyne|-Verlag) wurde von Beck vorgelesen.

Die heikelsten Stellen sind beim Vorlesen immer die leisen. Hier kann der Sprecher alles vermasseln. Beck hingegen spricht auch hier so souverän wie sonst auch, aber natürlich nicht im Plauderton, sondern sehr zärtlich, um die poetische Sprache, derer sich der Autor bedient, zur Geltung kommen zu lassen. So können selbst Leute, die mit Schwulen nichts anzufangen wissen, diesen erotischen und psychologisch intimen Szenen etwas abgewinnen. Sie machen deutlich, warum Phil so viel an seinem geliebten Nicholas liegt. Somit sind sie ein zentraler Bestandteil seiner Charakterisierung. Wer sie also missachtet, leugnet einen wichtigen Teil der Hauptfigur.

Unterm Strich

„Die Mitte der Welt“ ist eine wunderbar unterhaltsame, spannende und außergewöhnliche Kindheits- und Jugendgeschichte. Hier handelt es sich nicht um Genreliteratur, sondern vielmehr um einen künstlerischen wertvollen Roman über die Entwicklung eines homosexuellen Mannes. Das Kunststück, das dem Autor gelingt, besteht darin, die „Normalen“, die „kleinen Leute“, als die Kranken darzustellen und die Außenseiter, zu denen Phil zählt, als die Gesunden, die weitaus mehr vom Leben haben. Homosexualität entwickelt sich so selbstverständlich als alternative Verwirklichung von menschlicher Zuneigung, dass ihre Schilderung an keiner Stelle peinlich oder voyeuristisch wirkt. Rufus Becks Lesung trägt dazu entscheidend bei.

Die Abenteuer der kleinen Gemeinschaft in der Villa „Visible“ sind durchaus spannend und komisch, aber mitunter auch makaber. Sie verblassen vor dem ernsten Drama, das sich aus Phils Liebe zu Nicholas entwickelt und durch ein düsteres Geheimnis in Phils Familie überschattet wird. Phil, der zuweilen als Sprachrohr des Autors fungiert, weiß einige Weisheiten zu formulieren, die er durch seine Erfahrungen in Grenzsituationen gesammelt hat. Mit Spannung darf man seine Abenteuer erwarten, wenn er in New York City ankommt.

Umfang: 575 Minuten auf 8 CDs
Die Buchausgabe erschien 1998 bei Carlsen.
www.hoerbuch-hamburg.de

Baldacci, David – Geschenk, Das

Mit der Eisenbahn will der Journalist Tom Langdon von Washington, D.C., bis nach Los Angeles fahren, um sein Versprechen bei seiner Freundin Lilya Gibson einzulösen – sie zu Weihnachten zu besuchen. Die Menschen, die er auf seiner Reise trifft, werden sein Leben beträchtlich verändern. Und als der Zug in den verschneiten Rocky Mountains in einem Schneesturm stecken bleibt, kommt es zu einer dramatischen Entscheidung.

|Der Autor|

David Baldacci ist der Verfasser u. a. von „Der Präsident“, das Clint Eastwood unter dem Titel „Absolute Power“ verfilmt hat. Der frühere Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist lebt in Virginia, USA. Weitere Baldacci-Hörfassungen bei Lübbe: „Das Labyrinth“, „Das Versprechen“, „Der Abgrund“, „Die Versuchung“, „Die Verschwörung“ und „Die Wahrheit“.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon zahlreiche Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

_Handlung_

Tom Langdon ist bereits über 40, also praktisch schon scheintot. Der frühere Kriegsberichterstatter und Globetrotter hat seine jugendlichen Illusionen über seine Möglichkeiten, die Welt zu verbessern, verloren. Jetzt schreibt er für Handwerker- und Frauenmagazine über Selbstverbesserung und die Verschönerung des Heims. Er lebt relativ allein, seit seine frühere Lebensgefährtin Eleanor Carter sich von ihm getrennt hat. Vor kurzem sind obendrein seine Eltern gestorben, und er selbst könnte ein paar Selbstverbesserungstipps gut gebrauchen.

Tom hat seiner Freundin Lilya Gibson versprochen, zu Weihnachten nach Los Angeles zu kommen, um mit ihr die Feiertage am schönen (wenn auch teuren) Lake Tahoe zu verbringen. Er hofft, die Zwei-Küsten-Fernbeziehung durch traute Zweisamkeit zu vertiefen. Doch erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Weil er bei einer der ätzenden Sicherheitskontrollen auf einem New Yorker Flughafen die Nerven verlor, wird er zu zwei Jahren inneramerikanischem Flugverbot verdonnert – und das ist noch ein mildes Urteil, findet die Richterin. Folglich kann Tom nicht wie geplant nach L.A. düsen, sondern muss den Zug nehmen. Es soll eine denkwürdige Reise für ihn werden.

|Die Reportage|

Um aus der Not das Beste zu machen, beschließt Tom, einem Wunsch seines Vaters zu folgen und wie einst sein Urahne Mark Twain auf der Transamerikafahrt eine Reisereportage zu schreiben. Dafür fährt er standesgemäß mit den noblen Zügen „Capital Limited“, der ihn bis Chicago bringt, und mit dem „Southwest Chief“ über Colorado nach Los Angeles. Er träumt von einem riesigen Schlafwagenabteil, wie es sich einst Cary Grant und Eva-Marie Saint in Hitchcocks Thriller „Der unsichtbare Dritte“ teilen durften.

An Bord stellt er fest, dass sein Abteil nur den Ansprüchen einer Sardine genügen dürfte. Die Wand des Bades lässt sich zudem beiseite schieben, um ins Nachbarabteil zu gelangen – sehr praktisch, aber auch sehr gewöhnungsbedürftig. Diverse interessante Fahrgäste gibt es kennen zu lernen. Einer dicken Frau namens Agnes Joe muss er ständig aus dem Weg gehen, sie ist seine Abteilnachbarin. Bald merkt er, dass ein Taschendieb ebenfalls den Zug zu seinem Arbeitsgebiet erkoren hat – sein Füller ist weg und ebenso diverse Objekte anderer Fahrgäste. Und dann sind da noch „die Filmleute“.

|Die Filmleute|

Bei seiner Recherche im Zug stößt Tom schließlich auf Max Powers, einen berühmten Hollywood-Regisseur, der bereits viele Preise gewonnen hat. Selbstredend reist Max nicht alleine. Er hat seinen Assistenten Cristobal und seine Drehbuchschreiberin dabei. Er plant nämlich, einen Film auf einem Zug drehen. Zu Toms maßlosem Erstaunen stellt sich die Drehbuchschreiberin als seine frühere Lebensgefährtin Eleanor Carter heraus.

Die ist allerdings gar nicht entzückt über die Begegnung: Sie gibt immer noch Tom die Schuld an der Trennung. Tom hingegen ist sich keiner Schuld bewusst. Eleanor hofft, er werde endlich mal erwachsen. Wovon, zum Geier, redet sie?, fragt sich Tom. Der nichts davon ahnende Max spannt Tom sogleich zum Drehbuchschreiben an; er und Eleanor würden sich bestimmt prächtig ergänzen. Von einem verlobten Pärchen werden sie gebeten, als Trauzeugen zu fungieren. Na, großartig.

Mit Ach und Krach schafft es der Zug nach Chicago. Tom schafft seinerseits beinahe schon die Aussöhnung mit Eleanor, die ihn trotz allem immer noch zu lieben scheint – da taucht Lilya Gibson auf. Die Überraschung ist Toms Freundin wirklich gelungen. Zu allem Überfluss macht sie ihm einen Heiratsantrag, denn sie will eine Familie mit mindestens acht Kindern gründen. Auf diesen Schrecken braucht Tom erst einmal eine wohldosierte Überdosis Alkohol.

|Der Schneesturm|

Während sich Eleanor und Lilya noch kabbeln, sobald sie erkannt haben, mit wem Tom gerade zusammen ist, erreichen schlechte Nachrichten von der Wetterfront den Zug. Auf der Westseite der Rocky Mountains hat sich ein Jahrhundertsturm zusammengebraut, der nun seine Schneemassen Richtung Süden voranschiebt. Die kritische Stelle ist der hoch gelegene Pass, den der Zug überwinden muss, will er die Ebenen von New Mexico erreichen. Der Pass selbst wird zwar von einem 800 m langen Tunnel unterquert, doch wer weiß, was sich auf der anderen Seite dem Zug entgegenstellt? Schneewehen, Lawinen, Felsbrocken?

Wie es der Eisenbahnveteran Higgins vorhergesagt hat, tritt der schlimmste Fall ein, und der Zug bleibt gleich neben einem Abgrund stehen. Dass er mit der nächsten Lawine in denselben zu kippen droht, ist nicht das drängendste Problem. Die Rettungskräfte können den Zug im Schneesturm nicht finden, geschweige denn erreichen. Die 340 Passagiere müssen also längere Zeit warten. Das geht aber auch nicht unbegrenzt: Sobald der Treibstoff verbraucht ist, fällt der Strom ebenso aus wie die Heizung. Werden die Leute in wenigen Stunden erfrieren?

Tom trifft eine dramatische Entscheidung. Er wird versuchen, das nächste Berghotel zu Fuß zu erreichen, um Hilfe zu holen. Erstaunt stellt er fest, dass Eleanor nicht davon abzubringen ist, ihn in den Schneesturm zu begleiten.

_Mein Eindruck_

Vor wenigen Jahren lieferte John Grisham mit dem verfilmten Roman [„Das Fest“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=292 (Skipping Christmas) eine perfekte Weihnachtssatire ab, die mir sehr viel Spaß bereitete. Nun ist sein Kollege David Baldacci dran, der in der Disziplin der X-mas-Story mindestens ebenso erfolgreich ist.

Die Handlung dieses „Weihnachtsmärchens“ ist an keiner Stelle langweilig und sorgt schon nach wenigen Minuten für gespannte Nerven und ein ein wohltrainiertes Zwerchfell. Die originellen Figuren wie etwa Agnes Joe oder der Ex-Pfarrer Kelly sind klar gezeichnet und werden bis zum Schluss eine Rolle spielen. Der ganze Hintergrund in zeitlicher, räumlicher und technisch-kultureller Hinsicht ist sauber recherchiert: Der Zug „Capital Limited“ hat ebenso seine Geschichte – etwa durch Mark Tawin – wie Tom Langdon selbst. Die Spieler haben die Bühne betreten, nun kann der erste Akt beginnen.

Die Handlung zielt selbstverständlich wie in jeder anständigen Romanze auf die Vereinigung der Liebenden, sprich: von Tom und Eleanor. Da dies aber eine Weihnachtsgeschichte ist, fehlt uns irgendwie noch die Rolle des Santa Claus. Keine Angst: Auch der ist mit an Bord. Damit alles ein wenig spannender wird, tauchen noch Eleanors Widersacherin, die Stimmenimitatorin Lilya Gibson, und der Taschendieb auf, der für erhebliche Unruhe sorgt.

Die Krise tritt natürlich auf dem Bergpass ein, als der Zug stecken bleibt und alle Passagiere sich mit einem vorzeitigen Lebensende konfrontiert sehen, das nicht im Fahrplan stand, und mit einer postmortalen Reise, für die sie kein Ticket haben. Jedenfalls sorgt die Katastrophe dafür, dass sich alle beträchtlich näher kommen und Solidarität gegenüber den Schwächeren üben: brave Amerikaner. Und wenn Tom und Elli nicht im Schneesturm umkommen, dann leben sie noch heute.

|Der Sprecher|

Selten hat Ulrich Pleitgen sein Stimmtalent derart vielseitig ausspielen dürfen. Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuhören, wenn er die Stimmung einer Szene voll zur Geltung bringt. Sein eigenes Vergnügen ist ebenfalls herauszuhören, so etwa dann, als sich die dicke Agnes Joe amouröse Avancen von dem etwas belämmerten Tom Langdon erhofft (die Badwand ist offen!) und einen eindeutig zweideutigen Tonfall anschlägt.

Aber auch zur Komik gibt es reichlich Anlass. Und das betrifft nicht so sehr den Humor zwischen bereits gut abgefüllten Männern (Frauen haben sich offenbar nicht zu besaufen) wie etwa Max und Tom. Das betrifft zum Beispiel die Szene, in der Lilya Tom ihren Heiratsantrag macht. Wie in einer ordentlichen Screwball-Comedy stellt die Lady die von der Gesellschaft abgesegneten Verhältnisse – nur Männer dürfen Heiratsanträge machen – kurzerhand auf den Kopf und packt in ihr Horrorpaket noch acht Kinder hinein. Kein Wunder, dass Tom dadurch ein klein wenig abgeschreckt ist. – Es gibt noch zahlreiche weitere solche Szenen.

Das hindert aber einen Profi wie Pleitgen nicht daran, auch leise und geradezu intime Töne anzuschlagen. Die recht emotionalen Dialoge zwischen Eleanor und Tom kommen durch leise Töne besser zur Geltung, es sei denn, es geht um Leben und Tod. Und das tut es dann ja auch.

Das Finale ist etwas anspruchsvoller in der Dialogführung. Man muss genau aufpassen, wer was wann zu wem sagt. Denn wie in einer Komödie ist es besser, etwas zu verraten, wenn die Betreffenden nicht zugegen sind. Und Max Powers hat einiges zu erklären …

_Unterm Strich_

„The Christmas Train“ bietet perfekte Unterhaltung zum Familienfest. Hier kommen Liebende zusammen, die füreinander bestimmt waren – auch wenn sie das selbst ganz anders sehen. Und damit die Handlung sowohl für Herz und Zwerchfell als auch Adrenalinspiegel etwas bietet, sorgt der Autor mit zahlreichen geeigneten Zutaten für die entsprechende Dosis. Wer Realismus sucht, findet ihn allerdings eher woanders. Aber wer tut das schon zu Weihnachten?

Dem Sprecher Ulrich Pleitgen zuzuhören, ist ein wahres Vergnügen. Er moduliert seine tiefe Stimme auf vielfältige Weise. Ich konnte beispielsweise immer genau sagen, wann Eleanor spricht und wann Tom Langdon. Selbst ein alter Mann wie der 70-jährige Father Kelly ist genau herauszuhören. Und zu lachen gibt es, wie gesagt, hörbar auch einiges.

Auch der um rund zehn bis fünfzehn Euro herabgesetzte Preis bringt etwas zum Lachen, nämlich meinen Geldbeutel (oder das entsprechende Äquivalent). Das ganze Paket bietet also keinerlei Minus-, sondern ausschließlich Pluspunkte. So gefällt mir das: „Das Geschenk“ macht seinem Namen alle Ehre.

|Umfang: 285 Minuten auf 4 CDs
Originaltitel: The Christmas Train, 2002
Aus dem US-Englischen von Uwe Anton, Lübbe-Verlag November 2003.|

Connelly, Michael – Unbekannt verzogen

Kaum ist der Unternehmer Henry Pierce in seine neue Wohnung in L. A. eingezogen, bekommt er seltsame Anrufe von wildfremden Männern. Alle erkundigen sich nach einer gewissen Lilly. Als sich Pierce seinerseits nach Lilly erkundigt, merkt er, dass sie seit einigen Wochen verschwunden ist. Das weckt alte Schuldgefühle, die er gegenüber seiner verstorbenen Schwester hegt und veranlasst ihn, sich als guter Samariter zu betätigen.

Allerdings hat jemand ganz entschieden etwas gegen Henrys Schnüffelei und zögert auch nicht, sehr deutlich zu werden, wenn’s darum geht, Henry abzuschrecken. Ziemlich spät stellt Henry sich selbst die Frage: Was oder wer steckt dahinter? Denn all dies ist kein Zufall.

|Der Autor|

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood. Zuletzt erschien im August 2003 der Thriller „Kein Engel so rein“ („City of Bones“, 2002).

Weitere wichtige Romane:

Schwarze Engel (1998); Der Poet; Schwarzes Echo (1991); Lost Light (2003); The Narrows (2004).

Offizielle Homepage: http://www.michaelconnelly.com.

_Handlung_

Henry Pierce ist ein vielbeschäftiger Wissenschaftler, der an einer bahnbrechenden Computererfindung forscht. Seine Firma |Amedeo Technologies| entwickelt wesentliche Bausteine für die Entwicklung eines schnelleren und kleineren Computers auf Molekülbasis. Solche Mikrorechner ließen sich in Brillengestellen, Handys, Uhren und sogar in der Wandfarbe des Wohnzimmers unterbringen – und wären dennoch schneller als heutige Rechner. Dieser Rechner soll auf ein amerikanisches Zehncentstück passen, einen Dime. Und von dieser Jagd auf den Dime hat der Roman seinen Originaltitel.

Diese Jagd fordert Opfer. Das wichtigste davon ist Henrys Freundin und Angestellte Nicki. Weil sie ihn wegen Vernachlässigung rausgeschmissen hat, zieht er in eine neue Wohnung. Seine neue Telefonnummer hat er sich nicht selbst ausgesucht, sondern diese über seine persönliche Assistentin Monica organisieren lassen. Ständig rufen wildfremde Männer an, die eine gewisse „Lilly von der Website“ sprechen wollen. Es handelt sich tatsächlich um die gleiche Nummer, die eine „Hostess“ auf einer Seite von „L. A. Darlings“ angibt. Ihre Pose auf dem Foto gibt ziemlich eindeutig kund, welche Art von intimer Dienstleistung sie anbietet.

Nun ist Henry keine Trantüte, sondern ergreift die Initiative. Dieser Telefonterror muss aufhören! Über – mehr oder weniger legale – Umwege findet er heraus, dass sie schon seit Wochen nicht mehr in ihrer Wohnung war. Lillys Mutter, ihr Vermieter, ja, selbst ihre Kollegin „Robin“ haben keine Ahnung, wo sie abgeblieben ist. Doch für knapp 700 Dollar lässt sich Robin dazu bewegen, ihm die Wohnung zu zeigen, in der Lilly ihre Freier empfing. Dort ist die Matratze mit Blut getränkt …

Detective Robert Renner von der Mordkommission ist wenig entzückt über den schrägen Vogel, der ihm da ins Nest geflogen ist. Pierce hat selbst die Polizei gerufen, aber wie kam er überhaupt in die Wohnung, an die Adresse, an die Details über Lillys Leben und Aufenthalt? Sehr dubios. Und außerdem ist Pierce zweimal vorbestraft. Er war einst einer der ersten Hacker an der Westküste, flog bei einem „Streich“ auf und wurde zu Sozialarbeit verknackt. Später gab er sich mal als Polizist aus – Pierce nennt das „angewandte Psychologie“. Andere nennen es Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Renner will – und wird – Pierce etwas anhängen; ein Durchsuchungsbefehl ist nur noch eine Frage der Zeit. Das kann Pierce am allerwenigsten gebrauchen. In zwei Tagen steht die Präsentation seiner Erfindung bei einem Investor bevor. Der würde garantiert abspringen, wenn Pierce auch nur den Schatten von Unseriosität an den Tag legen würde. Auch andere Firmen und natürlich auch die Regierung liegen im Rennen um den Molekularcomputer.

Als zwei Gauner Henry in seiner Wohnung in die Mangel nehmen, glaubt er, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Sie schlagen ihn krankenhausreif. Als Henry aufwacht, sieht er ein, dass er einen Anwalt braucht, denn schon wieder nimmt ihn der hartnäckige Detective Renner in die Mangel. Von Medikamenten benebelt, erzählt Henry von seiner Schwester Isabelle, die einst ebenso unter die Räder kam wie Lilly und Robin. Ihr Tod hatte Henry sehr erschüttert und ihm ein Schuldgefühl eingepflanzt, das bei ihm zum Guter-Samariter-Syndrom führte.

Renner ist happy, Henry nimmt sich eine Anwältin und verlangt von seinem alten Kumpel, dem Hacker und Spezialisten für Rechnersicherheit Code Zeller, alles über Billy Wentz herauszufinden.

Henry droht nicht nur, Amedeo Technologies und damit sein Lebenswerk zu verlieren, sondern auch sein Leben selbst. Aber ist der kleine Brutalo Billy Wentz wirklich derjenige, der hinter all dem steckt?

_Mein Eindruck_

Vordergründig scheint es um eine verschwundene (getötete?) Prostituierte zu gehen. Doch diese ist ein Opfer der milliardenschweren Industrie, die sich ‚Sex im Internet‘ nennt. Eigentlich wird im Web nur mit Sex Geld wirklich verdient. Okay, es gibt noch Amazon und eBay, aber das ist ein bisschen wenig, nicht wahr? Schließlich gibt es Millionen weiterer Sites, die dem Surfer an den Geldbeutel wollen. Richtig abgezockt wird nur mit Sex. Und dabei kämpfen die Betreiber offenbar mit harten Bandagen, wie Henry Pierce, der ihnen in die Quere kommt, schmerzhaft feststellen muss.

Das eigentliche Thema ist ein Wirtschaftskrieg, in dem auch Spionage, Sabotage und Diffamierung zu den üblichen Waffen im Arsenal gehören. Ziel ist natürlich für jedes Unternehmen, dass es einem anderen die Rücklichter zeigt, indem es eine bahnbrechende Erfindung aus dem Hut zaubert. Und da ist Amedeo Technologies einer der Top-Kandidaten. Die Hintermänner? Man braucht nur mal kurz zu überlegen, welche Industrien durch Henrys Erfindung für den Molekularrechner in Gefahr geraten. Eure Intel-Aktien könnt ihr dann in die Tonne treten. 😉

|Spannende Lektüre|

Ich habe „Unbekannt verzogen“ in nur zwei Tagen verschlungen, denn die Story ist ungemein spannend und actionreich erzählt. Natürlich kann man sich bei Henrys Schnitzeljagd nach der verschwundenen Lilly schon bald einen Reim darauf machen, wer hinter dem Ganzen stecken könnte. Ihr werdet trotzdem nie drauf kommen. Es gibt einen tollen Showdown.

Es wird einem ganz beklommen ums Herz, mitverfolgen zu müssen, wie sich das Netz der Indizien gegen unseren Helden zusammenzieht. Man braucht nur mal seine Aktionen mit den Augen Detective Renners zu betrachten – und schon wird aus einem Samariter ein Mordverdächtiger. Was noch fehlt, ist Lillys Leiche. Dann noch ein, zwei Gerichtsverhandlungen, und er landet in der Gaskammer.

Henry ist zwar ein Selfmademan und potenzieller Multimilliardär, aber auch ein Opfer seiner Vergangenheit. Doch fast niemand weiß von dem wirklichen Grund seines Schuldgefühls, nur einer. Und auf diesen einen Menschen fällt sein erster Verdacht.

Das Einzige, was Henry retten kann, so sieht er in höchster Not ein, ist Henry selbst. Oder vielmehr sein rational folgernder Verstand, den er als Wissenschaftler jahrelang trainiert hat. Neun Fakten trägt er zusammen, dann hat er schon einen Verdächtigen, der für das Komplott in Frage kommt. Wer könnte ihn an die Konkurrenz verraten haben?

|Paranoia|

Das Klima der Paranoia, des Verfolgungswahns, herrscht in der gesamten Hightech-Industrie. Die Jagd nach dem Dime erzeugt eine Mentalität, in der Hochsicherheitstechnik überall notwendig erscheint und auch eingesetzt wird. Henry benutzt kein Handy, denn das kann abgehört werden. Er verschickt keine Mails außerhalb der Firma, denn die können abgefangen werden. Dokumente werden nur per Werttransport verschickt, die neuen Patente muss der Firmenanwalt persönlich nach Washington, D.C., bringen und beim Patentamt einreichen.

Doch Henry hat andererseits selbst keine Skrupel, Codeknacker wie Code Zeller einzusetzen. Er sagt sich, er will ein Menschenleben – Lilly – retten, aber rechtfertigt das auch dieses Mittel? So etwas wie Privatsphäre scheint der Vergangenheit anzugehören.

Der Wirtschaftskrieg ist unsichtbar geworden, seitdem er in die Datenwelt abgetaucht ist. Doch die menschlichen Opfer sind immer noch sehr real: vernichtete Existenzen. Und was eine kleine Firma wie Amedeo Technologies kann, das kann die US-Regierung nach dem „Patriot Act“ schon lange.

_Unterm Strich_

Wie gesagt, liest sich dieser relativ kurze Thriller sehr schnell, leicht verständlich und ungemein spannend. Die paar Vorträge über Amedeos Erfindungen sind nicht besonders anspruchsvoll, denn sie werden so gehalten, dass sie auch ein Investor aus der Businesswelt kapiert.

Den Science-Fiction-Film „Die fantastische Reise“ aus dem Jahr 1966, auf den mehrmals verwiesen wird, dürfte so ziemlich jeder kennen. Weniger bekannt ist da schon das Märchen „Horton findet ein Hu“ von „Grinch“-Erfinder Dr. Seuss. Die Parallelen werden ziemlich ausgewalzt, so dass sie auch jeder versteht.

|Sonderstellung|

Innerhalb des Werkes von Michael Connelly nimmt „Chasing the dime“ eine Sonderstellung ein. Hier treten seine Serienhelden Hieronymus Bosch und Terry Caleb überhaupt nicht auf. Und nur Janis Langwieser, Strafverteidigerin, ist schon mal in „Schwarze Engel“ aufgetaucht. Sie ist die Einzige, die (ohne Namen zu nennen) kurz mal auf die genannten Schnüffler verweist. Daher lässt sich der Roman als völlig eigenständiger Thriller lesen, dessen Verständnis nicht von der Kenntnis anderer Romane abhängig ist. Der ideale Thriller für zwischendurch.

|Übersetzung|

Sepp Leeb hat eine fehlerlose Übersetzung abgeliefert, die sich auch im Deutschen sehr flüssig und anschaulich liest. Und Wunder aller Wunder: Auch Druckfehler waren keine festzustellen!

|Originaltitel: Chasing the dime, 2003
Aus dem US-Englischen übersetzt von Sepp Leeb.|

Simmons, Dan – Welten und Zeit genug

Diese Storysammlung des bekannten Krimi- und Science-Fiction-Autors Dan Simmons umfasst fünf längere Erzählungen. Zwei davon sind von einschlägigen Science-Fiction-Gremien oder Publikationen mit angesehenen Preisen ausgezeichnet worden.

Nach einem tief schürfenden Vorwort folgt vor jeder Novelle jeweils eine Einleitung, in der der Autor auf ihre besonderen Entstehungsumstände eingeht. Das ist manchmal sehr komisch zu lesen, so etwa dann, als „Helix“ für eine Star-Trek-Voyager-Folge vorgesehen war und der Producer am Schluss von Simmons‘ ideensprühender Brainstorming-Sitzung fragte: „Und was, bitte schön, ist ein Doppelsternsystem?“ Just like Hollywood, man!

|Der Autor|

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A winter haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und “ Der Sturz von Hyperion“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 mit seinem Roman [„Ilium“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346 fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“ und kommt Mitte 2005 auf den Markt.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Schlangenhaupt“) und Kurzgeschichten (z.B. „Styx“ bei Heyne). Mit [„Hardcase“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=789 hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit „Hard Freeze“ und „Hard as Nails“ fortgesetzt wurde. Simmons wuchs selbst in Buffalo, dem Schauplatz der drei Kurtz-Romane, auf, bevor er 1974 nach Boulder in Colorado umzog.

_Die Erzählungen_

_1. Auf der Suche nach Kelly Dahl_

Gibt es eine Kelly Dahl wirklich? Diese Frage stellen sich alle Leser, die diese Geschichte kennen.

Roland Jakes ist um die 50 Jahre alt und hat sich dem Teufel Alkohol ergeben. Seitdem man ihn kurz vor der Pensionsberechtigung von seiner Schule, wo er Dutzende von Jahren Kinder unterrichtet hat, geworfen hat, ist ihm nichts mehr gelungen. Er hat Frau und Tochter verloren – ein gebrochener Mann. Also fährt er seinen Jeep in die nahen Berge von Colorado und in die Gegend, wo früher nach Gold und anderen Erzen geschürft wurde. Zielstrebig steuert er den Jeep in den Schacht einer aufgelassenen Mine. Es geht steil abwärts …

Er erwacht im Wald, in der Nähe steht Kelly Dahl, eine frühere Schülerin. Mit ihrem Irokesenschnitt sieht sie wie die Rebellin aus, die sie schon immer war. Sie fordert ihn zu einer Jagd auf Leben und Tod heraus. Sie führt einen modernen Bogen mit sich und feuert einen Pfeil auf ihn. Jakes ist ziemlich überrumpelt. Zu blöd, dass er sein Remington-Gewehr nicht dabei hat. Allmählich fallen ihm die Lehren ein, die ihn die Wildnis von Colorado gelehrt hat.

Auf seiner Jagd nach Kelly Dahl, einem recht flüchtigen Wild, das ihn immer wieder kalt erwischt und verwundet, durchstreift er eine menschenleere Welt. Als er in seine Stadt zurückwill, tut sich dort ein Graben auf, den er nicht überwinden kann. Offensichtlich zwingt ihn Kelly Dahl dazu, sich ihr zu stellen.

Merkwürdig: Die Prärie ist von einem Urmeer bedeckt, aus dem sich wie eine Vision der Mont Saint Michel erhebt. Als er Kelly dort sieht, ist auch sie wie eine Vision. Und als er sie endlich zur Strecke bringt, verläuft die Begegnung ganz anders als erwartet.

|Mein Eindruck|

„Dies ist eine Geschichte über Liebe, Verlust, Betrug, Besessenheit und die Ängste im mittleren Lebensabschnitt“, schreibt der Autor. „Eine ganz normale romantische Komödie“? Das fand ich hingegen nicht. Das mag für die ersten zwei Drittel zutreffen, doch je mehr wir Jakes kennen lernen, desto deutlicher wird die Tragödie, die ihn getroffen und nun in eine Fantasie um ein Mädchen getrieben hat, das es offenbar nie gab, jedenfalls nicht an seiner Schule. Aber das es vielleicht gegeben haben müsste, wäre seine Tochter groß geworden. Doch die Geschichte, so anrührend und mitunter bitter sie auch sein mag, geht gut aus.

_2. Die verlorenen Kinder der Helix (preisgekrönt)_

Diese Novelle spielt im Universum, das Simmons in seinem vierteiligen Roman „Hyperion“, „Der Sturz von Hyperion“, [„Endymion: Pforten der Zeit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=651 und „Endymion: Die Auferstehung“ (1989-1997) entworfen hat*. 684.300 Menschen befinden sich im Tiefkühlschlaf an Bord des Raumschiffes „Spectrum Helix“, als es von seinen fünf KIs aus dem Hyper- in den Realraum gesteuert wird. Es ist in einem Doppelsternsystem angekommen, und neun Menschen werden geweckt, um das weitere Vorgehen zu beschließen.

Der Grund für das Aufwecken, so erklärt eine der KIs, besteht in einem Notsignal, das aus dem System kommt. Die dortige Ouster-Zivilisation, die in einem Orbitalwald – die Idee stammt von Larry Niven – angesiedelt ist, besteht aus etwa einer Milliarde leuchtender Schmetterlinge, die jeder eine Flügelspannweite von mehreren hundert Kilometern haben. Sie sehen sich durch ein tausend Kilometer langes, nachtschwarzes Raumschiff bedroht, das ebenfalls ihr System ansteuert, aber eher wie eine „Mähmaschine aus der Hölle“ aussieht und nichts Gutes verheißt.

Der Umstand, dass es sich um Ousters handelt, die 1500 Jahre zuvor aus den erdnahen Systemen ausgewandert waren, veranlasst den Waffenoffizier, Abwehrmaßnahmen vorzuschlagen. Die Chefin Dem Lia will davon noch nichts wissen. Sie gibt den Ousters einen Friedens-Bonus. Sie hat Recht: Die drei Abgesandten der „Schmetterlinge“ wollen lediglich Hilfe gegen den „Zerstörer“, der alle 57 Jahre von der anderen Sonne des Systems kommt und ihren Wald aberntet, wobei er zahlreiche Leben und Ressourcen vernichtet.

Dem Lia ist bereit zur Hilfe, zumal der „Zerstörer“ nur ein dummes Werkzeug zu sein scheint. Doch wie kann sie sicher sein, dass sie durch dessen Beseitigung nicht die Zivilisation, die das Ding regelmäßig ausschickt, zum Untergang verurteilt? Um dies herauszufinden, muss sie die „Helix“ und deren kostbare Fracht aufs Spiel setzen.

|Mein Eindruck|

Die Story funktioniert auf zwei Ebenen. Das ist einmal der stinknormale Star-Trek-Plot, in dem Kultur A die Besucher bittet, ihnen gegen eine Bedrohung beizustehen, die Kultur B geschickt hat – falls es diese gibt. Die Besucher, die „Helix“, muss gemäß ihren Maximen handeln und alle Faktoren abwägen. Schon tausendmal gesehen. Funktioniert immer als spannender Aufhänger.

Die zweite Ebene ist originärer Simmons. Und um sie zu erklären, müsste ich jetzt eigentlich die Handlung der zwei „Endymion“-Romane zusammenfassen. Kein Platz, aber muss es auch ohne gehen. Wie sich herausstellt, befindet sich auf der „Helix“ eine Verwandte jener Religionsgründerin der „Aeneaner“, die über Empathie und spezielle, „heilige“ DNS verfügt. Dass die KIs das nicht wussten, ist offenbar auf Datenmanipulation zurückzuführen.

Jedenfalls sind die Ousters und befreundeten „Tempelritter“ völlig aus dem Häuschen ob der Vision, mit Hilfe aeneanischer DNS künftig über Empathie und Freecasting-Fähigkeit zu verfügen. Freecasting wurde bei Alfred Bester noch „Jaunten“ genannt: Teleportation aus eigenem Willen und ohne Hilfsmittel – ziemlich cool. Doch was würde dann aus den Ousters und ihrer Welt? Würden die meisten so Aufgerüsteten nicht zur Alten Erde und Hyperion wollen?

Man sieht schon: Diese Story macht erst Spaß, wenn man die vier Hyperion/Endymion-Bücher gelesen hat. Bei wem das nicht der Fall ist, der guckt etwas in die Röhre und kann nur die Star-Trek-Ebene genießen. Was bei einer Simmons-Erzählung doch etwas mager ist.

_3. Der neunte Av_

Im Jahr 3001 ist die Bevölkerung der Menschen auf gerade mal 9000 geschrumpft. Doch nicht nur Kriege, die Rubikon-Epidemie und der Treibhauseffekt, durch den Küsten und Tiefländer versanken, haben ihre Zahl dezimiert. 600 bis 700 Millionen leben inzwischen in zwei Ringen von Orbitalstädten in einer Kreisbahn um die Erde. Dorthin führt aber kein anderer Weg als das Quantenfax, mit dessen Hilfe die Altmenschen in eine Kopie umgewandelt und als Nachmenschen zu den Endstationen „gefaxt“ werden. Diese Technik stammt von den so genannten Voynixen, über die die letzten Altmenschen nicht besonders viel wissen. Die Voynixe haben ihnen mitgeteilt, dass am neunten Av, einem vergessenen jüdischen Fest- oder Gedenktag, das letzte Fax abgeht.

Pinchas und Petra feiern wie alle anderen Abschied von der Erde, bevor sie sich beim Jerusalemer Tempelberg einfinden sollen. Doch sie vermissen ihre Freundin Savi. Die Historikerin hat sich in der abschmelzenden Antarktis auf die Spuren der unglücklichen Scott-Epedition von 1912 begeben und findet in einem Eisberg deren letztes Zelt. Als alle ihre Geräte ausfallen, ist sie von der Außenwelt abgeschnitten. Sie hat ihren Freunden auf einem antiken Pergament eine verschlüsselte Botschaft hinterlassen, die sich leider als Prophezeiung erweist: Pinchas und Petra erleben am neunten Av eine böse Überraschung.

|Mein Eindruck|

Diese Erzählung ist erstens spannend erzählt und zweitens macht sie wirklich betroffen. Die ganze Zeit fallen Andeutungen, wie etwa in Savis Botschaft, welcher Art die Nachmenschen wirklich sind: steril, ausschließlich Frauen und alles Araber. Ob das wohl wahr sein kann? Moira, die Hohepriesterin des Faxgeräts, verrät natürlich nichts auf Pinchas‘ und Petras Fragen. Vielleicht lügt sie auch. Vielleicht sind die Voynixe alles Aliens, und sie steht in einem Dienstverhältnis zu ihnen. Aber eigentlich sollte es Pinchas und Petra warnen, dass alle Altmenschen Juden sind und das Faxgerät ausgerechnet auf dem Tempelberg steht … Es die Pointe, die wirklich betroffen macht, und die darf ich nicht verraten. Deshalb warne ich auch eindringlich davor, zuerst Simmons‘ Einleitung zu lesen, denn darin verrät er die Pointe.

Was hat nun Savi mit all dem zu tun?, fragte ich mich beim Lesen. Während ihre Freunde und die letzten Überlebenden der Menschheit feiern, ist sie in einem schwimmenden Eisberg gestrandet. Sie wird der Umarmung des Eises nicht entkommen, sondern sich in das Zelt zu den erfrorenen Körpern von Wilson, Scott und Bowers legen … Ihr Körper wird das einzige Original eines Menschenkörpers sein, der auf der Erde zurückbleibt. Doch was geschieht mit den Originalkörpern der anderen 8999 Juden? (Anm. d. Ed.: Diese Geschichte nimmt starken Bezug auf die Handlung in „Ilium“ und kann besonders gut nach der Lektüre dieses Romans als Intermezzo bis zum Nachfolger „Olympos“ genossen werden.)

Etwas ungereimt fand ich Folgendes: Die Wolkenkratzer von New York ist schon fast im Ozean versunken, aber Partys auf den Atollen des australischen Barriereriffs sind immer noch möglich. Sind in Amerika auch die Wellen größer als anderswo?

_4. Mit Kanakaredes auf dem K2 (preisgekrönt)_

Gary, Paul und Jake (unser Erzähler) sind drei gestandene amerikanische Bergkraxler. Als Krönung ihres Lebenswerkes haben sie sich den K2 als Ziel vorgenommen, den zweithöchsten Berg der Erde (über 8600 m hoch). Er erhebt sich nicht im Himalaja, sondern im Karakorum-Gebirge. Für die Akklimatisierung an die extreme Höhe (ab 8000 m beginnt die Todeszone) haben sie sich dummerweise den Südsattel des Mount Everest auserkoren, und das hätten sie besser bleiben lassen sollen.

Denn das gibt mächtigen Ärger mit der Vertreterin der Vereinten Nationen, die den Berg als Weltkulturerbe schützen. Ein Witz, schreit Gary, der Wortführer. Recht hat er, denn auf dem Gipfel dreht sich ein Aussichtsrestaurant. Doch die amerikanische Außenministerin (wie kam das wieder zustande?!) kennt kein Erbarmen: Sie kriegen keine US-Ausreisegenehmigungen mehr, wenn sie nicht kooperieren. Und wie?

Sie besteigen den K2 und nehmen dabei den Sohn des Sprechers der Mantispa-Aliens mit. Der Name des jungen Aliens ist Kanakaredes. Wenn sie es schaffen, dürfen sie zur Belohnung als Erste den Olympus Mons auf dem Mars besteigen. Wenn sie es vermasseln – na ja, dann haben sie ausgesorgt, denn in diesem Fall liegen sie mausetot am Fuß des K2. Ach ja, eine Kleinigkeit: Bitte verhört doch den Alien ein bisschen, ja? Na, klasse! Trotzdem sagt Jake als Erster ja.

Kanakaredes zeigt sich entgegen aller Vorurteile als fähiger, starker und umsichtiger Bergsteiger. Er hat nur einen Fehler: Er will die drei Menschen bekehren. Sie sollen dem Lied ihrer Welt lauschen. Na, toll! Wovon redet die Wanze überhaupt?

|Mein Eindruck|

Simmons hat diese actionreiche Story in nur zwei Wochen geschrieben, wie er in seiner Einleitung schreibt. Und dennoch liest sie sich wie ein spannend erzählter Bergthriller, als ob er selbst schon dort oben in der Todeszone gewesen wäre. Er hat gut recherchiert, das kann ich als Leser diverser Everest- und K2-Bücher bestätigen. Hier wird nichts beschönigt und heroisiert. Die Todeszone, nein, der ganze Berg ist ganz einfach tödlich, basta.

Wodurch die Story herausragt, ist natürlich die Verlegung in die Zukunft: Mit den Aliens kamen diverse technische Neuerungen wie etwa Antigrav-Schweber, aber auch politische Umwälzungen wie etwa der Zerfall Chinas. Doch die ganze (Tor)Tour hat auch ihr Gutes: Die Aliens schenken der ganzen Menschheit etwas Wunderbares: eben das Lied der Welt. Aber das muss man selber lesen. Denn erklären lässt es sich nicht.

_5. Das Ende der Schwerkraft_

Diese Erzählung beruht auf dem Drehbuch für einen Film des russischen Regisseurs Andrei Ujica. Der wollte einen philosophischen Film à la „Solaris“ oder „2001“ an Bord der Internationalen Weltraumstation ISS spielen lassen. Ob aus dem Projekt noch etwas wurde, sagt Simmons nicht. Seine Einleitung schweift in ganz andere Richtungen ab. Immerhin findet er die Filmfassung von „Der englische Patient“ besser als den Roman von Michael Ondaatje. –

Der rund 50-jährige amerikanische Journalist und Romancier Norman Roth ist von der „New York Times“ nach Moskau geschickt worden, um über die Überreste des russischen Raumfahrtprogramms einen größeren Beitrag zu schreiben. Einem Pulitzerpreisträger kann man so eine Story schon mal anvertrauen. Roth macht sich Sorgen, dass die Russen etwas gegen einen jüdischen Atheisten aus dem kapitalistischen Westen einzuwenden hätten.

Haben sie nicht. Im Gegenteil: Sie erhoffen sich Werbung für ihre Beteiligung an der ISS. Und außerdem bieten sie als bislang Einzige Raumflüge für Privatpersonen an (für ca. 20 Mio. Dollar das Ticket). Da kann man jedes bisschen Werbung gut gebrauchen. Von seiner Reiseführerin und Dolmetscherin Vasilisa lässt sich Norman gern nach Baikonur fliegen, dem mittlerweile ziemlich desolat aussehenden Weltraumbahnhof in der kasachischen Steppe.

Um die menschlichen Hintergründe zu kapieren, erbittet Norman ein Gespräch mit einem Philosophen. Dieser findet sich um kaum beheizten Keller eines Bunkers unter einer verlassenen Startrampe. „Nitschewo“ (= Nichts) war schon 1960 beim Raumfahrtprogramm dabei. Als Busfahrer erlebte er die gigantische Explosion der ersten Marsrakete, bei der die komplette Führungsebene der Kosmonautik zu Asche vebrannte. Er vermittelt Norman ein paar wirkliche Einsichten, die dieser aber einfach nicht glauben will. Vasilisa beginnt sich über den Gesundheitszustand ihres Gastes Sorgen zu machen: Norman hat einen Bypass.

Damit dies geschehen kann, besucht Norman die Silvesterparty eines gefeierten, echten Kosmonauten. „Der Start ist wie eine Geburt“, meint dessen Kollege. Nein, es ist wie Sex, meint der zweite. Nein, es ist wie Sterben, meint der Gastgeber. Als Norman in den Schnee hinausgeht, um einen alten Mann, der durch die Kälte stolpert, hereinzubitten, erleidet er einen Zusammenbruch – der ihm eine transzendentale Erfahrung schenkt.

|Mein Eindruck|

Neben „Kelly Dahl“ und „Kanakaredes“ ist dies die schönste Geschichte des Bandes. Ihr Schauplatz ist nicht im Weltraum, wie der Titel vielleicht nahe legt, sondern stets auf Mutter Erde. Denn es geht nicht um die physische Erfahrung des Weltraumflugs, sondern um die psychologische Erfahrung und die philosophische Bedeutung der Weltraumfahrt für den Menschen an sich. Ähnlich wie in Lems und Tarkovskijs „Solaris“.

Ganz nebenbei erfährt der Leser, dass die Russen gar nicht so atheistisch sind, wie sie manchmal tun, sondern im Gegenteil eher abergläubisch, pardon: spirituell veranlagt sind, wie Norman herausfindet. Der Oberheilige des Raumfahrtprogramms hat sogar seinen eigenen Schrein, in dessen Logbuch sich alle Kosmonauten vor dem Start eintragen: Juri Gagarin.

Warum diese Reise auch für die amerikanischen Leser Dan Simmons‘ von Interesse sein könnte, liegt eigentlich auf der Hand. Das US-Raumfahrtprogramm muss ja ebenfalls seine riesige Ausgaben, die vom Geld der Steuerzahler bestritten werden, rechtfertigen. Warum nicht mit einer philosophischen Mission, die für die ganze Menschheit relevant ist?

Und vielleicht geht Simmons nicht zu weit, wenn er an Norman aufzeigt, dass die Hoffnung, die dieser Mann bereits aufgegeben hat, sich in den Dimensionen des Weltraums erfüllt, die für das nackte Auge zwar nicht sichtbar sind, aber durchaus Wunder bereithalten: Röntgenstrahlen, Sonnenwinde, Magnetfelder, Gravitationswellen, Chaosstrukturen. Hier sei doch noch etwas zu lernen, das für uns alle und für jeden Einzelnen wichtig ist. (Die Warteliste für die privaten Shuttleflüge von Virgin wird länger, mit gutem Grund.)

_Unterm Strich_

Jedem Leser werden die fünf Erzählungen unterschiedlich zusagen. So werden Fans von „Hyperion“ und „Endymion“ von „Helix“ begeistert sein. Ich hingegen fand den Plot simpel à la Star Trek und die zweite Ebene nichts sagend und verwirrend, weil ich eben nur die „Hyperion“-Romane kenne. „Der neunte Av“ ist eine erschreckende Warnung vor einem ewig gültigen Problem, ist aber nicht besonders kohärent erzählt, wenn man „Ilium“ nicht kennt. (Und, ja, ich weigere mich weiterhin, die Pointe zu verraten.)

Daher fand ich die Novellen „Kelly Dahl“, „Das Ende der Schwerkraft“ und „Kanakaredes“ am zugänglichsten und überzeugendsten. Nicht, weil hier simpel gestrickte Plots umgesetzt würden. Das ist wohl noch am ehesten bei „Kanakaredes“ der Fall (den Berg K2 rauf und runter, fertig). Nein, es ist vielmehr eine spirituelle Botschaft der Hoffnung, die Simmons darin versteckt hat. In „Kelly Dahl“ und „Schwerkraft“ erzählen fünfzigjährige Männer, die in der Krise stecken, von ihrer spirituellen Erlösung. Nicht mehr und nicht weniger. Und in „Kanakaredes“ bringen die Aliens die Erlösung, nicht nur für einen Menschen, den Erzähler, sondern für die gesamte Menschheit. „One World“ ist kein Slogan mehr, sondern Realität.

In „Helix“ ist dieser wichtige Schritt bereits Vergangenheit, nämlich in den „Endymion“-Romane erzählt. Daher ist die Story weitaus weniger befriedigend. Und „Der neunte Av“ ist im Grunde eine Horror-Story und funktioniert auch als solche.

In jedem Fall ist diese Kollektion äußerst lesenswert und lohnt jede Seite.

Mehr Infos unter: http://www.Festa-Verlag.de.

|Originaltitel: Worlds Enough & Time: Five Tales of Speculative Fiction, 2002
Aus dem US-Englischen übersetzt von Jürgen Langowski.|

*: Eine Zusammenfassung der Handlung aller vier Bände von Hyperion 1 bis Endymion 2 findet der Leser in der englischsprachigen Ausgabe von „Helix“ in der Anthologie „Far Horizons“, die Robert Silverberg 1999 herausgab. Die Anthologie gehört in das Regal jedes ernsthaften Science-Fiction-Sammlers. In ihr sind neuere Erzählungen wichtiger Science-Fiction-Autoren versammelt.

Ich könnte die Zusammenfassung übersetzen, aber nur auf begründeten, dringlichen Wunsch hin. Es sind immerhin vier Druckseiten!