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Hesse, Hermann – Unterm Rad

Das autobiografische Werk „Unterm Rad“ ist der bedeutendste und meistgelesene deutsche Schulroman. 1906 erschienen, stellte er sich in den folgenden Jahren – mit einer Unterbrechung während des Dritten Reiches – als das provozierendste und folgenreichste Buch Hesses heraus. Seine Auflage beläuft sich inzwischen auf zwei Millionen Exemplare.

_Der Autor_

Eigentlich sollte Hermann Hesse wie seine Vorfahren, Indien-Missionare aus dem schwäbischen Pietismus, eine theologische Laufbahn einschlagen. Doch der 1877 im württembergischen Calw geborene Hesse wehrte sich schon früh gegen jede Fremdbestimmung, entfloh aus dem theologischen Seminar in Maulbronn, um „entweder Dichter oder gar nichts“ zu werden.

Um seinen Eigensinn zu brechen, internierten seine Eltern den 15-Jährigen in einer Nervenheilanstalt. Nach missglücktem Selbstmordversuch, einer Schlosserlehre und einem Intermezzo als Buchhändler in Tübingen und Basel ließ er die Brotberufe hinter sich und bewies mit seinem ersten Roman „Peter Camenzind“ (1904), dass seine Kunst weder gott- noch brotlos war.

In seinen Gedichten, Erzählungen und Romanen aktualisierte Hesse das zivilisationskritische Erbe der deutschen Romantik, ihr Aufbegehren gegen die „naive Fortschrittsgläubigkeit“ der Industrialisierung. Unter dem Einfluss indischen, konfuzianischen und taoistischen Denkens wurde er zu einem der eindringlichsten Kritiker jener politischen Kräfte, welche Europa bald darauf zugrunde richten sollten. Im 1. Weltkrieg nahm er sich der Kriegsgefangenen an, genau wie sein Kollege Romain Rolland.

Zwölf Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte Hesse den „Steppenwolf“ (1927), dessen warnende Prognosen zwar damals folgenlos blieben, doch vierzig Jahre später die Vietnamkriegsgegner in den USA bestärkten. Auch „Siddharta“ wurde erst durch die Gegenkultur der USA bekannt und gewann rasche Verbreitung.

Für sein Alterswerk, u. a. „Das Glasperlenspiel“ (1943), wurde Hesse mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. In diesem utopischen Roman entwarf er eine Alternative zum diktatorischen Totalitarismus der politischen Ideologien und das Modell einer Synthese der Geistes- und Naturwissenschaften mit der Kunst.

_Der Sprecher_

Sprecher ist Samuel Weiss. Da der Verlag leider nichts über ihn mitteilt, kann ich nur sagen, dass er seine Sache versteht. Er liest den ungekürzten (!) Roman einfühlsam, quasi mit verteilten Rollen und mit variierendem Tempo. Auch die schwäbischen Urlaute gelingen ihm einwandfrei – für mich als Schwaben, der unweit der Calwer Region lebt, eine besondere Genugtuung. (Für Nichtschwaben: Diese Dialektsätze halten sich sehr in Grenzen.)

Aber auch sonst weiß er die Sätze in ihre jeweiligen Bedeutungseinheiten aufzuteilen. Man hört die winzigen Pausen vor komplexen, gewichtigen Wörtern, denen dann wieder flüssige Konstruktionen folgen. So erlaubt sein Vorlesen das leichte Erfassen und Verstehen des Textes, ohne seinem Sujet Gewalt anzutun oder es zu verniedlichen. Weiss hat Respekt vor den wunderbar aufgebauten Sätzen Hesses; dies teilt sich dem Hörer mit.

Die Produktion des SWR 2002 bietet keinen Stereoton, aber das macht nichts. Schließlich gilt es keine Hintergrundmusik zu erlauschen. Wichtig ist einzig und allein die Stimme des Vorlesers.

_Handlung_

Die Erzählung greift auf Hesses eigene Erlebnisse zwischen 1875 und 1897 zurück (die erst seit 1966 ausgezeichnet dokumentiert sind). Er erschuf für seine Geschichte zwei Figuren: die zentrale Gestalt des Hans Giebenrath (welcher Züge von Hesses Bruder Hans trägt, der sich Jahrzehnte nach der Veröffentlichung das Leben nahm) und die des genialischen, aufmüpfigen Freundes Hermann Heilner. Heilner bricht, wie Hesse selbst, aus dem streng gehaltenen Seminarverband aus und provoziert das Erziehungssystem, das er damit in Frage stellt.

Doch der Reihe nach. Hans Giebenrath wächst als Halbwaise in der schwäbischen Kleinstadt Calw am Rande des Schwarzwalds auf. Nach unbeschwerten Kinderjahren werden mehrere Schulmeister sowie der Pfarrer auf ihn aufmerksam und beschwatzen seinen Vater, ihn die alten Sprachen und Mathematik lernen zu lassen. Womöglich könne er sogar im Württembergischen Landesexamen bestehen und dann später ein gutes Auskommen als Pfarrer oder Beamter haben.

Den Schulmeistern etc. des letzten deutschen Kaiserreiches ist nicht bewusst, was sie damit anrichten. Die Schule dient ihnen als Wissensvermittlung, aber vor allem auch als Zuchtanstalt, die unter Umständen durch militärischen Schliff vollendet wird. Die daraus resultierenden Deformationen an Seele und Verstand sind ihnen gleichgültig. Warnende Stimmen wie die des pietistischen Schusters Flaig fallen nicht ins Gewicht. (Pietismus ist immer noch eine schwäbisch-evangelische Eigenart, Frömmigkeit und Glauben zu praktizieren. Bibellektüre im so genannten „Bibelkreis“ gehört fest dazu.)

Mit viel Büffelei, die er gutwillig auf sich nimmt, bringt es Hans Giebenrath tatsächlich zur Qualifikation fürs Landesexamen. Nur 200 pro Jahr schaffen das. Der Herr Papa ist stolz. Noch stolzer ist er, als Hans als Zweiter das Examen besteht; die Schulmeister, Pfarrer etc. strahlen. Doch statt Hans die sauer verdienten Ferien zu gönnen, brummen sie ihm Extrastunden auf, um ihm einen Vorsprung zu geben, wie sie argumentieren. Hans gerät immer tiefer „unters Rad“, das ihn zerbrechen wird.

Und so kommt es, dass Hans schon müde an Geist und Seele im Evangelischen Seminar zu Maulbronn (nahe der Goldschmiedestadt Pforzheim) eintrifft. Noch mehr Griechisch, Latein und jetzt auch noch Hebräisch. Wichtiger als alle hirnlose Lernerei stellt sich jedoch für ihn die Freundschaft zum nonkonformistischen Schüler Hermann Heilner heraus: ein Dichter, Schwärmer, der sogar schon „einen Schatz“ hat: ein Mädchen.

Der Autor stellt sehr deutlich heraus, was so ein „Genie“ für das Schulsystem bedeutet: eine einzige Herausforderung. Doch hat es das Genie trotz aller Versuche, es zu brechen, einmal zu Erfolg gebracht, so hebt man es später, aus sicherer Distanz, auf den Sockel: Schiller floh ja einst auch aus Stuttgart, und auch Hölderlin aus Tübingen/Nürtingen (sozusagen bei mir um die Ecke) war hienieden nicht zu helfen.

Es dauert nicht lange, und Heilner bringt erst die Lehrer und angepassten Schüler gegen sich auf, dann auch Hans, der sich von ihm distanzieren soll. Als Hans nach dem Tod eines anderen, stilleren Schülers erkennt, welchen Wert Heilners Freundschaft für ihn hat, versöhnt er sich wieder mit ihm. In der Folge treten seine schulischen Leistungen eine rasante Talfahrt an; Heilner wird der Schule verwiesen; Hans beginnt, dissoziative Geisteszustände zu erfahren: was man landläufig als „Tagträumerei“ bezeichnet. Man könnte es auch Schizophrenie nennen …

Die seelischen Zustände sind in der Natur gespiegelt: So wie im Winter der Tod des stillen Schülers Hindinger erfolgte (man nannte ihn den duldenden „Hindu“), so fühlt nun Hans im Mond der fallenden Blätter seine Lebensgeister am Boden: „So müd, so matt, hab kein Geld im Portmonnee und keins im Sack“, singt er stumpfsinnig zig Male hintereinander, nachdem ihn der Oberamtsarzt heimgeschickt hat. Schon bald hat er sich eine schöne Tanne ausgesucht, die sein Gewicht tragen würde, wenn er sich daran aufhinge …

Doch vor dem unausweichlichen Ende ist ihm ein wundervoller Herbst bestimmt.

_Mein Eindruck_

Hesse gehörte zu einer Schriftstellergeneration, die Anfang des 20. Jahrhunderts die Missstände des Schulsystems anprangerte, um eine Reform zu erzielen. Rilkes „Turnstunde“ war gefolgt von Robert Musils Pubertätsstudie „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“ (verfilmt von einem gewissen V. Schlöndorff), die von Thomas Manns „Tonio Kröger“ und Hanno Buddenbrook ergänzt wurden. Statt die Schule satirisch zu kritisieren, wie es Heinrich Mann in „Professor Unrat“ erreichte, gingen Hesse und Co. den Weg der Identifikation mit dem jeweiligen Opfer des Systems.

Hesse wusste, wovon er schrieb: „An mir hat die Schule viel kaputt gemacht, und ich kenne wenig bedeutende Persönlichkeiten, denen es nicht ähnlich ging. Gelernt habe ich dort nur Latein und Lügen, denn ungelogen kam man in Calw und im Gymnasium nicht durch – wie unser Hans beweist, den sie ja in Calw, weil er ehrlich war, fast umbrachten. Der ist auch, seit sie ihm in der Schulzeit das Rückgrat gebrochen haben, immer unterm Rad geblieben.“

Sein Hans Giebenrath ist ja keineswegs ein Genie, sondern einfach nur ein Junge aus der schwäbischen Provinz, der das Unglück hat, ein wenig feingliedriger, vielleicht auch feinsinniger zu sein als die groben Klötze auf dem Land und der deshalb von Pfarrer und Schulmeistern auserkoren wird, ihnen Ehre zu machen, indem sie ihm zum Landesexamen verhelfen. Und so gerät er unters Rad.

Die Figur des Hans ist eingebettet in lebendige Natur, die sehr genau verfolgt wird, weil sie den Gang des Lebens auf dem Lande bestimmt. Und das Leben in der Calwer Region besteht nicht nur aus Broterwerb, sondern auch aus der Obsternte, die in einer wundervollen Szenenfolge geschildert wird, und der Begegnung mit dem anderen Geschlecht (ausgerechnet eine aus Heilbronn, aus dem „Unterland“, wo sie Wein trinken statt Most).

_Unterm Strich_

Dieses „Drama des begabten Kindes“ (Alice Miller) stieß natürlich auf heftigen Widerspruch der Kritisierten, aber der Erfolg gibt ihm Recht: Der Drillcharakter der Schule wurde zurückgenommen (außer im Dritten Reich). Noch heute ist „Unterm Rad“ das weitestverbreitete Buch Hesses in Japan, dem Land mit der weltweit höchsten Selbstmordrate unter Schülern, wo Drill und Konkurrenzdruck ungeheuer sind. „Unterm Rad“ ist dort noch so aktuell wie bei uns um 1906.

Das Hörbuch macht uns heutige Deutschen mit einem bewegenden Schicksal bekannt und lässt es uns miterleiden; ein Schicksal, das sich durchaus wiederholen könnte: Steht nicht jede Mutter vor der Wahl, in welche Schule sie ihr Kind schickt? Staatliche oder Privatschule? Gesamt- oder Waldorfschule? Unterstützung von Autorität oder Förderung der Kreativität des „Zöglings“?

In jedem Fall ist „Unterm Rad“ ein wundervolles Stück Literatur, das den Zuhörer/Leser in eine Welt und eine Zeit entführt, die zwar vergangen sind, aber noch gar nicht so weit zurückliegen.

Wem „Unterm Rad“ gefallen hat, sollte auch „Peter Camenzind“ und „Narziss und Goldmund“ lesen, ebenfalls Entwicklungs- und Bildungsgeschichten.

Mehr über Hermann Hesse könnt ihr in meiner Rezension zu [„Siddharta“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=692 nachlesen.
Siehe auch in der [wikipedia.]http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann__Hesse

|Umfang: 354 Minuten auf 6 CDs|

Martin Suter – Lila, Lila

Lob der wahren Autorenschaft

Um von seiner Angebeteten beachtet zu werden, gibt ein junger Autor ein in einem Second-Hand-Möbel gefundenes Romanmanuskript als sein eigenes Produkt aus. Womit er nicht gerechnet hat: Sie findet die Geschichte toll und schickt sie an einen Verlag, der das Buch auch prompt veröffentlicht und zu einem Bestseller macht. Schön, dass sich Marie in ihn verliebt, aber mit dem Erfolg beginnen die Probleme …

Der Autor

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Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Untergang des Hauses Usher, Der (POE #3)

_Von Wahnsinn und Inzest_

Diese CD ist Teil 3 der Lübbe-Hörspielserie mit Geschichten von Edgar Allan Poe. Obwohl es kaum Action gibt, ist der Gruseleffekt dennoch recht groß.

|Der Autor|

Edgar Allan Poe (gestorben 1849) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Er gab verschiedene Zeitschriften heraus, veröffentlichte aber nur wenige eigene Werke in Buchform, sondern sah seine Geschichten und Gedichte lieber in Zeitschriften gedruckt. Er starb im Alkoholdelirium. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas.

Mehr Informationen bei [wikipedia]http://de.wikipedia.org/wiki/Edgar__Allan__Poe.

|Die Sprecher|

Ulrich Pleitgen spricht die Figur des „Fremden“, der den Namen E.A. Poe annimmt.
Dr. Templeton: Till Hagen
Roderick Usher: Klaus Jepsen
Lady Madeline Usher: Viola Morlinghaus
Diener Brandan: Thomas B. Hoffmann
Gedicht am Anfang/Lied am Schluss: Heinz Rudolf Kunze

_Handlung_

Vorgeschichte: Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert wurde und nach zehn Wochen kürzlich entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Mittlerweile befindet sich E. A. Poe auf dem Weg zur Westküste, wo er ein Schiff in den Fernen Osten zu besteigen gedenkt. Bevor es abfährt, steigt er in einem Hotel am Hafen ab, wo er wie schon in Teil zwei Briefe seines Psychiaters Dr. Templeton erhält. Dieser berichtet von einem Zeitungsartikel über eine getötete Sheila Coyle. So hieß die junge Frau in „Die schwarze Katze“.

Der Wirt warnt „Allan“ vor einem Ritt zu jenem „See der Träume“, der in der Nähe liegt und der angeblich schon so manches ahnungslose Opfer in seine dunklen Tiefen gelockt habe. Darunter sei auch eine junge Frau gewesen. „Allan“ reitet dennoch unerschrocken auf die Heide und passiert prompt den See, der ihn in seinen Bann zieht …

In der dritten Folge kehrt der Erzähler aufgrund eines Briefes zurück zu einem Jugendfreund Roderick Usher, der einsam mit seiner Schwester Lady Madeline auf seinem Landsitz lebt. Aber in dem herrschaftlichen Haus, das verwahrlost mitten in einem ausgedehnten Moorgebiet liegt, geschehen seltsame Dinge. Roderick kann sich an den Brief nicht erinnern. Hat ihn wirklich sein Jugendfreund eingeladen oder war es vielmehr Lady Madeline, Rodericks Schwester? Warum ist außer dem Butler Brendan kein Personal im weitläufigen Haus?

Eines Abends, als Gäste zum Dinner erwartet werden, ruft man ihn in das nächste Dorf. Angeblich ist der Hufschmied vom Pferd gefallen und benötige einen Arzt. Roderick bittet „Allan“, sich seiner medizinischen Vergangenheit zu erinnern und einzuspringen. Doch auf halbem Wege kehrt er, nachdem der Sohn des Schmieds die Nachricht als Unwahrheit entlarvt hat, um … und erlebt den Untergang des Hauses Usher.

Denn Roderick ist vor Trauer um bestimmte verstorbene Frauen offensichtlich dem Wahnsinn verfallen. Sein Geigenspiel ist amelodisch und zeugt von tiefer Schwermut, sein Orgelspiel erinnert an „Dies irae, dies ille“. Und doch redet er völlig klar und verständlich, als er „Allan“ mitteilt, Lady Madeline sei gestorben. Allan, der total verwirrt und geschockt ist, und Roderick tragen sie in die Gruft der Ahnen. Merkwürdig: Dort liegt noch eine andere Frauenleiche, mumifiziert und noch im Tode schön … Was und wer ist Roderick Usher wirklich?

_Mein Eindruck_

Ohne die Musik würde diese Episode kaum funktionieren. Deshalb müssen Musik und Soundeffekte enorm suggestiv wirken, um die Geschichte halbwegs plausibel werden zu lassen. Denn der Horror, den sie entfaltet, ist vollständig innerlich.

Ushers wahnwitziges Geigenspiel, das sich zu unglaublichen Höhen aufschwingt, ist ebenso ein Hinweis auf sein verwirrtes Gemüt wie sein bombastisches Orgelspiel, das vom „Tag des Zorns“ kündet, sprich: vom Tag des Untergangs des Hauses Usher. Wobei „Haus“ sowohl das Gebäude als auch die Familie meint. Hinzu kommen wieder einmal effektvolle Bässe, die von einem Tieftöner (Subwoofer) adäquat umgesetzt werden sollten.

|Die Bedeutung|

Das Haus Usher ist ein Geisterhaus (so sehe ich das). Das Problem, das Allan zunehmend erkennt, besteht darin herauszufinden, wer die Lebenden sind und wer die Toten. Das Haus steht für das Grenzreich zwischen Leben und Tod, eine Zone, in der die Einbildungskraft eine entscheidende Große spielt. Roderick stellt sich beispielsweise jenes Dinner vor, von dem Madeline spricht, und ebenso die Gäste beim Dinner. Die Frage ist berechtigt, was sich Madeline vorstellt – und was Allan?

Möglicherweise ist die Geschichte, in der das dekadente Haus (Familie) der Ushers (der Willkommenheißenden) erst dem Wahnsinn und dann buchstäblich (= Gebäude) den Flammen zum Opfer fällt, ein Symbol für das europäische Erbe, das die Vereinigten Staaten mit sich herumschleppten, als Poe die Story schrieb. Vielleicht will er sagen: Verbrennt die Brücken, wenn ihr kraftvoll und ungehindert leben und die Neue Welt erobern wollt. (Warum „dekadent“?, könnte man fragen. Nun, schon Poe deutet an, dass die Beziehung zwischen Roderick und Madeline ein wenig intimer ist als platonische Liebe. Sie begehen die Ursünde des Inzests.)

Das Gleiche tut die Gestalt des E. A. Poe in dieser Hörspielserie: Er löst sich von seiner Vergangenheit, nachdem er einen „schweren Unfall“ erlitten und zweieinhalb Monate in der Irrenanstalt verbracht hat. Im vierten Teil vollzieht er die Trennung, besteigt ein Schiff und segelt noch weiter westwärts, in den Fernen Osten.

|Die Sprecher|

Da diese Episode sehr wenig Action aufweist, kommt es darauf, die wichtigen Informationen über das gesprochene Wort und die Musik zu transportieren. Die Musik wurde bereits vorgestellt. Der Text wird von kompetenten Sprechern umgesetzt: Pleitgen spricht Poe bzw. „Allan“, wie Usher ihn nennt. Viola Morlinghaus, die fabelhafte Berenike in „Grube und Pendel“, haucht Lady Madeline (buchstäblich) Leben ein.

Der beste Sprecher ist diesmal jedoch Klaus Jepsen, die deutsche Stimme von Bilbo Beutlin. Er spielt den wahnsinnigen Usher nicht übertrieben, so dass die Ver-rücktheit anfangs nicht zum Ausdruck kommt (das besorgt sein Geigenspiel). Der Wahnsinn wird erst gegen Schluss offenbar, nach Lady Madelines „Tod“.)

Alle Dialoge wurden im Dolby-Digital-Verfahren aufgenommen. Wer also über eine entsprechende Anlage verfügt, etwa einen DVD-Player mit DD5.1-Wiedergabe, der hört die Dialoge genau so, als würden sie in einem dreidimensionalen Raum gesprochen werden. (Meine Heimkinoanlage steuerte dabei die 2 hinteren Lautsprecher nicht an.)

|Die szenische Musik|

Die Musik ist diesmal, wie gesagt, von höchster Bedeutung, um das innere Grauen, das sich aufbaut und steigert, hervorzurufen. Ein Filmorchester, eine Kantorei, ein Streichquartett, die Solovioline und Singende Säge (Chr. Zimbel), Orgel und Klavier (Peter Jackson – der ist wirklich überall) sowie Vocalisen (Gaby Bultmann) liefern alle einen Beitrag, um die Stimmung zu erzeugen, die für die Wirkung der Geschichte entscheidend ist. Die Aufnahmequalität ist ausgezeichnet und könnte kaum besser sein.

|Der Song|

Das Stück klingt wieder mit H. R. Kunzes Lied über E. A. Poe, „Der weiße Rabe“, aus. Es ist quasi eine Moritat, die versucht, diesen Dichter als Warner seiner Zeitgenossen in einen soziokulturellen Kontext zu stellen. Der Fünf-Minuten-Song ist zwar textlastig wie jede Moritat, aber stimmungsvoll instrumentiert und vorgetragen: schön schräg intoniert, mit „singender Säge“ unterlegt und wohligen Schauder erzeugend.

_Unterm Strich_

Anders als in „Grube und Pendel“ oder „Schwarze Katze“ passiert in „Usher“ relativ wenig, das dazu beitragen könnte, dem Zuhörer eine rationale Erklärung für die Vorgänge zu liefern. Im Gegenteil: Da sich die Geschichte der rationalen Erklärung verweigert, wirkt sie für den Unvorbereiteten ganz einfach langweilig. Es ist von äußerster Wichtigkeit, genau zuzuhören, weil viele Indizien aus der Vergangenheit herangezogen werden. Und erst, wenn man das Hörspiel mindestens zwei- oder dreimal gehört hat, erschließt sich einem die Bedeutung der letzten Szenen im Usher-Stammsitz.

Ein gute Soundanlage ist wichtig, um den optimalen Eindruck dieses Hörspiels zu erhalten, mehr noch als bei den anderen Episoden. Wer einmal das Geigensolo und die Orgelpassage ordentlich laut gehört hat, weiß, wie es um Roderick Ushers Gemüt bestellt ist: gar nicht gut.

|Umfang: 61 Minuten auf 1 CD|

Alexander, Lloyd – Setzerjunge, Der (Westmark-Trilogie 1)

Die Westmark-Trilogie ist nach den „Prydain-Chroniken“ um Taran ein weiterer interessanter Zyklus von Lloyd Alexander. Die Neuausgabe erscheint bei |Bastei Lübbe| in einer schönen Aufmachung im Taschenbuchformat. Der Schauplatz ist diesmal nicht ein Fantasy-Wales aus grauer Vorzeit, sondern eher das 17. oder 18. Jahrhundert irgendwo in Europa.

|Der Autor|

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der Autor der „Chroniken von Prydain“, des Taran-Zyklus. Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen sprechen zu kommen.

Die Westmark-Trilogie, die der Bastei-Lübbe-Verlag mit „Der Setzerjunge“ beginnt, ist ebenso abenteuerlich, hat aber weitaus mehr politische Untertöne: Sie spielt in einem Phantasieland, das auf dem technischen Stand des 17. bis 18. Jahrhunderts ist und über ein Feudalsystem beherrscht wird. Der erste Band wurde laut Verlag mit dem |American Book Award| ausgezeichnet.

Die Westmark-Trilogie:
1. Der Setzerjunge (09/2004)
2. Der Turmfalke (01/2005)
3. Die Bettlerkönigin (02/2005)

_Handlung_

Theo ist als Waisenjunge aufgewachsen. Eines Tages hat sich der Drucker Anton seiner erbarmt und ihn als Gehilfen und Diener aufgenommen, unbezahlt natürlich. So erlernt Theo das Handwerk des Druckens und Setzens, nebenbei natürlich auch das Lesen und Schreiben, was keineswegs selbstverständlich ist. Denn es gibt Leute, die haben etwas gegen gebildete Menschen. Menschen, die lesen, haben so häufig eine andere Meinung als von den Herrschenden gewünscht.

Der wichtigste unter diesen Herrschenden ist Cabbarus, der frischernannte Premierminister von Westmark. König Augustin ist über das Verschwinden seiner Tochter Augusta betrübt und neigt zur Melancholie, so dass er sich kaum noch um Staatsgeschäfte kümmert, und das nutzt der skrupellose Cabbarus rücksichtslos aus – ja, er will sogar als Adoptivsohn anerkannt werden, um den König später zu beerben. (Für dessen willkommenes Ableben würde er schon sorgen …)

Früher konnte Setzermeister Anton gut von den Schriften der Gelehrten der Uni Freyborg leben, doch seitdem der absolutistische Premierminister Cabbarus an der Macht ist, müssen alle Druckerzeugnisse genehmigt werden. Und dieses Glück widerfährt nur den wenigsten Schriften, eigentlich nur den harmlosesten und dümmsten. Die Zeiten sind wahrlich mager geworden.

Daher übernimmt Theo, als Anton einmal außer Haus ist, mit größtem Vergnügen einen neuen, supereiligen Druckauftrag, den ihm ein Zwerg im Auftrag eines gewissen Dr. Absalom erteilt: eine Flugschrift, die die heilenden Dienste des Dokotors anpreist. Die ganze Nacht hindurch rackert Theo mit Lettern und Setzmaschine, bis er endlich ein paar Prüfbögen produzieren kann. Der inzwischen zurückgekehrte und ebenso erfreute Anton hilft ihm dabei.

Doch da taucht kurz vor Abholung der Flugschrift die Feldmiliz unter dem Kommando eines Offiziers in der Druckerei auf. Als Theo und Anton Widerstand gegen die Beschlagnahmung ihres Werkstattinventars leisten, kommt es zum Kampf, in dessen Verlauf Theo den Offizier schwer verletzt. Theo und Anton müssen fliehen. Da taucht der Zwerg auf, der über das Ergebnis des Zwischenfalls nicht erbaut ist und wieder verschwindet. Auf der Flucht opfert Anton sein Leben für Theo, der aus der Stadt flieht.

Als sich Theo vor den Toren der Stadt dem Zwerg und dessen Herrn, Doktor Absalom, anschließt, ahnt er noch nicht, dass er sich mit Leuten eingelassen hat, die es weder mit der Wahrheit noch mit der Wirklichkeit besonders genau nehmen. Tatsächlich können sie in Verkleidung sogar eine Milizpatrouille täuschen, die nach einem entflohenen Setzerlehrling sucht. Aber auch Theo ist bestens verkleidet.

Auf einer der Jahrmarktsveranstaltungen der beiden Schwindler schließt sich ihnen ein ungepflegt erscheinendes Mädchen an, das sich „Bohnenstange“ nennt. Sie ist Bauchrednerin und soll daher als Orakel auftreten. Theo bringt ihr das Lesen und Schreiben bei, wofür sie sich revanchiert, indem sie ihn die Zeichensprache der Taubstummen lehrt. Diese hat sie als Gehilfin eines Diebes erlernt. Fortan können sie sich stumm unterhalten. Es dauert nicht lange, und die beiden empfinden mehr als Kameradschaft füreinander.

Leider ist Theo der Ansicht, dass er Bohnenstange nicht der Gefahr aussetzen kann, mit einem gesuchten Verbrecher zusammenzusein. Und außerdem fordern der Zwerg und Dr. Absalom mit ihren Betrügereien wirklich das Schicksal heraus. Bevor das ein böses Ende nimmt, setzt er sich mitten in der Nacht ab.

In der Universitätsstadt Freyborg schließt sich er sich jungen Männern an, die gar aufrührerische Reden wider den König führen. Ihr Wortführer ist ein gebildeter Ex-Adliger, der sich Florian nennt. Florian ist noch radikaler als die anderen: Er will sogar die Monarchie abschaffen. Dennoch verehrt ihn Theo ebenso wie alle anderen: Für ihn übersetzt und schreibt Theo gerne, so zum Beispiel Bittbriefe an den Premierminister Cabbarus und seine Gefängnisverwaltung, die viele brave Bürger Freyborgs gefangenhält.

Theo ahnt nicht, dass er vom Regen in die Traufe geraten ist: Bei diesem Freyborg-Zirkel um den verehrten Florian handelt es sich um Revoluzzer. Und ihr Ziel ist ausgerechnet die Hauptstadt, in der man Theo steckbrieflich sucht.

_Mein Eindruck_

Ich habe diesen unterhaltsamen Roman auf meinem letzten kurzen Madrid-Trip gelesen. Er hat mir vor allem während der langweiligen Wartezeiten auf der Rollbahn prächtig die Zeit vertrieben. Damit meine ich nicht etwa, dass dieses Buch voller schmutziger Witze steckt. Das halte ich in einem Jugendbuch für eher unwahrscheinlich (aber wer weiß, wie weit es mit der Jugend von heute noch kommt?). Vielmehr wollte ich die Figuren näher kennen lernen und wissen, wie es ihnen ergeht.

|Kein Taugenichts|

Theo ist nämlich, obwohl eine Vollwaise, ein aufgeweckter Bursche, der trotz seiner Jugend schon über ein ausgebildetes moralisches Gewissen verfügt. Diese Ansichten, die immer wieder auf die Probe gestellt werden, hat er sich einerseits aus den gelehrten Büchern in Meisters Antons Bibliothek angelesen, andererseits auch immer wieder mit seinem Lehrmeister und Mentor diskutiert.

Dazu gehören Grundsätze, die für uns seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert selbstverständlich geworden sind. Doch zu Theos Zeiten ist das herrschende Gesellschafts- und Regierungsystem der absolutistische Feudalismus: Alles muss nach der Pfeife des Königs tanzen – oder zumindest nach der seines Premierministers. Die Königin hat leider nichts zu melden, und der Leibarzt des Königs, ein rechtschaffener Freidenker, wird vom Hofe verbannt, woraufhin er von Cabbarus sogar noch einen Attentäter hinterhergeschickt bekommt.

Dies alles erinnert doch stark an die französischen Verhältnisse unter Kardinal Richelieu – in populärer Form nachzulesen in Alexandre Dumas‘ Mantel-und-Degen-Abenteuer „Die drei Musketiere“. Natürlich versucht der Autor in seinem Jugendroman keine Gesellschaftsanalyse, geschweige die Schilderung einer Revolution. Vielmehr dürften sich die jungen amerikanischen Leser, an die sich dieses Buch zunächst richtete, an die Zeiten vor dem Unabhängigkeitskrieg erinnert fühlen, also an die Kolonien vor 1776. Die Leser dürften wie ihre Vorväter die Abschaffung des unterdrückenden Systems herbeigesehnt haben.

|Aus Märchenlanden|

Auch dem deutschen Leser ist diese Epoche nicht so wahnsinnig fern, kommt sie doch in zahlreichen Märchen der Brüder Grimm noch in recht lebendiger Form vor, weil nämlich deren erste Sammlung Anfang des 19. Jahrhunderts entstand. Davor sammelten sie fleißig Geschichten, die mündlich überliefert wurden und selbst damals schon recht alt waren.

Doch wer nun erwartet, dass sich Theo den Revoluzzern anschließt, sieht sich enttäuscht. Es würde auch gar nicht zu dieser Figur passen, legt er doch eher ein Verhalten an den Tag, das auf Unauffälligkeit abzielt: Er möchte nicht von der Miliz gefunden und am nächsten Baum aufgeknüpft werden. Vielmehr lebt er in Freyborg quasi im Untergrund.

|Etwas mehr Action, bitte!|

Was nun die Handlung voranbringt, ist zur gelinden Enttäuschung des Lesers nicht Theos oder Florians Eigeninitiative, sondern ein Komplott des Premierministers, der seinem König eine besondere „Freude“ machen möchte. Augustus hat nämlich die Nase voll von all den Totenbeschwörern, die Cabbarus anschleppt, damit sie dem König die Rückkehr der verschwundenen Prinzessin Augusta prophezeien. Diese Scharlatane schmeißt Augustus raus, so dass Cabbarus auf reellen Ersatz sinnt. Einer seiner Spione präsentiert ihm diesen Ersatz auf dem Silbertablett (gegen ein bescheidenes Entgelt, versteht sich): Es ist Bohnenstange in ihrer Eigenschaft als Orakelpriesterin …

Nun ist es natürlich Theos Aufgabe, die gefangene Freundin wieder zu befreien. Leider gerät er dabei selbst in die Bredouille. Also ist der Offenbarungen und Fährnisse noch lange kein Ende. Deshalb konnte ich das Buch erst weglegen, als das letzte Kapitel begann. Dieses Kapitel ist der Epilog und bereitet den Leser auf den Folgeband vor.

|Fantasy? Welche Fantasy?|

Nun darf sich der Leser zu Recht fragen, warum dieses Buch in einer Fantasyreihe erscheint. Bislang sind nämlich weder Zauberer noch Ritter noch irgendwelche Wunderwesen aufgetreten – und das ändert sich auch nicht. Immerhin gibt es einen – nicht ganz genau definierten – kulturellen und geschichtlichen Hintergrund, der wie für ein Märchen geschaffen ist.

Tatsächlich ist dies auch der passendere Rahmen für diese Geschichte. Es gibt wirklich zauberhafte Szenen, aber „zauberhaft“ insofern, als sie die Vorstellungskraft des Lesers fesseln und anregen: Orakelvorstellungen, Totenbeschwörungen und ganz besonders das Grande Finale am Hofe des Königs, als es zu besagten Offenbarungen kommt (und die keinesfalls verraten werden dürfen).

_Unterm Strich_

In den „Chroniken von Prydain“ siedelte der Autor seine humorvollen Helden-Geschichten noch im mythisch-überzeitlichen Raum an. In der Westmark-Trilogie verlegt er den Schauplatz der Story in den geschichtlichen Raum, obwohl weder Zeit noch Ort ganz genau festzumachen sind.

Spannung, Humor, Romantik und eine gehörige Portion Action und Fantasie, die dieser Roman mitbringt, haben mich genügend gut unterhalten, um den Auftaktband der Westmark-Trilogie weiterzuempfehlen. Ich bin schon gespannt, wie es mit Theos Abenteuern weitergeht. Im Auftrag des Hofes soll er „die Verhältnisse im Königreich“ erkunden. Vielleicht lässt sich da ja noch einiges beheben, was Cabbarus einst angerichtet hat.

Deforges, Régine – Unwetter, Das

Nach einem langen Auslandsaufenthalt in Französisch-Indochina kehrt ein Mann Anfang der sechziger Jahre wieder in seine Heimat zurück. Dort tritt er das Erbe seiner mit 26 Jahren während eines Gewitters vom Blitz erschlagenen Tante Marie an. Nur einen Monat zuvor war deren Gatte Edouard gestorben. In einem Schreibtisch entdeckt er in einem Geheimfach das erotische Tagebuch seiner Tante. Soll er die Aufzeichnungen, die eine verliebte Frau vor eineinhalb Jahren niedergeschrieben hat, vernichten, aufbewahren oder nach 20 Jahren veröffentlichen?

Er schreibt: |“Obwohl der Text obszön und manche Szenen nur schwer erträglich sind, fand ich, dass er in seiner schonungslosen Offenheit eine der schönsten Liebesgeschichten darstellt, die zu lesen mir vergönnt war.“| Der Leser ist gewarnt.

|Die Autorin|

Die Französin Régine Deforges ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Frankreichs. 1968 gründete sie als erste Frau in Frankreich einen Verlag. Auch hierzulande wurde sie mit erotischen Werken in den siebziger und achtziger Jahren bekannt, so etwa mit den Erzählungen in dem Band „Der schwarze Milan“ (Rowohlt). Das besondere Kennzeichen dieser Storys ist einerseits die Tabus überschreitende Erkundung der Erotik und die feinfühlige psychlogische Begründung dieser Forschungsreise und ihrer Entdeckungen.

Bekannter wurde sie in den letzten Jahren mit ihrem historischen Roman „Das blaue Fahrrad“ und dessen Fortsetzung „Die weiße Lilie“, die beide im 2. Weltkrieg spielen, als Frankreich von der Wehrmacht besetzt war.

_Handlung_

Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass die Schreiberin dieses Tagebuches einen gewaltigen Dachschaden hat. Als Beweis diene zunächst einmal, dass sie mehrmals das Grab ihres an Krebs verstorbenen Gatten besucht, sich darauf setzt und sich darauf munter einen runterholt. Tut dies eine anständige Frau? Vermutlich nicht.

Außerdem behauptet sie im Text, der geliebte Gatte sei immer noch „bei ihr“. Nun, er erfüllt sie jedenfalls in Gedanken und Gemüt derart, dass sie nicht wagt, von ihm als einem Verstorbenen zu sprechen. Dementsprechend konsterniert reagiert ihre Umgebung auf ihre Einstellung, insbesondere die Schwiegermutter.

Die Wahrheit ist, dass ihr Gatte sie zu solch gewagten sexuellen Handlungen verführt hatte, dass die gewöhnlichen Interaktionen zwischen Männlein und Weiblein nur wenig Reiz bereithalten. Selbst als sein Bruder Jean sie besucht und mit ihr ans Meer fährt, kommt es nicht zum Beischlaf. Stattdessen befiehlt sie ihm, sie in die Brustwarzen zu beißen.

Eine verhängnisvolle Entwicklung bahnt sich bei ihren wiederholten Besuchen auf dem nahen Friedhof an. Denn der Dorftrottel Lulu beobachtet die erotische Mänade aus dem Gebüsch. Lulu hat zwar nix im Kopf, aber dafür umso mehr in der Hose. Obwohl sie ihn bemerkt hat, denkt Marie gar nicht daran, in ihrem aufreizenden Tun innezuhalten. Als ein Gewitter losbricht, reißt sie sich vielmehr die Klamotten vom Leib, um den belebenden Regen zu genießen. Es kommt zu einem ersten Verkehr mit Lulu.

Nach einer Zeit der Krankheit und Genesung , während der sie die Annäherungsversuche des verliebten Trottels registriert, kommt es eines Nachts zu einem Höhepunkt ihrer sexuellen Begegnungen mit Lulu, als dieser sie seiner Familie vorstellt …

_Mein Eindruck_

Das Büchlein lässt sich ebenso einfach wie flott lesen, denn die Sätze sind ebenso kurz wie der Gesamttext. Nur ca. 83 Seiten umfassen die verschiedenen Texte, von denen das Tagebuch natürlich den Löwenanteil einnimmt. Es ist an den verblichenen Gatten Edouard gerichtet. Seine Funktion besteht nicht nur in einem Erlebnisbericht für die Nachwelt, sondern vielmehr als Beichte und Rechenschaftsbericht vor dem verlorenen Geliebten, den sie schon bald wiederzusehen hofft. Diese letzten Zeilen kommen für den Leser ziemlich unvermittelt. Mit einem gewissen Schock registriert er, dass sich die Schreiberin wieder einmal ein Unwetter ausgewählt hat, um den Übergang ins Jenseits zu vollziehen. Wurde sie wirklich vom Blitz erschlagen, wie die Zeitung schreibt?

|Freie Liebe|

Dieser Edouard muss ein ziemlicher Freigeist gewesen sein. Er propagierte die freie Liebe, also auch freien, außerehelichen Sex. Und zwar nicht nur mit Menschen. Was Marie in seinem Namen vollzieht, ist eng mit Gewittern verbunden. Diese sind nicht nur Erschütterungen aus den Elementen der Natur, die den Menschen in Aufruhr versetzen und ihn zu Veränderungen treiben. Sie sind auch Symbole für die Kraft der Natur und vor allem für die Präsenz des Animalischen im Menschen. Diese Triebkräfte freizusetzen, hat sich Marie – ohne es zu formulieren – vorgenommen. So gedenkt sie den Willen ihres geliebten Edouard zu erfüllen.

|Wichtige Zusatztexte|

Vier Zusatztexte stellen den Inhalt des Tagebuchs in einen anderen Kontext. Textimmanent gesehen, führen zwei Zeitungsmeldungen die Handlung fort. Darüber schweige ich. Doch dem Tagebuch sind zwei weitere externe Texte beigefügt. Der wichtigere der beiden ist ein Fragment von Georges Bataille aus seinem Roman „Madame Edwarda“, den er 1941, 1945 und 1956 veröffentlichte. In dem Fragment kommen eine Marie und ein Edouard vor. Dieser stirbt, doch Marie ist nicht schnell genug mit Ausziehen, um ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen. |“Sie stand neben dem Toten, abwesend, über ihrem Selbst, in schwerfälliger Ekstase befangen, überwältigt.“| (S. 87) Die Schlüsselbegriffe sind „über ihrem Selbst“ und „Ekstase“. Marie ist in spirituellem Sinne außer sich.

Verstärkt wird diese Charakterisierung Maries durch einen Auszug aus einem frommen Gedicht der Theresia von Lisieux: |“Mein Vielgeliebter, laß mich bald / Die Milde Deines ersten Lächelns ahnen / Und laß mich in meinem glühenden Taumel, / Ach, laß mich in Deinem Herzen mich bergen! / Seliger Augeblick! Welch unaussprechliches Glück, / Wenn ich den süßen Klang Deiner Stimme hören werde, / Wenn ich den göttlichen Glanz Deines anbetungswürdigen Antlitzes / Schauen werde zum ersten Mal!“| – Dies klingt, als wolle eine unschuldige Nonne, erfüllt von spiritueller Leidenschaft, endlich als „Braut Jesu“ die Vereinigung vollziehen – im Jenseits.

|Die literarische Tradition|

Und von dieser Ausgangslage ausgehend entspinnt Régine Deforges ihre Novelle „Das Unwetter“. Damit stellt sie ihren Text in eine relativ ehrwürdige Tradition: die der erotischen Literatur Frankreichs. Dazu zählen neben Bataille sicher auch Pauline Réage („Geschichte der O“), Jean de Berg („Das Bild“) und der Marquis de Sade („Justine oder das Mißgeschick der Tugend“).

Georges Bataille gilt als Verfechter des libertären Erotismus, der die Erotisierung des gesamten Erlebens forderte und in seinen Schriften auch schilderte, so etwa in „Die Geschichte des Auges“ (1928). Bataille, auf den sich Deforges hier beruft, ist jedoch ein ganz anderer Autor als der bekanntere de Sade. Bataille hat 1943 und 1949 eine soziale Theorie aufgestellt, „deren Ziel die Erfassung der menschlichen Totalität ist, zu der die hohen und niederen Aspekte des Seins gleichermaßen zählen“, wie das „Harenberg Lexikon der Weltliteratur“ ausführt (S. 306). |“Im fiktionalen Werk wie in seiner Literaturkritik manifestiert sich Batailles Suche nach dem Absoluten, das nur in herausragenden Momenten der Existenz, im Augenblick der ’souveränen Kommunikation‘ erreicht werden kann.“|

|Selbsttranszendenz|

Deforges greift gar nicht so hoch. Sie lässt ihre Heldin Marie D. gar nicht nach den Sternen greifen. Doch dem Leser ist schnell klar, dass Marie auf der gleichen Straße wandelt wie O, ihre berühmtere Schwester. Wo sich O in freiwilige Sklaverei begibt, um den Wunsch ihres geliebten René zu erfüllen, dort begibt sich Marie, in totaler Hingabe an die Wünsche des geliebten verstorbenen Edouard, auf den Weg der totalen Hingabe an die Wünsche von Lulu und seiner Familie. Um die vollkommene Ekstase zu erfahren, opfert sie sich, so umschreibt sie es zwischen den Zeilen, auf dem Altar ihrer Liebe zu Edouard. Dies ist ist aber keine pathetische Selbstzerstörung, sondern führt zur Selbstranszendenz.

Nach dieser Aufgabe der Persönlichkeit zugunsten der Erfüllung ihres sexuellen Wesens bleibt ihr nichts anderes mehr zu tun als die Aufhebung der eigenen körperlichen Existenz. Wie es Bataille klar war und wie Susan Sontag in ihrem klarsichtigen Essay „The pornographic imagination“ deutlich formuliert hat, ist der konsequente Endpunkt sexueller Erfüllung nicht die endlose Variation und Rekombination von sexuellem Vergnügen, wie uns de Sade glauben machen will, sondern der Tod. Anti-Erotiker würden dies als „Sakrileg“ bezeichnen. Doch für Deforges und ihre Heldin ist es ein „Sakrament“, das hier bis zu letzten Konsequenz vollzogen. Und Theresia von Lisieux hätte ihr darin beigepflichtet.

_Unterm Strich_

Régine Deforges ist eine der letzten Vertreterinnen der älteren erotischen Literaturtradition Frankreichs. Zu ihrer Generation zähle ich auch Emmanuelle Arsan, Anais Nin, die Freundin Henry Millers, sowie die Frau, die unter dem Pseudonym „Pauline Réage“ publizierte. Ihre Generation wurde von der so genannten „Hurenliteratur“ (die eigentliche Bedeutung von „pornos graphein“) abgelöst. Was Marie Darrieusecq („Schweinerei“) und Catherine Breillat („Romance XXX“) anfingen, wird heute bereits in einem breiteren Strom in die Buchhandlungen gespült. Zumindest in Frankreich. Hierzulande schämt man sich noch, dergleichen im Buchladen auszustellen.

Die Generation der Deforges ist mir weitaus lieber. Ihre Heldin Marie mag vielleicht in einem ländlichen Nimmerland leben und sich dort erotisch austoben, aber ihre Sexualität ist nicht deformiert und zur ausgebeuteten Ware gemacht worden. Ihre Sexualität ist sozusagen spirituell – eine Ansicht, über die heutige Autorinnen nur noch lachen können. Aber sie hat ein menschliches Antlitz, und das ist mehr, als man von so mancher moderner Heldin sagen kann. Maries Wahn ist nicht krank, sondern heilig, ihr Sex nicht Sakrileg, sondern Sakrament. Und so etwas hat offenbar keinen Platz mehr in unserer Zeit. Kein Wunder: Sakramente lassen sich weder kaufen noch verkaufen.

Für die heutige Leserin hält „Das Unwetter“ vielleicht nur wenig Neues bereit. Selbst ein Gangbang ist heute schon selbstverständlich.

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – schwarze Katze, Die (POE #2)

Diese CD ist die gelungene Fortsetzung für die Hörspielserie, in der |Lübbe| vier Erzählungen von E. A. Poe verarbeitet hat. Diesen Herbst wurde die Poe-Reihe mit vier weiteren Produktionen fortgesetzt.

|Der Autor|

Edgar Allan Poe (gestorben 1849) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, Horrorstory, Science-Fiction, Short-Story. Er gab verschiedene Zeitschriften heraus, veröffentlichte aber nur wenige eigene Werke in Buchform, sondern sah seine Geschichten und Gedichte lieber in Zeitschriften gedruckt. Er starb im Alkoholdelirium. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas.

Mehr über den Autor bei [wikipedia.]http://de.wikipedia.org/wiki/Edgar__Allan__Poe

|Die Sprecher|

Ulrich Pleitgen spricht die Figur des „Fremden“, der den Namen E. A. Poe annimmt.
Wirt: Thomas Danneberg (dt. Stimme von S. Stallone, Arnold Schwarzenegger, John Travolta)
Dr. Templeton: Till Hagen (dt. Stimme von Kevin Spacey & „Bester“ aus Babylon 5)
Sheila: Yara Bümel
Eileen: Anna Thalbach
Gedicht am Anfang/Lied am Schluss: Heinz Rudolf Kunze

_Handlung_

Vorgeschichte: Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert wurde und jetzt entlassen wird. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan? Diese Fragen stellt sich der Mann ohne Gesicht, der im Gasthaus den ersten Namen wählt, der ihm in den Sinn kommt: Edgar Allan Poe. (Edgar heißt der zahme Rabe des Gastwirts.)

Obwohl die Ausstattung des ärmliches Gasthauses in der neuenglischen Provinz ärmlich ist und im Gastzimmer Spinnen ihre Netze weben, findet der Gast Zeit zum Träumen. Und in den Träumen kommen Erinnerungen aus dem Unterbewussten …

Er ist der trunksüchtige Ehemann der zartfühlenden und tierlieben Eileen. Er heiratete sie ein Jahr nach dem tragischen Tod ihrer jüngeren Schwester Sheila (16), die über die Brüstung des Balkons in die Tiefe stürzte. Während dieses Unglücks hatte Eileen Sheilas Lieblingslied auf dem Piano gespielt. An Sheila erinnert bald nur noch ein Porträt, das über dem Kamin hängt. Doch merkwürdig: Ihre Augen sind statt des realistischen Grüns in einem Gelb dargestellt, das viel eher zu einer Katze passen würde. Wann immer der Mann an dieses Unglück denkt oder erinnert wird, hört er eine Katze laut miauen und das Klavierstück in allen möglichen Intonationen.

Eileen hat als liebstes Haustier einen Kater, der laut schnurrt, wenn man ihn streichelt. Das tut der Ehemann jedoch nie. Im Gegenteil: Die Augen der Katze gemahnen ihn an Sheila, an deren Tod er möglicherweise er schuldig ist (er bedrängte sie mit seinen Avancen). Zu gerne würde er dem Katzenvieh einen Tritt verpassen, um es zu verjagen. Auch die Melodie, die Sheila auf dem Piano zu klimpern pflegte, geht ihm nicht mehr aus dem Sinn. Bei einem Feuer brennt das Haus bis auf die Grundmauern nieder und das Ehepaar muss umziehen, in eine verrufene Gegend, in der es nicht nur vierbeinige Ratten gibt.

Um diese Gedanken der Schuld zu vertreiben, ertränkt er sie immer öfter in Alkohol. Bis er schließlich auch im Wirtshaus eine schwarze Katze bemerkt, die er mit nach Hause nimmt. Einmal sticht er ihr vor Wut ein Auge aus, und seine Frau kehrt sich von ihm ab. Um nun auch das kätzische Gejaule aus dem Keller zu beenden, bringt er dort die Katze um. Auch Eileen muss daran glauben. Er mauert sie und die Katze in einem blinden Kamin im Keller ein.

Doch der Fluch der bösen Tat fordert Sühne. Als der Polizeiinspektor Fragen nach der verschwundenen Gattin stellt und das Haus durchsucht, wird der Trunkenbold und Frauenmörder ein wenig zu übermütig angesichts der Tatsache, dass der Inspektor nichts gefunden hat. Er schwingt die Hacke gegen die Ziegel des Kamins …

_Mein Eindruck_

Natürlich ist die Prämisse, dass eine Kette böser Taten – Sheilas verschuldeter Sturz, die Verstümmelung der Katze, der Mord an Eileen und der Katze – auf jeden Fall nicht ungesühnt bleiben kann und wird, eine romantische Wunschvorstellung. Es kommen allzu viele Verbrecher mit ihren Taten davon.

Doch das Neue an der Geschichte besteht darin, dass die Bestrafung nicht von außen erfolgt, etwa durch göttliche oder fürstliche Intervention (wie in Sagen, Legenden, Mythen und Märchen). Vielmehr kommt dieser Impuls von innen, aus der Psyche des unbestraften Verbrechers selbst: Er muss sich selbst entlarven, um Erlösung von der Last seiner Schuld zu erlangen. Schon lange vor Freud also wird tiefer schürfende Psychologie als Triebfeder einer Story-Handlung eingesetzt.

Interessant ist an dieser Inszenierung, dass nie eindeutig geklärt wird, wann eine Katze halluziniert wird und wann sie real vorkommt. Die Katze ist das Symbol der Schuld und somit vom Verbrecher bereits verinnerlicht – genauso wie das Klavierstück und das Bildnis Sheilas, das sie mit einem gelben Auge zeigt. Man spricht hier von Projektion. Was bricht also aus dem Kamin hervor, hinter der die eingemauerte Gattin zu vermuten ist? Eine gute Frage! Man höre selbst.

|Die Sprecher|

Pleitgen spielt E. A. Poe als den leicht verwirrten und träumerischen Geisteskranken, der ausgerechnet im Gasthaus „Zum verlorenen Poeten“ Zuflucht sucht und Unterkunft findet. Dann aber spielt er auch den vulgären Trunkenbold und Tierquäler, dessen Brutalität in seinen Flüchen und der Mordtat zum Ausdruck kommt. Die zwei Charaktere sind grundverschieden, und doch gelingt es Pleitgen, beide Figuren überzeugend darzustellen. Es ist etwa so, wie dem schizophrenen Gollum zuzuhören – nur dass hier die zwei Figuren in getrennten Storys vorkommen.

Es ist schade, dass dem Trunkenbold in Poes Geschichte niemand Ebenbürtiges gegenübersteht. Weder Eileen (Anna Thalbach) , die die unterwürfige treue Ehefrau spielt, noch der Wirt (Danneberg) können dem Killer Paroli bieten. Dadurch erscheint dieser sehr einseitig als der Schurke schlechthin, wodurch er sich einem Verständnis nicht gerade anbietet. Vielmehr freut sich der Zuhörer, wenn ihn endlich der Arm der Gerechtigkeit erreicht.

|Die szenische Musik|

Neben dem wiederkehrenden Klavierstück und dem leitmotivischen „Dies irae“ ist diesmal recht häufig die singende Säge zu hören, gespielt von Christhard Zimbel. Dieses Motiv ist eng verbunden mit dem Erscheinen der schwarzen Katze. Außerdem gibt es reichlich bassbetonte Effekte, die unterschwellig ein Gefühl der Bedrohung verbreiten. Wohl dem, der einen Tieftöner sein Eigen nennt.

|Die Katze – gequält oder nicht?|

Die Darstellung der realen wie der eingebildeten Katze (als Bote des Unterbewussten) erfolgt durch häufig ein markerschütterndes, kreischendes Miauen, das im Moment des Todeskampfes geradezu in menschliche Dimensionen wechselt. Deshalb beunruhigt uns folgender Hinweis im Booklet: „Bei der Produktion dieses Hörspiels wurden keine Tiere gequält“, denn dieser Verdacht könnte sehr leicht entstehen. Katzenliebhaber seien gewarnt.

|Der Song|

Das Stück klingt wieder mit H. R. Kunzes Lied über E. A. Poe, „Der weiße Rabe“, aus. Es ist quasi eine Moritat, die versucht, diesen Dichter als Warner seiner Zeitgenossen in einen soziokulturellen Kontext zu stellen. Der Fünf-Minuten-Song ist zwar textlastig wie jede Moritat, aber stimmungsvoll instrumentiert und vorgetragen: schön schräg intoniert, mit „singender Säge“ unterlegt und wohligen Schauder erzeugend.

_Unterm Strich_

In dieser psychologisch vorangetriebenen Story über Schuld und den Fluch der bösen Tat(en) erreicht der Horror recht handfeste Dimensionen: Es hagelt geradezu Leichen und Verstümmelte, ein Haus brennt ab, der Trunkenbold tobt, bis buchstäblich die Polizei kommt. Die Leitmotive sind immer wieder zu hören, und ein Zuhörer, der Subtilität wünscht, könnte durchaus vor dieser Penetranz kapitulieren.

Aber „Die schwarze Katze“ ist, wie „Das geschwätzige Herz“, die Geschichte eines vulgären Menschen, eines Verbrechers aus niederen Beweggründen. Genausowenig Subtilität, wie er in seinem Verhalten zeigt (er zertritt aus Versehen mal so nebenbei Eileens geliebte Schildkröte), ist auch von seinem weiteren Vorgehen und in dessen Darstellung zu erwarten. Daher finde ich diese Inszenierung in Ordnung.

Die Rahmenhandlung in Dr. Templetons Anstalt taugt durchaus dazu, die Serie zu tragen, allerdings sind die Traumreisen in Poe’sche Storywelten nur mit romantischen Mitteln zu erklären, es sei denn, der Patient Poe bekäme zur Heilung ein traumförderndes Medikament. Dies ist im Gasthaus „Zum verlorenen Poeten“ aber nicht der Fall: Poe zählt nur Spinnweben und Spinnen. Auch das kann ja einschläfernd wirken. Ein Angelsachse würde den naheliegenden Begriff „wool-gathering“ für Tagträumen verwenden.

Sprecherdarbietungen und Musik- & Soundkulissen verschmelzen zu einer stimmigen Einheit. Zusammen mit der dynamischen Handlung bietet „Die schwarze Katze“ daher ein unterhaltsames und wahrhaft Schauder erregendes Hörspiel. Die anderen beiden Hörspielen „Usher“ und „Maske des Roten Todes“ sind lange nicht so unterhaltsam, sondern wirken dagegen langweilig.

|Umfang: 53 Minuten auf 1 CD|

Byron, Lord / Polidori, John William / Gustavus, Frank – Vampyr, Der – oder Gespenstersommer am Genfer See

_Literarischer Psychothriller_

Juni 1816 am Genfer See, in der Villa Diodati: Der berüchtigte Schriftsteller Lord Byron, sein Leibarzt Dr. Polidori, der Dichter Percy Shelley, dessen Geliebte Mary Wollstonecraft (später Shelley) und deren Stiefschwester Claire Clairmont lesen Gespenstergeschichten. Hierdurch inspiriert, hat Byron eine Idee: „Wir wollen jeder eine Geistergeschichte schreiben!“ Es kommt zu dem berühmten Wettstreit, aus dem Mary Shelleys „Frankenstein“ und Polidoris „Der Vampyr“ hervorgehen. Polidori erzählt, was geschah. So gab einer der Gebrüder Grimm den Anstoß zu „Frankenstein“, und Lord Byron und „Der Vampyr“ wurden zum Fluch für den Möchtegerndichter Dr. Polidori. In einem Interview hält er im Jahre 1821 Rückblick auf jene verhängnisvollen Tage am See.

_Die Autoren_

|John William Polidori:|

John William Polidori wird 1795 in London geboren. Er geht auf ein kirchliches College in Yorkshire und studiert danach erfolgreich Medizin an der Universität von Edinburgh. Im Frühjahr des Jahres 1816 zieht er mit dem bereits sehr erfolgreichen Schriftsteller Lord Byron an den Genfer See. Nach ihrer Trennung im Herbst desselben Jahres arbeitet Polidori das beim Autorenwettstreit entstandene – auf Eingebungen Byrons basierende – „Vampyr“-Bruchstück zur fertigen Geschichte aus, welche 1819 in einer englischen Zeitschrift veröffentlicht wird – wobei Byron als Ko-Autor genannt wird!

Es bleibt sein einziger erfolgreicher Versuch als Schriftsteller, denn seine Stücke und späteren Prosatexte werden fast durchweg abgelehnt. Er praktiziert danach wieder recht erfolglos als Arzt. Im August 1821 stirbt Polidori im Alter von nur 26 Jahren; vermutlich durch Selbsttötung mittels Gift.

|Lord Byron:|

Der berühmte englische Dichter Lord George Gordon Noel Byron (1788-1824), genannt Lord Byron (und unter Freunden „Albie“), stellte zeitlebens seine recht zwiespältige Natur zur Schau. Leidenschaftliche Liebe, ausschweifende Lebensfreude, Weltschmerz und Selbstmitleid kennzeichneten ihn. Seine als Belastung empfundene körperliche Behinderung durch ein verkrüppeltes Bein (ein Klumpfuß), kompensierte er durch gelebte Sinnlichkeit und diabolische Ablehnung von Teilen seiner Umwelt (so etwa Polidori).

Inzestverdacht sowie finanzielle Exzesse machten ihn 1816 in der englischen Gesellschaft zu einem Exoten und Außenseiter. 1824 entschloss er sich zur Reise nach Griechenland, um die Nation in ihrem Kampf gegen die Türken zu unterstützen. Er starb jedoch kurz nach der Landung an Malaria. Berühmt wurde er bereits durch sein Frühwerk „Childe Harold’s Pilgrimage“ (deutsch „Ritter Harolds Pilgerfahrt“) von 1812, in dem er Erlebnisse auf einer Jahre zuvor unternommenen Mittelmeer- und Orientrundreise verarbeitet.

Das Urbild des Vampyrs erfand er bereits 1813 in seinem Versepos „The Giaour“ (Der Ungläubige). Die Stelle ist im Booklet abgedruckt: „Doch zunächst, als Vampir gesandt zur Erden, / Soll dein Leichnam dem Grab entrissen werden / Um sodann deine Geburtstätte gespenstisch heimzusuchen / Und das Blut all deiner Artverwandten auszusaugen.“ (meine Übersetzung)

_Die Sprecher_

J. W. Polidori: Andreas Fröhlich, die deutsche Stimme von John Cusack, Edward Norton und Sméagol/Gollum aus dem |Herrn der Ringe|
Lord Byron: Joachim Tennstedt, die deutsche Stimme von John Malkovich, Mickey Rourke, Michael Keaton
Mary Wollstonecraft-Godwin-Shelley: Anna Carlsson
Percy B. Shelley: Santiago Ziesmer (Stimme von Steve Buscemi, Matthew Broderick)
Claire Clairmont: Dorette Hugo
Gräfin von Breuss, Signora Cassati: Marianne Groß (Stimme von Whoopi Goldberg, Cher, Meryl Streep)
Reporter bei Polidori: Timmo Niesner (Stimme von Elijah Wood in |Herr der Ringe|, Tobey Maguire)
Buch, Produktion, Regie: Frank Gustavus / Musik: Stephan Jacobi; |Ripper Records| (Elmshorn) 2004

_Handlung_

|PROLOG|

In der Villa Diodati (siehe oben) findet am 18.6.1916 eine Lesung von Gespenstergeschichten statt. Anwesend sind der berüchtigte Schriftsteller Lord Byron, sein Leibarzt Dr. Polidori, der Dichter Percy Shelley, dessen Geliebte Mary (später Shelley) und deren Stiefschwester Claire Clairmont, eine angehende Schauspielerin. Claire oder Mary tragen die Erzählung „Die Totenbraut“ aus der Anthologie „Phantasmagoriana“ vor. Sturm und Donner liefern eine eindrucksvolle Soundkulisse zum gruseligen Inhalt der Story.

Wesentlich dramatischer trägt Byron das Gedicht „Cristabel“ seines Landmannes Samuel Coleridge vor. Der Eindruck des charismatischen Vortragenden ist derart, dass Percy Shelley einen Nervenzusammenbruch erleidet. Der Laudanum-Süchtige muss von „Pollydolly“, wie Byron und Shelley Dr. Polidori herabsetzend nennen, behandelt werden, und Mary macht sich Sorgen um ihren Geliebten. Laudanum ist in Alkohol verflüssigtes Opium, enthält aber auch giftiges Bilsenkraut.

Anderntags macht Byron den folgenreichen Vorschlag, jeder solle eine Geistergeschichte schreiben und sie anschließend zum Ergötzen der Freunde vortragen.

|Haupthandlung|

Polidori ist auf die Reise mitgegangen, weil ihm Byron den Posten des Leibarztes angeboten hat. Der junge Mediziner mit den hochfliegenden literarischen Ambitionen ist geschmeichelt, doch hintergeht er zunächst seinen Chef, indem er mit dessen Verleger einen Vertrag über ein Reisetagebuch abschließt, für das er 500 Pfund, eine Menge Geld, bekommen soll. Doch er kann das Geheimnis nicht lange für sich behalten. Schon bei der Kanalüberfahrt plaudert er, und Byron bittet ihn um Diskretion in persönlichen Dingen.

Am Rhein verärgert er Byron ernstlich durch seine Anmaßung, er stünde dem Lord nur in wenigen Dingen nach. Er ist unten durch, und Byron macht ihn durch den Spitznamen „Pollydolly“ lächerlich, besonders gegenüber den Begelitern in der Villa Diodati.

Hier präsentiert Byron im Rahmen seines Wettbewerbs seine Geschichte „Der Vampyr“, die er aus dem Versepos „The Giaour“ (siehe oben die Autorenbeschreibung) abgeleitet hatte. Es handelt sich lediglich um eine Reisebeschreibung aus dem Jahr 1700 und das Begraben eines Gefährten namens Augustus Darville auf einem türkischen Totenacker. Eine Idee dazu ist aus „Die Totenbraut“. Doch Byron hat auch eine Idee zur Weiterführung, und diese greift Polidori später auf: Darville ist in England aufgetaucht und inzwischen der Liebhaber der Schwester des Erzählers …

Den eigentlichen Anstoß, die Geschichte weiterzuführen, liefert die Gräfin Breuss, die Polidori besucht, um dem Mobbing in der Villa auszuweichen. Sie glaubt nicht, man könne „etwas aus derartigem Humbug machen“. Um dieses Urteil zu widerlegen, nimmt er ihre Herausforderung an und schreibt eine fertige Geschichte binnen drei Tagen. Erst dies ist der fertige „Vampyr“.

Darin taucht ein bleicher Lord Ruthven auf, der große Ähnlichkeit mit einem dämonischen Byron hat. Im Spiel stürzt er skrupellos ganze Existenzen ins Nichts, zieht aber dadurch das Augenmerk des jungen angehenden Erben Aubrey auf sich. Er verführt dessen Schwester, während er Aubrey selbst immer schwächer werden lässt. Kurz vor seinem Tod beichtet Aubrey seinen Vormündern alles über Ruthven und warnt sie, was dieser mit seiner Schwester vorhabe. Doch jede Hilfe kommt zu spät, und Ruthven ist weiterhin auf der Jagd nach frischem Blut. –

In der Vermarktung des Werkes erlebt er vielerlei Rückschläge, nachdem die Gräfin sein Manuskript hat veröffentlichen lassen. Von einem Honorar des Bestsellers, der bald auf Europas Bühnen aufgeführt wird, sieht Polidori, der Urheber, lediglich 30 schlappe Pfund von einem Verleger. Er muss sich bis zum bitteren Ende mit Urheberstreitigkeiten herumschlagen. Lebenslang bleibt Polidori der unverstandene Literatur-Novize, den Pech und Verhängnis immer wieder beruflich und privat abstrafen.

Das Hörspiel beginnt und endet am letzten Tag von Polidoris Leben, dem dieser selbst und live am 24. August 1821 mit Zyankali ein Ende setzt, nachdem er einem Reporter die „Wahrheit“ über sein Leben berichtet hat.

_Mein Eindruck_

Der Autor des Hörspiels, Frank Gustavus, stellt eine schöne, wenn auch vielleicht kühne Parallele her zwischen der Geschichte „The Vampyre“ und der Beziehung zwischen Byron und Polidori. Um dies akzeptieren zu können, muss der Leser erst einmal genau wissen, wie Polidoris Leben verlief – das wäre seine Biografie – und wie sich die Byron-Beziehung auf sein Seelenleben auswirkte – das wäre das Psychogramm.

Beides zusammen liefert so etwas wie einen literarischen Psychothriller. In dessen letzter Konsequenz erfolgt natürlich des Tod des Opfers: Polidori. Zuvor hat er noch seine Seele erleichtert, indem er einen Reporter als Beichtvater heranzog. Ein letzter Versuch, sich im Blätterwald, der Polidori so übel mitgespielt hat, zu rechtfertigen und seinen persönlichen Vampir, eben Byron, an den Pranger zu stellen. Vergebliche Liebesmüh! In seinen letzten Millisekunden erlebt Polidori nicht nur Spieluhrklingeln und Geisterstimmen, sondern auch die ölig-spöttische Stimme Byrons: „Hallo, Pollydolly!“

|Ironie und Untergang|

Die Ironie bei dieser Geschichte ist jedoch, dass Polidori in seinem blinden Eifer, jugendlichen Stolz und gegen keinerlei Versuchung gefeiter Unschuld der Schöpfer seines eigenen Untergangs ist. Seine Biografie ist die Verkettung von Ereignissen des eigenen Versagens. Er kann weder den Schnabel halten, wenn es klüger wäre zu schweigen, noch eine Herausforderung unbeantwortet lassen. Und sein Spielglück kann er erst recht nicht unversucht lassen.

Daher verprellt er seinen Arbeitgeber, schreibt dessen Story „Der Vampyr“ weiter (was man als Plagiat ansehen könnte) und tappt so in die Falle, die die ihm die schlaue Gräfin Breuss gestellt hat. In seiner blinden Wut, sich an Byron & Co. zu rächen, verrennt er sich zu der pittoresken Beschreibung eines Blutsaugers, der für jeden Zeitgenossen offenkundige Ähnlichkeit mit einem gewissen Lord hat. Byrons abgelegte Geliebte Charlotte Lamb nannte selbst einmal den Namen eines gewissen „Lord Ruthven“. Man braucht nicht das Einmaleins zu beherrschen, um die Verbindung zu sehen.

Aber Polidori erkennt in seinen bitteren letzten Minuten, dass er mit dem „Vampyr“ einen ebensolchen Blutsauger geschaffen hat, der ihm die Lebensenergie aussaugen wird. In seinem Eifer, „meine Geschichte, meine!“ für sich zu retten und zu reklamieren, passiert das genaue Gegenteil: An publizistischer Energie, sprich: Attraktivität, ist der Name „Byron“ weitaus stärker, als es sich der unbekannte Polidori hat träumen lassen. Statt mit dem Strom zu schwimmen und Kapital daraus zu schlagen, stemmt er sich dagegen. Kein Wunder, dass er über kurz oder lang untergeht. Der „Vampyr“ ist stärker. Und der Vampir heißt nicht nur Byron, sondern auch Verlagswesen, Publizität, Public Relations. Für den Literaturhistoriker ist dies eine Offenbarung: Die Macht der englischen Presse ist bereits um 1819 ausreichend, um eine Existenz zu vernichten.

|Mary und das Monster|

Jedoch geht es nicht nur um Polidoris Lebensgeschichte. Beim Treffen am See entstand in einer Nacht beispielsweise auch die Grundidee zu Mary Shelleys Roman „Frankenstein oder der moderne Prometheus“, dessen Ursprünge sich bis zur Burg Frankenstein und den Gebrüdern Grimm zurückverfolgen lassen. (Wie dies im Einzelnen zurückzuverfolgen ist, findet sich im Hörspiel. Das hier alles wiederzugeben, würde zu weit führen.)

Eine der besten und schönsten Szenen – nach dem Prolog und dem Schluss – ist Polidoris Unterredung mit der 19-jährigen Mary Wollstonecraft Godwin, die später als Mary Shelley weltbekannt werden wird. Die Szene ist der emotionale Dreh- und Angelpunkt, zumindest auf der positiven Seite von Polidoris Lebensgeschichte. Und an diesen magischen Moment hat er immer noch, selbst in einer letzten Stunde, ein Andenken behalten: eine Spieluhr, die Mary ihm als Dank dafür geschenkt hat, dass er ihr ein wenig beim Konzipieren des „Frankenstein“ geholfen hat und als Ausgleich für die Sticheleien der Gesellschaft in der Villa Diodati. Schließlich ist er selbst ein Arzt, und als solcher kompetent genug, das Treiben eines gewissen Frankenstein bei der Belebung eines zusammengestückelten „Menschen“ zu beurteilen. Aus der Spieluhr erklingt „Sur le pont d’Avignon“, ein altes französisches Volkslied. Auch dann, als ihr Besitzer seinen letzten Atemzug tut.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel ist für Kenner ein Genuss. Doch für Hörer, die sich weniger für Literaturhistorie interessieren und einen handfesten Horrortrip erwarten, eignet sich das Werk keineswegs. Es ist eine Inszenierung der meist leisen zwischenmenschlichen Töne, zumindest in den langen Passagen, die auf den gruseligen Prolog folgen. Und die zweite CD langweilt nach der „Frankenstein“-Szene und dem Niederschreiben des „Vampyr“ sogar ein wenig mit Polidoris relativ verwirrenden Italien-Reisen und wechselnden Lebensumständen. Statt Handlung findet sich hier meist Exposition, also Bericht. Dafür entschädigt das dramatische Finale.

Dieses Hörbuch demonstriert eindrucksvoll, was heute mit ausgefeilter Soundtechnik und einem professionellen Tonmeister alles möglich ist. Nicht nur Stereoton – am Anfang hört man, wie die rezitierende Mary von einer Seite des Klangraums zur anderen wechselt -, sondern auch eine sehr nahe und dichte Geräuschkulisse, wie in der Szene auf dem Genfer See (mit Möwengeschrei und Wasserplätschern etc.), sind ohne weiteres realisierbar, um dem Hörer eine unmittelbarere, eindrucksvollere Erfahrung des Geschehens zu ermöglichen. Gut, dass dabei die Gefahr, das Klangerlebnis zu überfrachten, vermieden wird. Übereifer kann eben auch negativ wirken.

Der hohe Preis von ca. 20 Euro ist durch diese Qualitäten gerechtfertigt. Wer mehr Horror will, greife zu den ausgezeichneten Produktionen von |LPL records|, die Maßstäbe setzen. Frank Gustavus führte dort auch Regie für [„Der Schatten über Innsmouth“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=424

Demnächst erfährt die Produktion eine direkte Fortsetzung: Im Dezember 2004 veröffentlicht Ripper Records Lord Byrons „Vampyr-Fragment“ und John W. Polidoris „Der Vampyr“ als ungekürzte, inszenierte Lesung von Joachim Tennstedt und Andreas Fröhlich. Die Erstauflage gibt es exklusiv bei Ripper Records, ab Februar 2005 ist die CD dann auch über |Lübbe Audio| im Buch- und Tonträgerhandel erhältlich.

|Umfang: 124 Minuten auf 2 CDs|
Mehr Infos unter: http://www.ripperrecords.de/

Fielding, Helen – Geheimnisse der Olivia Joules, Die

_Gestatten? Rachel Pixley, Terroristenjägerin (oder: Knutschen mit Osama)_

Die freie Journalistin Rachel Pixley, die sich inzwischen den glamouröseren Namen „Olivia Joules“ zugelegt hat, trifft im mondänen Miami Beach einen Filmproduzenten, der sie fatal an einen gewissen Terroristenführer aus Saudi-Arabien erinnert. Der letzte Beweis, dass es sich um Osama Bin Laden handelt, liefert ihr seine Warnung, das Luxusschiff „Oceans Apart“ zu besuchen – welches denn auch prompt in die Luft fliegt. Kein Zweifel: Olivia muss die Welt vor diesem Mann retten! Wenn er nur nicht so schrecklich verführerisch wäre …

|Die Autorin|

Helen Fielding wurde weltbekannt durch die Verfilmungen ihrer Romane „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“ und „Bridget Jones – Am Rande des Wahnsinns“, beide mit Renee Zellweger in der Hauptrolle (der zweite Film kommt noch im Dezember in unsere Kinos, keine Sorge).

_Handlung_

Man kann sich auch in Miami Beach fehl am Platz vorkommen. Wie eine Strafversetzung fühlt sich diese Mission an, denkt Olivia Joules, ihres Zeichens freie Journalistin für britische Zeitungen und Klatschblätter. Olivia wurde als Rachel Pixley in der Robin-Hood-Gegend von Nottingham geboren, hat aber entschieden, für eine Karriere in der Welt der Reporter, Reichen und Schönen klinge „Olivia Joules“ doch wesentlich glamouröser.

Doch der Glamour, den sie im Luxushotel Delano vorfindet, hält sich stark in Grenzen. Die Konversation mit ausgestopften Silikongirls und ahnungslosen Boy-Band-Boys unterfordert Olivias geistige Fähigkeiten beträchtlich. Deshalb fällt ihr auch sofort der fein gekleidete und sinnlich dreinschauende Pierre Ferramo ins Auge, der hier als Filmproduzent irgendetwas mit der Präsentation einer neuen Kosmetikkollektion namens „Devoree“ (= verschlungen) zu tun hat. Der Umstand, dass sein Gesicht arabische Züge trägt und er arabische Wörter wie „shukran“ (= danke) benutzt, bringt sie auf eine ebenso glorreiche wie schreckenerregende Idee: Es handelt sich offenbar um keinen Geringeren als Osama Bin Laden – natürlich nach einer Gesichts- und Beinoperation.

Olivia hat nichts Eiligeres zu tun, als ihrer Kollegin/Freundin Kate die Neuigkeit brühwarm zu verklickern. Die rät ihr, erstmal ordentlich zu recherchieren, bevor sie ihrem Chef Barry Wilkonson, der sie eh auf dem Kieker hat, irgendetwas anbietet. Gesagt, getan. Und sie werde keinesfalls mit Ferramo schlafen. Oder? Der Mann hat ja nicht mal einen Eintrag in Google, der für Olivia maßgeblichen Suchmaschine. Sehr verdächtig!

Nachdem sie sich von den Silikongirls Kimberley und Demi abgeseilt hat, lernt sie zwei britische Passagiere des Luxusschiffs „OceansApart“ kennen. Edward und Elsie wecken in Olivia alias Rachel so heimatliche Gefühle, dass sie sie unbedingt auf ihrem Dampfer besuchen will, der an der Mole vor Anker liegt. Als Ferramo dies am Abend davor erfährt, rät er Olivia, die heftig mit ihm knutscht, eindringlich davon ab. Warum bloß?

Dennoch geht Olivia wie jeden Morgen joggen. Am Hafen sieht alles ganz friedlich aus, bis plötzlich ein Donnerschlag die Ruhe unterbricht und die Zeit still zu stehen scheint. Noch ein Donnerschlag – er kommt von der „OceansApart“! Schneller als James Bond in seinen besten Jahren hechtet Olivia unter einen Frachtcontainer in Deckung. Noch ein Donnerschlag, und heiße Luft versengt ihr den Unterarm. Der Doppelrumpf des Ozeanriesen wurde entzwei gerissen, und eine der beiden Hälften sinkt wie einst die „Titanic“, während der andere Teil bereits Schlagseite hat. Todesmutig eilt Olivia, die ja auf eine Taucherausbildung zurückgreifen kann, in die Wellen, um Überlebende zu bergen …

Nun hat sich ihr Verdacht gegen Ferramo erhärtet: Bestimmt hat der Mann etwas mit diesem Anschlag zu tun. Was sonst könnte ihn veranlasst haben, schon wenige Stunden später Richtung Los Angeles zu verschwinden? Ungeachtet der flehenden Anrufe von Barry Wilkinson, doch um Himmels willen einen Augenzeugenbericht zu liefern, und der Tatsache, dass sie gerade erst im Krankenhaus aufgewacht ist, macht sich Olivia heldenhaft auf den Weg nach L. A. Denn garantiert wird Osama die Filmmetropole in Schutt und Asche legen. Was sie, Olivia Joules, zu verhindern wissen wird.

Leider werden ihre Versuche, das FBI zu warnen, abgehört, in der britischen Heimat missverstanden und gegen sie verwandt. Doch was kann eine Olivia Joules aufhalten? Höchstens die Liebe.

_Mein Eindruck_

„Olivia Joules and the Overactive Imagination“, wie das Buch im Original heißt, wurde offenbar als Fastfood-Lektüre für Ferienflieger konzipiert. Die Handlung ist mit Pappkameraden gespickt, allerlei exotische Schauplätze wie etwa Miami Beach, Catalina Island und Honduras werden abgeklappert – oder besser: vorgeführt – und die klassische „flotte Biene in Not“ gerät in allerlei schlüpfrige oder gar gefährliche Situationen, in denen sie, mit Mutterwitz und Hutnadel ausgestattet, ihre Frau stehen kann.

Auf solche abgedroschenen Werte wie „Realismus“ braucht der Leser also gar nicht zu warten. Vielmehr geht es um seine oder vielmehr ihre Unterhaltung. So mag sich Lieschen Müller gerne die große weite, mondäne Welt vorstellen – und vor allem die ach so gefährlichen Männer, die sie bewegen, vor allem, wenn sie auch noch gut gebräunt sind und einen Waschbrettbauch tragen.

|James Bond: He’s the man!|

Der begehrenswerteste Typ Mann ist für Rachel Pixley alias Olivia Joules offensichtlich James Bond himself. Der echte Bond, der sich nun Mr. „Widgett“ nennt (ein ziemlich schlecht erfundener Name, denn so heißen mittlerweile sämtliche Geräte und Sachen, für die man sich noch auf keine allgemeinverbindliche Bezeichnung hat einigen können) und für den Auslandsgeheimdienst MI6 Ihrer Majestät arbeitet, ist doch schon beträchtlich in die Jahre gekommen und fällt als Lover flach.

Dafür hingegen gibt es erstklassigen Ersatz. Scott Rich ist ihr schon in Honduras an die Wäsche gegangen – nicht dass sie etwas dagegen gehabt hätte, schließlich hat auch frau ihre Bedürfnisse. Doch nun kann sie ihrerseits ganz offen ihm an die Wäsche gehen, weil sie nämlich für die gleiche Seite arbeiten: Olivia für MI6 und Scott für die CIA.

|Alias Osama|

Und wo ist der verführerische „Pierre Ferramo“ alias Osama Bin Laden abgeblieben? Ohne zu viel verraten zu wollen, kann man doch festhalten, dass er sich als echter Araber entpuppt. Er nennt Olivia-Schätzchen seinen „kleinen Falken“ (saqr). Als ob sie immer zu ihm geflogen käme, wenn er ruft. Aber um als volltauglicher Terrorist für Al-Qaida arbeiten zu können, hätte er vielleicht doch seine Vorliebe für guten französischen Wein einschränken sollen. So hat Olivia leichtes Spiel, ihn besoffen zu machen und seine Siebensachen zu durchsuchen. Ach, wäre sie ihm bloß nicht in den Sudan gefolgt! Menschen können so leicht in der Wüste verloren gehen …

|Girls and wives|

Am besten hat mir an diesem Buch die respektlose Art und Weise gefallen, wie die Autorin ihre Geschlechtsgenossinnen betrachtet. (Die Männer sind für mich wenig interessant: entweder lächerlich oder gefährlich verführerisch, dazwischen gibt’s nichts.) Klar, dass es darunter eine Menge falscher Schlangen gibt, darunter eine waschechte Doppelagentin. Und ob die „beste Freundin“ Kate wirklich immer das „Beste“ für (oder von?) Olivia will, ist lange Zeit unklar.

Der größte Aha-Effekt besteht in der Beschreibung der zwei Silikon-Girls, die Olivia in Miami Beach trifft. Obwohl Demi und Kimberley aus zwei verschiedenen Länder, nämlich Amiland und Olivialand, kommen, sehen sie sich zum Verwechseln ähnlich: Beide haben riesige ausgestopfte Brüste, aufgespritzte Lippen, das gleiche GAP-T-Shirt (natürlich ohne BH) und tragen Jeans, die jenseits von Gut und Böse anfangen. Klar, dass auch ihre Sonnenbrillen und die blonde Haartracht identisch sind. Und klar ist auch, dass beide zum Film wollen, egal wie. Olivia fragt sich, in welcher Retorte das Duo gezüchtet worden sei. Für mich ist klar, dass MTV und VIVA ein gewisse Mitschuld tragen. Girlgroups wie |No Angels| oder |Destiny’s Child| weisen stets solche „Engelchen“ auf.

|Die Übersetzung|

Marcus Ingendaay stammt offensichtlich aus dem Norden unserer Republik. Dort sind Wörter wie etwa „bräsig“ sicher wohlbekannt, wenn auch nicht hier im Süden. Bis auf ein paar Umgewöhnungsprobleme gefiel mir daher die Übersetzung recht gut, denn sie trifft auch sehr schön den deutschen Umgangston.

Schon etwas weniger gefielen mir hingegen die zahlreichen Druck- und Tippfehler. Auch Buchstabendrehen sind recht beliebt. Am krassesten fiel die Wirkung auf Seite 320 aus, wo statt „blökte“ nun „bölkte“ steht. Das lässt an Werners „Bölkstoff“ denken und Übles befürchten. Schlimmeres lassen jedoch fehlende Wörter erahnen. So fehlt auf Seite 364 das Wort „die“ in dem Satz „Ein Raunen ging durch Menge auf dem Hollywood Boulevard …“. Hoffentlich ein Einzelfall.

Ich hätte mir auch die deutsche Entsprechung des Ortsnamens „Aswan“ sehr gut im Text (S. 278) vorstellen können. Der im Deutschen gebräuchliche Name lautet „Assuan“, genau wie im Namen des Staudamms. Ein Name, der mir regelrecht suspekt vorkam und für den die Autorin verantwortlich zeichnet, ist der Name „USS Ardeche“ für ein amerikanisches Kriegsschiff. Ardèche ist bekanntlich ein französischer Fluss, und man sollte auch als Bestsellerautorin wissen, dass Amerikaner nicht gut auf die Franzosen zu sprechen sind. Deshalb erscheint der Name „USS Ardeche“ nicht besonders plausibel, besonders nicht als fiktiver Name.

_Unterm Strich_

Man muss keinen Doktorhut haben, um diesen Fastfood-Thriller für Möchtegern-Agentinnen lesen zu können. Aber vielleicht ein Flugticket. Und viel Zeit in der Sonne, am Pool, im Solarium oder sonstwo, um sich damit die überflüssige Zeit zu vertreiben, bis Männe wieder Kohle nach Hause bringt, die dringend für den nächsten Shopping-Raubzug benötigt wird.

Die Lektüre fällt umso leichter, weil man und frau sich keine Gedanken über tief schürfende Motivationen oder gar Seelenqualen der Figuren den Kopf zerbrechen müssen. Hautpsache, die Action lässt nicht allzu lange auf sich warten – am besten im Bett. Auch die gefällige Übersetzung trägt einen gewissen Wortwitz zur Unterhaltung bei. Dennoch hätte der Verlag nicht auf einen Korrektor verzichten sollen, denn derart viele Druckfehler – und sogar fehlende Wörter – finde ich in der Regel nur in Taschenbüchern, die von unterbezahlten Leuten übersetzt worden sind.

Wer den Roman zwischendurch liest, macht keinen Fehler, aber wer dann auch noch in die unvermeidliche Verfilmung – mit Renée Zellweger, garantiert – reingeht, ist selber schuld.

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Grube und das Pendel, Die (POE #1)

Diese CD ist der äußerst gelungene und stimmungsvolle Auftakt für die erste Hörspielserie, in der |Lübbe| vier Erzählungen von E. A. Poe verarbeitet hat. Diesen Herbst wurde die Poe-Reihe mit vier weiteren Produktionen fortgesetzt.

|Der Autor|

Edgar Allan Poe (1809 – 1849) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, Horrorstory, Science-Fiction, Short Story. Er gab verschiedene Zeitschriften heraus, veröffentlichte aber nur wenige eigene Werke in Buchform, sondern sah seine Geschichten und Gedichte lieber in Zeitschriften gedruckt. Er starb im Alkoholdelirium. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas.

Mehr Informationen bei [wikipedia.]http://de.wikipedia.org/wiki/Edgar__Allan__Poe

|Die Sprecher|

Ulrich Pleitgen spricht die Figur des „Fremden“, der den Namen E. A. Poe annimmt.
Joachim Kerzel, bekannt aus zahlreichen Horror-Hörspielen und -Audiobooks, spricht die Rolle des Abtes. Kerzel ist die deutsche Synchronstimme von z. B. Jean Reno, Dustin Hoffman, Harvey Keitel, Sir Anthony Hopkins oder Jack Nicholson.
Klaus Jepsen: Bruder Amontillado
Till Hagen: Dr. Templeton
Viola Morlinghaus: Schwester Berenike
Gedicht am Anfang/Lied am Schluss: Heinz Rudolf Kunze

_Handlung_

Vorgeschichte: Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert wurde und jetzt, nach zehn Wochen, entlassen wird. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Leider neigt sich sein Aufenthalt dem Ende zu: Die Anstalt soll dichtgemacht werden und er wird bald entlassen. Doch in seiner letzten Nacht erlebt der Erzähler in seiner kargen Zelle einen beängstigenden Traum …

Er erwacht in der Zelle eines Mönches, die sich im Kloster von Toledo in Spanien befindet. Am Kopf hat er eine schwere Wunde davongetragen, die eine freundliche Nonne namens Schwester Berenike mit Kräutern behandelt. Hat er diese Wunde im Krieg davongetragen, der sich Toledo in Form napoleonischer Truppen nähert? Man schreibt das erste Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, und die Situation Toledos ist alles andere als sicher.

Wie sich herausstellt, haben ihn die Mönche niedergeschlagen, weil sie ihn für einen Spion der Franzosen hielten. Im Kloster herrscht die als grausam verrufene Inquisition der katholischen Kirche, und es herrscht eine Art Torschlusspanik. Der scheinbar freundliche Abt, der das Kloster leitet, verfügt über eine bemerkenswerte Standuhr: in das Zifferblatt sind Löcher für vier Finger eingelassen und das Pendel ist rasiermesserscharf zugeschliffen. Ein Omen? O ja, und nicht nur für Schwester Berenike, die hier eigentlich nur zu Besuch ist. Kurz zuvor sei der Bruder Botanicus gestorben, erzählt sie.

Das Kloster ist in der Tat das Gegenteil eines Kurortes: Als sich der Erzähler einmal in einem Krug Wasser von einem Auslassrohr holt, bemerkt er zu spät, dass es sich um fast pures Blut handelt. Es stammt von den in den Gewölben gefolterten Opfern der Inquisition. Als er und Berenike vor Entsetzen um Mitternacht fliehen wollen, stoßen sie auf einen Leichentransport, der gerade das Kloster verlässt: Auf dem Karren liegen zerschnittene und von Ratten angefressene Körperteile. Sekunden später werden die beiden Flüchtlinge gefangen genommen und später vom Abt verurteilt, damit das Geheimnis des Klosters gehütet wird.

Der Erzähler erwacht in einem lichtlosen Gewölbe neben einem Schacht, mit Riemen auf einen Block gebunden: neben sich Ratten, über sich ein riesiges rasiermesserscharfes Pendel, das hin und her schwingt, sich dabei aber unaufhaltsam auf den Wehrlosen herabsenkt …

_Die Umsetzung_

|Die Sprecher|

Ulrich Pleitgen und Joachim Kerzel dominieren das Hörspiel mit ihren tiefen Stimmen. Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. Kerzel ist als Abt nur in zwei Szenen zu hören, wirkt aber dabei bereits zwielichtig beziehungsweise kriminell – kein Wunder, denn der Abt ist einer der letzten Vertreter der grausamen spanischen Inquisition.

Klaus Jepsen ist uns inzwischen am besten als deutsche Stimme von Bilbo Beutlin vertraut, die des „Dr. Templeton“ als die Synchronstimme von Kevin Spacey, allerdings mit betonten Bässen. Meine besondere Bewunderung möchte ich Viola Morlinghaus aussprechen: Sie spielt die sympathische Botanikerin „Schwester Berenike“ absolut lebensecht, verzweifelt und schließlich niedergeschmettert, dass man mit ihr mitfühlen muss. Allerdings fällt auf, dass ihre Figur sehr oft „Ich weiß es nicht“ sagen muss.

|Der Song|

Das Stück klingt mit H. R. Kunzes Lied über E. A. Poe, dem „Weißen Raben“, aus. Es ist quasi eine Moritat, die versucht, diesen Dichter als Warner seiner Zeitgenossen in einen soziokulturellen Kontext zu stellen. Der Fünf-Minuten-Song ist zwar textlastig wie jede Moritat, aber stimmungsvoll instrumentiert und vorgetragen: schön schräg intoniert, mit „singender Säge“ unterlegt und wohligen Schauder erzeugend.

|Die szenische Musik und Klanggestaltung|

Die Musik besteht aus moderner Klassik, vermischt mit dem Kirchenlied „Dies irae, dies illa“ (Tag des Zorns) und einem Streichquartett. Getrennt werden die einzelnen Szenen durch besondere Klangelemente wie etwa eine Glocke.

Die Klangkulisse dieses ersten Teils der Serie ist im Vergleich zu den anderen Teilen ganz besonders ausgetüftelt und äußerst wirkungsvoll. Von dezenten Kirchenglocken, Chören, menschlichen Schreien bis hin zu Wolfsgeheul, Rattengefiepe und Windrauschen reicht die Geräuschpalette. Wer über eine ordentliche Anlage verfügt, sollte jedoch die Bässe bis zum Anschlag aufdrehen: Die Szene unter dem Pendel bietet ein paar besonders basslastige Soundeffekte – man kann das Schwingen des riesigen Pendels praktisch sehen, nicht nur hören.

_Unterm Strich_

„Die Grube und das Pendel“ treibt den Horror auf eine bis dato unerreichte Spitze: Folter durch die Inquisition, ein mysteriöser Todesfall, Gift im Wasser, ominöse Pendeluhren und schließlich der klaustrophobische Höhepunkt unter dem Pendel selbst. Kulturell gesehen herrscht im Kloster noch finsterstes Mittelalter, bis Napoleons Truppen Freiheit, Licht und Leben bringen. Der Abt verkörpert die Willkürherrschaft der katholischen Kirche in Spanien. Es herrscht Torschlusspanik und die Entwicklung der Dinge treibt auf einen Höhepunkt zu.

Die Rahmenhandlung in Dr. Templetons Anstalt taugt durchaus dazu, die Serie zu tragen, allerdings sind die Traumreisen in Poe’sche Storywelten nur mit romantischen Mitteln zu erklären, es sei denn, der Patient Poe bekäme zur Heilung ein traumförderndes Medikament.

Inszenierung und Sprecher sind von erster Güteklasse – schade, dass Kerzel nur in dieser Folge mit von der Partie ist. Die Musik und Klanggestaltung unterstützen die hervorragenden Sprecher wirkungsvoll. Kunzes Song am Schluss wirkt für mich etwas aufgesetzt, aber sei’s drum.

Zusammen mit „Die schwarze Katze“ bildet „Grube und Pendel“ meine bevorzugten Teile der vierteiligen Serie.

|Umfang: 59 Minuten auf 1 CD|

Bear, Greg – Stimmen

Eine neue Kommunikationstechnik zapft bislang unausgelotete Dimensionen des subatomaren Raums an. Klingt kompliziert, doch die Vorteile sind einfach: Man braucht keine Telekom mehr als Vermittler, zahlt keine Vermittlungs- und Leitungsgebühren und muss keine Zeitverzögerung berücksichtigen, außerdem ist die Sprachqualität erste Sahne. Es gibt nur einen Haken: Die Toten melden sich zurück …

|Der Autor|

Greg Bear wurde 1951 in San Diego, einer wichtigen US-Marinebasis, geboren und studierte dort englische Literatur. Unter den Top-Hard-SF-Autoren ist er der einzige, der keine naturwissenschaftliche Ausbildung hat. Seit 1975 als freier Schriftsteller tätig, gilt er heute dennoch als einer der ideenreichsten wissenschaftlich orientierten Autoren.

Sein „Das Darwin-Virus“, der hierzulande in einem Wissenschaftsverlag erschien, wurde zu einem preisgekrönten Bestseller. Erst damit konnte sich Bear aus dem Science-Fiction-Ghetto herausschreiben, so dass man ihn heute ohne weiteres mit Michael Crichton vergleicht. Nur dass Bear da anfängt, wo Crichton aufhört. Dieses Jahr erschienen bei uns „Darwins Kinder“, die Fortsetzung von „Darwin-Virus“, [„Jäger“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=487 sowie der vorliegende Roman „Stimmen“.

Bear hat eine ganze Reihe von Science-Fiction- und Fantasyzyklen verfasst. Die wichtigsten davon sind (HSF = Heyne Science Fiction):

– Die Thistledown-Trilogie: Äon (HSF 06/4433), Ewigkeit (HSF 06/4916); Legacy (bislang unübersetzt).
– Der Amboss-Zyklus: Die Schmiede Gottes (HSF 06/4617); Der Amboss der Sterne (HSF 06/5510).
– Der Sidhe-Zyklus: Das Lied der Macht (06/4382); Der Schlangenmagier (06/4569).

Weitere wichtige Werke: „Blutmusik“ (06/4480), „Königin der Engel“ (06/4954), „Slant“ (06/6357) und „Heimat Mars“ (06/5922). Er hat zudem Beiträge für die Buchreihen des Foundation-, Star-Trek- und Star-Wars-Universums geschrieben.

Autorenhomepage: http://www.gregbear.com/

_Handlung_

Peter Russell, 58, war früher mal ein Schriftsteller, Fotograf und halbwegs erfolgreicher Softpornoregisseur in Los Angeles, aber das ist schon eine Weile her. Seitdem er nämlich vor über einem Dutzend Jahren den reichen Filmproduzenten und Immobilienhändler Joseph Benoliel und dessen schöne, freundliche Gattin Michelle kennen gelernt hat, ist er nur noch deren Laufbursche. Diese Aufträge als Mädchen für alles sind lukrativer als das Filmen. Zumal er eine Frau und Tochter zu ernähren hat: Helen und Lindsey.

Das Bedauern über die verlorenen Träume der Jugend wächst sich für Peter zu einer seelischen Krise aus, als am selben Tag sein Jugendfreund Philip stirbt und er eine geheimnisvolle Frau namens Sandaji trifft. Diesem Medium soll er in Benoliels Auftrag nur eine einzige Frage stellen: „Kann jemand ohne Seele leben?“. Kurz darauf sieht er den Geist eines Jungen in einer hundert Jahre alten Tracht in Sandajis Haus. Er erinnert sich an seine tote Tochter Daniella, die auf grausame Weise ermordet wurde, ohne dass diese Tat bislang aufgeklärt worden wäre. Helen und Lindsey, Daniellas Zwillingsschwester, sind ausgezogen, als Peter nach dem Verlust seines Lieblings dem Alkohol verfiel.

Diese Vision ist ihm – zunächst – ebenso unerklärlich wie das, was ihm in Phils Haus nahe San Francisco widerfährt. Dort findet eine kleine Totenfeier statt, an der natürlich auch Phils Ex-Ehefrau Lydia teilnimmt. Phils Haus ist bis zur Decke vollgestopft mit Comicheften und Büchern, aber das ist es nicht, was Peter stört. Als er übernachtet, wird er von einem Schrei geweckt: Eine Vision von Lydia beklagt Phils Tod, doch ihre Geistergestalt ist umgeben von schwarzen Schatten, die über sie herfallen …

Doch wo ist Phil eigentlich gestorben? Im Wohnmobil findet Peter endlich eine letzte Botschaft seines besten Freundes – und schon wieder Schatten. Als einziges Erinnerungsstück nimmt Peter ein schönes Schachspiel mit populären Figuren mit, das u. a. Monster, eine wunderschöne Marsprinzessin und Detektive im Trenchcoat umfasst.

Lydia hat sich seine letzten paar Kröten geschnappt, deshalb ist er total froh über den Anruf von Stanley Weinstein, dem Marketingmanager von Trans, einer Firma mit einem neuartigen Telekommunikationssystem. Schon bei Benoloiel hat Weinstein Peter eine ganze Ladung von seinen handyartigen Endgeräten („Nennen Sie es nie ein Handy!“) in die Hand gedrückt, und Peter hat ständig eines bei sich. Wenn er mit seinem Kumpel Hank, der gerade in Prag dreht, telefoniert, ist die Sprachqualität fantastisch.

Weinstein will, dass Peter eine Werbekampagne mit Spots und so konzipiert. Zunächst ist Peter begeistert: ein rettender Strohhalm! Doch als er den Trans-Firmensitz begutachtet, kommen ihm erste Bedenken: Es handelt sich um den Todestrakt des aufgelassenen San-Andreas-Gefängnisses. Und der Transponder, der die Trans-Kommunikation ermöglicht, steht im Zentrum des Komplexes: in der ehemaligen Gaskammer. Nur der Cheftechniker, ein Ukrainer mit deutsch-ungarischem Namen, scheint in Ordnung zu sein. Peter macht, dass er wegkommt – mit einem dicken Vorschussscheck.

Ist Peters Seelenleben schon ein wenig in die Schieflage geraten, so gibt ihm das nächste Ereignis quasi den Rest: Seine Tochter Daniella meldet sich aus dem Totenreich zurück. Das erschüttert ihn umso mehr, als er sie zunächst für ihre Schwester Lindsey gehalten hat, die er erwartet hatte. Daniella sieht so lebensecht aus, dass er sie streichelt und mit ihr spricht. Kein Wunder, denn Daniella ist stets in seinen Gedanken und seinem Herzen, denn er kann sie nicht loslassen, bis das Geheimnis ihres Todes gelöst ist.

Erst als er die furchtbare Wahrheit erkennt, bemerkt er auch die Schatten, die in den Ecken des Zimmers lauern und darauf warten, sich auf das Gespenst zu stürzen. Etwas geht vor sich, und es scheint nicht gut für die Lebenden zu sein. Peter ist keineswegs der einzige, der Gespenster sieht.

Nach einem weiteren Gespräch mit dem Medium Sandaji und ihrem 105 Jahre alten Mann Schelling, der im 1. Weltkrieg ebenfalls solche Gespenster oder Wiedergänger sah, wird Peter einiges über den Zusammenhang zwischen Trans und der Rückkehr der Toten (und ihrer dunklen Feinde) klar. Er sieht einen Weg, alle Rätsel um Daniellas Tod zu lösen und sie zu rächen.

_Mein Eindruck_

Zunächst liest sich „Stimmen“ wie ein Gesellschaftsporträt-Krimi von Raymond Chandler. Man erinnere sich auch an die riesigen Anwesen und Herrenhäuser, die in Roman Polanskis Film „Chinatown“ vorkommen. Das ist die mondäne Seite von Los Angeles, aber auch die morbide Unterseite des Glamourstädtchens Hollywood. Warum sollte ein reicher, mächtiger Mann wie Joseph Benoliel anfragen lassen, ob es möglich sei, ohne eine Seele zu leben?

Nicht nur die Gemütsverfassung, auf die diese Frage schließen lässt, gibt Peter Russell Anlass zur Sorge. Es ist auch die makabre Vergangenheit des Benoliel-Anwesens Salammbo: Hier sind etliche Menschen gestorben, ein Brand ist ausgebrochen und der Tunnel, der zwei Häuser verbindet, begrub bei seinem Einsturz Leute unter sich. Manche davon waren Filmsternchen, die sich bei den Filmproduzenten, die hier residierten, die Klinke in die Hand gaben. Wo sind sie geblieben?

Fotograf und Regisseur Peter Russell weiß aus eigener Erfahrung, was aus Filmsternchen wird, aus Fotomodellen und Pornodarstellerinnen. Er hat selbst mit einigen davon zusammengelebt. Sie scheinen alle etwas von ihrer Substanz, ihrer Seele zu verlieren, während sie in den Filmhimmel aufsteigen. Und in einem Studio für Computergrafik (CGI) bekommt er vorgeführt, was die moderne Technik mit ihnen anstellt: Jane Russell, Bettie Page und Jean Harlow stehen auf Knopfdruck in jeder Weise zu Diensten und reagieren per interaktiver Spracherkennung auf jeden Befehl ihres „Meisters“.

|Lovecraft reloaded|

Doch die Trans-Technik geht noch einen unheimlichen Schritt weiter. Es gibt Gespenster bzw. Wiedergänger, die über den Kanal, den das Trans im subatomaren Bereich geöffnet hat, zurückkommen. Und sie sind nicht allein. Unheimliche Wesen stürzen sich auf sie, Räuber, deren Aufgabe darin besteht, die aus Erinnerungen aufgebauten Wiedergänger zu vernichten. Und es erscheint Peter Russell – und Daniella – möglich, dass diese schwarzen Aasfresser es nicht bei den Toten belassen, sondern sich ihr Appetit auch auf die Lebenden erstreckt …

Ist die Raymond-Chandler-Atmosphäre schon zunehmend in ein Dean-Koontz- und Richard-Matheson-Szenario umgeschwungen, so bringt das letzte Drittel eindeutigen den Eintritt in das unheimlichste aller Horroruniversen: das von H. P. Lovecraft. Hier bleibt es nicht mehr bei Wiedergängern und ihren Ghulen, sondern die sich daraus ergebenden Kombinationsmöglichkeiten drohen Peter den Verstand zu rauben – oder zuerst die Seele?

|Eine Art Erlösung|

Das klingt, als würde sich Peter Russell als „John Sinclair, Geisterjäger“ oder „Buffy the Vampire-slayer“ versuchen. Nichts könnte ferner liegen. Dafür ist Peter ist viel zu erfahren und zu bodenständig. Das wären Jobs für Halbwüchsige und Twens, doch Peter ist fast sechzig und steht wohl kurz vor einem Herzinfarkt.

Die ganze Zeit habe ich mich gefragt, warum der Autor so viel Wert auf die Schilderung des Innen- und Außenlebens seiner Hauptfigur legt. Erst ganz allmählich beginnt man sich zu fragen, was mit ihm nicht stimmt. Und eine Menge Fragen müssen eine nach der anderen, aber hübsch der Reihe nach beantwortet werden. Daniella heißt der Poe’sche Alb, der Peter auf der Seele liegt. Und erst wenn dieses Problem gelöst ist, können Peter und seine Familie Erlösung finden und in die Zukunft blicken. Vorausgesetzt, Peter geht einen langen Weg durch Schmerz und Horror und befreit dabei Daniella ebenso wie sich und Lindsey.

Dass dies auf glaubwürdige Weise gelingt und der Prozess den Leser ebenso bewegt wie die Figuren, hinterlässt eine sehr befriedigendes Gefühl.

_Unterm Strich_

Anders als in dem überdrehten [„Jäger“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=487 lässt der Autor es hier langsam angehen – vielleicht zu langsam für Leute, die sich Actionhorror erhoffen. Die Ahnenliste, die vor Beginn des Buches steht – Fritz Leiber, Arthur Machen, Richard Matheson usw. – deutet es bereits an: Hier geht es um subtilen, unheimlichen Horror, der weit tiefer unter die Haut geht als die gängige John-Sinclair- und Buffy-Serienkost.

So schräge Konzepte, wie sie in Spike Jonze’s Film „Being Malkovich“ zur Sprache kommen, oder auch Ideen, die sich in Dan Simmons‘ fabelhaftem Geister-Thriller „A Winter haunting“ finden – die hat Bear sich offenbar zu Herzen genommen und ein Garn gestrickt, das zwar ganz im Diesseits angesiedelt ist, uns aber den Einbruch des Jenseits, der Geisterwelt, als eine reale und sehr erschreckende Möglichkeit ausmalt. Und nur der Wechsel der Perspektive reicht aus, um aus dem Gezeigten ein Wunderland zu machen. Man denke etwa an „The Others“.

Die Episode aus dem 1. Weltkrieg, die Schelling so lebensnah und plastisch schildert, hat mich an den Anfang von Tad Williams‘ [„Otherland“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=603 erinnert. Auch dort erscheinen seltsame Geister im Schützengraben. Doch wenn die ganze Welt – eben „Otherland“ – virtuell ist, macht das nichts aus. In „Stimmen“ hingegen ist die Welt real, und das Auftreten der Wiedergänger ist um daher um einige Grade bedrohlicher.

Ich konnte „Stimmen“ in einem Rutsch durchlesen, weil es einerseits spannend wie ein Chandler-Krimi und genau recherchiert ist, sich aber andererseits – erfolgreich, wie ich meine – bemüht, den Leser am Schicksal und den Kämpfen der Hauptfigur teilhaben zu haben. Das erfordert psychologisches Feingefühl, denn es ist so leicht, beispielsweise eine Empfindung falsch zu schildern oder zu interpretieren, und schon war alle Mühe umsonst: Die Figur erscheint unglaubwürdig. Zum Glück umschiffte Bear diese Klippen und verschaffte mir ein schönes Leseerlebnis: ein Gleichnis auf die Geister, die in Hollywood erzeugt werden, jeden Tag.

|Die Übersetzung|

Usch Kiausch ist eine sehr gute Kennerin der Sprachen und Dialekte, die in Großbritannien und den Vereinigten Staaten gesprochen werden. Sie hat zahlreiche Interviews mit amerikanischen Science-Fiction-Schriftstellern geführt und veröffentlicht. „Stimmen“ ist keineswegs ihre erste Übersetzung.

Sie lässt die Sätze, die die Figuren sprechen, natürlich klingen und zwar so, wie sich auch ein Deutscher in der Umgangssprache ausdrücken würde – wenn er gut erzogen ist und über ein gewisses Bildungsniveau verfügt. Hier wird kaum je geflucht, und viele Ausdrücke werden zusammengezogen.

Erfreulich sind nicht nur die genauen Entsprechungen der gebrauchten Stilfiguren und Redensarten, sondern zudem die Fußnoten, in denen zum Beispiel erklärt, warum an dieser Stelle Humpty Dumpty eine besondere Bedeutung hat. Diese Figur aus „Alice hinter den Spiegeln“ ist ein Symbol für eine Sache, die unwiederbringlich verloren ist. Auch der Filmtitel „All the President’s Men“ – deutsch „Die Unbestechlichen“ – bezieht sich darauf (und ersetzt die Zeile „all the king’s men“) und assoziiert so, dass Richard Nixon wie Humpty Dumpty ist: Er saß auf einer hohen Mauer und tat einen tiefen Sturz.

Postskriptum: Fast hätte ich es vergessen: Ihr seid die nächsten! Ihr habt doch alle ein Handy, oder?

Colfer, Eoin – Meg Finn und die Liste der vier Wünsche

Die 14-jährige Meg Finn hat schon einiges auf dem Kerbholz. Doch nun ist sie dabei, ein richtiges Verbrechen zu begehen. Leider geht alles schief, was schiefgehen kann, steht Meg vor den Toren des Himmels – mit der Betonung auf VOR. Denn Petrus und der Höllenwächter Beelzebub streiten sich, ob Meg den Einlass in die himmlischen Gefilde verdient hat. Ob sie noch mal eine zweite Chance bekommt?

|Der Autor|

Eoin Colfer, geboren 1968, ist Lehrer und lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Wexford, Irland. Er hat mehrere Jahre in Saudi-Arabien, Tunesien und Italien unterrichtet. 2001 erhielt er den |Children’s Book Award|, den wichtigsten Kinder- und Jugendbuchpreis Großbritanniens, und 2004 den |Deutschen Bücherpreis| in der Kategorie „Kinder- und Jugendbuch“. Seine bislang drei „Artemis Fowl“-Romane wurden allesamt Bestseller und sind von Rufus Beck kongenial ins Medium Hörbuch übertragen worden.

|Der Sprecher|

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller vier Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Auffällig ist sein Engagement für Werke, in denen Jungs auf ungewöhnlichen Wegen ihre Identität suchen und finden. Dazu gehören „Der Fliegenfänger“ von Willy Russell sowie „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel, um nur zwei neuere Beispiele zu nennen. Auch Eoin Colfers jugendlichen Helden Artemis Fowl hat er uns bereits zu Gehör gebracht.

Margrit Osterwold führte bei diesem Hörbuch Regie. Das Titelbild entspricht dem der Buchillustration und stammt von Nikolaus Heidelbach, Köln. Interessantes Detail: An Megs linker Hand zeigt der Daumen nach unten, Richtung Hölle, an der rechten nach oben, Richtung Himmel. Sie selbst balanciert auf einem Hochseil. Wohin sie ihr Weg führen wird, steht also keineswegs fest. Und darum geht es in dem Buch.

_Handlung_

Meg Finns irdische Existenz als Menschenwesen findet in ihrem 14. Lebensjahr ein abruptes Ende. Sie ist verpflichtet, ihrem Bekannten Belch Brennan einen Gefallen zu tun (die Gründe werden erst spät verraten) und muss ihm helfen, einen Einbruch zu begehen. Hier wohnt der alte Rentner Lowrie McCall, und Belch rechnet mit keinem Widerstand. Falls doch, würde er dem Alten seinen Pitbull Raptor („Räuber“) auf den Hals hetzen.

Was sich leider als notwendig erweist. Denn der alte Lowrie steht plötzlich mit einer Schrotflinte im Zimmer, das Belch auszuräumen gedenkt. Der Pitbull senkt auf Geheiß seines Herrn die Beißer ins Bein des Alten, doch Meg Finns Flehen veranlasst Belch, seinen Hund zurückzupfeifen. Das ist Megs einzige gute Tat an diesem Tag, denn gleich danach ergreift sie die Flucht, Raptor und Belch ihr hinterher.

Schon wieder hat sie Pech: Sie hat die falsche Richtung eingeschlagen und ist in der Sackgasse gelandet, wo der Gastank des Hauses steht. Belch legt mit Lowries Schrotflinte auf sie an, um eine lästige Verräterin aus dem Weg zu räumen. Wenigstens will er ihr eine Warnung verpassen, an die sie noch lange denken wird. Doch der Warnschuss trifft leider auch den nicht allzu gut geschützten Gastank, vor dem Meg steht. Kawumm!

|Im Jenseits|

Bekanntlich werden alle Seelen per Tunnelsystem an die für sie vorgesehenen Endstation befördert, also entweder in die Hölle oder in den Himmel. Dieses Tunnelsystem ist keineswegs unbewohnt, sondern wird von Seelenklaubern und Tunnelkratzern bevölkert, die das System sauber halten. Die Seelen gelangen je nach ihrer Färbung durch Löcher an die Endstation: rote Farbe – ab in die Hölle, blaue Farbe – hosianna! Bei der Mischung aus Belch und Raptor, die an Meg vorüberschwebt ist der Fall klar: Roter geht’s gar nicht mehr.

Bei Meg hingegen hat die Hölle ein Problem, und deshalb ruft der Oberdämon Beelzebub – nicht zu verwechseln mit seinem Boss Satan – per Handy bei Petrus an, der bekanntlich an der Himmelspforte Wache schiebt. Bub schickt Petrus ein paar Daten auf dessen PC rüber und lässt fragen, ob man nicht einen praktischen Deal abschließen könnte. Das Sündenkonto dieser Meg Finn sei nämlich ausgeglichen: Sie habe zwar ihrem Stiefvater Franco Kelly übel mitgespielt (was später noch breit erklärt wird), doch durch die Hilfe, die sie Lowrie McCall angedeihen ließ, sei sie quasi rehabilitiert worden.

Was tun, spricht Bub. Petrus entscheidet, dass Meg auf Bewährung zur Erde zurückmuss. Hätten wir uns ja gleich denken können. Es dürfte auch klar sein, dass Bub einen Hintergedanken bei dem Deal hat. Er schickt einen Seelenfänger hinterher: Belch/Raptor, aufgerüstet mit einem logischen Schaltkreis namens ELF, der sich als Hologramm sichtbar machen kann. Auch die Hölle verfügt über Computergenies.

|Die vier Wünsche|

Inzwischen sind auf der guten alten Erde zwei Jahre ins Land gegangen. Als Meg Finns Geist bei Lowrie McCall landet, um hier Wiedergutmachung zu leisten und ihr Seelenkonto aufzubessern, reagiert der Alte natürlich zunächst ein wenig befremdet. Kein Wunder, hat er doch keinerlei Erfahrung im Umgang mit Geistern. Nach ein paar Kabbeleien raufen sich die beiden zusammen, so dass eine erste mentale Verschmelzung stattfinden kann. Sofort fühlt sich Lowrie verjüngt. Meg bekommt daraufhin ganz schön Mitleid mit dem alten Knacker: Er hat nämlich nur noch ein paar Monate zu leben: das Herz. Und das Leben, das er bisher gehabt hät, scheint ihm aus lauter verpassten Gelegenheiten und Fehlentscheidungen zu bestehen.

Sobald Meg ihm klargemacht hat, worin ihre Aufgabe und ihre Fähigkeiten bestehen, stellt Lowrie eine Liste von Wünschen zusammen. Doch um die alle zu erfüllen, reicht die Zeit nicht. Also streicht er alle bis auf vier. Und um deren Erfüllung muss das seltsame Gespann hart kämpfen, denn nicht nur der Seelenfänger der Hölle vereitelt die guten Taten, für die Meg hierhergeschickt wurde, sondern auch genügend boshafte oder dumme Menschen.

Als Erstes will Lowrie McCall der beliebtesten Fernsehoma von Irland einen dicken Kuss verpassen. Sie war mal seine Jugendliebe, und eigentlich wollte er sie ja heiraten, hatte dann aber nicht die Traute – wie es halt so geht. Meg sieht da ein paar Schwierigkeiten auf sie beide zukommen. Wwürde man zum Beispiel beim staatlichen Sender RTE einen Mann einlassen, der aussieht wie der letzte Penner? Und diese Komplettüberarbeitung des Lowrie McCall ist erst der Anfang ihrer Mühen …

_Mein Eindruck_

„Meg Finn“, das Eoin Colfer noch vor „Artemis Fowl“ veröffentlichte, ist eine metaphysische Komödie mit Spannungselementen. Diese Art von Literatur ist in angelsächsischen Regionen keineswegs unbekannt. Mervyn Wall hat 1965 mit „Der unheilige Fursey oder das Irland der Frommen“ (übersetzt von Harry Rowohlt!) eine ähnliche Komödie veröffentlicht, in der Satan um die Seelen der Iren kämpft, insbesondere um die des bravsten Laienbruders Fursey (der Ärmste wird mit einer Hexe verkuppelt). Colfer greift also auf bekannte Vorbilder zurück.

Und das liegt in einem erzkatholischen Land ja auch nahe. Schließlich sind die Versuchungen sonder Zahl, und irische Bischöfe haben stets genügend Grund, gegen die Verfehlungen ihrer Schäflein zu wettern. Wenn sich also die Guten gegen die Anfechtungen des Bösen bewähren sollen, wo sonst als in Irland?

Diesmal allerdings will der Autor nicht Erwachsene ansprechen, sondern Jugendliche im rebellischen Alter von vierzehn Jahren. Und die Pubertät ist ja bekanntlich für jeden Jugendlichen die Hölle auf Erden. Auch Meg Finn hat schon Schulschwänzen und dergleichen auf dem Kerbholz. Sie ist auf dem „besten“ Weg, eine Kriminelle zu werden. Und dann ist da noch die Sache mit ihrem Stiefvater Franco Kelly – aber hierzu darf ich nichts verraten.

|Auch für Jungs|

Doch Colfer spricht nicht nur Mädchen an. Die vier Wünsche, die sich Lowrie McCall erfüllen will, reichen alle bis weit in seine Vergangenheit zurück, als er selbst noch ein Jugendlicher von fünfzehn bis achtzehn Jahren war. Hier dürften sich einige junge männliche Leser wiederfinden – besonders wenn sie Iren sind.

Meg muss lernen, für den alten gebrechlichen Knacker Verantwortung zu übernehmen, damit er sich die Wünsche erfüllen kann. Natürlich nicht ohne dabei an die Aufbesserung ihrer eigenen Seelenfarbe bzw. Aura zu denken. Bei diesen geradezu herkulischen Arbeiten gerät sie immer weiter in die Gefühlswelt des Alten, und er wird ihr Freund. Es zeigt sich, dass sie ebenfalls einen solchen Freund gebraucht hat. Denn wegen der Franco-Sache hat sie ein schlechtes Gewissen (und einen roten Fleck auf ihrer Aura). Lowrie aber kann sie verstehen, warum sie das getan hat und verzeiht ihr.

|Showdown|

Als es daran geht, den vierten und letzten Wunsch zu erfüllen, sieht sich daher Meg in der Lage, zwei Dinge zu tun, die sie selbst sehr verwundern, weil sie nämlich überhaupt mit ihrem üblichen Egoismus in Einklang stehen. Und sie tut dies zum einen, weil sie Lowrie liebt und zum anderen, weil sie Franco endlich selbst verzeihen kann, was er ihr angetan hat. Damit macht sie im Showdown um die Seelen von Lowrie, Franco und ihrer eigenen einen entscheidenden Punkt. Ob’s wohl reicht, ihr Konto ins Plus zu bringen? Vielleicht kann sie dann sogar ihre Mutter wiedersehen, die sie mit dreizehn durch einen betrunkenen Autofahrer verlor? Aber nur, wenn Petrus sie einlässt.

|Der Sprecher|

Angeblich soll Rufus Beck nach neuesten Gerüchten über 160 Stimmen verfügen. Ich glaube aber, dass es wohl eher an die 1600 sein müssen. Jede einzelne Figur in „Meg Finn“ hat ihre eigene, deutlich unterscheidbare Stimm- und Tonlage. Der alte Lowrie klingt natürlich heiser und Meg recht jugendlich. Witziger sind da schon Satan, der so ölig und hinterhältig droht wie John Malkovich in „Gefährliche Liebschaften“, oder sein untergebener Dämon Beelzebub, der sich gerade noch zurückhalten, seinen Techniker Miishi oder Belch/Raptor mit seinem Dreizack aufzuspießen, so frustriert ist der Ärmste von Satans Demütigungen.

|Belch|

Überhaupt: Belch! Als Tripelwesen aus Junge, Pitbull und Elfenschaltkreis (oder Biochip) stehen ihm ganz verschiedene Stimmen zur Verfügung – der maschinenhaft-schnöselige klingende ELF, die menschliche Sprache und das Knurren, Hecheln und Lechzen des Pitbull. Belch ist der schlagende Beweis dafür, dass selbst die ausgeklügeltste Höllentechnik nicht verhindern kann, dass Dummheit obsiegt. Das sollte unseren Ingenieuren zu denken geben.

Noch besser wird die Sache, wenn Belch in den Körper von Megs Stiefvater Franco Kelly fährt, um die Erfüllung von Lowries viertem und letztem Wunsch zu vereiteln. Hier setzt Rufus Beck noch einen drauf, indem er Francos nuschelige Stimme in die komplexe Kombination mischt.

|Flit|

Becks schönste Kreation ist jedoch meines Erachtens ein unscheinbares Wesen im Tunnelsystem des Jenseits, das den schönen Namen Flit trägt. Flit ist ein Tunnelkratzerwurm. Er sammelt Seelenreste auf, um den Tunnel sauber zu halten. Insgesamt also ein recht nützliches Wesen, und ein freundliches obendrein. Meg lernt viel von ihm, selbst wenn es nicht einfach ist, die Laute eines Wurms zu verstehen. Es ist eine Art von langsamem Lallen, so als würde man einem Baby in Zeitlupe zuhören. Sehr faszinierend.

_Unterm Strich_

Diese Geschichte hat zum Glück nur wenig mit Goethes „Faust“ zu tun. Vielmehr standen einige irische Autoren, darunter Mervyn Wall, Pate. Die metaphysische Komödie mit Spannungseinlagen erinnert zwar stellenweise an „Artemis Fowl“, doch dort ist die Unterwelt nicht mehr mit Satans Kohorten bevölkert, sondern wird von der elfischen Untergrundpolizei ZUP überwacht. Was ja schon mal ein Fortschritt ist. Meg Finn ist nicht so techniksüchtig wie Artemis, aber genauso fähig zu durchtrieben ausgeführten Schandtaten wie ihr Kollege.

Deshalb bietet die Handlung reichlich unterhaltsame und spannende Momente, die jedes pubertierende Kind nicht kalt lassen dürften. Wie sich Meg an ihrem miesen-fiesen Stiefvater rächt und sie den alten Lowrie gegen den Seelenfänger der Hölle verteidigt, das hat schon dramatischen Charakter.

Allerdings hätte ich mir als vierten und letzten Wunsch Lowries doch etwas anderes gewünscht, als über die Klippen von Moher zu spucken. Ich meine: Was ist schon dabei? Eine ganze Menge, wie sich herausstellt. Dieser Ort hat für Iren etwas Mythisches, und selbst Flachlandtiroler wie wir könnten den 150 Meter hohen grauen, sturmumtosten Klippenwänden im Westen Irlands etwas Eindrucksvolles abgewinnen. Hier in den Wind zu spucken, ohne selbst getroffen zu werden, ist eindeutig ein Kunststück.

Rufus Beck hat kaum je besser vorgetragen als in „Meg Finn“. Schon in „Artemis Fowl“ war seine Sprachakrobatik erstaunlich, wenn sie mir stellenweise auch etwas überkandidelt erschien – aber Kinder mögen das ja. Doch in „Meg Finn“ nimmt er sich noch etwas zurück, um die menschlichen Stimmen plausibel klingen zu lassen. Dafür lässt er an den Nichtmenschen die Sau raus: Belch/Raptor/Elf ist eine geniale Kombination verschiedener Figuren: Deutlich hörbar ist die Lust, das Knurren, Hecheln und Schlabbern eines Pitbulls nachzumachen. Kinder werden vor Lachen vom Stuhl fallen, das garantiere ich.

|Umfang: 275 Minuten auf 4 CDs|

[Homepage des Autors]http://homepage.eircom.net/~eoincolfer65/

Vance, Jack – Durdane

Dies ist wohl die bekannteste und schönste Planetenabenteuer-Trilogie von Vance. „Der Mann ohne Gesicht“ eröffnet die |Durdane|-Trilogie, die weiters aus den Bänden „Der Kampf um Durdane“ und „Die Asutra“ besteht und hier in einem illustrierten Band zusammengefasst ist.

_Die Romane_

|Der Mann ohne Gesicht| (Band 1)

Mur, der Sohn einer Klosterdirne auf dem Planeten Durdane, weigert sich, Mönch zu werden. Er nennt sich fortan Gastel Etzwane, nach einem Entdecker und einem Musikanten. Als ihn seine Klosterbrüder brutal zusammenschlagen und in einer Klosterzelle einsperren, flieht er. Er will den Mann ohne Gesicht, den Herrscher des Kontinents Shant auf der Welt Durdane, von dem ihm seine versklavte Mutter erzählt hat, finden, um endlich für sie beide Gerechtigkeit zu erlangen.

Doch bald muss er zu seinem Verdruss erkennen, dass die Macht ganz anders verteilt ist. Schließlich kann er nicht mehr anders als zu rebellieren. Denn der Mann ohne Gesicht scheint eine Art Komitee und Geheimbund zu sein, der in der Hauptstadt seinen Sitz hat. Diese Agenten können jeden Bürger töten, indem sie einen Impuls an seinen Halsreif senden, der eine kleine Explosivladung enthält.

In der Hauptstadt lernt Gastel einen geheimnisvollen Mann kennen, der von einer anderen Welt stammt. Dieser bringt ihm bei, wie man die Halsreife und deren Sendeeinrichtungen manipuliert und unschädlich macht. Schon bald kommt Gastel einer riesigen Verschwörung auf die Spur, die verhindert, dass sich die Durdaner gegen die Invasion der barbarischen Rogushkoi wehren.

|Der Kampf um Durdane| (Band 2)

Nun zwingt Gastel den Anome von Shant dazu, Maßnahmen gegen die Rogushkoi zu ergreifen, die Gastels Mutter auf dem Gewissen haben. Da sich der Anome jedoch weigert, gegen die Invasoren vorzugehen, setzt Gastel ihn kurzerhand ab und baut seine eigene Truppe von Vertrauten auf. Sie besteht aus Jerd Finnerack, den er aus einem Straflager holt, einem intelligenten Richter namens Miliambre Octagon und dem berühmtesten aller Musiker, Gastels Vater Dystar.

Zusammen mit dem früheren Polizeichef Aun Sharah gelingt es diesem Quartett, einige wichtige Prozesse in Gang zu setzen, etwa die Entwicklung moderner Waffen und eines Militärwesens. Weit wichtiger ist jedoch die Freisetzung von Bürgern, die gegen die Rogushkoi kämpfen können – ihnen wird der tödliche Halsreif abgenommen.

Zunächst stoßen die Rogushkoi noch weiter vor und überrennen die Milizen, doch erste Erfolge und listige Aktionen der neuen „tapferen freien Männer Shants“ bringen Siege. Shant entwickelt eine Luftwaffe, die unter Jerd Finnerack große Erfolge erzielt und die Invasoren hinter den großen Salzsumpf zurücktreibt.

Um dem Verdacht nachzugehen, das benachbarte Reich Palasedra habe die Rogushkoi auf Shant gehetzt, besuchen Etzwane, Miliambre und Finnerack das Kaiserreich. Dort trifft Gastel seinen alten Bekannten, den irdischen Historiker Ifness, wieder.

Zusammen machen sie eine furchtbare Entdeckung: In einer Schlucht werden die Offiziere der Rogushkoi an Bord eines fremden Raumschiffs genommen, doch plötzlich stürmt auch Finnerack los. Etzwane überwältigt ihn. Was trieb seinen Freund zu dieser Tat? Bei der Obduktion stellt sich heraus, daß Jerd von einem Parasiten befallen war, einem insektoiden Asutra, einem Alien. Diese Wesen hatten die Rogushkoi geschaffen und dazu getrieben, Shant zu überfallen. Sie infizierten auch Finnerack. Die Palasedraner sind unschuldig.

Als letzte Tat errichtet Gastel eine neue semidemokratische Regierungsform (ein Senat und ein Kantonsrat schaffen die Gesetze) ein, zieht sich aber schließlich aus der Politik zurück.

|Die Asutra| (Band 3)

In Gesprächen mit Ifness und aufgrund eigener Nachforschungen entdeckt der mittlerweile müßige Gastel Etzwane, dass noch mehr Rogushkoi auf Durdane existieren – auf dem wüstenhaften Kontinent Caraz. Zusammen mit dem Erdenmenschen begibt er sich dorthin.

In dem Weiler Shagfe und der umliegenden Wüstenregion stoßen die beiden auf Spuren einer Asutrainvasion, die jedoch von anderen Aliens vernichtend zerschlagen wurde. Dennoch schicken die Asutra weiterhin Sklavenjägerschiffe. Während Gastel mit Stammeskriegern eines dieser Schiffe betritt, begibt sich Ifness zur Erde.

Gastels Mannen übernehmen das Schiff, können aber den Kurs nicht beeinflussen. Sie landen auf der ungastlichen Welt Kahein und werden als Sklaven gefangen gehalten. Gastel entdeckt, dass hier die Asutra mittlerweile von den Zweibeinern namens Ka instrumentalisiert wurden, die die parasitären Asutra zu spezialisierten Zwecken einsetzen.

Eines Tages müssen Gastel und alle anderen Sklaven in den Krieg gegen die Feinde der Ka-Asutra ziehen. Am Schauplatz der Schlacht rebellieren sie jedoch, dabei zusehend wie die Asutra-Raumschiffe von anderen Schiffen zerstört werden – die möglicherweise von der Erde stammen. Gastel und seine Rebellen befreien das Sklavenlager und kehren in einem gekaperten Ka-Raumschiff nach Durdane zurück, in die Freiheit.

Zurückgekehrt in Shants Hauptstadt, erfährt Gastel von dem mürrischen Ifness mehr über die Hintergründe der Ka und Asutra. Gastel widmet sich, enttäuscht von Ifness‘ strikter Nichteinmischung, wieder der Musik.

_Fazit_

Wie in „Emphyrio“ (1969) und „Die blaue Welt“ (1966) schildert Vance den Werdegang eines Heranwachsenden, der sich einer statischen Klassengesellschaft gegenübersieht. Nachdem er mit ihr in Konflikt geraten ist, wird er zur Rebellion getrieben. Stets ist die erfundene Welt besonders sorgfältig ausgedacht und gezeichnet.

In „Der Mann ohne Gesicht“ kommt noch das Element der Satire auf religiöse Institutionen hinzu. Allein schon die Existenz einer Klosterdirne, Murs Mutter, ist ein Affront gegen aktuelle Dogmen. Aber der Rebell muss es erst einmal besser machen als der apathische Anome – dass das nicht so einfach ist, zeigt sich im Mittelband. Die Aufklärung der Alieninvasion wird im Schlussband geschildert, wiederum mit Gastel als Rebell.

Alle drei Bände sind farbig und unterhaltsam geschrieben, voller origineller Einfälle, verblüffender Logik und erinnerungswürdiger Charaktere.

Doch das täuscht nicht über die Einfachheit der Handlung und der Motivation mancher Aktionen hinweg. Die Psychologie spielt hier nur eine Nebenrolle. Man könnte solche Romane heute nur noch dem untersten Niveau zuordnen, wären nicht die wunderbaren Schilderungen der fremden Welt und ihrer Kulturen.

_Der Autor_

So wie hier hat Jack Vance zahlreiche weitere Trilogien und Zyklen geschaffen, die allesamt mit großer Liebe zum Detail geschaffene Vertreter des romantischen Abenteuer-Thrillers sind. Häufig wird die Handlung nach dem Vorbild eines Agententhrillers aufgebaut, so etwa in der |Dämonenprinz|-Serie.

Er gilt als wichtigster Vertreter der |Planetary Romance|, also für Abenteuer, die auf einem ganzen Planeten spielen, wobei der Planet sicherlich eine Hauptrolle spielt. Die |Cadwal|-Chroniken („Araminta Station“ usw.) etwa spielen auf Cadwal, einem Naturschutzgebiet von Planetengröße.

Jack Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im 2. Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science-Fiction, die bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science-Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist. Herausstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science-Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik als eine Form der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen |Edgar| verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der |Dämonenprinz|-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Detail eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher |Hard SF|, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist.

Leider verstand er es in seinen Werken bis in die 80er Jahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens eine kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach, so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonstwoher. Im 1. Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang -, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass Vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

Siehe auch: [„Grüne Magie“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=696
|The Jack Vance Archive|: http://www.jackvance.com

Weiss, Ellen / Allsburg, Chris Van – Polarexpress, Der

Der amerikanische Weihnachtsklassiker hat am 25. November weltweit Premiere als Zeichentrickfilm. Dabei ist auch die deutsche Stimme von Tom Hanks zu hören. Alle kleinen und großen Träumer können sich dann vom Polarexpress auf eine magische Reise zum Nordpol nehmen lassen, um – wen wohl? – zu besuchen.

|Der Autor/Die Autorin|

Die 1985 veröffentlichte Weihnachtserzählung stammt ursprünglich von Chris Van Allsburg, geboren 1949 in Grand Rapids/Michigan. Er wurde für seine zahlreichen Bilderbücher mit etlichen Preisen ausgezeichnet. Ellen Weiss hat einen Roman daraus gemacht. Gabriele Haefs hat den Text ins Deutsche übertragen.

Das Titelbild meiner Hörbuchausgabe entspricht nicht dem, das bei Amazon.de abgebildet ist. Laut Credits handelt es sich vielmehr um die Umschlagillustration der Buchausgabe: Ein kleiner Junge steht vor einer riesigen schwarzen Dampflok, die plötzlich in seiner Vorortstraße aufgetaucht ist. Im Bild links ist ein Schneemann zu sehen.

|Der Sprecher|

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller vier Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Auffällig ist sein Engagement für Werke, in denen Jungs auf ungewöhnlichen Wegen ihre Identität suchen und finden. Dazu gehören „Der Fliegenfänger“ von Willy Russell sowie „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel, um nur zwei neuere Beispiele zu nennen. Auch Eoin Colfers jugendlichen Helden Artemis Fowl hat er uns bereits zu Gehör gebracht.

_Handlung_

Es ist Heiligabend in einem netten Haus in Grand Rapids, Michigan, im Jahre 1955. Alles ist für das Weihnachtsfest dekoriert, nur die Geschenke fehlen noch. Die bringt bekanntlich der Weihnachtsmann. Doch an den glaubt der Junge einfach nicht und seine Schwester Sara auch nicht. Nur sein Vater und seine Mutter wollen ihm weismachen, dass es Santa Claus wirklich gibt. Der Vater bimmelt mit einem Glöckchen, als könne er so den Zauber des Festes wecken.

In der Nacht erwacht der Junge von den quietschenden Bremsen, als eine große Dampflok mit vielen Waggons mitten in seiner Straße hält. Der Schaffner ruft: „Alles einsteigen!“ Doch wohin soll die Reise gehen? „Zum Nordpol“, antwortet der Schaffner, „denn das ist der Polarexpress.“ In letzter Sekunde steigt der Junge ein, obwohl er der Sache nicht so recht traut.

Alle Passagiere an Bord sind Kinder in Schlafanzügen oder Nachthemden. Ganz wichtig scheinen Fahrscheine zu sein, die der Schaffner kontrolliert. In seiner Pyjamajacke findet der Junge ein Ticket mit der Aufschrift „1x Nordpol und zurück“. Und als der Schaffner es knipst, erscheinen zwei Buchstaben darauf. Es sind bei jedem Kind jeweils andere Buchstaben. Ihre Bedeutung wird sich erst am Schluss offenbaren.

Am Rande von Grand Rapids hält der Zauberzug vor einem einsamen Jungen, der leider viel zu lange mit dem Einsteigen zögert, so dass er erst losrennt, als der Zug sich schon in Bewegung setzt. Der Junge Nummer eins zieht die Notbremse, obwohl das streng verboten ist, und hilft so dem Einsamen, den Zug zu besteigen. Dann wird ein Mädchen kontrolliert, doch es hat seinen Fahrschein auf seinem Sitz vergessen, und als der Junge ihn ihm bringen will, fällt er, so dass der Fahrschein davonflattert.

Nun beginnt ein irres Abenteuer, in dem der König des Polarexpress, zwei komische Heizer, eine Herde Karibus und sehr viele Gefahren vorkommen. Der Junge lernt viel dazu, und auch der Charakter des Mädchens enthüllt sich: Sie ist die geborene Lenkerin und Organisatorin. Außerdem findet sie diese Reise ein „tolle Sache“ und glaubt ganz fest an den Weihnachtsmann. Deshalb kann sie Glöckchen hören, aber der Junge nicht.

Der Zug hält endlich in Nordpol City. Tausende von Wichteln sind damit beschäftigt, die Geschenke für die Kinder der Welt zu sortieren und zum Abtransport bereit zu machen. Der Junge erfährt endlich den Namen des Einsamen: Billy. Und er begegnet zu guter Letzt dem Weihnachtsmann selbst. Dieser fragt den bisher ungläubigen Jungen, was er sich denn als Geschenk wünsche. Er sagt, er wolle eines der wundervoll klingenden Glöckchen vom funkelnden Schlitten des Weihnachtsmanns. Gesagt, getan.

Während der Weihnachtsmann bereits in die Welt braust, um die Geschenke zu verteilen, wartet der Polarexpress, um die Kinder zurück nach Hause zu bringen. Doch oh Schreck! Der Junge hat sein Glöckchen verloren. Wie soll er jetzt nur Weihnachten fröhlich feiern? Da offenbart sich die Macht der Freundschaft zu Billy und dem Mädchen, aber auch die Kraft des Glaubens.

_Mein Eindruck_

Diese poetisch erzählte Weihnachtsgeschichte dreht sich wie alle bedeutsamen Weihnachtsgeschichten um die Frage, ob es den Weihnachtsmann überhaupt gibt. Der Junge ist zunächst ein ungläubiger Thomas, der sogar im prächtig geschmückten Kaufhaus nicht die Dekorationen sieht, sondern wie das Getriebeöl aus einem mechanischen Weihnachtsmann tropft.

Doch schnell wird er eines Besseren belehrt, denn je länger er mit dem Polarexpress fährt, desto seltsamere Dinge erlebt er, und die Leute, die er dabei trifft, sind wirklich interessant und wichtig für ihn. So fragt ihn einmal der Hobo, der sich der „König des PolEx“ nennt, ob er an Gespenster glaube. Natürlich nicht, ist die Antwort. Gleich darauf ist der Landstreicher verschwunden, als habe er sich in Luft aufgelöst …

Aber seine Solidarität mit dem einsamen Jungen Billy, der noch nie ein Weihnachtsfest erlebt hat, bereitet ihn darauf vor, dass es weitaus mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wichtig sind, die wir aber nicht sehen können. Die Probe aufs Exempel erfolgt mit dem Glöckchen, das ihm vom Santa-Claus-Schlitten vor die Füße kullert. Nur er sieht es und nur er kann es zum Klingen bringen. Jetzt endlich glaubt er.

Für ältere Leser hält die Innenausstattung der Versandzentrale der Wichtel für Geschenke ein paar Aha-Effekte bereit. Vielleicht lehnt sich die 1985 veröffentlichte Geschichte mit dem Ausdruck „PolEx“ schon an FedEx (= Federal Express), den globalen Zustelldienst an. Und genau so hat man sich die Sortier- und Versandzentrale vorzustellen. Es gibt sogar ein fortschrittliches Transportsystem für Wichtel und (sehr) kleine Menschen, das die drei Forscher – den Jungen, das Mädchen und den Einsamen – sehr schnell ins Stadtzentrum bringt. Mich hat dies an die Zentrale der elfischen Unterweltpolizei in „Artemis Fowl“ erinnert. Und hier erzählt Rufus Beck hörbar mit Gusto. Er hat ja auch alle „Artemis Fowl“-Hörbücher gesprochen.

|Der Sprecher|

Mit seiner lebhaften Stimmakrobatik macht Rufus Beck auch diese Weihnachtsgeschichte zu einem sinnlichen Erlebnis. Fast jede Figur erhält ihre eigene stimmliche Charakteristik, so dass sie leicht zu unterscheiden ist. Damit nicht genug, sprechen Figuren wie die zwei Heizer auch einen eigenen Dialektik, und die Wichtel wirken alle ein wenig heiser. Nur Santa Claus klingt kein bisschen heiser, sondern beeindruckt mit einer tiefen Bassstimme.

Damit nicht genug, singt uns Rufus Beck auch ein schönes Weihnachtslied vor. Es gehört nicht zu den bekannten. Dies wird zunächst von dem einsamen Billy recht traurig und zaghaft vorgetragen, dann aber zuversichtlich vom Mädchen ergänzt. Aber keine Bange: Auch ein Rufus Beck kann nicht zweistimmig vortragen *fg*. Das Tüpfelchen auf dem i bilden die Geräusche, die die Dampflok macht, so etwa das Zischen von Dampf.

Da kleine Kinder sehr empfänglich für solche sprachlichen Extravaganzen sind, wird das Hörbuch für sie sicherlich zu einem außergewöhnlich sinnlichen Erlebnis. Ich würde sagen, der Text ist ohne Weiteres für Kinder ab sechs Jahren verständlich.

|Musik|

Die schöne Musik erinnert lediglich durch die Glöckchen an klassische Weihnachtsklänge. Die Musik im Intro und Abspann selbst stammt von Parviz Mir-Ali und besteht lediglich aus glockenähnlichen Akkorden, denen ein weicher Kontrabass unterlegt wurde. Die Wirkung ist einerseits entspannend, andererseits ein wenig feierlich und besinnlich, aber auf keinen Fall abgedroschen.

Der Komponist Parviz Mir-Ali, geboren 1967, lebt in Frankfurt/M. Als Referenzen gibt der Verlag für ihn die Zusammenarbeit mit Matthias Hartmann am Schauspielhaus Bochum an, mit André Heller für „Yume“ und mit Gérard Mortier an „Deutschland deine Lieder“ (Ruhrtriennale 2002).

_Unterm Strich_

Das Hörbuch enthält offenbar einen gekürzten Romantext. Ziemlich häufig findet ein Szenenwechsel statt und wer ganz genau hinhört, merkt, dass es mit den Anschlüssen an vorhergehende Passagen stellenweise hapert. Aber das ist wirklich nur selten der Fall. Wer damit Probleme hat, greift zum Buch.

Mit über 150 Minuten ist das Hörbuch schon ziemlich lang für eine Kindergeschichte, weit länger jedenfalls als ein Hörspiel, das normalerweise ca. 110 Minuten lang ist. Aber da die Handlung sowohl spannend als auch abwechslungsreich ist, verfliegen die zweieinhalb Stunden im Nu. Es sind zum Glück die besinnlichen Stellen, die in vollständiger Länge stehen gelassen wurden. Sie machen den lehrreichen Charakter der Geschichte aus.

Das Hörbuch eignet sich gut für Kinder ab sechs oder acht Jahren, aber einem zwölfjährigen Kind würde man die Geschichte nicht mehr so ohne Weiteres anbieten. Aber wer weiß, welche Massen in den Film strömen werden, um sich verzaubern zu lassen, wenn es wieder heißt: „Alles einsteigen nach Nordpol City!“

|Umfang: 153 Minuten auf 2 CDs|

Bitte beachtet auch unsere Besprechung der Filmumsetzung, die ihr [hier]http://www.powermetal.de/video/anzeigen.php?id__video=271 nachlesen könnt.

Michael Ignatieff – Charlie Johnson in den Flammen

Der Schatten einer brennenden Frau

Charlie Johnson ist ein abgebrühter Kriegsreporter, der seit 20 Jahren Kriegsgebiete besucht. Nichts kann ihn wirklich berühren, er lässt nichts an sich rankommen. Doch während eines Einsatzes auf dem Balkan (Bosnien) pokert er zu hoch. Eine junge Zivilistin muss dafür mit ihrem Leben bezahlen. Charlie wird das Bild der von serbischen Milizen mit Benzin übergossenen, brennenden Frau nie vergessen können. Er beschließt, den brutalen Täter zu stellen. Dieses eine Mal soll Vergeltung geübt werden. Ein Himmelfahrtskommando?

Der Autor

Michael Ignatieff, ein kanadischer Publizist, wurde bekannt für seine Grundsatzartikel zu Fragen über Macht und Moral. In Harvard leitet er ein Institut für Menschenrechtspolitik (und natürlich eine Webseite).

Michael Ignatieff – Charlie Johnson in den Flammen weiterlesen

Frank Schätzing – Der Schwarm

Vor Kanadas Küste greifen Wale Touristenschiffe an. Merkwürdige, gefräßige Organismen nehmen den norwegischen Meeresboden in Besitz. Etwas scheint das Leben im Meer unter Kontrolle gebracht zu haben und gegen den Menschen zu wenden.

Sigur Johanson, norwegischer Biologe und Schöngeist, sieht eine Katastrophe heraufdämmern. Gemeinsam mit dem kanadischen Walforscher Leon Anawak und der britischen Journalistin Karen Weaver nimmt er den Kampf auf – gegen eine Macht tief unten im Meer … (Verlagsinfo)

Frank Schätzing – Der Schwarm weiterlesen

Cornwell, Patricia – Dämonen ruhen nicht, Die

Ein Serienkiller verbreitet in Louisiana Angst und Schrecken. Das Seltsame: Seine Opfer sehen wie Abziehbilder der Ex-Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta aus. Als diese dann einen Brief aus dem Todestrakt eines Gefängnisses bekommt, ahnt sie, dass die Dämonen der Vergangenheit keine Ruhe geben.

|Die Autorin|

Patricia Cornwell, 1956 in Miami geboren, war Polizeireporterin und Computerspezialistin am Gerichtsmedizinischen Institut von Virginia, bevor sie zu schreiben begann. Mit den Thrillern um ihr literarisches Alter Ego, die Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta, wurde sie zur „erfolgreichsten Thrillerautorin der Welt“ (Der Spiegel). Cornwell lebt allein in Richmond/Virginia und in Malibu/Kalifornien. (Verlagsinfo)

|Die Sprecherin|

Franziska Pigulla war Moderatorin bei n-tv, SAT.1 und bei der BBC in London. Als eine der bekanntesten Sprecherinnen synchronisiert sie Gillian Anderson aus „Akte X“, Demi Moore, Fanny Ardant und Sharon Stone. Auch als Erzählerin bei „Galileo“-Dokumentation ist sie regelmäßig im Off zu hören. Für |HoCa| hat Pigulla bereits mehrere Romane vorgetragen:

– Blinder Passagier
– Das letzte Revier
– Das fünfte Paar
– Brandherd

Weitere Cornwell-Hörbücher: [Wer war Jack the Ripper?]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=97 – Porträt eines Killers; Die Tote ohne Namen.

_Handlung_

Wie in vielen modernen Thrillern verläuft auch hier die Handlung in mehreren Strängen, die am Schluss zusammenführen. Nach dem Motto: Alle Wege führen nach Baton Rouge.

Da ist zum einen die Serienheldin Kay Scarpetta. Nachdem sie als Chefpathologin des Bundesstaats Virginia geschasst worden ist, lässt sie es ruhig angehen, verdingt sich als freie Beraterin und lehrt an der National Academy of Justice. Dort lernt die Polizistin Nic Robillard die Pathologin kennen und schätzen. Nic erzählt ihr von einer Mordserie in Baton Rouge/Louisiana, der binnen 14 Monaten bereits zehn Frauen zum Opfer gefallen sind. Alle waren blond, gebildet und zwischen 30 und 40, etwa so wie Scarpetta selbst. Nic hat selbst acht Jahre zuvor ihre Mutter Annie durch einen brutalen Mord verloren.

Es ist kein Zufall, dass wenig später der Chefleichenbeschauer des Bezirks Baton Rouge, Dr. Sam Lanier, bei Scarpetta in Florida anruft und sie um Mithilfe bei der Aufklärung eines alten Falles bittet. Charlotte D’Art starb an einer Überdosis Tabletten, doch zu ihrem Umfeld gehörte ein gewisser Jean-Baptiste Chandonne, auch bekannt als „Der Wolfmann“. Ob sie interessiert sei? Ein mulmiges Gefühl beschleicht Kay, als sie diesen Namen hört. Dessen Träger kennt sie nur allzu gut, denn er hatte versucht, sie umzubringen, doch sie verätzte ihm die Augen mit Formalin. Kay sagt zu.

Ihr Freund und Kollege Pete Marino hat sich von Richmond, Virginia, aus auf den Weg gemacht, um in Boston einen Toten zu besuchen. Auch Scarpetta glaubt, dass ihr Geliebter Benton Wesley getötet worden sei – sie hat schließlich selbst „seine“ Asche verstreut. Doch Benton lebt lediglich im Zeugenschutzprogramm des FBI, unter dem Namen Tom Havilland. Marino will, dass Benton unter die Lebenden zurückkehrt, um Scarpetta davon abzuhalten, nach Baton Rouge zu fahren. Dort lauere Gefahr auf sie, weil das Verbrecherkartell der Chandonnes sich an Scarpetta rächen wolle. Und hinter der Mordserie an Blondinen dürfte Jean-Baptiste Chandonnes Bruder Jay Talley stecken. Benton schickt Marino fort, um selbst gen Süden zu fahren. Er will Lucy einschalten.

Lucy Farinelli ist Scarpettas Nichte. Sie war selbst beim FBI, wurde aber geschasst, als sie einen Kollegen, Rudy, wegen versuchter Vergewaltigung anzeigte. Stattdessen gab man ihr die Schuld. Da hatte sie die Nase voll von diesem Verein und eröffnete eine Hightech-Privatdetektei namens „Das letzte Revier“ (The last precinct; ein Romantitel). Doch auch Lucy ist ein Opfer von Jean-Baptiste Chandonnes Machenschaften, die er via Brief ins Werk setzt.

Der Wolfmann mag zwar im Todestrakt der texanischen Haftanstalt Pulasky sitzen, doch er hat einen raffinierten Plan in Gang gesetzt. Als sein Brief endlich durch Marinos Überwachung schlüpft und bei Scarpetta ankommt, kriegt diese eine Panikattacke (siehe unten unter „Sprecherin“): Er will wichtige Infos über seine Familie geben, sofern sie bereit ist, ihn persönlich am 7. Mai per Giftspritze in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Dazu muss sie natürlich nach Texas kommen …

Während alle Anzeichen Richtung Süden gen Baton Rouge zeigen, begibt sich Lucy auf einen Chandonne-Brief hin gen Osten, nach Polen, genauer: nach Stettin. Hier residiert Chandonnes korrupter Anwalt Rocco Caggiano, der auch als Sohn von Pete Marino bekannt bzw. berüchtigt ist. Lucy und Rudy wollen Rocco einen würdigen Abgang von der weltlichen Bühne verschaffen. Leider verläuft der Job nicht so reibungslos, wie sie hoffte …

_Mein Eindruck_

Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle eine Parodie auf die die Wiederauferstehung von Benton Wesley schreiben, aber dann kamen mir doch Bedenken, dass sich ein Frömmler auf den Schlips getreten fühlen könnte. Nun denn.

Man kann an Cornwells neuestem Roman etwas Gutes finden, wenn man sich anstrengt, aber die negativen Punkte dürften doch bei weitem überwiegen. Es gibt zum Beispiel tatsächlich so etwas wie Action und Spannung. Dazu tragen nicht nur die Entführungen und Folterungen von Jay Talleys Opfern bei – sozusagen als schmerzvolles Grundthema -, sondern auch die Szene, in der Lucy und ihr Kollege Rudy Rocco Caggiano im Stettiner Radisson-Hotel in die Mangel nehmen.

Danach muss man ziemlich lange warten, bis es der Polizistin Nick gelingt, Bev Kiffin aufzuspüren (ohne sie zu kennen) und der Komplizin Jay Talleys lebend zu entkommen. Dass es im doppelten Finale recht blutig zugeht, leuchtet ein und wird auch vom Leser erwartet. Doch die wichtigsten Schurken werden mit einem einzigen Nebensatz ganz am Schluss abgefertigt. Und da der Oberschurke entkommt, ist auch für die obligatorische Fortsetzung gesorgt.

|Leitmotiv|

Den ganzen Roman durchzieht das Leitmotiv der Fliegen und Mücken. Das Motiv wird ja auch schon vom Originaltitel „Blow Fly“ (Schmeißfliege) angeschlagen. Gleich in der ersten Szene hat die Fliege unter Kay Scarpettas Obhut ihren Auftritt, diesmal noch gut weggesperrt. Am Schluss der Szene mit Rocco Caggiano setzen Lucy und ihr Komplize ein ganzes Glas voll Schmeißfliegen frei und öffnen das Fenster. Sie wissen genau, was nun folgt, sind sie doch Scarpettas gelehrige Schüler: Die Fliegen stürzen sich voll Blutgier auf das wehrlose Opfer und legen tausende von Eiern ab, aus denen schon nach wenigen Stunden ebenso gierige Maden über das angerichtete Festmahl hermachen.

Szenenwechsel zu Jay Talley. Auch er lebt wie die Made im Speck, umschwirrt von Moskitos, und stürzt sich mit seiner Komplizin auf eine Louisiana-Blondine nach der anderen. Wie unter einem Mikroskop hält er das wehrlose Opfer in einem Fischtank gefangen, um ihm das richtige WORT abzuringen. Schon bald ist das Menschenwesen wert- und reizlos geworden, reif für die Alligatoren …

Sollen wir uns also das Böse in Gestalt von Schmeißfliegen symbolisiert vorstellen? Die Autorin scheint uns dies nahe zu legen. Insbesondere die Fähigkeit der Fliege, sich durch mehrere Stadien zu entwickeln, sich rasant zu vermehren, überall einzudringen und ständig neue wehrlose „Lämmchen“ zu finden, dürfte sich mit einigen Eigenschaften eines Verbrecherkartells wie dem der Chandonnes decken. Auch Jean-Baptiste Chandonne, der „Wolfmann“, hat sein Opfer, Kay Scarpetta, zu sich ins Gefängnis gelockt und nutzt die Lage schamlos aus.

|Jagd nach dem Gral|

Doch Scarpetta, so sehr ihr auch unsere Sympathien als Serienheldin gelten, ist diesmal lediglich eine bedeutende Nebenfigur. Es fällt jedoch sehr schwer zu sagen, ob es überhaupt eine Hauptfigur gibt. Ist es Lucy, die Inhaberin der Detektei „Das letzte Revier“, die sich mit Pete Marino in die Sümpfe Louisianas auf Verbrecherjagd begibt? Ist es Benton Wesley, der aus seinem Versteck gekrochen kommt, um die Ex-Geliebte Kay zu beschützen? Oder sind es vielmehr die beiden Hauptschurken Jean-Baptiste Chandonne und sein Bruder Jay Talley, die eher an Raubtiere („Wölfe“ vs. „Lämmer“, unterscheidet Talley) erinnern? Ach ja, und dann gibt es noch Wölfe im Schafspelz.

Diese multiperspektivische Erzählweise ist von Lesern bei |Amazon| heftig kritisiert und bedauert worden. Dabei ist sie doch durchaus gebräuchlich und halbwegs modern. Nur steht eben nicht mehr Kay Scarpetta als strahlende Heldin da, die schon alles richten wird, sondern als Opfer ihrer früheren Chefs, Opfer der Schurken und wegen Ahnungslosigkeit sogar als untätige (oder gar unfähige?) Helferin von Kindern in der Höhle des Löwen. So viel defätistischer Realismus auf einmal ist offenbar für einige Leser schwer zu akzeptieren.

Es gibt zudem etliche Nebenhandlungen, durch die sich die Figuren durchwursteln müssen. So ist etwa nach Lucys Rückkehr in ihre Detektei erst einmal der ganze rechtliche Knatsch durchzukauen, der in Gestalt von Scarpetta und Staatsanwältin Berger Lucy in die Mangel nimmt, bis sie kaum noch weiß, wo bei ihrem Helikopter vorne und hinten ist. Dennoch wird dieses technische Wunderwerk detailliert beschrieben. Der Grund: Die Autorin fliegt selber so ein Schmuckstück.

All dieses Beiwerk ist aber beleibe nicht das Schlimmste an diesem Roman. Das Schlimmste sind die zahlreichen ungeklärten Fragen am Schluss. Sie werden zwar beantwortet, aber erst in den letzten fünf Minuten, und dann auf eine so beiläufig-wegwerfende Weise, dass der Eindruck entsteht, das sei ja alles gar nicht wichtig. Jedenfalls lange nicht so wichtig wie die Auferstehung Benton Wesleys, wenn er Kay gegenübertritt, die ihn für tot gehalten hat. Benton hat drei wichtige Gegner kurz mal so mit links ausgeschaltet. So tritt er nun seiner Kay nicht nur wie der auferstandene Jesus gegenüber, sondern auch wie der rettende Ritter in schimmernder Rüstung. Mit Kay Scarpetta als heiligem Gral.

Möchte die Autorin uns zur christlichen Lehre bekehren und zu Gralsrittern machen? Wir wollen’s nicht hoffen, aber man könnte es so interpretieren.

|Die Sprecherin|

Diesmal hat Franziska Pigulla reichlich Gelegenheit, ihre sprachliche Versiertheit unter Beweis zu stellen. Dass sie sowohl Besoffene und Wütende als auch Selbstmordkandidaten realistisch darzustellen vermag, könnte man vielleicht noch erwarten (obwohl sie keine Schauspielausbildung zu haben scheint). Auch das Brüllen, Kreischen und Säuseln hat man schon einmal gehört – in „Die Leopardin“ von Follett.

Dass sie aber sowohl Französisch und Englisch als auch Polnisch beherrscht, erstaunt doch ein wenig mehr. Die Beherrschung des Polnischen zeigt sich in ihrer korrekten Aussprache der Währungsbezeichnung „Zloty“: Es heißt eben nicht „sloti“, sondern „swoti“. (Eine wichtige Szene findet in Stettin statt. Da muss alles stimmen.)

Nun zum Französischen. Wie leicht könnte sich ein Nichtfranzose dabei lächerlich machen! Und dann ist noch ein kompletter Brief mit französischem Akzent, aber in deutscher Sprache vorzulesen. Normalerweise hört man so etwas in schlechten Komödien. Und um dies eben richtig hinzubekommen, muss man schon sehr ernsthaft bei der Sache sein. Noch einen Tick ernster wird’s, wenn der vorzulesende Brief von einem wahnsinnigen Mörder – Jean-Baptiste Chandonne – stammt, der sich wie ein Abklatsch von Hannibal Lecter aufführt. Das Sahnehäubchen: Die Lesende ist keine andere als ein früheres Opfer Chandonnes, das ihm sein Augenlicht genommen hat: Kay Scarpetta. Und wenn Chandonne jetzt blind ist, wie kann er dann diesen Brief in formvollendeter Handschrift geschrieben haben? Es ist also schon eine ziemlich unheimliche Szene, und es liegt ganz und gar bei der Sprecherin, sie so eindrucksvoll wie möglich zu gestalten. Es gelingt. Danach möchte man am liebsten wie Scarpetta gleich zur Toilette rennen …

_Unterm Strich_

Angesichts des Hypes, der um die Autorin getrieben wird, überrascht mich die mindere Qualität dieses ihres neuesten Werks schon ein wenig. Ich gebe dem Buch nur nur eine untere Wertung meiner Thriller-Skala. Nur die fabelhaft engagierte und fähige Sprecherin Franziska Pigulla verhilft dem Hörbuch zu einem Pluspunkt.

|Umfang: 480 Minuten auf 6 CDs|

Hoeye, Michael – Hermux Tantamoq: Vorhang auf – Die Zeit läuft!

Unser Mäusedetektiv sieht sich in seinem dritten Abenteuer einer harten Prüfung seiner Liebe zu Linka Perflinger ausgesetzt. Ein Schürzenjäger, der sich als Actionregisseur ausgibt, will mit ihr einen Dokumentarfilm drehen, sie aber eigentlich bloß ins Bett kriegen. Doch wie so oft erweisen sich Linkas Informationen als Schlüssel zu einem Geheimnis, dem Hermux in seiner Heimatstadt Pinchester auf der Spur ist.

Für kleine und große Kinder ab 10 Jahren.

|Der Autor|

Michael Hoeye wohnt mit seiner Frau Martha in einem Cottage in Oregon im Nordwesten der USA. „Umgeben von hohen Bäumen und freundlichen Eichhörnchen arbeitet er dort als freier Schriftsteller“, säuselt der Klappentext. Da juchzt das Mutterherz, das dieses Buch kaufen soll.

Hoeyes erstes Buch „Hermux Tantamoq – Im Wettlauf mit der Zeit“ wurde in über 20 Sprachen übersetzt und ist 2002 bei |Omnibus| – jetzt |cbj| bei |Random House/Bertelsmann| – erschienen. „Hermux Tantamoq – Das Geheimnis der verbotenen Zeit“ ist der zweite Band der Trilogie, deren letzter Band „Vorhang auf – Die Zeit läuft!“ in diesem Herbst erschien.

Band 1: Im Wettlauf mit der Zeit
Band 2: Das Geheimnis der verbotenen Zeit
Band 3: Vorhang auf – Die Zeit läuft!

_Handlung_

Eines Tages erhält Hermux Tantamoq, seines Zeichens friedliebender Uhrmacher in Pinchester, eine dringende Einladung vom Direktor des bekanntesten Varietétheaters der bekannten Mauswelt, von Fluster Varmint himself. Was mag der bekannte Maestro wohl von ihm wollen? Wie sich zeigt, hat sich Hermux den Ruf eines Meisterdetektivs erworben.

Diesmal soll er denjenigen dingfest machen, der Varmint laufend Drohbriefe schreibt, in denen nicht nur Varmint selbst gedroht wird, sondern auch seiner Tochter Beulith. Um den Schreiber zu finden, soll Hermux erst einmal vorgeben, im Theater eine Weckeranlage zu installieren. Dazu muss er praktisch den ganzen Tag vor Ort sein.

Hermux macht sich daher Sorgen um sein Haustier: Wer kümmert sich um Terfle, seinen Marienkäfer? Kurzentschlossen kauft er einen „Haustierpalast“ und quartiert damit Terfle im Theater ein. Dort kümmert sich die Kostümbildnerin Glissin rührend um das liebe Tierchen. Von den Künstlern lernt Terfle Kartentricks und die Kunst des Hypnotisierens – beides sehr nützliche Fertigkeiten, wie sich später erweist. Um Hermux‘ Uhrenladen kümmert sich sein Kumpel Nip.

Unterdessen hat es ein windiger Regisseur namens Brinx Lotelle geschafft, Hermux‘ Freundin Linka Perflinger zu einer Flugreise zu überreden, die zu den verschiedenen Orten führen soll, an denen die berühmte, aber nach einem Unglück verschwundene Filmschauspielerin Nurella Pinch gelebt hatte. Linka ist schnell für das noble Vorhaben dieses Dokumentarfilms gewonnen, doch wie sich zeigt, hat Brinx ganz andere Absichten mit ihr. Fast jeden Abend ruft sie Hermux an und unterrichtet ihn über ihre Erkenntnisse Nurella betreffend.

Ständig kommt Hermux seiner Erzfeindin und Nachbarin, der Kosmetikzarin Tucka Mertslin in die Quere – oder ist es vielmehr anders herum? Wie wir schon aus den beiden vorherigen Abenteuern wissen, ist Tucka eine Egomanin, die der bösen Königin in „Schneewittchen“ – „Wer ist die Schönste im ganzen Land – und wehe, du sprichst nicht die Wahrheit, dann lass ich dich zertrümmern!“ – locker das Wasser reichen kann.

Tucka hat einen neuen Verehrer, den Heiratsschwindler Corpius Crounce. Jedenfalls nennt er sich im Augenblick so, findet Tucka heraus. Sie sagt ihm die Wahrheit auf den Kopf zu und macht ihn so zu ihrem Komplizen und Helfershelfer in ihrem Großangriff auf Varmints Theater: Sie will es unbedingt haben – und das ganze umgebende Viertel dazu!

Varmint und Hermux, sein Detektiv, merken schnell, dass sie es mit skrupellosen Widersachern zu tun haben: Herabfallende Scheinwerfer sind nur eine der Methoden, mit denen hier gearbeitet wird. Ein sprechender und intelligenter Papagei kann Hermux aber aufklären, was läuft.

Doch beide Seiten ahnen nicht, dass Varmints Theatertruppe mehrere große Geheimnisse birgt, die den weiteren Verlauf der Auseinandersetzung in eine unerwartete Richtung lenken werden.

_Mein Eindruck_

Die ersten beiden Abenteuer hatten unseren Mäuserich Hermux Tantamoq in ferne Gefilde und in die nächste Umgebung Pinchesters geführt, ins Institut der wahnsinnigen Dr. Mennus. Dabei hat sich sein Horizont erweitert, seine Erkenntnisfähigkeit für Lügen und Täuschungen wurde geschärft und seine Liebe zu Linka hat sich vertieft.

Dies alles wird nun in der Scheinwelt des Theaters von Fluster Varmint auf die Probe gestellt. Kann Hermux‘ Auge zwischen Verkleidung und wahrem Selbst unterscheiden? Wenn ja, dann muss er diese Fähigkeit auch auf sich selbst anwenden: Er muss Linka einen Antrag machen und ihr seine Liebe erklären. (Da schlagen die Herzen der Leserinnen und Mäusinnen höher!)

Bis auf Tucka Mertslin, die es nicht mehr nötig hat, lügen alle Bösewichte und Gauner wie gedruckt. Aber auch die „Guten“ in der Welt des Theaters sagen nicht immer die Wahrheit, wie sich erweist, wie auch ihre Täuschungen Opfer fordern, wenn diese Täuschungen auffliegen. Dann erfordert es viel Mut und gutes Zureden, um die Wahrheit triumphieren zu lassen.

Hermux, unser Held mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, legt sich entsprechend ins Zeug – und ist froh, wenn alles klappt. Daher gibt es im Buch mehrere schöne Überraschungen. Aber auch ein Actionfinale à la James Bond ist vorgesehen – ob Hermux und Terfle da wieder heil herauskommen?

|Mein Leseerlebnis|

Auch das dritte Abenteuer lässt sich in wenigen Tagen – ach was, in einem Tag! – bewältigen, denn die Handlung ist zwar etwas komplizierter aufgebaut, aber dafür umso spannender zu lesen. Für Zehn- bis Zwölfjährige ist so ein Mäuse-Abenteuer gut zu verstehen, für jüngere Semester wohl weniger.

Neben Spannung, Action und Geheimnis hält das Buch aber auch viele humorvolle Situationen bereit. Sie drehen sich sehr oft um Terfle, das geliebte Marienkäferchen des Helden, das ihm diesmal fast die Hauptrolle streitig macht. Über einen Marienkäfer, der geldgierige Eilboten – die Hermux schon seit Band 1 das Geld aus der Tasche gezogen haben – im Kartenspiel abzockt, liest man nicht alle Tage. Und wenn Hunde von ihm hypnotisiert werden, sind die Folgen mindestens ebenso lustig.

|Die Übersetzung|

Die Übertragung ins Deutsche ist den beiden Übersetzern Gerald Jung und Katharina Orgaß – in allen drei Hermux-Bänden – ganz außerordentlich gut gelungen. Es gibt zahllose Beispiele, an denen sie einen idiomatischen Ausdruck aus dem Englischen angemessen übertragen mussten. Diese umgangssprachlichen Ausdrücke sind immer heikel: Erstens muss man sie kennen, zweitens können sie im Laufe der Jahre ihre Bedeutung verändern – ein veraltetes Wörterbuch hat schon so manchen Übersetzer aufs Kreuz gelegt. Man muss also auf dem Laufenden sein. Und wie ich feststellen konnte, ist es ausnahmslos gut gelungen, die lockere und lebendige Ausdrucksweise des Autors zu erhalten. Deshalb ist die Lektüre ein echtes Vergnügen – wozu die Geschichte natürlich noch ebenfalls einen guten Teil beiträgt.

_Unterm Strich: Was uns der Dichter sagen will_

Diese drei Mäuseabenteuer sind nicht nur spannende und lustige Lektüre, sondern vermitteln durch die Entwicklung des Helden auch noch zahlreiche Erkenntnisse – nicht so sehr über Mäuse, versteht sich, sondern über Menschen. Aber gerade die Verfremdung (bzw. Maskierung), Menschen als Mäuse, Ratten, Maulwürfe, Murmeltiere und sogar Wiesel darzustellen, lässt die eigentlichen inneren Eigenschaften klarer hervortreten. Deshalb können uns Tierabenteuer manchmal mehr über uns selbst verraten als so manche antike Tragödie. „No time like show time“ – das gilt in Pinchester genauso sehr wie in New York, Paris oder London.

Die wichtigste Lehre durchzieht alle drei Bände: Es geht um unseren Umgang mit dem Phänomen der Zeit. Tucka Mertslin ist nur deshalb Kosmetikfetischistin geworden, um für alle Ewigkeit jung auszusehen. Der Preis dafür ist ihr fragwürdiges moralisches Verhalten, denn als Egomanin hat sie keinerelei Interesse am Wohlergehen ihrer Mitmäuse. Hermux Tantamoq ist ihr genaues Gegenteil: Er leugnet das Verstreichen der Zeit nicht, da diese quasi sein Medium ist: Er ist als als Uhrmacher von Zeit-Messern umgeben, nennt sogar uralte Erbstücke in Form von Sanduhren sein Eigen (Band 1).

Daher ging es in Band 1 um Jungbrunnen und Schönheitschirurgie – beides Versuche, das Altern aufzuhalten. In Band 2 erhob sich die Vergangenheit selbst – und wieder spielt ein (gigantischer) Zeitmesser eine zentrale Rolle. Natürlich dreht sich auch in Band 3 alles um Zeit und Altern: Tucka will aus dem Theaterviertel ein Monument für ihre Größe machen, unter dem Vorwand, der großen Schauspielerin Nurella Pinch ein Denkmal zu setzen. Die eigentliche Pinch-Gedenkplakette ist hingegen winzig. Der andere, quasi gegenläufige Handlungsstrang demonstriert anhand von Nurella Pinch, wie vergänglich – oder auch unsterblich – wahrer Ruhm sein kann. Hermux hingegen zieht die Bewältigung des Alterns in den Armen von Linka vor. Zusammen mit einem geliebten Menschen alt zu werden, ist vielleicht doch die beste Methode, mit der Zeit fertigzuwerden.

Zumindest meint das der Autor. Und darüber sollte man vielleicht mal nachdenken. Vielleicht ein oder zwei Sekunden lang. Oder länger.

Indriðason, Arnaldur – Engelsstimme

In einem gut besuchten Hotel Reykjavíks wird kurz vor Weihnachten ein toter Weihnachtsmann gefunden. Er hatte hier schon 20 Jahre als Portier gearbeitet und wohnte allein in einem Kellerraum. Kommissar Erlendur erfährt zu seinem Erstaunen, dass der Fünfzigjährige einst ein bekannter Kinderstar gewesen war, dessen Knabensopran bewundert wurde. Warum sollte ihn irgendjemand töten wollen? Erlendur muss weit zurück in die Vergangenheit, um den Fall zu verstehen.

|Der Autor|

Arnaldur Indriðason, Jahrgang 1961, studierte Geschichte an der Universität von Island und war Journalist und Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung |Morgunblaðið|. Heute lebt er als freier Autor bei Reykjavík und veröffentlicht mit großem Erfolg seine Romane. Sein Kriminalroman [„Nordermoor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=402 hat den „Nordic Crime Novel’s Award 2002“ erhalten, wurde also zum besten nordeuropäischen Kriminalroman gewählt, und das bei Konkurrenz durch Håkan Nesser und Henning Mankell!

|Der Sprecher|

Frank Glaubrecht ist einer der erfolgreichsten Synchronsprecher Deutschlands. Er leiht beispielsweise so bekannten Filmstars wie Al Pacino, Pierce Brosnan, Jeremy Irons und Richard Gere seine markante Stimme. Er hat u. a. Indriðasons Hörbuch „Nordermoor“ gelesen.

_Handlung_

Kommissar Erlendur wird wenige Tage vor Weihnachten in das zweitgrößte Hotel der Hauptstadt Reykjavík gerufen. Tief unten in den Gewölben, in einem engen Kellerraum, liegt ein Weihnachtsmann in seinem Blut. Die Leiche weist zahlreiche Stichwunden im Brust- und Bauchbereich auf. Wie eine obszöne Fußnote mutet es Erlendur an, dass der entblößte Penis des Mannes von einem Kondom bedeckt ist.

Gusladur Egilsson, 50, war zu Lebzeiten Portier und Faktotum im Hotel gewesen, in dem er mehr als zwanzig Jahre gelebt hatte. Der Hotelmanager, mit seinen 180 Kilo fett wie ein Wal, mauert, weil er einen Skandal fürchtet, der ihm das Weihnachtsgeschäft mit den ausländischen Gästen verhageln würde. Also nimmt sich Erlendur das junge Zimmermädchen vor, das die Leiche gefunden hat: Ösp (= Espe). Und sie zittert auch wie Espenlaub, fällt dem Kommissar auf.

Gusladur sollte auf der Weihnachtsfeier der Hotelangestellten auftreten. Er war dem Empfangschef unterstellt, doch der mauert ebenfalls. Anscheinend haben in diesem Hotel viele Menschen eine ganze Menge zu verbergen. Als sich am Kondom Speichelspuren und somit DNS finden, führen die Maßnahmen zur Erlangung der Speichelproben unter den Angestellten zu einem regelrechten Aufruhr. Der Chefkoch weigert sich schlankweg und wirft die Polizisten aus seinem Reich hinaus.

Am zweiten Tag gibt ein Zettel auf Gusladurs Nachttisch den Hinweis auf den Engländer Henry Wapshot, den Erlendur sofort in die Mangel nimmt. Der schon betagte, aber kettenrauchende Lebemann ist ein Sammler seltener Schallplattenaufnahmen. Er wundert sich, dass die wenigsten Isländer wissen, welcher bekannte Kinderstar in diesem Hotel gelebt hat. Als Gusladur zwölf Jahre alt – vor 38 Jahren – nahm er zwei Schallplatten auf, darunter Schuberts „Ave Maria“, die ihn in den Sternenhimmel der Chorknaben katapultierten. Er machte eine Skandinavientournee und bereitete die nächste Platte vor, als ihn der Stimmbruch unversehens bei einem Konzert in seiner Heimatstadt Hafnafjödur überraschte und seiner Karriere ein abruptes Ende setzte.

Erlendur betrachtet nun nicht nur Gusladur mit anderen Augen, sondern auch dessen Poster, das einen weiteren Kinderstar zeigt: Shirley Temple in ihrem Film „The little princess“. Wie er entdeckt, war dies auch Gusladurs Schimpfname in der Schule. Er ist überrascht, als Wapshot endlich mit der Aussage herausrückt, er habe Gusladur einen Vorschuss von 500.000 Kronen – ein Vermögen – für die Restauflage der historischen Schallplattenaufnahmen gezahlt, die dieser gehortet hatte. Er wollte sogar noch mehr für den Rest zahlen.

Nach und nach hat Erlendur mehrere Tatverdächtige beisammen: Wapshot selbst, von dem Interpolinformationen besagen, dass er zweimal mit Vergewaltigung von Knaben zu tun hatte (einmal verurteilt); den Empfangschef, der Schulden bei einer Hotelnutte in Höhe von 80.000 Kronen hat und Gusladur sicher gut gebrauchen konnte; und schließlich das Zimmermädchen Ösp, dessen Bruder Rainier, ein verschuldeter Junkie, wahrscheinlich Gusladur sein letztes Kondom übergezogen hatte.

Womit er aber überhaupt nicht gerechnet hat, findet er auf den Überwachungsvideos der benachbarten Bank, auf denen einer der Hoteleingänge auf Band gebannt ist. Er entdeckt, wie Gusladurs Schwester Stefania das Hotel am Tag betritt, als der Mord geschah. Sie hatte ihn in der ersten Vernehmung angelogen! So etwas bringt Erlendur natürlich auf die Palme. Er stößt auf ein Familiengeheimnis der Egilssons, das ein ganz anderes Licht auf das Leben des Ermordeten wirft.

Den entscheidenden Hinweis liefert aber Erlendurs Tochter Evalind. Auch in ihrer Familie gibt es ein dunkles Geheimnis. Sie ist darüber zum Junkie geworden. Nach ihrem Entzug hat sie sich auf die Suche nach ihrem Vater gemacht, ihn aufgestöbert und besucht ihn nun in seinem Hotelzimmer, wo er Gusladurs Platten anhört. Sie weiß ebenso gut über Drogen Bescheid wie über Reykjavíks Unterwelt. In diesem Hotel, in dem die Manager mauern, müssen noch einige andere krumme Geschäfte gelaufen sein …

_Mein Eindruck_

An Anfang und Ende des Hörbuchs ist Schuberts „Ave Maria“ zu hören, gesungen von einer wunderschönen Knabenstimme. „Ora pro nobis peccatoribus“ – „Bitte für uns Sünder“, ist da zu hören. Und diese Fürbitte können die gebrochenen Menschen in Indridasons Kriminalroman durchaus gut gebrauchen.

Denn „Engelsstimme“ ist nicht nur die Geschichte eines grausamen Verbrechens, sondern auch die Chronik zweier Familien, die zerbrochen sind. Was der Autor hier darstellt, ist der Versuch, die isländische (skandinavische?) Gesellschaft über drei Generationen hinweg zu beschreiben und sogar zu einem Teil zu erklären. Als Symbol für die heutige Gesellschaft ragt das Hotel als ein Mikrokosmos heraus. Es ist nicht nur Arbeitsplatz und Gast-Haus, sondern auch ein Bordell, ein Drogenumschlagplatz, ein klassischer Sündenpfuhl – und die letzte Zuflucht eines Verfolgten, dem man soeben gekündigt hat.

Und da Weihnachten das wichtigste Familienfest des Jahres ist, kommt dem Mordfall Gusladur Egilsson besondere Bedeutung zu: Die Gesellschaft steht auf dem Prüfstand. Sie besteht – bei Indriðason wie auch für jeden einzelnen von uns – aus Familien, die sich über mehrere Generationen erstrecken. Zu Weihnachten sollten die Familien zusammenkommen und heil sein. Doch Erlendur stößt auf welche, die weit davon entfernt sind.

Für ihn wird die Woche, die er für den Fall hat, zum Prüfstein, an dem der Ermittler zeigen kann, ob er in der Lage ist, Weihnachten als Familienfest – und symbolisch „die Gesellschaft“ – zu retten. Um dazu in der Lage zu sein, muss sich der Ermittler jedoch zunächst selbst retten, wie sich erweist. Wäre Erlendur korrupt oder gar pflichtvergessen, wäre der Fall ebenso verloren wie alles, was er symbolisiert.

|Parallelität der Familienchroniken|

In „Nordermoor“ betrachtete der Autor die biologisch-genetischen Grundlagen der durch Inzucht gefährdeten isländischen Gesellschaft. In „Engelsstimme“ begibt sich Indriðason eine Ebene höher, auf die Stufe der familiären und sozialen Interaktion. Gusladur Egilsson ist zeitlebens das Opfer seines Vaters gewesen. Der Tyrann zwang seinen Sohn, Musik wichtiger zu nehmen als Freundschaft, wodurch er ihn ausgrenzte. Das erscheint Erlendur umso grausamer, als der Tyrann wissen musste – wie es der Chordirigent Gabriel Hermansson später sagt -, dass ein Knabensopran eine sehr kurzlebige Sache ist.

Durch den Stimmbruch blamierte der Knabe denn auch seinen stolzen Vater bis auf die Knochen vor versammelter Gemeinde. Der Hass des Vaters war entsprechend groß und unversöhnlich. Der ausgegrenzte Knabe befreundete sich nur noch mit gleich gesinnten Jungs und wurde schwul. Der Vater verstieß ihn, hatte Streit und wurde bei einem „Unfall“ die Treppe hinabgestoßen. Durch den Unfall erlitt er eine Querschnittslähmung. Gusladurs Schwester, zuvor die Benachteiligte, kam nun aus dem Schatten hervor und durfte sich als Fürsorgerin des Vaters stolz hervortun, während ihr Rivale auszog. Erst in Gusladurs und seines Vaters letzten Tagen nahm sie wieder Kontakt mit ihm auf, unter anderem weil es um viel Geld ging.

Die Chronik der Egilssons ist eine Geschichte von Verstoßung, falschem Stolz und Schuld. Wenig anders erging es Erlendur in seiner eigenen Familie, wie er seiner Tochter erklärt. Eines Winters nahm der Vater entgegen Rat und Bitten der Mutter seine zwei Söhne mit hinaus auf die Schafweide, um die Tiere hereinzubringen. Der Schneesturm überraschte die Söhne, doch später wurde nur Erlendur von den Rettern gefunden. Seinen achtjährigen Bruder fand die trauernde Familie trotz jahrelanger Suche niemals. Die Trauer brach den Vater, die Schuld am Tod des jüngeren Bruders zerstörte etwas in ihm und in Erlendur, der daran litt, der einzige Überlebende zu sein.

Infolge dieses Traumas weigerte sich Erlendur später, die Verantwortung für seine Kinder zu übernehmen, als sich seine Frau von ihm scheiden ließ. Jahrelang kümmerte er sich weder um ihren Unterhalt noch um ihren Verbleib. Die Kinder, Evalind und ihr Bruder Sundri, fragten sich, was sie am Vater verbrochen hatten, entwickelten selbst Schuldgefühle, die sie mit Alkohol oder harten Drogen zu verdrängen suchen.

Erst als Erlendur diese seine Schuld, auch im Licht der parallelen Familienchronik der Egilssons, erkennt, entwickelt er Verantwortung für Evalind. Nun kann er nicht nur sein eigenes Weihnachtsfest begehen, sondern auch das der isländischen Gesellschaft durch Lösung des Falls legitimieren. Der Gerechtigkeit ist zwar Genüge getan, aber wie immer um einen hohen Preis. Sie ist dem Fortbestand des Verbrechens, symbolisiert in den Mauern des Hotels, das nun wie ein hohler Zahn erscheint, abgetrotzt.

|Die Erzählweise|

Man kann sich leicht denken, dass die skizzierten Hintergrundgeschichten auf irgendeine Weise mit den vordergründigen Ermittlungen vor Ort verknüpft sein müssen. Im Fall der Egilssons greift der Autor auf das Stilmittel der Rückblende zurück, da Gusladur schon tot ist. Doch Erlendur hat nicht dieses Glück: Er muss Albträume erleiden, die ihn in jenen Winter zurückführen. Das erscheint jedoch als angemessen und legitim, denn da wir die Handlung aus Erlendurs Blickwinkel erleben, also sozusagen durch seine Augen sehen, liegt es nahe, uns auch Zutritt zu Erlendurs Gedanken- und Gefühlswelt zu gewähren. Dazu gehören auch die Albträume. Diese sind natürlich keine angenehmen Szenen, doch lange nicht so schlimm wie gewisse Szenen in „Nordermoor“, die heftigen Horror bereithalten.

|Ergo|

So hat sich also, um Indriðasons Aussage zusammenzufassen, die Schuld der Väter auf die Kinder und Kindeskinder übertragen – nicht nur im biblischen, sondern im ganz wörtlichen Sinne. Gusladurs Vater wollte an seinem Sohn ein Vermögen verdienen, indem er ihn zum Singen in einem künstlerischen Orchideenfach, dem Knabensopran, prostituierte. Als dessen Stimmbruch ihm einen Strich durch die Rechnung machte, verstieß er ihn, insbesondere dann, als dieser sich auch noch als homosexuell erwies.

Erlendur sieht sich nun peinlicherweise in der gleichen Situation wie Gusladurs Vater. Durch Ablehnung seiner väterlichen Verantwortung trieb er seine Tochter nicht nur in Drogensucht, sondern auch in die Beschaffungsprostitution. Dem nicht genug, stößt er allenthalben auf Stricher und Huren, insbesondere natürlich im Hotel, das nichts anderes darstellt als ein von kriminellen Zuhältern geführtes Bordell. Das Zimmermädchen Ösp und ihr Bruder sind selbst Opfer von brutalen Dealern. Stefania Egilsson hat ihr Leben und ihre Zukunft ihrem gelähmten Vater geopfert.

All diese ausgebeuteten und sich selbst entfremdeten Menschen befinden sich in einem Teufelskreis. Als Gusladur plötzlich eine Riesensumme von dem Ausländer bekam, führte dies zu einer Kurzschlussreaktion. Ich verrate aber nicht, bei wem. Ein Weihnachtsfest in diesem Brennpunkt sozialer Probleme erscheint ebenso unwahrscheinlich wie grotesk. Der Ermittler Erlendur kann nur sich selbst und seine Tochter retten, niemanden sonst. Merry Christmas, Herr Kommissar!

|Der Sprecher|

Frank Glaubrecht fängt zunächst recht sachlich und gleichmütig zu erzählen an, und man denkt an nichts Böses. Je mehr sich jedoch die seelischen und sozialen Abgründe hinter Gusladurs Tod auftun, desto mehr seelische Pein erfährt Erlendur am eigenen Leib. Und obwohl er sich stets an den Verhaltenskodex der Kriminalpolizei zu halten versucht, fällt ihm dies zunehmend schwerer angesichts des Unrechts, das nicht nur Gusladur angetan wurde, sondern das er selbst seinen Kindern angetan hat. Glaubrechts Stimme wirkt zunehmend emotionsgeladener.

Gegen Schluss möchte man fast erwarten, dass der Ermittler ausrastet, jemanden über den Haufen schießt oder sonst etwas Unsinniges tut. Sein Kollege Sigurdur Oli wundert sich allmählich wirklich. Stattdessen erklingt am Schluss lediglich das „Ave Maria“: „Bitte für uns Sünder“. Das, was Gusladurs Vater ehrfürchtig als „Engelsstimme“ bezeichnet hat, erscheint nun – in bitterer Ironie – als der Fluch des Sängers. Das Lied transzendiert den Textvortrag Glaubrechts und hebt die Wirkung auf eine andere Ebene, dorthin, wo die Ratio ausgespielt hat und nur Emotionen wirken …

_Unterm Strich_

Das Hörbuch kann die von Indriðason beabsichtigte kritische Sozialanalyse nicht leisten, jedenfalls nicht in glaubwürdigem Maße. Dafür wäre schon der ungekürzte Text des Buches nötig. Aber das Hörbuch soll dies auch nicht leisten, sondern soll nach Vorgabe des Verlags nur den Mordfall so interessant und spannend wie möglich präsentieren und einer für den Hörer befriedigenden Auslösung zuführen. Dies gelingt auch, ohne dass der vorgetragene Text zu lang geworden wäre.

Die wichtigste Voraussetzung, dass die Spannung bis zum Schluss aufrechterhalten bleibt, ist die Vielzahl der Kandidaten für die Täterschaft. Wie jeder ordentliche und achtbare Krimiautor legt Indriðason eine Reihe falscher Fährten aus. Die Hauptarbeit liegt nun darin herauszufinden, welche Fährte am wahrscheinlichsten zum richtigen Täter führt. James Patterson hätte gewiss gleich zwei Top-Kandidaten präsentiert, von denen der erste Verhaftete garantiert der falsche gewesen wäre. Dazu lässt es Indriðason nicht kommen. Für ihn ist ein Krimi eine zu ernste Sache, um mit dem Leser Katz und Maus zu spielen.

Frank Glaubrechts sonore Stimme – man stelle sich den Klang von Al Pacino in „The Insider“ vor – trägt die Geschichte, die Indriðason spinnt, ausgezeichnet und ohne je die für die Geschichte und den Ermittler notwendige Autorität und Ruhe zu verlieren. Dennoch entwickelt sein Vortrag zusammen mit der Handlung eine tiefere psychologische Dimension, die sich in der zunehmenden Emotionalität in seiner Stimme äußert – ein gewisses zusätzliches Vibrato, das ich vernommen zu haben glaube. Das i-Tüpfelchen liefert, wie gesagt, nicht der Sprecher, sondern das Lied am Schluss. Der Knabensopran hat das letzte Wort, als spreche das Opfer noch einmal und als sei der Kommissar/Autor lediglich der „Sprecher für die Toten“.

|Umfang: 235 Minuten auf 4 CDs|

Sharon Shinn – Im Zeichen der Weide

Ein Zauberlehrling tritt in die Dienste eines neuen Meisters ein – wir kennen die Geschichte zur Genüge. Oder doch nicht? Nein, denn hier verliebt sich der Lehrling in die rätselhafte Frau seines Meisters und muss erkennen, welches schreckliche Verbrechen an ihr begangen wurde.

Doch wie kann er die Untat beenden und die durch Magie Verwandelte befreien, wenn mit dem Tod eines Zauberers auch dessen Magie verschwindet? Muss dann nicht auch die Geliebte sterben? Diesmal muss der Zauberlehrling weit über sich hinaus wachsen.

Die Autorin

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Hoeye, Michael – Hermux Tantamoq: Im Wettlauf mit der Zeit

In einer Welt voller Mäuse entwickelt sich ein friedliebender Uhrmacher namens Hermux Tantamoq zu einem Amateurschnüffler. Diesmal hat es ihm die fesche Fliegerin Linka Perflinger angetan, doch sie ist seit Tagen verschwunden. Seltsame Dinge ereignen sich in Pinchester, auch mysteriöse Todesfälle. Da hilft ihm ein Expeditionstagebuch endlich zu verstehen, was eigentlich los ist: die Jagd nach dem Jungbrunnen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, um Linka zu retten.

Für kleine und große Kinder ab 10 Jahren.

|Der Autor|

Michael Hoeye wohnt mit seiner Frau Martha in einem Cottage in Oregon im Nordwesten der USA. „Umgeben von hohen Bäumen und freundlichen Eichhörnchen arbeitet er dort als freier Schriftsteller“, säuselt der Klappentext. Da juchzt das Mutterherz, das dieses Buch kaufen soll.

Hoeyes erstes Buch „Hermux Tantamoq – Im Wettlauf mit der Zeit“ wurde in über 20 Sprachen übersetzt und ist 2002 bei |Omnibus| – jetzt |cbj| bei Random House/Bertelsmann – erschienen. „Hermux Tantamoq – Das Geheimnis der verbotenen Zeit“ ist der zweite Band einer Trilogie, deren letzter Band in diesem Herbst erschien.

Band 1: Im Wettlauf mit der Zeit
Band 2: Das Geheimnis der verbotenen Zeit
Band 3: Vorhang auf – Die Zeit läuft!

_Handlung_

Hermux Tantamoq ist ein ebenso brillanter wie friedliebender Uhrmacher in der friedliebenden Stadt Pinchester. Eines Tages kommt zu ihm eine bildhübsche Mäusin, die ihm sowohl ihre Visitenkarte als auch eine Uhr zum Reparieren gibt. Auf der Karte steht: „Miss Linka Perflinger, Abenteurerin, Draufgängerin und Fliegerin – Halsbrecherische Bravourstücke – Nervenkitzel garantiert – Zu Lande und in der Luft – Faire Preise“. Er verliebt sich sofort in sie.

Die Uhr ist zwar am nächsten Vormittag repariert, doch von der Abholerin fehlt jede Spur. Immerhin hat er ja ihre Adresse. Vor ihrem Haus wird er Zeuge, wie Linka in einen Luxusschlitten geführt wird, in dem zwielichtig aussehende Ratten sitzen. Am nächsten Tag folgt er einer verdächtigen Ratte, die sich nach der Uhr erkundigt hat, auf deren Wegen in der Stadt: Sie führen zum Forschungsinstitut eines gewissen Dr. Hiril Mennus, seines Zeichens Schönheitschirurg.

Er sieht sich in Linkas Haus ein wenig um und wird fündig: eine ungewöhnliche Pflanze, deren Blätter ihm ungeahnte neue Energie zuführen. Er bekommt heraus, dass Linka im Auftrag eines gewissen Dr. Jervutz vom Perriflot-Forschungsinstitut unterwegs gewesen war, und zwar im tropischen Teulabonarien. Doch um welchen Auftrag handelte es sich? Am Perriflot-Institut angekommen, bemerkt er einen Menschenauflauf: Dr. Jervutz ist tot. Ermordet?

Vor seinem Tod hat Jervutz einen Dr. Dandiffer erwähnt, der im tropischen Urwald als Ethnobotaniker nach bestimmten Pflanzen suchte. Dabei handelt es sich um genau jene Mondpflanzen, von deren Blättern Hermux selbst gegessen hat. Sie haben eine verjüngende Wirkung. Dann erhält Hermux das Expeditionstagebuch des unglücklichen Dr. Dandiffer, der verschollen ist.

Aus diesem Tagebuch wird ihm klar, warum Hiril Mennus hinter Linka Perflinger her ist: Er will das, was Linka von Dr. Dandiffer zurückgebracht hat – die Formel für die ewige Jugend. Und mit dieser will er Tucka Mertslins Kosmetikimperium mit verjüngenden Produkten versorgen: das „Millennium-Projekt“.

Jetzt weiß Hermux, wo er Linka suchen muss. Leider hat er die Rechnung weder mit Tucka noch mit Dr. Mennus gemacht.

_Mein Eindruck_

Der teuflische Dr. Mennus hat mich stark an seine Film-Vorbilder Dr. Mabuse, Fantomas und andere verrückte Wissenschaftler erinnert, ja, an einer Stelle sogar an Dr. Mengele, den Auschwitz-Arzt … Mehr darf nicht verraten werden, aber sie wollen die Welt mal wieder mit den irrsinnigsten Apparaturen beglücken.

Die schönste bzw. verrückteste davon ist „U-Babe 2000“. Sie verwandelt das Opfer in wenigen Minuten in den körperlichen Idealzustand. Von der mentalen Verfassung des „Versuchsobjektes“ schweigen wir lieber, sofern es die Prozedur überhaupt überlebt. Das ist überhaupt nicht lustig, und im Finale gibt es durchaus spannende Horrormomente, in die sich makabre Komik mischt. Die Zeit bzw. Zeitmesser spielen dabei eine zentrale Rolle, weshalb Hermux‘ Anwesenheit durchaus passend ist.

Mich hat am meisten dieses widerliche Frauenzimmer namens Tucka Mertslin gestört. Mir will gar kein Gegenstück in unserer Welt einfallen, obwohl es etliche Gründerinnen von Kosmetikimperien gegeben hat, so etwa Ellen Astor und andere. Tucka ist die Egozentrikerin par excellence: Wer nicht nach ihrer Pfeife tanzt, ist ihr Feind. Und die Bevölkerung dient ihr lediglich als Absatzmarkt ihrer minderwertigen Produkte. Hermux rümpft regelmäßig die Nase, wenn ihm eines ihrer Erzeugnisse in die Nase steigt. Sie schikaniert ihre Sekretärin – und dreimal darf man raten, mit wem sie sich für das Millennium-Projekt zusammengetan hat und wer ihr Lieblingsdesigner ist.

Da haben es redliche Uhrmacher und Amateurdetektive wie Hermux Tantamoq wahrlich nicht leicht. Der Leser darf sich auf etliche haarsträubende Abenteuer freuen. Er darf sich aber nicht von den falschen Fährten verwirren lassen. Nicht jeder ist, was er vorgibt zu sein.

|Keine Disney-World|

So mancher erwachsene Leser ist vielleicht an gewisse Abenteuer in Entenhausen erinnert, die ja oft auch mit Expeditionen zu tun hatten. Doch Hermux Tantamoq in Pinchester hat sehr wenig mit dem Disney-Imperium aus Kalifornien zu tun. Vielmehr scheinen er und seine mal mehr, mal weniger braven Mitbürgermäuse direkt einem viktorianischen Nimmerland entstiegen zu sein, das dem von Harry Potter in mancher Hinsicht ähnelt. Allerdings gibt es hier weit und breit keine Magie. (Außer der der Liebe.)

Viktorianisch ist das beschauliche, noch kaum von Autos und Telefonen beschleunigte Leben in Pinchester, wo selbst die Postbotin noch eine strategisch wichtige Rolle in der Gesellschaft zu spielen vermag. Viktorianisch sind die gediegenen Einladungen, die Hermux erhält, und die uralten Uhren in seinem Laden – allesamt mechanisch, versteht sich. Ganz und gar 20. Jahrhundert sind hingegen Wirtschaftsspionage und durchgeknallte, skrupellose Wissenschaftler. Selbst die Kunst ist nicht mehr das, was sie mal war: Rink Firsheen stellt eine Straßensszene nach einem Raubüberfall nach – im Foyer von Hermux‘ einst so wohnlichem Mietshaus.

|Grafik-Design|

Ein Element, das jedes Hermux-Buch zu einem visuellen Erlebnis macht, sind die zahlreichen Wiedergaben von Dokumenten. Die Visitenkarte von Linka Perflinger habe ich ja bereits erwähnt. Aber es gibt auch seitenlang abgedruckte Zeitungsartikel, insbesondere von einem zwielichtigen Journalisten namens Pup Schoonagliffen, dem Hermux leider nur zu sehr vertraut.

Ganz am Schluss des Buches findet sich eine gezeichnete Landkarte, deren Studium sich lohnt. Hier finden sich Hinweise darauf, wohin Dr. Dandiffers Expedition in Teulabonarien wirklich führte. Wer also aus der Beschreibung im Expeditionstagebuch nicht schlau geworden ist, findet hier anschaulich Aufschluss.

_Unterm Strich_

Ich habe auch dieses, mein zweites „Hermux Tantamoq“-Abenteuer mit großem Spaß gelesen. Die Lektüre ist völlig entspannt zu bewältigen, wartet stets mit netten Überraschungen auf und wird zum Finale hin zunehmend spannender. Etliche Seitenhiebe auf menschlich-allzumenschliche Phänomene gibt es zu belächeln, vielleicht sogar zu bedenken: verrückte Wissenschaftler, durchgeknallte Schönheitschirurgen, eine „diskrete“ Postbotin, Kosmetikimperialistinnen, romantische Liebespaare. Ach ja, nicht zu vergessen: Terfle, Hermux‘ lieben Marienkäfer. Nach ihm ist die Agentur des Autors benannt: Terfle House Limited.

Ich habe das Buch in wenigen Tagen ausgelesen und kann es Freunden von Tierabenteuern nur wärmstens ans Herz legen. Kleine und große Kinder ab 10 oder 12 Jahren dürften damit keinerlei Schwierigkeiten haben – Mütter seien gewarnt, dass ihr Schützlinge die komplette Trilogie werden haben wollen.