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Roché, Henri-Pierre – Jules und Jim

Die Geschichte von „Jules und Jim“ und Kathe ist durch François Truffauts Film von 1961/62 bereits Legende geworden: eine „amour fou“ zu dritt. Zwei junge Literaten, der Deutsche Jules (gespielt von Oskar Werner) und der Franzose Jim, beide verliebt ins Leben und die Liebe, lernen sich 1907 (!) in Paris kennen und teilen fortan ihre Tage. Nichts kann sie trennen, bis eines Tages Kathe kommt, die aufregendste Frau, die ihnen je begegnet ist. Sie (gespielt von Jeanne Moreau) liebt beide, erst Jules, dann Jim, dann wieder Jules. Sie kann nicht ohne Jim leben, aber auch nicht ohne Jules. Bis zur letzten Konsequenz …

|Der Autor|

Henri-Pierre Roché, 1879-1959, war jahrelang Berater und Agent in der Pariser Kunstszene, später Kritiker, Übersetzer und Schriftsteller. In seinem 1953 erschienenen Roman „Jules et Jim“ verarbeitet er seine Freundschaft zu dem deutschen Schriftsteller Franz Hessel. Beide lieben ein Leben lang im Wechsel dieselbe Frau: die Malerin Helen Grund, spätere Hessel.

|Die Sprecherin|

Eva Mattes spielte an allen großen Bühnen Deutschlands und war in zahlreichen Film- und Fernsehrollen zu sehen, u. a. als „Tatort“-Kommissarin Klara Blum. Filmfreunden ist sie vor allem als eine der Lieblingsschauspielerinnen von Rainer Werner Fassbinder in Erinnerung, sie spielte aber auch neben Klaus Kinski in Büchners „Woyzeck“ (Wim Wenders). Für |Hörbuch Hamburg| hat sie u. a. das Nixenmärchen „Undine“ von Friedrich de la Motte Fouqué gelesen.

Das Titelbild zeigt das Trio Jules, Jim und Kathe in einer Szene des Films, die am Strand spielt.

|Hinweis|

Es ist anfangs ein wenig verwirrend, dass der Franzose Jim einen englischen Namen trägt und der Deutsche Jules einen französischen. Man kann nur annehmen, dass der Autor nicht wollte, dass der Leser die beiden Männer automatisch einem bestimmten Land zuordnet, nur weil sie einen entsprechenden Namen tragen. Sie könnten auch ganz andere Namen tragen. Kathe hingegen ist weder ein deutscher noch ein französischer oder englischer Name, hat aber Anklänge an die Namen Käthe und Katharina bzw. Catherine.

_Handlung_

Man schreibt das Jahr 1907, in dem die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Der Weltkrieg ist noch weit entfernt. Jim stammt aus Paris und nimmt seinen zu Besuch weilenden Freund Jules auf einen Ball mit, denn Jules braucht hier ein Mädchen. Er hat zwar schon drei in München, woher er stammt, doch warum soll er in der Fremde einsam sein? Die beiden Freunde schreiben Gedichte und übersetzen aus der Sprache des jeweils anderen.

Als Jim den Besuch erwidert, werden die Schönheitsideale der beiden ebenso klar wie ihre charakterlichen Eigenschaften. Jules ist geduldig, aber nicht so fordernd wie Jim, und macht gerne den Spielleiter, allerdings fehlt ihm eine gewisse Festigkeit in seinen Entschlüssen. In Jims Augen ist Luzie eine „gotische Schönheit“, der die Strenge einer Äbtissin eignet.

Gertrud hingegen reißt gern Bäume aus, ist eine ledige Mutter (skandalös für die damalige Zeit), ein verbannter Freigeist und eine „griechische Schönheit“. Lina, Jules‘ Freundin Nr. 3, findet keineswegs Jims Interesse und scheidet sozusagen aus dem Spiel aus. Da wir die Geschehnisse aus Jims Sicht (auch der Autor ist Franzose) betrachten, erkennen wir schnell seine Eigenschaften: Er ist kein Kostverächter, sondern weiß zuzupacken. Allerdings ist die Freundschaft zu Jules für ihn sehr wertvoll.

|Prototyp|

Luzie, Jules und Jim – dieses Dreieck ist bereits eine Vorform dessen, was später folgen soll. Es bestehen keinerlei Geheimnisse zwischen den dreien, und das ist das Wichtigste für diese Art von Liebesfreundschaft. Luzie lehnt Jules‘ Heiratsantrag ab, meint aber, zu dritt wären sie ideal für sie. Es folgen philosophische Ausführungen über Relativität und Absolutheit, die für eine „ménage à trois“ relevant sind.

|Prägung|

Eine weitere Vorstufe für das, was kommen soll, ist die Griechenlandreise. Gemeinsam besuchen Jules und Jim die antiken Stätten und ziehen durch die Bars von Athen, wo sie die Schönheiten mit Gertrud und Luzie vergleichen. Als penetrant dogmatischer Führer schließt sich ihnen der rassistische Albert an, der später noch vielfach auftauchen wird, denn er wird von Kathe als Waffe gegen Jules & Jim benutzt. In Delphi haben Jules & Jim ein Aha-Erlebnis: Sie bewundern eine antike griechische Statue. Das Lächeln der Frau zieht sie in ihren Bann: Es ist göttlich, bezaubernd, aber auch ein wenig kalt und gnadenlos.

|Kathe|

Daher sind sie quasi wie vom Blitz getroffen, als sie unter den vier Berlinerinnen, die sie in Paris besuchen kommen, eine Frau entdecken, die exakt das gleiche Lächeln aufweist wie jene Statue. Es ist Kathe. Am Nationalfeiertag verkleidet sich die junge Frau als Junge, den alle Thomas nennen müssen. „Sein“ Lächeln ist schön und grausam zugleich in seiner Unschuld. Die Pariser lassen sich von der Verkleidung nicht lange narren.

Jules verliebt sich in die blonde „germanische Schönheit“, die sowohl ihn als auch Jim um den kleinen Finger wickelt. Als Jim erfährt, dass sein Freund Kathe heiraten will, hat er Bedenken. Jim kennt sich mit Frauen aus, denn er hat – nach zahllosen Affären, versteht sich – selbst eine heimliche Geliebte in Paris. Nach der Hochzeit kommt es zu einer Krise, als Kathe ohne ersichtlichen Grund in die Seine springt und Probleme mit dem Schwimmen zu haben scheint.

Doch es ist nicht der sonst so autoritäre Jules, der ins Wasser springt und sie rettet, sondern sein Freund Jim. Während Jules geknickt ist, verschwindet Jim, bevor sich ihm Kathe an den Hals werfen kann. Sie triumphiert wie ein siegreicher General. Wieder einmal hat sie ihre Eigenständigkeit behauptet, einfach indem sie den einen gegen den anderen ausgespielt hat. Und wo dies nicht geht, holt sie sich andere Liebhaber ins Bett (nicht ins eheliche, versteht sich), so etwa den erwähnten Albert und andere.

|Nach dem Krieg|

Der Krieg vergeht ebenso wie weitere Jahre, und die drei Liebhaberfreunde sehen sich wieder. Doch das Gleichgewicht im Dreieck verschiebt sich permanent, und so sind die Freuden stets auch mit Leid vermischt. Jim trägt’s philosophisch und erntet die Früchte, die Kathe ihm gewährt, wohingegen Jules sich zu einem duldenden Benediktinermönch entwickelt, der in seiner literarischen Arbeit aufgeht.

|Lebenstaumel|

Doch mit dem fortschreitenden Alter entwickelt Kathe zunehmend Gedanken an Selbstmord. Denn der „Lebenstaumel“, der ihr Lebenselixier ist, lässt sich nun nicht mehr so einfach durch risikoreiche Spiele erringen. Bücher wie Kleists „Penthesilea“ und Goethes „Wahlverwandschaften“ gaben früher Jim Hinweise auf Kathes Interessen.

Aber auf den Reisen an den Atlantik, nach Paris und Venedig erweist sich Kathe als zunehmend abwesend, wenn auch nicht abweisend. Sie hat etwas vor. Jim ahnt, dass es etwas Drastisches sein wird, denn das war schon immer Kathes Art, sich ihr Lebendigsein zu bestätigen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

_Mein Eindruck_

Wenn man Truffauts Film gesehen und sich über die jungen Schauspieler gefreut hat, ist man etwas erstaunt darüber, dass die Dreiecksgeschichte zwischen Jules, Jim und Kathe sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Die Figuren wirken aber auch am Schluss keineswegs alt, sondern so dynamisch wie am Anfang. Das liegt natürlich an Kathe, die sich immerzu bestätigen muss, dass sie eine lebendige Frau ist und sich dazu allerlei Eskapaden leistet.

Es liegt aber auch daran, dass die Außenwelt lediglich in einer Art Chiffren vorkommt, quasi als Kulisse für das Beziehungsgeflecht des Trios. Nur am Rande erfährt man also, dass ein Weltkrieg stattgefunden hat und dass es in Deutschland eine Hyperinflation gibt. Der Eindruck entsteht, dass die ménage à trois der einzige Kosmos ist, der zählt. (Dieser Eindruck mag im Buch ein anderer sein, denn es ist anzunehmen, dass der Text so gekürzt wurde, dass sich die Geschichte auf das Trio konzentriert.) Doch das Trio muss sich an einer Stelle mit der Bürokratie herumschlagen, ob es will oder nicht. Bürgerliche Beziehungen werden eben anders geregelt, meistens schwarz auf weiß.

|Anschaulich|

Weil sich der Text auf die Handlungen konzentriert, ist der Stil anschaulich wie ein Kinofilm und wir folgen den Aktionen der Figuren mit Interesse, ohne dass langweilige Erklärungen die Szene stören würden. Nur selten erfahren wir daher – meist von Jim -, wie sich Jules und Kathe in ihren jeweiligen bürgerlichen Existenzen entwickeln. Aber auch philosophische Betrachtungen über das Wesen einer bzw. dieser ménage à trois sind sehr selten; zumindest kann ich mich an kaum eine erinnern. Wenn jemand reflektiert, dann ist dies in der Regel Jim, unser Mann vor Ort. (Es ist ein französischer Roman für französische Leser, und Jim ist eben Franzose.) Seine Gedanken sind kein Selbstzweck, sondern stellen a) die Chronik der Ereignisse dar und b) sind sie Teil der Interaktion im Trio.

|Unmoralisch? Nie im Leben!|

An keiner einzigen Stelle kommt Jim die Idee, dass die ménage à trois etwas Unmoralisches sein könnte. Warum auch? Das Buch selbst ist ja das Manifest des Autors, dass er solche Beziehugnen nicht als unmoralisch, sondern lediglich als schwierig aufrechtzuerhalten ansieht. Die Probleme liegen nicht auf der moralischen, sondern auf der psychologischen Ebene. Für die Zeitgenossen lag die Herausforderung wohl eher in der Vorstellung, dass nicht nur Männer mehrere Geliebte haben können, sondern auch Frauen. Solche Frauen werden von der Gesellschaft geächtet, wie es der armen Gertrud in München widerfährt.

Auch Kathe kann nicht der freien Liebe frönen, ohne sich alsbald durch eine Heirat den Mantel der Respektabilität umzuhängen, danach aber – sobald die Kinder da sind – mit ihrer Praxis der freien Liebe fortzufahren. Dass Jules sie dabei mehr oder weniger freiwillig deckt, kommt ihr zugute, wirft aber kein gutes Licht auf den Zustand ihrer Ehe. Sie schlafen in getrennten Betten, was bereits alles sagt. Dafür erhält Jim seine Chance, mit Kathe schöne Tage zu verleben.

Es ist nicht so, dass die beiden Männer eines Tages beschlossen hätten, dass sie sich Kathe teilen, als wäre sie eine Schlampe. Vielmehr verhält es sich wohl so – eine Frage der Interpretation -, dass es Kathe selbst ist, die sich das Recht auf Wahlfreiheit vorbehält. Darin bestätigt sich ihr Status als „Löwin“ und „Göttin“, als die sie von Jim tituliert wird. Sie ist ein höheres Wesen, und die beiden Männer sind schon durch ihr Delphi-Erlebnis vorgeprägt, sie dementsprechend zu behandeln. Weil aber keiner von beiden einen absoluten Anspruch auf sie erheben mag oder kann, funktioniert die ménage à trois überhaupt erst.

|Die Relativitätstheorie|

Wenn es keine Absolutheit gibt, herrscht Relativität. Darüber reflektiert Jim mehrere Minuten lang. Wenn aber alle Beziehungen und die darin vermittelten Gefühle der Wertschätzung und Herabsetzung relativ sind, dürfen sie auch nicht verabsolutiert werden. Jim weiß also, dass sich Kathe sowohl rächen als auch ihn wieder willkommen heißen wird. Diese Gewissheit der Ungewissheit begleitet ihn ständig, wenn er mit Kathe zusammen ist. Und weil alles schon am nächsten Tag vorbei sein kann, genießt er den Moment, der ihm geschenkt oder von ihrer Majestät Kathe gewährt wird, bis zur Neige. Dementsprechend intensiv ist seine Erfahrung des Lebens.

Es hilft auch nichts, dagegen aufzubegehren. Denn Kathe weiß sich auf subtile Weise zu rächen und ihre beiden Männer wieder auf ihren Platz zu verweisen: Sie nimmt sich einen anderen Lover, sei es der aufgeblasene Albert oder ein Engländer. Diese Eskapaden bereiten ihren Männern nicht nur Verdruss, sondern zunehmend auch Besorgnis. Auf welche Stufe der männlichen Gesellschaft wird sich Kathe noch herablassen? Und wird sie eines Tages völlig wegbleiben und ihre Kinder im Stich lassen?

|Authentisches Lebensmodell|

Der Autor schildert also die Dreiecksbeziehung nicht nur als ein Modell der freien Liebe, sondern als Lebensmodell. Dieses lässt sich über Jahrzehnte hinweg aufrechterhalten, wenn auch nur unter Mühen. Doch der Lohn ist ebenso groß wie die Mühe, die man in diese besondere Beziehung investiert. Diese Beziehung hat sich Roché nicht aus den Fingern gesogen, sondern Kathe und Jules haben reale deutsche Vorbilder aus jener Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und dreimal darf man raten, wer sich hinter Jim verbirgt (siehe den Abschnitt „Der Autor“ oben).

_Die Sprecherin_

Eva Mattes verfügt über eine relativ tiefe, aber einschmeichelnd sanfte Stimme, die sie wohldosiert einzusetzen weiß. Das Vortragstempo ist genau richtig, und sie schafft es, den Sätzen eines Abschnittes eine Art Spannungsbogen und Zusammenhang zu verleihen. Das ist auch sehr notwendig, denn der Text selbst bietet nur wenig Spannungselemente. Die beinahe einzige Ebene der Spannung befindet sich auf der der Psychologie. Nur selten ergeben sich Actionszenen wie jene, in der Jim und Kathe um einen Revolver streiten.

Weil es so wenig oberflächliche Spannung gibt, muss der Vortrag die unterschwellige Anspannung reflektieren. Aber wie soll die Sprecherin das bewerkstelligen, ohne durch Übertreibung lächerlich zu wirken oder sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen? Mattes hält sich daher – wie jeder gute Sprecher – zurück und überlässt es dem Hörer, aus den vorgetragenen Ereignissen eine Entwicklung herauszulesen und entsprechende Gefühle dafür zu entwickeln. Ihr Vortrag erfordert – ebenso wie das Buch – den mündigen Leser und Hörer.

_Unterm Strich_

„Jules und Jim“ schildert ein interessantes Modell für Liebe und Leben, das von François Truffaut kongenial und mit eigener Aussage verfilmt wurde. Doch der Roman verweigert sich absichtlich jeglichen Ansprüchen auf Unterhaltung, indem er keine Spannungsbögen größerer Art im Stile eines Kriminalromans oder einer Groschenromanze anbietet. Der Autor interessiert sich vor allem dafür, wie diese Dreierbeziehung in der Realität und auf der psychologisch-menschlichen Ebene funktionieren kann.

Dabei stellt er von vornherein keine Erwartungen oder gar Bedingungen auf, sondern schildert, was da kommt. Das Ergebnis ist ein angenehmer Bericht der laufenden Ereignisse, die sich durchaus dramatisch zuspitzen können. Doch der Schluss ist folgerichtig eben kein von langer Hand herbeigeführtes Finale inklusive Showdown, sondern kommt quasi aus dem Nichts: so wie manche Entscheidungen von Menschen nirgendwoher zu kommen scheinen. Der Schluss mag traurig stimmen, aber wer auch nur einen Funken Sympathie für die drei Hauptfiguren entwickelt hat, wird das Geschehen akzeptieren.

Eva Mattes hatte vielleicht ihre liebe Not mit der Darbietung des Textes, aber sie entledigt sich ihrer Aufgabe mit Anstand. Sie hält sich zurück, obwohl es nur wenig Spannungsbögen oder Dramatik gibt, vielmehr trägt sie die Ereignisse vor, als handle es sich um alltägliche Routine. Jede andere Vortragsweise würde nämlich werten, und damit würde sich die Sprecherin auf die fragwürdige Seite moralischer Zensur begeben.

Es mag nämlich genügend Zeitgenossen (immer noch oder schon wieder) geben, die wie in den fünfziger Jahren, als das Buch erschien, mit Verdammung über dieses herziehen würden, in der Meinung, nur die Ehe zwischen Mann und Frau – ohne einen Dritten, versteht sich – sei die EINZIGE legitime Form des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau. George W. Bush würde ihnen zweifellos beipflichten.

Gegen diese Engstirnigkeit wendet sich der Roman ebenso wie das Hörbuch. Insofern handelt es sich um ein literarisches Stück Aufklärung: Es zeigt ein erfolgreiches Alternativmodell auf, das den bevormundeten Zeitgenossen einen Ausweg aus ihrer potenziellen Ehe-Misere aufzeigt. Eine ménage à trois verwechselt der Autor nie mit Zügellosigkeit nach dem Bäumchen-wechsel-dich-Prinzip. Das würde Kathe zu einer Schlampe degradieren. Und daher ist seine ménage à trois auch kein Freibrief für „freie Liebe“ zwischen jedermann und -frau. In Zeiten von AIDS käme das auch wenig gut an.

|223 Minuten auf 3 CDs
Originaltitel: Jules et Jim, 1953
Aus dem Fanzösischen übersetzt von Peter Ruhff|

Francis, Dick – Verrechnet

Alexander Kinloch wird überraschend zu seinem kranken Stiefvater Sir Ivan nach London geholt. Dieser bittet Alex, ein wertvolles Rennpferd und einen Goldpokal vor seinen Gläubigern und seiner gierigen Tochter zu verstecken. Der Kampf um Erbe, Pferd und Pokal beginnt.

„Verrechnet“ eröffnet mit lakonischer Ironie einen faszinierenden Blick auf die Abgründe eines Familien-Clans. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Richard Stanley Francis kam am 31. Oktober (Halloween!) 1920 in Wales als Sohn eines Reitjockeys zur Welt, in dessen Fußstapfen er trat. Nach einem militärischen Intermezzo während des 2. Weltkriegs bei der Luftwaffe ritt Francis wieder. 1956 verletzt er sich bei einem Sturz so stark, dass es das Aus für seine Karriere bedeutete, aber den Start seiner Schriftstellerlaufbahn. Nach seinen Memoiren mit dem vieldeutigen Titel „The Sport of Queens“ schreibt Francis über 40 Krimis in Folge, die in über 30 Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt wurden. Im Genre erhielt er höchste Auszeichnungen. Er lebt heute auf den britischen Cayman Islands in der Karibik (sie tauchen in dem Grisham-Krimi „Die Firma“ auf).

_Handlung_

Der Kunstmaler Alexander Kinloch, der im Mittelpunkt der Handlung steht, ist gerade in seinem Haus in Schottland überfallen und ausgeraubt worden. Zum Glück konnte er sich merken, wie die Räuber aussahen und hat sie gezeichnet.

Bis sich die Lage normalisiert, wohnt Alex bei seiner Mutter Lady Vivienne Westering in London. Leider ist es um die Gesundheit ihres Mannes Sir Ivan, seines Stiefvaters, nicht zum Besten bestellt. Er hat gerade einen Herzanfall überstanden. Seine Genesung verzögert sich, weil er sich zu viele Sorgen macht: um seine Brauerei, sein Rennpferd und um den Pokal des King-Alfred-Rennens, das er jährlich ausrichtet. Doch Sir Ivan vertraut Alex und fragt ihn: „Wo würdest du das Pferd und den Pokal verstecken?“

Fortan kämpft Alex an zwei Fronten. Ausgestattet mit einer Vollmacht von Sir Ivan, versucht er die Brauerei vor der drohenden Insolvenz zu bewahren, denn durch Unterschlagung sind mehrere Millionen verschwunden. Die Firma soll aber im Falle des Todes von Sir Ivan Alex‘ Stiefschwester Patsy Benchmark erben, ein raffgieriges Frauenzimmer, das mit seinem Mann Surtees auf großem Fuß lebt (wobei Surtees eine Geliebte hat, von der sie nichts weiß). Al hat genau zwei Tage Zeit, alles Notwendige zu erledigen. Er heuert einen stämmigen Privatdetektiv an und stürzt sich ins Getümmel.

Da er ein Händchen für den Umgang mit Frauen hat, verschafft er sich deren Loyalität und Unterstützung. Da wäre einmal seine Schwester Emily, dann noch die Bankfrau Margaret Morden und schließlich eine Mrs. Newton, die Witwe des verstorbenen Buchhalters, der die Millionen unterschlagen hat. Als sich abzeichnet, dass die Gegenseite vor fiesen Tricks nicht zurückschreckt, sehen die Damen ein, dass Rückzug die klügere Seite der Kriegsführung sein kann und begeben sich in Deckung.

Unterdessen fliegen die Fetzen, als die Benchmarks mit ihrem rabiaten Anwalt Grenchester gegen Alex und Co. antreten. Ein Glück, dass Sir Ivan nicht mehr miterleben muss, wie man versucht, Alex lebendig zu grillen …

_Mein Eindruck_

Es geht doch nichts über herzliche Familienbande. Wobei das mit der Bande diesmal wörtlich zu nehmen ist. Die raffgierigen Erben scheinen vor nichts zurückzuschrecken, dabei werden sie selbst hinters Licht geführt. Zum Leidwesen von Alex merken sie das aber reichlich spät. Die Kavallerie erscheint mal wieder erst in letzter Sekunde. Das macht richtig Laune.

Das Buch unterhält den Leser bestens mit unerwarteten Enthüllungen, rätselhaften Verbindungen und genialen ironischen Dialogen, um dann in ein actionreiches Finale zu münden.

Aber eines ist schon recht erstaunlich: Die Guten hören alle auf Alex‘ Stimme der Vernunft und machen bei seinen Maßnahmen mit, mit denen er die Erbschleicher von seiten der Benchmarks austrickst. Sir Ivan hätte keinen besseren Erben und Sachwalter haben können. Und das alles kriegt ein Kunstmaler zustande?! Offenbar bietet die Kunstakademie neuerdings Schnellkurse in Betriebswirtschaftslehre und Kriminalistik an …

_Unterm Strich_

„Verrechnet“ bietet britische Krimikunst aus der obersten Liga, das ist schon richtig. Humorvolle Unterhaltung und spannendes Geschehen halten sich wirkungsvoll die Waage, so dass dem Leser nie langweilig wird – solange er den Überblick über die Fülle der Figuren behält.

|Originaltitel: To the hilt, 1996
Aus dem Englischen von Malte Krutzsch|

Sjöwall, Maj / Wahlöö, Per – Mann auf dem Balkon, Der

In kurzem Abstand werden zwei kleine Mädchen tot aufgefunden. Kommissar Beck und seine Kollegen jagen den Unbekannten. Ihr einziger Anhaltspunkt: Er ist ein wahnsinniger Lustmörder. Aber Martin Beck nimmt die Herausforderung in seinem dritten Fall an.

_Die Autoren_

Maj Sjöwall und Per Wahlöö begründeten das heute so erfolgreiche Genre des Schwedenkrimis, als sie in den sechziger und siebziger Jahren ihren Kommissar Martin Beck in sozialen Problemzonen und in der hohen Politik ermitteln ließen. Alle diese Romane wurden erfolgreich verfilmt.

|Per Wahlöö|

Per Wahlöö, 1926 in Schweden geboren, machte nach dem Studium der Geschichte als Journalist Karriere. Seit 1946 arbeitete er als Polizeireporter. In den Fünfzigerjahren ging er nach Spanien, wurde 1956 vom Franco-Regime ausgewiesen, ließ sich nach längeren Reisen, die ihn um die halbe Welt führten, in Schweden nieder und begann Bücher zu schreiben. Zusammen mit seiner Frau, Maj Sjöwall, schrieb er einen Zyklus von zehn Kriminalromanen, die zu Welterfolgen wurden. Er ist 1975 gestorben.

|Maj Sjöwall|

Maj Sjöwall, 1935 in Schweden geboren, studierte Journalistik und Grafik-Design. Sie und ihr späterer Ehemann Wahlöö lernten sich kennen, als sie gemeinsam für dieselben Magazine arbeiteten. Sie heirateten 1962 und arbeiteten an ihren Kriminalromanen, nachdem sie ihre beiden Kinder zu Bett gebracht hatten. Nach dem Tod ihres Mannes schrieb sie selbst keine Kriminalromane mehr, übersetzte jedoch Kriminalliteratur ins Schwedische.

_Handlung_

PROLOG: Stockholm, kurz vor Sonnenaufgang, das Radio läuft. Wir hören eine Geräuschkulisse aus Polizeisirenen, Schritten, Husten eines Mannes, Zigarettenzüge, Kaffeetrinken. Dies sind die Klänge, die den „Mann auf dem Balkon“ umgeben. Sonst nichts.

Kommissar Martin Beck ist schwer unter Druck, als er eines der Polizeireviere besucht. In den letzten 14 Tagen hat es nicht weniger als acht Raubüberfälle auf Personen in Parks gegeben. Stets wurde die Handtasche geplündert. Stets entkam der „Handtaschenräuber“, wie ihn die Presse nennt, den Streife gehenden Polizisten. Er kennt sie offenbar schon alle, und zwar von weitem. Auch dann, wenn sie im Auto fahren.

Der diensthabende Beamte auf dem Revier fertigt eine Anruferin kurz und unwirsch ab. Sie meldet, dass da ein Mann auf seinem Balkon zu den unmöglichsten Zeiten stehe, auch nachts, und mit offenem Hemd. Na, und? Die Polizei hat Wichtigeres zu tun, als schräge Vögel zu jagen. Die Frau sorgt sich um die Kinder …

Morgens 9:55 Uhr: Zwei Penner melden auf der Wache, dass sie im Park die Leiche eines kleinen Mädchens gefunden haben. Es trage keinen Schlüpfer. Am Tatort fragen sich die Polizisten, ob ein Zusammenhang zwischen dem Mörder und dem Handtaschenräuber, der inzwischen erneut zugeschlagen hat, besteht. Als die Mutter des Mädchens, Karin Karlsson, von Inspektor Kolberg vom Tod ihrer Tochter Eva informiert wird, bricht sie komplett zusammen.

Obwohl die Ermittlungen auf Hochtouren laufen und mit den modernsten technischen Mitteln – Computer! – geführt werden, wird schon bald ein zweites totes Mädchen, Annika, gefunden. Mit zehn Jahren ist es nur wenig älter als Eva. Kommissar Beck befragt ihre Freundin Lena (10), die mit ihr und ihrem eigenen Bruder Bosse (3) im Park gespielt hatte, bis Annika auf einmal wegging. Minuten später war sie tot.

Die Anwohner des Parks gründen eine Bürgermiliz, um sich und ihre Kinder zu schützen. Beck lässt jetzt dringend den Handtaschenräuber suchen, zunächst einmal nur als Zeugen. Und tatsächlich stellt sich der erste Erfolg ein. Eine junge Frau, die Ex des Räubers, gibt seine Adresse an. Ob er auch der Kindermörder ist? Beck zweifelt.

_Mein Eindruck_

Schon in diesem kleinen Meisterstück gelingt es dem schwedischen Autorengespann, das den Aufstieg des Schwedenkrimis begründete, den Finger in die Wunde der schwedischen Wohlfahrtsgesellschaft zu legen. Alle sind sozial abgesichert, nur die Psyche des Kinderschänders hat man offenbar nicht saniert. Und auch der Handtaschenräuber scheint ein befremdliches Bedürfnis zu befriedigen, wo doch laut Theorie dank der Rundumversorgung kein Bedarf mehr an solcher Kapitalbeschaffung bestehen sollte. Offenbar haben sich die Sozialplaner geirrt.

Leider trifft es – natürlich? – die Schwächsten: Frauen und Kinder. Die Frauen werden ausgeplündert, die Mädchen geschändet und tot weggeworfen. (Die Erwähnung von Kindersex war natürlich seinerzeit ein großer Tabubruch.) Das ist aber nicht der Kern des Problems. Auch mehr Überwachung und Technikeinsatz helfen nicht, wie Beck erkennen muss. Entweder werden die „Greifer“ schon von weitem als solche erkannt, die Täterinformationen sind lückenhaft oder man wimmelt Informanten unwirsch als irrelevant ab. Die Polizei verlässt sich viel zu sehr auf ihre Technik, ihre Kompetenz und stellt sich durch Zuständigkeits- und Postengerangel selbst ein Bein.

Beck befindet sich nach mehreren Fehlgriffen und einem falschen Alarm bereits kurz vor der öffentlichen Bloßstellung, als ihm endlich, quasi als letzter Strohhalm, die Aussage der Informantin über den „Mann auf dem Balkon“ einfällt. Blöd nur, dass in Stockholm zehntausende Menschen Andersson heißen. Letztlich hilft ihm nur Kommissar Zufall. Der entscheidende Hinweis kam also nur deshalb, weil sich eine ältere Frau Sorgen um die Kinder gemacht hat und das Verhalten eines Mannes, den sie durch ein Fernrohr beobachten konnte, merkwürdig und auffällig fand. Geradezu zynisch klingt im Vergleich dazu die Beschreibung des Psychiaters, der einst den „Mann auf dem Balkon“ untersucht hatte und ihm bescheinigte, er habe ein „unterentwickeltes Sexualbedürfnis“ …

Die Aussage der Autoren ist klar und übt bissige Kritik: Die Polizei des Landes kann noch so gut ausgerüstet sein, sie steht sich selbst im Weg. Und solange sie nicht auf die Informationen aus der Bevölkerung hört, wird sie nur einen Teil der sozialen Wirklichkeit erfassen könenn. Und schließlich: In Schweden hat sich eine seelische Abstumpfung breitgemacht, die dazu führt, dass Nachbarn und Eltern nicht mehr auf ihre Kinder aufpassen, die in der Folge zu Opfern seelisch verwirrter Menschen werden. Denn wie auch M. Night Shyamalan in „The Village“ deutlich macht: Solche Menschen wird es immer und in allen Utopias geben.

_Unterm Strich_

„Der Mann auf dem Balkon“ greift schon 1967 das heikle Thema des Kindermissbrauchs mit Todesfolge auf, das leider noch heute allzu häufig Schlagzeilen liefert. Dank der Aufmerksamkeit einer Anwohnerin wird zwar der entscheidende Hinweis auf den Täter geliefert, aber die Polizei sieht doch bei diesem Fall verdammt schlecht aus.

Und die bürgerliche Gesellschaft hat wieder einmal ihre Gefühlskälte und seelische Abstumpfung bewiesen, deren Opfer – zunächst – immer die Schwächsten sind; Frauen und Kinder. Was das Buch aussagt: Wenn eines der Kinder zum Opfer wird, dann geht das alle in der Gesellschaft an. 1967 brachte das Buch verdienstvollerweise diese Botschaft zum Ausdruck. Die Warnung verhallte damals wohl ungehört – gilt das heute auch noch?

|Originaltitel: Mannen på Balkongen, 1967
Deutsch 1970 von Dagmar-Renate Jehnich, ergänzt von Eckehard Schultz|

Fairstein, Linda – Leichenkeller, Der

Ist ihre Mandantin nun vergewaltigt worden oder nicht? Das fragt sich die New Yorker Bezirksstaatsanwältin Alex Cooper. Jedenfalls so lange, bis diese Mandantin eines Morgens mausetot aufgefunden und auf ihren potenziellen Vergewaltiger ein Anschlag verübt wird.

Die Zeichen stehen also nicht günstig für Alex‘ neuesten Fall, als aus einer ganz anderen Richtung wertvolle, wenn auch merkwürdige Hinweise die Ereignisse in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Die Spur führt zurück ins Jahr 1944, ins Märchenreich des ägyptischen Königs Faruk …

_Die Autorin_

Linda Fairstein, Jahrgang 1947, ist Absolventin des Vassar Colleges und promovierte an der University School of Law. Sie leitete über zwei Jahrzehnte die Abteilung für Sexualverbrechen der Bezirksstaatsanwaltschaft in Manhattan und wird in der Fachliteraur für ihre bahnbrechende Arbeit in den Gerichten New Yorks gelobt. Sie lebt mit ihrem Mann in New York City und auf der Insel Martha’s Vineyard. (Verlagsinfo) Beide Orte kommen im Buch mehrmals vor.

Von Fairstein sind folgende weitere Krimis erschienen: „Tod in Seide“ (Blanvalet 35372); „Das Totenhaus“ (35591); „Die Knochenkammer“ (35989).

Zum deutschen Titel: Eine wahrer „Geniestreich“ zur Irreführung des Käufers! Von einem Leichenkeller ist nämlich weit und breit nichts zu finden. Aber der Titel passt zu den oben genannten Titeln, die vermutlich einfach nur an die Krimis von Kathy Reichs und Patricia Cornwell erinnern sollen.

_Handlung_

Alexandra Cooper, Anwältin in der Abteilung für Sexualverbrechen der Bezirksstaatsanwaltschaft in Manhattan (wie die Autorin), ist Teil einer kleinen Clique von Gesetzeshütern, die in dem neuesten Fall eng zusammenarbeiten muss. Der Fall ist komplex.

Sie verteidigt Paige Vallis, eine junge Geschäftsfrau in Alex‘ Alter, Anfang 30. Vallis behauptet, von dem ehemaligen CIA-Agenten Andrew Tripping vergewaltigt worden zu sein. An Tripping wurden Paranoia und Schizophrenie festgestellt, aber das Besondere an dem Verbrechen ist, dass Vallis nicht selbst bedroht wurde, um sie gefügig zu machen. Vielmehr drohte Tripping damit, seinen Sohn Dulles, der ohnehin schon zahlreiche Verletzungen aufwies, noch stärker zu „bestrafen“.

Leider ist Alexandras wertvollster Zeuge, nämlich Dulles Tripping, seit Tagen verschwunden, wahrscheinlich ausgebüchst in seinen alten Heimatort. Mit Tripping selbst darf aber nur der Verteidiger Peter Robelon reden. Seltsam ist auch das Auftauchen von CIA-Agenten im Gerichtssaal. Einer davon, ein gewisser Harry Strait, legt Vallis am Tag vor ihrer Zeugenaussage nahe, zu schweigen. Das findet Alex Cooper nicht mehr witzig. Bei ihren Nachforschungen zeigt sich, dass der Name „Harry Strait“ einem Agenten gehörte, der schon lange tot ist …

Hat die CIA Interesse daran, den Prozess zu verhindern? Offenbar hat auch die Klägerin Paige Vallis einiges zu verbergen. Diese Frage erledigt sich aber von selbst, als sie ermordet wird. Die Verteidigung freut sich schon: Damit wäre Coopers Verhandlung wohl gescheitert.

Von ganz anderer Seite taucht aber der Name „Harry Strait“ wieder auf. In Harlem wurde eine 82-jährige ehemalige Tänzerin ermordet. McQueen Ransome hatte eine schillernde Vergangenheit: Sie spionierte während des 2. Weltkriegs nicht nur für die Aliierten, sondern war auch die Geliebte des sagenhaft reichen Königs Faruk von Ägypten. In dieser Zeit hatte sie wohl Kontakt zum Vater von Paige Vallis Victor, der als Privatlehrer für Faruk, aber wohl auch für den amerikanischen Geheimdienst arbeitete …

Ihre Wohnung ist verwüstet, doch ein paar Sammlermünzen findet Alex Cooper in Queenies Schrank. Was hatte die zurückgezogen lebende, alte Dame in ihrem Besitz, dass sie dafür ihr Leben lassen musste? Und was hatte ihr Harry Strait mit jenem „Harry Strait“ zu schaffen, der Paige Vallis unter Druck setzte? Viele Spuren führen zum Geheimdienst …

_Mein Eindruck_

Der Krimi lässt sich leicht in drei Abschnitte einteilen. Das erste Drittel vermittelt den irrigen Eindruck, hier handle es sich um ein „courtroom drama“ nach TV-Zuschnitt. Zwar werden auch menschliche Schicksale verhandelt, aber der Wahrheit kommt unsere Heldin Alex Cooper (nicht zu verwechseln mit dem Musiker Alice Cooper!) kein Stückchen näher.

Nachdem sie dann ihre Mandantin verloren hat und auch der Angeklagte stark beeinträchtigt ist, ja, auch der Hauptzeuge nicht herbeizuschaffen ist, da gerät Alex‘ Fall auf interessante Abwege. Im zweiten Drittel entwickelt sich der geschichtliche Hintergrund zur eigentlichen Triebkraft der Handlung. Was erfahren wir da nicht schöne und wundersame Dinge! Der Playboyprinz Faruk ließ sich zum Taschendieb ausbilden und stibitzte Churchill die Uhr aus dem Jackett, und sein Palast enthielt einige hundert Zimmer, die nur mit Reichtümern angefüllt waren. Blöd, dass nach dem Kriegsende die Dinge schlecht für den König liefen und er anno 55 von Nasser vertrieben wurde. Ohne seine heißgeliebte „Pornographiesammlung“ – in Europa würde man „Erotica“ sagen – musste er nach Italien ins Exil reisen, wo er ein schmähliches Ende fand.

Doch der amerikanische, der britische und der italienische Geheimdienst, womöglich sogar die Nazis waren hinter etwas ganz anderem und weitaus Wertvollerem her, das Queenie hatte mitgehen lassen – oder war’s Victor Vallis? Das soll hier nicht verraten werden, um die Spannung nicht zu zerstören.

Im letzten Drittel verschlingen sich die ausgelegten Fährten zu einem spannenden, actionreichen Finale. Nachdem sie einen Hurrikan auf ihrer Wohninsel und einen Einbruch in ihr Haus überlebt hat, sieht sich Alex in den mörderischen Klauen eines Größenwahnsinnigen … Leider ist dies genau der Bursche, der mir schon zu Beginn des zweiten Drittels so verdächtig vorkam, als ich dachte, der Typ müsse mindestens zwei Sparren im Oberstübchen locker haben. Man könnte also behaupten, dass der Plot in gewissem Sinne recht vorhersehbar sei.

|Der Stil|

Dies ist ein Krimi von einer gestandenen älteren Dame, die schon fast alles von der Welt gesehen hat. Abgeklärt erscheint uns ihre Heldin, aber nicht zu burschikos, als dass sich nicht Alex an die Brust eines tröstenden und befreundeten Mannes werfen bzw. kuscheln würde. Bei Mrs. Fairstein haben Lesben keine Chance. Die Welt der Miss Cooper ist die des Gesetzes. Und dieses gibt klare Grenzen legalen Verhaltens vor sowie deutliche Handlungsanweisungen. Schade, dass dies nicht auch für die Gegenseite gilt, denn so kommt es ständig zu interessanten Konflikten.

Dies wächst sich zu einem Katz-und-Maus-Spiel zwischen den drei tapferen Gesetzeshütern Cooper, Chapman & Wallace und diversen Finsterlingen aus. So ist ständig für Action und witzige Dialoge mit typischem New Yorker Humor gesorgt, und es vergeht kaum eine Seite, auf der Alex nicht einen Anruf bekommt, der eine überraschende Wende herbeiführt oder eine hilfreiche Enthüllung bedeutet – meist genau zum Ende eines Kapitels, so dass man unweigerlich neugierig wird und weiterlesen möchte. Sehr geschickt, Mrs. Fairstein.

Die Beschreibungen der Insel Martha’s Vineyard (ausgesprochen: winjahd) belegen, dass sich die Autorin hier genaustens auskennt. Sie weiß, wie sich die Einheimischen verhalten, wenn man mal knapp bei Kasse ist, wenn mal wieder ein Sturm zugeschlagen hat oder wenn mal eine imposante Luxusjacht in den Hafen reinschippert. In vielerlei Hinsicht erscheint dadurch die Insel wirklicher als das nebulöse Manhattan, die andere Insel.

|Die Übersetzung|

Manuela Thurner verfügt nicht nur über eine sehr gute Kenntnis des US-amerikanischen Englisch und der Gerichtssprache, sondern weiß auch das Deutsche stilistisch so einzusetzen, dass sich ein sehr lesbarer Text ergibt. Viele Romantexte leben ja von der Farbigkeit der Anspielungen und erzeugen witzige Effekte durch Wortspiele und dergleichen. Damit hat Thurner keine Probleme. Und auch wenn ich gewisse Wendungen anders übertragen hätte, so kann man sich doch immer über Varianten streiten. Thurners Version ist ebenso gültig, wie es meine gewesen wäre. Für einen Übersetzer ist letztendlich immer die Verständlichkeit oberstes Gebot. Dieses Gebot befolgt Thurner durchweg. Von Setzfehlern ist der Text fast völlig frei.

_Unterm Strich_

Wer sich trotz des irreführenden Titels (siehe oben) keinen bluttriefenden Thriller à la „Schweigen der Lämmer“ erwartet hat, der wird mit einem leidlich spannenden und solide gemachten Krimi aus dem Gerichtsmilieu Manhattans belohnt. Ich fühlte mich nicht gelangweilt oder genervt, sondern die humorvoll-ironische Intelligenz, die die Autorin an den Tag legt, unterhielt mich ausgezeichnet, so dass ich nach wenigen Tagen das actionreiche Finale genießen konnte.

Zudem habe ich das Gefühl, eine Menge über US-Münzen des Jahres 1933 und über den Märchenkönig Faruk erfahren zu haben. Dass eine europäische Autorin diesen Krimi ganz anders geschrieben hätte, dürfte klar sein. Aber so ist er auch ganz gut gelungen. Die Autorin hat ihr Buch Patricia Cornwell gewidmet. Das kann ich sehr gut verstehen: Sie will zeigen, dass sie a) bei einer Meisterin gelernt hat und b) dass weibliche Amis auch gute Gerichtskrimis zustande bringen.

|Originaltitel: The Kills, 2004
Aus dem US-Englischen übersetzt von Manuela Thurner|

Lustbader, Eric Van – Drachensee (Sunset Warrior 5)

Der Amerikaner Eric Van Lustbader ist seit seinem ersten Bestseller „Der Ninja“ für spannende Unterhaltungsromane mit orientalischem, häufig japanischem Hintergrund bekannt. In der Fantasy sammelte er Pluspunkte mit seiner Trilogie um den Übermenschen Dai-San, der mehrmals die Mächte des Bösen schlägt. Sein Blutsbruder Moichi taucht in den Romanen ebenfalls auf. In „Drachensee“ spielt dieser die Hauptrolle. Dies ist das fünfte Buch in der Sunset-Warrior-Saga.

Der Dai-San-Zyklus:
1) Dai-San
2) Ronin
3) Dolman
4) Moichi
5) Drachensee

_Handlung_

Nach der entscheidenden Schlacht von Kai-feng schienen die Mächte der Finsternis besiegt, der Herr des Bösen, Dolman, wurde vom Dai-San vernichtet. Aber nun taucht auf Ama-no-mori, der Insel der rechtschaffenen Bujun-Kämpfer, die herausgeschnittene Zunge eines Makkon auf, eine jener Bestien, die die Vorreiter des Dolman waren: Die Vermutung liegt nahe, dass die Kreaturen des Chaos einen neuen Führer haben und sich anschicken, erneut die Dimension der Menschenwelt einzudringen und sie zu erobern.

Die Bujun rufen den Dai-San herbei, doch er kann nichts unternehmen. Aber seine ihn liebende Kampfgefährtin Chiisai macht sich auf, die Spur der plötzlich gestohlenen Makkonzunge aufzunehmen. In einem Slum stößt sie auf die Zauberin Kaijikan, die „Wächterin der Seelen“, und wird von ihr gefangen genommen. Kaijikan hat vor, in das Reich der Finsternis vorzudringen und mit den bösen Mächten auf der Erde zu herrschen.

Währenddessen kehrt der Blutsbruder des Dai-San, Moichi, nach vielen Jahren der Kämpfe in seine Heimat Iskael zurück, wo es aber einige Veränderungen gegeben hat. Iskael wird beherrscht von einer Geheimorganisation radikaler Fundamentalisten, die vorgeben, Terroristen zu jagen, aber dabei selbst eine blutige Herrschaft errichten. Nichts ist, was es scheint. Moichis Bruder ist einer ihrer Anführer, sein Vater ist tot, seine Schwester wurde ermordet, und das Makkon ohne Zunge geht in Ala’arat, der Hauptstadt, um.

Moichi macht sich in Begleitung seiner Geliebten, der schönen Zauberin Sardonyx, auf die Suche nach dem Mörder seiner Schwester, was ihn durch die Wüste Mu’ad führt. Dort gerät er in die Falle eines Monsters und seines Wächters. Während er mit knapper Not dem Maul des Monsters entkommen kann, ist der schlaue Wächter, der ihn hereinlegte, längst mit seiner Geliebten verschwunden. Mit knapper Not gelangt Moichi in die Wüstenstadt, wo er Sardonyx befreien kann und seinen Bruder findet. Sein Bruder Hamaan ist von Hass auf die Bewohner Adans erfüllt und führt als General der Fundamentalisten den Kampf gegen die Adaner. Doch gleichzeitig handelt er mit dem Rauschgift des weißen Lotos. Im Drogenrausch wird ein Mensch zum Berserker und kann zum Beispiel in einer Stadt wie Ala’arat Verwüstung anrichten. Als Moichi diese Wahrheit erkennt, bringt er Haman beinahe um. Sardonyx hält ihn zurück. Die ganze Wahrheit wurde nämlich noch nicht entdeckt.

Der weiße Lotos kommt aus dem verzauberten und gefährlichen Land Syrinx, das unter dem heiligen Berg der Iskameten liegt, dem Berg Sin’hai – wo nach dem Glauben der Iskameten der wahre Gott leben soll. In Syrinx trifft Moichi auf einen alten Freund seines Vaters, eine Bärengestalt. Weitere unangenehme Wahrheiten werden enthüllt. Gemeinsam mit Sardonyx erklimmen die zwei Brüder den Berg Sin’hai. Der Aufstieg dauert sehr lange und ist lebensgefährlich. Sardonyx muss ihre Zauberkünste benutzen. Oben angekommen, müssen sie feststellen, dass sich dort die Pforte befindet, durch die die Wesen der Finsternis in die Welt der Menschen eindringen! Von hier kam das Makkon, das Moichis Schwester tötete. Der legendäre Berg des Himmels ist das Tor zur Hölle.

_Mein Eindruck_

„Drachensee“ enthält deutliche Anspielungen auf das Alte Testament – das Volk von Iskael, das vor der Versklavung durch die Adaner von Gott durch die Wüste geführt wurde und sich am Fuße des Berges Sin’hai niederließ; der Bruderkonflikt zwischen Moichi und Hamaan; die Relativität von Gut und Böse. Aber auch magische Verwandlungen kommen vor, allen voran die Verwandlung Chiisais in einen Drachen, und auch das uralte Wesen in Syrinx ist ein Gestaltwandler.

„Drachensee“ hat nicht nur tragische Tiefe, sondern auch eine tiefe historische Dimension, eben durch das Syrinxwesen, durch die Erkundung der Wahrheit der Überlieferungen. Und so wird Moichi klar, dass nichts ist, was es zu sein scheint – nicht einmal seine eigene Geliebte. Ein Narr ist der, der sich vorschnell zu Schlussfolgerungen hinreißen lässt – wie Hamaan – und so ein Opfer seiner eigenen Voreingenommenheit wird: Hamaans Leute haben ein Terrorregime in der Stadt errichtet, die sie zu schützen vorgeben. Das erinnert an gewisse Organisationen der Palästinenser, etwa die Hammas.

Wer die Dai-San-Trilogie mochte, wird von „Drachensee“ nicht enttäuscht werden. Action, Suspense und Überraschungen – davon gibt es genügend.

|Originaltitel: Dragons on the Sea of Night, 1997
Aus dem US-Englischen übertragen von Bernhard Liesen|

John Halliday – Gewitterfische

Alles beginnt in einer schwülen Augustnacht. In dieser Kirmesnacht schlägt der Blitz in dem Städtchen Westlake ein, obwohl es dort um diese Zeit des Jahres eigentlich nie Gewitter gibt. Es ist die Geburtsstunde von Josh und Rainy, die sich elf Jahre später in der 5. Klasse zum ersten Mal begegnen. Josh, so prophezeit seine Tante, wird die Geschicke der kleinen Stadt nachhaltig verändern. Rainy, Bigfoot, Kate und der Goldfisch Elvis spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Der Autor

John Halliday ist von Beruf Bibliothekar und lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Charlottesville, Virginia. Dies ist sein zweiter Roman. (Verlagsinfo)

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Lustbader, Eric Van – Weiße Ninja, Der

„Der weiße Ninja“ ist ein spannender Fernost-Thriller, wie sie um 1990 in Mode waren. Typisch für Lustbader: die Mischung aus japanischer Kampfkunst und Mystik, heißem Sex, modernster Computertechnik und skrupelloser Gewalt. Nicholas Linnear, der amerikanische Ninja, tritt hier das dritte Mal auf, nach dem Weltbestseller „Der Ninja“ und dessen Folgeband „Die Miko“. Da ich Lustbaders Mischung mag, fand ich auch diesen Roman gut.

_Handlung_

Nicholas Linnear, der Held von Lustbaders erstem Roman „Der Ninja“, hat diesmal ein echtes Problem: Er hat nach einer Hirnoperation seine Ninja-Fähigkeiten verloren – daher der Titel: Linnear ist nun ein „Weißer Ninja“. Hilflos ist er den Attacken eines vermummten Angreifers mit beinahe magischer Kampftechnik ausgeliefert. Seine amerikanische Frau Justine, die er noch in „Der Ninja“ retten konnte, ist durch Nicks seelische Verkrüppelung verzweifelt und bangt um den Fortbestand ihrer Ehe. Sie wendet sich an Nicks engsten Partner, Tanzan Nangi, den Boss von Sato Industries.

Doch Nangi, ein zum Katholizismus konvertierter Japaner, sieht sich selbst wiederum wegen seiner engen Geschäftspartnerschaft mit dem Amerikaner Linnear Repressalien seitens des Hofrates des Kaisers augesetzt, der eine Politik des „Japan den Japanern“ verfolgt und Ausländern wie Linnear keine Macht über japanische Firmen gönnt. Nangi muss den Erpresser hinhalten und insgeheim Recherchen anstellen. Diese Suche führt zu einem Hacker, der einen Virus in Satos Computernetz eingeschleust hatte …

Als wären all dies noch nicht genug Scherereien, macht ein psychopathischer Killer Tokio unsicher. Er killt mit Vorliebe junge Frauen, nachdem er sich an ihnen vergangen hat. Wir erfahren auch schon im ersten Kapitel die Identität des Mörders: Es ist ausgerechnet der Leiter der Tokioter Mordkommission, Senjin Omukae. Und nun hat er sich als nächstes Ziel Nicholas Linnear auserkoren. Doch warum?

Die Antwort scheint im 19. Jahrhundert zu liegen, bei Nicholas‘ Großvater mütterlicherseits. So-Peng hatte einen Freund und Halbbruder, Zhao Hsian, der sich gegen ihn wandte. Denn Zhao war zu einem Tanjian geworden, einem atheistischen Mönch aus Nordostchina. Die Tanjian sind die Vorläufer der heutigen Ninja und verfügen über noch größere Leistungsfähigkeit im Kampf, unter anderem auch über Hypnose.

So-Pengs Mutter Liang hatte den Tanjian-Orden unerlaubt verlassen, um noch einmal zu heiraten. Diesen „Verrat“ trägt Zhao seiner Mutter sehr nach, und So-Peng muss sie beschützen. Außerdem geht es um 16 Smaragd-Edelsteine in einem Kästchen, denen die Tanjian magische Eigenschaften zuschreiben. Diese Steine befinden sich, als Erbstück So-Pengs und seiner Tochter, immer noch unversehrt in Nicholas Linnears Besitz. Ist sein Angreifer hinter ihnen her, um dem Tanjian-Orden wiederzubeschaffen, was ihm einst gehörte – oder hat er eigene Pläne? Und ist Senjin Omukae identisch mit Nicks Angreifer?

Der Leser bangt mit, ob und wie es Nicholas gelingt, seine Ninja-Kräfte wiederzuerlangen und dem Tanjian-Angreifer und dessen dunklen Kräften Paroli zu bieten. Unterdessen bereitet Senjins Schwester Shisei in Washington, D.C., einen üblen Schlag gegen Amerikas neuestes Supercomputerprojekt vor, in das Tanzan Nangi mit Nicholas Linnear einsteigen möchte.

_Mein Eindrücke_

Diese Skizze des Handlungsverlaufs mag ein wenig verworren wirken. Das ist vielleicht zum Teil meine Schuld. Andererseits besteht die Erzählung des Romans aus zahlreichen parallel verlaufenden Strängen, und so macht es der Autor dem Leser nicht einfach, den Überblick zu behalten. Da muss man sich mit dem Lesen schon ranhalten, um nicht zu vergessen, wer nun was weiß und wie der- oder diejenige mit den anderen verknüpft ist. Das Personal ist umfangreich, nicht nur in der erzählten Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit.

Der Roman funktioniert auf mehreren Ebenen. Er schildert einen Wirtschaftskrieg mit modernsten technologischen Mitteln, nämlich mit Computerviren. Diese Auseinandersetzung hat nationalistische Gründe: Japan gegen USA.

Auf einer weiteren Ebene erzählt das Buch von einer hundert Jahre andauernden Familienfehde, die kulminiert, als ein hoch begabtes Zwillingspaar – Senjin und Shisei – zwar unter Lügen erzogen wird, aber dennoch enorme Macht erlangt, um zu manipulieren und zu zerstören. Senjin greift sogar nach der Unsterblichkeit, die er mit Hilfe der magischen Tanjian-Smaragde erlangen will. Insofern ist das Buch ein spannendes Psychodrama, vor allem als sich Shisei ändert.

Und schließlich geht es um die Selbstfindung der Hauptfiguren, Nicholas Linnears und seiner Frau Justine. Sie müssen beide in der Krise herausfinden, wer sie wirklich sind. Nick etwa muss die Existenz seiner dunklen Seite anerkennen und akzeptieren: Auch er ist ein Tanjian, wenn auch ohne Ausbildung. Und Justine erkennt, dass ihr Japan immer etwas fremd bleiben wird und kehrt nach Amerika zurück.

Für mich am interessantesten war nicht nur, wie Nicholas und Nangi das gigantische Komplott abwehren, das der Hofrat unter Leitung von Kusunda Ikusa gegen Sato International und den amerikanischen Hive-Computer vorträgt. Noch interessanter sind die fernöstlichen Geheimlehren wie Tanjian, Tau-tau und Ninjutsu, die ihren Anhängern scheinbar übermenschliche Kräfte verleihen.

Denn in einem Punkt unterscheidet sich dieses Buch gewaltig von „Der Ninja“: Es findet kein einziger Schwertkampf statt. Vielmehr sind die meisten Kämpfe geistiger Natur und die Schläge werden meist unbewaffnet, aber genauso wirkungsvoll geführt.

Auch in erotischer Hinsicht finden Auseinandersetzungen statt: Sex als Waffe – das ist Shiseis Metier, als sie amerikanische Senatoren manipuliert. Wir erfahren, dass sie mehrere entsprechende Schulen besucht hat, darunter einen Geheimclub namens „Goldene Wolke“, in dem Frauen Männer spielen, um optimal als eine Geisha dienen zu können.

|Kritikpunkte|

Das Buch leidet in seiner Ernsthaftigkeit an einem Mangel an Humor – na ja, kein Wunder, wenn’s ständig ums Überleben geht. Darüber hinaus sprechen die meisten Akteure im gleichen Tonfall, in wohlgesetzten Worten, egal aus welcher Schicht oder Region sie stammen. Aber das mag auch an der alles einebnenden Übersetzung liegen.

Der Übersetzer Sepp Leeb, ansonsten zuverlässig und kenntnisreich, hat leider mehrere Flüchtigkeitsfehler begangen, so etwa vertauscht er einmal „Täter“ durch „Opfer“. Wer aufmerksam liest, wird mehrmals fündig werden.

_Unterm Strich_

„Der Weiße Ninja“ ist ein spannender Fernost-Thriller, der bei aufmerksamer Lektüre ein wirklich lohnendes Buch ist und kurzweilige Unterhaltung verschafft. Nebenbei lernt man noch einiges über Japan und den Fernen Osten. Wer aber wissen will, wie man Karate einsetzt, der ist hier falsch. Im Gegenteil: „80 Prozent der Elemente einer Kampfsportart sind geistiger Natur“, lässt der Autor sagen und im nächsten Satz Karate in Grund und Boden verdammen. „Dann schon lieber Aikido.“ Mist! Ich konnte nur Jiu-jitsu.

|Hinweis|

Die nächsten Abenteuer Nicholas Linnears hat Lustbader in der Floating-City-Trilogie erzählt. Die Trilogie besteht aus den Romanen „Der Kaisho“, „Okami“ und „Schwarzer Clan.“ Sie sind alle bei |Heyne| im Taschenbuch erschienen.

|Originaltitel: White Ninja, 1990
Aus dem US-Englischen übertragen von Sepp Leeb|

Lustbader, Eric Van – Schwarzes Schwert

Die Konfrontation zwischen Japan und den USA in Sachen Wirtschaft und Technik erscheint in diesem Fernost-Thriller noch unausweichlich. Heute malen Autoren wie Tom Clancy eher die Chinesen als den Schwarzen Mann an die Wand.

_Hintergrund_

Bereits vor „Weißer Engel“ war Lustbader als Thriller-Spezialist bekannt: Sein erstes Buch, „Der Ninja“, wurde 1987 ein Weltbestseller. Ich selbst halte es für genial, doch zog es auch eine Welle billiger Ninjafilme nach sich. Der Autor selbst garantiert als Fernostexperte – insbesondere in Sachen Vietnamkrieg und japanischer Kultur – einen exotischen Nervenkitzel, der nicht an der Oberfläche bleibt, sondern den Leser mit den Wurzeln der japanischen und amerikanischen Zivilisation vertraut macht. So auch in „Schwarzes Schwert“.

_Handlung_

Seit Pearl Harbor 1941 stehen sich Japan und die USA als Konkurrenten um den Einfluss im pazifischen Raum gegenüber. Nach Kriegsende wurde Japan von den Amis wieder auf die Beine gebracht, doch die Japse haben mit ihrer Unterhaltungselektronik und den Computerchips die US-Wirtschaft in eine Abhängigkeit gebracht, die nun, in den 90ern, gefährlich wird.

Denn ein kleiner, aber machtvoller Geheimzirkel in Japan namens der „Bund der Schwarzen Klinge“ schickt sich an, die USA in die Knie zu zwingen. Alles, was dazu nötig ist, sind ein paar Morde an allzu liberalen Senatoren und allzu neugierigen Polizisten.

… Polizisten wie Wolf Matheson, der als Chef einer Sonderabteilung der New Yorker Polizei auf mehrere absonderliche Morde stößt, bei denen sein eigenes Leben und das seiner Männer auf dem Spiel stehen. Die Opfer sind zuerst von einem blauen Leuchten umgeben sowie von großer Hitze und platzen dann auf, so dass sie am Blutverlust sterben.

Als Wolf den Mord an einem Geschäftsmann mit japanischen Connections aufklären soll, ergibt sich die Verbindung zur CIA, aber auch zum Bund der Schwarzen Klinge. Nun wird die Luft für Wolf ziemlich dünn. Und er weiß überhaupt nicht, was er von der Freundin des toten Geschäftsmanns halten soll, Chika, die über das Zweite Gesicht und eine machtvolle Aura verfügt – genau wie Wolf.

Ein alter amerikanischer Tycoon zieht in Washington und New York die Fäden, an denen Wolf hilflos zappelt. Thornburg Conrad III ist ein geschworener Feind des Bundes der Schwarzen Klinge, seitdem er deren Angehörige Minako in Vietnam getroffen hatte: Damals war er auf das Geheimnis der ewigen Jugend gestoßen, das Minako und ihresgleichen zu extrem hohem Alter verholfen hat. Chika ist Minakos Tochter.

Nun zwingt er Wolf Matheson in eine aussichtslose Position, in der diesem nichts anderes übrig bleibt, als mit Chika nach Japan zu fliegen und für die CIA, die Thornburg vorgeschoben hat, den Bund der Schwarzen Klinge zu vernichten. Da Thornburg selbst das Geheimnis ewiger Jugend in einer illegalen Klinik ergründet, hätte er dadurch mehrere Vorteile: Die amerikanische Wirtschaft wäre gerettet, die japanische Wirtschaft und Kultur würden sich noch weiter dem Westen öffnen und Thornburg könnte bis ans Ende seiner noch verbleibenden Tage die Früchte dieses Wachstums genießen, sprich: den Profit einheimsen.

Natürlich kommt nichts davon so, wie der alte Fuchs es plant. Denn Chika stellt sich auf Wolfs Seite und hilft ihm. Am Schluss ist der skrupellose Thornburg fast (!) ebenso tot wie sein Sohn Ham und seine junge Frau Tiffany. Auch die Anführerinnen der Schwarzen Klinge sind aus dem Weg geräumt, Minako und die Ehrwürdige Mutter. Mehrere packende Showdowns zeigen, welche Bedrohung von solchen Beherrschern dunkler Geisteskräfte ausgeht.

Auf verblüffende Weise ermöglichen Wolf und Chika schließlich die Verschmelzung von menschlichem Bewusstsein und künstlicher Intelligenz zu einem neuen Computerbewusstsein, das ein wenig in die Zukunft schauen und Wolf helfen kann. Dieses „Orakel“ sollte natürlich ebenfalls von der Schwarzen Klinge zweckentfremdet werden. Was erneut zeigt, welche Ähnlichkeit zwischen Macht und einer Schwertklinge besteht: Man kann damit einen Menschen köpfen, aber auch eine Orange schälen.

_Mein Eindruck_

Vielleicht nicht der allerbeste Lustbader, aber einer der packendsten und unterhaltsamsten. Dieser Fernost-Thriller mit Hightech- und Mystik-Appeal hat alle Elemente, die man sich von einem echten Lustbader erhofft: Spannung und Action, Tempo und Schrecken, Sex und Sinnlichkeit, die rätselhafte Welt Japans mit ihren unheimlichen Geisteskräften – und schließlich jene Männer und Frauen, die einen schier aussichtslosen Kampf aufzunehmen bereit sind.

Lustbader ist einfach zu gut, als dass er sich mit oberflächlichen Actioneffekten begnügen würde. So erweckt er die Handelnden zu lebendig erscheinden Charakteren, deren seelische Entstehung aus ihrer Lebensgeschichte erklärt wird. Dies gilt ganz besonders für Wolf Matheson, die Hauptfigur. Sein Großvater hatte ihn als indianischer Schamane das geistige Fliegen gelehrt, während sein Vater als Texas Ranger und Opalschürfer ein Grenzpionier von altem Schrot und Korn ist (wenn auch auf verlorenem Posten). Die dadurch ererbten und später ausgebauten Fähigkeiten der Eigenständigkeit und des geistigen Übersichhinauswachsens kann Wolf beim Endkampf gegen den Bund der Schwarzen Klinge zu seinem Vorteil einsetzen. Sie erscheinen daher nicht aufgesetzt oder behauptet, sondern notwendig und folgerichtig.

Mit dem Aspekt der Hochtechnologie verleiht Lusbader seinem Buch einen aktuellen Aspekt, der das Interesse der Generation von |Wall Street|-Maklern und Software-Ingenieuren anspricht. So haben nicht nur mystikbegeisterte Japan-Fans, sondern auch westliche Normal-Leser etwas davon. Die knapp 540 Seiten hab ich in wenigen Tagen verschlungen.

Gestört haben mich nur die spekulativen Aspekte an der KI, dem „Orakel“, einem biologischen Computer, der noch nicht erfunden ist. Allerdings gibt es in dieser Richtung bereits heute zahlreiche Forschungsansätze. Lustbader hat hier nur ein wenig in die Zukunft extrapoliert. Das Gleiche gilt für die Gentherapie, die Thornburg Conrad III so skrupellos erforscht. Was das Zweite Gesicht und die energievolle Aura betrifft, so möchte ich nicht ausschließen, dass esoterische Geheimbünde diese geistig-körperlichen Kräfte lehren.

|Originaltitel: Black Blade, 1992|

Farmer, Philip José – Fleisch. Drei Romane

„Fleisch“, ein Sammelband aus drei Romanen, enthält zwei Episoden um den Detektiv Herald Childe, der einer Horde grausamer Außerirdischer anheimfällt, sowie die Abenteuer eines gewissen Peter Bock, dem „Sonnenhelden“. Die Romane gelten als die „enfants terribles“ unter den Science-Fiction-Romane der sechziger Jahre. In Deutschland wurden sie zunächst nur vereinzelt und dann zusammengefasst in dem Band „Fleisch“ bei |Heyne| veröffentlicht. Das |Area|-Buch ist eine Neuausgabe dieser |Heyne|-Fassung: nun als „Fantasy“ statt „Science Fiction“!

_Der Autor_

Philip José Farmer wurde bereits 1918 in North Terre Haute, Indiana, als Nachkomme von deutschen, niederländischen und irischen Vorfahren geboren. 1946 verkaufte er eine Kriegserzählung an das Magazin „Adventure“, sein erster Roman „The Lovers“ (Die Liebenden) erschien 1952 in „Startling Stories“ und brachte zum ersten Mal das Thema Sexualität in die (eher prüden) Science-Fiction-Magazine seiner Zeit ein. Danach galt er als Tabubrecher. Viele seiner Werke zeichnen sich durch unterhaltende Themen und Erzählweise sowie durch Ideenreichtum aus. Das gilt auch für „Fleisch“, den vorliegenden Sammelband.

_Hintergrund_

Der Sammelband enthält die drei Romane „Die Verkörperung des Bösen“ (The Image of the Beast), „Außer Atem“ (Blown) und „Fleisch“ (Flesh). Er stellt einen zusammengehörigen „Exorzismus“ dar, der mit den drei Büchern in drei „Ritualen“ ausgeführt wird. Man fragt sich allerdings, was denn hier exorziert werden soll.

Nach der Liberalisierung der amerikanischen Zensurgesetze Ende der 60er Jahre gab der Verlag |Essex House|, der sonst Pornos veröffentlichte, Farmer den Auftrag, drei erotische Fantasy-Romane zu schreiben. Der erste gelieferte Roman, „The Image of the Beast“ (1968), ist eine wirkungsvolle Parodie auf die Detektivgeschichten und Schauermärchen seiner Zeit. „Blown, or Sketches among the Ruins of my Mind“ (1969) ist die obligatorische Fortsetzung dazu, zeitlich ein Jahr später angesiedelt. Beide wurden 1979 zusammengelegt und in einem Band herausgegeben.

Das dritte Exorzismus-Buch, „Traitor to the Living“ (1973), wurde nicht von |Essex House| veröffentlicht. Vielmehr wurde der Vertrag mit dem Verlag durch die Lieferung von „A Feast Unknown: Volume IX of the Memoirs of Lord Grandrith“ (1969) erfüllt. Der Essex-Deal half Farmer dabei, wieder Vollzeitschriftsteller zu werden – das erste Mal seit 1961, der Veröffentlichung von „The Lovers“ und dessen Fortsetzung „Timestop“ (Story 1960 als „A Woman a Day“, als Buch 1968/1970).

Wie man sieht, ist „Flesh“ nicht im originalen „Exorzismus“ enthalten! Es erschien im Original bereits 1960, in Deutschland zuerst in einer stark gekürzten Fassung 1971 unter dem Titel „Der Sonnenheld“ bei Heyne, übersetzt von Birgit Reß-Bohusch. Diese Fassung wird dem Original keineswegs gerecht.

_Handlungen_

|“Image of the Beast“|

Los Angeles leidet seit Tagen unter Smog; er ist so übel, dass kaum etwas zu sehen ist, wenn man eines der wenigen erlaubten Autos fährt, z. B. als Detektiv Herald Childe. Durch seine Kontakte bei der Polizei bekommt er einen Film vorgeführt, in dem einem Polizisten das Geschlechtsteil abgebissen wird. Ein Dracula-Typ tut sich ebenfalls an ihm gütlich. Es gibt weitere Opfer, so etwa einen reichen Geschäftsmann. Childe soll diesen Fall klären. Er recherchiert bei einem Horrorfan namens Woolston Q. Heepish (er taucht auch in „Blown“ wieder auf). Der Tipp führt zu Barons Igescus gut bewachter und weitläufiger Villa in Beverly Hills, in der eine tote Mexikanerin spukt. Außerdem gibt es Werwölfe und andere Gestaltwandler. Baron Igescu ist bereit, ein Interview zu geben, doch Childe wird ein Opfer der sexuellen Gelüste der Hausbewohner, zum Beispiel des Gespenstes. Igescu erklärt, dass die Gestaltwandler ursprünglich aus einer anderen Dimension bzw. Parallelwelt kommen und auf Erden eine ihnen genehme Form angenommen haben. Childe treibt es mit mehreren Bewohnern, bringt einige davon um – darunter Igescu – und setzt die Villa in Brand. Auf der Flucht bemerkt er drei schwarz gekleidete Männer, die zur Villa fahren. Der Smog verschwindet.

|“Blown“|

Es regnet seit Tagen in LA – Überschwemmungen, Erdrutsche sind an der Tagesordnung. Die drei schwarz gekleideten Männer stellen sich Childe als Angehörige einer mit Igescus Leuten konkurrierenden Alienspezies, der Toc, vor, die ebenfalls erdübliche Körper akquiriert haben. Childe ist mittlerweile Student an der Uni. Als seine verschwundene Ex-Frau Sybil wieder auftaucht, wird er misstrauisch. Sie stellt sich als Angehörige der Toc heraus, als Childe von den Gegnern der Toc entführt und mit Sybil zusammengesperrt wird.

In der Zwischenzeit vermisst der berühmte amerikanische Sammler von SF- und Fantasy-Memorabilien Forrest J (ohne Punkt) Ackerman sein neu erstandenes Dracula-Porträt. Er findet es in der Nachbarschaft bei seinem Konkurrenten Woolston Q. Heepish, bei dem sich ein paar Außerirdische einquartiert zu haben scheinen. Forry schließt sich den Toc an und unternimmt mit ihnen einen Überfall auf das Hauptquartier des Gegners. Er kommt genau rechtzeitig, um die Hauptzeremonie zu stören, in deren Verlauf Herald Childe, ein, wie sich herausstellt, Alienabkömmling, den Gral wiederherstellen soll, mit dessen Hilfe die Aliens wieder nach Hause kommen. Doch auch die Toc wollen den Gral. Chaos entsteht, als ein Erdrutsch das Haus wegreißt. Forry und Childe überleben, aber der Gral ist unter Tonnen von Schlamm begraben. Dumm gelaufen!

|“Flesh“|

Jeder kennt das Szenario von „Planet der Affen“: Eine Raumschiffcrew kehrt nach Hunderten von Jahren der Raumerkundung zu einer völlig veränderten Erde zurück. So auch hier. Nach 800 relativen Jahren kehrt Peter Bock (Stagg im Original; engl. stag: männl. Hirsch) an die amerikanische Ostküste zurück. Nach einer Reihe von globalen Katastrophen, die nur wenige Völker überlebt haben, ist die meiste Hochtechnologie verloren gegangen, aber Biotechnik funktioniert gut, zum Beispiel in der Medizin.

Antike Fruchtbarkeitriten wurden eingerichtet, um das Bevölkerungswachstum anzukurbeln. Die Große Weiße Mutter Columbia (eine satirische Anspielung auf den „Großen Weißen Vater“ der Indianer, der in Washington regiert) setzt jedes halbe Jahr einen „Sonnenhelden“ ein, der auf einer Tour durch das Territorium von „Dici“ (= D.C.) zahlreiche Jungfrauen zu schwängern hat. Die Staatsreligion ist in der weiblichen Priesterschaft und ihren Unterorganisationen sowie in den Totem-Stämmen für die Männer organisiert. Unfruchtbaren Frauen – sie sind demzufolge besonders unglücklich – stehen entsprechende Tempel zur Verfügung, wo sie versuchen können, von den männlichen Besuchern schwanger zu werden.

Durch ein ihm aufgepflanztes Geweih wird Peter Bock zu einem wahren Sexprotz. Leider kann er nicht damit aufhören, selbst wenn er es wollte, da die Hormone, die das neue Geweih produziert, ihn zu höchster Geilheit zwingen. Am Ende seiner Tour soll er der Todesgöttin geopfert werden, erfährt er. Er macht sich aus dem Staub und wird entführt.

In der Zwischenzeit heiratet Churchill, einer seiner Offiziere, die Tochter eines erfolgreichen Dici-Geschäftsmanns. Seine ironische Belohnung: Er soll Schweinezüchter werden. Auf dem Flitterwochenausflug wird er Opfer von Piraten aus Karelien; deren Chef kann er aber überlisten, so dass er sein Raumschiff wiederbekommt, seine Kameraden befreien und den entführten und umgekommenen Peter Bock wiederbeleben und mitnehmen kann. Die Crew fliegt weiter, mitsamt der neuen – mehr oder weniger freiwillig – gewonnenen Frauen.

Leider hat es der fundamentalistisch eingestellte Christ Sarval aus Bocks Mannschaft nicht geschafft, mit dem Dici-System zurechtzukommen: Seine Bekehrungsversuche zur Keuschheit waren nicht gerade willkommen, und die Einwohner knüpften ihn kurzerhand an einem Laternenpfahl auf. Im „Nachspiel“ treten die drei Hexen aus Shakespeares „Macbeth“ auf: die Jungfrau, die Matrone und die Todesgöttin/Hexe. Offensichtlich sind es ihre Organisationen, die das Schicksal der neuen Männer bestimmen werden.

_Mein Eindruck_

Während sich die Sexszenen in den ersten zwei Romanen in Ausführlichkeit und Deutlichkeit, wenn auch nicht in Häufigkeit gefallen, so gibt es sie in „Flesh“ praktisch nicht. Im Gegenteil: Peter Bock und seinen Mannen legen sich zahlreiche Hindernisse in den Weg, bevor sie ihrer Lust frönen könnten: moralische Tabus ebenso wie wild gewordene Baseballspieler.

Farmer hat in den zwei ersten satirischen Romanen Detektive, SF-Sammler, Schauermärchen und Gralssuchende auf die Schippe genommen. Selbst erotische Frauen fallen auseinander, wenn Childe ihnen zu nahe kommt. In „Flesh“ attackiert er dann den heiligen Nationalsport Amerikas: Baseball. Er zeigt, wie unglücklich sich die Umstände für die christlichen Fundamentalisten ändern können. Das Kapitol, die Hochburg der Priesterinnen, weist nun zwei busenförmige Kuppeln auf – eine Entweihung der Hauptstadt der Nation. Dreimal darf man fragen, welche Form der Obelisk des Washington Monuments hat. Dass in den Straßen barbusige, aber verschleierte Frauen auftauchen, reißt den an moderne Kost gewöhnten Leser nicht mehr vom Hocker.

|Das Titelbild|

… stammt von Boris Vallejo, einem der bekanntesten Illustratoren der Welt. Als Modell dient ihm meist seine Lebensgefährtin Julie, die selbst ebenfalls illustriert. Sie haben eine wunderschöne Website, auf der sie ihre Werke anbieten und verkaufen: http://www.imaginistix.com.

_Unterm Strich_

Sicherlich sind die drei Romane Geschmackssache, und der ändert sich erstens von Mensch zu Mensch und zweitens von Epoche zu Epoche. Pornographie sind sie nach heutiger Definition nicht, eher schon Science-Fantasy mit einem satirischen Rundumschlag auf liebgewordene Klischees und SF, Fantasy, Sexualität und amerikanischem Nationalismus.

Der Preis von knapp zehn Euro erscheint mir für heutige Verhältnisse recht preisgünstig. 1989 kostete der |Heyne|-Sammelband DM 16,80. Inzwischen haben sich die Preise für Taschenbücher mindestens verdoppelt. Dennoch erhält der Käufer den gleichen Gegenwert wie damals.

Auch so mancher andere Titel aus der Reihe „Area Fantasy“ im März 2005 ist einen Blick wert. Bekannte Zyklen von Poul Anderson („Das Schwert des Nordens“) und Alan Dean Foster („Bannsänger“) sowie Roger Zelazny („Die Prinzen von Amber“), die längst Kult sind und lange vergriffen waren, finden nun ihren Weg wieder auf den Markt.

|Originaltitel: Image of the Beast/Blown/Flesh, 1968/69/60
Aus dem US-Englischen übersetzt von Ronald M. Hahn|

http://www.area-verlag.de/

Pratchett, Terry – Kleine Freie Männer. Ein Märchen von der Scheibenwelt

_Lehrreiche Rettungs-Expedition ins Feenland_

Nachdem ein Wasserdämon fast ihren kleinen Bruder Willwoll entführt hat, wendet sich das Milchmädchen Tiffany Weh an eine professionelle Hexe. Miss Tick gibt ihr nach vielen neugierigen Fragen einen wertvollen Ratgeber: eine Kröte. Als ihr Bruder aber wirklich entführt wird, braucht Tiffany mächtigere Verbündete.

Da trifft es sich gut, dass die Wir-sind-die-Größten, kleine blauhäutige, saufende, stehlende und kämpfende Gnomen, eine Hexe suchen. Durch ihre Heldentat gegenüber dem Wasserunhold hat sich Tiffany eindeutig als solche qualifiziert und kriegt den Job. Zusammen nehmen sie es mit der grausamen Feenkönigin auf, deren Welt dabei ist, in unsere einzudringen, um Träume zu stehlen.

_Der Autor_

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynn sind wahrscheinlich die produktivsten Schreiber humoristischer Romane in der englischen Sprache – und das ist mittlerweile ein großer, weltweiter Markt. Obwohl sie bereits Ende der siebziger Jahre Romane schrieben, die noch Science-Fiction-Motive verwendeten, gelang ihnen erst mit der Erfindung der Scheibenwelt (Disc World) allmählich der Durchbruch. Davon sind mittlerweile etwa drei Dutzend Bücher erschienen, auf Deutsch zuletzt „Weiberregiment“.

Nachdem diese für Erwachsene – ha! – konzipiert wurden, erscheinen seit 2001 auch Discworld-Romane für Kinder. Den Anfang machte das wundervolle Buch [„Maurice, der Kater“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=219 („The Amazing Maurice and His Educated Rodents“), worauf „Kleine Freie Männer“ folgte. Die Fortsetzung von „Kleine Freie Männer“ trägt den Titel „A Hatful of Sky“.

Doch auch andere Welten wurden besucht: ein Kaufhaus, in dem die Wühler und Trucker lebten, und eine Welt, in der „Die Teppichvölker“ leben konnten. Die Wühler-Trilogie „The Bromeliad“ soll zu einem Zeichentrickfilm gemacht werden. Mehr Infos unter www.lspace.org (ohne Gewähr).

_Handlung_

Die neunjährige Tiffany Weh ist eigentlich ein einfaches Milchmädchen, das auf der Farm seiner Eltern für die Herstellung von allerlei Milchprodukten wie etwa Käse oder Butter zuständig ist. Aber Tiffany hat zwei Vorteile im Überlebenskampf: ein ausgeprägtes Denkvermögen und eine Großmutter, die wohl so etwas wie eine Hexe war.

Tiffany erinnert sich so häufig an die Granny Weh, dass diese zu einer weiteren Hauptfigur wird. Und obwohl Granny nur eine einfache Schäferin war, die in der Region mit dem Namen Die Kreide, wo Tiffany lebt, Schafe hütete, war sie wohl auch so etwas wie eine göttliche Instanz: Sie war die Verkörperung des Landes. „Das Land ist in meinen Knochen“, pflegte die Omi Weh zu sagen. Und davor hatte selbst der Baron Respekt. Besonders dann, wenn Granny drohte: „Es wird eine Abrrrechnung geben.“ Und ihre zwei Schäferhunde Donner und Blitz knurrten dazu.

Nun liegt Tiffany am Forellenbach und kitzelt Forellen. Eigentlich sollte sie auf ihren kleinen Bruder Willwoll aufpassen, der in der Nähe spielt, aber die Forellen lachen so schön. Bis ein grüner Wasserdämon auftaucht, der ein allzu lebhaftes Interesse an kleinen Babybrüdern zeigt. Tiffany zieht Jenny Grünzahn mit der Bratpfanne eins über, bis der Dämon das Weite sucht.

Diese Heldentat bleibt keineswegs unbeachtet.

|Die Hexe|

Aber was haben Ungeheuer hier zu suchen? Wenige Tage später wandert Tiffany in das nächste Dorf, um zur Schule zu gehen und die Antwort auf diese Frage herauszufinden. Sie hat Glück. Mehrere Wanderlehrer haben am Rande des Marktplatzes ihr Zelt aufgeschlagen, in dem sie Unterricht geben. Bezahlt wird in Naturalien. Doch Tiffany ist weder an „Geokrafie“ noch an Rechtschreibung („Spaß mit Klammern!“) interessiert, sondern sucht eine Hexe. Das winzige Schild an dem Zelt, auf dem steht „Ich kann dich eine Lektion lehren, die du so schnell nicht vergisst“ erscheint ihr vielversprechend.

Sie fragt die Hexe, die sich „Miss Tick“ nennt (wie in „Mystik“), wie sie ebenfalls eine Hexe werden könne. Sie wolle nämlich solche Wasserdämonen, die es nur in Märchenbüchern gibt, loswerden. Wie interessant, denkt Miss Perspicazia Tick. Sie war eine der Personen, die bei Tiffanys Heldentat zugegen waren. Bei ihrer Erforschung des Universums war sie auf eine drohende Gefahr gestoßen: Eine andere Welt kollidierte mit ihrer eigenen und drang in sie ein. Das könnte unangenehm werden. Bemerkenswert, dass ausgerechnet jetzt Tiffany auftauchte.

Ohne allzu viel erfahren zu haben, geht Tiffany nach Hause. Doch sie hat von Miss Tick einen Schatz mitbekommen, der sich noch als sehr wertvoll erweisen soll: eine sprechende Kröte. Eine verwunschene Kröte. Eine Kröte, die alle möglichen Dinge weiß und sogar fremde Sprachen übersetzt. Sozusagen ein organischer PDA mit Spracheingabe. Von der Kröte erfährt Tiffany von der bevorstehenden Kollision der Welten.

|Die „Wir-sind-die-Größten“|

Um die Dinge ins Rollen zu bringen, ist aber noch etwas nötig: die titelgebenden Kleinen Freien Männer. Sie haben blaue, weil tätowierte Haut (wie die historischen Pikten), knallrote Bärte, tragen Schottenrock und Schwert, reden seltsames Schottisch (nicht in der Übersetzung, logo) – und sind ungefähr fünfzehn Zentimeter groß. Und da sie gerade eine Hexe suchen, haben sie sich in Tiffanys Molkerei eingefunden. Warum gerade Tiffany Weh? Sie haben ihre Heldentat am Bach beobachtet und sich gedacht: Wir haben unsere Hexe gefunden!

Ihr Anführer stellt sich ihr als Rob Irgendwer Größter (= Rob Anybody Feegle) vor und sein Volk als die Wir-sind-die-Größten. Sie haben keinen König, keine Königin, keinen Herrn – daher sind sie die Kleinen Freien Männer. Sie haben, wie sich später herausstellt, nur vor zwei Dingen Angst: vor ihrer früheren Chefin, der grausamen Königin von Feenland, und vor — Anwälten.

|Das Feenland|

Als Tiffanys Bruder Willwoll wenig später spurlos verschwindet, weiß sie, an wen sie sich um Hilfe wenden kann: die Größten. Rob Irgendwer berichtet ihr, dass es höchstwahrscheinlich die Königin des Feenlandes war, die Willwoll entführt hat. Und es gibt nur einen Weg, in das Feenland zu gelangen: Nur eine echte Hexe kennt die Türen in die andere Dimension, wo die Zeit ein wenig verschoben ist.

Auf der Landschaft namens Die Kreide stehen Megalithen in rauen Mengen herum. Ob sie nun einen König oder einen Schatz beherbergen oder nur zur Beobachtung der Sterne dienten, das ist Tiffany wurscht. Solch ein Megalithentor fällt ihr schon bald auf: Erstens haut es mit dem Verlauf der Zeit nicht richtig hin, als sie es beobachtet. Und zweitens liegt hinter dem Tordurchgang auffällig viel Schnee, während auf dem Kreideland selbst noch Gras grünt. Ist im Feenland immer Winter?

Bewaffnet mit ihrer treuen Bratpfanne und begleitet von den ebenso treuen Größten, macht die Juniorhexe Tiffany Weh den ersten todesmutigen Schritt ins Land der Feenkönigin, um ihren entführten Bruder zurückzuholen.

_Mein Eindruck_

Die Wir-sind-die-Größten sind eine der genialsten Erfindungen des schreibenden Ehepaars Pratchett. Zwar treten auch schon früher in „Die Teppichvölker“ und in der Wühler-Trilogie, der „Bromeliade“, kleine, gnomenähnliche Wesen auf, doch die Wir-sind-die-Größten (im Original die „Nac Mac Feegle“) verleihen diesen Wesen einen unverwechselbaren Charakter. „They’re small. They’re blue. And NOBODY messes with them“, tönt das Titelbild der Originalausgabe anschaulich und prägnant.

Dass sie klein sind, ist schon klar. Dass sie blau sind, ergibt sich aus ihren blauen Tätowierungen, die mit Waid eingefärbt sind. Schon die ollen Römer wussten, um wen es sich handelt: Um die wilden Völker des schottischen Hochlandes, die ständig ihre Wälle und Festungen angriffen. Die „Bemalten“ nannten sie daher Picti, und unter dem Namen Pikten waren sie noch bis ins frühe Mittelalter bekannt, als ihr aktueller König dem König der Schotten, statt ihm eins auf die Rübe zu geben, die Hand schüttelte, um Frieden zu schließen.

Ob die Pikten reines Hochlandschottisch sprachen wie die Nac Mac Feegle, ist leider nicht überliefert. Das ist in der deutschen Übersetzung aber auch bedeutunglos. Die Größten sprechen Umgangs- und Gaunersprache. Zum Glück hat Tiffany ihren eigenen Dolmetscher dabei: die Kröte, die ihr (und uns!) aus der Verlegenheit hilft. Dass auch Whisky vorkommen muss, dürfte ebenfalls klar sein, doch wird er hier als Granny Wehs „Spezielles Schaf-Einreibemittel“ bezeichnet. Zur inneren Anwendung …

Selbstredend spielen die Größten auch den Dudelsack. Dies ist die Aufgabe des Schlachtenpoeten William, der immer so herrrrlich das R rrrollt. Und so alt er auch sein mag, so hat er doch ein paar Tricks auf Lager, um die „Jagdhunde“ der Feenkönigin in die Flucht zu schlagen.

|Die Königin der „Wir sind die Größten“|

Die Freundschaft der kleinen Riesen erkauft man nicht so einfach, findet Tiffany bald heraus. Geschenke erhalten zwar die Freundschaft, doch wenn es um die Verknüpfung von Schicksalen geht, müssen engere Bande geknüpft werden. Die Kobolde haben in ihrem unteridischen Bau eine Art Schwarmkönigin plus Schamanin: die „kelda“. Diese uralte Gnomen-Oma macht Tiffany zu aller Erstaunen zu ihrer Nachfolgerin, bevor sie in „das letzte Land“ geht. Sie erklärt Tiffany auch ihren keltischen Namen: „Land unter Wasser“ (das wird beim Finale noch wichtig).

Was Tiffany als neue „kelda“ nicht weiß: Sie muss als erste Tat einen Mann heiraten. Natürlich keinen von den „großen Leuten“, sondern einen der kleinen Riesen. Doch Bräuche sind dazu da, sie zu befolgen, ganz besonders gilt das für Anführer. Und so wählt Tiffany den wichtigsten Kobold: Rob Irgendwer. Und weil Tiffany eine Meisterin des Denkens ist, fällt ihr auch ein, wie sie die peinlichen Implikationen der Vermählung umgehen kann (wovon der Polterabend vermutlich die harmloseste ist) …

|Hexensabbat|

Keine Heldentat einer Hexe bleibt unbeachtet, und das gilt umso mehr für die einer Juniorhexe. Am Schluss taucht daher Miss Tick, die Wanderhexe, erneut bei Tiffany auf. Ihre Beifahrer auf dem Hexenbesen sind zwei alte Bekannte: Granny …, pardon: Mistress Weatherwax, und Nanny Ogg. Sie begucken sich die neue Heldin in ihren Reihen und halten mehr oder weniger Gericht über sie.

Sie sind reichlich erstaunt, dass Tiffanys Art der Magie auf dem Kreideland funktioniert, denn die gängige Theorie besagt, dass Hexenkraft harten Stein erfordert, und das Kreideland ist ja aus Kreide gemacht, dem weichsten Stein. Tiffany weist dezent darauf hin, dass in der Kreide etliche Stücke Flint, also Feuerstein, stecken, und das sei ja bekanntlich der härteste Stein. Die Hexen starren sie an, als wäre Tiffany die Verkörperung des Feuersteins, zufällig gefunden in einer weichen Gegend. Und in dieser Eigenschaft kommt Tiffany ihrer Granny gleich, die ja bekanntlich das Land in ihren Knochen hatte.

|Die Wanderschule|

Die Pratchetts haben wieder einige Lehren in ihrer Geschichte untergebracht. Die Kinder, die sie lesen, sollen schließlich aus dem Buch etwas lernen. Herkömmliche Wanderlehrer taugen offensichtlich wenig, die beste Schule scheint das Leben zu sein. Um dessen Schwierigkeiten zu bewältigen, sind aber nicht Träume, Wünsche und Illusionen hilfreich, sondern ein Sinn für die Realität und vor allem Denken.

Tiffany ist eine Meisterin des Denkens, doch selbst sie ist nicht gegen die Macht der Feenkönigin gefeit. Ich möchte nur so viel verraten: Deren Macht liegt in der Anwendung von Träumen und Illusionen als Waffen, um die Kinder, die sie entführt hat, zu versklaven. Darin gleicht sie der Schneekönigin in Andersens Märchen und in C. S. Lewis‘ erstem Narnia-Roman „The lion, the witch and the wardrobe“. Der fiesen Behauptung der Feenkönigin, die Menschen könnten es in ihrem Leben ohne Träume und Wünsche gar nicht aushalten, hat auch Tiffany nichts entgegenzusetzen. Der Krieg der Träume scheint für sie verloren, als sie sich an etwas erinnert, das ganz tief unten in ihrem Sein verborgen ist: Sie ist, wie ihre Granny, auch das Land, und das Land träumt Träume, die mit Menschen nichts zu tun haben.

_Unterm Strich_

Auch wenn das Buch „Kleine Freie Männer“ offensichtlich für Kinder ab neun oder zwölf Jahren geschrieben wurde (die Heldin ist neun), so kommen dabei doch Themen zur Sprache, die alle Menschen ansprechen. Da wäre zum einen die Macht der Träume, Wünsche und besonders der Geschichten. Beispielsweise solche aus Büchern.

|Die Macht von Träumen und Geschichten|

Tiffany kennt exakt drei Bücher, nämlich ein Wörterbuch, ein Märchenbuch und das Erbstück ihrer Oma, in dem die Behandlung von Schafkrankheiten beschrieben ist. Alle drei Bücher werden verwendet, erprobt und für gut oder schlecht befunden. Der Prüfstein dafür ist a) die Realität, b) das Abenteuer im Feenland und c) Tiffanys Denken. Ob ihr Denken allerdings logisch ist, sei einmal dahingestellt. Dies ist zumindest, äh, interessant. Ihr beim Denken zu folgen, ist teils faszinierend, teils amüsant. Die meisten Bücher, besonders die mit den Lügen darin, kommen schlecht weg.

|Identität|

Ein weiteres wichtiges Thema ist Identität. Tiffany denkt zunächst, sie wüsste, wer sie ist: Tochter Nummer 3 der Weh-Familie, ein gewöhnliches Milchmädchen. Je mehr sie sich aber in die Abenteuer mit den Kobolden und der Feenkönigin verstrickt, desto weniger sicher wird sie sich ihrer selbst. Ist die Begegnung mit saufenden, kämpfenden und vor allem stehlenden Gnomen noch relativ lustig, so hört der Spaß spätestens beim Showdown mit der Feenkönigin auf. Erst spät, fast zu spät fällt Tiffany die richtige Antwort ein. Das verändert nicht nur sie, sondern alles um sie herum.

|Spaß mit Klammern|

Wie schon Pratchetts wunderbares Kinderbuch „The Amazing Maurice and His Educated Rodents“ übt „Kleine Freie Männer“ nicht nur Kritik an modernen Phänomenen, sondern macht auch eine ganze Menge Spaß. Das Lesen ist im Original umso vergnüglicher, als eine ganze Menge schwer übersetzbarer Wortspiele den Spaß an der Sprache erhöhen. Es wäre etwas ermüdend, alle Beispiel dafür anzuführen.

|Die Übersetzung|

In meinem Text habe ich fast alle Namen und Bezeichnungen des Originals durch diejenigen Entsprechungen ersetzt, die der Übersetzer verwendet. Diese Übertragung ist keine große Sache, sondern der übliche Job. Etwas mehr anstrengen musste sich Brandhorst jedoch beim Jargon, dessen sich die Kobolde, die Nac Mac Feegle bedienen. Statt „Crivens!“ heißt es nun allerdings „Potz Blitz!“, und ich das hat ja nun nichts mit einem bestimmten Dialekt zu tun. Eine bessere Entsprechung wäre wohl das bayerische „Zefixluja!“ oder „Kruzitürken!“ gewesen. Leider versteht das aber nicht jeder Leser, schon gar nicht junge. Insofern bildet die verbreitete – und antiquierte – Variante einen guten Kompromiss.

Wie viel vom Wortwitz des Originals verloren geht, lässt sich an der Übersetzung des Gnomennamens Rob Anybody Feegle ablesen. Die Übersetzung hat nun „Rob Irgendwer Größter“ daraus gemacht, was leider nur den kleinsten gemeinsamen Nenner darstellt und zudem noch jämmerliches Deutsch. Der größte Verlust ist eigentlich, dass „Rob Anybody“ natürlich im Englischen „Raube jeden Beliebigen aus“ bedeutet – das ist der Witz dabei, und außerdem eine ironisch-spöttische Anspielung auf den heroischen Schottenfilm „Rob Roy“. Ich konnte dessen Highlander-Romantik auch noch nie ertragen.

„Feegle“ bezeichnet lediglich seine Zugehörigkeit zum Volk der (Nac Mac) Feegle, die in der Übersetzung nun die „Größten“ bzw. „Wir sind die Größten“ heißen. Ob diese Übersetzung des Schottischen stimmt, kann ich als Nichtschottischsprecher nicht beurteilen.

|Originaltitel: The Wee Free Men, 2003
Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Brandhorst|

Patterson, James / Gross, Andrew – Rache des Kreuzfahrers, Die

„Die Rache des Kreuzfahrers“ ist ein temporeicher historischer Roman, dessen abenteuerliche Handlung im 11. Jahrhundert in der Zeit der ersten Kreuzzüge spielt. Action, Drama, Lovestory und jede Menge derber Humor sind die Hauptzutaten dieses „pageturners“. Mich hat erstaunt, wie untypisch dieses Buch für Patterson ist.

_Die Autoren_

James Patterson, geboren 1949, ehemaliger Besitzer einer Werbeagentur, ist der Autor von fünfzehn Nummer-1-Bestsellern (inklusive diesem Buch). Allerdings sind es vor allem seine Alex-Cross-Thriller, die den Leser berühren. Folglich war Alex Cross bereits zweimal im Film zu sehen: „Im Netz der Spinne“ und „… denn zum Küssen sind sie da“ wurden beide erfolgreich mit Morgan Freeman in der Hauptrolle verfilmt. Für Einsteiger sei gesagt, dass Alex Cross ein sympathischer schwarzer Polizeipsychologe ist, der mit seiner Familie in Washington, D.C., lebt.

Patterson ist extrem fleißig. Sein letzter Solo-Roman hieß „The Lake House“, doch inzwischen wurde auch „Sam’s Letter to Jennifer“ veröffentlicht, das ähnlich aufgebaut ist wie der |tearjerker| [„Tagebuch für Nicholas“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=428 Mittlerweile erschienen neue Alex-Cross-Romane mit den Titeln „The Big Bad Wolf“ und „London Bridges“. Im Januar und Februar 2005 sind zwei weitere Patterson-Romane erschienen, darunter „Lifeguard“. Nähere Infos finden sich unter www.twbookmark.com und www.jamespatterson.com. Patterson lebt mit seiner Familie in Florida.

Andrew Gross war Pattersons Ko-Autor an „Die 2. Chance“ (Limes-Verlag) und lebt in New York City.

_Handlung_

Frankreich Ende des 11. Jahrhunderts: Das Zeitalter der Kreuzzüge beginnt, zu denen Papst Urban aufgerufen hat, um das Heilige Land von den „Ungläubigen“ zu befreien.

In einem kleinen Provinzdörfchen hat sich der junge Hugh de Luc mit seiner Frau Sophie als Gastwirt zur Ruhe gesetzt – zuvor hatte er ein unruhiges Leben als umherziehender Gaukler „genossen“. Bis er sich in Sophie verliebte. Das Einzige, was den beiden zum vollkommenen Glück fehlt, ist ein Kind – und Freiheit von ihrem Oberherrn, dem Herzog Baudouin von Treille.

|Ins Heilige Land|

Seine Sehnsucht nach ungebundenem Leben in Freiheit wird Hugh zum Verhängnis: Er zieht mit einer zusammengewürfelten Soldatentruppe Richtung Palästina, um Ruhm und Beute zu erlangen. Sophie bleibt hoffend zurück, doch beim Abschied gibt sie Hugh eine Hälfte eines schönen Kammes mit, der ein Erbstück ist: ein Symbol der Treue, ein Versprechen auf ein Wiedersehen.

Die Katastrophe, in die sich Hugh begibt, hätte er sich nicht vorstellen können. Sterben die Männer nicht auf dem Fußmarsch durch die Gebirge des Balkans und Kleinasiens, dann an den Strapazen bei der Belagerung der wichtigsten moslemischen Festung vor Jerusalem, Antiochia im heutigen Syrien. Die Verteidiger dezimieren die christlichen Reihen von zusammengewürfelten, undisziplinierten Haufen, die nicht mal Sold bekommen.

Nachdem Antiochia durch Verrat gefallen ist, plündern die Christen die Stadt, metzeln die Bevölkerung, moslemische wie auch christliche Einwohner, nieder, und stecken anschließend die Häuser an. In einer winzigen Kirche, die demnächst geplündert wird, hat Hugh sein Damaskus-Erlebnis. Hatte er schon zuvor nicht an einen Christen-Gott geglaubt, so verliert er nun auch den Glauben an Vernunft, Vorsehung, Liebe und andere Werte. Ein Moslem verschont sein Leben, nachdem Hugh ob dieses Irrwitzes in Lachen ausgebrochen ist. Der Moslem verliert sein Leben beim Angriff fränkischer Fanatiker, der Tafur. Sie tragen das Zeichen des Kreuzes eingebrannt am Hals. Da vergeht Hugh das Lachen und er macht sich aus dem Staub – nicht ohne ein goldenes Kreuz aus der Kirche mitzunehmen.

|Wieder in der Heimat|

Ein halbes Jahr später, zwei Jahre nach seinem Abschied, ist Hugh wieder in seinem Heimatdorf angelangt. Seine Vorfreude auf ein Wiedersehen verwandelt sich in Schrecken, als er sieht, dass sein Gasthof bis auf die Grundmauern niedergebrannt wurde. Sophie ist verschwunden. Sein kleiner Sohn Philippe, von dem er nichts geahnt hatte, liegt begraben auf einem Feld. Dort vergräbt der verzweifelte Hugh auch sein Kreuz.

Wer hat dieses Unglück über sein Dorf gebracht? Es seien Ritter ohne Erkennungszeichen gewesen, heißt es von den versprengten Dörflern. Nun, Hugh kann sich’s denken: Baudouin von Treille muss dahinter stecken, oder? Er hofft, dass die entführte Sophie noch am Leben ist, und wandert durch die Wildnis Richtung Treille. Nach einem Angriff durch einen Eber wird der verwundete Hugh von einem edlen Fräulein namens Emilie in die Burg des Herzogs von Borée gebracht und gesund gepflegt.

Da Emilie durch Hughs Erzählungen zutiefst ergriffen ist (ohne es zu zeigen), will sie ihm helfen, Sophie zurückzugewinnen, sofern sie noch lebt. Dazu aber muss sich Hugh eines Vorwandes bedienen, und welche Verkleidung wäre für einen früheren Gaukler besser geeignet als die eines Hofnarren? Hugh macht sich auf den Weg in die Höhle des Löwen …

Unterdessen suchen Ritter vom Schwarzen Kreuz nächtens Dörfer und Weiler des Herzogtums von Treille heim. Sie sind hinter einer ganz bestimmten Reliquie her, die von Rittern und Händlern aus dem Heiligen Land mitgenommen oder erworben wurde. Was sie am dringendsten haben wollen, ist eine Reliquie von der Kreuzigung Jesu. Und die könnte sich in Hughs Besitz befinden, ohne dass er es ahnt …

_Mein Eindruck_

Ich habe diesen actionreichen und humorvollen Thriller in nur zwei Tagen verschlungen. Ich fühlte mich hervorragend unterhalten, denn der Roman ist vieles zugleich. Was zunächst nach einem mittelalterlichen Kriegsabenteuer aussieht, verwandelt sich in Hughs Heimat in einen ungewöhnlichen Kriminalthriller, denn es geht darum, zwei Rätsel zu lösen: Wer sind die Ritter vom Schwarzen Kreuz, und in wessen Auftrag handeln sie? Und was wollen sie, das Hugh angeblich in seinem Besitz hat?

|Action, endlich!|

Sind diese Rätsel gelöst, wandelt sich der Roman erneut: zu einem romantischen Actiondrama, das einerseits in einem Bauernaufstand gipfelt und zum anderen in der Erfüllung von Lady Emilies Liebe zu Hugh de Luc. Und auch sie hat ein pikantes Geheimnis zu lüften! Die Action besteht in einem Dreisprung: Zuerst ist Baudouin zu überwältigen, dann der Anführer der Ritter vom Schwarzen Kreuz und zu guter Letzt dessen Auftraggeber.

So gelingt es also den beiden Autoren scheinbar mühelos, aber mit etlichen Tricks und Kniffen, den Leser bis zur letzten Seite des Finales prächtig zu unterhalten. Kaum ist ein Rätsel gelöst, taucht schon das nächste Geheimnis dahinter auf. Oder eine Aufgabe, die Hugh zu bewältigen hat. Oder Lady Emilie bringt Hugh in Schwierigkeiten …

|Der spezielle Humor des Mittelalters|

Nur ein Narr würde nicht bei so vielen Sorgen durchdrehen und andere die Drecksarbeit machen lassen. Zum Glück ist Hugh eben dieser Narr! Ohne seinen bissigen und mitunter recht derben Humor würde er wohl kaum so viele Herausforderungen bewältigen. Und in der mittelalterlichen Gesellschaft bewährt sich sein eingeübter Wortwitz ausgezeichnet. Zu diesem Witz gehören eine ganze Menge Wortspiele.

Ich war skeptisch, ob die offenherzig geschilderten erotischen Szenen so stehen gelassen würden, aber in der deutschen Ausgabe wurde offenbar nichts davon der Zensur geopfert – bravo! Die mittelalterlichen Leute hatten offensichtlich ein viel unverkrampfteres Verhältnis zu körperlichen Angelegenheiten als wir heute.

|Toujours l’amour!|

Die einzige erlösende Kraft auf Erden scheint Hugh die Liebe zu sein, zuerst jene von Sophie, dann jene der Lady Emilie. Für die beiden Frauen verkämpft er sich denn auch bis zum letzten Atemzug und nimmt die größten Risiken auf sich. Als Hugh also Frau und Kind verliert, kündigt er den Lehnseid auf, der ihn als Untertan an seinen Lehnsherrn bindet, den Ritter, der sein Land besitzt und von ihm Dienste fordern kann, beispielsweise im Krieg.

|Rebellion|

Die Aufkündigung dieses seit Jahrtausenden bindenden Verhältnisses ist ein revolutionärer Akt. Seine Mitmenschen können kaum fassen, was Hugh tut. Erst nach langen Verhandlungen und intensiver Überzeugungsarbeit schließen sie sich ihm an. Der einzige Grund: Sie haben selbst nichts mehr zu verlieren außer ihrem Leben. Und das können sie genauso gut für ihre Befreiung einsetzen, oder? Außerdem hat Hugh ja eine gewisse Reliquie, die ihn zu etwas Besonderem macht.

Der nun folgende Bauernaufstand – den die Geschichtsbücher sicher nicht der Erwähnung wert halten – erinnert uns natürlich stark an den Unabhängigkeitskampf der „amerikanischen“ Siedler in den Kolonien Neu-Englands. Diese so genannten „Amerikaner“ waren ja meist ebenfalls nur eingewanderte Engländer, Schotten, Waliser oder Iren. Und viele, viele so genannte „Deutsche“ – meistens Hessen. Wie die „Amerikaner“ erhoben sie sich gegen ihre Landesfürsten. Denn das waren die britischen Lords und Ladies ja letzten Endes, wie man beispielsweise in dem Emmerich-Film „Der Patriot“ mehrmals gesagt bekommt.

|Die Übersetzung|

Axel Merz hat sich in der mittelalterlichen Kultur kundig gemacht, wie an zahlreichen Stellen zu bemerken ist. Zu dieser Kultur gehören nicht nur das Essen oder die feineren Vergnügungen der Edlen, sondern auch die Kriegskunst und die damit verbundenen Gerätschaften. „Das erste Geräusch der Schlacht war das Rülpsen einer Mange, und ein massiver Felsbrocken wurde hoch in den Himmel geschleudert.“ (S. 402) Unter einer „Mange“ darf man sich also eine Art Katapult vorstellen.

_Unterm Strich_

Selten habe ich ein derart temporeiches Buch gelesen, das mich von Anfang gepackt hat und hielt. Und dabei ist es im Grunde ein historischer Roman, sollte man meinen. In Wahrheit ist es aber eine Kombination aus Action, Kriegsdrama, Liebes-Story und ganz viel Humor, wenn auch von der derberen Sorte*. In das Buch flossen zahlreiche Infos der Wissenschaft ein. Diese Quellen listet ein zwei Seiten langes Quellenverzeichnis auf. Sogar ein deutscher Autor ist darunter.

Die Patterson-typischen 153 Kurzkapitel tragen dazu bei, die Seiten rasend schnell zu verschlingen, um das Rätsel, das das vorhergehende Kapitelende präsentierte, zu lüften. Es ist das gleiche Prinzip, wie es Dan Brown in „Sakrileg“ anwendet, nur in noch kleinerem Rahmen und noch eleganter angewandt. Wer also ein paar Stunden mit humorvoller und spannender „kurtzweyl“ verbringen will, der greife zu diesem historischen Thriller.

*: Kostprobe gefällig? „Zwei brave Männer stehen abends nach der Kneipe auf einer Brücke und pissen in den Fluss. Jeder brüstet sich damit, er habe den größeren. Sagt der eine: ‚Das Wasser ist aber ganz schön kalt.‘ Meint der andere trocken: ‚Ja, und ganz schön tief.'“

Zweite Kostprobe, ein Witz aus dem „wilden Languedoc“: Was ist unten drunter haarig, steht hoch aufgerichtet in seinem Bett, besitzt eine rötliche Haut und bringt garantiert jede Nonne zum Weinen? Eine Zwiebel. (S. 401)

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2389
[„Honeymoon“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3919
[„Ave Maria“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1683
[„Mauer des Schweigens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1394
[„Stunde der Rache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1149
[„Vor aller Augen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1087
[„Tagebuch für Nikolas“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=854
[„Sonne, Mord und Sterne“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=537
[„Rosenrot Mausetot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429
[„Die Wiege des Bösen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=47
[„Der 1. Mord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1361
[„Die 2. Chance“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1362
[„Der 3. Grad“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1370
[„4th of July“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1565
[„Die 5. Plage“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3915

Jurjevics, Juris – Trudeau-Vektor, Der

_Eiskalter Thriller: Showdown unterm Nordlicht_

In der Eiswüste der Arktis kommen in der Nähe ihrer Forschungsstation „Trudeau“ vier Wissenschaftler unter rätselhaften Umständen ums Leben. Völlig unklar ist die Todesursache – es scheint, als habe etwas die Lungen und Augen in kürzester Zeit zerstört. Die Augen der Toten haben keine Pupille mehr.

Doch woher kam in derlebensfeindlichen Umwelt dieser todbringende Stoff? Jessie Hanley, eine weltweit anerkannte Wissenschaftlerin, wird zur Station in die Arktis eingeflogen, um vor Ort die Untersuchung zu leiten. Was sie am meisten interessiert: Was weiß die kurz vor den Todesfällen abgereiste russische Wissenschaftlerin über die Vorkommnisse in Trudeau? Dummerweise ist das Atom-U-Boot, in dem die Russin abreiste, seitdem verschollen.

|Der Autor|

Juris Jurjevics wurde während des 2. Weltkriegs in Lettland geboren. Fünf Jahre lebte seine Familie in verschiedenen Vertriebenenlagern in Deutschland, bevor sie in die USA auswandern konnte. Jurjevics wuchs in New York City auf, diente in Vietnam und begann 1968 seine Laufbahn im Verlagswesen. Seit Mitte der achtziger Jahre ist er Verleger des angesehenen und unabhängigen kleinen Verlags SOHO PRESS in New York.

|Der Sprecher|

Walter Kreye ist dem Hörer nicht nur durch zahlreiche Film- und TV-Rollen bekannt. Seine Stimme war in den verschiedensten Hörspiel- und Hörbuchproduktionen zu hören. Für |Hörbuch Hamburg| hat er beispielsweise „Der Professor“ von Amélie Nothomb gelesen.

Regie führte Gabriele Kreis.

_Handlung_

Es ist der Verwaltungsdirektor der Trudeau-Forschungsstation, der die Toten findet. In der Luft herrschen eisige 40 Grad unter Null, doch das Zelt der drei Forscher ist leer, niemand zu sehen. Die Funkstille ist ebenfalls verdächtig, und allmählich macht sich Verneaux Sorgen. Er vermisst die Engländerin Annie Bascombe, den Japaner Junzu Ogata und den Russen Minskoff. Sie werden doch nicht in die einzige eisfreie Stelle weit und breit gefallen sein, oder? Die Pulinya ist ihnen von ihren Forschungsarbeiten her viel zu vertraut. Aber wo sind sie dann?

Erst Tage später finden die Suchmannschaften einen vierten Toten. Alex Koschut liegt splitternackt auf dem Eis. Doch seinen Augen fehlen die Pupillen, seine Lungen sind nicht voller Fasern wie die der anderen. Koschut hatte sich lediglich das Rückgrat gebrochen, als er erfror.

In Los Angeles lebt Jessie Hanley, 42, nach ihrer Scheidung recht zufrieden mit ihrem achtjährigen Sohn Joey, als sie ins Institut gerufen wird. Das National Institute of Infectious Diseases wird von den kanadischen Behörden um Hilfe ersucht, um die vier Todesfälle auf der kanadischen Arktisstation Trudeau zu untersuchen. Was hat die Opfer getötet und ist es noch gefährlich?

|Ins Eis|

Mit ihren Kollegen Ishikawa, Weingart und dem Chef Lester Munson macht sich Jessie über die Obduktionsergebnisse her. Sie hat so etwas noch nie gesehen. Munson kommt zu dem Schluss, dass jemand vom Team hinfliegen und vor Ort ermitteln muss. Geschickt nutzt er Jessies Geltungsbedürfnis – auch als Frau – aus. Wenige Stunden später steigt sie im eisigen Anchorage in einen riesigen Militärflieger, der sie in die Region bringt, wo sich die Trudeau-Station auf einer Aleuten-Insel erhebt.

Ihre Ankunft ist spektakulär: Sie sitzt wie eine Kosmonautin in einer Kapsel, die abgeworfen wird und an Fallschirmen auf die Oberfläche schwebt. Vom Aufprall ist sie zu benommen, um die Fallschirme abzusprengen. Der Wind zerrt die Kapsel übers scharfkantige Eis. Bevor diese völlig zertrümmert und Jessie gefriergetrocknet wird, stoppt ein Empfangskomitee die Bewegung der Kapsel und bringt Jessie in Sicherheit.

|Die Station|

Der Aufenthalt in der modernen Station, das ist Jessie klar, dauert nicht kurz mal ein paar Tage, sondern nicht weniger als sechs Monate. Das bedeutet eine ziemlich grundlegende Umstellung der Lebensweise. Wenigstens wird sie von Direktor Felix Mackenzie und seinem Forscherteam ziemlich freundlich empfangen. Es gibt nur einen Nörgler, Simon King. Schon hier fällt ihr der Inuit Jack Nemet auf, der wie ein Mongole aussieht. Er hat ihre Kapsel gerettet.

Zunächst kommt ihre Ermittlung überhaupt nicht voran, denn die Obduktionsergebnisse sind weiterhin rätselhaft und die Aufzeichnungen geben wenig her. Wer war der Überträger des Agens, der Vektor? Sie will mit der russischen Forscherin Likia Tarakanova sprechen, doch diese reiste kurz vor den vier Todesfällen mit einem russischen U-Boot ab, das in der Pulinya aufgetaucht war. Seitdem ist es den Kanadiern nicht gelungen, von den Russen Auskunft über den Verbleib des U-Bootes zu erhalten.

|Die Russen|

Das hat einen guten Grund: Das U-Boot „Wladiwostok“ ist verschollen. Zuletzt bekamen die russische Marineführung und Admiral Tschernawin Meldung aus dem norwegischen Sognefjord. Das ist der längste und tiefsten Fjord überhaupt, eine Suche und Bergung also mit großem Risiko verbunden.

Tschernawin, der stellvertretende Verteidigungsminister, setzt den pensionsreifen Admiral Rudenko auf die Sache an. Rudenkos Freund Panov warnt ihn: Die Sache stinkt von vorn bis hinten. Mit dem alten U-Boot „Rus“ unter Kapitän Nemerov sucht und findet Rudenko die „Wladiwostok“. Natürlich darf niemand in der NATO oder in Norwegen auch nur ahnen, dass die Russen sich hier herumtreiben. Ein amerikanisches Beschatter-U-Boot konnte Rudenko mit einem Täuschkörper abwimmeln.

Die Taucher untersuchen das Atom-U-Boot und auch dessen kleines Arbeits-Tauchboot. Sie stoßen auf Lidia Tarakanova. Sie ist tot, ihr fehlen aber nicht nur die Kleider – sie hat auch keine Pupillen mehr. Ebenso wie alle anderen 98 Besatzungsmitglieder der „Wladiwostok“.

|Acht Tage später|

Jessie hat den Überträger, den Vektor, für das Gift, was immer es ist, immer noch nicht gefunden. Online-Konferenzen mit ihren Kollegen in L.A. helfen ihr aber, zahlreiche Möglichkeiten auszuschließen. Aber könnte es sich um einen biologischen Kampfstoff handeln? Die Arktis ist so abgelegen, dass Terroristen oder geheime Spezialtruppen versuchen könnten, hier „Demonstrations-Angriffe“ auszuführen, bevor sie ein Ziel mit Symbolwert angreifen. Sie lässt sich ein Hochsicherheitslabor einrichten, in dem sie ihre Analysen anstellt. Kopfzerbrechen bereitet ihr Tagebucheintrag: „ignis fatuus“ – Irrlicht, Nordlicht auf Latein. Aber ein Irrlicht gibt es nur im Sumpf – gibt es hier irgendwo Sumpfgas, Methan? Jessie ist verblüfft: Jack Nemet sagt ja, und auch Dr. Skudra, der Soziobiologe. Endlich eine Spur!

|Die Russen|

Während ihr Kollege Ishikawa vergeblich nach dem Verbleib der toten Lidia Tarakanova forscht und sogar bis zu Tschernawin vordringt, hat dieser Schlaufuchs bereits Rudenko auf eine zweite, noch zwielichtigere Mission geschickt. Was auch immer Lidia Tarakanova getötet hat, hat auch den Russen Minskoff erledigt. Und den soll er zurückbringen, damit man ihn untersuchen kann. Und damit dafür gesorgt ist, dass dies um jeden Preis gelingt, reist Rudenko mit dem ehemaligen KGB-Mitarbeiter Kohit mit. Der Virologe Kohit stellt sich als skrupelloser Typ heraus, der an geheimen Waffen geforscht hat.

Ein Treffen zwischen Jessie Hanley und Kohit, das ahnt Rudenko, ist unausweichlich. Er weiß noch nicht, dass es in Trudeau inzwischen ein weiteres Opfer gegeben hat …

_Mein Eindruck_

Der Autor verbindet zwei Thrillerthemen miteinander, um eine wirkungsvolle Geschichte mit warnender Botschaft zu erzählen.

|Tom Clancy|

Von Tom Clancy könnten die Szenen stammen, die bei den Russen spielen. Einst stolze Atom-U-Boote, die Opfer von Geldmangel, politischen Machenschaften und einem unbekannten Killerorganismus werden. Ihre Besatzungen und Kapitäne sind zwar immer noch so fähig (oder unfähig) wie zu Reagans Zeiten, doch gegen die unsichtbare Gefahr, die sie an Bord geholt haben – Lidia Tarakanova war natürlich eine Agentin – können auch sie nichts ausrichten. Diese Sache wird Rudenko und Nemerov, aufrechte Marineleute, garantiert mit dem Ex-KGBler Kohit aneinanderrasseln lassen.

|Michael Crichton|

Michael Crichton hat in seinem Thriller „Beute“ eine eingehende Beschäftigung mit Zukunftstechnologie und Killerorganismen belegt. Und natürlich seine Fähigkeit, eine spannende Story zu schreiben. Unsere Ermittlerin vor Ort ist Jessie Hanley, und das ist eine sehr sympathische Person. Als nicht ganz perfekte Mutter versucht sie dennoch ihr Möglichstes, auch im Job.

Zunehmend merkt sie, dass in Trudeau nicht nur kriminalistische und epidemiologische Fähigkeiten gefragt sind. Zunehmend spielt das eng verknüpfte zwischenmenschliche Miteinander der Stationsbewohner eine Rolle. Ihre Menschenkenntnis ist gefragt, ihr Mut und feinfühliger Umgang mit menschlicher Psychologie. Ihre Liebe zu Jack Nemmet, dem Inuit, hilft ihr sehr, in die Geheimnisse der Station, aber auch der Region einzudringen. Es ist sehr spannend zu verfolgen, wie sich ihr die Arktis durch Jack immer mehr erschließt.

|Juris Jurjevics|

Aber die richtige Aktualität und Relevanz ist dadurch immer noch nicht hergestellt. Das ist die Leistung des Autors selbst. Denn er bringt neueste Forschungsergebnisse ein. Die Aktis, so berichtet Direktor Mackenzie, ist einem rasanten Klimawandel unterworfen. Das Packeis schmilzt rapide ab, so dass es heute nur noch halb so dick ist wie vor 20 Jahren. Die Fauna hat sich ebenso daran anpassen müssen wie die Vegetation, die selbst an den unwahrscheinlichsten Orten existiert.

Für den unerfahrenen Leser ist es vielleicht nicht einfach, mit neuen Begriffen wie „Pulinya“ – eisfreie Stelle – oder „Pongo“ – vereister Algeneinschluss – zurecht zu kommen. Aber es handelt sich lediglich um ein paar wenige Vokabeln, die man sich schnell einprägt. Die eindrucksvollste Begegnung mit der Arktis dürfte für Jessie, unsere Hauptfigur, sicherlich die gewesen sein, als ein riesiger Eisbar, der gut getarnt einer Robbe aufgelauert hat, plötzlich neben ihr aus seiner Schneetarnung aufsteht und sich einen Happen Menschenfrau zum Frühstück schnappen will.

Die Arktis ist kein toter, unbewohnter Ort, nie gewesen. Die Lebewesen hier sind nur recht eigentümlich. Das erlebt Jessie eindrucksvoll, als Jack sie in die museale alte Station Little Trudeau führt. Es handelt sich um die gruselige Ausstellung einer Sippe von Aleutenbewohnern – alle mumifiziert. Jack erzählt ein paar sehr interessante Details über den geköpften Schamanen, und als Jack nicht hinschaut, schnappt sich Jessie dessen Medizinbeutel …

Doch über der Arktis hängt ein tödlicher Schatten, und Annie Bascombe, eines der ersten Opfer, hat ihn als erste entdeckt. In der Tiefe der Pulinya lauert ein Überbleibsel des Kalten Krieges, das die Russen als Antwort auf Reagans SDI-Programm hier platziert haben. Der informierte Leser erinnere sich daran, dass die Russen im Nordmeer ständig Atommüll und verrostende Atom-U-Boote entsorgen. Irgendwann wird sich diese Praxis rächen. Was Annie entdeckt hat, gehört in diesen Bereich, bedroht die Arktis aber viel direkter.

|Spannung|

Sowohl die Elemente des Biotech-Thrillers, die von Crichton stammen könnten, als auch die Geheimdienst- & Militärstory, die Clancys Schreibcomputer entsprungen sein könnte, verbinden sich an zahlreichen Stellen, um Spannungseffekte zu erzeugen. Wenn es zum Beispiel so aussieht, als wäre Ishikawa, Jessies Kollege in L.A., völlig überflüssig, so stimmt das nicht. Ishi spürt dem Verbleib von Lidia Tarakanova nach, lässt sich auch von den Russkis nicht hinters Licht führen und erlaubt so Jessie, die Russen in Trudeau mit der bitteren Wahrheit zu konfrontieren.

Dies wiederum führt zu einer wahren Explosion an Aktivität, in deren Mittelpunkt, wie zu erwarten, der zwielichtige Kohit steht. Es kommt zu einem dramatischen Showdown auf dem Eis, wie man ihn nicht besser inszenieren könnte. Jack Nemmet, der James Bond der Ureinwohner.

|Der Vektor|

Wer nun der „Vektor“ ist? Das ist, wie sich im letzten der drei Finales herausstellt, ein recht vieldeutiges Wort. In der Geometrie bedeutet es „gerichteter Pfeil“, in der Epidemiologie aber Überträger. Was wie von wem übertragen wird, nimmt in diesem Roman mehrere Bedeutungen an – eine sehr gute Leistung des Autors. Nicht nur der Killerorganismus wird übertragen, auch die Gefahr unter dem Eis – und auch die Angst innerhalb der Trudeau-Station. Des Rätsels Lösung darf hier natürlich nicht verraten werden.

|Der Sprecher|

Walter Kreye verfügt über eine sehr angenehme, tiefe Stimme, die er facettenreich zu modulieren versteht. Er verändert das Tempo seines Vortrags, macht Kunstpausen, wo er Erstaunen oder Zögern ausdrücken möchte. Da seine Stimme immer etwa gleich tief ist, verändert er die Lautstärke, um anzudeuten, dass eine Frau (wie etwa Jessie) spricht. Jessie klingt immer ziemlich leise und zurückgenommen, manchmal zu leise – das klingt sehr einfühlsam, aber auch ein wenig ängstlich (merke: Sie ist keine Superspionin!). Das trifft aber nicht zu, wenn sie begeistert mit ihrem Sohn Joey spricht. Dann klingt sie richtig ausgelassen. Ansonsten sind die Stimmen fast aller anderen Figuren die von Männern und entsprechend tief und von „normaler“ Lautstärke.

Insgesamt eignet sich Kreyes Vortrag ausgezeichnet dazu, die Figuren zu charakterisieren und einer Szene die spezifische Stimmung zu verleihen. Das ist auch dringend vonnöten, denn wie in so vielen modernen Thrillern wechselt der Schauplatz in schneller Folge. Gerade waren wir noch am Polarkreis, da versetzt uns der Autor schon wieder nach Moskau oder Norwegen, und in der nächsten Szene taucht Ishikawa irgendwo zwischen Ottawa und Moskau auf. (Ishi hat ein unglaublich zynisches Gespräch mit einem kanadischen Geheimdienstler zu ertragen.) Da tut es zuweilen gut, wenn der Sprecher Tempo rausnimmt.

|Die Übersetzung|

… stammt vom Übersetzer des „Otherland“-Zyklus von Tad Williams. Dieses Mammutwerk ist einfach eine epochale Leistung. Könnte man von dessen Übersetzer irgendwelche Unsicherheiten oder Stilblüten erwarten? Natürlich nicht. Und sachliche Fehler erst recht nicht. Wenn Wörter nicht hundertprozentig richtig ausgesprochen klingen, so geht dies aufs Konto des Sprechers. Und das kann wirklich jedem passieren.

_Unterm Strich_

Ich habe die Handlung des Thrillers mit wachsender Spannung verfolgt. Obwohl einige Elemente durchaus vertraut sind, so ist es doch die neue Kombination, die dem Buch einen gewissen Vorsprung hinsichtlich Spannung, Aktualität und Relevanz vor der nicht geräde spärlichen Konkurrenz verleiht. Wer sich für aktuelle Action- und Polit-Thriller interessiert, wird mit „Der Trudeau-Vektor“ nicht das Gefühl haben, seine Zeit zu verschwenden. Und die Arktis wird mit jedem Jahr, in dem das Eis weiter schmilzt, interessanter – wer weiß, was da noch ans Tageslicht kommen wird.

Walter Kreyes Vortrag ist vom Feinsten, und es fällt schwer, irgendeinen Kritikpunkt zu finden. Manchmal fiel mir der Übergang zur nächsten Szene etwas schwer, weil die Pause dazwischen so kurz war. Deswegen ist es ratsam, sowohl Notizen zu machen als auch einmal beim Anhören eine Unterbrechung einzulegen und das Gehörte wirken zu lassen.

Ein Wermutstropfen ist der hohe Preis von rund 30 Euro, den der Verlag für die fünf CDs verlangt. Da fällt es fast leichter, zum Buch zu greifen, auch wenn dies ein Mehrfaches an Zeitinvestition kostet: time is money. (Die Formel könnte von Einstein sein, ist aber älter.)

|388 Minuten auf 5 CDs
Originaltitel: The Trudeau Vector, 2005
Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring|
[Buchfassung]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/389903189X/powermetalde-21 von |Ullstein|, Februar 2005

Snicket, Lemony – dunkle Allee, Die (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 6)

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Kinder. Band 6 führt sie in das irrsinnig große Penthaus ihrer neuen Vormünder Esmé und Jerome Elend. Doch das Leben im Luxus hat seine Tücken, und auch Graf Olaf ist nicht weit entfernt. Natürlich glaubt ihnen mal wieder niemand.

|Der Autor|

Verlagsinfo: „Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L. S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L. S. im Internet unter http://www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“ So weit der Text im Buch. Nicht sonderlich aufschlussreich.

Der Zyklus „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“:
1) Der schreckliche Anfang
2) Das Haus der Schlangen
3) Der Seufzersee
4) Die unheimliche Mühle
5) Die Schule des Schreckens
6) Die dunkle Allee

|Der Illustrator|

„Brett Helquist wurde in Ginado, Arizona, geboren, wuchs im Orem, Utah [dem Mormonenstaat], auf und lebt heute New York City. Er studierte Kunst an der Brigham Young University [in Utah] und arbeitet seither als Illustrator für die „New York Times“ und viele andere Publikationen.“ (Die Einfügungen in eckigen Klammern stammen von mir.)

_Vorgeschichte_

Zunächst führten die drei Baudelaire-Kinder eine sorgenfreie Existenz. Sie verbringen den Schicksalstag am Strand und freuen sich des Lebens, jedes nach seinen Vorlieben. Violet, mit 14 Jahren die älteste von ihnen, denkt an eine neue Erfindung, denn sie hat die Fähigkeiten eines Ingenieurs.

Klaus, mit zwölf Jahren der zweitälteste des Trios, ist ein Bücherwurm und Wissenssammler – ein wandelndes Lexikon, aber nicht unfehlbar oder gar allwissend. Und schließlich wäre da noch die kleine Sunny, die noch ein Kleinkind ist, in alles hineinbeißt und kaum ein vollständiges Wort zu sagen vermag, geschweige denn ein verständliches. Aber Sunnys markante Aussprüche werden jedes Mal vom Autor übersetzt.

Doch an besagtem Schicksalstag brennt das Haus ihrer Eltern, in dem sie behütet und geliebt aufwuchsen, vollständig nieder. Der Nachlassverwalter Mr. Poe, ein ewig kränkelnder Bankangestellter, weiß mit den Kindern nichts anzufangen und bringt sie zu einem Vormund nach dem anderen, zuerst zu Graf Olaf, der nur ihr Vermögen will, dann zu Onkel Monty, der vorzeitig das Zeitliche segnet, und schließlich zu Tante Josephine Anwhistle, die am Seufzersee wohnt.

Doch die Kinder fürchten, dass Graf Olaf, der bereits in mehreren Verkleidungen hinter ihnen her war, auch diesmal einen Weg finden wird, die Vormundschaft über sie zu erringen. Zwar soll Violet erst das Familienvermögen erben, wenn sie 18 und volljährig ist, doch Graf Olaf kennt einen Weg, dies zu umgehen: Er muss Violet nur heiraten und das Vermögen gehört ihm.

_Handlung_

Mr. Poe, ihr hustender Vermögensverwalter, bringt die drei Waisen zur nächsten Station ihres Leidensweges. Aus der „Schule des Schreckens“ sind sie rausgeflogen, nachdem „Trainer Dschingis“ seinen Plan hatte erfolgreich umsetzen können. Leider verloren sie dabei auch ihre einzigen Freunde, die Quagmeirs, die er entführte. „Er“ ist natürlich Graf Olaf in einer seiner tausend Verkleidungen.

Das neue Domizil befindet sich in der Dunklen Allee, Hausnummer 667, also in einer recht vornehmen Gegend, unweit ihres abgebrannten Elternhauses. Doch die Straße trägt ihren Namen völlig zu Recht, wie sie schnell herausfinden. Die Dunkelheit hat auch gewisse Herzen erfasst.

Nachdem sie sich die Treppen ins 48. oder 84. Stockwerk hinaufgeschleppt haben, weil der Fahrstuhl außer Betrieb ist, werden sie am Penthaus freudig von Onkel Jerome Elend begrüßt. Er ist ja so ein netter Kerl, der ihnen gerne etwas Gutes tun und ihnen die Wünsche von den Augen ablesen würde – wenn da nicht seine grässlich vornehme Frau Esmé wäre. Esmé Elend – der Name spricht ihrem Reichtum Hohn – ist nicht nur die „sechstwichtigste Finanzberaterin der Stadt“, sondern richtet sich auch strikt danach, was in ist und was out.

Fahrstühle, so viel haben die Waisen mühselig bemerkt, sind momentan mega-out. Auch künstliche Beleuchtung, weshalb die zwei Bewohner des Penthauses kaum zu erkennen sind – die „dunkle Allee“ trägt ihren Namen zu Recht. Zum Glück sind Waisen noch in – mit der Betonung auf „noch“. Schnell lernen die Waisen, was eine „Marotte“ ist: eine persönliche Eigentümlichkeit. Dass statt Mineralwasser „Aquamartinis“ (siehe unten) serviert werden, geht ja noch an, aber dass alle Kinder, auch Babys wie Sunny, Nadelstreifenanzüge tragen müssen, führt zu ernsthaften Zweifeln am Geisteszustand ihrer Vormünder. Die Wohnung ist so groß, dass sie sich darin verirren.

Esmé geht leidenschaftlich gerne zu Auktionen. Nein, nicht zu eBay, denn in den Baudelaire-Romanen kommt Internet nicht vor. Sie geht zu richtigen Auktionen, wo sich die oberen zehntausend treffen. Sie kauft nicht, sondern nimmt ein. Direkt in ihre Handtasche. Der weltbeste Auktionator ist in ihren Augen Gunther, der so komisch redet. Doch als er endlich auftaucht, kann die lange, hagere Gestalt mit dem Monokel und den Stiefeln die Baudelaires keine Sekunde lang täuschen: Graf Olaf!

Dann beginnt das gleiche traurige Spiel von Neuem: Sie versuchen die doofen Erwachsenen zu überzeugen, welch schrecklicher Mensch dieser Gunther ist, doch keiner glaubt ihnen, weil er sich so gut verkleidet hat. Esmé schickt Jerome mit den Kindern ins Café Salmonella, wo man nur Lachs (salmon) zu essen bekommt und alles eklig nach Lachs schmeckt. Sogar die Kellner sehen wie Lachse aus. Derweil gehe sie, Esmé, mit Gunther den neuen Auktionskatalog durch.

Als sie zurückkehren, stellt sich ihnen ein Rätsel. Esmé hatte ihnen verboten, in die Wohnung zurückzukommen, solange Gunther noch da ist. Okay. Da der Portier im Erdgeschoss sagt, Gunther habe das Haus nicht verlassen, bleiben sie unten, um auf Gunther zu warten. Jerome geht schon mal hoch. Nach einer Weile erscheint Esmé und wundert sich. Gunther sei doch schon längst weg. Sie könnten also endlich raufkommen.

Wo ist Gunther abgeblieben, wenn er doch das Haus nicht über die Treppe und die Haustür verlassen hat? Klaus kommt heftig ins Grübeln. Wenn alle anderen Möglichkeiten ausscheiden, bleibt nur noch eine Lösung übrig, so unwahrscheinlich sie auch erscheinen mag. Also sprach Sherlock. Die Baudelaires machen sich auf die Suche.

_Mein Eindruck_

Die folgenden Kapitel sind voll spannender Ermittlungen, grotesker Ergebnisse, einem Wiedersehen mit den vermissten Quagmeirs und einem perfekten Showdown während einer Auktion. So viel Action sollte es öfters geben, finde ich. Und der zunehmende Umfang der Romane lässt mehr erhoffen: Dieser Band hat etwa 50 Seiten mehr als Band 4.

|Das Element der Überraschung|

Wieder einmal lernen die Baudelaires wichtige Lektionen fürs Leben. So zum Beispiel, dass das Periodensystem der chemischen Elemente unvollständig ist. Es fehlt das Element der Überraschung. Dieses Element spielt in vielen Szenen eine entscheidende Rolle, wie sich herausstellt. Jeder sollte sich eingehend und frühzeitig, besonders Kinder, mit dem Element der Überraschung vertraut machen.

|Der unfaire Vorteil|

Und dann wäre da noch der unfaire Vorteil. Der unfaire Vorteil liegt in den Augen der Baudelaires meistens auf der Seite der Erwachsenen – was angesichts der geringen Größe der Kinder und ihres geringen Alters natürlich höchst unfair ist. Aber wer hat je behauptet, dass das Leben gerecht wäre? Also müssen sich die Baudelaires – wieder einmal – etwas einfallen lassen, um den unfairen Vorteil auszutricksen. Was ihnen auch mit den unwahrscheinlichsten Mitteln gelingen wird, so viel sei schon mal verraten.

|Gib dem Bösen eine Chance|

Auch das Abenteuer, das sie in „Die dunkle Allee“ bestehen müssen, beweist ihnen, dass das Böse in Gestalt von Graf Olaf und seinen Schergen nur triumphieren kann, wenn die Schwächen der Mitmenschen das zulassen. Esmé zum Beispiel. Sie ist die Verkörperung von Egoismus und Habgier, aber auch ein Spielball der Mode. Sie hechelt allem hinterher, was in ist und was out. Die Größe ihres gigantischen Penthauses reicht ihr nicht. Sie würde am liebsten noch Waisenkinder auf der Auktionen versteigern, wenn das nicht ungesetzlich wäre. Besitz befriedigt ihre emotionale Hohlheit.

Das macht sie zur Tyrannin über ihren Mann, den netten und gütigen Jerome: ein großer Junge. Er ist schwach, weil er es nie zu einem Streit kommen lassen will. Daher kuscht er immer und erfüllt jede von Esmés Launen. Seine Menschenkenntnis ist dementsprechend eingeschränkt. Graf Olaf täuscht ihn mit links. Eigentlich ist es sehr schade um Jerome. Vielleicht werden ihm im Verlauf der Handlung noch die Augen für die Realität geöffnet.

Was Wunder also, dass unsere braven drei Kids Probleme haben zu beurteilen, was wirklich, wahr und echt ist und was nicht. Gunther beispielsweise ist ein falscher Fuffziger. Aber kann eine Wohnung, die über 71 Schlafzimmer und 849 Fenster verfügt, echt sein? Mal ehrlich. Und kann ein Fahrstuhl, der nur eine Tür hat, aber keine Kabine, real sein? Wohl kaum.

Wieder ist Sherlock Klaus gefragt, der Forscher. Wenn es um Erfindungen geht, ist Violet gefragt. Leider kommen ihre Erfindungen nicht immer zur richtigen Zeit: Sie ist ihrer Zeit manchmal voraus. Dieses Schicksal teilt sie mit vielen Genies. Und Sunny? Sie ist ebenfalls genial, aber wenn’s drauf ankommt, setzt sie lieber die vier Zähne ein, die sie schon hat. Ergo: Graf Olaf hat keine Chance. Oder?

_Unterm Strich_

Band 6 ist also voller Action, spannender Ermittlungen, unheimlicher Situationen, falscher Identitäten und grotesker Leute und Orte. Es vergeht kein Kapitel, in dem nicht für genügend Nervenkitzel gesorgt wird. Besonders lustig sind die ersten Kapitel, in denen die Baudelaires das Zerrbild einer Luxuswohnung vorfinden, wie sie sich die unteren zehntausend ungefähr vorstellen. Auch dass hier die Mode eine ebenso große Rolle spielt wie der Klatsch und die Jagd nach Geld, entspricht den Erwartungen. Dadurch, dass diese Luxusleute dann Martinis trinken, die aus Wasser bestehen, in dem eine Olive schwimmt, und später „Petersiliensoda“, werden sie schön lächerlich gemacht.

Wirklich schlau hingegen sind die beiden wichtigsten Lektionen: die über das „Element der Überraschung“ und den „unfairen Vorteil“. Wer ihnen mit geeigneten Mitteln entgegentritt, hat bessere Chancen, im Leben zu bestehen. Das Buch ist also nicht nur lustig, sondern auch lehrreich für Kinder und Erwachsene gleichermaßen.

Weil die Quagmeirs vorkommen, ist es wohl am besten, Band 5 und 6 zusammen und hintereinander zu lesen. Eigentlich selbstverständlich, aber nicht jeder hat beide Bände vorliegen oder kann sie gar in chronologischer Reihenfolge lesen. Schön, dass der Umfang immer weiter zunimmt: Hier gibt’s mehr Buch fürs Geld.

|Originaltitel: A Series of Unfortunate Events – The Ersatz Elevator, 2000
Aus dem US-Englischen übersetzt von Birgitt Kollmann|

Haushofer, Marlen – Wand, Die

_Heidi-Land ist abgebrannt_

Eine Frau will mit ihrer Kusine und deren Mann ein paar Tage in einem Jagdhaus in den Bergen verbringen. Abends unternimmt das Paar noch einen Gang ins Dorf. Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass die beiden nicht zurückgekehrt sind. Zusammen mit dem Hund macht die Frau sich auf, um sie zu suchen. Plötzlich kehrt der Hund mit blutender Schnauze zurück. Dann stößt sie selbst an ein unsichtbares Hindernis. Es ist eine riesige gläserne Wand. Die Frau, der Hund, eine Katze und eine trächtige Kuh sind in einem genau umgrenzten Stück Natur gefangen.

_Die Autorin_

Marlen (eigentlich Marie Helene) Haushofer wurde am 11. April 1920 in Frauenstein, Oberösterreich, als Tochter eines Revierförsters geboren. Sie studierte 1940 Germanistik in Wien und Graz und lebte später mit ihrem Mann, einem Zahnarzt, und zwei Kindern in Steyr. Sie starb am 21. März 1970 in Wien. Sie schrieb neben ihrer Tätigkeit als Hausfrau und Sprechstundenhilfe hauptsächlich Romane, Novellen, Erzählungen sowie Kinder- und Jugendbücher. Sie wurde von österreichsichen Schriftstellern gefördert.

Obwohl sie unter anderem 1968 mit dem Österreichischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet worden war, hatten ihre Bücher erst nach ihrem Tod großen Erfolg, als die Frauenbewegung sie für sich entdeckte. Aufgrund der Thematik ihrer Bücher wird sie in der Tradition August Strindbergs gesehen und mit Simone de Beauvoir in Verbindung gebracht.

_Die Sprecherin_

Elisabeth Schwarz spielte u. a. in Stuttgart, Frankfurt/M. und München Theater. Von 1985 bis 2001 war sie Ensemble-Mitglied des Hamburger Thalia-Theaters. In Film- und TV-Rollen war sie u. a. in „Aus einem deutschen Leben“ und im „Tatort“ zu sehen. (Verlagsinfo)

_Handlung_

Es ist der letzte Tag des Aprils, als unsere Chronistin mit dem Ehepaar Hugo und Luise Rücklinger in den Urlaub fährt, wobei sie die Kinder zurücklässt. Von deren Vater ist nicht die Rede. Luise ist ihre Kusine. Sie fahren hinauf in die Berge, wo sie im Jagdhaus der Rücklingers wohnen wollen. Auf dem Weg hat Hugo seinen Hund Luchs abgeholt. Es ist ein kluger, abgerichteter Jagdhund, der nur Hugo als seinen Herrn anerkennt.

Es ist die Walpurgisnacht. Abends gehen die Rücklingers noch einmal ins Dorf, und nachdem sie beim Licht einer Petroleumlampe – es gibt keinerlei Elektrizität – gelesen hat, geht sie zu Bett, ohne dass ihre Gastgeber zurückgekommen wären. Das merkt sie aber erst am Morgen, und sie macht sich gleich auf den Weg durch die Schlucht zum Dorf. Als der Hund mit einer blutenden Schnauze zu ihr zurückkehrt und sie daran zu hindern versucht, weiterzugehen, macht sie sich ein wenig Sorgen. Dann stößt sie mit der Stirn an die WAND.

Die Wand ist vollständig unsichtbar, sie kann nicht aus Glas sein, sondern aus einem anderen Material. Es spiegelt nicht, klingt nicht, gibt nicht nach. Zuerst weigert sich ihr Verstand, sich mit dem Hindernis zu beschäftigen. Sie bemerkt, dass die Wand den Bach gestaut hat; das Hindernis reicht nicht tief in den Boden. Da bemerkt sie einen Mann auf einem Weiler jenseits der Wand. Etwas ist sonderbar an ihm: Obwohl er sich am Brunnen wäscht, bewegt er sich nicht, als sei er völlig erstarrt. (Später bemerkt sie noch eine Frau und mehrere erstarrte Vögel.)

Warum ist die Straße leer? Warum kommt niemand? Ist die Welt auf einmal ausgestorben? Hat ein Krieg mit einer neuartigen Waffe stattgefunden, die nur Lebewesen tötet, so wie die Neutronenbombe? Die „humanste Teufelei“. Sie fragt sich, warum nur sie verschont geblieben ist und ob es noch andere Überlebende gibt. Nachdem sie mit Stöcken die Wand markiert hat, erkennt sie deren Verlauf: Sie ist eingesperrt. Panik. Luchs, der Hund, heult nach seinem verlorenen Herrn. Sie schläft nur noch mit einem Gewehr, das geladen neben dem Bett hängt.

Anderntags findet Luchs eine brüllende Kuh, die zwei Tage nicht gemolken worden ist, und treibt sie mit der Frau zum Jagdhaus. Sie erleichtert die Kuh, die sie Bella nennt, von ihrer schmerzenden Last. Auch Bella hat eine blutende Schnauze. Weil sie eine Verpflichtung darstellt, betrachtet sich die Frau nun als Gefangene. Sie beginnt ihren Bericht, den sie an einem 5. November beenden wird, weil ihr das Papier ausgeht. Anhand der Zündhölzchen kann sie ausrechnen, wie lange sie in der Lage sein wird, einmal pro Tag Feuer anzuzünden: zweieinhalb Jahre. Ihre Überlebensfrist.

Denn schon am 27. Oktober fällt der erste Schnee. Nachdem sie Kartoffeln geerntet und Heu eingebracht hat – ungewohnte, harte Arbeit -, zieht sie sich mit einer Katze und mit Luchs ins Haus zurück. Eines der Jungen der Katze, die schneeweiße „Perle“, ist schon gestorben. Draußen in der Wildnis ist das Kätzchen angegriffen und so schwer verletzt worden, dass es in der Hütte gestorben ist, vor den Füßen der Frau. Der Tod ist heimgekommen.

Der Kampf ums Überleben geht weiter, Rehe sind im Winter erfroren, und eine weiße Krähe ist aufgetaucht, die die Frau füttert, bis sie zahm ist. Sie hilft Bella bei der Geburt eines Kalbes, und es geht wieder hinauf auf die Alm. Aber diese ist nicht mehr verlassen …

_Mein Eindruck_

Die Geschichte ist durchweg sehr einfach in der sprachlichen Gestaltung. Die meisten Beschreibungen drehen sich um den Alltag der namenlosen Hauptfigur und Ich-Erzählerin, die sich von einer Städterin überraschend schnell zu einem „planenden Ackerbauer“ entwickelt. Sie kann offenbar auf viele Kenntnisse zurückgreifen, die ein Stadtmensch nicht besitzt. Das verwundert nicht, wenn man weiß, dass die Autorin die Tochter eines Revierförsters war. Und in den 20er und 30er Jahren, als sie aufwuchs, kannte man noch viele Dinge über das Landleben und beherrschte entsprechende Fähigkeiten. Für uns heutige Stadtmenschen wird der Roman zu einem Ausflug in eine archaische Welt, die am ehesten noch an realistische Fantasyromane erinnert.

Das bedeutet nicht, dass die Hauptfigur keine Zeit zum Denken hätte. Kalte Winterabende und verregnete Nachmittage können sehr lang sein, wenn man ganz allein ist auf der Welt. Beim Denken grübelt sie natürlich über die Ursachen und Folgen der drastischen Veränderung der Welt nach. Wenn ein Krieg die Ursache war und alles außerhalb der Wand tot ist, dann müssten auch die Kinder der Frau tot sein. Sie wagt nicht, sich das vorzustellen. Sie fragt sich, wo die Sieger bleiben, die ja das leere Land besetzen müssten. Kein einziger Sieger taucht jemals auf. Es muss ein furchtbarer Krieg sein, der keinen Sieger kennt – etwa ein Atomkrieg.

|Nachdenken über die Frau an sich|

Und obwohl sie nun auch über Begriffe wie Ehre, Freiheit und Liebe nachdenkt, ist es doch etwas anderes, was ihre Tätigkeiten anschaulich vor Augen führt. Es ist die Selbstverwirklichung einer Frau unter den – unrealistischen, weil utopischen – Bedingungen einer Isolation von jeglicher männlicher Dominanz und Einengung. Die Frau entdeckt eine Gegenwelt ohne soziale und technologische Zerstörung, ja, aber nur in ihrem eng umgrenzten, von der Wand beschützten Bereich. Diese Wand ist schon bald kein Hindernis mehr, sondern Teil ihres Ichs, an den sie nicht mehr denkt, weil sie ihn als gegeben hinzunehmen gelernt hat.

Das bedeutet aber nicht, dass hier kein Mann auftauchen kann. Als es unvermittelt dazu kommt, entlädt sich das Aufeinanderprallen der beiden Existenzwelten in einer Explosion tödlicher Gewalt. Drei Lebewesen kommen um. Danach ist das Leben der Frau erheblich ärmer, aber sie sieht auch jetzt noch einen Silberstreif am Horizont. Sie will nicht zulassen, dass die weiße Krähe stirbt.

|Unterdrückung vs. Entfaltung|

Nach Meinung von Literaturlexika ist es das Anliegen der Autorin, „die Unterdrückungsmechanismen aufzudecken, denen die Frau (also vor der Frauenbewegung) in einer patriarchalischen Gesellschaft ausgesetzt ist. Das entspricht einem Diktum von Simone de Beauvoir aus dem Jahr 1951: ‚Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.‘

Die Bereitschaft der Frau, die ihr zugewiesene Rolle hinzunehmen, und das Scheitern weiblicher Ausbruchsversuche werden psychologisch aus frühkindlichen Erfahrungen [der Autorin] abgeleitet.“ Die einfache Sprache ist dennoch auf subtile Weise ausdrucksstark; sie deutet tiefe Emotionen lediglich leise an. Tiere – im Roman etwa der Jagdhund Luchs – sind die Spiegel dieser Gefühle und dürfen sie deutlicher zeigen. Die Hauptfigur in „Die Wand“ legt ein außergewöhnliches Einfühlungsvermögen für alle Tiere an den Tag, die ja ihre einzigen Freunde sind.

Angeblich wirken die Zwänge des Frauenalltags blockierend auf die weibliche Persönlichkeitsentfaltung, und eine Folge sei die geistige und psychische Isolation. Die Autorin hat in Romanen wie „Eine Handvoll Leben“ (1955), „Die Tapetentür“ (1957) und „Die Mansarde“ (1969) dieses Thema variiert. In ihrem bekanntesten Roman, der negativen Utopie „Die Wand“, der im Jahr 1963 erschien, hat die Isolation eine symbolhafte Gestalt angenommen: eine transparente, ringsum eingrenzende Wand.

Diesmal engt die Wand nicht nur ein, sondern beschützt auch einen Spielraum für die Entfaltung einer Frau. Das Auftauchen eines Mannes bedroht diese Existenzform, wird keineswegs als Gelegenheit zur Fortpflanzung erkannt und genutzt, sondern führt vielmehr zu Zerstörung von Leben. Wahrscheinlich, so legt die Chronistin nahe, aufgrund eines Missverständnisses. Ist das nicht typisch für das Verhältnis zwischen Frauen und Männern?

|Heidi-Land ist abgebrannt|

„Die Wand“ ist also weit davon entfernt, eine Bergidylle à la „Heidi“ aufzubauen und zu befürworten. Hier, wo der Wildbach rauscht, kommen auch keine feschen Förster und Wilderer nächtens zu den Dirndln, um an ihre Stubenfenster zu klopfen. Das Bild, das die Autorin zeichnet, ist vielmehr das eines fortwährenden Kampfes ums nackte Überleben, wie sie es selbst als Förstertochter kennen gelernt haben dürfte. Was sie befürwortet, ist die Hand der Frau, die das Gedeihen und Wachsen von Flora und Fauna fördert, wohingegen der Mann, als er dann auftaucht, lediglich zerstört. Doch auch diese Utopie ist nur begrenzt haltbar: zweieinhalb Jahre, dann sind alle Zündholzer verbraucht.

_Exkurs: Frauen-Utopias_

Interessant wäre es auch gewesen, zwei oder mehr Frauen zusammen leben zu lassen. Die Zahl der weiblichen, um nicht zu sagen: feministischen Utopias ist nicht gerade groß, aber es gibt sie doch in einer beachtlichen Anzahl. Selbst männliche Großliteraten wie Gerhart Hauptmann haben sich darin versucht („Die Insel der Großen Mutter“, 1924). Später zählten „Herland“ und andere Inselwelten in der Tradition von Samuel Butlers „Erewhon“ (= „nowhere“ rückwärts geschrieben) dazu.

In den siebziger und frühen achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden auch in Science-Fiction und Fantasy Frauenutopias, so etwa „Der Strand der Frauen“ von Pamela Sargent, „Planet der Frauen“ von Joanna Russ und „Die Frau am Abgrund der Zeit“ von Marge Piercy.

Wegweisend ist auch Ursula K. Le Guins preisgekrönter SF-Roman [„Die linke Hand der Dunkelheit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=785 (auch „Winterplanet“), in dem die Angehörigen der einheimische Bevölkerung des Planeten Gethen vor ihrem Fruchtbarkeitszyklus nicht wissen, ob sie männlich oder weiblich sein werden. Da gibt es für Außenweltler interessante Entdeckungen zu machen, z. B. in einer Monarchie …

_Die Sprecherin_

Elisabeth Schwarz verfügt über eine angenehme, reife Stimme, die sie eindrucksvoll zu modulieren versteht. Kein Wunder, denn sie ist ja bereits seit Jahrzehnten Schauspielerin. Aber das sind andere Sprecherinnen auch, und doch ist damit noch nicht gesagt, ob man ihnen auch gerne zuhört. Bei Schwarz ist das jedoch der Fall. Man hört ihr die Anteilnahme am Schicksal der Chronistin von „Die Wand“ an. Ihr Vortrag ist ebenso subtil im Ausdruck wie der Text selbst. Ich habe festgestellt, dass man ihn öfters hören sollte. Man kann immer wieder Neues dabei entdecken.

_Unterm Strich_

„Die Wand“ ist einer der grundlegenden Texte der so genannten „Frauenliteratur“ – Literatur von, für und über Frauen. Zur Zeit der Frauenbewegung, also in den 60er, 70er und frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, fand die negative Utopie der Autorin viel Beachtung. Aber auch heute noch ist es interessant und vor allem bewegend zu lesen, wie eine isoliert lebende Frau lernt, selbständig zu überleben, obwohl sie von den Annehmlichkeiten der städtischen Zivilisation und von jeglicher männlicher Unterstützung (Landarbeit ist verdammt harte Arbeit!) abgeschnitten ist.

Dabei sollte man nicht übersehen, dass als Ursache für die Ausgrenzung offenbar eine neue Art von Krieg dient: Die Geheimwaffe hat alles Leben jenseits der „Wand“ erstarren lassen und abgetötet. Doch die Sieger marschieren nicht ein. (Die Autorin erlebte die Nazis in Wien und Graz, wo sie 1940ff studierte.) Als endlich doch einmal ein Mann auftaucht, ist das Ergebnis wieder einmal ein Missverständnis und die Zerstörung von Leben, so als wäre der Krieg, die technologische, von Männern befohlene Zerstörung, in das Tal der Frau eingedrungen.

Das Szenario erinnert an andere Bücher über das Überleben von Frauen nach einem verheerenden Krieg, sei er nun atomarer, chemischer oder gar biologischer Natur. (Es gibt einen Comic namens „Y“, in dem nach einer Seuche nur ein einziger Mann überlebt hat, die Frauen aber die Zivilisation weiterführen. Als er in ihrer Mitte auftaucht, gibt es ein paar recht hässliche Szenen.)

Die Sprecherin vermittelt die bewegenden Bilder und Szenen, die die Autorin ihrer Chronistin in den Mund legt, ebenfalls ausdrucksstark, aber dabei nicht übertrieben, sondern subtil. Ich könnte ihr stundenlang zuhören.

|Hinweis:| Das Buch wurde bereits 2002 vom kleinen Verlag |Hörsturz| vertont, mit der Schauspielerin Julia Stemberger („Der König von St. Pauli“). Die aktuelle, ebenfalls gekürzte Fassung ist preisgünstiger.

|140 Minuten auf 2 CDs|

Lemony Snicket – Die Schule des Schreckens (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 5)

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Erben. Band 5 führt sie an die Prufrock-Privatschule, wo der stellvertretende Schuldirektor ihr neuer Vormund sein soll. Eigentlich. Der jedoch bittet sich Zeit für seine Übungsstunden auf der Geige aus. Ab in den Schuppen!

|Der Autor|

Verlagsinfo: „Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L. S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L. S. im Internet unter http://www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“ So weit der Text im Buch. Nicht sonderlich aufschlussreich.

Lemony Snicket – Die Schule des Schreckens (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 5) weiterlesen

Kadrey, Richard – Metrophage

_Der Action-Thriller und die Poesie des Verfalls_

Ein junger Mann namens Jonny schlägt sich am Rande der Legalität in einem Los Angeles der nahen Zukunft durch. Zu seinem wachsenden Ärger scheint man hinter ihm her zu sein, während in der Stadt ein seltsamer Virus wütet, der „Metrophage“ genannt wird. Als daran seine Freundin erkrankt, steckt er in der Klemme. Warum bloß sind alle hinter ihm her?

|Der Autor|

„Richard Kadrey is a member of a small group of innovative writers, including William Gibson, Bruce Sterling, John Shirley, Pat Cadigan, Tom Maddox, and others, who changed the face of science fiction in the 1980s. He also creates art. He lives in San Francisco.“ (zitiert nach www.infinitematrix.net)

_Handlung_

Jonny ist ein kleiner Dealer im Los Angeles des beginnenden 21. Jahrhunderts. Er handelt mit allem, was sich zu Geld machen lässt: mit Designerdrogen, künstlichen Hormonen, wertvollen Informationen. Auf der Suche nach dem Mörder seines Partners wird er in die Auseinandersetzungen zwischen den diversen in LA herrschenden Gruppen hineingezogen. Sein ehemaliger Chef im sogenannten „Gesundheitsdienst“, einer paramilitärischen Schutztruppe, zwingt ihn, Spitzeldienste zu leisten.

Bei den Croakern, im Untergrund arbeitenden Ärzten und Anarchisten, findet er vorübergehend Unterschlupf, aber auch sie versuchen, ihn zur Mitarbeit zu überreden. Bei der Rettung seiner Freundin läuft er einem Schmugglerlord in die Arme, der ebenfalls sehr an Jonny interessiert ist. Warum nur?

Auf seinem Weg durch LA wird Jonny immer wieder mit einer neuen Seuche konfrontiert, für die es wie bei AIDS kein Gegenmittel zu geben scheint, die aber der Grund für die schleichende Auflösung der Stadt selbst und ihrer sozialen Strukturen ist. „Metrophage“ ist eine Art Lepra, die von einem perfekt getarnten Virus übertragen wird.

Seine Spur läßt sich in ein Labor für biologische Waffen zurückverfolgen. Ein Gegenmittel erweist sich als Legende. Als schließlich auch Jonnys Freundin an der Seuche erkrankt, muss er erkennen, dass er nur eine Schachfigur in einem Spiel ist, das er nicht kontrolliert und nicht kontrollieren kann – er dreht durch. Er hat keine Ahnung, warum plötzlich alle hinter ihm her sind und ihn einsacken wollen, ausgerechnet ihn. Doch die Interessenten haben einen triftigen Grund …

Bei seinem verzeifelten Versuch, seine Freundin doch noch zu retten, kommt es am Schluss zum großen Showdown.

_Mein Eindruck_

Kadrey baut seine Handlung vor einer düsteren Atmosphäre auf, wie sie etwa auch in William Gibsons grundlegendem Cyberpunk-Roman [„Neuromancer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=280 herrscht: Lowlife, d. h. die am Rande der Gesellschaft und Legalität sich durchs Leben schlagenden Gruppierungen. Der Übergang zwischen gesetzestreuen und -brechenden Gruppen ist nur relativ und fließend. Spannung baut sich beim Leser auf, indem er immer ein kleines Bisschen mehr Informationen hinzugewinnt, vor allem über die Seuche, die sich als zentraler Beweggrund für das scheinbar sinnlose Geschehen um Jonny herausstellt.

Die Auflösung scheint mir etwas an den Haaren herbeigezogen zu sein, doch nach einem Action-Thriller wie diesem muss Kadrey tief in die Trickkiste greifen, um ein würdiges Finale liefern zu können.

„Metrophage“ ist eine neue Wortbildung, die an den biologischen Begriff „Makrophage“ angelehnt ist ist, der Fresszellen bezeichnet. Ansonsten handelt es sich hier um einen Action-Roman in den letzten Ausläufern des Cyberpunk, der sich wie „ein unter Hochspannung stehendes Spielhallen-Videospiel“ liest („Encyclopedia of Science Fiction“, 1993). Dem kann ich nur beipflichten.

Nick Hornby – NippleJesus

Knien und Beten verboten!

Der „NippleJesus“ ist eine Collage aus kleinen nackten Brüsten, die von der Ferne betrachtet ein Kreuzigungsbild darstellen. Für den Museumsaufseher, der für dieses Skandalbild verantwortlich ist, wird das Bild zu seiner persönlichen Passion. Als er jedoch die eigentliche Intention der Künstlerin erfährt, versteht er die Welt nicht mehr … (Verlagsinfo)

Der Autor

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Verne, Jules – Reise um den Mond

_Von der Mondrepublik und ihren flüchtigen Bewohnern_

Die Eroberung des Erdtrabanten war in der Literatur schon seit der Antike – etwa bei Lukian – ein gängiges Motiv. Die meisten Autoren ließen sich irgendwelche fantastischen Tricks einfallen, um von A nach B zu gelangen, was ihre Geschichte denn auch als Fabel auswies. Doch erst Verne strengte sich an, eine plausible technische Lösung für das Problem der Personenbeförderung zum Erdmond zu suchen. Und er fand sie in Gestalt einer 300 Meter langen Superkanone. Sie funktioniert allerdings auch nur in seiner Geschichte. Das Projektil trägt die drei Insassen bis zum Mond und noch darüber hinaus …

_Der Autor_

Jules Verne wurde 1828 in Nantes geboren und starb 1905 in Amiens. Bereits während seines Jurastudiums schrieb er nebenher, manchmal mit einem Freund, Theaterstücke und Erzählungen. Sein erster Erfolgsroman „Fünf Wochen im Ballon“ erschien 1863. Seine großen Romane waren in der Folge Bestseller. Heute wird er neben H. G. Wells als einer der Begründer der modernen Science-Fiction-Literatur angesehen.

Mit „Die Eissphinx“ schrieb er eine Fortsetzung von E. A. Poes Horrorerzählung „The Narrative of Arthur Gordon Pym“. Sein erster Zukunftsroman „Paris im 20. Jahrhundert“ lag lange Zeit verschollen in einem Tresor und wurde erst vor ca. 20 Jahren veröffentlicht. Die Lektüre lohnt sich, auch wegen der erhellenden Erläuterungen der Herausgeberin.

_Das Hörbuch_

|Der Sprecher: Rufus Beck|

Rufus Beck, geboren 1957, ist Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler und hat als deutsche Stimme der „Harry Potter“-Hörbücher mit seiner vollendeten Sprechkunst die Herzen zahlreicher HP-Fans erobert. Er hat aber auch alle Bücher des Iren Eoin Colfer als Hörbücher aufgenommen, insbesondere die über „Artemis Fowl“.

|Der Komponist und Musiker: Parviz Mir-Ali|

Parviz Mir-Ali, geboren 1967, lebt in Frankfurt/M., wo er als Komponist arbeitet. Er hat unter anderem mit André Heller an „Yume“, mit Matthias Hartmann am Schauspielhaus Bochum und mit Gerhard Mortier an „Deutschland deine Lieder“ (Ruhrtriennale 2002) zusammengearbeitet.

_Handlung_

Den Abschuss aus der Riesenkanone in Florida haben die Mondreisenden mit heilen Knochen überstanden, nur Barbicane hat sich leicht verletzt. Aber wo befinden sie sich? Sind sie noch am Boden, oder am Boden des Ozeans, oder doch im All? Sie haben keinen Knall gehört – wie seltsam. Als sie die Luke öffnen, erkennen sie, sie fliegen im All. Klarer Fall: Wieder einmal muss Captain Nicholl blechen. Er hat eine weitere Wette verloren.

Doch es ist keine Zeit, sich in Sicherheit zu wiegen, denn das All ist alles andere als leer. Bug voraus fliegt ein weiterer Erdtrabant vorbei und eine Kollision droht. Dessen Existenz hat ein Franzose errechnet, und tatsächlich saust er in einer Distanz von 8140 km an der Kapsel vorbei. Endlich wird Barbicane der Grund klar, warum sie keinen Abschussknall gehört haben: Sie sind schneller als der Schall geflogen!

Zu ihrer Verblüffung reicht diese Geschwindigkeit nicht aus. Barbicanes Berechnungen führen Nicholl und Ardan die entsetzliche Wahrheit vor Augen: Sie werden den Mond nicht treffen. Schuld daran sind wieder einmal die trotteligen Astronomen der Sternwarte Cambridge, die – abgehobene Geister, die sie sind – einfach den Luftwiderstand in der Erdatmosphäre außer Acht gelassen haben. Daher ist die Kapsel jetzt 6000 Meter pro Sekunde zu langsam.

Doch wenn sie den Mond verfehlen, wo werden sie dann landen? Werden sie ewig weiterschweben, bis ein glücklicher Zufall sie auf die Jupitermonde verschlägt oder ein Komet ihr kleines Gefährt zerschmettert?

_Mein Eindruck_

|Eine Mondfahrt, die ist lustig|

Nun, so weit kommt es bekanntlich nicht. Der Autor hat das Motto ausgegeben „Eine Mondfahrt, die ist lustig“. Weil der schwärmerische Franzmann nicht darauf geachtet hat, dass nicht zu viel Sauerstoff in die Atemluft gerät (sie haben dafür einen Gasaustauschapparat), geraten unsere drei Lunatiker in einen lustigen Gasrausch, der sie von allerlei Luftschlössern auf dem Erdtrabanten fabulieren lässt, darunter natürlich auch von einer Mondrepublik. Wie könnte es auch bei Republikanern wie Franzosen und Amis anders sein, haben doch die meisten anderen Staaten immer noch diese drögen, völlig überholten Monarchien.

|Der Trabantentrabant|

Auch das regelmäßige Frühstücken lässt sich Ardan nicht vermiesen, und lediglich die Tatsache, dass einer seiner zwei Hunde das Zeitliche segnet, stimmt ihn etwas traurig. Zu seiner Verblüffung begleitet der aus hygienischen Gründen im Weltraum bestattete Hundekörper das Projektil wie ein eigener Trabant. Richtig lustig wird auch dies, als die Kapsel zum Trabanten des Erdtrabanten wird, und dabei selbst von einem Trabant umflogen wird. Selbstredend hieß der Hund von Anfang auch so: „Trabant“. (Der andere Hund heißt „Diana“, nach der römischen Mondgöttin.) Wer will, kann sich mit infantilen Sprachspielen austoben.

|Die Kardinalfrage|

Die Kardinalfrage ist jedoch: Ist der Mond bewohnt und wenn nicht, ist er wenigstens bewohnbar? Bei ihrer Umrundung finden die drei Forscher so manches Phänomen, das den irdischen Wissenschaftlern und Mondguckern Kopfzerbrechen bereitet, so etwa Rillen und womöglich Kanäle. Ardan vermeint auch einmal, Ruinen zu erblicken. Während ihm die Mondoberfläche wie eine Märchenlandschaft erscheint, hegen die beiden Amis eine weitaus prosaischere Betrachtungsweise. Sie frönen dem „verdammten Positivismus“, wie Ardan klagt. Der Einschlag eines Meteoriten, der zum Glück von einer direkten Kollision mit der Kapsel absieht, erhellt die Mondoberfläche wie ein Feuerwerk. Doch als der „Lichtspuk“ vorüber ist, meinen sie, einen Traum gesehen zu haben …

Die Euphorie wird vom prosaischen Barbicane im Handumdrehen wieder vertrieben. Er erklärt, dass der Mond zugleich älter als die Erdoberfläche sei, aber auch die Zukunft der Erde darstelle. Sie werde in, äh, ungefähr 400.000 Jahren den absoluten Kältetod sterben. Na, dann ist ja noch ein wenig Zeit für ein Frühstück, seufzt der Franzose erleichtert.

Natürlich wird allmählich die verdrängte Frage, wo bzw. ob sie landen werden, ein wenig relevant. Um so mehr, als sie den Himmelskörper komplett umrundet haben und nun vor der Wahl stehen, entweder zu landen, bis in die Unendlichkeit zu segeln oder zurück zur Erde zu fallen. Leider würde der Aufprall auf der Erde sie auf jeden Fall umbringen. Oder?

Der Autor gibt mit diesem Roman schon den Rahmen vor, wie künftig die Annäherungen an fremde Welten beschrieben werden: entweder ganz nüchtern nach Art amerikanischer Militärs und Ingenieure – oder so romantisch verklärend und vermenschlichend wie der Franzose es tut. Erst Frank Herbert wird 1965 mit seinem Roman „Der Wüstenplanet“ eine weitere Herangehensweise einführen: die wissenschaftlich fundierte Space-Opera, wobei die relevante Wissenschaft in diesem Fall die Ökologie ist.

Welche Tücken die physikalischen Gesetze für den damit unvertrauten Menschen bereit halten, müssen auch die Kameraden Barbicanes erfahren, die zur Bergung der Kapsel herbeigeeilt sind, sie aber tagelang vergeblich suchen. Sie haben einfach simpelste Fakten außer Acht gelassen. Dieser Umstand aber sorgt für gehörige Spannung, bangt das Publikum – egal ob Leser oder Hörer – um den Verbleib der Mondfahrer. Nur wer genauso schlau ist wie der Autor, wird von diesem Finale angeödet sein, da er ja schon alles weiß.

_Das Hörbuch_

Rufus Beck ist ja am bekanntesten dafür, über mindestens 125 Stimmen zu verfügen. (Wahrscheinlich eine Untertreibung.) Anders als in seinen Lesungen von Harry-Potter- und Artemis-Fowl-Büchern hält er sich bei Jules Verne etwas zurück. Das heißt aber nicht, dass all die Sprecher nicht mehr voneinander zu unterscheiden wären – im Gegenteil. Der pingelige Nicholl ist ebenso gut herauszuhören wie der beflissene Maston und der würdevolle Barbicane. Alle jedoch beherrscht die Stimme Michel Ardans. Er „schbrischd“ stets mit französischem Akzent, und zwar nicht nur in der Aussprache der Wörter, sondern auch im Tonfall. Da kann die Stimme schon mal ziemlich in die Höhe schnellen. Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuhören. Wenn man kein Ingenieur ist.

_Die Musik_

Ich weiß ja nicht, auf welchem vielseitigen Instrument der Komponist Parviz Mir-Ali seine Musik produziert hat, aber sie passt genau in die damalige Zeit: Es klingt wie eine Dampforgel oder, wie man damals sagte, ein Orchestrion. Wir hören verschiedene Kombinationen aus Bläsern (viel Tuba), Marschtrommeln und Flöten. Laut Booklet handelt es sich dabei um Kompositionen des bekannten amerikanischen Musikers John Philip Sousa, der auch von einigen Autoren der Science-Fiction-Szene geschätzt wird.

Was hier aber so martialisch klingt, das tönt doch mitunter eher verspielt, so als befände sich der Hörer auf einem Jahrmarkt statt bei einem Truppendefilee. Aber in Amerika ist der Übergang fließend, wie man in vielen Hollywoodfilmen sehen kann. Diese Musik ist stets in den Pausen, aber auch als Auftakt und Ausklang zu hören.

Dies gilt jedoch nur für die Szenen, die am Anfang und im letzten Drittel auf der Erdoberfläche stattfinden. Alle anderen Szenen weisen eine ruhige Sphärenmusik auf, die es durchaus mit den ruhigsten Kompositionen von Pink Floyd aufnehmen kann – oder mit Gustav Holsts Planeten-Suite, wenn man Klassik lieber mag.

_Unterm Strich_

Nicht nur, weil das Hörbuch mit gut drei Stunden wesentlich kürzer ist als sein Vorgänger „Von der Erde zum Mond“, vergeht die Zeit beim Anhören wie im, ähem, Flug. Auch die zahlreichen Wechselfälle des Schicksals sorgen für Abwechslung und Spannung. Die Entdeckungen über die Irrtümer bei den Berechnungen, die Sprachspielereien, der Gasrausch und schließlich der Meteoriteneinschlag mit seinem Feuerwerk – für die Unterhaltung der Lunatiker und ihres Publikums ist jedenfalls bestens gesorgt.

Was nun die Voraussagen über die Bewohnbarkeit des Mondes angeht, so hält sich der Autor immer ein Hintertürchen offen. Haben oder haben sie nicht Wälder und Ozeane gesehen, als das „Feuerwerk“ explodierte? Vermutlich war’s nur ein Traum – oder nicht? Spätere Autorengenerationen werden sich alles Mögliche in dieser Hinsicht einfallen lassen. Bei H. G. Wells leben die „Seleniten“ natürlich nicht auf der gefährdeten Oberfläche, sondern in Höhlen und Tunneln unter der Oberfläche. Daher heißt sein Roman ja auch „First Men in the Moon“, und nicht „on the Moon“.

Und was das Vorhandensein von Wasser als Voraussetzung für Leben anbelangt, so fabuliert Wells‘ literarischer Nachfolger Stephen Baxter in seinem rasanten Roman „Anti-Eis“ von der Existenz von Wassereis – allerdings nur auf der Rückseite des Erdtrabanten, wo man’s bekanntlich nicht sieht. Ansonsten ließen sich Autoren wie Heinlein, Asimov, Clarke und Jack Vance etliche Möglichkeiten einfallen, um die kahle Oberfläche interessant zu machen. Bei Niven schließlich zerbricht der Erdtrabant daran, dass er seinem Muttergestirn zu nahe kommt: „Inconstant Moon“. Die Gravitationskräfte lassen eben nicht mit sich spaßen. Das müssen – zu ihrem Vorteil – auch Vernes Mondfahrer anerkennen.

Die inszenatorische Leistung ist bei Sprecher Rufus Beck und Komponist Parviz Mir-Ali ebenso gut gelungen wie im Vorgänger „Von der Erde zum Mond“, so dass der Hörer durchaus zufrieden sein kann. Lediglich der hohe Preis von 23,90 Euronen für drei CDs trübt die Freude etwas.

|Umfang: 221 Minuten auf 3 CDs|

T. A. Barron – Merlin und die sieben Schritte zur Weisheit

Vom Lachen des Drachen und der Süße der Sünde

„Merlin und die sieben Schritte zur Weisheit“ ist der zweite Teil einer erfolgreichen fünfteiligen Saga um die Jugend des legendären Zauberers: Sie erzählt von jener Zeit, als Merlin noch nicht der berühmteste aller Magier war, noch nicht der weise Lehrmeister des jungen Königs Artus, sondern ein 13-jähriger Junge, der gerade seinen zuvor unbekannten Vater Stangmar verloren hat und dessen Mutter Elaine jenseits des Meeres lebt.

Kein Wunder, dass er seine Kräfte erprobt und sie herbeibeschwört. Doch der Erzfeind Ritagaur ist nie weit entfernt und vergiftet Elaine. Um das Gegenmittel vom Gott Daghda zu erlangen, muss Merlin die sieben Schritte zur Weisheit finden und gehen. Und er hat dafür nur vier Wochen Zeit.

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Verne, Jules – Von der Erde zum Mond (Hörbuch, 2005)

_Mondschuss zwischen Drama und Technofetischismus_

Die Eroberung des Erdtrabanten war in der Literatur schon seit der Antike – etwa bei Lukian – ein gängiges Motiv. Die meisten Autoren ließen sich irgendwelche fantastischen Tricks einfallen, um von A nach B zu gelangen, was ihre Geschichte denn auch als Fabel auswies. Doch erst Verne strengte sich an, eine technische Lösung für das Problem der Personenbeförderung zum Erdmond zu suchen. Und er fand sie in Gestalt einer 300 Meter langen Superkanone. Sie funktioniert allerdings auch nur in seiner Geschichte …

_Der Autor_

Jules Verne wurde 1828 in Nantes geboren und starb 1905 in Amiens. Bereits während seines Jurastudiums schrieb er nebenher, manchmal mit einem Freund, Theaterstücke und Erzählungen. Sein erster Erfolgsroman „Fünf Wochen im Ballon“ erschien 1863. Seine großen Romane waren in der Folge Bestseller. Heute wird er neben H. G. Wells als einer der Begründer der modernen Science-Fiction-Literatur angesehen.

Mit „Die Eissphinx“ schrieb er eine Fortsetzung von E. A. Poes Horrorerzählung [„The Narrative of Arthur Gordon Pym“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=781 Sein erster Zukunftsroman „Paris im 20. Jahrhundert“ lag lange Zeit verschollen in einem Tresor und wurde erst vor ca. 20 Jahren veröffentlicht. Die Lektüre lohnt sich, auch wegen der erhellenden Erläuterungen der Herausgeberin.

_Das Hörbuch_

|Der Sprecher: Rufus Beck|

Rufus Beck, geboren 1957, ist Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler und hat als deutsche Stimme der „Harry Potter“-Hörbücher mit seiner vollendeten Sprechkunst die Herzen zahlreicher HP-Fans erobert. Er hat aber auch alle Bücher des Iren Eoin Colfer als Hörbücher aufgenommen, insbesondere die über „Artemis Fowl“.

|Der Komponist und Musiker: Parviz Mir-Ali|

Parviz Mir-Ali, geboren 1967, lebt in Frankfurt/M., wo er als Komponist arbeitet. Er hat unter anderem mit André Heller an „Yume“, mit Matthias Hartmann am Schauspielhaus Bochum und mit Gerhard Mortier an „Deutschland deine Lieder“ (Ruhrtriennale 2002) zusammengearbeitet.

_Handlung_

„Die Eroberung des Mondes“, das ist für den Baltimorer „Gun Club“ keineswegs eine leere Phrase, sondern eine ganz konkrete Zielsetzung. Luna soll amerikanisches Territorium werden und niemandem sonst gehören. Und falls es Mondbewohner, die so genannten „Seleniten“, geben sollte, so werden sie dann eben „zivilisiert“ und eingemeindet. Nur damit klar ist, worum es bei diesem Abenteuer geht.

|Krieg vs. Frieden|

Natürlich interessieren sich die amerikanischen Massenmedien des Jahres 1865 stark für das, was die „verrückten“ Kriegsveteranen des Clubs vorhaben. Das Vorhaben wird zunächst freudig begrüßt. Wir jedoch wissen ein wenig mehr über die Mitglieder des Klubs. James T. Maston, des Schriftführer des Klubs, ist wirklich kriegsbegeistert und sieht in jedem Affront einen „casus belli“. Dies steht in ironischem Gegensatz zu dem Haken, den er statt einer Hand hat, und zu der Tatsache, dass seine Schädeldecke zum Großteil aus Guttapercha (eine Art Kautschuk, also Gummi) besteht.

Die Mitglieder des Klubs sind allesamt von der Teilnahme am blutigen Sezessionskrieg mehr oder weniger leicht lädiert. Einzige Ausnahme scheint M. P. Barbicane zu sein, seines Zeichens der Präsident des Klubs, der Herr über mehr als 5000 Mitglieder. Der Mann hat einen Plan.

Ach, wie den Veteranen der Krieg fehlt! Will man sich als Waffennarr nicht in diverse europäische Kriege stürzen (1866: Preußen vs. Österreich-Ungarn), so bleibt dem Gun Club nur eines, verkündet M. P. Barbicane: Man brauche stattdessen eine große Forschungstat. Er schlägt die erwähnte Eroberung des Mondes vor, der quasi zum 37. Staat der Union gemacht werden soll. (Alaska wurde erst 1867 gekauft.) Tausende von Mitgliedern schreien „Hurra!“

Barbicane lässt sogleich Astronomen der Sternwarte Cambridge sowie amerikanische Ingenieure die technischen und geografischen Details klären. Mittendrin erklärt uns der Autor bzw. mehrere seiner Sprachrohre, wie die diversen Monde des Sonnensystems heißen und was die Astronomie aus historischer Sicht zu Luna zu sagen hatte. Von Poesie und Mystik keine Spur: Der Mond ist eine „nackerte Kugel“, wie der Bayer sagt. Ja, es gibt sogar die Theorie, dass der Mond ein Ei sei, auf dessen Spitze wir blicken, wohingegen sich seine Hauptmasse unserem Blick entziehe.

Sobald feststeht, dass eine 270 m lange Kanone eine 10 Tonnen schwere Aluminiumkugel zum Mond mit einer Geschwindigkeit von 11.000 m/s ins All schießen müsste, um Erfolg zu haben, werden auch die wirtschaftlichen Dimensionen deutlich. Die ganze Welt wird von Barbicane & Co. um Spenden gebeten, um das gigantische Unternehmen zu finanzieren. Seltsamerweise zahlen die Briten keinen roten Heller: Sie wollen sich nicht einmischen.

|Nicholl vs. Barbicane|

Das lässt sich ganz gut an, bis Barbicane schließlich von unerwarteter Seite einen Schuss vor den Bug erhält. Ein gewisser Captain Nicholl aus den USA wettet, dass die einzelnen Phasen des irren Vorhabens nicht gelingen werden. Nicholl ist Plattenschmied, wohingegen Barbicane ein Geschützgießer ist. Aus dem ewigen Wettlauf zwischen Geschoss und Panzerung hat sich eine persönliche Feindschaft entwickelt – bis sich nach dem Kriegsende Barbicane weigerte, eine von Nicholl geschmiedete Platte zu testen. Nicholl nannte ihn daraufhin einen Feigling. Nun fordert er ihn erneut heraus. Am 18.10. nimmt Barbicane diese Wette an: Es werde weder gelingen, das nötige Geld zusammenzukratzen noch den Schuss zu realisieren, geschweige denn ein Projektil weiter als 15 km zu schießen. Nicholl setzt nicht unbeträchtliche Summen. Er wird alles verlieren …

|Texas vs. Florida|

Doch wo soll der Abschuss erfolgen, wo ist die Riesenkanonen, die „Kolumbiade“, zu errichten? Fest steht, dass nur die südlichsten Bundesstaaten in Frage kommen. Bei der Auswahl bleiben Texas und Florida übrig. Diese Frage spaltet rasch die Nation, und die Gazetten in New York führen einen Kleinkrieg für und wider Texas vs. Florida. In Baltimore, der Heimat des Gun Clubs, müssen Texaner und Floridianer in Schutzhaft genommen werden.

Als sich Präsident Barbicane in seiner Weisheit für Florida entscheidet, müssen die wilden Texaner sogar in einen Zug verfachtet und nach Hause expediert werden. Sie hätten sonst wohl Baltimore in Brand gesteckt. Unweit der Stadt Tampa Town, auf dem Stones Hill, errichtet der Gun Club eine Arbeiterstadt namens Moon City, die von der Armee gegen allfällige Angriffe der Seminolen-Indianer geschützt werden muss. Die riesige Kanone namens „Kolumbiade“ wird nach langen Vorbereitungen in einem unteridischen Schacht gegossen, der 270 m tief und 18 m breit ist. Chefingenieur Murcheson rechnet mit acht Monaten bis zur Fertigstellung. Am 10.6. des folgenden Jahres meldet er Vollzug. Nicholl muss blechen.

|Barbicane vs. Ardan|

Nach dem langwierigen Abkühlen der Gussform der Riesenkanone trifft Barbicane ein erneuter Schicksalsschlag. Ein schlichtes, öffentliches Telegramm setzt ihn von der im Oktober zu erwartenden Ankunft eines Franzosen in Kenntnis, der in dem Projektil zum Mond fliegen will. Versucht der Franzmann, ihm den Ruhm streitig zu machen?

Michel Ardan besteht auf einer granatenförmigen Form des Geschosses (möglichst mit Verzierungen), obwohl ein Tierexperiment mit einer Kugelform, das James T. Maston mit einem seiner geliebten Mörser veranstaltete, erfolgreich verlaufen ist. Maston verwirrte lediglich, dass das Eichhörnchen verschwunden war, während der Kater überlebte …

Ardan bereitet es auch kein Kopfzerbrechen, dass Luna keine Atmosphäre besitzt und sein Luftgehalt gegen null tendiert. Ihm geht es um die Ehre. Seine Antworten gegenüber dem kritischen Nicholl sind von ausgesuchter Höflichkeit und zeichnen sich durch Sachkenntnis aus.

|Nicholl vs. Barbicane, die zweite|

Darum geht es auch Captain Nicholl und Club-Präsident Barbicane: Die ehrenwerten Gentlemen duellieren sich in einem dichten Gehölz vor den Toren Tampas. Bevor sie jedoch durch Unheil den Erfolg des Unternehmens gefährden können, versöhnt Michel Ardan, den Maston geholt hat, die beiden Kontrahenten. Damit auch sichergestellt ist, dass keiner schummelt, sollen beide mit zum Mond fliegen. Nicholl hat beim Verlust seiner Wetten schon mehrere tausend Dollar verloren und will wenigstens nicht das Ticket zahlen müssen.

Am Abend des Abschusses, dem 1. Dezember, hat sich eine riesige Menschenmenge um die „Kolumbiade“ versammelt, praktisch alle Einwohner der 5-Millionenstadt Moon City. Reden werden geschwungen, als ginge es darum, ein Schiff wie die „Titanic“ zu Wasser zu lassen.

Der Abschuss selbst gleicht dem gewaltigen Ausbruch eines Vulkans, das Erdbeben ist noch bis nach Westafrika zu spüren. Tausende von Menschen wurden am Abschussgelände getötet oder verletzt, viele sind erblindet oder ertaubt oder beides. Tagelang ist die Atmosphäre über Tampa bedeckt von Wolken, die sich nach der Explosion von Milliarden Liter Gas unter dem Projektil entwickelt haben. Bang warten die Observateure selbst im fernen Colorado, ob sie die Kapsel in den Lufträumen erspähen können – oder ob sie in tausend Stücke zersprengt wurde. Wird Captain Nicholl eine weitere Wette verlieren?

_Mein Eindruck_

Es waren Erzählungen wie diese, die Jules Verne, diesem Pionier der Zukunftsliteratur, den undankbaren Ruf eintrugen, allzu sehr auf die technische Machbarkeit von Visionen zu vertrauen, ohne zu hinterfragen, ob das Vorhaben denn auch so sinnvoll sei. Dieser Ruf hängt ihm heute noch an, man hat ihn so zum Gegenspieler des skeptischen H. G. Wells stilisieren können. Dass diese pauschale Verurteilung ungerechtfertigt ist, haben jüngere Untersuchungen nachgewiesen.

Dennoch stilisiert nicht nur das Hörspiel von 1967, sondern auch Rufus Becks Hörbuch von 2005 Vernes Vision des Mondschusses zu einer technischen Meisterleistung empor. (Die zahlreichen Fehler, die dabei unterliefen, werden erst in der Fortsetzung „Reise um den Mond“ deutlich.) Das damit verbundene Wirtschaftsunternehmen bei Tampa ist ja auch nicht von schlechten Eltern und verdeutlicht die globale Bedeutung des Unternehmens.

Allerdings habe ich mich gefragt, wie zurechnungsfähig diese Leutchen vom Baltimorer Gun Club denn sein können. Sie duellieren sich, wetten gegeneinander und würden nicht davor zurückschrecken, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, genau wie im Bürgerkrieg. Vermutlich gehörte dies zum ganz normalen Machismo und Nationalismus des 19. Jahrhunderts.

2005, zum 100. Todesjahr des Autors, kann man diese Erzählungen nicht ohne Weiteres unbedarften Jungs vorsetzen, die das noch vor 40 Jahren sicher total aufregend fanden. Auch ein Großliterat wie Arno Schmidt war damals begeistert: „Mehr als hundert Jahre vor dem ersten [bemannten] Mondflug [von 1969] hat Jules Verne seine Helden zum Mond geschossen, ganz aktuell raketisch.“ Ob „raketisch“ ein reguläres Wort ist, sei mal dahingestellt. Und es ist natürlich zutreffend, dass nur zwei Jahre später die Amis drei Leutchen auf die Mondoberfläche schafften (oder war’s ein Betrug, wie manche behaupten?).

|Boys just wann have fun!|

Dass die großen Jungs, die sich „Ingenieur“ nennen, auch mal Spaß haben wollen, versteht sich von selbst. Das bekommen zwei Tierchen bei einem wichtigen Experiment zu spüren. Leider haben die Jungs (Frauen kommen überhaupt nicht vor) nicht bedacht, dass sich eine Katze und ein Eichhörnchen, die man auf engstem Raum in einer Kanonenkugel einsperrt, nicht unbedingt bestens vertragen. Als Taucher das Geschoss wieder bergen, finden sie vom Eichhörnchen keine Spur mehr vor. Die Katze hingegen erfreut sich bester Gesundheit – kein Wunder! Dem Eichhörnchen errichtet man ein Denkmal als einem „Märtyrer der Wissenschaft“.

Dass auch die wilden, wilden Seminolen auftreten, als Barbicane den Abschussort in Florida auswählt, dürfte besonders Karl-May-Fans ansprechen. Man wünscht sich direkt den Frieden stiftenden Auftritt von Winnetous Blutsbruder Old Shatterhand.

_Das Hörbuch_

Eines der auffälligsten Merkmale der vorliegenden Hörbuchfassung, die ja ebenfalls gekürzt ist, besteht in den schier endlosen Debatten über die Bedingungen der technischen Realisierung des Mondschusses. Dabei lässt der Franzose Jules Verne, Angehöriger der Grande Nation, keine Gelegenheit aus, seinen französischen Lesern klarzumachen, wie energisch diese amerikanischen Ingenieure selbst die verrücktesten Ideen in Angriff nehmen, wenn man sie nur lässt. Eine Szene wie die im Sitzungssaal des Baltimorer Gun Club ist zugleich bizarr und ironisch: Der ganze Saal ist mit Waffen und Kanonenutensilien ausgeschmückt, ja, besteht eigentlich daraus. Außen ist innen, innen ist außen.

Geradezu wie ein Paradiesvogel kommt diesen nüchternen Ingenieuren und Waffennarren der Franzose Michel Ardant vor. Dieser Freigeist lässt seine Gedanken in Dimensionen schweifen, von denen sich die Kleingeister der USA noch keine Vorstellung gemacht haben. Er blickt nicht nur bis an die Grenzen der „Sonnenwelt“ (= Sonnensystem), sondern bis in die weitesten Galaxien.

Und Ardan ist unglaublich schlau. Er markiert zwar den Unwissenden, sticht aber den kritischen Frager Nicholl erstens durch Sachkenntnis und zweitens durch eine Gewandtheit des Geistes aus, als er die Frage, ob der Mond bewohnt sei, umgeht und daraus die Frage macht, ob der Mond bewohnBAR sei. Sorge bereitet lediglich seine Einstellung des Sehen-wir-mal und Sich-durchwurstelns, die den planenden Ingenieuren überhaupt nicht behagt. Dennoch wird er Barbicanes Freund.

|Der Sprecher|

Rufus Beck ist ja am bekanntesten dafür, über mindestens 125 Stimmen zu verfügen. (Wahrscheinlich eine Untertreibung.) Anders als in seinen Lesungen von Harry-Potter- und Artemis-Fowl-Büchern hält er sich bei Jules Verne etwas zurück. Das heißt aber natürlich nicht, dass alle Sprecher nicht mehr voneinander zu unterscheiden wären – im Gegenteil. Der pingelige Nicholl ist ebenso gut herauszuhören wie der beflissene Maston und der würdevolle Barbicane. Alle jedoch beherrscht die Stimme Michel Ardans. Er „schbrischd“ stets mit französischem Akzent, und zwar nicht nur in der Aussprache der Wörter, sondern auch im Tonfall. Da kann die Stimme schon mal ziemlich in die Höhe schnellen. Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuhören. Wenn man kein Ingenieur ist.

|Die Musik|

Ich weiß ja nicht, auf welchem vielseitigen Instrument der Komponist Parviz Mir-Ali seine Musik produziert hat, aber sie passt genau in die damalige Zeit. Wir hören verschiedene Kombinationen aus Bläsern (viel Tuba), Marschtrommeln und Flöten. Laut Booklet handelt es sich dabei um Kompositionen des bekannten amerikanischen Musikers John Philip Sousa, der auch von einigen Autoren der Science-Fiction-Szene geschätzt wird.

Was hier aber so martialisch klingt, das tönt doch mitunter eher verspielt, so als befände sich der Hörer auf einem Jahrmarkt statt bei einem Truppendefilee. Aber in Amerika ist der Übergang fließend, wie man in vielen Hollywoodfilmen sehen kann. Diese Musik ist stets in den Pausen, aber auch als Auftakt und Ausklang zu hören. Überraschend war jedoch das Intermezzo mit einem Glockenspiel, das am Ende der ersten CD erklingt: recht besinnlich. Nach dem Abschuss am 1.12. übernimmt die Musik erstmals die Funktion der akustischen Untermalung, denn so etwas wie Sounds gibt es auf dem Hörbuch nicht.

_Unterm Strich_

Die bekannte Geschichte ist im Hörbuch von Rufus Beck recht ausführlich, wenn auch nicht ungekürzt erzählt. Das ist aber gut so, weil nämlich die ausführlichen Debatten über die technische Umsetzung des Mondschusses manchem Hörer etwas zu lang erscheinen können – besonders dann, wenn man selbst über nur geringe Kenntnisse über die erforderlichen technischen Voraussetzungen mitbringt. Dann klingt das ziemlich belanglos. Das war es aber für das technikbegeisterte 19. Jahrhundert keineswegs.

Fortschritt |war| Technik, auch wenn dabei die sozialen Errungenschaften keineswegs mithielten. Allenthalben tauchen deshalb bei Verne Geräte wie Telegraf, Eisenbahn, Teleskop und Fernrohr auf. Er breitet die Geschichte wichtiger Disziplinen wie Astronomie, Mondkartografie, Tiefenbohrungen, Kanonenballistik und vieles mehr detailliert aus. Das alles muss der Hörer ertragen. Becks Vortrag macht es erträglich.

Neben all der Begeisterung für die technische Meisterleistung und den ironisch dargestellten menschlichen Aspekten kommt auch die Komik nicht zu kurz: „Märtyrer der Wissenschaft“ – Eichhörnchen, du wirst verewigt! Diese und weitere Aspekte machen das Hörbuch zu einem netten Audio-Erlebnis, das man sich immer wieder gerne anhört, um neue Details zu entdecken. Spätestens 2067, zum 200. Geburtstag dieses Buches.

|Umfang: 282 Minuten auf 4 CDs|