Alle Beiträge von Michael Matzer

Cornwell, Patricia – Staub

Fünf Jahre, nachdem sie als Gerichtsmedizinerin entlassen wurde, kehrt Kay Scarpetta nach Richmond, Virginia, zurück. Doch das Wiedersehen mit der Vergangenheit steht unter keinem guten Stern.

Kay wird von ihrem Nachfolger in Richmond gebeten, bei einem rätselhaften Todesfall zu helfen. Ein 14-jähriges Mädchen ist scheinbar ohne erkennbare Ursache gestorben. Als sie eine weitere Leiche in Augenschein nimmt, entdeckt sie eine alarmierende Parallele zum Fall des toten Mädchens: feine Spuren von Knochenstaub auf dem Körper. Allem Anschein nach hat der Täter im Krematorium der Gerichtsmedizin gearbeitet … (Verlagsinfo)

_Die Autorin_

Patricia Cornwell, 1956 in Miami geboren, war Polizeireporterin und Computerspezialistin am Gerichtsmedizinischen Institut von Virginia, bevor sie zu schreiben begann. Mit den Thrillern um ihr literarisches Alter Ego, die Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta, wurde sie zur „erfolgreichsten Thrillerautorin der Welt“ (Der Spiegel). Cornwell lebt allein in Richmond / Virginia und in Malibu, Kalifornien. (Verlagsinfo)

Die Kay-Scarpetta-Reihe:
1. Ein Fall für Kay Scarpetta
2. Ein Mord für Kay Scarpetta
3. Herzbube (Neuer Titel: Das fünfte Paar)
4. Das geheime ABC der Toten
5. Vergebliche Entwarnung
6. Trübe Wasser sind kalt
7. Keim des Verderbens
8. Brandherd
9. Blinder Passagier
10. Das letzte Revier
11. [Die Dämonen ruhen nicht]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=729
12. Staub

Die Judy-Hammer-Reihe:
1. Die Hornisse
2. Kreuz des Südens
3. Insel der Rebellen

Sonstige Werke:
1. Zum Sterben gut
2. Kay Scarpetta bittet zu Tisch
3. [Wer war Jack der Ripper?]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=957

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla war Moderatorin bei n-tv, SAT.1 und bei der BBC in London. Als eine der bekanntesten Sprecherinnen synchronisiert sie Gillian Anderson aus „Akte X“, Demi Moore, Fanny Ardant und Sharon Stone. Auch als Erzählerin bei „Galileo“-Dokumentation ist sie regelmäßig im Off zu hören. Für |HoCa| hat Pigulla bereits mehrere Romane vorgetragen:

– Blinder Passagier
– Das letzte Revier
– Das fünfte Paar
– Brandherd
– Die Dämonen ruhen nicht

Weitere Cornwell-Hörbücher: [Wer war Jack the Ripper? – Portrait eines Killers;]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=97 Die Tote ohne Namen.

_Handlung_

Kay Scarpetta arbeitet inzwischen nur noch als forensische Beraterin für die Firma „Das letzte Revier“, die ihrer Nichte Lucy Farinelli gehört, und wohnt in Südflorida. Dort erreicht sie die Bitte ihres Nachfolgers im Amt des Chefpathologen von Virginia, Dr. Joel Marcus. Sie sagt trotz der Rivalität ihre Hilfe zu. Kay ist seit fünf Jahren aus Richmond weg und wundert sich über die Veränderungen, die sich hier ereignet haben.

Mit ihrem Freund, dem nur wenig „sensiblen“, aber umso effizienteren Ex-Polizisten Pete Marino, betrachtet sie die Baustelle, an der ihre alte Wirkungsstätte Etage für Etage, Trakt für Trakt abgerissen wird. Dass sie einen Bauarbeiter dabei beobachtet, wie er den Motor einer Zugmaschine repariert, während er hinter deren großem Rad steht, soll ihr später noch zu denken geben. Denn wenige Stunden später wird eben dieser Bauarbeiter namens Whitby in die neue Pathologie eingeliefert, wo Dr. Joel Marcus sie widerwillig willkommen heißt. Whitby starb an eingedrücktem Brustkorb und den resultierenden inneren Verletzungen: Er wurde von der Zugmaschine überrollt.

Doch Dr. Marcus wünscht ihren Rat in einem ganz anderen Fall. Die 14-jährige Gilly Paulsen wurde vor vierzehn Tagen in die Pathologie eingeliefert, weil ihr Vater, ein Flugarzt auf einem Luftwaffenstützpunkt in South Carolina, darauf bestand. Gilly, so ergibt Kays Obduktion, starb an mechanischer Asphyxie: Sie erstickte. Die in Tränen aufgelöste Mutter, die Kay und Marino besuchen, schildert, was an dem Tag geschah, als sie Gilly tot in deren Zimmer fand. Aber das ergibt keinen Sinn. Als Marino bei der Durchsuchung eine rote Rose in Gillys Nachttisch und ein nicht verschließbares Zimmerfenster vorfindet, ergeben sich mehrere Möglichkeiten. Hat Gillys eigener Vater, von dem Mrs. Paulsen seit einem Jahr geschieden ist, seine Tochter umgebracht?

Trotz der klaren Abneigung und sogar Sabotageaktionen seitens Dr. Marcus setzt Kay ihre Ermittlungen fort. Sie ist erstaunt über Marinos Auskunft, dass die Bundespolizei in den Fall eingeschaltet ist. Die Spezialagentin Karen Weber sitzt eines Tages am Sitzungstisch und zieht sowohl Marinos Anwesenheitsrecht, Mrs. Paulsens Zurechnungsfähigkeit und Dr. Fieldings Fachkompetenz in Zweifel – allerhand, findet Kay. Und als Dr. Marcus dieser FBI-Agentin auch noch sekundiert, reicht es Kay. Sie kündigt die offizielle Kooperation auf und ermittelt undercover und privat weiter – mit Erfolg, wie sich zeigt.

Unterdessen in Hollywood, Südflorida, in Lucy Farinellis Haus und Hauptquartier.

Lucys Freund und Geschäftspartner Rudy ermitteln in eigener Sache. Jemand ist ins Haus eingedrungen und hat Lucys lesbische Freundin und neue Angestellte Henrietta Walden ersticken wollen, indem er sich auf deren Rücken setzte und sie festhielt (so starb auch Gilly Paulsen). Das ist dem Eindringling jedoch nicht gelungen, weil Lucy ihn durch ihr unerwartetes Auftauchen vertrieb. Er hinterließ eine Botschaft – ein aufgemaltes Auge – und darauf einen wunderschönen Fingerabdruck …

Lucy lässt Henrietta sofort zu Kays Freund Benton Wesley nach Aspen, Colorado, ausfliegen, der sie auf ihren Geisteszustand untersucht. Er kommt zu beunruhigenden Ergebnissen: Henri ist eine schwer gestörte Narzisstin, wahrscheinlich sogar eine pathologische Lügnerin. Er hat völlig Recht, aber was hatte Henri vor?

Diese Erkenntnisse können nicht verhindern, dass wenig später eine chemische Bombe in Lucys Briefkasten liegt. Rudy stutzt – Lucy bekommt nie Post an ihre Privatadresse. Als Rudy Lucys Tante, Scarpetta, davon unterrichtet, beginnt Kay zu ahnen, dass es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen den Vorfällen in Richmond und denen in Hollywood gibt. Aber es sollen sich noch seltsamere Dinge ereignen.

_Mein Eindruck_

Wieder einmal geht’s für Kay Scarpetta zurück in die Vergangenheit, als müsse sie eine Zeitschleife durchlaufen, um ihrer Schöpferin Gelegenheit zu geben, sich etwas Neues auszudenken. Doch dabei geht es im Grunde nur um die Aufarbeitung von Altlasten.

Zunächst scheint der neue Fall überhaupt nicht von der Stelle zu kommen, denn die Umstände wurden noch nicht von allen betroffenen Seiten als Fall wahrgenommen. Und als man sich in der Gerichtsmedizin darauf geeinigt hat, dass eventuell ein oder zwei Verbrechen vorliegen könnte(n), werden Kay und Marino in ihren Ermittlungen massiv behindert. Denn Gillys Vater mischt im Spiel der Geheimdienste mit, und das FBI will ein Wörtchen mitreden.

|Eskapaden|

Richtig lustig wird es erst in der Mitte der Geschichte, als Marino doch tatsächlich mit Mrs. Paulsen, der angeblich trauernden Mutter, ein wildes sexuelles Spiel veranstaltet – oder war’s umgekehrt? Marino hat einen üblen Kater und kann sich nicht so recht erinnern. Doch Kay nimmt ihn sowohl streng als auch verständnisvoll in die Mangel, und so kommt die nächtliche Eskapade endlich ans Licht – auch in das Blitzlicht ihrer Digitalkamera. Denn Marinos Körper hat allerlei Sehenswertes zu bieten: Bisswunden, Kratzer, Prellungen, das volle Programm – übrigens auch an intimen Stellen. Junge, Junge, denkt sich Kay, was ist denn das für ein Frauenzimmer!?

|Es geht voran|

Ab dieser Stelle sollte der Leser/Hörer froh sein, dass er so lange durchgehalten hat. Denn nun entwickeln sich die Dinge doch zunehmend in die richtige Richtung. Wir selbst haben ja vom Täter bereits frühzeitig erfahren, von seinen ulkigen Marotten und bizarren Angewohnheiten. Doch Kay und Marino in Richmond sowie Lucy und Rudy in Hollywood müssen dem Täter erst noch auf die Schliche kommen. Das ist doch halbwegs spannend mitzuverfolgen und hält den einen oder anderen Schauder bereit. (Knochenstaub und Asche in Pappkartons? Igitt!)

|Längen|

Allerdings gibt es in der ersten Hälfte des Buches doch etliche Stellen, an denen man sich fragt, was denn dies bitteschön zum Aufbau einer spannenden Handlung beitragen soll. Vor allem diese doofe Zicke namens Henrietta Walden – wahrscheinlich ein Pseudonym bzw. „Künstlername“ – kann mir herzlich gleichgültig sein. Mehr oder weniger mit Absicht bringt sie gegen Schluss auch noch Benton und Lucy in Lebensgefahr, weil sie sie in einem Schneesturm auf einer Berghütte treffen müssen. Dr. Joel Marcus ist von ähnlichem Kaliber: ein politisch denkender Schaumschläger, der sich wie ein Schauspieler aufführt. Henrietta ist wenigstens eine Schauspielerin, doch Marcus tut nur so.

|Humor|

Einer der wenigen Lichtblicke neben der stets beherrschten Kay ist zweifellos Pete Marino. Mit seiner kumpelhaften Art und einfachen Ausdrucksweise kommt er bei den niederen Rängen an der Gerichtsmedizin Richmonds hervorragend an und erfährt wesentliche Details darüber, was hinter den Kulissen vorgeht. Sein polternder Humor mag für Kay zwar nicht ganz die feine englische Art sein – geschweige denn für Dr. Joel Marcus -, doch wenn es darauf ankommt, einen Verbrecher zu fangen, gibt keinen hartnäckigeren Verfolger. Süß ist, dass er total auf Kay steht, aber sich keine Hoffnungen zu machen wagt, bei ihr zu landen. Nobody’s perfect.

_Die Sprecherin_

Wieder einmal macht Franziska Pigulla aus einem mittelmäßigen Buch der Cornwell ein Hörerlebnis, an das man sich noch gerne erinnert. Dabei ragen mehrere Figuren, die sie ausgezeichnet charakterisiert, heraus. Die erste ist Pete Marino. Warum das so ist, habe ich oben bereits ausgeführt. Was mich erstaunt hat, ist die tiefe Tonlage, die ihre Stimme annehmen kann. Dadurch wirkt der sympathische und trinkfeste Ex-Polizist noch etwas authentischer.

|Mrs. Paulsen|

Die zweite Figur ist Mrs. Paulsen. Sie hat – mindestens – zwei Seiten. Die erste Seite, die sie zur Schau stellt, ist die verheulte und vergrämte trauernde Mutter der armen Gilly. Pigulla krächzt heiser, greint, schluchzt, heult in einem fort, dass es zum Steinerweichen ist. Eine ganz andere Seite offenbart Mrs. Paulsen, als Kay darauf besteht, ihr Schlafzimmer zu durchsuchen und die verschiedenen Utensilien für das in der vorigen Nacht veranstaltete „Spiel“ mit Pete Marino einzusammeln. Pigulla faucht und keift, dass es einem kalt den Rücken runterläuft.

|Die Psychos|

Die beiden anderen Figuren sind die geistig instabilen Herrschaften. Da ist zum einen Henrietta Walden. Sie ist das, was man in Kalifornien eine „snowflake“ nennt: stets kurz vor dem geistigen Schmelzen. Und ganz und gar nicht von dieser Welt. Pigulla erweckt diese Narzisstin glaubwürdig zum Leben.

Der zweite Psycho ist natürlich der Täter. Er trägt den beziehungsreichen Namen Edgar Allan Pogue, was ihn schon mal in die Nähe jenes für seine morbiden Fantasien bekannten US-Dichters des 19. Jahrhunderts rückt. Dass EAP mit den Toten besser umgehen kann als mit den Lebenden, zeigt sich an seinen diversen Konversationen. Ein Meisterstück der sprachlichen Charakterisierung ist EAPs letzter Auftritt in einem Waffenladen in Richmond. Pigulla kann hier sämtliche Register ziehen, und es ist eine Freude, ihr zuzuhören, wenn sie durch Pausen die Spannung erhöht – bis zur Pointe, wenn der Waffenverkäufer seine wahre Identität enthüllt.

_Unterm Strich_

Der Originaltitel des Buches lautet „Trace“, und das bedeutet so viel wie „Spuren“. Wer Cornwells Gerichtsmedizinerin Scarpetta kennt, der weiß, dass zu den Spuren auch mikroskopisch kleine Teilchen zählen. Die bedeutenden Spuren in Kays neuestem Fall erweisen sich denn auch als nur unter dem Mikroskop sichtbare „Verunreinigungen“. Das bringt ihren Widersacher Dr. Marcus vollends auf die Palme: „Verunreinigungen? Wie kann so etwas passieren?!“ will er wütend wissen. Kay wird dem Stümper schon Bescheid stoßen.

Doch der Leser / Hörer sollte sich darauf gefasst machen, dass auf ihn zahlreiche Beschreibungen auch kleinster Details warten. Dies betrifft keineswegs nur Dinge auf einem Mikroskop-Objektträger, sondern auch etwa eine Baustelle, die Innenausstattung eines Wohn- oder Schlafzimmers oder den Aufbau einer chemischen Bombe. Da heißt es entweder Geduld haben oder mitdenken, je nach Interessenlage. Ich plädiere fürs Mitdenken, dann hat man nämlich mehr davon und ist nicht so überrascht, wenn Kay eine Erklärung aufftischt. Sie zieht nämlich keine Karnickel aus dem Hut, sondern Schlüsse aus den Fakten. Und das kann richtig spannend sein.

Doch vielleicht habe ich nicht richtig aufgepasst, denn für mich ergeben nur die Handlungsstränge um Kay, Marino und den Täter einen Sinn. Was Henrietta Walden mit all dem zu tun hat, außer eben als zufälliges Opfer, weil Lucy nicht anwesend war, als der Täter kam, ist mir unerfindlich. Auch der Abschluss dieses Handlungsstrangs bleibt im Vagen. Folgerichtig verschwindet Henri wieder im Nichts. Na toll, ich habe schon bessere Schlüsse von Handlungssträngen gesehen. Dass sich Benton und Kay am Ende abknutschen und am liebsten gegenseitig auffressen würden, ist eh klar – happy together.

Franziska Pigulla macht diesen mittelmäßigen Krimi mal wieder zu einem Hörerlebnis, indem sie die diversen Figuren auf ihre spezielle Art und Weise charakterisiert und so zum Leben erweckt. Das ist ihr besonders bei Pete Marino gut gelungen. Das wertet das Hörbuch eindeutig auf.

|416 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Trace, 2004
übersetzt von Karin Dufner|

Gerritsen, Tess – Chirurgin, Die

Ein Serienmörder macht Bostons Frauenwelt unsicher: „Der Chirurg“ beraubt sie ihres weiblichsten Organs. Die Kripo ist ratlos, doch bald stößt sie auf ein überlebendes Opfer: eine Chirurgin.

_Die Autorin_

Tess Gerritsen war eine erfolgreiche Internistin, bevor sie mit dem Medizinthriller „Kalte Herzen“ einen großen Erfolg errang. Es folgten mehrere mittelmäßige Thriller wie „Roter Engel“, die durchaus spannend zu unterhalten wissen.

Mit dem Bestseller „Die Chirurgin“ ist ihr auch der Durchbruch in Deutschland gelungen, denn dieser Thriller ist noch eine ganze Klasse härter: Der Mörder entfernt seinen weiblichen Opfern die Gebärmutter. Die Fortsetzung trägt den Titel „Der Meister“, und [„Todsünde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=451 ist der dritte Roman mit Detective Jane Rizzoli vom Boston Police Department.

Die Autorin lebt mit ihrem Mann, dem Arzt Jacob Gerritsen, und ihren beiden Söhnen in Camden, im US-Bundesstaat Maine.

_Handlung_

Es ist ein ungewöhnlich heißer und schwüler Sommer in Boston. Detective Thomas Moore ist schon auf dem Weg zu einem kühlen See in den Bergen, um dort Urlaub zu machen, als er zum Dienst zurückgerufen wird, um einen Aufsehen erregenden Fall zu übernehmen: Bevor das Opfer Elena Ortiz mit einem glatten Schnitt durch die Kehle getötet wurde, hat ihr Mörder sie einer gynäkologischen Operation nach allen Regeln der Kunst unterzogen. Ihr Martyrium hatte Stunden gedauert.

Sowohl der ruhige, über 40 Jahre alte Moore als auch seine extrem ehrgeizige Kollegin Jane Rizzoli fühlen sich bald an einen ähnlichen Fall aus der Vergangenheit erinnert: Die junge Diana Sterling, Tochter aus reichem Hause, war auf die gleiche Weise ermordet worden; auch sie wurde vor dem Gnadenstoß operiert. Den Polizisten wird klar, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun haben: Er besitzt offensichtlich medizinische Fachkenntnisse und wird von der Presse bald „Der Chirurg“ genannt. Die Zeit drängt: Wahrscheinlich hat der Killer bereits sein nächstes Opfer auserkoren.

Eine Computerrecherche bringt das Ermittlerteam auf die Spur einer ähnlichen Mordserie, die aber bereits drei Jahre zurückliegt und sich im südlichen Savannah ereignete. Der Täter Andrew Capra wurde allerdings von seinem letzten Opfer in Notwehr erschossen. Dennoch suchen Moore & Rizzoli Dr. Catherine Cordell in der städtischen Klinik auf. In der Szene, in der wir sie kennen lernen, rettet sie einem gerade eingelieferten Verkehrsopfer das Leben. Offensichtlich verfügt sie über Nerven aus Stahl.

Doch die Polizisten haben herausgefunden, welche Qualen Catherine erlitt, als sie sich in der Gewalt des Savannah-Killers befand. Kein Wunder, dass sie zunächst unter keinen Umständen an jenes Geschehen erinnert werden möchte. Aber dann erfährt sie, dass Elena Ortiz Mitglied einer Selbsthilfegruppe im Internet war, der auch sie selbst angehört: Hier schildern vergewaltigte Frauen ihre Erlebnisse, in der Hoffnung, psychologischen Beistand und Verständnis zu finden, denn in der patriarchalischen Gesellschaft werden Vergewaltigungsopfer immer noch stigmatisiert und ausgestoßen. Solche Frauen schweigen lieber, statt sich zu offenbaren. Auch Catherine Cordell.

Merkwürdige Unstimmigkeiten treten in Catherines Alltag auf: Laborkittel und Stethoskop sind verlegt, und jemand scheint sie zu beobachten und ihren Dienstplan ganz genau zu kennen. Und der Beobachter scheint auch ihre Vergangenheit zu kennen: Aber Andrew Capra ist doch tot, oder nicht? Oder hatte er einen Partner, der ihn nachahmt? Falls ja, würde dieser Partner nicht danach streben, sich an Catherine für ihre Tötung Capras zu rächen?

Während sich Moore in Catherine verliebt und mit ihr schläft (was ihm eine Strafmission einbringt), macht Rizzoli eine aufregende Entdeckung und begibt sich in höchste Gefahr. Doch für Catherine, die schöne, nervenstarke Chirurgin, ist die Zeit abgelaufen: Der „Chirurg“ schnappt sie sich.

_Mein Eindruck_

Krimiautorinnen wie die britische Mo Hayder und die Amerikanerin Tami Hoag sind mit mir einer Meinung: Dies ist Krimistoff erster Güte, der nicht nur den Schlaf raubt, sondern auch Fingernägel in existenzielle Gefahr bringt. Ich habe das Buch in zwei Tagen durchgelesen – es geht sicher noch schneller.

|Glaubwürdigkeit|

Mal abgesehen von der raffinierten Konstruktion des Plots mit zwei Mordpartnern, von denen der eine in nächster Nähe des Hauptopfers arbeitet, baut die Autorin auf zwei wichtige Grundsteine: die authentische, geradezu akribische Schilderung des Chirurgenalltags einerseits und zweitens glaubwürdige, lebendige Figuren wie Catherine, Moore und Rizzoli. Daran hatte ich nicht das Geringste auszusetzen.

|Der Mörder|

Probleme hatte ich zeitweilig aber mit dem Täter. Seine Gedankengänge sind in beinahe aufsatzartigen Sequenzen dazwischengeschaltet. In diesen Gedanken und Fantasien scheint er sich und sein Tun zu rechtfertigen. Er verweist auf alte, antike Rituale wie etwa Agamemnons Opferung seiner Tochter vor dem Beginn des Trojanischen Krieges. Das scheint mir lediglich eine mythologisierende Überhöhung zu sein, um sein brutales Tun ins rechte Licht zu rücken. Außerdem begründet dies keineswegs, warum er seinen weiblichen Opfer die Gebärmutter entfernt: Trophäen?

Raffinierter sind da schon seine Beobachtungen von seinem Arbeitsplatz aus. Wir wissen lange Zeit nicht, wo er arbeitet und warum er so leicht und unerkannt an geeignete Opfer herankommt. Er erfährt von ihnen durch Aufträge von den Ärzten vergewaltigter Frauen, deren Blut auf Infektion mit HIV oder Geschlechtskrankheiten zu untersuchen.

Solche Frauen, so weiß der Killer, sind seelisch geschwächt: leichte Opfer. Auffallend ist der wiederholte Vergleich dieser Frauen mit Gazellen, die zur leichten „Beute“ des männlichen Raubtiers werden, das im Dschungel der Großstadt auf Pirsch geht. Auch dies ist in meinen Augen eine unzulässige, zumindest aber unangemessene Symbolisierung bzw. Metapher. Sie könnte sogar als sexistisch betrachtet werden: Der Täter ist hier immer ein Mann.

_Unterm Strich_

Man muss mit der Präsentation des Killers nicht hundertprozentig einverstanden zu sein, um diesen guten Thriller genießen zu können.

Zwar reicht er noch lange nicht an psychologische Meisterwerke wie „Das Schweigen der Lämmer“ heran, doch Gerritsen hat eine Kombination aus Psycho- und Medizinthriller geschrieben, die auf mehr hoffen lässt.

|Originaltitel: The Surgeon, 2001
Aus dem US-Englischen übertragen von Andreas Jäger|

Ben Bova – Rückkehr zum Mars

In „Mars“ erzählte Ben Bova mit großem Erfolg die Geschichte der ersten Expedition zum Mars. Darin fand der Navaho-Halbindianer Jamie Waterman einen Hinweis auf eine außerirdische Zivilisation, und seine Kollegen fanden Leben: winzige Flechten im Marsboden – ein Riesenerfolg.

Nun müssen Jamie, der aktuelle Leiter, und seine Kollegen auf der zweiten Marsexpedition erst ihre Funde untermauern und ihre Hoffnungen belegen. Ohne dabei erneut fast umzukommen, wie beim ersten Mal.

_Der Autor_

Ben Bova – Rückkehr zum Mars weiterlesen

Gemmell, David – Augen von Alchazzar, Die (Drenai-Saga)

„The Legend of Deathwalker“, das von |Bastei-Lübbe| unter dem Titel „Die Augen von Alchazzar“ veröffentlicht worden ist, ist ein Roman aus der |Drenai|-Serie.

Ein alter Bekannter tritt auf: Druss. Wieder einmal endet ein Drenai-Buch mit seinem Tod. Das tut dem Rest des Romans keinen Abbruch, was Spannung und Abenteuer anbetrifft – im Gegenteil: Der Umstand, dass Druss einen aussichtslosen Kampf in der Festung Dros Delnoch gegen die Horden der Nadir kämpft, verleiht dem Geschehen, das Druss erzählt, tragische Größe, aber auch Ironie: Er selbst hatte entscheidenden Anteil daran, die einst zersplitterte Nation der Nadir unter demjenigen Häuptling zu einen, der ihn nun belagert.

_Der Autor_

David Gemmell (geb. 1948), früher selbst einmal Soldat, ist der führende britische Autor (wenn nicht sogar weltweit) von Fantasy-Action-Romanen. Besonders bekannt wurde ab 1984 er mit der Drenai-Saga, in der kernige Helden wie „Druss die Legende“ in einem untergehenden mittelalterlichen Reich schier aussichtslose Kämpfe ausfechten.

Seine zweite Romansequenz dreht sich um die magischen Sipstrassi-Steine (1987-94). Dazu gehören auch einige Romane, die in einer Post-Holocaust-Zukunft angesiedelt sind („The Jerusalem Man“). Ein dritter Romankomplex umfasst die historischen Fantasien um Alexander den Großen: „Der Löwe von Makedonien“ und „Der dunkle Prinz“ (1990/91). Die Falkenkönigin-Duologie dreht sich um eine heldenhafte Kriegerin: „Eisenhands Tochter“ und „Die Keltenkriege“. Es handelt sich eindeutig um Heroic Fantasy.

Mit „Morningstar“ schrieb Gemmell Jugend-Fantasy und unter dem Pseudonym „Ross Harding“ mit „White Knight, Black Swan“ einen Gangster-Thriller.

|David Gemmell bei Buchwurm.info:|
[Die steinerne Armee]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=522 (Rigante 1)
[Die Nacht des Falken]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=169 (Rigante 2)
[Rabenherz]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=498 (Rigante 3)
[Im Zeichen des dunklen Mondes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=840
[Wolf in Shadow]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=181 (Stones of Power)

_Handlung_

Unter der brutalen Unterdrückung durch die römerartigen Gothir träumen die verstreuten und zerstrittenen Nadir-Stämme – eine Art Mongolenvolk – vom großen Einiger, der die Stämme zusammenführen wird, um sie zu befreien. Von einem Schamanen wird der junge Krieger Talisman in die Hauptstadt der Gothir geschickt, um Rat von einem alten Weisen einzuholen und dessen Tochter Zhusai in das Land der Nadir mitzunehmen. Dort sucht Talisman den Schrein von Oshikai, der das einzige Heiligtum der Nadir darstellt, das stets von mehreren Stammesdelegationen bewacht wird. Im Schrein sucht er die legendären Augen von Alchazzar, zwei Juwelen von magischer Kraft, die zur Wiedererlangung der Macht der Nadir notwendig sein sollen.

In der Haupstadt der Gothir hat Talisman die Bekanntschaft von Druss gemacht. Druss hört von den heilenden Kräften der Alchazzar-Juwelen und macht sich mit seinem Freund, dem Poeten Sieben, in die Nadir-Steppe auf, um mit den Juwelen seinen Freund, den Faustkämpfer Klay, zu heilen. Klay fiel einem Attentat zum Opfer, wie es in den Straßen der korrupten Metropole gang und gäbe ist. Doch das Attentat hatte Druss gegolten.

Druss und Sieben merken bald, dass sie von einer Armee der Gothir verfolgt werden – durch Spione hat auch die Reichsführung der Gothir von den Juwelen erfahren und will sie den Nadir stehlen, um diese endgültig zu unterwerfen. Alle Beteiligten treffen sich am Schrein von Oshikai. Der Ort ist wie ein altes verfallenes Fort gebaut und schwer zu verteidigen, doch zusammen mit Druss gelingt der Aufbau einer Wehrmauer und einer Verteidigungsstrategie. Können 200 Nomaden 5000 ausgebildeten Berufssoldaten standhalten?

Bald stellt sich jedoch heraus, dass Zhusai, Talismans Begleiterin, besessen ist – ebenso wie Talisman übrigens. Die beiden stellen die Verkörperung jenes alten heroischen Paares dar, das die Nadir-Nation begründete: Oshikai Dämonenbann und seine Geliebte Shul-sen. Doch aufgrund eines Fluches leben sie in der Unterwelt getrennt voneinander. Talisman und Druss sowie ein Schamane machen sich in die Anderswelt auf, die Fesseln des Paares zu lösen. Sie haben Erfolg, und wenig später befinden sie sich im Besitz der Augen von Alchazzar, die von den beiden gehütet wurden. Mit Hilfe der Magie Shul-sens und der Juwelen gelingt es Zhusai, das Heer der Gothir zu vernichten. Talisman wird Oberhäuptling aller Nadir und vernichtet das Gothir-Reich. Schließlich begegnet er bei der Belagerung von Dros Delnoch seinem Freund Druss wieder. Der Kreis der Erzählung ist geschlossen.

_Fazit_

„Die Augen von Alchazzar“ ist sicherlich eines der besten Bücher von David Gemmell überhaupt. Die Motivationen der Hauptfiguren – real wie auch vergangen – sind ebenso deutlich und plausibel herausgearbeitet wie ihre jeweilige persönliche Geschichte.

Die Atmosphäre der Schauplätze ist realistisch und lebendig eingefangen. Tragik, Komik und Romantik liege nahe beieinander und bieten so eine lebendige, ausgewogene Mischung an Emotionen, die für ein erinnerungswürdiges Leseerlebnis notwendig sind.

Der Poet Sieben sorgt mit seiner Affektiertheit und seinen Amouren für ironische Reflexionen auf das martialische Geschehen um den Schrein der Nadir.

Druss erscheint neben ihm wie ein tumber Haudrauf, erweist sich aber als weit größerer Realist, wenn’s um den Erhalt des nackten Lebens geht. Das Paar Talisman & Zhusai ist ein Echo des Paares Oshikai und Shul-sen – umschattet von tragischer Romantik, eine Geschichte von Überheblichkeit, Strafe und Fluch bis hin zur Erlösung.

All diese Elemente ausgewogen miteinander spannend und unterhaltsam zu verknüpfen, ist eine bemerkenswerte Leistung. Gemmell hat nur wenige vergleichbar gute Bücher geschrieben, die meisten davon in der |Drenai|-Saga.

Doyle, Arthur Conan / Gruppe, Marc – Sherlock Holmes – Das Zeichen der Vier (Krimi-Klassiker 2)

London 1888: In Mary Morstans Leben ereignet sich Merkwürdiges. Alljährlich erhält sie anonym ein wertvolle Perle zugesandt. Nun hat ein Unbekannter sie auch noch zu einem Treffpunkt bestellt. Besteht ein Zusammenhang mit ihrem vor zehn Jahren spurlos verschwundenen Vater?

Sherlock Holmes und Dr. Watson tun ihr Bestes, den mysteriösen Fall ihrer jungen Klientin aufzuklären. Dabei geraten sie in ein gefährliches Abenteuer um einen märchenhaften Schatz. Schon bald gibt es den ersten Toten. Die Tatwaffe: ein vergifteter Dorn. Wer benutzt denn sowas?!

_Der Autor_

Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930 und gelangte mit seinen Erzählungen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um seinen Einkommen aufzubessern. Neben mystischen und parapsychologischen Themen griff er 1912 auch die Idee einer verschollenen Region (mit Dinosauriern und Urzeitmenschen) auf, die von der modernen Welt abgeschnitten ist: „The Lost World“ erwies sich als enorm einflussreich und wurde schon 13 Jahre später von einem Trickspezialisten verfilmt. Bereits 1913 ließ Doyle eine Fortsetzung unter dem Titel „The Poison Belt“ (dt. als „Im Giftstrom“, 1924) folgen.

_Die Sprecher_

Sherlock Holmes, Privatdetektiv: Joachim Tennstedt (dt. Stimme von John Malkovich)
Dr. John H. Watson, Militärarzt: Detlef Bierstedt (dt. Stimme von George Clooney u.a.)
Mrs. Smith, Bootsvermietersgattin: Arianne Borbach (dt. Stimme von Uma Thurman)
Thaddeus Sholto, Privatier: Peer Augustinski (dt. Stimme von Robin Williams)
Mrs. Hudson, Holmes‘ Haushälterin: Regina Lemnitz (dt. Stimme von Kathy Bates)
Inspektor Jones: Christian Rode (dt. Stimme von Christopher Lee)
u. v. a.

Die orchestrale Musik stammt von Manuel Rösler, Ko-Produktion, Buch & Regie steuerte Marc Gruppe bei, Aufnahme und Abmischung erfolgten durch Bionic Beats.

_Handlung_

Die Chronologie der Ereignisse wird in der berühmten Erzählung bzw. im Hörspiel ziemlich verschachtelt und häppchenweise vorgelegt. Daher versuche ich, ein wenig Licht in diesen Dschungel zu bringen, ohne das Meiste zu verraten.

Es waren einmal zwei dicke Freunde, die als Gefängnisaufseher auf den anglo-indischen Andamanen-Inseln arbeiteten: Sholto und Morstan. Durch glückliche Umstände gelangten sie in den Besitz eines großen Schatzes, den sie sich brüderlich teilen wollten. Doch es kam alles ganz anders …

Am 18. April 1882 kehrt Bartholomew Sholto vom Studium in sein Elternhaus Pondycherry Lodge in der Nähe von London zurück. Sein Zwillingsbruder Thaddeus ist froh, ihn wiederzusehen, denn in letzter Zeit leidet ihr Vater an einem beunruhigenden Verfolgungswahn. Er hat zwei Preisboxer als Leibwächter eingestellt, nachdem er Eindringlinge am Fenster gesehen habe. Insbesondere Einbeinige lasse er verfolgen. Da bringt der Butler einen Brief aus Indien, der Major Sholto in Angst und Schrecken versetzt: Eine Gruppe, die sich „Das Zeichen der Vier“ nennt, hat darin gedroht, sich das, was er geraubt habe, zurückzuholen und ihn für seinen Verrat zu bestrafen. Er erleidet einen Schwächeanfall, flüstert noch ein paar letzte Worte von einem „Schatz“ und einer Mary Morstan – und gibt den Löffel ab.

1888, sechs Jahre später.

Eben jene Mary Morstan besucht Sherlock Holmes und Dr. John Watson, einen jungen mittellosen Militärarzt, in Holmes‘ Büro in London, Baker Street 221B. Holmes hat sich mal wieder eine seiner, wie Watson sagen würde, „entsetzlichen“ Kokainspritzen gesetzt und ist folglich bester Laune. Diese hebt sich noch viel mehr angesichts des wunderschönen Geschöpfes, das durch seine Tür tritt. Denn im Gegensatz zu manchen Darstellungen in gewissen Filmen ist Holmes kein Griesgram, sondern ein weltzugewandter Genießer, dem nichts lieber ist als eine Herausforderung seiner formidablen geisten Fähigkeiten. Nach Zeiten mentalen Hungers bietet Mary Morstan ihm nun eine leckere Geistes-Mahlzeit: ein Rätsel!

Die Ärmste schlägt sich seit dem Verschwinden ihres Vaters im Jahre 1878 als Gesellschafterin bei Mrs. Cecil Forrester durch, doch seit 1882 erhält sie von einem unbekannten Gönner alljährlich eine wunderschöne Perle geschickt, so dass sich ihr Lebensstandard ein wenig gehoben hat.

Watson und Holmes, die ihre daraus gefertigte Halskette in Augenschein nehmen dürfen, sind völlig von den Socken: edelste Ware, no doubt! Aber deswegen ist Miss Mary nicht hier. Sie hat eine Einladung zu einem geheimen Treffen erhalten. Sie dürfe zwei Freunde, aber keinerlei Polizeibeamte mitbringen. Ob die beiden Herren wohl so nett wären?

Und ob sie wären! Vorsichtshalber nimmt Holmes aber seinen zuverlässigen Revolver mit. Ein Kutscher sammelt sie am Treffpunkt auf und fährt sie in die schlechteren Viertel Süd-Londons. Als ein Inder sie in das Haus einlässt, staunen alle Bauklötze: ein veritabler Palast wie aus dem Orient. Wem gehört die noble Hütte? Es ist Thaddeus Sholto und er hat eine lange Geschichte zu erzählen.

Doch als sie in Pondicherry Lodge eintreffen, um Mary den ihr rechtmäßig zustehenden Schatz zu zeigen, kommen sie zu spät. Jemand ist ihnen zuvorgekommen, was dem armen Bartholomew gar nicht gut bekommen ist: In seinem Hals steckt ein Dorn mit einem tödlichen Gift …

Doch wie konnte der Täter in einen komplett abgeschlossenen Raum eindringen und – vor allem – wieder entkommen? Holmes stellt sich endlich das ersehnte Rätsel: ein klassisches |locked room mystery|!

_Mein Eindruck_

Natürlich ist es von diesem bis zur Ergreifung der Täter noch ein weiter Weg. Und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass sich auch das Anhören der restlichen Handlung lohnt. Die Gehörgänge kommen voll auf ihre Kosten – siehe meine Abschnitte „Musik“ und „Geräusche“. Endlich erfahren wir am Schluss auch, wie alles begann, irgendwo am anderen Ende des Empires, als ein unvorsichtiger Kaufmann seinem Kollegen etwas von einem Schatz zuflüsterte.

Natürlich ist eine Schatzjagd immer ein netter Aufhänger für eine flotte Story, und umso mehr für das viktorianische Publikum, das das angesehene „Strand Magazine“ las, in dem Doyle seine Storys veröffentlichen konnte. Abenteuer, Gefahr, ein waschechter Kannibale – beim Jupiter! Es gibt genügend Unterhaltsames in der Story, um einen Roman daraus zu spinnen.

Doch Doyle lässt auch eine gewisse Kritik an den erschreckenden Zuständen auf den Gefängnisinseln eben dieses British Empires einfließen. Die Schlussrede des Täters ist voller Anklagen, die offenbar allesamt gerechtfertigt sind. Er stellt sich natürlich selbst als Opfer hin, aber es war sicher nicht ungewöhnlich, dass britische Aufseher wie Sholto und Morstan den ihnen ausgelieferten Häftlingen sämtliche Habseligkeiten abnahmen, die sie besaßen. Und dazu gehörte eben auch die Information über den Schatz in der Stadt Agra, wo das Tadsch Mahal steht.

Die Gier nach dem Gold ist das ausschlaggebende Thema hinter der ganzen Schatzsuche. Und bevor die Truhe geöffnet wird, fragt sich vielleicht der eine oder andere Zuhörer, ob der Schatz nicht besser drin bleiben sollte als noch mehr Menschen ins Unglück zu stürzen, beispielsweise die liebliche Miss Morstan …

|Die Sprecher & Rollen|

Es gibt vier Hauptfiguren, die auch stimmlich herausragen. Am besten gefällt mir Joachim Tennstedt als Sherlock, denn was er in diese Figur hineinlegt, ist sehr sympathisch und humorvoll – so als würde ein strahlender John Malkovich völlig entspannt aufspielen (liegt’s am Koks?). Holmes‘ einziger Fehler ist seine Ablehnung des weiblichen Geschlechts oder vielmehr des Umgangs mit dessen Vertretern. Das soll aber weniger an latenter Homosexualität liegen, als vielmehr an seiner Abneigung gegen jede Art von emotionaler Sentimentalität. Lang lebe der reine Geist.

Dr. John Watson, 36, ist das genaue Gegenteil seines Freundes: jovial, freundlich, frauenfreundlich und durchweg emotional. Leider sind seine logischen Schlüsse von dementsprechend unzulänglicher Qualität. Das war zu erwarten. Seine wachsende Liebe gilt Miss Mary Morstan, die selbst ein patentes Frauenzimmer zu sein scheint, denn sie besteht darauf, auf die Verfolgungsjagd nach den Verbrechern mitzukommen.

Der größte Humorfaktor ist indes die eines Peter Ustinov würdige Figur des Inspektor Jones von der Londoner Kripo. Nicht nur sind Jones‘ logische Schlüsse noch wesentlich schlechter als die Watsons, obendrein hat er auch noch die sprachliche Eigenart, sich vor jedem Schlusswort eines Satzes auf merkwürdigste Weise zu räuspern – ein nach innen gewandtes Räuspern, das höchst lachhaft klingt. Ich könnte mich wegschmeißen, wenn ich den Typ höre.

Aber auch Peer Augustinski soll nicht unterschlagen werden. Er spielt in der Rolle des Thaddeus Sholto keine unerhebliche Rolle bei der Beschaffung des Schatzes für die arme Miss Morstan. Wer sich die Stimme von Robin Williams vergegenwärtigt, bekommt eine Ahnung von den vielfältigen Möglichkeiten, einen herzkranken reichen Mann von gut dreißig Jahren zu spielen, der an einer Wasserpfeife schmaucht und eine Räuberpistole aus Indien erzählt. Als Inspektor Jones ihn verhaftet, hat Sholto/Augustinski die Möglichkeit, den entsetzten Unschuldigen zu spielen – aber ist er wirklich unschuldig?

|Die Musik|

Nach einem Intro, das der Titelsequenz eines Spielfilms entspricht, hören wir die Musik laufend im Hintergrund, wenn nicht gerade Geräusche sinnvoller sind, etwa beim Abendessen oder bei einer Verfolgungsjagd im Hafen. Deshalb erklingt die Musik mit voller Kraft erst wieder im „Abspann“, quasi als Rausschmeißer. Es ist Musik, die einem kleinen Spielfilm angemessen ist: niemals aufdringlich, sondern stets unterstützend. Kein Wunder, dass viele Motive aus einem Fundus von Samples genommen wurden – siehe den Vermerk im Booklet.

|Die Geräusche|

Eine schier unglaubliche Vielfalt von Geräuschen verwöhnt das Ohr des Zuhörers. Der Eindruck einer real erlebten Szene entsteht oft, aber nicht immer. Es ist natürlich etwas schwierig, jene Wasserpfeife klanglich umzusetzen, die Thaddeus Sholto schmaucht, als er Watson, Holmes und Miss Morstan empfängt. Zum Ausgleich gibt es jedoch eine groß inszenierte Verfolgungsjagd auf der Themse, in der der Toningenieur sämtliche Register ziehen kann: vom Dampfzischen, Maschinenstampfen, Wasserplätschern und Möwengeschrei bis hin zu den Revolver-Schüssen Holmes‘ und dem Zischen eines Giftpfeils – das volle Programm. Dazu stelle man sich noch die entsprechende Schreie und Rufe der beteiligten Figuren vor, und man hat eine komplette Krimiszene.

_Unterm Strich_

„Das Zeichen der Vier“ ist eine durchweg gelungene Hörspiel-Umsetzung der klassischen Holmes-Erzählung. Die Story ist, wie nicht anders zu erwarten, durchweg spannend, witzig und bis zum Schluss tempo- und actionreich inszeniert. Hinzu kommen ein Schuss Romantik (Watson & Morstan – ob das klappt?) und erfrischende Ironie. Holmes‘ Auftritt in täuschender Verkleidung ist sicher ein Highlight der verblüffenden Effekte, und humorvolle Szenen halten das Zwerchfell auf Trab.

Wenn alle Hörspiele der Holmes-Reihe so gut inszeniert sind, kann ich sie uneingeschränkt empfehlen.

|The sign of four, ca. 1888
128 Minuten auf 2 CDs|

Nesser, Hakan – unglückliche Mörder, Der

Eine Mordserie, doch kein Serienmörder. Ein Täter ohne Skrupel, doch zugleich auch ein Opfer. So verzwickt können skandinavische Krimis sein, und so gut, dass man süchtig danach wird.

Dieser Roman ist himmelweit entfernt von irgendwelchen Abenteuergeschichten, die Handlung spielt im grauen November einer Kleinstadt. Dennoch entwickelt sich ein Drama, das es mit etlichen Thrillern aufnehmen kann.

_Der Autor_

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist einer der interessantesten Krimiautoren Schwedens. Dort gilt er als der unumstrittene Star des Genres, wohl neben Mankell. Seine Bücher erhielten zahlreiche Auszeichnungen, wurden vielfach übersetzt und bereits verfilmt. Er lebt in Uppsala.

Alle seine Bücher erscheinen bei [btb,]http://www.btb-verlag.de einer Tochter der Random-House-Bertelsmann-Gruppe.

* Das grobmaschige Netz (1993; Det grovmaskiga nätet)
* Das vierte Opfer (1994; Borkmanns punkt)
* Die Frau mit dem Muttermal (1996; Kvinna med födelsemärke)
* Der Kommissar und das Schweigen (1997; Kommissarien och tystnaden)
* Der unglückliche Mörder (1999; Carambole)
* Das falsche Urteil (2000; Återkomsten)
* Münsters Fall (2000; Münsters fall)
* Der Tote vom Strand (2002; Ewa Morenos fall)
* [Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=422 (2003; Svalan, katten, rosen, döden)
* [Sein letzter Fall]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=592 (2004; Fallet G)

Homepage des Autors: http://www.nesser.se

_Handlung_

Es ist eine neblige, nasskalte Nacht, als der Mörder – wir erfahren lange Zeit nicht seinen Namen – seine Stammkneipe verlässt, erheblich angetrunken. Der Regen fällt in Strömen, als der Junge seine Freundin verlässt, den letzten Bus verpasst und die paar Kilometer Landstraße nach Hause in Angriff nimmt. Als der Mörder den Aufprall hört, ist es natürlich bereits zu spät – der Junge hat tödliche Verletzungen erlitten. Der Fahrer traut sich nicht, ihn zur Polizei oder ins Krankenhaus zu bringen. Wozu das eigene Leben zerstören? Andere Autos fahren achtlos vorbei. Lieber Fahrerflucht begehen und alles vergessen.

Leider ist das Vergessen alles andere als einfach. Die Todesnachricht ist in allen Medien zu hören, schließlich ruft auch noch die Mutter des Jungen den Mörder auf, sich der Gerechtigkeit zu stellen. Vergebens. Schon gar nicht, als sich der Mörder in eine unglücklich verheiratete Frau verliebt. Die Krankenschwester Vera Miller eröffnet ihm eine rosige Zukunft voller Hoffnung – dumm nur, dass sie noch verheiratet ist. Da erhält er einen Brief: Entweder 10.000 Gulden oder die Wahrheit fliegt auf.

Ganz cool zahlt der Mörder erst einmal, dann bringt er den Boten des Erpressergeldes um, den er für den wirklichen Erpresser hält. Unglücklicherweise handelt es sich bei diesem Handlanger um Kommissar van Veeterens Sohn Erich. Der Kommissar, die Hauptfigur zahlreicher Nesser-Krimis, ist untröstlich und strebt nach Rache. Leider tappt die örtliche Polizeitruppe vorerst völlig im Dunkeln.

Der Mörder ahnt noch nicht, dass seine Feigheit noch zwei anderen Menschen den Tod bringen und sein eigenes Leben zugrunde richten wird. Denn wenige Tage nach Erichs Tod erreicht ihn ein zweiter Brief des Erpressers: Er verlangt nun 200.000 Gulden für sein Schweigen. Die folgende Kurzschlusshandlung wird dem Mörder schließlich zum Verhängnis (obwohl noch 120 Seiten vergehen müssen, bis das Buch endet).

_Mein Eindruck_

Der Originaltitel des Romans lautet „Carambole“, zu deutsch etwa „Karambolage“. Damit ist nicht etwa ein Verkehrsunfall gemeint, sondern das Spielprinzip beim Billard. Stößt man eine Kugel an, trifft man auch andere damit – und so weiter. Genauso ergeht es dem Mörder mit seinen Morden. Was zunächst noch als Unfall abgetan werden konnte, führt durch die Erpressung zum ersten vorsätzlichen Mord. Um sich zu schützen, ist der nächste Mord nötig und so weiter – Karambolage.

Auch Notwendigkeit? Der Mörder fasst es so auf, dadurch wird er zu einer tragischen Figur, ungefähr wie Schillers „Wallenstein“, das Opfer politischer Mächte und Machinationen. Zunächst fällt es uns schwer, den Mörder als Opfer zu sehen, und doch stimmt es.

Natürlich sind auch die Toten und ihre Angehörigen Opfer. Kritisch wird es jedoch, als Kommissar Van Veeteren, der große alte Mann, auf Rache für den Mord an seinem Sohn sinnt, also selbst Täter wird. Gerechtigkeit, Justiz und Recht – diese Begriffe geraten nun ins Zwielicht. An welchem Punkt beginnt ein Opfer, zum Täter zu werden – und umgekehrt? Diese Frage könnte als zentrales Thema dieses Buches betrachtet werden.

Natürlich erzählt Nesser noch viel mehr. Von den Hoffnungen des Mörders, den Ahnungslosigkeiten und abstrusen Ideen der Schnüffler, von ahnungslos-überraschten Zeugen, von Erich van Veeterens ungeborenem Kind. Offenbar dreht sich die Handlung wie ein Wirbelwind des Leids spiralförmig auf einen Punkt am Abgrund zu. Man kann sich des Verdachts nicht entziehen, dass solches Geschehen in vielen Städten der Welt tägliche Routine ist, ob uns dies gefällt oder nicht. Was aber würde uns davor schützen? Liebe, Glaube, Hoffnung? All dies kommt unter die Räder und ist doch das einzige, das dagegen hilft: Menschlichkeit.

Dass Nesser ein ausgezeichneter Erzähler ist, braucht wohl kaum gesagt zu werden. Er verrät nur das Nötigste, charakterisiert seine Figuren aufs Genaueste, ohne zu schwafeln, und führt die Handlung mit Bedacht auf eine überraschende Konsequenz hin. Kurzum: beste Krimitradition. Bei Nesser besteht hohe Suchtgefahr.

Das Einzige, was mich störte, waren die grauen, trostlosen Tage, die man in diesem Buch ständig vorgesetzt bekommt. Nun ja: Im November lebt keiner im Norden in einem Rosengarten. Und es gibt ja immer noch andere Bücher, die sonniger sind.

Follett, Ken – Säulen der Erde, Die

Statt eines kompletten Hörspiels von überladener Ästhetik, wie es der WDR produzierte, lieferte der |Lübbe|-Verlag 2003 die aufs Wesentliche konzentrierte Lesung des eigentlichen Buchtextes, allerdings zu einem besonders günstigen Preis: knapp 20 Euro – bei Amazon nur 15 – für ein Dutzend CDs mit 13,5 Stunden Unterhaltung. Gelesen wird das Hörbuch von einem der besten Synchronsprecher hierzulande, nämlich von Joachim Kerzel.

_Der Autor_

Ken Follett, geboren im walisischen Cardiff, wurde durch die Verfilmung seines Spionagethrillers „Die Nadel“ mit Donald Sutherland bekannt. Den internationalen Durchbruch erzielte er laut Verlag mit dem historischen Roman „Die Säulen der Erde“ (1990). Auch sein Roman „Der dritte Zwilling“ wurde verfilmt. Sein letzter Roman ist ebenfalls 2003 bei uns erschienen: „Mitternachtsfalken“ spielt mal wieder im 2. Weltkrieg.

_Der Sprecher_

Joachim Kerzel, 1941 in Hindenburg/Oberschlesien geboren, erhielt seine Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Als gefragter Synchronsprecher leiht er Jack Nicholson, Dustin Hoffman, Dennis Hopper und vielen anderen Stars seine sonore Stimme. Ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist mir seine Beteiligung an der Hörbuchfassung von Stephens Kings „Das Mädchen“, die er zusammen mit Franziska Pigulla bestritt. Seine charismatische Stimme macht aus jedem Gegenstand etwas Grandioses. Daher ist er häufig auch in der Werbung zu hören, so etwa zu den Medienproduktionen um Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Verfilmung.

_Handlung_

Noch nie seit „Der Name der Rose“ war wohl das Mittelalter so spannend. Schauplatz der umfangreichen Geschichte ist das England in den 50 Jahren von 1123 bis 1173: eine Zeit blutiger Auseinandersetzungen zwischen Krone (normannische Eroberer!) und Adel (alteingesessene Sachsen), Klerus und Volk. Der junge Klosterprior Philip von Wales träumt von einem Zeichen des Friedens: einer gotischen Kathedrale.

Aber bis sein kühner Traum Wirklichkeit geworden ist, müssen der Klosterherr, sein Baumeister Tom Builder und die Grafentochter Aliena sich in einem Kampf auf Leben und Tod gegen ihre Widersacher behaupten. Alienas verschmähter Freier, den Grafensohn William Hamleigh, nämlich will nicht von ihr lassen und versucht einige fiese Tricks.

Tom Builder hingegen hat seine Frau Agnes bei der Geburt seines Sohnes Jonathan verloren. Weil er und seine zwei anderen Kinder Martha und Alfred kurz vor dem Verhungern waren, setzten sie Jonathan aus – im Wald wurde das Baby von Mönchen, die zu Philips Priorei gehören, gefunden und aufgezogen. Nachdem Tom die ungebundene „Hexe“ Ellen und ihren Sohn Jack im Wald kennen gelernt hatte, zog er mit ihnen zur Priorei. Nur dort findet er Kost und Logis.

Damit Tom etwas Geld verdienen kann, zündet Ellens Sohn Jack die eh schon halb zerfallene alte Kirche an. Bald hat Tom alle Hände voll zu tun, doch da er und Ellen in unchristlicher Gemeinschaft leben, wird Ellen fortgeschickt und darf zur Strafe erst nach einem Jahr zurückkehren, um Tom zu ehelichen. Die Sitten sind streng, selbst innerhalb des Klosters sorgt Bruder Remigius, der eigentlich selbst Prior werden wollte, dafür, dass die Sitten gewahrt bleiben, besonders dann, wenn Philip tolerant sein möchte.

Fortan widmen sich Prior Philip und Tom Builder unter der Führung des ehrgeizigen Bischofs Wolloran der Erbauung der neuen Kathedrale von Kingsbridge. Doch der Feinde und Neider sind viele, und als sich der Bischof mit den Hamleighs verbündet, um eine konkurrierende Kathedrale im benachbarten Shiring zu bauen, eskalieren die Schwierigkeiten.

In den Folgejahren (siehe unten) geraten die Hauptfiguren in den Strudel der politischen Wirren und des Bürgerkriegs, der zwischen König Stephan und der rechtmäßigen Thronerbin, „Kaiserin“ Mathilde, ausgebrochen ist. Wechselndes Kriegsglück betrifft beide Seiten in Kingsbridge. Doch um 1170 kommt es zu einem dramatischen Höhepunkt in den Geschehnissen, der das Schicksal Westeuropas verändern wird.

_Mein Eindruck_

Ken Follett hat in seinen Mega-Roman alles reingepackt, was gut und teuer ist. Könige und Erzbischöfe, Kriege und Schlachten, die Entstehung eines Heiligen, einer Kathedrale und einer Stadt, und natürlich viele viele persönliche Schicksale. Besonders an diesen kann der Leser bzw. Zuhörer Anteil nehmen. Nachdem der Prolog mit der Hinrichtung eines Unschuldigen ein Rätsel gestellt hat, das erst zum Schluss gelöst wird, ist klar, dass sowohl das Geheimnis, das den Gehenkten umgibt, gelüftet werden muss als auch die Schuldigen ihrer gerechten Strafe zugeführt werden müssen. Somit bleibt auch die Spannung vom Anfang bis zum Schluss erhalten. Das ist eine wunderbare Leistung, die man nur selten so gelungen findet.

|Eine dramaturgische Klammer|

Dieser geniale Prolog hält den Roman wie eine Klammer zusammen. Und fast alle anderen Geschichten sind damit verknüpft, insbesondere die jahrzehntelange Fehde zwischen den Hamleighs (Percy, Regan und v.a. William) und den Shirings (Aliena, Richard) sowie Builders (Tom, Alfred, Jack, Ellen, Martha). Diesen beiden Gesellschaftsklassen der Adligen (= Landbesitzer) und Bürger, Bauern oder Handwerker (Landlose) stehen die Kleriker gegenüber, vom einfachen Mönchlein, das Toms Sohn Jonathan an Kindes statt aufzieht, über den rührigen Prior Philipp mit seiner Kathedrale bis hinauf zum Erzbischof von Kingsbridge, der es auf die Position des Oberhauptes der englischen Kirche abgesehen hat.

|Prior Philipp|

Da die meisten anfangs eingeführten Figuren bis zum Schluss vorhanden sind, hat der Leser bzw. Zuhörer Gelegenheit, sich mit einer Frauen- oder Männergestalt besonders zu identifizieren. Ich habe dabei eine besondere Vorliebe für Prior Philipp entwickelt, vielleicht wegen seiner Bildung, seiner humanen Intelligenz und weil er im jahrzehntelangen Ringen um seine Kathedrale zwar so manche Niederlage einstecken muss, aber trotzdem nie in seinem Bemühen aufgibt, bis ihm endlich der Triumph seines Lebens gelingt. (Der hier natürlich nicht verraten werden darf.) Dass er Waliser ist und kein Engländer, macht ihn mir umso sympathischer. Ich habe etwas übrig für Kelten. Übrigens stammt auch Ken Follett aus Wales – siehe die Biografie oben!

|Das volle Leben|

Von der Geburt bis zum Tod und allem dazwischen – alles ist in „Säulen der Erde“ zu finden. Dazu gehören allerdings nicht nur Schäferstündchen in lauschigen Hainen, sondern auch handfeste Vergewaltigungs- und Folterszenen. Hinzu kommen Brandschatzung, Mord und eine komplette Schlacht (bei Lincoln, wo Philipp Zeuge ist). Solcherlei Horrorgeschichten sind wenig für Kinder geeignet. Dennoch haben sie ihren Platz in dem Panorama, das der Autor ausbreitet, denn die Zeiten waren nicht nur im 12. Jahrhundert hart, und der Adel hatte sogar das „Recht der ersten Nacht“ (ius primae noctis), wenn Frauen ins heiratsfähige Alter kamen. William von Hamleigh ist das abstoßendste Beispiel für die schlechten Seiten des Adels, während Gräfin Aliena und ihr Bruder Richard für die verantwortungsbewusste Seite stehen. Aliena, die überragende Frauengestalt des Romans, bringt es auch zur wohlhabenden Kauffrau, was für die damalige Epoche recht ungewöhnlich gewesen sein dürfte.

|Unruhige Zeiten|

An ihrem Bruder Richard können wir verfolgen, wie sich die politische Landschaft während der geschilderten einundfünfzig Jahre zwischen 1123 und 1174 verändert. Es sind sehr unruhige Zeiten, und es würde hier zu weit führen, alles zu erklären. Aber klar ist, dass in diesen fünf Dekaden vier Könige in England herrschen: Heinrich I., der 1135 am Esstisch stirbt und dessen einziger legitimer Sohn ermordet wird, so dass es zum Bürgerkrieg um seine Nachfolge kommt. In fünfzehn Jahren purer Anarchie kloppen sich König Stephan (1139-1154) und die anerkannte Thronfolgerin, seine Kusine Mathilde, „die Kaiserin“, in einem brutalen Bürgerkrieg, bis endlich 1154 Heinrich II. zum König gekrönt wird. Es sind diese 15 Jahre, in denen Adel und Kirche besonders erstarken. Und das hat direkte Auswirkungen auf den Bau der Kathedrale von Kingsbridge.

Denn der Bau hängt ja nicht von Geld und Können allein ab, es müssen auch Rohmaterial und Personal herbeigeschafft werden. Deshalb ist das Ringen um den Steinbruch, der auf Shiring-Land liegt, so wichtig. Er ist ein richtiger Zankapfel, und beispielhaft zeigt er die Interessenlage zwischen niederem (Prior) und hohem Klerus (Bischof) sowie dem Adel (Hamleigh) auf. Die normalen Bürger, Bauern und Handwerker werden zwischen den mal mehr mal weniger kriegerischen Aktionen zerrieben. Das wird ganz besonders deutlich, als William skrupellos die Steinbrucharbeiter Philipps massakriert und ihre Hütten niederbrennt.

Das illustriert deutlich, wie viele Rechte solche Adligen dem König abgerungen hatten. Und da Bürgerkrieg herrschte, war der jeweilige König – in diesem Fall Stephan – entsprechend schwach und musste vielen entgegengesetzten Kräften nachgeben, um nicht selbst abgesägt zu werden. Aber auch der starke König Heinrich II., Stephans Nachfolger, vermasselte seinen Job, so dass er schließlich 1174 in der Kathedrale von Canterbury vor den Geistlichen auf die Knie fallen und sich von ihnen, darunter Prior Philipp, geißeln lassen musste. (Wie es dazu kam, erzählt der Roman sehr spannd und anschaulich.) In der Folge hatte der Papst in England das Sagen. Bis dann Jahrhunderte später ein weiter Heinrich, der achte dieses Namens, damit Schluss machte und alle Mönche verjagte. Wir jedenfalls freuen uns erst einmal an Philipps Triumph und glauben daran, dass es noch so etwas wie Gerechtigkeit gibt.

|Die Kunstrevolution der Gotik|

So ganz nebenbei stellt der Autor die Kathedrale auch als Kunstwerk dar. Über Kunst herrschen bekanntlich verschiedene Meinungen, und so ist die Entwicklung des Designs der Kathedrale ebenfalls wechselnden Strömungen unterworfen. Im Grunde ist von insgesamt drei Kirchen die Rede: von der alten, die Jack als Junge abfackelt; von der zweiten Kirche, die Tom Builder ansatzweise baut und die wegen falscher Sparsamkeit einstürzt; und schließlich von jener endgültigen Kathedrale, die Jack entwirft und am Vorbild der revolutionär gestalteten Kathedrale von St. Denis bei Paris gestaltet.

Dies ist der so genannte „gotische“ Stil, wie man ihn am Kölner Dom oder an den diversen Münstern in Ulm oder Freiburg bewundern kann. Bei diesem Design kann endlich von den „Säulen der Erde“ die Rede sein, die den „Himmel“ des Kirchendaches stützen. Ohne seine Vertreibung aus Kingsbridge hätte der Steinmetz Jack sie auf seinen Lehr- und Wanderjahren nie kennen gelernt. Als Aliena seinen Spuren folgt, sehen wir diese architektonische Revolution mit ihren unvoreingenommenen Augen.

_Der Sprecher_

Joachim Kerzel hat hier die enorme Aufgabe, ein gesamtes Hörspiel zu ersetzen. Dieses Hörspiel produzierte der Westdeutsche Rundfunk (WDR) mit bekannten Schauspielern wie Günther Lamprecht in den Hauptrollen und einem 120 Mann starken Sinfonieorchester plus Chören. Die Musik wurde extra dafür komponiert, das stelle man sich mal vor. Wie könnte es ein einzelner Sprecher wagen, diese Pracht herauszufordern?

Er versucht es erst gar nicht, was ja auch das Klügste ist. Kerzel tut einfach, was er am besten kann: Er spricht verschiedene Parts mit unterschiedlichen Tonlagen. Doch sind die Gestaltungsmöglichkeiten seiner tiefen Stimme begrenzt – er wird garantiert nicht im Falsett zu hören sein. Daher kommt es ihm darauf an, das actionreiche und spannende Geschehen, in dem ein Höhepunkt dem nächsten folgt, möglichst deutlich herauszuarbeiten und darzustellen, so dass ihm der Zuhörer mühelos folgen kann. Diese Aufgabe erledigt er mit Bravour. Man höre sich die Gewitterszene an, in der Aliena die neue Frau des Grafen William Hamleigh vor einem Unwetter in eine Kirche rettet.

Die Szene könnte man sich ebenso gut in einem Film vorstellen. Leider oder zum Glück sind die 1150 Seiten des Buches unverfilmbar, es sei denn vielleicht in einer zwölfteiligen Serie. Dafür hat man aber vorerst mit zwölf CDs genügend Stoff für Unterhaltung: für dreizehneinhalb Stunden. Das ist an einem Tag zu schaffen, auch wenn einem danach der Schädel brummt. Aber es ist wesentlich weniger zeitaufwendig, als das Buch zu lesen.

Immerhin gibt es eine musikalische Beigabe: stilgerechte Musik, die die Aufgabe hat, eine Pause oder Abgrenzung zu setzen, bevor der Sprecher das nächste Kapitel in Angriff nimmt.

_Unterm Strich_

Der Käufer dieses Hörbuchs bekommt eine ganze Menge Unterhaltung für sein Geld. Wer danach an einer Kathedrale vorübergeht, kann sich ungefähr ausmalen, welche Kräfte und Menschen an der Errichtung dieses Bauwerks beteiligt gewesen sein mögen. Danach weiß man auch mehr über die Epoche an sich, als in England vor der Magna Charta ziemliche Anarchie herrschte. Die Plantagenets unter Mathilde gingen als Sieger hervor, wurde aber später selbst von den Tudors in den so genannten 2Rosenkriegen“ aus der Königs-Etage vertrieben.

Das für viele sympathischste Merkmal an diesem Roman sind wohl auch die zahlreichen Frauengestalten. Das fängt schon mit Tom Builders tapferer Frau Agnes an, setzt sich fort mit seiner zweiten Frau Ellen (der „Hexe“) und mit der wichtigsten Figur, Aliena, der Grafentochter. Sie wandert sogar bis nach Frankreich und ins moslemisch besetzte Spanien, um die Liebe ihres Lebens und den Vaters ihres Kindes zurückzugewinnen. Ist sie deshalb eine Heldin, eine Heilige oder eine Närrin? Daran dürften sich die weiblichen Geister scheiden.

Auf jeden Fall ist „Säulen der Erde“ eine mitreißende Geschichte, die besonders in der Verdichtung als Hörbuch ihren Zauber entfaltet, wobei die Action und das Drama nie zu kurz kommen. Joachim Kerzels Stimme setzt das Geschehen vom Blatt über Sprache & Ton in Szenen um, die man sich wie einen Film vorstellen kann. Und einen Realismus dieser Art würde sich Hollywood kaum darzustellen trauen.

|Originaltitel: The Pillars of the World, 1989
825 Minuten auf 12 CDs|

Benford, Gregory – Zeitschaft

|Nebula Award| 1981, das sagt (dem eingeweihten SF-Fan) alles! Dies ist ohne Zweifel einer der besten SF-Romane der letzten Jahrzehnte. Meisterhaft verknüpft Benford, selbst ein gestandener Physiker, wissenschaftliche Theorie mit einer packenden dramatischen Handlung. Kernthema ist die Nachrichtenübermittlung aus der Zukunft.

Kaum ein anderer Roman – SF oder Non-SF – hat ähnlich authentisch und überzeugend die Welt der Wissenschaftler dargestellt. Modernste physikalische Theorien werden allgemeinverständlich dargelegt und treiben mit ihren Auswirkungen die spannende Handlung voran.

_Der Autor_

Gregory Benford, Jahrgang 1941, ist ein gestandener Physiker, der an der Uni von Kalifornien in Irvine lehrt. Aber er hat auch ein Verständnis von Literatur, von Stil, vom Abenteuererzählen und der Kraft der Wörter.

Sein CONTACT-Zyklus ist wahrscheinlich sein bekanntestes Werk, aber „Zeitschaft“ wird wohl immer sein bester Roman bleiben. Zuletzt erschienen von ihm die Romane „Das Rennen zum Mars“, „Cosm“ und „Eater“ (alle bei |Heyne|). Benford ist außerdem Autor des ersten Bandes der Zweiten Foundation-Trilogie, „Foundation’s Fear“.

_Handlung_

Dieser lange Roman spielt teils im England des Jahres 1998 und teils im Kalifornien der Jahre 1962 und ’63. Ende der Neunziger stirbt die Welt an den Folgen des Zusammenbruchs der Umwelt. Algenblüten erscheinen auf der Oberfläche der Ozeane und ersticken alles Leben. Sie breiten sich bis in die Flüsse und Seen aus wie eine Epidemie.

Was ist zu tun? Eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern an der heruntergekommenen Universität Cambridge, die unter widrigsten Bedingungen arbeiten, kommt auf die Idee, Tachyonen zu benutzen – jene Teilchen, die sich schneller als das Licht fortbewegen und daher rückwärts in der Zeit -, um eine Warnung in die Zeit vor 35 Jahren zu schicken. Denn bestimmte Biodaten lassen sich dazu benutzen, um die Entstehung von Algenblüten überhaupt zu verhindern.

Indem sie Tachyonen im Morsecode an jene Stelle schießen, wo sich die Erde im Weltraum vor 35 Jahren befand, hoffen sie, dass ihre Botschaft wenigstens jene wenigen Leute erreicht, die über die nötige Ausrüstung verfügten, um sie empfangen zu können.

Dies ist in der Tat ein sehr gewagter Schuss, doch die Schwierigkeiten des Unterfangens, die Hartnäckigkeit, mit der die Cambridger Wissenschaftler gegen die widrigen Umstände angehen müssen, machen diese Schilderung zu einem der überzeugendsten Beispiele für eine Zeitreise in der ganzen Science-Fiction.

Die meines Erachtens besten Episoden des Buches spielen in Kalifornien in den frühen Sechzigern. Keine Spur von Flower-Power, sondern vielmehr von erstarkender Supermacht. In La Jolla (sprich: la choia) mag zwar die Wissenschaft sitzen, aber gleich nebenan, in San Diego, besitzen die Vereinigten Staaten einen der größten Kriegshäfen der Welt.

An der Uni von La Jolla müht sich ein junger Assistenzprofessor namens Gordon Bernstein vergeblich damit ab, die elenden „Interferenzen“ zu verstehen, die sein Experiment in Sachen nuklearer Resonanzeffekte beeinträchtigen. Doch allmählich muss er erkennen, dass die Interferenzen die Struktur des Morsecodes besitzen und eine Botschaft aus der Zukunft darstellen. Die entschlüsselte Botschaft ist düster und ominös, wie man sich denken kann.

Gegen innere Widerstände muss Gordon seine skeptischen Kollegen von der Wahrheit seines Fundes überzeugen, während er die sensationslüsternen Massenmedien meidet. Schließlich gewinnt er doch noch.

Doch der Höhepunkt des Romans wird erst am 22. November 1963 erreicht, jenem Tag, an dem ein gewisser Lee Harvey Oswald auf den Präsidenten schießt. Im Moment des Feuerns funkt Oswald ein junger Mann dazwischen. Der Präsident lebt weiter. Und somit ist bewiesen, wie die verzweifelten Wissenschaftler aus Cambridge den Lauf der Geschichte, ja das Überleben des Menschen an sich zum Besseren wenden konnten.

_Fazit_

Nie las sich Wissenschaft von innen spannender als in diesem Thriller. Hier fiebert der Leser wirklich mit, wie es einem jungen Astrophysiker gelingt, Kontakt mit der Zukunft aufzunehmen und in seiner eigenen Zeit eine Katastrophe zu verhindern. Man merkt eben, dass hier Benford aus seinem eigenen Arbeitsbereich erzählt: absolut authentisch. (Natürlich verlangt das vom Leser einige Kenntnisse in Sachen Physik!)

Nach dem Roman wurde ein eigenes SF-Imprint, das den bekannten US-Verlagen |Simon & Schuster| und |Pocket Books| gehörte, benannt: |Timescape Books|. Diese Reihe konnte zwischen 1981 und 1983 dreimal den begehrten Kritikerpreis |Nebula| gewinnen, u. a. mit Michael Bishops „Nur die Zeit zum Feind“, der deutsch bei |Heyne| erschien.

Übrigens: „time-scape“ ist ein aus den Wörtern „time“ (= Zeit) und „landscape“ (= Landschaft) zusammengesetzter neuer Begriff von Benford.

|Originaltitel: Timescape, 1980
Aus dem US-Englischen von Bernd Holzrichter|

Indriðason, Arnaldur – Menschensöhne

_Erlendurs erster Fall: „Alien 4“ lässt grüßen_

Island, eine friedliche Insel im Nordatlantik? Mitnichten. Ein pensionierter Lehrer wird in der Innenstadt der Hauptstadt Reykjavik brutal ermordet. Zur gleichen Zeit begeht einer seiner ehemaligen Schüler in der psychiatrischen Klinik Selbstmord. Dass ein Zusammenhang zwischen den beiden Fällen besteht, findet als Erster der jüngere Bruder des Selbstmörders heraus. Erlendur Sveinsson und seine Kollegen von der Kripo Reykjavik schalten sich in den Fall ein. Das Ermittlungsergebnis ist haarsträubend: Von der Klasse des Selbstmörders leben nur noch zwei Schüler.

_Der Autor_

Arnaldur Indriðason, Jahrgang 1961, war Journalist und Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung |Morgunblaðið|. Heute lebt er als freier Autor bei Reykjavik und veröffentlicht mit großem Erfolg seine Romane. Sein Kriminalroman [„Nordermoor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=402 hat den „Nordic Crime Novel’s Award 2002“ erhalten, wurde also zum besten nordeuropäischen Kriminalroman gewählt, und das bei Konkurrenz durch Håkan Nesser und Henning Mankell! Trotz seines Erfolgs sollte man nicht meinen, dass Island von einer Verbrechenswelle heimgesucht wird. Laut Verlag gibt es dort nur drei Morde pro Jahr.

Bisher ins Deutsche übersetzte Romane (alle bei |Lübbe|):

[Nordermoor]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=402
[Engelsstimme]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=721
Gletschergrab
[Todeshauch]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=856
Menschensöhne

_Der Sprecher_

Frank Glaubrecht ist einer der erfolgreichsten Synchronsprecher Deutschlands. Er leiht beispielsweise so bekannten Filmstars wie Al Pacino, Pierce Brosnan, Jeremy Irons und Richard Gere seine markante Stimme. Er hat u. a. Indriðasons Hörbücher „Nordermoor“ und „Engelsstimme“ gelesen.

Die Bearbeitung der gekürzten Textfassung erfolgte durch Sabine Bode, Regie führte Marc Sieper. Die akustischen Motive (= Musik etc.) steuerte Michael Marianetti bei.

_Handlung_

Als Palmi diesmal seinen älteren Bruder Daniel in der psychiatrischen Klinik, einem kalten grauen Gebäude an der Küste, besucht, stutzt er: keine Raucher auf dem Korridor, und Daniels Zimmer ist verwüstet. Ein Aufseher sagt ihm, dass Daniel sich oben im fünften Stock umbringen wolle. Palmi ist schockiert, aber nicht verwundert. Schon zweimal hat Daniel in seiner Jugend versucht, sich umzubringen, und zweimal hatte er Palmi und seine Mutter angegriffen. Aber das war vor 25 Jahren, und die Mutter starb vor sieben Jahren. Der Vater, ein Matrose, ist auf See geblieben, die Brüder haben ihn kaum gekannt.

Daniel steht auf dem Fenstersims im fünften Stock und droht, sich in die Tiefe zu stürzen. „Sie haben mir Gift eingetrichtert!“ schreit er. „Wo sind die Anderen?“ Als Palmi darauf keine Antwort weiß, stürzt sich Daniel, gerade erst 40 geworden, in die Tiefe. Er ist sofort tot. Wer war Daniels letzter Besucher, von dem die Krankenschwester Palmi berichtet? Was hat er Daniel erzählt?

Unterdessen in der Innenstadt von Reykjavik. In dem über hundert Jahre alten Holzhaus, das völlig verwahrlost ist, stinkt es nach Benzin, alles ist davon durchtränkt. Selbst die Kleidung des alten Mannes, der gefesselt auf einem Stuhl am Schreibtisch sitzt und sich nicht wehrt. Jemand zündet ein Streichholz an und steckt es dem Alten in die Finger. Als es herunterbrennt und das Benzin erreicht, steht sofort das ganze Haus in Flammen. An den Wänden hängen zahlreiche Fotos von Schülern und Lehrern, die aus mehreren Jahrzehnten stammen müssen, denn die Kleidung der Schüler hat sich ebenso verändert wie ihre Haltung gegenüber der Kamera. Der abgebildete Lehrer ist immer der gleiche: das Mordopfer.

Als Kommissar Erlendur Sveinsson mit seinem Kollegen Sigurdur Oli den Tatort in Augenschein nimmt, ist der Tote bereits anhand von Zahnarztunterlagen identifiziert: Halldór Svavarsson, ein ehemaliger Lehrer einer Volksschule. Als sie Halldórs Schwester befragen, erzählt sie, man habe sich einmal an ihrem Bruder vergangen, damals in seiner Kindheit. Doch er habe sie tags zuvor angerufen: Er sagte, es sei vollbracht. Was hat er bloß gemeint?

Am Tag nach den beiden Toden erhält Palmi drei Microcassetten mit den Aufnahmen der Gespräche zwischen seinem Bruder Daniel und Halldór Svavarsson, seinem ehemaligen Lehrer an der Volksschule. Halldór bedauert zutiefst, was er Daniel und den anderen Jungs seiner Klasse im Winter 1967/68 angetan habe. Weil er erpresst wurde, hat er ihnen im Rahmen eines medizinischen Experiments „Lebertranpillen“ verabreicht, in denen sich offenbar kein Lebertran befand. Aber was war es dann?

Die Leistungsfähigkeit der Jungs steigerte sich in auffälligem Maße, und zwei Krankenschwestern nahmen ihnen Blutproben ab, um die Veränderungen zu protokollieren. Doch als Halldór die Pillen absetzen musste, traten sehr hässliche Entzugserscheinungen auf. Viele der Jungs wurden drogenabhängig (auch Daniel), manche begingen Selbstmord, andere fielen Unfällen zum Opfer, Daniel wurde schizophren.

Palmi erkennt verbittert, dass von all den Jungs jener Klasse nur noch ein einziger am Leben sein könnte, jener, den sie den Pechvogel „Kiddi Kolk“ nannten, Christian Einarssson. Er sieht keine Chance, Kiddi zu finden, denn die Hintermänner jenes teuflischen Experiments dürften immer noch hinter Kiddi her sein.

Er ahnt nicht, wie Recht er hat. In der Nacht hat Palmi schwere Albträume von Daniel und Halldór, und die Hand eines Unbekannten würgt ihn, der ihn anschreit: „Wo sind die Cassetten? Wo sind die Cassetten?“ Der Traum ist gar keiner, erkennt Palmi. Dies ist grausame Realität …

_Mein Eindruck_

In seinem ersten Roman über Kommissar Erlendur Sveinsson greift der Autor wie später in dem eindrucksvollen „Nordermoor“ einen alarmierenden Misstand in der isländischen Gesellschaft auf. Zunächst sieht es nach einem Einzelfall aus, was die Pharmaindustrie an unschuldigen Schülern verbrochen hat: ein skrupelloses medizinisches Experiment.

|Die Verstrickung der Politik|

Doch als Erlendur mit seinem Vorgesetzten spricht, erfährt er, dass sich der Premierminister über diesen Fall auf dem Laufenden halten lässt. Und so wundert es Erlendur nur wenig, dass es nach der Lösung des Falls die Behörden mühelos schaffen, alle Angaben über den Hauptverantwortlichen zu unterdrücken. Nur der Handlanger und eine jener Krankenschwestern werden belangt. Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Der Autor klagt keine Einzelschuld ein, sondern eine Gesamtschuld.

~ SPOILER! ~

Dieser Drahtzieher ist Chef des größten isländischen Pharmakonzerns, das zufällig auch das größte ansässige Unternehmen ist – und somit ein wichtiger und mächtiger Steuerzahler. Allerdings lebt der Drahtzieher mehr in Deutschland, woher seine Familie stammt. Und für die dortige Entwicklung von Amphetamin-Präparaten testete er einen Stoff an isländischen Schülern. Das Aufputschmittel wird auch ‚Speed‘ genannt, und es macht definitiv süchtig. Was die ahnungslosen Testpersonen schon bald nach Absetzen der Droge bitter zu spüren bekamen.

Doch dies war nicht das einzige Verbrechen des Pharmabesitzers. Das abgezapfte Blut diente als Grundlage für genetische Versuche, um den heiligen Gral der Genetik zu erlangen: das Klonen von Menschen. Als Palmi und sein Freund in das unterirdische Genlabor eindringen, stoßen sie auf Gespenster der Vergangenheit …

~ ENDE des SPOILERS ~

|Doppelt hält besser|

In klassischer Weise führen die Ermittlungsergebnisse der beiden Teams Erlendur/Sigurdur und Palmi/Freund X zu den Drahtziehern der Verbrechen an den Schülern und ihrem Lehrer. Dabei müssen beide Teams weit in die Vergangenheit zurück, bis zum Zweiten Weltkrieg und davor. Die Methoden sind natürlich völlig unterschiedlich, doch das Erfreuliche dabei ist, dass, trotz der Kooperation Palmis mit den Behörden, die Privatpersonen in ihrem Bemühen, das letzte und größte Geheimnis zu lüften, wesentlich weiter kommen als die beiden Polizisten. Die Teams lassen sich also als gleichberechtigt betrachten, und es ist spannend zu beobachten, wie sie sich allmählich vorarbeiten und dem Kern des Geheimnis immer näher kommen. Doch dies ist keine Ermittlung um ihrer selbst willen – sie wollen den Opfern Gerechtigkeit widerfahren lassen, aber auch den Schuldigen.

|Die Rolle des Schurken|

Natürlich ist es von wesentlicher Bedeutung, die Figur des obersten Schurken richtig zu besetzen und zu zeichnen. Willkommen in der strahlend weißen Welt der global agierenden Genetikwirtschaft! Als Palmi und sein Freund – es dürfte klar sein, um wen es sich handelt – in die Villa des Pharmachefs eindringen, landen sie in einem Wunderland der Biomedizin, das gerade durch seinen klinisch reinen Charakter so bizarr wirkt (wie schön, dass es nicht von Isländern gebaut wurde!).

Der Herrschers dieses Wunderlands, ein Mann mit einem deutschen Namen, hält sich nur zu bedeutsamen Anlässen hier auf, beispielsweise für eine wichtige Transaktion. Er ist ein Mann mit ebenso viel Kunstverstand (hier hängt Islands einziger Cézanne) wie Geschäftssinn (er lässt einen der Top-50-Männer der Welt anreisen, um zu investieren), doch mit seiner Moral scheint etwas nicht zu stimmen. Was er herstellt und womit er handelt, das sind menschliche Wesen. Doch kann man diese titelgebenden „Menschensöhne“ wirklich so nennen? Palmi und Co. werden es herausfinden. Ein klassischer „Alien 4“-Moment wartet auf sie.

|Gefallene Engel?|

Eine Bedeutungsebene fehlt noch, die dem Unternehmen Kloning eine bittere ironische Note verleiht. Folgendes Bibelzitat ist dem Roman als Motto vorangestellt: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren ist, sondern das ewige Leben hat.“ Der Klonhersteller nimmt diesen Spruch ein wenig zu wörtlich. Wenn er den reichen Koreaner klont, um ihm so das „ewige Leben“ zu verschaffen, so bezieht sich seine Errungenschaft auf den rein körperlichen Aspekt. Der Geist des Klons ist davon nicht betroffen – dieser wird sowieso nur als Produkt der Umwelt betrachtet.

Als wäre dieses Verbrechen nicht genug, missbraucht der Klonhersteller auch noch die auf natürliche Weise entstandenen Menschen-Söhne, um seine künstlichen Menschen zu erzeugen. Eine zynischere Haltung gegenüber dem menschlichen Leben ist kaum vorstellbar. Es ist die totale Umkehrung des Sinnes, der mit dem Bibelspruch ausgedrückt werden soll.

Und die Opfer selbst? Ganz konkret wird die Auswirkung dieses Verhaltens an Daniels geistigem Zustand. Nach dem Motto seines Lehrers Halldór wollte er „ad astra“, zu den Sternen streben. Und tatsächlich schien die Wunderdroge sozusagen eine Abkürzung dorthin bereitzustellen: einen geistigen Höhenflug sondergleichen. Doch der Absturz dieses Ikarus folgt unausweichlich, als die Droge entzogen wird: Daniel phantasiert von einer „Vertreibung aus dem Paradies“, vom Sturz eines Meteors, der auf die Erde fiel. Er fesselt in seiner Wut seinen Bruder Palmi ans Bett und zündet dieses an – ein deutlicher Vorgriff auf die Art und Weise, wie Halldór umkommt. Das Unglück der Opfer hat eine tragische Dimension. Das kann man für pathetisch halten oder auch nicht; hieran scheiden sich die Geister.

|Hello, Dolly!|

Natürlich nimmt der Autor den Kloning-Erfolg am Schaf „Dolly“ zum Aufhänger für seine horrible Kriminalstory, und mittlerweile weiß man, wie enorm schwierig dieses Unterfangen ist – von der Fragwürdigkeit mal ganz abgesehen. Doch auch ohne den Klonaspekt bleibt das Thema des verbotenen medizinischen Experiments an ahnungslosen Opfern brisant. Die einzelnen Mitglieder von Daniels Clique erwachen in der Rückblende zu erstaunlich deutlichem Leben, als der Autor eine blutige Szene schildert, die in einem Kellerversteck der Bande stattfindet. Die folgenden Ereignisse erklären, warum Kiddi Kolk nur noch ein Auge hat … Die Szene ist so anschaulich erzählt, dass man meinen könnte, der Autor hätte dies oder Ähnliches selbst erlebt. Er kennt sich in den „sozial unterprivilegierten“ Gegenden der Hauptstadt offensichtlich bestens aus. Und er scheut sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen.

|Ein Erstling? Kaum zu glauben|

Es ist wenig davon zu spüren, dass dies Indriðasons erster Krimi war. Ein Hinweis darauf, dass wir es nicht mit der Urfassung zu tun haben, liefert eine winzig gedruckte Zeile im Impressum des Buches, das mir ebenfalls zur Besprechung vorlag. (Gut, dass wir verglichen haben, nicht?) „Die Übersetzung wurde von einer überarbeiteten Fassung des isländischen Originals vorgenommen.“

|Der Sprecher|

Thrillerkenner wissen, dass Frank Glaubrecht die deutsche Stimmbandvertretung von Al Pacino ist. Wer jemals Pacino in Michael Manns „Heat“ gesehen und vor allem gehört hat, ahnt schon, mit welcher Autorität Glaubrecht die Geschichte von Halldor, Palmi, Daniel und Erlendur vortragen kann. Dies habe ich schon bei den anderen Indriðason-Hörbüchern festgestellt: Die Geschichte, wenn Glaubrecht sie vorträgt, kann niemanden kalt lassen.

Das ist ganz besonders wichtig in jenen Szenen und Sätzen, die über die normale Alltagserfahrung und -ausdrucksweise hinausgehen. Wenn Erlendur und Palmi von Abscheu angesichts bestimmter Phänomene wie Kloning erfasst werden, so muss man ihnen das abnehmen. Ganz besonders kritisch wird es, wenn der Moment des Grauens so bizarr wird, dass die Vorstellungskraft kaum noch ausreicht, ihn zu visualisieren. Das ist im Zentrum des Genlabors, dem Herz der Finsternis, der Fall.

Die Hörbuchdramaturgie ist löblicherweise darauf ausgerichtet gewesen, Spannung zu erzeugen. Daher verwundert es nicht, dass viele Szenen mit einer neuen Erkenntnis enden, die zugleich wie ein Cliffhanger funktioniert. Der Zuhörer ist begierig darauf zu erfahren, wie es weitergeht. Natürlich wird die gleiche Szene selten fortgesetzt, sondern die Story wechselt zum parallelen Handlungsstrang B. Umso größer ist dann die Spannung, wenn die Sprache wieder auf Handlung A kommt.

Nach klassischem Krimimuster steigert sich die Spannung wie auch die Ebene, auf der Erkenntis und Täter zu finden sind, mit jedem weiteren Ermittlungsergebnis. Das Finale sieht dann den Showdown vor. Doch der verläuft bei Indriðason niemals in der Weise, wie ihn sich ein Drehbuchautor aus Hollywood vorstellen würde. Und doch, so viel lässt sich verraten, gibt es ein so genanntes Happyend.

Musikalische Motive bilden ein Intro für die Geschichte und begleiten quasi den Abspann. Sie beschwören eine Stimmung aus Spannung und Drama. Ich fand sie recht passend.

_Unterm Strich_

Man merkt zwar, dass Indriðasons Erstling noch stark an klassischen Mustern für Krimis orientiert ist, aber das Thema ist bereits ebenso brisant wie das seiner späteren Romane. Ich fand die Geschichte sowohl spannend erzählt als auch sehr bewegend in ihrer Aussage und Darstellung.

Und je mehr die Welt jene Visionen, die die Science-Fiction noch vor 30 Jahren zeichnete, in die Realität umsetzt, umso dringender müssen wir uns als Zeitgenossen fragen, ob der Mensch schon bereit ist, sein Ebenbild – ob als Klon, Roboter oder KI – zu erschaffen und wie eine Ware zu verschachern. Von den Opfern, die auf diesem Weg zu bringen sind, und ihrer moralischen Rechtfertigung ganz zu schweigen.

|Originaltitel: Synir Duftsins, 1997
265 Minuten auf 4 CDs|

Bova, Ben – Mars

Die erste bemannte Mars-Expedition landet recht glücklich, doch der Halbindianer Jamie Waterman ist nicht wegen der schönen roten Steine hergekommen. Er sucht vielmehr die kleinen grünen Männchen. Und es sieht ganz so aus, als hätte er sie gefunden. Zumindest ihre Spuren!

Dies ist der erste Roman eines gigantischen Zyklus, der die Eroberung des Sonnensystems beschreibt, stilistisch jedoch die Rückkehr ins Goldene Zeitalter der amerikanischen SF darstellt, also in die vierziger und fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

_Der Autor_

Ben Bova ist schon über 70 (Jahrgang 1932) und ein verdammt erfahrener Bursche. 1956 bis 1971 arbeitete er als technischer Redakteur für die NASA und ein Forschungslabor, bevor er die Nachfolge des bekanntesten Science-Fiction-Herausgebers aller Zeiten antreten durfte, die von John W. Campbell. Campbell war die Grundlage für das „Goldene Zeitalter der Science-Fiction“, indem er mit seinem Magazin „Analog Science Fiction“ jungen Autoren wie Asimov, Heinlein, van Vogt und anderen ein Forum gab. Hier entstanden der „Foundation“-Zyklus und andere Future-History-Zyklen.

Für seine Herausgeberschaft von |Analog| wurde Bova sechsmal (von 1973-79) mit einem der beiden wichtigsten Preise der Science-Fiction ausgezeichnet, dem |Hugo Gernsback Award|. Von 1978-82 gab er das Technik-&-Fiction-Magazin „Omni“ heraus. 1990-92 sprach er für alle Science-Fiction-Autoren Amerikas in seiner Eigenschaft als Präsident der Berufsvereinigung. Seit 1959 hat er eigene Bücher veröffentlicht, die sich oftmals an ein jugendliches Publikum richten, darunter die Kinsman- und Exiles-Zyklen.

Ebenso wie Robert A. Heinlein und Larry Niven ist Bova ein Verfechter der Idee, dass die Menschheit den Raum erobern muss, um überleben zu können. Und dies wird nur dann geschehen, wenn sich die Regierung zurückzieht und die Wirtschaft den Job übernimmt. Der Brite Stephen Baxter hat in seiner [Multiversum-Trilogie]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=389 diese Idee aufgegriffen und weiterentwickelt.

1992 begann Bova mit der Veröffentlichung seines bislang ehrgeizigsten Projekts: die Eroberung des Sonnensystems in möglichst detaillierter und doch abenteuerlicher Erzählform. Folgende Bände sind bislang erschienen:

1) Mars;
2) Rückkehr zum Mars;
3) Venus;
4) Jupiter;
5) [Der Asteroidenkrieg]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1075 (The Asteroid Wars 1: The Precipice);
6) Asteroidensturm (The Asteroid Wars 2: The Rock Rats);
7) Asteroidenfeuer (The Asteroid Wars 3: The Silent War; deutsche Fassung im September 2005);
8) [Saturn.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=557

Es fehlen also noch Romane über die äußeren Planeten Neptun, Uranus und Pluto. Merkur, der innerste Planet, wurde bislang ebenfalls nicht berücksichtigt.

Diese Auswärts-Bewegung spiegelt sich im Werk anderer Science-Fiction-Autoren. So hat der Schotte Ken MacLeod mit [„Das Sternenprogramm“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=175 „Die Mars-Stadt“ und „Die Cassini-Division“ einen ähnlichen Zyklus vorgelegt. Allerdings ist seine politische Überzeugung der Ben Bovas genau entgegengesetzt: MacLeods Figuren sind Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten!

_Handlung_

In einem der nächsten Jahrzehnte gelingt es der internationalen Gemeinschaft, zwei Raumschiffe zum Mars zu schicken. Die Landung eines Dutzends Wissenschaftler und Piloten gelingt ohne Probleme. Erste Proben fördern Wasser im Boden zutage, und in einem breiten Graben, dem bekannten Valles Marineris (die Täler des Seefahrers – sehr lustig!) findet der Halbindianer James Waterman ein relativ feuchtes und warmes Mikroklima. Hier könnte es Leben geben. Er meint sogar, ein in den Fels gebautes Dorf zu erkennen.

Zusammen mit dem wichtigsten Befürworter der Mars-Expedition, Alberto Brumado, setzt er die Erforschung des Grabens durch. In einer waghalsigen Aktion begeben sich die Wissenschaftler auf den Grund des tiefen Canyons. Allerdings erweist sich der Rückweg als weitaus gefährlicher.

Wird es weitere Mars-Expeditionen geben? Die US-Vizepräsidentin ist strikt dagegen: viel zu teuer. Der Mars ist tot. Von den Politikern kämpft nur Brumado, der brasilianische Visionär, für eine Zukunft der Mars-Erkundung. Alles hängt davon ab, ob es gelingt, auf dem roten Planeten Leben zu finden.

_Mein Eindruck_

Ben Bova gelingt in seinem Roman die ausgewogene Mischung aus wissenschaftlichem Abenteuer, menschlichem Drama und politischen Manövern. So treffen mathematische Logik, romantische Gefühle und politisches Kalkül im gleichen Buch aufeinander.

Die lebendig gezeichneten Charaktere treiben die Handlung voran, vor allem Jamie Waterman, der mit zahlreichen Vorurteilen zu kämpfen hat. Sein bester Moment: Als er die Erdbewohner mit einer langen, vorbereiteten Rede von der Marsoberfläche grüßen soll und er lediglich den kurzen indianischen Gruß „Ya’aa’tey!“ hervorbringt (als würde man in Texas „howdy!“ sagen). Und dafür werden ihm auch noch subversive indianische Absichten unterstellt!

Die Handlung bleibt buchstäblich bis zur letzten Seite spannend, als die Expedition endgültig zu scheitern droht. Ab etwa Seite 300 ist es praktisch unmöglich, den Roman aus der Hand zu legen. Die Übersetzung durch Martin Gilbert ist an sich einwandfrei. Allerdings setzt er ein wenig Grundwissen über Raumfahrt und Astronomie beim deutschen Leser voraus.

Bova, Ben – Asteroidenkrieg, Der

Bei der Erschließung der reichen Rohstoffvorkommen im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter wird mit harten Bandagen gekämpft. Dan Randolph ist der technische Pionier beim ersten Vorstoß mit einem bemannten Raumschiff. Doch sein wirtschaftlicher Partner Martin Humphries hat eigene, weiter reichende Pläne.

Dies ist die Vorgeschichte zu dem seit 2002 auf Deutsch vorliegenden Roman „Venus“ von Ben Bova. Dort lernten wir Martin Humphries und Lars Fuchs als alte Männer und Feinde kennen, die in „Asteroidenkrieg“ eine Hauptrolle spielen.

Doch dies ist nur der erste Teil des Dramas. Die Fortsetzung muss den eigentlichen Krieg schildern und ist bislang in „Asteroidensturm“ (Februar 2005) nachzulesen. Im September 2005 wird |Heyne| auch diese Trilogie abschließen: mit „Asteroidenfeuer“.

_Der Autor_

Ben Bova ist schon über 70 (Jahrgang 1932) und ein verdammt erfahrener Bursche. 1956 bis 1971 arbeitete er als technischer Redakteur für die NASA und ein Forschungslabor, bevor er die Nachfolge des bekanntesten Science-Fiction-Herausgebers aller Zeiten antreten durfte, die von John W. Campbell. Campbell war die Grundlage für das „Goldene Zeitalter der Science-Fiction“, indem er mit seinem Magazin „Analog Science Fiction“ jungen Autoren wie Asimov, Heinlein, van Vogt und anderen ein Forum gab. Hier entstanden der „Foundation“-Zyklus und andere Future-History-Zyklen.

Für seine Herausgeberschaft von |Analog| wurde Bova sechsmal (von 1973-79) mit einem der beiden wichtigsten Preise der Science-Fiction ausgezeichnet, dem |Hugo Gernsback Award|. Von 1978-82 gab er das Technik-&-Fiction-Magazin „Omni“ heraus. 1990-92 sprach er für alle Science-Fiction-Autoren Amerikas in seiner Eigenschaft als Präsident der Berufsvereinigung. Seit 1959 hat er eigene Bücher veröffentlicht, die sich oftmals an ein jugendliches Publikum richten, darunter die Kinsman- und Exiles-Zyklen.

Ebenso wie Robert A. Heinlein und Larry Niven ist Bova ein Verfechter der Idee, dass die Menschheit den Raum erobern muss, um überleben zu können. Und dies wird nur dann geschehen, wenn sich die Regierung zurückzieht und die Wirtschaft den Job übernimmt. Der Brite Stephen Baxter hat in seiner [Multiversum-Trilogie]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=389 diese Idee aufgegriffen und weiterentwickelt.

1992 begann Bova mit der Veröffentlichung seines bislang ehrgeizigsten Projekts: die Eroberung des Sonnensystems in möglichst detaillierter und doch abenteuerlicher Erzählform. Folgende Bände sind bislang erschienen:

1) [Mars;]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1206
2) Rückkehr zum Mars;
3) Venus;
4) Jupiter;
5) Der Asteroidenkrieg (The Asteroid Wars 1: The Precipice);
6) Asteroidensturm (The Asteroid Wars 2: The Rock Rats);
7) Asteroidenfeuer (The Asteroid Wars 3: The Silent War; deutsche Fassung im September 2005);
8) [Saturn.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=557

Es fehlen also noch Romane über die äußeren Planeten Neptun, Uranus und Pluto. Merkur, der innerste Planet, wurde bislang ebenfalls nicht berücksichtigt.

Diese Auswärts-Bewegung spiegelt sich im Werk anderer Science-Fiction-Autoren. So hat der Schotte Ken MacLeod mit [„Das Sternenprogramm“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=175 „Die Mars-Stadt“ und „Die Cassini-Division“ einen ähnlichen Zyklus vorgelegt. Allerdings ist seine politische Überzeugung der Ben Bovas genau entgegengesetzt: MacLeods Figuren sind Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten!

_Handlung_

Dan Randolph sieht sich am Ende seiner Träume als Raumfahrtunternehmer. Alles geht den Bach runter: Die Klimakatastrophe ist blutige Realität, und seine geliebte Frau kam beim Versuch, Flutopfer zu bergen, ums Leben. Da tritt Martin Humphries in sein Leben, der Erbe des milliardenschweren Humphries-Trusts. Er will Randolph helfen, seinen Traum zu verwirklichen: die Rohstoffe, die in den Asteroiden zwischen Mars und Jupiter schlummern, zur bedürftigen Erde zu schaffen.

Dazu aber benötigt man einen preisgünstigen Fusionsantrieb, also keinen, der auf Kernspaltung beruht, sondern auf der Verschmelzung von Atomkernen. Diesen Antrieb lässt Randolph von einem Forschungsteam in der spanischen Wüste nahe der Sierra Morena testen: Er funktioniert!

Was Randolph leider fast zu spät herausfindet: Humphries will die Asteroiden selbst und alleine ausbeuten, um dann Randolphs Firma seinem Imperium einzuverleiben. Dazu muss er Randolph allerdings erst einmal ausbooten. Notfalls geht Humphries über Leichen.

Er schleust eine Spionin ein, die kesse Priscilla „Pancho“ Lane, die stets mit einer giftigen Schlange durch die Korridore der Mondbasen und Orbitalstationen marschiert. Pancho ist eine gewiefte Trickbetrügerin, hat aber noch ganz andere Tricks auf Lager. Wenn ihr einer blöd kommt, kennt sie keine Gnade. Doch als sie Dan Randolph kennen lernt, erkennt sie, dass er eigentlich der Mann mit den erstrebenswerteren Zielen ist und schließt sich ihm an: Sie wird zur Doppelagentin.

Das Raumschiff wird mit Nanomaschinen gebaut, die nur auf dem Mond legalisiert sind. Die zuständige Ingenieurin, Kris Cardenas, wird jedoch von Humphries erpresst und begeht eine folgenschwere Sabotage des neuen Raumschiffs. Als die „Starpower I“ in den Asteroidengürtel vordringt, hängt daher das Leben der Besatzung an einem seidenen Faden.

Sollte Humphries doch noch die Oberhand behalten?

_Mein Eindruck_

Anders als die ziemlich actiongeladenen Romane „Jupiter“ und „Venus“ in Bovas Sonnensystem-Zyklus verläuft die Handlung in „Der Asteroidenkrieg“ recht gemächlich – für so manchen Geschmack vielleicht zu gemächlich. Denn nur wenig scheint zu passieren. Den Höhepunkt liefern lediglich die letzten 150 Seiten. In den vorhergehenden 300 Seiten wird die Bühne für das Drama aufgebaut, werden die wichtigsten Akteure vorgestellt und miteinander verknüpft sowie die ersten zaghaften Handlungseinheiten abgewickelt. Erst dann geht’s richtig los, sobald ein paar Überraschungen und neue Akteure wie Lars Fuchs sowie Kris Cardenas auftauchen. (War ja wohl auch Zeit!)

Die Handlung verlagert sich von der Erde, die von der Treibhauskatastrophe inzwischen mit voller Wucht getroffen worden ist, hin zur Mondoberfläche, wo sich Bova von früheren Zyklen her bestens auskennt. Von dort geht’s weiter zum Gürtel, zwischen Mars und Jupiter.

Dan Randolph als technischer Pionier ist durchaus sympathisch, aber manchmal würde man ihm wesentlich mehr wirtschaftspolitischen Verstand wünschen. Über den verfügt nämlich sein Gegenspieler Humphries in überreichlichem Maße, muss er sich doch vor seinem eigenen skrupellosen Vater beweisen, der die Erde beherrscht (zudem gibt dieser ihm kleine Tipps). „Humpy“, wie Pancho ihn nennt, benutzt alles und jeden für seine Zwecke: seien es Frauen, Regierungen, Behörden, Wissenschaftler – alles hat seinen Preis und ist käuflich. Nur Pancho nicht.

Daher ist Pancho die interessanteste Figur in dem Spiel. Sie bewegt sich zwischen den Kulissen, wie es ihr gefällt, und gewinnt Randolph für sich, bewahrt aber sowohl ihre im Kälteschlaf liegende Schwester als auch Amanda Cunningham, ihre sexy-verführerische Kollegin, vor Humpys Zugriff. Daher ist es nur konsequent, dass ihr am Schluss eine ganz besondere Rolle im Krieg gegen Humphries zufällt (was hier nicht verraten werden darf).

Dieser Band erzählt also „nur“ den Beginn des „Asteroidenkrieges“, der nächste Band „Asteroidensturm“ muss jenen Verlauf schildern, der in „Venus“ von Lars Fuchs nur skizzenhaft wiedergegeben wird. Der Schluss dieses Bandes lässt den Leser daher ein wenig unbefriedigt zurück, aber dennoch gespannt auf die Fortsetzung. Humphries muss ja Lars noch die Frau ausspannen – wer das ist, wird hier nicht verraten.

Vielleicht darf man daher den flachen Spannungsverlauf im Buch nicht zu sehr kritisieren. Aber stellenweise fühlte ich mich doch an jene Bürokraten-Science-Fiction erinnert, die Alexis Gilliland 1981/82 in seiner Rosinante-Trilogie vollendet humorvoll in parodistische Romanform gegossen hatte. Leider fehlt bei Bova die feine Ironie weitgehend: Hier ist Texanerhumor geboten, und der kommt nicht überall gut an. Im ersten Drittel droht die Handlung im wirtschaftspolitischen Gerangel festzufahren. Man muss sich gedulden bis zum letzten Drittel.

|Zur Übersetzung|

Die Übersetzung durch Martin Gilbert ist grundsätzlich einwandfrei. Allerdings setzt er ein wenig Grundwissen über Raumfahrt und Astronomie voraus. So erschließt sich dem Leser die Bedeutung der Abkürzung NEA nur aus dem Kontext: Near-Earth Asteroids. Das sind Asteroiden, die der Erde auf ihren Bahnen relativ nahe kommen.

Ein weiterer solcher Fall ist EVA. Das Akronym steht für Extra-vehicular Activity, also Aktivität außerhalb des Raumfahrzeugs. In den Nachrichten wird EVA meist mit „Raumspaziergang“ übersetzt, auf der Mondoberfläche dann als „Mondspaziergang“.

_Unterm Strich_

Die Mischung aus Wirtschaftsintrigen und Space-Abenteuer kommt zunächst schlecht aus den Startlöchern, läuft dann aber im letzten Drittel der 460 Seiten zu Hochform auf. Da das Buch als erster Band über den Asteroidenkrieg angelegt ist, kann man hier noch Gnade vor Recht ergehen lassen. Sonst müsste man sagen: Der Roman ist eindeutig zu langsam für einen Abenteuerroman.

Doch für Science-Fiction, die die heutige Realität der NASA mit den zukünftigen Techniken verknüpft und dabei die Wirtschaft berücksichtigt, ist der Roman einigermaßen annehmbar.

|Originaltitel: The Asteroid Wars: The Precipice; 2001
Aus dem US-Englischen übersetzt von Martin Gilbert|

Wolfgang Hohlbein – Als der Meister starb (Gespenster-Krimi 2)

Dramatisch inszeniertes Grusel-Hörspiel

Man schreibt das Jahr 1883. Vor der Küste Schottlands zerschellt der Viermastsegler „Lady of the Mist“ auf den tückischen Riffen. Okkulte Kräfte haben ihn angegriffen. Nur wenige Menschen überleben die Katastrophe, unter ihnen befindet sich ein Mann, der die Schuld an dem Unglück trägt. Ein Mann, der gejagt wird von uralten, finsteren Göttern, aber auch von Zauberern, denen er zu entkommen suchte: Roderick Andara, den man den „Hexer“ nennt. (Verlagsinfo)

|Hinweis|

Wolfgang Hohlbein – Als der Meister starb (Gespenster-Krimi 2) weiterlesen

Snicket, Lemony – Eine Reihe betrüblicher Ereignisse Vol. I – III

_Die Baudelaire-Waisen: In den Klauen des grausamen Grafen_

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Kinder. Band 1 erzählt, wie könnte es anders sein, den „schrecklichen Anfang“ ihrer scheinbar endlosen Leidensgeschichte. Band 2 versetzt sie in ein Schlangenparadies und Band 3 an die Ufer des unheimlichen Seufzersees.

_Der Autor_

Verlagsinfo: |“Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L.S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der tapferen Geschwister in 13 Bänden aufzuschreiben. Wer will, kann L.S. im Internet unter http://www.lemonysnicket.com besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“| So weit der Text im Buch. Nicht sonderlich aufschlussreich. Das Titelbild stammt vom Zeichner Brett Helquist.

Der Zyklus „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“:
1) Der schreckliche Anfang
2) Das Haus der Schlangen
3) Der Seufzersee
4) Die unheimliche Mühle
5) Die schreckliche Schule
6) Die dunkle Allee

_Der Sprecher_

Stefan Kurt wurde vor allem bekannt als „Der Schattenmann“ im gleichnamigen Fernsehkrimi von Dieter Wedel und als Hauptdarsteller in verschiedenen Inszenierungen von Robert Wilson, wie z.B. „The Black Rider“, „Alice“ (Hamburg) oder Büchners „Leonce und Lena“ (Berliner Ensemble). Er erhielt den Boy-Gobert- sowie den Adolf-Grimme-Preis und spielt zurzeit am Schauspielhaus Zürich.

_Handlung von „Der schreckliche Anfang“_

Zunächst führten die drei Baudelaire-Kinder eine sorgenfreie Existenz. Sie verbringen den Schicksalstag am Strand und freuen sich des Lebens, jedes nach seinen Vorlieben. Violet, mit 14 Jahren die älteste von ihnen, denkt an eine neue Erfindung, denn sie hat die Fähigkeiten eines Ingenieurs. Klaus, mit zwölf der zweitälteste, ist ein Bücherwurm und Wissenssammler – ein wandelndes Lexikon, aber nicht unfehlbar oder gar allwissend. Und schließlich wäre da noch die kleine Sunny, die noch ein Kleinkind ist, in alles hineinbeißt und kaum ein vollständiges Wort zu sagen vermag, geschweige denn ein verständliches.

Aus dem Nebel am Strand materialisiert sich eine Gestalt, der Unglücksbote persönlich. Es ist Mister Poe (leider nicht Edgar Allan), und was er ihnen sagt, ist in der Tat sowohl unglaublich als auch höchst betrüblich. Mutter und Vater sind beim Brand des Baudelaire-Heims umgekommen. Er muss sie als eine Art Vormund aufnehmen, obwohl er eigentlich nur als Vermögensverwalter ihres Vaters gearbeitet hat. Doch das Testament sieht vor, dass sie bei ihren nächsten Verwandten aufwachsen sollen, die sie in ihre Obhut nehmen können.

Bei den Mittelklasse-Poes gefällt es den Kindern nicht, doch bei dem Kerl, bei dem sie dann landen, noch viel weniger. Alles riecht muffig und ist ungepflegt, ist der erste Eindruck von Graf Olafs Haus. Und Graf Olaf selbst ist ein allein lebender Theaterdirektor, der mit seiner Truppe mehr unterwegs als zu Hause ist. Sein Haus ist voller aufgemalter Augen, was doch recht seltsam ist, und in sein Turmzimmer dürfen sie erst recht nicht. Der einzige Lichtblick ist die nette, freundliche Nachbarin, eine Richterin, bei der es wenigstens eine wohlausgestattete Bibliothek gibt – für Bücherwurm Klaus ein wahres Paradies.

Doch die Zukunft hält weitere Schrecken bereit: Graf Olaf hat es auf das Vermögen abgesehen, das den Kindern zufällt, sobald sie volljährig sind. Aber so lange will er gar nicht warten. Um es zu erlangen, plant er, Violet zu heiraten. Wie Klaus zu seinem Schreck in einem Buch der Richterin herausfindet, kann er als ihr Ehemann über ihr Vermögen verfügen, wie ihm beliebt. Sie muss nur „Ich will“ sagen, wenn sie vor dem Traualtar stehen, und auf einem Heiratsdokument eine rechtsgültige Unterschrift leisten – das war’s.

Doch erstens weigert sich Violet, zweitens ist sie zu jung zum Heiraten und drittens kann Graf Olaf sie doch nicht zwingen. Doch Graf Olaf kann und wird. Er weiß auch schon ganz genau, wie.

_Handlung von „Das Haus der Schlangen“_

Die drei Baudelaire-Waisen landen diesmal, auf Veranlassung ihres Interims-Vormunds Mr. Poe, beim nächsten Verwandten, und das ist Dr. Montgomery. Montgomery Montgomery, um ganz genau zu sein. Er ist zwar ein älterer Herr und schon etwas wunderlich und eigen, aber dennoch ein herzensguter Onkel. Er nimmt sich der drei Waisen gerne an und gibt jedem von ihnen ein eigenes Zimmer – welcher Luxus, denken die Kinder.

Nur Montgomerys Beruf macht ihnen ein wenig Sorgen. Der gute Mann ist Schlangenkundler (Herpetologe) und hat von seinen Forschungsreisen in aller Welt ein ganzes Repitilienhaus voll Schlangen und Kröten mitgebracht. Was Klaus, den Bücherwurm jedoch entzückt, ist die riesige Fachbibliothek, die Onkel Monty sein Eigen nennt. Er wird später noch einen guten Grund haben, sie intensiv zu nutzen.

Denn Onkel Monty bereitet seine nächste Reise vor. Sie soll nach Peru führen, und sofort darf Klaus alles über den Andenstaat lesen und Violet die Reiseroute planen, während Monty die nötige Ausrüstung kauft. Die kleine Sunny freundet sich derweil mit der Unglaublich Tödlichen Viper an, die allerdings völlig harmlos ist und ihrerseits das Kleinkind ins Herz schließt. (Dies ist ein Kinderbuch, okay?)

Doch am Tag vor der Reise taucht ein unvorhergesehener Besucher auf. Gustav, Montys Assistent, ist verschwunden, und man brauchte Ersatz. Dieser erscheint Gestalt eines gewissen Stefano, doch spätestens als die Kinder das tätowierte Auge auf dessen Knöchel erblicken, bestätigt sich ihr schlimmster Verdacht: Stefano ist kein anderer als ihr Erzfeind Graf Olaf!

Doch bevor sie ihrem Onkel diesen schrecklichen Verdacht mitteilen können, muss der einkaufen gehen. Unterdessen bedroht Stefano die Kinder mit einem Messer. Auch er will nach Peru, denn er hofft, in diesem unterentwickelten Land die Millionenerbin Violet Baudelaire einfacher heiraten zu können als in einem so „zivilisierten Land“ wie den Vereinigten Staaten. Von dem Geld, über das er danach verfügen kann, wird sie natürlich keinen Cent mehr sehen.

Zum Glück hat Monty bis zu seinen Rückkehr Verdacht gegen Stefano geschöpft: Allerdings hält er ihn nicht für einen Erbschleicher, sondern einen Spion der Herpetologischen Gesellschaft, die ihm seinen einzigartige Unglaublich Tödliche Viper stehlen will. Doch bevor er etwas gegen den Schurken unternehmen kann, ist Onkel Monty am nächsten Morgen mausetot: Unter seinem Auge befinden sich zwei kleine Einstiche, als habe ihn eine Schlange gebissen. „Ja, das war die Mamba du Mal“, versichert Stefano. Und natürlich hat sie nach vollzogener Untat hinter sich wieder die Käfigtür zugemacht, braves Tierchen, hm??

Nunmehr schutzlos dem Grafen preisgegeben, sehen sich die drei Waisenkinder dessen Entführungsanstrengungen wehrlos gegenüber. Schon stößt Stefano mit Montys Wagen hinaus auf die Straße, schon geht’s Richtung Hafen zum Schiff nach Peru – da passiert etwas Unvorhergesehenes.

_Handlung von „Der Seufzersee“_

Tante Josephine hat ein bemerkenswertes Domizil: Ihr Häuschen ist auf der Spitze eines Hügels beziehungsweise einer Klippe erbaut, der oder die den See in stolzer Höhe überragt. Das Häuschen wird von wackelig aussehenden Stelzen gestützt, als befände es sich in den Hügeln von Hollywood. Ob es wohl den heranziehenden Hurrikan Hermann, von dem der Taxifahrer den Kindern erzählt, überstehen wird? Irgendwie wagt man das zu bezweifeln.

Tante Josephine ist nicht ganz das, was sich die Kinder unter einem Vormund, der sich um ihr Wohlergehen kümmern sollte, vorstellen. Die Witwe hat so viele Ängste, dass sie sich kaum zu bewegen traut und kaum aus dem Haus geht. Sie stellt weder Heizung noch Kochherd an, aus Angst, das Ding könnte explodieren. Folglich bleibt die Küche kalt, und kalte Gurkensuppe ist sicherlich nicht das wohlschmeckendste aller Gerichte. Auch das Telefon rührt die Tante nicht an, aus Angst, es könnte ihr einen elektrischen Schlag versetzen. Ihr verstorbener Mann, den sie auf dem See verloren hat, hatte sich immer um diese Dinge gekümmert.

Das Einzige, dem sich die Tante mit ganzem Herzen hingibt, ist die Grammatik. Nichts geht ihr über einen wohlgeformten Satz, in dem jedes Wörtchen an seinem korrekten Platz und in seiner korrekten Form sitzt. Kaum eine Minute vergeht, in der sie nicht eines der Kinder korrigiert. Kein Wunder, dass die drei Kinder schon bald völlig genervt sind.

Tantchen hat eine riesige Bibliothek. Klaus, die Leseratte, freut sich schon auf neue Hirnnahrung, muss aber enttäuscht feststellen, dass sämtliche Werke nur mit – was wohl? – Grammatik zu tun haben. Die Bibliothek verfügt über ein Fenster, das vom Boden bis zur Decke reicht und einen beeindruckenden Ausblick auf den düsteren Seufzersee gewährt. Düster auch deswegen, weil sich darin die gefräßigen Seufzerseesauger, eine Art Blutegel mit Zähnen im Maul, tummeln. Sie sind es, die Tantchens Mann Ike auf dem Gewissen haben …

Wie sollte es anders sein, so stoßen die Kinder auch auf den unvermeidlichen Grafen Olaf. Doch wie er da im Supermarkt vor ihnen steht, würde niemand in ihm den Erbschleicher vermuten: Er sieht aus wie ein Seemann, der Pirat spielt: Er trägt ein Holzbein und eine Klappe über dem einen Auge. Er sei jetzt im Bootsverleih tätig, behauptet er und überreicht ihnen seine Visitekarte. Tantchen Josephine macht ihn sofort auf einen kolossalen grammatikalischen Fehler aufmerksam: Statt „dass“ hat er „das“ geschrieben.

Graf Olaf ist kein Mann, der Kritik wegstecken kann, aber er reißt sich am Riemen und bedankt sich artig für die Belehrung. Tante Josephine ist so angetan von „Kapitän Talmis“ Charme, dass sie überlegt, ihn zum Essen einzuladen. Entsetzt versuchen die Kinder, als sie wieder daheim sind, ihr diese Idee auszureden. Sie befürchten, der Graf werde sie wieder entführen, wie er es schon einmal versucht hat. Doch zu spät: Kapitän Talmi* kündigt sich bereits per Telefon an, dessen Hörer Violet abgenommen und dann der Tante gegeben hat. Wenig später klopft es an der Tür …

* Liebe Kinder: Ich mache es wie der Autor und erkläre euch, was das Wort „Talmi“ bedeutet. Darunter versteht man so etwas wie einen Falschen Fuffziger, also etwas, das vorgibt, etwas anderes, Wertvolleres zu sein, als es in Wirklichkeit ist. Im Original der Visitenkarte, die im Buch abgebildet ist, steht „Captain Sham“, wobei „sham“ fast das gleiche wie Talmi bedeutet.

_Mein Eindruck_

Es ist eine Geschichte, die eines Charles Dickens würdig wäre: wahrlich betrüblich, aber geschickt erzählt. Das Schicksal der Kinder mag zwar zunächst einem Erwachsenen – für den das Buch nicht geschrieben wurde – nicht so sehr zu Herzen gehen, doch dürfte man durchweg vom Einfallsreichtum Violets und ihrer Tatkraft beeindruckt sein. Wenn es je eine Heldin gab, die es mit Harry Schotter oder Artemis Fowl aufnehmen konnte, dann ist es Violet Baudelaire. Und ganz ohne Zauberkraft.

Zunächst lässt sich jedes der Bücher an wie eine jener Jammergeschichten aus dem 19. Jahrhundert, wie sie die Viktorianer so gerne schrieben, um das Bürgertum für das Elend der mehr oder weniger arbeitslosen Massen zu interessieren und an seine Wohltätigkeit zu appellieren. „Oliver Twist“ ist der klassische Fall solcher Literatur. Doch dieses Bild hat einen kleinen Webfehler: Violet, Klaus und Sunny kommen selbst aus dem gehobenen Bürgertum, sind jedoch durch den Elternverlust auf die Herzensgüte ihrer diversen Verwandten angewiesen. Und diesen kann man nicht unbedingt Tauglichkeit für diese Aufgabe bescheinigen.

Hier ist bei den Kindern mal wieder der Unternehmergeist des Yankees gefragt. Am eigenen Schopf müssen sie sich wie weiland ein gewisser Baron aus dem Sumpf ziehen. Leider wird das heldenhafte Durchhalten der Kinder durch das Verhalten der Erwachsenen untergraben. Merke: Erwachsene sind so dumm, dass sie nur ihren eigenen Augen trauen, denn Kinder haben nichts zu melden. Neben logischem Denken (Klaus) und Erfindungsreichtum (Violet) ist also zum Überleben auch Mut und und Körpereinsatz (Sunny) vonnöten. Ende der Lektion. Power to the kids!

|Welche Zeit?|

Wie in jedem Buch ist man zunächst bemüht zu erfahren, in welcher Epoche die Geschichte spielt. Das ist diesmal gar nicht so einfach. Poe und Baudelaire sind Schriftstellernamen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Strand der Kahlen Küste ist leer, keine Sonnenanbeter weit und breit. Die Feuerwehrautos, die Helquist im Buch zeichnet, scheinen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu stammen, ebenso wie der veraltete Frack von Graf Olaf. Weit und breit gibt es weder Fernseher noch Radios, wohl aber Herzschmerztheateraufführungen für ein ahnungs- und anspruchsloses Publikum. Es ist eine beschauliche Welt der Viktorianer. Dickens hätte es hier gefallen.

Dann aber treten Unstimmigkeiten auf, als ob wir uns rasant in der Zeit vorwärts bewegen würden. Mister Poe in seiner Bank spricht über mehrere Telefone, und Graf Olaf und seine Helfershelfer verfügen über Walkie-Talkies. Dieser Anachronismus wird nicht erklärt. Doch Graf Olaf ist keineswegs ein Fabelwesen, auch wenn sein Walkie-Talkie ihn in dieser viktorianischen Welt so erscheinen lassen könnte. Er ist allenfalls ein Teufel mit sehr niederträchtigen Absichten: ein krasser Materialist, der nur hinter Geld her ist, vorzugsweise dem Vermögen der Baudelaires.

|Sprachkurs|

Diese massive Warnung ist nur ein Beispiel für Snickets (ganz gleich, wer sich dahinter verbirgt) fortgesetzte Bemühungen, dem jungen Leser (oder Hörer) etwas beizubringen. Auf jeder zweiten Seite, wenn nicht öfter, erklärt der Erzähler oder sogar eine der Figuren, was ein bestimmtes Wort bedeutet. Dabei sind diese Wörter nicht einmal etwas so Besonderes wie etwa ausgefallene Fremdwörter (z.B. „Talmi“), sondern auch ganz einfache wie etwa „brillant“. Diese didaktische Anstrengung geht dem erwachsenen Leser – wie mir – schon ziemlich bald gewaltig auf den Zeiger. Hoffentlich können die jungen Leser etwas damit anfangen. Ich schätze, spätestens ab dem zehnten Lebensjahr können sie den Text verstehen, wahrscheinlich aber schon früher.

|Der Sprecher|

Stefan Kurt verfügt über eine auffallend angenehme Stimme, die hervorragend zu dem onkelhaften Tonfall des Erzählers Snicket passt. Zwar kann er sein Sprechorgan nur in begrenztem Umfang modulieren, doch das übertriebene Intonieren, wie es früher mal Rufus Beck praktizierte, ist sowieso out. Dennoch fällt es nicht schwer, die heisere Stimme des niederträchtigen Graf Olaf herauszuhören, das Piepsen von Sunny oder die bedrohlichen Worte eines von Olafs finsteren Kumpanen. Und um Mr. Poe zu erkennen, muss man nicht mal die Wörter verstehen: Er ist auf Anhieb an seinem permanenten Husten zu erkennen. Das muss genügen, denn das Hörbuch hat weder Musik noch Geräusche vorzuweisen.

Besonders haben mir Stefan Kurts deutliche Aussprache und die prägnanten Pausen zwischen Sätzen und Kapiteln gefallen. Sie erleichtern Kindern, die noch nicht so schnell folgen können wie geübte Erwachsene, das Begreifen des Gesagten ungemein. Und außerdem verleihen sie dem Vortrag eine stabile Struktur, so dass im Zuhörer der Eindruck entsteht, dieser Erzähler wisse genau, wovon er spreche und dass man ihm ohne Weiteres vertrauen könne. Dieser Mehrwert ist eine Seltenheit in der heutigen, schnellebigen Zeit und daher umso höher zu schätzen.

|Das Booklet|

Neben allgemeinen Informationen zu den Machern und Mitwirkenden des Hörbuchs finden sich sechs Dokumente, die direkt aus den Büchern übernommen wurden und vom Autor stammen:
1) Der Brief an den Hörer und die Hörerin des 1. Bandes
2) Der Brief an den Verleger des 2. Bandes
3) Der Brief an den Hörer und die Hörerin des 2. Bandes
4) Der Brief an den Verleger des 3. Bandes
5) Der Brief an den Hörer und die Hörerin des 3. Bandes
6) Der Abschiedsbrief von Tante Josephine mit der geheimen Botschaft.

_Unterm Strich_

Das Hörbuch bietet die kompletten drei ersten Bände der 13-teiligen Chronik um die betrüblichen Ereignisse, die den Baudelaire-Waisen widerfahren. Aber diese Geschehnisse sind für Kinder sowohl spannend als auch lehrreich, und als Erwachsener erkennt man die Satire schon von weitem. Der Sprecher Stefan Kurt, ein bekannter und mit Preisen geehrter Schauspieler, trägt die Geschichte mit angemessenem Mitgefühl und Einfühlungsvermögen vor. Besonders haben mir seine deutliche Aussprache und die Pausen zwischen Sätzen und Kapiteln gefallen. Sie erleichtern besonders Kindern, die noch nicht so schnell folgen können wie geübte Erwachsene, das Begreifen des Gesagten ungemein.

Die Geschichte ist entsprechend der Epoche: herzzerreißend, betrüblich sowieso, aber auch spannend, weil die Waisenkinder einige amerikanische Tugenden entwickeln und Wissen mit Tatkraft paaren, um sich aus der Patsche zu helfen. Kinder können hier eine ganze Menge lernen. Dies betrifft nicht nur das Verhalten der drei Hauptfiguren, sondern auch die Sprache. Es ist eine Eigenart der Bücher von „Lemony Snicket“ (dies ist selbstverständlich ein nach Dickens klingendes Pseudonym; von Daniel Handler, wird gemunkelt), dass sich der Chronist der „betrüblichen Ereignisse“, der sich am Schluss wieder per Brief an den Finder und Herausgeber seiner Aufzeichnungen wendet, die schwierigen Wörter, die er benutzt, erklärt.

Dies können durchaus auch seltene Wörter sein, zum Beispiel „phantasmagorisch“. Kein normaler Mensch würde dieses Wort benutzen, geschweige denn wissen, was es bedeutet. Vielleicht kann ja auch der eine oder andere Erwachsene noch etwas dazulernen, wenn er Snickets gesammelte Aufzeichnungen liest.

Bemerkenswert sind hingegen die deutlich formulierten psychologischen Einsichten in die prekäre seelische Lage der Waisen: Hier gelingt Snicket etwas, was man in anderen Kinderbüchern allzuoft vergeblich sucht. Er vermag dem jungen Leser genauen Einblick zu geben, wie den drei jungen Helden zumute ist. Da bewährt er sich einmal nicht als Sprachpädagoge mit erhobenem Zeigefinger, sondern als onkelhafter Freund des jungen Lesers. Dennoch verzichtet er nicht auf die unwahrscheinlichsten Taten seiner Helden, die schon fast an das Reich der Phantasie grenzen. Dietriche aus Steckern zu bauen, würde mir jedenfalls nicht im Traum einfallen.

Die Fortsetzungen des Hörbuchs, so der Hinweis im Booklet, erscheinen bei |Random House Audio|.

|Originaltitel: A Series of Unfortunate Events – The Bad Beginning (1999) / The Reptile Room (1999) / The Wide Window (2000)
9 CDs, 10 Stunden 5 Minuten
Aus dem US-Englischen übersetzt von Klaus Weimann und Birgitt Kollmann|

Williams, Tad – Otherland 2: Fluß aus blauem Feuer

_Käptn Fledderjans Attacke auf den Eisschrank_

Das Hörspiel um die virtuelle Welt [„Otherland“]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=20 geht in die zweite Runde. Der Hessische Rundfunk (hr2) hat es in Zusammenarbeit mit dem Münchner |Hörverlag| produziert. Regisseur und Hörspielbearbeiter Walter Adler ist ein alter Kämpe dieses Metiers und konnte die Crème de la Crème der deutschen Bühnenschauspielergeneration vors Mikro holen, von Rufus Beck und Dietmar Mues bis Nina Hoss und Sophie Rois. Aber ist das Ergebnis der Mühen auch spannend und unterhaltsam? Mal sehen …

_Der Autor_

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus, seiner Antwort auf Tolkiens „Herr der Ringe“, als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“. Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“. Sein Hauptwerk ist die vierbändige „Otherland“-Saga, sein vorletzter Roman trägt den Titel [„Der Blumenkrieg“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=539 danach kam letztes Jahr „Shadowmarch“. Fast alle seine Bücher wurden bei |Klett-Cotta| verlegt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von San Francisco.

Die wichtigsten Sprecher / Produktion

Sophie Rois spricht Renie Sulaweyo (s. u.)
Ulrich Matthes spricht Erzähler Nr. 4 (von 6)
Nina Hoss spricht Erzählerin Nr. 2
Sylvester Groth spricht Paul Jonas (s. u.)
Hans Peter Hallwachs spricht Erzähler Nr. 1
Ernst Jacobi spricht Patrick Sellars (s. u.)
Matthias Habich spricht Osiris, den Chef der Bruderschaft sowie den Alten Mann (s.u.)
Andreas Fröhlich: spricht den Nachrichtensprecher beim Undergroundsender „Netfeed“.

Die meisten dieser Sprecher sind dem deutschen Publikum aus TV- und Kinofilmen bekannt, viele lediglich als Synchronsprecher, wie etwa Joachim Kerzel. Es würde zu weit führen, sie alle einzeln vorzustellen. An die 250 Sprechrollen sind zu besetzen gewesen, vierzehn der Sprecher werden im Booklet zum 3. Teil (CD 5+6) genauer vorgestellt. Dabei stellt man erfreut fest, dass auch die beiden jüngsten Sprecher, die erst 12 Jahre alt sind, eine angemessene Darstellung erhalten, die genauso umfangreich ist wie die der „alten Hasen“.

Produziert hat das gesamte Hörspiel von 24 Stunden Umfang der Hessische Rundfunk – gut angelegte Steuergelder, wie ich meine. Der Regisseur Walter Adler und der Komponist Pierre Oser sollen eingehender vorgestellt werden.

_Walter Adler_

… ist einer der bekanntesten Hörspielregisseure hierzulande. 1947 geboren, besuchte er die Schauspielschule in Bochum und arbeitete als Regieassistent beim Hörspiel des SWF Baden-Baden. Seit 1971 ist er freier Autor und Regisseur. Er hat am Schauspiel Frankfurt/M., Schauspiel Köln und dem Düsseldorfer Schauspielhaus Regie geführt und bis heute sage und schreibe über 200 Hörspiele inszeniert. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 1976 mit dem traditionsreichen Hörspielpreis der Kriegsblinden für „Centropolis“. Mit dem Hessischen Rundfunk hat er 1995 den ersten Radiotag realisiert: eine 16-stündige Sendung von W. Kempowskis „Der Krieg geht zu Ende“. Adler lebt in Köln. In den Booklets sind mehrere Fotos von ihm abgedruckt.

Von _Pierre Oser_

… stammt die Musik zum „Otherland“-Hörspiel. Er lebt und arbeitet als Komponist, Musiker und Produzent in München. Der Schwerpunkt seines Schaffens liegt dabei in den Bereichen Spielfilm – v. a. auf Werken aus der Stummfilmzeit – sowie Dokumentar- und Experimentalfilm. Außerdem komponiert er Stücke für Theaterstücke wie „Merlin“ von Tankred Dorst und war Gründer und Leiter des Tympano Hörbuch-Verlags in München. Gemeinsam mit Walter Adler realisierte er zahlreiche Hörspiele, u.a. „Radio Romance“ von Garrison Keillor (SDR/WDR 1998), „Esau“ von Philip Kerr (BR 1999), „Caruso singt nicht mehr“ von Anne Chaplet (BR 2003) und zuletzt [„20.000 Meilen unter den Meeren“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=518 von Jules Verne (MDR 2003).

_FIGUREN_

Im Folgenden liste ich die wichtigsten Figuren des Buches und Hörspiels auf. Die Informationen sind der Website http://www.tadwilliams.de entnommen. Nicht alle Figuren sind bereits in Band 1 aufgetreten, so etwa Olga Pirofsky und Calliope Skouros.

|Herr Sellars|

Patrick Sellars ist ein sonderbarer Mann in einem Rollstuhl. Er verlässt nie das Haus, aber er weiß mehr über Otherland als andere. Er erzählt Geschichten. Er isst Seife. Und er hält das Schicksal der Menschheit in seinen Händen. Seine beste Freundin ist die kleine Christabel.

|Orlando|

Orlando Gardiner ist der unbezwingbare Barbar „Thargor“, ein richtiger CONAN-Typ. Er ist ein schwerkranker Junge, der unter Progerie leidet: vorzeitiger Alterung des Körpers. Er ist der größte unter den Netboys, die je im VR gekämpft haben, aber in seinem Zimmer kann er kaum vom Bett zur Tür gehen. Und er wurde für ein Abenteuer auserwählt, das nur er allein bestehen kann – wenn er lange genug lebt. Im Netz ist sein treuer Gefährte „Pitlith“, über den er allerdings Überraschendes herausfindet. „Pitlith“ ist ein Mädchen namens Salome Fredericks. Ihr Agent Ramsay kann Kontakt mit Orlandos Agent Beezle (s. u.) aufnehmen.

|Felix Jongleur|

Felix Jongleur ist unermesslich reich und mächtig. So konnte er sich die besten Köpfe kaufen, die ihm die VR-Welt |Otherland| bauen. Dort wird er in einem neuen virtuellen Körper ewig leben können – so meint er. Er würde alles und jeden opfern, um sein Lebenswerk zu vollenden: das Gralsprojekt, doch er hat die Rechnung ohne Dread gemacht. — Er verbirgt sich hinter der Gestalt des ägyptischen Gottes Osiris. Der Osiris-Mythos, der in „Otherland“ eine bedeutende Rolle spielt, besagt, dass der Gott von seinem Bruder Seth getötet wurde, doch seine Schwester Isis erweckte ihn wieder zum Leben und gemeinsam zeugten sie Horus, den falkenköpfigen Sonnengott. In „Otherland 2“ wird dieser Mythos umgedreht.

|Dread|

Dread, ein durchgeknallter Mörder, ist die rechte Hand Osiris‘. Er würde jeden töten, der Otherland, dem Gralsprojekt schaden will. Am Ende von Teil 1 des Hörspiel schickt Osiris Dread mit einer geheimen Mission aus. Aber Dread hat eigene Pläne, von denen selbst sein Meister nichts weiß. Denn Dread leitet seinen Namen von MOR-DRED ab, dem illegitimen Sohn von König Artus und dessen Nemesis.

|!Xabbu|

!Xabbu ist der letzte noch lebende Buschmann, und er zieht in die Stadt, um die Geheimnisse der Zivilisation zu lernen. Diese führen ihn in eine noch fremdere, noch gefährlichere Welt, nach Otherland, wo Technik und alte Menschheitsträume zusammen etwas völlig Neues, etwas Furchteinflößendes hervorbringen. Er wird zu Renies wichtigstem Gefährten.

|Paul Jonas|

Paul Jonas – die Figur, der wir als erster begegnen – scheint ein gemeiner Soldat in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zu sein. In Wirklichkeit ist er mehr, viel mehr. Er besitzt ein Geheimnis, das die Welt retten kann, aber er hat es vergessen. Jemand verfolgt ihn durch die zahllosen Welten von Otherland. Er kämpft nicht nur ums Überleben, er muss auch herausfinden, wer er ist.

|Renie Sulaweyo|

Renie Sulaweyo ist Lehrerin in Südafrika. Als ihr kleiner Bruder Steven von einer unerklärlichen Krankheit heimgesucht wird, verändert sich ihr Leben, und sie gerät in eine Geschichte hinein, die bizarrer nicht denkbar ist. Alle Spuren dieses Geheimnisses führen zurück nach Otherland.

|Christabel|

Christabel Sorensen ist ein achtjähriges Mädchen, das in einem Militärlager aufwächst, wo sie zufällig auf ein Geheimnis stößt. Ein Geheimnis, das nicht nur ihr Leben verändern soll, sondern das aller Menschen der Erde. Mr. Sellars, dieser seltsam verunstaltete Mensch, ist ihr bester Freund, denn er kennt tolle Geschichten. Christabel spielt gerne „Otterland“.

|Beezle|

Beezle, der spinnenbeinige Agent Orlando Gardiners, ist eine Such-Software. Er spricht wie ein New Yorker Taxifahrer und kennt alle Tricks im VR. Ohne ihn hätten sie den Zugang zu Otherland nie gefunden.

|Martine Desroubins|

Martine ist eine französische Rechercheurin, und sie ist gut. Seit ihrer Kindheit ist sie blind, aber sie kann Dinge fühlen, die andere nicht wahrnehmen. Im Alter von acht Jahren nahm sie an einem Experiment mit sensorischer Deprivation (Aussperren aller Sinneswahrnehmungen) teil: Tagelang war sie allein in einem dunklen Raum. Damals verlor sie ihr Augenlicht (aber nur psychisch, nicht physisch). In Otherland erinnert sich Martine nach und nach an ein seltsames Kind, mit dem sie damals im Dunkeln sprach.

|Die Zwillinge|

Schon im Prolog zu Teil 1 tauchen die Zwillinge als albtraumhafte Verfolger von Paul Jonas auf. Hier heißen sie Finch und Mullet, der eine dick, der andere dünn. In Teil 2 treten sie im Kontext des Buches „Der Zauberer von Oz“ als Blechmann (Tin Man) und Vogelscheuche (Scarecrow) auf.

|Calliope Skouros|

… ist eine Polizistin in Australien, die sich mit merkwürdigen Vorkommnissen im australischen Busch befasst. Sie fährt zu den Ureinwohnern und erfährt, wie es zu dem Mord an einem fünfjährigen Mädchen namens Merapanui kommen konnte. Ihren Chef Stan Chan interessiert das nicht die Bohne. Sollte es aber – Dread stammt aus Australien.

|Dulcinea Anwin|

… ist eine Auftragsmörderin und Agentin. Sie arbeitet u.a. für Dread.

|Olga Pirofsky|

Olga Pirofsky, 56, ist eine unscheinbare Person, doch hat sie eine interessante Leidengeschichte hinter sich – seit ihr Sohn Alexander starb, setzt sie sich für Kinder ein. Da gibt es jemanden, der ihr sehr nahe steht und der ihre Hilfe braucht. Dazu muss sie in Jongleurs streng bewachten Wohnturm eindringen. Nur Peter Sellars kennt ihr Geheimnis. Und der Andere.

|Der Andere| (nicht in Teil 1)

Der Andere ist die geheimnisvolle Macht im Zentrum des Gralsprojekts. Er ist verrückt, er ist mächtig, und nur Osiris kann ihn zähmen. Aber selbst er fürchtet seine monströse, seine unbegreifliche Gegenwart.

Weitere Figuren: Neanderthaler, Azteken, Piraten, Häuptling Starke Marke, Mutanten, Rieseninsekten, Klone, drei blinde Mäuse, ein ägyptischer Werwolf namens Upu-aut und viele andere.

_Vorgeschichte_

50 Jahre in der Zukunft schaut die Welt auch nicht viel anders aus als heute, sieht man einmal davon ab, dass ein Teil der Menschheit einen großen Teil seiner Zeit in virtuellen Welten verbringt. Ein großer Teil der Menschheit? Nein, nur die, die es sich leisten können, natürlich, also etwa zehn Millionen. Wie gesagt, viel hat sich nicht geändert. Nicht jeder Bereich des weltumspannenden Datennetzes steht jedem Benutzer offen, nur wer das virtuelle Äquivalent eines teuren Anzugs trägt und die Online-Gebühren bezahlen kann, wird überhaupt erst in die besseren Gegenden eingelassen. Einen der wichtigsten Zugänge bieten die Filialen von Mister J, der auch als Mr. Jongleur bekannt ist (s.o.).

Renie (kurz für ‚Irene‘) Sulaweyo ist nicht so privilegiert, obwohl sie an einer südafrikanischen Hochschule den Umgang mit der virtuellen Realität lehrt. Als ihr kleiner Bruder während eines Ausflugs in für ihn eigentlich gesperrte Bereiche der Datenwelt aus unerklärlichen Gründen ins Koma fällt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auf unkonventionelle Hilfsmittel zurückzugreifen, um nach einer Rettung für ihn zu suchen. Ihr Schüler, der Buschmann !Xabbu, einer der letzten Vertreter der Ureinwohner Südafrikas, hilft ihr dabei. Seine legendenhaften Geschichten aus der Kalahari liefern ihr einen wichtigen Hinweis. Bei ihrer Suche haben sie die Vision einer fabelhaften goldenen Stadt, die für kurze Zeit in der virtuellen Realität erscheint. Diese Vision erscheint nicht nur ihnen, sondern auch anderen Menschen, die ebenfalls versuchen, das Rätsel der goldenen Stadt zu lösen.

Unterdessen teilen immer mehr Kinder das Schicksal von Renies Bruder Steven. Womit wir bei der Weltverschwörung wären, dem Zentralen Bösewicht und Kern der Handlung. OTHERLAND – ein multidimensionales Universum, ein gigantisches Simulationsnetzwerk, errichtet von den fähigsten Köpfen des 21. Jahrhunderts und das am besten gehütete Geheimnis der Welt. Eine mächtige Organisation der rücksichtslosesten und reichsten Männer der Welt, die sich selbst die Gralsbruderschaft nennen, hat es geplant, um ihre eigene Unsterblichkeit zu erreichen – und dafür benötigen sie unter anderem die Kinder, die realiter im Koma liegen, deren Geist aber in Otherland gefangen ist.

Otherlands virtuelle Welten wirken dermaßen realistisch, dass Benutzer sie praktisch nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden können – es sei denn, ein Benutzer entscheidet sich dagegen. Die Ziele der Verschwörung werden nicht explizit benannt, aber der Leser kann es sich leicht zusammenreimen: uneingeschränkte Macht und Unsterblichkeit, das Übliche eben. Den Weltuntergang planen sie ebenfalls.

Immer mehr Kinder werden Opfer Otherlands, und ein Grüppchen Abenteurer findet sich zusammen, das dem Geheimnis auf die Spur kommen will. Zu ihnen gehören neben Renie und !Xabbu auch Orlando alias Thargor und sein Gefährte Pitlith. Am wichtigsten sind aber wohl Paul Jonas und sein Begleiter, der Junge Gally. Denn die Gralsbruderschaft hat Paul in Otherland „eingespeist“, kann ihn aber nun nicht mehr finden – diese potenzielle Bedrohung möchte sie ausschalten, koste es, was es wolle.

Herr Sellars, ein merkwürdiger Gefangener und Christabels Freund (s. o.), ist ihr unsichtbarer Beschützer. Aber plötzlich sind sie selbst Gefangene, dazu verurteilt, im Netzwerk von Otherland umherzuirren, ständig bedroht von tödlichen Gefahren, unfähig, die virtuelle Welt zu verlassen. Sie haben nur eine Chance: Sie müssen ins Zentrum von Otherland vordringen.

_Handlung_

Die mehrsträngige Handlung wird ebenso breit angelegt fortgesetzt, wie man das aus dem [ersten Teil kennt. Die Abenteurer sind weiterhin in der gefährlichen virtuellen Welt Otherland gefangen. Alle Gruppen erfahren, was es mit dem „Fluss aus blauem Feuer“ auf sich hat. Er ist Verbindungsstelle, Grenze und Brücke zwischen einzelnen Simulationen, aus denen sich Otherland zusammensetzt. Jede Simulation hat zwei Gateways, an denen der Fluss ein- und wieder austreten kann. Es kommt also häufig darauf an, diese Gateways oder Pforten zu finden, beispielsweise um rechtzeitig einer Gefahr zu entkommen.

Die Schicksalsgemeinschaft, die Herr Sellars nach Otherland gerufen hat, wird schon bald getrennt und muss sich vielen Prüfungen stellen, ähnlich wie es im „Herr der Ringe“ geschieht – ein Werk, das mehrere Male zitiert wird, so etwa von Orlando. Unerkannt befindet sich unter ihnen der Serienkiller mit dem passenden Namen Dread. Er will die Meister seiner Grals-Bruderschaft stürzen und sucht zu diesem Zweck Informationen.

Renie und !Xabbu kämpfen mit riesenhaften Insekten und seltsamen Kreaturen in einer pervertierten Version der Welt des „Zauberers von Oz“. In einem tragischen Kampf wird einer der Gefährten als der maskierte Dread entlarvt (ich werde mich hüten zu verraten, um wen es sich handelt). Er flieht, nachdem er einen der Freunde getötet hat. Übrig bleiben außer Martine Desroubins noch Florimel, eine deutsche Frau, und der junge T4b (englisch ausgesprochen: ti for bi).

Paul Jonas gewinnt zunehmend mehr von seinem verlorenen Gedächtnis zurück. Er fühlt sich auf der Reise der Gruppe durch Otherlands zentralen Fluss von zwei unheimlichen Wesen verfolgt (siehe „Die Zwillinge“). Ein gewisser Nandi Paradivasch verschafft ihm Gewissheit über seine Geschichte. Nandi gehört zu einer Organisation, die sich „Der Kreis“ nennt und gegen die Gralsbruderschaft kämpft. Paul ist ein Gefangener in den Simulationen oder Sims, und der Mensch, der ihm das angetan hat, sei Felix Jongleur. Jongleur sei so alt, dass er wie Paul selbst den Ersten Weltkrieg erlebt habe. Er lebe in einem Anwesen in Louisiana und strebe das ewige Leben an. Paul erhält einen wichtigen Hinweis: Er muss zum Haus des Irrfahrers gehen und dort die Weberin befreien. Gemeint ist der Ort Ithaka, und dreimal darf man raten, welche Figuren gemeint sind.

Doch nicht alles ist bierernst. Unterdessen bestehen Orlando alias Thargor und seine Freundin Fredericks die Gefahren, die sie in einer Comic-Küchenwelt erwarten: Comic-Indianer, Suppenterrinen-Piraten und wild gewordenes Gemüse. Den Höhepunkt dieser Episode bildet der heroische Angriff auf den Eisschrank, wo sie im Tiefkühlfach eine unheimliche Entdeckung machen. Ein Hinweis schickt sie zu „den Mauern Ilions“. Dies meint das alte Troja [(Ilium).]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346

Nach der Eisschrank-Heldentat gelangen sie in eine Sim des alten Ägypten, wo ein Werwolf sie aufs Kreuz legt und sie in der Wüste zurücklässt. Wieder erscheint ihm die Vogelfrau, und sein Software-Agent bildet einen unsicheren Kontakt zur realen Welt. Orlando erlaubt Beezles Kontakt, dem Agenten von Fredericks (Ramsay), dass seine, Orlandos, passwortgeschützte Dateien geöffnet werden. Der Anwalt Decatur Ramsay macht die Bekanntschaft von Olga Pirofsky, die als Darstellerin einer Netz-Show für Kinder arbeitet. Allerdings verursacht ihr die Tätigkeit in letzter Zeit rasende Kopfschmerzen, und sie beschließt, den Ursprung der Krankheit, der die Kinder zum Opfer fallen, aufzuspüren.

Immerhin verdichten sich die Informationen, die man als Leser/Hörer über die Grals-Bruderschaft erhält, und aus den bislang anonymen „bad guys“ schälen sich einzelne Personen und deren Motive heraus. Weiterhin bleiben eine Menge Fragen offen, etwa jene nach der Identität und Eigenart der schwarzen Pyramide (die wohl der „Berg aus schwarzem Glas“ des 3. Bandes ist). Für Kenner der Literatur ist jetzt schon abzusehen, dass im 3. Teil der Trojanische Krieg eine zentrale Rolle spielen dürfte.

Wer meint, all dies sei viel zu abgefahren, der sollte sich mal die NetFeeds reinziehen. Diese Untergrund-Nachrichten aus der „realen“ Welt beleuchten schlaglichtartig, wie bizarr die Entwicklungen sein können, die wir bereits heute im Ansatz erkennen können, zum Beispiel die Frage: „Was ist echt und authentisch, wenn sich alles simulieren lässt?“ Außerdem ist die Rede von einer AIDS-ähnlichen Seuche, die „Bukavu“ genannt wird. NetFeeds dienen als Pausenfüller und trennen wichtige Kapitel voneinander.

_Mein Eindruck_

Es bestehen keine Zweifel hinsichtlich der literarischen Qualität von Williams‘ erzählerischen Fähigkeiten: Sein Stil ist lyrisch bis humorvoll, seine Charaktere äußerst detailliert wiedergegeben und entwickelt. Nur der Plot könnte noch ein wenig straffer gehandhabt werden. So aber kommt der Eindruck auf, als ob die virtuellen Landschaften, mit denen sich die Gruppe auseinandersetzen muss, nach einer Weile beliebig werden – man weiß zudem schon im Voraus, dass die Leute gerettet werden, natürlich nur in letzter Sekunde. Dieses Muster wird zu sehr strapaziert. Und der Plot hat eine gefährliche Ähnlichkeit mit den auch nicht so realen Welten in Stephen Kings Zyklus um den [„Dunklen Turm“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=822

Immerhin stellt Williams in der Verkleidung seiner Geschichte ein paar ernste Fragen, u. a. „Was sind die ethischen Überlegungen einer Künstlichen Intelligenz (KI)?“, „Was ist Wahrnehmung?“, „Was ist das Wesen von Gut und Böse in einer virtuellen Welt?“, „Was ist hier ein Leben wert?“ Und so schnell, wie sich die Computertechnologie und das Internet Richtung Cyberspace entwickeln, erscheinen die Fragen durchaus relevant. Philip K. Dick hat sie zum Teil bereits gestellt (vgl. „Total Recall“ und [„Blade Runner“).]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=197 Insofern geht Williams in den Gefilden des Existentialismus weiter als Dick und in Sachen Cyberspace weiter als Gibson. Schon jetzt lässt sich daher sagen, dass der Otherland-Zyklus – Williams empfiehlt, ihn als vier Teile eines einzigen Buches zu lesen – ein bedeutendes Werk des Science-Fiction-Genres ist. Man muss ja nicht gleich einen Klassiker daraus machen, wie das bereits manche Leser zu sagen wagen.

_Die Sprecher_

Es wäre relativ sinnlos, die Leistung einzelner Sprecher herausheben zu wollen. Das würde bedeuten, die Leistung anderer Sprecher abzuwerten, obwohl sie ebenso ihr Scherflein dazu beigetragen haben. Die Versuchung ist groß, prominente Sprecher herauszuheben, so etwa Rufus Beck (als „Häuptling Starke Marke“) oder Andreas Fröhlich (NetFeed-Nachrichtensprecher).

Ich finde es angebrachter, die Leistung der jüngsten Mitglieder der Sprecherriege hervorzuheben. Die Sprecher des Jungen Gally, Till Werner und des Mädchens Christabel Sorensens, Nora Hickler, sowie von Cho-Cho, Philip Heilmann-Ramirez, standen meist zum ersten Mal vor einem Mikrofon. Ich hätte an ihrer Stelle vor lauter Bammel keinen Ton herausgebracht, aber sie schaffen es bravourös, ihrer jeweiligen Figur Leben einzuhauchen.

Wie schon beim ersten Teil des Hörspiels wurde mir klar, dass gigantische Mengen von Text in der Endfassung des Hörspiels fehlen. Dass aber wichtige Sätze praktisch wortwörtlich übernommen wurden. Und dass die Abfolge der Szenen umgestellt wurde. Über all diese dramaturgischen Maßnahmen ließe sich endlos streiten. Im Endeffekt bleibt aber nur die Frage: Hat es sich gelohnt, diese Änderungen vorzunehmen?

Ganz ehrlich: Das Ergebnis klang richtig, weil dadurch nämlich die Aufmerksamkeit ebenso wie das Verständnisvermögen des Hörers unterstützt wurde. Allerdings ist es ratsam, nach jeder CD, die etwa 50-55 Minuten dauert, eine kleine Pause einzulegen (sonst bestraft einen das Kopfweh). Der Informationsgehalt des Hörspiels – Text, Musik, Geräusche, Szenenwechsel – ist nämlich so hoch, dass die Aufmerksamkeit ständig gefordert ist. Mit der Zeit kann das ganz schön ermüden.

_Unterm Strich_

Walter Adler hat den berühmten roten Faden für vier verschiedene Handlungsstränge mit radikalen Kürzungen herausgearbeitet. Dadurch fällt es dem Hörer leichter, den vier Geschichten zu folgen: Orlando & Fredericks; Renie & !Xabbu, Christabel & Mr. Sellars sowie Paul & Gally. Dazwischen sind wieder Szenen der unheimlichen Gralsbruderschaft sowie der NetFeed aus der Realwelt geschaltet.

Doch folgt man Renie Sulaweyo und dem Buschmann !Xabbu, so ergibt sich ein Krimi, der genügend Spannung liefert, um den Hörer durch die gesamte Handlung voranzutragen. Paul Jonas‘ Geschichte hingegen ist eine Tragödie, deren Ausmaße sich nur ganz allmählich enthüllen und die viel mit Kindern zu tun hat. Die anderen Geschichten sind mal humorvoll, mal dienen sie der Erkenntnis, wieder andere sind so absurd-komisch wie „Alice im Wunderland“, so etwa der witzige Angriff auf den Eisschrank.

|Ausblick|

Allerdings bleiben am abrupten Schluss viele Fragen offen – ein klassischer Cliffhanger. Denn dies ist nur das zweite Viertel des gesamten Kunstwerks. Die Fortsetzung soll im Juni veröffentlicht werden. Sie verspricht nach allem, was ich darüber gelesen habe, sehr dramatisch zu werden. Denn nun macht Felix Jongleur alias Osiris Ernst: Er will Otherland als sein Herrschaftsgebiet übernehmen und sich und seinen „Brüdern“ das ewige Leben verschaffen. Wenn er sich da mal nicht getäuscht hat.

|329 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Otherland – Book 2: River of Blue Fire, 1998
Mehr Infos unter: http://www.hoerverlag.de & http://www.otherland.hr-online.de |

Farmer, Philip José – Flusswelt der Zeit, Die (Flusswelt 1)

Auf einer von Unbekannten erschaffenen Welt erwachen Milliarden von gestorbenen Menschen wieder, um ohne ihr Wissen an einem anthropologischen und soziologischen Experiment teilzunehmen. Richard Francis Burton, britischer Abenteurer, gestorben 1890, macht sich mit Gefährten auf den Weg, den Zweck des Experiments von den Erbauern zu erfragen.

_Der Autor_

Philip José Farmer wurde bereits 1918 in North Terre Haute, Indiana, als Nachkomme von deutschen, niederländischen und irischen Vorfahren geboren. 1946 verkaufte er eine Kriegserzählung an das Magazin „Adventure“, sein erster Roman „The Lovers“ (Die Liebenden) erschien 1952 in „Startling Stories“ und brachte zum ersten Mal das Thema Sexualität in die (eher prüden) Science-Fiction-Magazine seiner Zeit ein. Danach galt er als Tabubrecher. Viele seiner Werke zeichnen sich durch unterhaltende Themen und Erzählweise sowie durch Ideenreichtum aus. Das gilt auch für den fünfbändigen Flusswelt-Zyklus.

1) Die Flusswelt der Zeit (1953/1971)
2) Auf dem Zeitstrom (1971)
3) Das dunkle Muster (1977)
4) Das magische Labyrinth (1980)
5) Die Götter der Flusswelt (1983)

Der erste Flusswelt-Roman entstand bereits 1953 anlässlich eines Romanwettbewerbs, doch Farmer wurde um Preis und Honorar betrogen. Das im Jahr 1972 mit dem renommierten |Hugo Gernsback Award| ausgezeichnete Werk erschien schließlich erst 1971, nachdem der Autor mehrere Teile zu einem lesbaren Ganzen verschmolzen hatte: eine sogenannte Fix-up-Novel, wie sie in der phantastischen Literatur keineswegs selten ist.

|Hinweis|

Am Schluss von „Die Götter der Flusswelt“ findet ihr eine Zusammenfassung der Handlung, in der der Autor alles erklärt. Das erspart zwar die Mühe des Lesens und verschafft schnellen Durchblick, bringt den Leser aber um das Vergnügen all der Abenteuer, die die Helden aus allen Erdepochen zu bestehen haben – und das sind eine ganze Menge!

_Hintergrund: die Flusswelt_

Die Flusswelt ist ein riesiger, offenbar künstlich geschaffener Planet, der keine Jahreszeiten kennt, aber ein angenehmes Klima aufweist. Diese erdähnliche Welt wird von einem über 20 Millionen Kilometer langen Flusstal durchzogen, das zu beiden Seiten von unüberwindbar hohen, steilen Gebirgszügen eingegrenzt wird. Ab und zu fallen Meteore auf die Gebirge, sie bedeuten das einzige Metallvorkommen. Auf beiden Ufern des Flusstals sind merkwürdige Kunstgebilde auszumachen, die pilzfömig in die Höhe ragen und Schutz vor dem Regen bieten, der pünktlich um drei Uhr morgens einsetzt. Diese „Gralsteine“ sind – neben den Flussfischen – die einzige Nahrungs- und Versorgungsquelle für die künftigen Bewohner: die Menschen der Erde.

Dieser Planet wird im Jahr 2008 zur Stätte der Wiedergeburt für fast die gesamte Menschheit. Es wird aber bemerkt, dass es keine Kinder unter fünf Jahren und keine Alten über sechzig Jahren gibt. Unter den Wiedererweckten befinden sich alle restlichen Menschen und Hominiden aus den letzten zwei Millionen Jahren auf Erden. Sie alle finden sich am Wiedererweckungstag nackt, haarlos, beschnitten und 25-jährig an den Ufern des großen Flusses wieder. Die Gralsteine spenden ihnen Nahrung und Kleider. Die Ausgangsposition ist also für alle gleich. Ideal für das Experiment, das die Erbauer dieser Welt hier durchführen. Doch zu welchem Zweck?

_Handlung_

Sir Richard Francis Burton, der britische Forschungsreisende, Literat, Soldat, Konsul und Abenteurer, hatte zu Lebzeiten versucht, die Quellen des Nils zu entdecken (und war dabei betrogen worden), hatte „Tausendundeine Nacht“ ins Englische übersetzt, diverse skandalträchtige Bücher verfasst und war (um 1852) der erste Europäer, der, als Moslem verkleidet, die heiligen Städte Mekka und Medina besuchte.

Er war zeit seines Lebens kein gläubiger Mensch gewesen. Als er 1890 im italienischen Triest, wo er britischer Konsul war, einer Herzattacke erliegt, glaubt er daher nicht an ein Leben nach dem Tode. Er hat sich getäuscht.

Zunächst erwacht er als erster von Milliarden Menschen in einem Zwischen-Raum, den man sich heute gut als „Matrix“ vorstellen darf: Milliarden nackte Menschen stecken bewusstlos in Blasen, die jeweils an einem Stab befestigt sind. Burton erlangt das Bewusstsein als Erster wieder und bemerkt die anderen Menschenwesen ringsum – endlose Reihen. Kurz darauf zieht ihn eine unsichtbare Kraft auf die Oberfläche der Flusswelt. In seinen Träumen sieht Burton immer einen dunklen Turm, der ihn am Nordpol erwartet. Diese zwei Elemente – das vorzeitige Erwachen und der dunkle Turm – unterscheiden Burton von allen anderen Milliarden Wiedererweckten. Das wird später wichtig.

Er erwacht in dem oben beschriebenen Flusstal, mit nichts am Leib als einem seltsamen Metallzylinder. Schon bald weiß er, was das Ding ist: ein Gral. Man steckt ihn in die Vertiefungen der pilzförmigen Gralsteine, sobald ein flammenförmiges Signal sichtbar ist und erhält wenig später in diesem Ding Nahrungsmittel, aber auch Schnaps, Zigarren, Zigaretten und seltsame Kaugummistreifen. Ein Amerikaner namens Peter Jairus Frigate (die Initialen PJF verraten, dass es sich um eine Inkarnation des Autors handelt) klärt Burton darüber auf, was Kaugummi ist. Frigate ist Science-Fiction-Autor und mit dem Leben und Werk des Richard Francis Burton bestens vertraut.

Andere Wiederweckte sind nicht so freundlich. Eine Jude namens Lev Ruach klagt Burton des Antisemitismus an und würde ihn am liebsten umbringen. Aber wer war Hitler? Burton hat keine Ahnung. Es gibt auch einen Alien, Monát, und einen Frühmenschen, Kazz. Der Alien gesteht, dass er es war, der im Jahr 2008 mit seiner Geheimwaffe die Erde sterilisierte. „Aber es war Notwehr!“

|Die erste Nacht|

Schon in der ersten Nacht finden Männlein und Weiblein unweigerlich zusammen, besonders da beide unbekleidet sind. Der Kaugummi kommt jetzt zum Einsatz und zeitigt verhängsvolle Wirkungen: Die Droge darin baut alle Hemmungen ab. So kommt es in kürzester Zeit zu Mord und Totschlag, zu Vergewaltigungen. Auch Burton und die von ihm verehrte (oder vielmehr begehrte) Lady Alice Liddell Hargreaves (sie ist das in „Alice im Wunderland“ verweigte Mädchen) können sich dem Befehl des Geschlechtstriebs nicht entziehen. Nach dem Abklingen des Drogenrausches jedoch will Alice diesen „wahnsinnigen“ Mr. Burton nie mehr wiedersehen.

Schon bald kommt es zu Gruppenbildung, und der Kampf ums Überleben beginnt. Burton erweist sich als natürlicher Führer, und Frigate, Alice und sogar Lev schließen sich ihm an, ebenso Monat und Kazz. Nach wenigen Wochen erwacht in Burton die alte Unrast, er gibt sich mit der bloßen Tatsache seiner Wiedergeburt nicht zufrieden. Er will herausfinden, wer ihn um seinen Tod betrogen hat und mit der menschlichen Rasse diese „groteske Posse“ treibt. Denn grausamerweise können die Frauen auf dieser Welt keine Kinder empfangen. Schon in wenigen Jahren würde es nur noch Alte geben und schließlich niemanden mehr, oder?

|Die Expedition|

Zusammen mit seiner Gruppe und weiteren Begleitern macht er sich auf einem selbstgebauten Bambusboot auf, den Ursprung des Flusses zu finden – wie einst die Quellen des Nils. Fünf Jahre schippern sie den Fluss hinauf, begegnen zahlreiche Kulturen und Stämmen aus allen Zeiten. Frigate ist bald klar: „Dieser zeitliche Schmelztiegel stellt das größte anthropologische und sozialwissenschaftliche Unternehmen dar, das je gestartet wurde.“

Doch da sich die Menschen nicht um ihren Lebensunterhalt kümmern und keine Kinder großziehen müssen, suchen sie anderweitig die Langeweile zu vertreiben: Sie führen Krieg. Auf diese Weise geraten Burton & Co. öfters in Not, bis sie eines Tages nicht mehr entkommen können. Sie geraten zwei Tyrannen in die Hände: Hermann Göring, einst Reichsmarschall bzw. „Reichsjägermeister“ im Dritten Reich, und, weit schlimmer, einem römischen König namens Tullius Hostilius, der mit dem kleinen Volk der Römer Krieg gegen die umliegenden Stämme führte. Leider ist Göring ebenso drogenabhängig und wahnsinnig.

|Gefangen!|

In Görings Festung gelingt Burton eine wichtige Entdeckung: Die Wiedererweckten können nicht sterben, das heißt, nur ihre Körper, nicht aber ihre geistige Essenz mit dem Gedächtnis. Später wird sich Burton auf der Suche nach den Erbauern der Flusswelt genau 777-mal selbst töten (oder töten lassen), um sich ihrem dunklen Turm zu nähern.

Eine zweite wichtige Entdeckung: Unter den Menschen befinden sich die Agenten der Erbauer, und einer von ihnen, „Spruce“, berichtet unter Androhung von Folter, worum es den „Ethikern“ geht und warum sie unbedingt Burton haben wollen: Er weiß zu viel, ganz besonders über jene Matrix-Zwischenwelt und den dunklen Turm. Ein anderer Agent offenbart sich Burton als ein Renegat unter den Erbauern. Wem soll Burton glauben?

|Wo ist die Matrix-Quelle?|

Von nun an dreht sich Burtons Streben nur noch um den Kampf gegen den unsterblichen Hermann Göring, der ihn verfolgt, und gegen die „Ethiker“. Beide sind hinter ihm her. Doch die Flusswelt ist groß, sehr groß.

_Mein Eindruck_

Wie schon in meiner Inhaltsangabe angedeutet, erinnerten mich viele Aspekte des Romans an die „Matrix“-Trilogie der Wachowski-Brüder. Ohne viel ins Detail gehen zu wollen – das können die Literaturwissenschaftler erledigen -, geht es wie in den Filmen um die Erkenntnis, worin der Sinn der eigenen Existenz besteht. Ja, mehr noch: worin der Sinn des Todes und der Existenz nach der Wiederweckung besteht.

Wenn man sich die Erklärungsmodelle für die Existenz nach dem Tod ansieht, so halten die diversen Religionen mehrere Antworten bereit. Sie sind alle irrelevant, wie sich zeigt, denn die Wiedererweckten verfügen über ewiges Leben, aber über keine Kinder. Die einzigen Erkenntnisse, die sie erwerben, können sie nicht an Kinder weitergeben, die diese dann adaptieren würden, sondern an sich selbst, wenn sie wieder mal gestorben sind. Daher scheitern zwar viele Religionen, doch es ensteht eine neue Kirche: die der zweiten Chance. Burton hat damit ausnahmsweise kein Problem, obwohl er Agnostiker ist, doch tritt er gleich wieder aus, weil er das kirchliche Verbot des Tötens nicht befolgen will.

Worin Burtons Glaube wirklich besteht, offenbaren ihm zunächst seine Träume: der dunkle Turm am Nordpol und an der Quelle des Flusses. Da dies das Machtzentrum der „Ethiker“ ist, stellt Burtons Expedition eine Suche nach Erkenntnis in der Realität dar. Seine Fahrt stromauf ist eine Queste, wie man sie in einem Artusroman nicht besser schildern könnte. Natürlich muss er gegen Wiedersacher kämpfen (Göring) und das Herz einer edlen Frau gewinnen (Alice Liddell). Der Ausgang soll nicht verraten werden.

Die Parallele zu Neos Queste auf der Suche nach der Quelle der Matrix ist offensichtlich. Nachdem es ihm in Teil 2 nicht gelungen ist, die Quelle (das Hochhaus) zu zerstören, muss er in Teil 3 seine eigene Existenz aufs Spiel setzen, will er die Quelle ausschalten. Zudem finden ständig Zweikämpfe mit seinem brüderlichen Widersacher Agent Smith statt und Rettungsaktionen für die Herzensdame Trinity. Jeweils in ihrem eigenen Medium befolgen die Autoren die uralten Regeln und Richtlinien, die für Heldengeschichten gelten.

|Der Viktorianer|

Zunächst einmal ist es recht spannend zu verfolgen, wie sich Burton, der uns erst richtig ab Seite 125 vorgestellt wird, mit der neuen Welt auseinandersetzt. Ist dies der Himmel oder eine neue Hölle? Wie stets ist die Antwort: Kommt drauf an, was man draus macht. Seine Gruppe arbeitet konstruktiv unter seiner Anleitung zusammen und es gelingt ihr, im Gegensatz zu vielen anderen Gruppen, zu überleben und sogar ein Schifff zu bauen. Am Fluss haben sich Stämme, Stadtstaaten und sogar Königreiche gebildet, entdeckt Burton binnen seiner fünf Jahre auf dem Strom. Und es fast immer die Hölle, denn hier herrscht Krieg. Auf einer sehr privaten Ebene liegt auch Burton im Krieg – und zwar mit Alice, die ihm immer noch böse ist wegen der ersten Nacht. Es dauert sehr lange, bis beide einsehen, wie sie zusammenkommen können.

|Agentenjagd|

Leider lässt nach diesem vorläufigen Höhepunkt, der im siegreichen Kampf gegen Göring und Tullius Hostilius gipfelt, die Spannung erheblich nach. Zwar sorgt Göring dafür, dass Burton stets gefährdet bleibt, und auch die Agenten der „Ethiker“ sind hinter Burton her. Aber das ist leider keine Handlung mehr im eigentlichen Sinne. Es ist eine Schnitzeljagd à la „Dr. Kimble auf der Flucht“. Die 777 Tode, die Burton stirbt, dienen lediglich dazu, ihn dem dunklen Turm der „Ethiker“ näher zu bringen, ohne sich dabei erwischen zu lassen. Der Renegat hilft ihm dabei, schon klar.

Aber jede Station, an der Burton verweilt, ist lediglich wie ein Szene auf einem Filmstreifen – eine mehr oder weniger lange Episode. Hier entwickeln sich keine Konflikte und somit auch kaum Spannung. Das letzte Drittel ist in dieser Hinsicht also ein wenig enttäuschend. Manche Leser mögen das dennoch für unterhaltend halten. Sie werden sich dann auch an den erotischen Details erfreuen, die Farmer schon 1953 einzustreuen wagte.

|Metaphysik|

Was manche Leser für völlig überflüssig halten, was jedoch einen wesentlichen Bestandteil der Bedeutungsebene des Romans darstellt, ist die Metaphysik. Bekanntlich scheiden sich daran die Geister, wenn es um Religion geht. Besonders die Ansichten von Juden, Christen und Muslimen über das Leben nach dem Tode und seinen Sinn gehen doch etwas auseinander.

Der Autor könnte nun aus dieser Spannung eine metaphysische Komödie spinnen, die uns unterhalten würde, wohingegen sie einige Strenggläubige sicher auf die Barrikaden getrieben hätte. Doch für eine Komödie nimmt Farmer das Thema Religion zu ernst. Und das ist auch angemessen. Denn nach der Wiedererweckung in Fleisch und Blut geht es unter anderem auch darum, die Belohnung oder Bestrafung für das Leben davor zuzumessen.

Der Jude Lev, der Burton wegen dessen Bücher für einen Antisemiten hält, würde ihn am liebsten umbringen. Aber hat Burton vielleicht darum gebeten, wiedererweckt zu werden? Wozu sind die Menschen hierhergebracht worden – in ein Fegefeuer? Und von antisemitischen Absichten könne überhaupt keine Rede sein. Vielmehr wurde er ja selbst um seinen Tod betrogen. Soll er sich hier auf der Flusswelt nicht vielmehr bewähren – genau wie zum Beispiel auch der Alien Monát, der der Erde im Jahr 2008 den Garaus gemacht hatte?

Lev und einige andere sehen ein, dass der Menschheit eine zweite Chance gegeben wurde. So heißt ja auch die neue Kirche der Wiedererweckten: ein stetiger Pfad zur Selbstverbesserung. In seinem Traum sieht Burton hingegen stets einen alten Viktorianer – Gott? – , der ihn streng anklagt, dass er, Burton, ihm sein Fleisch schulde. Was hat das zu bedeuten, fragt sich der Engländer. Ob wohl der dunkle Turm eine Antwort darauf liefern wird?

(Dass Stephen King diesen Roman gelesen haben ‚könnte‘, dürfte wohl klar sein. „Flusswelt 1 und 2“ erschienen 1971 und 1972, die erste Story über den Revolvermann und den Mann in Schwarz erschien in „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“ Mitte der 70er Jahre, der Roman „Schwarz“ erst 1982.)

|Die Verfilmung|

Im deutschen Free-TV wurde die Verfilmung „Riverworld“ gezeigt. Urteilt man nach den Handlungselementen, so handelt es sich um eine Verarbeitung der ersten beiden Romane. Allerdings wurde der Engländer Burton durch den Amerikaner Hale ersetzt und das Duo Hermann Göring & T. Hostilius durch Kaiser Nero. Auch einige Nebenfiguren wie Lev und die stumme Gwen sowie Alice und der Alien tauchen auf.

So weit, so gut. Nun allerdings kommt die Dramturgie des Fernsehens und der Serie zum Zug. Jede Episode zwischen zwei Werbepausen muss daher irgendeinen Konflikt vorweisen können – vorzugsweise eine Prügelei. Und das geht so weiter bis zum Schluss, wo das Gute gefälligst zu obsiegen hat.

Hier werden keine theologischen Fragen gewälzt, sondern lediglich zwei Lebensphilosphien gegeneinander gestellt. Während der Römer Nero alle Individuen dem Wohl der Gemeinschaft unterordnet (mit ihm an der Spitze, versteht sich), sieht es der Amerikaner genau andersherum: Dem Individuum gebührt der Vorrang. Dreimal darf man raten, wer in einer US-Produktion gewinnt.

_Unterm Strich_

Die ersten zwei Drittel des metaphysischen Abenteuerromans vergehen wie im Fluge, denn es gibt viel Neues zu erkunden und viele Konflikte zu bewältigen. Sicher sind auch die humorvoll-ironisch bearbeiteten Aspekte der allgemeinen Nacktheit unter den Wiedererweckten sehr unterhaltsam, denn gerade unter den Viktorianern Burton und Alice Lidell gehen die Ansichten über Sex und Anstand doch sehr auseinander.

Da dies ein Experiment ist, wie es einem Science-Fiction-Roman wohlansteht, dürfen auch die Aspekte von Anthropologie und Soziologie nicht zu kurz kommen. Auch die Theologie findet ihren Platz (siehe oben unter „Metaphysik“). Für Farmers Leser im Jahr 1971, als die Gegenkultur der 68er-Generation sich inneren Werten und Einstellungen zuwandte (Stichwort: freie Liebe, Drogen usw.), waren solche Themen sicher einerseits willkommen, in der bürgerlichen Gesellschaft erregten sie mit Sicherheit Anstoß. Genau, wie es schon zehn Jahre zuvor mit Heinleins Roman [„Fremder in einer fremden Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=43 passiert war.

Das letzte Drittel widmet sich der Jagd nach den Antworten auf die Fragen, die das Experiment aufwirft. Doch da die Konflikte schlecht ausgeführt sind, kommt nur wenig Spannung auf. In den vier folgenden Romanen schrieb Farmer einfach diesen Episoden-Erzählstil fort, wobei sie in zunehmendem Maße enttäuschten. Daher ist dieser erste Roman noch der ideenreichste und heute interessanteste. Wenn auch den übrigen Bänden Verkaufserfolge beschieden waren, so juckt uns das doch heute nicht mehr.

|Originaltitel: To your scattered Bodies go, 1971
Aus dem US-Englischen übersetzt von Ronald M. Hahn
Heyne-Ausgabe von 1979 mit der ISBN 3-453-30552-3|

Terry Goodkind – Schatten des Magiers, Der (Das Schwert der Wahrheit 2)

„Wizard’s First Rule“, der erste Roman im Zyklus „Das Schwert der Wahrheit“ ist ein furioser Auftakt, der den Leser ausgezeichnet unterhält und mit einigen althergebrachten Vorurteilen gegen Fantasy aufräumt. Starke Frauen, hilflose Zauberer, weibliche Drachen. Kurzum: Hier gibt es einige Augenöffner – und eine packende Handlung.

_Der Autor_

Mit seinem vielbändigen Zyklus um „Das Schwert der Wahrheit“, den er 1994 begann, hat sich der 1948 geborene Amerikaner Terry Goodkind in die erste Reihe der meistverdienenden Fantasyautoren geschrieben.

Terry Goodkind – Schatten des Magiers, Der (Das Schwert der Wahrheit 2) weiterlesen

Audible.de – Die neue Hörbuch-Download-Plattform

|Junge Leute mit dem Köpfhörer im Ohr – man sieht sie heute überall, sie gehören zum Alltagsbild. Aber was hören sie eigentlich mit ihrem MP3-Player oder ihrem Handy? Vielleicht klingen ihnen die Ohren in Zukunft nicht nur vom neuesten R&B-Soul-Hit, sondern von einem aufregenden Hörspiel wie etwa „Otherland“. Eine neue Download-Plattform für Hörbücher macht’s möglich.|

Hat der Weihnachtsmann den MP3-Player erfunden? Wohl nicht ganz, aber es war am Nikolaustag 2004, dass das deutsche Internet-Portal audible.de für den Download von Hörbüchern und Audiomagazinen seine Pforten öffnete. Die amerikanische |Audible Incorporated| hat sich mit zweien der größten Medienhäuser zusammengetan und ein Jointventure mit |Random House| (Bertelsmann) und |Holtzbrinck NetworXs AG| gegründet.

Was hat der Nutzer von Medien davon, fragt man sich unwillkürlich. Reicht es nicht, dass ein Musikportal nach dem anderen dem mehr oder weniger jungen Musik-Junkie das Geld aus der Tasche zieht? Müssen es auch noch Audiobooks sein, nach denen wir gieren sollen?

Diese Bedenken waren den Machern der Plattform wohl nicht ganz unbekannt, denn zunächst gab es etwas völlig kostenfrei: ein frei wählbares Hörbuch – bei einer Auswahl unter 1000 Stück; zeitweilig wurde die Aktion auch auf zwei frei wählbare Hörbücher ausgedehnt. Für das Jahresabo wurde man mit einem kostenlosen MP3-Player (iPod shuffle) belohnt. Entsprechend rege war das Interesse. Innerhalb der ersten Woche luden mehr als 2000 Nutzer über 5000 Hörbücher herunter.

_Wen juckt’s?_

Spricht daraus ein erhöhtes Interesse deutscher Verbraucher an hörbarer Literatur und gesprochenen Texten aus Zeitung, Zeitschrift und Reiseführer? Wie ich selbst immer wieder an mir und anderen festgestellt habe und beobachten kann, besteht in der Tat eine große Nachfrage nach solchen Angeboten – mit Einschränkungen. Arik Meyer, der deutsche Geschäftsführer von audible.de, erläutert: „Es geht vor allem um einen anderen Hörstil, etwa im Auto, unterwegs zur Arbeit (oder dem Studienort) oder beim Sport.“ Die einfache Verfügbarkeit spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: „Einfach im Internet auswählen, herunterladen und sofort am MP3-Player oder PC hören“, das sei |audible|s Devise.

_Zu hohe Preise? Kein Problem_

Doch viele Hörbuch-Freunde werden immer noch von den überdurchschnittlich hohen Preisen der Anbieter abgeschreckt. Sie liegen – mit nur wenigen löblichen Ausnahmen – meist im Bereich für Hardcover-Bücher. Als ob man CDs einen Ehrenplatz im Bücherregal einräumen würde! Arik Meyer sieht sich im Vorteil: „Die Titel aus unserem englisch- oder deutschsprachigen Programm sind rund 30 Prozent günstiger als vergleichbare Hörbücher auf CD.“

Damit liegt audible.de etwa gleichauf mit den Hörbuchpreisen, die Amazon.de, der größte Online-Buchhändler, für preisgesenkte Hörbücher – die zudem portofrei verschickt werden – verlangt. Preisgünstiger sind nur noch Secondhand-Hörbücher, doch das Angebot ist bislang spärlich. Kaum wird ein Hörbuch als gebraucht angeboten, ist es schon wenige Tage später wieder weg. Das belegt einen hohen Bedarf. Will audible.de jedoch Amazon.de und Gebrauchthändler (besonders auf Ebay.de) dauerhaft unterbieten, muss es über kurz oder lang die Preise weiter senken – gut für die Käufer.

_Abonnements_

Dies gilt, wenn man sich die Titel quasi à la carte zusammensucht. Es gibt aber auch zwei Modelle für Abonnements: Classic und Premium. Beim „Classic“-Abo erhält der Kunde monatlich eine Zeitschrift und ein Audiobuch seiner Wahl für einen Monatsbeitrag von 9,95 Euro. Außer dem „Handelsblatt“ und „Die Zeit“ sind jedoch alle Zeitschriften in Englisch. Dadurch ist dieses Abo wenig reizvoll für deutschsprachige Leser.

Das Premium-Abo verpflichtet zur Abnahme von zwei Hörbücher pro Monat und kostet – ja, wie viel denn nun? Nach den Angaben des Audible-Geschäftsführers Arik Meyers handelt es sich um ein Sonderpreisangebot in Höhe von 14,95 Euro. Man spart also im Schnitt fünf Euro. Vorausgesetzt, es bleibt beim permanenten Sonderangebot. Wer ein Hörbuch als Geschenkidee toll findet, kann einen digitalen Geschenkgutschein verschicken.

_Was gibt’s im Angebot?_

Die Käufer bleiben jedoch ebenfalls weg, wenn sie merken, dass es nichts im Angebot gibt, das sie interessiert. Deshalb ist der im Neudeutschen so genannte Content ebenfalls von hoher Bedeutung. Die Titel werden von zurzeit 25 Vertragspartnern – nennen wir sie mal „Content-Provider“ – bereitgestellt. Am Anfang handelte es sich um rund 1000 Stunden deutschsprachiges Programm plus 5000 Stunden Belletristik- und Sachtitel in englischer Sprache. Kein Wunder, wenn der Betreiber aus den USA kommt. Dagegen nehmen sich die 400 deutschen Hörbücher doch recht bescheiden aus. Hinzu kommen rund 7600 englischsprachige Hörbücher. (Natürlich gibt es auch Audiozeitschriften und -Zeitungen.)

Daher ist das Gewinnen von weiteren Content-Providern so wichtig. In den USA verfügt Audible Inc. über 230 Vertragspartner (stand Mai 2005), die mehr als einer halben Million Kunden über 50.000 Stunden Audio-Inhalte anbieten. Dies ist die Marke, auf die das Unternehmen auch hierzulande hinarbeiten muss – wenn auch eine Nummer kleiner als im riesigen US-Markt. Doch bei einem genaueren Blick ins Angebot von Audible.de bekommt der Kunde zunächst vielleicht ein langes Gesicht. Bei einem Sortiment von 80 Klassikern, 28 Offerten im Kinder- und Jugendbuch, 32 Angeboten bei den Krimis und Thrillern, 30 „Märchen und Sagen“ sowie 86 Hörbüchern unter „Romane“ und „Allgemein“ fallen die deutschsprachigen Angebote noch eher spärlich aus. Dafür gibt es bereits 152 deutsche Sachbücher und Ratgebertitel. Diese Angaben spiegeln den Stand Anfang Mai 2005 wider – das Angebot wird sukzessive erweitert, um etwa 40 deutsche Titel pro Woche, sagte mir der Geschäftsführer Arik Meyer.

„Manche Autoren wie etwa Wolfgang Hohlbein oder Brian Lumley sucht man vergebens, Autoren wie Patricia Cornwell oder Dan Brown sind nur mit englischen Ausgaben vertreten. Gerade bei Harry Potter hätte ich mindestens eine deutsche Ausgabe erwartet“, berichtet Audible-Kunde Volker Wende.

Die Schwierigkeit beim Einstellen deutschsprachiger Angebote liegt laut Arik Meyer darin, dass für jeden Titel die Rechte geklärt und freigegeben werden müssen. Dieser Prozess erstreckt sich bis hin zum Autor, Produzenten, Sprecher, Übersetzer oder gar Musiker, der auf einem Hörbuch auftaucht. Audible.de wartet auf eine Urheberrechtsnovelle, die diesen Prozess beschleunigen soll.

_Wie geht das?_

Für das Einkaufen geht der Kunde wie bei Amazon.de vor: Konto anlegen, Modalitäten für Zahlung usw. erledigen, auswählen der Ware und Ablage in einem Warenkorb. Dieser heißt hier allerdings „Bibliothek“ und dient zugleich als Archiv: Man kann die dort gespeicherten Dateien beliebig oft herunterladen, was bei einem Verlust von Player oder CD recht willkommen ist. Eine Download-Seite ist natürlich für Downloads ausgelegt. Doch wie groß sind diese und wie lange? Wo werden die Dateien extern gespeichert?

|Herunterladen|

Jedes Hörbuch liegt in vier Qualitätsstufen bereit. Die geringste Stufe erzeugt die kleinste Datei, die höchste Stufe (128 KBit/s) generiert die größte Datei, liefert aber die beste Tonqualität. Das kennt man ja vom verlustbehafteten JPEG-Bildformat. Die minimale Qualität ist indiskutabel, findet Audible-Nutzer Volker Wende. Audible-Geschäftsführer Arik Meyer weist jedoch darauf hin, dass man eine gekaufte Audio-Datei mehr als einmal herunterladen darf, so natürlich auch in einem besseren Klangformat.

Die maximale Qualität führt zu Dateigrößen zwischen 80 und 120 Mbyte (105 MB = ca. 7,5 Stunden Hördauer). Da ein solcher Download mit einem 56K-Modem eine kleine Ewigkeit dauert, ist ein DSL-Anschluss sehr anzuraten. Dann dauert das Herunterladen nur wenige Minuten.

Die neue Datei wird vom |Audible|-eigenen AudioManager verwaltet, der zugleich als Archiv des Kunden dient. In diesem Manager ist ein eigener Player zum PC-basierten Abspielen der Dateien integriert. Man kann die Dateien aber auch mit dem Windows-Mediaplayer oder mit dem Realplayer nach Installation entsprechender Plugins wiedergeben.

Der AudioManager benötigt selbst rund 25 MB Speicherplatz und handhabt Downloads auf den Audible-kompatiblen MuVo-MP3-Player im Wert von rund 180 Euro, den |Audible.de| im Jahresabo anbietet, oder auf den |iPod shuffle|, der zur Zeit im Angebot ist. Der Player ist kostenlos, wenn man ein Jahresabo bestellt, das ja fast genau 180 Euro (14,95 x 12) für 24 Hörbücher kostet.

|Speichern und Nutzen|

Die Bedienung eines MP3-Players brauche ich hier ja wohl kaum zu beschreiben. Sie ist kinderleicht, dennoch liegt sicherheitshalber eine Bedienungsanleitung bei. Der getestete MuVo-Player versah seinen Dienst anstandslos, allerdings suchte ich die Möglichkeit, quasi „zurückzuspulen“. Das wäre bei weniger leicht verständlichen Englischtexten eine sehr erwünschte Funktion. Die Funktion ist aber zu finden, wenn man im Handbuch nachschlägt. Der neue |iPod shuffle|, der zur Zeit im Angebot fürs Jahresabo ist, stand für Testzwecke nicht zur Verfügung. Er kostet im Laden 99 Euro.

Nun könnte der Eindruck entstehen, das heruntergeladene Format sei ein einfach zu handhabendes MP3-Format. Dem ist nicht so! Vielmehr handelt es sich um das .aa-Format, das der MuVo-Player versteht und das höhere Kompressionsraten als MP3 zulässt. Zweitens bietet es den viel größeren Vorteil, dass es nur eine zusammenhängende Datei zu verwalten und zu handhaben gibt statt Dutzende davon. Wenn man mitten in der Datei aufhört, den Text zu hören, kann man später an dieser Stelle fortsetzen, so als hätte man hier ein Lesezeichen gesetzt. Nach Meyers Angaben besteht auch die Möglichkeit, von Kapitel zu Kapitel beziehungsweise – in einer Audio-Zeitschrift – von Artikel zu Artikel zu springen.

|Gerätekunde|

Die folgenden mobilen Geräte werden unterstützt, auf die man die Dateien mit Hilfe dieses Managers übertragen kann: Creative MuVo MP3-Player, Apple iPod, Rio Forge, Rio Carbon, Samsung Napster / YH-920, alle Modelle der HP iPAQ-Serie, Windows Pocket PC anderer Hersteller, wie z. B. Hewlett-Packard (Jornada), Dell, Toshiba, Casio, Audiovox, ViewSonic, und NEC, PalmOne Handhelds wie der Zire 71 und die Tungsten C-, E- und T-Series und Palm One Treo 600 und 650 Smartphone. Man sollte sich auf der Audible-Webseite umsehen. Laut Arik Meyer plant Nokia für seine Smartphones, ebenfalls das .aa-Format zu unterstützen.

|Brennen|

Das .aa-Format lässt sich mit Hilfe eines MP3-Rippers ins MP3-Format konvertieren. Immerhin darf man laut Lizenz (s. u.) das Hörbuch jeweils einmal auf CD brennen. Dazu wird ein Plugin von Roxio automatisch in den Audible-Manager integriert. Auch passende Labels lassen sich einfach ausdrucken. Das Brennprogramm sollte von guter Qualität sein, damit der Brennvorgang erfolgreich verläuft. Für die nötige Konvertierung in MP3 gibt es Ripping-Shareware. Bei einer Qualitätsstufe von 128 KBit/sec entsteht ein Speicherbedarf von rund 400 MByte. Das sollte man beim Einsatz eines entsprechenden MP3-Players hinsichtlich seiner Kapazität (512 MB oder mehr; der MuVo hat 1 GB Speicher) berücksichtigen.

Auf bis zu drei MP3-Player darf man sein Hörbuch übertragen. In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen heißt es: „(Es ist erlaubt,) die Audioprogramme für den individuellen privaten Gebrauch einmalig auf CD zu brennen und auf jeweils maximal drei MP3-Spielern und/oder PCs nutzbar zu machen.“ Natürlich gilt es beim Brennen auf CD oder bei der Konvertierung in MP3 den Zeit- und Materialaufwand zu berücksichtigen, der gerade auf schwächeren Systemen beträchtlich sein kann. Zwei Stunden für sechs CDs sind bei meinem 1-GHz-PC mit DVD-Brenner keine Seltenheit. Zieht man diesen Aufwand in Betracht, wird ein Hörbuch-Preis von 10 Euro (oder 20 Euro bei neueren und umfangreicheren Titeln und ohne Abo) schon wesentlich weniger attraktiv. Berücksichtigt man noch, dass es gebrauchte Hörbücher für ähnliche Preise bei |Amazon| und |eBay| gibt, so relativiert sich der Audible-Preis noch einmal.

Andererseits kann man sich diesen ganzen Aufwand sparen, wenn man einen der 1-GB-Player nutzt. Der Download geht mit einer DSL-Leitung schnell, ebenso die Übertragung per USB2-Bus. Anschließend braucht man keine CDs herumzuschleppen und zu wechseln – bei sechs CDs für den neuen Grisham „Die Begnadigung“ kann das lästig werden. Zudem lässt sich leicht zwischen den Medien wechseln: vom Hörbuch zur Zeitschrift, von dort zum Reiseführer – je nach Gusto und Gelegenheit.

|Empfehlungen|

|Audible.de| sollte vielleicht von vornherein das MP3-Format oder das entsprechende .wma-Äquivalent von Microsoft, das ja ebenfalls stärker als MP3 komprimiert, anbieten. Allerdings hat .aa seine oben angeführten Vorteile. Um Missbrauch vorzubeugen, lassen sich die Dateien ja mit einem DRM-Stempel – quasi einem digitalen Wasserzeichen – versehen. DRM steht für Digital Rights Management und wird von Microsoft stark unterstützt. „Sollte nun eine copyrightgeschützte Datei auf Tauschbörsen oder dergleichen auftauchen, lässt sich der verantwortliche Verkäufer und Käufer rasch ermitteln“, erläutert Volker Wende. „Jeder Käufer hat also selbst ein großes Interesse daran, seine Hörbuchdateien gut zu verwahren und nicht weiterzugeben.“ Wer sein Abo kündigen will, wendet sich an: Audible GmbH, Bayerstraße 21, 80335 München; Fax-Nr.: 089-206077-42; E-Mail: info@audible.de.

_Unterm Strich_

Zurzeit erscheint es mir für deutsche Interessenten noch früh, aber nicht verfrüht, ein Abonnement mit |Audible.de| abzuschließen. Den Audio-Player braucht man zwar nicht zu kaufen (im Wert von 180 Euro bzw. 100 Euro beim |iPod shuffle|), aber man sollte damit umgehen können. Für À-la-Carte-Käufe finden sich momentan schon attraktive Angebote in einem breiten Spektrum von Reiseführern über Zeitschriften und Zeitungen bis hin zu Roman-Hörbüchern.

Dass die meisten deutschen Audiobooks von |Random House| (Bertelsmann) stammen, ist auf dessen Beteiligung am Jointventure zurückzuführen. Hier kann man nur hoffen, dass die Klärung der Rechte an diesen Werken möglichst beschleunigt werden kann und so sukzessive ein größerer Anteil an deutschsprachigen Werken verfügbar wird.

Wenn der Otto-Mair-Verlag einsteigen würde, so könnte man bald Reise- und Stadtführer in rauen Mengen (Baedeker, Marco Polo usw.) erstehen. Zur Leipziger Buchmesse gab es bereits einen Stadtrundgang, der auf dem Testgerät zu finden war. Eine interessante Technik jedenfalls. Oder wird man in Zukunft die Städte nicht mehr real besuchen, sondern nur noch virtuell – mit dem Kopfhörer im Ohr?

Anderson, Poul – Schwert des Nordens, Das (Das geborstene Schwert / Hrolf Krakis Saga)

Dieser Band enthält zwei klassische Wikinger-Romane: „Das geborstene Schwert“ (auch: „Das zerbrochene Schwert“; 1954/71) und „Hrolf Krakis Saga“ (1973). Obwohl die zwei Romane in Aufbau und Thema sehr unterschiedlich sind, geht es doch stets auch um das Erlangen und den Einsatz von Schwertern. Dadurch kommt der Freund von Heroic Action Fantasy voll auf seine Kosten.

_Der Autor_

Poul Andersons Eltern stammten von eingewanderten Dänen ab. Poul, der vor dem 2. Weltkrieg kurze Zeit in Dänemark lebte, interessierte sich für diese Herkunft so sehr, dass er mehrere Romane an dem Schauplatz Skandinavien zur Zeit der Wikinger spielen ließ, darunter den vorliegenden, aber auch „Krieg der Götter“ und die Trilogie „The Last Viking“ (unübersetzt). Ansonsten ist Anderson für seine zahlreichen Science-Fiction-Romane bekannt, von denen „Brain Wave“ (1954) wohl der innovativste ist.

Der 1926 geborene Physiker, der schon 1947 zu veröffentlichen begann, starb 2001. Er ist Greg Bears Schwiegervater. Seine Werke hier aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen, denn allein in der „Encyclopedia of Science Fiction“ ist sein Eintrag nicht weniger als sechs Spalten lang … Er gewann sieben |Hugo Awards| und drei |Nebula Awards|, viermal den |Prometheus Award|, den |Tolkien Memorial Award|, den |August Derleth Award| und 1978 den |Gandalf Grand Master Award| sowie 1997 den |Grand Master Award| der |Science Fiction and Fantasy Writers of America| und 2000 den |John W. Campbell Memorial Award| – mehr und Höheres kann man in diesen Genres fast nicht gewinnen.

_Handlung von „Das geborstene Schwert“_

Es war zu jener Zeit, als die irischen Mönche noch nicht ganz Europa missioniert hatten. Wer über die Hexensicht verfügte, konnte noch Elfenfürsten und Trolle erspähen, ja vielleicht sogar einen riskanten Blick auf die Jötunen, die Eisriesen, und ihre Gegenspieler, die Asen, werfen. Aber nur die wenigsten tapferen Wanderer und Krieger in den neun Welten schafften es nach Jötunheim und Asgard.

Umgekehrt galt dies natürlich nicht, den Odin, der einäugige Wanderer, besuchte mit der Wilden Jagd häufig die Siedlungen von Menschenwesen, Elfen und Trollen. Und manchmal mischten er und seine Geschwister sich in die Angelegenheiten der Wesen in Midgard, der Mittel-Erde, ein. Dies ist eine solche Geschichte, die Geschichte von Skafloc, Frida und dem verfluchten Götterschwert Tyrfing.

|Orm der Starke Ketilssohn|

Es war ein Mann namens Orm der Starke, der zog von seinem heimatlichen Jütland in jenen Teil von England, den man Danelaw nannte. Orm nahm sich eine schöne, eigenwillige Frau, um mit ihr einen starken Clan zu gründen, der das Land besiedeln und beherrschen sollte. Das wäre ihm auch fast gelungen, doch Elfen und Götter hatten anderes beschlossen.

Orm war wieder auf einer seiner Beutefahrten, vielleicht nach Gardariki, dem alten Byzanz, als seine Frau Älfrida einen gesunden Knaben gebar. Wegen schlechten Wetters konnte das Kind erst in zwei, drei Tagen getauft werden. In der Zwischenzeit war seine Seele schutzlos. Davon erfuhr eine Hexe, die sich für das, was Orms Krieger ihrer Sippe angetan hatten, rächen wollte. Sie berichtete dem mächtigen und listigen Elfenfürsten Imric davon.

Sogleich fasst Imric einen kühnen Plan. Vor neun Jahrhunderten hatte er die Tochter des Trollkönigs entführt und auf seiner Burg Alfheim eingekerkert. Sie musste ihm noch in der gleichen Sturmnacht einen Wechselbalg gebären. Dieses Kind versah Imric mit Hilfe eines Elfenzaubers mit dem Aussehen von Älfridas Neugeborenem. Das Austauschen war danach nur noch ein Klacks. Ölfrida merkte nichts davon, sie wunderte sich höchstens, dass ihr Baby mit einmal so aggressiv beim Stillen war.

|Skafloc und Valgard|

Während Älfrida den Wechselbalg auf den namen Valgard taufen ließ und wie ihren eigenen Sohn aufzog, wuchs das geraubte Kind im Schoße der Elfen auf Alfheim zu einem starken und zaubermächtigen Krieger heran. Imric hatte ihm den Namen Skafloc gegeben und niemals getauft, denn die Elfen müssen die Riten und den Namen des Weißen Christus scheuen.

Zu seinem Namensfeste aber erschien auf Alfheim ein Bote der Asen, der trug ein zerbrochenes Schwert, dessen Name war Tyrfing. Der Bote prophezeite, nach dem Willen der Nornen (Schicksalsgöttinnen) werde Skafloc eines Tages das Schwert brauchen und es schmieden lassen, um es wieder ganz zu machen. Imric beschlich darob ein ungutes Gefühl, denn mit Geschenken der Götter hatte er noch nie gute Erfahrungen gemacht, und er ließ das Schwert in einer Kerkermauer verstecken.

|Der Krieg gegen die Trolle|

Valgard, der Wechselbalg, ist zu einem geächteten Krieger in Orms Sippe herangewachsen. Nach einem Streit, in dem er mehrere Männer aus Orms Sippe tötet, muss er England verlassen. Beraten von der Waldhexe, die ihre Rache vollzieht, schließt er sich dem Trollkönig an. Illrede ist sehr erbaut von den Ruhmestaten Valgards und er lässt ihn erneut Orms Sippe heimsuchen. Bei diesem Raubzug sterben alle außer drei Frauen: Valgards „Mutter“ und ihre zwei schönen Töchter Frida und Asgerd. Er verschleppt sie nach Trollheim, wo sie ein finsteres Schicksal als Sklavinnen erwartet.

Wenn da nicht Skafloc wäre. Er sieht den Zeitpunkt gekommen, sich als Kriegsführer zu beweisen und die übermütigen Trolle unter Valgard in ihre Schranken zu weisen. Bei seinem Feldzug befreit er Frida, doch Asgerd stirbt im Gefecht. Als Valgard ihm gegenübertritt, sind beide natürlich ziemlich verblüfft: Sie tragen das gleiche Gesicht!

|Sklafloc und Frida|

Nachdem Skafloc unter schweren Verlusten heimgekehrt ist, rüsten die Trolle zu einem allumfassenden Eroberungskrieg, der nicht nur ihrer Rache dienen soll, sondern auch die Unterwerfung aller Elfenländer Europas bezweckt. Valgard ist der zweite Mann bei diesem Krieg, doch er weiß schon, wie er sich zum Anführer machen kann.

Unterdessen ahnen Skafloc und Imric nur wenig von dem Unheil, das auf sie zukommt. Skafloc hat sich schwer in Frida verliebt und nimmt sie ohne große christliche Zeremonie zu seiner Frau, sehr zum Missfallen seiner Ziehmutter Lia, Imrics Schwester. Er ahnt nicht, dass Frida seine leibliche Schwester ist. Doch andere wissen dies nur zu gut, so etwa Valgard.

|Das verfluchte Schwert der Asen|

Als Alfheim gefallen und Elfenkönig Imric von den Trollen eingekerkert worden ist, führt Skafloc mit Frida, einer hervorragenden Bogenschützin, einen Guerillakrieg gegen die Besatzer. Doch er sieht das Ende der Elfennationen nahen, und so fasst er einen verzweifelten Plan: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion, in Gestalt von Wolf, Adler und Otter, will er das Götterschwert aus der Burg holen und es von den Eisriesen neu schmieden lassen, um damit Elfenland von den Trollen zu befreien.

Frida, die ihn innig liebt, und alle überlebenden Elfen haben ein ungutes Gefühl dabei. Ihm wird geweissagt, dass er durch dieses Schwert umkommen werde. Das ist ihm einerlei, denn wofür lohnt es sich schon, in einer Trollwelt als Elf-Mensch zu leben? Nachdem die schwangere Frida bitter von ihm Abschied genommen hat, segelt Skafloc mit einem der irischen Elfengötter, Mananaan Mac Lir, gen Jötunheim, das im äußersten Norden liegt und streng bewacht wird. Nur sehr wenige sind von dort zurückgekehrt …

_Mein Eindruck von „Das geborstene Schwert“_

Um es vorweg zu sagen: Das Buch liest sich rasend gut. Es ist schnell und schnörkellos. Der Autor hat keine Skrupel, auch tabuisierte Themen wie den Inzest zu beschreiben und in allen Konsequenzen darzustellen. Geschwisterliebe – natürlich stets unwissenderweise – findet sich übrigens auch in Poul Andersons Roman „Hrolf Krakis Saga“, die nur wenige Jahre vor Skaflocs Abenteuern spielt. Es ist schon seltsam, was die heidnischen Nordvölker da umgetrieben hat. Aber vielleicht fanden ihre Poeten, das Thema Inzest rege die männliche Phantasie ihrer Zuhörer ganz besonders an …

|Historisch verbürgte Wikinger|

Wie auch immer: Bei solchen Themen würde Professor Tolkien als gläubiger Christ im Grabe rotieren. Das heißt aber nicht, dass er die alten Sagas, in denen solche Motive vorkommen, nicht kannte. Im Gegenteil: Sie waren sein Spezialgebiet, als er in Oxford lehrte. Den „Beowulf“ hat er nicht nur kommentiert, sondern, wie man erst vor kurzem herausfand, auch komplett ins moderne Englisch übertragen. Alle genannten Epen spielen um die Zeit des frühen 6. Jahrhunderts n. Chr., wie eine Autorennotiz zu „Hrolf Krakis Saga“ klarmacht. Diese Saga stützt sich auf historische Tatsachen. Beowulfs Gastgeber König Hrothgar gab es wirklich und er taucht in Hrolf Krakis Saga als Hroar auf. Ob es riesige Ungeheuer namens Grendel gab, darf hingegen getrost bezweifelt werden.

|Keine braven Elben|

Ebenso ins Rotieren geriete Tolkien angesichts der Schilderung der Elfen in „Das geborstene Schwert“. Das sind ziemlich machtgierige Typen, die nicht wie die Menschen lieben können, dafür aber ihre Zaubermacht einsetzen, um diverse Siege davonzutragen, so etwa gegen den Erzfeind, die Trolle. Diese Trolle haben mit den Steintrollen im „Hobbit“ ziemlich wenig zu tun. Sie sind zwar auch ganz schön groß, doch Andersons Trolle sind alles andere als Dösköppe, die kleine Hobbits und Zwerge zerquetschen wollen. Diese Trolle sind richtig gefährlich. Und wie die Zwerge leben sie in Höhlen.

|Sexy Hexy|

Wer nun dachte, dies sei eine Fortsetzung des „Herrn der Ringe“, nur von einem anderen Autor, der befindet sich gewaltig auf dem Holzweg. Wenn schon auf den ersten Seiten der Elfenkönig eine Prinzessin der Trolle vergewaltigt und sie ihm ruckzuck einen Wechselbalg gebiert – und so geschieht es seit 900 Jahren -, so befinden wir uns auf ziemlich heidnischem Territorium. Valgard treibt es mit einer als junge sexy Schönheit verkleideten alten verhutzelten Hexe, und Skafloc treibt es, wie gesagt, gar lustig mit seiner Schwester. Am schlimmsten – und da würde Liv Tyler vor Jammer kreischen – sind die Elfenfrauen. Sie treiben es mit den neuen Herren Elfenlands, den Trollen, doch listigerweise bringen sie einen der Besatzer nach dem anderen um, bis der Tag der Befreiung gekommen ist.

|Noch ein Siegfried?|

Deswegen ist Skafloc aber keineswegs ein hirnloser Schlächter. Weder ist er so lieblos und machtgierig wie seine Zieheltern, noch so schwach und täuschbar wie die Menschen, seine wahre Spezies. Auch ist er – zumindest später – kein blonder Haudrauf wie sein berühmterer Vetter Siegfried, der in den alten Sagas noch Sigurd heißt. Als er herausfinden muss, wo er das Dämonenschwert Tyrfing reparieren lassen kann, befragt er die Toten. Das tut man nicht ungestraft.

Prompt erhält er eine Antwort, die er ganz und gar nicht hören wollte: dass Frida von seinem eigenen Fleisch und Blut sei. Kurz darauf ziehen Frida und Skafloc die traurigen Konsequenzen. Doch zuvor ergehen sich beide in langen Beteuerungen der Liebe und erklären einander ihre Stimmung und warum sie sich trennen müssen. Es ist klar, dass Skaflocs Schicksal nicht ein langes Leben, sondern eine nur kurz brennende Supernova sein wird. Die Reparatur des Dämonenschwerts besiegelt sein Schicksal über kurz oder lang, und er weiß es. Doch wie der Obergott Odin Frida kurz vor dem Finale erklärt, kann Skafloc durch Fridas Liebe gerettet werden. Es gibt also Erlösung in diesem düsteren Universum aus neun Welten.

|Es wird gestabreimt|

Es gibt auch Schönheit. Ich habe selten so wunderbare Gedichte gelesen, die in Stabreimen abgefasst sind. Selbst noch in der Übersetzung wirken sie frisch, kraftvoll und zaubermächtig – denn Wörter sind in den Sagas immer Magie, ebenso wie Runen. Mein großes Lob gilt daher der viel zu früh verstorbenen Übersetzerin Rosemarie Hundertmarck. Vergleicht man die Stabreime, so haben sie nichts mit Tolkiens Poesie im „Herr der Ringe“ zu tun, sondern viel mehr mit den alten Epen wie etwa dem berühmten „Beowulf“.

_Handlung von „Hrolf Krakis Saga“_

Ein König von Dänemark hatte im neunten Jahrhundert zwei ungleiche Söhne namens Helgi und Hroar, doch als er starb, mussten diese vor seinem missgünstigen Bruder verborgen werden. Trotz langer und von Magiern unterstützter Suche blieben sie unentdeckt, überlebten und wuchsen bei einem fernen Verwandten auf. Hroar wurde klug und ein guter Verwalter, Helgi jedoch stark, kühn und ein wagemutiger Abenteurer. Als sie sechzehn sind, nimmt ihr Ziehvater sie an den Hof des Königs mit, wo sie sich verstecken. Nachts brennen sie die Halle des Thronräubers nieder, so dass er mitsamt seiner Königin in den Flammen umkommt.

Helgi und Hroar teilen sich die Herrschaft, doch Helgi zieht ins Land der Sachsen beim heutigen Schleswig, um Beute zu machen. Das Einzige, was er verhängnisvollerweise erringt, ist eine widerspenstige Geliebte: Olof ist die unvermählte und höchst eigensinnige Königin von Alsen. Das Ergebnis der Vergewaltigung ist eine Tochter, die sie nach ihrer Hündin Yrsa nennt und an arme Fischer weggibt. Als Yrsa sechzehn oder siebzehn ist, aber keine Ahnung hat, wer ihre richtigen Eltern sind, schaut Helgi mal wieder vorbei, verliebt sich in das schöne Kind und macht sie zu seiner Königin in Odense.

Nach der Geburt eines schönen Knaben namens Hrolf (eben jener des Romantitels) sieht Olof die Zeit für ihre Rache gekommen. Während die beiden Könige von Thing zu Thing unterwegs sind, lädt sie Yrsa zu sich aufs Schiff ein, das im Hafen von Odense liegt und eröffnet ihr, dass sie ihre Tochter und Helgi, ihr Mann, ihr Vater sei. Die am Boden zerstörte Yrsa verlässt Helgi und Hrolf und segelt mit ihrer Mutter nach Hause. Auf Hroars Rat hin greift der wütende Helgi Alsen nicht an. Helgi zeugt in einer Art Eremitenphase die Tochter Skuld mit einer Elfenfrau, die er gerettet hat. Skuld wird das Verhängnis des dänischen Königshauses werden.

Unterdessen hat sich die politische Landschaft in Südschweden und Götarland gewaltig verändert. Auf dem Thron des mächtigen und landreichen Svithjodh (Schweden nördlich von Schonen) sitzt nun ein Magier namens Adhils. Er wird den Dänen noch viel Ungemach bereiten, denn er hat es auf die dänischen Könige abgesehen und demütigt sie, indem er Yrsa heiratet, obwohl er erfährt, dass sie keine Kinder mehr bekommen kann.

Als König Helgi die Provokationen Adhils nicht mehr hinnimmt, begibt er sich auf einen Feldzug gen Uppsala. Doch Adhils Berserker überfallen Helgis Truppe aus dem Hinterhalt. Die Nachricht von Helgis Tod erschüttert sowohl Yrsa, seine Witwe, als auch Hroar, seinen Bruder, doch er lässt sich nicht hinreißen, Adhils anzugreifen. Diese Aufgabe überlässt er vielmehr Hrolf, seinem klugen Sohn, der den Dänen Jahre des Friedens und der Expansion beschert.

Als das Glück des Dänenkönigs vollkommen ist, gibt es nur noch eines zu tun, um die Scharte auszuwetzen, die Adhils ihm bereitet hat: Helgis Tod zu rächen und dessen Goldhort nach Dänemark zurückzuholen. Mit zwölf ruhmreichen Recken, deren Geschichten vereinzelt als Saga erzählt werden, und hundert Soldaten zieht Hrolf im Vorfrühling nach Svithjodh.

Leider ist das erste Wesen, das sie dort antreffen, keineswegs ein Mensch. Es ist der Göttervater Odin, Vater der Siege. Zu dumm, dass sie ihn nicht als Gott erkennen. Noch viele weitere unheimliche Dinge widerfahren ihnen bei ihrem Unterfangen, den ermordeten Helgi zu rächen.

_Mein Eindruck von „Hrolf Krakis Saga“_

Auf den ersten Blick scheint Hrolf Krakis Geschichte keine Verbindung zu der von Skafloc aufzuweisen, aber es kommen durchaus gemeinsame Elemente vor. Auf diese weisen der Autor und die zwei Herausgeber Lin Carter und Helmut W. Pesch in ihren Vorwörtern hin. Hrolf Kraki lebt eine Generation später als Beowulf und Skafloc, nämlich in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts. Sowohl Beowulf als auch das verfluchte Schwert Tyrfing werden en passant genannt. Im „Beowulf“-Epos spielen die Ereignisse in der Halle Heorot eines gewissen Königs Hrothgar – dieser König ist mit Hrolfs Vater Hroar identisch. Man sieht also, dass sich die in der Saga erzählten Geschehnisse zeitlich recht gut einordnen lassen. Dieser Ansicht ist auch die „Encyclopaedia Britannica“.

Man sollte aber keine direkte Fortsetzung von „Das geborstene Schwert“ erwarten. Die „Saga“ entstand knapp 20 Jahre später und mit einem ganz anderen Ziel. Man würde heute sagen, es handle sich um Doku-Fiction: Die gut recherchierte Chronik des dänischen Königsgeschlechts der Skjöldungen, die ihre Herkunft auf Odins Sohn Skjöld zurückführen, und ihr Schicksal und Untergang. Diese Jahrzehnte umspannende historisierende Darstellung ist verquickt mit recht unterhaltsamen und mitunter eigentümlichen Storys, unter denen vor allem die der wichtigsten Recken Hrolf Krakis herausragen.

Bjarki beispielsweise stammt von einem Krieger ab, den eine Hexe aus Rache in einen Werbären verwandelte, der nur nachts ein Mann – mitsamt Geliebter – sein durfte, tagsüber aber die Herden der Siedler dezimierte. Die Geliebte gebar ihm drei Söhne: Frodhi hat die Hufe eines Elchs, Thori, der zweite, die Beine eines Jagdhundes, nur Bjarki scheint ganz normal zu sein, außer an seinem Lebensende, in der glorreichen Schlacht gegen die Hexenkönigin Skuld, Helgis missratener Elfentochter. Da erblicken seine Kollegen und Mitstreiter die Gestalt eines großen roten Bären, der die Feinde regelrecht auseinander nimmt …

In weit höherem Maß als „Das geborstene Schwert“ vermittelt Anderson mit „Hrolf Krakis Saga“ ein lebendiges Bild von jener Zeit, als die Nordländer in alle Welt fuhren und unter anderem das von den Römern verlassene Britannien für sich eroberten. Es ist daher kein Wunder, dass die gesamte Saga in eine Rahmenhandlung eingebettet ist, die von einem Erzähler an einem christlichen Hofe im England des frühen 10. Jahrhunderts dargeboten wird, um seine edlen Gastgeber zu unterhalten – nach dem Motto: So wild ging’s einstmals zu bei den wilden Heiden von Dänemark. Seid bloß froh, dass ihr zivilisierte Christen seid!

Zur Unterhaltung und/oder Abschreckung seines Publikums schmückt der Erzähler seine Geschichten mit Trollen, Göttern, Berserkern (brutale Krieger, die mehr Tier als Mensch sind), Zauberern und Hexenköniginnen, Elfen und Drachen aus. Ganz wichtig sind natürlich die Schwerter. Ob das Elfenschwert Skofnung, ob Bjarkis Langschwert Lövi oder Hjaltis Goldheft – alle dienen sie in Heldentaten, von denen die Saga berichtet.

Und solche Taten waren offensichtlich nicht bloß um des Ruhmes willen nötig, sondern um allerlei Gesocks zur Räson zu bringen: nicht bloß die oben genannten Wesen, sondern auch Plünderer, Piraten und Marodeure. Sich an ihnen zu rächen und Vergeltung zu üben, hatten die könglichen Herrschaften ebenfalls mehr als einen Grund, wie man den Geschichten von Helgi, Olof, Yrsa und Vögg (der Hrolfs Tod rächte) entnehmen kann. Helden als Polizei, Richter und Vollstrecker – das war ihre Funktion. Und wenn auch nicht alles stimmen mag, was die Sagas erzählen, so sind die Zuhörer doch höchst zufrieden. Denn wer sehnt nicht Gerechtigkeit herbei in einer Welt, die so wenig davon zeigt?

_Unterm Strich_

Der Stoff von Skaflocs Schicksal bietet Gelegenheit zu großem Drama, das ist schon klar, aber die Tragödie wird nicht wie bei den alten Griechen so ausgeschlachtet, dass es aussieht, als handle es sich um ein Gottesurteil, was Skafloc da ereilt. Nein, er ist seines Schicksals Schmied – aber leider nur teilweise. Und das wird sein Verhängnis. Weil er fehlbar und menschlich ist, können wir mit ihm fühlen. Wäre das nicht so, ließe uns sein Drama kalt. So aber erringt er mit seiner größten Tat, der Vertreibung der Trolle, eine Statur, die jedem Helden der Menschen, der jemals in einem Lied verewigt wurde, zukommt: dem Retter des Volkes, dem Verteidiger der Zukunft.

Im Gegensatz dazu ist „Hrolf Krakis Saga“ eine Jahrzehnte übergreifende Saga mit mehreren Hauptfiguren. Allerdings tauchen die Götter und Elfen nur sehr am Rande auf, und das ist vielleicht gut so: Im Mittelpunkt stehen die Taten von Recken und Königen, von Zauberern und schrecklichen (Skuld) bzw. guten (Yrsa) Königinnen. Mag auch die Dramatik etwas leiden und so manche Überleitung sich ein wenig langweilig dahinziehen, so entschädigt doch das letzte Viertel voll und ganz für die Mühe, die der Rest machen könnte: Der glanzvolle Feldzug der Dänen gegen den Zauberer Adhils, ihr Untergang durch das von Zombies und Untiere verstärkte Heer Königin Skulds. Das hat Klasse, das verschlingt man förmlich beim Lesen.

Diese Doppelausgabe des |area|-Verlags macht zwei klassische „Wikinger“-Romane wieder zugänglich. „Das zerbrochene Schwert“ erschien im Mai 2005 in Neuausgabe beim |Piper|-Verlag, doch „Hrolf Krakis Saga“, die einst im |Bastei-Lübbe|-Verlag erschien, dürfte längst vergriffen sein und in nächster Zukunft wohl kaum neu aufgelegt werden.

Daher ist diese Ausgabe durchaus zu begrüßen, zumal sie a) sämtliche Vorwörter enthält und b) mit einem Preis von 9,95 Euro in dieser fest gebundenen Fassung fast so viel kostet wie eine Taschenbuch-Einzelausgabe von „Das zerbrochene Schwert“. Das Schriftbild ist zwar kleiner als üblich und es fehlt auch eine Landkarte – aber wer würde es wagen, die Grenzen des Elfenreichs zu ziehen oder die des Dänenreichs im längst versunkenen 6. Jahrhundert? Ich bin jedenfalls mit dieser Ausgabe zufrieden. Das Titelbild von Luis Royo habe ich übrigens schon mal auf einer Ausgabe eines Romans von David Gemmell gesehen – irgendwie stilecht.

|Originaltitel: The Broken Sword, 1954/1971, Hrolf Kraki’s Saga, 1973
Aus dem US-Englischen übersetzt von Rosemarie Hundertmarck|

Eddings, David & Leigh – wilde Land, Das (Götterkinder 1)

Um dem aggressiven Vordringen des Bösen Einhalt zu gebieten, müssen sich die vier Götter der Welt zusammentun, um entsprechende Armeen aufzustellen. Sie selbst dürfen nicht töten. Bei dieser Unternehmung erweisen sich ihre jeweiligen „Götterkinder“ oder Träumer von besonderem Wert.

_Die Autoren_

David Eddings, geboren 1931, und seine Frau Leigh gehören zu den erfolgreichsten Autoren von Fantasyserien. 1982 wurde sein erster fünfbändiger Zyklus, Die Belgariad-Saga, zum Bestseller, und eine ganze Reihe weiterer folgten. Schließlich veröffentlichte er mit dem „Riva-Kodex“ sogar eine fiktive Historia seiner erfundenen Welt. Mit „Althalus“ erschien erstmals ein Fantasy-Soloroman. Mit zwei anderen Romanen erkundete er das Terrain des Psychothrillers, bevor er mit „Götterkinder“ doch wieder einen neuen Zyklus begann. Der erste Band liegt jetzt auf Deutsch vor; Teil 2, „Dämonenbrut“, folgte im Februar 2005.

_Handlung_

Vier Götter behüten seit alters her das Land Dhrall. Jedem seiner Quadranten ist ein Gott oder eine Göttin zugewiesen. Im Westen herrscht die Göttin Zelana. Sie ist willensstark, aber an den Angelegenheiten der Evolution wenig interessiert. Daher entgeht ihr auch die Entwicklung des Homo sapiens völlig, bis ihr nördlicher Bruder Dahlain sie darauf aufmerksam macht, dass Ungemach droht und sie gefälligst vielleicht doch etwas unternehmen könnten. Zelana spielt lieber in ihrer Meereshöhle an der Küste ihrer Insel.

So kommt es, dass ein böses Wesen namens Vlagh von der unbewachten Zone in der Mitte des Landes Dhrall aus seinen Einfluss auf die angrenzenden Gebiete ausweiten kann. Wie weiland Tolkiens Morgoth und Sauron erschafft es gefährliche Zerrbilder der vorhandenen Kreaturen, bis sie ihm bedrohlich und unbesiegbar genug sind. Das Vlagh bereitet eine Invasion vor.

Unterdessen hat Dahlain allen seinen drei Geschwistern ein Geschenk gemacht: einen sogenannten Träumer. Zelanas Träumer ist ein zauberhaftes Mädchen, das sie Eleria nennt. Von Mutter Meer bekommt Eleria eine riesengroße Perle geschenkt, die ihr offenbar beim Träumen hilft. Sie warnt Zelana vor dem Vlagh, so dass erst einmal Kriegsrat gehalten wird.

Zelana verspricht, eine Kriegerschar aufzustellen, um der Vlagh-Invasion entgegenzutreten. Leichter gesagt als getan. Erst muss sie mal ein paar Recken finden. Da wäre in den Küstenlanden Dhralls zunächst Langbogen. Nachdem seine Braut kurz vor der Hochzeit von einem Diener Vlaghs getötet wurde, widmet Langbogen sein Leben der Jagd auf die Vlagh-Kreaturen.

Dann beschafft Zelana mit ihrem Gold eine riesige Flotte aus dem Lande Maag, die sie, nach einigen Widerständen, endlich auch nach Dhrall schaffen kann, um mit den Seeleuten ein Heer aufzustellen. Nachdem ihre Geschwister ebenso verfahren sind, kann ja der Krieg nun eigentlich losgehen. Oder?

_Mein Eindruck_

Wieder einmal gilt es, dem von diversen US-Präsidenten beschworenen „Reich des Bösen“ (oder gar einer „Achse von Schurkenstaaten“) Einhalt zu gebieten und ein streitbares Heer der „Willigen“ aufzustellen. Wie willig diese jedoch sind, hängt ganz von der Menge Gold ab, mit der sie jeweils bezahlt werden. Das gilt besonders für die Maag-Piraten unter Käpt’n Hakenschnabel und die trogitische Söldnerarmee unter Kommandant Narasan. Rühmliche Ausnahmen stammen allesamt aus dem bedrohten Lande Dhrall selbst: Hier geht es nämlich um Heimatschutz. Und dafür lässt man sich schließlich nicht bezahlen, oder?

Was hier nach einer Neuauflage des 3. Golfkrieges und etlicher Midkemia-Romane des Eddings-Kollegen Raymond Feist klingt, wird nur durch zwei Aspekte erträglich. Das eine Element bilden die Götter und ihre Träumer, das andere der Humor.

Die vier genannten Götter stammen von Vater Erde und Mutter Meer ab. Das kehrt die Zuteilung der griechischen Antike um, in der von Vater Okeanos und Mutter Gäa alle Götter abstammen. Das Abkupfern wollten die Eddings wohl nicht so offensichtlich machen. Der nördliche Gott Dahlain hat hingegen starke Ähnlichkeit mit Hephaistos / Vulkan, denn er ist Schmied. Allerdings ist er weder mit der Liebe Blindheit (zu Venus) noch mit Behinderungen geschlagen, sondern ein hervorragender Stratege, der seinen Geschwistern verbal in den Hintern tritt, damit sie endlich was unternehmen.

Dahlain ist es auch, der ihnen und sich je ein Götterkind zur Seite stellt, einen Träumer. Sie erweisen sich als Agenten seines Willens, aber auch als Empfänger für den Willen von Mutter Meer (Eleria) und Vater Erde (Yaltar, Dahlains Träumer). Noch ist nicht klar, ob sie bald die aktuellen Götter ablösen werden, deren Zyklus sich nach Äonen nun seinem Ende zuneigt. Zelana beispielsweise leidet unter Erinnerungslücken: göttlicher Alzheimer? Kein Wunder, dass sie auf Eleria angewiesen ist.

Dieses Schmusekätzchen dürfte wohl eine Erfindung von Leigh Eddings sein, denn nur eine Frau würde vermutlich auf die Idee kommen, dass ein Kind sich die Recken der Heere erobert, indem es sie küsst und Küsschen einfordert, sich ihnen auf den Schoß setzt und dort prompt ein Schläfchen hält. Diese Auserwählten scheinen immerhin zu den Intelligenteren der maßgeblichen Krieger zu zählen, also hat Eleria keinen schlechten Geschmack. Natürlich werden die so „Beglückten“ von den anderen Kämpfern schief angeguckt.

Dies ist nur ein Beispiel für den sympathischen Humor und die durchweg vorhandene Ironie, mit der sich die Eddings seit jeher ihre zu Millionen zählende Lesergemeinde eroberten. Eine weitere Quelle für humoristische Szenen und Dialoge bietet das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Volksvertreter, insbesondere zwischen den Kommandanten Narasan (Trogit) und Hakenschnabel (Maag), aber auch zwischen Langbogen und Rotbart (beide aus Dhrall) sowie Hase (Maag) und Keselo (Trogit).

Ein wenig enttäuscht hat mich das Fehlen von richtiger Action in diesem Band. Nicht, dass man den Helden wünschen würde, dass sie es mit dem Gift von Schlangenwesen aufnehmen sollten. Aber ein wenig Handgemenge und Getümmel hat noch keinem Heroic-Fantasy-Roman geschadet. Daher scheinen die Eddings etwas anderes im Sinn gehabt zu haben. Zwar geht es um den Krieg gegen unmenschliche Gegner – das Vlagh hat viel Ähnlichkeit mit Morgoth und Sauron, und seine Diener entsprechen den Orks. Doch im Vordergrund stehen die Götter und ihre Helfer. Hier scheint die Hauptentwicklung zu liegen. Wie diese verlaufen wird, ist noch nicht abzusehen, aber da der Zyklus der aktuellen Götter um Dahlain abgelaufen ist, dürfte es eine interessante „Wachablösung“ geben. Am Ende könnte das „Reich des Menschen“ stehen, mit allen Vor- und Nachteilen, sozusagen das Vierte Zeitalter (gemäß Tolkien).

_Unterm Strich_

Nach zwei anspruchsvolleren Soloromanen kehren die Erfolgsautoren David & Leigh Eddings wieder in ihre angestammte Domäne der Fantasyserien zurück. Der erste Band der mindestens vierbändigen „Trilogie“ – je einen pro Götterdomäne – ist so leicht verständlich geschrieben, dass selbst Neun- oder Zehnjährige damit kaum Probleme haben dürften. Das ist heute die Generation, die schon ans Spielen auf dem PC denkt.

Insbesondere die Mädels kommen auf ihre Kosten. Die wichtigste Göttin ist die etwas launische und bequeme Zelana, und ihr wichtigster Helfer die kleine Eleria, die zwar unschuldig und honigsüß tut, aber die Schlaueste und Entschlossenste unter allen Götterwesen zu sein scheint (ihre Auserwählten Hase und Keleso haben sie genau beobachtet). Von ihr dürfen sich die Mädels noch einiges erwarten.

Die Jungs werden an den diversen Kriegshandlungen ihre Unterhaltung finden. Denn auch an den Listen des Vlagh herrscht kein Mangel. Das fordert die Recken und Kommandanten heraus, ebenso wie es die Hirnzellen der Leser anspornen dürfte. Dass auch die Recken über weibliche Listen verfügen können, demonstrieren Langbogen und sein Freund Rotbart, als sie ihr Volk zum Umsiedeln überreden müssen. Da werden sogar die gestandenen Frauen (ein wenig) rot.

Kurzum: Der „Götterkinder“-Zyklus hat wieder einmal das Zeug zum Bestseller für die jungen Massen. Mir selbst war es zu leichte Lektüre. Aber lustig war’s schon.

|Originaltitel: The Dreamers, Vol. 1 – The Elder Gods
Aus dem US-Englischen übersetzt von Andreas Helweg|

Ellroy, James – L.A. Confidential

Los Angeles 1953: Bud White, Jack Vincennes und Ed Exley: Die Männer haben viel gemeinsam, aber wenig miteinander zu tun, und erst ein Blutbad führt die drei zusammen. In einer Bar, dem „Nite Owl“, hat es ein Massaker gegeben: sechs Tote, keine Zeugen (wie üblich), falsche Spuren. Und in den billigen Absteigen der Stadt geht ein Serienkiller um, der Prostituierte quält und mordet – und womöglich mit dem Killer in der Bar identisch ist. Das Polizistentrio fahndet nach dem Täter. Nach und nach decken sie Hintergründe auf, die bis ins Jahr 1934 zurückreichen, zu Exleys Vater …

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