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Lloyd Alexander – Taran – Der Fürst des Todes

Dies ist der fünfte Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

Der Autor

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

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Paasilinna, Arto – Im Jenseits ist die Hölle los

In seinem Nachleben als Geist erlebt der Journalist Arto eine ganze Menge erheiternder, aber auch einige betrübliche Ereignisse. Nach einer ganzen Weile findet er nicht nur eine Gefährtin, sondern auch eine Berufung: die Träume der Lebenden zu beeinflussen. Arto wird ein modernes Sandmännchen.

|Der Autor|

Der 1942 geborene Lappe Arto Paasilinna hat bisher nahezu vierzig Bücher veröffentlicht, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem in Frankreich und Italien. Einige davon wurden bereits verfilmt. Paasilinnas Spezialität ist die humorvolle Parodie, die bestimmte Charakterzüge der Finnen und umgebenden Völkerschaften ironisch thematisiert.

Auf Deutsch erschienen sind bisher:

– Der heulende Müller
– Die Giftköchin
– Der Sohn des Donnergottes
– Im Wald der gehenkten Füchse
– Der Sommer der lachenden Kühe
– Das Jahr des Hasen
– Die Rache des glücklichen Mannes
– Der wunderbare Massenselbstmord
– Nördlich des Weltuntergangs
– Vorstandssitzung im Paradies

_Handlung_

Weil er einer hübschen Frau hinterher geschaut hat, achtet unser Erzähler nicht auf den Straßenverkehr und wird prompt überfahren. Die Erfahrung des Todes, die er schon bald „erlebt“, ist etwas Neues für ihn. Leider kann er in der Zeitung, für die er als Journalist gearbeitet hat, nichts mehr darüber schreiben. Dabei wäre das Jenseits für seine Leser doch ziemlich interessant.

Denn es hat mit dem christlichen Himmel überhaupt nichts gemeinsam. Es gibt hier weder einen Himmel zur Belohnung noch eine Hölle zur Bestrafung. Auch ein Christen-Gott ist weit und breit nicht zu entdecken, geschweige denn irgendwelche himmlischen Heerscharen. Unser braver Finne – nennen wir ihn Arto – schwebt vielmehr als körperloser Geist umher. Immerhin kann er jetzt Gedanken lesen und durch Wände laufen. Das Geisterleben hat durchaus etwas für sich.

Wie er schon bald herausfindet, widerfährt dieses Glück nicht allen Frischabgelebten. Wer seinen Verstand nämlich schon zu Lebzeiten versoffen hat – ein krasses Beispiel wird angeschaulich geliefert -, dessen Geistsubstanz löst sich schon binnen weniger Stunden in Wohlgefallen auf. Ein Glück, dass Arto ein wahrer Intelligenzbolzen ist! So kann er uns fast ein ganzes Jahr lang unterhalten.

Nachdem er sich von seiner Witwe verabschiedet hat, die sich wieder fröhlich den weltlichen Freuden zuwendet, stößt Arto auf Leute, die einschlägige Erfahrungen mit dem Jenseits gemacht haben. Jesus gehört vorerst nicht dazu, denn dessen Groupies haben ihm den Aufenthalt auf der Erde so vergällt, dass er sich irgendwo beim Jupiter herumtreibt, heißt es. Die Geister sind in der Lage, gedankenschnell von Punkt A nach B zu fliegen. Mondflüge sind an der Tagesordnung.

Dafür hat Arto eine anregende Unterhaltung mit Papst Pius IX (S. 58-62), der die Dogmen der unbefleckten Empfängnis und der Unfehlbarkeit des Papstes aufstellte, als er im 19. Jahrhundert als Papst regierte. Damit versetzte er, *harhar*, die Regierungen Europas in ziemlichen Aufruhr. Das tat er offenbar, um das Papsttum vor der endgültigen Bedeutungslosigkeit zu bewahren. Man kann heute rückblickend sagen, dass ihm das vollauf gelungen ist.

Bei seinen Streifzügen durch die Welt der Geister wird es Arto ein wenig einsam. Er sucht eine Gefährtin. Auf der Intensivstation eines Helsinkier Krankenhaus lernt er Elsa kennen, eine schöne Frau in den Dreißigern, die offenbar an einer unheilbaren Krankheit leidet. So fies es klingt, so betet Arto doch für den baldigen Tod der Angebeteten, damit er sie kennen lernen kann. Als es soweit ist, bringt er auf dem Mond sein Liebesgeständnis so ungeschickt vor, dass die Lady sofort das Weite sucht. Fortan begleitet er ein altes Mütterchen zurück zum blauen Planeten. In Peru geraten sie in eine Revolution.

Durch die Alte und einen professionellen Selbstmörder namens Sergej enthüllt sich Arto endlich seine wahre Berufung: Er wird die Träume der Lebenden beeinflussen. Als er sich das erste Mal als Sandmännchen betätigt, ist die Erfahrung einerseits befriedigend, aber auch sehr frustrierend. Er holt sich Rat bei Papst Pius, denn der weiß in Sachen Menschenträume offenbar gut Bescheid.

Und da bald Weihnachten, also Jesu Geburtstag ist, kommt der Heiland bald persönlich auf Tournee nach Helsinki. Das Jenseits ist eindeutig nicht langweilig. Zu guter Letzt muss Arto noch Elsa zurückgewinnen, um sein Glück perfekt zu machen …

_Mein Eindruck_

Ähnlich wie Paasilinnas Südsee-Roman „Vorstandssitzung im Paradies“, der 17 Jahre später veröffentlicht wurde, ist „Im Jenseits ist die Hölle los“ eine humorvolle Untersuchung und Verulkung liebgewonnener Ansichten, wenn nicht sogar Dogmen von dem, was nach dem Tod kommt. Witzigerweise kommen bei Paasilinna sogar Atheisten und Agnostiker auf ihre Kosten, die ja keineswegs an einen Gott glauben, schon gar nicht an einen christlichen oder sonstigen kirchlichen.

Was Arto im Jenseits, der Geisterwelt vorfindet, ist einerseits ernüchternd, andererseits auch interessant. So ein Geisterleben hat neue Qualitäten: Gedanken lesen, Träume korrigieren, zum Mond fliegen. Nur mit der Liebe und anderen körperlichen Genüssen haut es nicht so recht hin – es ist eben eine ver-geist-igte Existenz. Dafür kann man den Damen beim Nacktbaden zusehen, ohne gesehen zu werden – das findet auch der Papst klasse. Wobei sich allerdings die ästhetischen Geschmäcker stark unterscheiden. Der Papst steht, für Arto unverständlich, auf füllige Damen. Er kommt eben aus einer anderen Zeit.

Es ist interessant, wie sehr sich Arto für die kirchlichen Autoritäten interessiert. Nicht nur Jesus und der Papst interessieren ihn, in Alltagsangelegenheiten holt er sich schon mal Seelentrost und Ratschlag bei Propst Hinnermäki. Die weltlichen Autoritäten sind ihm alle irgendwie zu korrupt oder sonstwie diskreditiert. Und wenn das nicht der Fall sein sollte, dann stutzt er sie zurecht. Er zeigt uns den seinerzeitigen Staatspräsidenten Kekkonen in Unterhose und im Bad. (So etwas tat schon Bob Dylan 1965 mit Nixon.)

Da dies eine quasi metaphysische Komödie ist, werden auch die Guten belohnt und die Schlechten bestraft. Der Bauer, der sein gesamtes Gut versauft und verhurt, legt schon kurz nach seinem Alkohol-induzierten Exitus eine Vollverdampfung hin. Das arme, einsame Mütterchen, das irgendwo in Lappland seinen Lebensabend mit dem Hund verbringt, ist jedoch eine Seele, die Arto unbedingt retten will. Da bekommt er richtig faustische Anwandlungen. Es zeigt sich, dass sie aus ihrer fundamentalistisch-christlichen Religionsgemeinschaft der Altlästadianer ausgestoßen wurde und jetzt niemanden mehr hat, mit dem sie reden kann (der Hund zählt wohl kaum). Diesen Missstand will Arto unbedingt beheben, forscht nach der Ursache und bringt dem Urheber des Bannspruchs üble Träume. Natürlich wird er vom Träumer für Satan persönlich gehalten. Doch Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Und an Heiligabend will Arto dem Mütterchen einen besonders schönen Traum bescheren.

Dies ist so ziemlich alles an Plot, was der Autor aufzubieten vermag. Das ist wahrlich nicht viel, sondern erinnert zuweilen an eine Nummernrevue von possierlichen Kuriositäten. Doch für Arto ist dies ein Lernprozess, der ihn zu einem besseren Men-, pardon: Geist macht. Und er als solcher darf in Elsas Armen die Erlösung finden. Der Handlungsverlauf folgt also im Grunde einem traditionsreichen Muster, das spätestens mit den mittelalterlichen Heiligenlegenden und Bunyans „Pilgrim’s Progress“ begann. Allerdings muss Arto keine Heldentaten vollbringen und Versuchungen abwehren, wie das in Ritterromanen gang und gäbe ist (z. B. „Sir Gawain“, 14. Jahrhundert). Doch um ein guter Sandmann oder Traumbringer zu werden, ist eine gewisse Läuterung erforderlich – seine weltliche Reise zielt darauf ab.

_Unterm Strich_

Der Roman soll unterhalten, doch muss man fast 90 Seiten warten, bis endlich so etwas wie ein Plot auftaucht: Das Mädchen Elsa wird von Arto geliebt, aber leider hat sie kein Verständnis für seine Gründe, ihr Ableben zu wünschen. Zu spät erkennt er, welchen Verlust ihr Tod für ihre menschliche Umgebung bedeutet. Sie zurückzugewinnen – dem gilt zwar fortan nicht sein ganzes Sinnen und Trachten, doch er ist wirklich froh, sie wiederzubekommen.

Der Autor wandert also einen schmalen Grat am Kitsch entlang. Er macht aber diese Romanze nicht zum Hauptmotiv; sie ist vielmehr stark heruntergespielt. Wichtiger sind ihm quasi journalistische Themen: die Politik des Papstes etwa, oder die Leiden, die fundamentalistische Sekten oder militärische Putsche mit sich bringen. Artos Geist hat eben immer noch ein Gewissen. Das ist wahrscheinlich gut so, denn nun hat er wenigstens einen Grund gefunden, eine Existenz als Geist zu fristen – er will für andere da sein, ja, sogar für die Leidenden kämpfen. Wohlan denn, Sandmann!

|Die Übersetzung|

Die Übersetzung von Regine Pirschel ist wieder einmal einwandfrei. Den trockenen, ironischen Tonfall des Erzählers bringt sie gut zum Ausdruck. (Paasilinna macht sich nicht schenkelklopfend über Leute lustig. Das muss der Leser schon selber tun.)

Nur auf Seite 192 scheint mir eine Zuweisung der Sprecher durcheinander geraten zu sein. Der Papst hält eine elend lange Rede im Beisein von Propst Hinnermäki und Arto. Im Anschluss daran heißt es: „Der Papst saß lange schweigend da. Hinnermäki war völlig verwirrt. Er grübelte heftig über die päpstlichen Worte nach.“ Statt „Der Papst saß lange schweigend da“ scheint mir daher „Der Propst saß lange schweigend da“ wesentlich mehr Sinn zu ergeben. Man kann aber auch die Wörter Papst und Propst sehr leicht verwechseln.

Alexander, Lloyd – Taran – Der Spiegel von Llunet

Dies ist der vierte Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

|Der Autor|

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

Der |Taran|-Zyklus

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

_Handlung_

Endlich will sich Taran auf die Socken machen, um herauszufinden, wer seine Eltern sind. Auf dieser Wanderung begleitet ihn lediglich der Tiermensch Gurgi, der sein treuster Begleiter geworden ist. Zunächst zieht Taran zu Gurgis Entsetzen zu den drei weisen Frauen, die in den Marschen von Morva leben. Orddu rät ihm, sich selbst im „Spiegel von Llunet“ zu erkennen, der im östlichen Gebirge zu finden sei.

Sodann lernen sie den Bauern Aeddan kennen und erfahren, dass es allen Bauern und dem Land allgemein schlecht geht, denn der Todesfürst Arawn hat alle Geheimnisse darüber, wie man das Land am besten bebaut, geraubt, so dass die heutigen Bauern nur noch die einfachsten Methoden anzuwenden wissen. Entsprechend gering ist ihr Ertrag; er bewahrt sie gerade mal so vor dem Verhungern.

Auch das Land selbst ist alles andere als sicher. Bewaffnete Ritter glauben nicht, dass ein Sauhirte ein so edles Pferd wie Melynlas besitzen kann und schnappen es ihm unterm Hintern weg. Auf der Burg der Ritter treffen sie ihren Herrn, Fürst Goryon den Kühnen, der so ehrpusselig ist, dass es Taran ein Leichtes ist, ihm den störrischen Melynlas wieder abzuschwatzen. Wenig später gelangen sie zur Burg von Goryons Feind, Fürst Gast dem Großmütigen. Er ist aber nur großmütig und freigebig gegen sich selbst, und alle anderen müssen an seiner Tafel hungern. Hier trifft Taran auch Fflewdur Fflam wieder, den Barden mit der wahrheitsliebenden Harfe und der Riesenmiezekatze Llyan.

Zusammen gelangen sie an König Smoits Burg, den wir schon aus Band 2, „Der schwarze Kessel“, kennen: ein Bär von einem Mann, aber nicht gerade einer der hellsten Köpfe. Als die Kunde vom Krieg zwischen Goryon und Gast eintrifft, weiß Taran als Einziger den Konflikt zu aller Zufriedenheit zu schlichten. Dass er Smoit das Leben rettet, trägt nicht wenig zur Autorität des Sauhirten bei.

Als nächstes verliert Taran sein gutes Schwert an einen Banditen namens Dorath. Doch das ist gar nichts gegen das, was eine Kreatur namens Morda anrichtet. Dieser Möchtegern-Weltbeherrscher hat den Zwergen ein magisches Kleinod aus dem Haus der Zauberer von Llyr gestohlen und den Gefährten Doli in einen Frosch verwandelt. Beim Versuch, dem durchgeknallten Morda das Handwerk zu legen, werden Fflewdur und Gurgi verwandelt, doch an Taran scheitert der Irre. Warum nur? Das sei hier nicht verraten.

In einer Bergschlucht stoßen Taran und Gurgi auf einen verkrüppelten Schafhirten namens Craddoc, der behauptet, Tarans Vater zu sein. Das kann Taran nicht widerlegen, und so hilft er dem Alten, seine verfallene Hütte, seine Herde und seine Weiden wieder auf Vordermann zu bringen. Auch Craddoc stöhnt über die Verluste, die Fürst Arawn verursacht hat. Doch als Craddoc schwer stürzt, ertappt sich Taran bei dem Wunsch, der Alte, der ihn hier ein halbes Jahr festgehalten hat, möge sterben, damit er wieder frei sein und weiter wandern könne. Ein magisches Geschenk Eilonwys, ein Horn der Zwerge, ruft Hilfe herbei …

Als wichtigste Station erweist sich jedoch das Land der „Freien Commots“. Diese Menschen regieren sich selbst und helfen einander. Taran lernt, Glück zu erkennen, ein neues Schwert zu schmieden, einen neuen Mantel zu weben und eine Schale zu töpfern. Es sind Wege, die Welt zu erkennen, aber auch sich selbst. Doch dann scheint alles aus, als sich ihm der Bandit Dorath abermals in den Weg stellt. Nun wird Taran erkennen, aus welchem Holz er geschnitzt ist – oder ob sein Schwert brechen wird.

_Mein Eindruck_

Das Buch hat eine ganz andere Struktur als die vorhergehende Trilogie: Es besteht aus Episoden. Die Kämpfe sind in der Mehrzahl nicht heroischer Natur, sondern dienen dazu, Taran mehr über sein Inneres mitzuteilen. Der Hilfsschweinehirt erfährt nun, wo sein Platz in der Gesellschaft ist und wozu er alles fähig oder nicht fähig ist. Der Zweck der Wanderung ist also ein zweifacher: Selbsterfahrung und Erfahrung der Welt.

Und um diese Welt ist es nicht gut bestellt. Es ist eine Welt unter dem Schatten des Todesfürsten Arawn, der ihr Wissen und Kraft aussaugt und diese Beute für sich selbst hortet. Arawn ist der negative Pol der Schöpfung, und es sieht so aus, als stünde seinem Ent-Wirken keine positive Kraft entgegen. Die menschlichen Herrscher sind untereinander zerstritten oder pervertieren Werte. Taran weiß es noch nicht, doch das HEILEN der Welt ist seine Aufgabe. Diese wird er im nächsten, dem letzten Band der Chroniken von Prydain erfüllen. Und wie immer ist der Preis für den Erfolg sehr hoch. Darin gleicht Taran Frodo Beutlin bei Tolkien sowie Alvin Maker bei Orson Scott Card.

_Unterm Strich_

Die Geschichte ist in diesem Band wider Erwarten nicht weniger spannend als in den Vorgängerbänden. Der Schwerpunkt scheint nun allerdings auf die innere Entwicklung der Hauptfigur verlagert zu sein. Das aber geht nicht ohne dramatische Szenen vor sich, die die Lektüre wirklich lohnenswert machen. Wie in Band 3 gibt es auch hier wieder Auflockerung in Form von heiteren Szenen.

_Die Übersetzung_

… stammt nun vom dritten Übersetzer, der sich an dem Zyklus versucht. Machte zu Anfang Otfried Preußler einen ausgezeichneten Job, so schrieb Roland Vocke den 3. Band zu einem zeitgenössischen Kindermärchen um, was an sich schon recht fragwürdig war. Aus einem literarischen Meisterwerk wurde eine 08/15-Story.

Obendrein wurde in Band 3 die neue deutsche Rechtschreibung umgesetzt, so dass von da ab der erweiterte Infinitiv mit „zu“ nicht mehr durch Komma abgetrennt wird {was von der neuen Rechtschreibung so durchaus nicht vorgesehen war; Anm. d. Lekt.}. Das erweist sich an etlichen Stellen nun als Stolperstein beim Lesen. Der Leser muss sich erst klarmachen, wo denn der Hauptsatz aufhört und der Nebensatz anfängt. Inzwischen wurde diese Regelung wieder aufgegeben, aber im vorliegenden Band 4 setzt sich diese Malaise anderweitig fort. Übersetzer ist nun Ulrike Killer, die etliche Jahre bei |Klett-Cotta| die Hobbitpresse als Lektorin betreute (bis 2003). Sie führt sich schlecht ein, indem sie auf Seite 31 das Wort „mannighaft“ statt des vertrauten und richtigen „mannigfach“ verwendet. Der DUDEN kennt das Wort „mannighaft“ nicht. Handelt es sich um eine Verwechslung mit „mannhaft“? Das kann auch nicht sein, denn die Sprecherin Orddu redet von sich selbst – und sie ist keineswegs ein Mann. „Mannighaft“ ist also ebenso falsch wie „mannhaft“.

Im weiteren Text treten noch etliche Druckfehler wie etwa vergessene Punkte und Ausrufezeichen auf. Gegenüber den ersten beiden Bänden ist unterm Strich ein starker Abfall der Qualität der Textform und der Übersetzung an sich festzustellen. Hoffentlich setzt sich dieser negative Trend nicht bis in Band 5 fort.

Goethe, Johann Wolfgang von / Hazen, Barbara – Zauberlehrling, Der

|“Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los“| – diese bekannte Redewendung stammt ursprünglich aus einem von Altmeister Goethes bekanntesten Gedichten, dem „Zauberlehrling“. Für alle kindlichen Fans von Zauberlehrling Harry Potter hat Potters Stimme Rufus Beck die alte Ballade neu gefasst. Zusätzlich liest er die Geschichte auch in der Prosafassung, die die Amerikanerin Barbara Hazen verfasst hat.

|Die Autoren|

Johann Wolfgang von Goethe, 1749 in Frankfurt/M. geboren, schuf seinen „Zauberlehrling“ im Balladenjahr 1797. Goethe ist mit Abstand der einflussreichste Autor der deutschen Literatur.

Barbara Hazen, 1930 in Dayton/Ohio geboren, veröffentlichte 1969 ihre Bearbeitung von Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“. Bis heute sind über 50 Bücher von ihr erschienen, die vorwiegend Kinder und Jugendliche ansprechen. Hazen erhielt dafür diverse Auzeichnungen.

|Der Sprecher|

Rufus Beck ist ein Magier der Stimme. Obwohl er diesmal nur zwei Stimmen zu sprechen hat – den Zauberlehrling und seinen Meister -, macht er daraus ein komplettes Drama. Erst kommt die Faulheit des Lehrlings zum Ausdruck, der seines Meisters Verbot zuwiderhandelt, dann die Freude über die Hilfe durch den verzauberten Besen, dann das Entsetzen und die Verzweiflung, als alles außer Kontrolle gerät – bis schließlich wieder der „alte Meister“ zurückkehrt und die Situation rettet. So muss sich ein richtiger Märchenerzähler anhören, um die kindlichen Zuhörer in seinen Bann zu schlagen.

Der Bayerische Rundfunk produzierte diese Lesung 1999 unter der Regie von Justina Buddeberg-Mosz.

_Die Handlung_

Ich skizziere hier die Handlung für beide Werke, da ja die Prosa- auf der Versfassung beruht. Der Name Humboldt stammt aber von Hazen und kommt bei Goethe nicht vor.

Zauberlehrling Humboldt soll, während sein Meister zu einem Magiertreffen reist, das Schloss in Ordnung halten. Allerdings besteht sein Hauptjob darin, stets die Wasservorräte aufzufüllen. Dazu muss er allerdings das Wasser aus dem tief unten liegenden Rhein holen und den schweren Eimer den Berg hochschleppen.

Nun ist aber Humboldt zwar für die angenehmen Seiten des Zaubererlebens aufgeschlossen, erweist sich aber wenig begierig auf die Erfüllung lästiger Pflichten – wie etwa Wasserschleppen. Kaum ist der Alte weg, sagt er sich daher: „Wozu bin ich denn ein Zauberer?“ Zum Glück hat sein Meister den Schlüssel zu seinem Zauberbuch vergessen wegzusperren, und so ist es dem aufstrebenden Harry-Potter-Fan ein Leichtes, folgenden verhängnisvollen Zauberspruch zu sprechen:

„Alter Besen, dein Meister spricht: Komm aus der Ecke und tu meine Pflicht!“

Und siehe da: Schon tanzt der Besen wie von Geisterhand, humpelt und rumpelt, tänzelt und schwänzelt den Berg hinunter und bringt einen vollen Eimer Wasser zurück.

Wenig später ist der Wasservorrat aufgefüllt, doch der Besen hört nicht auf. In letzter Sekunde bemerkt Humboldt, was die Stunde geschlagen hat. Doch wie lautet noch gleich der Gegenzauber? Doch so sehr er sich auch kreative Zaubersprüche einfallen lässt, so stoppt doch keiner den fleißigen Geist, den er gerufen hat. (Im Zauberbuch scheint der Gegenzauber auch nicht zu stehen.)

Freude schlägt in Entsetzen und Entsetzen in einen verzweifelten Kampf gegen das Ertrinken um. Denn als Humboldt mit einem genialen Axthieb den besessenen Besen entzwei spaltet, hat er zwei besessene Besen. Und aus den Splittern bilden sich weitere „dienstbare Geister“. Dumm gelaufen!

_Mein Eindruck_

Wie man schon meiner knappen Inhaltsangabe entnehmen kann, arbeiten sowohl Goethe als auch Hazen mit allen dramaturgischen Tricks, die im Buch stehen. Dazu kommt zudem die entsprechende Lautmalerei (‚tänzeln und schwänzeln‘ etc.), die auf Kinder so magisch wirkt.

Und ein exzellenter Sprecher wie Rufus Beck lässt sich keine Gelegenheit entgehen, das Drama für unsere Ohren wirkungsvoll in Szene zu setzen. Die Lesung wirkt an keiner Stelle langweilig. Im Gegenteil: Man muss gut hinhören, um den Faden nicht zu verlieren, so schnell liest Beck.

„Der Zauberlehrling“ lässt sich mehrfach deuten. Für mich ist er eine Parabel auf den modernen Menschen, der sich den Maschinen ausgeliefert hat, nachdem er sie zwei Jahrhunderte lang verfeinert hat. Wie man an „Terminator“ sieht, ist der Mensch nun in einer Lage, wo er sich der Vernichtung durch die Maschinen gegenüber sieht: dem atomaren Holocaust.

_Unterm Strich_

Sowohl die Prosafassung von Hazen als auch die Goethe-Ballade schlagen den Zuhörer in seinen Bann. Rufus Beck schafft es mit seiner Sprechkunst spielend, die Aufmerksamkeit einzufangen und zu halten: ein komisches Drama entfaltet sich. Da keine schwierigen Wörter vorkommen, ist die Prosafassung schon ab 5-6 Jahren zu verstehen, die Versfassung ab etwa 8-9 Jahren.

|Umfang: ca. 21 Minuten auf 1 CD|

Krüger, Hardy – Szenen eines Clowns

|“Ich glaube, dass sich das Leben oftmals wie ein Clown benimmt. Tragisches erzählt das Leben gern mit einem Grinsen im Gesicht. Ein andermal aber, wenn wir im Zelt vor Lachen brüllen, lässt der Clown Tränen über seine weiße Schminke fließen.“| Das schreibt Hardy Krüger in seiner Einleitung. Recht hat der Mann.

|Der Autor|

Hardy Krüger, geboren 1928 in Berlin (Wedding), war in den späten fünfziger und sechziger Jahren einer der wenigen Weltstars, die aus Deutschland kamen, z. B. in „Einer kam durch“ (1956). Er spielte oft an der Seite seines engsten Freundes Peter Finch, etwa in „Der Flug des Phönix“ und „Das rote Zelt“. In Ostafrika fand er zwischendurch eine zweite Heimat. Er lebt mit seiner Frau Anita in Hamburg und in den kalifornischen Bergen.

_Inhalte_

Der Autor hat auf den zwei CDs eine Auswahl seiner Lebenserinnerungen aus seinem Buch „Szenen eines Clowns“ versammelt und liest die Geschichten selbst vor. Wie er in seinem Vorwort betont, wurden die Geschichten für die Vorlese- und Hörbuchform gekürzt und leicht verändert (was bereits auf deutschen Buch-Lesungen verdutzte Blicke und Kommentare hervorrief). Außerdem sind die Übergänge zwischen den vier Episoden neu hinzugekommen.

Gleich die erste Erzählung, die eigentlich im tiefsten Ostafrika spielt, berührt einen wunden Punkt deutscher Geschichte: den Mauerbau 1961. Als Krüger seine neu erworbene Farm mit einer stabilen Mauer vor den wilden Tieren, etwa Leoparden, schützen will, sind seine Arbeiter zunächst recht angetan davon, denn sie verdienen daran. Aber dann hören sie im Radio vom Mauerbau zu Berlin und geraten schwer ins Grübeln. Was will dieser Deutsche mit seiner Mauer? Wird sie auf dem Feld enden – oder will er auch noch Arusha, die Provinzhauptstadt, damit verschandeln? Wie absurd! Krüger sieht ein, dass die Mauer in den Köpfen existiert, überall.

Auch als Krüger von Zagreb nach Berlin fliegt, um dort einen Film zu synchronisieren, gerät er an die Mauer als Symbol der Unmenschlichkeit der innerdeutschen Grenze. Denn in Zagreb hat man ihm zwar ein Flugticket gegeben, aber nicht nach West-, sondern nach Ost-Berlin. Vorschriftswidrig benutzt der „deutsche Ausländer“ zudem ein TAXI, um vom Flughafen Schönefeld zum Grenzübergang zu gelangen. Da kriegt er was zu hören! Er hätte doch den Autobus nehmen müssen! Krüger versucht sein Glück an einem anderen Übergang, zu dem er sich auf Schusters Rappen begibt. Nur noch wenige Meter bis zur S-Bahn im Bahnhof Friedrichstraße. Denkt er. Da hat er sich aber geschnitten …

Wie grotesk das Leben einem mitspielen kann, erfährt Krüger auch, als er in seinem Lieblingsrestaurant „Fünf Kontinente“ einkehrt. Allerdings hat der Oberkellner gewechselt, und der Nachfolger, bemüht, den Schauspieler ebenso gut zu bedienen, tituliert ihn erst einmal als „werter Herr Buchholz“. Krüger, wie immer cool bleibend, nimmt die Behandlung eine Weile hin, und auch die anderen Gäste machen sich offenbar ein Späßchen daraus herauszufinden, wie diese Sache endet.

Doch dann will sich Krüger gnädig erweisen und weist den Oberkellner, der sich einiges auf seine Promikenntnis einzubilden scheint, auf seinen Irrtum hin: „Ich bin Karlheinz Böhm.“ Der Kellner hat auch damit absolut kein Problem. Erst als Krüger mit der Wahrheit herausrückt und die Ohren spitzenden Gäste beinahe schon vor Lachen unterm Tisch liegen, erkennt der Kellner seinen Fehler.

Die Höhepunkte des Hörbuchs bilden mit Sicherheit die beiden Episoden, in denen Krügers Freund Peter Finch auftaucht. Hier treffen wir Kinokenner auch andere altbekannte Namen wieder: James Stewart und Richard Attenborough beispielsweise. Bei „Frühstück in Moskau“ schlagen die beiden engen Freunde der sozialistischen Überwachungstechnik ein Schnippchen und gelangen zur Erkenntnis, dass nichts den „sozialistischen Hang der Dinge“ zu Absurdität übertreffen kann.

In der urkomischen Episode „Im Tal des Todes“ feiern vier britische Schauspieler mitten im Death Valley, genauer: in Yuma, die Thronbesteigung der englischen Königin: Attenborough, Fraser, Finch & Co. spielen bei „Der Flug des Phönix“ mit und haben ausgerechnet den Bomberpiloten James Stewart dazu auserkoren, „21 Schuss Salut“ abzufeuern. Als Höhepunkt der Feierlichkeiten sozusagen. Danach erhielt Attenborough ein „Telegramm“ vom Buckingham Palace …

Wie sich das Ganze abspielte und der Clown wieder für eine traurige Note sorgte, sollte man selber gelesen oder gehört haben. (Im Buch sind zahlreiche S/w-Fotos der Filmstars bei „Flug des Phönix“ abgedruckt, darunter auch jene berühmte Szene, in der Krüger zu Jimmy Stewart sagt: „Wie kommt es, Captain, dass Sie Dummheit für eine Tugend halten?“)

_Mein Eindruck_

Der frühere Schauspieler und Weltenbummler erzählt seine komischsten Erlebnisse und Abenteuer mit genauer Beobachtungsgabe und leisem Lachen, aber auch mit einem Gespür für den Ernst einer Situation. Da kommt eine geradezu philosophische Stimmung auf.

Hardy Krüger zuzuhören, kommt einer Zeitreise gleich. Seine nuanciert vortragende Stimme, die aus seinen Filmen so bekannt ist, formt gemächlich die Sätze, auf die es ankommt, als habe er alle Zeit der Welt. Hat er ja auch. Denn dies ist kein Bestsellerroman, der um die Hälfte gekürzt wurde, sondern eine Auswahl eigenständiger Erzählungen, die Krüger in optimaler Länge erzählt.

Seine Beobachtungen steuern immer auf einen bestimmten Punkt. Es gibt keine längeren Abschweifungen, und auch die erforderlichen Erklärungen zum Hintergrund einer Szene sind auf das Notwendigste reduziert. Daher entsteht bei jeder Episode eine gewisse Erwartung und sogar Spannung. Man will erfahren, was als Nächstes passiert. Aber die Spannung entsteht häufig aus der ungewöhnlichen Situation selbst, so etwa dann, als man Krüger auch am Bahnhof Friedrichstraße nicht passieren lassen will. In so einer Lage rechnet man mit allem Möglichen, etwa dass man Krüger festnimmt und einbuchtet.

Die Griechen und Römer hatten ihre Schauspieler stets mit je einer lachenden und einer weinenden Maske (= persona) ausgestattet, je nachdem, wie es die Rolle erforderte: die Komödie lag gleich neben der Tragödie. Diese Masken trägt auch der Clown des Lebens, nur eben in ein und demselben Gesicht.

Es gehört ein gewisses Maß an philosophischem Gleichmut dazu, selbst in der komischsten Situation – die Krönungsfeier zu Ehren der Queen etwa – noch über die traurigeren Aspekte der Situation nachzudenken: Jimmy Stewart hatte 1943 Bomben auf Berlin, die Heimatstadt Hardy Krügers, abgeworfen. Wurde dabei ein Freund verletzt oder gar getötet? Und was hatte es zu bedeuten, dass der Pilot des einmotorigen Modells des „Phönix“, Paul Mantz, mit diesem Flieger tödlich verunglückte? Manchmal fällt es nicht leicht zu lachen.

|Die Musik|

… wurde produziert von Thomas Winterhalter. Zu hören sind eine Akustikgitarre (Th. Weichler), eine Ukulele (Olaf Klindtwordt) und ein sehr schönes Tenorsaxophon (Markus Steinhauser).

_Unterm Strich_

Das Hörbuch entführt den Zuhörer mit Krügers Stimme und der Musik von Thomas Winterhalter in eine andere Zeit. Aber ein Nenner bleibt doch stets der gleiche: Ein Deutscher nach dem Krieg in einer Welt, die für ihn sehr seltsam geworden ist – nicht nur in der DDR, in Berlin, sondern auch in den zweiten Heimat Afrika. Und wenn uns die Feierlichkeiten in Yuma eines lehren, dann dies: Die Sieger haben wesentlich mehr Spaß. Krüger machte das Beste aus seiner Situation, und das ist durchaus faszinierend und vergnüglich zu lesen – solange man dabei seine nachdenklichen Töne nicht verdrängt.

|Umfang: 136 Minuten auf 2 CDs|

Ballard, James Graham – Crash / Die Betoninsel / Der Block

Der vorliegende Sammelband enthält drei längst vergriffene Romane des britischen Schriftstellers James Graham Ballard: „Crash“ erhebt das Auto zur Ikone des 20. Jahrhunderts, „Die Betoninsel“ schildert eine moderne Robinsonade und in „Der Block“ fühlt man sich schließlich in die barbarische Welt von Goldings „Der Herr der Fliegen“ zurückversetzt. Sind diese Horror-Visionen auch Prophezeiungen? Angesichts mancher Nachrichten aus unserer Zeit will es so scheinen, und doch: Unsere Gegenwart vermag den Horror Ballards inzwischen mit Leichtigkeit zu übertreffen.

_Der Autor_

James Graham Ballard wurde 1930 als Sohn eines englischen Geschäftsmannes in Schanghai geboren. Während des Zweites Weltkrieges, nach der japanischen Invasion, war seine Familie drei Jahre in japanischen Lagern interniert, ehe sie 1946 nach England zurückkehren konnte. Diese Erlebnisse hat Ballard in seinem von Spielberg verfilmten Roman „Das Reich der Sonne“ verarbeitet, einem höchst lesenwerten Buch.

In England ging Ballard zur Schule und begann in Cambridge Medizin zu studieren, was er aber nach zwei Jahren aufgab, um sich dem Schreiben zu widmen. Bevor er dies hauptberuflich tat, war er Pilot bei der Royal Air Force, Skriptschreiber für eine wissenschaftliche Filmgesellschaft und Copywriter (was auch immer das sein mag) an der Londoner Oper Covent Garden.

Erst als er Science-Fiction schrieb, konne er seine Storys verkaufen. Ab 1956 wurde er zu einem der wichtigsten Beiträger für das Science-Fiction-Magazin „New Worlds“. Unter der Herausgeberschaft von Autor Michael Moorcock wurde es zum Sprachrohr für die Avantgarde der „New Wave“, die nicht nur in GB, sondern auch in USA Anhänger fand.

Ballard und die New Wave propagierten im Gegensatz zu den traditionellen amerikanischen Science-Fiction-Autoren wie Heinlein oder Asimov, dass sich die Science-Fiction der modernen Stilmittel bedienen sollte, die die Hochliteratur des 20. Jahrhunderts inzwischen entwickelt hatte – zu Recht, sollte man meinen. Warum sollte sich ausgerechnet diejenige Literatur, die sich mit der Zukunft beschäftigt, den neuesten literarischen Entwicklungen verweigern?

Doch was Ballard ablieferte und was Moorcock dann drucken ließ, rief die Politiker auf den Plan. Seine Story „The Assassination of John Fitzgerald Kennedy considered as a Downhill Motor Race“ (1966) rief den amerikanischen Botschafter in England auf den Plan. Ein weiterer Skandal bahnte sich an, als er Herausgeber von „Ambit“ wurde und seine Autoren aufrief, Texte einzureichen, die unter dem Einfluss halluzinogener Drogen verfasst worden waren. Seine härtesten Texte, sogenannte „condensed novels“, sind in dem Band „The Atrocity Exhibition“ (1970) zusammengefasst, dessen diverse Ausgaben in den seltensten Fällen sämtliche Storys enthalten …

Seither hat Ballard über 150 Kurzgeschichten und etwa zwei Dutzend Romane geschrieben. Die ersten Romane waren Katastrophen gewidmet, aber derartig bizarr und andersartig, dass sie mit TV-Klischees nicht zu erfassen sind. Bestes Beispiel dafür ist [„Kristallwelt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=625 von 1966: Äußere Katastrophen (wie die Kristallisierung des Dschungels) wirken sich auf die Psyche von Ballards jeweiligem Helden aus und verändern sie. Dabei stehen die drei Romane „“The Drowned World“ (1962), „The Drought“ (Die Dürre, 1964) und schließlich „The Crystal World“ sinnbildlich für Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, ausgedrückt durch die Metaphern Wasser, Sand (Dürre) und Diamant (Kristall).

Eine weiteres Trio ist im vorliegenden Band versammelt. In „Crash“, „Concrete Island“ und „High-rise“ (1973-75) stehen andersartige Katastrophen im Mittelpunkt, diesmal psychologische Desaster. Ballards Maßstab ist kleiner geworden, er beschreibt urbane Albträume wie Autounfälle (Crash), eine Robinsonade in Beton zwischen drei Autobahnzubringern und die langsam der Barbarei anheim fallenden Bewohner eines vierzigstöckigen Appartementhauses (High-rise).

Sein Werk lässt sich in drei Schaffensphasen einteilen. Die neueste, ab 1988 mit „Running Wild“ begonnen, hält gottlob bis heute an.

_Handlung von „Crash“_

Der Erzähler, ein Regisseur von TV-Werbeclips, gerät in einen Autounfall, bei dem der Fahrer des anderen Wagens ums Leben kommt. Als er selbst wieder im Krankenhaus zu sich kommt, wird er geradezu überwältigt von sexuellen Fantasien über die Krankenschwestern und Ärzte um ihn herum, aber auch über die zerschmetterten Autos und sogar die Gattin des getöteten Fahrers.

Nach seiner Entlassung aus dem Hospital fährt er sofort wieder zurück zur Unfallstelle in West London und inspiziert beim Schrotthändler seinen demolierten Wagen. Doch bemerkt er, dass ihm jemand mit einer Fotokamera gefolgt ist. Dies ist die eigentliche Hauptfigur des Romans: Dr. Robert Vaughan, „ehemals ein Computer-Spezialist, einer der ersten der neuartigen TV-Wissenschaftler“, der „ein mächtiges Image projizierte, beinahe das des Wissenschaftlers als Gangster“.

Vaughan ist geradezu manisch besessen von Verkehrsunfällen und verwendet einen Großteil seiner Zeit darauf, sie zu fotografieren.Er formt mit dem Erzähler eine nicht ganz einfache Freundschaft: Sie unternehmen Autofahrten, werden zu voyeuristischen Beobachtern von Unfallorten, teilen die Dienstleistungen der gleichen Flughafennutten. Sie sehen sich im TÜV-Labor simulierte Verkehrsunfälle an, und schließlich gesteht Vaughan seinen geheimen Ehrgeiz, einmal in einem Autounfall neben der Schauspielerin Elizabeth Taylor zu sterben.

Die Ereignisse erreichen einen ersten Höhepunkt, als der Erzähler und Vaughan über die Autobahn düsen, während sie unter dem Einfluss einer halluzinogenen Droge (s. o. die Vita) stehen:

(Zitat aus Seiten 259/260) |“Das Tageslicht über der Schnellstraße wurde immer heller, die Luft wurde zur grellen Wüstenluft. Der weiße Beton wurde zu gewundenen Knochen. Angstwellen umbrandeten das Auto wie Hitzewellen über Kopfsteinpflaster in der Sommerhitze. […] Die uns überholenden Wagen wurden nun von der Sonne überhitzt, ich war ganz sicher, dass die Temperatur ihrer Metallkörper nur ein Geringes unterhalb des Schmelzpunktes lag und sie nur noch durch die Kraft meiner Vision zusammengehalten wurden, so dass sie, sollte ich mich auch nur einen Augenblick auf das Lenkrad konzentrieren und den Blick von ihnen abwenden, augenblicklich zu kochenden Stahlpfützen auf der Straße vor uns zusammenstürzen würden, wenn die Metallfilme rissen, die sie zusammenhielten. Im Gegensatz dazu transportierten die entgegenkommenden Fahrzeuge große Mengen kühlen Lichts – sie waren mit elektrischen Blumen beladene Flöße, die zu einem Fest fuhren. Mit ihrer zunehmenden Geschwindigkeit fühlte auch ich mich in die Schnellspur gesogen, so dass die heranbrausenden Fahrzeuge fast direkt auf uns zukamen, enorme Karusells beschleunigenden Lichts. Ihre Kühler formten geheimnisvolle Embleme, Rennalphabete, die sich mit großer Geschwindigkeit auf der Straßenoberfläche entfalteten.“|

Diese Episode ist intensiv und vorausblickend und erstreckt sich über viele Seiten: eine Fantasmagorie in der Vorwegnahme einer Erfüllung. Schon bald danach tritt sie ein: Vaughan stirbt in einem absichtlich herbeigeführten Autounfall, was den Erzähler in Trauer zurücklässt. Es gibt nichts weiter zu tun, als „die Elemente des eigenen nahen Todes zu entwerfen“.

_Mein Eindruck von „Crash“_

Das Automobil als Ikone des 20. Jahrhunderts – das ist das Thema von Ballards zweitbekanntestem Roman „Crash“ (bekannter ist nur „Das Reich der Sonne“). „Crash“ wurde 1996 von David Cronenberg verfilmt und bewegte die Gemüter etlicher Kritiker, genau wie einst das Buch, dessen Manuskript schon vor Veröffentlichung auf heftigste Ablehnung stieß.

Ballard war anlässlich einer eigenen „Kunst“-Ausstellung im London des Jahres 1970 auf die Idee zu „Crash“ gekommen. Er zeigte mehrere ziemlich demolierte Autowracks nach Unfällen und ließ dazu ein halbentblößtes Mädchen Sekt servieren. Die Folgen waren recht bedenklich: Die Serviererin wurde um ein Haar vergewaltigt. Da ahnte der Autor, dass er auf etwas gestoßen war. (Zitiert nach Michael K. Iwoleits erhellendem Ballard-Essay im [„Heyne Science Fiction Jahr 2004“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=459 Seite 291 ff.)

Das Auto und was damit passiert, ist jedoch lediglich eine Metapher, vielleicht die extremste Metapher in Ballards umfangreichem Werk. Der Roman beschäftigt sich mit der Beziehung des Menschen zur Technik – einem höchst emotional aufgeladenen Stück Technik -, und damit, was die Technik mit uns angerichtet hat sowie damit, was wir uns durch die Vermittlung der Technik selbst antun.

Ballard beobachtet scharfsichtig die Heraufkunft einer Zeit, in der durch die verschiedenen Medien (TV, Internet, Games, Multimedia) alles vermittelt wird, in der kaum noch etwas un-mittel-bar erlebt wird bzw. werden kann. Doch wo nichts real ist, ist auch alles möglich, denn alles ist denkbar, vorstellbar. In diese Vorstellungen gehen verborgene Wünsche und Fantasien ein: Mit Elizabeth Taylor in einen Unfall zu geraten und darin zu sterben – das hat doch einen gewissen Reiz. Als ob es Elizabeth Taylor im Supermarkt zu kaufen gäbe, um ihren Tod zu konsumieren.

Die Ausstattung, die Ballard seinem Setting angedeihen lässt, auf Autobahnen und Flughäfen, ist nicht vertraute Kulisse, sondern so fremdartig wie die Rückseite des Mondes: „Autobahnüberführungen wie geschwungene Knochen“ scheinen aus einer anderen Zeit gefallen zu sein. Der Blick unter Drogeneinfluss wundert sich nur, er wertet und moralisiert nicht, genauso wenig wie der Autor. Uns bleibt nur das Schaudern angesichts dieses Albtraums.

Die Metapher des durch die Autobahnkreuze jagenden Wagens und aus dem Fenster starrenden Passagiers gleicht dem Zuschauer vor dem Bildschirm, der sich von vermittelten Inhalten berieseln lässt, die keinen Bezug zu seinem seelischen Erleben haben. „Crash“ zeigt uns in einem Spiegel, wie wir uns selbst aus der Realität hinauskatapultieren. Es tut dies auch in einem sexuellen Kontext. Und erst an diesem Kontext haben sich die Kritiker aufgeregt. Leute dürfen in Romanen massenweise verrecken, doch sobald dabei Sperma und Blut ins Spiel kommen, hört der legitime Spaß offenbar auf.

_Handlung von „Die Betoninsel“_

Wieder nimmt Ballard das Motiv des Autounfalls auf. Als der Architekt Robert Maitland, auf dem Weg von der Geliebten zurück zu seiner Frau, von der Flughafenschnellstraße abkommt und mit seinem Jaguar-Sportwagen über die Böschung stürzt, findet er sich plötzlich viele Meter tiefer als das Straßenniveau in einem düsteren Ödland wieder – eine Betoninsel voller Autowracks und Schutt nahe der Zivilisation.

Ob diese sonderbare und abgeschlossene Insel-Welt ihren neuzeitlichen Robinson Crusoe wieder entkommen lässt, ist gar nicht so sicher. Diese Insel befindet sich zwischen drei Autobahnzubringern, die ob des schweren Verkehrs schwer zu überqueren sind. Tatsächlich führt Maitlands erster Ausbruchsversuch dazu, dass er schwer verletzt wird. Er baut sich eine Krücke und humpelt auf seiner Suche nach einem Ausweg über die Oberfläche des Areals, ergebnislos. Vielmehr ernährt er sich nur von einem weggeworfenen Sandwich und einer Kiste Wein in seinem Kofferraum.

Da ein Ausbruch für den verletzten und geschwächten Gestrandeten unmöglich ist, probiert er, Hilfe herbeizurufen. Er setzt den Benzintank seines Jaguar in Brand. Er erntet lediglich verwunderte Blick. Als er auf ein Verkehrshinweisschild einen Hilferuf krakelt, wischt der nächtliche Regen die Botschaft weg.

Auf einer weiteren Erkundungsexpedition am Grenzzaun stürzt er in den Eingang eines alten Luftschutzbunkers aus dem 2. Weltkrieg und wird fündig: Hier wohnt jemand. Leider handelt es sich nicht um einen angenehmen Zeitgenossen, sondern um einen stummen Landstreicher, der das Eindringen von Fremden sehr übelnimmt. In höchster Not taucht eine Frau in Uniform auf – Maitlands Schutzengel?

_Mein Eindruck von „Die Betoninsel“_

Die Hauptfigur Maitland befand sich schon lange vor seinem Stranden auf einer emotionalen Insel, irgendwo zwischen Ehefrau und Geliebter, zwischen Beruf und Privatleben. Am Ende seines Eingewöhnungsprozesses begreift er, dass er nicht nur wahrhaftig der König der Insel, sondern endlich in seiner Heimat angekommen ist. Dennoch plant er seine Flucht, doch das hat Zeit, versichert er sich.

Zwei Menschen wollten ihm das Überleben in seinem Herrschaftsbereich streitig machen: der Landstreicher, ein früherer Akrobat namens Proctor, der weder lesen noch schreiben kann – ein Wilder wie einst Freitag; und da ist die Gelegenheitsprostituierte Jane Sheppard, die ihn erst bemuttert und dann verführt. Doch Maitland findet einen Dreh, um auch sie zur Raison zu bringen. Er ist ein cleverer Hund – und die Bestechungsmittel scheinen ihm nie auszugehen.

Ballards Porträt des heutigen Zivilisationsmenschen hat nicht besonders viele Horrormomente. Der Schrecken liegt allenfalls in der Furcht vor dem Alleinsein und dem einsamen Verrecken. Doch als Maitland Gesellschaft erhält und wieder verliert, legt sich diese Furcht. Die emotionale Einsamkeit und Isoliertheit war schon immer in ihm, seine Insel. Schon spielt er wieder kalte, manipulative Gesellschaftsspiele, mit kurzfristigem Erfolg. Schließlich herrscht er über – nichts, dafür aber unumschränkt. Dieser Ausgang ist das eigentlich Erschreckende an diesem kurzen Roman von gerade mal 200 Seiten.

_Handlung von „Der Block“_

Die Hauptfigur Dr. Robert Laing arbeitet in einem medizinischen Schulungsinstitut nahe seiner eigenen Wohnung. Diese befindet sich in einem der neuen, supermodernen Hochhäuser mit 40 Stockwerken, die am Rande des Londoner Stadtkerns hochgezogen wurden. Wie eine richtige Arcologie (vgl. Niven/Pournelles Roman „Todos Santos“) stellt sie ein autarkes Ökosystem dar, in dem alles Lebensnotwendige wie etwa Geschäfte, Banken, Freizeit- und Wellness-Einrichtungen untergebracht ist: eine vertikale Stadt mit 2000 Bewohnern. Laing zieht sich aus irgendeinem Grund immer mehr in die Bequemlichkeit seiner eigenen Wohnung zurück, ähnlich wie Poes Roderick Usher. Kein Wunder, dass er in diesem technischen Paradies ein paar Marotten entwickelt.

Ärger lässt nicht auf sich warten. Ein Weinflasche zerbirst auf Laings Balkon, jemandes Hund wird im Swimmingpool ertränkt und Streiterien aus nichtigem Anlass brechen zwischen den Bewohnern aus. Der Autor treibt die Krise gnadenlos voran. Während eines Stromausfalls bricht echte Gewalt aus und die Mieter sehen sich unversehens eingeteilt in eine willkürliche Hierarchie, die sich nach der Nummer des Stockwerks richtet, wo man wohnt. Wie Goldings „Herr der Fliegen“ bilden sich stammesähnliche Allianzen, und nachts werden auf den Treppen und in Aufzugschächten Schlachten ausgetragen.

Es sterben zwar Leute, doch niemand informiert die Polizei, denn jeder ergötzt sich an der neuen Erfahrung zu sehr, um eine externe Einmischung zuzulassen. Die Bewohner gehen nicht mehr zur Arbeit, denn das aufregende Leben im Block erfordert all ihre Energie. Nachdem die bedeutendsten Schlachten sie erschöpft haben und das Gebäude schon zur Hälfte demoliert ist, scheint sich das Leben auf einem neuen Level einzupendeln: Die Überlebenden, darunter Laing, existieren als streunende Jäger-Sammler, die von den Überresten der Zivilisation ihr Leben fristen. Als er uns von seinem Werdegang erzählt, brät er gerade den Schenkel eines Schäferhundes über einem Feuer aus Telefonbüchern – das perfekte Bild des modernen Jägers.

Auf der letzten Seite bemerkt Laing, dass im benachbarten Hochhausblock gerade die Lichter ausgegangen sind. Er sieht die Taschenlampen der suchenden Bewohner und beobachtet ihre Bewegungen zufrieden, „bereit, sie in ihrer neuen Welt willkommen zu heißen“.

_Mein Eindruck von „Der Block“_

Diesen Roman könnte man als „technologische Horrorstory“ bezeichnen, aber er ist, wie alle anderen „Zukunfts“-Geschichten Ballards, eine Erkundung der Welt, die sich schon in den nächsten fünf Minuten völlig verändern kann: eine Near-Future-Story also …

Doch was die Aussage anbelangt, so ist „Der Block“ weder eine bissige Sozialsatire, noch eine bloße moralische Allegorie auf Anti-Evolution und sittlichen Verfall. Das Buch ist zugleich subtiler und tiefschürfender, wie mir scheint. Ähnlich wie „Crash“ stellt es dem Leser einige unbequeme, unbehaglich machende Fragen über unsere aktuelle, „moderne“ Lebensweise bzw. über jene in der Near-Future. Im Grunde hat man ja die sozialen Katastrophen in den Trabantenstädten gesehen: Sie tauchen heute meist in Rapper-Videos auf. Oder in News-Videos über Angriffe auf Asylantensiedlungen (Rostock).

Was Ballard aber andeutet, ist die Unterstellung, dass wir bzw. unsere Architekten und kommunalen Bauherren unsere Technologie unterschwellig schon so programmiert haben, dass sie unsere geheimen Perversitäten hervorlockt. Wie viel Ordnung und „reine Vernunft“ können wir eigentlich ertragen? Sind wir Zeugen des „Todes des Affekts“, des Endes traditioneller zwischenmenschlicher Gefühle? Und falls das so ist, welche Welt erwartet uns dann am Ende dieser raschen, vorübergehenden Übergangsphase?

Indem er sich wie ein Besessener auf die Zukunft konzentriert, die sich in den Auswüchsen der Gegenwart enthüllt, ist Ballard einer der Propheten geworden, die den größten Scharfblick für die kommenden sozialpsychologischen Folgen der technischen Entwicklung – darunter auch Städtebau – besitzen. Zu viele Fantasy- und Science-Fiction-Autoren verlieren sich in den Tiefen des Alls, blicken zurück auf das Mittelalter oder schreiben nur noch Historienschinken oder Krimis. Das ist ungefährlich und sichert die Miete. Doch es hilft uns wenig, mit den kommenden Anforderungen fertig zu werden, denen sich die Generation unserer Kinder und Enkel gegenübersehen wird.

_Unterm Strich_

Ballards Erzählstil ist, entgegen der Erwartungen aufgrund seiner Medizinausbildung, überraschend ausdrucksstark. Im Hinblick auf Stil und atmosphärische Dichte hat man ihn häufig mit Joseph Conrad verglichen. (Tatsächlich weist „Kristallwelt“ etliche Parallelen zu Conrads bekanntestem Buch „Heart of Darkness“ auf, welches die Vorlage zu „Apocalypse Now“ lieferte.) Erst mit „Empire of the Sun / Das Reich der Sonne“ wurde Ballard aber zum Bestsellerautor, als Spielberg sein Buch zu einem Kassenerfolg verfilmte (mit dem sehr jungen Christian „American Psycho“ Bale als James Ballard).

Diese drei Romane zeigen in unterschiedlichem Maße den Schrecken, der die Entgleisung aus dem gewohnten Schema des an die moderne Zivilisation angepassten Verhaltens begleitet bzw. beim Leser verursacht. Und dieses Erschrecken könnte zu einem guten Teil daran liegen, das sich ein Teil von uns – Männer wie Frauen – darin wiederfindet.

Wer bluttriefende Action oder gar Magie und Mystik à la „Dracula“ sucht, ist hier völlig verkehrt, auch wenn |area| diese Ausgabe in der Horror-Reihe veröffentlicht. Nicht umsonst erschienen alle drei Romane meistens in Science-Fiction-Reihen von bekannten Verlagen, sei es |Heyne| oder |Bastei Lübbe|. Die Schrecken, die bei der Entgleisung der modernen Zivilisation zutage treten – hier werden sie kühl seziert, wenn nicht sogar poetisch zelebriert.

Ballard, James Graham – Kristallwelt

|Das Innere Afrika ist von seltsamen Kristallen überzogen. Im Dschungel herrscht der Leuchtende Mann.|

Wie schon in „The Drowned World“ und „The Drought“ hat Ballard die Welt, wie wir sie kennen, transformiert und sie mit seinen gewaltigen sprachlichen Mitteln zu einem fremden Planeten gemacht, in dem sich neue Wesen tummeln. „Kristallwelt“ zu lesen, verwandelt den Leser selbst: nicht etwa durch die kaum vorhandene Handlung, sondern durch die Konfrontation mit eben jener transformierten Wirklichkeit. In seinen besten Passagen erinnert das Buch an Joseph Conrads „Heart of Darkness“.

_Handlung_

Doktor Edward Sanders, ein Fachmann auf dem Gebiet der Leprakrankheit, kommt im westafrikanischen Hafen von Port Matarre an. Er wurde von einem Freund zum Kommen aufgefordert, der ihm hin und wieder fragmentarische Berichte geschickt hatte, dass der Dschungel sich in Kristalle verwandle.
Bevor er sich auf die Fahrt den Fluss hinauf macht, begegnet Dr. Sanders einer Reihe von bemerkenswerten, um nicht zu sagen: merkwürdigen Gestalten, darunter einem Priester, der offenbar von einer unbestimmten Schuld gemartert wird, und einem trübsinnigen Architekten, der eine Pistole bei sich trägt. Sie alle werden aus unterschiedlichen Gründen von der geheimnisvollen Transformation angezogen, die sich weiter landeinwärts vollzieht.

Ein Militärkordon umgibt die betroffene Region, doch schließlich wird es Dr. Sanders erlaubt, das Gebiet zu betreten, um selbst zu sehen, was da vor sich geht. Er stellt fest, dass das Pflanzen- und Tierleben des Waldes durch eine Art „Krankheit der Zeit“ heimgesucht wird, die dazu führt, dass das Leben ebenso wie die Zeit praktisch einfriert. Der Wald ähnelt nun einer riesigen Kristallgrotte, die funkelt und blitzt. Die Beschreibungen, die Ballard für diese Phantasielandschaft gefunden hat, sind von geradezu hypnotischer Macht.

So weit der erste Teil des Buches mit dem Titel „Äquinoktium“ (d. i. Tagundnachtgleiche). Im zweiten Teil taucht ein Wesen namens |Der Leuchtende| auf. Beide Teile charakterisiert folgendes Zitat, das dem Buch vorangestellt ist und einen Eindruck von der Prosa vermittelt: |“Am Tage flogen phantastische Vögel durch den erstarrten Wald, und edelsteinbesetzte Krokodile glitzerten wie heraldische Salamander an den Ufern des kristallinen Flusses. Nachts jagte der leuchtende Mann unter den Bäumen hin, die Arme wie goldene Wagenräder, der Kopf wie eine gespenstische Krone …“| (Das englische Wort „spectral“ ist hier doppeldeutig gebraucht: Es bedeutet sowohl ‚in Spektralfarben schillernd‘ als auch ‚gespenstisch‘.¹)

Die Landschaftsbeschreibung erinnert mich an Coleridges berühmtes Gedicht „Kubla Khan“, das er im Opiumrausch erfunden haben will und in dem er unter anderem das wunderbare Xanadu in glühenden Farben malt.

_Sprachmagie_

Die Handlung, so viel dürfte schon klar geworden sein, ist von geringer Bedeutung. Die Stärke des Buches liegt in seiner visuellen Bildkraft, den Szenen, bei denen Ballard sein Können ausspielen kann.
Man erinnere sich nur an eine der vielen bizarren Szenen in Spielbergs Verfilmung seines Romans „Das Reich der Sonne“: Die enteigneten und deportierten westlichen Ausländer kommen durch ein Stadion, das mitten in der Steppe steht und in dem die japanischen Besatzer all die enteigneten Besitztümer der Westler als Beute gelagert haben: Die Flüchtlinge verhungern neben ihren Rolls-Royces.

Genau diese Symbolkraft eines bizarren Bildes ist in „Kristallwelt“ bis zum Maximum gesteigert. Allein schon der einleitende Absatz stapelt Bilder, Farben und Symbole des Todes übereinander, dass der Leser weiß: Dies ist das Tor zur Hölle. Die ihr hindurchgeht, lasst alle Hoffnung fahren! (Dante, „Inferno“)

Transformation ist das Ziel von Ballards zersetzender Sprache: Da wird ein abgestürzter Helikopter zu einem kristallen funkelnden Fabeldrachen; ein juwelenüberzogenes Krokodil; ein Mann, der aus dem Dschungel in halbkristallisiertem Zustand gezogen wird, rennt blutüberströmt zurück in das betroffene Gebiet; der Priester Balthus nimmt die Form eines Gekreuzigten an, als das Schiff seiner Kirche allmählich kristallisiert; Dr. Sanders findet Leprakranke, deren Körper ihn nun an farbenfrohe Harlekins erinnern; ein eingeborener Krieger, in Krokodilshaut gekleidet, ist teils Mensch, teils Tier.

_Der Zyklus_

„Die Kristallwelt“ ist Teil einer Trilogie von Katastrophenromanen, deren andere Teile ich schon oben genannt habe: The Crystal World, The Drowned World, The Burning World (Alternativtitel von „The Drought“) sind die Opfer der Ur-Elemente Erde, Wasser und Feuer. „The Wind from Nowhere“ gehört mit zum Zyklus und ist auch in dem |Heyne|-Sammelband „Zeit endet“ (1991) enthalten. Dieses Buch ist thematisch dem Element Luft zugeordnet.

Hinter dem Zyklus steckt noch mehr, wenn man den Worten des Autors glauben darf (wem sonst?). Drowned World steht für die Vergangenheit, Crystal World für die zeitlose Zeit und Burning World für die Zukunft. Ihnen sind die Metaphern Wasser, Diamant und Sand zugeordnet. In späteren Romanen wie „Highrise“ und „Concrete Island“ kommt noch die Gegenwart hinzu, vertreten durch die Metapher Beton (concrete).

David Pringle ist der Ansicht, dass es sich bei „Kristallwelt“ um einen metaphysischen Thriller handelt, über den menschlichen Drang, eine Welt jenseits der Gesetze der Zeit zu suchen. Es geht aber auch um die Notwendigkeit, dabei das eigene bisherige Ich zu verneinen, um eine solche Welt betreten zu können – siehe oben Dantes Motto. Der Protagonist verhält sich in keiner Weise wie die Helden herkömmlicher Katastrophenromane vor allem britischer Provenienz: Er kämpft nicht gegen das Unglück an, um Neues aufzubauen, sondern lässt sich von ihm im Unterbewusstsein anziehen.

Bezeichnenderweise ist für Doktor Sanders seine Weiterreise flussaufwärts keine Niederlage, sondern seine Erfüllung, wenn er in dem kristallisierten Gebiet aufgeht: Die Verschmelzung mit der Natur ist sein Ziel. Möglicherweise um sowohl die Getrenntheit von der Natur wie auch die Unterwerfung unter die Zeit zu überwinden. Die religiösen Untertöne dürften deutlich sein. Anders als Marlow bei Joseph Conrad in „Heart of Darkness“ findet Sanders nicht das Grauen, sondern die Transzendenz, die Transformation.
Eine mögliche Fortsetzung ließe sich in Ballards viel späterem Roman „The Day of Creation“ sehen: Hier findet ein Afrikaforscher die wichtigste Quelle auf Erden und verändert so das Antlitz der Welt.

_Der Autor_

Ballard war der Ansicht, dass das wichtigste Gebiet, das es zu erforschen gelte, nicht die Weiten des Weltalls seien, sondern der Inner Space: die Erde und die Seelen der Menschen, die sich auf ihrem sich wandelnden Antlitz bewegen. So hat er unter anderem das Kriegsgebiet Beirut, die überwachte Vorstadt, Cape Canaveral nach dem Ende des Raumfahrtzeitalters beschrieben. Amerikaner würden ihm darob Pessimismus, wenn nicht sogar Ketzerei vorwerfen, aber das stimmt nicht: Sein Anliegen gilt nicht äußerlichem Erfolg, um Zufriedenheit zu erlangen; sein Streben gilt der Untersuchung der künftigen Bedingungen für die Existenz des Menschen – und diese Bedingungen liegen allzu oft in dessen Seele, im Inner Space.

Wer beachtet, dass 1966 das Buch zu einer Zeit erschien, als der Vietnamkrieg schon in vollem Gange war, der liegt wohl nicht ganz falsch, wenn er meint, dass dieses Buch auch jenen Kriegern etwas zu sagen hat, die dort im Dschungel einer transformierenden Realität begegnet sind.

James Graham Ballard wurde 1930 als Sohn eines englischen Geschäftsmannes in Schanghai geboren. Während des Zweites Weltkrieges, nach der japanischen Invasion, war seine Familie drei Jahre in japanischen Lagern interniert, ehe sie 1946 nach England zurückkehren konnte. Diese Erlebnisse hat Ballard in seinem von Spielberg verfilmten Roman „Das Reich der Sonne“ verarbeitet, einem höchst lesenwerten Buch (s. o.).

In England ging Ballard zur Schule und begann in Cambridge Medizin zu studieren, was er aber nach zwei Jahren aufgab, um sich dem Schreiben zu widmen. Bevor er dies hauptberuflich tat, war er Pilot bei der Royal Air Force, Skriptschreiber für eine wissenschaftliche Filmgesellschaft und Copywriter (was auch immer das sein mag) an der Londoner Oper Covent Garden.

Erst als er Science-Fiction schrieb, konne er seine Storys verkaufen. Ab 1956 wurde er zu einem der wichtigsten Beiträger für das Science-Fiction-Magazin „New Worlds“. Unter der Herausgeberschaft von Autor Michael Moorcock wurde es zum Sprachrohr für die Avantgarde der „New Wave“, die nicht nur in GB, sondern auch in USA Anhänger fand.

Ballard und die New Wave propagierten im Gegensatz zu den traditionellen amerikanischen Science-Fiction-Autoren wie Heinlein oder Asimov, dass sich die Science-Fiction der modernen Stilmittel bedienen sollte, die die Hochliteratur des 20. Jahrhunderts inzwischen entwickelt hatte – zu Recht, sollte man meinen. Warum sollte sich ausgerechnet diejenige Literatur, die sich mit der Zukunft beschäftigt, den neuesten literarischen Entwicklungen verweigern?

Doch was Ballard ablieferte und was Moorcock dann drucken ließ, rief die Politiker auf den Plan. Seine Story „The Assassination of John Fitzgerald Kennedy considered as a Downhill Motor Race“ (1966) rief den amerikanischen Botschafter in England auf den Plan. Ein weiterer Skandal bahnte sich an, als er Herausgeber von „Ambit“ wurde und seine Autoren aufrief, Texte einzureichen, die unter dem Einfluss halluzinogener Drogen verfasst worden waren. Seine härtesten Texte, sogenannte „condensed novels“, sind in dem Band „The atrocity exhibition“ (1970) zusammengefasst, dessen diverse Ausgaben in den seltensten Fällen sämtliche Storys enthalten … Seither hat Ballard über 150 Kurzgeschichten und etwa zwei Dutzend Romane geschrieben.

_Mein Eindruck_

„Kristallwelt“ bietet weder noch Action noch Abenteuer, aber dennoch reihenweise Aha-Effekte, wenn man so platt formulieren will. Dieses Aha! entsteht allein durch die Sprache. Und diese ermöglicht erst die erstaunlichen Verwandlungen, die sich dem geistigen Auge des Lesers bieten. „Kristallwelt“ ist ein Trip! Dieser Trip mag sich ein wenig hinziehen, doch man ist stets neugierig auf weitere Wunder und schließlich darauf, wie die Reise endet. Und sie endet nicht mit einem Absturz, sondern mit einem Abflug. Und deshalb erinnere ich mich immer noch gerne an dieses Buch, das ich vor über zwanzig Jahren zum ersten Mal gelesen habe.

¹: Das Zitat stammt aus der |Heyne|-Ausgabe. Die |Suhrkamp|-Ausgabe schreibt „spektralfarben“ statt „gespenstisch“. Hier hat sich der Übersetzer für die andere Bedeutung entschieden.

Irving, John – Garp und wie er die Welt sah. Gelesen von Rufus Beck

Dieses Hörbuch ist eine limitierte Sonderausgabe zum 60. Geburtstag des Autors John Irving. Dass Rufus Beck das gesamte Buch ungekürzt liest, ist der Hammer. Man erwartet einen Ohrenschmaus – und wird nicht enttäuscht. Damit kann man locker die „stille Jahreszeit“ gut unterhalten überstehen.

John Irving, 1942 in New Hampshire geboren, gelang 1978 mit seinem Roman „Garp und wie er die Welt sah“ der große literarische Durchbruch. Bekannt wurde vor allem die gelungene Verfilmung mit Robin Williams in der Titelrolle. Im Jahr 2001 veröffentlichte er seinen zehnten Roman „Die vierte Hand“. Irving lebte heute mit seiner Frau und seinen drei Söhnen abwechselnd in Neuengland und Kanada.

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

|Garp und wie er die Welt sah|

Dies ist eine Biografie. Und wie es sich für die Beschreibung eines Lebens gehört, beginnt sie am Anfang. Nur dass dieser Anfang nicht bei der Geburt einsetzt, sondern bereits bei der Zeugung. Wie es dazu überhaupt kam, dass Mami und Papi sich sozusagen kennen lernen – denn Papi, ein abgeschossener Bomberpilot, erkennt Mami aufgrund einer Gehirnverletzung gar nicht -, ist schon eines der kuriosesten Geschehnisse des an Kuriosem gewiss nicht armen Romans.

Der Junge Garp – er wurde so nach der einzigen Lautäußerung benannt, derer sein armer Papi fähig war – ist absurd, komisch, eigensinnig wie seine unkonventionelle Mutter und obendrein ein geborener Geschichtenerzähler. Er träumt von einer Karriere als Schriftsteller. Und er wird es auch, entgegen aller Widerstände.

Seine Welt ist bevölkert von Lehrern und Huren, Spießern und Randexistenzen, Verlagslektoren und Mördern, Transsexuellen, Sittenstrolchen und wahnsinnigen Feministinnen. Von der Geschichte, als in seinem Haus ein Flugzeug einschlägt, ganz zu schweigen …

Der Hörer erlebt Kurioses. Dieses Wort ist eng verwandt mit dem Begriff „Neugier“. Und es ist die Neugierde auf weitere aufregende und sonderbare Gestalten und Begebnisse, die den Hörer dazu bringt, überhaupt die ganzen 1375 Minuten des Hörbuchs durchzustehen. Das sind immerhin 23 Stunden.

Die erzählten Erlebnisse sind ebenso tränentreibend wie kühl und sachlich erzählt, so wirklich und genau, dass man einfach begeistert ist. Irvings Geschichte von Garp zeichnet sich sich durch stilistische Virtuosität, groteske Eskapaden à la Barock, die für Irving typische Mischung aus Realismus und Absurdität aus. Hinzu kommt die kongeniale Interpretationsweise von Rufus Beck, der quasi in mehreren Zungen spricht. Nur wenn in der Geschichte zu viel zu lange erklärt wird, kann sich eine gewisse Überreiztheit beim Hörer einstellen. Dann heißt es: Pause machen!

Ist „Garp“ an und für sich bereits ein Erlebnis der besonderen Art, so steigert sich das Vergnügen an der unterhaltsamen, skurrilen Geschichte noch in Rufus Becks überzeugender Interpretation. Aber wie gesagt: Öfters mal eine Pause einlegen! 23 Stunden sind kein Pappenstiel.

|Umfang: Ungekürzte Hörfassung: 1375 Minuten auf 19 CDs beziehungsweise 15 MCs|

Otherland: Die Weltpremiere

Am 7. Oktober fand in der Frankfurter Innenstadt eine Weltpremiere statt. Im Club U060311 führte der Hessische Rundfunk zum ersten Mal öffentlich das Hörspiel [„Otherland – Stadt der goldenen Schatten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=603 (erster von vier „Otherland“-Teilen) auf. Die literarische Vorlage von Tad Williams, ein 3500-Seiten-Roman, beziehungsweise das 1200-Seiten-Drehbuch dazu hatten über 250 Mitwirkende unter der Regie von Hörspielspezialist Walter Adler in elf Wochen eingespielt. Ein paar dieser Mitwirkenden waren in den Club gekommen.

Nachdem endlich die Parade der federführenden Herrschaften von Rundfunk und |Hörverlag| ihre (mehr oder weniger) wichtigen Worte des Dankes gesagt hatte, durfte endlich auch Tad Williams zu Wort kommen. Williams, geboren vor annähernd 50 Jahren (1957), ist ein hoch aufgeschossener Kerl mit Glatzkopf und sehr sympathischem Lächeln. Bei vielen Promis wirkt so ein Lächeln aufgesetzt, aber bei ihm hatte ich den Eindruck, es sei echt. Eigentlich kein Wunder, denn der Abend galt nur ihm und seinem einzigartigen Werk.

Neben ihm saßen Walter Adler, der Regisseur, Pierre Oser, der Komponist, sowie die beiden Sprecher Udo Schenk und Leslie Malton. Die Moderation übernahm Walter Filz, der die massenhaft erschienenen Fantasyfans mit dem Bekenntnis schockte, er habe den „Herrn der Ringe“ nie gelesen. Bei mir jedenfalls war er sofort unten durch. Sein schlechtes Englisch – „How did you did it, Mr. Adler?“ – gab mir dann vollends den Rest.

_Der Autor: Williams_

Tad Williams erzählte, wie es zu Walter Adlers Plan für ein Hörspiel kam. Das war schon 1998, nach dem Erscheinen des ersten „Otherland“-Romans. Er erfuhr durch seine Lektorin Ulrike Killer davon und war sehr angetan. In seinem Land gebe es kein „radio drama“ mehr, denn die Aufmerksamkeitsspanne betrage durchschnittlich nur noch 20 bis 25 Sekunden. Das sei einfach zu kurz, um sich eine Handlung merken zu können. Aber er finde es toll, dass es in England Hörspiele von Douglas Adams und zum „Herrn der Ringe“ gebe. Er finde „radio dramas“ toll (und wie man der Pressemappe entnehmen kann, schreibt er selbst welche, ebenso wie Drehbücher und Designs für neue Games). (Anmerkung: Natürlich gibt es in den USA durchaus Hörbücher, also akustische Textlesungen, allein schon für Sehbehinderte. Aber der Unterschied zu Hörspielen, also Inszenierungen, ist doch beträchtlich.)

_Der Regisseur: Adler_

„Otherland“ besteht aus einer Aneinanderreihung von vier Hörspielen. Für Walter Adler war daher die immense Länge von 24 Stunden nicht so wichtig, sie erschien ihm auch nicht als unüberwindlich. (Er hatte schon einen Kempowski mit 16 Stunden inszeniert.) Dennoch habe er die 24 Stunden genauso intensiv produziert wie eine halbe Stunde. Er sei kein Fantasy-Fan, sondern betrachte „Otherland“ als einen realistischen Roman über unsere Zeit bzw. unsere nächste Zukunft.
Dies deckt sich mit Williams’ Ansicht, dass „Otherland“ in einer Zeit spiele, in der Menschen aus unserer Zeit noch leben werden, also in 20 bis 60 Jahren. Worum es geht? Alte Menschen erkaufen sich Lebenszeit auf Kosten unserer Kinder. Das sei das, was zur Zeit in den USA vor sich gehe. Dazu führt Walter Adler ein ähnlich gelagertes geschichtliches Beispiel an: Francisco Pizarro, ein ungebildeter Schweinehirt, eroberte das mächtige Inkareich mit nur wenigen Männern und schaffte dessen gesamten Reichtum, vor allem aus den Silberminen, nach Europa. Dort verursachte dieses Vermögen einen großen wirtschaftlichen Aufschwung, der die so genannte Neuzeit einläutete. Doch was hatten die Kinder der Inkas davon? Rein gar nichts, denn sie haben selbst heute noch keinen Anteil am Reichtum, den ihre Vorfahren Europa verschafften. Auch das sei die Geschichte von „Otherland“.

Für Adler ist „Otherland“ nicht nur ein eminent moralisches Buch, sondern „gesellschaftspolitisch brisant“ (zitiert nach der Pressemappe und der Making-of-CD darin). „Die Aussage ist die, dass wir mit dem, was an technischen Innovationen in den nächsten Jahren auf uns zu kommt, und auch mit dem, was was wir schon haben, sehr sehr vorsichtig umgehen müssen und sehr genau hinschauen müssen, was damit gemacht wird.“ Es gebe „eine sehr genaue Analyse der bestehenden Verhältnisse, was Macht will und kann, wie Macht unmoralisch ohne jede Zurückhaltung, ohne irgendeine moralische Bremse sich ausbreiten kann, wenn sie nicht mehr kontrolliert wird.“ (Pressemappe)

„Und Sie haben die vom Autor gesetzte große Hoffnung, dass es immer auf der Welt doch noch genügend Menschen gibt, die sich dem widersetzen, die ihre Kräfte mobilisieren, die ihre Intelligenz, ihre Sensibilität und – ja, man kann ruhig das große Wort sagen – ihren Humanismus einsetzen, um das Schlimmste zu verhindern.“ (Pressemappe)

_Der Komponist: Oser_

Pierre Oser, der Komponist, ist durch Musik für Stummfilme bekannt geworden. Er hatte schon vor „Otherland“ mit Adler zusammengearbeitet. Während Adler in Frankfurt/Main und Oser in München arbeitete, tauschten sie Feedback auf Vorschläge miteinander aus. Die Musik in einem Hörspiel habe für ihn eine dramaturgische Funktion ähnlich wie bei einem Stummfilm. „Wir versuchen auch parallel zu arbeiten, also Sprach- und Musikaufnahmen, dafür gibt es keinen fixen Ablauf, sondern ab und zu muss improvisiert werden.“

_Die Sprecher_

Mit von der Partie waren Lesley Malton und Udo Schenk. Schenk spricht einen dicken Wabbelbauch namens Mudd, der, zusammen mit Finney/Finch/Nickelblech hinter Paul Jonas her ist und ihn durch verschiedene Welten verfolgt. „Wie klingt man dick im Radio?“ (Ausnahmsweise eine sehr gute Frage von Moderator Filz!) Antwort Schenks: „Man bläst sich auf und outriert am Mikrofon.“ Und das alles muss ohne Requisiten und Kulissen gehen. Das sei eben das Besondere am Hörspiel: Da treffen sich Profis, die Schauspiel gelernt haben. „Man muss seine Phantasie aktivieren und aus seinem Fundus schöpfen.“ Viele hätten Theater gespielt. „Hier beim Hörspiel bzw. Funk hat man noch eine menschliche Atmosphäre.“

Lesley Malton – sie spricht eine australische Polizistin – führt das näher aus: „Man arbeitet noch am Manuskript. Man lernt dazu, denn es ist sehr abwechslungsreich. Wenn sich die Profis treffen, ist das wie ein Familientreffen, und man tauscht sich aus, um gute Ergebnisse zu erzielen. So etwas ist sehr selten geworden.“

Tad Williams hat das deutschsprachige Hörspiel inzwischen zweimal gehört. Er lernt noch Deutsch, sagt er – und seine Ansage war in Deutsch: „Wir fangen an!“ Was ihm am Hörspiel am meisten Freude bereitet habe, seien die puren Stimmen der Sprecher gewesen. In Deutsch sei das sogar besser gewesen, weil er sich sonst ständig überlegt hätte, welche Auswahl der Regisseur getroffen hatte: War das gut oder nicht so gut, hätte er sich dann gefragt. So aber war er nicht abgelenkt.

Welcher immense logistische Aufwand hinter der Hörspielproduktion bewältigt werden musste, erläuterte Leonie Berger, die neben Karoline Naab für Dramaturgie und Redaktion zuständig war. Ihre Excel-Tabellen auf dem PC erwiesen sich als zu umfangreich, um noch sinnvoll überblickt werden zu können und mussten seitenweise ausgedruckt werden. Danach waren die einzelnen Aufnahme-Sessions der über 250 Sprecher auszuschneiden und die Schnipsel wieder zu fixieren, vorzugsweise an Pinnwänden. Unvorstellbar, wenn auch nur ein einziger Schnipsel verloren gegangen wäre! Es musste ständig umdisponiert werden, weil Sprecher ausfielen, weil sie den Zug verpassten, krank geworden waren und vieles mehr. Und Walter Adler schrieb schon am Skript, als der letzte Roman noch gar nicht veröffentlicht war. (Dazu gibt es in der Pressemappe einen anschaulichen Werkstattbericht.) Gudrun Eggert, bereits eine ältere Dame, besorgte das nach den Worten Adlers immens wichtige Casting. Applaus!

Ein Moderator von YouFM kündigte die „Otherland“-Sendezeiten auf Radio YouFM und hr2 an:

HR2 sendet vom 10. Oktober an immer sonntags zwischen 14:05 und 15:00.

YouFM sendet vom 25. bis 30.Dezember täglich zwischen 23 und 24 Uhr.

Teil 2 folgt zu Ostern 2005, Teil 3 zu Xmas 2005 und Teil 4 schließlich zu Ostern 2006.

Während der Buchmesse wurde das Hörspiel auch in einem Kino der Innenstadt aufgeführt, wohl auch wegen der akustischen Qualität. Die Soundanlage des Clubs war an manchen Stellen leicht überfordert, zum Beispiel im Prolog, wenn Maschinengewehre, Regen, Geschützdonner und menschliches Geschrei einander überlagern, der Text von Paul Jonas aber dennoch verständlich sein soll.

Nach der Startansage von Tad „Wir fangen an!“ lauschten wir daher der Weltpremiere von „Otherland – Stadt der goldenen Schatten“ teils zufrieden, teils beeindruckt und teils ein wenig angestrengt.

Meine Rezension des ersten Hörbuchteils ist [hier]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=603 nachzulesen.

|Hinweis:|

Es gibt eine so genannte „Making-of-CD“ in der Pressemappe. Ihr könnt versuchen, sie über die Pressestelle des Hörverlags oder der genannten Sender zu bekommen. Sie enthält folgende Aufnahmen, die zum Teil recht interessant sind:

Track 1) Das eigentliche Making-of bzw. der Werkstattbericht, von Leonie Berger (s. o.). Länge: immerhin 18 Minuten. Mit wertvollen Beiträgen von W. Adler, Sylvester Groth, Udo Schenk, M. Koeberlin und anderen. Humorvoll, informativ.

Track 2) bis 6) Ausschnitte aus dem Hörspiel, Teil 1, insgesamt 29 Minuten: Im Ersten Weltkrieg; Im Wolkenschloss; Mr. J’s; Bei Herrn Sellars; In Mittland.

Track 7) Musik zu „Otherland“ von Pierre Oser. 11 Minuten.
Fazit: Wer das Hörspiel schon kennt, wird nur den Werkstattbericht interessant finden, alle anderen auch den ganzen Rest. Und außerdem: Die CD ist kostenlos!

Animierte Verlags-Homepage zum „Otherland“-Hörspiel:
http://www.hoerverlag.de/ws/otherland__ws/ws__otherland.htm
Mehr Infos:
http://www.otherland.hr-online.de
http://www.hoerverlag.de
http://www.tadwilliams.de

Sjöwall, Maj / Wahlöö, Per – Terroristen, Die

Beim Besuch eines amerikanischen Senators in der schwedischen Hauptstadt muss die Reichspolizei eine spezielle Antiterroreinheit bilden. Internationale Terroristen der ULAG bereiten laut CIA einen Anschlag vor. Kommissar Martin Beck muss alle Hebel in Bewegung setzen, um das Bombenattentat zu vereiteln. Doch auch die besten Pläne haben oft einen Makel, wenn die Planenden einen blinden Fleck besitzen, von dem sie nichts ahnen.

|Die Autoren|

Maj Sjöwall und Per Wahlöö begründeten das heute so erfolgreiche Genre des Schwedenkrimis, als sie in den siebziger Jahren ihren Kommissar Martin Beck in sozialen Problemzonen und der hohen Politik ermitteln ließen. Alle diese Romane wurden erfolgreich verfilmt. „Die Terroristen“ wurde im Todesjahr von Per Wahlöö 1975 veröffentlicht. Der Roman sorgte Jahre nach seinem Erscheinen für Aufregung, als 1986 der schwedische Ministerpräsident Olof Palme ermordet wurde. Es entstand der Eindruck, als habe das Buch dieses traurige Ereignis vorhergesagt.

|Die Sprecher / Produktion|

1979 produzierte der WDR zusammen mit dem SWR dieses Hörspiel in der Bearbeitung von Walter Adler (u. a. [„Otherland“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=603 ) und unter der Regie von Klaus Wirbitzky. Zu der Starbesetzung gehören:

Charles Wirths als: Kommissar Martin Beck, Leiter der Mordkommision
Horst Frank als: Gunvald Larsson
Gert Haucke als: Malm
Charles Brauer als: Skakke (wichtig im Showdown)
Christian Brückner (Stimme von u. a. Robert de Niro) als: Rönn (Sondereinsatzkommandochef)
Manfred Seipold als: Reinhard Heydt, der Kopf der Terroristen in Stockholm
… und andere, so etwa Achim Strietzel.

_Handlung_

Die Story verschlingt zwei separate Stränge, so dass man leicht Gefahr läuft, den jeweils kleineren aus dem Blick zu verlieren.

Kommissar Martin Beck, Leiter der Mordkommision der Rikspolis in Stockholm, bekommt die Aufgabe übertragen, den Besuch eines US-Senators, der in einigen Monaten die Hauptstadt besuchen will, sicherheitstechnisch zu übernehmen. Doch Anfang der siebziger Jahre führen die USA noch Krieg in Südostasien und die Studenten gehen deswegen überall in Europa auf die Barrikaden. Man rechnet mit Zusammenstößen und Übergriffen. Na prächtig, denkt sich Beck.

Unterdessen wird sein Kollege Gunvald Larsson, Inspektor beim Dezernat für Gewaltverbrechen, nach Mexiko als Sicherheitsberater abkommandiert, um im Juni 1974 den Besuch eines Präsidenten und dessen Wagenkolonne zu schützen. Da dies gründlich schiefgeht, weil die Präsidentenkarosse mit Donnerschlag in die Luft fliegt, freut sich Beck schon begierig auf die Zusammenarbeit mit diesem Versager.

Er wird anstelle von Larsson zum Kopf eines operativen Kommandos zum Schutz des US-Senators befördert. Während Beck die Kontrolle über den Fernschutz behält, muss er den Nahschutz einem Mann namens Möller von der Sicherheitspolizei übergeben, der mehr von linken Spionen und Extremisten versteht als von Terroristen.

Denn Terroristen sind wirklich auf dem Weg in die schwedische Hauptstadt, wie Becks Einheit von der CIA erfährt. Die Organisation „ULAG“, die weltweit Anschläge auf Amerikaner verübt, hat vier Männer in Marsch gesetzt: einen Franzosen, zwei Japaner und den Kopf der Zelle, den südafrikanischen Ex-Söldner Reinhard Heydt. Sie besorgen sich als erstes Pläne vom Untergrund strategisch wichtiger Plätze in Stockholm. Dort wollen sie an Gasleitungen oder ähnlichem ihre Sprengsätze platzieren und per Funk fernzünden.

|Zwischenspiel.|

Rebecca Lindhs Leben ist vollends den Bach runtergegangen, seitdem sie von einem amerikanischen Soldaten ein Kind bekommen, ihn aber verloren hat. Obwohl Jim Cosgrove als Deserteur mit Sanktionen zu rechnen hat, fliegt er zurück in die Staaten, die weltfremde Rebecca zurücklassend. Auf Briefe an seine Eltern erhält sie erst sehr spät Antwort: Jim sei im Gefängnis, nachdem man ihn verhaftet habe. Rebecca Lindh weiß nun, wer schuld ist an ihrem verpfuschten Leben: die amerikanische Regierung. Und sie gedenkt etwas dagegen zu unternehmen.

|Unterdessen …|

… begeht Reinhard Heydt, Topterrorist, einen winzigen Fehler. In einer Bar gabelt er eine junge Frau auf, die als Polizeianwärterin arbeitet. Sie verbringen die Nacht zusammen, doch Ruth Salomonsen kennt auch Kommissar Beck. So kommt Becks Antiterroreinheit den ULAG-Leuten auf die Spur und rückt ihnen schließlich auf den Pelz. Beck hat auch eine geniale Idee, wie er den Bombenlegern ein Schnippchen schlagen kann.

Dann ist der entscheidende Tag da. Becks Plan scheint aufzugehen, doch mit Rebecca Lindh hat niemand gerechnet.

_Mein Eindruck_

Die Terroristengruppe ULAG, die weltweit operiert und unterschiedlichste Angehörigen zählt, erinnert heute fatal an Osama Bin-Ladens in Zellen aufgebaute Organisation Al-Kaida. Mit einem wichtigen Unterschied: Es gibt keine religiöse Motivation für die Mitglieder und ihre Taten. Verantwortlich dafür sind lediglich der Hass auf die Amerikaner und die Israelis („Zionisten“). Dass genau der gleiche Hass aber auch quasi an der Heimatfront entstehen kann – und zwar nicht von maoistischen Splittergruppen wie in Liza Marklunds neuem Roman [„Der rote Wolf“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=573 -, kann nicht in das Kalkül von Antiterroreinheiten wie die von Beck eingehen. Es ist ein blinder Fleck, der auch prompt zu einer Katastrophe führt.

Der gesamten Geschichte merkt man an, wie genau und detailliert die beiden erfolgreichen Autoren recherchiert haben müssen. Die Organisation der Sicherheitskräfte ist authentisch abgebildet, das Vorgehen der Terroristen aber auch. Lediglich im doppelten Showdown spielen denn doch ein wenig Heldentum und Glück mit, um den Erfolg Becks komplett zu machen. Nun ja, soviel Freiheit darf sich die Literatur wohl herausnehmen. Immerhin gibt es beim zweiten Finale auch Opfer unter den Mannen Becks.

Der Topterrorist Heydt kam mir ein wenig sentimental vor, wenn man ihn mit heutigen Terroristen vergleicht. Er lässt sich mit einer „Zivilistin“ ein (Frauen, Kinder, Greise werden im Jargon alle als „Zivilisten“ bezeichnet), und er weigert sich, den Tod einer Frau in Kauf zu nehmen, obwohl der Schuss Beck erfolgreich treffen könnte. Ob dies Mangel an Realismus oder Vorstellungsvermögen seitens der beiden Autoren verrät oder nur eine gewisse Rücksichtnahme gegenüber dem Lesepublikum, wer kann das heute noch beurteilen?

|Die Sprecher / Produktion|

Es stellt sich als sehr nützlich heraus, das Hörbuch zwei- oder mehrmals anzuhören (oder gleich das |Rowohlt|-Buch zu lesen), denn die schiere Anzahl der beteiligten Figuren trägt zunächst einmal zur Verwirrung des Hörers bei. Beim ersten Hören ist man stark damit beschäftigt, die Struktur der drei Handlungsstränge (um Beck, Heydt, Lindh) auseinanderzuklamüsern, bevor man sich mit dem Verhalten der einzelnen Figuren sowie ihren Sätzen näher beschäftigt.

Die Handlung wurde für das Hörbuch auf das Notwendigste gekürzt, und da kann schon mal der eine oder andere Zusammenhang verloren gehen. Mir sind aber keine gravierenden Fehler aufgefallen. Man braucht sich einfach nur an bestimmte Besuche von US-Präsidenten etc. zu erinnern, um sich den D-Day des Senatorenbesuchs, der hier geschildert wird, lebhaft vorstellen zu können. Und dies war wie gesagt bereits 1974.

Die Sprecher machen einen ausgezeichneten Job. Alle scheinen ihren Text aus dem Effeff zu beherrschen, so dass sich die Aufmerksamkeit ganz auf die Intonation richten kann. Es ist schon faszinierend, wenn Christian Brückner seine De-Niro-Stimme erklingen lässt. Ich kann ihn mir lebhaft als Figur in einem SEK-Outfit vorstellen, wie er sein Bombenentschärfungskommando dirigiert oder seinem Chef, Beck, Bericht erstattet.

Eindeutig zu kurz kommen eigentlich nur weibliche Sprechrollen. Aber das muss nicht unbedingt am Hörspielskript liegen. Dafür kann auch die literarische Vorlage verantwortlich sein.

|Musik & Geräusche|

Im Vergleich zu gewissen anderen Hörspielen aus den siebziger Jahren ist „Die Terroristen“ mit einer voll ausgebauten, komplett repräsentativen Hintergrund- und Pausenmusik ausgestattet. Hier macht sich die gute finanzielle Situation beim WDR positiv bemerkbar. Die Musik von Hans-Martin Majewski ist sehr abwechslungsreich und passt sich der jeweiligen Situation mit einem Stilwechsel optimal an.

Es gibt nicht allzu viele Geräusche im Hörspiel. Sie sollen offensichtlich nicht vom Text ablenken. Doch an bestimmten Stellen sind Geräusche unerlässlich, so etwa im Prolog, als eine Explosion ertönt. Und ganz sicher bei den zwei Schusswechseln mit den Terroristen. Leider nehmen sich die zu hörenden Schüsse aus wie feuchte Knallfrösche. Vielleicht wollte man das Gehör der Zuhörer nicht schädigen? Da bietet das Mankell-Hörspiel [„Die Pyramide“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=567 (2004) doch wesentlich kraftvolleren bzw. realistischeren Sound.

_Unterm Strich_

Dieser Thriller braucht sich hinter keinem der heute veröffentlichten Schwedenkrimis zu verstecken. Die zahlreichen Fakten aus der Realität der in den Anfängen steckenden Terrorismusabwehr vermitteln ein gutes Gefühl beim Publikum, dass die beiden bekannten Autoren wussten, wovon sie schrieben. Zuweilen hat man eher den Eindruck, einem Protokoll der laufenden Ereignisse zu folgen als einer Erzählung.

Dass aufgrund des Mordes an Ministerpräsident Olof Palme dieser Roman prophetische Eigenschaften zugeschrieben bekam, verwundert nicht. Und wenn man die Pläne der weltweit operierenden Al-Kaida-Anhänger gegen England, Italien, Polen usw. berücksichtigt, so kann einem angesichts des möglichen Szenarios bange werden, ob es so ausgehen wird wie bei Sjöwall/Wahlöö.

Das Hörspiel ist eine professionelle Umsetzung des Romans, fordert den Hörer aber ungemein. Denn er muss nicht nur die Struktur dreier Handlungsstränge auf die Reihe bekommen, sondern über ein Dutzend Sprechrollen zuordnen. Daher empfiehlt es sich, das Hörspiel mehrmals zu hören – wozu sonst kann man es nun endlich auch auf CD genießen? Für spannende Unterhaltung ist jedenfalls gesorgt.

|Umfang: 101 Minuten auf 2 CDs|

Lovecraft, Howard Phillips – Schatten über Innsmouth, Der

„Die atmosphärische Dichte dieser Novelle steigert sich vom anfänglichen Grauen bis hin zu blankem Entsetzen und endet im Wahnsinn“, schreibt der |Festa|-Verlag (oder |LPL records| oder |Lübbe Audio|) auf dem hinteren Einleger.

|Der Autor|

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die |Großen Alten|, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber wie in den Zusatztexten zu erfahren ist, reicht Lovecrafts Grauen weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der |Großen Alten| ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit.

|Die Sprecher|

Joachim Kerzel ist der Synchronsprecher von Hollywoodstars wie Jack Nicholson und Dustin Hoffman. Durch zahlreiche Bestseller-Lesungen – etwa von Ken Follett und Stephen King – hat er sich einen Namen gemacht.

Lutz Riedel ist die deutsche Stimme von Timothy Dalton (James Bond u. a.). Er war auch „Jan Tenner“ in der gleichnamigen Hörspielserie.

_Handlung_

Die lange Erzählung aus dem |Cthulhu|-Mythos, die 1931 entstand, erklärt, wie es zu dem massiven Einsatz von Regierungstruppen 1927/28 in dem kleinen und fiktiven Küstenstädtchen Innsmouth kommen konnte. Der Ich-Erzähler ist der gerade volljährig (21 Jahre) gewordene Amateurhistoriker Olmstead.

Er will nach der Schule seine Mutter an der Küste besuchen, verfügt aber nur geringe Geldmittel. Daher beschließt er, die kürzeste Busstrecke zu fahren, um ebenso zeitig wie billig voranzukommen. Um von der Miskatonic University über Newburyport nach Arkham zu gelangen, muss er über Innsmouth fahren.

Er hört warnende Gerüchte und Geschichten über Innsmouth und recherchiert in der Bibliothek. Aber erst der Besuch des Museums von Newburyport überzeugt ihn, dass an den Innsmouth-Bewohnern etwas recht Merkwürdiges ist. Dort ist eine Tiara oder Priesterkrone ausgestellt, auf der Fischwesen in ein unbekanntes Metall eingraviert sind. Die Innsmouth beherrschende Familie der Marshs wolle diese Krone zurückhaben, seit sie vor über 50 Jahren von einem Seemann versetzt wurde, erzählt die Museumsführerin. Olmstead läuft ein Schauder über den Rücken.

Der Busfahrer ist eine selt- und schweigsame Gestalt: mit einem watschelnden Gang, vorstehenden Augen, einer Hautkrankheit und sonderbaren Falten an den Halsseiten. Und Joe Sargents Hände sind nicht rosa, sondern blaugrau. Sein Geruch ist abstoßend. In Innsmouth selbst, das am Fluss Manuxett liegt, fährt man an der Kirche des Dagon vorbei, in der der Priester eine Tiara trägt.

Olmstead steigt im einzigen Hotel ab, dem Gilman-House, denn der nächste Bus fährt erst am Abend nach Arkham. Ein Lebensmittelhändler, der aus Arkham stammt, zeichnet ihm eine Straßenkarte, warnt ihn aber vor dem Armenviertel, wo in vielen Häusern, obwohl sie verschlossen sind, merkwürdige Geräusche erklingen. Zum Glück ist weder Walpurgisnacht (30.4.) noch Halloween (31.10.), an denen für die Leute aus Innsmouth hohe (heidnische!) Festtage sind. Als Historiker ist seine Neugier geweckt.

In den Straßen sind weder Katzen noch Hunde zu sehen, die wenigen Kinder sehen affenartig aus, die Kirchen sind leer und verfallen, vom Hafen weht ständig Fischgeruch herüber, denn die Fischgründe sind außergewöhnlich reich, und fremde Fischer werden ferngehalten. Am Horizont ist das sogenannte Teufelsriff zu sehen, in dem eine Höhle fremde Kreaturen beherbergen soll, die aus der Tiefe hinter dem Riff stammen.

|(Hinweis des Lektors: Ab dieser Stelle werden wesentliche Wendungen der Handlung zusammengefasst; auch die nachfolgende Beurteilung geht aufgrund des Klassikerstatus dieser Geschichte ins Detail. Wer sie noch nicht kennt, sollte erwägen, im Abschnitt „Die Sprecher“ weiterzulesen.|

Genau das bestätigt ihm auch der fast neunzig Jahre alte Säufer Zadok Allen (Kerzel, s. u.), den Olmstead mit Whisky zum Reden bringt. Dessen unglaubliche Story: Der alte Obed Marsh habe ca. 1840 die Südsee befahren, wo er die Kanaken besuchte, die dem Fischgott Dagon bzw. Cthulhu Menschen opferten, um dafür reichen Fischfang und Gold zu erhalten. Marsh sei mit den Göttern einen Pakt eingegangen und habe den Kult nach Innsmouth gebracht. Das Amphibienvolk habe sich mit der Zeit mit den ihm geopferten Menschen vermischt und die Rasse mit dem Innsmouth-Look hervorgebracht. Zuerst würden diese Menschen ganz normal aussehen, aber nach einer Weile zu einem Wesen mit Fisch- und Froschmerkmalen mutieren. Denn in dieser Form sei es potenziell unsterblich. Einmal habe Zadok Allen diesen Kult verraten und die Menschenopfer seien ausgeblieben. Doch 1846 sei dann nicht etwa die Pest ausgebrochen, sondern die Rache des Fischvolks über Innsmouth gekommen. Seitdem halte er, Allen, die Klappe. Aber er habe den dritten Eid auf Cthulhu nie geschworen, beteuert er und verschwindet.

Allerdings hat man Olmstead mit Allen gesehen. Als es Abend wird, steht kein Bus für ihn bereit, obwohl das Vehikel gerade Passagiere aus Newburyport transportiert hat. Man gibt ihm ein anderes Zimmer. In der Nacht versuchen Unbekannte, in sein Zimmer einzudringen, doch ahnungsvoll hat er Vorkehrungen dafür getroffen. Aber als etwas Schwereres die Treppe hochkommt, verlässt er das Haus durchs Fenster und flieht über die nächtlichen, mondhellen Dächer und Straßen.

Grauenerregende Szenen der Verfolgung durch einen fisch- und froschartigen Mob, mit tiaratragenden Priestern in der Mitte, erschrecken Olmstead und zwingen ihn, einen anderen Fluchtweg zu suchen. Da alle Ausfallstraßen blockiert sind, bleiben nur die verlassenen Bahngleise, die nach Rowley führen. Doch wird man ihn entdecken?

Ein Jahr später, nach dem Truppeneinsatz, studiert Olmstead am College. Er erhält den ersten Hinweis, dass seine eigene Ahnenreihe eine Gefahr darstellen könnte. Der Familienschmuck seiner Urgroßmutter enthält eine Tiara mit Fischwesenmotiven, Armreife und einen abnorm gestalteten Brustschmuck. Er fällt in Ohnmacht.

Zwei Jahre später, im Winter 30/31, beginnen die Träume von einem Volk aus der Tiefe. Sie rufen ihn …

_Mein Eindruck_

Man merkt also: Bis unser Held überhaupt in die Bredouille gerät, ist es ein ziemlich langer Weg. Der „Schatten“, den Innsmouth vorauswirft, ist offenbar ziemlich lang. Aber auch als sich Olmstead durch die verbarrikadierten Straßen an den Verfolgern vorbeischleicht, als befände er sich in einem Karl-May-Roman, ist nicht sicher, ob es zu Handgreiflichkeiten kommen wird. Denn dem Autor HPL geht es weniger um die Action in einem konkreten Fall, sondern um die allgemeine und weltweite Bedrohung der Menschheit durch eine Rasse, die unsterblich ist und ihr Territorium zurückwill. Innsmouth ist ihr Brückenkopf in die USA.

Der Autor baut die globale Dimension dieser Bedrohung Stufe um Stufe auf. Dazu gehört nicht nur die genetische Degeneration und konsequente körperliche Veränderungen an Betroffenen, sondern auch der totale Kollaps der bisherigen kulturellen Errungenschaften. Letztere werden vielmehr ersetzt durch antihumane Bedingungen, wie etwa Menschenopfer, Verehrung eines Großen Alten (Cthulhu) und Verfolgung all seiner Feinde. Es wäre ein Rückfall in alttestamentarische Zeiten, und der zuständige Gott ist nicht Jahwe, sondern Cthulhu bzw. Dagon.

Der ultimative Horror entsteht aber bei Olmstead nicht durch die Invasion der Fischmenschen, sondern durch die Entdeckung, dass er einer von ihnen wird. Dieses kosmische Grauen schlägt ein Jahr später um in Wahnsinn: Olmstead folgt Cthulhus Ruf und ist somit ipso facto kein Mensch mehr. Das erinnert an die biblische Prophezeiung, dass sich die Sünden der Väter auf die Nachkommen bis ins 10. Glied (oder so) vererben würden. Olmsteads Pech ist es, dass er keine Ahnung hat, welche Sünden seine Väter begangen haben – ja, dass sie überhaupt seine Väter sind! Will also indirekt heißen: Wer seine Herkunft nicht kennt, wird ihr möglicherweise zum Opfer fallen. Und wer seine Geschichte nicht kennt, ist gezwungen, sie zu wiederholen, da er die Warnung nicht (er)kennt.

Die Erzählung ist ein Meisterstück des stimmungsvollen Grauens, wie sie HPL von Anfang beabsichtigte. Um diese Wirkung zu erzielen, brauchte er aber auch drei Anläufe. Da sich Beklemmung, Grauen und Wahnsinn nicht aus Aktion, sondern vielmehr aus Befindlichkeit ergeben, ist der Held der Story stets Bedrohter und Opfer, fremd in einer seltsamen Welt, die plötzlich anderen Regeln gehorcht. Genau diese Befindlichkeit ist die des Autors zeitlebens gewesen. Daher erzählt HPL, wenn er von Olmsteads Expedition ins Herz der Finsternis berichtet, zugleich auch von sich selbst – der Welt möglicherweise zur Warnung.

Lesetipp: „H. P. Lovecraft: Von Monstren und Mythen“, herausgegeben von Andreas Kasprzak, im |Th. Tilsner Verlag|, Bad Tölz, ISBN 3-910079-05-9. Darin findet sich ab S. 122ff eine Übersicht über die Großen Alten sowie auf S. 137 ein Stammbaum, in dem HPL und Clark Ashton Smith ihre eigene Herkunft von diesen fremden Göttern herleiten!

|Die Sprecher|

Lutz Riedel erledigt die Hauptarbeit bei der Lesung der Geschichte ohne Fehl und Tadel, spricht selbst die schwierigsten Orts- und Personennamen ohne Ausrutscher aus.

Joachim Kerzel hat quasi einen Gastauftritt in der eminent wichtigen Rolle des alten Zadok Allen. Seine Darstellung des alten Säufers ist von Dialekt und Umgangssprache geprägt, was allein schon eine größere schauspielerische Leistung erfordert. Hinzukommt noch, dass Zadok Allen nur deshalb so redselig ist, weil er einen ordentlichen Schluck aus der Whisky-Pulle genommen hat, die ihm der Erzähler Olmstead anbietet. Was bedeutet, dass sein Zungenschlag ein wenig ins Lallende abgleitet. Obendrein wird Zadok auch noch von konkreter Angst vor dem geschüttelt, was dem Teufelsriff entsteigt. Insgesamt ist Kerzels „Auftritt“ sehr eindrucksvoll und bleibt lange in Erinnerung. Er wird auch noch einmal im Essay auf CD Nr. 4 zitiert (weil’s so schön war).

|Die Bonus-CD|

„…liefert düstere Hintergrundinformationen zu Lovecrafts bekanntester Geschichte und enthüllt interessante Details über dessen alptraumhafte & geniale Gedanken“. Den Essay-Text hier liest Nana Spier (die deutsche Stimme von Drew Barrymore) mit David Nathan als H. P. Lovecraft. Der Essay stammt von S. T. Joshi, einem ausgewiesenen Lovecraft-Experten.

„Schatten über Innsmouth“ wurde offenbar hart mit drei Versuchen erkämpft, und als es dann Ende 1931 fertig war, ließ es sich nicht verkaufen. Zu Lovecrafts Lebzeiten kam 1936 nur eine Miniauflage von 200 Exemplaren zustande: seine einzige Buchpublikation überhaupt. Erst 1941 erschien es gekürzt in einem Magazin.

Darauf untersucht Joshi die zahllosen unterschiedlichen Quellen, die in den Kurzroman einflossen. Das Vorbild für Innsmouth lieferte eine verwinkelte Hafenstadt in Rhode Island oder Massachusetts, die HPL gerne durchstreifte, möglicherweise Gloucester.

Vorbilder für Zadok Allen gab es ebenfalls. HPL stieß laut einem Briefbericht auf eine alte Frau, die im Jahr 1796 geboren worden war. Zudem gab es einen Mann namens Hoag, der im Jahr 1827 im Alter von 96 Jahren starb und der einen Bericht über die tatsächliche Beschießung von Fort William Henry im Jahr 1757 liefern konnte, welche im „Letzten Mohikaner“ verewigt wurde.

HPLs Abscheu vor Rassenvermischung kommt allenthalben zum Durchbruch, und selbst fremde Sprachen sind ihm auf neurotische Weise verhasst – zumindest seinem Alter Ego Olmstead. Dies erweist sich jedoch nach weiteren drei Jahren als purer Selbsthass: Olmstead wird selbst eine der verhassten Kreaturen vom Teufelsriff, die Cthulhu oder Dagon gehorchen.

Der Schatten, der so vielfältig über Innsmouth wahrgenommen wird, verwandelt sich nun plötzlich in den „Schatten der Wunder“, die auf Olmstead in der Unterseestadt Yante-lei warten. Aus der Distanz des Horrors hat sich nun eine Vereinigung ergeben: außen ist innen, das Andere ist zum Ich geworden. Was für Olmstead höchste Verzückung ist, gerät dem unbeteiligten Beobachter zu maximalem Grauen und Abscheu – ein Meisterstück an Gefühlssteuerung.

Dieser Essay genügt selbst literaturwissenschaftlichen Ansprüchen. Optimal wäre natürlich, wenn Fachkollegen die Darlegungen nachprüfen könnten. Dies können sie aber nur anhand der gedruckten Ausgabe von S.T. Joshis HPL-Monografie.

_Unterm Strich_

Regisseur Frank Gustavus, der sich bereits durch seine Hörspiel-Inszenierung von „Jack the Ripper“ einen guten Namen gemacht hat (und kürzlich [„Der Vampyr“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=525 inszenierte und produzierte), hat auch mit „Der Schatten über Innsmouth“ ein schönes Hörbuch abgeliefert. Die Story selbst braucht zwar ungewöhnlich lange, bis sie in Fahrt kommt, dann aber überschlagen sich die Ereignisse. Bezeichnenderweise gibt es keinerlei Handgreiflichkeiten. Der Horror ist stets pure Einbildung und Empfindung im Kopf des Betrachters und Gejagten, des Historikers Olmstead. Die Story besitzt eine schöne Pointe, die uns den Anfang in einem ganz anderen, nämlich ironischen Lichte lesen / hören lässt.

Keiner braucht Angst vor einer Art Informations-Overkill zu haben: Es wird immer mal wieder eine Kunstpause eingelegt, in der man sich zurücklehnen und ein klein wenig entspannen kann – wenn da nicht die unheimliche Musik wäre.

Die tiefen Stimmen von Lutz Riedel und J. Kerzel tragen stark zur unheimlichen und bedrohlichen Stimmung bei, die für das wachsende Grauen von wesentlicher Bedeutung ist. (Es passiert ja im Grunde so gut wie nichts!) Besonders Kerzels Leistung ist zu bewundern – kein Wunder, dass er Dustin Hoffman und Jack Nicholson so gut synchronisieren kann.

Kurzum: Dieses Hörbuch lohnt sich für Lovecraft-Liebhaber und solche, die es werden wollen.

|Umfang 278 Minuten auf 4 CDs|

Allende, Isabel – Im Bann der Masken

Nach „Die Stadt der wilden Götter“ und „Im Reich des goldenen Drachen“ bildet „Im Bann der Masken“ das dritte und letzte Abenteuer von Alex und Nadia. Tief im Herzen Afrikas stehen die Menschen im Bann einer dunklen Macht: Das uralte Volk der Pygmäen wird von einem verbrecherischen König beherrscht. Wird es Nadia, Alex und ihren Helfern gelingen, die bösen Mächte zu besiegen? (Aus dem Klappentext)

|Die Autorin|

Isabel Allende wurde 1942 in Peru geboren und wuchs in Chile auf. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Kalifornien. Ihr erster Roman „Das Geisterhaus“ wurde von Bernd Eichingers Produktionsfirma verfilmt. „Die Stadt der wilden Götter“ war Allendes erster Roman für Jugendliche, der mit „Im Reich des goldenen Drachen“ eine Fortsetzung erfuhr (ebenfalls ein Hörbuch im |Hörverlag|) und nun mit „Im Bann der Masken“ vollendet wurde.

Isabel Allende sagt von sich selbst: |“Ich würde sagen, dass ich ein Mensch bin, der davon überzeugt ist, dass die Welt ein sehr mystischer Ort ist. Wir haben nicht halb so viele Antworten auf die Fragen gefunden, von denen wir überzeugt sind, dass wir sie beantworten können. Alles ist möglich, es gibt nicht nur eine materielle Welt.“| Und wie kam es zu diesen wundervollen Jugendbüchern? |“Ich habe schon Abenteuergeschichten geschrieben, als meine Kinder noch klein waren, und ich habe sie ihnen dann erzählt, Abend für Abend. So blieb ich wunderbar in Übung.“| (Alle Zitate sind den Booklets des Hörbuchs „Im Reich des goldenen Drachen“ entnommen.)

|Der Sprecher|

Andreas Fröhlich, 1965 geboren, hatte bereits mit sechs Jahren seine erste Hörspielrolle und ist heute wahrscheinlich eine der bekanntesten Stimmen im deutschsprachigen Raum, z. B. als Synchronstimme von John Cusack.

Seit Jahren steht er als Bob Andrews für die Hörspielserie „Die drei ???“ vor dem Mikrofon. Für den |Hörverlag| übernahm er Rollen in A. Dumas‘ „Die drei Musketiere“ und H. Mankells „Die Rückkehr des Tanzlehrers“. Fröhlich lebt in Berlin und arbeitet als Schauspieler, Synchron- und Hörspielsprecher, Synchronregisseur sowie Dialogbuchautor.

Das Hörbuch bietet die vollständige Lesung ohne jedwede Kürzung. Regie führte Sven Stricker.

_Handlung_

Zunächst erleben Alex Cold und seine Freundin Nadia Santos sowie ihr kluger Affe Borrobà Afrika als eine bunte Abfolge von kleinen aufregenden Abenteuern. Nadia spricht mit den Elefanten, denn sie spricht die Sprachen aller Tiere. Ihr Reitelefant ist eifersüchtig auf Alex, mit dem sich Nadia dennoch hin und wieder abzugeben scheint. Alex‘ Großmutter Kate, 67, macht wie schon am Amazonas und im Himalaya eine Reportage für „International Geopgraphic“ und hat zwei Fotografen dabei. Sie alle sind Gäste von Michael Mushaha, der offenbar den kenianischen Nationalpark leitet. Auch Michael ist verliebt …

|Die Prophezeiung|

Auf dem kenianischen Marktplatz von Arusha mit seinem Vielvölkergemisch treffen Alex und Nadia eine alte Schamanin, Ma Bangese. Sie weiß, dass Alex eine Medizin für seine krebskranke Mutter sucht. Sie prophezeit ihm: Wenn er sich mutig bewährt, werden seine Mutter und Nadia die kommenden Gefahren überleben. Alex und Nadia erleben in der Hütte eine Geistreise in den Dschungel, der auf sie wartet. Solche Geistreisen sind seit Südamerika nichts Besonderes mehr für die beiden. Sein Totem ist der schwarze Jaguar, Nadias Geisttier hingegen ist der Adler. Deswegen reden sich die beiden öfters auch als Jaguar und Aguila an. Jedenfalls haben sie eine gemeinsame Vision vom zerstörten Kongo und der Herrschaft eines dreiköpfigen Ungeheuers. Sie bekämpfen es vergebens. Ma Bangese warnt sie: „Bleibt immer zusammen, sonst sterbt ihr!“

|Safari|

Bei ihrer Safari in den Busch gibt es ein komisches Intermezzo mit betrunkenen Mandrill-Affen und neugierigen Löwen sowie eine bewegende Episode mit der Geistheilung eines kranken Kleinkindes. Als wichtigste Begegnung erweist sich die ebenso furchtlose wie füllige Pilotin Angie Ninderere, die auch Ma Bangese kennt. Sie ahnt nicht, dass Michael Mushaha in sie verliebt ist.

Der christliche Missionar Bruder Fernando aus dem verwüsteten Nachbarstaat Ruanda bekniet Angie und die restliche Safari, ihn in den Kongo zu fliegen, weil dort zwei seiner Ordensbrüder verschwunden sind. Der Haken dabei: In diesem Dorf Nungubé herrscht der Tyrann in dreifacher Gestalt – als König Kossongo, als Kommandant Maurice Mbembelé und als der Schamane Sombè.

|Bruchlandung|

Alex und Nadia überreden Kate zum Flug, die überredet (mit gewisser Mühe) die Pilotin Angie, und los geht’s. In einer dramatischen Aktion gelingt es Angie, ihre voll besetzte und beladene Cessna auf dem schmalen Uferstreifen eines Dschungelflusses zu landen. Leider wird dabei der Propeller verbogen, so dass sie alle erst einmal festsitzen. Im nahen Dschungel befreien Nadia und Alex eine Gorillamutter und ihr Junges aus einer Fallgrube, die Pygmäenjäger angelegt haben. Das wird sich später als Segen erweisen.

|Ins Herz der Finsternis|

In den Booten vorbeikommender Diamantenschmuggler gelangen sie an die Grenze des Königreichs von Kossongo. Ein furchterregender Totenkopf warnt sie vor dem Weitergehen. Doch sie müssen nach Nungubé, Kossongos Hauptort. Geführt von Pgymäen, dringen sie beklommen weiter vor – ins Herz der Finsternis, wo das dreiköpfige Ungeheuer auf sie lauert.

_Mein Eindruck_

Wie schon in Südamerika und im Himalaya zieht es die drei Hauptfiguren Alex, Nadia und Oma Kate wieder in eine Weltgegend, in der ein kleines Volk in seiner Existenz bedroht ist, das noch über Kenntnisse von mystischen Wahrheiten verfügt. Waren es in Südamerika verborgen lebende Indios und im Himalaya die Bevölkerung einer Art Shangri-La, so sind es diesmal die Pygmäen.

Ich habe seit meiner Kindheit ein Buch von Prof. Bernhard Grzimek, in dem er von seiner Erkundung des Kongo-Urwaldes berichtet. Er stieß im Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre unberührten Urwald nicht nur auf ungewöhnliche Tiere wie das Okapi (das bei Allende schon nicht mehr vorkommt), sondern auch auf ein kleinwüchsiges, verborgen lebendes Völkchen: die Pygmäen. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bezeichnet zwergwüchsige Menschen. Grzimek verbrachte Wochen bei ihnen und lernte sie als fröhliches Naturvolk kennen, das mit der sie umgebenden und ernährenden Natur in Einklang lebt.

Bei Allende sind die Pygmäen aus diesem Stand der Unschuld herausgefallen. Ein anderes Volk hat sie unterjocht und versklavt, und zwar im Gefolge der abgezogenen weißen Kolonialherren (v. a. Belgier, denen der Kongo „gehörte“). Nun müssen die Jäger ständig eine Unmenge Elefanten erlegen und deren Elfenbein abliefern, damit die Herrscher ihren Profit daraus schlagen können. Andere Pygmäen müssen nach Diamanten schürfen, die ebenfalls außer Landes geschmuggelt werden. Die Frauen werden als Sklavinnen gehalten, und als Geiseln sorgen sie für den gehorsam ihrer Männer, der Jäger und Schürfer. Dies ist das finstere Reich des Königs Kossongo, seines Kommandanten und seines Schamanen. Die christlichen Missionare sind längst tot.

Nun tauchen die Herrschaften aus den Vereinigten Staaten auf, dem Hort der Freiheit, so scheint es. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Sie betrachten es als ihre Pflicht und Schuldigkeit, die unterdrückten Pygmäen zu befreien. Das ist leider nicht so einfach, denn das System der Unterdrückung hat ja jahrelang funktioniert. Aber mithilfe der besonderen Fähigkeiten von „Jaguar“ und „Aguila“ sowie von Oma Kate erreichen sie dieses Ziel doch, wenn auch ein wenig anders als gedacht.

Es gibt etliche Überraschungen hinsichtlich gewisser Identitäten und des Auftauchens gewisser Tierarten. Außerdem kommt das komische Talent von Angie Ninderere voll zur Geltung. Es ist also für Action, Spannung und Humor gesorgt. Da dies ein Jugendbuch ist, dürfen auch die mystischen Elemente auftauchen, ohne peinlich zu wirken. Und das waren sie bei den anderen Allende-Romanen der Trilogie auch nie.

Die Autorin verweist, clever, wie sie nun mal ist, hin und wieder auf die in den anderen Bücher geschilderten Abenteuer. Am Schluss folgt sozusagen ein Resümee der gesamten Trilogie. Schließlich wollen die jungen Hörer bzw. Leser wissen, wie es mit Nadia, Alex und Kate weiterging.

|Der Sprecher|

Andreas Fröhlich verfügt über eine Stimme, die ich schon immer sehr sympathisch fand. Sie ist angenehm anzuhören, manchmal sogar einschmeichelnd, aber dennoch maskulin und tief. Wie ein ausgebildeter Schauspieler beherrscht er zwei schwierige Fertigkeiten: die der richtigen Intonation eines Satzes mit entsprechender Betonung und zweitens die der Pause.

Eine winzige Pause vor einem Wort hebt das nachfolgende Wort hervor und macht es für uns quasi erkennbar. Genauso wie ein Zögern in einem Dialog Aufschluss gibt über den unsicheren – oder überraschten – Gemütszustand seines Sprechers. Also sind Pausen sehr wichtig, aber nur Leute mit entsprechender Ausbildung wissen sie an den richtigen Stellen und mit dem passenden Gewicht (sprich: Länge) einzusetzen, so dass sie gar nicht als Pausen auffallen. Pausen, die auffallen, lassen einen Text schwerfällig und unbeholfen erscheinen.

|Fremde Sprack|

Fröhlich beherrscht, wie zu hören war, die Aussprache der fremdsprachigen Ausdrücke perfekt, gleichgültig, ob es sich um Bantuwörter oder sonstige Bezeichnungen handelt. Mag sein, dass es mir schien, als ob sich die Aussprache von Namen von Mal zu Mal geringfügig änderte. Das macht aber nichts, denn da die afrikanischen Namen so auffällig und selten gebraucht werden, besteht keine Gefahr der Verwechslung. Und Gewissheit verschafft wie stets ein zweites Anhören des Vortrags.

|Musik, Geräusche? Nix da!|

Musik gibt es nur als Jingle am Anfang und Ende des Hörbuchs, ansonsten aber nie, genauso wenig wie Geräusche. Wer so etwas braucht, wende sich an Hörspielproduktionen, die von den Rundfunksendern in großer Zahl als Audiobooks vermarktet werden – bis hin zu [„Otherland“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=603 dem Nonplusultra der Hörspiele.

_Unterm Strich_

Das spannende und actionreiche Hörbuch richtet sich an Jugendliche ab zwölf Jahren, die schon über Zentralfrika ein wenig Bescheid wissen. Diesmal ist es nicht so lang geraten wie die beiden Vorgängerbände „Die Stadt der wilden Götter“ und „Im Reich des goldenen Drachen“ (die Titel erinnern ein wenig an Karl Mays „Reiseerzählungen“, nicht wahr?) – statt acht sind es diesmal „nur“ sechs CDs, deren Spieldauer 411 Minuten beträgt, also beinahe sieben Stunden.

Mir hat die Geschichte ausgezeichnet gefallen. Diesmal hält sich die Autorin nicht so lange mit Landschaftsbeschreibungen und dem Aufbau einer finsteren Intrige auf. Sie geht gleich |in medias res|. Damit es aber nie allzu bedrohlich wird für die jungen Zuhörer/Leser, streut sie immer wieder humorvolle bis komische Episoden ein, so etwa jene mit den betrunkenen Mandrill-Affen oder mit der Pilotin Angie, die demnächst mit König Kossongo vermählt werden soll (na, ob das gut geht?). Die Abwechslung zwischen Action, Humor und Mystik sorgt für ein stimulierendes Erlebnis, ganz gleich, ob als Hörbuch oder als Leselektüre auf einem toten Baum.

Der Sprecher Andreas Fröhlich liest ausgezeichnet, und das ist im Vergleich zu seinem Vorgänger eine wahre Erlösung. Schulze liest zwar kompetent und fast fehlerfrei, aber auch sehr schnell, und das letzte i-Tüpfelchen fehlt eben noch (siehe auch die oben erwähnten Fertigkeiten Fröhlichs). Nun ist in Fröhlichs Lesung auch die Ironie bei einem komischen Ereignis zu hören, und auch die Dramatik kommt nicht zu kurz.

Ich finde daher „Im Bann der Masken“ rundum gelungen. Über den Preis für eine professionelle Hörbuchproduktion lässt sich immer streiten. Ich finde, der Preis für 6 CDs sollte nicht so hoch sein wie der für 8 CDs. Ist doch klar, oder? Die deutsche Buchausgabe erschien 2004 im |Suhrkamp|-Verlag, Frankfurt/M. Zeitgleich erschien im |Hanser|-Verlag eine Jugendausgabe, die im Text identisch ist, aber über ein anderes Titelbild verfügt und sechs Euro günstiger ist.

Lem, Stanislaw – getreue Roboter, Der

Lems Parodie stellt die in der Science-Fiction gewohnten Verhältnisse auf den Kopf: Diesmal erschafft nicht der Mensch ein ideales künstliches Wesen, etwa einen Roboter, sondern ein intelligenter Roboter erschafft seinen idealen Menschen – mit relativ verheerenden Folgen.

|Der Autor|

Stanislaw Lem, geboren am 12. September 1921 in Lwòw, dem galizischen Lemberg, lebt heute in Krakow. Er studierte Medizin und war nach dem Staatsexamen als Assistent für Probleme der angewandten Psychologie tätig. Privat beschäftigte er sich mit Problemen der Kybernetik, der Mathematik und übersetzte wissenschaftliche Publikationen. 1985 wurde Lem mit dem |Großen Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur| ausgezeichnet und 1987 mit dem |Literaturpreis der Alfred Jurzykowski Foundation|. Am bekanntesten wurde er für die literarische Vorlage für zwei Filme: „Solaris“, das 1961 veröffentlicht wurde.

Wichtige Bücher Lems:

Eden, 1959
Summa technologiae, 1964
Der Unbesiegbare, 1964
Kyberiade; Robotermärchen, 1965
Sterntagebücher, 1959/1971
Der futurologische Kongress, 1971

|Die Sprecher, die Produktion|

Mit Dieter Wien (Mr. Clempner), Vera Oelschlegel (Graumer, ein Roboter), Wilfried Ortmann (Inspektor Donnel) u. a. Auch ein „sonderbares Wesen“, gesprochen von Carl-Hermann Risse, tritt auf.

Produziert wurde das Hörspiel 1980 vom Rundfunk der DDR. Es wurde von Peter Goslicki für den Funk eingerichtet. Die Rechte liegen beim „henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag“, Berlin.

_Handlung_

Clempner ist – wie Lem – ein Autor, der vom Verkauf seiner Erzählungen lebt, meist schundige Krimis. Daher ist er auf pünktliche Lieferung aus, um seinen Verleger zufrieden zu stellen. Und so nervt es ihn erst einmal, als eine Speditionsfirma einen großen Karton bei ihm abliefert, den er gar nicht bestellt hat. Er hat auch keine Ahnung, was drin ist. Auch die Speditionsagentur weiß von nichts. Mysteriös!

Aus dem Karton steigt ein Roboter, der sich höflich in die Dienste seines neuen Herrn stellt. Clempner nennt ihn Graumer. Graumers Stimme klingt zunächst recht synthetisch, wird aber im Verlauf der Handlung schon bald recht weiblich. Als erstes erkundigt „sie“ sich nach Clempners Trink- und Essgewohnheiten, dann gibt „sie“ ihm ein paar Tipps für seine Storys: Akonit sei ein sehr viel wirksameres und „modischeres“ Gift als das altbackende Arsen. Clempner ist zwar anfangs dankbar, wenn auch verblüfft, doch schon allzu bald hält er Graumers Dienste für selbstverständlich und blafft „sie“ hin und wieder an. Er sieht „ihr“ die Kränkung natürlich nicht an.

Aber er bemerkt sehr wohl, dass Dinge wie ein Hemd, ein Paar Socken und dergleichen verschwinden. Als er einen Kontoauszug mit exorbitanten Ausgaben auf seine Rechnung erhält, stellt er Graumer zur Rede. Wozu hier wohl Phosphor, „physiologische Lösung“ und Akonit gebraucht würden? Leider führen die Antworten zu nichts.

Eines Abends ist Inspektor Donnel zu einem kleinen Diner zu Gast. Er berichtet Clempner und den anderen Gästen, dass er die Spur eines gerissenen Trickverbrechers verfolge, eines Roboters, der sich selbst verschicke, um zu seinem nächsten Opfer zu gelangen. Diesen Teil bekommt Clempner leider nicht mit, weil Graumer ihn ans Telefon ruft. Sonst hätte er sofort Verdacht geschöpft.

Doch was führt sein elektronisches Faktotum eigentlich im Schilde? Das wird offenbar, als Graumer die Abwesenheit „ihres“ Herrn ausnutzt und aus dem Keller, wo „sie ihre“ Experimente ausführt, das SONDERBARE WESEN heraufführt, ihm „sein“ Haus zeigt und ihm zu essen bringt. Das WESEN erweist sich als sehr dankbar gegenüber seinem Schöpfer.

Als Clempner zurückkehrt, kommt es zu einem interessanten Dialog mit dem neuen Hausherrn. Graumer stellt schon mal das Akonit bereit – aber für welchen von den beiden?

_Mein Eindruck_

Lem bedient sich für seine Aussage nicht der Form einer Erzählung, sondern der des Einakters. Gegenüber der in dem |Suhrkamp|-Taschenbuch „Mondnacht“ (st 729, S. 219 ff) 1980 abgedruckten Fassung unterscheidet sich die Fassung des 1963 geschriebenen Stückes jedoch beträchtlich. Vieles wurde gestrichen, anderes hinzugefügt. Stilistisch gehört der Plot eigentlich ins 19. Jahrhundert. So manches Mal ist man an die herrschaftlichen Verhältnisse betuchter Junggesellen erinnert, und auch die an Mary Shelleys Bestseller „Frankenstein“ angelehnte Story versetzt uns ins Zeitalter von Dickens.

Doch sind diese Reminiszenzen im Fernsehspiel weitgehend ausgemerzt worden. Telefone klingeln, LKWs bringen Kisten, die Polizei fahndet mit halbwegs modernen Methoden nach dem „Trickverbrecher“, also Graumer. Dass der Autor Clempner immer noch mit der klapprigen Schreibmaschine statt auf einem PC tippt, spricht nicht gerade für Aktualität. Das Fernsehspiel wurde 1980 für den Funk eingerichtet. Die Dramaturgie ist stimmig, und am Schluss steigert sich die Spannung im Einklang mit dem Scheitern von Graumers Experiment.

Der Humor, den eine Parodie unbedingt aufweisen sollte, kommt gut zum Tragen, Dies gelingt besonders durch die ironische Umkehrung der Verhältnisse zwischen herrschenden & schaffenden Menschen und beherrschten, erschaffenen Robotern. Lems Subversion besteht darin, zwar einen halbwegs „kreativen“ Menschen (Clempner) zu zeigen, aber auch einen Roboter, der seinem „Herrn“ in puncto Kreativität und vor allem krimineller Energie haushoch überlegen ist. Wir erfahren nicht, woher diese Programmierung stammt, daher handelt es sich bei Graumer wohl um ein selbstlernendes System.

Graumer hat ein hehres Ziel: Er will den idealen Menschen erschaffen. Das gelingt zwar, erweist sich aber in seinen Ergebnissen als nicht so wahnsinnig befriedigend und in seinen Konsequenzen als geradezu verhängnisvoll. Graumer wird wohl einen neuen Versuch starten müssen. Auch diesmal wird es sicherlich wieder um Leben und Tod gehen.

|Die Sprecher, die Inszenierung|

Im Gegensatz zum in „Mondnacht“ abgedruckten hölzern klingenden Text ist das Hörspiel weitaus natürlicher vorgetragen und inszeniert. Die Stimmen klingen, als könnten echte Menschen sie sprechen und nicht irgendwelche Funktionsträger und Klischees. Mit Dieter Wien als Clempner und Vera Oelschlegel als Graumer bestreiten zwei gut ausgebildete Schauspieler den Löwenanteil des Dialogs. Wien war DEFA-Schauspieler, aber seit 1996 ist er auch im „West“-Fernsehen zu sehen, in „Tatort“, „Polizeiruf 110“ und „Klemperer – ein Leben in Deutschland“. Oelschlegel, geboren 1938, trat – neben TV-Filmen der DEFA – in zahlreichen Bühneninszenierungen von modernen Klassikern auf und gilt als hervorragende Brecht-Interpretin. Bei Tschechow, Ibsen und Gorki führte sie selbst Regie.

Werner Grunow ist (war?) laut Booklet einer der bekanntesten Rundfunk-Regisseure der DDR. Er produzierte über 200 Kinderhörspiele, Features und Hörspiele. Er wurde 1982 mit dem bedeutenden |Hörspielpreis der Kriegsblinden| für die Regie in „Jazz am Grab“ von Arne Leonhardt ausgezeichnet.

|Die Musik …|

… stammt von einem Komponisten namens Ulrich Swillms. Er trug nach Booklet-Angaben das Stück namens „Le doyen“ bei. Stilistisch erinnert die Musik stark an die mittleren Siebziger bis frühen Achtziger, ist aber keineswegs Avantgarde, sondern dient nur zur Untermalung und als Pausenfüller.

_Unterm Strich_

Dieses Fundstück aus den Archiven des DDR-Rundfunks ist eine Wiederentdeckung wert. In dieser parodistischen Kombination aus humorvoller Unterhaltung, dramatischer Entwicklung und spannendem Finale versteckt sich eine ernste Frage, die Lem stellt – genau wie in vielen seiner humorvollen Stücke und Kurzgeschichten, etwa in „Sterntagebücher“ und „Robotermärchen“: Was würde passieren, wenn es einem Roboter einfiele, seine „Herren“ danach zu beurteilen, ob sie „gut“ sind und sie durch eine Eigenkreation zu ersetzen, durch den „idealen Menschen“? Ideal im Sinne eines Roboters, versteht sich.

Nun, in „Der getreue Roboter“ – ein sehr zweideutiger Titel – stellt sich heraus, was Graumer unter „ideal“ versteht. Es unterscheidet sich kaum von dem, was wir als Ideal hinstellen, aber fast nie leben: Nächstenliebe und Freundlichkeit. An der Realisierung dieses Ideals entscheiden sich buchstäblich Leben und Tod. An Konsequenz lässt es Graumer in seinen Taten nie mangeln. Und er lässt nie in seinem Bemühen nach. Was man von seinen sterblichen Opfern nicht unbedingt sagen kann …

Mir entlockte das unterhaltsame, aber leider viel zu kurze Hörspiel hin und wieder ein Schmunzeln. Am Schluss steigt die Spannung, ist ja klar und sehr willkommen. Weil aber alles so schnell vorüber ist, sollte man das Hörspiel gleich noch einmal anhören. Wer „I, Robot“ gesehen hat, in dem der zwielichtige Robot Sonny den Detektiv Spooner auf die richtige Spur führt, wird nun auch durch Graumers Lichtdetektoren Roboter mit anderen Augen sehen. Keiner wird mehr rufen: „Asimo, bei Fuß!“

Insgesamt ist also die Produktion in Ordnung, das Booklet informationsreich, nur der hohe Preis von knapp 15 Euro stört mich doch sehr. Man sollte sich nach gebrauchten Exemplaren umsehen.

|Umfang: 47 Minuten auf 1 CD; 12-seitiges Booklet|

Camilleri, Andrea – kalte Lächeln des Meeres, Das

„Commissario Montalbano verliert die Geduld“ heißt dieser Roman im Untertitel. Und ausnahmsweise trifft dieser voll und ganz zu. Eine Wasserleiche bringt Montalbano, den besten Gesetzeshüter von Vigàta und Umgebung, in Verlegenheit, doch der Tod eines von ihm geretteten Kindes bringt ihn in Harnisch. Haben die beiden Fälle etwas miteinander zu tun? Na, logo!

|Der Autor|

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizialianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner jeweiligen Freundin wahrzunehmen.

_Handlung_

Nicht mal in Ruhe baden kann man in der Bucht vor Montalbanos Haus, nicht mal nachts. Das denkt sich der Comissario, als er im kühlenden Nass auf eine sehr tote Leiche stößt. Doch wie die Leiche zum rettenden Strand ziehen? Er zieht die Badehose aus, entfernt die Kordel aus dem Bund und bindet die Hand des Toten an den eigenen Fuß. In der Nähe des Strandes gerät der Commissario jedoch sofort unter Beschuss, und eine ältere Dame – es ist wohlgemerkt Mitternacht! – zieht ihm, „Mörder!“ rufend, eine Eisenstange über den Schädel, was Montalbano sofort ins Reich der Träume schickt.

Doch nicht genug mit dieser Schmach – als er erwacht, haben seine Kollegen auch einen Fotografen mitkommen lassen. Am nächsten Tag kann Salvo das Bildnis seiner nackten Gestalt im Fernsehen bewundern. Seine Begeisterung hält sich stark in Grenzen. Er denkt mehr über den Toten nach, den er aus dem Meer gefischt hat. Dessen Hand- und Fußgelenke weisen tiefe Einschnitte wie von Drahtfesseln auf; wurde er gefoltert und dann ertränkt?

Schon am nächsten Tag lenkt ein weiteres bemerkenswertes Geschehnis seine Aufmerksamkeit auf sich. Wieder einmal hat die Küstenwache an der sizilianischen Südküste „boat people“ aus Tunesien aufgebracht. Sie sollen im Hafen in Busse verfrachtet werden, die sie in Asylantenlager bringen. Ein kleiner Junge kann den Flüchtlingen wie auch der Polizei entkommen und in ein Silogelände flüchten. Montalbano nimmt an, dass der Kleine sich fürchtet, weil er seine Mutter verloren hat. Er beruhigt ihn und bringt ihn wieder zurück. Eine Frau, von der er annimmt, dass sie die Mutter des Jungen ist, eilt herbei, nimmt ihn jammernd in die Arme, bricht in die Knie, wird von zufällig (?) herbei eilenden Sanitätern mitsamt dem Jungen im Krankenwagen abtransportiert.

Zunächst Ist Montalbano froh, eine gute Tat vollbracht zu haben. Wie sehr er sich in seiner Interpretation der Ereignisse getäuscht hat, wird ihm erst klar, als man den kleinen Jungen wenige Tage später in den Küstenbergen tot auffindet. Er wurde von hinten überfahren – eindeutig Mord. Den Commissario beschleicht der schlimme Verdacht, dass er den afrikanischen Jungen seinen Mördern zurückgebracht hat, denen er hatte entfliehen wollen.

Jeder weitere Hinweis, den Montalbano auf eigene Faust in dieser privaten Sache ermittelt, weist genau in diese Richtung – seine Wut kennt nun kaum noch Grenzen. Durch einen Zufall stellt sich eine Verbindung zwischen dem Jungen und der Wasserleiche heraus. Ausgerechnet Montalbanos Freundin Ingrid kannte den Toten: einen Schleuser, der aus Cosenza stammt. Doch seltsam: Die Polizei von Cosenza behauptet, dieser Mann sei schon seit Monaten als tot gemeldet …

_Mein Eindruck_

Nachdem der Autor mit „Die Rache des schönen Geschlechts“ lediglich eine (lesenswerte) Sammlung von Erzählungen vorgelegt hatte, gibt es nun also wieder ein ausgewachsener Roman. Und was für einen! Der Commissario führt sich hier auf, als führe er einen privaten Feldzug und engagiert sich in gewagten Aktionen, die einem James Bond Ehre machen würden. Dagegen protestiert sein Körper, besonders sein Herz, aufs Heftigste, denn Montalbano ist schließlich bereits über fünfzig.

Und das gute Essen, das ihm Ingrid und seine Haushälterin Adelina vorsetzen, trägt nicht gerade zum Aufbau seiner Gesundheit bei. Die aufreibenden Telefonate mit seiner Hauptfreundin Livia, die in Genua lebt, beruhigen weder seine Nerven noch sein Herzen. Kein Wunder, wenn er am Schluss vom Vorbild James Bond dankend Abschied nimmt, um es etwas ruhiger angehen zu lassen.

|Theatertricks|

Ich habe diesen flott erzählten Krimi in nur wenigen Stunden gelesen. Denn einerseits wird die Story recht geradlinig auf die Entscheidung hingeführt, zum anderen gibt es zahlreiche plastisch geschilderte Szenen, in denen es viel zu lachen gibt. Camilleri ist ja auch Theaterautor und versteht etwas von Szenenaufbau und Figurenführung. An einer Stelle gibt es sogar so etwas wie „Mauerschau“: Die „auf der Bühne“ verbliebenen Figuren, also v. a. Montalbano, berichten uns, was nur sie sehen oder hören. In einem Klassiker könnte das beispielsweise eine Schlacht sein (diese auf der Bühne darzustellen ist stets sowohl langweilig als auch teuer). Bei Camilleri ist es aber lediglich eine gewalttätige Szene, in der Schüsse vor dem Polizeirevier fallen.

|Dramaturgie|

Die Wut des Commissario, die sich aus seinem verletzten Gerechtigkeitssinn speist, ist der Motor der Handlung, Spannung entsteht zunehmend durch a) die Verknüpfung von Indizien und b) weil Camilleri uns die strategischen Pläne des Commissario verschweigt. Ein weiterer Theatereffekt: die mit großer Verzögerung gefundene wichtige Botschaft. (Wir wissen natürlich, dass sie wichtig ist, aber die Hauptfigur ignoriert sie hartnäckig – welche Pein!)

Da Montalbano nur sehr wenig von Journalisten hält, ignoriert er die Anrufe eines Pressefritzen und steckt dessen Brief erst einmal weg. Geradezu in letzter Sekunde findet er dann dessen Hinweis. Im klärenden Gedankenaustausch fällt es dann Montalbano wie Schuppen von den Augen, und alle Puzzlesteinchen fallen an die richtige Stelle, um ein stimmiges Gesamtbild zu ergeben.

|Sinnlichkeit|

Erotik spielt in Camilleris Romanen stets eine große Rolle, schließlich sind Männlein und Weiblein ja füreinander geschaffen. Außerdem ist die sizilianische Gesellschaft so vom Katholizismus und dessen anschaulicher Darstellung des Fleisches (Jesus am Kreuz, Maria mit dem Kind, Krippenspiele u.v.a.m.) durchdrungen, dass es unvermeidlich ist, wenn sich Mann und Frau näher kommen. Als Ingrid ihn (äußerst subtil) verführen will, kommen dem Salvo Montalbano nur die Qualen in den Sinn, die der hl. Antonius auszustehen hatte. Doch er bleibt seiner Livia treu, keine Bange.

|Aktualität|

Wie schon in [„Das Spiel des Patriarchen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=312 greift Camilleri ein umstrittenes Thema auf: Albanische und tunesische Schleuserbanden schaffen per Bootsflucht willige Sklaven aufs italienische Festland. Diese sind in der Mehrzahl noch minderjährig. Wie ein Nachwort belegt, stützt sich der Autor auf gesicherte Zahlen: Viele dieser Kinder enden in der Prostitution oder werden als Organspender missbraucht. Hätte Montalbano den afrikanischen Jungen laufen lassen, könnte er heute noch leben – zumindest in der Fiktion.

_Unterm Strich_

Wer einen flott erzählten, humorvollen und sinnlichen Krimi sucht, ist bei diesem Montalbano-Krimi genau richtig. Der Commissario ist keineswegs James Bond, sondern gerät von einer Klemme in die nächste – frei nach dem Motto: Irren ist männlich. Auf seiner Jagd nach den Schurken, die hinter zwei Morden stecken, geht der alternde Star der Serie mit einer Energie und Autorität vor, die immer wieder erstaunt. Und doch kommt seine Sensibilität nicht zu kurz. Er weiß, wie Kinder fühlen und denken, vor allem dann, wenn sie, wie sein Assistent Cadarella, im Körper eines über Zwanzigjährigen stecken.

Wie so oft, wird die Korruption und moralische Verkommenheit so manches höheren Beamten entlarvt. Der Staatsanwalt ist ein geiler Bock, der Polizeipräsident von Cosenza will Montalbano eine Falle stellen. Kein Wunder – besonders nicht nach dem fatalen G8-Gipfel in Genua -, dass der Commissario eigentlich die ganze Zeit über versucht, dem Polizeipräsidenten seine Kündigung zu überbringen. Es ist schon komisch, dass er dieses Vorhaben – zu unserer Erleichterung – nie recht in die Tat umsetzen kann. Möge er noch lange walten.

|Die Übersetzung|

… Christiane von Bechtolsheims, die die Montalbano-Krimis seit Anbeginn der Zeitrechnung ins Deutsche überträgt, ist wie immer makellos. (Nicht, dass ich gut italienisch könnte **fg**.) Freundlicherweise hat die Übersetzerin die Namen von sizilianischen Spezialitäten am Schluss noch einmal zusammengefasst und das damit Bezeichnete erklärt. Mögen die „kulinarischen Köstlichkeiten“ dem Commissario die Gesundheit nicht ruinieren, kann man da nur wünschen.

|Hinweis zum Preis|

Früher kosteten die Montalbano-Krimis rund zwanzig Euro, doch Lübbe hat den Preis für die Leinenausgabe um zwei Euro herabgesetzt. Das ist ein löblicher Zug und sollte Schule machen.

Hamilton, Peter F. – Dieb der Zeit, Der – Das zweite Leben des Jeff Baker

Die europäische Regierung hat im Jahr 2042 den ersten Menschen dauerhaft verjüngt: Jeff Baker, der angesehene „Vater der Datasphäre“, die 2010 das Internet abgelöst hat. Doch was bedeutet es für Jeff und seine Familie, von einem hellwachen, aber müden Greis zu einem ungestümen Sexprotz verwandelt worden zu sein? So oder so – die Rechnung dürfte für die EU-Regierung nicht aufgehen. Jeff muss sich zwischen seiner Familie und der Loyalität zur Regierung entscheiden.

|Der Autor|

Peter F. Hamilton, am 2. März 1960 im kleinsten englischen Verwaltungsbezirk Rutland geboren, wo er heute noch lebt, ist ein Senkrechtstarter im Feld der Science-Fiction. Erst ab 1987, als er eigentlich am Fließband arbeitete, musste er sich nach einem Broterwerb umsehen, den er von zu Hause verrichten konnte, damit er seine erkrankte Mutter pflegen konnte. Bereits 1989 verkaufte er seine erste Story „Death Day“ und kündigte seinen ersten Roman an: „Mindstar Rising“. Der erschien denn auch 1993 bei |Pan Books|: „Mindstar: Die Spinne im Netz“ (1998). Es war der erste Band der „Mindstar“-Trilogie, in der 1994 „A Quantum Murder“ und 1995 „The Nano Flower“ (beide 1999 bei |Bastei Lübbe| erschienen) folgten.

Seinen wirklichen Durchbruch erzielte Hamilton mit seiner Space-Opera-Trilogie „Night’s Dawn“ – deutsch als „Armageddon-Zyklus“ ab 1999 veröffentlicht. Er wird heute als wichtiger Neuerer dieses Subgenres betrachtet. Danach folgte bislang der Actionroman „Fallen Dragon“, der bei uns als in zwei Bänden als „Der Drachentempel: Sternenträume“ und „Der Drachentempel: Drachenfeuer“ erschien. „Der Dieb der Zeit“ ist also in thematischer Hinsicht ein Ausreißer. Den hatte sich Hamilton vertraglich ausbedungen. Zu seinem Vorteil. „Dieb der Zeit“ belegt, dass Hamilton mehr kann als einen Actionromanwälzer nach dem anderen zu produzieren.

Der Armageddon-Zyklus (jeder Roman hat in der deutschen Ausgabe etwa 800-900 Seiten Umfang):

1) Die unbekannte Macht
2) Fehlfunktion
3) Seelengesänge
4) Der Neutronium-Alchemist
5) Die Besessenen
6) Der nackte Gott

_Handlung_

Vierzig Jahre in der Zukunft: Seit Jahrzehnten wird sie erforscht, und Unsummen an Euros wurden in sie investiert: die Jungbrunnentechnik. Nun endlich ist die Gentechnik der Europäischen Union so weit, das erste menschliche Wesen auf Zellebene zu verjüngen, und zwar nicht vorübergehend durch Genomproteine, sondern vollständig und dauerhaft. Behaupten zumindest die Leiter des Forschungsprogramms.

Wer könnte als Testperson geeigneter sein als der Engländer Jeff Baker, den in aller Welt als Wohltäter bekannten „Vater der Datensphäre“, der seine Erfindung des Speicherkristalls nicht patentieren ließ, sondern die Technik als |Public Domain| verschenkte? Die Datensphäre hat das Internet abgelöst und damit die Welt verändert. Es gibt keine Musik- und Buchverlage mehr, weil jedes Werk sofort kopiert und somit Public Domain wird. Es gibt nicht einmal mehr die alten Rundfunk- und Fernsehanstalten, denn die sind längst pleite gegangen. Von jedem Punkt der Erde kann sich der Mensch in die Datensphäre einloggen und tausende von Kanälen empfangen. Jeff hat der Welt das Schlaraffenland der Daten und Bilder beschert. Toll, oder?

|Die Familie|

Jeff war 78 Jahre alt, als er sich in Behandlung begab. Seine Frau, das ehemalige Model Sue, besorgt sich während des Jahres seiner Abwesenheit mehrere Lover, wie sie das schon seit Jahren im „Klub der nicht verdienenden Frauen von Rutland“ getan hat. Und sein Sohn Tim, quasi das gentechnisch optimierte Ebenbild des Vaters, wächst zu einem unsicheren, häufig über die Stränge schlagenden Jugendlichen heran. Tim wechselt oft seine Freundin, doch in Annabelle Goddard glaubt er, endlich seine große Liebe gefunden zu haben. Annabelle wiederspricht ihm nicht, hat aber insgeheim ihre Zweifel, ob Tim eine gute Wahl ist. Er neigt zu Exzessen in seinem Alkohol- und Drogenkonsum. Seine Leibwächter, von denen ihn die EU-Regierung wie ihren Augapfel bewachen lässt, sind machtlos.

|Die Rückkehr|

Dann ist der große Tag da: Jeff Baker kehrt nach Hause zurück, und sofort wird eine große Party veranstaltet. Er sieht aus wie ein junger Gott, ein Zwanzigjähriger mit der Erfahrung eines Greises, aber den Hormonen eines Twens. Schon bald beginnt Jeffs reges Sexleben heftige Störungen im Leben seiner Familie zu verursachen. Seine in der Datensphäre sensationsgeil veröffentlichten Sexkapaden – ja, er ist verjüngt, und zwar in JEDER Hinsicht! – berühren nicht nur seine Frau Sue peinlich, sondern auch Tim. Ist sein Vater plötzlich so etwas wie ein größerer Bruder oder gar ein Rivale? Tims Mutter zieht nach London, während Tim seine Frustration über diesen Wüstling in gewagten Mutproben auslebt.

|Der größte Verrat|

Doch es soll noch schlimmer kommen. Am Abend des Schulabschlusses führt Tim die schöne Annabelle aus, doch seine Rückkehr gibt zu größter Peinlichkeit Anlass, als er sich besinnungslos volllaufen lässt und dann alles vollkotzt. Jeff bringt die untröstliche Annabelle nach Hause. In seinem Wagen schlafen sie miteinander – der Beginn einer leidenschaftlichen Affäre, die sich schließlich zu echter Liebe entwickeln soll.

Doch dass ein Vater seinem Sohn die geliebte Freundin ausspannt, ist ein kaum wieder gut zu machender Verrat. Über kurz oder lang muss dieses Geheimnis ans Licht kommen …

|Die Super-Demo|

Unterdessen brauen sich in Westeuropa erhebliche Unruhen zusammen. Die EU-Regierung, deren Premierminister in Kürze neu gewählt werden soll, lässt keine legitimierte politische Opposition zu. Als Folge entstehen überall radikale Separatistengruppen, die mit Terroranschlägen eine Veränderung herbeibomben wollen. In London wird eine riesige Demonstration geplant: die |Million Citizen Vote|. Tim will mit seinen Freunden an der Demo teilnehmen. Ursprünglich sollte auch Annabelle mit ihm gehen, doch sie folgt ihrem Lover Jeff in das Kongresszentrum, wo er einen Vortrag über das Forschungsprojekt halten soll, mit dem die Regierung ihn betraut hat. (Sie will sich auch diesen Erfolg ans Revers heften.)

|D-Day|

Am Tag der Demonstration braut sich um das Konferenzzentrum in East London eine Katastrophe zusammen, in der Tim und sein Vater auf gegnerischen Seiten stehen. Schon fliegen Raketen, Steine, Tränengasgranaten, und die Regierung ruft die harten Jungs der Anti-Aufruhrtruppe. Jeff bangt um das Leben seines Sohnes, doch Tim will sich nicht in Sicherheit bringen, solange Jeff seinen Vortrag halten will. Wird Vernunft die Oberhand behalten – oder Jeffs Liebe zu seinem Sohn?

Nur eines scheint sicher: London wird brennen!

_Mein Eindruck_

|A literature of change|

Einer der wichtigsten Aufgaben der Science-Fiction besteht darin, Veränderungen in Gesellschaft, Forschung und Technik aufzugreifen und ihre möglichen Folgen mit erzählerischen Mitteln vor Augen zu führen. Deshalb wurde die Science-Fiction von Autoren und Kritikern mehrfach als „literature of change“ bezeichnet. Unter dieser Flagge segeln aber sowohl gute wie auch schlechte Autoren. Wer das Mittelalter auf den Mars oder sonstwohin verlegt und dort Ritter, Jungfrauen und diverses Ungetier auftreten lässt, könnte genauso gut Fantasy schreiben.

Der Autor Hamilton hat in seinen Actionromanen schon häufig bekannte irdische Schauplätze auf fremde Welten verlegt, ganz einfach deshalb, damit sich der Leser schnell orientieren kann, aber auch deshalb, weil der Mensch dazu neigt, seine gewohnte Umwelt mitzunehmen, wenn er das All besiedelt. Es wimmelt von künstlichen Habitaten, aber auch von veränderten Menschen, so etwa im |Armageddon|-Zyklus. Die Anpassung des Menschen erfolgt durch Gentechnik und / oder durch die Verschmelzung mit Maschinen: Kyborgs. Diese zwei Stränge der Evolution hatte in den frühen achtziger Jahren bereits Bruce Sterling in seinem Roman „Schismatrix“ aufgezeigt, als er die zwei Spezies der Former (Biotechnik) und der Mechanisten (Kyborgingenieure) vorhersagte.

|Der Jungbrunnen|

Hamilton greift in „Der Dieb der Zeit“ einen alten Mythos aus dem Mittelalter wieder auf: den Jungbrunnen. Wie den Gral oder das sagenhafte Eldorado suchten spanische Eroberer tatsächlich dieses sagenumwobene Phänomen in Südamerika. Doch in 40 Jahren könnte die Forschung vielleicht wirklich soweit sein (und die Geldmittel besitzen), die Verjüngungstechnik anzuwenden. Hamilton erklärt, wie das im Einzelnen vor sich gehen könnte. Aber das ist nicht wichtig oder entscheidend, denn die „literature of change“ befasst sich – mehr oder weniger plausibel – mit den Folgen der Veränderungen.

Jeff Baker ist ein weltbekannter Exponent wissenschaftlich-technischen Fortschritts, und seine Schritte werden nicht nur von diskreten Leibwächtern beschützt, sondern von der ganzen Welt verfolgt. Jedenfalls in den ersten Monaten. Danach spielen sich in seiner Familie ebenfalls dramatische Veränderungen ab. Es ist ja nicht so, als ob Jeff vom einen Tag auf den anderen kein Mensch beziehungsweise kein Mann mehr wäre – ganz im Gegenteil.

|Welches Alter?|

Der Autor untersucht als, wie sich der verjüngte Jeff, in ironischer Umkehrung des Klischees „der Dieb der Zeit“ genannt, nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern vor allem im Privatleben aufführt. Ist „Alter“ relativ, also abhängig vom biologischen Alter? Oder gibt es noch andere bestimmende Faktoren, die die Menschen mit alters-gemäßem Verhalten verknüpfen? O ja, und das sind eine ganze Menge Aspekte, wie Jeff schon bald zu seinem Leidwesen erfahren muss. Seine alten Freunde – er hat die Enkelin des einen Freundes gevögelt – schmähen ihn aus wachsendem Unverständnis heraus. Seine Frau kann sich nicht mehr ausleben, obwohl doch ein zweiter Ehefrühling greifbar nahe scheint. Doch da eine Frau für Jeff offenbar nicht genug ist, scheitert dieser Ansatz durch seinen fortgesetzten Ehebruch. Und dann beginnt die Affäre mit Annabelle, Jeffs Verrat an seinem Sohn.

Ich fand es wunderbar, dass der Autor nicht nur die sinnlichen Freuden dieser Affäre in allen Details schildert, sondern auch die psychologische Bewältigung des Verrats nicht beiseite schiebt und als eines der zentralen Probleme in der Entwicklung seiner Figuren durchexerziert. Ein unreiferer Autor hätte sicherlich eine Menge Ausflüchte gefunden, diesen Konflikt zu umgehen oder überflüssig zu machen. Nicht so Hamilton. Denn ihm geht es nicht nur um Wunder der Technik, etwa in Gestalt des Jungbrunnens, sondern um die Generationenkonflikte, die dadurch entstehen. Sie müssen bewältigt werden, soll eine gültige und glaubwürdige Lösung auf der menschlichen Ebene präsentiert werden.

Doch kann die Lösung, die für Jeff und Tim zu finden ist, auch auf allgemeinerer Ebene angewandt werden? Der Autor zeigt ja Vater und Sohn auf zwei gesellschaftlichen Seiten im finalen Konflikt am Tag der Mega-Demonstration. Man lese selbst und staune.

|Girls just wanna have fun|

Ich habe mich immer wieder gewundert, wie sinnlich und geradezu sexbesessen Annabelle und ihre Freundin Sophie sind. Andererseits haben die Mädels wie jeder Mensch Anspruch auf ein erfülltes Liebesleben. Und der unermesslich reiche wie geile Jeff Baker – Viagra macht’s möglich – verschafft den beiden Girls genau das, was sie sich als Teenager unter dem Einfluss brodelnder Hormone schon immer gewünscht haben. Der 78-jährige Jeff erweist sich als geduldiger und trickreicher Lehrmeister.

Doch wie er Tim, Annabelle und Sophie immer wieder sagt, darf man Sex und Liebe nicht miteinander verwechseln. Genau diesen Fehler macht der unerfahrene Tim und stürzt sich damit ins größte Unglück – für den Teenager geht natürlich die Welt unter, als er Jeffs Verrat erkennt. Anders als in Romanen für Zwölfjährige präsentiert der Autor keinen der üblichen Auswege – etwa das Finden mächtiger Hilfsmittel -, sondern bleibt auf dem Teppich. Das mag so mancher Leser wenig aufregend finden. Ich fand es plausibel und bis zu einem gewissen Grad – in 40 Jahren gelten andere Vorgaben – auch realistisch. „Der Dieb der Zeit“ ist ein Buch über Jugendliche, die erwachsen werden – das gilt auch für Jeff -, aber die Botschaften, die es vermittelt, sind die von einem Erwachsenen für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen.

_Die Übersetzung_

Der Übersetzer erweist sich auf weite Strecken als effizienter Wortüberträger, doch sein Produkt ist alles andere als ein Meisterwerk. Das war wohl auch angesichts der äußerst bescheidenen Bezahlung, die Übersetzer heute bekommen, nicht möglich. Dennoch unterliefen ihm grobe Schnitzer, die mich sowohl an seinen Englisch- als auch an seinen Deutschkenntnisen zweifeln lassen.

Eine englische „public school“ mag dem Laien zwar als „öffentliche Schule“ (Seite 497) erscheinen, ist aber das genaue Gegenteil: Es handelt sich um eine Privatschule (die ist zwar auch öffentlich zugänglich, aber eben nicht staatlich geleitet). Und darum muss es sich wohl handeln, wenn von Tims neuer Freundin Jodie die Rede ist, die aus betuchtem Hause stammt. Die staatlichen Schulen sind einfach nicht in dem Zustand, den sich reiche Eltern für ihren Sprössling wünschen. Es handelt sich um eine Falschübersetzung.

Kurz zuvor, auf den Seiten 495/496 wird der Leser mit einem unvollständigen Satz im Regen stehen gelassen: „… musste er schon bald wärmere Kleidung hervorkramen, um Tage mit beißender Kälte und peitschendem Regen zu überstehen, die sich mit Tagen abwechselten.“ Es wechselten sich also Tage mit Tagen ab – wie erstaunlich. Wie die zweiten Tage aussahen, wird uns leider vorenthalten.

Etwa 30 Seiten davor beschreibt der Autor den Untergang Londons in einem Aufstand separatistischer Demonstranten. Er beschreibt, wie die Polizei und Antiaufruhrtruppen die Demonstranten per Wasserwerfer vertreiben, so dass sie auseinanderstieben. Leider beherrscht der Übersetzer die deutsche Vergangenheitsform von „stieben“, nämlich „stoben“, nicht und lässt einfach die Präsensform in einem Präteritumstext stehen. Auch eine Lösung. Aber die falsche.

Und ob Jeff Baker wirklich in einem „Multi-Billionen-Projekt“ verjüngt wurde, darf stark bezweifelt werden. Eine Billion sind im Deutschen immerhin eine Million Millionen. Nicht aber im englischen Original: Dort ist eine „billion“ nur eine Milliarde, also 1000 Millionen. Wer also „a billion“ mit „einer Billion“ übersetzt, begeht einen Standardfehler, der aber nur Anfängern unterlaufen sollte.

Von den zahllosen Tipp- und Druckfehlern will ich gar nicht erst anfangen, denn die Liste würde Seiten füllen. Das Einzige, was fast völlig fehlt, sind Buchstabendreher. Dafür gab’s wahrscheinlich eine Korrekturfunktion.

_Unterm Strich_

„Der Dieb der Zeit“ ist ein Buch über Jugendliche, die erwachsen werden – das gilt auch für Jeff -, aber die Botschaften, die es vermittelt, sind die eines Erwachsenen für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen. Es untersucht die persönlichen und gesellschaftlichen Folgen der möglichen Verjüngungstechnik.

Der Autor verschweigt nicht, wie schön die Folgen sein können, und wie schrecklich, wenn das Experiment, das die EU-Regierung an Jeff Baker vornimmt, scheitert. In der Datasphäre kann nichts verheimlicht werden. Was Jeff widerfährt, wird die ganze Welt wissen. Und entsprechend handeln. Im Original heißt der Roman „Misspent Youth“, also „vergeudete Jugend“. Sein Inhalt relativiert diese Redensart.

Wer hier Action à la „Armageddon“-Zyklus oder „Mindstar“-Trilogie erwartet, ist auf dem falschen Dampfer. „Dieb der Zeit“ ist vielmehr ein mehrsträngiger Entwicklungsroman, der streckenweise wie eine Familienchronik anmutet. Selbst der Brand Londons ist distanziert geschildert.

Das ist im Original sicherlich eine Freude, doch Übersetzer und Korrektor haben daraus ein Feld der Fehler gemacht. Die Fehler sind für den Laien selten offensichtlich – es sei denn, ein Satzteil fehlt (Seite 496 oben). Doch ein Kenner wendet sich mit Grausen und sucht das Original.

Williams, Tad – Otherland 1: Stadt der goldenen Schatten

Tad Williams, der bisher vor allem durch seine Fantasy-Romane auffiel, legte mit „Otherland“ seinen ersten Abstecher in den Bereich der Science-Fiction vor. Das Hörspiel ist das Nonplusultra der deutschen Hörspielproduktionen. Ob es sich lohnt?

|Der Autor|

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus, seiner Antwort auf Tolkiens „Herr der Ringe“, als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“. Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“. Sein Hauptwerk ist die vierbändige „Otherland“-Saga, sein neuester Roman trägt den Titel [„Der Blumenkrieg“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=539 Fast alle seine Bücher wurden bei |Klett-Cotta| verlegt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von San Francisco.

_Die wichtigsten Sprecher / Produktion_

Sophie Rois spricht Renie Sulaweyo (s. u.)

Ulrich Matthes spricht Erzähler Nr. 4 (von 6)

Nina Hoss spricht Erzählerin Nr. 2

Sylvester Groth spricht Paul Jonas (s. u.)

Hans Peter Hallwachs spricht Erzähler Nr. 1

Ernst Jacobi spricht Patrick Sellars (s. u.)

Joachim Kerzel spricht Einsiedlerkrebs, den letzten Otherland-Rebellen

Matthias Habich spricht Osiris, den Chef der Bruderschaft, sowie den Alten Mann (s. u.)

Andreas Fröhlich: spricht den Nachrichtensprecher beim Undergroundsender „Newsfeed“.

Die meisten dieser Sprecher sind dem deutschen Publikum aus TV- und Kinofilmen bekannt, viele lediglich als Synchronsprecher, wie etwa Joachim Kerzel. Es würde zu weit führen, sie alle einzeln vorzustellen. An die 250 Sprechrollen sind zu besetzen gewesen, vierzehn der Sprecher werden im Booklet zum 3. Teil (CD 5+6) genauer vorgestellt. Dabei stellt man erfreut fest, dass auch die beiden jüngsten Sprecher, die erst 12 Jahre alt sind, eine angemessene Darstellung erhalten, die genauso umfangreich ist wie die der „alten Hasen“.

Produziert hat das gesamte Hörspiel von 24 Stunden Umfang der Hessische Rundfunk – gut angelegte GEZ-/Steuergelder, wie ich meine. Der Regisseur Walter Adler und der Komponist Pierre Oser sollen eingehender vorgestellt werden.

|Walter Adler|

… ist einer der bekanntesten Hörspielregisseure hierzulande. 1947 geboren, besuchte er die Schauspielschule in Bochum und arbeitete als Regieassistent beim Hörspiel des SWF Baden-Baden. Seit 1971 ist er freier Autor und Regisseur. Er hat am Schauspiel Frankfurt/M., Schauspiel Köln und dem Düsseldorfer Schauspielhaus Regie geführt und bis heute sage und schreibe über 200 Hörspiele inszeniert. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 1976 mit dem traditionsreichen |Hörspielpreis der Kriegsblinden| für „Centropolis“. Mit dem Hessischen Rundfunk hat er 1995 den ersten Radiotag realisiert: eine 16-stündige Sendung von W. Kempowskis „Der Krieg geht zu Ende“. Adler lebt in Köln. In den Booklets sind mehrere Fotos von ihm abgedruckt.

Von |Pierre Oser|

… stammt die Musik zum „Otherland“-Hörspiel. Er lebt und arbeitet als Komponist, Musiker und Produzent in München. Der Schwerpunkt seines Schaffens liegt dabei in den Bereichen Spielfilm – v. a. auf Werken aus der Stummfilmzeit – sowie Dokumentar- und Experimentalfilm. Außerdem komponiert er Musik für Theaterstücke wie „Merlin“ von Tankred Dorst und war Gründer und Leiter des |Tympano Hörbuch|-Verlags in München. Gemeinsam mit Walter Adler realisierte er zahlreiche Hörspiele, u. a. „Radio Romance“ von Garrison Keillor (SDR/WDR 1998), „Esau“ von Philip Kerr (BR 1999), „Caruso singt nicht mehr“ von Anne Chaplet (BR 2003) und zuletzt [„20.000 Meilen unter den Meeren“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=518 von Jules Verne (MDR 2003).

_PERSONEN_

Im Folgenden liste ich die wichtigsten Figuren des Buches und Hörspiels auf. Die Informationen sind der Website www.tadwilliams.de entnommen. Nicht alle Figuren treten bereits in Band 1 auf, so etwa Olga Pirofsky.

Herr Sellars

Herr Patrick Sellars ist ein sonderbarer Mann in einem Rollstuhl. Er verlässt nie das Haus, aber er weiß mehr über Otherland als andere. Er erzählt Geschichten. Er isst Seife. Und er hält das Schicksal der Menschheit in seinen Händen.

Orlando

Orlando Gardiner ist der unbezwingbare Barbar „Thargor“, ein richtiger CONAN-Typ. Er ist ein schwerkranker Junge. Er ist der größte unter den Netboys, die je im VR gekämpft haben, aber in seinem Zimmer kann er kaum vom Bett zur Tür gehen. Und er wurde für ein Abenteuer auserwählt, das nur er allein bestehen kann – wenn er lange genug lebt. Im Netz ist sein treuer Gefährte „Pitlith“ alias Fredericks, über den er allerdings Überraschendes herausfindet.

Osiris

Osiris ist ein unglaublich reicher Mann, und er ist der älteste Mensch der Erde. Er verbirgt sich hinter der Gestalt des ägyptischen Gottes, und er ist der teuflische Schöpfer von Otherland. Er würde alles und jeden opfern, um sein Lebenswerk zu vollenden: das Gralsprojekt.

Jongleur

Felix Jongleur ist unermesslich reich und mächtig. So konnte er sich die besten Köpfe kaufen, die ihm die VR-Welt Otherland bauen. Dort wird er in einem neuen virtuellen Körper ewig leben können – so meint er. Er hat die Rechnung ohne Dread gemacht.

Dread

Dread, ein durchgeknallter Mörder, ist die rechte Hand Osiris‘. Er würde jeden töten, der Otherland, dem Gralsprojekt, schaden will. Am Ende von Teil 1 des Hörspiels schickt Osiris Dread mit einer geheimen Mission aus. Aber Dread hat eigene Pläne, von denen selbst sein Meister nichts weiß.

Olga Pirofsky (nicht in Teil 1)

Olga Pirofsky ist eine unscheinbare Person. Aber da gibt es jemanden, der ihr sehr nahe steht und der ihre Hilfe braucht. Dazu muss sie in Jongleurs streng bewachten Wohnturm eindringen. Nur Peter Sellars kennt ihr Geheimnis. Und der Andere.

Der Andere (nicht in Teil 1)

Der Andere ist die geheimnisvolle Macht im Zentrum des Gralsprojekts. Er ist verrückt, er ist mächtig, und nur Osiris kann ihn zähmen. Aber selbst er fürchtet seine monströse, seine unbegreifliche Gegenwart.

!Xabbu

!Xabbu ist der letzte noch lebende Buschmann, und er zieht in die Stadt, um die Geheimnisse der Zivilisation zu lernen. Diese führen ihn in eine noch fremdere, noch gefährlichere Welt, nach Otherland, wo Technik und alte Menschheitsträume zusammen etwas völlig Neues, etwas Furchteinflößendes hervorbringen. Er wird zu Renies wichtigstem Gefährten.

Paul Jonas

Paul Jonas – die Figur, der wir als erster begegnen – scheint ein gemeiner Soldat in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zu sein. In Wirklichkeit ist er mehr, viel mehr. Er besitzt ein Geheimnis, das die Welt retten kann, aber er hat es vergessen. Jemand verfolgt ihn durch die zahllosen Welten von Otherland. Er kämpft nicht nur ums Überleben, er muss auch herausfinden, wer er ist.

Renie Sulaweyo

Renie Sulaweyo ist Lehrerin in Südafrika. Als ihr kleiner Bruder Steven von einer unerklärlichen Krankheit heimgesucht wird, verändert sich ihr Leben, und sie gerät in eine Geschichte hinein, die bizarrer nicht denkbar ist. Alle Spuren dieses Geheimnisses führen zurück nach Otherland.

Christabel

Christabel Sorensen ist ein achtjähriges Mädchen, das in einem Militärlager aufwächst, wo sie zufällig auf ein Geheimnis stößt. Ein Geheimnis, das nicht nur ihr Leben verändern soll, sondern das aller Menschen der Erde. Mr. Sellars, dieser seltsam verunstaltete Mensch, ist ihr bester Freund, denn er kennt tolle Geschichten. Christabel spielt gerne „Otterland“.

Beezle

Beezle, der spinnenbeinige Agent Orlando Gardiners, ist eine Such-Software. Er spricht wie ein New Yorker Taxifahrer und kennt alle Tricks im VR. Ohne ihn hätten sie den Zugang zu Otherland nie gefunden.

_Handlung_

50 Jahre in der Zukunft schaut die Welt auch nicht viel anders aus als heute, sieht man einmal davon ab, dass ein Teil der Menschheit einen großen Teil seiner Zeit in virtuellen Welten verbringt. Ein großer Teil der Menschheit? Nein, nur die, die es sich leisten können, natürlich, also etwa zehn Millionen. Wie gesagt, viel hat sich nicht geändert. Nicht jeder Bereich des weltumspannenden Datennetzes steht jedem Benutzer offen, nur wer das virtuelle Äquivalent eines teuren Anzugs trägt und die Online-Gebühren bezahlen kann, wird überhaupt erst in die besseren Gegenden eingelassen. Einen der wichtigsten Zugänge bieten die Filialen von Mister J, der auch als Mr. Jongleur bekannt ist (s. o.).

Renie (kurz für ‚Irene‘) Sulaweyo ist nicht so privilegiert, obwohl sie an einer südafrikanischen Hochschule den Umgang mit der virtuellen Realität lehrt. Als ihr kleiner Bruder während eines Ausflugs in für ihn eigentlich gesperrte Bereiche der Datenwelt aus unerklärlichen Gründen ins Koma fällt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auf unkonventionelle Hilfsmittel zurückzugreifen, um nach einer Rettung für ihn zu suchen. Ihr Schüler, der Buschmann !Xabbu, einer der letzten Vertreter der Ureinwohner Südafrikas, hilft ihr dabei. Seine legendenhaften Geschichten aus der Kalahari liefern ihr einen wichtigen Hinweis. Bei ihrer Suche haben sie die Vision einer fabelhaften goldenen Stadt, die für kurze Zeit in der virtuellen Realität erscheint. Diese Vision erscheint nicht nur ihnen, sondern auch anderen Menschen, die ebenfalls versuchen, das Rätsel der goldenen Stadt zu lösen.

Unterdessen teilen immer mehr Kinder das Schicksal von Renies Bruder Steven. Womit wir bei der Weltverschwörung wären, dem zentralen Bösewicht und Kern der Handlung. OTHERLAND – ein multidimensionales Universum, ein gigantisches Simulationsnetzwerk, errichtet von den fähigsten Köpfen des 21. Jahrhunderts und das am besten gehütete Geheimnis der Welt. Eine mächtige Organisation der rücksichtslosesten und reichsten Männer der Welt, die sich selbst die Gralsbruderschaft nennen, hat es geplant, um ihre eigene Unsterblichkeit zu erreichen – und dafür benötigen sie unter anderem die Kinder, die realiter im Koma liegen, deren Geist aber in Otherland gefangen ist.

Otherlands virtuelle Welten wirken dermaßen realistisch, dass Benutzer sie praktisch nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden können – es sei denn, ein Benutzer entscheidet sich dagegen. Die Ziele der Verschwörung werden nicht explizit benannt, aber der Leser kann es sich leicht zusammenreimen: uneingeschränkte Macht und Unsterblichkeit, das Übliche eben. Den Weltuntergang planen sie ebenfalls.

Immer mehr Kinder werden Opfer Otherlands, und ein Grüppchen Abenteurer findet sich zusammen, das dem Geheimnis auf die Spur kommen will. Zu ihnen gehören neben Renie und !Xabbu auch Orlando alias Thargor und sein Gefährte Pitlith. Am wichtigsten sind aber wohl Paul Jonas und sein Begleiter, der Junge Gally. Denn die Gralsbruderschaft hat Paul in Otherland „eingespeist“, kann ihn aber nun nicht mehr finden -diese potenzielle Bedrohung möchte sie ausschalten, koste es, was es wolle.

Herr Sellars, ein merkwürdiger Gefangener und Christabels Freund (s. o.), ist ihr unsichtbarer Beschützer. Aber plötzlich sind sie selbst Gefangene, dazu verurteilt, im Netzwerk von Otherland umherzuirren, ständig bedroht von tödlichen Gefahren, unfähig, die virtuelle Welt zu verlassen.

Sie haben nur eine Chance: Sie müssen ins Zentrum von Otherland vordringen.

_Mein Eindruck_

Bleibt Williams zu Beginn noch recht konservativ und plausibel, was die technischen Möglichkeiten seiner Zukunftswelt angeht, begibt er sich zunehmend auf das Gebiet der Fantasy. Eine böse, außerweltliche Kraft steckt im Kern der Bruderschaft, und von den verschiedenen virtuellen Welten, durch die seine Charaktere stolpern, wirkt eine phantastischer als die andere.

Das beginnt bereits im Prolog. Paul Jonas, kurz vorm Durchdrehen in seinem Schützengraben, klettert einen Baum hinauf, der sich als Jacks Bohnenranke entpuppt, die ihn bis über die Wolken führt. Dort entdeckt er eine weiße Linie, die ihn zu einem Schloss geleitet, in dem eine buntgefiederte Vogelfrau in einem Käfig gefangen ist. Sie wird bewacht vom bösen Riesen, der hier der Alte Mann genannt wird. Dieser verschlingt Paul, der plötzlich ganz woanders landet, unter anderem in Alices Wunderland. War’s ein Traum? Aber nein: Paul hat eine kleine grüne Feder mitgebracht …

Mit diesen Fantasien, Märchen und anderen Fabulationen ist der Autor offensichtlich in seinem Element, und das Buch wird an diesen Stellen auch deutlich spannender und unterhaltsamer als beispielsweise auf den ersten paar hundert Seiten, in denen Renie dem Buschman !Xabbu, und damit gleichzeitig dem Leser, ein paar Lektionen darüber erteilt, wie Tad Williams‘ Vorstellungen von Virtueller Realität funktionieren. Hier erzählt uns der Autor wenig Neues über ein Thema, das in der Science-Fiction ja schon des Öfteren und häufig besser behandelt wurde. Zwar zeigt er später, dass er durchaus einige nette Einfälle hat, aber die Vorbereitungsphase gerät deutlich langweiliger als nötig. Immerhin ist diese Phase im Hörspiel auf kaum wahrnehmbare Minuten herausgekürzt – die Realität des Internet hat die Vision bereits eingeholt und somit kann die VR-Technik als bekannt vorausgesetzt werden. (Lediglich ein paar Details wie implantierte Sensoren stehen noch auf der Agenda der Forschung.)

Die Charaktere sind Williams‘ Stärke, sie haben sehr menschliche Schwächen und Bedürfnisse, und gerade der Kontrast zwischen dem spirituellen und naturverbundenen !Xabbu und Renie, die ganz praxisnah versucht, einfach nur ihre Familie durch- und ihren Bruder zurückzubringen, zeigt dies deutlich. Leider sind die Protagonisten auf mindestens vier getrennte Handlungsstränge verteilt, die alle um die Aufmerksamkeit des Lesers kämpfen. Andererseits sorgt dies für dauernde Abwechslung. „Otherland“ ist kein Hörspiel, das man bereits beim ersten Hören erfasst.

„Otherland: Stadt der goldenen Schatten“ ist der erste Teil einer Tetralogie. Da mag es kaum überraschen, dass am Ende des ersten Bandes ein ganzes Knäuel von unaufgelösten Handlungsfäden übrig bleibt. Überraschen könnte es aber, dass auch sonst kaum etwas passiert ist. Während die Figurenpaare versuchen, zum Kern der Verschwörung vorzudringen, bleiben sie leider meist Spielball des Geschehens. Nur selten bietet sich ihnen eine neue Einsicht oder gar die Möglichkeit zu handeln, beispielsweise dann, als sie den Einsiedlerkrebs aufspüren können: Er ist der letzte überlebende Programmierer von „Otherland“ und hat sich eine Freizone im Netz aufgebaut.

Immerhin, am Ende des Hörspiels kommen fast alle Figuren zusammen und stellen fest, dass sie gemeinsame Ziele haben. Aber das war’s dann auch schon, die Kernhandlung ist kaum ein Stück weiter vorangetrieben worden, und der Hörer fragt sich, worauf das wohl alles hinauslaufen wird.

„Otherland“ ist sicherlich nicht „Der Herr der Ringe“ des 21. Jahrhunderts – dazu ist es nicht bahnbrechend genug, und Cyberpunk-Science-Fiction à la Gibson ist es auch nicht, dazu sind die Charaktere zu stark in Gute und Böse polarisiert und die Geschichte mit zu vielen Fantasy-Elementen durchsetzt. Es ist wahrscheinlich mehr, denn es vereint all diese Richtungen in einem Amalgam der Erzähltraditionen. Könnte man das Universum der Literatur in einem „Otherland“ abbilden, so würden die Williams’schen Figuren durch etliche Länder dieses Universums ihren Weg suchen. Wohl dem, der eine Karte davon hat.

|Die Sprecher / Produktion|

Der Prolog weckt den Zuhörer gewissermaßen auf, reißt ihn heraus aus seinem Alltagstrott, hinein in die wüste und verwüstete Welt der Schützengräben: Granaten heulen heran und explodieren, Maschinengewehre rattern, ein Verwundeter brüllt und schreit seine Schmerzen in die Welt – es ist das pure Chaos. Mittendrin versucht der Gefreite Paul Jonas, so etwas wie Verstand zu behalten, doch als ein Unbekannter mit einer blütenweißen Zigarette auftaucht, will ihm das nicht mehr so recht gelingen … Nur der ewige Regen bleibt konstant.

SCHNITT. Ein Geräusch wie aus „The Matrix“ begleitet den abrupten Übergang zur ersten |Newsfeed|-Verlautbarung. Newsfeed ist ein Undergroundsender, der subversive Nachrichten verbreitet (gesprochen von A. Fröhlich). Es ist der Nachfolger zu all jenen verückten Weisen, die in den Science-Fiction-Romanen der sechziger und frühen siebziger Jahren auftauchten, etwa in John Brunners „Morgenwelt“-Klassiker. Newsfeed enthüllt die kalte, nackte und definitiv verrückte Wahrheit über den Planeten Erde 40 Jahre in der Zukunft, vom Jahre 1999 aus gesehen. Leider nähern wir uns dieser Vision mit affenartiger Geschwindigkeit und haben sie stellenweise schon fast erreicht.

SCHNITT. Eine Straßenszene vor der Technischen Hochschule, an der Renie lehrt. Ein Bombenanschlag hat heulende Sirenen und Schreie von Verwundeten auf den Plan gerufen, Renie irrt umher, dann steht unvermittelt der sanfte !Xabbu vor ihr. SCHNITT. Viel, viel später begeben sie sich auf der Suche nach Renies Bruder in eine von Mister J’s Spielhöllen. Hier wird VR real, hier wird’s Gestalt, wie Goethe sagt. Die Achterbahnfahrt beginnt, mit sehr seltsamen, aber interessanten Soundkulissen.

Es ist anzunehmen, dass alle diese Geräusche von Pierre Oser synthetisiert oder gesampelt und anschließend quasi zu einer Soundwelt komponiert wurden. Diese Welt ändert sich je nach Szene und Setting, also mal von Zukunftswelt, dann zu Schützengraben und weiter zu Thargors Fantasy-Ambiente. Die Frage ist, ob die Geräuschkulisse jeweils stimmig ist. Wir wollen ja keine MATRIX-Effekte in einer CONAN-Welt, oder? (Wäre aber ganz witzig.) Doch keine Bange – ich konnte keinerlei Patzer feststellen.

|Die Sprecher|

Es wäre relativ sinnlos, die Leistung einzelner Sprecher herausheben zu wollen. Das würde bedeuten, die Leistung anderer Sprecher abzuwerten, obwohl sie ebenso ihr Scherflein dazu beigetragen haben. Die Versuchung ist groß, prominente Sprecher herauszuheben, so etwa Joachim Kerzel oder Andreas Fröhlich (s. o.). Es ist angebrachter, die Leistung der jüngsten Mitglieder der Sprecherriege hervorzuheben. Die Sprecher des Jungen Gally, Till Werner, und des Mädchens Christabel Sorensen, Nora Hickler, sowie von Cho-Cho, Philip Heilmann-Ramirez, standen meist zum ersten Mal vor einem Mikrofon. Ich hätte an ihrer Stelle vor lauter Bammel keinen Ton herausgebracht, aber sie schaffen es bravourös, ihrer jeweiligen Figur Leben einzuhauchen.

|Die Hörerfahrung|

Zunächst war ich vom ersten Hören des kompletten Hörspiels völlig erschlagen. Kopfweh ist noch eine der milderen Folgen der vollen Dosis von 334 Minuten „Otherland“ („nur“ fünfeinhalb Stunden). Wahrscheinlich lag es auch daran, dass ich mir die Mühe gemacht habe, die einzelnen Szenen auch in der Originalausgabe zu finden. Das kann ja nicht gut gehen.

Immerhin wurde mir sehr schnell klar, dass gigantische Mengen von Text in der Endfassung des Hörspiels fehlen. Dass aber wichtige Sätze praktisch wortwörtlich übernommen wurden. Und dass die Abfolge der Szenen umgestellt wurde.

Über all diese dramaturgischen Maßnahmen ließe sich endlos streiten. Im Endeffekt bleibt aber nur die Frage: Hat es sich gelohnt, diese Änderungen vorzunehmen? Ganz ehrlich: Das Ergebnis klang richtig, weil dadurch nämlich die Aufmerksamkeit ebenso wie das Verständnisvermögen des Hörers unterstützt wurde. Allerdings ist es ratsam, nach jeder CD, die etwa 50-55 Minuten dauert, eine kleine Pause einzulegen (sonst bestraft einen das Kopfweh). Der Informationsgehalt des Hörspiels – Text, Musik, Geräusche, Szenenwechsel – ist nämlich so hoch, dass die Aufmerksamkeit ständig gefordert ist. Mit der Zeit kann das ganz schön ermüden.

_Unterm Strich_

Auch wenn „Otherland: Die Stadt der goldenen Schatten“ inhaltlich sicherlich nicht schlecht ist, so habe ich persönlich zu ähnlichen Themen schon sowohl Spannenderes als auch Originelleres gelesen und gehört. Was vor allem beeindruckt, sind die Dimensionen des Hörspielprojektes, das Walter Adler unternommen hat. Aber ich darf mich nicht von Dimensionen – die Zahlen findet man auf den einschlägigen Webseiten des Buchhandels und des Verlags – beeindrucken lassen, denn schließlich geht es in erster Linie um die Qualität des Ergebnisses.

Diese Qualität erschließt sich, wie angedeutet, erst nach mehrmaligem Anhören des Ganzen. Aber schon beim ersten Mal sind eine Reihe zauberhafter Szenen im Gedächtnis haften geblieben, so etwa der Aufstieg ins Wolkenschloss des Alten Mannes, wo Paul Jonas auf die Vogelfrau stößt, die ihm viel, viel später in anderer Gestalt wieder erscheint. Denn es scheint das Prinzip der Permutation zu gelten: Eine Geschichte lässt sich in vielerlei Form erzählen, und die in ihr transportierten Figuren können in anderen Geschichten wieder auftauchen. So als gäbe es einen begrenzten Fundus, aus dem der Autor schöpfen könne, um verschiedene Gemälde daraus zu malen und sie miteinander zu verknüpfen (so ähnlich wie Roman und Hörspiel sich zueinander verhalten, wobei jede Form anderen Gesetzen gehorcht).

Walter Adler hat den berühmten roten Faden für vier verschiedene Handlungsstränge mit radikalen Kürzungen herausgearbeitet. Dadurch fällt es dem Hörer leichter, den vier Geschichten zu folgen: Orlando & Fredericks; Renie & !Xabbu, Christabel & Mr. Sellars sowie Paul & Gally. Dazwischen sind wieder Szenen der Gralsbruderschaft sowie der Newsfeed geschaltet. Doch folgt man Renie und !Xabbu, so ergibt sich ein Krimi, der genügend Spannung liefert, um den Hörer durch die gesamte Handlung voranzutragen. Die anderen Geschichten sind mal humorvoll, mal dienen sie der Erkenntnis, wieder andere sind so absurd-komisch wie „Alice im Wunderland“. Allerdings bleiben am abrupten Schluss viele Fragen offen – ein klassischer Cliffhanger. Denn dies ist nur das erste Viertel des gesamten Kunstwerks.

Die Ausstrahlung beginnt am 10. Oktober 2004 auf YouFM beziehungsweise HR2, also beim Hessischen Rundfunk. Viel Spaß!

Animierte Verlags-Homepage zum „Otherland“-Hörspiel:
http://www.hoerverlag.de/ws/otherland__ws/ws__otherland.htm
Mehr Infos: http://www.otherland.hr-online.de & http://www.hoerverlag.de

|Umfang: 334 Minuten auf 6 CDs|

Lovecraft, H. P. – Ding auf der Schwelle, Das & Die Ratten im Gemäuer

Das Hörbuch kombiniert zwei bekannte und sehr wirkungsvolle Horror-Erzählungen: „Das Ding auf der Schwelle“ (1937) und „Die Ratten im Gemäuer“ (1924). Wie schon bei „Der Schatten über Innsmouth“ spricht Lars Riedel die Rolle des Erzählers. Seine Intonation wird dem Hörer unweigerlich kalte Schauder über den Rücken jagen.

|Der Autor|

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die |Großen Alten|, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber wie in den Zusatztexten zu „Innsmouth“ zu erfahren war, reicht Lovecrafts Grauen weit über die landläufige Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als Liebe spendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit.

|Der Sprecher|

Lutz Riedel ist die deutsche Stimme von Timothy Dalton („James Bond“ u. a.). Er zeigt auf diesem Hörbuch seine „herausragenden Sprecherqualitäten, die den Hörer mit schauriger Gänsehaut verzaubern“. Er war auch „Jan Tenner“ in der gleichnamigen Hörspielserie.

_Die Erzählungen_

a) |Das Ding auf der Schwelle|

„Es ist wahr, dass ich meinem besten Freund sechs Kugeln durch den Kopf gejagt habe, und dennoch hoffe ich mit dieser Aussage zu beweisen, dass nicht ich sein Mörder bin. Zunächst wird man mich einen Wahnsinnigen nennen – wahnsinniger noch als der Mann, den ich in seiner Zelle in der Heilanstalt von Arkham niedergeschossen habe.“

Also spricht Daniel Upton, der Berichterstatter des grausigen Unglücks, das seinem Jugendfreund Edward Pickman Derby zugestoßen ist. Dieser Dichter des Absonderlichen und Student des Okkulten weist, wie etwa auch Charles Dexter Ward, autobiografische Züge auf. Auch er wurde verhätschelt und in eine seltsame Familie geboren. Er trieb sich lieber mit den Bohemiens und Säufern von der verrufenen |Miskatonic Uni| in Arkham herum, statt einem ordentlichen Beruf nachzugehen.

Jedenfalls solange, bis er mit 38 die Frau seines Lebens (oder seines Todes?) traf und heiratete: Asenath White ist die Tochter des alten Hexenmeisters Ephraim White aus dem verrufenen Innsmouth, wo man um 1850 einen Pakt mit seltsamen Wesen aus dem Meer geschlossen hatte (vgl. dazu unbedingt [„Der Schatten über Innsmouth“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=424 ). Daniel Upton erinnert sich an White als „wölfisch“ und „gestorben im Wahnsinn“. Asenath, gerade mal 23 Jahre alt, scheint dessen Kräfte geerbt zu haben. Insbesondere als Hypnotiseurin leistet sie Ungewöhnliches, nämlich den Austausch der Persönlichkeit des Hypnotisierten, so dass dieser sich selbst durch Asenaths Augen sehen kann.

In Ed Derby hat sie ihr ideales Opfer gefunden. Sie hypnotisiert ihn und bemächtigt sich zeitweilig seines Körpers. Das geht über Jahre hinweg, und beide verändern sich so stark, dass sich Upton wundert: Während sich Derby von einem schlaffen Lethargiker zu einem dynamischen, lebensfrohen Macher entwickelt, sieht Asenath von Jahr zu Jahr älter aus. Doch die Wirklichkeit ist weitaus grauenerregender. Denn es ist nicht Asenath, die ihren Körper bewohnt, sondern ihr Vater, der sie schon im Kindesalter übernommen hat. Und dieser bemächtigt sich wiederum des Körpers ihres Mannes, Ed Derby. Sein Ziel besteht darin, wieder zum Mann und unsterblich zu werden, damit er in Kooperation mit den Großen Alten, die im Untergrund des hintersten Berglandes hausen, weiterhin seine okkulte Herrschaft ausüben kann.

Doch diesen Persönlichkeitsverlust verkraftet das zeitweilig übernommene Opfer nicht lange. Nach einem schrecklichen Zusammenbruch vertraut sich Derby seinem Freund an. Aus Verzweiflung erschlägt er schließlich seine Frau. Doch dies ist nicht ihr Ende. Aus dem Keller heraus, in dem er sie verstaut hat, zwingt sie ihn, den Körper mit ihr zu tauschen. Nun gelingt es Derby gerade noch, als „das Ding auf der Türschwelle“ bei seinem Freund zu erscheinen und ihm einen warnenden Brief zu geben, mit einer dringenden Bitte: „Töte das Wesen, das in der Heilanstalt von Arkham als Edward Derby gilt.“

b) |Die Ratten im Gemäuer|

Ein Amerikaner aus Massachusetts hat in England das seit alters her verfluchte Gemäuer der Exham-Priorei wieder bezogen. Es ist der 16. Juli 1926. De La Poer, vormals Delapore, ist der Letzte seines Geschlechts, das in der Priorei seit dem 13. Jahrhundert gelebt hatte, bis Walter de la Poer im 17. Jahrhundert (genauer: 1610) nach Virginia auswandern musste. Dort nahm die Familie die Namensform Delapore an, denn Adlige waren in der neuen Demokratie nicht gern gesehen …

Doch die Grundmauern der Priorei sind weitaus älter als das 13. Jahrhundert. Sie stammen, wie der letzte Spross herausfindet, sogar noch von den Römern des 2. Jahrhunderts. Wie an Inschriften abzulesen, wurden hier abscheuliche Riten für die „magna mater“, die Fruchtbarkeitsgöttin Kybele, und für den dunklen Gott Atys abgehalten. Wie De la Poer herausfindet, stammen die ältesten Mauern noch aus jungsteinzeitlicher, „druidischer“ Zeit, und wer weiß, was damals im Tempel alles geopfert wurde …

Nach einer Woche hört De la Poer bzw. sein treuer Kater „Nigger“ das erste Trapsen und Trippeln in den Mauern seines Schlafgemachs. Auch alle neuen Katzen sind aufgeregt. Zusammen mit seinem Nachbarn Captain Norrys untersucht er den Keller und stößt auf den Altarstein der Kybele. Doch Norrys entdeckt, dass darunter noch eine Etage sein muss. Mit mehreren Gelehrten, darunter „Archeologen“, erforscht man den Tunnel unter dem Altarstein. Massenhaft Skelette, die Knochen von Ratten zernagt, bedecken die Treppe.

Doch das Schlimmste kommt erst noch: eine unterirdische Stadt aus uralter Zeit, in der nicht Menschen, sondern die Ratten das Kommando hatten. Angeführt werden sie von Nyarlathotep, einem der Großen Alten, der im bodenlosen Abgrund haust und nun auch auf de la Poer seinen Einfluss ausübt …

Wie „Schatten über Innsmouth“ ist „Ratten“ eine Geschichte über Degeneration in einer Familie (genau wie in HPLs eigener) und was daraus wurde. Nur verstößt die Form der Degeneration gegen so große und viele Tabus, dass man es hier nicht wiedergeben kann. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes unaussprechlich.

_Mein Eindruck_

In diesen, seinen besten Geschichten befolgt Lovecraft konsequent die Forderung Edgar Allan Poes, wonach eine „short story“ in allen ihren Teilen auf die Erzielung eines einzigen Effektes ausgerichtet („unity of effect“) sein solle, egal ob es sich um die Beschreibung eines Schauplatzes, von Figuren oder um die Schilderung der Aktionen handele, die den Höhepunkt ausmachen (können).

Um die Glaubwürdigkeit des berichteten Geschehens und der Berichterstatter zu erhöhen, flicht Lovecraft zahlreiche – verbürgte oder meist gut erfundene – Quellen ein, die beim weniger gebildeten Leser den Unglauben aufheben sollen. Erst dann ist die Erzielung kosmischen Grauens möglich, das sich Lovecraft wünschte. In den meisten Erzählungen gelingt ihm dies, und daher rührt auch seine anhaltende Wirkung auf die Schriftsteller weltweit. Erfolgreiche Serien wie Brian Lumleys „Necroscope“ oder Hohlbeins [„Hexer von Salem“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=249 wären ohne Poe und Lovecraft wohl nie entstanden.

Das heißt aber nicht, dass Lovecraft keine negativen Aspekte eingebracht hätte. Als gesellschaftlicher Außenseiter, der nur intensiv mit einer Clique Gleichgesinnter kommunizierte (er schrieb Briefe wie andere Leute E-Mails), ist ihm alles Fremde suspekt und verursacht ihm Angst: Xenophobie nennt man dieses Phänomen. Darüber hinaus hegte er zunächst rassistische und antisemitische Vorurteile (wie leider viele seiner Zeitgenossen), so dass er von kultureller Dekadenz und genetischer Degeneration schrieb. Degeneration ist das Hauptthema in „Grauen von Dunwich“ und „Schatten über Innsmouth“, aber auch in den beiden hier gesammelten Erzählungen.

Edward Derby ist der dekadente Sprössling, der sich dem verderblichen Einfluss schwarzer Magie zuwendet und so an Asenath White bzw. ihren Vater Ephraim, den unsterblichen Hexenmeister, gerät. Der Letzte der de la Poer stößt, wie der Protagonist in „Innsmouth“, unversehens auf die schrecklichen Wurzeln seiner eigenen Familie, allerdings natürlich nicht in der Neuen, sondern in der Alten Welt, in England. Immer wieder wird bei Lovecraft das Grauen importiert: von anderen Weltgegenden, aber wichtiger noch – aus der alten Zeit. Denn in grauer Vorzeit, so HPLs Privatmythos, herrschten die Großen Alten auf der Erde, bevor sie vertrieben wurden. Daher bleiben von ihnen nur Spuren ihres Einflusses. Und wer lange genug nach seinen eigenen Wurzeln sucht, wird auf diese Wurzeln stoßen. Das „kosmische Grauen“ verschlingt den unseligen Sucher.

Ähnlich passiert dies auch Edward Derby, aber auf ganz andere Weise. Denn die verhängnisvollen Wurzeln verbergen sich in seiner Gattin Asenath, die wiederum von ihrem Vater besessen ist. Dieser wiederum ist ein Diener der Großen Alten, denen er die Unsterblichkeit per Seelenübertragung durch Körpertausch verdankt. Für den armen Ed kommt jede Hilfe, die ihm sein entsetzter Freund, unser Reporter vor Ort, gewähren könnte, häufig zu spät. Mit zwei Ausnahmen: Als Ed aus den Bergen und Wäldern Maines taumelt, fährt Dan ihn nach Hause, wobei Ed ihm die (vermutete) Wahrheit erzählt – bis zu einem gewissen Punkt, an dem Asenaths Geist ihn wieder übernimmt, sozusagen per Fernsteuerung. Die andere Ausnahme ist natürlich der Gnadenschuss für Edward Derby, das heißt: für seinen Körper.

|Der Sprecher|

Lutz Riedel liefert eine tolle, überragende Leistung ab. Sein modulationsreicher, dramatischer Vortrag hat mich sehr beeindruckt. Beide Erzählungen steigern sich in ihrer Wirkung allmählich zu einem Höhepunkt, „Die Ratten im Gemäuer“ sogar noch eindeutiger, unkomplizierter als „Das Ding auf der Schwelle“. Am Höhepunkt steigert sich Riedels Stimme in solche Höhen, dass ich sie einem Mann nicht zugetraut hätte. Doch dieses Stilmittel ist – nur in diesem Augenblick – völlig angemessen. Wer mit dem Geist zu sehen vermag, kann sich das Entsetzen der entsprechenden Szene lebhaft und geradezu wie einen Film vorstellen. Einfach fabelhaft. (Ich stelle mir dazu gerne einen schwarzweißen Stummfilm aus der Ära von Bela Lugosi und Boris Karloff vor.)

Die Musik von Andy Matern und die Ansage durch Helmut Krauss entsprechen dem Motto des Verlegers, Regisseurs, Produzenten und Dramaturgen Lars Peter Lueg ebenfalls in vollkommener Weise: „Gänsehaut für die Ohren“ hat man selten wirkungsvoller erlebt – mit Ausnahme der anderen LPL-Produktionen wie etwa „Necroscope“.

_Unterm Strich_

Ist „Das Ding auf der Schwelle“ auch vielschichtiger aufgebaut als die frühe Erzählung „Die Ratten im Gemäuer“, so bieten beide doch garantiert Grauen höchster Qualität und Wirkung, wie man es nur in den besten Erzählungen von Autoren wie Lovecraft finden kann. Ist „Das Ding …“ eine Art längerer Sinfonie, die sich in Phasen der An- und Entspannung dem Finale nähert, so besticht „Ratten“ durch die strenge Ausrichtung auf die sich stetig steigernde, absolut einheitliche Wirkung, ohne lange nach rechts oder links abzuschweifen. Die Wirkung auf mich war entsprechend größer: wie ein Schlag in die Magengrube (ich wollte gar nicht mehr hinhören!). Der Hörer sollte sie sich als krönenden Abschluss des Hörbuchs gönnen – denn Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.

Lutz Riedel erweist sich als optimaler Sprecher der unterschiedlichen Stimmungen in den beiden Erzählungen. Seine stimmliche Modulationsfähigkeit ist wirklich beeindruckend und verhilft den Geschichten zu optimaler Wirkung. Die Aufnahmequalität ist ausgezeichnet, die Umrahmung angemessen düster. |LPL records| hat wieder einmal eine sehr gelungene Produktion vorgelegt, die sich jedem Lovecraft- und Horror-Freund bedenkenlos empfehlen lässt.

|Hinweis|

Ein umfangreiches zweites Booklet stellt die weiteren LPL-Produktionen vor, zu denen auch eine Reihe von Erzählungen gehört, die „Alien“-Schöpfer H.R. Giger unter dem Label [„Vampirric“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=581 zusammenstellte. Diese Erzählungen stammen von bekannten Autoren wie Guy de Maupassant („Der Horla“, ein echter Klassiker) und Thomas Ligotti, einem modernen Amerikaner, der stark von Poe und HPL beeinflusst ist („Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts“). Das Design der Hörbücher ist, einem Giger angemessen, bizarr und düster.

|Umfang: 153 Minuten auf 2 CDs|

Nesser, Hakan – Sein letzter Fall

_Schwarze Logik: Van Veeterens großer Irrtum_

Jedes Kunstwerk ist ein Betrug und jeder Betrug ein Kunstwerk – dieser Satz könnte auch auf den Fall G. zutreffen, den Kommissar Van Veeteren fünfzehn Jahre lang ungelöst mit sich herumschleppt. Bis sich dann endlich Hoffnung auf das Lösen des Rätsels ergibt – und der Kommissar in eine tödliche Falle tappt.

|Der Autor|

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen.

Manche seiner Romane um Kommissar Van Veeteren wurden verfilmt. Auf Deutsch sind u. a. erschienen: „Das vierte Opfer“, „Der unglückliche Mörder“, „Münsters Fall“ und „Der Kommissar und das Schweigen“ (Auswahl). Zuletzt erschienen die Romane „Die Katze, die Schwalbe, die Rose und der Tod“ sowie „Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“.

_Handlung_

Maarten Verlangen ist ein Privatdetektiv, der in seiner Heimatstadt Maardam schon mal bessere Tage gesehen hat. Er war bis zu einem Korruptionsskandal ein relativ unbescholtener Polizist, doch seitdem hat sich seine Frau von ihm scheiden lassen und seine Tochter Belle mitgenommen. Jetzt, mit 47, hat er keine großartigen Perspektiven mehr. Man schreibt das Jahr 1987.

Mit dem neuen Beschattungsauftrag winkt ihm hingegen ein Tausender für leichte Arbeit, und so greift er ohne Zögern zu. Barbara Hennan will, dass er zwei Wochen lang ihren Mann überwacht. Leider kennt Maarten diesen Typen ganz genau: Jaan G. Hennan hat er seinerzeit selbst in den Knast gebracht. Damals schwor ihm Hennan Rache. Anfangs gestaltet sich die Beschattung wie erwartet langweilig, doch dann bezecht er sich eines Nachts mit Hennan selbst. Am anderen Tag hofft er, dass er Hennan nicht im Suff verraten hat, dass er ihn beschattet – und in wessen Auftrag.

Das Wochenende verbringt Maarten recht sorglos, zunächst bei einer Freundin, dann zu Hause, wo er endlich dazu kommt, die Zeitung zu lesen. Da endlich trifft ihn die Nachricht des Tages wie ein Vorschlaghammer: Barbara Hennan wurde tot in ihrem leeren (!) Swimmingpool unter dem Sprungturm aufgefunden. Sie war für das Baden angezogen und hatte über 1,4 Promille Alkohol im Blut. War sie besoffen ins vier Meter tiefe Becken gestürzt – oder hatte jemand nachgeholfen? Jaan G. Hennan hatte sie gefunden und die Polizei von Linden gerufen, die später die Polizei von Maardam hinzurief: Kommissar Van Veeteren und Inspektor Münster.

Genau wie Verlangen kennt auch Van Veeteren seinen früheren Schulkameraden, den Sadisten und Leutequäler Hennan. Er ist ebenfalls keineswegs erfreut, ihn wiederzusehen. Unterdessen erfährt Verlangen vom Direktor der Versicherungsgesellschaft, die ihm ab und zu Aufträge zuschanzt, dass Barbara Hennan eine Woche vor ihrem Tod eine Lebensversicherung abgeschlossen hatte: Für den Fall ihres natürlichen oder eines Unfallstodes erhält Hennan 1,2 Millionen. Die Versicherung würde ungern zahlen. Verlangen solle doch mal zusehen, ob man nicht einen Totschlag oder Selbstmord daraus machen könnte …

Doch der Privatdetektiv ist eine ehrlichere Haut, als er selbst von sich gedacht hatte. Er erzählt Van Veeteren, was er weiß. Der Kommissar ist entzückt: Hennan, den er selbst bis aufs Blut hasst, hatte ein einmalig gutes Motiv, er hatte die Mittel. Allerdings hat er für die Tatzeit ein wasserdichtes Alibi: Verlangen selbst. Und selbst härteste und raffinierteste Verhörmethoden, ja sogar eine Gerichtsverhandlung können Hennan nicht festnageln.

Der Fall G., muss Van Veeteren widerwillig zugeben, ist an einem toten Punkt angekommen.

Fünfzehn Jahre später, man schreibt das Jahr 2002, meldet Verlangens Tochter Belle ihren Vater als vermisst – allerdings nicht auf dem Polizeirevier, sondern bei Van Veeteren in dessen Antiquariat persönlich. Wochen zuvor hatte er noch ihren Sohn kurz angerufen – er habe die Lösung des Falles G. endlich gefunden. Van Veeteren kombiniert auch gleich richtig: Verlangen tätigte seinen letzten Anruf nicht aus Maardam, sondern aus der Nachbarstadt Kaalbringen.

Was für ein Glück! In Kaalbringen hatte er einmal zu tun (in „Das vierte Opfer“), und seitdem hat er dort einen guten Freund, den ebenfalls in den Ruhestand gegangenen Kommissar Bausen, der nun eifrig malt. Und VV erinnert sich noch gut an eine ebenso hübsche wie fähige Inspektorin namens Moerk (mit der Kommissar Münster mal was hatte).

Da müsste es ja mit dem Teufel zugehen, wenn sie im Fall G. nicht endlich weiterkommen würden, oder? Leider hat Maarten Verlangen zu diesem Zeitpunkt bereits ein großes zusätzliches Loch im Schädel …

_Mein Eindruck_

So wie Gallien gemäß Julius Cäsar in drei Teile aufgeteilt wurde, so zerfällt auch dieser Roman in zwei separate Teile. Der erste spielt 1987, als VV gerade mal 15 Jahre im Polizeidienst ist, und der zweite 2002, als er den Dienst bereits quittiert hat, um ein Antiquariat zu führen.

|Fieberkurven|

Die Spannungskurve verhält sich diesen Teilen entsprechend, aber anders als in den üblichen Thrillern und Krimis: Von einem hohen Niveau nach der Entdeckung des Todes von Barbara Hennan verläuft sie in einem abfallenden Bogen nach unten. Die Verhöre bringen nichts – oder hat die Polizei etwas übersehen? Die Fall G. landet an einem toten Punkt. Nur um sich dann im zweiten Teil ebenso steil wieder nach oben zu arbeiten, bis sich die Spannung zu einem Finale steigt, das man sich dramatischer kaum vorstellen kann – für VV geht es nämlich um Leben oder Tod.

Für den (oder die, falls G. einen Helfer hatte) wahren Täter verläuft die Erfolgskurve natürlich genau umgekehrt. Denn jeder Betrug ist ein Kunstwerk, wie gesagt. Und da dieser Betrug – an der Versicherung, an der ach so schlauen Polizei – so hervorragend geklappt hat, geht Jaan G. Hennan als freier Mann von dannen, und um 1,2 Millionen Gulden (etwa 600.000 Dollar) reicher. Für Maarten Verlangen aber führt die Kurve des Erfolges steil nach unten – bis kurz vor seinem Ende, als er einen Hoffnungsfunken zu erhaschen meint.

|Seltsame Irrtümer|

Warum konnte die Polizei in Linden und Maardam den Fall G. nicht lösen? Das fragt sich der Leser verblüfft am Schluss. Denn der Betrug konnte nur aufgrund weniger Details, die übersehen wurden, vollständig gelingen. Waren es die Ermittlungsmethoden, die keineswegs auf DNA-Analyse und Elektronenmikroskope zurückgreifen konnten? Oder lag es an der mangelnden Vorstellungskraft der Ermittler? Waren sowohl VV als auch Verlangen derart von ihrem Hass gegen Hennan geblendet, dass sie seinen Trick nicht durchschauen konnten – oder nicht wollten?

Eines steht jedenfalls fest: Wer das überraschende Ende des Falles G. erfahren hat, will den Roman sogleich von Neuem lesen. Allein schon um mitzubekommen, wie sich die entscheidenden Details anders interpretieren lassen. Man sieht dann die Abläufe und Ermittlungsresultate mit anderen Augen – und liest einen völlig anderen Roman. (Ähnlich wie bei „Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“ der Schluss den ganzen Roman umwertet – ein gelinder Schock für den Leser.)

|Qual|

Mir selbst erging es ein wenig schlechter als so manchem Amazon-Kommentator. Ich quälte mich durch den ersten Teil. Doch im zweiten Teil, der auf Seite 279 beginnt, schreitet die Handlung rasch voran. Quasi wie auf einer Schnitzeljagd führt ein Ermittlungsergebnis zum nächsten und so weiter. Bis es dann zu spät ist für Van Veeteren.

Ich möchte niemandem den ersten Teil miesmachen, aber er könnte sich doch als eine gelinde Enttäuschung herausstellen. Da hilft nur ein Gedanke: Es kann nur besser werden!

|Private Entscheidung|

Und so ganz nebenbei führt der ungelöste Fall G. am Ende des ersten Teils doch zu einer Entscheidung. VV beschließt, sich von seiner Frau Renate zu trennen, da seine Ehe praktisch nur noch auf dem Papier existiert. Da lebt sein Sohn Erich noch, ebenso seine Tochter Jess. Im zweiten Teil ist Erich bereits tot, wie wir aus dem Roman „Der unglückliche Mörder“ wissen. Und VV ist glücklich mit Ulrike Fremdli verheiratet, einem „wahren Wunderwerk von einer Frau“. Wäre es da nicht ein Jammer, wenn VV irgendwo im Wald bei Kaalbringen abgeknallt werden würde? Na also.

|Der Dekalog ist fertig|

Van Veeteren besucht mit Ulrike gerne das Kino, und diesmal gehen sie in einen Film von K. Kieslowski aus dessen „Dekalog“-Reihe. Mit „Sein letzter Fall“ hat der Autor ebenfalls einen Dekalog abgeschlossen: zehn Romane um Kommissar Van Veeteren, mit Intermezzi um seine engsten Kollegen, Moreno („Der Tote am Strand“) und Münster („Das vierte Opfer“), insgesamt rund 3500 Seiten.

|Das Beiheft|

Der Leinenausgabe ist ein schmales dunkelrotes Heftchen beigelegt. Es trägt den schönen Titel „Badete Van Veeteren jemals im See von Kumla?“ und versteht sich als „Ein Führer durch Håkan Nessers Romanwelt“. Geschrieben hat diesen nützlichen Cicerone ein gewisser Eugen G. Brahms, über den wir auf der letzten Seite folgendes erfahren: „Brahms kam 1950 nach Schweden. Nach Studium u. a. der Mathematik und der Literaturgeschichte an der Uni Uppsala und der Hochschule von Örebro war er tätig als Schriftsteller, Literaturkritiker und Verleger. Wohnhaft in Uppsala und schließlich auch in Stockholm.“ Von ihm ist wohl besonders zu erwähnen, dass er einen Essay mit dem Titel „Der ultimative Romanumfang – 3500 Seiten“ schrieb, und das bereits 1993!

Dass Brahms aber doch kein Hellseher ist, sondern lediglich ein fähiger Literaturkritiker, belegen seine Ausführungen über Nessers Romanwelt, die er auf 27 Seiten ausbreitet und auf weiteren Seiten mit Anmerkungen und einer Straßenkarte von Kumla versieht.

Hier erfahren Nesser-Kenner und solche, die es werden wollen, wie das fiktive Land aussieht, in dem die VV-Romane spielen, wo es ungefähr liegen könnte, wie es beschaffen ist, was man sich unter Maardam und Kumla vorzustellen hat. Noch weitaus wichtiger als diese Realien sind die Ergebnisse, zu denen Brahms hinsichtlich der Philosophie des „Hauptkommissars“ gelangt, denn VV ist ja Agnostiker und hat in 30 Jahren Dienst seine eigene Lebensanschauung entwickelt und wiederholt revidiert. Das ist doch recht interessant – mindestens so interessant wie die ungewöhnlichen Verläufe, die die Fälle in den VV-Romanen nehmen. „Es gibt eine schwarze Logik“, sagt VV einmal. Und es lohnt sich, den Sinn hinter dieser seltsamen Bemerkung aufzudecken.

_Unterm Strich_

Als ich die erste Hälfte des Romans gelesen hatte, wollte ich ihm nur ein müdes Resultat bescheinigen, allenfalls noch einen Bonus für das nützliche Beiheft spendieren. Nach dem sehr bewegenden Epilog, der auf das dramatische Finale folgt, bin ich geneigt, dem Roman eine maximale Wertung angedeihen zu lassen. Sei’s drum!

„Sein letzter Fall“ ist ein Kunstwerk, und jedes Kunstwerk ist bekanntlich – wie Geschichten oder Gemälde – ein Betrug, zu unserer Unterhaltung. Diese Geschichte ist kunstvoll aufgebaut, auch wenn sich Spannung nicht so recht einstellen will. Doch es werden Weichen gestellt, und schließlich nähert sich der „Fall G.“ unaufhaltsam seinem Ende, das so oder so ausgehen mag.

Wir wünschen Van Veeteren, dass seine letzte Dienstreise gut ausgeht, doch andererseits wäre es vielleicht nicht allzu schlimm, wenn ihm das nicht vergönnt wäre. So wie sich der Kreis des Falles G. nun schließt, so schließt sich auch sein privater Lebens-Lauf. (Wieder einmal taucht, wie in jedem Nesser-Buch, ein Läufer, ein Jogger auf.)

|Die Übersetzung|

Die Übersetzerin Christel Hildebrandt hat, mal wieder, eine großartige Leistung vollbracht. An manchen Stellen ist genau zu spüren, dass sie eine Weile nach dem haargenau treffenden deutschen Wort suchen musste, z. B. „kleidsam“, um die spezielle Philosophie, die Van Veeteren entwickelt hat, zum Ausdruck zu bringen. Es ist ihr ein ums andere Mal gelungen. Ein „Wunderwerk“, um es mit VV zu sagen. Fünf Romane Nessers harren noch ihrer Übersetzung. Wir können uns schon mal drauf freuen.

Deutsche Nesser-Verlagsseite: http://www.hakan-nesser.de.

Colfer, Eoin – Artemis Fowl III – Der Geheimcode (Lesung)

Dieser Roman ist der mittlerweile dritte in der Serie um den 13 Jahre jungen Meisterverbrecher Artemis Fowl, der ständig mit der Welt der Unterirdischen im Clinch liegt. Dieses Buch wurde nominiert für den |Deutschen Bücherpreis 2004|.

|Der Autor|

Aus dem Booklet: |“Bis zu seinem Welterfolg mit ‚Artemis Fowl‘ arbeitete Eoin [ausgesprochen: ouen] Colfer als Lehrer. Er hat mehrere Jahre in Saudi-Arabien, Tunesien und Italien unterrichtet. Seine früheren Bücher für junge Leser standen in Irland, England und den USA an der Spitze der Bestsellerlisten. Colfer lebt mit Frau und Sohn im irischen Wexford und widmet sich gegenwärtig ganz dem Schreiben.“| Kein Wunder, dass die nächsten Artemis-Bände schon fertig und ebenfalls als Hörbuch zu haben sind!

|Der Sprecher|

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Musik und Geräusche gibt es keine. Die Hörfassung ist leicht gekürzt worden.

_Handlung_

Immer darum bemüht, das Vermögen des Fowl-Klans zu mehren, trifft sich Artemis Fowl in London mit dem amerikanischen Unternehmer John Spiro in einem Restaurant dessen Wahl. Beide Seiten sind mit ihren Bodyguards gekommen: Spiro mit Arno Blunt und Artemis mit Butler. Beide Seiten sind gut vorbereitet. Aber auf was?

Artemis hat etwas ganz Besonderes anzubieten: den C-Cube, wobei C für Control steht. Es handelt sich um einen kombinierten Minicomputer plus Handy plus Scanner, drahtlos und mit Spracheingabe. Von der erstaunlichen Miniaturisierung mal abgesehen, ist der würfelförmige und leicht tragbare C-Cube in der Lage, sowohl Satelliten anzuzapfen als auch jeden Geheimcode zu knacken. Spiro lässt sich dies gerne demonstrieren. Das Wunderding knackt den 512-Bit-Code seines Handys im Handumdrehen (dieser Code ist viermal stärker als die aktuelle Bit-Stärke für SSL-geschützte Übertragungen im Internet). Kein Wunder: Es ist aus Material der Elfen-ZUP hergestellt worden.

Spiro ist beeindruckt und will das Zauberding sofort haben. Er ist selbst Elektronikhersteller mit Schwerpunkt Kommunikation. Mit dem C-Cube könnte er seinem schärfsten Konkurrenten |Phonetix| den Garaus machen: Er braucht nur deren Forschungsergebnisse auszuspionieren.

Leider verweigert Artemis die Transaktion. Vielmehr läuft sein Deal ganz anders. Er bringt den C-Cube |nicht| auf den Markt, ruiniert Spiro nicht und bekommt dafür eine Tonne Gold für sein nettes Entgegenkommen. Spiros Deal sieht auch anders aus: Er schnappt sich den C-Cube, lässt Fowls Leibwächter Butler abknallen und verschwindet – aber nur, weil er Artemis plötzlich nicht mehr sieht.

Butler hat gerade noch Zeit, eine Schallbombe zu zünden und alle Gegner außer Gefecht zu setzen, bevor er den Löffel abgibt. Geistesgegenwärtig steckt Artemis seinen Freund ins Gefrierfach der Restaurantküche und mietet sofort ein Fach im Kryogenik-Institut von Dr. Constance Lane an. Dann erst ruft er die Unterirdischen zu Hilfe, allen voran Holly Short von der Zentralen Untergrund-Polizei (ZUP), damit sie Butler wiederbelebt.

In Haven City, der Stadt der Unterirdischen, fällt der Strom aus und sämtliche Schotts zur Außenwelt schließen sich automatisch. Nicht nur Elfen-Cop Holly Short ist beunruhigt. Ihr Vorgesetzter Root und sein Techniker, der Zentaur Foaly, sind es noch viel mehr. Eine fremde Macht versucht offensichtlich, Haven City anzugreifen. Wer ist es und was will er?

_Mein Eindruck_

So beginnt ein rasantes Abenteuer, das starke Ähnlichkeit mit einer |Mission Impossible| hat. Denn natürlich müssen Artemis Fowl und die Unterirdischen den C-Cube wiederbeschaffen. Er ist eine Bedrohung für die ganze Welt, die obere wie die untere.

Der Höhepunkt der Action ist die minutiös geschilderte Einbruchsaktion in Spiros extrem gut gesichertes Hochhaus, in dessen extrem gut gesichertem Tresorraum der C-Cube nun ruht. Mir fiel auf, dass dabei technische Einzelheiten in Hülle und Fülle erwähnt werden, so dass kein Jugendlicher unter etwa 15 Jahren damit zurechtkommen dürfte: Die oberirdische Technik ist auf dem modernsten Stand, aber die unterirdische ist noch wesentlich weiter – genau wie der C-Cube. Fans von „Mission: Impossible“ und SWAT-Team-Filmen kommen hier jedenfalls voll auf ihre Kosten.

Nicht so toll, geradezu langweilig und nervend fand ich dann die dramaturgischen Aufräumarbeiten, nachdem Spiro – nach einigen Tricks – endlich besiegt ist. Denn nun geht es Artemis Fowl selbst an den Kragen. Die Unterirdischen haben endgültig genug von seinen Eskapaden auf ihre Kosten – und löschen sein Gedächtnis. Das klingt schlimmer als es ist, aber der Auszug aus Artemis‘ Tagebuch, das den Epilog bildet, ist doch recht putzig anzuhören. Wie er sich über bestimmte Dinge und Beinahe-Erinnerungen wundert. Jedenfalls ist er bereit für neue Abenteuer, soviel steht fest.

Im zweiten Abenteuer haben die Leser viele bemerkenswerte und sonderbare Figuren lieb gewonnen, so etwa den Zwerg Mulch Diggums, der nun für die Mafia arbeiten soll, und Artemis‘ wehrhaften Butler namens Butler (eigentlich Domovoi). Neu im Team ist nun Butlers junge Schwester Juliet: Sie ist eine wahre Kampfmaschine, und als Artemis sie zu Hilfe ruft, befindet sie sich gerade in einem karg ausgestatteten japanischen Trainingslager, wo sie ihre Kampfsporttechnik vervollkommnet. Sie wird sich noch als sehr nützlich erweisen.

Natürlich hat auch der Gegner neue Figuren aufzuweisen. Doch wie üblich umgibt sich der unumschränkte Herrscher – Spiro – wieder mal nur mit hirnamputierten Muskelprotzen, so dass sie für die Angreifer von der ZUP keine ernst zu nehmenden Hindernisse darstellen. Spiro verlässt sich lieber auf die Technik, aber auch in dieser Hinsicht haben die Unterirdischen bekanntlich die Nase vorn.

Nach Bezügen zur realen Gegenwart möchte ich lieber nicht suchen, denn die alten ideologischen Fronten existieren nicht mehr – jedenfalls nicht im Maße wie während des Kalten Krieges. Die eigentlichen Kriege finden zunehmend zwischen multinationalen Konzernen statt.

|Der Sprecher|

Rufus Beck schafft es wieder, jeder Figur ihre individuelle Stimme zu verleihen. Dabei scheint er mühelos tiefste Tiefen und höchste Höhen zu erreichen, selbst astreine Dialekte wie Berlinerisch sind ihm nicht fremd. So fällt es leicht, die einzelnen Figuren auseinanderzuhalten, selbst wenn man sich ihre Namen nicht merken können sollte. Und diese Charakterisierung trägt wesentlich dazu bei, aus dem Roman ein Hörspiel mit verteilten Rollen zu machen, das an Dramatik nichts zu wünschen übrig lässt. Wenn nur die Story nicht entgleisen würde.

_Unterm Strich_

Der Aufbau des neuesten Fowl-Abenteuers ähnelt auffallend dem des vorhergehenden. Doch gilt es diesmal nicht, irgendwelche Aufständischen unschädlich zu machen, sondern à la James Bond einen größenwahnsinnigen Unternehmer, der die Welt zu beherrschen droht – mit Elfen-Technik, wohlgemerkt. Und das finden die Elfen gar nicht witzig. Sie schlagen ihn mit ihren eigenen Waffen, die teils recht magisch daherkommen. Für Fowl-Fans ist wohl wichtiger, dass Fowls bester Freund, sein Leibwächter Butler, stirbt – zumindest vorübergehend.

Insgesamt ist das Abenteuer wesentlich technischer ausgerichtet als etwa die Abenteuer von Fowls größtem Konkurrenten: Harry Potter. Dort herrschen Elemente aus Fantasy und Mystik (Basilisk, Phönix usw.) vor. Und bei Fowl fehlt eine Hierarchie der Gesellschaft vollständig: keine Magier, die Fowl sagen, was er zu tun hat. Aber auch kein Erzfeind, gegen den er sich profilieren könnte. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis der erste Artemis-Fowl-Film in unsere Kinos kommt.

Das Hörbuch ist sehr actionreich und flott erzählt. Allerdings sollte man sich davon, wie ich merkte, nicht allzu viel auf einmal zu Gemüte führen: Ein Sättigungseffekt tritt schon nach zwei bis drei CDs ein. Eine Pause hilft, das Gehörte zu verarbeiten. Und Rufus Beck zuzuhören, kann schon ein wenig anstrengend sein.

|Umfang: 386 Minuten auf 5 CDs|

Homepage der Serie: http://www.artemis-fowl.de/