Alle Beiträge von Michael Matzer

David Gemmell – Die steinerne Armee (Rigante 1)

Den abenteuerreichen Aufstieg eines jungen Kriegerführers schildert dieser erste Band eines neuen Heroic-Fantasy-Zyklus des einschlägig bekannten britischen Autors David Gemmell. Der Rigante-Zyklus wendet sich wie schon der Drenai-Zyklus an ein junges männliches Publikum, und dieses weiß er hervorragend zu unterhalten.

Inzwischen sind vier Rigante-Romane veröffentlicht. Man darf davon ausgehen, dass weitere folgen. Die deutsche Ausgabe ist sehr schön aufgemacht – mit einem verzierten Hardcover-Einband. Das Sammeln lohnt sich also.

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William Gibson – Neuromancer

„Case ist 24 und seine Karriere am Ende. Das Nervensystem des abgehalfterten Daten-Cowboys ist zerstört, er hat keinen Zugang mehr zur Matrix des Cyberspace. Bis er Molly kennen lernt, eine durch Implantate getunte Kämpferin. Ein unerwarteter Auftrag führt sie in die gefährliche Auseinandersetzung zwischen den künstlichen Zwillings-Intelligenzen Neuromancer und Wintermute …“ (Klappentext)

Der Autor

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Alexander, Lloyd – Taran – Der schwarze Kessel

Dies ist der zweite Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

_Der Autor_

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der US-amerikanische Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy-Geschichte für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

Der |Taran|-Zyklus:

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

_Handlung_

Der Junge Taran lebt als Hilfsschweinehirt beim Schmied Coll und einem Magier namens Dallben. Der Magier hütet das magische „Buch der Drei“, das Taran nicht anfassen darf, selbst wenn der Zauberer, wie so oft, mal wieder schlafend meditiert.

Doch die friedliche Zeit, die auf das Ende seines ersten Abenteuers folgt, hat jäh ein Ende, als sich verschiedene hohe Herrschaften auf dem Gehöft von Dallben und Taran einfinden. Fürst Gwydion hat eine Ratsversammlung einberufen. Der Feldherr von Hochkönig Math fordert die anderen Fürsten auf, auf eine gefährliche Mission ins Reich Annuvin des Todesfürsten Arawn zu ziehen. Solange Arawn mit Hilfe des magischen schwarzen Kessels weiterhin Zombiekrieger erzeugen könne, werde Prydain nicht sicher sein vor seinem Angriff. Und in letzter Zeit sei Arawn dazu übergegangen, nicht nur Tote zu Kesselkriegern zu machen, sondern auch Lebende.

Auf dem Feldzug gerät Taran ständig mit dem hochmütigen Prinzen Ellidyr aneinander, der es wirklich auf den „Schweinejungen“ abgesehen hat. Und auch um den Feldzug ist es nicht gut bestellt, denn als Doli, der Zwerg, der sich unsichtbar machen kann, vom Dunklen Tor, dem Eingang zu Annuvis, zurückkehrt, erzählt er, dass der schwarze Kessel gar nicht dort sei, wo man ihn erwartet habe. Er ist weg!

Doch ein weiterer Zwerg namens Gwystyl beziehungsweise dessen Rabe Kaw wissen, wo der Kessel jetzt ist: in den Marschen von Morva. Und wer wohnt dort? Drei alte Weiber namens Orddur, Orgoch und Orwen, die über Zauberkräfte verfügen. Tarans Gefährten und er selbst entgehen nur dem traurigen Schicksal, gefressen oder als Kröten zertreten zu werden, da Taran erwähnt, dass er in der Obhut des Zauberers Dallben lebt. Die drei Hexen erinnern sich sehr gut an das Knäblein Dallben: Sie haben es selbst aufgezogen.

Zwar entdecken die Gefährten den schwarzen Kessel tatsächlich auf dem Grund und Boden der Hexen, doch das nützt ihnen gar nichts. Sie bekommen ihn nur gegen einen hohen Kaufpreis: Taran muss die Spange des Wissens hergeben, die ihm der Barde Adaon, der Sohn des Oberbarden Taliesin, in Verwahrung gegeben hatte.

Doch das ist noch gar nichts gegen den Preis, den der schwarze Kessel für seine Zerstörung fordert: Ein lebendiger Mensch muss freiwillig in den Kessel springen, dieser werde daraufhin zerbersten. Tatsächlich: Hämmer und Stangen richten gegen das magische Monstrum nichts aus, und so müssen ihn die Gefährten durch die Lande zu Fürst Gwydion schleppen, denn der werde schon Rat wissen.

Allerdings haben sie die Rechnung ohne den Ehrgeiz des Prinzen Ellidyr gemacht.

_Mein Eindruck_

Das Buch lässt sich ohne weiteres in nur fünf Stunden lesen, und doch hat der Leser das Gefühl, eine ausgewachsene, tiefgehende Geschichte erfahren zu haben. Das liegt daran, dass es hier nicht mehr darum geht, Wissen und Gefährten zu erwerben, um schließlich damit den eindeutig erkennbaren Gegner von der Gegenseite zu überwinden.

Diesmal sind die Gegner in den eigenen Reihen zu finden: falscher Ehrgeiz und mehrfacher Verrat vereiteln um ein Haar den Erfolg der Guten, die auf der Seite von Recht und Gesetz stehen; Fürst Arawn tritt überhaupt nicht in Erscheinung, allenfalls seine Häscher, die Kesselkrieger. Und so müssen schon bald die Besten dafür büßen, unter ihnen der kluge, seherisch begabte Adaon. Und obwohl er die nahe Zukunft kennt, überlässt er Taran die Entscheidung, wie man weitermachen will: zurück zu Fürst Gwydion oder doch in die Marschen von Morva?

Dieses Taran-Abenteuer ist sowohl sehr spannend als auch anrührend. Das Fazit, das Gwydion und Taran am Schluss ziehen, ist relativ niederschmetternd: Dies ist also die Welt eines Mannes, eine Welt aus Verrat, Blut, Niedertracht und falschem Ehrgeiz. Kann dies alles sein? Nicht wenn man dem Pfad der Ehre und der Wahrheit und der Liebe folgt.

Doch Liebe hat Taran noch nicht kennengelernt, allenfalls indirekt durch Adaon. Der war nämlich mit Prinzessin Arian Llyn verlobt, und das Unterpfand ihrer Liebe war eben jene Spange, die Taran für den Zauberkessel hergeben musste.

So erwirbt ein Symbol der Liebe ein Werk des Bösen, um dieses der Vernichtung zuführen zu können. Nur ein weiteres Opfer kann die Vernichtung vollbringen. Doch die Wahl des Freiwilligen fällt ganz anders aus als erwartet.

_Unterm Strich_

„Der schwarze Kessel“ ist ein spanenndes Abenteuer, das bereits mehrere unerwartete Wendungen in Tarans Entwicklung enthält und den Helden reifen lässt. Wir wissen immer noch nicht, wer er in Wahrheit ist: ein Findling, aufgezogen von einem anderen Findling, nämlich Dallben. Angesichts der Weisheit und Gerissenheit des Erzählers ist nun mit allem zu rechnen, wenn es in die nächsten drei Abenteuer geht (siehe oben).

Black, Holly / DiTerlizzi, Tony – Gefährliche Suche (Die Spiderwick-Geheimnisse 2)

Die Spiderwick-Saga wird fortgesetzt: Drei junge New Yorker sind mit ihrer Mutter in einem uralten Haus gelandet, indem es offenbar nicht mit rechten Dingen zugeht. Und wenn Jared das Handbuch über Fabelwesen nicht so besitzergreifend behalten hätte, wären auch nicht die Kobolde gekommen und hätten Simons Katze entführt …

_Die Autoren_

Tony DiTerlizzi ist ein mehrfach ausgezeichneter amerikanischer Illustrator von Kinder- und Jugendbüchern sowie Rollenspielbänden. Zu seinen Werken gehören Arbeiten für Bücher von Tolkien, Anne McCaffrey, Peter S. Beagle sowie für das Kartenspiel „Magic the Gathering“ und „Dungeons & Dragons“. Er lebt mit seiner Frau Angela und seinem Mops Goblin (= Kobold!) in Amherst, Massachusetts, einem recht malerischen Städtchen in Neuengland. Lebte nicht auch die Dichterin Emily Dickinson dort? Mehr Infos: http://www.diterlizzi.com.

Holly Black wuchs laut Verlag in einem „alten viktorianischen Haus auf, wo ihre Mutter dafür sorgte, dass ihr die Geister- und Elfengeschichten nie ausgingen“. Ihr erster Jugendroman „Die Zehnte“ (2002) entwirft ein „schauriges Porträt der Elfenwelt“. Es wird von der American Library Association als „Best Book for Young Adults“ bezeichnet, eine gute Empfehlung für politisch korrekte Fantasy.

Holly lebt mit ihrem Mann Theo und einem „beeindruckenden Zoo“ in New Jersey. Mehr Infos: http://www.blackholly.com.

_Handlung_

Im ersten Band der Spiderwick-Saga geschah Folgendes: Die Zwillinge Simon und Jared ziehen mit ihrer älteren Schwester Mallory von New York City aufs Land, nachdem sich ihre Eltern haben scheiden lassen. Sie leben jetzt bei ihrer Mutter, die sich nun keine New Yorker Wohnung mehr leisten kann, aber zum Glück noch ein Domizil von ihrer Großtante Lucinda überlassen bekommt: Haus Spiderwick.

In der verborgenen Bibliothek findet Jared ein Rätsel und woanders das Buch selbst: „Arthur Spiderwicks Handbuch für die fantastische Welt um dich herum“. Das Wichtelmännchen Thimbletack hat Jared gewarnt, das Buch loszuwerden, doch der wollte nicht hören. Nun muss er die Folgen tragen.

Auf der Suche nach seinem verschwundenen Kater Tibbs ist Simon, Jareds Bruder, an den Rand des Gartens geraten. Jared sieht gerade noch, wie Simon mit den Armen fuchtelt, als kämpfe er mit etwas Unsichtbarem. Dann ist sein Bruder verschwunden. Was tun?

Von Thimbletack besorgt sich Jared einen sehenden Stein, den er in ein altes Monokel einsetzt. Jetzt vermag er die „fantastische Welt um sich herum“ wahrzunehmen. Doch da Jared nicht sehr freundlich zu dem Wichtelmännchen war, ist Thimbletack sauer – so muss Jared mit Mallory alleine losziehen.

Leichter gesagt als getan, denn als erstes werden sie von eine Horde Kobolde angegriffen, die sie nur mit Mallorys Florett vertreiben können. Die Kobolde wollten das Handbuch. Als sie ihnen in den düsteren Wald folgen, stoßen sie auf einen gefährlichen Troll, das Versteck der Kobolde und einen zwielichtigen Helfer. Nun muss Jared zeigen, ob er seinen Bruder vor dem Gefressenwerden retten kann.

_Mein Eindruck_

Nachdem im ersten Band der Spiderwick-Saga der Schauplatz innerhalb des Hauses erkundet und eine erste Freundschaft geschlossen wurde, ist es nun an der Zeit, die nächste Umgebung zu erforschen. Dabei spielt die richtige Wahrnehmung eine entscheidende Rolle, um in der Fabelwelt bestehen zu können. Nicht umsonst heißt dieses Abenteuer im Original „The seeing stone“. Dabei handelt sich um eine magische Sehlinse aus Stein, die Jared vom Wichtel Thimbletack erhält.

Zack, schon erweitert sich der Horizont. Leider nicht immer zu Jareds Vergnügen. Er nimmt nun auch die Gefahren des nahen Waldes wahr. Die Kobolde, die bei ihm aufmarschieren, sind nicht die fröhlichsten Gesellen, die man sich vorstellen kann: Sie haben seinen Bruder Simon als Hauptgang bei einem Lagerfeuergelage ausersehen. Und Simons Katze war die Vorspeise …

Wie man sieht, geht es nun ans Eingemachte, denn mit den bislang recht witzigen Elfen im Spiderwick-Haus ist nun Schluss. Die Welt da draußen hält Wunder ebenso bereit wie Schrecken. Zum Beispiel einen ausgewachsenen Greif, den sich die Kobolde schnappen wollen. Aber mehr darf nicht verraten werden.

Die Botschaft hier ist klar, Herr Kommissar: Nur zusammen sind wir stark! Und so ist Jared, der unzufriedene Eigenbrötler, wieder einmal auf fremde Hilfe angewiesen, will er seinen Bruder retten. Er braucht seine ältere Schwester, einen Grünen Kobold (Merke: Nicht alle Kobolde wurden gleich geschaffen!) und jede Menge Grips. Eine wichtige Lektion für alle jungen und jung gebliebenen Leser, auf unterhaltsame Weise vermittelt.

|Gestaltung|

Wieder sind die Illustrationen von Tony DiTerlizzi sehr gelungen, jedenfalls mit Ausnahme des Greifs. Im Text hat das Fabelwesen einen Falkenschnabel, doch auf den Bildern scheint ihm ein gewöhnlicher Gockel vom Misthaufen das Fresswerkzeug vererbt zu haben. Der Text, den Holly Black beigesteuert hat, ist nun auf das Notwendigste verdichtet. Manchmal sogar so sehr, dass sich der Leser wünscht, es ginge ein wenig ausführlicher, denn die gute Mallory ist beileibe nicht oft genug „im Bild“, um eine glaubwürdige Mitspielerin abzugeben. Die ganze Action ist auf Jared zugeschnitten, und das finde ich ein wenig unfair.

Die äußere Gestaltung des Buches ist wieder mal vom Feinsten, aber das habe ich ja schon beim ersten Band geschrieben. Daher brauche ich nicht nochmals alle Details zu wiederholen. Bitte um Vergebung. Der günstige Preis von knapp acht Euro erstaunt mich daher immer wieder – im positiven Sinne.

_Unterm Strich_

Der zweite Band der Spiderwick-Geheimnisse enthüllt uns die nähere Umgebung des von Fabelwesen bewohnten Anwesens. Diesmal sind die Zeitgenossen von Jared & Co. aber weniger friedlich, und spezielle Methoden der Wahrnehmung und des Teamworks sind zu entwickeln.

Die gediegene Gestaltung des Buches, der kurzweilige, groß gedruckte Text und ganz besonders die schönen Zeichnungen tragen zur puren Lesefreude bei. Am Schluss gibt es, wie schon in Band 1, wieder einen Teaser …

|Hinweis: mehr Fabelwesen next time!|

Im nächsten Band treten ein Waldelf auf sowie ein Phooka. Ein Phooka ist ein schwarzes Pferd, das der irischen Sage nach denjenigen in die Irre führt, der ihm blindlings folgt. Na, und wie ein Waldelf aussieht, kann man sich ja (fast) denken – jedenfalls nicht wie Orlando Bloom!

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Black, Holly / DiTerlizzi, Tony – Eine unglaubliche Entdeckung (Die Spiderwick-Geheimnisse 1)

In diesem Buch beginnen die spannenden und kuriosen Abenteuer dreier Geschwister. Sie kommen aus der Stadt, müssen sich aber mit den Wundern und Gefahren des Landlebens herumschlagen. Und natürlich mit Elfen, nicht zu vergessen!

_Die Autoren_

Tony DiTerlizzi ist ein mehrfach ausgezeichneter amerikanischer Illustrator von Kinder- und Jugendbüchern sowie Rollenspielbänden. Zu seinen Werken gehören Arbeiten für Bücher von Tolkien, Anne McCaffrey, Peter S. Beagle sowie für das Kartenspiel „Magic the Gathering“ und „Dungeons & Dragons“. Er lebt mit seiner Frau Angela und seinem Mops Goblin (= Kobold!) in Amherst, Massachusetts, einem recht malerischen Städtchen in Neuengland. Lebte nicht auch die Dichterin Emily Dickinson dort? Mehr Infos: http://www.diterlizzi.com.

Holly Black wuchs laut Verlag in einem „alten viktorianischen Haus auf, wo ihre Mutter dafür sorgte, dass ihr die Geister- und Elfengeschichten nie ausgingen“. Ihr erster Jugendroman „Die Zehnte“ (2002) entwirft ein „schauriges Porträt der Elfenwelt“. Es wird von der |American Library Association| als „Best Book for Young Adults“ bezeichnet, eine gute Empfehlung für politisch korrekte Fantasy.

Holly lebt mit ihrem Mann Theo und einem „beeindruckenden Zoo“ in New Jersey. Mehr Infos: http://www.blackholly.com.

_Handlung_

Die Zwillinge Simon und Jared ziehen mit ihrer älteren Schwester Mallory von New York City aufs Land, nachdem sich ihre Eltern haben scheiden lassen. Sie leben jetzt bei ihrer Mutter, die sich nun keine New Yorker Wohnung mehr leisten kann, aber zum Glück noch ein Domizil von ihrer Großtante Lucinda überlassen bekommt: Haus Spiderwick.

Es sieht wie eine Ansammlung übereinander gestapelter Hütten aus, findet Jared. Und ist mindestens hundert Jahre alt. Und die Wände müssen hohl sein, nach den Geräuschen zu urteilen, die er darin hört. Als Mallory wagemutig mit dem Besenstiel ein Loch in die Wand haut, wird dahinter etwas sehr Merkwürdiges sichtbar: eine winzige Wohnung mit ulkigem Inventar – und ganz bestimmt nicht für Menschenkinder gemacht. Aber wofür dann?

Am nächsten Morgen weckt Jared und Simon ein schrilles Kreischen von ihrer Schwester. Jemand hat ihre Haare am Rahmen ihres Bettes festgebunden. Nein, so etwas haben die beiden noch nie gesehen. Wer oder was kann so etwas nur tun, und warum? Weil Mallory die Wand eingeschlagen hat? Das ist ja wohl lächerlich!

Als Jared erkundet, wohin der Speisenaufzug führt, landet er in einem geheimnisvollen Zimmer, aus dem keine Tür hinausführt. An der Wand hängt ein Porträt seines ehrwürdigen Ahnen Arthur Spiderwick, und auf dem Sekretär liegt ein altes, vergilbtes Blatt Papier. Darauf steht ein Rätsel, und obwohl Jared eigentlich nicht der Bücherwurm der Familie ist, muss er sofort das Rätsel lösen.

Hoch oben im obersten Kämmerchen des Hauses landet er endlich vor einer großen Truhe. Er strengt seinen Grips an und findet darin ein Buch. Es ist das allerseltsamste Buch, das er jemals gesehen hat. Es handelt von Elfen.

_Mein Eindruck_

So beginnen die Abenteuer mit den Elfen in Haus Spiderwick und seiner düsteren, wilden Umgebung. Diese Abenteuer erstrecken sich über mindestens sechs Bände, alle davon sehr schön illustriert und buchbinderisch wertvoll gestaltet (Fadenbindung – wo gibt’s das heute noch?). Der Illustrator Tony DiTerlizzi bedankt sich für die Inspiration dazu bei Arthur Rackham, einem der berühmtesten Zeichner für Kinderbücher aus der viktorianischen Ära. Rackham illustrierte beide Bücher über „Alice im Wunderland“ und natürlich auch „Grimms Märchen“ (sehr schön in der |Heyne|-Ausgabe).

Das klingt nach einem netten Bilderbuch, und das ist es auch. Es eignet sich wohl ab sechs bis acht Jahren – leider fehlt hier ein Hinweis vom Verlag. Mallory ist jedenfalls schon 13 und kann immer noch etwas mit dem Elfenbuch anfangen. Ältere Leser finden die Bilder vielleicht hübsch, aber die Handlung ist für sie wohl nicht so der Hit. Kinderkram, oder?

Das sollten sie sich noch einmal überlegen. Die Welt, in der die drei Kinder sich nun bewegen, ist nach der Scheidung der Eltern psychologisch aus dem Gleichgewicht geraten. Und zudem geraten sie selbst aus der Moderne in eine entrückte Vergangenheit, in der sie mit Fabelwesen konfrontiert werden – eine Welt der Schatten und des Zwielichts, Raum für Fantasie. Kein Wunder, dass sie selbst ein wenig seltsam werden. Die Charakterisierung ist ungewöhnlich gut gelungen.

Jared beispielsweise ist keineswegs der brave Streber und Mamis Liebling, sondern ein jähzorniger Kerl, der sich gerne prügelt und auf andere wenig Rücksicht nimmt. Das wird ihm noch sehr leid tun. Simon hingegen, sein eineiiger Zwillingsbruder, ist ganz vernarrt in Tiere, denen er all seine Liebe gibt. Er hütet zwei Mäuse, Jeffrey und Lemondrop. Als sie von den Elfen entführt werden, startet er eine enorme Suchexpedition. Ihre Schwester Mallory ist auch nicht gerade pflegeleicht. Schon ein wenig abgebrüht und desillusioniert, übt sie sich im Fechten mit dem Florett, was das Zeug hält. Wohl dem, der so eine wehrhafte große Schwester hat!

Ihre Mutter hat zwar keinen Namen, aber dafür größte Autorität. Sie führt das Regiment im Spiderwick-Haus. Allerdings hat sie mit ihren drei Rangen alle Hände voll zu tun. Und als sich die Elfen einmischen, geht es im Haus bald drunter und drüber.

|Elfenpack macht Schabernack|

Denn dies sind nicht die Elfen, von denen Tolkien erzählt, auch nicht irgendwelche kuscheligen Fabelwesen aus dem Zauberwald, wie etwa Peter Pans Tinkerbell. Manche der zahlreichen verschiedenen Elfengattungen sind nicht gerade gut auf die menschlichen Eindringlinge zu sprechen. Da gibt es Wichtelmännlein, Irrwichte, die krötenartigen Kobolde – und im Waldbach lauert sogar ein Troll.

Dies sind Gestalten aus der Dark Fantasy, wie sie beispielsweise C. J. Cherryh in „The Dreaming Tree“ geschildert hat. Doch anders als bei Cherryh fehlen hier die Hochelben völlig. Winzig sind die meisten Elfen, den Pixies und Brownies der englischen Volkssagen näher als Tolkiens Erfindungen. Doch wer weiß, was noch alles kommt? Die Saga hat ja erst begonnen.

_Unterm Strich_

Schade nur, dass die Abenteuer jeweils nur 128 Seiten lang sind. Davon entfallen rund 20 Seiten auf Vor- und Abspann, und vom Rest wiederum etwa die Hälfte auf Illustrationen. Kein Wunder also, dass ein Erwachsener solch ein Buch binnen einer Stunde gelesen hat. Die Sprache ist einfach genug, und die Übersetzerin Anne Brauner hat das Original angemessen übertragen.

Aber das Buch ist ja für Kinder gedacht, nicht für Erwachsene. Die große Schrift eignet sich ideal zum Vorlesen beim Zubettgehen, so reicht das Buch locker für eine Woche. Und wenn ein Kind die Geschichte nicht glauben will, na, dann liefert das entsprechende Bild den Beweis, dass es Elfen geben muss. Irgendwo, äh … Vielleicht in Amherst, Massachusetts. Oder so.

Da das erste Abenteuer relativ schnell endet, freut man sich schon gespannt auf das nächste. Und das führt den jähzornigen Jared tief in den Wald, zu den Kobolden. Es ist höchste Zeit, dass er seine Lektion lernt.

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Reynolds, Alastair – Unendlichkeit

„Unendlichkeit“ – Space-Opera vom Feinsten, dachte ich gleich. Und es geht auch richtig gut und flott los: auf fremden Welten, mit Alien-Artefakten. Aber dann wurde die Welt, in der Handlung spielt, immer komplexer, je mehr Personal hinzukam und je mehr Details ich mir merken musste. Ich dachte, das könne nur besser werden. Aber als schließlich alle Hauptpersonen aufeinander trafen, wurde es richtig schwierig …

Drei Handlungsstränge führen aufeinander zu und bilden einen Knoten. Diese Stränge liegen zunächst jeweils mehrere Jahre auseinander, denn interstellare Reisen erfordern eine Menge Zeit. Bei der Inbezugsetzung der Stränge ist mithin Zeit ein wichtiger Faktor. Glücklicherweise sind alle Kapitel mit Jahreszahlen versehen: Wir schreiben die Mitte des 26. Jahrhunderts.

Dan Sylveste ist ein besessener Archäologe und stößt auf dem kolonisierten Planeten Resurgam (lateinisch für „ich werde wieder auferstehen“) im System Delta Pavonis auf die Hinterlassenschaft einer außerirdischen Zivilisation: zunächst auf einen beschrifteten Obelisken, Jahre später dann auf eine verschüttete Stadt und die Statue eines geflügelten |Amarantin|. Das ist insofern ungewöhnlich, da die Überreste der Amarantin allesamt flügellos waren.

Sylveste will die Wahrheit über das Schicksal der Amarantin herausfinden und koste es sein Leben oder das anderer. Mit einer Gruppe Kyborgs und leistungsfähigen Waffen macht er sich an die Arbeit, wird allerdings bald von einem politischen Umschwung auf Resurgam gestoppt. Er verbringt rund zehn Jahre im Gefängnis, als eine Art Internierter.

Auch sein Vater Calvin, der ein Dasein als Software und Holoprojektion fristet, kann ihm ein paar Hinweise geben, wer Dan am Weitermachen hindert: entweder eine alte menschliche Intelligenz oder eine außerirdische Macht. Hat diese verborgene Macht die blühende Astronomen-Kultur der Amarantin vor einer Million Jahren vernichtet? Gibt es vielleicht doch noch Amarantin?

Ana Khouri ist eine Auftragskillerin in Chasm City im System Epsilon Eridani (Planet: Yellowstone). Ihr Agent K. C. Ng verschafft ihr Aufträge, um reiche Bürger aus dieser Stadt am Abgrund zu töten. Die Opfer haben die Morde selbst in Auftrag gegeben; danach werden sie wiederbelebt – es ist eben ein besonderer Kick, ermordet zu werden.

Doch bei ihrem neuesten Auftrag gerät Ana in eine Art Hinterhalt: Eine hochgestellte Persönlichkeit namens ‚Mademoiselle‘ eröffnet Ana, dass sie hierhergelotst worden war, um in Mademoiselles Dienste zu treten. Aber warum sollte Ana das tun? Weil sonst Anas Mann, der sich in Mademoiselles Obhut im Kälteschlaf befindet, ein abruptes Ende fände – sehr überzeugend. Anas nächstes Opfer befindet sich im System Episilon Eridani und weiß nichts von ihrem Auftrag: ein Mann namens Dan Sylveste. Mademoiselle wird als Implantat in Anas Gehirn mitreisen.

Ilia Volyova ist Mitglied eines Triumvirats von interstellaren Händlern, „Ultras“, die das gigantische Lichtschiff „Sehnsucht nach Unendlichkeit“ kommandieren. Die „Sehnsucht“, die beinahe Lichtgeschwindigkeit erreichen kann, befindet sich auf dem Flug zum Planeten Yellowstone. Kapitän Brannigan liegt als Opfer einer bioelektronischen Seuche im Tiefkühlschlaf und kann Volyova leider nur wenig Auskunft darüber geben, was an Bord schief läuft. Doch der Name „Sylveste“ fällt.

Ilias Problem: Soeben musste sie ihren Waffenoffizier Boris Nagorny in eine lebensgefährliche Lage bringen, in der er auch prompt umkam. Er war durchgedreht, denn er sah sich von einem kybernetischen Virus namens „Sonnendieb“ verfolgt, der Nagornys Implantate infiziert hatte.

Kann Sylveste ihr verraten, was |Sonnendieb| wirklich ist? Nun braucht Volyova einen neuen Waffenoffizier und der ist, wie sich zeigt, Ana Khouri. Die Frage ist: In wessen Auftrag fliegt das offenbar schwer bewaffnete Lichtschiff nach Resurgam? Und was ist der wirkliche Zweck des Flugs?

Aus drei Strängen werden schnell zwei (Khouri + Ultras), und sobald die Ultras Dan Sylveste auf Resurgam geschnappt haben, wird daraus einer.

Um das sich nun daraus entfaltende Drama ein wenig zu verstehen, muss man noch ein paar ‚Querverbindungen‘ beachten. Keine Angst: Ich werde keine genauen Details verraten, wie es weitergeht. Der Autor lässt auf seine kunstvolle Art nur so viele Informationen heraus, dass die Spannung bis zur letzten Seite erhalten bleibt. Doch in der Personalliste zu Beginn des Buchs macht er paar wichtige Andeutungen.

Hinter ‚Mademoiselle‘ verbirgt sich die Astronautin Carine Lefevre. Sie ist eine alte Bekannte Dan Sylvestes: Zusammen erkundeten die beiden 200 Jahre zuvor den lebensgefährlichen Lascaille-Schleier, in dem sich eine Alien-Intelligenz (Amarantin, Sonnendieb – wer weiß?) verbirgt, die allgemein als „die Schleierweber“ bekannt ist. Doch Carine kam in den Schleiern um, jedenfalls nach Angaben des von Ultras geretteten Dan.

Mit Hilfe von Ana Khouri versucht ‚Mademoiselle‘ Carine, Dan am Betreten des Hades-Systems im Jahr 2566 zu hindern. Hades, ein dunkler Neutronenstern, ist die erloschene Nachbarsonne von Resurgams Sonne Delta Pavonis. Hades wird umkreist von einem Planeten namens Cerberus, der sich jedoch als hohle Welt mit Eigenschaften einer gigantischen Maschine herausstellt. (Zerberus war der Sage nach der dreiköpfige Hund, der das Tor zum Hades, der Unterwelt, bewachte.) Doch der Computervirus |Sonnendieb|, von den Amarantin-Schleierwebern geschickt, lockt Dan genau dorthin.

Hades und Cerberus sind Orte, die auf dem Obelisken der Amarantin eine besondere Bedeutung haben. In welchem Zusammenhang steht Cerberus mit dem Ereignis, das die Amarantin vor rund einer Million Jahren auslöschte?

Der Originaltitel des Buches lautet „Revelation Space“. Das All ist der Schauplatz, und die „revelation“, die Offenbarung, ist das, was die Handlung vorantreibt – und was das Interesse des Lesers wachhält. Der Autor erzählt seine Geschichte beeindruckend geschickt. In praktisch jedem Abschnitt, in jeder Szene gibt er uns eine weitere Information, die uns die Vergangenheit enthüllt und die Motivationen der einzelnen Handelnden. Aber nie so viel, dass wir uns den Rest zusammenreimen könnten. Diese Offenbarung ist unendlich – das rechtfertigt auch den deutschen Titel.

Abgesehen von der Schwierigkeit, den Überblick über das vielfältige Personal zu behalten, so hat mich doch das Verhalten der Menschen und der Aliens fasziniert. Die meisten Leute verhalten sich recht nachvollziehbar, was ihre Motive und Reaktionen anbelangt. Allerdings werden ständig neue Lügen aufgedeckt, so dass man mit neuen Überraschungen zu rechnen hat.

Doch es gibt auch Zwitterwesen aus Mensch und Maschine, Kyborgs, zu denen vor allem die Ultras an Bord der „Sehnsucht“ zählen. Ob nun diese Kyborgs schneller reagieren oder bessere Entscheidungen treffen, ist gleichgültig, denn offensichtlich mangelt es ihnen an moralischen Grundsätzen: Sie folgen nur ihren wirtschaftlichen Interessen. Beruhigend zu wissen, dass auch diese Über-Menschen nicht allwissend sein können.

Und Maschinen, wie etwa die Raumanzüge, können durchaus menschliche Züge aufweisen; das gibt Anlass zu ironischen Aspekten. (Es fehlen nur noch philosophische Bomben, wie sie John Carpenter in „Dark Star“ zeigte.) Und dann gibt’s natürlich noch Aliens, aber leider bleiben sie die meisten Zeit obskur im Hintergrund, bis dann |Sonnendieb| auftritt. So bleibt bis zum überraschenden Schluss stets ein gewisses Geheimnis, das es zu lüften gilt.

Reynolds wird bereits mit Peter F. Hamilton und Stephen Baxter, Briten allesamt, in eine Reihe gestellt. Die Handlung umspannt Jahrhunderte und Lichtjahre, so weit, so gut. Auch die Technik ist so weit fortgeschritten, dass ein gewisser |sense of wonder| aufkommt. Und manchmal entsteht der Verdacht, dass einiges davon lediglich Gimmicks sind.

Doch leider kann Reynolds ebenso verwirrend wie Baxter in dessen „Manifold“-Romanen sein (siehe diese [Rezension.)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=389 Die letzten 250 Seiten von „Unendlichkeit“ spielen ja nur noch auf der „Sehnsucht“ und auf Cerberus. Da sollte man meinen, es wäre einfach, der Handlung zu folgen. Leider haben sich die Akteure schon wieder in drei Parteien aufgespalten – es bleibt also spannend, denn die Frauen – also Volyova, Khouri und Sylvestes Frau Pascale – wollen verhindern, dass Sylveste, sein Vater-Hologramm Calvin und Volyovas Ex-Kollege Sajaki in den Planeten eindringen.

Je fremdartiger die Innenwelt von Cerberus wurde, desto anstrengender wurde das Lesen. Es kann also nicht so sehr an Reynolds Darstellung gelegen haben, sondern wohl eher an meiner mangelnden Vorstellungskraft. Ich musste mir jedenfalls öfters eine Pause gönnen. Mehr als 50 Seiten am Stück waren schon ziemlich heftig.

Vorstellungskraft alleine reicht nämlich für das Verständnis nicht aus. Reynolds ist ja Astrophysiker und setzt einiges an astronomischem und physikalischem Wissen voraus. Hinzu kommen aber auch noch Kenntnisse in Informatik und Biotechnik, die sich als nützlich erweisen, um die Kyborgwesen zu verstehen, seien sie nun mehr menschlich oder mehr maschinell.

Auch |Sonnendieb| selbst ist ein fremdartiges Wesen, das sich aber mit Hilfe der Metapher des „Virus“ gut verstehen lässt. Dieses Virus greift allerdings über Gehirnimplantate auch das Bewusstsein des infizierten Menschen an. Das müssen unsere realen Computerviren erst noch zustande bekommen – oder lieber doch nicht.

Action findet sich genug, um das Buch als Space-Opera zu qualifizieren. Nicht nur die Profi-Killerin Ana Khouri kann mit Ballermännern umgehen. Das Schiff der Ultras selbst ist bis zum Stehkragen mit Planetenzerstörern vollgestopft. Wenn sich so ein Teil dann unter |Sonnendiebs| Einfluss selbständig macht, ist das zwar erst einmal witzig (siehe „Dark Star“), aber nicht ganz ungefährlich.

Der Humor ist von der trockenen britischen Art. Wer mit den entsprechenden Redewendungen vertraut ist, wird die Idee dahinter mühelos entdecken. besonders Vater und Sohn Sylveste kabbeln sich ständig miteinander, was beispielsweise ihren zweitausend Kilometer langen Abstieg ins Innere von Cerberus kurzweilig macht.

Reynolds hat den Bogen in Sachen Dramaturgie raus: Tempo entsteht fast von selbst, sobald sich die Handlungsfäden verknüpfen und der Showdown nähert. Dabei verzichtet Reynolds meist auf überflüssigen Ballast an Astrophysik oder Historie. Zum Glück geht dies nicht auf Kosten der Charakterzeichnung – die Akteure stehen jederzeit im Mittelpunkt, anders als bei so manchem anderen Hardcore-Autor wie etwa Bear, Brin oder Benford (die so genannten „Killer-B’s“).

Die Übersetzung von Irene Holicki ist ausgezeichnet, wesentlich flüssiger zu lesen als etwa ihre Übertragung von Iain M. Banks Roman „Die Spur der toten Sonne“ („Excession“).

Banks ist das Stichwort, um den Schotten Reynolds mit seinem Landsmann Banks zu vergleichen: Beide zeigen handelnde Wesen unterschiedlichster Couleur unter den Bedingungen künftiger Raumfahrt. Allerdings tauchen Regierungen kaum bei Reynolds auf, während bei Banks die „Kultur“ eine dominierende Rolle spielt. Aber beide Autoren verleihen ihren Raumschiffen wunderschöne Namen wie etwa „Abschiedsmelancholie“ oder „Sensucht nach Unendlichkeit“.

„Unendlichkeit“ ist ein Roman für eingefleischte Science-Fiction-Leser mit Interessen – und weitreichenden Kenntnissen – in Naturwissenschaften und Informatik. Die Story selbst ist ja bereits recht interessant; sie erinnert zunächst an Jack McDevitts Archäologenroman „Gottes Maschinen“. Doch schon bald zeigt sich, dass das Panorama wesentlich größer ist und zunehmend technischere Dimensionen annimmt.

Moss, Tara – Freiwild

Immer mehr Studentinnen verschwinden spurlos vom Campus der |University of British Columbia|. Vermisstenmeldungen vergilben und werden vergessen. Dann werden drei Frauenleichen im Bergwald gefunden: Noch ist die Nachricht vom Nahatlatch-Serienmörder nicht in den Gazetten, doch Detective Andy Flynn und seine Kollegen vom |Vancouver Police Department| ahnen, dass der Frauenjäger bereits auf sein nächstes Opfer an der Uni lauert. Und hier studiert auch Andy Flynns Ex-Geliebte, das Supermodel Makedde Vanderwall….

_Die Autorin_

Tara Moss arbeitet als Fotomodell und Schauspielerin. Die gebürtige Kanadierin – vermutlich aus Vancouver – ist inzwischen australische Staatsbürgerin. In Australien spielt auch ihr erster Roman: „Der Fetisch-Mörder“. Darin tritt Makedde Vanderwall zum ersten Mal auf, und in „Freiwild“ wird des Öfteren auf die entsprechenden Geschehnisse verwiesen.

Es ist zwar nicht unbedingt nötig, „Der Fetisch-Mörder“ zu kennen. Aber ich fand es unbefriedigend, nicht über über die wichtigsten Fakten dieses ersten Falles informiert zu werden. So bleibt beispielsweise unklar, wie Makeddes Mutter Jane eigentlich ums Leben kam. Wir können es nur aus Makeddes Albträumen erschließen, doch die sind natürlich eine sehr subjektiv gefärbte Informationsquelle.

_Handlung_

Makedde Vanderwall, blond, jung, groß wie eine Amazone und schön wie der Sonnenaufgang – sagen alle -, verbirgt unter ihrer hübschen Schale schwere Sorgen. Wie ihr Vater und ihre Schwester ihr vorhalten, sollte sie unbedingt mehr Schlaf bekommen. Aber wie denn, wenn im Schlaf die Albträume lauern?

Makedde wäre im australischen Sydney beinahe das Opfer eines Serienkillers (s. o.) geworden, wenn nicht Detective Andy Flynn sie in letzter Sekunde gerettet hätte. Leider half er der Schönheit, aber nicht ihrer Mutter – für die kam jede Hilfe zu spät. Seitdem hat Makedde einen massiven Schuldkomplex, nicht nur ihrer verblichenen Mutter, sondern auch Andy gegenüber, dem sie nichts schuldig sein will. Zu einer Therapeutin will sie aber nicht. Noch nicht.

|So weit, so schlecht.|

Ein Jahr später versucht sie, ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen und forscht und büffelt für ihre Doktorarbeit in forensischer Psychologie. Deshalb besucht sie auch einen wichtigen Expertenkongress an ihrer Uni in Vancouver. Zu ihrem maßlosen Erstaunen taucht ihr ehemaliger Geliebter Andy Flynn ebenfalls hier auf, denn er begleitet einen der Redner, den Experten Robert Harris aus der FBI-Zentrale, um dessen Vortrag zu hören. Und vielleicht auch ein wenig, um Makedde wiederzusehen. Andy ist immer noch schwer in die Blondine verknallt, hält sich aber vornehm zurück. Doch als es notwendig wird, sie vor erneuter Gefahr zu warnen, kommt er deshalb beinahe zu spät.

Denn an der Uni von British Columbia verschwinden im Abstand weniger Monate Studentinnen spurlos. Erst kurz vor Andys Ankunft wurden von Hunden drei verwesende Leichen junger Frauen gefunden, tief im Bergwald von Nahatlatch. Allen hatte man in den Rücken geschossen. Harris ist wütend: „Nur ein Feigling tut so etwas.“

Doch der Jäger ist schon wieder auf der Lauer, und wir haben das Privileg, ihm bei der „Arbeit“ über die Schulter zu schauen. Sein neuestes Opfer ist die Studentin Debbie Melmeth, die von ihrem Freund sitzengelassen wurde und sich nun über ein wenig tröstende Gesellschaft freut. Allerdings hat sie nicht damit gerechnet, mit Rohypnol bewusstlos gemacht und in eine Berghütte verschleppt zu werden. Dort gibt es ein böses Erwachen, denn ein Schuss in den Rücken wartet auch auf sie, nachdem der Killer sie gejagt hat.

Erst als sich Makedde mit dem gut aussehenden Bruder des Killers einlässt, gerät auch die Blondine ins Visier des Serienkillers. Ob Andy sie auch diesmal rechtzeitig vor dem Ende bewahren kann?

_Mein Eindruck_

Warum schreiben Topmodels Kriminalromane? Können sie nicht einfach wie andere Berufsgenossinnen Interview um Interview geben und danach die nächste Party besuchen? Brauchen sie auch noch Bücher, um sich zu vermarkten? Offensichtlich doch. Und was läge für eine gut verdienende Frau mit schriftstellerischen Ambitionen näher als einen Krimi zu schreiben? Schließlich werden Kinderbücher nur von den Royals geschrieben und solchen, die sich dafür halten – Madonna zum Beispiel. Profis schreiben Krimis.

Und wenn es schon ein Krimi sein soll, dann hat sich Frau Moss sicherlich mal im Markt umgesehen und sofort gemerkt, dass die wichtigsten Zutaten dafür ein unglaublich schönes Opfer und ein ebenso unglaublich skrupelloser Serienkiller sind. Dieser sollte jedoch nicht irgendein 08/15-Serienkiller nach Schema F sein, sondern der Moss-Schurke weist das wichtigste Merkmal auf, das ihn zu etwas Besonderem macht: eine psychologische Macke.

Nun kann der Laie natürlich behaupten, dass alle Serienkiller eine Macke haben müssen, wenn sie das tun können, was sie tun. Aber zum Glück ist dieses Thema genau der Bereich, mit dem sich die angehende forensische Psychologin Makedde Vanderwall befasst: die Psychologie eines pathologisch kranken Hirns. Mehr soll nicht verraten werden, sonst gibt’s einen Spoiler. Nur so viel: Auch die geistige Erkrankung des Killers ist zur Zeit sehr in Mode. Und als wäre das nicht genug der kriminellen Zutaten, hat er auch noch einen eineiigen Zwillingsbruder.

Als Folge dieser Stapelung von wirkungsvollen Ingredienzien rätselt der Leser eine ganze Weile herum, wer denn nun von all den zahlreichen Kandidaten der echte Täter ist. Daher kann die Autorin die Spannung um dieses Rätsel auch bis zum Schluss aufrechterhalten.

|Schnickschnack|

Wäre nicht die Schilderung der problematischen Psychologie der Heldin, so ließe sich der gesamte Roman auf 200 Seiten abhandeln. Da die Kapitel doch recht kurz sind, wäre die geeignete Fachkraft dafür James Patterson. Aber da nun mal die Autorin Tara Moss heißt, kommen Dinge darin vor, von denen sie am ehesten etwas verstehen dürfte: Foto-Shootings, Make-up-Sitzungen, Familientreffen, Selbstverteidigungskurse, Barbesuche, mehr oder weniger gelungener Sex in mehr oder weniger bewusstem Geisteszustand sowie jede Menge wissenschaftlich klingende Buchtitel, -zitate und -autoren.

|Endlich Action|

Der halbe Roman ist schon für Makeddes chaotisches Seelenleben draufgegangen, als endlich etwas Fahrt in die Handlung kommt. Die Polizei von Vancouver hat die Frauenleichen gefunden, analysiert und einen ersten Verdächtigen auf den Lügendetektor geschnallt. Doch leider ist die Heldin immer noch in größerer Gefahr, als Schlampe abgestempelt zu werden – welch grässliches Schicksal, vor allem offenbar in Vancouver – als vom Serienkiller ins Visier genommen zu werden.

Daher werden nun größere Geschütze aufgefahren und kleinere Kapitel-Brötchen gebacken. Und siehe da! Endlich kommt Leben in die Handlung, die Action beginnt anzurollen, und das Finale kommt am Horizont in Sicht. Wird der verschmähte Ex-Lover die Heldin retten? Oder wird sie sich rechtzeitig ermannen, Schlampe Schlampe sein lassen und dem Killer kräftig eins auf die Mütze geben? Nichts Genaues weiß man nicht, und das Ende soll auch unter keinen Umständen verraten werden.

_Unterm Strich_

Fans anregenden Krimistoffs dürfen hier gerne zugreifen. Sie werden inhaltlich sicherlich nicht überfordert werden, und das erforderliche Zeitkontingent dürfte zwölf Stunden wohl kaum überschreiten. Ideales Lesefutter also für Langstreckenflüge zu Fotoshootinglocations auf den (immer noch nicht abgesoffenen) Malediven oder den Jungferninseln (amerikanische oder britische, je nach Belieben und Männerbedarf).

Allen anderen Krimifans ist sicherlich schon gehaltvollere Krimikost geboten worden. Sie können an diesem Fastfood-Angebot beruhigten Gewissens vorübergehen. Doch wem „Der Fetisch-Mörder“ gefallen hat, wird sicher die Fortsetzung mit dem psychopathischen Waldschrat nicht verpassen wollen.

|Die Übersetzung|

Für Übersetzerin Christine Heinzius war es sicherlich die größte Herausforderung an dieser Arbeit, all die wissenschaftlichen Buchtitel in verständliches Deutsch zu übertragen. Der Rest dürfte wohl ein Klacks gewesen sein. Dennoch blieb mir die Frage nicht erspart, worum es sich bei einem „alkoholfreien Mineralwasser“ handeln könnte (S. 147). Sind nicht alle Mineralwässer alkoholfrei? Vielleicht handelt es sich aber um ein Club Soda, also um ein kohlensäurehaltiges Mineralwasser mit einer Zitronenscheibe drin. Da ist kulturelles Hintergrundwissen gefragt.

Auf Seite 298, kurz vor Erreichen der Ziellinie, stolperte ich über einen Anachronismus – es sei denn, die Sorge um die Ehre einer Frau gehört noch heute zum kanadischen Nationalsport. Die tödliche verwundete Psychiaterin Ann Morgan denkt an jene unselige Zeit zurück, „als sie glaubte, ihre Ehre noch retten zu können“. Schlampe oder nicht Schlampe, das ist hier die Frage. Wen’s interessiert. Die wahrscheinlichste Erklärung für diesen Schnitzer ist wohl, dass es sich um einen Druckfehler handelt: Es müsste statt „Ehre“ wohl „Ehe“ heißen. Dann wird auch für Nichtkanadier ein Schuh draus.

Ringo, John – Invasion – Der Aufmarsch (Invasion 1)

Im Jahre 2011 werden drei Jahre lang eine Milliarde Alien-Soldaten der |Posleen| die Erde erobern wollen. So haben es die friedlichen Aliens der „Föderation“ den Oberhäuptern der G8-Staaten und Chinas angekündigt. Die Erdsoldaten sollen zuvor helfen, die Posleen abzuwehren. Doch es gibt einen Haken.

_Der Autor_

Der Amerikaner John Ringo war zunächst Fallschirmjäger in der Armee, bevor er sich der Militär-Science-Fiction zuwandte und mit seinem Invasions-Zyklus Erfolg hatte. Die Autoren der Military Science Fiction wie etwa David Weber oder Jerry Pournelle bilden international eine wachsende Community, die in regem Kontakt zueinander steht. Natürlich kennen sie auch Tom Clancy. Ringo lebt in Commerce, Georgia, mit seiner Familie. Wie ich schon vermutete, siehe unten, hat Ringo auch Fantasyromane verfasst. Mehr Informationen unter: http://www.johnringo.com/.

Der Zyklus |“Legacy of the Aldenata“| besteht aus folgenden Bänden:

– Invasion: Der Aufmarsch (06/6461) (ISBN 3453875397)
– Invasion: Der Angriff (3453879031)
– Invasion: Der Gegenschlag (345352005X)
– Invasion: Die Rettung (3453520173)

_Handlung_

Michael O’Neal, ein rechtschaffener Webdesigner und Autor von Militär-Science-Fiction mit einer Familie, traut seinen Ohren kaum, als ihn eines Morgens General Jack Horner anruft, sein alter Chef von der Army. Horner gibt ihm die Chance, bei einer geheimen Kommandosache mitzumachen und dabei Rang und Geld zu verdienen. Mighty Mike ist alles andere als begeistert.

Die geheime Kommandosache stellt sich als Alien-Invasion heraus, die es abzuwehren gilt. Na Prost, denkt sich Mike, das wird weder Sharon (seiner Frau) gefallen noch sonst jemandem – falls es überhaupt herauskommt. Der US-Präsident hat seine Kommandeure angewiesen, Stoßtrupps (Strikes) aufzustellen, um die |Posleen| auf den Welten der friedlichen Alien-Föderation auszukundschaften, die sich schon über 150 Jahre gegen die Eroberer wehren und Planeten um Planeten verlieren.

Der Präsi ist verständlicherweise besorgt, denn schon in fünf Jahren, also 2011, würden über Jahre verteilt rund eine Milliarde Posleen-Soldaten den Erdraum angreifen – sagen die |Galakter|. Die Eroberer haben bereits 72 Föderationswelten unter ihre Herrschaft gebracht, weil die friedlichen Föderationsspezies keine Agression kennen oder sie zumindest vehement ablehnen.

Die Aliens der |Himmat| sind beispielsweise so eingestellt, dass sie sich wie Chamäleons ihrer jeweiligen Umgebung anpassen, um sich unsichtbar zu machen. Die |Darhel|, |Tchpht| und |Indowy| sind ähnlich defensiv eingestellt und daher richten sie an die Erdlinge die Bitte, ihnen zu helfen. Allerdings haben sie insgeheim selbst Angst, dass sie den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Immerhin geben sie den terranischen Truppen galaktische Technologie (GalTech), mit der sie ihre militärischen Fähigkeiten auf fremden Planeten und im Weltraum erheblich verbessern können.

Und so kommt es, dass ein erstes Kommando auf dem Dschungelplaneten Barwhon landet, der angeblich noch nicht von Posleen erobert wurde. Sie erleben eine böse Überraschung. Und Mike O’Neal wurde dem ersten terranischen Raumschiff mit NATO-Truppen an Bord als ausbildender Berater für GalTech-Kampfanzüge zugewiesen, das zum angegriffenen Planeten Diess fliegt. Merkwürdig sind allerdings zwei Dinge: Die |Darhel|-Vermittler, die die Oberklasse der Aliens stellen und sämtliche GalTech liefern, haben die Terraner im Stich gelassen.

Noch seltsamer findet Mike aber die Tatsache, dass ihm der Befehlshaber der NATO-Truppen, Colonel Youngman, als Erstes einen Maulkorb verpasst: Mike darf nicht das tun, worin er gut ist, wozu man ihn hergeschickt hat und was die ungenügend ausgebildeten Truppen am dringendsten brauchen, wenn sie auf die Posleen treffen. Also entweder ist Oberst Youngman paranoid, superblöd oder hier läuft eine ganz krumme Geschichte. Aber Mike findet immer Mittel und Wege, den im Militärsystem eingebauten Irrsinn zu umgehen und eine katastrophale Niederlage auf Diess abzuwenden.

_Mein Eindruck_

Wie erzählt man eine in galaktischen Entfernungen stattfindende Invasion? An dieser Frage haben sich schon manche Autoren die Zähne ausgebissen. Doch manche haben auch mit ihrer jeweiligen Methode Erfolg gehabt. Die Kunst liegt in der Beschränkung: an Personal, an Blickwinkeln, an Zeit.

|Drei Schauplätze|

Und so hat sich auch John Ringo zu Herzen genommen, dass weniger diesmal mehr ist, wenn der Leser nicht völlig den Überblick verlieren soll. Nach einem ziemlich personalreichen ersten Viertel, in dem es von Obersten, Generälen und vor allem Sergeants nur so wimmelt, verengt sich das Geschehen in den Einsätzen auf drei Schauplätze: auf Diess, wo Michael O’Neal sein Bestes gibt; auf Barwhon, wo die Kundschafter zu Tierfängern umfunktioniert werden; und auf der Erde, wo sich First Sergeant Pappas, ein Vietnamveteran, mehreren Herausforderungen in Gestalt von Rekruten und korrupten Unteroffizieren gegenübersieht.

|Viele Blickwinkel|

An diesen drei Orten kann der Blickwinkel kurzzeitig wechseln, weg von der Hauptfigur hin zu einem Nebenakteur. Zu diesen gehören auch zwei hohe Befehlshaber der feindlichen Posleen. Es ist also nicht so, dass der Feind gesichtslos und sprachlos auftaucht, nur damit man ihn als Objekt auch ohne Skrupel abknallen kann. Dieser Feind hat eine deutlich definierte Befehlshierarchie, eine eigene Sprache und furchteinflößende Waffensysteme, die etlichem Gerät, das die Menschen aufzubieten haben, überlegen sind. Von der besseren Taktik ganz zu schweigen. Der Sieg, sollte er gelingen, wird auf jeden Fall nur unter größten Opfern zu erringen sein.

|Schriftsteller als Experten?|

Was den Leser stutzig macht, ist der Umstand, dass Mike O’Neal zwar der totale Experte für die von den Darhel gelieferten Gepanzerten Kampfanzüge (GAKs) ist, aber im Grunde doch nur ein Science-Fiction-Schriftsteller und Webdesigner mit früherer Militärerfahrung. Deswegen ist er nicht nur in den Augen der regulären Militärs wie Colonel Youngman ein völliger Außenseiter, sondern auch in unseren. An keiner Stelle wird gerechtfertigt, dass O’Neal aufgrund seiner Schriftstellerei eingezogen wird, sondern nur wegen seiner Militärerfahrung. Alles andere wäre auch etwas lächerlich. Warum sollten ausgerechnet Schriftsteller besser mit Aliens fertigwerden als Generäle? Vielleicht, weil sie verrückte Ideen haben? Wohl kaum. Das würde lediglich den Stoff für eine Satire liefern.

|Militärs|

Natürlich ist dies ein Militärroman, was sonst? Von Anfang an reden Soldaten und solche, die es mal waren, miteinander. Von Anfang an bis zum bitteren Ende spielen Ränge eine derart überragende Rolle, das sich der Zivilist wundert, wie sich ein Mann nur in solchen Befehlskettenzwängen einordnen kann. Aber nach ein wenig Murren – auch von Seiten Sharon O’Neals, die, obwohl zweifache Mutter, ebenfalls als Offizierin eingezogen wird – findet sich jeder in seine Rolle beim Barras. Schließlich gilt es, den Untergang der Erde abzuwenden, nicht wahr? Und da müssen wir schließlich alle zusammenstehen, sonst wären wir entweder Defätisten oder, noch schlimmer, bloß Lemminge, die in ihren Untergang rennen.

|Komik|

Es wundert nicht, dass es in diesen Büchern keine Protestmärsche und Demos gibt. Der Einzige, der was auf die Mütze bekommt, ist der Präsident: Der Alien von den Tchpht beleidigt ihn in einem fort als gierigen, tückischen Fleischfresser. Es muss aber wohl an der fehlerhaften Übersetzung liegen, nicht wahr? Und so macht der Präsi gute Miene zum bösen Spiel. Was auf den Leser komisch wirken könnte, mag aber auch einen realen Hintergrund haben: Was, wenn die Übersetzung keineswegs fehlerhaft ist und sich der Alien durchaus vor den Erdlingen fürchtet? Das Übersetzungsgerät stammt von den Darhel, und dass diese Kaufleute mit jedem in der Galaxis Geschäfte machen, ist bekannt. Aber vielleicht tun sie auch alles, um die terranischen Helfer einzuschüchtern, damit diese nicht auf die Idee kommen, den Darhel das sorgfältig verborgen gehaltene Oberkommando über die Föderation zu entreißen.

|Science-Fiction oder Fantasy?|

Das Buch liest sich, wie es einem Actionroman zukommt, zunehmend flotter, je mehr sich die Aktion von der Erde auf die Fremdwelten verlagert, raus aus den Befehlszwängen dahin, wo der Soldat sich als mannhafter Krieger beweisen kann. Und in diesen Kampfsituationen muss der Autor alles aufbieten, um beim Leser den Eindruck zu verhindern, hier könnte es sich um einen Fantasyroman à la Conan oder Alan Burt Akers („Kregen“) handeln. Daher werden technische Geräte wie die GKAs über ganze Abschnitte und Seiten hinweg beschrieben.

Leider ist die „science“ derart exotisch, dass der Erfolg dieser Mühe des Autors mitunter infrage gestellt ist. Mich hat es nicht gestört, denn die Übergänge zwischen Science-Fiction und Fantasy sind, frei nach Arthur C. Clarkes Axiom, fließend: |“Eine genügend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“|

|Led Zeppelin|

Das erweist sich ganz besonders an einer Stelle. Während die Schlacht um Diess tobt, tauchen O’Neal und seine Kompanie Versprengter auf der Flanke des Feindes auf, und zwar aus dem Meer: Durch die von den GKAs projizierten Hologramme glauben die Posleen, ein feuerspeiendes Meeresungeheuer greife sie von links an. Wie Recht sie haben. Noch besser als die visuellen Spezialeffekte ist der passende Soundtrack. Da der Autor offenbar ein Kind und Fan der siebziger Jahre ist, erdröhnt statt des Wagnerschen „Walkürenritts“ (in „Apocalypse Now“) der rockende „Immigrant Song“ der Kultband Led Zeppelin! „Hammer of the gods“, baby!

|Kipling|

Der Autor bemüht noch weitere Kulturjuwelen. Nicht zufällig heißt sein Roman „A hymn before battle“. Dies ist der Titel jenes langen Gedichts von Oberviktorianer Rudyard Kipling, das die kämpfende Truppe in allen Ecken und Enden des British Empire zur Schlacht ermuntert und dafür den Schutz und Segen des Schlachtengottes Jehova erfleht. Strophen dieses Gedichts werden über das ganze Buch verteilt. Pazifisten werden von diesen martialischen Ausrufen wahrscheinlich abgestoßen.

|Die Übersetzung|

Der Übersetzer Heinz Zwack hat zum größten Teil eine gute Arbeit abgeliefert. Nur in den seltensten Fällen sind ihm Formulierungen missglückt. Seine größte Leistung liegt aber wohl in der Zuordnung der amerikanischen Militärdienstgrade zu denen der Bundeswehr. Dazu gibt es eine tabellarische Übersicht am Schluss. Am Beginn des Buches erklärt ein kurzes Glossar die wichtigsten Abkürzungen.

|Ein Fehler?|

Eine merkwürdige Diskrepanz vermochte ich jedoch nicht aufzuklären. Die Handlungsstränge auf Terra, Barwhon und Diess laufen keineswegs gleichzeitig ab, sondern asynchron. Das macht normalerweise nichts, denn es gibt keine Wechselwirkungen. Mit einer Ausnahme. Wie erwähnt (unter „Komik“) mischt sich ein Alien in den Obersten Sicherheitsrat beim US-Präsidenten ein. Als Ergebnis fordert die Militärleitung die Beschaffung von zwei Exemplaren der feindlichen Posleen zu Forschungszwecken an: Wie soll man den Feind vernichten, wenn das eigene Waffenarsenal an ABC-Waffen wirkungslos verpufft?

Jetzt taucht ein Zeitproblem auf. Bis dieser Beschaffungsbefehl von der Erde über die Alienföderation nach Barwhon transferiert werden kann, vergeht ein gewisser Zeitraum. Warum, wird erklärt. Was mich stört, ist die Abfolge. Der Befehl erfolgt am 12. November 2007. Doch bereits am 12. Februar 2007 geht er auf dem Planeten Barwhon ein, damit ihn der Aufklärungstrupp ausführt. Tja, mir fehlt nun eine einleuchtende Erklärung, wie es sein kann, dass eine Botschaft rückwärts in der Zeit reist, und zwar gleich neun Monate. Einstein, hilf!

_Unterm Strich_

Ich habe diesen Roman in drei Tagen gelesen. Nach einem zähen Start verengt sich jedoch die Handlung auf das Geschehen an drei Schauplätzen, und der Leser kann sich voll auf die Action konzentrieren. Da das Personal recht zahlreich ist und es keine Namensliste im Buch gibt, empfiehlt sich auch das schnelle Lesen, sonst vergisst man die Namen vom Anfang und verliert schnell den Überblick. Das könnte relativ frustrierend sein … Zum Glück erweist sich die Action als fesselnd genug, um den an martialischem Geschehen Interessierten bei der Stange zu halten.

Das bedeutet nicht, dass diese Militär-Science Fiction für jeden Leser von Spannungsunterhaltung geeignet sei. Man benötigt im Gegenteil schon ein wenig Verständnis und Interesse an militärischen Dingen. Der Autor ist nämlich völlig ernsthaft bei der Sache, und das Einzige, worüber er sich lustig macht, sind Politiker und Bürokraten – hier hat er die Lacher auf seiner Seite. Ansonsten verrät er ein Faible für die Hierarchie beim Barras, aber vor allem für militärisches Spielzeug, allem voran für den gepanzerten Kampfanzug.

An vielen Stellen habe ich mich daher gefragt, warum diese Trilogie nicht in der Serie „Mechwarrior“ oder „BattleTech“ veröffentlicht wurde. Sie würde dort kaum auffallen. Vielleicht ist genau das der Grund: Separat veröffentlicht, ragt Ringos Trilogie aus der Masse der in Deutschland publizierten Science-Fiction heraus – als Negativbesipiel, wie |moderne| Science-Fiction |nicht| sein sollte.

Alexander, Lloyd – Taran – Das Buch der Drei

Dies ist der erste Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

_Der Autor_

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der US-amerikanische Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy-Geschichte für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

Der |Taran|-Zyklus:

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

_Handlung_

Der Junge Taran lebt als Hilfsschweinehirt beim Schmied Coll und einem Magier namens Dallben. Der Magier hütet das titelgebende „Buch der Drei“, das Taran nicht anfassen darf, selbst wenn der Zauberer, wie so oft, mal wieder schlafend meditiert.

Der Findling Taran kennt seine Eltern nicht, was schon mal ein gutes Zeichen ist: So fangen Heldengeschichten an. Er denkt sich aber nichts dabei. Doch seine Aufgabe als Hirt der Schweine stellt sich plötzlich als ziemlich wichtig heraus, denn Hen Wen, das weiße Hauptschwein, ist ein Orakel, wie er zu seiner größten Verblüffung erfährt. Auf seiner Jagd hinter dem ausgebrochenen Schwein her gerät er tief in den Wald, stößt auf den bösen gehörnten König, wird aber von einem unscheinbaren Waldläufer vor dem Tod bewahrt.

Der Waldläufer entpuppt sich als Fürst Gwydion, der mindestens so berühmt ist wie der Hochkönig und der böse König der Anderswelt Anuvis, Arawn. Und der freundliche Gwydion klärt Taran auf, was es mit dem Orakelschwein Hen Wen auf sich hat und was er selbst, so fern von seiner heimatlichen Burg, im Wald zu suchen hat. Im schönen Prydain (= Britannien) sind die Zeiten rau geworden und es braut sich etwas zusammen.

Ein kleines Waldwesen namens Gurgi, halb Mensch, halb Tier, weist ihnen den weiteren Weg. Sie stoßen zwar nicht auf das Schwein, doch auch der Anblick des Heerlagers des Gehörnten Königs verschlägt ihnen den Atem: Hier sammelt sich eine Armee, um Prydain zu überfallen und alle zu unterjochen. Sogar untote Krieger sind zu sehen, und von denen werden die beiden Neugierigen gefangen genommen.

Wider Erwarten landen sie nicht bei dem beobachteten Heer, sondern im Schloss der Zauberin Achren, deren verführerische Schönheit Taran zunächst betört. Wenig später findet er sich eingesperrt in einer Kerkerzelle wieder. Er hat schon mit dem Leben abgeschlossen, als ihm eine goldene Kugel durchs Fenster vor die Füße fällt und eine Mädchenstimme ihn auffordert, ihr den leuchtenden Ball zurückzugeben. Es ist die geschwätzige und aufgeweckte Eilonwy, die ehrliche Nichte der bösen Zauberin. Sie kennt nicht nur den Weg aus Tarans Gefängnis, sondern auch den zu seinem Herzen.

Aber das ahnen beide noch nicht, doch es wird ihnen rechtzeitig auffallen, dass sie füreinander bestimmt sind. Doch was wird aus Prydain, das von der Bedrohung nichts ahnt?

_Mein Eindruck_

Der erfundene Schauplatz ähnelt jenem mythischen Wales, das dem Fantasykenner aus der Geschichtensammlung des „Mabinogion“ aus dem 14. Jahrhundert bekannt ist. Doch die Legenden beruhen auf mündlich überlieferten Erzählungen, die weit älter sind und noch aus der keltischen Kultur kommen.

Insbesondere der vierte Zweig des Mabinogi mit dem Titel „Math Son of Mathonwy“ bietet zahlreiche Referenzen, die der Autor verwendet. Dazu gehört der gesamte Komplex, der mit dem Recken Gwydion und seinem Onkel Math in Caer Dathyl zu tun hat. Math herrscht über einen Großteil von Wales. Sein Widersacher ist Arawn, der Fürst der Unterwelt Annuvis. Leider macht der Autor aus den vielschichtigen Vorlagen zu den Figuren Gwydion und Arawn nur ein schwarz-weißes Paar aus Gut und Böse. Alexander vereinfacht, vielleicht zu Gunsten der kindlichen Verständnismöglichkeiten.

|Die Freunde|

Die Handlung hat etwas von einer Achterbahnfahrt an sich. Der Held, der zunächst als „hässliches Entlein“ vorgestellt und von zwei mächtigen Gestalten, einem Schmied und einem Merlin-ähnlichen Zauberer, beschützt wird, erwirbt sich diverse Gefährten, die ihm helfen, wenn er sich mal wieder überschätzt hat. Insbesondere Eilonwy ist mit ihrer spitzen Zunge eine ständige Quelle von Freude und Witz, auch wenn sie einen Mann damit schnell in den Wahnsinn treiben könnte.

Auch Fflewdur Fflam, ein ehemaliger König, der jetzt als Barde durch die Lande zieht, ist interessant. Er hat vom Ober-Barden Wales‘, dem berühmten Taliessin, eine magische Harfe erhalten, doch ihre Saiten reißen, sobald ihr Besitzer auch nur die geringste Unwahrheit erzählt – wozu Barden und Dichter von Natur aus neigen. Fflam hat also immer gut zu tun, seine Harfe in Schuss zu halten.

Das Waldwesen Gurgi weiß ebenfalls zu faszinieren. Dieser keltische Charakter, der auch in C. J. Cherryhs Kelten-Fantasien wie etwa „Der Baum der Träume und Juwelen“ sowie „Faery in Shadow“ zu finden ist, erweist sich im Laufe der Zeit als treuer und anhänglicher Gefährte, auch wenn er bisweilen ein wenig aufdringlich und in hygienischer Hinsicht abstoßend erscheint.

|Die Feinde|

Die Feinde sind nicht weniger einfallsreich gezeichnet. So verfügt der gehörnte König über einen schwarzen Kessel (der der Fortsetzung den Titel gibt), aus dem Zombiekrieger erzeugt werden können. Da sich diese nicht töten lassen, bilden sie für jeden einen furchteinflößenden Feind. Zum Glück ist ihr Aktionsradius abhängig von der Entfernung vom Kessel, so dass es eine Chance gibt, ihnen zu entkommen.

Auch die Lüfte sind nicht sicher. Ähnlich wie die schrecklichen Reittiere, die Tolkiens Ringgeister durch die schwarzen Lüfte von Mordor tragen, suchen gefräßige Vögel, die Gwythaint, wehrlose Wanderer wie Taran heim. Doch die Gwythaint sind nicht von Geburt an so, sondern werden von ihrem Herrn Arawn dazu erzogen und ausgebildet, Fleisch zu begehren und für ihn zu spionieren. Als Taran einen jungen Gwythaint aus einer Dornenhecke befreit, revanchiert sich der Gerettete.

Selbst die Zwerge dürfen nicht fehlen. Durch einen Zauber lockt König Eiddileg ahnungslose Wanderer in sein unterirdisches Reich. Doch bei Taran & Co. gerät er an die Falschen. Er muss ihn ziehen lassen und gibt ihm einen Führer, Doli, mit. Denn Doli taugt in Zwergenaugen nicht: Er vermag sich nicht unsichtbar zu machen, zumindest nicht auf Kommando.

Die böse Zauberin, die Taran und den Recken Gwydion gefangen nimmt, heißt Achren und ähnelt eine weiteren Figur aus dem Mabinogion: Arianrhod, was „Silberrad“ (= Mond) bedeutet. Leider setzt sie sich kaum mit dem jungen Taran auseinander, und ihre Konfrontation Gwydions wird nur indirekt berichtet. Daher fehlt dieser Episode etwas der Pfiff. Der Auftritt Eilonwys entschädigt dafür mehr als reichlich.

_Unterm Strich_

Insgesamt bietet dieser erste Band von Tarans Abenteuern ein enorm hohes Maß an kuriosen Einfällen und sehr viel Kurzweil für junge Leser. Die Action ist nicht zu brutal und keiner der Gefährten Tarans muss sterben oder ein größeres Opfer bringen. Das ändert sich in den Folgebänden. Vielmehr scheint Taran hier auf einer Art Einkaufstour für nette Gefährten zu sein, mit denen er sämtliche Fährnisse überwinden und den gehörnten König besiegen kann. Die Übersetzung von „Märchenonkel“ Otfried Preußler („Krabat“) ist sehr gelungen.

Die Taschenbuch-Ausgabe bei |Bastei Lübbe| löst die ältere deutsche Ausgabe ab. Mittlerweile liegt der Zyklus komplett bei |Lübbe| vor. Die Illustrationen von Johann Peterka stimmen am Anfang jedes Kapitels stilecht auf die Geschichte ein. Eine Aussprachehilfe für die walisischen Namen wäre aber hilfreich gewesen. So etwa wird das „w“ als „u“ ausgesprochen und ein Doppel-L als „chl“. Das könnte etwas verwirren. (Auf Mail-Anforderung hin schicke ich euch eine Übersicht.)

Man darf auf die vier weiteren Romane des |Prydain|-Zyklus gespannt sein. Am Schluss folgt dann noch eine Erzählungensammlung, die zum ersten Mal in deutscher Sprache erscheint: „Der Findling und andere Geschichten aus Tarans Welt“. Dort wird dann auch erzählt, wie der Schmied Coll überhaupt zu seinem Orakelschwein Hen Wen kam. (Schweine spielten für die walisische Landwirtschaft eine wichtige Rolle, weil sie leicht zu halten waren – etwa im Wald – und nicht so viel Futter erforderten wie Rinder. Sie sind die Kühe des kleinen Mannes. Dementsprechend tauchen sie häufig in Waliser Legenden auf, wie etwa im „Mabinogion“.)

Fazit daher: eine hundertprozentige Empfehlung für „Das Buch der Drei“.

Leon, Donna – Verschwiegene Kanäle

In Commissario Brunettis zwölftem Fall steht eine zwielichtige Militärakademie im Mittelpunkt des Geschehens. Eines Morgens findet man dort im Duschraum den Kadetten Ernesto Moro erhängt auf. Ein Skandal, der unbedingt vertuscht werden muss. Also war es Selbstmord. Doch Brunetti ist anderer Ansicht. Und beißt auf Granit.

_Die Autorin_

Donna Leon, geboren 1942 in New Jersey, ging mit 23 Jahren nach Italien, um in Perugia und Siena zu studieren (wunderschöne Städte!). Sie arbeitete im Anschluss daran als Reisebegleiterin in Rom, als Werbetexterin in London und als Lehrerin in an amerikanischen Schulen in Europa und Asien. Gegenwärtig lehrt sie laut Verlagsinfo englische und amerikanische Literatur an einer Uni in der Nähe von Venedig, wo sie seit 1981 lebt. Ihre Krimis mit Commissario Brunetti sind weltweit Bestseller. Sie werden in Deutschland exklusiv vom ZDF verfilmt, u. a. mit Joachim Król in der Titelrolle („Nobiltà“).

_Die Produktion_

Hannelore Hoger (Erzählerin), Christian Brückner (Brunetti), Andrea Sawatzki (Signorina Elettra) u. a.
Hörspielbearbeitung und Regie: Corinne Frottier
Musik: Mario Schneider
Produktion: WDR Köln, 2004

_Handlung_

In der exklusiven venezianischen Militärakademie San Martino finden die Kadetten eines Morgens einen ihrer Kameraden erhängt im Duschraum auf. War es Selbstmord? Ernesto Moro hat den Hals in einer Seilschlinge, auf dem Boden liegt umgekippt ein Stuhl – ziemlich eindeutige Hinweise. Wenn da nicht die Kratzspuren an den Wänden der Duschkabine wären.

Die geben auch Commissario Guido Brunetti (Brückner) zu denken. Aber davon will Commandante Bempo, der Leiter der Militärschule nichts wissen. Und da die meisten Kadetten noch minderjährig sind, soll Brunetti bloß nicht versuchen, sie ohne Zustimmung ihrer Eltern zu verhören.

Ernesto Moro war 17, als er zu Tode kam, auf welche Weise auch immer. Er war der Sohn des ehemaligen Abgeordneten Dottor‘ Fernando Moro, der sich, in untröstlicher Trauer, überhaupt nicht vernehmen lassen will. Bleiben also nur noch andere Informations-Kanäle, möglichst verschwiegene. Prompt wird Brunettis Sekretärin Signorina Elettra (Sawatzki) fündig, wie auch immer. Anno 2002 hatte die Signora Moro eine Art Jagdunfall.

Eine „Art Unfall“?? Elettra und Brunettis Frau stöbern über weitere Kanäle die getrennt lebende Gattin Moros auf: Der „Jagdunfall“ war natürlich keiner, denn der Schütze hatte sich weder gemeldet noch entschuldigt. Seitdem braucht die Signora einen Rollstuhl. Sie ist sicher, dass sich ihr Sohn nicht umgebracht hat. Sein Tod war ebenso wie der Anschlag auf sie eine Warnung. Wovor?

Vor ein paar Jahren saß Moro einem Parlamentsausschuss vor, der die Korruption im Gesundheitswesen untersuchte. Er förderte eklatante Veruntreuungen zutage, und ebenso deckte Moro später auch im Bereich der militärischen Versorgung Interessenskonflikte auf. Zwei der Ausschussmitglieder hatten Aktien der liefernden Firmen.

Ist es nur ein böser Zufall, dass genau diese zwei Ausschussmitglieder, Colonel Toscano und Major Filippi, selbst oder über ihre Kinder an der Militärschule von San Martino vertreten sind – und dort auf Ernesto Moro stießen?

Brunetti mag ja ein Schlaukopf sein und über exzellente Informationskanäle verfügen, doch er hat noch einige harte Nüsse zu knacken, bis ihm das Ausmaß der Gefahr für die Familie Moro völlig klar wird …

_Mein Eindruck_

Wieder einmal versetzt uns Donna Leon in die Lagunenstadt und umhüllt uns mit dem speziellen Zauber der „serenissima“. Wir folgen Brunetti und der Erzählerin über die diversen Piazzas, über kleine und große Kanäle, an Palazzi und Kirchen vorüber, bis wir ins mysteriöse Viertel der Giudecca gelangen, wo die Militärakademie San Martino die Umgebung beherrscht – und ihre sämtlichen Insassen, so kommt es Brunetti vor.

Doch wer nicht über das Hauptportal hineingelangt, nimmt – über „verschwiegene Kanäle“ – den Hintereingang, um herauszufinden, was hier eigentlich vor sich geht. Nicht nur der Commandante Bempo ist Brunetti gegenüber ein Geheimniskrämer und der Dottor‘ Moro sowieso, nein, auch Brunettis eigener Chef, Vicequestore Patta, würde den Fall am liebsten schon gestern zu den Akten legen. Bloß kein Aufsehen, bloß keinen Skandal! Es muss ein Selbstmord gewesen sein, nicht wahr, Commissario?

Wenn es nicht die Frauen gäbe, wäre Brunetti wohl wirklich ziemlich aufgeschmissen. Doch ihre Solidarität, wenn es um die Unterstützung der Gerechtigkeit geht, scheint keine Grenzen zu kennen. Nicht nur Signorina Elettra lässt ihre Verbindungen spielen, auch Paola, Brunettis Gattin mit den wahrhaft magischen Kochkünsten, kennt die eine oder andere Freundin aus der venezianischen Gesellschaft. Nicht nur Signora Moro selbst erteilt bereitwillig Auskünfte (zumindest bis sie untertauchen muss), sondern auch ihre malende Nachbarin mit dem klangvollen Namen Beatrice (Dante lässt grüßen!) Della Vedova. Q.e.d.: Wenn es diese Kanäle nicht gäbe, könnte der Herr Ermittler einpacken.

Aber auch Signora Brunetti Großmut kennt Grenzen: Was sie wohl täte, wenn er, der Commissario, sich von ihr trennen würde? Nun, bevor sie zum Brotmesser greift, erkennt sie noch rechtzeitig, dass das wohl eine hypothetische Frage sein muss. Sonst wäre es wohl um des Commissarios körperliche Unversehrtheit – und die seiner weltlichen Besitztümer! – schlecht bestellt.

Doch Scherz beiseite: Brunettis zwölfter Fall ist eine Anklage der „italienischen Krankheit“: nämlich die Korruption, die den Steuerzahler jährlich Unsummen kostet, einfach achselzuckend als Fatum hinzunehmen und einen – selten genug – aufgedeckten Skandal schon nach drei Tagen (spätestens) wieder zu vergessen. Dass auch das Militär nicht vor der Krankheit nicht gefeit ist, wagt nur selten jemand anzudeuten, geschweige denn mit tödlichen Folgen zu verknüpfen. Hier lehnt sich die Autorin ganz schön weit aus dem Fenster.

|Die Sprecher, die Inszenierung|

Mit Hannelore Hoger (Erzählerin), Christian Brückner (Brunetti), Andrea Sawatzki (Signorina Elettra) und Leuten wie Matthias Koeberlin („Das Jesus-Video“) oder Esther Hausmann (Paola Brunetti) verfügt die Regie von Corinne Frottier über erstklassige Könner ihres Fachs.

Brückner, geboren 1943 in Berlin, verleiht seinem Commissario die deutsche Stimme von Robert de Niro. Man kann ihn sich also gut als erfahrenen Ermittler vorstellen. Er verfügt inzwischen bei |Hoffmann & Campe| über seine eigene Hörbuchreihe. Der Reigen der oben erwähnten Damen umrahmt und, ähem, reguliert sein etwas autoritäres Auftreten.

Einziger Streitpunkt könnte – wieder einmal – die musikalische Untermalung des Hörspiels darstellen. Zwar ist es diesmal keine Kaffeehausmusik, die meine Nerven strapazierte, aber auch mit Mario Schneiders Streichern und Tasteninstrumenten wollte ich mich nicht so recht anfreunden. Aber das ist sicherlich von Hörer zu Hörer verschieden. John Williams oder Howard Shore zu engagieren, hätte wahrscheinlich das Budget gesprengt.

_Unterm Strich_

Es wird demnächst eine weitere Audio-Ausgabe dieses bei |Diogenes| erschienenen Buches geben: Auf sieben CDs sind dann die Ermittlungen Brunettis zu verfolgen. Ich muss sagen: Mir reichen die zwei CDs des |Hörverlags| vollständig aus, um der Handlung ein gehöriges Maß an Spannung und Vergnügen abzugewinnen.

Es ist für den Bearbeiter (diesmal die Regisseurin) immer eine Gratwanderung, den roten Faden der Ermittlungen herauszuarbeiten, doch diesmal ist es ihr ausgezeichnet gelungen. Die Handlungsführung ist derart ökonomisch, dass dem Erzähler sogar Zeit bleibt, den Commissario stehenbleiben zu lassen, um den Touristinnen nachzuschauen. Auch dies gehört dazu, um den Zauber des Mikrokosmos Venedig zu erwecken. Am Schluss bleibt nicht der Eindruck, einem Brachialkrimi gefolgt zu sein, sondern vielmehr der, ein rundes Bild gewonnen zu haben.

Während Sprecher und Musik eine künstlerische Einheit bilden, die das Werk adäquat vermittelt, so sollte doch nicht übersehen werden, dass sich die Autorin zu einer engagierten Aussage über die leidige „italienische Krankheit“ vorgewagt hat. Aber vermutlich juckt es keinen Italiener, wenn die Welt über die Krankheit Bescheid weiß, denn er liest es ja jeden Tag in der Zeitung, sei es nun |Il tempo| oder |Il gazzetto|.

Bear, Greg – Jäger

Der Biologe Hal Cousins sucht nach einer Methode, Langlebigkeit mit Hilfe genetischer Veränderung herbeizuführen. Doch er muss feststellen, dass diverse Unbekannte ihm ins Handwerk pfuschen und seine Forschungen unterbinden. Da beginnt eine mysteriöse Serie von Anschlägen gegen ihn, und nur zwei zwielichtige Leute helfen ihm: ein als Antisemit diskreditierter Ex-Professor – und Lisa, die Frau von Hals Zwillingsbruder Rob, der kürzlich in New York City ermordet wurde. Hal ist sich absolut nicht sicher, ob er diesen beiden trauen darf.

_Der Autor_

Greg Bear wurde 1951 in San Diego, einer wichtigen US-Marinebasis, geboren* und studierte dort englische Literatur. Unter den Top-Hard-SF-Autoren ist er der einzige, der keine naturwissenschaftliche Ausbildung hat. Seit 1975 als freier Schriftsteller tätig, gilt er heute dennoch als einer der ideenreichsten wissenschaftlich orientierten Autoren. Sein zuletzt veröffentlichter Roman „Das Darwin-Virus“, der hierzulande in einem Wissenschaftsverlag erschien, wurde zu einem preisgekrönten Bestseller. Erst damit konnte sich Bear aus dem Science-Fiction-Ghetto herausschreiben, so dass man ihn heute ohne weiteres mit Michael Crichton vergleicht. Nur dass Bear da anfängt, wo Crichton aufhört. Dieses Jahr erschien bei uns „Die Darwin-Kinder“, die Fortsetzung von „Darwin-Virus“, im Dezember wird der Roman „Stimmen“ bei |Heyne| veröffentlicht.

* Einer der Hauptakteure in „Jäger“ ist Weltkriegsveteran und Marinehistoriker in der Nähe von San Diego.

Bear hat eine ganze Reihe von Science-Fiction- und Fantasyzyklen verfasst. Die wichtigsten davon sind (HSF = Heyne Science-Fiction):
– Die Thistledown-Trilogie: „Äon“ (HSF 06/4433), „Ewigkeit“ (HSF 06/4916); „Legacy“ (bislang unübersetzt).
– Der Amboss-Zyklus: „Die Schmiede Gottes“ (HSF 06/4617); „Der Amboss der Sterne“ (HSF 06/5510).
– Der Sidhe-Zyklus: „Das Lied der Macht“ (06/4382); „Der Schlangenmagier“ (06/4569).
Weitere wichtige Werke: „Blutmusik“ (06/4480), „Königin der Engel“ (06/4954), „Slant“ (06/6357) und „Heimat Mars“ (06/5922). Er hat zudem Beiträge für die Buchreihen des Foundation-, Star-Trek- und Star-Wars-Universums geschrieben.

_Handlung_

Hal Cousins, ein ehrgeiziger junger Molekularbiologe, hat sich zum Ziel gesetzt, was schon Generationen von Wissenschaftlern vor ihm gewollt haben: den Alterungsprozess des Menschen zu verlangsamen, und zwar durch genetische Veränderungen. Um das zu erreichen, macht er sich auf die Jagd nach den ältesten Lebensformen, die es gibt, den Mikroben – insbesondere in ihrer Ausprägung als Mitochondrien, die in jeder menschlichen Zelle vorkommen und ihr die Energiequelle ATP liefern. Mitochondrien waren vor Jahrmilliarden bakterielle Invasoren, sind aber nun unentbehrlich geworden. Um alte Zellformen zu finden, die keine Mitochondrien besitzen, muss er in entlegenen Gegenden suchen.

Seine Forschungen führen ihn in die Tiefe des Pazifischen Ozeans, unweit von Vancouver und Seattle, wo primitive Organismen seit Jahrmillionen überleben – in der Nähe unterseeischer Wärmequellen, der „Schlote“. Doch bei diesem Tauchgang läuft etwas schrecklich schief. Sein Pilot Dave Press rastet unvermittelt aus, will ihn umbringen und das Tauchboot zerstören. Zum Glück kann Hal ihn mit einem Kinnhaken ins Reich der Träume und das Boot an die Oberfläche schicken. Dort steigt Press jedoch unvermittelt aus und stürzt sich in die stürmische See.

Doch an Bord des Mutterschiffs ist die Lage keineswegs beruhigend für Hal. Ein gewisser Dr. Mauritz ist ebenfalls ausgerastet und hat mehrere Besatzungsmitglieder erschossen, so dass man nun seltsamerweise auf Hal sauer ist. Als ob er etwas mit den Vorfällen zu tun hätte. Hat er auf indirekte Weise auch, aber anders, als er sich träumen lassen würde.

Nachdem ihn die Polizei als unverdächtig hat laufen lassen, werden Hals Funde und seine Forschungsarbeit von Unbekannten vernichtet. Jemand hat eindeutig etwas gegen ihn. Ist es jemand, vor dem ihn sein Zwillingsbruder Rob Cousins gewarnt hatte? Da bekommt Hal die Nachricht, dass Rob in New York City in einer Seitengasse erschossen aufgefunden worden sei.

Nach einer ruhigen Phase und einem Umzug taucht ein älterer Typ namens Rudy Banning auf, der sich seiner annimmt. Schon bald hat Banning Gelegenheit, Hal vor einem Angriff durch Dobermänner zu retten, doch währenddessen geht Halls neues Domizil – und Labor – in Flammen auf. Anscheinend beginnt nach der Verschnaufpause der Wahnsinn von Neuem.

Als Robs schöne Witwe Lissa mit einer Pistole in der Handtasche auftaucht, ahnt Hal, dass eine erneute Achterbahnfahrt ansteht. Denn Rob war hinter dem gleichen Geheimnis her wie Hal: Wie man Langlebigkeit durch genetische Veränderung an bestimmten Bakterien erzielt. Und wer auch immer Rob ausschaltete, will auch Hal ans Leben. Hatten die Hintermänner lediglich Rob mit Hal verwechselt?

_Mein Eindruck_

So sieht also ein Wissenschaftsthriller der Oberliga aus. Man nehme einen packenden Auftakt, lasse den betreffenden „Helden“ sodann in ein tiefes Loch fallen, aus dem ihn andere wieder herausholen müssen und werfe ihn sodann in einen Strudel aus mehr oder weniger undurchsichtigen Machenschaften, wenn er und seine Gefährten einer Krümelspur zur Lösung des Rätsels folgen. Obligatorischer Showdown sollte möglichst folgen.

|Kein Schema F|

Das wäre natürlich nur das Schema F, doch der Autor ist inzwischen so versiert in seinem Schreiben, dass er dieses abgedroschene Schema nicht mehr für tragfähig hält. Daher schiebt er zwei zeitliche Rückblenden ein, die mindestens ebenso packend sind wie der Anfang des Buches. Das dient zwar sowohl der Lösung des Rätsels und der Unterhaltung des Lesers, kann aber auch unversehens zu mangelndem Überblick und somit Verwirrung führen.

Auf die Handlung übertragen, bedeutet dies konkret, dass auf Seite 229 ein neuer Ich-Erzähler auftritt: Ben Bridger, seines Zeichens Weltkriegs- und Vietnam-Veteran sowie Marinehistoriker, der nach dem Tod seiner Frau Janie kein Land mehr sieht. Da taucht Rob Cousins bei ihm auf und fragt ihn nach russischen Wissenschaftlern von vor dem Zweiten Weltkrieg. Damals herrschte Stalin mit seinem Geheimdienstchef Berija auf blutigste Weise, doch in der Wissenschaft der Molekularbiologie machte ein gewisser Maxim Golochow beträchtliche Fortschritte, die später zur Verhaltens- und Gedankenkontrolle führten. Dieser Besuch, ein grauenerregendes Russen-Video und ein massiver Überfall der Sicherheitsbehörden auf sein Haus bewegen Bridger dazu, sich Rob Cousins und Rudy Banning anzuschließen.

Natürlich kreuzt Bridgers Weg über kurz oder lang (eher lang) auch den von Hal Cousins, doch da ist es für dessen Bruder Rob bereits zu spät. Ob das Zusammentreffen für Hal noch rechtzeitig kommt, kann man nur hoffen. Doch ich darf nichts weiter verraten. Das verhindert auch, dass ich mich hier mit der Thematik des Schreckensszenarios auseinandersetzen kann, das der Autor vor unserem geistigen Auge erstehen lässt. Eines kann ich aber sagen: Es ist der maximale Horror, denn dann ist die Freiheit des Willens wirklich nur eine Illusion.

|Das Grauen des 20. Jahrhunderts|

Immer wieder hat mich erstaunt, wie kritisch die Figuren das 20. Jahrhundert betrachten. All die Massenvernichtung, die in zwei Weltkriegen und zahllosen Stellvertreterkriegen erfolgt, die so genannten „Säuberungen“ – was für ein Euphemismus! – und Progrome. Gut möglich, dass dabei insgesamt eine halbe Milliarde Menschen umkamen (meine Schätzung).

|Zwei Seiten einer Medaille|

Doch der Autor führt uns vor Augen, dass das vergangene Jahrhundert nicht nur hinsichtlich der Quantität der Vernichtung ein übles Zeitalter war, sondern auch bezüglich der Qualität des Schreckens, den Menschen anderen Menschen zufügen konnten. Eines der abgefahrensten Szenarien, das ich je gelesen habe, breitet der Autor vor uns aus. Dass dabei genau jene primitiven Bakterien eine Rolle spielen, hinter denen Hal Cousins so verzweifelt her ist, zeigt die andere Seite der Medaille. „Prinz Hal“ will den Menschen, die es sich leisten können, die ewige Jugend schenken. Sein Bruder hat die dunkle Seite genau dieses Mittels bereits entdeckt: totale Manipulation. Zwei Hälften eines Rätsels. Allerdings braucht Hal bis zum Showdown auf einem Ozeanriesen, um das alles auf die Reihe zu bekommen. Und dort erwartet ihn ein heilsamer Schock.

|Es ist nicht alles Gold, was glänzt|

Und das gilt auch für diesen Roman. Mal vom Fachjargon der Biologen und Genetiker ganz abgesehen, der das Verständnis erschwert, trägt auch die Darstellung der Beziehung, die sich zwischen dem guten Hal und der zwielichtigen Lissa, Robs Witwe, anbahnt, nicht gerade zur Glaubwürdigkeit der Story bei. Natürlich kommt es dazu, dass die beiden miteinander im Bett landen, was denn sonst. Aber die Sache geht doch ganz anders aus, als sich Prinz Hal das vorgestellt hatte. Er wird nämlich zu Lissas Schoßhündchen. Da er sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes pudel-wohl fühlt, macht ihm das auch gar nichts aus. Die Glückshormone bringen ihn denn auch fast um den Rest seines verbliebenen Verstandes.

Der Leser könnte dies für sehr komisch und sogar originell halten, wäre da nicht der schale Nachgeschmack einer Vergewaltigung. (Zu erklären, wie diese erfolgt, hieße, des Rätsels Lösung zu verraten – sorry!).

_Unterm Strich_

Gehirnwäsche als Thema ist in den amerikanischen Medien wieder in. In den USA ist der Thriller „The Manchurian Candidate“ mit Denzel Washington angelaufen, das Remake des Films „Botschafter der Angst“ mit Sinatra aus dem Kalten Krieg (ca. 1960). Statt der ursprünglichen Nordkoreaner haben nun nationale Großkonzerne einen „Schläfer“ so präpariert, dass er auf einen bestimmten Befehl hin – etwa Zahlen, übers Telefon durchgegeben – eine Aktion ausführt, beispielsweise die Ermordung des Präsidenten. Dass Al-Kaida über Schläfer innerhalb der USA verfügen soll, ist bekannt.

Der Autor führt nun eine neue – möglicherweise völlig abstruse – Methode ein, die zwar schon unter Stalin und Berija entwickelt wurde, aber offenbar auch woanders binnen Sekunden Wirkung zeitigt. Bis diese Verschwörung aufgedeckt und besiegt ist, vergehen durchaus fesselnde 444 Seiten.

Ähnlich wie in Crichtons Thriller „Beute“ sind die kleinsten Lebewesen die Stars – und geben deshalb leider nicht sonderlich viel her. Daher muss das Ergebnis ihres Treibens umso drastischer ausfallen. Die Effekte sind stets filmreif und mitunter sogar komisch. Die Entwicklungsgeschichte dieser „Kleinen Mütter der Welt“, wie Russen die Bakterien nennen, wird als Hintergrund-Story scheibchenweise enthüllt, doch dabei treten zwangsläufig Überlappungen – Redundanzen – auf, die als Wiederholung nicht so wahnsinnig spannend sind.

Bears Roman ist flott zu lesen, wenn man mit dem Biologen- und Genetikerkauderwelsch mithalten kann. Aber die Lektüre bedeutet keinen größeren Durchbruch in Sachen Erkenntnisse über das grauenerfüllte 20. Jahrhundert. Da auch die Figuren nicht übermäßig sympathisch sind, fiebert man nicht unbedingt mit ihrem Schicksal mit. Insofern könnte auch die ganze Welt den „Kleinen Müttern“ in die Hand fallen – es würde uns nicht kümmern.

_Lesetipp_

Deshalb empfehle ich stattdessen lieber die Lektüre von Bears erstem Bestseller „Blutmusik“, der mit Preisen überhäuft wurde. Es erstaunt nicht besonders, dass sich die Grundideen in den beiden Romanen ähneln: Mikroben übernehmen die Weltherrschaft und verwandeln sie nach ihrem Gusto, falls der Mensch ihnen nicht Einhalt gebietet. Nur dass in „Blutmusik“ diese Vision grandios und kosmisch (und somit Science-Fiction) ist, während „Jäger“ ganz auf dem Teppich bleibt und in der Liga von Crichton oder Preston & Child spielt.

Mehr zu Greg Bear unter: http://www.gregbear.com

Schütz, Hans J. / Tolkien, J. R. R. / unbekannt – Sir Gawain und der Grüne Ritter. Mit einem Essay von J. R. R. Tolkien.

Das arthurische Versepos „Sir Gawain“ aus dem 14. Jahrhundert, das aus über 2500 Zeilen mit Stabreim besteht, dürfte relativ bekannt sein. Es ist eine Abenteuergeschichte für Erwachsene und dreht sich um Liebe und Sex, Fragen der Ehre, gesellschaftliches Taktgefühl, persönliche Integrität sowie volkstümliche Magie – Letztere in der Gestalt des Grünen Ritters, der offenbar nicht zu besiegen ist.

|Der Essayist: Tolkien|

Professor Tolkien war schon rein beruflich ein Liebhaber der alt- und mittelenglischen Dichtung, sei es nun der „Beowulf“ oder Geoffrey Chaucers berühmte „Canterbury Tales“. Am liebsten waren ihm jedoch, so berichtet sein Sohn Christopher, die Dichtungen aus den westlichen Midlands, in denen Tolkien aufwuchs. Denn diese wichen vom Sprachgebrauch Chaucers, der sich später durchsetzte, gewaltig ab – folglich geriet ihr alliterierender Stil in Vergessenheit.

Aus dieser Region und aus der Zeit um 1370 stammt die Dichtung „Sir Gawain und der Grüne Ritter“. 1925 veröffentlichte Tolkien eine erste Übersetzung in Oxford. 1967 folgte eine zweite von N. David, und darauf stützt sich die deutsche Übersetzung durch Hans J. Schütz. Den Essay, der bereits in dem |Klett-Cotta|-Band „Die Ungeheuer und ihre Kritiker“ erschien, hat Wolfgang Krege übersetzt.

_Handlung_

Am Neujahrstag hat König Artus mal wieder seine Ritter um die Tafelrunde versammelt. Weihnachten ist vorüber, aber auf Burg Camelot feiert man immer noch gerne. Die Freude wird leider schwer gestört, als ein merkwürdiger Ritter auftaucht und den König selbst zum Kampf herausfordert. Der völlig in grün gekleidete und sogar mit einer grünen Haut und grünem Haar versehene riesige Ritter bezweifelt, dass unter den anwesenden Rittern einer sei, der edleren Gemüts ist als er selbst.

|Die Herausforderung|

Oho, welche Frechheit, meint Artus und würde den Herausforderer am liebsten selbst Mores lehren, doch Gawain bittet aus Pflichtgefühl selbst um diese Ehre. Artus stünde doch wohl über solchem Geplänkel, oder? Artus meint „okay“, und der Grüne Ritter hat nichts dagegen, statt dem König diesem Ritter die Rübe abzuschlagen. Denn darin besteht die Herausforderung: Gawain darf dem Ritter einen Hieb mit einer Waffe versetzen, ohne dass dieser sich wehrt. Doch danach darf der Grüne sich revanchieren – und zwar genau ein Jahr und einen Tag später.

Gawain hat kein Problem mit diesem Arrangement, denn schließlich will er ja a) nicht als Feigling dastehen und b) scheint das eine todsichere Sache: Welcher Mensch hätte sich denn nach einem tödlichen Axthieb auf den Nacken davon erholt? Keiner!

Mit einer stabilen Streitaxt trennt er dem brav vornübergebückten Ritter sauber den Kopf ab. Zum Erstaunen aller richtet der sich wieder auf, als wäre nichts gewesen, schnappt sich seinen Kopf und fordert Gawain auf, in einem Jahr allein zur grünen Kapelle zu kommen. Sprach’s und ritt von dannen. Er hat ihnen nicht einmal seinen Namen verraten. Gawain ist nun der Gelackmeierte, denn mit der Wette hat ihn der Grüne Ritter offensichtlich hereingelegt.

|Ein Jahr später|

So ein Jahr kann schnell vorübergehen, doch Gawain hat die Pflicht nicht vergessen. Angetan mit einer prächtigen Rüstung, macht er sich auf die Suche, fahndet überall in ganz Wales nach der grünen Kapelle, erlebt jede Menge Abenteuer mit den wilden Bergbewohnern (darunter auch Oger!), doch die Kapelle findet er nicht. Stattdessen stößt er – nachdem sein Gebet an Maria erhört wurde – auf eine prächtige und wehrhafte Burg. Hier freut man sich über alle Maßen darüber, ein echten Hofmann des Hochkönigs bei sich aufnehmen und unterhalten zu dürfen. Besonders die schöne Gattin des Burgherrn hat es Gawain angetan – wie schön sie sich von ihrer ständigen Begleiterin, einer düsteren alten Vettel, abhebt. Leider erfährt er nie ihren Namen.

Nach einer Weile des Feierns meint Gawain am 29. Dezember, jetzt müsse er aber los, schließlich seien es nur noch wenige Tage bis Neujahr. Der Burgherr, der (vorerst) leider ebenfalls namenlos bleibt, meint, er würde Gawain rechtzeitig zu der Kapelle bringen lassen, die ja ganz in der Nähe liege. Gawain müsse nur noch drei Tage ausharren. Dann schlägt er eine Wette vor: Der Burgherr werde etwas von seinen Jagden mitbringen und es seinem Gast geben, woraufhin ihm der Gast im Tausch dafür das geben würde, was er unterdessen in der Burg empfangen habe.

Wie raffiniert dieser Deal ist, stellt sich heraus, als Gawain am nächsten Morgen, während der Burgherr schon auf der ersten von drei Jagden ist, von der schönen Gemahlin seines Gastgebers geweckt wird. Da sitzt sie nun am Bettrand – die Verführung in Person.

Kann Ritter Gawain der Versuchung widerstehen, oder wird sie ihn von seinem Vorhaben abbringen? Immerhin vertritt er hier quasi seinen König!

_Mein Eindruck: die Erzählung_

Der Text der Erzählung liegt keineswegs als Epos in Verszeilen vor – das gibt es in anderen Ausgaben – sondern in Prosaform. Dadurch lässt er sich sehr gut lesen und verstehen. Die Handlung dürfte ebenfalls keine Probleme bereiten, aber es gibt natürlich ein paar Knackpunkte, auf die es ankommt und die man leicht übersieht.

Obwohl der Autor unbekannt ist, beruft er sich sich als erstes auf den alten Homer und dessen Heldengedichte „Ilias“ und „Odyssee“. Durch diesen Hinweis erspart sich der Autor selbst die obligatorische Anrufung der Muse, denn das hat ja schon der griechische Kollege erledigt. (Auch die detaillierte Beschreibung von Gawains prächtigem Schild ist der homerischen Beschreibung von Achilleus‘ Schild nachempfunden.)

Außerdem stellt sich der Autor damit in die entsprechende literarische Tradition. Nur das entsprechend gebildete Publikum kann mit diesem Homer-Verweis etwas anfangen, wodurch er schon am Anfang seinen Anspruch deutlich macht: Dieser Stoff ist nichts für die ungebildeten Stände. Nur wer Homer und die französischen Ritterromane kennt – so einer der Verweise am Schluss -, ist nach Ansicht des Autors in der Lage, mit dem „Gawain“ angemessen umzugehen.

Der Autor wendet sich also als Gebildeter an seinesgleichen, stellt sich nicht über sie. Dennoch ist das, was er im „Gawain“ vorzubringen hat, keine Lappalie, sondern eine ernsthafte Kritik des höfischen Moralkodex. Das wird am Schicksal des braven Ritters Gawain in der Burg der Verführerin deutlich.

Zweimal wird Gawain aufs Kreuz gelegt: einmal auf Camelot vom Grünen Ritters, dann wieder in der Burg des namenlosen Jägers. Nun ist aber Gawain keineswegs ein kompletter Idiot, mit dem man nach Belieben Schlitten fahren könnte, sondern sein Handicap besteht darin, dass er stets den hehren Idealen des höfischen Anstands und der Rechtschaffenheit entsprechend handeln will und muss. Er bietet dem Burgherrn sogar seine Dienste an, weil ihm die höfischen Regeln dies so vorschreiben. Allerdings scheint er es mit seinem Diensteifer ein wenig zu übertreiben

Deshalb bringt ihn die Versuchung durch die schöne Lady schwer in die Bredouille: Es wäre ein schwerer Bruch seines ritterlichen Kodex, sie von der Bettkante zu stoßen. Also plaudert er mit ihr über dieses und jenes, Gott und die Welt. Zum anderen darf er jedoch auch nicht seinen Burgherrn dadurch verraten, dass er mit der Lady Ehebruch begeht und seinen zeitweiligen Dienstherrn betrügt.

Doch in der dritten Nacht reichen all seine Finten, die ihm höfisches Gebaren, Geschwätz und Tändeleien an die Hand geben, nicht mehr aus, um die Waffen der Versucherin abzuwehren: Sie kommt oben ohne. Jetzt wird’s ernst. Wie uns der Autor klarmacht und was sich im Verhalten Gawains spiegelt, streckt der höfische Anstandskodex die Waffen und die religös motivierte Moral kommt endlich zu ihrem Recht – was wohl längst überfällig war, meinen wir lesen zu können. Gawain sucht sogleich den Beistand eines Mönches auf, bei dem er die Beichte ablegen kann.

Doch er hat einen winzigen Fehler gemacht, der ihm zum Verhängnis werden könnte. Das ist aber durchaus verständlich, wenn man in Betracht zieht, dass er ja am nächsten Tag sterben soll. An Neujahr soll er in der Grünen Kapelle dem Grünen Ritter seinen entlößten Nacken hinhalten, damit dieser ihn mit der Axt durchtrennen kann. Keine erhebenden Aussichten. Man kann also Gawains Fehltritt mit seiner Angst um sein Leben entschuldigen. Aber ist es wirklich so einfach? Wenn Gawain nämlich ein wirklich frommer Christenmensch wäre, dann würde er auf die Freuden des Jenseits hoffen und den tödlichen Hieb in Kauf nehmen. Also ist Gawain weder ein Top-Christ noch ein Top-Ritter, sondern lediglich ein normaler Mensch.

Und als solcher wird er uns auch vorgestellt. Denn auch wenn seine beiden Gastgeber in der Burg (vorerst) namenlos bleiben, so sind doch alle einigermaßen gut charakterisiert. So ist etwa der Burgherr ein großer Jäger vor dem Herrn, der das Jagen (leider) als Sport betreibt, zuweilen unter Einsatz des eigenen Lebens. Diese Charakterzeichnungen berechtigen Tolkien in seinem Essay zu der Aussage, dass es sich bei dem Text „Sir Gawain“ nicht um eine tumbe moralische Allegorie handle, sondern um ein tief verwurzeltes Märchen. In diesem würde der Autor auf alte Quellen zurückgreifen und sie den Erfordernissen der Zeit und des Autorencharakters anpassen.

Das Auftauchen eines von Magie umgebenen Grünen Ritters und eines möglicherweise magischen Gürtels dienen Tolkien als Beleg, dass es sich um ein Märchen handelt. Heute würden wir von „Fantasy“ sprechen. Außerdem kommt in dem Text auch die arthurische Hexengestalt Morgan le Fay vor – sie ist die düstere Gestalt an der Seite der Burgherrin. Sie hat also ihre Finger im Spiel.

Der brave Ritter Gawain verflucht nach dem Showdown an der Grünen Kapelle – sorry, er stirbt nicht – alle Frauen, was nun wirklich ungerecht ist. Er verflucht seine eigene Feigheit, die ihn verwundbar für ihre Versuchung gemacht hat. Das ist ebenfalls ungerecht, denn er hat ja drei Tage lang tapfer standgehalten, wie es ihm die höfische Sitte gebot, und seinen Burgherrn nicht verraten, wie es ihm die christliche Moral gebot. Es nun einfach mal so, dass Gawain ein Opfer seiner eigenen ethischen Maßstäbe geworden ist, die er nur zum Teil erfüllen kann, da sie sich in etlichen Punkten widersprechen.

Diese Widersprüche und ihre Folgen aufzuzeigen, ist der Zweck, für den das Epos geschrieben wurde. Ob es wohl geholfen hat? Wir können es natürlich nicht wissen. Aber Zweifel dürften angebracht sein.

_Der Essay_

Tolkiens sechzig Seiten langer Essay plus Postskriptum zu „Sir Gawain“ ist ein kleines Meisterstück. Dieser Vortrag, den er an einer nicht näher bezeichneten akademischen Institution gehalten hat, ist recht anspruchsvoll, sowohl in der Gedankenführung als auch in der Sprache und Terminologie. Aber weitaus verständlicher als so manche akademische Arbeit, die nach dem 2. Weltkrieg geschrieben wurde. Wie erwähnt, hatte Tolkien den „Gawain“ schon 1925 veröffentlicht. Außerdem ist sein eigener Kommentar bzw. Anmerkungsteil angehängt, den er beifügte, als „Gawain“ 1953 von der BBC im 3. Programm gesendet wurde. Mehr Erklärungen kann der heutige Leser eigentlich nicht verlangen.

Tolkien erklärt zunächst den Aufbau des „Gawain“ und stellt eine These auf: Dies ist keine moralische Allegorie, sondern ein tief verwurzeltes Märchen. Dann macht er sich daran, relevante Gründe und Textstellen anzuführen, um seine These zu belegen. Seine Argumente sind in meine obige Analyse eingegangen, brauchen also nicht noch einmal wiederholt zu werden. Natürlich ist Tolkiens Argumentationskette viel feiner aufgebaut und besser formuliert, als ich dies im Rahmen einer Buchbesprechung tun kann. Dafür braucht er aber auch sechzig Seiten.

Tolkien spricht als Philologe, nicht als Linguist oder moderner Literaturwissenschaftler. Er setzt sich mit seinen Vorgängern auseinander, die er zuweilen |ad absurdum| führt, und vertritt seine eigene Einschätzung. Hier verlässt er die exakte Wissenschaft, die die Philologie wohl ohnehin nie war, und betritt das weite Reich der persönlichen Interpretation. Das ist legitim, denn der Autor des „Gawain“ bezieht keine eindeutige Stellung, wie sein Held zu beurteilen ist. Allerdings sprechen auch die Gründe, die Tolkien für seine Deutung mancher Stellen anführt, für seine Sichtweise. An keiner Stelle artet sein Essay in trockenes Haarespalten aus. Und am Schluss haben wir einen tieferen Einblick in ein für das englische Mittelalter essenzielles Werk gewonnen.

Und zudem hat Tolkien es geschafft, in uns Sympathie für jenen ach so vollkommen scheinenden Ritter Gawain zu wecken, der an seinen Ansprüchen an sich scheitern muss. Doch diese Ansprüche wandeln sich mit den Epochen, und selbst das Verständnis, das Tolkien 1925 oder 1953 dem Helden entgegenbringt, könnte so manchem heutigen Leser ein Kopfschütteln abringen: Diese Moral, dieser Anstand, diese Sitte! Herrje, haben wir mit diesen alten Zöpfen nicht schon 1968 Schluss gemacht? Es sieht manchmal so aus, doch andererseits feiern die alten Werte wie Treue, Loyalität und Aufrichtigkeit ein Comeback. Wäre es anders, wären wir nicht besser als die Versucherin und die Hexe Morgan le Fay (die vermutlich ein und dieselbe sind): Wir würden dann beispielsweise die neu in die EU eingetretenen Länder und ihre Menschen alle aufs Kreuz zu legen versuchen. Und das wäre wirklich fies, oder?

_Die Übersetzungen von Text und Essay_

Hans J. Schütz hat auf Seite 97 eine Nachbemerkung eingefügt. Wir erfahren mehr über das Werk und seine Bedeutung, sowohl im literarischen Kontext als auch in seiner Aussage. Schütz erwähnt, dass das moralische Dilemma, in dem sich Gawain verstrickt, nicht durch den Autor beseitigt, sondern in einer Ambivalenz belassen wird, „was zu zahlreichen Deutungen geführt hat“ – mit denen sich Tolkien oben auseinandersetzt.

Sodann führt Schütz die diversen englischen Ausgaben des Originals und die Übersetzungen auf. Wirklich erstaunlich ist die Tatsache, dass die erste deutsche Übersetzung erst durch Manfred Markus (Stuttgart) im Jahr 1974 erfolgte. Diese orientiere sich sehr stark am Originaltext, liefere aber nicht die Vorlage für die Prosaübersetzung durch Schütz. Dafür sei vielmehr Davis‘ Mittelenglisch-Übersetzung aus dem Jahr 1967 die Grundlage gewesen (und nicht etwa Tolkiens eigene Übersetzung). Ein kluger Schachzug, denn Schütz lässt sowohl philologische Genauigkeit als auch verklärende Nachdichtung – mit allen stilistischen und sprachlichen Eigenheiten – links liegen, um eine möglichst lesbare und modernen Lesern verständliche Prosafassung vorzulegen.

Die akademischen Geister mögen über den Wert einer solchen Fassung streiten. Den Leser, der mit Akademien nichts am Hut hat, sich aber für literarische Meisterwerke – auch der Fantasy – begeistern kann, wird die Prosafassung aber durch eine verständliche Textgestalt und eine spannende Handlung unterhalten. Überkandidelten Stilfiguren wird hier eine Absage erteilt, so dass man sich beim Lesen auf die Story konzentrieren kann, ohne sich viel um die Form kümmern zu müssen.

_Unterm Strich_

Die sehr lesbare Prosafassung der mittelenglischen Verserzählung mag den Fantasyleser als klassisches Werk dieses Literaturzweigs ebenso interessieren wie als Werk des arturischen Legendenkreises. Letzten Endes halten sich jedoch die phantastischen Elemente dessen, was Tolkien als „Märchen“ zu bezeichnen beliebt, ein wenig in Grenzen. Statt wie sonst den Helden als magiebegabt dazustellen, ist es umgekehrt: Der Held wird Opfer der Magie von Morgan le Fay und muss sich mit den verfügbaren Mitteln verteidigen.

Diese bestehen (in drei Kategorien) einerseits aus höfischer Sitte und Anstand, andererseits aber aus christlichen Moralgesetzen. An den Widersprüchen dieser Vorgaben scheitert unser braver Ritter, und das dient dem Autor zur Kritik an den höfischen Wertvorstellungen seiner eigenen Zeit – nach dem Motto: Erziehen wir unsere künftigen (Thron-)Erben eigentlich nach den richtigen Idealen? Keine müßige Frage. Sie stellt sich jedem frischgebackenen Elternpaar aufs Neue.

Tolkiens Essay spricht wohl eher Leser mit literaturwissenschaftlichen Interessen an, ist aber durchaus verständlich formuliert und mit Anmerkungen erweitert. Die beiden Übersetzer haben jedenfalls in ihrer jeweiligen Kategorie saubere Arbeit geleistet. Ich konnte keine Fehler finden. Nur manchmal fiel es mir schwer, im Text die Hochzahl zu einer bestimmten Anmerkung zu finden. Sie sind mitunter in den zitierten Versen versteckt oder unter den Angaben, an welcher Stelle der 2500 Zeilen des Gedichtes man sich gerade befindet.

Roberts, A. R. R. R. – kleine Hobbnix, Der

Mit „Der kleine Hobbit“ begann 1937 das erfolgreichste Fantasy-Epos, nämlich „Der Herr der Ringe“. Erstmals ist dort von jenen Ereignissen die Rede, die schließlich zum großen Ringkrieg und dem Sturz des dunklen Herrschers Sauron führten. Doch Tolkien hat uns etliche wesentliche Infos vorenthalten, so etwa die, dass der kleine Hobbit eigentlich Nichtraucher war und der Zauberer fast stocktaub, von der seltsamen Redeweise der Zwerge ganz zu schweigen („Weissu wie isch mein, ey?“). Höchste Zeit also für die richtige Aufklärung, die alle Klarheiten beseitigt (oder so).

_Der Autor_

Der Name Adam Roberts ist angeblich das Pseudonym eines angeblich recht bekannten US-Schriftstellers. Ich tippe mal auf Thomas M. Disch, aber auch Philip José Farmer käme in Frage. Aber nix Genaues weiß man nicht. Und wenn man sich gewisse Feinheiten über die englischen Sitten ansieht, kommt auch ein Brite für den Job in Frage.

_Handlung_

Im idyllischen Aualand leben bekanntlich die freundlichen Hobbnixe. Das Einzige, was sie stört, sind ihre arthritischen Füße, denn sie stapfen tagein tagaus barfüßig durch die Botanik, also auch, wo’s feucht ist. Auch unser „Held“ mit dem klangvollen Namen Bingo Beutlgrabscher stöhnt in seiner heimeligen Höhle über die vermaledeiten Füße, an denen die Gichtknoten schwellen.

Gerade will er sich zum Ausruhen zurücklehnen, als es an der Tür klopft. Es ist der Zauberer Ganzalt nebst einer stattlichen Anzahl Zwerge. Sie sind zwar nicht eingeladen, stapfen aber trotzdem in Bingos Wohnhöhle. Es klopft immer noch an der Tür – Ganzalt kann den eingesetzten Klopfzauber nicht abstellen. Um seinem Sympathiequotienten einen weiteren Dämpfer zu verpassen, fängt er auch noch an, Bingos Höhle mit seiner Tabakspfeife zu verpesten, ungeachtet des gottserbärmlichen Raucherhustens, der ihn schüttelt.

Die Kommunikation mit den Zwergen gestaltet sich ähnlich schwierig wie mit dem fast stocktauben Zauberer: Sie reden nur hessisches Kanakisch [s.u.], weissu wie isch mein, ey Mann, oder? Bingo checkt natürlich null und will alle Uneingeladenen rauswerfen, doch da erklingt das Zauberwort: GOLD! Für solche Wörter sind Beutlgrabscher – und sicher nicht nur diese – immer zu haben. GOLD also bieten sie ihm an, wenn, ja wenn er mit ihnen zum Strebor, dem Einzigen Berg, zieht, um den GOLD-Schatz des Drachen Schmauch zu klauen. Oder so, weissu…

Schon überredet! Bingo hat zwar einen winzigen Verdacht, dass da vielleicht noch was anderes sei, was die Zwerge vorhaben, aber wo GOLD zu holen ist, darf Bingo – nomen est omen! – nicht fehlen.

Natürlich fehlen die üblichen Stationen der Reise zum fernen Strebor nicht: Die Trolle spreschen fürnehmstes Franssösisch, wenn sie sich über das geeignete Rezept für die Zubereitung der Zwerge streiten. Die Elfen aus den Nobelbergen sind allesamt schwul und außerordentlich elegant. Fürst Halbelf – nicht zu verwechseln mit Fürst Halbzwölf und schon gar nicht mit Elfuhr – wird später mit seinem Elfenheer auftauchen.

Unter dem Nobelgebirge kommt es zu jener berühmten und äußerst schicksalschweren Begegnung, in deren Verlauf Bingo und das Wesen namens Schmollum versuchen, ein paar Rätsel zu lösen (oder auch nicht, was Bingo betrifft), denn schließlich will Schmollum sein „Ding™ der Macht“ zurückhaben. Mit diesem Ding™ ist nicht zu spaßen, wurde es doch vor Urzeiten vom bösen Saubua geschmiedet, dessen perverse Denkweise darin Eingang fand, und die geht so: Um sich einen Wunsch damit zu erfüllen, spricht man in die Öffnung des Dings™, aber der Wunsch muss umgekehrt proportional zu dem Gewünschten formuliert sein, checkst du? Wenn es also Nacht werden soll, musst du sagen: Die Sonne scheint. Alles roger?

Eine wahrhaft erstaunliche Episode bildet der Besuch bei Björn dem Gestaltwandler, der nachts zum Tier wird. Das ist allerdings nicht wörtlich, sondern metaphorisch zu verstehen, weissu wie isch mein? Ansonsten würde er sich hervorragend als Verkaufsassistent bei einem bekannten schwedischen Möbelhaus eignen. Auch die Spinnen sind recht merkwürdig drauf: Bekanntlich schnappen sie sich die Zwerge & Co., doch wenn man ein wenig an ihre sozialistischen Ideale appelliert, kommt man auch auf einen grünen Zweig, checkst du?

Nach den allerhärtesten Bewährungsproben, wie etwa dem Wettsaufen mit den Oberbayern in der Bierstube „August & Ina“ (= Augustiner), müssen die seltsamen Gefährten noch die Begegnung mit einer rappenden Krähe und dem pfeilbewehrten Bürgermeister der Seestadt Essmabrot bestehen, dann kann endlich die Konfrontation mit Schmauch erfolgen. Und das ist wohl bestimmt ein ganz fürchterlicher Drache – wenn man den Zwergen glauben darf (aber wer tut das schon?). Merkwürdig, dass der Zauberer Ganzalt ausgerechnet jetzt in einen Tiefschlaf gefallen ist…

_Mein Eindruck_

„Der kleine Hobbnix“ ist eine sehr gelungene Parodie auf Tolkiens Kinderbuch (das hoffentlich niemals verfilmt wird), wie ich finde. Die Story hat sprachlichen Witz, einige Spannung, viele Überraschungen und ein ordentliches Tempo, sobald sich die Gefährten mal auf die Socken gemacht haben. Was an Sprachwitz vorhanden ist, habe ich ja schon angedeutet. Doch im Gegensatz zu so vielen Parodien erschöpft sich „Hobbnix“ nicht im Konterkarieren des Originals, sondern entwickelt selbst einige Kreativität, was die Ursache und den Ausgang des Abenteuers anbelangt – beides darf hier natürlich nicht verraten werden. Aber auch absolute Tolkien-Anhänger werden daher noch etwas Gewinn von der Lektüre haben.

Abgesehen von den witzigen Einfällen der Geschichte ist das Buch aber noch mit vielen weiteren Zutaten gespickt. Die wichtigste besteht sicherlich in den ebenso unüber- wie unvorher-sehbaren FUSSNOTEN. So eine Fußnote kann recht dezent sein, aber auch ziemlich aufdringlich wirken. Hier wendet sich der Autor direkt an den Leser, um ihm etwas zu erklären, oder an Sponsoren, um ihnen eine passende Werbefläche im Text anzubieten (vulgo als „Product Placement“ bekannt).

Wie sehr das vorliegende Werk ein Produkt der Medienindustrie ist, machen nicht nur die Fußnoten, sondern auch die zahlreichen ANHÄNGE deutlich. Was wäre ein solches Kultbuch wie „Der kleine Hobbnix“ nämlich ohne eine oder zwei Fortsetzungen? Ganz recht: ein kleines Garnix! Daher hat, wenn wir Roberts glauben dürfen (und warum auch nicht?), sein Verlag NonWin Books folgende Produkte auf den Markt geworfen:

Der Herr der Sinne Band I: Die Gelehrten
Der Herr der Sinne Band II: Das doppelte Türmchen
Der Herr der Sinne Band III: Die Rückkehr der Fortsetzung des Königlichen Dings™: Der Sohn des Dings™ reitet wieder

Das große Hobbnix-Lexikon: Ein alphabetischer Wegweiser durch ganz Obermittelerde
PlayGameBoxCube 2 präsentiert: Der kleine Hobbnix: Der Zorn von More&More. Mit den Originalstimmen von Sir Ian McEllen und Lady Ellen McIan
Der kleine Knollnix: Die Parodie auf den Kultklassiker „Der kleine Hobbnix“

Außerdem kann jeder, der verrückt nach Hobbnixen ist, Mitglied im Hobbnix-Fanclub werden – für schlappe 149,95 Euro im Jahr, plus Mehrwertsteuer und Traumaversicherung! Na, wenn das kein voll korrektes Angebot ist, ey Mann!

Nun soll’s aber genug der Beispiele sein. Was uns der Parodist damit sagen will, ist wohl recht deutlich geworden: Durch Übertreibung der Marketingparolen führt er den ganzen Medienrummel um das Original, also Tolkien und die Verfilmung des „Herrn der Ringe“, einer Kritik zu. Es würde sich lohnen, mal – etwa im Rahmen eines Seminars – genauer zu untersuchen, welche Aspekte Roberts genau auf die Schippe nimmt. Das Original findet er bestimmt klasse, aber die Auswüchse, die dessen nachgerade kultische Verehrung bzw. industrielle Vermarktung angenommen haben, sind ihm mehr als suspekt.

Daher erfüllt die Parodie mehrere Zwecke. Und wie ich finde, erreicht sie ihre Ziele auch. Und wenn mich nun jemand fragen würde, welche Episode mir am besten gefallen hat, so würde ich ohne zu zögern sagen: die oberbayerischen Säufer, vor denen Bingo & Co. eine „Gaudi“ aufführen müssen. Allerdings sind zum Verständnis fortgeschrittene Kenntnisse des Urbayerischen erforderlich – oder ein Wörterbuch.

Damit möchte ich darauf hindeuten, dass Ute Brammertz eine hervorragende Übersetzung gelungen ist, die richtig Laune macht. Sie stellt nicht nur eine Eins-zu-eins-Übertragung des Originals dar, sondern erfindet eigene zeit- und ortsgemäße Entsprechungen. Dazu gehören nicht nur die Oberbayern oder der schwedische Björn, sondern auch Kulturphänomene wie die Szenesprache (Kanakisch) der Zwerge und der rappenden Krähe „Raveman“. Da dürfte sich auch die jüngere Generation angesprochen fühlen. Voll konkret, Mann! (Wer mit Kanakisch nix anfangen kann, der findet im Programm des |Eichborn|-Verlags von Michael Freidank verfasste entsprechende Wörterbücher und Selbstlernkurse – Kanak it yourself mit „Dem besten Sprakkurs ubernhaupt“!)

_Die Grafiken_

Jetzt hätte ich doch fast die Landkarte und die Illustrationen unterschlagen! Nej, sowas aber auch.

Die Landkarte am Anfang des Buches hilft – mehr oder weniger – bei der Orientierung des planlosen Lesers in den wilden Gefilden von Obermittelerde. Dazu gehören solche Landmarken wie das Nobelgebirge, das Eckmeer und die Bucht von Glucks, das Skigebiet Shifoan, das Verwunschene Bächle und die bekannten Doppeldörfer Katzen und Sprung. Besonderes Augenmerk möge der geneigte Leser der geografischen Kombination Australiensee, Neuseelandsee und Pullisee widmen. Auch der Mount Dumm und der Mount Dümma vermitteln den Eindruck, als ob sich dahinter ein tieferer Sinn verberge (aber was?). Jedenfalls gibt’s hier noch viel zu entdecken, sogar einen Fleck namens „Druckfehler“, wer hätte das gedacht? Ich schon!

Jedem Kapitel ist eine Zeichnung vorangestellt. Sie dient dazu, den Leser auf das Schlimmste gefasst zu machen, so etwa auf „Die Gobblinattacke“ auf (ab?) Seite 277. Jeder, der sich diese Zeichnungen ansieht, ist selber schuld, wenn er weiterliest! Er wurde ja gewarnt.

_Unterm Strich_

Wer einmal das Buch aufgeschlagen und das erste Kapitel ob der Attacken auf sein Zwerchfell überstanden hat, wird das Buch kaum aus der Hand legen können (höchstens auf dem stillen Örtchen, obwohl…). Nicht nur der Sprachwitz weiß zu verblüffen und zu unterhalten, sondern auch die Einfälle, die der aus dem Original bekannten Handlung einen neuen Verlauf geben – und natürlich eine ganz andere Bedeutung. Dann wird’s auch richtig spannend.

Natürlich erfordert das Nachvollziehen der umgekehrt proportionalen Sprachlogik, die das Ding™ der Macht von seinem Träger ebenso wie vom Leser verlangt, eine gewisse Verknotung der Hirnspiralen, aber das macht nix. Denn da ist es bereits zu spät. Die Verknotung hat insgeheim bereits mit der Interpretation des Kanakischen begonnen, dessen sich die Zwerge, besonders ihr Anführer Mori, befleißigen. Ja, servus, Verstand, und bei den Metaphern hört ja sowieso alles auf.

Eine gewisse Ähnlichkeit zu Terry Pratchetts Scheibenweltromanen mag ja vorhanden sein – auf dem Titelbild ist eine verdächtig wirkende Truhe mitsamt Insassen zu sehen -, doch schon nach wenigen Seiten ist klar, dass die Parodie vor allem den Medienrummel um Tolkien und die Herr-der-Ringe-Verfilmung aufs Korn nimmt, und das mit Erfolg, wie ich meine.

Das Buch bildet auch für besonders fanatische Tolkien-Fanatiker (oje, ein weißer Schimmel!) noch eine Bereicherung. Kein Fehlkauf, checkst du, sondern voll korrekt. Küss die Hand.

Bass, Bill / Jefferson, Jon – Knochenleser, Der

Starautoren des modernen Thrillers wie Patricia Cornwell oder Kathy Reichs stützen sich in hohem Maße auf Erkenntnisse der forensischen Anthropologie. Doch diese Wissenschaft hat es nicht immer – und schon gar nicht unter dieser Bezeichnung – gegeben.

Eine der wichtigsten Figuren in der Entwicklung dieser Disziplin ist nach den Worten von Patricia Cornwell ohne Zweifel der „Knochenleser“: Bill Bass. In diesem Buch voller Erinnerungen beschreibt er, wie es zu dieser neuen Disziplin kam, welche Beiträge sie zur Kriminologie leistete und mit welchen Problemen sie zu kämpfen hatte und weiterhin hat.

_Der Autor_

Bill Bass ist der Gründer der legendären „Body Farm“, auf die sich Patricia Cornwell in ihrem Buch „Das ABC der Toten“ ausgiebig bezieht. Der forensische Anthropologe muss in den dreißiger Jahren geboren worden sein, denn sein ältester Sohn Charlie wurde erst 1956 geboren. 1962 machte Bass seinen Doktorabschluss in Anthropologie an der |University of Kansas|. Das Foto auf den Vorsatzseiten zeigt ihn mit seiner langjährigen „Partnerin“: dem Schädel von Mary Louise. Und das ist eine Geschichte für sich, die er gleich im Kapitel eins erzählt.

_Inhalte_

Patricia Cornwells Vorwort dient gleichzeitig dazu, Dr. Bass vorzustellen und seine Arbeit zu verteidigen. Verteidigen deshalb, weil es etliche Zeitgenossen gibt, darunter zunächst auch die Cornwell selbst, die den Umgang mit Maden, Käfern, Fliegen und verwesendem Gewebe nicht nur ziemlich unappetitlich finden, sondern regelrecht pietätlos. Inzwischen ist Bass vollständig rehabilitiert.

Das erste Kapitel dient ebenfalls zwei Zwecken. Zum einen stellt Bass uns seine „Partnerin“ Mary Louise vor. Die 1962 verstorbene Farbige wurde ermordet, doch die Tat konnte nie aufgeklärt werden. Das Skelett dient als Demo-Objekt, um dem Leser zu zeigen, wie das menschliche Skelett aufgebaut ist und wie es sich im Laufe des Lebens verändert. Dadurch konnte Bass die Rasse, das Geschlecht, das Alter und die Körpergröße von Mary Louise bestimmen.

An humorvollen Anekdoten lässt es Bass nie mangeln, weil er als Dozent festgestellt hat, dass seine Studenten besser lernen, wenn man ihnen einen Sachverhalt mit etwas Humor nahe bringt. Die Leser dieses Buches sind natürlich ebenfalls seine Studenten.

Aber auch eine Koryphäe ist nicht gegen Fehler gefeit. Das beweist die Begebenheit in Kapitel 5. Bass machte sich 1977 weltweit zum Gespött der Presse, als er sich in der Angabe des Todeszeitpunktes eines Bürgerkriegsobersten von 1863 um rund 112 Jahre vertat. (Durch besondere Bestattungsmerkmale wurde der Körper ungewöhnlich gut konserviert.) Durch diesen Fehler erkannte Bass, dass „wir nicht genug wissen“ über das, was nach dem Tode in einem Körper vorgeht. Der letzte Mann, der etwas Bedeutendes über die Maßnahmen und Vorgänge nach dem Tod beigetragen hatte, war der Chinese Sung-Tzu gewesen – im Jahr 1247!

Dies war das Startsignal für die „Body Farm“ (wobei in diesem Kontext „body“ nicht etwa „Körper“ bedeutet, sondern „Leiche“). Das Kapitel, in dem die Body Farm eingerichtet wird, ist vielleicht das lustigste des ganzen Buches. Denn bis die geeignete Örtlichkeit zur Ablage von verwesenden Leichen gefunden ist, vergeht einige Zeit. In dieser Zeit probiert Bass ein paar Notbehelfe aus, so etwa auch die Abstellkammer unter dem Football-Stadion von Knoxville, Tennessee. Als der Hausmeister eine entsprechende, diesmal kopflose Leiche in seinem Besenschrank entdeckt, droht er Bass, ihn selbst einen Kopf kürzer zu machen, wenn er sich nicht sofort nach einer Alternative umsähe.

Für solche intensiven „Anregungen“ zeigt sich Bass offen. Das Agrarministerium hilft mit einer Scheune aus, doch nach einer Weile entdeckt Bass merkwürdige Fußspuren um das Gebäude und auch, dass ein paar der Leichen bewegt wurden. Des Rätsels Lösung: Die Insassen der nahe gelegenen Strafvollzugsanstalt schauten sich die Insassen der Scheune auf ihren Freigängen etwas genauer an. Bevor noch wichtige Indizien vernichtet werden, muss Bass also seine toten Schützlinge woanders unterbringen.

Hinter der Uniklinik ist noch ein halber Hektar unbebauten Landes frei. Den richtet Bass mit seinen Studenten so her, dass man darauf auch Leichen gefahrlos ablegen kann. Dieser „Totenacker“ besteht bis heute. Bewohner Nr. 1-81 ist ein alter Alkoholiker. Die Leichen werden durchnummeriert und mit dem Jahr ihrer Einlieferung versehen.

Nun also verfügt Bass über die Methode, das Instrument und das Wissen für dessen Anwendung. Jetzt muss er alles in die Praxis umsetzen. Forensische Anthropologen, Pathologen und Entomologen sowie ein gestandener Wissenschaftler müssen jedoch zusammenarbeiten, um im Jahr 1992 eine ganze Mordserie an Prostituierten in Knoxville aufzuklären: „Die Morde des Zoomannes“ lautet die Kapitelüberschrift.

Doch weil auch diesmal Bass einen Fehler begeht – er übersieht die Folgen der kalten Witterung auf den Verwesungsprozess in einer Leiche -, droht der Prozess gegen den Angeklagten, der bald gefunden ist, zu scheitern. Der Tat folgt also nicht immer die Strafe, und bis es zu Letzterer kommen kann, müssen Experten wie Bass bestmögliche Arbeit leisten.

Was zu beweisen war.

_Mein Eindruck_

Man braucht schon einen robusten Magen, um allen Ausführungen des Autors problemlos folgen zu können. Insbesondere mit dem Wort „Maden“ sollte man keine Schwierigkeiten haben, sonst kann man die Lektüre gleich vergessen. Wie schon Shakespeares dänischer Prinz ahnte, enden wir alle einmal irgendwo als Nahrung für solche Fliegenlarven – es sei denn, eine gnädige Einäscherung bewahrt uns vor diesem Schicksal.

Aber die Wahrscheinlichkeit, den Maden zum Opfer zu fallen, ist nicht überall auf der Welt – und noch nicht einmal in den USA – gleichmäßig hoch. Der Autor stellt beispielsweise fest, dass in seinem Heimatstaat Kansas ganz andere Leichen angeliefert wurden als aus seinem zweiten Heimatstaat Tennessee. In Ersterem herrscht trockene Prärie vor, in Letzterem geben feuchte Wälder und kalte Winter den Ton an. Dementsprechend unterschiedlich ist auch der Zustand der Leichen. Und das ist nicht immer der appetitlichste.

Als einziger forensischer Anthropologe der Uni von Tennessee und Sonderberater der Polizei von Knoxville bekam Bass sehr viele Tote zu sehen. Aber da sein Wissen eingeschränkt war und nicht viel weiter als der von Sung-Tzu 740 Jahre zuvor, musste er die empirische Methode der Body Farm anwenden. Praktische Anschauung sollte ihn lehren, was nach dem Tod wirklich mit einem Körper passiert. Die erworbenen Erkenntnisse tragen bis heute dazu bei, Art, Ursache und Zeitpunkt eines Todes festzustellen, genauso wie alle relevanten Eigenschaften eines Opfers. Alle diese Faktoren sind wesentliche Beiträge, um einen Täter für bestimmte Taten dingfest zu machen. Selbst eine Abweichung um einen Tag kann eine erhebliche Minderung des Strafmaßes zur Folge haben. Da aber Genauigkeit nicht reicht, müssen auch interdisziplinäres Teamwork und langfristige Erfahrung helfen – deshalb auch die Body Farm.

|Leseerlebnis|

So manchen Beitrag in seinen Erinnerungen hat der Autor mit seinem Ghostwriter Jon Jefferson so geschrieben, dass sich die Story wie ein Krimi |en miniature| liest – ebenso spannend, und vielleicht auch ein wenig morbide. Auf jeden Fall ist eine logische Abfolge von Kapitel zu Kapitel zu erkennen. Das Kapitel „Die Morde des Zoomannes“ ist nicht nur ein kriminalistisches Meisterstück, das einer Reichs oder Cornwell Ehre machen würde, sondern enthält auch die Anwendung der Summe der Lehren, die Bass aus der Body Farm gezogen hat. Zugleich hat mich dieses Kapitel stark an John Grishams Roman [„Die Liste“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=336 erinnert.

|Humor ist, wenn man trotzdem lacht|

Bill Bass verfügt über einen recht trockenen Humor, der ziemlich amerikanisch-handfest wirkt. Ein Beispiel dafür sind die Querelen mit der Unterbringung der Leichen in Knoxville und Umgebung, die ich oben erwähnte. Im Zoomann-Kapitel gibt es ein weiteres schönes Beispiel: |“Ich bin überzeugt, dass die Hersteller [des Weichspülmittels] ‚Downy‘ begeistert über die Mitteilung wären, dass ihr Produkt sogar mumifizierter menschlicher Haut neue Weichheit und Aprilfrische verleiht.“|

|Kein Pakt mit dem Tod|

Das klingt, als handle es sich bei Bill Bass um einen besonders abgebrühten Zeitgenossen, den nichts Menschliches oder Postmortales mehr erschüttern könne. Das Gegenteil ist richtig. Im Zoomann-Kapitel trifft ihn nämlich ein schwerer Schicksalsschlag: Seine geliebte Frau Mary Ann, mit der er seit den Tagen des Koreakrieges verheiratet war und mit der er drei Söhne großgezogen hatte, stirbt 18 Monate lang an einem schmerzhaften Darmkrebsleiden. Er merkt: Selbst wenn es so aussieht, als hätte er mit dem Sensenmann einen Pakt geschlossen, so bedeutet dies doch nicht, dass das Liebste, was er auf der Welt hat, verschont würde.

_Unterm Strich_

Die Aufklärung von Verbrechen mit immer neuen Methoden fasziniert immer mehr Menschen, wie an der steigenden Anzahl von Fernsehbeiträgen und Kriminalromanen abzulesen ist. Das Morbide, das damit verbunden ist, fesselt den Betrachter dabei wohl ebenso sehr wie die wissenschaftliche Neugier, die dem Gegenstand entgegengebracht wird, und die kriminalistische Energie, die dafür erforderlich ist. Stets wird in diesen Beiträgen der Täter ermittelt – alles andere wäre zu frustrierend. Leider dürfte dies kaum der Realität entsprechen. Bass‘ Partnerin „Mary Louise“ ist das Beispiel dafür.

Deshalb ist ein Beitrag wie das Sachbuch „Der Knochenleser“ sehr willkommen. Hier erfahren wir endlich aus der Praxis, was forensische Anthropologie eigentlich bedeutet – in allen unappetitlichen Details. Die Episoden sind so spannend erzählt, dass mich die Schilderungen unweigerlich gefesselt haben.

Aber neben der Unterhaltung gibt es auch viel zu lernen. Schon vom ersten Kapitel an erhalten wir zahlreiche Informationen über Knochenbau, Wachstumsmerkmale und Methoden zur Bestimmung von Alter, Geschlecht, Rasse und Todeszeitpunkt. Dies und die weiteren „pädagogisch wertvollen“ Kapitel sind sicherlich der wichtigste Beitrag in diesem Sachbuch.

Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt, und dieser ist nicht so offensichtlich herausgestellt. Alle Beschreibungen von Leichen entsprechen auch einer Zustandsbeschreibung der amerikanischen Gesellschaft über dreißig Jahre hinweg. Denn wo ein Tod ist, da ist auch eine Ursache und häufig auch ein Tatmotiv. Es ist erschreckend mitzuverfolgen, wie stark das Maß der Gewaltanwendung mit den Jahren gestiegen ist und wie doch das Tatmotiv meist gleich geblieben ist: Gier nach Geld, Sex, Macht und viele andere Beweggründe niedrigster Natur.

Von dieser Nachtseite der Gesellschaft erhält unsereins meist nur in den Abendnachrichten entsprechende Kunde. Doch für Helfer der Gerichtsmedizin wie Bill Bass ist sie bereits Teil ihres Lebens geworden. Es ist bemerkenswert, dass er sich diese Tatsache durchaus bewusst zu machen vermag.

Das Buch eignet sich besonders für Freunde von Cornwells und Reichs‘ Romane, ebenso wie für angehende Anthropologen und Gerichtsmediziner.

Gibson, William – Mustererkennung

Seit einiger Zeit tauchen im Internet geheimnisvolle Filmclips auf, die weltweit einen Kult ausgelöst haben. Auch Cayce Pollard fiebert jedem neuen Clip entgegen – doch was steckt dahinter? Ihre Recherche führt sie ins Machtzentrum unserer globalisierten Gesellschaft.

_Der Autor_

William (Ford) Gibson, geboren 1948, lebt in Vancouver, British Columbia, jener Gegend, in der auch seine Kollege Douglas Coupland lebt. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er fing als Englischlehrer an, floh vor dem Wehrdienst ins kanadische Toronto und schrieb ab Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre Erzählungen, die die Science-Fiction verändern sollten.

Höhepunkt dieser Entwicklung war der Roman [„Neuromancer“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=280 in dem er den „Cyberspace“ postulierte, das, was wir heute als Internet kennen und nutzen. Allerdings stöpselt sich Gibsons Held Case direkt in den Computer ein. Auch an dieser direkten Gehirn-Maschine-Verbindung wird bereits gearbeitet, Geräte für Endverbraucher waren schon auf der CeBIT 2004 zu sehen.

Sein Werk bestand bis zu „Mustererkennung“ aus vielen Storys und zwei Roman-Trilogien, der „Neuromancer“- und der „Idoru“-Trilogie. Alle Bücher sind bei |Heyne| erschienen. Doch „Mustererkennung“ erscheint bei einem Verlag, der nicht gerade für Science-Fiction bekannt ist, sondern vielmehr für Tolkien und andere Fantasy: bei |Klett-Cotta|.

Mehr Infos: http://www.williamgibsonbooks.com und http://www.williamgibson.de/

_Handlung_

Seit einiger Zeit tauchen im Internet geheimnisvolle Filmclips auf, die weltweit einen Kult ausgelöst haben. Auch Cayce Pollard fiebert jedem neuen Clip entgegen – doch was steckt dahinter?

Um zu verstehen, was das Thema des Buches ist, muss man zunächst die Hauptfigur Cayce Pollard verstehen, ihre spezielle Sensibilität, Tätigkeit und Welt. Die Dreißigjährige, deren Name zufällig genauso ausgesprochen wird wie Gibsons erster Held Case, ist eine hochbezahlte und auf geradezu unheimliche Weise intuitive Marketing-Beraterin. Sie sagt ihren Auftraggebern, ob ein Logo Erfolg verspricht oder ein Flop wird. Deshalb kennt sie sämtliche Logos aller Zeichen – und hat eine Meinung dazu. Eigentlich wohnt sie in New York City, doch ihr neuester Auftrag hat sie nach London geführt. Sie kann in der Wohnung ihres Freundes Damien wohnen, der zurzeit in Stalingrad mit russischen Helfern Soldatenleichen ausgräbt und seine makabre Arbeit auf Film festhält.

Gleich nach ihrer Ankunft in London (Camden Town) hat sie sich ins Netz eingestöpselt, um den neuesten Filmclip – Nr. 135 – herunterzuladen und die entsprechende Newsgroup abzufragen. Es gibt zwei Denk-Schulen: Entweder gehören die Clips zu einem bereits fertigen Werk, dessen Schnipsel nun die Welt peu à peu beglücken oder das Werk – ein Film? – befindet sich gerade im Aufbau, und die Welt darf gespannt zugucken, was dabei entsteht. Cayce hat sich noch nicht für eine der zwei konträren Ansichten entschieden, neigt aber zu letzter Ansicht.

Aber auch in London erweist es sich als unmöglich, dem Kultphänomen zu entgehen. Sie erfährt, dass ihr gegenwärtiger Auftraggeber „Blue Ant“ über eine Schwesterfirma Mundpropaganda über die Filmclips verbreiten lässt, um herauszufinden, wen die Info erreicht und über welche Wege. Dazu passt die Nachricht, dass auch die Urheber der Clips das Gleiche tun, allerdings auf andere Weise: Sie schmuggeln in die Clips elektronische „Wasserzeichen“ ein, um die Endabnehmer ermitteln zu können. Willkommen in der modernen Welt des Guerilla-Marketing!

Als Unbekannte in die Wohnung ihres Freundes eindringen und auf ihrem Computer eine Porno-Website abfrage, weiß Cayce, dass es um mehr gehen muss. Steckt diese unausstehliche Italienerein namens Dorotea Benedetti dahinter, die sogar Cayces ausgeprägte Phobie vor bestimmten Markenzeichen (der unsägliche Michelin-Mann!) gegen sie ausnutzt? Der Chef von |Blue Ant|, ein neureicher Belgier namens Hubertus Bigend, bittet sie, für ihn die Urheber der Kultclips ausfindig zu machen. Gegen Honorar, versteht sich. Er will diese Marketingmethode für Filmgeschäfte ausnutzen und wittert das große Geschäft.

Cayces Vater ist einer der Gründe, warum sie den Auftrag übernimmt. Wingrove Pollard war während des Kalten Krieges ein Sicherheitsguru, offenbar ein Ex-CIA-Agent, und lehrte seine Tochter einiges über Selbstverteidigung und Absicherung der Umgebung. Er nahm am 11. September 2001 ein Taxi Richtung World Trade Center. Er gilt als verschollen, doch seine Lebensversicherung betrachtet ihn nicht als tot. Cayce trauert noch immer um ihn, er erscheint in ihren Träumen. Von ihm hat sie zahlreiche ihrer Vorgehensweisen gelernt, die ihr beispielsweise bei der Sicherung der Wohnung zupass kommen.

Als sie diesen gefährlichen und unheimlichen Job für |Blue Ant| weiterverfolgt, führt sie ihr Weg erst nach Tokio und in die südenglische Provinz, schließlich nach Moskau zu den Urhebern der Filmeclips – eine sehr bewegende Begegnung, die an eine Epiphanie grenzt. Hilfe erhält sie von unerwarteter Seite, aber auch Verrat droht. Die Spur führt zu den Urhebern, aber auch über das Schicksal ihres Vaters erfährt Cayce endlich Genaueres.

_Mein Eindruck_

Die Handlung bewegt sich stets an der vordersten Front der Entwicklung des Internet, deshalb ist es für jeden Leser ratsam, sich in dieser Hinsicht auf den neuesten Stand zu bringen. Cayce ist ständig in einer Newsgroup, in der die zwei Denkschulen miteinander in Threads diskutieren, dann wieder entdeckt sie die Wasserzeichen und erfährt etwas über Steganografie. Auch Keylogger werden gegen Cayce eingesetzt, also versteckte Programme, die Tastatureingaben aufzeichnen und an unbefugte Dritte weiterleiten.

Brieffreunde erweisen sich als Freunde fürs Leben, Freunde erweisen sich als Verräter, und Feinde werden zu Überläufern, alles ist im Fluss. Das wichtigste Zitat des Buches auf Seite 78: |“Wir haben keine Zukunft, weil unsere Gegenwart so flüchtig ist. […] Wir haben nur das Risikomanagement. Den Spin des momentanen Szenarios. Mustererkennung.“| Grob zusammengefasst: Die Zukunft ist unkenntlich geworden, denn unsere Gegenwart lässt keine Gewissheiten mehr zu, nur noch Mustererkennung zwecks Risikobewältigung. Wir können uns auch nicht an die Vergangenheit unserer Großeltern halten, |“weil sie nicht genügend ‚Jetzt‘ als Grundlage hat.“|

|Mustererkennung|

Und genau darum geht es im ganzen Buch: um Mustererkennung. Cayces scharfer, von Papa geschulter Blick sortiert ständig ein und wertet. Globalisierte Unternehmen sind überall zu finden, da ist die Wertung einfach: McDonald’s, GAP, Prada, überall das Gleiche. Doch in England besteht ein einfacher Unterschied zu den USA: Es ist die Spiegelwelt. Man fährt links statt rechts. Das war’s. Um sich ihrer Identität zu versichern, ist es für Cayce lebenswichtig, die Artikel, die sie benutzt, jeder eigenen Identität zu berauben (sie entfernt die Etiketten) und zu verändern (trennt Nähte auf etc.). Wenn sie nicht gleich ultraseltene Artikel kauft.

Im Ozean des Ewiggleichen ist das Eigenständige, Individuelle aber nicht nur ein Boot für das Ego, sondern auch eine Herausforderung an die Gleichmacher. Und an die Machthaber. Zum Beispiel in der ehemaligen Sowjetunion. Cayce stößt daher als Frau des 21. Jahrhunderts auf Organisationen, die sich auf ihre angestammte Macht einiges zugute halten: die Mafia, der KGB, die alte CIA und wie sie alle heißen. Leichen aus dem Keller des Kalten Krieges, aber sie leben noch und machen ihr das Leben schwer. Das Einzige, was sich für sie in diesem Schatten-Kampf als hilfreich erweist, sind die Lehren ihres Vaters, der ja selbst ein Kalter Krieger war. Und der ihr einiges über Paranoia beigebracht hat.

|Epiphanie|

Es ist die gleiche Paranoia, die die Urheber der Filmclips gezwungen hat, sich verborgen zu halten und die Verbreitung ihrer Werke zu überwachen. Der Moment, als Cayce endlich die weiblichen Urheber der Clips, die die ganze Welt faszinieren, kennen lernt, bricht ihr schier das Herz. Ich kann hier nicht mehr verraten, doch das Schicksal der Urheber gleicht ihrem eigenen auf unheimliche Weise: Sie hat ihren Vater bei einem Anschlag verloren, sie haben ihre Eltern bei einem Anschlag verloren. Und nun erschaffen sie eine fiktive Welt, die die Gestalt eines Minensplitters hat. Und die Mine kam aus den USA….

Man merkt also: Hinter all der virtuellen Realität des Internet und den Schrecken der globalisierten Unternehmen befindet sich eine Welt, die von Schicksalen, Emotionen, Träumen und wildesten geistigen Verknüpfungen geprägt ist. Diese Dinge sind nicht nur sehr bewegend, sondern mitunter auch sehr komisch und erheiternd, eben menschlich. Und das vor allem macht die Lektüre des Buches zu einem Erlebnis, von dem man mehr haben möchte.

|Leserfahrung|

Ich habe das Buch in nur einer Woche gelesen. In jedem Kapitel wartet es etwas Neues, etwas Lustiges, etwas Bewegendes auf den Leser. Man erfährt mehr über den Zustand der eigenen Welt, als man aus einer ganzen Enzyklopädie erfahren könnte. Denn hier geht es nicht nur um die Dinge, die sich ändern, sondern vor allem um die Menschen, die mit den Veränderungen zurecht kommen müssen, durch Mustererkennung, durch Risikomanagement, entgegen der lockenden Paranoia.

|9/11|

Es ist auch ein wichtiges Buch über den elften September. Cayce hat den Fall der Türme gesehen, denn sie war damals in Manhattan, um ihren Vater zu treffen. Der Fall der Türme erschien ihr (wie auch mir) wie ein Film, den man in Hollywood ausgetüftelt hatte (auch Tom Clancy hatte das Szenario vorweggenommen). Sie suchte ihn auf den Wänden mit den Vermisstenanzeigen, doch der Fall eines Rosenblatts scheint für sie mehr über den Verlust auszusagen, als alle CNN-Berichte es tun könnten. Sie lässt Detektive nach ihrem Vater suchen, damit ihre Mutter endlich Lebensversicherung und Pension erhält. Vergeblich. Der Verlust bleibt durch die Ungewissheit eine offene Wunde. Sie schließt sich erst am Schluss.

Vielleicht sind durch diesen Einbruch der Irrealität in die Welt der gewohnten menschlichen Erfahrung die Filmclips für viele Menschen so wichtig geworden. Die Clips, die aus Moskau kommen, zeigen einzelne Menschen, dann wieder ein Liebespaar bei einem Kuss, in Bewegung, in höchstmöglicher Bildauflösung. Menschliche Begegnungen auf der Grundlage uralter Gewissheiten. Dies ist ein Versprechen auf Heilung. Und daher ist die Wirkung der gezeigten Szenen auch so groß.

Dass dem wirklich so ist, belegt in komödiantischer Darstellungsweise der Fall jenes japanisch-amerikanischen Mädchens in Kalifornien, dessen Bild einem japanischen Spieleprogrammierer zunächst als Kultfigur überlassen wird, um an eine bestimmte Geheimzahl heranzukommen. Das Mädchen ahnt nichts von der Transaktion. Doch als es tatsächlich die glühenden Liebesbriefe ihres „Verehrers“ zu Gesicht bekommt, verlässt sie sofort Kalifornien, um sich mit ihm zu treffen. Denn diese emotionale Wärme ist in einer Welt des Zufalls wertvoller als alles andere.

_Unterm Strich_

Zum ersten Mal verlässt William Gibson die mehr oder weniger ferne Zukunft, um seine Geschichte ganz in der Gegenwart anzusiedeln. Auch das Erzähltempus ist das Präsens. Der Leser kann also genau verfolgen, was passiert, es gibt kaum Sprünge, so als verfolge man ein (Web-) Tagebuch. Lediglich die zahlreichen E-Mails erzeugen Sprünge in Raum und Zeit, bringen Bewegung in die lineare Handlung, erzeugen Spannungspunkte.

Doch diese Kommunikation wird von Cayce Pollard ebenso in einem Zwielicht gesehen wie ihre gesamte Umgebung: Feinde, Verräter – sie könnten überall sein, wem kann sie trauen? Paranoia versus Vertrauen: Es gibt keine Gewissheit mehr, nur Mustererkennung. Das ist eine der Lehren dieser Geschichte. Eine andere ist die von der möglichen Bewältigung von Katastrophen wie dem 11. September, sei es in New York City, sei es in Moskau. Hier gelangt Mustererkennung, als reaktives Verhalten, zur Mustererzeugung, also zu kreativem Verhalten.

William Gibsons Roman ist spannend, bewegend, zuweilen etwas melancholisch und verrückt, doch am Ende steht die Hoffnung. Es ist in meinen Augen ein Meisterwerk, eines der ersten, das des 21. Jahrhunderts würdig ist.

_Die Übersetzung_

Die Übertragung von Gibsons Meisterwerk finde ich sehr gelungen. Da haben die beiden Übersetzerinnen saubere Arbeit abgeliefert. Da aber Übersetzen immer auch Interpretieren bedeutet, sollte sich der des Englischen mächtige Gibson-Fan unbedingt auch das Original ansehen, das es ja in einer preiswerten Taschenbuchausgabe gibt.

Das Einzige, was mich an der deutschen Ausgabe stört, ist die Schrifttype für die E-Mails, die allenthalben in den Text integriert sind. Während im Original die gut lesbare Schriftart Courier oder New Courier verwendet wird, hat man im Deutschen zur der Schriftart OCR (A oder B) gegriffen. OCR steht für „Optical Character Recognition“ und ist manchmal bei Strichcodes zu finden, weil maschinenlesbar. (Wer mit diesen Bezeichnungen nichts anfangen kann, öffne seinen Texteditor und durchsuche die Liste der Schriften, die dieser bereithält – ob auf Windows, Mac oder Linux, ist gleichgültig.)

Das ist aber genau der Punkt: Was für Maschinen gut ist, muss es noch lange nicht für Menschen sein. Obwohl also Courier und OCR Schriftarten mit festem Zeichenabstand sind, lässt die flüssige Lesbarkeit von OCR doch einiges zu wünschen übrig. Aber das ist mein subjektives Empfinden, und andere Leser mögen weniger streng urteilen.

|Das Titelbild|

…finde ich hingegen sehr gelungen. Es reflektiert genau, was der Autor aussagen will. Das ‚T‘ auf dem Titel findet sich sogar im Text wieder.

Hoeye, Michael – Hermux Tantamoq: Das Geheimnis der verbotenen Zeit

In einer Welt voller Mäuse verursacht die Kunde von einer untergegangenen Kultur der Katzen erheblichen Aufruhr. Mehrere Gruppen machen sich auf die Socken, das Geheimnis der im Sandmeer versunkenen Katzenstadt zu ergründen. Der Held Hermux Tantamoq muss mit seinen Gefährten etliche Abenteuer bestehen, die durchaus spannend zu lesen sind. Für Kinder ab 10 Jahren.

_Der Autor_

Michael Hoeye wohnt mit seiner Frau Martha in einem Cottage in Oregon im Nordwesten der USA. „Umgeben von hohen Bäumen und freundlichen Eichhörnchen arbeitet er dort als freier Schriftsteller“, säuselt der Klappentext. Da juchzt das Mutterherz, das dieses Buch kaufen soll.

Hoeyes erstes Buch „Hermux Tantamoq – Im Wettlauf mit der Zeit“ wurde in über 20 Sprachen übersetzt und ist 2002 bei |OMNIBUS| – jetzt |cbj| bei |Random House/Bertelsmann| – erschienen. „Hermux Tantamoq – Das Geheimnis der verbotenen Zeit“ ist der zweite Band einer Trilogie, deren letzter Band „Vorhang auf – die Zeit läuft“ noch in diesem Jahr (2004) erscheinen wird.

Band 1: Im Wettlauf mit der Zeit
Band 2: Das Geheimnis der verbotenen Zeit
Band 3: Vorhang auf – die Zeit läuft (Oktober 2004)

Wie die Lektüre von Band 2 zeigte, ist es nicht erforderlich, auch schon Band 1 zu kennen, um das Buch zu verstehen. Aber der Autor verweist am Anfang einige Male auf das, was in Band 1 an Aufregendem passierte. Es ist also vielleicht befriedigender, die Bände in ihrer Reihenfolge zu lesen.

_Handlung_

In der sonst so ruhigen und gesitteten Mäusestadt Pinchester sind die Gemüter der maßgeblichen Bürger in Wallung geraten. Die Bilder, die die Malerin Mirrin Stentrill im Museum ausstellt, sind einfach, nunja, schockierend! Auf dem schrecklichsten davon ist ein riesiges haariges Monster mit spitzen Zähnen und riesigen Augen zu sehen, das den Betrachter geradezu anspringt, meine Güte! Kein Wunder, dass nationalistisch gesinnte Mäusepatrioten, sozusagen „Herrenmäuse“, solche Bilder verunstalten und die Schließung der Ausstellung verlangen.

All der Aufruhr ficht unseren Helden nicht an. Hermux Tantamoq ist ein friedliebender Uhrmacher, der wie schon sein Vater am liebsten mechanische Wunderwerke herstellt und repariert. Nachdem er seinem Marienkäfer Terfle sein Abendessen gegeben hat, geht Hermux allein zu Bett. Die Damen seines Herzens haben ihm noch nicht ihre Gunst gewährt oder sich anderweitig entschieden.

Da taucht Birch Tentintrotter in Hermux‘ Werkstatt auf. Der alte Professor für Alt-Mäusisch war einst Studienkollege von Hermux‘ Eltern. Man hielt ihn für tot, denn nach einem Skandal an der Pinchester Uni von Hinkum Stepfitchler wanderte Birch aus. Seine Freundin ließ er mit gebrochenem Herzen zurück. Man kann sich Mirrin Stentrills Wiedersehensfreude vorstellen, als Birch wieder auftaucht, heissa!

Und in seinem Gepäck hat Birch ein Zahnrad, eine Karte, einen entschlüsselten uralten Brief – und einen Plan: Er will die sagenumwobene Hauptstadt des versunkenen Katzenreiches suchen, um die Katzenbibliothek zu durchsuchen: Kann es jemals Katzen gegeben haben? Mirrins Gemälde waren doch bloß Phantasien! Oder?

Des Rätsels Lösung liegt sicher nicht bei Hinkum Stepfitchler III, denn der würde Birch, Karte und Plan am liebsten in den Keller seiner Villa verbannen, um ihnen nicht den Ruhm gönnen zu müssen. Also machen sich Hermux und Birch selbst auf die Socken. Sie werden geflogen – von Linka Perflinger, einer couragierten „Abenteurerin, Draufgängerin und Fliegerin“, so steht’s auf ihrer Visitenkarte. Und, wie Hermux findet, hat sie wunderschöne Augen.

Doch dieses Trio ist nicht das einzige Team, das sich auf den Weg zur versunkenen Katzenbibliothek macht. Tucka Mertslin, die unumschränkte (und raffgierige) Herrscherin eines Kosmetikimperiums, will die Riesenstatue des Katzenkönigs haben. Sie hat einen Dampfer gechartert, um über die Flüsse zur Wüste zu gelangen. Ihre Fahrt tarnt sie als Werbetour inklusive Kaberett-Show. Dabei hat auch Linka während eines Zwischenhaltes zwecks Spionage Gelegenheit, das Tanzbein zu schwingen und depperte Werbesprüche von sich zu geben. Tucka plant, demnächst den Heiratsantrag von Hinkum Stepfitchler III anzunehmen.

Kurz vor der Konkurrenz treffen Hermux, Birch und Linka an den Canyons ein, in denen laut Katzenbrief die versunkene Hauptstadt liegen soll. Als sie den Eingang entdeckt haben, erleben sie in der Bibliothek ihr blaues Wunder.

Erst recht dann, als die ruchlose Konkurrenz sie elend darin umkommen lassen will, meine Güte!

_Mein Eindruck_

Der Originaltitel „The sands of time“ ist ganz wörtlich zu nehmen. Schließlich gibt es ja auch Sanduhren. Und genau das findet der Uhrmacher Hermux Tantamoq unglaublich faszinierend. Insbesondere dann, als er herausfindet, dass die gesamte Bibliothek eine riesige Sanduhr darstellt, in der die Mäuse von vor 3000 Jahren eine ganz spezielle Rolle spielten. Geradezu rasend spannend findet er die Entdeckung eines mechanischen Wesens, das vor der Statue des Katzenkönigs einen anmutigen Tanz aufführt.

|Fürs Auge: Bilder und Karten|

Kleine Kinder dürften also ebenso wie große nicht mehr aus dem Staunen herauskommen, wenn sie von den Wundern der Katzenbibliothek erfahren. Und sie können sehr schnell lesen, denn die Kapitel sind wirklich kurz, maximal sieben Seiten. Am Anfang jedes Kapitels lädt ein kleines Piktogramm dazu ein, das Geheimnis zu lüften. Eine Landkarte am Schluss des Buches lädt zum Erkunden ein und gewährt einen groben Überblick über die Geografie der Mäuselande. Ganz besonders gefielen mir die Ratzfatz-Fälle und die Schlappohr-Berge. Ein Personenverzeichnis liefert der deutsche Klappentext im Schutzumschlag (also nicht verlieren!).

|Keine Disney-World|

So mancher erwachsene Leser ist vielleicht an gewisse Mickey-Mouse-Abenteuer in Entenhausen erinnert, die ja oft auch mit Expeditionen zu tun hatten. Doch Hermux Tantamoq in Pinchester hat sehr wenig mit dem Mäuse-Imperium aus Kalifornien zu tun. Vielmehr scheinen er und seine mal mehr, mal weniger braven Mitbürgermäuse direkt einem viktorianischen Nimmerland entstiegen zu sein, das dem von Harry Potter in mancher Hinsicht ähnelt. Allerdings gibt es hier weit und breit keine Magie. (Außer der der Liebe.)

Viktorianisch ist das beschauliche, noch nicht von Autos und Telefonen beschleunigte Leben in Pinchester, wo selbst die Postbotin noch eine strategisch wichtige Rolle in der Gesellschaft zu spielen vermag. Viktorianisch sind die gediegenen Einladungen, die Hermux erhält, und die uralten Uhren in seinem Laden – allesamt mechanisch, versteht sich. (Der Soundtrack dazu wird vom Anfang von Pink Floyds Stück „Time“ geliefert.) Viktorianisch sind die Gelehrsamkeit der Professoren und die soziale Dynamik der Bürgergruppierungen. Die Entrüstung über die Katzen-Bilder Mirrin Stentrills kann man sich heute kaum mehr vorstellen.

|Es gibt keine Evolution, oder?|

Doch das Katzenproblem, das Mirrin anschneidet und dem Birch & Hermux auf den Grund gehen, weist auf das ernste Thema des Buches hin: Es hat nicht immer Mäuse gegeben, und schon gar nicht so freie wie die in Pinchester. Davor gab es eine Katzenhochkultur, während der die grauen Nager keineswegs die „Kröne der Schöpfung“ darstellten. Und was ist in den 3000 Jahren seit dem Untergang der Katzen geschehen? Wohl doch so etwas wie eine Evolution der Mäuse und anderer Nager. Und das widerspricht dem Glauben der Kreationisten (besonders in den USA), die, an das Bibelwort geklammert, die Vorstellung einer Evolution weit von sich weisen.

Daher verwundert es auch nicht, wenn Hermux & Co. in der Katzenbibliothek den Status ihrer Vorväter keineswegs als einer „Krone der Schöpfung“ angemessen empfinden. Es stellt ihr bisheriges Weltbild auf den Kopf und verunsichert sie dementsprechend. Leider kneift der Autor an diesem Punkt. Er verlässt sich lieber (erfolgreich) auf die Wirkung von Spannung, Abenteuer, Action, statt sich der Vertiefung der Folgen dieser Entdeckung zu widmen. Vielleicht kommt das ja im dritten Band.

_Unterm Strich_

Ich habe dieses „Hermux Tantamoq“-Abenteuer mit großem Spaß gelesen. Die Lektüre ist völlig entspannt zu bewältigen, wartet stets mit netten Überraschungen auf und wird zum Finale hin zunehmend spannender. Etliche Seitenhiebe auf menschlich-allzumenschliche Phänomene gibt es zu belächeln, vielleicht sogar zu bedenken: Emporkömmlinge, Nationalisten, Kosmetikimperialistinnen, romantische Liebespaare – und ein Geheimnis in der Wüste, das das Herz jedes Ägyptologen höher schlagen lässt.

Daher habe ich das Buch in wenigen Tagen ausgelesen. Ich kann es Freunden von Tierabenteuern nur wärmstens ans Herz legen. Kleine und große Kinder ab 10 oder 12 Jahren dürften damit keinerlei Schwierigkeiten haben – Mütter seien gewarnt, dass ihre Schützlinge die komplette Trilogie werden haben wollen. Jetzt werd‘ ich noch Band 1 und 3 lesen und euch bald davon berichten.

Stroud, Jonathan – Bartimäus – Das Amulett von Samarkand

Ist dieser Jugendroman ein weiterer „Harry Schotter“-Klon? Zum Glück nicht, denn „Bartimäus“ ist weitaus respektloser, tiefgründiger und einfallsreicher als die Rowling-Blockbuster. Dennoch – oder gerade deswegen – wird die anstehende Verfilmung wohl nicht zu umgehen sein.

_Der Autor_

Jonathan Stroud wurde im englischen Bedford geboren. Laut Verlag schreibt er bereits seit seinem siebenten Lebensjahr Geschichten. Während er als Lektor für Kindersachbücher arbeitete, verfasste er seine ersten eigenen Kinderbücher. Nach der Publikation seiner ersten beiden Jugendbücher widmete er sich ganz dem Schreiben. Er wohnt mit seiner Frau Gina, einer Grafikerin und Kinderbuchillustratorin, und der gemeinsamen Tochter Isabelle in St. Albans nördlich von London.

„Das Amulett von Samarkand “ ist der erste Band in der „Bartimäus“-Trilogie.

_Handlung_

Zauberlehrling Nathanael macht das, was alle übermütigen Zauberlehrlinge tun und unter allen Umständen unterlassen sollten: Er hext einen Dämon herbei. Dies ist der 5000 Jahre Bartimäus, der schon bei Ägyptern und Assyrern Unruhe stiftete und in der glorreichen Schlacht von El Arisch das Dämonenheer Pharao Thutmosis III. verstärkte. Doch Bartimäus, so viel muss man über die Hierarchie der Dämonen wissen, ist nur ein Dschinn der 14. Ebene, also nur von mittlerer Stärke. Er kann es keineswegs mit den mächtigen Afrits und Mariden aufnehmen, die mächtigeren Magiern zu Gebote stehen.

Es ist ein Wunder, dass der zwölfjährige Nathanael die Beschwörung überlebt, doch er hat sich gut geschützt. Das Pentagramm, in dem er steht, gehört zum Standard, er ist ja nicht blöd. Für sein Alter ist er schon ganz schön weit in seinen Fähigkeiten. Sein Meister, der Minister Arthur Underwood – alle 300 Minister der Regierung in London sind Magier – unterschätzt ihn jedenfalls beträchtlich. Nathanael hat nicht mal einen offiziellen Magiernamen und muss sich gegenüber Bartimäus hüten, ihm nicht seinen wahren Namen, Nathanael, zu verraten, denn dieses Wissen verliehe dem Dämon Macht über ihn. Merke: In der Magie dreht sich alles um Macht.

Der Dschinn Bartimäus, der uns seine Sicht der Dinge erzählt, erhält einen schwierigen Auftrag: dem Magier-Minister Simon Lovelace das Amulett von Samarkand stehlen und herbringen. Leichter gesagt als getan, seufzt Bartimäus, der uns nun von seinem Versuch erzählt, das Amulett wohlbehalten und lebendig bei seinem Herrn abzuliefern. Schließlich gebietet Lovelace über zwei große Dämonen, ein mächtiges Schutzfeld und Dutzende von Suchkugeln, die nach dem Dieb Ausschau halten. Zu guter Letzt wollen Barti sogar gewöhnliche Menschen das Amulett entreißen, aber er belehrt sie eines Besseren. Nachdem der große Diebstahl gelungen ist, fängt jedoch der Ärger für Nathanael und Bartimäus erst richtig an.

Denn Simon Lovelace will nicht mehr nur stellvertretender Handelsminister sein. Sein Ehrgeiz gilt Höherem: dem Posten des Premierministers. Er lässt diverse magische Objekte von seinen Schergen stehlen, darunter das Amulett, über dessen Eigenschaften Nathanael noch nicht Bescheid weiß. Die ihres magischen Schutzes beraubten Ministerkollegen fallen unerklärlichen Anschlägen zum Opfer. Der schlimmste davon findet allerdings direkt unter Nathanaels Augen statt: Im Londoner Parlament von Westminster lässt der Premierminister gerade eine Regierungserklärung zum Krieg vom Stapel, als ein junger Mann von der Terrasse hereinstürmt und eine Elementenkugel auf den Regierungschef schleudert. Während sich der Obermagier schützen kann, sind viele seiner Begleiter und Gäste nicht so glücklich dran.

Worauf hat sich Nathanael da nur eingelassen? Er wollte eigentlich nur seinem allzu gestrengen Meister Underwood und dem fiesen Lovelace eins auswischen. Nun wächst ihm die Sache allmählich über den Kopf. Schon bald gerät Bartimäus, der sich nach den Eigenschaften des Amuletts erkundigen soll, in Gefangenschaft der Polizei – diese verflixten Afriten!

Nach seiner unverhofften Befreiung lässt sich seine Spur, die direkt zu Nathanaels Heim führt, leicht verfolgen. Simon Lovelace taucht daher schließlich bei Arthur Underwood auf, der aus allen Wolken fällt. Dreimal darf man raten, was Lovelace zurückhaben will. Und was er mit dem Dieb machen wird…

Doch dann ist natürlich noch lange nicht aller Tage Feierabend. Nach einer längeren Durststrecke, auf der Nathanael gar nicht gut aussieht, schlägt das dynamische Duo zurück – und versucht, die Herrschaft von Simon Lovelace, dem Unbarmherzigen, zu verhindern…

_Mein Eindruck_

Mit „Bartimäus 1“ etabliert Jonathan Stroud eine ausgetüftelte Alternativwelt, in der es zwar keine Hogwarts-Zauberschule gibt, aber viel fehlt nicht. Doch diese Welt ist grimmiger, weniger verspielt. Zauberer haben ständig mit Macht und Herrschaft zu tun. Dämonen und sämtliche sonstigen dienstbaren Geister, so glaubt Nathanael zunächst, sind alle hinter ihm her. Kein Wunder, dass er sich verfolgt glaubt, sich übernimmt und nur bei Mrs. Underwood Trost und Verständnis findet.

Dennoch bietet diese Welt jungen Lesern ab 12 Jahren mit Nathanael eine ideale Identifikationsfigur, denn sicherlich wollen auch sie die Welt zu einem besseren Ort machen, als sie selbst vorfinden. Dass das nicht so einfach ist, wie ihre wilden Träume ihnen vorgaukeln, demonstriert ihnen Nathanael anschaulich. Dieser Held muss einiges durchmachen, um schließlich Erfolg haben zu können.

Wofür er am längsten braucht und was am wichtigsten ist: Er kann einen Dämon zum Freund haben. Das stellt alles, was er aus Underwoods Büchern gelernt hat – und von der Welt hat er praktisch nichts gesehen – komplett auf den Kopf. Es widerspricht allen Lehrsätzen und natürlich auch Underwoods Lehren. Die anderen Instruktoren sind relativ unwichtig, lediglich eine Lehrerin, eine „Gewöhnliche“ zumal, vermag ihm etwas über die Welt der normalen Menschen beizubringen. Leider verschwindet sie sofort, sobald Underwood Nathanaels „Verrat“ aufgedeckt hat.

Es geht also um die Paranoia der Macht. Und ihr steht der Triumph gegenüber, den das Vertrauen bringt, das aus der Zusammenarbeit mit Bartimäus erwächst. Quod erat demonstrandum: Die Zaubererkaste und ihre Herrschaft sind menschenfeindlich und dem Untergang geweiht. Doch welche Alternative bieten der Gesellschaft dann individuelle Bündnisse wie zwischen Nathanael und Bartimäus? Wir wissen es noch nicht, werden es aber hoffentlich bald erfahren.

Neben jener der Zauberer gibt es in „Bartimäus“ noch eine zweite Gegenwelt, und das ist natürlich die der Geister. Die Zauberer betrachten sie sozusagen als herrenlose Sklaven, die es sich gefügig zu machen gilt. Ihre Bücher und Hilfsmittel liefern ihnen das Wissen über die Geisterwelt, aber ist das etwa schon alles, was es über Geister zu wissen gibt? Die Befehle, die ihnen ihr Wissen verleiht, vermögen alle möglichen Geister zu bannen und herbeizurufen, aber die resultierende Machtbeziehung ist von Angst geprägt – siehe oben.

Bartimäus ist der erste Geist, der uns demonstrieren kann, wie es ist, ein Dämon aus der Anderswelt zu sein. Wenn ihn beispielsweise ein magischer Ruf erreicht, dann fühlt es sich an, als würden ihm die Eingeweide rückwärts herausgezogen. Sicher nicht angenehm. Und der Aufenthalt in einer körperlichen Hülle scheint ebenfalls sehr unbequem zu sein. Schließlich sind Geister aus anderem Stoff gemacht. Geister wollen bekanntlich frei sein.

Dieser Dämon ist eine famose Erfindung des Autors. Damit ist er in der Lage, Zauberer und ihr Verhalten ebenso süffisant zu kommentieren wie andere Geister, und mit denen kennt sich ein so alter Dämon wie Barti hervorragend aus. Seine Fußnoten sind oftmals eine Freude, triefen sie doch vor Ironie. Und dass er dabei immer gut wegkommt, erklärt sich von selbst.

Was werden wohl die nächsten Bände bringen? Eine recht interessante Perspektive bietet der „Widerstand“ der Gewöhnlichen. Die Untergrundkämpfer haben sich ja schon als schlagkräftig erwiesen. Und sie erkennen etwas Magisches, wenn sie es sehen, beispielsweise Bartimäus in harmloserer Verkörperung. Außerdem wird es höchste Zeit, dass sich Nathanael verliebt.

_Unterm Strich_

„Das Amulett von Samarkand“ etabliert als Startband einer Zauberer-Trilogie mehrere Gegenwelten, die sich von Universen wie dem eines gewissen Harry Schotter deutlich unterscheiden. Während Schotters Magiewelt von Angst dominiert ist, entwickelt der Zauberlehrling Nathanael bei Stroud etwas Revolutionäres: Freundschaft zu einem Dämon. Das kann ja heiter werden!

Bis es soweit ist, vergehen aber etliche Seiten spanennder und vergnüglicher Lektüre. Nathanael und Bartimäus stehen abwechselnd im Blickpunkt des Geschehens, so dass für Variation gesorgt ist. Das Treiben dieses dynamischen Duos betrifft nicht nur ihren Privatbereich, sondern hat, wie sich allmählich zeigt, direkten Einfluss auf das Schicksal des Reiches und der Regierung. Na, wenn das keine hilfreiche Nutzanwendung von Magie ist!

Meine Leseerlebnis war zunächst von leichter Skepsis geprägt: Schon wieder ein Roman über einen Zauberlehrling? Doch wenn der Auftaktband der Trilogie schon so unterhaltsam mit einem grandiosen Finale endet, was mögen dann erst die Folgebände bieten? Doch wem all dies noch zu ernst ist, der greife einfach zu Terry Pratchetts Zauberer-Parodien, insbesondere zu dem wundervollen „Eric“.

Gerritsen, Tess – Todsünde

In einer Klosterkapelle wird eine Nonne erschlagen, eine zweite kommt knapp mit dem Leben davon. Wenige Tage später muss die Pathologin Dr. Isles eine zweite Frauenleiche untersuchen: Die „Rattenfrau“ hatte Lepra. Erstaunlicherweise haben die beiden Verbrechen miteinander zu tun.

_Die Autorin_

Tess Gerritsen war eine erfolgreiche Internistin, bevor sie mit dem Medizinthriller „Kalte Herzen“ einen großen Erfolg errang. Es folgten mehrere mittelmäßige Thriller wie „Roter Engel“, die durchaus spannend zu unterhalten wissen.

Mit dem Bestseller „Die Chirurgin“ ist ihr auch der Durchbruch in Deutschland gelungen, denn dieser Thriller ist noch eine ganze Klasse härter: Der Mörder entfernt seinen weiblichen Opfern die Gebärmutter. Die Fortsetzung trägt den Titel „Der Meister“, und „Todsünde“ ist der dritte Roman mit Detective Jane Rizzoli vom Boston Police Department.

Gerritsen lebt mit ihrem Mann, dem Arzt Jacob Gerritsen, und ihren beiden Söhnen in Camden, im US-Bundesstaat Maine.

_Handlung_

Die ersten Schneefälle lösen in Boston, Massachusetts, ein mittleres Verkehrschaos aus, und die Weihnachtsvorbereitungen tragen sicher nichts dazu bei, das Chaos zu verringern. Deshalb ist die Gerichtspathologin Dr. Maura Isles, von ihren Kollegen liebevoll „Königin der Toten“ genannt, auch heilfroh, lebendig an einem neuen Tatort anzukommen statt im Graben zu landen.

In der alten Graysones Abbey, einem Nonnenkloster am Stadtrand, soll Maura die Leiche einer Novizin namens Camille Maginnes untersuchen; der jungen Frau wurde in der Kapelle des katholischen Klosters brutal der Schädel eingeschlagen. Eine weitere Nonne, Schwester Ursula, überlebte den Überfall schwer verletzt und liegt auf der Intensivstation. Pater Brophy von der katholischen Gemeinde hat ebenfalls keine Erklärung. Maura fühlt sich unerklärlich zu ihm hingezogen. Sie ist einsam.

Die Befragung der wenigen verbliebenen Nonnen erbringt nichts, erst als Maura und Detective Jane Rizzoli vom Boston PD die freche Tochter der Haushälterin befragen, ergeben sich ein paar Anhaltspunkte. Auf dem Dachboden der Quartiere befinden sich nicht nur Dutzende von Spielzeugpuppen, sondern auch Löcher, durch die man in die Stuben der Nonnen spähen kann. Und die kleine Noni erzählt, die junge Camille habe sich stets gegeißelt und ihre Stube wie besessen geschrubbt und in einem Buch zu Sankt Brigitta von Irland gebetet.

Ein scheinbar unwichtiger Hinweis, doch Brigitta ist die Schutzheilige der Neugeborenen… Als Maura die Autopsie an Camille vornimmt, stellt sie erstaunt fest, dass die junge Frau, die ihre Brüste so fest abband, dass es geschmerzt haben musste, kurz zuvor ein Kind zur Welt gebracht hatte. Da auch Nonnen ebenso wie Priester an das Keuchscheitsgelübde gebunden sind, ist dies ein sehr verwunderliches Ergebnis. Und wer war dann der Vater? Pater Brophy vielleicht?

Rizzoli ordnet die Durchsuchung des Klostergeländes an. Wieder liefert Noni den wichtigsten Hinweis: Im Ententeich versenkte die unglückliche Camille ihren Säugling. Als Maura das Baby aus seiner Decke wickelt, um die Autopsie vorzunehmen, bricht Rizzoli vor Entsetzen zusammen. Sie hat selbst vor wenigen Stunden festgestellt, dass sie schwanger ist – von ihrem Ex-Freund Gabriel Dean, FBI (vgl. „Der Meister“) – und weiß nicht, ob sie das Kind behalten soll.

Nachdem Mauras Ex-Mann Victor Banks, ein vielbeschäftiger Koordinator für Entwicklungshilfeprojekte von „One Earth“, wieder aufgetaucht und sie seinem Charme erneut verfallen ist, wird sie schon zum nächsten Tatort gerufen. In einer ziemlich grausigen, rattenverseuchten Umgebung unweit von Graystones Abbey hatte ein Drogenfahnder zufällig eine Frauenleiche entdeckt. Dem Körper fehlen jedoch das Gesicht, die Hände und die Füße. Um die Identität zu verschleiern, muss man aber keine Füße amputieren, oder? Maura rätselt auch über zahlreiche Hautpusteln. Nach Hinzuziehung einer Expertin steht der schlimme Befund fest: Diese Frau hatte Lepra.

Und da Schwester Ursula mal fünf Jahre in Indien an einer Lepraklinik gearbeitet hatte, besteht möglicherweise ein Zusammenhang. Als Jane Rizzoli und Maura von Gabriel Dean Fotos erhalten, die diese Leprakolonie nach einem verheerenden Massaker – alle Leprakranken sowie die behandelnden Schwestern wurden verbrannt – zeigen, stellt Maura beklommen fest, dass es sich um eine Klinik von |One Earth| handelt. Ist ihr Lover Victor Banks etwa in die Vorgänge verwickelt?

_Mein Eindruck_

Ich habe diese 400 Seiten innerhalb nur eines Tages gelesen, so flott sind sie zu lesen – es lag nicht nur an der großen Schrift. Aber das wundert mich nicht, denn auch schon die beiden anderen Rizzoli-Romane „Die Chirurgin“ und die direkte Fortsetzung „Der Meister“ waren ebenfalls superspannend und leicht zu lesen.

„Todsünde“ unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von seinen Vorgängern. Zum einen steht diesmal nicht Jane Rizzoli im Mittelpunkt des Geschehens, sondern Dr. Maura Isles, die „Königin der Toten“. Sie muss sich mit ihren eigenen Lebenszielen auseinandersetzen, als ihr Ex Victor entgegenhält, er selbst kümmere sich lieber um die bedürftigen Lebenden – und deshalb sei wohl ihre Ehe gescheitert. Sie hingegen weiß, dass er nie für sie da war, denn er musste sich ja um seine superwichtigen Entwicklungsprojekte kümmern. Deshalb weiß sie nicht, was sie von seinem Versuch halten soll, sie zurückzugewinnen. Sex ist zwar gut für das Wohlbefinden, aber was verbindet sie sonst noch?

Auch die drei neuen Fälle halten sie in Atem. Diesmal geht es nicht um Sex- und Todesspiele mit Reichen wie in „Der Meister“ oder um verstümmelte Frauen wie in „Die Chirurgin“, sondern um zwei eher entlegene Gebiete, nämlich Nonnen und Lepra. Allerdings wird sich noch ein weiterer Abgrund auftun, der viel näher an der aktuellen Realität liegt.

Stichwort Nonnen: Die Novizin Camille hat in den Augen der anderen Nonnen eine Todsünde begangen, als sie mit einem Mann zusammen war und ein Kind bekam. Aber ist sie wirklich der Sünde schuldig? Ist es möglicherweise Pater Brophy, der von sich selbst zugibt, hin und wieder Momente der Schwäche zu erleben? Wie jeder in Boston weiß, haben sich Priester an kleinen Jungen und Mädchen sexuell vergangen. Ist er einer von ihnen? Als Rizzoli den extrem reichen Vater von Camille, Randall Maginnes, besucht, wird ein weiterer Verdacht geweckt. In dieser Familie gingen rätselhafte Dinge vor.

Aber war nicht auch der Überfall auf die Leprastation in Indien eine Todsünde? Nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere wurden getötet und auf Scheiterhaufen verbrannt. Das soll ein politisch oder religiös motivierter Terroranschlag gewesen sein? Bullshit, denkt Maura Isles, als sie den Schriftzug „One Earth“ auf dem Foto der Lepra-Klinik entdeckt…

Während sich die Spannungen in den Privatleben der beiden Hauptfiguren zu einer Krise steigern, kommt es auch in den Untersuchungen zum Finale – und dabei gerät Maura in Lebensgefahr. Auffällig sind dabei die Parallelen zu Novizin Camilles traurigem Schicksal. Und auch Schwester Ursulas Leben steht offenbar auf dem Spiel: Sie war die einzige Zeugin am Tatort in der Kapelle. Doch warum hat sie überlebt und Camille nicht?

_Unterm Strich_

Trotz des etwas abgedroschenen Titels hat dieses Buch rein gar nichts mit einem Thriller à la „Sieben“ zu tun, in dem ja auch die sieben Todsünden den Anlass für die Handlung abgeben. Der Begriff „Todsünde“ wird bei Gerritsen viel weiter gefasst und uminterpretiert. Es gibt Sünden der Neuzeit, die sich nicht ohne weiteres aufdecken, bestrafen und „abwaschen“ lassen. Camilles angebliche Sünde fällt dagegen richtig altmodisch aus – und ist leider allzu verbreitet. Der Originaltitel „The Sinner“ kann sowohl eine Frau als auch einen Mann meinen. Das hat die Autorin sicherlich listigerweise beabsichtigt.

|Verschmelzung der Themen|

Ich fand die Lektüre diesmal befriedigender als „Der Meister“, wenn auch nicht so schockierend wie „Die Chirurgin“. Die Zufriedenheit beruht vor allem auf der nahezu vollkommenen Verschmelzung des Themas der Verbrechensaufklärung durch Rizzoli und Maura mit dem Thema der privaten Selbstverwirklichung durch Bewältigung akuter Probleme (Mauras Ex-Mann, Rizzolis Schwangerschaft). Die zwei Welten sind so perfekt miteinander verwoben, dass kaum noch die Trennung wahrnehmbar ist.

|Die Klippen der Klischees|

Der besonders kritische Leser wird aber merken, dass das Thema „katholische Kirche“ von der Autorin mit Samthandschuhen angefasst wird, weil hier nämlich sämtliche Klischees lauern, die die Medien durchgehechelt haben (Missbrauch etwa) – und diese Klippen gilt es zu umschiffen, um nicht abgedroschen zu wirken. Zum Glück haben Maura (aufgezogen in der Klosterschule) und Rizzoli (eine Italienerin) genügend eigene Erfahrung mit der katholischen Kirche, dass der Eindruck vermieden wird, hier würden nur Klischees neu aufgewärmt, im Gegenteil. Es sind genau diese Erfahrungen, die Pater Brophy und die Nonnen für uns so interessant machen – ein wichtiger Pluspunkt für das Buch.

|Ein Weihnachtsmärchen|

Ganz, ganz clevere Leser werden nicht übersehen, dass es sich bei „Todsünde“ um eine moderne Variante von Charles Dickens‘ „Christmas Carol“ handelt. Doch nicht drei „Geister der Weihnacht“ treten auf, um einen Sünder zu bekehren, sondern mehrere Sünder und Heilige tauchen auf – ausgerechnet zu jener Zeit des Jahres, da die Geburt des Jesuskindes gefeiert werden soll. Leider entpuppen sich mitunter die Sünder als die Opfer und die Heiligen als Schuldige.

In diesem Erkenntnis- und Erfahrungsumfeld müsssen sich unsere beiden Heldinnen entscheiden. Will Jane Rizzoli ihr ganz privates Jesuskind behalten oder es wie Camille umbringen? Und Maura muss über ihren Ex-Mann urteilen, ob er er ein Heiliger (Entwicklungshelfer etc.) und Dreamlover oder doch ein Sünder ist. Spannend ist dies allemal.

Nesser, Hakan – Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla

Diesmal legt der schwedische Krimimeister einen ähnlich angelegten Fall wie in „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ vor. Wieder ist es ein junger Mann, der sich mit dem Rätsel eines Mordfalles auseinandersetzen muss, während ihn die Geheimnisse der Liebe ablenken. Und wie es aussieht, muss auch er Jahrzehnte auf die Aufklärung des Verbrechens warten.

_Der Autor_

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen.

Manche seiner Romane um Kommissar van Veeteren wurden verfilmt. Auf deutsch sind u. a. erschienen: „Das vierte Opfer“, „Der unglückliche Mörder“, „Münsters Fall“ und „Der Kommissar und das Schweigen“ (Auswahl).

_Handlung_

Kumla ist im Jahr 1967, als das Verbrechen passiert, ein verschlafenes, ja idyllisches Städtchen im nördlichen Schweden. Hier passiert fast nie etwas, und schon gar nichts, was irgendwie aus dem Rahmen fällt. Es ist ein ungewöhnlich heißer Sommer und man sucht die Abkühlung an den Seen der Umgebung.

Der Mord erschüttert die Gemeinschaft und wird wochenlang zum Tagesgespräch. Der Uhrmacher Kalevi Kekkonen, ursprünglich ein Finne, ein mürrischer und wortkarger Mann, wird in einem der beiden ehelichen Schlafzimmer tot aufgefunden. Seine schwedische Frau Ester Bolego hatte wie stets im anderen Schlafzimmer genächtigt und nichts von der Bluttat gemerkt. Genauso wenig wie ihre gemeinsame Tochter Signhild, die, einer Eingebung von „Stimmen“ folgend, den Toten entdeckt haben will.

Recht bizarr sind zwei Details. Der Leichnam liegt kopflos im blutigen Bett, denn der abgetrennte Kopf steht – ein richtiger Quadratschädel macht das möglich – auf dem Nachttischchen daneben. In den Hals ist eine Botschaft gesteckt. Auf dem Zettel steht lediglich ein Schachzug, der zudem sehr ungewöhnlich ist: „e2-e4 schachmatt!“ Es ist der Königsbauer von Weiß, der den schwarzen König matt setzt. Normalerweise werden Bauern als erste zu Opfern des Spiels.

Mit diesem und anderen Rätseln beschäftigt sich der sechzehnjährige Ich-Erzähler Mauritz Målnberg, vor allem aufgrund der Tatsache, dass er total in die Nachbarstochter Signhild Kekkonen-Bolego verschossen ist. Da seine Gefühle zunehmend von ihr erwidert werden, erfährt er weitere pikante Details über die Begleitumstände. Er verpflichtet sich, als amateurhafter Privatdetektiv das Verbrechen aufzuklären. Philip Marlowe und Auguste Dupin sind quasi seine Brüder im Geiste und selbstverständlich Vorbilder. Mauritz ist ein Pfeife rauchender Bücherwurm, dessen Idole Lennon, Dylan und Camus heißen und ihn zu Gedichten inspirieren. Es darf nicht verschwiegen werden, dass Mauritz unter der Fallsucht leidet, also unter Anfällen von Epilepsie, die ihn sekundenlang bewusstlos werden lassen.

Signhild erzählt ihm, dass ihre Mutter und ihr Vater einander hassten, und eine Woche vor dem Verbrechen war ein geheimnisvoller Untermieter eingezogen, der sich einfach „Dichter Olsson“ nannte. Bei seinen mehr oder weniger unauffälligen Observationen bestätigt sich Signhilds Vermutung: Ester und Olsson haben offensichtlich ein Verhältnis und somit auch ein Motiv, den „Alten“ um die Ecke zu bringen.

Als Mauritz per Zufall herausfindet, was es mit dem merkwürdigen Schachzug „e2 – e4“ auf sich hat, schreibt er Hauptkommissar Vigland einen netten Brief mit seinen Erkenntnissen. Natürlich nicht unter seinem richtigen Namen. Er unterzeichnet mit „August Strindberg“, einem bekannten schwedischen Dichter. Schon bald werde nun die Polizei dem finsteren Treiben von „Dichter Olsson“ ein Ende setzen. Denkt er…

_Mein Eindruck_

Kumla ist vielleicht nicht der Nabel der Welt – wie vielleicht der |Piccadilly Circus| in London. Aber es ist immerhin der Geburtsort des Autors. Daher weiß er ganz genau, wovon er erzählt. Und das merkt man der Geschichte an. Mauritz ist ziemlich genau so alt wie der Autor (siehe unten), er hat die gleichen Erfahrungen, die gleichen Vorlieben vermutlich und die gleichen Probleme.

|Authentisch|

Deshalb wirkt auch die Beschreibung des engen Kumla im Widerstreit mit den revolutionären Bewegungen des Jahres 1967 so realistisch. Alle Namen stimmen: Lennon, Dylan, Morrison, Jagger, Hendrix und wie sie alle heißen, die Mitglieder der Gegenkultur. Dass sie seine Lieblinge sind, merkt man ihm ständig an, so etwa durch die zahlreichen (unübersetzten) englischen Zitate aus den Songs. Zum Glück habe ich sie fast alle erkannt. Und wo ich sie nicht erkannte, ist sich Mauritz selbst nicht sicher, ob er sie nicht einfach erfunden hatte, sozusagen im Rausch der Schaffenskraft.

|Kumla vs. den Rest der Welt|

Mehrmals setzt Mauritz das Geschehen in der weiten Welt gegen das in Kumla. Und manchmal gewinnt Kumla: Da ist die Kirche abgebrannt und im Dachstuhl findet sich eine verkohlte Leiche. Da erhängt sich ein Schachspieler, und einem anderen wird der Kopf abgeschlagen. Für Mauritz ist das Geschehen auf der Welt-Ebene so wichtig wie das in seiner persönlichen Umgebung. Das Bindeglied besteht nicht nur aus seiner persönlichen Erfahrung, sondern auch in Signhild.

Die Liebe zu ihr erfordert Handeln, ständiges Handeln. Und Entscheidungen, Gespräche. Mauritz findet sich auf einmal in einem moralischen Zwiespalt, den er nicht auflösen kann. Signhild muss das für ihn tun. Den Grund dafür erfährt er erst ganz am Schluss des Buches.

Denn das Buch beginnt nicht etwa im Kumla des Jahres 1967. Vielmehr fährt Mauritz 35 Jahre später aus seinem neuen Wohnort zurück nach Kumla, um einen alten Mann und eine junge Frau zu treffen. Auf der Bahnfahrt blickt er zurück in jene Zeit, als er zum Mann wurde und den Kekkonen-Fall zu lösen versuchte. Am Schluss des Buches erhält er endlich Aufklärung darüber, was eigentlich los war. Die Enthüllung löst im Leser sowohl einen Schock als auch Erstaunen aus. Mehr sei nicht verraten.

|Spannungsbogen|

Durch den Pro- und den Epilog erhält die Geschichte schon von vornherein einen gewissen Spannungsbogen. Man kann sich ja denken, dass am Schluss die Auflösung des Rätsels folgt. Daher ist es aber umso reizvoller, den Fall, den der Autor in Gestalt von Mauritz‘ Ermittlungen vor uns ausbreitet, selbst zu lösen. Wie in einem Schachspiel sind alle Komponenten bekannt, doch gibt es wie in einer mathematischen Gleichung mindestens eine Unbekannte: Wer ist der Mörder? Und in welchem Verhältnis stand er zu Ester Bolego und ihrem Mann?

Wir müssen auch bedenken, dass unser junger Chefermittler noch recht wenig von den Menschen und ihren Liebesdingen weiß. Bücher helfen da nicht, schon gar nicht in Kumla. Von den Abgründen unter der Oberfläche – der „Teufel“ oder „Perkele“, wie der Finne sagt – ahnt er zwar etwas, aber in der Seligkeit, die ihm die Liebe zu Signhild bereitet, vergisst er die Tiefe doch allzu bereitwillig. Umso schlimmer trifft ihn dann der Moment der Erkenntnis. Wie ein Anfall von Fallsucht.

|Ironie|

Was den Roman so unterhaltsam macht, sind nicht nur die Aspekte von Verbrechen, Aufklärung und Liebe, sondern vor allem der Einsatz von Ironie. Dem Autor gelingt es, die banalsten Unterhaltungen durch Ironie schreiend komisch wirken zu lassen. An einer Stelle etwa sitzt Mauritz‘ Familie wieder mal beim Essen. Während der Vater, ein „Zeitungsmann“, wieder einmal seinen Schwiegersohn, der bei der Polizei arbeitet, über den Fall Kekkonen ausquetscht, quasselt die Schwester, die den Bullen geheiratet hat, davon, dass sie sich einen Hund anschaffen will. Zwischen Essenfassen, einen Mord abchecken und Pudelkaufen geht der Dialog so kreuz und quer, dass die irrwitzigsten Wirkungen entstehen. Vor allem dann, als die Mutter ihrer Tochter rät, sich statt des Hundes doch lieber mal ein Kind anzuschaffen. Die Mutter redet immer nur in halben, unvollendeten Sätzen. Mauritz, das kann man verstehen, rastet dabei beinahe aus. Der Leser kringelt sich im Sessel.

|Fehler|

Auch Autoren sind gegen Fehler nicht gefeit. Lektoren offenbar ebenso wenig. Auf Seite 247 verwechselt der Autor den Namen einer Freundin von Signhild. Sie heißt eigentlich Karin Pallgren, er schreibt aber hier „Kristina“. Auf Seite 153 hat der Korrektor (oder wer auch immer im Verlagslektorat) Druckanweisungen im Text stehen lassen. Sowas sieht man selten und fällt umso unangenehmer auf.

_Unterm Strich_

Mir hat „Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“ ausnehmend gut gefallen, genauso gut wie „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“. Die Ähnlichkeit ist deutlich vorhanden – beides sind Coming-of-Age-Geschichten mit einer Krimihandlung. Und beide sind recht unterhaltsam und spannen den Leser auf die Folter, reizen ihn dazu, den Fall selbst zu lösen – alle Komponenten der Gleichung sind vorhanden, um die Unbekannte, den Faktor X, aufzulösen.

In „Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“ ist jedoch die Liebesgeschichte wesentlich realistischer und ernsthafter geschildert. Die Liebe des jungen Dichters zu der Nachbarstochter ist keine einfache Sache und wird, nach einem wunderschönen Anfang, von Monat zu Monat vielschichtiger und für Mauritz auf undurchsichtige Weise schwieriger. Der Mord wirft einen langen Schatten. Der Mörder ist noch lange nicht gefasst. Signhild verdächtigt immer noch ihre Mutter, die Hand im Spiel gehabt zu haben. Wer könnte ihr verdenken, dass ihre Mutter nichts von ihrer Liebschaft erfahren darf? Und dann hat Signhild ihren Lover auch noch angestiftet, hinter Ester Bolego herzuschnüffeln…

Am Schluss hatte ich das Gefühl, doch ein wenig über das Leben an sich und seine Tücken gelernt zu haben. Und das trifft nicht auf jeden Kriminalroman zu. Dennoch würde ich „…Kumla“ nicht auf die ewige Bestenliste setzen. Dazu fehlt es der Kleinstadt und ihrem dunklen Geschehen ein wenig an Format im Vergleich zur weiten Welt. Und das sage ich nicht ohne ein wenig Ironie.

Mein Tipp: Vor dem Lesen noch einmal die alten Platten auflegen: Hendrix, „Sgt. Pepper“, The Doors, Dylans „Blonde on Blonde“ und „A whiter shade of pale“. Dann ist man ungefähr auf der richtigen Wellenlänge mit Mauritz. Wer sich an die Literatur wagen will, so ist man mit Camus‘ „Der Fremde“, Hesses „Steppenwolf“ und wohl auch Strindbergs „Inferno“ gut mit von der Partie. (Mir ist es übrigens noch nicht gelungen, die Verbindung zwischen Mauritz‘ Namen und Strindberg herzustellen, aber dem Kommissar fällt dies nicht schwer…)

Bernuth, Christa von – Damals warst du still

Eine Mordserie beschäftigt die Kripo, und Kommissarin Mona Seiler muss sich schnell etwas einfallen lassen, um weitere Opfer zu verhindern. Denn die Wörter, die den ersten beiden Opfern in die Haut geritzt wurden, bilden erst den Anfang eines Satzes: „DAMALS WARST…“

_Die Autorin_

Christa von Bernuth, geboren 1961, ist freie Journalistin und lebt zusammen mit ihrem Freund und zwei Katzen in München. Bereits mit ihrem ersten Roman „Die Frau, die ihr Gewissen verlor“ lotete sie laut Verlag seelische Tiefen aus. In ihrem zweiten Roman „Die Stimmen“ führte sie die Figur der Mona Seiler ein. Der Roman wurde von RTL als Pilotfilm einer neuen Krimiserie verfilmt. Die Hauptrolle spielt Mariele Millowitsch.

_Die Sprecherin_

Mariele Millowitsch, die Tochter des bekannten Kölner Originals Willy Millowitsch, stand schon als Kind im Kölner Millowitsch-Theater auf der Bühne. Neben dem Studium der Tiermedizin trat sie immer mal wieder auf der Bühne auf und nahm Schauspielunterricht. 1983 ging sie ein Jahr lang mit einem Düsseldorfer Satire-Kabarett auf Tournee. Ab 1989 war sie drei Jahre lang in einer TV-Quizshow zu sehen. 1995/96 gelang ihr beim ZDF der TV-Durchbruch, woraufhin sie etliche Preise einheimste, darunter den Adolf-Grimme-Preis und den Bayerischen sowie den Deutschen Fernsehpreis. Als Kommissarin Mona Seiler war sie bislang in „Die Stimmen“ und „Untreu“ zu sehen. „Damals warst du still“ soll laut Verlag Ende 2004 verfilmt werden.

_Handlung_

Samuel, der Sohn des Familientherapeuten Fabian Plessen, ist tot, gestorben an einer Überdosis Heroin. Drogenfahnder David Gerulaitis und sein Partner Janosch Kleiber finden Samuels Leiche. In den Bauch ist das Wort „WARST“ geritzt, die Zunge ist herausgeschnitten. Kaum hat Kriminalhauptkommissarin Mona Seiler in Sachen Plessen zu ermitteln begonnen, taucht eine zweite Leiche mit ähnlichen Merkmalen auf. Sonja Martinez ist nach einer Woche schon stark verwest, dennoch ist das Wort deutlich zu erkennen, das auf ihrem Bauch steht: „DAMALS“. Doch Sonja war bei Plessen in Behandlung.

Mona Seiler schleust Gerulaitis in eine der Therapiegruppen ein, und was er dort erlebt, erschüttert ihn zutiefst. In dem Seminar ordnen die Teilnehmer nacheinander die anderen zu jener Familienkonstellation an, die ihnen innerhalb des Rollenspiels angemessen erscheint. Als David merkt, dass seine „Schwester“ ganz nah bei ihm stehen sollte, bricht er das Seminar ab. Er ist an die inzestuöse Liebe zu seiner jüngeren Schwester Danae erinnert worden. Als er später ihr Bild in der Wohnung eines Junkies findet, haut es ihn um: Danae ist selbst in der Drogenszene. Hat er das zugelassen? Um diese Scharte auszuwetzen, durchsucht er Plessens stattliches Anwesen und wird fündig…

Derweil kämpft Mona Seiler sozusagen an der Heimatfront. Ihr Kollege Hans Fischer will sie demontieren, und ihr Interimschef Berkamer unterstützt eine ganz andere Theorie als die von einem Familiengeheimnis, das Plessen umgibt. In Zürich hat sich ein ehemaliger Patient Plessens umgebracht. Paolo Gianfrancos Witwe bezichtigt indirekt Plessens unorthodoxe Heilmethoden der Schuld an Paolos Freitod. Berkamer ist von Gianfrancos Schuld überzeugt.

Doch der Profiler Kern ist sich da nicht so sicher: Die eingeritzten Worte auf den Leiche ergeben garantiert einen Satz: „DAMALS WARST [DU xxx]“. Das lässt auf einen Serientäter schließen, doch das Profil passt nicht zu Gianfranco.

Es wird weitere Tote geben, wenn Mona Seiler sich nicht durchsetzen kann…

_Mein Eindruck_

„Damals warst du still“ ist der Versuch, einen Serienkrimi zu einem Psychothriller aufzupeppen. Was im Buch gelingen mag, scheitert leider im Hörbuch. Das liegt zum Großteil an der Sprecherin, auf die ich gleich zu sprechen komme. Aber auch die Umsetzung der Handlung trägt ihren Teil dazu bei.

Die Geschichte beginnt schon recht ordentlich. Der Werdegang eines achtjährigen Ich-Erzählers lässt nichts Gutes erwarten. Er beginnt mit dem Sezieren von Tieren. Die Identität dieses Menschen wird erst am Schluss des Hauptteils enthüllt, gerade noch rechtzeitig. Die Gründe für die Mordserie werden erst im Epilog, einem lange gesuchten Brief, verständlich. Ein gewisser Spannungsbogen ist also vorhanden.

Auch die Zutaten für den Psychothriller finden sich. Da sind zum einen die detailliert geschilderten Mordszenen selbst, die an Thrill nichts zu wünschen übrig lassen. Und da sind zum anderen die Therapiestunden des Fabian Plessen. Er ist selbst schon siebzig Jahre alt, kommt also wohl kaum als Täter in Betracht. Fahnder Gerulaitis macht selbst unangenehme Bekanntschaft mit den Folgen der Plessen-Methode: Schuldgefühle, Alpträume, unvernünftiges Verhalten sind die Folge. Warum sollen andere Kursteilnehmer nicht ebenso entgleisen?

Da hat Gerulaitis völlig Recht. Leider kommt ihm diese Erkenntnis ein ganz klein wenig zu spät, um ihn noch retten zu können. Er gerät in eine lebensgefährliche Situation. Wird es Mona Seiler gelingen, ihn rechtzeitig rauszuhauen?

Mit Kommissarin Seiler beginnt der Serienkrimi, der leider, leider im Hörbuch den Großteil der Handlung bestimmt. Die Polizeiarbeit steht im Vordergrund. Und das bedeutet auch, dass Seiler sich mit Konkurrenz im eigenen Haus auseinander setzen muss. Statt ihrer Intuition folgen zu dürfen, muss sie sich deshalb mit einem Verdächtigen beschäftigen, auf den ihr Chef setzt, um die öffentliche Meinung zufrieden zu stellen, will heißen: die Medien.

Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis sie sich freigekämpft hat, so dass sie endlich hinter Gerulaitis, ihrem in Lebensgefahr schwebenden Undercover-Ermittler, herjagen kann. Es ist schon etwas frustrierend, diese internen Kämpfe miterleben zu müssen. Gehört das zum Realismus des Krimis? Na, danke auch. Wenigstens kommt Seiler in die Gänge und auf die richtige Spur -sie hat eben Ahnung von Familienangelegenheiten, wo sie doch selbst eine hat. Ihre psychologischen Einsichten sind ungewöhnlich intelligent und feinfühlig. Aber wird sie auch rechtzeitig zur Stelle sein?

_Die Sprecherin_

Mariele Millowitsch hat unüberhörbar eine Ausbildung erhalten. Sie ist eine Schauspielerin, aber keine Synchronsprecherin, soweit ich informiert bin. Aus mehreren Gründen fand ich ihren Vortrag schwer zu ertragen:

1) Der Sound wurde falsch aufgenommen. Die Höhen sind überbetont, so dass ich die Bass-Stufe an meiner HiFi-Anlage zuschalten musste, die eigentlich nur für laute Partys gedacht ist. Da klang ihre Stimme schon wesentlich erträglicher und nicht mehr wie Hundegebell.

2) Recht gewöhnungsbedürftig ist die Vortragsweise, in der die Sprecherin zahlreiche Pausen macht und Worte überdeutlich ausspricht. Dadurch wird das Gesagte zwar gut verständlich, aber der Redefluss klingt völlig künstlich.

3) Die Sprecherin intoniert die Sätze von Frauen und Männern völlig verschieden. Frauen klingen gefühlvoll, weich und leise. Männer klingen, als würden sie auf dem Kasernenhof brüllen: Hundegebell. Und das trifft sogar auf den siebzigjährigen Plessen zu!

4) Ebenso unangemessen wie diese diskriminierende Intonierung ist auch die Betonung mancher Sätze. Es ist ein Unterschied, ob der Satz „Gibt es noch etwas, was Sie sagen wollen?“ auf diese oder jene Weise vorgelesen wird. Die Betonung kann beispielsweise auf „gibt“ liegen oder auf „noch“. Der Unterschied in der Bedeutung sollte klar sein, doch nicht so bei Millowitsch. Ich könnte noch weitere Beispiele anführen.

_Unterm Strich_

Ich bezweifle, ob diese Hörspielumsetzung hundertprozentig im Sinne der Autorin ist. Diese hat zwar ohne Zweifel saubere Arbeit geleistet, was Krimi- und Psychothriller-Handlung angeht, doch das, was im Hörbuch noch übrig geblieben ist, will den an Thomas Harris und Peter Robinson geschulten Hörer nicht zufriedenstellen. Der rechte Grusel will sich nicht recht einstellen.

Das ist schade, denn die Ursache der Mordserie betrifft deutsche Schicksale, wie sie im 2. Weltkrieg zahlreiche Flüchtlinge aus dem Osten erleiden mussten. Insofern ist die Story eine beachtenswerte Verarbeitung deutscher Geschichte – auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs.

Die Hauptverantwortung für den Erfolg eines Hörbuchs trägt der Vortragende. Mariele Millowitschs Vortrag bereitete mir aus den oben genannten Gründen keinerlei Vergnügen, sondern vielmehr Frust. Einen Teil der Schuld trägt auch die falsche Aussteuerung des Originalsounds, der sich erst nach Zuschaltung der Bass-Stufe (sozusagen der Tieftöner) als erträglich erwies.

Meine Empfehlung daher: Lieber das Buch lesen oder warten, bis auch dieser Seiler-Krimi im Fernsehen gezeigt wird.

Umfang: 450 Minuten auf 6 CDs, (zu stark) gekürzte Lesung