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Vance, Jack – Durdane

Dies ist wohl die bekannteste und schönste Planetenabenteuer-Trilogie von Vance. „Der Mann ohne Gesicht“ eröffnet die |Durdane|-Trilogie, die weiters aus den Bänden „Der Kampf um Durdane“ und „Die Asutra“ besteht und hier in einem illustrierten Band zusammengefasst ist.

_Die Romane_

|Der Mann ohne Gesicht| (Band 1)

Mur, der Sohn einer Klosterdirne auf dem Planeten Durdane, weigert sich, Mönch zu werden. Er nennt sich fortan Gastel Etzwane, nach einem Entdecker und einem Musikanten. Als ihn seine Klosterbrüder brutal zusammenschlagen und in einer Klosterzelle einsperren, flieht er. Er will den Mann ohne Gesicht, den Herrscher des Kontinents Shant auf der Welt Durdane, von dem ihm seine versklavte Mutter erzählt hat, finden, um endlich für sie beide Gerechtigkeit zu erlangen.

Doch bald muss er zu seinem Verdruss erkennen, dass die Macht ganz anders verteilt ist. Schließlich kann er nicht mehr anders als zu rebellieren. Denn der Mann ohne Gesicht scheint eine Art Komitee und Geheimbund zu sein, der in der Hauptstadt seinen Sitz hat. Diese Agenten können jeden Bürger töten, indem sie einen Impuls an seinen Halsreif senden, der eine kleine Explosivladung enthält.

In der Hauptstadt lernt Gastel einen geheimnisvollen Mann kennen, der von einer anderen Welt stammt. Dieser bringt ihm bei, wie man die Halsreife und deren Sendeeinrichtungen manipuliert und unschädlich macht. Schon bald kommt Gastel einer riesigen Verschwörung auf die Spur, die verhindert, dass sich die Durdaner gegen die Invasion der barbarischen Rogushkoi wehren.

|Der Kampf um Durdane| (Band 2)

Nun zwingt Gastel den Anome von Shant dazu, Maßnahmen gegen die Rogushkoi zu ergreifen, die Gastels Mutter auf dem Gewissen haben. Da sich der Anome jedoch weigert, gegen die Invasoren vorzugehen, setzt Gastel ihn kurzerhand ab und baut seine eigene Truppe von Vertrauten auf. Sie besteht aus Jerd Finnerack, den er aus einem Straflager holt, einem intelligenten Richter namens Miliambre Octagon und dem berühmtesten aller Musiker, Gastels Vater Dystar.

Zusammen mit dem früheren Polizeichef Aun Sharah gelingt es diesem Quartett, einige wichtige Prozesse in Gang zu setzen, etwa die Entwicklung moderner Waffen und eines Militärwesens. Weit wichtiger ist jedoch die Freisetzung von Bürgern, die gegen die Rogushkoi kämpfen können – ihnen wird der tödliche Halsreif abgenommen.

Zunächst stoßen die Rogushkoi noch weiter vor und überrennen die Milizen, doch erste Erfolge und listige Aktionen der neuen „tapferen freien Männer Shants“ bringen Siege. Shant entwickelt eine Luftwaffe, die unter Jerd Finnerack große Erfolge erzielt und die Invasoren hinter den großen Salzsumpf zurücktreibt.

Um dem Verdacht nachzugehen, das benachbarte Reich Palasedra habe die Rogushkoi auf Shant gehetzt, besuchen Etzwane, Miliambre und Finnerack das Kaiserreich. Dort trifft Gastel seinen alten Bekannten, den irdischen Historiker Ifness, wieder.

Zusammen machen sie eine furchtbare Entdeckung: In einer Schlucht werden die Offiziere der Rogushkoi an Bord eines fremden Raumschiffs genommen, doch plötzlich stürmt auch Finnerack los. Etzwane überwältigt ihn. Was trieb seinen Freund zu dieser Tat? Bei der Obduktion stellt sich heraus, daß Jerd von einem Parasiten befallen war, einem insektoiden Asutra, einem Alien. Diese Wesen hatten die Rogushkoi geschaffen und dazu getrieben, Shant zu überfallen. Sie infizierten auch Finnerack. Die Palasedraner sind unschuldig.

Als letzte Tat errichtet Gastel eine neue semidemokratische Regierungsform (ein Senat und ein Kantonsrat schaffen die Gesetze) ein, zieht sich aber schließlich aus der Politik zurück.

|Die Asutra| (Band 3)

In Gesprächen mit Ifness und aufgrund eigener Nachforschungen entdeckt der mittlerweile müßige Gastel Etzwane, dass noch mehr Rogushkoi auf Durdane existieren – auf dem wüstenhaften Kontinent Caraz. Zusammen mit dem Erdenmenschen begibt er sich dorthin.

In dem Weiler Shagfe und der umliegenden Wüstenregion stoßen die beiden auf Spuren einer Asutrainvasion, die jedoch von anderen Aliens vernichtend zerschlagen wurde. Dennoch schicken die Asutra weiterhin Sklavenjägerschiffe. Während Gastel mit Stammeskriegern eines dieser Schiffe betritt, begibt sich Ifness zur Erde.

Gastels Mannen übernehmen das Schiff, können aber den Kurs nicht beeinflussen. Sie landen auf der ungastlichen Welt Kahein und werden als Sklaven gefangen gehalten. Gastel entdeckt, dass hier die Asutra mittlerweile von den Zweibeinern namens Ka instrumentalisiert wurden, die die parasitären Asutra zu spezialisierten Zwecken einsetzen.

Eines Tages müssen Gastel und alle anderen Sklaven in den Krieg gegen die Feinde der Ka-Asutra ziehen. Am Schauplatz der Schlacht rebellieren sie jedoch, dabei zusehend wie die Asutra-Raumschiffe von anderen Schiffen zerstört werden – die möglicherweise von der Erde stammen. Gastel und seine Rebellen befreien das Sklavenlager und kehren in einem gekaperten Ka-Raumschiff nach Durdane zurück, in die Freiheit.

Zurückgekehrt in Shants Hauptstadt, erfährt Gastel von dem mürrischen Ifness mehr über die Hintergründe der Ka und Asutra. Gastel widmet sich, enttäuscht von Ifness‘ strikter Nichteinmischung, wieder der Musik.

_Fazit_

Wie in „Emphyrio“ (1969) und „Die blaue Welt“ (1966) schildert Vance den Werdegang eines Heranwachsenden, der sich einer statischen Klassengesellschaft gegenübersieht. Nachdem er mit ihr in Konflikt geraten ist, wird er zur Rebellion getrieben. Stets ist die erfundene Welt besonders sorgfältig ausgedacht und gezeichnet.

In „Der Mann ohne Gesicht“ kommt noch das Element der Satire auf religiöse Institutionen hinzu. Allein schon die Existenz einer Klosterdirne, Murs Mutter, ist ein Affront gegen aktuelle Dogmen. Aber der Rebell muss es erst einmal besser machen als der apathische Anome – dass das nicht so einfach ist, zeigt sich im Mittelband. Die Aufklärung der Alieninvasion wird im Schlussband geschildert, wiederum mit Gastel als Rebell.

Alle drei Bände sind farbig und unterhaltsam geschrieben, voller origineller Einfälle, verblüffender Logik und erinnerungswürdiger Charaktere.

Doch das täuscht nicht über die Einfachheit der Handlung und der Motivation mancher Aktionen hinweg. Die Psychologie spielt hier nur eine Nebenrolle. Man könnte solche Romane heute nur noch dem untersten Niveau zuordnen, wären nicht die wunderbaren Schilderungen der fremden Welt und ihrer Kulturen.

_Der Autor_

So wie hier hat Jack Vance zahlreiche weitere Trilogien und Zyklen geschaffen, die allesamt mit großer Liebe zum Detail geschaffene Vertreter des romantischen Abenteuer-Thrillers sind. Häufig wird die Handlung nach dem Vorbild eines Agententhrillers aufgebaut, so etwa in der |Dämonenprinz|-Serie.

Er gilt als wichtigster Vertreter der |Planetary Romance|, also für Abenteuer, die auf einem ganzen Planeten spielen, wobei der Planet sicherlich eine Hauptrolle spielt. Die |Cadwal|-Chroniken („Araminta Station“ usw.) etwa spielen auf Cadwal, einem Naturschutzgebiet von Planetengröße.

Jack Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im 2. Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science-Fiction, die bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science-Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist. Herausstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science-Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik als eine Form der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen |Edgar| verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der |Dämonenprinz|-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Detail eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher |Hard SF|, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist.

Leider verstand er es in seinen Werken bis in die 80er Jahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens eine kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach, so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonstwoher. Im 1. Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang -, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass Vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

Siehe auch: [„Grüne Magie“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=696
|The Jack Vance Archive|: http://www.jackvance.com

Weiss, Ellen / Allsburg, Chris Van – Polarexpress, Der

Der amerikanische Weihnachtsklassiker hat am 25. November weltweit Premiere als Zeichentrickfilm. Dabei ist auch die deutsche Stimme von Tom Hanks zu hören. Alle kleinen und großen Träumer können sich dann vom Polarexpress auf eine magische Reise zum Nordpol nehmen lassen, um – wen wohl? – zu besuchen.

|Der Autor/Die Autorin|

Die 1985 veröffentlichte Weihnachtserzählung stammt ursprünglich von Chris Van Allsburg, geboren 1949 in Grand Rapids/Michigan. Er wurde für seine zahlreichen Bilderbücher mit etlichen Preisen ausgezeichnet. Ellen Weiss hat einen Roman daraus gemacht. Gabriele Haefs hat den Text ins Deutsche übertragen.

Das Titelbild meiner Hörbuchausgabe entspricht nicht dem, das bei Amazon.de abgebildet ist. Laut Credits handelt es sich vielmehr um die Umschlagillustration der Buchausgabe: Ein kleiner Junge steht vor einer riesigen schwarzen Dampflok, die plötzlich in seiner Vorortstraße aufgetaucht ist. Im Bild links ist ein Schneemann zu sehen.

|Der Sprecher|

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller vier Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Auffällig ist sein Engagement für Werke, in denen Jungs auf ungewöhnlichen Wegen ihre Identität suchen und finden. Dazu gehören „Der Fliegenfänger“ von Willy Russell sowie „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel, um nur zwei neuere Beispiele zu nennen. Auch Eoin Colfers jugendlichen Helden Artemis Fowl hat er uns bereits zu Gehör gebracht.

_Handlung_

Es ist Heiligabend in einem netten Haus in Grand Rapids, Michigan, im Jahre 1955. Alles ist für das Weihnachtsfest dekoriert, nur die Geschenke fehlen noch. Die bringt bekanntlich der Weihnachtsmann. Doch an den glaubt der Junge einfach nicht und seine Schwester Sara auch nicht. Nur sein Vater und seine Mutter wollen ihm weismachen, dass es Santa Claus wirklich gibt. Der Vater bimmelt mit einem Glöckchen, als könne er so den Zauber des Festes wecken.

In der Nacht erwacht der Junge von den quietschenden Bremsen, als eine große Dampflok mit vielen Waggons mitten in seiner Straße hält. Der Schaffner ruft: „Alles einsteigen!“ Doch wohin soll die Reise gehen? „Zum Nordpol“, antwortet der Schaffner, „denn das ist der Polarexpress.“ In letzter Sekunde steigt der Junge ein, obwohl er der Sache nicht so recht traut.

Alle Passagiere an Bord sind Kinder in Schlafanzügen oder Nachthemden. Ganz wichtig scheinen Fahrscheine zu sein, die der Schaffner kontrolliert. In seiner Pyjamajacke findet der Junge ein Ticket mit der Aufschrift „1x Nordpol und zurück“. Und als der Schaffner es knipst, erscheinen zwei Buchstaben darauf. Es sind bei jedem Kind jeweils andere Buchstaben. Ihre Bedeutung wird sich erst am Schluss offenbaren.

Am Rande von Grand Rapids hält der Zauberzug vor einem einsamen Jungen, der leider viel zu lange mit dem Einsteigen zögert, so dass er erst losrennt, als der Zug sich schon in Bewegung setzt. Der Junge Nummer eins zieht die Notbremse, obwohl das streng verboten ist, und hilft so dem Einsamen, den Zug zu besteigen. Dann wird ein Mädchen kontrolliert, doch es hat seinen Fahrschein auf seinem Sitz vergessen, und als der Junge ihn ihm bringen will, fällt er, so dass der Fahrschein davonflattert.

Nun beginnt ein irres Abenteuer, in dem der König des Polarexpress, zwei komische Heizer, eine Herde Karibus und sehr viele Gefahren vorkommen. Der Junge lernt viel dazu, und auch der Charakter des Mädchens enthüllt sich: Sie ist die geborene Lenkerin und Organisatorin. Außerdem findet sie diese Reise ein „tolle Sache“ und glaubt ganz fest an den Weihnachtsmann. Deshalb kann sie Glöckchen hören, aber der Junge nicht.

Der Zug hält endlich in Nordpol City. Tausende von Wichteln sind damit beschäftigt, die Geschenke für die Kinder der Welt zu sortieren und zum Abtransport bereit zu machen. Der Junge erfährt endlich den Namen des Einsamen: Billy. Und er begegnet zu guter Letzt dem Weihnachtsmann selbst. Dieser fragt den bisher ungläubigen Jungen, was er sich denn als Geschenk wünsche. Er sagt, er wolle eines der wundervoll klingenden Glöckchen vom funkelnden Schlitten des Weihnachtsmanns. Gesagt, getan.

Während der Weihnachtsmann bereits in die Welt braust, um die Geschenke zu verteilen, wartet der Polarexpress, um die Kinder zurück nach Hause zu bringen. Doch oh Schreck! Der Junge hat sein Glöckchen verloren. Wie soll er jetzt nur Weihnachten fröhlich feiern? Da offenbart sich die Macht der Freundschaft zu Billy und dem Mädchen, aber auch die Kraft des Glaubens.

_Mein Eindruck_

Diese poetisch erzählte Weihnachtsgeschichte dreht sich wie alle bedeutsamen Weihnachtsgeschichten um die Frage, ob es den Weihnachtsmann überhaupt gibt. Der Junge ist zunächst ein ungläubiger Thomas, der sogar im prächtig geschmückten Kaufhaus nicht die Dekorationen sieht, sondern wie das Getriebeöl aus einem mechanischen Weihnachtsmann tropft.

Doch schnell wird er eines Besseren belehrt, denn je länger er mit dem Polarexpress fährt, desto seltsamere Dinge erlebt er, und die Leute, die er dabei trifft, sind wirklich interessant und wichtig für ihn. So fragt ihn einmal der Hobo, der sich der „König des PolEx“ nennt, ob er an Gespenster glaube. Natürlich nicht, ist die Antwort. Gleich darauf ist der Landstreicher verschwunden, als habe er sich in Luft aufgelöst …

Aber seine Solidarität mit dem einsamen Jungen Billy, der noch nie ein Weihnachtsfest erlebt hat, bereitet ihn darauf vor, dass es weitaus mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wichtig sind, die wir aber nicht sehen können. Die Probe aufs Exempel erfolgt mit dem Glöckchen, das ihm vom Santa-Claus-Schlitten vor die Füße kullert. Nur er sieht es und nur er kann es zum Klingen bringen. Jetzt endlich glaubt er.

Für ältere Leser hält die Innenausstattung der Versandzentrale der Wichtel für Geschenke ein paar Aha-Effekte bereit. Vielleicht lehnt sich die 1985 veröffentlichte Geschichte mit dem Ausdruck „PolEx“ schon an FedEx (= Federal Express), den globalen Zustelldienst an. Und genau so hat man sich die Sortier- und Versandzentrale vorzustellen. Es gibt sogar ein fortschrittliches Transportsystem für Wichtel und (sehr) kleine Menschen, das die drei Forscher – den Jungen, das Mädchen und den Einsamen – sehr schnell ins Stadtzentrum bringt. Mich hat dies an die Zentrale der elfischen Unterweltpolizei in „Artemis Fowl“ erinnert. Und hier erzählt Rufus Beck hörbar mit Gusto. Er hat ja auch alle „Artemis Fowl“-Hörbücher gesprochen.

|Der Sprecher|

Mit seiner lebhaften Stimmakrobatik macht Rufus Beck auch diese Weihnachtsgeschichte zu einem sinnlichen Erlebnis. Fast jede Figur erhält ihre eigene stimmliche Charakteristik, so dass sie leicht zu unterscheiden ist. Damit nicht genug, sprechen Figuren wie die zwei Heizer auch einen eigenen Dialektik, und die Wichtel wirken alle ein wenig heiser. Nur Santa Claus klingt kein bisschen heiser, sondern beeindruckt mit einer tiefen Bassstimme.

Damit nicht genug, singt uns Rufus Beck auch ein schönes Weihnachtslied vor. Es gehört nicht zu den bekannten. Dies wird zunächst von dem einsamen Billy recht traurig und zaghaft vorgetragen, dann aber zuversichtlich vom Mädchen ergänzt. Aber keine Bange: Auch ein Rufus Beck kann nicht zweistimmig vortragen *fg*. Das Tüpfelchen auf dem i bilden die Geräusche, die die Dampflok macht, so etwa das Zischen von Dampf.

Da kleine Kinder sehr empfänglich für solche sprachlichen Extravaganzen sind, wird das Hörbuch für sie sicherlich zu einem außergewöhnlich sinnlichen Erlebnis. Ich würde sagen, der Text ist ohne Weiteres für Kinder ab sechs Jahren verständlich.

|Musik|

Die schöne Musik erinnert lediglich durch die Glöckchen an klassische Weihnachtsklänge. Die Musik im Intro und Abspann selbst stammt von Parviz Mir-Ali und besteht lediglich aus glockenähnlichen Akkorden, denen ein weicher Kontrabass unterlegt wurde. Die Wirkung ist einerseits entspannend, andererseits ein wenig feierlich und besinnlich, aber auf keinen Fall abgedroschen.

Der Komponist Parviz Mir-Ali, geboren 1967, lebt in Frankfurt/M. Als Referenzen gibt der Verlag für ihn die Zusammenarbeit mit Matthias Hartmann am Schauspielhaus Bochum an, mit André Heller für „Yume“ und mit Gérard Mortier an „Deutschland deine Lieder“ (Ruhrtriennale 2002).

_Unterm Strich_

Das Hörbuch enthält offenbar einen gekürzten Romantext. Ziemlich häufig findet ein Szenenwechsel statt und wer ganz genau hinhört, merkt, dass es mit den Anschlüssen an vorhergehende Passagen stellenweise hapert. Aber das ist wirklich nur selten der Fall. Wer damit Probleme hat, greift zum Buch.

Mit über 150 Minuten ist das Hörbuch schon ziemlich lang für eine Kindergeschichte, weit länger jedenfalls als ein Hörspiel, das normalerweise ca. 110 Minuten lang ist. Aber da die Handlung sowohl spannend als auch abwechslungsreich ist, verfliegen die zweieinhalb Stunden im Nu. Es sind zum Glück die besinnlichen Stellen, die in vollständiger Länge stehen gelassen wurden. Sie machen den lehrreichen Charakter der Geschichte aus.

Das Hörbuch eignet sich gut für Kinder ab sechs oder acht Jahren, aber einem zwölfjährigen Kind würde man die Geschichte nicht mehr so ohne Weiteres anbieten. Aber wer weiß, welche Massen in den Film strömen werden, um sich verzaubern zu lassen, wenn es wieder heißt: „Alles einsteigen nach Nordpol City!“

|Umfang: 153 Minuten auf 2 CDs|

Bitte beachtet auch unsere Besprechung der Filmumsetzung, die ihr [hier]http://www.powermetal.de/video/anzeigen.php?id__video=271 nachlesen könnt.

Michael Ignatieff – Charlie Johnson in den Flammen

Der Schatten einer brennenden Frau

Charlie Johnson ist ein abgebrühter Kriegsreporter, der seit 20 Jahren Kriegsgebiete besucht. Nichts kann ihn wirklich berühren, er lässt nichts an sich rankommen. Doch während eines Einsatzes auf dem Balkan (Bosnien) pokert er zu hoch. Eine junge Zivilistin muss dafür mit ihrem Leben bezahlen. Charlie wird das Bild der von serbischen Milizen mit Benzin übergossenen, brennenden Frau nie vergessen können. Er beschließt, den brutalen Täter zu stellen. Dieses eine Mal soll Vergeltung geübt werden. Ein Himmelfahrtskommando?

Der Autor

Michael Ignatieff, ein kanadischer Publizist, wurde bekannt für seine Grundsatzartikel zu Fragen über Macht und Moral. In Harvard leitet er ein Institut für Menschenrechtspolitik (und natürlich eine Webseite).

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Frank Schätzing – Der Schwarm

Vor Kanadas Küste greifen Wale Touristenschiffe an. Merkwürdige, gefräßige Organismen nehmen den norwegischen Meeresboden in Besitz. Etwas scheint das Leben im Meer unter Kontrolle gebracht zu haben und gegen den Menschen zu wenden.

Sigur Johanson, norwegischer Biologe und Schöngeist, sieht eine Katastrophe heraufdämmern. Gemeinsam mit dem kanadischen Walforscher Leon Anawak und der britischen Journalistin Karen Weaver nimmt er den Kampf auf – gegen eine Macht tief unten im Meer … (Verlagsinfo)

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Cornwell, Patricia – Dämonen ruhen nicht, Die

Ein Serienkiller verbreitet in Louisiana Angst und Schrecken. Das Seltsame: Seine Opfer sehen wie Abziehbilder der Ex-Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta aus. Als diese dann einen Brief aus dem Todestrakt eines Gefängnisses bekommt, ahnt sie, dass die Dämonen der Vergangenheit keine Ruhe geben.

|Die Autorin|

Patricia Cornwell, 1956 in Miami geboren, war Polizeireporterin und Computerspezialistin am Gerichtsmedizinischen Institut von Virginia, bevor sie zu schreiben begann. Mit den Thrillern um ihr literarisches Alter Ego, die Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta, wurde sie zur „erfolgreichsten Thrillerautorin der Welt“ (Der Spiegel). Cornwell lebt allein in Richmond/Virginia und in Malibu/Kalifornien. (Verlagsinfo)

|Die Sprecherin|

Franziska Pigulla war Moderatorin bei n-tv, SAT.1 und bei der BBC in London. Als eine der bekanntesten Sprecherinnen synchronisiert sie Gillian Anderson aus „Akte X“, Demi Moore, Fanny Ardant und Sharon Stone. Auch als Erzählerin bei „Galileo“-Dokumentation ist sie regelmäßig im Off zu hören. Für |HoCa| hat Pigulla bereits mehrere Romane vorgetragen:

– Blinder Passagier
– Das letzte Revier
– Das fünfte Paar
– Brandherd

Weitere Cornwell-Hörbücher: [Wer war Jack the Ripper?]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=97 – Porträt eines Killers; Die Tote ohne Namen.

_Handlung_

Wie in vielen modernen Thrillern verläuft auch hier die Handlung in mehreren Strängen, die am Schluss zusammenführen. Nach dem Motto: Alle Wege führen nach Baton Rouge.

Da ist zum einen die Serienheldin Kay Scarpetta. Nachdem sie als Chefpathologin des Bundesstaats Virginia geschasst worden ist, lässt sie es ruhig angehen, verdingt sich als freie Beraterin und lehrt an der National Academy of Justice. Dort lernt die Polizistin Nic Robillard die Pathologin kennen und schätzen. Nic erzählt ihr von einer Mordserie in Baton Rouge/Louisiana, der binnen 14 Monaten bereits zehn Frauen zum Opfer gefallen sind. Alle waren blond, gebildet und zwischen 30 und 40, etwa so wie Scarpetta selbst. Nic hat selbst acht Jahre zuvor ihre Mutter Annie durch einen brutalen Mord verloren.

Es ist kein Zufall, dass wenig später der Chefleichenbeschauer des Bezirks Baton Rouge, Dr. Sam Lanier, bei Scarpetta in Florida anruft und sie um Mithilfe bei der Aufklärung eines alten Falles bittet. Charlotte D’Art starb an einer Überdosis Tabletten, doch zu ihrem Umfeld gehörte ein gewisser Jean-Baptiste Chandonne, auch bekannt als „Der Wolfmann“. Ob sie interessiert sei? Ein mulmiges Gefühl beschleicht Kay, als sie diesen Namen hört. Dessen Träger kennt sie nur allzu gut, denn er hatte versucht, sie umzubringen, doch sie verätzte ihm die Augen mit Formalin. Kay sagt zu.

Ihr Freund und Kollege Pete Marino hat sich von Richmond, Virginia, aus auf den Weg gemacht, um in Boston einen Toten zu besuchen. Auch Scarpetta glaubt, dass ihr Geliebter Benton Wesley getötet worden sei – sie hat schließlich selbst „seine“ Asche verstreut. Doch Benton lebt lediglich im Zeugenschutzprogramm des FBI, unter dem Namen Tom Havilland. Marino will, dass Benton unter die Lebenden zurückkehrt, um Scarpetta davon abzuhalten, nach Baton Rouge zu fahren. Dort lauere Gefahr auf sie, weil das Verbrecherkartell der Chandonnes sich an Scarpetta rächen wolle. Und hinter der Mordserie an Blondinen dürfte Jean-Baptiste Chandonnes Bruder Jay Talley stecken. Benton schickt Marino fort, um selbst gen Süden zu fahren. Er will Lucy einschalten.

Lucy Farinelli ist Scarpettas Nichte. Sie war selbst beim FBI, wurde aber geschasst, als sie einen Kollegen, Rudy, wegen versuchter Vergewaltigung anzeigte. Stattdessen gab man ihr die Schuld. Da hatte sie die Nase voll von diesem Verein und eröffnete eine Hightech-Privatdetektei namens „Das letzte Revier“ (The last precinct; ein Romantitel). Doch auch Lucy ist ein Opfer von Jean-Baptiste Chandonnes Machenschaften, die er via Brief ins Werk setzt.

Der Wolfmann mag zwar im Todestrakt der texanischen Haftanstalt Pulasky sitzen, doch er hat einen raffinierten Plan in Gang gesetzt. Als sein Brief endlich durch Marinos Überwachung schlüpft und bei Scarpetta ankommt, kriegt diese eine Panikattacke (siehe unten unter „Sprecherin“): Er will wichtige Infos über seine Familie geben, sofern sie bereit ist, ihn persönlich am 7. Mai per Giftspritze in die ewigen Jagdgründe zu schicken. Dazu muss sie natürlich nach Texas kommen …

Während alle Anzeichen Richtung Süden gen Baton Rouge zeigen, begibt sich Lucy auf einen Chandonne-Brief hin gen Osten, nach Polen, genauer: nach Stettin. Hier residiert Chandonnes korrupter Anwalt Rocco Caggiano, der auch als Sohn von Pete Marino bekannt bzw. berüchtigt ist. Lucy und Rudy wollen Rocco einen würdigen Abgang von der weltlichen Bühne verschaffen. Leider verläuft der Job nicht so reibungslos, wie sie hoffte …

_Mein Eindruck_

Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle eine Parodie auf die die Wiederauferstehung von Benton Wesley schreiben, aber dann kamen mir doch Bedenken, dass sich ein Frömmler auf den Schlips getreten fühlen könnte. Nun denn.

Man kann an Cornwells neuestem Roman etwas Gutes finden, wenn man sich anstrengt, aber die negativen Punkte dürften doch bei weitem überwiegen. Es gibt zum Beispiel tatsächlich so etwas wie Action und Spannung. Dazu tragen nicht nur die Entführungen und Folterungen von Jay Talleys Opfern bei – sozusagen als schmerzvolles Grundthema -, sondern auch die Szene, in der Lucy und ihr Kollege Rudy Rocco Caggiano im Stettiner Radisson-Hotel in die Mangel nehmen.

Danach muss man ziemlich lange warten, bis es der Polizistin Nick gelingt, Bev Kiffin aufzuspüren (ohne sie zu kennen) und der Komplizin Jay Talleys lebend zu entkommen. Dass es im doppelten Finale recht blutig zugeht, leuchtet ein und wird auch vom Leser erwartet. Doch die wichtigsten Schurken werden mit einem einzigen Nebensatz ganz am Schluss abgefertigt. Und da der Oberschurke entkommt, ist auch für die obligatorische Fortsetzung gesorgt.

|Leitmotiv|

Den ganzen Roman durchzieht das Leitmotiv der Fliegen und Mücken. Das Motiv wird ja auch schon vom Originaltitel „Blow Fly“ (Schmeißfliege) angeschlagen. Gleich in der ersten Szene hat die Fliege unter Kay Scarpettas Obhut ihren Auftritt, diesmal noch gut weggesperrt. Am Schluss der Szene mit Rocco Caggiano setzen Lucy und ihr Komplize ein ganzes Glas voll Schmeißfliegen frei und öffnen das Fenster. Sie wissen genau, was nun folgt, sind sie doch Scarpettas gelehrige Schüler: Die Fliegen stürzen sich voll Blutgier auf das wehrlose Opfer und legen tausende von Eiern ab, aus denen schon nach wenigen Stunden ebenso gierige Maden über das angerichtete Festmahl hermachen.

Szenenwechsel zu Jay Talley. Auch er lebt wie die Made im Speck, umschwirrt von Moskitos, und stürzt sich mit seiner Komplizin auf eine Louisiana-Blondine nach der anderen. Wie unter einem Mikroskop hält er das wehrlose Opfer in einem Fischtank gefangen, um ihm das richtige WORT abzuringen. Schon bald ist das Menschenwesen wert- und reizlos geworden, reif für die Alligatoren …

Sollen wir uns also das Böse in Gestalt von Schmeißfliegen symbolisiert vorstellen? Die Autorin scheint uns dies nahe zu legen. Insbesondere die Fähigkeit der Fliege, sich durch mehrere Stadien zu entwickeln, sich rasant zu vermehren, überall einzudringen und ständig neue wehrlose „Lämmchen“ zu finden, dürfte sich mit einigen Eigenschaften eines Verbrecherkartells wie dem der Chandonnes decken. Auch Jean-Baptiste Chandonne, der „Wolfmann“, hat sein Opfer, Kay Scarpetta, zu sich ins Gefängnis gelockt und nutzt die Lage schamlos aus.

|Jagd nach dem Gral|

Doch Scarpetta, so sehr ihr auch unsere Sympathien als Serienheldin gelten, ist diesmal lediglich eine bedeutende Nebenfigur. Es fällt jedoch sehr schwer zu sagen, ob es überhaupt eine Hauptfigur gibt. Ist es Lucy, die Inhaberin der Detektei „Das letzte Revier“, die sich mit Pete Marino in die Sümpfe Louisianas auf Verbrecherjagd begibt? Ist es Benton Wesley, der aus seinem Versteck gekrochen kommt, um die Ex-Geliebte Kay zu beschützen? Oder sind es vielmehr die beiden Hauptschurken Jean-Baptiste Chandonne und sein Bruder Jay Talley, die eher an Raubtiere („Wölfe“ vs. „Lämmer“, unterscheidet Talley) erinnern? Ach ja, und dann gibt es noch Wölfe im Schafspelz.

Diese multiperspektivische Erzählweise ist von Lesern bei |Amazon| heftig kritisiert und bedauert worden. Dabei ist sie doch durchaus gebräuchlich und halbwegs modern. Nur steht eben nicht mehr Kay Scarpetta als strahlende Heldin da, die schon alles richten wird, sondern als Opfer ihrer früheren Chefs, Opfer der Schurken und wegen Ahnungslosigkeit sogar als untätige (oder gar unfähige?) Helferin von Kindern in der Höhle des Löwen. So viel defätistischer Realismus auf einmal ist offenbar für einige Leser schwer zu akzeptieren.

Es gibt zudem etliche Nebenhandlungen, durch die sich die Figuren durchwursteln müssen. So ist etwa nach Lucys Rückkehr in ihre Detektei erst einmal der ganze rechtliche Knatsch durchzukauen, der in Gestalt von Scarpetta und Staatsanwältin Berger Lucy in die Mangel nimmt, bis sie kaum noch weiß, wo bei ihrem Helikopter vorne und hinten ist. Dennoch wird dieses technische Wunderwerk detailliert beschrieben. Der Grund: Die Autorin fliegt selber so ein Schmuckstück.

All dieses Beiwerk ist aber beleibe nicht das Schlimmste an diesem Roman. Das Schlimmste sind die zahlreichen ungeklärten Fragen am Schluss. Sie werden zwar beantwortet, aber erst in den letzten fünf Minuten, und dann auf eine so beiläufig-wegwerfende Weise, dass der Eindruck entsteht, das sei ja alles gar nicht wichtig. Jedenfalls lange nicht so wichtig wie die Auferstehung Benton Wesleys, wenn er Kay gegenübertritt, die ihn für tot gehalten hat. Benton hat drei wichtige Gegner kurz mal so mit links ausgeschaltet. So tritt er nun seiner Kay nicht nur wie der auferstandene Jesus gegenüber, sondern auch wie der rettende Ritter in schimmernder Rüstung. Mit Kay Scarpetta als heiligem Gral.

Möchte die Autorin uns zur christlichen Lehre bekehren und zu Gralsrittern machen? Wir wollen’s nicht hoffen, aber man könnte es so interpretieren.

|Die Sprecherin|

Diesmal hat Franziska Pigulla reichlich Gelegenheit, ihre sprachliche Versiertheit unter Beweis zu stellen. Dass sie sowohl Besoffene und Wütende als auch Selbstmordkandidaten realistisch darzustellen vermag, könnte man vielleicht noch erwarten (obwohl sie keine Schauspielausbildung zu haben scheint). Auch das Brüllen, Kreischen und Säuseln hat man schon einmal gehört – in „Die Leopardin“ von Follett.

Dass sie aber sowohl Französisch und Englisch als auch Polnisch beherrscht, erstaunt doch ein wenig mehr. Die Beherrschung des Polnischen zeigt sich in ihrer korrekten Aussprache der Währungsbezeichnung „Zloty“: Es heißt eben nicht „sloti“, sondern „swoti“. (Eine wichtige Szene findet in Stettin statt. Da muss alles stimmen.)

Nun zum Französischen. Wie leicht könnte sich ein Nichtfranzose dabei lächerlich machen! Und dann ist noch ein kompletter Brief mit französischem Akzent, aber in deutscher Sprache vorzulesen. Normalerweise hört man so etwas in schlechten Komödien. Und um dies eben richtig hinzubekommen, muss man schon sehr ernsthaft bei der Sache sein. Noch einen Tick ernster wird’s, wenn der vorzulesende Brief von einem wahnsinnigen Mörder – Jean-Baptiste Chandonne – stammt, der sich wie ein Abklatsch von Hannibal Lecter aufführt. Das Sahnehäubchen: Die Lesende ist keine andere als ein früheres Opfer Chandonnes, das ihm sein Augenlicht genommen hat: Kay Scarpetta. Und wenn Chandonne jetzt blind ist, wie kann er dann diesen Brief in formvollendeter Handschrift geschrieben haben? Es ist also schon eine ziemlich unheimliche Szene, und es liegt ganz und gar bei der Sprecherin, sie so eindrucksvoll wie möglich zu gestalten. Es gelingt. Danach möchte man am liebsten wie Scarpetta gleich zur Toilette rennen …

_Unterm Strich_

Angesichts des Hypes, der um die Autorin getrieben wird, überrascht mich die mindere Qualität dieses ihres neuesten Werks schon ein wenig. Ich gebe dem Buch nur nur eine untere Wertung meiner Thriller-Skala. Nur die fabelhaft engagierte und fähige Sprecherin Franziska Pigulla verhilft dem Hörbuch zu einem Pluspunkt.

|Umfang: 480 Minuten auf 6 CDs|

Hoeye, Michael – Hermux Tantamoq: Vorhang auf – Die Zeit läuft!

Unser Mäusedetektiv sieht sich in seinem dritten Abenteuer einer harten Prüfung seiner Liebe zu Linka Perflinger ausgesetzt. Ein Schürzenjäger, der sich als Actionregisseur ausgibt, will mit ihr einen Dokumentarfilm drehen, sie aber eigentlich bloß ins Bett kriegen. Doch wie so oft erweisen sich Linkas Informationen als Schlüssel zu einem Geheimnis, dem Hermux in seiner Heimatstadt Pinchester auf der Spur ist.

Für kleine und große Kinder ab 10 Jahren.

|Der Autor|

Michael Hoeye wohnt mit seiner Frau Martha in einem Cottage in Oregon im Nordwesten der USA. „Umgeben von hohen Bäumen und freundlichen Eichhörnchen arbeitet er dort als freier Schriftsteller“, säuselt der Klappentext. Da juchzt das Mutterherz, das dieses Buch kaufen soll.

Hoeyes erstes Buch „Hermux Tantamoq – Im Wettlauf mit der Zeit“ wurde in über 20 Sprachen übersetzt und ist 2002 bei |Omnibus| – jetzt |cbj| bei |Random House/Bertelsmann| – erschienen. „Hermux Tantamoq – Das Geheimnis der verbotenen Zeit“ ist der zweite Band der Trilogie, deren letzter Band „Vorhang auf – Die Zeit läuft!“ in diesem Herbst erschien.

Band 1: Im Wettlauf mit der Zeit
Band 2: Das Geheimnis der verbotenen Zeit
Band 3: Vorhang auf – Die Zeit läuft!

_Handlung_

Eines Tages erhält Hermux Tantamoq, seines Zeichens friedliebender Uhrmacher in Pinchester, eine dringende Einladung vom Direktor des bekanntesten Varietétheaters der bekannten Mauswelt, von Fluster Varmint himself. Was mag der bekannte Maestro wohl von ihm wollen? Wie sich zeigt, hat sich Hermux den Ruf eines Meisterdetektivs erworben.

Diesmal soll er denjenigen dingfest machen, der Varmint laufend Drohbriefe schreibt, in denen nicht nur Varmint selbst gedroht wird, sondern auch seiner Tochter Beulith. Um den Schreiber zu finden, soll Hermux erst einmal vorgeben, im Theater eine Weckeranlage zu installieren. Dazu muss er praktisch den ganzen Tag vor Ort sein.

Hermux macht sich daher Sorgen um sein Haustier: Wer kümmert sich um Terfle, seinen Marienkäfer? Kurzentschlossen kauft er einen „Haustierpalast“ und quartiert damit Terfle im Theater ein. Dort kümmert sich die Kostümbildnerin Glissin rührend um das liebe Tierchen. Von den Künstlern lernt Terfle Kartentricks und die Kunst des Hypnotisierens – beides sehr nützliche Fertigkeiten, wie sich später erweist. Um Hermux‘ Uhrenladen kümmert sich sein Kumpel Nip.

Unterdessen hat es ein windiger Regisseur namens Brinx Lotelle geschafft, Hermux‘ Freundin Linka Perflinger zu einer Flugreise zu überreden, die zu den verschiedenen Orten führen soll, an denen die berühmte, aber nach einem Unglück verschwundene Filmschauspielerin Nurella Pinch gelebt hatte. Linka ist schnell für das noble Vorhaben dieses Dokumentarfilms gewonnen, doch wie sich zeigt, hat Brinx ganz andere Absichten mit ihr. Fast jeden Abend ruft sie Hermux an und unterrichtet ihn über ihre Erkenntnisse Nurella betreffend.

Ständig kommt Hermux seiner Erzfeindin und Nachbarin, der Kosmetikzarin Tucka Mertslin in die Quere – oder ist es vielmehr anders herum? Wie wir schon aus den beiden vorherigen Abenteuern wissen, ist Tucka eine Egomanin, die der bösen Königin in „Schneewittchen“ – „Wer ist die Schönste im ganzen Land – und wehe, du sprichst nicht die Wahrheit, dann lass ich dich zertrümmern!“ – locker das Wasser reichen kann.

Tucka hat einen neuen Verehrer, den Heiratsschwindler Corpius Crounce. Jedenfalls nennt er sich im Augenblick so, findet Tucka heraus. Sie sagt ihm die Wahrheit auf den Kopf zu und macht ihn so zu ihrem Komplizen und Helfershelfer in ihrem Großangriff auf Varmints Theater: Sie will es unbedingt haben – und das ganze umgebende Viertel dazu!

Varmint und Hermux, sein Detektiv, merken schnell, dass sie es mit skrupellosen Widersachern zu tun haben: Herabfallende Scheinwerfer sind nur eine der Methoden, mit denen hier gearbeitet wird. Ein sprechender und intelligenter Papagei kann Hermux aber aufklären, was läuft.

Doch beide Seiten ahnen nicht, dass Varmints Theatertruppe mehrere große Geheimnisse birgt, die den weiteren Verlauf der Auseinandersetzung in eine unerwartete Richtung lenken werden.

_Mein Eindruck_

Die ersten beiden Abenteuer hatten unseren Mäuserich Hermux Tantamoq in ferne Gefilde und in die nächste Umgebung Pinchesters geführt, ins Institut der wahnsinnigen Dr. Mennus. Dabei hat sich sein Horizont erweitert, seine Erkenntnisfähigkeit für Lügen und Täuschungen wurde geschärft und seine Liebe zu Linka hat sich vertieft.

Dies alles wird nun in der Scheinwelt des Theaters von Fluster Varmint auf die Probe gestellt. Kann Hermux‘ Auge zwischen Verkleidung und wahrem Selbst unterscheiden? Wenn ja, dann muss er diese Fähigkeit auch auf sich selbst anwenden: Er muss Linka einen Antrag machen und ihr seine Liebe erklären. (Da schlagen die Herzen der Leserinnen und Mäusinnen höher!)

Bis auf Tucka Mertslin, die es nicht mehr nötig hat, lügen alle Bösewichte und Gauner wie gedruckt. Aber auch die „Guten“ in der Welt des Theaters sagen nicht immer die Wahrheit, wie sich erweist, wie auch ihre Täuschungen Opfer fordern, wenn diese Täuschungen auffliegen. Dann erfordert es viel Mut und gutes Zureden, um die Wahrheit triumphieren zu lassen.

Hermux, unser Held mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, legt sich entsprechend ins Zeug – und ist froh, wenn alles klappt. Daher gibt es im Buch mehrere schöne Überraschungen. Aber auch ein Actionfinale à la James Bond ist vorgesehen – ob Hermux und Terfle da wieder heil herauskommen?

|Mein Leseerlebnis|

Auch das dritte Abenteuer lässt sich in wenigen Tagen – ach was, in einem Tag! – bewältigen, denn die Handlung ist zwar etwas komplizierter aufgebaut, aber dafür umso spannender zu lesen. Für Zehn- bis Zwölfjährige ist so ein Mäuse-Abenteuer gut zu verstehen, für jüngere Semester wohl weniger.

Neben Spannung, Action und Geheimnis hält das Buch aber auch viele humorvolle Situationen bereit. Sie drehen sich sehr oft um Terfle, das geliebte Marienkäferchen des Helden, das ihm diesmal fast die Hauptrolle streitig macht. Über einen Marienkäfer, der geldgierige Eilboten – die Hermux schon seit Band 1 das Geld aus der Tasche gezogen haben – im Kartenspiel abzockt, liest man nicht alle Tage. Und wenn Hunde von ihm hypnotisiert werden, sind die Folgen mindestens ebenso lustig.

|Die Übersetzung|

Die Übertragung ins Deutsche ist den beiden Übersetzern Gerald Jung und Katharina Orgaß – in allen drei Hermux-Bänden – ganz außerordentlich gut gelungen. Es gibt zahllose Beispiele, an denen sie einen idiomatischen Ausdruck aus dem Englischen angemessen übertragen mussten. Diese umgangssprachlichen Ausdrücke sind immer heikel: Erstens muss man sie kennen, zweitens können sie im Laufe der Jahre ihre Bedeutung verändern – ein veraltetes Wörterbuch hat schon so manchen Übersetzer aufs Kreuz gelegt. Man muss also auf dem Laufenden sein. Und wie ich feststellen konnte, ist es ausnahmslos gut gelungen, die lockere und lebendige Ausdrucksweise des Autors zu erhalten. Deshalb ist die Lektüre ein echtes Vergnügen – wozu die Geschichte natürlich noch ebenfalls einen guten Teil beiträgt.

_Unterm Strich: Was uns der Dichter sagen will_

Diese drei Mäuseabenteuer sind nicht nur spannende und lustige Lektüre, sondern vermitteln durch die Entwicklung des Helden auch noch zahlreiche Erkenntnisse – nicht so sehr über Mäuse, versteht sich, sondern über Menschen. Aber gerade die Verfremdung (bzw. Maskierung), Menschen als Mäuse, Ratten, Maulwürfe, Murmeltiere und sogar Wiesel darzustellen, lässt die eigentlichen inneren Eigenschaften klarer hervortreten. Deshalb können uns Tierabenteuer manchmal mehr über uns selbst verraten als so manche antike Tragödie. „No time like show time“ – das gilt in Pinchester genauso sehr wie in New York, Paris oder London.

Die wichtigste Lehre durchzieht alle drei Bände: Es geht um unseren Umgang mit dem Phänomen der Zeit. Tucka Mertslin ist nur deshalb Kosmetikfetischistin geworden, um für alle Ewigkeit jung auszusehen. Der Preis dafür ist ihr fragwürdiges moralisches Verhalten, denn als Egomanin hat sie keinerelei Interesse am Wohlergehen ihrer Mitmäuse. Hermux Tantamoq ist ihr genaues Gegenteil: Er leugnet das Verstreichen der Zeit nicht, da diese quasi sein Medium ist: Er ist als als Uhrmacher von Zeit-Messern umgeben, nennt sogar uralte Erbstücke in Form von Sanduhren sein Eigen (Band 1).

Daher ging es in Band 1 um Jungbrunnen und Schönheitschirurgie – beides Versuche, das Altern aufzuhalten. In Band 2 erhob sich die Vergangenheit selbst – und wieder spielt ein (gigantischer) Zeitmesser eine zentrale Rolle. Natürlich dreht sich auch in Band 3 alles um Zeit und Altern: Tucka will aus dem Theaterviertel ein Monument für ihre Größe machen, unter dem Vorwand, der großen Schauspielerin Nurella Pinch ein Denkmal zu setzen. Die eigentliche Pinch-Gedenkplakette ist hingegen winzig. Der andere, quasi gegenläufige Handlungsstrang demonstriert anhand von Nurella Pinch, wie vergänglich – oder auch unsterblich – wahrer Ruhm sein kann. Hermux hingegen zieht die Bewältigung des Alterns in den Armen von Linka vor. Zusammen mit einem geliebten Menschen alt zu werden, ist vielleicht doch die beste Methode, mit der Zeit fertigzuwerden.

Zumindest meint das der Autor. Und darüber sollte man vielleicht mal nachdenken. Vielleicht ein oder zwei Sekunden lang. Oder länger.

Indriðason, Arnaldur – Engelsstimme

In einem gut besuchten Hotel Reykjavíks wird kurz vor Weihnachten ein toter Weihnachtsmann gefunden. Er hatte hier schon 20 Jahre als Portier gearbeitet und wohnte allein in einem Kellerraum. Kommissar Erlendur erfährt zu seinem Erstaunen, dass der Fünfzigjährige einst ein bekannter Kinderstar gewesen war, dessen Knabensopran bewundert wurde. Warum sollte ihn irgendjemand töten wollen? Erlendur muss weit zurück in die Vergangenheit, um den Fall zu verstehen.

|Der Autor|

Arnaldur Indriðason, Jahrgang 1961, studierte Geschichte an der Universität von Island und war Journalist und Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung |Morgunblaðið|. Heute lebt er als freier Autor bei Reykjavík und veröffentlicht mit großem Erfolg seine Romane. Sein Kriminalroman [„Nordermoor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=402 hat den „Nordic Crime Novel’s Award 2002“ erhalten, wurde also zum besten nordeuropäischen Kriminalroman gewählt, und das bei Konkurrenz durch Håkan Nesser und Henning Mankell!

|Der Sprecher|

Frank Glaubrecht ist einer der erfolgreichsten Synchronsprecher Deutschlands. Er leiht beispielsweise so bekannten Filmstars wie Al Pacino, Pierce Brosnan, Jeremy Irons und Richard Gere seine markante Stimme. Er hat u. a. Indriðasons Hörbuch „Nordermoor“ gelesen.

_Handlung_

Kommissar Erlendur wird wenige Tage vor Weihnachten in das zweitgrößte Hotel der Hauptstadt Reykjavík gerufen. Tief unten in den Gewölben, in einem engen Kellerraum, liegt ein Weihnachtsmann in seinem Blut. Die Leiche weist zahlreiche Stichwunden im Brust- und Bauchbereich auf. Wie eine obszöne Fußnote mutet es Erlendur an, dass der entblößte Penis des Mannes von einem Kondom bedeckt ist.

Gusladur Egilsson, 50, war zu Lebzeiten Portier und Faktotum im Hotel gewesen, in dem er mehr als zwanzig Jahre gelebt hatte. Der Hotelmanager, mit seinen 180 Kilo fett wie ein Wal, mauert, weil er einen Skandal fürchtet, der ihm das Weihnachtsgeschäft mit den ausländischen Gästen verhageln würde. Also nimmt sich Erlendur das junge Zimmermädchen vor, das die Leiche gefunden hat: Ösp (= Espe). Und sie zittert auch wie Espenlaub, fällt dem Kommissar auf.

Gusladur sollte auf der Weihnachtsfeier der Hotelangestellten auftreten. Er war dem Empfangschef unterstellt, doch der mauert ebenfalls. Anscheinend haben in diesem Hotel viele Menschen eine ganze Menge zu verbergen. Als sich am Kondom Speichelspuren und somit DNS finden, führen die Maßnahmen zur Erlangung der Speichelproben unter den Angestellten zu einem regelrechten Aufruhr. Der Chefkoch weigert sich schlankweg und wirft die Polizisten aus seinem Reich hinaus.

Am zweiten Tag gibt ein Zettel auf Gusladurs Nachttisch den Hinweis auf den Engländer Henry Wapshot, den Erlendur sofort in die Mangel nimmt. Der schon betagte, aber kettenrauchende Lebemann ist ein Sammler seltener Schallplattenaufnahmen. Er wundert sich, dass die wenigsten Isländer wissen, welcher bekannte Kinderstar in diesem Hotel gelebt hat. Als Gusladur zwölf Jahre alt – vor 38 Jahren – nahm er zwei Schallplatten auf, darunter Schuberts „Ave Maria“, die ihn in den Sternenhimmel der Chorknaben katapultierten. Er machte eine Skandinavientournee und bereitete die nächste Platte vor, als ihn der Stimmbruch unversehens bei einem Konzert in seiner Heimatstadt Hafnafjödur überraschte und seiner Karriere ein abruptes Ende setzte.

Erlendur betrachtet nun nicht nur Gusladur mit anderen Augen, sondern auch dessen Poster, das einen weiteren Kinderstar zeigt: Shirley Temple in ihrem Film „The little princess“. Wie er entdeckt, war dies auch Gusladurs Schimpfname in der Schule. Er ist überrascht, als Wapshot endlich mit der Aussage herausrückt, er habe Gusladur einen Vorschuss von 500.000 Kronen – ein Vermögen – für die Restauflage der historischen Schallplattenaufnahmen gezahlt, die dieser gehortet hatte. Er wollte sogar noch mehr für den Rest zahlen.

Nach und nach hat Erlendur mehrere Tatverdächtige beisammen: Wapshot selbst, von dem Interpolinformationen besagen, dass er zweimal mit Vergewaltigung von Knaben zu tun hatte (einmal verurteilt); den Empfangschef, der Schulden bei einer Hotelnutte in Höhe von 80.000 Kronen hat und Gusladur sicher gut gebrauchen konnte; und schließlich das Zimmermädchen Ösp, dessen Bruder Rainier, ein verschuldeter Junkie, wahrscheinlich Gusladur sein letztes Kondom übergezogen hatte.

Womit er aber überhaupt nicht gerechnet hat, findet er auf den Überwachungsvideos der benachbarten Bank, auf denen einer der Hoteleingänge auf Band gebannt ist. Er entdeckt, wie Gusladurs Schwester Stefania das Hotel am Tag betritt, als der Mord geschah. Sie hatte ihn in der ersten Vernehmung angelogen! So etwas bringt Erlendur natürlich auf die Palme. Er stößt auf ein Familiengeheimnis der Egilssons, das ein ganz anderes Licht auf das Leben des Ermordeten wirft.

Den entscheidenden Hinweis liefert aber Erlendurs Tochter Evalind. Auch in ihrer Familie gibt es ein dunkles Geheimnis. Sie ist darüber zum Junkie geworden. Nach ihrem Entzug hat sie sich auf die Suche nach ihrem Vater gemacht, ihn aufgestöbert und besucht ihn nun in seinem Hotelzimmer, wo er Gusladurs Platten anhört. Sie weiß ebenso gut über Drogen Bescheid wie über Reykjavíks Unterwelt. In diesem Hotel, in dem die Manager mauern, müssen noch einige andere krumme Geschäfte gelaufen sein …

_Mein Eindruck_

An Anfang und Ende des Hörbuchs ist Schuberts „Ave Maria“ zu hören, gesungen von einer wunderschönen Knabenstimme. „Ora pro nobis peccatoribus“ – „Bitte für uns Sünder“, ist da zu hören. Und diese Fürbitte können die gebrochenen Menschen in Indridasons Kriminalroman durchaus gut gebrauchen.

Denn „Engelsstimme“ ist nicht nur die Geschichte eines grausamen Verbrechens, sondern auch die Chronik zweier Familien, die zerbrochen sind. Was der Autor hier darstellt, ist der Versuch, die isländische (skandinavische?) Gesellschaft über drei Generationen hinweg zu beschreiben und sogar zu einem Teil zu erklären. Als Symbol für die heutige Gesellschaft ragt das Hotel als ein Mikrokosmos heraus. Es ist nicht nur Arbeitsplatz und Gast-Haus, sondern auch ein Bordell, ein Drogenumschlagplatz, ein klassischer Sündenpfuhl – und die letzte Zuflucht eines Verfolgten, dem man soeben gekündigt hat.

Und da Weihnachten das wichtigste Familienfest des Jahres ist, kommt dem Mordfall Gusladur Egilsson besondere Bedeutung zu: Die Gesellschaft steht auf dem Prüfstand. Sie besteht – bei Indriðason wie auch für jeden einzelnen von uns – aus Familien, die sich über mehrere Generationen erstrecken. Zu Weihnachten sollten die Familien zusammenkommen und heil sein. Doch Erlendur stößt auf welche, die weit davon entfernt sind.

Für ihn wird die Woche, die er für den Fall hat, zum Prüfstein, an dem der Ermittler zeigen kann, ob er in der Lage ist, Weihnachten als Familienfest – und symbolisch „die Gesellschaft“ – zu retten. Um dazu in der Lage zu sein, muss sich der Ermittler jedoch zunächst selbst retten, wie sich erweist. Wäre Erlendur korrupt oder gar pflichtvergessen, wäre der Fall ebenso verloren wie alles, was er symbolisiert.

|Parallelität der Familienchroniken|

In „Nordermoor“ betrachtete der Autor die biologisch-genetischen Grundlagen der durch Inzucht gefährdeten isländischen Gesellschaft. In „Engelsstimme“ begibt sich Indriðason eine Ebene höher, auf die Stufe der familiären und sozialen Interaktion. Gusladur Egilsson ist zeitlebens das Opfer seines Vaters gewesen. Der Tyrann zwang seinen Sohn, Musik wichtiger zu nehmen als Freundschaft, wodurch er ihn ausgrenzte. Das erscheint Erlendur umso grausamer, als der Tyrann wissen musste – wie es der Chordirigent Gabriel Hermansson später sagt -, dass ein Knabensopran eine sehr kurzlebige Sache ist.

Durch den Stimmbruch blamierte der Knabe denn auch seinen stolzen Vater bis auf die Knochen vor versammelter Gemeinde. Der Hass des Vaters war entsprechend groß und unversöhnlich. Der ausgegrenzte Knabe befreundete sich nur noch mit gleich gesinnten Jungs und wurde schwul. Der Vater verstieß ihn, hatte Streit und wurde bei einem „Unfall“ die Treppe hinabgestoßen. Durch den Unfall erlitt er eine Querschnittslähmung. Gusladurs Schwester, zuvor die Benachteiligte, kam nun aus dem Schatten hervor und durfte sich als Fürsorgerin des Vaters stolz hervortun, während ihr Rivale auszog. Erst in Gusladurs und seines Vaters letzten Tagen nahm sie wieder Kontakt mit ihm auf, unter anderem weil es um viel Geld ging.

Die Chronik der Egilssons ist eine Geschichte von Verstoßung, falschem Stolz und Schuld. Wenig anders erging es Erlendur in seiner eigenen Familie, wie er seiner Tochter erklärt. Eines Winters nahm der Vater entgegen Rat und Bitten der Mutter seine zwei Söhne mit hinaus auf die Schafweide, um die Tiere hereinzubringen. Der Schneesturm überraschte die Söhne, doch später wurde nur Erlendur von den Rettern gefunden. Seinen achtjährigen Bruder fand die trauernde Familie trotz jahrelanger Suche niemals. Die Trauer brach den Vater, die Schuld am Tod des jüngeren Bruders zerstörte etwas in ihm und in Erlendur, der daran litt, der einzige Überlebende zu sein.

Infolge dieses Traumas weigerte sich Erlendur später, die Verantwortung für seine Kinder zu übernehmen, als sich seine Frau von ihm scheiden ließ. Jahrelang kümmerte er sich weder um ihren Unterhalt noch um ihren Verbleib. Die Kinder, Evalind und ihr Bruder Sundri, fragten sich, was sie am Vater verbrochen hatten, entwickelten selbst Schuldgefühle, die sie mit Alkohol oder harten Drogen zu verdrängen suchen.

Erst als Erlendur diese seine Schuld, auch im Licht der parallelen Familienchronik der Egilssons, erkennt, entwickelt er Verantwortung für Evalind. Nun kann er nicht nur sein eigenes Weihnachtsfest begehen, sondern auch das der isländischen Gesellschaft durch Lösung des Falls legitimieren. Der Gerechtigkeit ist zwar Genüge getan, aber wie immer um einen hohen Preis. Sie ist dem Fortbestand des Verbrechens, symbolisiert in den Mauern des Hotels, das nun wie ein hohler Zahn erscheint, abgetrotzt.

|Die Erzählweise|

Man kann sich leicht denken, dass die skizzierten Hintergrundgeschichten auf irgendeine Weise mit den vordergründigen Ermittlungen vor Ort verknüpft sein müssen. Im Fall der Egilssons greift der Autor auf das Stilmittel der Rückblende zurück, da Gusladur schon tot ist. Doch Erlendur hat nicht dieses Glück: Er muss Albträume erleiden, die ihn in jenen Winter zurückführen. Das erscheint jedoch als angemessen und legitim, denn da wir die Handlung aus Erlendurs Blickwinkel erleben, also sozusagen durch seine Augen sehen, liegt es nahe, uns auch Zutritt zu Erlendurs Gedanken- und Gefühlswelt zu gewähren. Dazu gehören auch die Albträume. Diese sind natürlich keine angenehmen Szenen, doch lange nicht so schlimm wie gewisse Szenen in „Nordermoor“, die heftigen Horror bereithalten.

|Ergo|

So hat sich also, um Indriðasons Aussage zusammenzufassen, die Schuld der Väter auf die Kinder und Kindeskinder übertragen – nicht nur im biblischen, sondern im ganz wörtlichen Sinne. Gusladurs Vater wollte an seinem Sohn ein Vermögen verdienen, indem er ihn zum Singen in einem künstlerischen Orchideenfach, dem Knabensopran, prostituierte. Als dessen Stimmbruch ihm einen Strich durch die Rechnung machte, verstieß er ihn, insbesondere dann, als dieser sich auch noch als homosexuell erwies.

Erlendur sieht sich nun peinlicherweise in der gleichen Situation wie Gusladurs Vater. Durch Ablehnung seiner väterlichen Verantwortung trieb er seine Tochter nicht nur in Drogensucht, sondern auch in die Beschaffungsprostitution. Dem nicht genug, stößt er allenthalben auf Stricher und Huren, insbesondere natürlich im Hotel, das nichts anderes darstellt als ein von kriminellen Zuhältern geführtes Bordell. Das Zimmermädchen Ösp und ihr Bruder sind selbst Opfer von brutalen Dealern. Stefania Egilsson hat ihr Leben und ihre Zukunft ihrem gelähmten Vater geopfert.

All diese ausgebeuteten und sich selbst entfremdeten Menschen befinden sich in einem Teufelskreis. Als Gusladur plötzlich eine Riesensumme von dem Ausländer bekam, führte dies zu einer Kurzschlussreaktion. Ich verrate aber nicht, bei wem. Ein Weihnachtsfest in diesem Brennpunkt sozialer Probleme erscheint ebenso unwahrscheinlich wie grotesk. Der Ermittler Erlendur kann nur sich selbst und seine Tochter retten, niemanden sonst. Merry Christmas, Herr Kommissar!

|Der Sprecher|

Frank Glaubrecht fängt zunächst recht sachlich und gleichmütig zu erzählen an, und man denkt an nichts Böses. Je mehr sich jedoch die seelischen und sozialen Abgründe hinter Gusladurs Tod auftun, desto mehr seelische Pein erfährt Erlendur am eigenen Leib. Und obwohl er sich stets an den Verhaltenskodex der Kriminalpolizei zu halten versucht, fällt ihm dies zunehmend schwerer angesichts des Unrechts, das nicht nur Gusladur angetan wurde, sondern das er selbst seinen Kindern angetan hat. Glaubrechts Stimme wirkt zunehmend emotionsgeladener.

Gegen Schluss möchte man fast erwarten, dass der Ermittler ausrastet, jemanden über den Haufen schießt oder sonst etwas Unsinniges tut. Sein Kollege Sigurdur Oli wundert sich allmählich wirklich. Stattdessen erklingt am Schluss lediglich das „Ave Maria“: „Bitte für uns Sünder“. Das, was Gusladurs Vater ehrfürchtig als „Engelsstimme“ bezeichnet hat, erscheint nun – in bitterer Ironie – als der Fluch des Sängers. Das Lied transzendiert den Textvortrag Glaubrechts und hebt die Wirkung auf eine andere Ebene, dorthin, wo die Ratio ausgespielt hat und nur Emotionen wirken …

_Unterm Strich_

Das Hörbuch kann die von Indriðason beabsichtigte kritische Sozialanalyse nicht leisten, jedenfalls nicht in glaubwürdigem Maße. Dafür wäre schon der ungekürzte Text des Buches nötig. Aber das Hörbuch soll dies auch nicht leisten, sondern soll nach Vorgabe des Verlags nur den Mordfall so interessant und spannend wie möglich präsentieren und einer für den Hörer befriedigenden Auslösung zuführen. Dies gelingt auch, ohne dass der vorgetragene Text zu lang geworden wäre.

Die wichtigste Voraussetzung, dass die Spannung bis zum Schluss aufrechterhalten bleibt, ist die Vielzahl der Kandidaten für die Täterschaft. Wie jeder ordentliche und achtbare Krimiautor legt Indriðason eine Reihe falscher Fährten aus. Die Hauptarbeit liegt nun darin herauszufinden, welche Fährte am wahrscheinlichsten zum richtigen Täter führt. James Patterson hätte gewiss gleich zwei Top-Kandidaten präsentiert, von denen der erste Verhaftete garantiert der falsche gewesen wäre. Dazu lässt es Indriðason nicht kommen. Für ihn ist ein Krimi eine zu ernste Sache, um mit dem Leser Katz und Maus zu spielen.

Frank Glaubrechts sonore Stimme – man stelle sich den Klang von Al Pacino in „The Insider“ vor – trägt die Geschichte, die Indriðason spinnt, ausgezeichnet und ohne je die für die Geschichte und den Ermittler notwendige Autorität und Ruhe zu verlieren. Dennoch entwickelt sein Vortrag zusammen mit der Handlung eine tiefere psychologische Dimension, die sich in der zunehmenden Emotionalität in seiner Stimme äußert – ein gewisses zusätzliches Vibrato, das ich vernommen zu haben glaube. Das i-Tüpfelchen liefert, wie gesagt, nicht der Sprecher, sondern das Lied am Schluss. Der Knabensopran hat das letzte Wort, als spreche das Opfer noch einmal und als sei der Kommissar/Autor lediglich der „Sprecher für die Toten“.

|Umfang: 235 Minuten auf 4 CDs|

Sharon Shinn – Im Zeichen der Weide

Ein Zauberlehrling tritt in die Dienste eines neuen Meisters ein – wir kennen die Geschichte zur Genüge. Oder doch nicht? Nein, denn hier verliebt sich der Lehrling in die rätselhafte Frau seines Meisters und muss erkennen, welches schreckliche Verbrechen an ihr begangen wurde.

Doch wie kann er die Untat beenden und die durch Magie Verwandelte befreien, wenn mit dem Tod eines Zauberers auch dessen Magie verschwindet? Muss dann nicht auch die Geliebte sterben? Diesmal muss der Zauberlehrling weit über sich hinaus wachsen.

Die Autorin

Sharon Shinn – Im Zeichen der Weide weiterlesen

Hoeye, Michael – Hermux Tantamoq: Im Wettlauf mit der Zeit

In einer Welt voller Mäuse entwickelt sich ein friedliebender Uhrmacher namens Hermux Tantamoq zu einem Amateurschnüffler. Diesmal hat es ihm die fesche Fliegerin Linka Perflinger angetan, doch sie ist seit Tagen verschwunden. Seltsame Dinge ereignen sich in Pinchester, auch mysteriöse Todesfälle. Da hilft ihm ein Expeditionstagebuch endlich zu verstehen, was eigentlich los ist: die Jagd nach dem Jungbrunnen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, um Linka zu retten.

Für kleine und große Kinder ab 10 Jahren.

|Der Autor|

Michael Hoeye wohnt mit seiner Frau Martha in einem Cottage in Oregon im Nordwesten der USA. „Umgeben von hohen Bäumen und freundlichen Eichhörnchen arbeitet er dort als freier Schriftsteller“, säuselt der Klappentext. Da juchzt das Mutterherz, das dieses Buch kaufen soll.

Hoeyes erstes Buch „Hermux Tantamoq – Im Wettlauf mit der Zeit“ wurde in über 20 Sprachen übersetzt und ist 2002 bei |Omnibus| – jetzt |cbj| bei Random House/Bertelsmann – erschienen. „Hermux Tantamoq – Das Geheimnis der verbotenen Zeit“ ist der zweite Band einer Trilogie, deren letzter Band in diesem Herbst erschien.

Band 1: Im Wettlauf mit der Zeit
Band 2: Das Geheimnis der verbotenen Zeit
Band 3: Vorhang auf – Die Zeit läuft!

_Handlung_

Hermux Tantamoq ist ein ebenso brillanter wie friedliebender Uhrmacher in der friedliebenden Stadt Pinchester. Eines Tages kommt zu ihm eine bildhübsche Mäusin, die ihm sowohl ihre Visitenkarte als auch eine Uhr zum Reparieren gibt. Auf der Karte steht: „Miss Linka Perflinger, Abenteurerin, Draufgängerin und Fliegerin – Halsbrecherische Bravourstücke – Nervenkitzel garantiert – Zu Lande und in der Luft – Faire Preise“. Er verliebt sich sofort in sie.

Die Uhr ist zwar am nächsten Vormittag repariert, doch von der Abholerin fehlt jede Spur. Immerhin hat er ja ihre Adresse. Vor ihrem Haus wird er Zeuge, wie Linka in einen Luxusschlitten geführt wird, in dem zwielichtig aussehende Ratten sitzen. Am nächsten Tag folgt er einer verdächtigen Ratte, die sich nach der Uhr erkundigt hat, auf deren Wegen in der Stadt: Sie führen zum Forschungsinstitut eines gewissen Dr. Hiril Mennus, seines Zeichens Schönheitschirurg.

Er sieht sich in Linkas Haus ein wenig um und wird fündig: eine ungewöhnliche Pflanze, deren Blätter ihm ungeahnte neue Energie zuführen. Er bekommt heraus, dass Linka im Auftrag eines gewissen Dr. Jervutz vom Perriflot-Forschungsinstitut unterwegs gewesen war, und zwar im tropischen Teulabonarien. Doch um welchen Auftrag handelte es sich? Am Perriflot-Institut angekommen, bemerkt er einen Menschenauflauf: Dr. Jervutz ist tot. Ermordet?

Vor seinem Tod hat Jervutz einen Dr. Dandiffer erwähnt, der im tropischen Urwald als Ethnobotaniker nach bestimmten Pflanzen suchte. Dabei handelt es sich um genau jene Mondpflanzen, von deren Blättern Hermux selbst gegessen hat. Sie haben eine verjüngende Wirkung. Dann erhält Hermux das Expeditionstagebuch des unglücklichen Dr. Dandiffer, der verschollen ist.

Aus diesem Tagebuch wird ihm klar, warum Hiril Mennus hinter Linka Perflinger her ist: Er will das, was Linka von Dr. Dandiffer zurückgebracht hat – die Formel für die ewige Jugend. Und mit dieser will er Tucka Mertslins Kosmetikimperium mit verjüngenden Produkten versorgen: das „Millennium-Projekt“.

Jetzt weiß Hermux, wo er Linka suchen muss. Leider hat er die Rechnung weder mit Tucka noch mit Dr. Mennus gemacht.

_Mein Eindruck_

Der teuflische Dr. Mennus hat mich stark an seine Film-Vorbilder Dr. Mabuse, Fantomas und andere verrückte Wissenschaftler erinnert, ja, an einer Stelle sogar an Dr. Mengele, den Auschwitz-Arzt … Mehr darf nicht verraten werden, aber sie wollen die Welt mal wieder mit den irrsinnigsten Apparaturen beglücken.

Die schönste bzw. verrückteste davon ist „U-Babe 2000“. Sie verwandelt das Opfer in wenigen Minuten in den körperlichen Idealzustand. Von der mentalen Verfassung des „Versuchsobjektes“ schweigen wir lieber, sofern es die Prozedur überhaupt überlebt. Das ist überhaupt nicht lustig, und im Finale gibt es durchaus spannende Horrormomente, in die sich makabre Komik mischt. Die Zeit bzw. Zeitmesser spielen dabei eine zentrale Rolle, weshalb Hermux‘ Anwesenheit durchaus passend ist.

Mich hat am meisten dieses widerliche Frauenzimmer namens Tucka Mertslin gestört. Mir will gar kein Gegenstück in unserer Welt einfallen, obwohl es etliche Gründerinnen von Kosmetikimperien gegeben hat, so etwa Ellen Astor und andere. Tucka ist die Egozentrikerin par excellence: Wer nicht nach ihrer Pfeife tanzt, ist ihr Feind. Und die Bevölkerung dient ihr lediglich als Absatzmarkt ihrer minderwertigen Produkte. Hermux rümpft regelmäßig die Nase, wenn ihm eines ihrer Erzeugnisse in die Nase steigt. Sie schikaniert ihre Sekretärin – und dreimal darf man raten, mit wem sie sich für das Millennium-Projekt zusammengetan hat und wer ihr Lieblingsdesigner ist.

Da haben es redliche Uhrmacher und Amateurdetektive wie Hermux Tantamoq wahrlich nicht leicht. Der Leser darf sich auf etliche haarsträubende Abenteuer freuen. Er darf sich aber nicht von den falschen Fährten verwirren lassen. Nicht jeder ist, was er vorgibt zu sein.

|Keine Disney-World|

So mancher erwachsene Leser ist vielleicht an gewisse Abenteuer in Entenhausen erinnert, die ja oft auch mit Expeditionen zu tun hatten. Doch Hermux Tantamoq in Pinchester hat sehr wenig mit dem Disney-Imperium aus Kalifornien zu tun. Vielmehr scheinen er und seine mal mehr, mal weniger braven Mitbürgermäuse direkt einem viktorianischen Nimmerland entstiegen zu sein, das dem von Harry Potter in mancher Hinsicht ähnelt. Allerdings gibt es hier weit und breit keine Magie. (Außer der der Liebe.)

Viktorianisch ist das beschauliche, noch kaum von Autos und Telefonen beschleunigte Leben in Pinchester, wo selbst die Postbotin noch eine strategisch wichtige Rolle in der Gesellschaft zu spielen vermag. Viktorianisch sind die gediegenen Einladungen, die Hermux erhält, und die uralten Uhren in seinem Laden – allesamt mechanisch, versteht sich. Ganz und gar 20. Jahrhundert sind hingegen Wirtschaftsspionage und durchgeknallte, skrupellose Wissenschaftler. Selbst die Kunst ist nicht mehr das, was sie mal war: Rink Firsheen stellt eine Straßensszene nach einem Raubüberfall nach – im Foyer von Hermux‘ einst so wohnlichem Mietshaus.

|Grafik-Design|

Ein Element, das jedes Hermux-Buch zu einem visuellen Erlebnis macht, sind die zahlreichen Wiedergaben von Dokumenten. Die Visitenkarte von Linka Perflinger habe ich ja bereits erwähnt. Aber es gibt auch seitenlang abgedruckte Zeitungsartikel, insbesondere von einem zwielichtigen Journalisten namens Pup Schoonagliffen, dem Hermux leider nur zu sehr vertraut.

Ganz am Schluss des Buches findet sich eine gezeichnete Landkarte, deren Studium sich lohnt. Hier finden sich Hinweise darauf, wohin Dr. Dandiffers Expedition in Teulabonarien wirklich führte. Wer also aus der Beschreibung im Expeditionstagebuch nicht schlau geworden ist, findet hier anschaulich Aufschluss.

_Unterm Strich_

Ich habe auch dieses, mein zweites „Hermux Tantamoq“-Abenteuer mit großem Spaß gelesen. Die Lektüre ist völlig entspannt zu bewältigen, wartet stets mit netten Überraschungen auf und wird zum Finale hin zunehmend spannender. Etliche Seitenhiebe auf menschlich-allzumenschliche Phänomene gibt es zu belächeln, vielleicht sogar zu bedenken: verrückte Wissenschaftler, durchgeknallte Schönheitschirurgen, eine „diskrete“ Postbotin, Kosmetikimperialistinnen, romantische Liebespaare. Ach ja, nicht zu vergessen: Terfle, Hermux‘ lieben Marienkäfer. Nach ihm ist die Agentur des Autors benannt: Terfle House Limited.

Ich habe das Buch in wenigen Tagen ausgelesen und kann es Freunden von Tierabenteuern nur wärmstens ans Herz legen. Kleine und große Kinder ab 10 oder 12 Jahren dürften damit keinerlei Schwierigkeiten haben – Mütter seien gewarnt, dass ihr Schützlinge die komplette Trilogie werden haben wollen.

Birbaek, Michael – Wenn das Leben ein Strand ist, sind Frauen das Mehr

_Leben im Hyperdrive: Von Augenmagneten und Texthuren_

Vik ist ein vielbeschäftiger Drehbuchautor im deutschen Filmgeschäft. Sein Leben verläuft sozusagen im Hyperdrive, er sehnt sich nach Urlaub. Doch die Erwartungen seiner beruflichen Umgebung und die Wünsche seines privaten Umfelds halten ihn ständig davon ab.

Schluss mit dem Aufwachen im falschen Bett! Eines Tags fährt er zum Airport und schnappt sich einen Last-Minute-Flug („Sie müssen aber einen Monat zuvor buchen!“) auf eine Insel und sucht das Meer – und das verlorene Gefühl. Um dann SIE zu finden, doch ist sie die „Richtige“? Wie erkennt man „Miss Right“, wenn man sie trifft?

|Der Autor|

Michel Birbaek wurde zwar in Kopenhagen geboren, lebt aber in Köln und spricht perfekt Deutsch. Dass er sich in der deutschen Medienszene sehr gut auskennt, merkt man nicht nur seinem Buch an, auch seine Mitarbeit als Gagschreiber von Harald Schmidt und Stefan Raab ist ein wichtiger Indikator für seine Beherrschung des Sprachwitzes.

Wie sein Held Viktor ist er Drehbuchautor. Im Buch „Wenn das Leben …“ wird hin und wieder ein Film mit dem ellenlangen Titel „Was mich fertig macht, ist nicht das Leben, sondern die Tage dazwischen“ erwähnt. Davon habe ich noch nie gehört, aber Birbaek hat jedenfalls die literarische Vorlage dafür geschrieben und ebenfalls bei |Lübbe| veröffentlicht.

Der Autor liest sein Buch selbst und macht, wie ich finde, einen sehr guten Job dabei (keine Lacher und Versprecher!). Die Regie führte Kerstin Kaiser. Die poppige Intro- und Abspannmusik stammt von Michael Marianetti.

_Handlung_

Die Geschichte beginnt, als unser Held Viktor aufwacht und eine hübsche Frau namens Body bewundert, die sich im Badezimmer begutachtet. Das Besondere daran: Dies ist nicht Viktors Ehefrau und natürlich auch nicht Viktors Wohnung. Bodys Mann Steffen ist Stuntman beim Film und des Öfteren zu Dreharbeiten außer Haus. Immerhin: Zur Zeit ist Body Viks einzige Freundin, mit der er schläft. Außerdem überarbeitet sie seine Manuskripte für Drehbücher. Als Arbeitseinheit betrachtet, ist er das Hirn und sie die ruhige Hand.

Das erweist sich mal wieder als Vorteil, als sie mit ihrem Auto namens „Monster“ zum nächsten Meeting mit der Filmgesellschaft fahren. Dort warten die Produzentin Selma, ihre Assistentin Schulz-äh und eine Regisseurin namens Pechvögel (mit der Betonung auf „vögel“) auf sie, und wenn sie Pech haben, wird noch ein Skriptdoktor dabei sein, der ihr Elaborat „verbessern“ soll. Solche Leute – allesamt „Schwachmaten“ – bringen Vik regelmäßig auf 180, und er verarscht Pechvögel mit zweideutigen Bemerkungen, doch Body beruhigt ihn ebenso regelmäßig und rettet die Besprechung.

Body ist nur eine der vielen Frauen, die Viks Leben bestimmen. Seine große Liebe Grace ist mittlerweile schon drei Monate weg, doch inzwischen zum Star avanciert. Ob sie ihn anruft, weiß er nur anhand der Rufnummernunterdrückung auf seiner Handy-Mailbox und der fehlenden Message. Body fragt ihn: „Wozu ihr nachtrauern? Selbstmitleid ist was für Weicheier.“ Recht hat die Frau. – Zum Handyterror gehören vor allem Viks Agentin Diana, eine ehemalige Pornodarstellerin, die keinen Mann halten kann („wenn sie meinen Exberuf erfahren, verachten sie mich oder es erregt sie oder erst das eine, dann das andere“).

Diesmal ist Vik auf 180 wegen Diana. Sie hat an ein gewisses Hollywoodstudio mit dem Namen Paramount eine Option auf eines seiner Drehbücher verkauft. Für lau! Und ohne ihn zuerst zu fragen! Zur Beruhigung geht Vik ins nächstbeste Kino. „Kino ist Gruppentherapie. Hier gibt es feste Regeln für das Verhalten, die niemals gebrochen werden.“ Sogar in seinem absoluten Lieblingsfilm „Notting Hill“ mit Julia Roberts und Hugh Grant (und dem verrückten Waliser).

Seit einiger Zeit lebt Vik im Hyperdrive: auf Partys, mit koksenden Promis, seinen Regisseurfreund Nils sieht er auch nur noch selten, seit der es nach Hollywood geschafft hat, und jede Nacht verbringt er in anderen Wohnungen. Der Grund ist ganz einfach: Zu Hause warten Graces Geister auf ihn. Er hat sich vorgenommen, baldmöglichst Urlaub zu machen. Wenn ihn die Frauen mal lassen würden. Anrufe nimmt nur noch sein AB entgegen.

Auch in dieser Nacht schleppt er sich in eine fremde Wohnung und legt sich neben eine Frau, die nicht seine eigene ist. Es ist die achtjährige Jasna, die Tochter seiner WG-Mitbewohnerin Patrizia, ihres Zeichens DJ und Marihuana-Dealerin. Jasna liebt Vik als einzige Frau heiß, innig und bedingungslos. Alle anderen stellen Bedingungen, besonders Patrizia – die will, dass er für Jasna das Sorgerecht übernimmt, obwohl – oder gerade weil – sie nicht seine Tochter ist.

|Die Wende?|

Nach der Ablieferung eines alten Exposées, das er als „neue“ Drehbuchidee verkauft, düst Vik doch tatsächlich in den Urlaub. Aber was heißt hier Urlaub? Eine Woche Halbpension auf irgendeiner Last-Minute-Insel, die er noch von früher her kennt und wo sich die frischgebackenen Pärchen am zweiten Tag mit verschlafenen Augen in die „Schweinebucht“ auf den Teutonengrill legen. Darauf hat Vik absolut keinen Bock, leiht ein Auto und erkundet Küste und Landesinneres. Leider hat sich auch einen Tag vor Abreise noch immer keine Rückkehr des alten Gefühls eingestellt: In seiner Brust herrscht quasi gähnende Leere. Die Tiefe des Meeres klang noch nie so verlockend …

Da lernt er Lena kennen, die er schon am ersten Tag bemerkt hatte, aber wegen emotionaler Lähmung nicht ansprach. Schon bald tauschen die beiden ihre jeweiligen Erfahrungen mit abgehauenen Lieben aus, und um Mitternacht gehen sie gemeinsam an den Strand zum Schmusen.

Ob Lena wohl die Wende in Viks Leben bringen kann? Aber wie erkennt mann „die Richtige fürs Leben“, wenn man ihr begegnet?

_Mein Eindruck_

Natürlich erzählt Birbaek die Geschichte von Vik und seinen Frauen lange nicht so geradlinig, wie ich das in meinem Handlungsabriss tun muss. Zu Anfang rätselt man daher noch, wer dieser Vik eigentlich ist, was er für einen Beruf hat und wo all diese Frauen – große wie kleine – herkommen, sogar die Geister. Stattdessen sieht man sich überspitzt formulierten Betrachtungen über Promis, die Medien, die so genannten „Medienmacher“ und das Kino im Allgemeinen und Besonderen gegenüber. Da gibt es ein paar herrliche One-liner und Aperçus. Diese Kunst hat der Autor ja für Schmidt (leicht erkennbar als „Mr. Late Night“) und Raab („die unvermeidlichen Viva-Moderatoren“) perfektioniert.

|Keine Jammerorgie|

Aber keine Bange! „Wenn das Leben …“ ist keineswegs eine nörgelige Jammerorgie, wie stressig und frustrierend doch das Medienleben sei, sondern ein Reihe sehr anschaulich beschriebener und besonders beim zweiten Anhören bewegender Begegnungen mit – Frauen, was sonst? Dieser Vik kann zuhören, schon klar, ein richtiger Frauenversteher, womöglich sogar ein Weichei, aber doch kein Schwuler. Schön erotische Sexszenen sind hier durchaus zu finden, und nicht zu knapp.

Wer ist denn nun „die Richtige“? Muss sich Vik wie Schillers klassische Helden (Piccolomini in „Wallenstein“) zwischen der erfrischenden Liebe zu Lena (= Neigung) und seiner Pflicht gegenüber Jasna und deren Mutter entscheiden? Herrje, wird man sich nun sagen, die kulturelle Entwicklung bietet doch inzwischen sicher auch ein paar andere Entscheidungsmodelle an, oder? Da hilft nur eines: selber lesen bzw. hören!

|Nicht nur Ladys |

Doch nicht alles dreht sich in der Story um junge Frauen im gebärfähigen Alter. Auf der Insel macht Vik beim „Handtuch-Roulette“ die Bekanntschaft einer über sechzigjährigen „Mumie“, die den jungen, hoffnungslos abgeschlafften Helden so richtig auf Trab bringt, mit etlichen Alkoholrationen, einem „losen Mundwerk“ und entsprechend robustem Humor. Und dann ist da noch Nils, der hoffnungsvolle Regisseur, der nach zwei Filmen (und etlichen Linien Koks) so ausgebrannt ist, dass er auf jeder Party in Tiefschlaf fällt. Witzig, dass ausgerechnet Nils sich weigert, Anglizismen zu übernehmen, die ja gerade im Filmbiz so häufig vorkommen. Nils ist Viks ältester Freund, doch selbst jetzt reden sie nur noch über Filme, Regisseure usw. Bis zu dem Tag, als Vik von Diana zwei Erster-Klasse-Tickets nach Los Angeles (zu Paramount) überreicht bekommt: Nils will seinen Kumpel endlich flennen sehen …

|Still crazy … (Sprache)|

Es ist schon merkwürdig, aber die Geschichte hat mich an mehreren Stellen an Benjamin Leberts Roman „Crazy“ erinnert. Das Buch wurde verfilmt, mit Robert Stadlober, wenn ich mich recht erinnere. Auch hier geht es um die Entdeckung der „Richtigen“ beziehungsweise der Erotik an sich, Quickie-Sex und Münchner Sex-Show inklusive. Wichtiger noch ist aber die Kommentierung des Lebensgefühls einer Generation und zwar in einer Sprache, die dieser angemessen ist.

Birbaek erfindet zahlreiche sprachliche Ausdrücke oder bringt entlehnte Ausdrücke so an, dass sie wie neu funkeln. Ein Wort wie „Lovesound“ ist ebenso wunderschön wie passend, um die nonverbalen Äußerungen von Liebenden während des Aktes zu bezeichnen, besonders aus weiblichem Munde. Ebenso schön ist der Ausdruck „Augenmagneten“, die für Patrizias Augen, und „Minimagneten“, die für Jasnas junge Augen gelten. Jeder weiß, was damit gemeint ist.

Etwas weniger schön ist Nils‘ Ausdruck „meine Texthuren“. Damit meint der Regisseur – hoffentlich ironisch – die Autoren, die ihm das Drehbuch erstellen und je nach Bedarf umschreiben (müssen). Ich schätze mal, auch Gagschreiber könnte man mit diesem ironischen Ausdruck belegen. Ebenso ironisch ist der Fachausdruck „Helfersyndrom“ zu werten. Fast jede von Viks Frauen appelliert an seinen Instinkt, der Lady zu helfen, und zwar selbst dann noch, wenn er emotional erpresst wird. Und dabei wollen sie meistens sein Geld: egal ob es um Steuerschulden geht oder um das Sorgerecht für Jasna. Vik erkennt den Vorgang genau als das, was er ist. Er hilft dennoch. Denn wenn’s um Freunde und Kinder geht, kennt Not kein Gebot.

Diese sprachliche Frische und Lebendigkeit in Verbindung mit der anschaulichen Schilderung hielt mich die ganze Zeit von vier Stunden über bei der Stange. Hey man, schon lange keine so spannende und anrührende Lovestory mehr gehört. Am liebsten würde ich jetzt noch das Buch lesen.

|Der Autor als Sprecher|

Dass Autoren ihre eigenen Texte lesen, ist zwar keineswegs unbekannt, aber immer noch eher die Ausnahme. Das liegt an zwei Gründen. Zum einen stammen die meisten als Hörbücher produzierten Texte von angelsächsischen AutorInnen, die leider kein Deutsch können (und es auch gar nicht nötig haben).

Zweitens ist die Erfahrung, einen deutschsprachigen Autor seinen eigenen Text vorlesen zu hören, nicht immer das Goldene vom Ei. Der Autor neigt eben dazu, selbst zu werten oder auf seinen Text bereits zu reagieren, statt die Reaktion ausschließlich dem Hörer zu überlassen.

Auch Birbaek schrammt haarscharf an dieser Grenze entlang. Besonders im letzten Drittel liest er die lustigen Jasna-Szenen mit einem kaum unterdrückten Lachen in der Kehle. Das kann man ihm als Mensch keineswegs verdenken, doch der Hörer sollte dieses Lachbedürfnis selbst in sich entdecken, indem der Text es in ihm weckt. Zum Glück gelingt Birbaek auch dies. Wenn Vik seine komatös pennende Jasna wieder einmal mit dem Satz „Brad Pitt putzt sich dreimal täglich die Zähne“ weckt (etwas anderes funktioniert nicht), so ist dies ein Verweis auf die erste Jasna-Szene, die genau damit begann. Das zaubert ein Lächeln des Wiedererkennens ins Gesicht des Hörers.

_Unterm Strich_

Die vier Stunden Hörzeit vergingen wie im Flug. Es war nett und interessant, so viele unterschiedliche Menschen kennen zu lernen, besonders die Frauen – und dazu zählt ganz besonders auch die achtjährige Jasna. Das Buch ist gleichermaßen ein Generationenporträt und die Abrechnung mit dem aktuellen Stand des deutschen Filmgeschäfts. Dabei benutzt der Autor nicht ausgelutschte Sprachklischees, sondern ganz bewusst auch neue Prägungen wie etwa „Lovesounds“ (oder habe ich da was verpasst?), setzt viel Ironie ein („Helfersyndrom“, „Handtuch-Roulette“ und „Texthuren“), respektiert aber die Wünsche und Erwartungen von Kindern und ihren Müttern.

Dabei geht der „Held“ Viktor keineswegs leer aus, sondern kriegt die Kurve mit neuem Schwung, neuen Erkenntnissen und neuem Glück. Der Schluss der Story lässt den Hörer mit einem zufriedenen Lächeln zurück. Genau im Sinne des Autors: Der ist Lachfaltenfan.

Welche nun Miss Right ist und wie man sie erkennt? Das müsst ihr schon selbst lesen oder hören!

|Umfang: 242 Minuten auf 4 CDs|

Homepage des Autors: http://www.Birbaek.de/

Jonathan Stroud – Bartimäus – Das Amulett von Samarkand

Der Dschinn Bartimäus, ein uralter orientalischer Geist, bekommt eines Tages den Auftrag, dem hochnäsigen Zauberschüler Nathanael zur Seite zu stehen: ein Auftrag, der Bartimäus zunächst alles andere als glücklich macht. Dann aber beginnt ein Abenteuer, das die zwei aneinander schweißt. Nathanael versucht, sich für den Tod seines Ziehvaters am mächtigen Zauberer Simon Lovelace zu rächen und ihm das berühmte Amulett von Samarkand zu stehlen. Mit Bartimäus‘ Hilfe gelingt das auch – aber es löst eine ganze Reihe von Problemen aus … (Verlagsinfo)

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Barry, Dave – Achse des Blöden, Die. Eine politische Evolutionstheorie der USA

Dave Barry erklärt die Entstehung der Vereinigten Staaten von Amerika sowie deren politischen Systems, als wäre das alles eine nette, aber völlig aus dem Ruder gelaufene Abenteuerreise. Ich fühlte mich stellenweise in den Zeichentrickfilm à la „South Park“ zurückversetzt, den Michael Moore in der Mitte seines genialen Dokufilms „Bowling for Columbine“ platziert hat. Und genau wie dieser erhebt er auch keinerlei Anspruch auf – politische oder sonstige – Korrektheit. Wie der O-Titel „Dave Barry Hits Below the Beltway“ schon besagt, zielt der Autor (angeblich) unter die Gürtellinie. (Der „Beltway“ ist Washingtons Ringautobahn.)

|Der Autor|

Verlagsinfo: Dave Barry, Pulitzer-Preisträger und in den USA einer der bekanntesten Zeitungs-Kolumnisten [beim „Miami Herald“] und Satiriker, hat zahlreiche völlig unsachliche Sachbücher veröffentlicht. „Die Achse des Blöden“, erschienen im |Eichborn|-Verlag, stand im Sommer 2003 mehrere Wochen lang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.“ (Komisch, habe nichts davon bemerkt.)

Der ebenfalls bei |Bastei-Lübbe| veröffentlichte Roman „Jede Menge Ärger “ („Big Trouble“) wurde von Barry Sonnenfeld, dem wir solche „Meisterwerke“ wie „Men in Black“ verdanken, verfilmt.

_Inhalte_

Eigentlich geht es nur um ein einziges Thema: das politische System der Vereinigten Staaten. Dessen wilde Auswüchse waren kürzlich im TV zu besichtigen, mal mehr, mal weniger komisch. Dabei macht sich der Autor anheischig, eine „politische Evolutionstheorie der USA“ aufzustellen. Nun denn, es gibt vermutlich schlechteren Zeitvertreib.

Das Titelbild ist bereits Programm: Die Köpfe der Präsidenten am Mount Rushmore sind die Konterfeis von Ronald Reagan, George Bush, George W. Bush und, äh, ja, doch, Mickey Mouse. George W. schaut zu seinem Daddy hoch. Aber anscheinend hat er diesmal alles richtig gemacht: Er wurde verewigt. Die Frage ist noch, ob die Einbeziehung von Mickey Mouse die restlichen Präsidenten ehrt – oder verspottet.

Was wäre für eine „politischen Evolutionstheorie“ besser als Anfang geeignet als der Anfang? Der Anfang der Evolution ebenso wie der Anfang der Politik. Denn noch heute fragen sich gewisse Leute, wozu man überhaupt Regierungen erfunden hat, wenn sie doch bloß Unsummen an Steuergeldern verschlingen, es mit der Wirtschaft aber trotzdem bergab geht. (Gute Frage, nächste Frage.) Barrys Antwort lautet – um mehrere Ecken herum interpretiert – so: „Um uns vor den wilden Zucchini zu schützen!“

Wildgewordene Zucchini sind in der Tat eine permanente Bedrohung, nicht nur der westlichen Demokratie, der Freiheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit, sondern des gesamten menschlichen Lebens. Ist das vorstellbar? Nein, allein schon der Gedanke tut weh, und deshalb kommen Zucchini bei Barry als „running gag“ nur in Bildform vor, aber das ständig (bei Nichtgefallen bitte die Augen verbinden).

Nun ist klar, dass jede Regierung ein geringeres Übel als wildgewordene Zucchini darstellt. Man kann also beruhigt über Regierungsformen reden, in Sonderheit natürlich über die US-amerikanische. Im zweiten Kapitel geht es dann schon ums Eingemachte (nicht was ihr denkt!): die Gründung der USA zwecks Verwaltung der Jungkühe. Ähnlich erhellend ist auch die „Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten“ in der unvergleichlichen Prosa eines gewissen Francis „Scott“ Key, der alle Ideale aufzählt, auf die diese stolze Nation gegründet ist:

„Während es uns, dem Volke, im Jammertal des menschlichen Daseins nicht geziemt zu fragen: ‚Was tut dieses Scheißland eigentlich für mich?‘, sondern ganz im Gegenteil, obzwar wir nichts zu fürchten haben als die Furcht selbst, auf dass die Regierung des Volkes, vom Volke und für das Volk, möge eine einig Nation sein, vor Gott, der da wohnt im Himmel, da auch wir vergeben den Unbefugten, und schwören, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, bis dass der Tod uns scheide, auf Lebenszeit oder nach 75 000 Meilen, je nachdem welcher Schadensfall zuerst eintritt, Amen.“ (S. 42)

Im Folgenden musste natürlich nicht nur die Unabhängigkeit in zwei Kriegen gegen die bösen, bösen Briten erkämpft werden, sondern es war auch eine Nation zu gründen und eine – jawohl, ihr habt es erraten! – Regierung mitsamt komplettem System gebildet werden. Leider ist der „ideelle Gesamtentwurf“ dafür nur unter dem Titel „Moby Dick“ bekannt, weshalb die meisten davon nur die Filmversionen kennen. „Wie erst kürzlich durch eine Gallup-Umfrage herauskam, kennen nur die allerwenigsten der Amerikaner das, was als die ‚Konstitution‘ bezeichnet wird, also die Verfassung. Die meisten haben sie nie gelesen, und 54 % der Befragten meinten, es könne sich um ein Hockeyteam handeln.“ (S. 44)

Doch in genau dieser Konstitution steht Grundlegendes für den Fortbestand der Regierung, so etwa in Abschnitt 7 des Artikels II: „Der Präsident wird Praktikanten beschäftigen, für den Fall, dass er mal eine Pizza oder dergleichen braucht.“ Die bekannteste dieser Praktikantinnen ist unter dem Namen ‚Monica Lewinsky‘ bekannt geworden. Wie gesagt, geht es um grundlegende Bedürfnisse. Artikel VI ist daher der Gigantischen Zucchini gewidmet.

In Kapitel 3 (keine Angst, es sind nur 7,5, wegen 7a und 7b) beschäftigt sich der Autor mit dem Widerspruch, der sich stets aus Regierungen ergibt: Wenn doch die Landbevölkerung im Zuge der Verstädterung seit 1800 stetig abgenommen hat, wieso ist dann das Budget des Landwirtschaftsministeriums stetig gewachsen? Bis zur heutigen astronomischen Summe von 50 Milliarden Dollar!? Das Bildungsministerium gibt mit 40 Milliarden nur unwesentlich weniger Geld aus, doch bekanntermaßen ist der Bildungsstandard seit seiner Gründung nicht gerade in den Himmel geschossen. Eher das Gegenteil. (Merke: Die Dummheit der Amerikaner lässt sich in der Menge ihrer Tattoos pro Nase messen. Lassen sich deshalb so viele Briten ihre Tattoos entfernen?) Ähnliches ließe sich für das Verteidigungsministerium sagen, und zwar selbst dann, wenn gerade kein lukrativer Krieg geführt wird.

Der Grund für die ständig steigenden Staatsausgaben sind Barry zufolge die „Bedürfnisse des Volkes“. Oh ja, diese sehen nämlich so aus, dass mächtige Lobbyisten in den Heimatstaaten der Volksvertreter dafür sorgen, dass die Staatsausgaben – sagen wir, für einen Flugzeugträger – dort landen, wo man sie braucht: in den Heimatstaaten, wo das Schiff bzw. seine Bauteile gebaut werden soll. Und solche Lobbys gibt es für alles und jedes, sogar für Zahnseide.

Kapitel 4 beinhaltet einen „Rundgang durch Washington, D.C.“, und seine „wunderbare Welt der Gänge und Korridore“. So wie Mekka und die Ka’aba das obligatorische Reiseziel im Leben eines Muslimen sind, so sollte auch jeder rechtschaffene Ami einmal die Mall, das Kapitol, das Weiße Haus und die Sicherheitscodes für die Atomraketen im Pentagon gesehen haben. Letztere bekommt man als Kopie in die Hand gedrückt. Ein kleines Souvenir.

„Muppets in Maßanzügen“ gibt es im 5. Kapitel zu besichtigen, wenn es um die Wahl des Präsidenten geht. Dabei wird anhand des Beispiels des demokratischen Senators Gary Hart (1984, Colorado) deutlich, dass es nicht um so etwas Nebulöses wie politische „Positionen“ geht. Nein, der Mann muss einfach nur gut aussehen – wie ein Muppet etwa. Doch obwohl Hart supergut aussah, machte nicht er das Rennen, sondern schon wieder Reagan, weiß der Geier, wieso. „Er wirkte einfach wie ein netter Typ“ (S. 118). Genau wie Clinton. Zu Anfang.

„Wenn wir keinen Erfolg haben, riskieren wir einen Misserfolg.“ Diese unsterblichen Worte von George „dem ersten“ Bushs Vizepräsidenten Quayle erinnern an gewisse Fussballspieler in Deutschland, die „nicht nur keinen Erfalg haben, sondern nun auch noch Pech“. Das sind niederschmetternde Erkenntnisse von größter Tragweite, die leider unter der Informationsflut, die die Lewinsky-Affäre lostrat, hoffnungslos untergingen. „Die Bush-Quayle-Administration war ein einziges Schlaraffenland für uns Humoristen“, gesteht der Autor. „Dennoch übertraf keiner der Clowns im Weißen Haus den Lachfaktor, den uns die acht himmlischen Jahre der Clinton-Administration bescherten.“

Ein paar praktische Vorschläge für bessere Wahlkämpfe:

1. Um den verlogenen Wahlkämpfern mehr „Ehrlichkeit zu injizieren“, verabreiche man ihnen Wahrheitsserum (= Natriumpentothal, äh, oder Natriumpentathol – die Übersetzung ist sich da selbst nicht so ganz einig; S. 127-32);

2. Die Kandidaten sollen Sponsorenlogos tragen, wie jeder Formel-1-Rennfahrer;

3. Die TV-Debatte der Kandidaten muss interessanter werden: „Eine sichere Methode, die Einschaltquote dafür zu erhöhen, wäre die Einrichtung einer kostenlosen Telefonnummer, mit der man seinen Favoriten wählt und der Verlierer vor laufender Kamera eliminiert wird.“ (S. 133)

In den letzten drei Kapiteln können wir anhand witziger Beispiele verfolgen, wie ein Wahlkampf abläuft und der Präsident „gemacht“ wird. Der Kandidat könnte beispielsweise versprechen, den Spaniern das ihnen abgekaufte Florida wieder zurückzugeben, oder Louisiana den Franzosen, oder Alaska den Russen (alles ehrlich bezahlte Territorien!).

Es kommt nicht von ungefähr, dass der Autor sich auf Florida, den Sunshine State, konzentriert: Erstens kennt er sich hier aus, weil er für den „Miami Herald“ schreibt, und zweitens wurde hier die Wahl 2000 entschieden. Theoretisch. Praktisch wurde sie vor Gericht entschieden. Macht aber nix. Die Witze sind trotzdem gut. Besonders die, in denen keine Riesenzucchini vorkommen.

_Mein Eindruck_

Die Riesenzucchini. In einem deutschen Satirebuch hätten sie nichts zu suchen. In einem amerikanischen Satirebuch wie diesem dienen sie als Feigenblatt, nach dem Motto: Seht her, der Hofnarr, er faselt von Riesenzucchini. Also kann seine Kritik ja nicht so ernst gemeint sein, oder?

Wer aber genauer hinsieht, und all die sprachlichen Faxen, Hampeleien und irrwitzigen Vorschläge beiseite schiebt oder durchschaut, findet allerdings eine ziemlich geharnischte Kritik des politischen Systems der USA. Man kann sich darüber streiten, ob es sich überhaupt um ein System handelt und nicht etwa um reine Vetternwirtschaft, die durch eine Oligarchie zementiert wurde. Aber immerhin gibt es noch Gesetze, auf die sich der Bürger berufen kann (auch wenn nach dem Patriot Act die Freiheit, sich auf irgendetwas zu berufen, beträchtlich eingeschränkt wurde – besonders der Kreis derjenigen, die sich berufen dürfen).

Natürlich darf der Vergleich mit Michael Moores „Stupid white men“ nicht fehlen. Und der Vergleich fällt für Barry wenig schmeichelhaft aus. Er erteilt nur wenig Informationen darüber, um welche Summen und Größenordnungen (Riesenzucchini!) es geht, noch irgendwelche Ratschläge, es sei denn, er entwertet sie gleich wieder (durch die Erwähnung von Riesenzucchini).

Am besten gefielen mir diejenigen Abschnitte, in denen Barry am ernstesten ist. So etwa bei der Schilderung der Lobbytätigkeit für einen neuen, völlig unnötigen Flugzeugträger. Da dieses Buch offensichtlich vor dem 11. September geschrieben wurde, durfte Barry seine Kritik auch ohne weiteres anbringen. Danach hätte man ihm wohl vorgeworfen, die Sicherheitsinteressen der Nation im „War against Terror“ zu untergraben. Hier in Europa sehen wir das bekanntlich nicht so eng, und so wurde sein Buch denn auch 2003 im |Eichborn|-Verlag verlegt. Michael Moore hatte schon gute Vorarbeit geleistet.

Auch die drei letzten Kapitel, die um die Wahlvorgänge in Miami und Florida kreisen, sind recht lebendig geschildert: Hier kennt sich der Autor aus und plaudert ab und zu mal aus dem Nähkästchen. Das sind durchaus absurd klingende Anekdoten, die er da kolportiert. Eine nähere Erläuterung würde hier aber zu weit führen.

|Die Übersetzung|

Nur an einer Stelle kam ich etwas ins Schleudern, als ich mich auf Seite 158 fragte, was denn in Florida unter einem „Hirtenhund“ zu verstehen sei. Bekanntlich sind diese Tiere vor allem in ländlichen Gebieten des hohen Nordens anzutreffen. Dann kam mir die Erleuchtung: Es handelt sich um die allzu wörtliche Übersetzung der englischen Entsprechung für „Deutscher Schäferhund“. Und diese lieben Tierchen sind bekanntlich immer und überall anzutreffen.

Es gibt noch weitere Beispiele dafür, dass die Übersetzerin Edith Beleites manchmal haarscharf daneben schießt. Der O-Titel wenigstens, der uns Deutschen völlig witzlos erscheinen würde, wurde angemessen ersetzt. „Achse des Blöden“ ist eine – hoffentlich witzige – Verballhornung der berühmten „Achse des Bösen“, die des Öfteren von Reagan und den Bushs proklamiert wurde. Ein weiteres Schreckgespenst, mit dem sie die Ängste und Ausgabenfreudigkeit der Bevölkerung in die gewünschte Richtung steuern konnten.

_Unterm Strich_

Alles in allem finde ich Barrys Buch viel zu harmlos, um es mit Michael Moores „Stupid White Men“ aufnehmen zu können. Durch die Erwähnung der notorischen Riesenzucchini verniedlicht Barry seine durchaus harte Kritik am System selbst. Eine „politische Evolutionstheorie“ konnte ich nicht entdecken, jedenfalls keine ernstzunehmende. Barry, der Hofnarr? Leider ja, denn zum Till Eulenspiegel reicht es keineswegs.

McDermid, Val – Echo einer Winternacht

1978. In einer eisigen Winternacht wird im schottischen St. Andrews eine junge Frau erstochen. Vier Studenten, alte Freunde, finden die Sterbende, können ihr Leben aber nicht mehr retten. Doch seitdem werden sie von Medien, Polizisten und Verwandten der Toten verdächtigt.

Und 25 Jahre später beginnt ein Unbekannter, späte Rache zu üben: zwei der vier Freunde sterben. Ein Albtraum beginnt. Wird es den beiden Überlebenden gelingen, sich und ihre Familien vor dem Rachefeldzug des Unbekannten in Sicherheit zu bringen? Sie machen sich daran, die fast verjährte Tat endlich aufzuklären, denn nur so kann der Wahnsinn gestoppt werden.

|Die Autorin|

Die 1955 geborene Val McDermid wuchs in Kirkcaldy, einem schottischen Bergbaugebiet nahe St. Andrews, auf und studierte dann Englisch in Oxford. Nach Jahren als Literaturdozentin und als Journalistin bei namhaften englischen Zeitungen lebt sie heute als freie Schriftstellerin in Manchester und an der Nordseeküste. Sie gilt als eine der interessantesten neuen britischen Autorinnen im Spannungsgenre – und ist außerdem Krimikritikerin. Ihre Bücher erscheinen weltweit in 20 Sprachen. Für „Das Lied der Sirenen“ erhielt sie 1995 den |Gold Dagger Award| der britischen |Crime Writers‘ Association|. (Verlagsinfo)

Für „Echo einer Winternacht“ wurde sie kürzlich mit dem amerikanischen |Barry 2004 Award| in der Kategorie „Best British Crime Novel“ ausgezeichnet. Der „Barry Award“ wird von der amerikanischen Krimizeitschrift „Deadly
Pleasures“ in verschiedenen Kategorien verliehen. Bei den Recherchen hat sie auf juristischen Rat zurückgegriffen. Denn das schottische Recht weist doch einige Unterschiede zum englischen auf, die für die Geschichte von Bedeutung sind.

|Der Sprecher|

Dietmar Bär, Jahrgang 1961, studierte an der Westfälischen Schauspielschule Bochum. Er ist mit dem Genre „Krimi“ schauspielerisch groß geworden. Erste Aufmerksamkeit als TV-Darsteller zog er durch seinen Auftritt im Schimanski-Tatort „Zweierlei Blut“ 1984 und die Hauptrolle in Dominik Grafs Fernsehspiel „Treffer“ 1984 auf sich. 1986 erhielt er den „Deutschen Darsteller-Preis für den Nachwuchs“. Als Kommissar Freddy Schenk steht er seit 1987 im „Tatort“ zusammen mit Klaus J. Behrendt vor der Kamera. In der Kategorie „Bester Schauspieler in einer Serie“ erhielt er im Jahr 2000 für seine Rolle als Kommissar in der WDR-„Tatort“-Serie den |Deutschen Fernsehpreis|.

Bär hat bislang vier Hörbücher nach Krimis von Håkan Nesser gelesen, die bei |Random House| erschienen sind.

_Handlung_

Ein Mann steht im November 2003 am Grab von Rosemary Duff im schottischen Universitätsstädtchen St. Andrews. Er erinnert sich an jene schicksalhafte Winternacht vor 25 Jahren, als man Rosemary fand …

|16. Dezember 1978|

Vier Studenten, die seit Kindheitstagen Freunde sind, machen auf dem Hallow Hill, einem alten keltischen Friedhof in St. Andrews, eine grausige Entdeckung: Sie finden den blutüberströmten Körper der jungen Rosemary Duff. Die vier Freunde – Ziggy, Gilley, Mondo und Weird – können Rosies leben nicht mehr retten. Gilley läuft zu einer in der Nähe parkenden Polizeipatrouille (es gibt zu wenig Benzin, um durch die Straßen zu patrouillieren) und holt Hilfe. Doch zusammen mit dem Polizisten James Lawson kann er nur noch Rosies Tod feststellen.

Leider sind die ersten Zeugen automatisch auch die Tatverdächtigen, und so werden sie nacheinander von der Polizei in die Mangel genommen. Die Vernehmungen führt Barney Maclennan, doch sie führen nur zu zwei Festnahmen: Die Jungs haben Drogen genommen und sich einen Landrover ohne Wissen des Besitzers „ausgeliehen“, um damit Mädchen von einer Party „nach Hause zu bringen“.

Doch trotz ihrer Beteuerungen, nichts mit dem Mord zu tun zu haben, geraten sie unter Verdacht. Nicht nur das grausige Erlebnis selbst, sondern auch die Vorverurteilung durch Polizei, Medien und Einwohner der Gegend, nicht zuletzt durch Rosies zwei gewaltbereite Brüder Colin und Brian, verändern das Leben des Quartetts und stellen ihre Freundschaft auf eine harte Probe.

Der Fall fordert ein zweites Opfer: Officer Barney Maclennan überlebt seinen Einsatz bei der Rettung von Mondo nicht, der in die eiskalte See gesprungen war, um sich umzubringen. Und wie man munkelt, hat Mondo sogar Maclennan auf dem Gewissen, denn er trat nach dem Polizisten, so dass er zurück in die tobende See fiel. Jede Hilfe kam zu spät.

|November 2003|

Fünfundzwanzig Jahre später rollt die Polizei von St. Andrews unter Leitung von Assistant Chief Constable James Lawson alte Mordfälle wieder auf. Darunter auch den von Rosemary Duff. Dabei sollen neue kriminaltechnische Methoden eingesetzt werden. Doch was heißt schon „eingesetzt“? Aus Geldmangel werden nicht alle möglichen Methoden benutzt, sondern nur die gängigsten, so etwa die DNA-Analyse.

Doch leider müssen die Polizisten erstaunt feststellen, dass die Kartons mit den Beweisstücken aus dem Jahr 1978 verschwunden sind. Durch Zufall ist Rosies Strickjacke, die man später gefunden hatte, im Karton für 1980 gelandet: In ihr finden sich Spuren einer speziellen Farbe, die für Bootsanstriche verwendet wird. Diese Analyse führt aber nicht die Polizei durch …

Es scheint jemanden zu geben, der seine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit hat: Ziggy, inzwischen erfolgreicher Kinderarzt, kommt in Seattle beim Brand seines Hauses in den Flammen um. Sein Lebensgefährte Paul Martin verständigt Gilley. Gilley, das ist Alex Gilbey, lebt seit 25 Jahren mit Mondos Schwester Lynn zusammen. Sie sind seit vielen Jahren verheiratet und erwarten nun voll Vorfreude die Geburt ihres ersten Kindes. Die Nachricht von Ziggys Tod erschüttert sie.

Als kurz darauf auch Mondo Opfer eines Mordanschlags wird, kommt Alex ins Grübeln. Alex wird den Gedanken nicht los, dass es sich um Racheakte handelt. Kein Wunder, denn auf den Begräbnissen seiner zwei Freunde taucht jedes Mal ein Kranz auf, auf dessen Schleife „Rosemary zum Gedächtnis“ steht. Zusammen mit Weird, der inzwischen ein frommer Fernsehprediger in Georgia, USA, geworden ist, gehen sie zu Account Lawson und fordern ihn zum Handeln auf. Wer steckt hinter der Anschlagsserie? Sie werden die nächsten sein, wenn die Polizei nichts unternimmt.

Und als tatsächlich nichts geschieht, schaltet er Mondos Witwe und deren lesbische Geliebte Jackie, eine freie Journalistin ein, um eigene Ermittlungen anzustellen. Schon bald stößt er auf eine Spur, die in eine unerwartete Richtung weist …

_Mein Eindruck_

Val McDermid verfügt über großartige Fähigkeit, eine ganze kulturelle Ära wiederauferstehen zu lassen. Die längst vergangenen Tage von 1978, als Pink Floyd und David Bowie noch Idole waren (nach denen sich Mondo und Ziggy benannten), lässt sie wieder lebendig werden: lange Partys, viele weiche Drogen und mehr oder weniger willige Mädchen. Zu denen allerdings nicht die arme Rosie Duff gehörte.

Da McDermid selbst aus der Region um St. Andrews stammt, fällt es ihr nicht schwer, auch die Eigenarten der Bewohner dieser Region anschaulich deutlich zu machen – und das sind nicht immer positive. Rosies Brüder Brian und Colin gehen schon mal einen Schritt zu weit. Vor allem haben sie etwas gegen Schwule wie Ziggy. Da stehen sie allerdings nicht alleine, wie Alex Gilbey an den erstaunten Mienen seiner Freunde Mondo und Weird abliest. Dass Ziggy schwul ist, wussten sie nicht. Und Ziggy wollte nicht, dass sie es erfahren, denn sie halten ihn jetzt für „krank“. Und er sieht seine medizinische Laufbahn nicht zu Unrecht gefährdet.

„Schwulenklatschen“ – noch heute ein beliebter „Sport“ in manchen konservativen Gegenden, und zwar nicht nur im Wilden Westen, wo Schwule an den Wagen gebunden und zu Tode geschleift worden sind. Colin und Brian stecken Ziggy „nur“ in ein altes Verlies der Burg von St. Andrews. Als Ziggys Schwulsein bekannt wird, verliert Mondo seine Freundin. Als ob er infiziert wäre oder so. (Das führt zu seinem Selbstmordversuch.) Dass Ziggys Vater Jude ist und eine Katholikin geheiratet hat, macht Ziggy nicht beliebter – wenn er das irgendjemandem verraten würde. Es ist kein Wunder, dass er nach Amerika auswandert, an die Westküste, wo es bereits tolerante Schwulen-Gemeinschaften gibt.

Aber auch mit dem heterosexuellen Alex Gilbey verfahren die Einwohner nicht zimperlich. Seine Kommilitonen, insbesondere die für hochnäsig gehaltenen Engländer aus dem Süden (die ’sassenachs‘) schlagen den Schotten zusammen. Er schlägt denn auch keine Akademikerlaufbahn ein wie Mondo, sondern wird Fabrikant von Glückwunschkarten. Nicht gerade der tollste Beruf, aber er nährt seinen Mann, wie seine ebenfalls berufstätige Frau Lynn, eine Gemälderestauratorin, sicher feststellen würde.

Was aber dem Leser bzw. Hörer weitaus merkwürdiger vorkommt als das stockkonservative Verhalten gewisser Leute, ist das Verhalten der Polizeibehörden. Nicht nur, dass eine Patrouille nicht patroulliert, sondern praktisch Wache steht, wundert etwas. Auch dass Beweisstücke im Laufe der Jahre spurlos verschwinden, spricht nicht gerade für Sorgfalt im Job. Dass Colin und Brian Duff nur verwarnt werden, wenn sie Weird krankenhausreif schlagen und Ziggy im Verlies verschwinden lassen, ist noch rätselhafter.

Nicht ganz nachvollziehen kann Alex, warum Lawson, Ermittlungsleiter im Jahr 2003, seine Leute auf Spurensuche setzt, statt sie auf Interviewtour zu schicken. Und warum erzählt Barney Maclennans Bruder Robin brühwarm, wer seinen Bruder auf dem Gewissen hat? Man könnte beinahe auf die Idee kommen, Lawson habe etwas zu verbergen. Doch die Mordserie, der Ziggy und Mondo zum Opfer fallen, lenkt Alex und Weird, die sich Gedanken machen könnten, von solchem Verdacht ab.

McDermid ist es gelungen, ihre Geschichte nicht nur zu einem gut funktionierenden Krimi mit Thriller-tauglichem Herzschlagfinale zu machen. Sie hat einen Entwicklungsroman über vier Angehörige einer bestimmten Generation geschrieben. Und dies sind die besten Geschichten: Der Leser bzw. Hörer nimmt nicht nur am Schicksal der vier „Laddies aus Kirkcaldy“ teil, sondern versteht auch ihr soziales Umfeld, in dem ein Mord wie der an Rosie Duff geschehen konnte, ohne dass er ein Vierteljahrhundert lang aufgeklärt wurde.

In Anspielung auf kurz zurückliegende Hexenjagden auf Pädophile in England (ca. 2002) macht sie klar, dass es latenten Hass gegen Randgruppen wie Schwule, Juden, Schotten, Katholiken und was nicht alles gibt. Und dass kaum etwas dagegen unternommen wird, diese Spannungen abzubauen. Zweitens wird deutlich, dass selbst die modernsten kriminalistischen Methoden wie die DNA-Analyse nicht zum Erfolg führen, wenn sie von den Leuten, die sie anwenden sollen, systematisch sabotiert werden.

Wer soll die Wächter bewachen?, fragten sich schon die alten Römer. Die Frage ist natürlich bis heute aktuell. Ganz besonders brisant wird sie innerhalb der Handlung, als es im Finale darum geht, den wahren Mörder zu verhaften. Die Polizistin, an die sich Alex wendet – er zeigt ihr sogar den Beweis dafür -, weigert sich rundweg und erklärt ihn für geistesgestört: ein klarer Fall von Kadavergehorsam. Lieber lässt sie es darauf ankommen, dass ein Unschuldiger getötet wird. Dass genau das passiert, dürfte jeden redlich denkenden Leser & Hörer zur Weißglut bringen.

|Der Sprecher|

Dietmar Bär gelingt es gut, die Figuren zum Leben zu erwecken. Manche Figuren sprechen betont langsam und bedächtig, andere wieder schnell und in geschliffener Ausdrucksform. Besonders gefiel mir die Stelle, als Bär den Klang nachahmt, den ein Sprecher mit gebrochener Nase – es ist der zusammengeschlagene Weird – hervorbringt. Wie Bär das gemacht hat, versuche ich mir vorzustellen. Hat er sich etwas vor den Mund oder die Nase gehalten?

Die Fülle der Figuren in dem Buch dürfte so manchem Leser/Hörer zu schaffen machen. Leider gibt es weder im Buch noch im Hörbuch einen Liste der „dramatis personae“. Im Hörbuch bin ich durch die Ortswechsel mehrmals ins Schleudern geraten. Dass Ziggys Begräbnis in Seattle stattfindet und Mondo in Glasgow lebt, kapierte ich erst nach einer ganze Weile und wiederholtem „Zurückspulen“ der CD. Hier hilft es wohl, wenn sich der Hörer ein paar Notizen macht.

Im Übrigen ist das Hörbuch ebenso spannend zu hören, wie das Buch zu lesen ist, mit dem ich es vergleichen konnte. Natürlich wurde wieder der rote Faden herausgearbeitet und bis zu dessen logischem Ende verfolgt, das in einem dramatischen Finale gipfelt. Ich hätte der Geschichte noch stundenlang zuhören können. Doch das Hörbuch ist wirklich nur 5 CDs lang: 354 Minuten, knapp sechs Stunden.

_Unterm Strich_

Wie schon beim genialen „Die Erfinder des Todes“ ist Val McDermid auch mit „Echo einer Winternacht“ ein unterhaltsamer und spannender Krimi gelungen, an dessen Verlauf der Leser /Hörer wirklich Anteil nimmt. Das Schicksal der vier Freunde und insbesondere das von Alex Gilbeys Familie liefert den roten Faden, an dem sich die Handlung orientiert.

Doch gibt es eine parallele Handlung, die ich hier aus Geheimhaltungsgründen verschwiegen habe, um die Spannung nicht zu verderben. Und im Zusammenspiel erzeugen die beiden Handlungsstränge eine Dynamik, die schnurstracks auf das dramatische Finale hinführt.

Das Hörbuch hat mich zufrieden zurückgelassen. Besonders die Vortragskunst Dietmar Bärs weiß ich inzwischen zu schätzen. Er hat ja auch einige Van-Veeteren-Romane Håkan Nessers aufgenommen. Stets wird deutlich, dass er sich anstrengt, die Figuren zum Leben zu erwecken und den Hörer an ihrem Schicksal Anteil nehmen zu lassen. Er kommt ohne Musik oder Soundeffekte aus. Aber das geht in Ordnung. Die Geschichte kann für sich stehen und braucht keine unterstützenden Maßnahmen.

Dieses Hörbuch hat sich meine Höchstwertung verdient.

Jilliane Hoffman – Cupido

Eine Staatsanwältin in Miami erkennt in einem Verhafteten denjenigen Mann wieder, der sie zwölf Jahre zuvor brutal vergewaltigt und verstümmelt hatte. Sie benutzt ihre gegenwärtige Position, um sich an dem Serienkiller zu rächen. Dabei übersieht sie leider ein paar Kleinigkeiten.

Die Autorin

Jilliane Hoffman war bis 1996 stellvertretende Staatsanwältin in Miami, bevor sie begann, für das Florida Department of Law Enforcement (FDLE) zu arbeiten. Sie schulte Special Agents in Zivil- und Strafrecht und war an vorderster Front an den Ermittlungen gegen den Mörder des Mödeschöpfers Gianni Versace beteiligt.

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Vance, Jack – Grüne Magie

Dieser Autor (* 1916!) gehört zum unentbehrlichen Repertoire sowohl der Fantasy als auch der Science-Fiction. Die Fantasy, zu der auch die Storysammlung „Grüne Magie“ gezählt werden könnte, bereicherte er um die Romane „The Dying World“ (1950) und die des Lyonesse-Zyklus. Für den Lyonesse-Roman „Madouc“ (1989) erhielt Vance den |World Fantasy Award|.

_Einzel-Storys_

Viele Erzählungen der Sammlung „Grüne Magie“ können sowohl als Fantasy – mit dem Wirkungsprinzip Magie – oder als Science-Fiction – mit dem Wirkungsprinzip Naturgesetz und Rationalität – gelesen werden.

Die Titelstory ist selbst ein Beispiel dafür. Der Protagonist sucht die Dimension, in der Grüne Magie wirksam ist, im Gegensatz zu den Dimensionen, wo z. B. weiße, schwarze und blaue Magie wirken. Er erschafft einen Golem, dem er als Auge eine Filmkamera eingepflanzt hat, und empfängt so Bilder aus einer elfischen Dimension. Leider zertrampelt der Golem auf seinem Weg etliche wertvolle Konstruktionen der Bewohner dieser Dimension.

Dem Protagonisten gelingt es, Zutritt zu erlangen und bei den Bewohnern etwa 200 lokale Jahre lang zu lernen. Nach der Rückkehr – zwei hiesige Stunden später – erscheint ihm alles schal und abstoßend: Essen, Trinken, Sex usw. Er besucht schließlich seinen Vorgänger, dem er ursprünglich gefolgt war. Der hat sich als Tankstellenbesitzer im Nirgendwo des amerikanischen Mittelwestens niedergelassen und neckt die Reisenden mit seinen magischen Stückchen Grüner Magie. – Vance betrachtet die Magie wie ein Stück angewandte Wissenschaft.

|“Die Wundermacher“| gibt es in dieser langen Novelle (ca. 110 Seiten) eigentlich noch gar nicht. Vor langer Zeit landeten Sternenfahrer mit ihren wundersamen Fahrzeugen auf diesem fremden Planeten und verdrängten das Erste Volk, bis es sich im Wald verstecken mußte. Das war vor 1600 Jahren. Nun üben die Unheilsbringer ihre höchst wissenschaftliche und rationale Tätigkeit mit Hilfe von Voodoo-Puppen und Dämonenbeschwörung aus. Sie verhelfen Lord Faide zum entscheidenden Sieg über die restlichen Festungslords.

Leider können sie gegen den Widerstand des Ersten Volkes überhaupt nichts ausrichten, wie der Oberste Unheilbringer gestehen muss: Das Erste Volk ist nicht menschlich und somit nicht für Dämonen etc. empfänglich, vielmehr benutzt es die Methoden der Wundermacher von anno dunnemals, um Lord Faides Burg zu umzingeln, seine Ritter zu töten und ihm mit einem hohen Wall plus Deckel die Luft abzuschneiden. Kurz vor dem Erstickungstod aller Burginsassen gelingt es dem bislang als Nichtsnutz betrachteten Novizen Sam Salazar, den harten Schaum des Walls der Aliens mit Hilfe von Essig aufzulösen. Man schließt ein Abkommen zur friedlichen Koexistenz ab. Sam wird der erste der „Wundermacher“ – natürlich ein Wissenschaftler aufgrund seiner Methode – und nimmt sofort neue Anhänger in seine Gilde auf. Die alten Unheilsbringer aber haben ausgedient.

In |“Die Mondmotte“| (1961), einer der ausgefeiltesten Kurzgeschichten Vances, dient Musik auf einem fremden Planeten als zweite Form der Kommunikation. Die Etikette verlangt, dass man die korrekte Maske trägt – die des Protagonisten ist die der einheimischen Mondmotte. Die Story ist eine spannende Detektivgeschichte mit überraschendem Ausgang. Sie wurde häufig in Anthologien aufgenommen, auch in der SF.

|“Mitr“|, möglicherweise die letzte Menschenfrau auf dieser Welt, lebt zurückgezogen am Strand eines Meeres. Sie entdeckt eines Tages, wie Astronauten landen und willkürlich Jagd auf die Wesen am Strand machen. Kaum, dass sie sich aus ihrem Versteck hervorgewagt hat, wird sie selbst gejagt, entkommt aber. Eine Sterbende-Welt-Szenerie mit SF-Hintergrund.

In der seltsamen Story |“Die Menschen kehren zurück“| ist ein Planet in eine Dimensionstasche des Chaos geraten, so dass alle Naturgesetze außer Kraft gesetzt wurden: Luft wurde essbar, Wasser floss nach oben. Der letzte Mann und die letzten zwei Frauen kämpfen mit verschiedenen Strategien ums Überleben, die nicht selten den Tod eines Artgenossen fordern. Die alten Männer sind schon draufgegangen. Da endet das Zeitalter des Chaos, die Menschen werden wieder das, was sie mal waren. Eigentlich eine SF-Story.

|“Das Schmale Land“| ist die Zone zwischen den Watten eines Meeres und den Klippen bzw. einer hohen Mauer. In dieser Zone gibt es menschenähnliche Wesen, bei denen die weiblichen Eier in den Schlamm legen. Je nachdem, wie sich die verschiedengeschlechtlichen Eier miteinander verbinden, entstehen Wesen mit einem Knochenkamm auf dem Schädel oder mit zweien.

Als Ern erwachsen wird, wird er von den Einern an die Zweier verkauft und genießt eine Ausbildung. Sein Einer-Wesen wird entdeckt – man jagt den „Grotesken“, der inzwischen drei Kämme entwickelt hat. Er trifft den letzten Dreier auf der Erde (?) in dessen Festung. Ern beschließt, genetische Experimente vorzunehmen und sich ein Weibchen zu erschaffen. – Ein Beispiel für eine geradezu wissenschaftliche Beobachtungsweise.

Die Story |“Die Pilger“| präsentiert einmal mehr die Figur von Cugel dem Schlauen, einem Trickster, der anderen Pilgern etc. Streiche spielt, die stets zu Cugels Vorteil sind, die aber auch nach hinten losgehen können. Die Pilgerfahrt führt 59 Pilger durch gefährliche Länder bis zum Wallfahrtsort Erze Damath, wo man das Standbild Gilfigs verehren will. Cugel verleitet seine Mitpilger zum Durchqueren der Silbernen Wüste, denn er will die jenseits davon gelegene See überqueren und nach Ameryl weiter.

Diese Reise ist ein Beispiel dafür, wie unangepasstes Verhalten zum Tode führen kann: Als Einziger bleibt Cugel übrig. – Interessant, wie die Pilger die Glaubensfragen diskutieren: Warum sie wen anbeten und wie sie ihr Leben dementsprechend ausgerichtet haben. Da schimmert viel Ironie durch. (Cugel ist eine Figur aus Vances wichtigstem Roman, „Die sterbende Erde“.)

|“Das Geheimnis“|, das die Südsee-Insulaner entdecken, wenn sie ihre Insel des ewigen Lebens verlassen und – jeweils alleine – nach Westen segeln, ist der Tod.

|“Liane der Wanderer“| ist einer der Protagonisten des Episodenromans „Die sterbende Erde“ („The Dying Earth“, 1950). Vance hat den melancholischen Ton von Clark Ashton Smiths „Zothique“-Erzählungen übernommen, aber ironisch gewendet. Seitdem haben sich alle „Sterbende-Erde“-Storys an diesen Ton zu halten, z. B. bei Michael Moorcock. Die sterbende Erde ist bevölkert von Ungeheuern und Dämonen, mit denen sich die Protagonisten auseinandersetzen müssen. Viele Themen der Fantasy werden aufgenommen und mit einer neuen Pointe versehen.

Liane der Wanderer ist sehr von sich selbst überzeugt: mutig, gut aussehend und mit einem unsichtbar machenden Bronzereif ausgestattet – so muss ihm auch die neu zugewanderte „Goldene Hexe“ Lith sozusagen in den Schoss fallen. Mitnichten! Das Frauenzimmer besteht darauf, dass er (!) ihr (!) einen Dienst erweist, bevor sie ihn erhört. Er soll ihr die andere Hälfte ihres magischen Gobelins bringen, die ein Dämon namens „Chun der Unvermeidliche“ geraubt haben soll.

Mutig, wie Liane ist, macht er sich auf die Socken und kann schließlich sogar den Gobelin Chuns von der Wand reißen – doch dahinter kommt der Dämon zum Vorschein. Als Liane sich unsichtbar macht, glaubt er sich in Sicherheit. Doch der unvermeidliche Chun ist bereits da! Wenig später bringt Chun der goldenen Hexe zwei Fäden, mit denen sie ihre Häfte des Gobelins erweitern kann. Die Fäden haben die goldene Farbe von Lianes Augen. Eines Tages wird Liths Gobelin fertig sein, und sie kann in ihre Heimat zurückkehren …

_Unterm Strich_

Diese Storysammlung macht den Leser mit einigen der wichtigsten Storys und Figuren in der Fantasy bekannt – Cugel, die Mondmotte, die sterbende Erde – , gehört also in die Bibliothek. Zudem sind fast alle Erzählungen sehr unterhaltsam.

_Der Autor_

Jack Holbrook Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im 2. Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science-Fiction, die bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science-Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist. Herausstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science-Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik als eine Form der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen Edgar verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der Dämonenprinz-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Detail eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher Hard SF, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist. Leider verstand er es in seinen Werken bis in die 80er Jahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens einen kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach, so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonstwoher. Im ersten Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang -, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science-Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass Vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

|The Jack Vance Archive|: http://www.jackvance.com

Lucas, George – Star Wars – Krieg der Sterne, Episode VI: Die Rückkehr der Jedi-Ritter

Es war ja abzusehen, aber nun gibt es die erste Star-Wars-Trilogie auch im Hörspiel. Wer darauf skeptisch reagiert, sollte sich von der Qualität selbst überzeugen: Sie ist erstklassig. Mir hat die Episode 4 am besten gefallen. Wer seine Stereoanlage ordentlich aufdreht, bis die Wände wackeln, wird den Angriff auf den Todesstern erleben, als sitze er selbst in einem X-Wing-Jäger.

|Das Hörspiel|

Der technische Standard der Hörspiels ist vom Feinsten – wie es sich für eine Lucas-Produktion gehört. Der Ton erklingt in Stereo, und wer seine HiFi-Anlage ordentlich aufdreht und den Subwoofer zuschaltet, wird ein Klangerlebnis ernten, das dem der DVD-Version (in DD 5.1) kaum nachsteht. Leider kommt der Soundstandard der CD momentan nicht über DD 2.0 hinaus.

Regisseur des Hörspiels ist Oliver Döring, der Macher der erfolgreichen neuen „John Sinclair“-Hörspiele, die mit ihrem Sound zu beeindrucken wissen. Die Story ist auf das Nötigste, den roten Faden, zusammengekürzt. Doch Hörer, die das Buch nicht kennen, werden über so manchen Namen stolpern, der in den Filmen entweder nicht erklingt oder überhört wird. Es könnte aber auch an den Änderungen liegen, die Lucas in den DVD-Fassungen vornahm (siehe unten).

Ein ganz besonderes Schmankerl stellt das zwölfseitige Booklet dar. In Vierfarbdruck sind hier etliche Szenenfotos zu sehen. Davon sind einige laut Verlagsangabe sehr selten. Sehr hübsch sind wieder einmal die Fotos von C3PO: Einmal sitzt er auf dem Thron der Ewoks, auf dem anderen wagt er ein Tänzchen mit einer kleinen Ewok-Dame. Viel beeindruckender finde ich jedoch das doppelseitige Ausklappbild mit dem rasenden „Millenium Falcon“, der, vor einer Flammenhölle fliehend, durch so etwas wie einen Röhrentunnel saust.

Star-Wars-Fans werden sogleich auch die Poster-Art wiedererkennen. Sie ist auch auf der Innenseite und Rückseite der Jewelbox zu finden. Das Motiv auf der CD selbst zeigt den zweiten, unfertigen „Todesstern“. Nimmt man die CD heraus, fällt der Blick auf ein emporgerecktes Laserschwert … Diese Grafik-Elemente dürften auch den letzten Zweifler überzeugen, dass es sich um ein echtes, hundert Prozent originales |Lucasfilm|-Produkt, lizenziert von |WortArt|, handelt.

|Der Sprecher|

Joachim Kerzel, 1941 in Hindenburg/Oberschlesien geboren, erhielt seine Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Als gefragter Synchronsprecher leiht er Jack Nicholson, Dustin Hoffman, Dennis Hopper und vielen anderen Stars seine sonore Stimme. Ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist mir seine Beteiligung an der Hörbuchfassung von Stephens Kings „Das Mädchen“, die er zusammen mit Franziska Pigulla bestritt. Seine sonore Stimme macht aus jedem Gegenstand etwas Grandioses. Daher ist er häufig auch in der Werbung zu hören, so etwa zu den Medienprodukten um Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Verfilmung.

_Handlung_

Zur Vorgeschichte siehe „Krieg der Sterne“ und „Das Imperium schlägt zurück“, also die Episoden 4 und 5.

Das Imperium hat einen zweiten „Todesstern“ im Bau und schon fast fertig gestellt. Vader sorgt dafür, dass die Bauarbeiten beschleunigt werden. Der Imperator himself will nämlich hier seinen Endsieg über die Rebellen feiern. Und den hohen Herrn darf man keinesfalls enttäuschen, wenn einem was am Leben liegt.

Unterdessen auf dem Wüstenplaneten Tatooine, der früheren Heimatwelt Luke Skywalkers. Bekanntlich ist es Luke, Leia und Lando (die drei Killer-Ls?) gelungen, aus der Wolkenstadt Calrissians zu entkommen. Nun geht es darum, den eingefrorenen Han Solo zu befreien. In Verkleidung versuchen Leia und Luke, als Kopfgeldjäger mit Jabba the Hutt, dem Boss der Unterwelt des Planeten, einen Deal zu machen: Hauptsache, er gibt ihnen Han Solo.

Leider klappen die Pläne nicht ganz wie vorgesehen. Leia wird versklavt und muss halbnackt und angekettet als Tänzerin Jabba zu Diensten sein (was leider auf dem Hörbuch kaum zur Geltung kommt). Luke fällt durch eine Falltür in das finstere Verlies, das von einem Monster namens Renkor beherrscht wird.

Zwar gelingt es den Robotern R2-D2 und C3PO, Han Solo aus dem Carbonit zu befreien, doch damit ist noch nichts gewonnen. Alle Gefährten werden gefangen genommen und sollen in der Wüste einem weiteren Monster vorgeworfen werden. (Offenbar herrscht hier ein Überschuss an Ungeheuern.) Diese Exkursion endet für diverse Insassen des Segelschwebeschiffes von Jabba recht fatal: Es fliegt in die Luft. Doch zuvor sind die Gefährten entkommen.

|Intermezzo:|

Luke fliegt zu Yoda zurück, um seine Jedi-Ausbildung abzuschließen. Zu spät: Yoda gibt den Löffel ab. In langen Gesprächen mit Yoda und Kenobi erfährt Luke endlich, dass er eine Zwillingsschwester – Leia – hat, die vor den Imperiumskräften ebenso versteckt werden musste wie er. Auch über die Vergangenheit und den Werdegang seines Vaters Anakin erfährt er eine Menge. Kenobi prophezeit, dass, wenn es Luke nicht gelingt, Vader zu töten, das Imperium siegen werde. Diese Prophezeiung stürzt Luke in einen Zwiespalt, der sich für ihn verheerend auswirken wird.

|2. Akt:|

Das Imperium hat seinen neuen „Todesstern“ über dem Waldmond Endor in Stellung gebracht, der irgendwo am Rande der Galaxis den Rebellen als Sammelpunkt dient. Hier wird die Rebellenflotte dem Imperium die finale, entscheidende Schlacht liefern.

So lautet zumindest der Plan. Denn der „Todesstern“ verfügt über einen Schutzschild, der ihn unangreifbar macht. Die Energie dafür wird ihm von einer Station auf Endor zugeführt. Diese gilt es also zunächst zu zerstören, bevor der Rebellenangriff mit Aussicht auf Erfolg gewagt werden kann. Han und Leia führen einen Kommandotrupp an, der die Bodenstation außer Funktion setzen soll. Sie stoßen schnell auf erhebliche Schwierigkeiten: Das Imperium hat sie erwartet.

Nach ersten Kämpfen setzt sich Luke ab, um sich seinem Vater an Bord des „Todessterns“ entgegenzustellen. Doch hier hat er es nicht nur mit Vader zu tun, sondern mit dessen Boss, dem oberfiesen, durchtriebenen Imperator. Dieser versucht, Luke auf die „dunkle Seite der Macht“ zu ziehen. (Die Macht ist also nicht nur ein religiöses, parapsychologisches und genetisches Phänomen, sondern auch ein psychologisches – tolle Sache, das!)

Der Zwiespalt, in dem Luke steckt, sieht so aus: Wenn er versucht, Vader oder den Imperator als die zwei Oberschurken zu töten, trägt ihn sein Hass auf die „dunkle Seite der Macht“, d. h. er ist auch nicht besser als einer dieser Schurken. Er kann sie aber auch nicht am Leben lassen, denn sie würden in kürzester Zeit seine Gefährten vernichten. Und dann ist da noch Kenobis Prophezeiung. Er tut das einzig Richtige, das die dritte Seite dieses Dreiecks aus Luke, Vader und Imperator unter Zugzwang setzt: Er weigert sich, sich dem Imperator zu unterstellen, wirft vielmehr sein Laserschwert weg und ist bereit, sein Leben zu opfern.

Unterdessen ist die Rebellenflotte im Anflug auf den „Todesstern“ in der Hoffnung, dass der Schutzschild deaktiviert wurde. Ein kleiner Irrtum, wie sich herausstellt. Alles ist in der Schwebe – das Schicksal der Galaxis muss sich entscheiden. Doch was wird den Ausschlag geben?

_Mein Eindruck_

Episode 6 besteht über weite Strecken aus zwei Handlungssträngen, die je einem grundverschiedenen Tempo folgen. Während sich Solo, Leia und Co. den Rebellen anschließen und so für die Action auf Endor sorgen, setzt sich Luke auf einer ganz anderen Ebene mit den Gegebenheiten seines Lebens und der Herrschaft über die Galaxis auseinander. Dies erfordert lange Dialoge mit Yoda, Kenobi, Vader und dem Imperator, die sehr lange dauern und die Handlung fast zum Erliegen bringen.

Idealerweise sollte der Actionpart um Solo & Co. diese Langsamkeit ausgleichen, doch in der Umsetzung hat das nicht ganz hingehauen. Die Dialogszenen behaupten weiterhin ihr Übergewicht. Auf der Suche nach Gründen stößt man schnell auf die Ewoks. Diese tapferen Teddybären auf Endor entsprechen dem Äquivalent der kannibalischen Neger in den Tarzanfilmen und Cartoons der 1930er Jahre: Sie wollen Solo & Co. kochen, um sie zu verspeisen. Eine ziemlich lächerliche Idee.

Noch lächerlicher ist die Lösung, die sich George Lucas für dieses dramaturgische Problem hat einfallen lassen: C3PO behauptet, er sei ein Gott. Zum Beweis lässt Luke ihn und R2-D2 per Telekinese schweben. Die tumben Trapper und Speerträger aus dem Endorwald fallen denn auch in die obligatorische Demut, die einem Gott gegenüber angebracht ist. Mit den gleichen trügerischen Methoden arbeitet doch auch der Imperator, oder? Nur ist es bei ihm nicht halb so lustig.

Am Schluss, nach dem großen Finale (das hier nicht verraten werden darf), tanzen die Sieger ausgelassen mit den Eingeborenen Endors. Das hätte man im Zweiten Weltkrieg unerlaubte Verbrüderung mit der Bevölkerung genannt, aber es passt natürlich zu einem Sternenmärchen. Dass Han glaubt, die angebetete Leia habe ihr Herz nun an Luke verloren, ist nur das ironische Sahnehäubchen.

|Ausblick|

Im Jahr 2004 ist die Doppel-Trilogie beinahe fertig: Nächstes Jahr kommt der – vorerst – letzte Film in unsere Kinos: Episode 3 (es geht um die mysteriösen Sith). Die DVD-Box der ersten Trilogie ist nun mit großem Erfolg in den Läden. Und sie ist der Ausgangspunkt der Hörspielfassung. Das bedeutet auch, wie der Kenner weiß, dass sämtliche Änderungen, die Lucas an den Originalen vornahm, auch in den Hörspielen zu finden sind. Und das sind eine ganze Menge.

|Der Sprecher / Das Hörspiel|

Der beeindruckende Stereo-Sound entspricht dem digital aufpolierten Sound, der in den Filmszenen auf den DVDs zu hören ist. Das bedeutet, wenn es hier kracht, dann rummst es auch wirklich. Das Gleiche gilt für die aufpolierte Musik von John Williams, die in ihrem Beitrag zur Dramatik dieser Sternenoper nicht zu unterschätzen ist. Sie steuert ganz direkt die Emotionen des Hörers.

Aber sie tut dies auch mit den bekannten Ohrwürmern. Dazu gehören sämtliche Erkennungsmelodien der einzelnen Figuren: Darth Vader, Luke, Han Solo – sobald sie auftreten, erklingt ihr Thema. Genau wie in Jacksons „Herr der Ringe“. Am besten gefiel mir die spannende Szene zwischen Luke, Vader und dem Imperator. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt des Plots.

Es gibt für mich nur einen Wermutstropfen: Für die Produktion hat man die alten deutschen Sprecherstimmen übernommen. Das erscheint als Pluspunkt, doch leider hat man deren mindere Klangqualität nicht ebenfalls digital aufgebessert. Zuweilen klingen sie etwas scheppernd, und in Szenen mit zahlreichen Sprechrollen kommt es hin und wieder, wenn man ganz genau hinhört, zu Interferenzen und Verzerrungen. Dieser Effekt ist absolut minimal und selten, aber mit einem guten Ohr – und noch besserem Equipment – wahrzunehmen.

Joachim Kerzel wird in seiner Funktion als Erzählerstimme nicht über Gebühr gefordert, aber sein Vortrag sorgt für die erforderliche Dramatik, ist kompetent und mitreißend. Seine Leistung wird besonders im ersten Finale deutlich, beim Duell zwischen Imperator, Vader und Luke. Die Klangqualität entspricht höchsten Standards.

|Änderungen gegenüber den Originalen|

Erstmals tritt jetzt der Chef von Vader auf, der Imperator. Wie inzwischen bekannt sein dürfte, wurde dessen Gesicht im überarbeiteten Film an das von Kanzler Palpatine in Episode 1 und 2 angepasst. Auch seine deutsche Stimme klingt jetzt anders: viel glatter, hinterlistiger. Das gilt nur für Episode 5 des Hörspiels. In Episode 6 fehlt ihr der für alle anderen deutschen Synchronstimmen typische scheppernde, raue und ein wenig heisere Klang keineswegs. Hierbei erweist sich, dass die Leistung des ursprünglichen deutschen Synchronsprechers (Name unbekannt) immer noch unübertroffen ist.

_Unterm Strich_

Nun sollte eigentlich so etwas wie ein Resümee der gesamten Trilogie geliefert werden. Aber ist dies wirklich nötig? Schon in den Fazits zu Episode 4 und 5 habe ich entsprechende Andeutungen gemacht, dass es deutliche Unterschiede in der inhaltlichen Qualität der Hörspiele gibt. Im Rückblick ergibt sich, dass die übergreifende Produktpräsentation einem echten |Lucasfilm|-Produkt an Qualität in nichts nachsteht, dass aber der Inhalt des ersten Hörbuchs mir am besten gefallen hat.

Also lässt sich ohne weitere Umschweife sagen, dass der Käufer jeweils ein sehr gutes Hörspiel erhält, sich die inhaltliche Qualität nicht immer die Waage hält. Und wer von |Star Wars| als einem Sternenmärchen sowieso nichts hält, der wird auch mit den Hörspielen nichts anfangen können. Man muss schon eine gewisse Begeisterung mitbringen …

… genau wie bei den Filmen: Mitte nächsten Jahres geht der Rummel wieder los, wenn es zum sechsten Mal heißt: „Es war einmal in ferner Zukunft in einer weit entfernten Galaxis …“

|Umfang: 65 Minuten auf 1 CD|

Siegel, James – Entgleist

Ein braver Werbefachmann und Familienvater gerät durch die Verlockungen des Sexus auf moralische Abwege. Womit er nicht gerechnet hat: Er wird wohl für den Rest seines Lebens erpresst. Wenn er nicht schnellstens einen Ausweg findet, hat er die Zukunft seiner kranken Tochter verspielt. Ein Albtraum nimmt seinen Anfang.

|Der Autor|

James Siegel studierte an der Uni von New York, bevor er eine Karriere als Werbefachmann einschlug, dessen Kampagnen mehrfach ausgezeichnet wurden. Sein Debütroman „Epitaph“ erhielt 2001 den ersten Preis als bester Kriminalroman, eine Auszeichnung der „Private Eye Writers of America“. Der Autor lebt auf Long Island vor der Stadt New York. (Verlagsinfo)

Inzwischen wurde „Entgleist“ fortgesetzt. Siegels neuester Thriller trägt den Titel „Detour“ (= Umweg).

|Der Sprecher|

Jürgen Kluckert hat an der Schauspielschule „Ernst Busch“ studiert und Rollen im „Tatort“, bei „SOKO“ und „Liebling Kreuzberg“ gespielt. Auch am Theater und als Synchronstimme von u. a. Morgan Freeman, Nick Nolte, Robbie Coltrane und Chuck Norris wurde er bekannt.

_Handlung_

Jeden Morgen nimmt der Werbefachmann Charles Schine den Zug um 8 Uhr 43, der ihn von Long Island nach New York City bringt, wo Charles in einer Werbeagentur arbeitet. Als verheirateter Mann mit einer zuckerkranken Tochter, Anna, tendiert er dazu, lieber kein Risiko einzugehen. Das geht so lange gut, bis er einmal einen Zug später fahren muss. Er ist so in Eile, dass er nicht einmal einen Fahrschein gelöst hat. Das Geld dafür muss er sich von einer netten Passagierin leihen: ganze neun Dollar. Sie heißt Lucinda, hat auffallend schöne Beine und noch viel schönere Augen. Klar, dass er sie wiedersehen will.

Doch sie sei verheiratet, sagt sie, und könne ihn nur zu bestimmten Zeiten treffen. Da sie auch in der Stadt arbeitet, trifft sie Charles zum Mittagessen, dann einmal zum Abendessen, schließlich wird aus dem harmlosen Flirt eine heiße Affäre. Charles braucht den Aufwind, den ihm Lucinda verschafft, denn mit seiner eigenen Karriere steht es nicht zum Besten.

Sie fahren zusammen zu einem schäbigen Hotel in einem gefährlichen Viertel, wo kaum Weiße zu sehen sind, schon gar nicht so wohlhabende wie dieses Pärchen. Lucinda wählt das Hotel, und Charles lässt sie bestimmen. Nach einem leidenschaftlichen Schäferstündchen folgt das böse Erwachen. Auf der Treppe vor dem Zimmer lauert ihnen ein Kerl auf, der Charles mit einem Revolver niederschlägt. Während Charles um sein Bewusstsein ringt, vergewaltigt der brutale Kerl Lucinda mehrmals. Erst nachdem er ihre Brieftaschen geraubt hat, verschwindet er. Beschämt trennen sich Lucinda und Charles voneinander.

Doch damit endet der Alptraum keineswegs. Er beginnt erst. Denn der Räuber, der sich Raul Vasquez nennt, ruft in Charles‘ Haus an. Dessen Frau Deanna ahnt nichts Böses und reicht den Anruf an Charles weiter: Vasquez verlangt zehntausend Dollar für sein Schweigen. Charles ist leicht erpressbar, denn er hat Deanna nichts von dem traumatischen Zwischenfall erzählt. Sie hat mit der zuckerkranken Tochter bereits genug Sorgen am Hals, denkt Charles. Und natürlich darf auch Lucinda nichts zustoßen, die er schmählich im Stich gelassen.

Er übergibt Vasquez die 10.000 Dollar in einem schäbigen New Yorker Viertel, doch ein paar Wochen später verlangt Vasquez die zehnfache Summe. Dafür muss Charles den Fonds, den er für seine Tochter angelegt hat, angreifen. Doch er bemerkt Anzeichen, dass Vasquez in der Nähe seines eigenen Hauses war. Und so willigt er ein, auch diese Summe zu zahlen. In der Firma lässt er sich auf krumme Geschäfte ein, um den Verlust auszugleichen.

Ihm wird endlich klar, dass Vasquez nie aufhören wird, ihn zu erpressen. Und deshalb wendet er sich an Winston Boyko, der in seiner Firma die Post austrägt. Winston ist ebenfalls Baseballfan und Charles‘ einziger Kumpel. Da er schon mal im Gefängnis war, kennt er sich aus. Doch er will ganz genau wissen, worum es Charles geht. Der muss erkennen, dass er Vasquez nur durch dessen Tod los wird.

Diese explizite Anstiftung zum Mord wird Charles später noch große Probleme bereiten. Denn von nun an geht alles schief, was nur schief gehen kann. Jedenfalls bis zu dem Tag, an dem Charles erkennt, dass Lucinda gelogen hat, als sie sagte, sie habe selbst eine kleine Tochter …

_Mein Eindruck_

Diese Story ist so abgedroschen, dass sich der Autor etwas Neues einfallen lassen musste. Dies findet in einer Art Rahmenhandlung statt. Charles Schine ist mittlerweile Creative-Writing-Lehrer in einer Haftanstalt. Was hat er hier zu suchen, fragt man sich vielleicht. Allerdings kennt man Charles zu diesem Zeitpunkt noch nicht, denn diese Rahmenhandlung bildet den Beginn der Geschichte. Also wundert sich der Hörer noch nicht, was das soll.

In Charles‘ Schreibklasse sitzen natürlich Knastbrüder, klar. Sie geben ihre Arbeiten anonym ab. Doch einer von ihnen gibt nach und nach eine Geschichte ab, die der Lebensgeschichte von Charles seit jenem fatalen Tag, als er Lucinda kennen lernte, aufs Haar genau ähnelt! Woher weiß der anonyme Mann das?

Nach einer Weile zieht es Charles vor, seine Geschichte selbst zu erzählen. Diese Binnenhandlung macht den Löwenanteil des Romans aus. Dann taucht Charles hier im Knast auf, in seiner Schreibklasse. Die Rahmenhandlung wird zur alleinigen Haupthandlung. Endlich wird auch der Zweck der Schreibklasse klar: Hier sucht Charles seinen Erpresser und Peiniger … Mehr darf nicht verraten werden, aber aus der Inhaltsangabe kann man sich ausrechnen, wie es weitergeht.

Der Autor hat also doch noch einen Kniff gefunden, seiner uralten, ausgelutschten Story vom gefallenen Biedermann einen spannenden Dreh zu verpassen, der dem Rest des Buches eine gewisse Spannung verleiht. Was jedoch inhaltlich etwas verblüfft, sind die erheblichen Unterschiede in der Erscheinung des Charles Schine. Der Lehrer im Knast ist ein abgebrühter Typ, der genauso gut selbst Jahre abgesessen haben könnte. Dem ist einiges zuzutrauen. Der Familienvater Schine hingegen, der in der Binnenhandlung über die Fallstricke der Moral stolpert und erpressbar wird, ist ein ganz anderer Mensch: ein Trottel von Biedermann.

Wenn aber beide Schines identisch miteinander sind, so muss eine erhebliche Entwicklung stattgefunden haben. Nun erhebt sich natürlich die spannende Frage, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte – und wozu der „neue“, aktuelle Charles Schine fähig ist, wenn er gefunden hat, was er im Knast sucht. Man wartet einigermaßen neugierig auf die Beantwortung dieser zwei Fragen – und wird auch vom Autor keineswegs enttäuscht. Diese Erzähltechnik allein hebt den Roman aus der Masse amerikanischer 08/15-Thriller heraus.

|Hörerlebnis|

Während mir das Lesen des Buches zunehmend durch verschiedene Umstände verleidet wurde, konnte ich mich für das Hörbuch immer mehr erwärmen. Hier fehlen die weinerlichen Blicke auf die ach so kranke Tochter Anna und die ach so vertrauensselige und furchtbar verletztliche Gattin Deanna – ein vermeintliches Idyll, das der ach so zartbesaitete und fürsorgliche Charles keinesfalls zerdeppern möchte. Lucinda ist nicht mehr die strahlende Verlockung, sondern ein verführerisches Weib, und Raul Vasquez ist nicht mehr der Teufel an der Wand, sondern einfach nur ein normal-skrupelloser Krimineller.

All diesen Mumpitz hat der kluge Bearbeiter dem Hörspiel ausgetrieben. Die Handlung rast schnurstracks wie ein D-Zug auf die Katastrophen zu, die sich in Charles‘ Leben ereignen müssen, damit die oben genannten zwei Identitäten ein Kontinuum bilden. Dennoch gilt es einige Peinlichkeiten zu überstehen, die nicht gestrichen wurden. So etwa stellt Charles eines Nachts fest, dass jemand – Vasquez? – an den Baum gepinkelt hat, der die Grenze des Grundstücks der Schines markiert. So als sei Vasquez ein Hund, der sein Territorium markiert, indem er Bäume anpisst.

Apropos Hunde: Als Charles eine Leiche auf einem Müllplatz entsorgen will, wird er von einem räudigen Köter bedrängt, der den blutigen Körper, der da in sein Revier gebracht wird, für sich beansprucht und großzügigen Futterlieferanten die Zähne zeigt. Charles bevorzugt das klügere Ende der Tapferkeit und nimmt Reißaus. Er hat zu diesem Zeitpunkt offensichtlich Angst vor wehrhaften Wadenbeißern.

(Achtung: SPOILER!)

Später kehrt er an den Tatort zurück, an dem sein Albtraum begann: das Hotelzimmer, das erst zum Liebesnest und dann zum Schausplatz seiner schlimmsten Erniedrigung wurde. Durch einen abstrusen Zufall fliegt genau im entscheidenden Augenblick das Hotel in die Luft. Es sind genau solche „plot-twists“, an denen sich die Geister scheiden: Die einen finden sowas geil, weil völlig unvorhergesehen. Die anderen finden sowas dämlich, weil es dafür überhaupt keine plausible Erklärung gibt, die ihre Vernunft ansprechen würde. Ich gehöre zu Letzteren. Allerdings liefert diese Wendung dem Autor einen Vorwand, noch weitere hundert Seiten zu schreiben. War es das wert? Vielleicht, da bin ich mir nicht sicher. Aber es hätten sich eine Menge Schlüsse angeboten, die weniger spannend gewesen wären.

|Der Sprecher|

Jürgen Kluckert, die deutsche Stimme von Morgan Freeman, verfügt über ein ähnlich sonores Sprechorgan wie Frank Glaubrecht (Al Pacino) und Joachim Kerzel (Jack Nicholson u. v. a.). Deshalb fällt es ihm keineswegs schwer, der mitunter doch recht absurden Story die nötige Autorität mit auf den Weg zu geben, so dass der Hörer einigermaßen leicht seinen natürlichen Unglauben aufgibt und sich auf die Lebensgeschichte des Charles Schine einlässt. Ich konnte keine Aussprachefehler feststellen. Die Story wurde erheblich gestrafft, ganze Szenen fielen dem Rotstift zum Opfer – gut so, sage ich (s. o.). Druckfehler wie im Buch gab es glücklicherweise auch keine. 😉

_Unterm Strich_

Im Vergleich zum Buch „Entgleist“, das ich angefangen hatte, bevor ich aufs Hörbuch umstieg, hat mir die Audiofassung ausgezeichnet gefallen. Lässt man die genannten Absurditäten mal so gelten, so ergibt sich doch ein auf ungewöhnliche Weise erzählter Thriller, der über die Masse der amerikanischen 08/15-Thriller hinausragt. Das Thema besteht nun nicht mehr darin, wie Otto Normal seine Familie vor dem Bösen schützt, sondern wie sich Otto Normal verändern muss, um in der Lage zu sein, das Böse zur Strecke zu bringen. Und das ist ein anderes, weitaus spannenderes Spiel. Über die Moral von der Geschicht‘ sollte sich jeder selbst seine Gedanken machen. Im Augenblick ist die Versuchung groß, alles auf die aktuelle politische Lage der USA und den Irak zu übertragen.

Der Sprecher bringt seine stimmliche Kompetenz, sprachliche Wendigkeit und seine Autorität ein, um der Story des Thrillers die nötige Glaubwürdigkeit und Spannung zu verleihen. Dies ist durchaus gelungen. Kritikpunkte lassen sich lediglich in inhaltlicher Hinsicht finden, und das zur Genüge.

|Umfang: 314 Minuten auf 4 CDs|

Lucas, George – Star Wars – Krieg der Sterne, Episode V: Das Imperium schlägt zurück

Es war ja abzusehen, aber nun gibt es die erste Star-Wars-Trilogie auch im Hörspiel. Wer darauf skeptisch reagiert, sollte sich von der Qualität selbst überzeugen: Sie ist erstklassig. Mir hat die Episode 4 am besten gefallen. Wer seine Stereoanlage ordentlich aufdreht, bis die Wände wackeln, wird den Angriff auf den Todesstern erleben, als sitze er selbst in einem X-Wing-Jäger.

|Das Hörspiel|

Der technische Standard der Hörspiels ist vom Feinsten – wie es sich für eine Lucas-Produktion gehört. Der Ton erklingt in Stereo, und wer seine HiFi-Anlage ordentlich aufdreht und den Subwoofer zuschaltet, wird ein Klangerlebnis ernten, das dem der DVD-Version (in DD 5.1) kaum nachsteht. Leider kommt der Soundstandard der CD momentan nicht über DD 2.0 hinaus.

Regisseur des Hörspiels ist Oliver Döring, der Macher der erfolgreichen neuen „John Sinclair“-Hörspiele, die mit ihrem Sound zu beeindrucken wissen. Die Story ist auf das Nötigste, den roten Faden, zusammengekürzt. Doch Hörer, die das Buch nicht kennen, werden über so manchen Namen stolpern, der in den Filmen entweder nicht erklingt oder überhört wird. Es könnte aber auch an den Änderungen liegen, die Lucas in den DVD-Fassungen vornahm (siehe unten).

Ein ganz besonderes Schmankerl stellt das zwölfseitige Booklet dar. In Vierfarbdruck sind hier etliche Szenenfotos zu sehen. Davon sind einige laut Verlagsangabe sehr selten, so etwa von zwei C3POs, einem silbernen und einem goldenen. Sehr hübsch ist auch das Bild, in dem C3PO Han Solo auf die Schulter tippt, während (oder weil?) dieser gerade Leia Organa küssen will.

Star-Wars-Fans werden sogleich auch die Poster-Art wiedererkennen. Sie ist auch auf der Innenseite und Rückseite der Jewelbox zu finden. Das Motiv auf der CD selbst zeigt die Eiswelt Hoth. Diese Grafik-Elemente dürften auch den letzten Zweifler überzeugen, dass es sich um ein echtes, hundert Prozent originales Lucasfilm-Produkt, lizenziert von WortArt, handelt.

|Der Sprecher|

Joachim Kerzel, 1941 in Hindenburg/Oberschlesien geboren, erhielt seine Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Als gefragter Synchronsprecher leiht er Jack Nicholson, Dustin Hoffman, Dennis Hopper und vielen anderen Stars seine sonore Stimme. Ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist mir seine Beteiligung an der Hörbuchfassung von Stephens Kings „Das Mädchen“, die er zusammen mit Franziska Pigulla bestritt. Seine sonore Stimme macht aus jedem Gegenstand etwas Grandioses. Daher ist er häufig auch in der Werbung zu hören, so etwa zu den Medienprodukten um Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Verfilmung.

_Handlung_

Zur Vorgeschichte siehe „Krieg der Sterne“, also [Episode 4.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=686

Nach der erfolgreichen Vernichtung des „Todessterns“ haben sich die Rebellen auf dem Eisplaneten Hoth eingenistet. Imperiumssonden entdecken jedoch das Versteck, weil Luke eine dieser Sonden genauer untersuchen will. Dabei landet er beinahe zwischen den Kiefern eines Monsters, das als Vampa bezeichnet wird. Bemerkenswert ist dabei, dass er seine telekinetischen Kräfte als Jedi bereits ausgebildet hat. Han Solo rettet ihn vor dem Erfrieren in der Eiswüste.

Während die Untergebenen dem verstümmelt empfangenen Sondensignal wenig Bedeutung beimessen, springt Darth Vader sofort darauf an: Er befiehlt den Angriff auf Hoth. Um ihren zahlreichen langsamen Raumschiffen die Flucht zu ermöglichen, leisten die Rebellen Widerstand, allen voran Luke Skywalker. Luke kann dem Inferno ebenso entkommen wie Han und Leia, doch muss er einem telepathisch empfangenen Wunsch von Kenobi entsprechen: Er soll zum System Dagobah, um dort seine Ausbildung beim Jedi-Meister Yoda zu erhalten.

Unterdessen versteckt sich Han mit Leia und den Droiden nach einer wahnwitzigen Verfolgungsjagd in einem hohlen Asteroiden. Es handelt sich um den Bau eines gigantischen Wurms, aber darauf kommt Han erst nach ein paar „Experimenten“. Als Luke per Kenobi-Vision erfährt, dass seine Freunde in Gefahr sind, will er ihnen zu Hilfe eilen.

Han Solo rettet sich jedoch selbst vor den Zähnen des Raumwurms und fliegt zu einem Planeten, dessen Unabhängigkeit ihm mehr Sicherheit verspricht. Hier betreibt der Vorbesitzer seines klapprigen Raumschiffs, Lando Calrissian, einen Bergbauplaneten und kümmert sich weder um Rebellen noch um das Imperium.

Doch Lando steht unter Zwang Darth Vaders. Der Sith-Lord will Han Solo an den Kopfgeldjäger Boba Fett ausliefern und ist nur an Leia und Luke interessiert. Für den anfliegenden Luke hat er bereits eine Falle aufgestellt: Er hat Solo in Carbonit eingefroren. Will Luke seinen Freund lebend wiederhaben, muss er sich beeilen. Boba Fett will Solo an Jabba the Hutt verschachern, der seit Mos Eisley mit Solo eine Rechnung offen hat.

_Mein Eindruck_

Episode 5 wurde nicht von George Lucas gedreht, sondern von Irwin Kershner. Das Drehbuch stammt von der Schriftstellerin Leigh Brackett, einem erprobten Schlachtross der Science-Fiction und Fantasy (sie lieferte auch das Skript zu Bogarts Krimi „The Big Sleep“), sowie von Lawrence Kasdan. Gegenüber den Episoden 4 und 6 ist der |Film| geradezu hyperkompliziert. Nicht so das Hörspiel. Sicher: Der Handlungsstrang wird aufgespalten und wird zusammengeführt, einer der Gefährten muss (scheinbar) dran glauben, und der Held Luke erfährt von seiner wahren Herkunft (klassische westliche Helden wachsen immer elternlos auf und fallen dann aus allen Wolken).

Doch die Sache ist im Grunde ganz einfach: Der Höhepunkt des Geschehens ist nicht etwa Han Solo’s „Tod“ im Carbonit, Leias Gefangennahme oder Darth Vaders Triumph über den Unabhängigen Lando Calrissian. Nein, der Höhepunkt des Stücks ist Vaders Satz: „Ich bin dein Vater.“ (Als ob wir’s nicht schon geahnt hätten – bei |dem| Namen.)

Im Kontext der Trilogie erscheint nun die Episode 5 als ein Dreh- und Angelpunkt in der Entwicklung der Story. Der nächste Schritt besteht in der Enthüllung, dass Luke eine Schwester hat, die nicht einmal davon weiß. Plötzlich gibt es nicht nur einen letzten Jedi-Ritter (Luke), sondern zwei! Leider tritt hier dann das Inzest-Tabu in kraft: Nun wird klar, warum Luke nie Interesse an der feschen Prinzessin hatte (oder ob es wohl an ihrer Haartracht lag?). Er durfte sich wegen des Inzesttabus nicht in sie verlieben. Sonst hätten sie wohl miteinander Mutanten-Jedis gezeugt – nicht auszudenken!

Ähnliche Tabus gelten für Lukes Beziehung zu Darth Vader: Lukes Ersatzväter Kenobi und Yoda haben ihm beigebracht, er müsse Vader hassen, weil dieser „der dunklen Seite der Macht“ erlegen sei – was auch immer das heißen mag. Als er dann in Calrissians Wolkenstadt zum allerersten Mal Vader erblickt, weiß er, was er zu tun hat: den Schurken umbringen. Und dass Vader das ist, hat er durch das belegt, was er Lukes Freunden angetan hat. Die Wahrheit „Ich bin dein Vater“ führt zu dem symbolschweren Verlust der Schwerthand – diesmal bei Luke, beim nächsten Mal, in Episode 6, bei Vader selbst. Der Verlust der Schwerthand entspricht, psychologisch gesehen, einer Entmannung des Kriegers. Und für Vader bedeutet dieser Funktionsverlust das Ende. (Und angesichts so fähiger Drehbuchautoren wie Brackett und Kasdan sind solche Interpretationen durchaus nicht an den Haaren herbeigezogen.)

Das Hörspiel mag ja einfach zu verstehen sein, aber beim Anhören verstärkte sich bei mir der Eindruck, dass es definitv an Verschnaufpausen fehlt. Das Einzige, was man so bezeichnen könnte, ist Lukes Lehrzeit bei Yoda. Aber die muss auch sehr kurz gewesen sein, denn kaum sind seine Gefährten von Calrissian verraten worden, startet Luke schon zu ihrer Rettung. Kein Wunder, dass Yoda Lukes Ausbildung nicht für abgeschlossen hält. Diese Yoda-Episode ist im Film viel länger und vielschichtiger, denn Luke lernt wichtige Aspekte des Yedi-Rittertums kennen.

Im Hörspiel zu Episode 5 wird mehr Wert auf Action und Tempo gelegt. Der Eindruck von Hektik hat sich bei mir verstärkt. Allerdings wurde ich der Story dennoch nicht überdrüssig, denn die zwei bis drei Handlungsstränge wechseln sich ständig ab, und die zwei Roboter liefern nicht nur heitere Einlagen, sondern führen zudem – mit Calrissian – eine Wende der Ereignisse herbei.

Im Jahr 2004 ist die Doppel-Trilogie beinahe fertig: Nächstes Jahr kommt der – vorerst – letzte Film in unsere Kinos: Episode 3 (es geht um die mysteriösen Sith). Die DVD-Box der ersten Trilogie ist nun mit großem Erfolg in den Läden. Und sie ist der Ausgangspunkt der Hörspielfassung. Das bedeutet auch, wie der Kenner weiß, dass sämtliche Änderungen, die Lucas an den Originalen vornahm, auch in den Hörspielen zu finden sind. Und das sind eine ganze Menge.

|Der Sprecher / Das Hörspiel|

Der beeindruckende Stereo-Sound entspricht dem digital aufpolierten Sound, der in den Filmszenen auf den DVDs zu hören ist. Das bedeutet, wenn es hier kracht, dann rummst es auch wirklich. Das Gleiche gilt für die aufpolierte Musik von John Williams, die in ihrem Beitrag zur Dramatik dieser Sternenoper nicht zu unterschätzen ist. Sie steuert ganz direkt die Emotionen des Hörers.

Aber sie tut dies auch mit den bekannten Ohrwürmern. Dazu gehören sämtliche Erkennungsmelodien der einzelnen Figuren: Darth Vader, Luke, Han Solo – sobald sie auftreten, erklingt ihr Thema. Genau wie in Jacksons „Herr der Ringe“. Am besten gefielen mir die „romantischen“ Szenen zwischen Leia und Han Solo.

Es gibt für mich nur einen Wermutstropfen: Für die Produktion hat man die alten deutschen Sprecherstimmen übernommen. Das erscheint als Pluspunkt, doch leider hat man deren mindere Klangqualität nicht ebenfalls digital aufgebessert. Zuweilen klingen sie etwas scheppernd, und in Szenen mit zahlreichen Sprechrollen kommt es hin und wieder, wenn man ganz genau hinhört, zu Interferenzen und Verzerrungen. Dieser Effekt ist absolut minimal und selten, aber mit einem guten Ohr – und noch besserem Equipment – wahrzunehmen.

Joachim Kerzel wird in seiner Funktion als Erzählerstimme nicht über Gebühr gefordert, aber sein Vortrag sorgt für die erforderliche Dramatik, ist kompetent und mitreißend. Seine Leistung wird besonders im Finale deutlich, beim Zweikampf zwischen Vader und Luke. Die Klangqualität entspricht höchsten Standards.

Änderungen gegenüber den Originalen: Erstmals tritt jetzt der Chef von Vader auf, der Imperator. Wie inzwischen bekannt sein dürfte, wurde dessen Gesicht im überarbeiteten Film an das von Kanzler Palpatine in Episode 1 und 2 angepasst. Auch seine deutsche Stimme klingt jetzt anders: viel glatter, hinterlistiger. Daher fehlt ihr auch der für alle anderen deutschen Synchronstimmen typische scheppernde, raue Klang. Das kann man bewerten, wie man will. Ich halte es für einen Fortschritt.

_Unterm Strich_

Abgeschlagene Hände, in Eis eingefrorene Helden, Schurken, die sich als Väter entpuppen? Kein Zweifel: Diese Episode ist eigentlich kein Märchen mehr, wie es noch bei Episode 4 der Fall war. Doch keine Angst, liebe Achtjährige, für die dieses Hörspiel freigegeben ist: In der nächsten Episode wird alles wieder gut, weil dann nämlich wieder Onkel Lucas am Ruder ist – wenn schon nicht im Regiestuhl, so doch als ausführender Produzent, Drehbuchautor und Storylieferant. Deshalb kommen dort auch wieder süße kleine Teddybären, pardon, ich meine: edle Ewok-Krieger vor.

Episode 5 ist so actionreich wie kein anderes Hörspiel dieser Trilogie. Manchmal entsteht im Vergleich sogar der Eindruck, dass es hier besonders hektisch zugeht. Aber die Abwechslung durch drei parallele Handlungsstränge erklärt auch die Fülle an Ereignissen in dieser Episode. Das ändert sich in der nächsten Episode radikal.

|Umfang: ca. 63 Minuten auf 1 CD|

Brown, Dan – Illuminati

_Sakrale Schnitzeljagd_

Ein Teilchenphysiker wird in seinem Schweizer Labor ermordet aufgefunden. In seine Brust eingebrannt entdeckt man merkwürdige Symbole. Symbole, die nur der Harvardprofessor Robert Langdon zu entziffern vermag.

Was er dabei entdeckt, erschreckt ihn zutiefst, denn es scheint, als sei die Geheimgesellschaft der Illuminati, alte Feinde der römisch-katholischen Kirche, zurückgekehrt. Und sie haben im Labor etwas mitgehen lassen: einen Behälter mit Antimaterie, der, wenn er nicht an eine Stromquelle angeschlossen wird, binnen 24 Stunden mit der Wirkung einer großen Wasserstoffbombe explodieren wird. Welcher teuflische Plan steckt dahinter?

|Der Autor|

Dan Brown war genau wie Stephen King zuerst Englischlehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. „Als Sohn eines mehrfach ausgezeichneten Mathematikprofessors und einer bekannten Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen“, meint die Verlagsinformation. „Diese Kombination ist es auch, die den weltweiten Erfolg des Autors begründet. ‚Illuminati‘, der erste in Deutschland veröffentlichte Roman von Brown, gelangte innerhalb kürzester Zeit auf Platz 2 der Bestsellerliste.“ Auf welche, wird nicht verraten. Vielleicht weiß Ford Prefect mehr *g*. „Brown ist verheiratet und lebt mit seiner Frau, einer Kunsthistorikerin, in Neuengland.“ Na, das klingt doch direkt nach einer Ko-|Autorin|!

|Der Sprecher|

Wolfgang Pampel ist die deutsche Synchronstimme von Harrison Ford. Das ist sehr passend, denn Robert Langdon erwähnt einen Zeitungsartikel, in dem er selbst als „Harrison Ford in Harris-Tweed“ bezeichnet wird. Ironisch wird’s, weil Langdon diese sensationsheischende Titulierung völlig ablehnt.

Pampel hat an der Theaterhochschule in Leipzig studiert und machte sich anschließend an den verschiedensten Bühnen von Leipzig, Düsseldorf, Berlin und Wien einen guten Namen.

_Handlung_

Zunächst hat es Harvardprofessor Robert Langdon, 45, Experte für religiöse Symbolologie mit einer sportlichen Figur, überhaupt nicht eilig, dem Ruf eines Schweizer Physikers zu folgen. Da schickt dieser ihm ein Fax mit einem Foto darauf: ein toter Mann, auf dessen Brust das Wort „Illuminati“ eingebrannt wurde. Die Illuminaten, die „Erleuchteten“, weiß Langdon, waren zunächst ein Zirkel von aufgeklärten Denkern im Italien um 1500.

Doch schon bald standen sie in Widerspruch zu den Lehren der Heiligen Mutter Kirche und waren ihr ein Dorn im Auge. Sie wurden in den Untergrund verbannt. Die Forscher Leonardo da Vinci und Galileo Galilei sollen ihnen angehört haben. Im Jahr 1686 wurden vier ihrer Mitglieder ebenso gebrandmarkt wie der Tote auf dem Faxfoto. Wollen sich die Illuminati jetzt, nach so vielen Jahren, zurückmelden?

Er lässt sich mit einem Überschalljet nach Genf fliegen, wo er das CERN besucht, die europäische Kernforschungsanlage, die Generaldirektor Maximilian Kohler leitet. Kohler hat das Fax geschickt. Langdon ist skeptisch: Echte Illuminaten hätten einen Forscher, einen Bruder im Geiste, nicht getötet. Doch wie ihm Kohler erklärt, war Leonardo Vetra sowohl Forscher als auch katholischer Priester. Er suchte den Gottesbeweis in den kleinsten Teilchen. Er hatte viele Feinde. Grausig starrt Vetras leere Augenhöhle auf die beiden Amateurdetektive. Kohler wünscht keine Polizei.

Vittoria Vetra, eine Meeresbiologin, ist die bildschöne Tochter des Ermordeten (und ganz nebenbei Yoga-Expertin). Sie berichtet, dass ihr Vater beweisen wollte, dass die Bibel Recht hat: Das Universum sei aus der Leere erschaffen worden – Materie aus Energie. Was Vetra erzeugt hatte, war jedoch Antimaterie. Sie schwebt in winzigen Mengen in Behältern, die durch Magnetfelder den zerstörerischen Kontakt der Antimaterie (AM) mit unserer alltäglichen Materie verhindern. An jedem Behälter verhindert eine Batterie 24 Stunden lang, dass die Reaktion eintritt, die so vernichtend wie eine große Wasserstoffbombe wirken würde.

In Vetras Labor wurde, obwohl es stark gesichert war, eingebrochen und ein Behälter gestohlen. Vetras Auge war für einen Netzhautabtaster missbraucht worden. Vetra hatte die Energiequelle der Zukunft gefunden – oder die schlimmste Waffe der Neuzeit. Wenn sie den Illuminaten in die Hände fiel, so wollen diese sie bestimmt gegen die katholische Kirche einsetzen. Kohler schickt Langdon und Vittoria nach Rom, in den Vatikan. Dort kontaktieren sie die Sicherheitstruppe des Vatikans, die Schweizer Garde. Man lacht sie aus. Oberst Olivetti glaubt an keine Bombenleger.

Der Papst ist tot und das Konklave der 165 Kardinäle ist zusammengetreten, um in der Sixtinischen Kapelle einen neuen zu wählen. Doch der Zeremonienmeister stellt beunruhigt fest, dass vier der Herrschaften fehlen, ausgerechnet die vier Preferiti, die Auserwählten mit den meisten Chancen, gewählt zu werden.

Auf Vittorias Bemühen hin sprechen sie und Langdon mit dem Interimspapst, dem Camerlengo. Carlo Ventresca, 30, hört ihnen zu und befielt Olivetti, die Bombe zu suchen, die irgendwo im Vatikan versteckt sein muss. Tatsächlich zeigt einer der Monitore eine LED-Anzeige, auf der ein Countdown abläuft. Nur noch sechs Stunden bis Mitternacht. Geht dann die Bombe hoch?

Da ruft der Bombenleger und Vetras Mörder beim Camerlengo an. Er sei von den Illuminati und wisse, wo sich die vier verschwundenen Kardinäle befänden. Sie sollen von ihm wie jene vier zuvor im Jahr 1686 geopfert werden. Jede Stunde werde einer davon getötet: in Kirchen und Tempeln. Diese Mordserie wäre das Ende des Papsttums – und die Bombe bedeutet die Vernichtung des Vatikanstaats.

Nur einer weiß, wo die Kardinäle gefunden werden können: Robert Langdon. Doch wird ihm die verbleibende Zeit reichen, um sie zu retten?

_Mein Eindruck_

So beginnt ein rasanter Mystery-Thriller, in dem sakral-okkulte Kunst des Illuminatenordens quasi ein Paralleluniversum an Bedeutungen öffnet, das jeden Esoteriker in Ekstase versetzen würde. Pyramiden, die Zahlenkombination 5+2 sowie jede Menge Engel weisen Langdon den Weg durch den Immobiliendschungel der Tiberstadt. Nicht nur muss er kreuz und quer (was ein Kreuz zeichnet), sondern auch ganz tief hinunter und schließlich sogar ganz hoch hinaus. Auf seiner dreidimensionalen Odyssee bekommt er es mit allen möglichen Schurken zu tun, die er sich nicht hätte träumen lassen. Aber er hat ja die treue und tapfere Vittoria an seiner Seite, die ihn anspornt, sich wie weiland Indiana Jones aufzuführen und James Bond alt aussehen zu lassen. Eine Schnitzeljagd, wie sie im Buche steht. Wer ihr zu folgen versucht, kommt aus dem Staunen kaum noch heraus.

|Charakterisierung|

Die Charakterisierung der drei oder vier Hauptfiguren ist recht schlicht gestrickt. Langdon ist unser ganz normal naiver Harvardprofessor mit einer Phobie vor engen Räumen – Fahrstühlen beispielsweise. Doch zu jeder passenden Gelegenheit enthüllt er verborgene Fähigkeiten: Er war Wasserballspieler und sogar Turmspringer. Dafür hat er leider vom Schießen keine Ahnung, was sich mitunter als verhängnisvoll erweist. Wenigstens trifft er einen Zeh, wenn schon nicht den Leib des Mörders. Manchmal mischt sich so etwas wie Komik in das abenteuerliche Geschehen.

|Die Medien – Komplizen des Terrorismus?|

Wie bei jedem terroristischen Anschlag von astroglobaler Bedeutung mischen auch hier die Medien kräftig mit. Ein BBC-Reporter mit dem schönen Namen Gunter Glick hält in vorderster Front die Linse der Kamera auf das erste Mordopfer in Rom. Ein Kardinal – und nur der erste von vier! Die Sensation des Tages. Schon bald fallen sämtliche Ü-Wagen der Tiberstadt über den Vatikan her und verlangen eine Stellungnahme des gelähmten Mini-Staatswesens. Ein Menschenauflauf ist die Folge, Scheinwerfer und Kameralinsen richten sich auf den Petersdom, hinter dessen Mauern der Countdown der Vernichtung läuft: Es ist der Jüngste Tag, das „Armageddon“, wie es der Autor beschreibt. Ob er wohl den „Zeugen Jehovas“ angehört, die jeden braven Bürger mit diesem Schreckenswort zu ihrer Lehre bekehren wollen?

Doch erst die Medienaufmerksamkeit potenziert die Bedrohung durch die Illuminati bis ins Unendliche: Der ganze Globus nimmt teil am Geschehen. Dass es sich dabei im Grunde um eine Schnitzelhagd handelt, lässt die Sache ein wenig übertrieben erscheinen, also erst richtig witzig aussehen.

|Lausige Logik|

Leider muss der Hörer beide Hühneraugen zudrücken, wenn es um die Qualität der Logik dieses Plots geht. Wie konnte die Bombe so schnell nach Rom gelangen? Wieso ist der „erleuchtete“ Killer scharf auf so weltliche Dinge wie Sex mit Vittoria? Wieviele Pyramiden und Obelisken gibt es eigentlich noch in Rom? Warum muss ausgerechnet Yoga Prof. Langdon das Leben retten?

Nicht Plausibilität ist das Ziel der Unterhaltung, sondern möglichst viele Überraschungen auf möglichst engem Raum. Und so schlägt die Handlung schließlich einen Zickzackkurs ein, der eines Hasen auf der Flucht würdig wäre. Schließlich wundert man sich kaum noch, dass Indy, pardon: Langdon Stunts abliefert, die einen James Bond erblassen ließen, und die Bösewichte im Vatikan sich wie russische Puppen hintereinander verstecken, falsche Fährten inklusive.

|Abrakadabra!|

Kurzum: Wer eine gute Show erwartet hat, kommt voll auf seine Kosten. Fehlen eigentlich nur noch die Karnickel, die aus dem Hut gezogen werden. Und am Schluss ist es keine Frage, ob der Junge das Mädchen bekommt. Es kann – angesichts der Gleichberechtigung – auch umgekehrt sein, das ist uns eh schon gleichgültig.

_Das Hörbuch_

Wolfgang Pampel ist die deutsche Stimme von Harrison Ford, und als solcher liefert er sozusagen den unverfälschten „Indiana Jones“ als Stimmlage von Robert Langdon (und des Erzählers). Jeder Hörer weiß: Hier ist Abenteuer pur garantiert. Pampels Tonlage von Generaldirektor Maximilian Kohler ist nicht nur ein gutes Stück tiefer, sondern auch noch kurzatmig aufgrund seines Asthmas. Und die Tonlage von Vittoria Vetra ist ein wenig höher als die der Figur Langdon.

Den Angehörigen der Schweizergarde haftet hingegen ein allerliebster Schweizer Akzent an, der aber keineswegs mit echtem Schwyzerdütsch zu vergleichen ist. Es handelt sich um korrektes Hochdeutsch, doch mit dem rauen „ch“ der Eidgenossen, und hin und wieder ist eine höhere Intonation von Sätzen zu bemerken, als es im Deutschen meist der Fall ist. Infolge dieser Unterschiede ist es ohne große Mühe möglich, die Figuren auseinander zu halten.

Mit einem gewissen Verdruss bemerkte der sprachlich gebildete Hörer, dass Pampel noch im Hörbuch von „Sakrileg“ etliche fremdsprachliche (meist französische) Namen und Ausdrücke falsch aussprach. Dies ist bei „Illuminati“ nicht mehr der Fall. Tatsächlich hatte ich nur mit einem einzigen Namen etwas Mühe, weil ich die Aussprache nicht richtig hörte: Der Zeremonienmeister der Kardinäle, der das Konklave leitet, heißt entweder Montati oder Mortati oder Mottati.

|Dramaturgie|

Der Text des Buches wurde von Arno Hoven bearbeitet und stark gekürzt. Das tut der Spannung aber nur gut, denn so fallen etliche Beschreibungen der Szenerie und unwichtiger Figuren weg. Dadurch schält sich der berühmte rote Faden heraus, dem der Hörer mit einiger Leichtigkeit zu folgen vermag. Es erweist sich jedoch als hilfreich, sich ein klein wenig in der heiligen Stadt auszukennen. Wichtige Landmarken wie der Petersdom, der Tiber, die Hügel, die Engelsburg und vielleicht noch die sehr schöne Piazza Navona zu kennen, ist gewiss kein Nachteil. Zumal dem Hörbuch natürlich keine Stadtkarte beiliegt.

|Die Musik|

Die dem Text unterlegte Musik von Michael Marianetti und Andy Matern finde ich recht passend, vor allem weil sie sparsam eingesetzt wird, meist als Punktuation zwischen Kapiteln. Mal kommt sie dynamisch drängend daher wie in einem Actionthriller, doch meistens getragen und feierlich wie bei einer Messe. Es geht eben sehr viel um religiöse Inhalte (was hier nicht weiter ausgeführt werden darf, ohne den Clou zu verraten!). Hier passen dann stimmungsvolle Orgeln und ein paar feierliche Chöre.

_Unterm Strich_

Im Grunde geht es dem Autor um die Erörterung des alten (scheinbaren?) Gegensatzes zwischen Vernunft / Wissenschaft und Glauben / Religion / Kirche. Die vier Kardinale werden der Reihe nach auf „Altären der Wissenschaft“ geopfert. Doch dabei handelt es sich um Orte, für die man ebenso Kunst- wie auch mystischen Verstand braucht. Am Schluss spitzt sich der Konflikt zu, doch wie auch immer der Ausgang sein mag, so lässt er sich doch ebenfalls politisch verwenden – ob für oder gegen die Kirche, soll hier nicht verraten werden.

|Engel & Dämonen|

Schrieb Dan Brown in „Sakrileg“ kurz mal die Geschichte des Christentums um, so leuchtet er in „Angels & Demons“ in die Leichenkeller des Vatikans. Er fördert Engel & Dämonen zutage, doch allmählich wird klar, dass die Unterscheidung zwischen dem, was ein Engel sein soll und dem, was ein Dämon sein könnte, gar nicht so einfach ist. Letzten Endes ist es beim Glauben wie mit der Wissenschaft: Es kommt drauf an, was man damit anstellt. Antimaterie kann – wie Atomkraft – Fluch oder Segen sein, je nach ihrer Verwendungsweise.

Das Gleiche, so suggeriert Brown, trifft auch für den Glauben zu: Er kann die Menschen erleuchten und zu erhöhter Spiritualität emporheben, er kann aber auch zur Unterdrückung von Wahrheit und Andersdenkenden benutzt werden. Und wer die Geschichte – der Kirche wie auch der Wissenschaft – nicht kennt, ist gezwungen, sie zu wiederholen. Engel oder Dämon, der Mensch ist beides. Er muss sich lediglich in Kenntnis der Realität entscheiden.

|Der Sprecher|

Dass der Sprecher des Hörbuchs mit seiner tiefen Stimme wie Harrison Ford alias Indiana Jones klingt, kommt der Spannung und Faszination der eh schon aufregenden Geschichte zugute. In der gekürzten Fassung ist das Geschehen noch mehr auf Action um den roten Faden der Story ausgerichtet. Aber das tut dem Vergnügen keinen Abbruch, wenn man die Logiklöcher, die übertriebenen James-Bond-Stunts und die Indiana-Jones-Schnitzeljagd hinnimmt. (Tut man dies nicht, kann man den Rest gleich vergessen.)

|Der Preis|

Der stark herabgesetzte Preis von schlappen 10,95 Euronen (bei |amazon.de| derzeit für 7,70 €) dürfte eine Menge Käufer reizen, zu einem Hörbuch zu greifen, das über sieben Stunden spannende Unterhaltung im Stil des bekannten Bestsellers bietet. Und angesichts der Komplexität der Schnitzeljagd könnte man die sechs CDs glatt noch einmal von vorn anhören. Schade, dass man dann schon weiß, wie’s ausgeht. Autofahrer, die sich das Hörbuch auf Nachtfahrten reinziehen, werden jedenfalls bestimmt nicht in Gefahr geraten, am Steuer einzuschlafen.

Fragt sich nur: Wann kommt das Hörbuch zu „Meteor“?

|Umfang: 437 Minuten auf 6 CDs|