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Colfer, Eoin – Artemis Fowl III – Der Geheimcode (Lesung)

Dieser Roman ist der mittlerweile dritte in der Serie um den 13 Jahre jungen Meisterverbrecher Artemis Fowl, der ständig mit der Welt der Unterirdischen im Clinch liegt. Dieses Buch wurde nominiert für den |Deutschen Bücherpreis 2004|.

|Der Autor|

Aus dem Booklet: |“Bis zu seinem Welterfolg mit ‚Artemis Fowl‘ arbeitete Eoin [ausgesprochen: ouen] Colfer als Lehrer. Er hat mehrere Jahre in Saudi-Arabien, Tunesien und Italien unterrichtet. Seine früheren Bücher für junge Leser standen in Irland, England und den USA an der Spitze der Bestsellerlisten. Colfer lebt mit Frau und Sohn im irischen Wexford und widmet sich gegenwärtig ganz dem Schreiben.“| Kein Wunder, dass die nächsten Artemis-Bände schon fertig und ebenfalls als Hörbuch zu haben sind!

|Der Sprecher|

Rufus Beck, geboren 1957, spielte im Ensemble und als Gast auf deutschsprachigen Bühnen, wurde durch Sönke Wortmanns Film „Der bewegte Mann“ populär und gilt seit seinen einmaligen Interpretationen aller Harry-Potter-Romane als einer der besten, engagiertesten Hörbuchsprecher („-leser“ kann man wohl nicht mehr sagen).

Musik und Geräusche gibt es keine. Die Hörfassung ist leicht gekürzt worden.

_Handlung_

Immer darum bemüht, das Vermögen des Fowl-Klans zu mehren, trifft sich Artemis Fowl in London mit dem amerikanischen Unternehmer John Spiro in einem Restaurant dessen Wahl. Beide Seiten sind mit ihren Bodyguards gekommen: Spiro mit Arno Blunt und Artemis mit Butler. Beide Seiten sind gut vorbereitet. Aber auf was?

Artemis hat etwas ganz Besonderes anzubieten: den C-Cube, wobei C für Control steht. Es handelt sich um einen kombinierten Minicomputer plus Handy plus Scanner, drahtlos und mit Spracheingabe. Von der erstaunlichen Miniaturisierung mal abgesehen, ist der würfelförmige und leicht tragbare C-Cube in der Lage, sowohl Satelliten anzuzapfen als auch jeden Geheimcode zu knacken. Spiro lässt sich dies gerne demonstrieren. Das Wunderding knackt den 512-Bit-Code seines Handys im Handumdrehen (dieser Code ist viermal stärker als die aktuelle Bit-Stärke für SSL-geschützte Übertragungen im Internet). Kein Wunder: Es ist aus Material der Elfen-ZUP hergestellt worden.

Spiro ist beeindruckt und will das Zauberding sofort haben. Er ist selbst Elektronikhersteller mit Schwerpunkt Kommunikation. Mit dem C-Cube könnte er seinem schärfsten Konkurrenten |Phonetix| den Garaus machen: Er braucht nur deren Forschungsergebnisse auszuspionieren.

Leider verweigert Artemis die Transaktion. Vielmehr läuft sein Deal ganz anders. Er bringt den C-Cube |nicht| auf den Markt, ruiniert Spiro nicht und bekommt dafür eine Tonne Gold für sein nettes Entgegenkommen. Spiros Deal sieht auch anders aus: Er schnappt sich den C-Cube, lässt Fowls Leibwächter Butler abknallen und verschwindet – aber nur, weil er Artemis plötzlich nicht mehr sieht.

Butler hat gerade noch Zeit, eine Schallbombe zu zünden und alle Gegner außer Gefecht zu setzen, bevor er den Löffel abgibt. Geistesgegenwärtig steckt Artemis seinen Freund ins Gefrierfach der Restaurantküche und mietet sofort ein Fach im Kryogenik-Institut von Dr. Constance Lane an. Dann erst ruft er die Unterirdischen zu Hilfe, allen voran Holly Short von der Zentralen Untergrund-Polizei (ZUP), damit sie Butler wiederbelebt.

In Haven City, der Stadt der Unterirdischen, fällt der Strom aus und sämtliche Schotts zur Außenwelt schließen sich automatisch. Nicht nur Elfen-Cop Holly Short ist beunruhigt. Ihr Vorgesetzter Root und sein Techniker, der Zentaur Foaly, sind es noch viel mehr. Eine fremde Macht versucht offensichtlich, Haven City anzugreifen. Wer ist es und was will er?

_Mein Eindruck_

So beginnt ein rasantes Abenteuer, das starke Ähnlichkeit mit einer |Mission Impossible| hat. Denn natürlich müssen Artemis Fowl und die Unterirdischen den C-Cube wiederbeschaffen. Er ist eine Bedrohung für die ganze Welt, die obere wie die untere.

Der Höhepunkt der Action ist die minutiös geschilderte Einbruchsaktion in Spiros extrem gut gesichertes Hochhaus, in dessen extrem gut gesichertem Tresorraum der C-Cube nun ruht. Mir fiel auf, dass dabei technische Einzelheiten in Hülle und Fülle erwähnt werden, so dass kein Jugendlicher unter etwa 15 Jahren damit zurechtkommen dürfte: Die oberirdische Technik ist auf dem modernsten Stand, aber die unterirdische ist noch wesentlich weiter – genau wie der C-Cube. Fans von „Mission: Impossible“ und SWAT-Team-Filmen kommen hier jedenfalls voll auf ihre Kosten.

Nicht so toll, geradezu langweilig und nervend fand ich dann die dramaturgischen Aufräumarbeiten, nachdem Spiro – nach einigen Tricks – endlich besiegt ist. Denn nun geht es Artemis Fowl selbst an den Kragen. Die Unterirdischen haben endgültig genug von seinen Eskapaden auf ihre Kosten – und löschen sein Gedächtnis. Das klingt schlimmer als es ist, aber der Auszug aus Artemis‘ Tagebuch, das den Epilog bildet, ist doch recht putzig anzuhören. Wie er sich über bestimmte Dinge und Beinahe-Erinnerungen wundert. Jedenfalls ist er bereit für neue Abenteuer, soviel steht fest.

Im zweiten Abenteuer haben die Leser viele bemerkenswerte und sonderbare Figuren lieb gewonnen, so etwa den Zwerg Mulch Diggums, der nun für die Mafia arbeiten soll, und Artemis‘ wehrhaften Butler namens Butler (eigentlich Domovoi). Neu im Team ist nun Butlers junge Schwester Juliet: Sie ist eine wahre Kampfmaschine, und als Artemis sie zu Hilfe ruft, befindet sie sich gerade in einem karg ausgestatteten japanischen Trainingslager, wo sie ihre Kampfsporttechnik vervollkommnet. Sie wird sich noch als sehr nützlich erweisen.

Natürlich hat auch der Gegner neue Figuren aufzuweisen. Doch wie üblich umgibt sich der unumschränkte Herrscher – Spiro – wieder mal nur mit hirnamputierten Muskelprotzen, so dass sie für die Angreifer von der ZUP keine ernst zu nehmenden Hindernisse darstellen. Spiro verlässt sich lieber auf die Technik, aber auch in dieser Hinsicht haben die Unterirdischen bekanntlich die Nase vorn.

Nach Bezügen zur realen Gegenwart möchte ich lieber nicht suchen, denn die alten ideologischen Fronten existieren nicht mehr – jedenfalls nicht im Maße wie während des Kalten Krieges. Die eigentlichen Kriege finden zunehmend zwischen multinationalen Konzernen statt.

|Der Sprecher|

Rufus Beck schafft es wieder, jeder Figur ihre individuelle Stimme zu verleihen. Dabei scheint er mühelos tiefste Tiefen und höchste Höhen zu erreichen, selbst astreine Dialekte wie Berlinerisch sind ihm nicht fremd. So fällt es leicht, die einzelnen Figuren auseinanderzuhalten, selbst wenn man sich ihre Namen nicht merken können sollte. Und diese Charakterisierung trägt wesentlich dazu bei, aus dem Roman ein Hörspiel mit verteilten Rollen zu machen, das an Dramatik nichts zu wünschen übrig lässt. Wenn nur die Story nicht entgleisen würde.

_Unterm Strich_

Der Aufbau des neuesten Fowl-Abenteuers ähnelt auffallend dem des vorhergehenden. Doch gilt es diesmal nicht, irgendwelche Aufständischen unschädlich zu machen, sondern à la James Bond einen größenwahnsinnigen Unternehmer, der die Welt zu beherrschen droht – mit Elfen-Technik, wohlgemerkt. Und das finden die Elfen gar nicht witzig. Sie schlagen ihn mit ihren eigenen Waffen, die teils recht magisch daherkommen. Für Fowl-Fans ist wohl wichtiger, dass Fowls bester Freund, sein Leibwächter Butler, stirbt – zumindest vorübergehend.

Insgesamt ist das Abenteuer wesentlich technischer ausgerichtet als etwa die Abenteuer von Fowls größtem Konkurrenten: Harry Potter. Dort herrschen Elemente aus Fantasy und Mystik (Basilisk, Phönix usw.) vor. Und bei Fowl fehlt eine Hierarchie der Gesellschaft vollständig: keine Magier, die Fowl sagen, was er zu tun hat. Aber auch kein Erzfeind, gegen den er sich profilieren könnte. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis der erste Artemis-Fowl-Film in unsere Kinos kommt.

Das Hörbuch ist sehr actionreich und flott erzählt. Allerdings sollte man sich davon, wie ich merkte, nicht allzu viel auf einmal zu Gemüte führen: Ein Sättigungseffekt tritt schon nach zwei bis drei CDs ein. Eine Pause hilft, das Gehörte zu verarbeiten. Und Rufus Beck zuzuhören, kann schon ein wenig anstrengend sein.

|Umfang: 386 Minuten auf 5 CDs|

Homepage der Serie: http://www.artemis-fowl.de/

H. G. Wells, – Die Zeitmaschine

Der Zeitreisende, den H. G. Wells als erster in die Zukunft schickt, erlebt sehr viel mehr – und zugleich weniger – als in den bislang zwei Verfilmungen seines erfolgreichen Romans geschildert wird. Was aber meist weggelassen wird, sind die Gedanken, die sich der wissenschaftlich gebildete Voyageur über die Evolution von Mensch und Universum macht. Keineswegs dogmatisch verbohrt, stellt er immer wieder eine Theorie auf, nur um sie unter dem Druck neuer Phänomene sofort zu revidieren, wohlwissend, dass sie nur Modelle sein können, um eine ungewöhnliche Situation zu beschreiben. Dabei fällt er ironischerweise selbst auf die primitivste Stufe der menschlichen Kultur zurück …

|Der Autor|

Herbert George Wells (1866-1946) beeinflusste die Entwicklung der Science-Fiction wie neben ihm nur noch Jules Verne. Seitdem er die Lehren von T. H. Huxley, einem eifrigen Verfechter von Charles Darwins Evolutionstheorie, gehört hatte, verfolgte er diese Theorien weiter. Weil ihm die Lehrerlaufbahn wegen angegriffener Gesundheit verwehrt blieb, wandte er sich dem Schreiben zu, um Geld zu verdienen. Schon die ersten Erzählungen wie „The Chronic Argonauts“, die 1888 erschien, erregten Aufsehen. Daraus formte er dann das vorliegende Buch „The Time Machine“, das 1895 veröffentlicht wurde. Joseph Conrad und Henry James, die besten Autoren ihrer Zeit, hießen ihn in ihren Reihen willkommen.

|Der Sprecher|

Der Sprecher Martin Maria Schwarz wurde 1963 in Frankfurt/M. geboren. Zunächst zum Hotelkaufmann ausgebildet, studierte er Germanistik, Französisch und Kunstgeschichte in Mainz, Marburg und Bordeaux. Im Anschluss daran begann Martin Maria Schwarz seine journalistische Laufbahn, zunächst als freier Mitarbeiter kleinerer Radiosender, schließlich in fester Bindung als Redakteur, Autor und Sprecher in der Kulturredaktion des Hessischen Rundfunks.

Die Wurzeln für sein sprecherisches Können liegen bereits in der Zeit Anfang der 90er Jahre, als Martin Maria Schwarz neben öffentlichen Auftritten mit einem Kabarett-Ensemble und Rezitationsabenden ständiger Mitarbeiter des Sprecherteams der Deutschen Blindenhörbücherei wurde. Seine sprechkünstlerische Umsetzung von Jules Vernes Roman „In 80 Tagen um die Welt“ wurde von einem unabhängigen Jurorenteam zum besten Kinder- und Jugendhörbuch im Januar 1998 gewählt. (zitiert nach „Hörbuchverlag“)

Regie führte Hans Eckardt, wie das äußerst sparsam gestaltete Booklet verrät.

_Handlung_

|Zwei Herrengesellschaften|

Der Roman beginnt weder auf dem Mond noch in ferner Zukunft, sondern im schönen Themsetal bei Richmond, genauer: in der Bibliothek des Zeitreisenden, der nie einen Namen erhält. Bei ihm zu Besuch ist eine Herrengesellschaft, zu welcher der Ich-Erzähler als Chronist zählt, sowie ein gewisser Philby, offenbar die Stimme der Kritik. Ansonsten gibt es nur Namenlose: den Arzt, den Psychologen, den Bürgermeister „aus der Provinz“ und einen „jungen Mann“.

Ihnen setzt der Zeitreisende seine Idee auseinander, dass man sich in der Zeit als einer ähnlichen Dimension wie in den drei Dimensionen des Raumes bewegen könne. Und er stellt ihnen das Modell seines Vehikels vor. Mit dem Umlegen eines Hebels schickt der Psychologe es in die Zukunft. Natürlich nicht in die Vergangenheit, sonst hätten sie es ja bei früheren Besuchen bemerken müssen.

Nebenan wartet im Labor bereits die fast fertig gestellte richtige Zeitmaschine. Die Besucher sind verblüfft, nicht nur ob dieses Apparats, sondern auch wegen der Ankündigung des Gastgebers, er werde die Zeit erforschen.

Bei einem zweiten Besuch erwartet die Rückkehr des Zeitreisenden ebenfalls eine illustre Herrengesellschaft: der Herausgeber einer Tageszeitung, ein Journalist, ein „Schweigsamer“ und unser Chronist. Da taucht der lang Erwartete endlich auf, doch in zerfetzter Kleidung, schmutzig und verletzt, bleich, hinkend und schuhlos. Offenbar ist ihm einiges zugestoßen, doch die beiden Pressemenschen haben nur Spott für ihn übrig – was soll dieser abgeschmackte Zirkusauftritt? Nachdem er sich frisch gemacht hat, fällt der Gastgeber gierig über das Abendessen her. Im „Rauchzimmer“ erzählt er dann seine Geschichte. Wie erbeten unterbricht ihn keiner der Anwesenden.

|Die Reise|

Er ist ins Jahr 802.701 gereist, aber im Themsetal geblieben. Auf einer Wiese kam er im Hagelsturm vor einer großen Bronzestatue zum Halten. Es handelte sich um eine Sphinx mit ausgebreiteten Schwingen, die auf einem Piedestal stand. Schöne Zwerge in feinen Gewändern tauchten nach dem Sturm auf, die ihn anlachten und zum Essen einluden, in einen nahegelegenen Palast. Dieser sei aber sehr heruntergekommen gewesen und habe ungepflegt ausgesehen. Da die Zwerge – sie nennen sich „Eloi“ – recht klein und dumm sind, hält er sie nicht für die Erbauer dieses Gebäudes, das von einem schönen, doch verwilderten Garten umgeben ist. Sie verfügen weder über Aufmerksamkeit noch Neugier, fürchten sich aber enorm vor jeder Art von Dunkelheit.

Auf einem Hügel entdeckt der Ankömmling eine Menge Ruinen, aber keinerlei Häuser oder Felder. Seine erste Theorie lautet daher: „Kommunismus“! Als er die Schlote entdeckt, über denen die Luft flimmert, und die tiefen trockenen Schächte, die Luft ansaugen, muss er seine Theorie angesichts dieses Ventilationssystems revidieren. Während seines Sinnens über den evolutionären Niedergang der Menscheit auf das Niveau der Eloi vergisst er seine einzige Reisemöglichkeit. Seine Maschine ist verschwunden, in den Sockel der Sphinx gezerrt worden. Es gibt offenbar noch andere Wesen außer den Eloi.

|Die Unterwelt|

Nachdem er in einer geretteten Eloifrau namens Weena eine Gefährtin gefunden hat, mit der er sich unterhalten kann (die Sprache ist rasch erlernt), macht er sich trotz ihrer Warnungen auf eine Expedition in einen der Schächte hinab, um einem seltsamen weißen Wesen zu folgen. Mit Hilfe seiner Streichhölzer dringt er in die Tunnel in der Tiefe vor. In der weitverzweigten Unterwelt stehen riesige Maschinen, die von den weißen affenähnlichen Wesen bedient werden. Es handelt sich nicht um Affen, sondern um eine weitere menschliche Spezies: Morlocks. Und auf einem ihrer Tische erblickt der Zeitreisende entsetzt die Überreste eines Eloi. Die Morlocks sind offenbar Kannibalen.

Mit knapper Not entgeht er den Zugriffsversuchen dieser Fleischfresser, doch er hat nur noch wenige Streichhölzer übrig, um sich gegen die nun nächtlich erfolgenden Morlockangriffe zu wehren. Wieder muss er seine Evolutionstheorie revidieren, um eine Verbindung zwischen dem 19. und dem 80. Jahrtausend herzustellen. Durch mehrere dunkle Neumondnächte unternimmt er eine Wanderung mit Weena, die in den Verfilmungen stets weggelassen wird: in das Museum im „Grünen Porzellanpalast“.

|Das Museum|

In diesem Museum im früheren South Kensington stößt er auf eine Galerie von Urwelttieren, wie sie im ausgehenden 19. Jahrhundert revolutionär war. Um sich und Weena vor herandrängenden Morlocks zu schützen, bricht er einen Hebel von einer Maschine ab und besorgt sich Kampfer sowie Streichhölzer: Er ist auf die Stufe eines Höhlenmenschen mit Feuer und Keule zurückgefallen. Schuhe hat er ebenfalls keine mehr.

Nach einer Lagerfeuernacht im Wald kommt es zur Schlacht. Die Morlocks wollen unbedingt Weena und ihn zum Frühstück verspeisen. Während Weena verschwindet, bricht im Wald Feuer aus, das die Morlocks in schwere Bedrängnis bringt: An die Dunkelheit der Tunnel längst angepasst, sind sie vom Feuer geblendet und rennen blindlings in die Flammen.

Doch die Morlocks haben immer noch seine Zeitmaschine in ihrer Gewalt. Er kann nicht mehr bleiben und muss sie zurückbekommen. Doch die Morlocks haben eine Falle für ihn vorbereitet …

_Mein Eindruck_

Dieser erste Roman von Wells hat die Zeitreise und das Instrument dafür in die Science-Fiction eingeführt; unzählige Nachahmer haben seine Idee aufgegriffen. Mit der Zeitmaschine begegnen die Zeitreisenden des Öfteren positiven oder negativen utopischen Gesellschaften, die gewöhnlich in kritischem Gegensatz zur Gesellschaft des Autors und seines Lesers stehen.

Da es sich bei dem Buch nach Wells‘ eigener Definition um eine „scientific romance“ handelt, also im Grunde um eine wissenschaftlich fundierte, aber eigentlich unglaubliche Abenteuergeschichte, konzentriert sich sein Interesse auch nicht auf die technischen Voraussetzungen der Zeitreise, sondern auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die im Jahr 802701 anzutreffen sind.

Der eng umgrenzte Schauplatz der Handlung präsentiert sich ihm zunächst als grünes, fruchtbares Paradies (mit großer Ähnlichkeit zum Tal der Themse), das von den kindhaften Eloi bewohnt wird. Doch unter der Erde leben im Düsteren die verunstalteten Morlocks, die Nachkommen eines früheren Industrieproletariats. Die Auffassung des Zeitreisenden vom Verhältnis dieser beiden Rassen zueinander ändert sich unter dem Eindruck neuer Erkenntnisse ständig.

Waren ihm die Eloi zu Anfang die Herren der Welt (und zugleich eine Art englische „leisure class“), so stellen sie sich schließlich als das Vieh heraus, das die Morlocks als Nahrung züchten. Diese Umkehrung der Verhältnisse, die Wells‘ Leser kannten, löst im Zeitreisenden Entsetzen aus, das viel von den Ängsten verrät, die Wells hinsichtlich seiner eigenen Klasse hegte. In den letzten Kapiteln malt er ein visionäres Schreckensbild von einer schwachen Sonne, wenn am Ende der Zeiten alle Energie dem Prozess der Entropie zum Opfer gefallen ist.

Aber mehr noch als durch den Grundeinfall besticht „Die Zeitmaschine“ durch ihre Bildhftigkeit und ihre metaphernreiche Sprache. Daher wird das Buch als der beste Roman in Wells‘ Frühwerk angesehen. In einer Gesamtschau der Zukunft ist hier die erste bedeutende anti-utopische Horrorvision entstanden. Dem Buch war infolgedessen ein großer Erfolg beschieden und es wurde seit 1895 zweimal verfilmt, zuletzt von Wells‘ Enkel Simon. (zitiert nach meinem Artikel in „Harenbergs Lexikon der Weltliteratur“, 1989, Seite 3130-3131)

|Der Sprecher|

Martin Maria Schwarz ist ein professionell geschulter Sprecher. Dies ist an seiner präzisen, deutlich die einzelnen Worte hervorhebenden Sprechweise ebenso zu hören wie an der einfühlsamen Art, die Sätze zu intonieren und mit Pausen zu versehen, um bestimmte Teile hervorzuheben. Er tritt als Vortragender hinter dem Inhalt zurück, so dass die Geschichte ohne jedwede Ironie oder andere Distanzierung auf uns wirken kann.

Vielmehr ist es also der Inhalt, der seine Vortragsweise bestimmt: Schnelle Aktionen wie etwa die Flucht aus den Tunneln oder die finale Schlacht gegen die Morlocks werden mit Verve und Tempo vorgetragen. Doch als der Zeitreisende 30 Millionen Jahre in die Zukunft reist und dort das Ende der Welt, der Sonne und des ganzen Rests erleben muss, wird auch der Vortrag entsprechend der Stimmung des Beobachters: melancholisch, bedrückt, von leisem Grauen angesichts der schwarzen Ungeheuer erfasst.

Der verhallende Schrei des riesigen Schmetterlings ist das ergreifende Symbol für diese Endzeitstimmung. Natürlich wird dieser „Schrei“ nicht akustisch wiedergegeben – das wäre ja platt und banal. Vielmehr obliegt es dem Sprecher, diesen Effekt hervorzurufen, aber nur in den Sätzen des Erzählers. Schwarz gelingt dies, ohne dass der Hörer in Schmunzeln oder gar Grinsen ausbricht.

Ansonsten bietet das Hörbuch weder Musik noch Geräusche auf, um Stimmung zu erzeugen. Dies ist sehr viel weniger als viele moderne Hörbücher vorweisen können und könnte auf die frühe Entstehungszeit zurückzuführen sein (1996?!).

_Unterm Strich_

„Die Zeitmaschine“ ist Wells‘ praktische Anwendung von Huxleys Version der Darwin’schen Evolutionstheorie, allerdings in packender erzählerischer Form. Was in den Verfilmungen völlig fehlt, ist das ständige Räsonnieren des Zeitreisenden über die vorgefundene Situation: Eloi und Morlocks – in welcher Beziehung stehen sie zueinander, und wie konnte es dazu kommen? Das gibt Wells‘ Hauptfigur Gelegenheit, stellvertretend für seinen Autor über zentrale Grundlagen der Zivilisation nachzudenken und sie in Frage zu stellen: Intelligenz, Neugier, Erfindungsgeist, Werkzeuge, aber auch Familie, Geschlecht (alle Eloi sind unisex gekleidet, die Morlocks überhaupt nicht), Nachkommen, Zeitempfinden.

Das traurige Finale der Zeitreise führt weit in die Zukunft. Aufgrund heutiger Kenntnisse kommt es zu der geschilderten Situation zwar erst in einer Milliarde Jahren, aber dennoch: Der Schrecken, den die schaurige Endzeit-Szenerie am Strand eines toten Meeres unter einer sterbenden Sonne vermittelt, dürfte annähernd der gleiche sein, wenn es soweit ist. Wells stellt die Evolution des Menschen in den größeren Rahmen der Evolution des Sonnensystems und des gleichgültigen Universums. Später werden Autoren wie Olaf Stapledon noch weiter blicken und die menschliche Evolution in fernste Zukunft fortschreiben. Doch Wells zieht als Mensch und möglicherweise Romantiker ein erstes Fazit von dem, was unter dem kalten Funkeln der Sterne im menschlichen Leben zählt: Liebe zum Beispiel.

Das Hörbuch ist sehr einfach gestaltet, wenn man es mit modernen Produktionen vergleicht, die sich dem Stil des Hörspiels annähern. Dennoch verfehlt die Geschichte, die Schwarz vorträgt, nicht ihre Wirkung. Wer gelernt hat, richtig und aufmerksam zuzuhören, wird an dem Vortrag seine Freude haben. Leider können nur noch wenige Menschen diese Geduld aufbringen.

|Umfang: 252 Minuten auf 4 CDs|

Marklund, Liza – Rote Wolf, Der

Ein gesuchter schwedischer Terrorist kehrt nach 30 Jahren im französischen Exil, wo er für die baskische ETA tötete, in seine alte Heimat zurück, um hier zu sterben. Zur gleichen Zeit beginnt eine Reihe von mysteriösen Morden, die Liza Marklunds Serienheldin Annika Bengtzon, eine Reporterin, neugierig machen. Wenn sie sich mal nicht die Finger an dieser Story verbrennt.

|Die Autorin|

Liza Marklund, geboren 1962, studierte Journalismus und arbeitete bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Mehrere Jahre war sie Nachrichtenchefin des schwedischen Privatsenders „TV 4“. Diesen Traumjob kündigte sie, um Romane zu schreiben. Für ihren Debütroman „Olympisches Feuer“ (dt. 2000) erhielt sie bedeutende Literaturpreise. Auch die Nachfolgeromane „Studio 6“ und „Paradies“ wurden offenbar erfolgreiche Krimis. „Olympisches Feuer“ wurde laut Verlag fürs Kino verfilmt. Marklund lebt mit ihrer Familie in Stockholm. (Verlagsinfo)

Mehr Infos: http://www.lizamarklund.net.

|Die Sprecherin|

Judy Winters Karriere am Theater begann 1962. Die 1944 Geborene wurde von Peter Zadek ans Bremer Theater engagiert und feierte in Musicals wie „My Fair Lady“ oder „Hello Dolly“ große Erfolge. Es folgten zahlreiche TV-Filme, u. a. Simmel-Verfilmungen und der Kult-Tatort „Reifezeugnis“. Mit dem Programm „Marlene“ hat Judy Winter einen Meilenstein ihrer Kunst gesetzt. Damit ging sie im Sommer 2001 auf Japan-Tournee. Sie hat bereits Marklunds Romane:

„Olympisches Feuer“,
„Paradies“,
„Prime Time“,
„Mia. Ein Leben im Versteck“ und
„Studio 6“

gelesen, die alle als Buch und Hörbuch bei |Hoffmann & Campe| erschienen.

Winter liest die von Gabriele Gierz gekürzte Fassung. Regie führte Georg Gess.

_Handlung_

PROLOG. Ein alter Mann kehrt aus der Fremde zurück in seine schwedische Heimat, nach Luleå (ausgesprochen ‚lüvleå‘). Vorerst hat er keinen Namen, aber wir erfahren, dass er todkrank ist (Krebs?) und gegen die Schmerzen Morphium nehmen muss. In seinen Albträumen hat er dunkelrotes Blut an den Händen. Er erinnert sich an die glorreiche Zeit vor 30 Jahren, an seine früheren Kameraden in der „Bewegung“. Und unter ihnen an „Roter Wolf“. – Schon bald geschieht ein Mord in Luleå, dann, wenig später, ein zweiter …

HAUPTTEIL.

Die Journalistin Annika Bengtzon vom „Abendblatt“ – Marklunds Serienheldin – hat ihrem Chefredakteur Anders Schümann erfolgreich eine neue Serie „verkauft“: Sie will unaufgeklärte Terroranschläge zum Thema machen. Die neue, faktenorientierte Ausrichtung des Blattes, für die Schümann verantwortlich zeichnet, erlaubt es ihr.

Als sie hoch im Norden in Luleå ankommt, ist ihr Kontaktmann tot: Benni Ekland wurde am selben Morgen von einem Auto überfahren, offenbar war es ein Unfall, glaubt die Polizei. Annika wollte mit dem Reporter von der Lokalzeitung ihre Aufzeichnungen kollegial austauschen. Nun erfährt sie überrascht, dass er seinen Artikel bereits am Freitag zuvor veröffentlicht hat, und auch noch mit Infos und Formulierungen, die von ihr stammen. Saubere Arbeit, denkt sie zynisch.

Sie waren beide am gleichen Thema dran: Vor 30 Jahren erfolgte in der Nacht zum 18. November 1969 ein Anschlag auf den Fliegerhorst Norrbottn. Ein Militärflugzeug vom Typ F-21 flog in die Luft, angeblich nachdem jemand einen Eimer Restbenzin angezündet hatte. Dabei kam ein Mann ums Leben, ein zweiter wurde verletzt. Wie unwahrscheinlich diese Ursache wirklich ist, erfährt Annika nicht vom Pressesprecher des Fliegerhorstes.

Und es waren wohl auch nicht die Russen, wie er behauptet, sondern eine linke maoistische Splittergruppe, wie ihr Kommissar Suub erzählt. Deren Kopf operierte wie alle Gruppenmitglieder unter einem Decknamen; seiner war „Ragnvald“: das isländische Wort für den „Beherrscher göttlicher Mächte“. Er ging später erst nach Uppsala, kam zurück und verließ nach dem F-21-Anschlag das Land, um sich der baskischen Separatistengruppe ETA anzuschließen. Ragnvald ist offenbar Bombenspezialist.

Der Kommissar erzählt ihr dies nur, weil ihm Annika berichtet, was sie von einem jungen Augenzeugen des „Unfalls“, der ihrem Kollegen Ekland zugestoßen war, erfahren hatte. Ekland wurde von einem Mann in einem schweren Volvo mehrfach überfahren und praktisch zermalmt. Es war kaltblütiger Mord. Am Tag nach der Zeitungsveröffentlichung dieser Erkenntnis wird dem Augenzeugen, dem Jungen Linus Gustafsson, die Kehle durchgeschnitten. Annika ist von schweren Schuldgefühlen geplagt. Ihre Klaustrophobie kommt unter seelischem Stress immer stärker zum Ausbruch, wobei sie imaginäre Stimmen hört, die sie trösten wollen.

Hat die neuerliche Mordserie etwas mit dem F-21-Anschlag vor dreißig Jahren zu tun und mit Eklands Artikel darüber? Wenn ja, dann schwebt auch Annika in Lebensgefahr, die sich nun auf die Spur des Terroristen Ragnvald und seiner Freundin „Roter Wolf“ gesetzt hat, obwohl es ihr der Chefredakteur ihres Blattes verboten hat. Er glaubt nicht an Terroristen in Nordschweden, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen.

Doch Annika hat Recht: Ein Mitglied von Ragnvalds Maoistengruppe nach dem anderen findet einen unnatürlichen Tod. In einem alten verstaubten Archiv stößt Annika auf ein brisantes Bild: Es zeigt Ragnvald neben einer jungen Frau, wie sie im November 1969 ihre Hochzeit proben. Die junge Frau ist Karina Björnlund, die gegenwärtige Kultusministerin …

_Mein Eindruck_

Wieder einmal packt Liza Marklund in Gestalt ihrer Serienheldin Annika Bengtzon ein heißes Eisen an: die früheren linken Splittergruppen der sechziger Jahren, deren Mitglieder dann entweder Normalos wurden oder in den terroristischen Untergrund gingen. Nach dreißig Jahren ist der Spuk aber nicht vorbei, sondern geht in Luleå von neuem los. Lange Zeit ist unklar, ob wirklich „Ragnvald“, mit bürgerlichem Namen Göran Nilsson, hinter der neuen Mordserie steckt – oder ob nicht ein Trittbrettfahrer sich die Rückkehr des alten Leitwolfs zunutze macht, um alte Rechnungen zu begleichen. Daher bleibt die Handlung auch bis zum Finale spannend.

|Zweites Finale|

Aber es gibt noch ein zweites Finale. Dieses schließt einen zweiten Handlungsstrang, der in meiner Inhaltsangabe nur angedeutet wird. Hier steht Chefredakteur Anders Schümann im Mittelpunkt. Sein Herausgeber und Verlagseigner Wennargren bietet ihm einen Karrieresprung an: Schümann könnte Vorsitzender des mächtigen Verlegerverbandes werden und in dieser Position die Medienpolitik der schwedischen Regierung im Sinne Wennargrens beeinflussen.

Und das ist auch dringend nötig, denn die Amerikaner drängen mit aller Macht auf den schwedischen Markt, indem sie digitales Fernsehen forcieren, das im gesamten Skandinavien zu empfängen wäre, würde es die Regierung, sprich: Björnlund, ohne Vorbehalte erlauben. Doch genau diese Vorbehalte spielt den beiden nun Annika Bengtzon in die Hand, ohne es zu ahnen: Die Tatsache, dass Björnlund eine Art „Terroristenbraut“ war, macht sie erpressbar. Schon bald stößt Annika in Björnlunds (öffentlich zugänglichen!) Briefwechsel auf seltsame Botschaften – nicht nur von einem „Gelben Drachen“ (= Ragnvald), sondern auch von Herrn Wennargren.

Im Finale dieses Handlungsstrangs hauen sich Schümann und Bengtzon gegenseitig die jeweiligen Verfehlungen um die Ohren. Schümann hat die Regierung manipuliert, doch Annika hat ihrerseits ihre journalistische Freiheit missbraucht, um die Geliebte ihres Mannes zu diffamieren und um den Job zu bringen.

|Drittes Finale|

Und so kommt es im dritten Handlungsstrang denn auch zu einem weiteren Finale. Das nimmt nicht die Form eines lautstarken Ehekrachs an, sondern vollzieht sich quasi heimlich, still und leise. Annika hat aus ihren Beziehungen gelernt. Sie hat zwei wunderbare Kinder, die sie liebt und die sie ihrerseits lieben. Doch Thomas ist frustriert über Annikas häufige dienstliche Abwesenheiten, gerade an Wochenenden. Daher kommt ihm ein weiches Weibchen, das ihn verwöhnt, gerade recht: Sofia Grenburi ist eine Kollegin, die er fast täglich in seinem Landtagsverband sieht.

Allerdings ist er so verschossen in sie, dass er auf der Straße unvorsichtig wird, wo ihn Annika eines Tages voll Entsetzen in den Armen einer anderen sieht. Der Schock sitzt tief, und sie weint sich bei ihrer besten Freundin Anne Snapfane (aus „Prime Time“) aus. Doch Anne geht es selbst nicht so gut, denn die Regierung unter Björnlund will ihren Sender |TV Scandinavia| praktisch dichtmachen. (Wir wissen, warum.) Annika kriegt auch diesmal die Kurve und packt den Stier bei den Hörnern. Drei Anrufe einer neugierigen Journalistin beim Landtagsverband genügen und Sofia Grenburri ist als rechtsextreme Steuerhinterzieherin und Betrügerin gebrandmarkt.

|Ergo|

Das wiederum bringt Annika zwar ihren Thomas zurück, spielt aber Schümann einen Trumpf gegen sie in die Hand (Sofias Vorgesetzte haben sich bei ihm über Annika beschwert). In dem beschriebenen zweiten Finale stellt Annika ihn vor eine schwere moralische Entscheidung: Entweder er geht den von Wennargren vorgezeichneten Weg die Karriereleiter hinauf und erpresst Björnlund weiterhin – oder er bringt Annikas Hintergrundartikel mit der Wahrheit über Björnlund, die Maoistengruppe und den wahren Mörder in Luleå. Es bleibt spannend bis zum Schluss.

Natürlich gibt es noch ein viertes Finale, in dem sich Annikas Konfrontation mit dem Serienmörder von Luleå abspielt, doch es wäre wirklich fies, irgendetwas darüber zu verraten.

|Nobody like you|

Thomas erkennt aufgrund des Artikels im „Abendblatt“, mit welch einer einzigartigen Ehefrau er gesegnet ist: „Es gibt einfach niemanden, der so ist wie Annika.“ Na, das ist doch schön, wenn ein Ehemann das erkennt, nachdem er fremdgegangen ist! Doch wir wundern uns von Anfang an, ob es nicht vielmehr auch die Stimmen in Annikas Kopf sind, die sie so einzigartig machen. Mehrere Male ist Annika nahe dran, aufzugeben und sich wie zu einem Fötus zusammenzukauern, weil die Gewalt, die sie bedroht, so unüberwindbar und überwältigend erscheint. Dann melden sich die Stimmen, die sie trösten und verwirren: Sie singen von Sommerabenden und Blumen und wie schön es in ihrer Jugend war, als sie die Großmutter (die in „Paradies“ starb) besuchte.

Annika muss sich immer selbst zur Ordnung rufen, um dem Sirenengesang Einhalt zu gebieten und der äußeren Welt Widerstand zu leisten. Da Annika wahrlich einzigartig zu sein scheint, ist anzunehmen, dass eine Reihe von Frauen es nicht schafft, diesen Widerstand zu leisten. In „Studio 6“ erzählte Marklund von zwei Frauen im Sexgewerbe, denen dies nicht gelang.

Annika, keineswegs der Übermensch, hat aber auch Angst vor „dem Tunnel“. Es blieb mir im ganzen Hörbuch unklar, ob ein bestimmter Tunnel gemeint ist, denn ich kenne „Olympisches Feuer“ nicht. Oder ob mit „dem Tunnel“ beziehungsweise „dem Tunnelblick“ ein ähnliches Angst- und Stressverhalten wie bei den Stimmen gemeint ist. Der „Tunnelblick“ ist ein allgemein bekanntes Phänomen, das beispielsweise bei Wut und Übermüdung auftritt. Deshalb wäre es vielleicht nützlich, doch das Buch zu lesen.

_Die Sprecherin_

Judy Winter verfügt über einen unglaublichen Stimmumfang, offenbar geschult durch ihre Schauspielausbildung und Musicalkarriere. Die Stimme reicht vom maskulinen Bass bis in die Höhen von Kinderstimmchen und Zickengekreisch. Deswegen fällt es ihr auch nicht schwer, Vertreter beider Geschlechter ebenso glaubwürdig zu sprechen wie etwa ein Kind.

Die Wirkung von Judy Winters Vortrag ist durchaus fesselnd. An spannenden Stellen liest sie langsam, an actionreichen natürlich schneller. Dennoch gehört die Mehrheit der Stimmen weiblichen Figuren, und da könnte die Charakterisierung durch unterschiedliche Stimm- oder Tonlage größer sein, um die jeweilige Figur besser unterscheidbar zu machen – eines der Hauptprobleme bei einem Hörbuchvortrag. Bei einer Handlung mit über einem Dutzend Figuren ist dies umso notwendiger.

Beeindruckend ist Winters Beherrschung des Englischen und Schwedischen, die sie gleichermaßen korrekt aussprechen kann. Ihre Aussprache des Schwedischen stellt sicher höhere Ansprüche, und wie im Englischen und Deutschen entspricht das geschriebene Wort nicht immer dem gesprochenen. Das kann besonders bei den zahlreichen Namen des Romans Verwirrung stiften, insbesondere dann, wenn die Aussprache schwankt. Die Aussprache des wichtigsten Namens, Luleå, schwankt allerdings nicht. Glücklicherweise ist Schwedisch nicht so schwierig wie das Walisische. 😉

So etwas wie Musik ist zwar ebenfalls zu hören, aber es handelt sich lediglich um einen einzelnen, bedrohlich klingenden Basston, der Anfang und Ende einer CD begrenzt. „Musik“ würde ich das nicht nennen.

_Unterm Strich_

Wieder einmal legt Marklund ein wirklich packendes Abenteuer ihrer Heldin Annika Bengtzon vor. Sie zeigt auf, dass die Vergangenheit keineswegs tot ist, sondern im Gegenteil einen langen Schatten wirft, der bis heute und in höchste Regierungskreise reicht. Welche Konsequenzen dies haben kann, zeigt die Medienpolitik auf, die Marklund von innen heraus kennt. Aber auch für Annika erweisen sich die Folgen der Rückkehr eines früheren Terroristen als verhängnisvoll – besonders dann, als sie trotz Pflicht- und Schuldgefühlen nicht aufhören will, den Spuren auf den Grund zu gehen.

Auch diesmal macht Judy Winter das Marklund-Hörbuch zu einem Hörereignis erster Güte. Dies macht sich am eindrücklichsten in jener klaustrophobischen Szene bemerkbar, als Annika mit den anderen Ex-Mitgliedern von Ragnvalds Gruppe in einem eiskalten, stockdunklen Häuschen aus Beton eingesperrt ist – und den anderen Anwesenden nacheinander die Sicherungen durchbrennen. Annika hat größte Mühe, nicht ebenfalls in Panik auszubrechen und aufzugeben. Denn das wäre ihr Ende im Kältetod. Diese Szene ist unvergesslich; das ist größtenteils Winters Verdienst.

|Umfang: 443 Minuten auf 6 CDs|

Kemelman, Harry – Am Dienstag sah der Rabbi rot

An einem bislang unbescholtenen College in Boston, Massachusetts, ereignet sich eine Bombenexplosion, der offenbar einer der Dozenten zum Opfer fällt. Doch Rabbi David Small hält weder die fünf aufrührerischen Studenten für die Täter noch sich selbst, wie der Staatsanwalt behauptet, sondern findet etliche Ungereimtheiten in der Beweiskette. Um den Täter zu überführen, muss er seine talmudische Gelehrsamkeit bemühen.

_Der Autor_

Harry Kemelman wurde 1908 in Boston geboren und studierte an der |Boston University| und in Harvard. Er arbeitete als Verkäufer und Lehrer, ehe er eine Professur am |State College| in Boston annahm. 1964 erschien der erste Fall für Rabbi David Small, „Am Freitag schlief der Rabbi lang“, der mit dem |Edgar Allan Poe Award| ausgezeichnet wurde. Seitdem veröffentlichte Kemelman noch zehn erfolgreiche Fälle für den Schriftgelehrten und scharfsinnigen Hobbydetektiv, bevor er 1996 88-jährig in Boston starb.

Alle Rabbi-Titel:

Am Freitag schlief der Rabbi lang
Am Samstag aß der Rabbi nichts
Am Sonntag blieb der Rabbi weg
Am Montag flog der Rabbi ab
Am Dienstag sah der Rabbi rot
Am Mittwoch wird der Rabbi nass
Der Rabbi schoss am Donnerstag
Eines Tages geht der Rabbi
Ein Kreuz für den Rabbi
Ein neuer Job für den Rabbi
Als der Rabbi die Stadt verließ

_Die Sprecher /Produktion_

Die Hörspielproduktion entstand 1987 beim WDR. Die literarische Vorlage wurde von Ingo Golembiewski bearbeitet, der den roten Faden herausarbeitete. Regie führte Joachim Sonderhoff. Die Musikuntermalung steuerte Matthias Thurow bei (Länge: 14:10 Minuten).

Der in den siebziger und achtziger Jahren bekannte und beliebte Schauspieler Gerd Baltus tritt als Rabbi David Small auf. Die „bestrickende“ Millicent Hanbury wird von Angela Eckert gesprochen, der Staatsanwalt Ames von Christian Rode. Hervorzuheben ist die distinguierte Stimme von Jürgen Thormann in der Rolle des Police Sergeamts. Thormann spielt auch in [„Die Vorleserin“]XXX ein wichtige Rolle als Magistrat.

_Handlung_

Rabbi Lambden braucht am Bostoner |Windermere College| eine Reisevertretung und bittet daher Rabbi David Small, in seiner Abwesenheit die Seminare für jüdisches Denken und Philosophie abzuhalten. David, der eigentlich an der Bostoner Synagoge arbeitet, willigt ein, nachdem sein sondierendes Gespräch mit Dekanin Millicent Hanbury positiv verlaufen ist. Nur Davids Fraum Miriam hat etwas Zweifel, ob das eine gute Idee ist, denn am Windermere College ereignete sich ein Jahr zuvor ein Bombenanschlag.

Wird schon nix passieren, beruhigt David sie und zieht schon bald in sein winziges Büro ein, das er sich mit dem antisemitisch eingestellten Englischdozenten Hendrix teilen muss. Gleich neben an ist Dekanin Hanburys Büro; beinahe kann man ihre Stricknadeln klappern hören, die sie leidenschaftlich benutzt. David lernt auch Präsident Macomber kennen, der in seinem Zimmer Golf spielt, und Professor Roger Fine, den er noch kennt, seit er ihn und seine Frau getraut hatte.

Schon nach wenigen Tagen kommt Unruhe in die Studentenschaft: Es hat sich herumgesprochen, dass Dekanin Hanbury den beliebten Prof. Fine dazu zwingen will zu kündigen, weil er angeblich einer Studentin bei der Prüfung zu besseren Noten verholfen hat. Die Studenten organisieren einen Sitzstreik, um zu protestieren, was Rabbi Small doch erheblich frustriert: In seinen Unterricht kommt kaum noch jemand.

Kurz nachdem am Freitag, den 13. November, eine Studentendelegation vergeblich bei Hanbury zugunsten Fines interveniert hat, explodiert eine Bombe in Hanburys Büro. Hanbury selbst hatte ihr Büro wütend verlassen. Merkwürdigerweise befindet sich das einzige Opfer im Zimmer nebenan: Prof. Hendrix liegt mit eingeschlagenem Schädel in seinem Blut. Offenbar hat die Erschütterung seine geliebte Homer-Büste zum verhängnisvollen Sturz auf seinen Gelehrtenschädel veranlasst. Seine Leiche bietet keinen schönen Anblick.

Und einen äußerst ungewöhnlichen obendrein, findet der ermittelnde Staatsanwalt Ames. Denn wie die Obduktion ergibt, starb der arme Prof. Hendrix spätestens um 14:40 Uhr, wohingegen sich die Explosion erst um 15:05 Uhr ereignete. Wer also brachte den Professor um? Und aus welchem Grund? Weil er ein Antisemit war? Am Ende fällt der Verdacht des Staatsanwalts sogar auf Rabbi David Small. Denn wie konnte der Mörder in Hendrix verschlossenes Büro gelangen? Nur der Rabbi, der sich mit Hendrix das Büro teilen musste, hatte noch einen Schlüssel, oder?

_Mein Eindruck_

Dass Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und dergleichen auch nicht vor den Mauern von Colleges und Universitäten Halt machen, wissen wir spätestens seit Philip Roths Roman „Der menschliche Makel“. Doch Harry Kemelman schrieb seine Storys über den Rabbi David Small schon etwa 20 Jahre zuvor, und offensichtlich wusste er, wovon er redete. So viel also zur andauernden Aktualität von Kemelmans Erzählungen.

Aber Kemelman weiß auch einen gediegenen Kriminalfall zu konstruieren, ohne dass der Leser gleich durch irgendwelche Logiklöcher fällt. Das Geflecht der Beziehungen zwischen den Angestellten des Windermere College ist das erste, was er vor uns ausbreitet, denn nur daraus – und nicht etwa von außen – entwickelt sich das kriminelle Geschehen.

Die üblichen Ermittler tauchen auf: der Polizeisergeant, der Staatsanwalt. Beide kommen mit ihrem Latein nicht allzu weit, denn im zeitlichen Ablauf kann irgendetwas nicht stimmen, wie schon die Diskrepanz zwischen Hendrix‘ Todeszeitpunkt und der Bombenexplosion zeigt. Fieserweise hat der Täter aber auch falsche Spuren gelegt.

Doch Rabbi Small weiß Abhilfe. Obwohl es die Herren Ermittler zunächst zum Schmunzeln bewegt, verweist Rabbi auf den jüdischen Talmud. Diesen würden Rabbis in aller Welt, die ja nicht bloß Religionslehrer, sondern auch Rechtssprecher seien, dazu heranziehen, um Gerechtigkeit zu finden. Denn der Talmud biete eine Methode an, mit der man auf ebenso einfache wie stringente Art und Weise die Wahrheit herausfinden könne. Dazu müsse man allerdings erst einmal alle Fakten kennen und alle Möglichkeiten berücksichtigen. Und wie sich zeigt, sind die Beziehungen zwischen den Beteiligten des Falles dabei von besonderer Bedeutung. Interessant ist jedenfalls, dass der Junggeselle Hendrix von einem Kollegen als „sexbesessen“ bezeichnet wird …

|Die Sprecher /Produktion|

Gerd Baltus besticht durch seine Darstellung des Taldmudgelehrten David Small. Er ist zugleich verständnisvoll gegenüber der neuen Umgebung des Colleges, andererseits auch wieder enthusiastisch, wenn es um seinen Talmud geht, der ja von den Ermittlern nicht ernst genommen wird. Baltus vermittelt in diesem heiklen Umfeld den Rabbi als eine sehr sympathische Figur.

Die Ermittlungsgespräche von Sergeant Schroeder und Staatsanwalt Ames sind aber auch sauber herausgearbeitet. Schließlich geht es darum, die Wahrheit herauszufinden. Jedermann außer dem Rabbi scheint ein gutes Alibi zu haben, und Dekanin Hanbury sogar mehrere. Diese bleibt uns fast bis zuletzt als harmlose, aber in der Sache Roger Fine ziemlich autoritär auftretende Amtsinhaberin in Erinnerung.

Wie stets bei Krimis empfiehlt sich das mehrfache Anhören des Hörspiels. Aufgrund des umfangreichen Personals könnte der Überblick verloren gehen. Und beim zweiten Anhören werden schnell weitere Details und Zusammenhänge deutlich. Ein häufigeres Anhören würde aber wohl nur Langeweile erzeugen, denn dafür ist die Handlung einfach nicht komplex genug.

|Musik & Geräusche|

Die Geräusche haben ein erstaunlich hohes Niveau, das man sonst nur vom Fernsehen kennt. Nicht nur die Tonqualität in den unterschiedlichsten Umgebungen (Büro, Autofahren, Park, Treppenhaus) ist erstklassig, sondern auch Effekte wie etwa Hall (im Treppenhaus) oder Blätterrascheln (Park). Wer beim Hallen von mehreren Stimmen gleichzeitig nicht genau aufpasst, erhält einen schwammigen Sound, der einem Durcheinander nahe kommt. Das ist zum Glück nicht der Fall, vielmehr sind alle Stimmen in Stereoton sauber zu unterscheiden.

Die Musik ist ein Kapitel für sich und somit Geschmackssache. Sie wurde mit einem Synthesizer erzeugt, der noch über keine Samples verfügte, allenfalls Cembalo. Daher klingt die Musik künstlich. Sie hat zwei Funktionen: zu untermalen und Pausen in Szenenwechseln zu füllen. Während die Pausenfüller wie sehr knappe Werbejingles klingen, bildet die zweimal eingesetzte Szenenuntermalung einen dezent vernehmbaren Klangteppich, der sich nicht aufdrängt – schließlich soll der Dialog zu verstehen sein. Man kann sich also lediglich über die als Kontrapunkt eingesetzten Pausenfüller streiten, aber das ist wie gesagt Ansichtssache.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel klingt von der Tonqualität her und aufgrund der guten Dramaturgie wie ein Fernsehkrimi à la „Derrick“. Wenn man keine allzu hohen Ansprüche hinsichtlich der Komplexität einer 40 Minuten währenden Handlung stellt, so wird man mit einer spannenden Erzählung mit einem ungewöhnlichen Ermittler, einem Rabbi, belohnt. Erst dem Rabbi gelingt es, den Kreis der Verdächtigen in die richtige Richtung auszudehnen.

Die Sprecher erwecken die Handlung quasi zum Leben, doch die Abfolge der sauber abgetrennten Szenen erinnert ein wenig zu sehr ans biedere deutsche Fernsehen der siebziger und achtziger Jahre. Es gibt vermutlich Schlimmeres.

Was mich aber immer noch verwirrt, ist der rätselhafte Titel. Er passt überhaupt nicht zum Inhalt, denn die Haupthandlung mit der Bombenexplosion findet an einem Freitag, den 13., statt. Und natürlich sieht der Rabbi an keiner einzigen Stelle rot. Das würde auch den sympathischen Eindruck verderben, den er hinterlässt.

|Umfang: 52 Minuten auf 1 CD|

Jean, Raymond – Vorleserin, Die

Nur wenige kennen jenen verschmitzt-erotischen Film von Michel Deville aus dem Jahr 1988: „Die Vorleserin“. (Der Film wurde 1988 bei den Filmfestspielen in Montreal mit dem Großen Preis ausgezeichnet.) Aber er ist nicht nur eine Liebeserklärung an die Literatur und ihre Macht, sondern auch an die Erotik, die vom Akt des Vorlesens ausgehen kann. Denn Liebe und Lesen sind Verwandte: Beide stellen eine Reise dar, sagt Raymond Jean in seinem Werk, gleichgültig, ob es sich um Film, Buch oder – wie hier – um Hörspiel handelt.

_Der Autor_

Raymond Jean, geboren am 21. November 1925 in Marseille, ist ein französischer Schriftsteller, der zunächst vom Sozialrealismus und dem |Nouveau Roman| beeinflusst wurde. Außer „Die Vorleserin“ (1986), einer satirischen Sozialkomödie, verfasste er drei weitere Romane, darunter „Mademoiselle Bovary“ (1991), „Les Grilles“ (1963) und „La Vive“ (1968). Er arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Professor an der Universität der Provence. (Jedenfalls wurde sein Ableben noch nicht im Internet verzeichnet.) Erst durch den Erfolg des schönen Filmes von Michel Deville mit Miou-Miou in der Titelrolle wurde Raymond Jean mit seinem Werk bekannter.

_Die Sprecher_

Svenja Pages spricht Marie Constance, eine weitere bekannte Stimme ist Anne Moll. Ingesamt sind 14 Sprecher verzeichnet. |Radio Bremen| und |Saarländischer Rundfunk| produzierten das Hörspiel 1999 gemeinsam. Die Hörspielfassung stammt von Andreas Lammers, Regie führte Hans Helge Ott, und Rudolf Schmücker steuerte die Musik bei.

_Handlung_

Marie Constance, schon 34, hat ihr Studium abgebrochen, die Schauspielschule aufgegeben und lebt neben ihrem arbeitsbesessenen Mann Philippe in den Tag hinein. „Mach wenigstens etwas!“, drängt ihre beste Freundin Francoise. „Warum bietest du deine Dienste nicht einfach als Vorleserin an?“ Und das tut Marie Constance (MC) dann auch. Aber was soll sie vorlesen? Ihr alter „Meister“, das heißt ihr früherer Professor Roland, empfiehlt ihr Maupassant: „Die Hand“. Eine gruselige Erzählung.

Der Mann in der Anzeigenannahme der Zeitung rät ihr gleich, unzweideutig zu formulieren. Für was solle man sie denn halten? Also bietet sie nicht sich selbst, sondern lediglich ihre Vorlesedienste an. Die erste Kundin ist die Mutter des gelähmten Jungen Eric. Sie liest ihm „Die Hand“ vor, während ihr der Kleidsaum immer höher rutscht. Eric kommt mit einem schweren Asthmaanfall ins Krankenhaus, und MC fühlt sich schrecklich schuldig. Zum Glück strahlt Eric bald wieder. Der Kleidsaum darf künftig noch höher rutschen.

Kundin Nummer zwei ist die 82 Jahre alte Generalswitwe Dumesnil, kurz „Die Generalin“ genannt. Obwohl sie aus einer ungarischen Adelsfamilie stammt, ist sie glühende Verehrerin der Revolution und lässt MC prompt nur noch Karl Marx vorlesen. Welch grässliche Prosa, findet MC. Die Generalin schläft dabei regelmäßig ein.

Der dritte Kunde ist ein vielbeschäftigter Generaldirektor, der sich angeblich vorgenommen hat, etwas für seine Bildung zu tun. Nachdem er aber gestanden hat, seit einem halben Jahr von seiner Frau getrennt zu leben und sich nach weiblicher Gesellschaft zu sehnen, ist für MC der Fall klar. „Retten Sie mich!“ ruft Michel Dautrand. Sie bietet ihm hilfreich ihren Mund dar. Der weitere Weg führt ins Schlafzimmer. Denn Lesen ist wie die Liebe: beides ist eine Reise.

Die vierte Kundin ist eine gluckenhafte Geschäftsfrau mit einer total unterdrückten achtjährigen Tochter Clorinde. Dieser liest MC natürlich „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll vor. Während sie mit ihr anschließend in den Park spazieren geht, ruft die Mutter die Polizei und meldet eine Kindesentführung samt Juwelenklau …

Bei der Generalin geht es hingegen lustiger zu. Kur vor dem 1. Mai, sozusagen dem Feiertag der Revolution, spielt sie „Die Internationale“ ab und schwenkt eine rote Fahne. Marie Constance wird aufs Polizeirevier zitiert, wo man sie schon als notorische Unruhestifterin kennt, wie Kommissar Belloit meint. Das Einzige, was ihm an MC gefällt, sind offenbar ihr Beine.

Am 1. Mai schließlich kommt es zur Krise: Die Generalin zwingt MC, in der ersten Reihe der Arbeiterkundgebung mitzumarschieren. Und o weh! Da kommt auch die kleine Clorinde, um sich der Demonstration anzuschließen. Ihre Mutter wird außer sich sein. Prompt wird MC wieder aufs Revier zitiert. Die Anklage lautet auf Aufrührerei. Belloit warnt sie.

Doch es kommt noch schlimmer, und MC muss einsehen, dass auch ihre Toleranz beim Vorlesen eine Grenze kennt. Bei de Sade, den man sie vorzulesen bittet, hört der Spaß eindeutig auf.

_Mein Eindruck_

Marie Constance scheint, oberflächlich betrachtet, in mehrere amouröse, skurrile bis aberwitzige Situationen zu geraten. Da ist der querschnittsgelähmte Eric, die vernachlässigte Clorinde, die einsame Klassenkämpferin, der unter Sexentzug leidende Generaldirektor. Ihnen allen bringt die Literatur Linderung ihrer Leiden. Aber ist es wirklich das Vorgelesene und nicht vielmehr die Vorleserin selbst, die ihnen etwas gibt? Was könnte das sein?

Denn es gibt auch die Gegenseite: der Kommissar Belloit, der MC zur Rebellin und Aufrührerin hochstilisiert, um sie zu warnen; der Medizin-Professor D’Arc, der an ihr Verantwortungsbewusstsein appelliert, um MC zu kontrollieren; schließlich die Geschäftsfrau, die sofort die Polizei ruft, wenn ihr Töchterlein an die frische Luft will. Die Krönung dieses Unterdrückungsapparates bildet das „Vorlese-Fest“, das drei ehrenwerte Männer für MC vorbereitet haben: ausgerechnet der Kommissar, der Arzt und ein Magistrat mit distinguierter Stimme (s. u.). Symbolisch für ihr Begehren steht der Marquis de Sade.

Diesen „Kontrollorganen“ steht Marie Constance gegenüber. Einfach indem sie ihre Dienste und ihre erotisierende Präsenz anbietet, setzt sie bei ihren älteren – und jüngeren – Kunden eine Befreiungsbewegung frei: Dem Generaldirektor gewährt sie entspannte Liebe, der Generalin einen Ausbruch von klassenübergreifender Solidarität, der 14-jährige Eric entdeckt die Wonnen der Erotik („Könnten Sie nächstes mal bitte ohne Höschen kommen, Madame?“) und die kleine Clorinde reißt sich von der Mutterhand los, um sich an MCs Seite in die Mai-Kundgebung einzureihen.

Dass so viel Erotik und Befreiung als aufrührerisch und befreiend angesehen wird, kann nicht ausbleiben. Die Kontrollorgane ergreifen die Initiative. Diese junge Dame hat bereits genug gesellschaftlichen Erfolg gehabt, nicht wahr? Belloit & Co. machen nun die Probe auf’s Exempel: Wenn MC sich ihren demütigenden Wünschen beugt, soll sie auch in die höchste Ebene der „ehrenwerten Gesellschaft“ aufgenommen werden dürfen – quasi als Stiefelleckerin. Denn darum geht es bei dem Zitat aus de Sades „120 Tage“ (und um noch viel Intimeres). Im Klartext: Die Aufrührerin wird ihrer Ehre und Selbstachtung beraubt, woraufhin man sie an die Kandare legt, wenn sie alles erfüllt, was man von ihr verlangt. Ob sich MC wohl darauf einlässt?

Wenn man Raymond Jeans Text von der gefälligen Verpackung befreit, enthüllt sich eine handfeste Kritik der bürgerlichen Gesellschaft. Die Hörspielbearbeitung durch Andreas Lammers beschneidet diese Aussage nicht, sondern arbeitet sie vielmehr heraus, ohne dabei die vorgetragene Literatur zu unterdrücken (das wäre ja noch schöner!).

_Die Sprecher, die Inszenierung_

Als Erstes hören wir Svenja Pages‘ angenehme (erotisierende?) Stimme, die ein Gedicht von Charles Baudelaire rezitiert, und zwar so, dass die Verse und Worte deutlich und einzeln zur Geltung kommen. Im ganzen Hörspiel wird nichts heruntergeleiert, im Gegenteil: Allen Sprechern hört man die Sprechausbildung aus der Schauspielausbildung an. Dies hat mehrere Effekte.

Der Intimität, die zwischen den beiden Freundinnen MC und Francoise durch raschen Wechsel und sogar Überlagerung hörbar wird, stehen die Szenen gegenüber, in denen MC quasi im „Außendienst“ ist. Der Kontrast zwischen den Gedanken, die MC äußert, und dem, was sie sagt und sich anhören muss, führt oft zu Ironie. Diese Ironie ist häufig sympathisch gegenüber den Profiteuren von MCs Vorlesediensten, allen voran Eric und der Generaldirektor, manchmal aber auch recht kritisch, so etwa gegenüber dem geilen Kommissar.

Manchmal tritt MC auf wie eine Agentin im Auftrag ihrer Majestät, der Literatur und Erotik. Sie verkleidet sich mit einem strengen Kostüm und einer Brille mit nicht-optischen Gläsern. Sie wappnet sich mit Rüstung und Lüge, doch sie passt nie ihre Stimme an. Darum können wir andererseits nachvollziehen, wie aus der Agentin eine verehrende Jüngerin der Venus wird, wenn sie mit dem Generaldirektor ins Bett geht. Schöner gehauchte Zitate hat man selten gehört. (Man stelle sie sich dann auch noch in Französisch vor!)

Die schönste Stimme aber hat meiner Meinung nach die „Generalin“, die einmal „die schönste Frau auf den Bällen der Militärattachées“ gewesen sein will. Ihre Stimme klingt rauchig, gereift wie alter Wein, und doch kraftvoll. In bizarr-ironischem Kontrast dazu steht ihre närrische Vorliebe für die knöchernen Sätze des deutschen Frühkommunisten Marx. Wenn er über Edelmetalle doziert, bekommt sie beinahe einen Anfall der Ekstase – davon wird sie zum Glück von der Demo draußen auf der Straße abgehalten. Man kann sich die Ungarin in ihrer Jugend gut als feuriges Frauenzimmer vorstellen.

Die einzige Stimme, die meiner Ansicht nach nicht passt, ist ausgerechnet die des jungen Eric, den MC so aufreizend mit Baudelaire und hochgerutschtem Rocksaum beglückt. Eigentlich sollte er mit 14 Jahren ja seinen Stimmbruch bereits hinter sich haben, doch sein Sprecher klingt leider, als hätte er diesen vokalen Einschnitt noch weit vor sich.

Der verschlagenste Profi-Sprecher ist gegen Schluss zu hören: Mit der distinguiertesten, gepflegtesten und offensichtlich ehrbarsten Stimme bittet Jürgen Thormanns Figur des Magistrats um das schlimmste Stück Literatur, das MC bis dato untergekommen ist. Natürlich kann dessen Inhalt dem Hörer nicht vorenthalten werden, da es ja als Beleg für die finsteren Absichten des Kunden dient. Jürgen Thormann ist der Beweis dafür, wie sehr eine ausgebildete Stimme den Eindruck von den wahren Absichten seiner Figur zu verschleiern vermag. Thormann ist ein echter Künstler. Leider enthüllt das mager ausgestattete Booklet nichts über seinen Namen; aber man kennt Thormann aus Fernseh- und Kinofilmen, in denen er britischen Adligen seine Stimme leiht.

|Musik|

Alle Episoden sind durch Pausenmusik abgetrennt. Dabei handelt es sich um sehr gefällige Caféhausmusik, Piano-Jazz mit brasilianischen Rhythmen und Hintergrundgesang. Da diese Rhythmen aber auch die angenehmen Szenen dezent begleiten, entsteht dabei eine heiter-beschwingte Stimmung, wie sie den Spätsommer-Episoden sehr angemessen ist. Bei ernsten Szenen hingegen fehlt die Musik, aus hoffentlich verständlichen Gründen.

_Unterm Strich_

Das Hörspiel bietet eine sehr gefällige und heiter-beschwingte, leicht ironisierende Darbietung des Textes. Doch eine genauere Strukturanalyse ergibt, dass es sich bei „Die Vorleserin“ durchaus um ein handfestes Stück Kritik der bürgerlichen Gesellschaft handelt. Aber sowohl Leute, die sich unterhalten lassen wollen, als auch Hörer, die auf die tiefere inhaltliche Seite achten, kommen auf ihre Kosten. Die Episoden sind kurzweilig, überschaubar, skurril und aussagekräftig genug, um die Aufmerksamkeit des Hörers zu fesseln. Und manche Stellen sind wirklich o lalá.

Das Hörspiel ist sehr professionell inszeniert, alle Sprecher bis auf eine Ausnahme klingen passend und professionell. Die Musik trägt die entspannt-verspeilte Grundstimmung voran: Es ist Sommer … Möge die ‚Vorleserin‘ auch den Weg in eure Stuben finden.

|Umfang: 58 Minuten auf 1 CD|

Mankell, Henning – Pyramide, Die

An der schwedischen Küste stürzt ein Sportflugzeug von Drogenkurieren ab. In dem ansonsten so idyllischen Städtchen Ystad, wo Kommissar Kurt Wallander tätig ist, explodiert wenig später das Haus zweier ehrbarer Schwestern. Und zu guter Letzt wird Wallanders Vater in Ägypten wegen Pyramidenbesteigung verhaftet. Unser Serienheld hatte es offenbar schon im Jahr 1989 nicht leicht in seinem Beruf.

_Der Autor_

Henning Mankell wurde 1948 in Schweden geboren. Heute verbringt der Schriftsteller, Drehbuchautor und Intendant die eine Jahreshälfte in Moçambique, wo er seit 1996 das |Teatro Avenida| in der Hauptstadt Maputo leitet. Die andere Jahreshälfte verbringt er in Schweden. Für sein vielseitiges Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so etwa mit dem |Deutschen Krimi-Preis| und mit dem |Deutschen Bücherpreis|.

„Die Pyramide“ erschien 2002 in dem Erzählband „Wallanders erster Fall“. Auch die anderen Erzählungen aus dem Storyband „Wallanders erster Fall“ sind im Hörbuch zu bekommen.

_Die Sprecher_

Kurt Wallander (KW) wird diesmal gesprochen von Heinz Kloss, der schon beinahe jugendlich klingt: Im Jahr 1989 ist Wallander erst Anfang Vierzig. Schon schon in dieser Anfangsphase seiner Laufbahn als Kommissar hat Wallander einen engen Assistenten: Martinsson. Er wird gesprochen von Thomas B. Hoffmann. KWs namenlosen Vater spricht Peter Groeger, seine Tochter Linda (die später in die Fußstapfen des Vaters tritt) Katrein Frenzel.

Das Hörspiel erarbeitete Dramaturg Moritz Wulf Lange von der Produktionsgesellschaft |STIL|, die schon „Der Mann, der lächte“ hervorgebracht hat (mit durchwachsenem Ergebnis). Regie, Musik, Schnitt und Ton erfolgten in Personalunion von Simon Bertling und Christian Hagitte.

_Handlung_

Am Anfang werden wir erstaunt Ohrenzeugen eines Flugzeugabsturzes an der Küste von Südschweden. Es ist ein Rätsel: Was machten die Piloten des Sportflugzeugs in dieser Gegend, und warum stürzte ihre Maschine ab?

Es folgen einleitende Musik und Ansage.

Kurt Wallander erzählt in der Ich-Form von seiner kürzlich zurückliegenden Scheidung von Mona, die mit seiner Tochter Linda nach Malmö gezogen ist. Im Verlauf der Handlung taucht Linda allerdings mehrmals frustiert von Monas Kontrollfanatismus bei ihrem Vater auf. KW hat jetzt die Krankenschwester Emma Lundin zur Freundin.

An der Absturzstelle des Flugzeugs in Mossby erfährt KW, dass es sehr tief geflogen sein muss, denn es war nicht auf dem Radarschirm aufgetaucht. Wahrscheinlich war es ein Drogenkurier, der seine Fracht abwarf. Auf dem Revier verhört KW vergeblich einen aalglatten Drogenhändler namens Holm, der Südschweden mit Heroin versorgt. Sein Haus liegt in der Nähe der Absturzstelle. Dort wurden starke Scheinwerfer bemerkt, die nun aber verschwunden sind: die Abwurfstelle?

Etwas mehr Erfolg hat Wallanders Order, in dem explodierten Haus der Schwestern Eberhardsson notfalls bis in den Keller zu graben. Heureka! Die Experten finden nicht nur die zwei verkohlten Leichen der Schwestern, sondern auch einen versteckten Safe, in dem sage und schreibe fünf Millionen schwedische Kronen deponiert sind. Diese enorme Summe haben die beiden sicher nicht mit ihrem Strickwarenladen verdient. Jemand hatte etwas gegen ihren Reichtum: Sie wurden per Genickschuss hingerichtet. War es Holm? Er ist untergetaucht.

Unterdessen fliegt Wallanders alter Vater nach Ägypten, um die Pyramiden von Gizeh zu besuchen. Diesen Vorsatz nimmt er ein wenig zu wörtlich, denn die Polizei buchtet ihn wegen verbotenen Besteigens der Cheops-Pyramide ein. Sie verlangen per Telegramm 10.000 Kronen Buße von KW, sonst muss sein Vater zwei Jahre lang in ägyptischen Gefängnissen schmachten. KW fliegt hin und überzeugt den Alten, dass der es zwei Jahre lang ohne Malen nicht im Knast aushalten würde. Auch KW bewundert die nachts angestrahlten Weltwunder.

Und dieser Anblick bringt ihn auf die zündende Idee: Wer konnte denn die starken Scheinwerfer besorgen, um dem Drogenkurierflugzeug die Abwurfstelle zu markieren?

_Mein Eindruck_

„Die Pyramide“ ist ein ziemlich geradliniger Kriminalfall und wäre schon relativ früh vorhersehbar, wenn nicht Wallanders Ermittlungen mit Episoden aus seinem Privatleben variiert würden. Und auf dieser Seite seines Lebens hat er ja sozusagen die „Erleuchtung“, um in dem festgefahrenen Fall die richtige, die wichtigste Frage zu finden. Denn die Pyramide ist auch der schematische Aufbau des Falles. KW hat drei Ecken des Falls, aber ihm fehlt sozusagen die Spitze der Pyramide, der gemeinsame Nenner, um die richtige Lösung zu finden.

Wallander teilt uns auch seine Erkenntnis mit, dass sein Abmühen in dem Polizeijob ebenfalls einer Pyramide gleichkommt. Er und seine Kollegen mühen sich an zahlreichen kriminalistischen Fronten ab, doch die Spitze der Pyramide erreichen sie in den seltensten Fällen. So auch in diesem Fall. Wer waren die Geldgeber und Drahtzieher der Drogengeschäfte in Südschweden? KW wird es nie herausfinden, es sei denn, ihm kommt Kommissar Zufall zu Hilfe.

Denn am Ende der Geschichte gibt es einen erbitterten Schusswechsel, in dem der Kommissar ins Kreuzfeuer gerät, und später einen toten Hauptzeugen. Dumm gelaufen, Herr Wallander.

|Die Sprecher|

Alle Sprecher klingen wie professionell ausgebildete Schauspieler. Yara Blümel beispielsweise war schon in dem Poe-Hörspiel „Die Maske des Roten Todes“ zu hören. Heinz Kloss spricht wie schon in „Der Mann, der lächelte“ unseren Lieblingskommissar. Allerdings klingt seine Stimme, wie gesagt, schon fast jugendlich. Sie hebt sich deutlich von der Stimme von Wallanders Mentor, dem alten Kommissar Rydberg (Peter Panhans), ab. Interessant fand ich den mit einem Akzent versehenen Ägypter Radwan, gesprochen von Marc Oliver Bögel.

|Geräusche & Musik|

Wie bereits angedeutet, gibt es zwei akustische Höhepunkte des Hörspiels: am Anfang und am Ende. Der Flugzeugabsturz klingt fast, als säße der Hörer selbst im Cockpit der Piloten. Keine Angst, hier stürzt keine Stuka mit lautem Geheul ab, sondern lediglich ein Sportflugzeug.

Das finale Feuergefecht schließlich findet auf Holms Bauernhof statt: Im Hintergrund bellt ständig ein Schäferhund, und Wallander stutzt, als das Bellen aufhört. Gerade noch rechtzeitig, denn schon in der nächsten Sekunde peitscht ein ziemlich realistisch klingender Schuss durch die hell erleuchtete Fensterscheibe, an der er eben noch stand. Man kommt sich vor wie im Wildesten Westen. Schade, dass diese CD keinen DD-5.1-Sound hat!

Die Musik von Bertling / Hagitte versteht es, auf wirkungsvolle Weise Spannung zu erzeugen und Bedrohung anzudeuten. Dies geht auch mit einfachen Mitteln, wie zu hören ist. Der Einsatz der Musik erfolgt niemals aufdringlich, sondern unterstützend.

_Unterm Strich_

Anders als in „Der Mann, der lächtelte“ sind diesmal keine Fehler in der akustischen Umsetzung festzustellen. Deshalb konnte ich das Hörspiel unbeschwert genießen: die geradlinige Kriminalhandlung um Drogenhandel wird durch mehrere Ereignisse in Wallanders Privatleben – vor allem die Verhaftung seines übereifrigen Vaters – variiert.

Interessant, dass die Erleuchtung, die Wallander zur Aufklärung des Falls verhilft, gerade aus dieser Nebenhandlung abgeleitet ist. Aber so arbeitet eben unser Gehirn manchmal: Per Assoziation kommen in unseren Träumen die seltsamsten und verblüffendsten Verbindungen zustande.

Im Mankellschen Werk nimmt diese Erzählung sicher nur einen Platz auf den unteren Rängen ein, doch sie gewährt uns einen Einblick in die Anfänge des Meisterkommissars. Für Einsteiger liefert sie genaue Profile zur Hauptfigur, seinem Vater und seiner Tochter – allesamt Figuren, die im späteren Werk laufend auftauchen.

Der Dramaturg, die Produktionsgesellschaft STIL sowie die Regisseure haben zusammen mit den professionellen SprecherInnen saubere Arbeit abgeliefert, so dass ihnen eine maximale Wertung meinerseits nicht vorenthalten werden kann.

|Umfang: 72 Minuten auf 1 CD|

Interview mit Amelie Fried

_»Jede Familie ist gut, so lange sie liebevoll und verlässlich ist.«_

Amelie Fried ist derzeit recht präsent bei |Heyne|: Ihr Erfolgsbuch [„Liebes Leid und Lust“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=562 (2003) erscheint nun auch als Taschenbuch, die Taschenbuchfassung von „Am Anfang war der Seitensprung“ (1998) wurde erst im Mai neu aufgelegt.
Zudem erscheint der dritte Teil ihrer gemeinsam mit ihrem Mann Peter Probst verfassten Kinderbuchreihe [„Taco und Kaninchen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=561 unter dem Titel „Arme Millionäre“ zeitgleich als gebundene Ausgabe, auf CD und Kassette.
Ich habe der Autorin vornehmlich zu ihrer Arbeit als Kinderbuchautorin einige Fragen auf dem elektronischen Postweg gesandt; diese und die Antworten von Amelie Fried möchten wir euch nicht vorenthalten:

_Michael Matzer:_
Sie haben inzwischen drei Romane über Ihre kindlichen Helden Taco und Kaninchen veröffentlicht, und der nächste ist sicher schon in der Pipeline. Warum haben Sie die beiden zu Amateurdetektiven gemacht? Sie könnten ja auch beispielsweise Erfinder sein. Dachten Sie dabei an Erich Kästners „Emil und die Detektive“?

_Amelie Fried:_
Die Idee zu „Taco & Kaninchen“ ist von meinem Mann – und der hat als Drehbuchautor schon eine Menge Krimis geschrieben. Daher lag es nahe, dass die beiden Detektive sind. Direkte Vorbilder wie „Emil und die Detektive“ gibt es aber nicht.

_Michael Matzer:_
Warum ist die Familie von Taco und Kaninchen nur eine Rumpffamilie und wieso hat Taco eine andere Hautfarbe als seine Schwester? Sollen diese Verhältnisse die wirklichen Verhältnisse in unserer Gesellschaft spiegeln oder steckt etwas anderes dahinter?

_Amelie Fried:_
Wir wollten eine Familie zeigen, die nicht dem üblichen Klischee „Vater-Mutter-und-zwei-Kinder“ entspricht, sondern etwas von der Vielfältigkeit widerspiegelt, die Familien heute auszeichnet. Außerdem wollten wir denjenigen unserer kleinen Leser und Leserinnen, die selbst in einer ähnlichen Situation leben, zeigen, dass jede Familie gut ist, so lange sie liebevoll und verlässlich ist. Viele betroffene Kinder finden es übrigens toll, dass wir nicht diesen typischen mitleidigen Ton anschlagen, wenn es um Alleinerziehende geht. Das ist uns bei Lesungen schon oft gesagt worden.

_Michael Matzer:_
Auch in Ihrem Buch über den Opa, der (hoffentlich) in den Himmel kommt, befassen Sie sich mit einem stets aktuellen und nicht gerade pflegeleichten Thema: dem Sterben lieber Menschen. Und beantworten die Fragen, die Kinder dazu stellen. Gehört es Ihrer Ansicht nach zu den Aufgaben eines Kinderbuches, sich mit der Gegenwart zu beschäftigen und Kindern zu helfen, deren Probleme zu bewätigen?

_Amelie Fried:_
Ob es zu den Aufgaben eines Kinderbuches gehört, sich mit den Problemen der Gegenwart zu beschäftigen, weiß ich nicht. Mich interessieren einfach keine Bücher, in denen es um nichts geht. Als Leser und Autorin möchte ich gerne emotionale Konflikte, starke Gefühle und spannende Erlebnisse haben. Deshalb schreibe ich Geschichten, in denen all das vorkommt und die etwas mit unserem Leben zu tun haben.

_Michael Matzer:_
Hilft Ihnen Ihre Moderatorinnentätigkeit dabei, Ideen für Ihre Romane zu finden und auszuarbeiten? Dabei dürften Sie ja alle möglichen Leute kennen lernen.

_Amelie Fried:_
Für mich ist mein ganzes Leben Inspiration. Menschen, die ich kennen lerne, Gespräche, die ich führe, eigene Erlebnisse und Beobachtungen – alles kann, bewusst oder unbewusst, in meine Bücher einfließen. Aber ich suche nicht danach, sondern bin einfach offen für das, was ich erlebe.

_Michael Matzer:_
Werden wir auch die Abenteuer von „Taco und Kaninchen“ demnächst im Fernsehen bewundern dürfen? Gibt es sie auch im Hörbuch?

_Amelie Fried:_
Es gibt ein erstes Hörbuch von Taco und Kaninchen: „Arme Millionäre“ (3. Band, gerade erschienen). Ich denke, es wird auch bald die anderen Bände als Hörbücher geben. Über eine Verfilmung wird bereits verhandelt.

_Michael Matzer:_
Welches Buch wird als nächstes von Ihnen erscheinen? Schreibt ihr Mann Peter Probst daran mit? Wird es wieder ein so gelungenes Buch wie „Liebes Leid und Lust“?

_Amelie Fried:_
Mein Mann und ich schreiben an drei weiteren Bänden von „Taco und Kaninchen“ und im Frühjahr 2005 erscheint mein neuer Roman mit dem voraussichtlichen Titel „Rosannas Tochter“. Es geht um ein junges Ehepaar, das plötzlich gezwungen ist, ein vierzehnjähriges Mädchen aufzunehmen. Die Kleine hat es faustdick hinter den Ohren und stellt die Liebe der beiden auf eine harte Probe. Ob der Roman so gelungen ist wie mein letzter, das müssen natürlich die Leser beurteilen!

Homepage der Autorin: http://www.ameliefried.de/

Homepage von „Taco und Kaninchen“: http://www.tacoundkaninchen.de/

_Bibliographie:_

Die StörenFrieds (1995)

Traumfrau mit Nebenwirkungen (1996)

Neues von den StörenFrieds (1997)

Hat Opa einen Anzug an? (1997)

Am Anfang war der Seitensprung (1998)

Der Mann von nebenan (1999)

Der unsichtbare Vater (1999)

Wann bitte findet das Leben statt? (1999)

Glücksspieler (2001)

Geheime Leidenschaften …und andere Geständnisse (2001)

Das kleine Buch der StörenFrieds (2001)

Das neue Buch der StörenFrieds (2002)

Liebes Leid und Lust (2003)

Taco und Kaninchen (2003)

Taco und Kaninchen: Fette Beute (2004)

Taco und Kaninchen: Arme Millionäre (2004)

_Auszeichnungen:_

Neben ihren journalistischen Auszeichnungen wie dem |Grimme|-Preis 1986, dem |Telestar|-Förderpreis oder dem |BAMBI|-Fernsehpreis 1998, erhielt Amelie Fried auch für ihre Bücher große Auszeichnungen:

1997
„Hat Opa einen Anzug an?“
-> Aufnahme durch die internationale Jury der |Stiftung Buchkunst| in „Die schönsten Bücher 1997“

1998
„Hat Opa einen Anzug an?“
-> „Deutscher Jugendliteraturpreis“
in der Kategorie Bilderbuch
-> „Schönste Bücher aus aller Welt“
Ehrendiplom der internationalen Jury der |Stiftung Buchkunst|
-> Ehrendiplom der Stadt Leipzig für ausgezeichnete buchkünstlerische Leistungen

2000
„Der unsichtbare Vater“
-> Nominierung für den „Deutschen Jugendliteraturpreis“ in der Kategorie Bilderbuch
-> |FOCUS| und |Deutschlandradio| wählen im Februar das Buch unter die „Besten 7 Bücher für junge Leser“

Folgende Bücher von Amelie Fried wurden verfilmt:
„Traumfrau mit Nebenwirkungen“ – ZDF
„Am Anfang war der Seitensprung“- ARD
„Am Anfang war die Eifersucht“ – ARD
„Der Mann von nebenan“ – SAT.1

(Quelle: MSC-Promotion, mit eigenen Ergänzungen)

Fried, Amelie – Liebes Leid und Lust

Fried hat eine ungewöhnliche Frauenfigur geschaffen: Hanna befindet sich im seelischen Exil, in einer Entfremdung, die sie überwinden muss – und schließlich auch kann. Doch der Weg dorthin ist lang und gepflastert mit Hindernissen: Der Mann, den sie liebt, ist verheiratet.

|Der Titel|

Der Titel des Buches ist von Shakespeares Liebeskomödie abgeleitet: Leider wird deren Originaltitel „Love’s Labor Lost“ im Deutschen meist mit „Verlorene Liebesmüh“ wiedergegeben. „Liebes Leid und Lust“ ist doch viel schöner!

Näheres zur Autorin gibt es am Ende dieser Rezension.

_Handlung_

Hanna ist eine junge Schauspielerin, die sich gerade mit ihrem Stiefbruder Jo auf eine Amerikareise begeben hat. Sie lebt mit ihm zusammen, doch die Beziehung ist, nach einem erotischen Fehlstart, platonisch. Die Reise wurde von ihrer Mutter und ihrem Stiefvater bezahlt, es gibt also keine Probleme. Sollte man meinen.

Lustvoll cruisen die beiden Filmfreaks Jo und Hanna mit einem Kultauto über die Highways von Los Angeles, als sich ein paar seltsame Dinge ereignen. Hinter einem Schnellrestaurant holt Hanna ohne mit der Wimper zu zucken einem LKW-Fahrer einen runter – und lehnt die Bezahlung ab. Als Jo und Hanna den Mulholland Drive, die Straße der Reichen hoch über der Stadt, befahren, will Hanna eigentlich nur die tolle Aussicht genießen: endlich im David-Lynch-Land! Doch irgendwie kommt der Wagen ins Rollen und Hanna rollt mit, in den Abgrund. War es ein Unfall oder Absicht?

Eigentlich hätte diese Nahtoderfahrung Hanna ein wenig auf den Teppich bringen sollen, aber das scheint nicht der Fall zu sein, wie ihre Mutter besorgt feststellt. Daher schickt sie Hanna in psychotherapeutische Behandlung, und die tut ihr den Gefallen, um sie zu beruhigen. Doch der Seelenklempner ist alles andere als ein hässlicher Ignorant: Als Hanna André kennen lernt, trifft sie die Liebe wie ein Blitzschlag.

Und obwohl André schon gute 40 Jahre alt und zufrieden verheiratet ist und einen halbwüchsigen Sohn hat, zeigt auch er sich von Hanna nicht unbeeindruckt: Zunächst befreit er sie vom Trauma ihrer Kindheit, als sie ihre Schwester verlor und sich die Schuld an deren Tod gab; als sie ihren Vater verlor, der in eine Heilanstalt ging. Was Hanna noch nicht ahnt: André ist der Mann einer Auftraggeberin, die als Casting-Agentin Hanna ein paar lukrative TV-Aufträge verschafft hat.

Als André sich zusehends in seine verführerische, burschikose, ein wenig manipulative Patientin verliebt, bekommt er es mit der Angst zu tun. Wie kann eine Behandlung möglich sein, bei der der Behandelnde nicht mehr objektiv sein kann? Er bittet seinen Betreuer um Rat, dann bricht er die Behandlung ab. Hanna ist schwer enttäuscht.

Doch Amors Wege sind unerforschlich. Auf Umwegen wieder zusammengeführt, stürzen sich Hanna und André in eine leidenschaftliche Affäre, die alles zu vernichten droht, was den beiden bislang teuer war: Familie, Liebe, Freundschaft, Arbeit. Alleine schon die Affäre zu verbergen, kostet schier übermenschliche Anstrengung, die zuweilen aber für uns komische Aspekte aufweist.

Doch das psychische Erdbeben führt auch zu etwas Gutem. So findet Hannas Vater aus seiner eigenen privaten Hölle wieder zurück in den Kreis seiner früheren Familie. Und wer weiß: Vielleicht findet Hanna endlich den Richtigen. Bei einer Theateraufführung der Shakespeare-Komödie kommt es jedenfalls erst einmal zum großen Knall.

_Mein Eindruck_

Dieser Roman will unterhalten. Das ist keine verwerfliche Absicht und gelingt auch hundertprozentig. Die Perspektiven der beiden Hauptfiguren Hanna und André wechseln sich ab – sogar die wörtliche Rede ist unterschiedlich wiedergegeben (mal mit, mal ohne Gänsefüßchen). Hanna erzählt in der Ich-Form, André wird in der Er-Form geschildert – eine im deutschen Unterhaltungsroman recht seltene Kombination, vielleicht sogar ein Experiment.

Die Sätze lesen sich flüssig und die Wörter lösen keine stilistischen Folterspuren aus – hier war eine hervorragende Lektorin am Werk, da steckt viel Arbeit am Text drin (siehe die Anmerkung zu „Autorin“). Daher ist es also vielmehr der Inhalt der Sätze, der den Leser stutzig macht. Wie schon der zweite Absatz des Handlungsabrisses klar machen dürfte, ist der Roman nicht für Kinder geeignet, noch nicht einmal für Zwölfjährige. In diesem Buch treffen ungewöhnliche Lebenserfahrungen und -einstellungen aufeinander. Das ist einer der Gründe, warum es so spannend zu lesen ist.

Hanna und ihr leiblicher Vater befinden sich in einem seelischen Exil. Doch im Unterschied zu ihrem Vater tut Hanna so, als sei alles in Ordnung. Ihre Beziehung zu ihrem Stiefbruder Jo, einem Junkie und Filmstudenten, ist jedoch lediglich platonisch. Eine echte Liebesbeziehung kennt Hanna nicht.

Daher kommt ihr André, der sich in festen Händen befindet, gerade recht. Aber warum sollte sie sich ihm öffnen und sich somit verletzbar machen? Ihre Standardstrategie bei Männern sieht die Manipulation, das Spiel, ja sogar das Schauspielern – das ist ihr Job – vor. Leider ist ihr Standard mit dem einer therapeutischen Behandlung unvereinbar. André entpuppt sich als harte Nuss, eine Herausforderung, die Hannas Lebensgeister weckt. Doch von André Besitz zu ergreifen erfordert etwas, das Hanna schon lange nicht mehr entwickelt hat: echte Hingabe und wahre Gefühle.

André seinerseits gerät in schwere Turbulenzen, die sein Leben in Mitleidenschaft ziehen. So eine Liebesaffäre mag ja sehr befreiend sein, denn viele erotische Wünsche lassen sich erfüllen. Doch wenn man dann wieder auf den Teppich zurückkehrt, kann die Landung ganz schön hart ausfallen: Liebe bedeutet eine große Verantwortung, wie nicht nur er herausfinden muss. Sein Kumpel, ein Bruder Leichtfuß, vögelt sich munter durch Deutschlands Bordelle (wie täglich eine Million anderer Männer), doch André sieht stattdessen sein Leben zerbröseln, als ihm seine Frau die Schliche kommt. Hanna macht eine ähnliche Erfahrung, als Jo ihr aus Eifersucht die Freundschaft kündigt.

Bis alle Beteiligten ihre jeweiligen Transformationen durchgemacht und zu neuen Horizonten gefunden haben, vergehen etliche hundert Seiten. Aber diese sind so interessant und fesselnd geschrieben, dass die Lesezeit wie im Fluge vorbeigeht. Die Autorin hört immer stets dann auf, wenn sie in Gefahr gerät, zu viel zu verraten. Der Leser weiß als Beobachter selten mehr als die Figuren. Insofern tauchen selten ironische Momente auf. Vielmehr liest sich der Roman streckenweise wie ein Drama der Leidenschaften.

Um nun aber nicht in Mord und Totschlag oder gar deutschen Bierernst zu münden, hat sich die Autorin einige Kniffe einfallen lassen, um dieses Abrutschen zu verhindern – schließlich könnte dies ja eine Shakespeare’sche Liebeskomödie sein. Wie gesagt, sind dies zum einen die ungewöhnliche Heldin, die zu Anfang mit ihrer psychischen Dissoziation für Verblüffung, wenn nicht sogar Erschrecken sorgt. Später sorgt ihre zynische Art, die Dinge zu sehen, für erfrischende Bemerkungen über Einstellungen und Figuren, die ansonsten vielleicht abgedroschen gewirkt hätten: Dreiecksgeschichten – gibt es etwas Alltäglicheres und Banaleres? Doch das Innenleben einer Dreiecksbeziehung, wie die Autorin es uns durch Hannas Augen betrachten und erfahren lässt, ist vielmehr aufregend, rauschhaft und auch ein ganz klein wenig gefährlich.

Ganz anders hingegen André, der gesetzte Vierziger kurz vor der Midlife-Crisis. Er wirkt nicht ganz lebendig, ihm fehlt ein Stück Eigentümlichkeit, wiewohl er sich ob seiner Untreue in schwerer Gewissensnot befindet. Vielleicht ist er doch zu brav und erfolgsorientiert? Dass erkeineswegs scheintot ist, beweisen seine heftige Affäre mit Hanna und die Auseinandersetzungen mit seiner Frau Bea, der Casting-Agentin beim Fernsehen.

In diesem Medienmilieu kennt sich die Autorin (siehe unten) bestens aus: Auch hier gelten die Gesetze der Wildnis. Hanna hält hierzu ein paar herrliche Kommentare bereit. Aber sie nimmt sich nicht aus: Auf Seite 78 verdächtigt sie sich selbst einer |deformation professionelle| (im Buch mit |accents|, aber die gehören da nicht hin).

_Unterm Strich_

Ich wurde von der Autorin gewarnt, nicht zu viel von ihrem Buch zu erwarten. Falsche Bescheidenheit, dachte ich. Andererseits sollte man an einen Roman, der durchaus unterhalten will und soll, nicht den gleichen Maßstab anlegen wie an einen Jahrhundertroman à la „Der Mann ohne Eigenschaften“ oder „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Auch wenn „Liebes Leid und Lust“ kein Spiegel der aktuellen Gesellschaft sein will und kann, so findet sich der Leser doch darin wieder.

Denn es geht ja um die Erfahrungen zweier Generationen, der von Hanna und der von André. Beide haben ihre Ansprüche, ihre Erfolge und zuweilen ihr Scheitern. Die Autorin, selbst Mutter und Ehefrau, aber auch berufstätig, bringt ihre Erfahrungen ein – natürlich narrativ verarbeitet. Die Spannungen, die aus den Konflikten zwischen den zwei Generationen entstehen, tragen wesentlich zum Fortgang der Handlung und dem Interesse des Lesers am Schicksal der Figuren bei.

Am Schluss wird der Fall nicht von irgendeinem hellsichtigen Kommissar geklärt und als „gelöst“ deklariert – dann könnten wir alle beruhigt nach Hause gehen und zufrieden einpennen. Ganz im Gegenteil zieht sich im Buch der Schluss über etliche Seiten hin, ohne dass ein großer Zampano oder |deus ex machina| auftauchte. Die Szenen wechseln sich rasch ab, bis sich endlich am Ende des „fünften Aktes“ ein Silberstreif am Horizont zeigt – mehr darf hier nicht verraten werden. Jedenfalls lädt der Schluss dazu ein, das Buch gleich noch einmal anzufangen – und so etwas ist mir bislang selten passiert.

_Die Autorin_

Amelie Fried wurde 1958 in Ulm geboren. Mit 16 machte sie bereits Abitur, mit 26 moderierte sie ihre erste Fernsehsendung, u. a. 1987 die erste landesweite Talkshow „Live (aus der Alten Oper, Frankfurt)“. Heute moderiert sie die Show „3nach9“ bei Radio Bremen. Vor allem ihr frischer, aufgeschlossener Stil hebt sie von anderen Moderatoren ab.

|Jugend und frühes Leid|

Wie ich bei ihrer Lesung in Stuttgart feststellen konnte, ist sie klug, enorm belesen und auf dem neuesten Stand, was die zeitgenössische Literatur angeht. Das ist vielleicht auf ihr Elternhaus zurückzuführen: Die Mutter war Buchhändlerin, ihr Vater Herausgeber und Büchersammler. „In unserer Wohnung gab es an die 15.000 Bücher. Aber den Schlüssel zum ‚Giftschrank‘ hatte ich bald gefunden und las alle verbotenen |Goldmann|-Krimis sowie alle Sherlock-Holmes-Romane.“ Da war sie neun, mit elf schrieb sie Gedichte und Tagebücher – für ihre Beobachtungen, denn sie wollte Schriftstellerin werden. Um ihrem Freund Oliver nahe zu bleiben, übersprang sie in der reformierten Oberstufe zwei Schulklassen und machte machte mit ihm zusammen Abitur. Als er nach Berlin zog, riss sie von zu Hause aus und fuhr ihm hinterher. Leider erwiesen sich die sechs bis acht Wochen in der Liebeslaube auch als ernüchternd, und so kehrte sie wieder heim. Ihr Vater sagte nur: „Do bisch jo wiedr, Mädle.“

|Eigene Bücher|

1989 zog sie sich selbst ins Familienleben zurück, um sich ihren Kindern Leonhard und Paulina zu widmen. Erlebnisse mit den Kindern bewegten sie, selbst Bücher zu schreiben, zunächst „Die StörenFrieds“, der aus einer Zeitschriftenkolumne hervorging, und 1996 den ersten Roman „Traumfrau mit Nebenwirkungen“. |“Als 50-60 Seiten geschrieben waren, legte ich das Manuskript weg. Als ich ich es Jahre später wieder hervorzog, gab ich es meinem Agenten. Nach Wochen der Funkstille rief er an und fragte, ob ich gut säße. Ich erwartete das Schlimmste, aber er sagte nur, dass fünf Verlage das Buch bringen wollten. Und ich hatte nur ein Sechstel der 300 Seiten!“|

|Kinderbücher|

„Am Anfang war der Seitensprung“ und „Der Mann von nebenan“ folgten. Die Verfilmung des letzteren Buches findet sie am gelungensten von allen drei Filmen, für die ihr Mann Peter Probst jeweils das Drehbuch schrieb. Ihr erstes Kinderbuch „Hat Opa einen Anzug an?“ erhielt den |Deutschen Jugendliteraturpreis|, denn es ist nach Angaben der Autorin das erste, das sich mit dem Thema des Todes auf ernsthafte Weise beschäftigt, nicht so tantchenhaft und oberchristlich wie bisher. Gibt es eine Seele, und falls ja, wohin kommt sie nach dem Tod eines Menschen? Was passiert, wenn der Himmel mit Seelen überfüllt ist und dicht macht? Diese und andere Kinderfragen werden hier beantwortet.

Ein zweites Kinderbuch namens „Der unsichtbare Vater“ befasst sich mit einem Kind, dessen leiblicher Vater unsichtbar bei ihm ist, bis eines Tages ein Stiefvater den Platz auf dessen Esstischstuhl einnimmt. Es folgt ein langer Prozess des Widerstands, des Umdenkens und ein Neuanfang.

|“Liebes Leid und Lust“|

Den Roman „Glücksspieler“ habe sie in zwei Jahren fertig stellen können, aber es sei eine Qual gewesen. Auch für den neuesten Roman „Liebes Leid und Lust“ habe sie ein Jahr benötigt, aber die Arbeit sei ihr leicht von der Hand gegangen. Im Buch dankt die Autorin ihrer Lektorin, der 60-jährigen Ingrid Grimm „für ihre liebevolle Hartnäckigkeit“. Die harte Arbeit am Manuskript hat sich ausgezahlt. Im ersten Kapitel stirbt die Heldin beinahe, aber dennoch kommt nie das Gefühl der lächerlich herbeigeschriebenen Absurditäten auf, die man so häufig bei modernen deutschen Frauenromanen (wie etwa von Hera Lind oder Gaby Hauptmann) findet.

Bitte beachtet auch unser [Interview]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=26 mit der Autorin.

Fried, Amelie / Probst, Peter – Taco und Kaninchen

Wer „Emil und die Detektive“ mochte, dem wird auch „Taco und Kaninchen“ gefallen. Das Buch ist für Kinder ab 8 Jahren geeignet, also sehr einfach erzählt, und der Auftakt zu einer Serie ähnlicher Kinderkrimis.

_Die Autoren_

Amelie Fried ist nicht nur eine bekannte Schriftstellerin, sondern auch Fernsehmoderatorin der Talksendung „3nach9“. Eines ihrer Kinderbücher erhielt den |Deutschen Jugendbuchpreis|.

Peter Probst, Frieds Mann, schrieb Theaterstücke und Fernsehfilme, darunter zahlreiche Krimis. Außerdem hat er die Drehbücher für Frieds Kriminalromane verfasst. Die beiden sind seit 1990 verheiratet und haben zwei Kinder, Leo und Paulina – ihnen ist auch „Taco und Kaninchen“ gewidmet.

_Handlung_

Taco und Kanichen sind ein sehr ungleiches Geschwisterpaar. Der braunhäutige Taco ist neun Jahre alt, während seine Schwester Christina – was zu Nina, Ninchen und schließlich Ka-ninchen abgekürzt wurde – schon fast erwachsene zwölf Jahre auf dem Buckel hat. Außerdem ist sie rothaarig. Auf dem Titelbild tragen beide einen Schlüssel an einem Band um den Hals: Sie sind Schlüsselkinder und treiben sich mit Vorliebe auf der Straße herum.

Zur Zeit lebt ihre Mutter Anka alleine, will heißen: ohne Mann. Als Ausgleich gewissermaßen betreibt sie eine Flirtschule im Keller des Mietshauses, wo alle drei wohnen. Da der Keller über klare Oberlichter verfügt, verlangen Taco und Kaninchen, helle wie sie nun mal sind, Eintritt von den kleinen Gaffern, die von der Flirtschule lernen, aber nicht dabei entdeckt werden wollen.

Das dynamische Duo hat nur ein Problem: dass die Großen so oft auf der Leitung stehen, wenn etwas Wichtiges passiert. Als in ihrer Stadt – es handelt sich offensichtlich um München – eine Frau namens Elfi M. vermisst wird, ist den beiden bald klar, wer der Entführer sein muss: der blonde Typ mit der Kamera, der die Flirtschule und das Mietshaus so eingehend fotografiert. Sofort klaut ihm Taco den Fotoapparat, damit der Kerl nicht noch mehr Schaden anrichten kann.

In dessen Wohnung, in die sich Kaninchen schleicht, findet sie ein Foto von Elfi M., der armen Entführten – der Kerl ist so schuldig wie die Sünde, das ist ja klar! Ihr und ihrem Bruder wird es aber echt mulmig, als der Blonde bei ihrer Mutter auftaucht, freundlich mit „Bernd“ begrüßt und als der künftige Segellehrer vorgestellt wird!

Kennt denn ihre Mutter aus ihrer eigenen Flirtschule nicht mal die primitivsten Ver-führungstricks der Männer?! Und hier handelt es sich sogar um eine beginnende Ent-führung! Taco und Kaninchen starten eine groß angelegte Rettungsaktion, bei der sie auf die Wahrheit im Falle Elfi M. stoßen.

_Mein Eindruck_

Die große Schwester erzählt den ganzen Fall aus ihrer eigenen Sicht. Ihr Verstand mag zwar – im Gegensatz zu dem ihres kleinen Bruders – messerscharf sein. Doch sie ist auch mit viel Fantasie und Neugier begabt, und die kommen ihr so manches Mal in die Quere. Sie löst den Fall auf jeden Fall, allerdings nicht so, wie sie sich das vorgestellt hatte.

Die beiden Autoren versetzen sich gut in die Welt ihrer jungen Protagonisten und erzählen deren Erlebnisse in einfachen Worten, kurzen Sätzen und ebenso kurzen Kapiteln – die rund 170 Seiten Text sind auf nicht weniger als 48 Kapitel verteilt – ideal zum Vorlesen als Gutenachtgeschichte, denn man kann jederzeit aufhören vorzulesen.

Kaninchen ist die große Schwester, die schon gut über Männer und Flirten Bescheid zu wissen meint (sie kennt die sieben Frauentypen und zwölf Flirtphasen des Kurses). Daher kann sie sich ständig über ihren unvernünftigen, aber innig geliebten Bruder Taco aufregen. Taco heißt so, weil er dauernd die kleinen Cräcker namens Taco futtert. Nicht etwa, weil er behauptet, sein Vater stamme aus Mexiko.

Anders als „Emil und die Detektive“ ist die Sprache keineswegs kindlich, antiquiert oder herablassend. Dies ist eine Geschichte aus der Gegenwart, die in moderner Sprache erzählt wird. Computerspiele und Handys gehören zum Alltag. Dass die Erzähler nicht weit in die Gefühlswelt ihrer kleinen Helden eindringen, mag daher plausibel erscheinen. Man muss die Lebensverhältnisse in so einer Rumpffamilie wohl als weitgehend bekannt voraussetzen – vielleicht aus Daily Soaps wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ oder „Lindenstraße“. Der Fokus liegt offenbar nicht so sehr auf Psychologie, als vielmehr auf Action. Und die machen die beiden Hobby-Detektive zur Genüge, etwa bei „unauffälligen“ Beschattungen.

_Unterm Strich_

Die erste gemeinschaftliche Buchproduktion der beiden Autoren ist durchaus als gelungen zu bezeichnen und ein annehmbar erzählter Kinderkrimi. Für jüngere Kinder geeignet, fehlen einerseits Illustrationen, die kleinere Kinder ansprechen würden, andererseits aber auch Gewalt, die vielleicht Jugendliche ab 12 oder 13 Jahren aufregend finden würden. Das Zielpublikum liegt also in einem engen Alterspielraum zwischen etwa 8 und 11 Jahren. Das Thema Liebe kommt durchaus vor, wird aber so witzig-ironisch behandelt, dass dies durchaus auch älteren LeserInnen Spaß machen könnte.

Wir dürfen auf die weiteren Abenteuer dieser beiden „Meisterdetektive“ gespannt sein.

Bitte beachtet auch unser [Interview]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=26 mit der Autorin.

Fielding, Joy – Schlaf nicht, wenn es dunkel wird

Als die liebevolle Terry Painter der zwölf Jahre jüngeren Alison Simms ihr Gartenhäuschen vermietet, ahnt sie nicht, welchen Ärger sie sich damit einhandelt. Denn Alison lebt nicht nur in schlechter Gesellschaft, sondern ruft in Terry die Dämonin ihrer Vergangenheit wach: Terrys unbarmherzige Mutter. – Das Buch ist ein Drei-Generationen-Roman, der auch als Thriller zu überzeugen weiß, wenn auch erst spät.

_Die Autorin_

Joy Fielding lebt mit ihrer Familie in Toronto, Kanada, und in Palm Beach, Florida, also quasi in der Gegend, in der ihr zehnter Roman „Schlaf nicht, wenn es dunkel wird“ spielt. Mit ihrem Roman „Lauf, Jane, lauf!“ gelang ihr international der Durchbruch.

_Handlung_

Die Krankenschwester Terry Painter lebt ein scheinbar ruhiges Leben in einer kleinen ruhigen Küstengemeinde namens Delray in Florida. Seit ihre Mutter fünf Jahre zuvor gestorben ist und ihr das Haus vererbte, lebt sie allein. Sie hat keine Kinder, keinen Mann, keine Freunde – nur ihren Patienten widmet sie sich mit aller Herzenswärme, die sie aufbringen kann. Eine 87 Jahre alte Dame namens Myra Wylie ist ihr die liebste. Unter anderem auch deshalb, weil Myras fescher Sohn Josh gerade von seiner Frau verlassen wurde und somit ein begehrtes Objekt von Terrys liebeshungrigen Tagträumen ist. Wie gern hätte sie mal ein Date mit ihm!

Hin und wieder fühlt sie sich einsam und verspürt den Wunsch, ihr geräumiges Gartenhäuschen zu vermieten. Alison Simms, die geschiedene junge Frau, die dort nun einzieht, gewinnt Terrys Herz, und zwischen beiden entsteht eine Freundschaft. Terry schenkt ihr sogar das kleine Goldkettchen mit dem Herzen dran, das die Vormieterin Erica Hollander offenbar unterm Bett vergessen hat. Erica hat die letzten zwei Monatsmieten nicht bezahlt, als sie einfach abhaute.

Doch Alison, 28, arbeitet in einer Kunstgalerie und zahlt ihre Miete pünktlich. Doch scheint sie auch eine kleine Diebin zu sein, die in Terrys Hospital schon mal eine Brieftasche mitgehen lässt. Und ob sie und ihre Freundin Denise die neuen Ohranhänger selbst bezahlt haben, bezweifelt Terry auch ein ganz klein wenig. Terry beschleicht der Verdacht, dass Alison ihr etwas verheimlicht. Die anonymen Anrufe, die sie wegen Erica Hollander von einem Unbekannten erhält, beruhigen sie auch nicht gerade.

Immer öfter muss sie an ihre unduldsame, tyrannische Mutter zurückdenken. Immer noch hat sie die Lieblingsnippesfiguren ihrer Mutter im Regal stehen, lauter alberne, streng dreinblickende Kopfvasen: „Du dummes, dummes Mädchen!“ pflege ihre Mutter zu Terry zu sagen. Stets musste sie ihre Sexualität unterdrücken, und an das Intermezzo mit ihrem Klassenkameraden Roger Stillman auf der Rückbank seines Wagens darf sie schon gar nicht denken.

Als bei Alison ein junger Mann namens Lance Palmay auftaucht, der vorgibt, ihr Bruder zu sein, wird Terry stutzig. Sonderlich wie ein Bruder benimmt er sich nicht, sondern nimmt sich bei Alison Intimitäten heraus und macht Terry Avancen. An Thanksgiving bringen die beiden unangemeldet auch Denise und einen zweiten jungen Mann mit, K. C., der angeblich Kenneth Charles heißt. Allmählich fühlt sich Terry in die Enge getrieben, und Josh ist auch nicht gerade die Stütze, auf die Terry gehofft hatte.

In der Silvesternacht nehmen die Ereignisse eine tödliche Wendung.

_Mein Eindruck_

Man sollte den Originaltitel wörtlich nehmen: „Whispers and Lies“, also Geflüster und Lügen, darum geht es, nicht etwa um einen Mordfall, den es aufzuklären gilt. Folglich bestehen die ersten 200 Seiten aus genau diesem: Andeutungen, Vermutungen, zahllosen Lügen und Gerüchten. Terry, die uns ihre Geschichte aus ihrem Blickwinkel erzählt, behält dennoch die Übersicht. Die meiste Zeit bewahrt sie ein erstaunliches Stehvermögen, sowohl körperlich als auch seelisch. Sie neigt nicht schnell zu Verfolgungswahn, doch wer weiß schon, was sie uns in ihrem Bericht alles verschweigt?

|Die jüngere Generation|

Ihre Auseinandersetzung mit der jüngeren Generation und deren Lügen, Vorspiegelungen und üblen Absichten führt Terry bravourös. Denn sie sie hat noch Hoffnung, die Hoffnung, dass der liebe Josh, mit dem sie zu Mittag essen durfte, dermaleinst aus dem Familienurlaub zurückkehren und sie wie ein Ritter in schimmernder Rüstung in Sicherheit bringen werde. Als sich um die Seite 300 auch diese letzte Hoffnung verflüchtigt, zerbricht etwas in Terry Painter. Was dann geschieht, muss man selbst gelesen haben, um es glauben zu können.

Denn möglicherweise – wir haben ja nur ihr Wort im Bericht – stimmt etwas grundsätzlich nicht mit Krankenschwester Terry Painter. Ein Hinweis darauf ist Terrys Gedanke, dass sie ebenso wie die meisten Frauen um die 40 für Männer und fast alle anderen Wesen unsichtbar ist. Dies erinnert mich an die Story „Die Frauen, die Männer nicht sehen“ von Alice Sheldon, einer amerikanischen SF-Autiorin.

|Schatten der Vergangenheit|

Der langsam und unmerklich Spannung aufbauende Thriller erinnert in seinem allmählichen Aufbau aus alltäglichen Begebenheiten ein ganz klein wenig an Robert Zemeckis Film „Schatten der Vergangenheit“, in der die Hauptfigur, gespielt von Michelle Pfeiffer, dem Rätsel ihres eigenen Scheiterns auf die Spur kommt.

Doch dieser Film ist ungleich spannender und subtiler erzählt als Joy Fieldings Roman. Ich war etliche Male versucht, das Buch beiseite zu legen, weil 200 Seiten lang einfach nichts passierte. Erst dann schienen ein paar merkwürdige Details Bedeutung zu erhalten, und ab Seite 300 oder 320 ging dann die Post ab. Danach aber war ich in Versuchung, das Buch nochmals von Anfang an zu lesen, denn ich musste ein paar Hinweise offenbar übersehen haben.

_Unterm Strich_

Die Autorin oder vielmehr der Bericht ihrer Hauptfigur hat mich sauber aufs Kreuz gelegt. Ohne den überraschenden Schluss verraten zu wollen / dürfen, kann ich doch sagen, dass es im Finale noch recht thrillermäßig zugeht. Wer hätte das der ruhigen, liebevollen Krankenschwester zugetraut? Der Autorin gelingt eine doppelbödige Handlung, in der dem Leser oder vielmehr der Leserin, die sich viel besser in Terrys Lage versetzen kann als ein Mann, nie ganz klar wird, was hier eigentlich gespielt wird: Geflüster und Lügen sind die fragile, flüchtige Substanz, aus der die Handlung aufgebaut wird.

Und deshalb können wir als Leser noch bis zum bitteren, äußerst tragischen Schluss glauben, dass alles, was hier geschieht, ein schrecklicher Irrtum – oder eine ausgemachte Lüge – sein muss. Doch die einzige Wahrheit, die übrig bleibt, ist viel schlimmer als alle hier ausgebreiteten Lügen. Beim nächsten Mal werdet ihr eine Krankenschwester mit anderen Augen sehen …

|Die Übersetzung|

Fast durchweg gelungen finde ich Kristian Schulzes sprachlich einwandfreie Übersetzung. Mal von irgendwelchen vereinzelten Druckfehlern abgesehen, hat mich nur eine einzige Sache verwirrt: Lance Palmay, Alisons „Bruderherz“, wird bei seinem ersten Auftritt als „Lance Palmer“ (erinnert ein wenig an „Laura Palmer“ nicht wahr?) vorgestellt. Im Rest des Buches, also ab Seite 153, heißt er durchgehend Lance Palmay, was ich für einen ziemlich unwahrscheinlichen Namen halte – weder richtig spanisch noch englisch.

Edgar Allan Poe – Faszination des Grauens. Erzählungen

Dieser voluminöse Sammelband enthält die bekanntesten Erzählungen von Edgar Allan Poe, wenn auch nicht alle guten. Am bemerkenswertesten und umfangreichsten sind die drei Detektivgeschichten um Poes Meisterschnüffler Auguste Dupin sowie eine Science-Fiction-Novelle über einen abenteuerlichen Besuch auf dem Erdtrabanten.

Der Autor

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

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Hohlbein, Wolfgang – Dunkel

Ein actionreicher Vampirroman, den uns der deutsche Bestsellerautor da auftischt: komplett mit Zweikämpfen zwischen Vampyr und Vampjäger, die meist in irgendwelchen Wohnungen oder Anlagen stattfinden. Und stets spielen ein Fotoapparat (auch digital) und ein Spiegel eine wichtige Rolle …

|Der Autor|

Wolfgang Hohlbein, geboren 1953, ist bekanntlich der erfolgreichste deutschsprachige Autor von Unterhaltungsliteratur für jugendliche und erwachsene Leser. Seine Heimatstadt Neuss zwischen Düsseldorf und Köln ist auch im Hörbuch Schauplatz des Geschehens.

|Der Sprecher|

Sprecher Monty Arnold, 1967 geboren, hat als Cartoonist und Filmschauspieler („Der bewegte Mann“), aber auch als Synchronsprecher (u. a. „Werner – Das muss kesseln“) schon seit darstellerisches Talent im Komödienfach bewiesen. Der Mitbegründer der Jazz-Talk-Satire „Auf in den Keller“ (Saarländischer Rundfunk) ist in zahlreichen Hörspielen und Trickfilmen zu hören. Er zählt laut Verlag zu den „erfolgreichsten jungen deutschen Comedy-Stars“ – zumindest 1999, als dieses Hörbuch entstand.

_Handlung_

Jan Feller ist ein junger Fotograf in Neuss, verlobt mit Katrin, der braven, aber etwas phantasielosen Dame seines Herzens. Eines Abends sitzt er mit ihr und Freunden im Kino und langweilt sich bei einem schlechten Dracula-Film. Auf der Kinotoilette wird Jan zufällig Zeuge eines grausigen, aber relativ ungewöhnlichen Verbrechens. Eine schattenhafte Gestalt, die Jan fortan als den „Dunklen“ bezeichnet, saugt einem anderen Kinobesucher das Leben aus. Als nächster ist jedoch Jan selbst an der Reihe. Mit knapper Not entkommt er dem Tod. Er erwacht im Krankenhaus aus dem Koma.

Immerhin fühlt er nun so eine Art Schutzengel bei sich. Dessen Stimme warnt ihn, sich sofort aus dem Staub zu machen, denn der Dunkle nähere sich. Flugs erhebt sich Jan vom Krankenlager.

Wenige Tage später geht Jan über die Straße, wird aber beinahe von der Straßenbahn überfahren. In letzter Sekunde reißt ihn eine junge Frau namens Vera aus der Gefahrenzone. Vera ist ein recht ungewöhnliches weibliches Wesen. Noch ist nicht klar, ob sie zur Gänze auch ein menschliches Wesen ist. Immerhin darf sie bei Jan und Kathrin übernachten. Vera freundet sich zu Jans Verblüffung mit Kathrin an. Jans Fotos zeigen unheimliche Details, wenn Vera in der Wohnung ist: Sie ist zuweilen durchsichtig.

Eines Abends soll er die beiden in der Altstadt treffen. Doch unter der Tiefgarage stößt Jan – zufällig? – auf ein unterirdisches Labyrinth, in dem ein Jugendlicher wohnt, der ihn führt. Ein weiteres Mal trifft Jan auf den Dunklen. Dieser verunstaltete Schattenfürst droht ihm, dass er ihm alles nehmen werde, was Jan etwas bedeute – quasi als Strafe dafür, dass er sich nicht töten ließ. Eine etwas primitive Logik, aber leider wirksam: Am nächsten Tag ist Jans Bruder, der Journalist Peter, tot, den er um Recherchen über jenes Kino gebeten hat, wo Jan selbst fast gestorben war. Nun tritt Kommissar Krieger (passender Name!) auf den Plan. Jan hätte da bitteschön einiges zu erklären.

Das ist der Anfang einer irren Odyssee, in deren Verlauf sich Jan mehrmals mit dem Dunklen, der nicht gerade der Geringste der Vampire ist, auseinandersetzen muss, doch in Vera eine Freundin der besonderen Art findet – bis zum Showdown.

_Mein Eindruck_

Die gekürzte Fassung des Romans, die das Hörbuchs darstellt, bietet gruselige Action am laufenden Band. Insbesondere die Zweikämpfe mit dem Dunklen stellen Höhepunkte dar. Die Handlung schreitet rasch voran, und dazu gehört auch zunehmend ein gerüttelt Maß an Erotik und Sex, das Tantchen Anne Rice zur Ehre gereichen würde.

Hohlbein gestaltet seine Story möglichst fernab aller Vampir-Klischees, wie sie seit Bram Stokers Urknallstory für das Genre in das Allgemeinwissen der Popkultur übergegangen sind. (Der Fotograf Jan ist ein später Nachfahre von Jonathan Harker.) So etwa werden bei Hohlbein Menschen nicht durch den klassischen Biss zu Vampiren gemacht, sondern viel angenehmer: Ungefähr so, wie bei der Übertragung des Aids-Virus …

Allerdings sollte man keine höheren Ansprüche an die literarischen oder gar sprachlichen Qualitäten des Romans stellen: Hauptsache, jeder Jugendliche versteht, was da gerade passiert.

Monty Arnold ist ein guter Vorleser, der nicht nur sehr schnell und deutlich sprechen kann (was ja auch nicht selbstverständlich ist), sondern auch die einzelnen Figuren durch die jeweilige Tonlage charakterisiert. Mir jedoch war seine Stimme etwas zu hoch. Aber vielleicht bin ich vorbelastet, weil ich eben gerne Charles Brauer oder Hans Peter Hallwachs auf Grund ihrer tiefen Stimmen vorziehe.

_Unterm Strich_

Wer im Stau steht oder eine lange einsame Autofahrt zu überstehen hat, wird mit diesem Hörbuch gut genug unterhalten, um nicht unter Langeweile leiden zu müssen. Und wenn nun im Herbst die Abende früher beginnen und die Nächte länger werden, findet man gerne mal eine Stunde oder so (= die Länge einer CD), in der man sich bei stimmungsvoller Unterhaltung zurücklehnen kann.

|Umfang: 308 Minuten auf 5 CDs|

{Siehe auch unsere [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=69 zur Taschenbuchausgabe.}

Alexander, Lloyd – Taran – Das Buch der Drei

Dies ist der erste Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

Die vorliegende Audio-CD ist das erste Hörspiel zu einem der fünf-Taran-Romane überhaupt und verdient deshalb wohl besondere Aufmerksamkeit.

_Der Autor_

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

Der |Taran|-Zyklus „Chroniken von Prydain“:

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

_Die Sprecher, die Produktion_

„Das Buch der Drei“ ist eine Produktion des Südwestrundfunks Baden-Baden aus dem Jahr 2004. Die Hörspielbearbeitung besorgte Andrea Otte, die Musik trug „der deutung und das ro“ bei, Regie führte Robert Schoen.

»Jürgen Hentsch gab schon mal den Herbert Wehner in einem Doku-Drama. Tim Sander spielte bei GZSZ den Lover der Figur, die Jeanette Biedermann spielt. Natalie Spinell ist die Lolita in einem Nabokov-Hörspiel. Michael Habeck spricht Ernie, Barnie Geröllheimer, Harry Potters Dobby, aber auch Danny de Vito. Und Tommi Piper ist besser als die Stimme von ALF bekannt.« (Informationen von |Ciao|-Mitgliedern – danke!)

Erzähler: Jürgen Hentsch

Taran (Waisenjunge): Tim Sander

Eilonwy (Prinzessin): Natalie Spinell (Aussprache: e’lónwi)

Dallben (Zauberer): Rolf Schult (Aussprache: da[stimmloses th]ben)

Coll (Kämpfer): Heinrich Giskes

Fflewdur Fflam (Barde): Jens Harzer (Aussprache: flodjir flam)

Fürst Gwydion (einer der Könige von Prydain): Tommi Piper

Gurgi (Waldwesen): Joachim Kaps

Doli (Zwerg): Michael Habeck (Aussprache: dolí)

Eiddileg (Zwergenkönig): Franz Josef Steffes (Aussprache (e[stimmhaftes th]íleg)

Achren (Zauberin): Anja Klein

_Handlung_

Der Junge Taran lebt als Hilfsschweinehirt beim Schmied Coll und einem Magier namens Dallben. Der Magier hütet das titelgebende „Buch der Drei“, das Taran nicht anfassen darf, selbst wenn der Zauberer, wie so oft, mal wieder schlafend meditiert.

Der Findling Taran kennt seine Eltern nicht, was schon mal ein gutes Zeichen ist: So fangen Heldengeschichten an. Er denkt sich aber nichts dabei. Doch seine Aufgabe als Hilfshirt der Schweine stellt sich plötzlich als ziemlich wichtig heraus, denn Hen Wen, das weiße Hauptschwein, ist ein Orakel, wie er zu seiner größten Verblüffung erfährt. Auf seiner Jagd hinter dem ausgebrochenen Schwein her gerät er tief in den Wald, stößt auf den bösen gehörnten König, wird aber von einem unscheinbaren Waldläufer vor dem Tod bewahrt.

Der Waldläufer entpuppt sich als Fürst Gwydion, der mindestens so berühmt ist wie der Hochkönig und der böse König der Anderswelt Annuvis, Arawn. Und der freundliche Gwydion klärt Taran auf, was es mit dem Orakelschwein Hen Wen auf sich hat und was er selbst, so fern von seiner heimatlichen Burg, im Wald zu suchen hat. Im schönen Prydain (= Britannien) sind die Zeiten rau geworden und es braut sich etwas zusammen.

Ein kleines Waldwesen namens Gurgi weist ihnen den weiteren Weg. Sie stoßen zwar nicht auf das Schwein, doch auch der Anblick des Heerlagers des Gehörnten Königs verschlägt ihnen den Atem: Hier sammelt sich eine Armee, um Prydain zu überfallen und alle zu unterjochen. Sogar untote „Kesselkrieger“ sind zu sehen, und von denen werden die beiden Neugierigen gefangen genommen.

Wider Erwarten landen sie nicht bei dem beobachteten Heer, sondern in Spiral Castle, dem Schloss der Zauberin Achren, deren verführerische Schönheit Taran zunächst betört, aber Gwydion keineswegs. Wenig später findet er sich eingesperrt in einer Kerkerzelle wieder. Er hat schon mit dem Leben abgeschlossen, als ihm eine goldene Kugel durchs Fenster vor die Füße fällt und eine Mädchenstimme ihn auffordert, ihr den leuchtenden Ball zurückzugeben. Es ist die geschwätzige und aufgeweckte Eilonwy, die ehrliche Nichte der bösen Zauberin. Sie kennt nicht nur den Weg aus Tarans Gefängnis, sondern auch den zu seinem Herzen.

Aber das ahnen beide noch nicht, doch es wird ihnen rechtzeitig auffallen, dass sie füreinander bestimmt sind. Doch was wird aus Prydain, das von der Bedrohung nichts ahnt?

_Mein Eindruck_

Der erfundene Schauplatz ähnelt jenem mythischen Wales, das dem Fantasykenner aus der Geschichtensammlung des „Mabinogion“ aus dem 14. Jahrhundert bekannt ist. Doch die Legenden beruhen auf mündlich überlieferten Erzählungen, die weit älter sind und noch aus der keltischen Kultur kommen.

|Das Mabinogi|

Insbesondere der vierte Zweig des Mabinogi mit dem Titel „Math Son of Mathonwy“ bietet zahlreiche Referenzen, die der Autor verwendet. Dazu gehört der gesamte Komplex, der mit dem Recken Gwydion und seinem Onkel Math in Caer Dathyl zu tun hat. Math herrscht als Hochkönig über einen Großteil von Prydain. Sein Widersacher ist Arawn, der Fürst der Unterwelt Annuvis. Leider macht der Autor aus den vielschichtigen Vorlagen zu den Figuren Gwydion und Arawn nur ein schwarz-weißes Paar aus Gut und Böse. Der Autor vereinfacht, vielleicht zu Gunsten der kindlichen Verständnismöglichkeiten. Allerdings muss der junge Hörer auch den gehörnten König dem Fürsten der Unterwelt als Vasallen zuordnen.

|Achterbahnfahrt|

Die Handlung hat etwas von einer Achterbahnfahrt an sich. Der Held, der zunächst als „hässliches Entlein“ vorgestellt und zwei mächtigen Gestalten, einem Schmied und einem Merlin-ähnlichen Zauberer, beschützt wird, erwirbt sich diverse Gefährten, die ihm helfen, wenn er sich mal wieder überschätzt hat. Insbesondere Eilonwy ist mit ihrer spitzen Zunge eine ständige Quelle von Freude und Witz, auch wenn sie einen Mann damit schnell in den Wahnsinn treiben könnte.

Auch Fflewdur Fflam, ein ehemaliger König, der jetzt als Barde durch die Lande zieht, ist interessant. Er hat vom Ober-Barden von Wales, dem berühmten Taliessin, eine magische Harfe erhalten, doch ihre Saiten reißen, sobald ihr Besitzer auch nur die geringste „Verschönerung der Wahrheit und Wirklichkeit“ erzählt – wozu Barden und Dichter von Natur aus neigen. Fflam hat also immer gut zu tun, seine Harfe in Schuss zu halten.

Das Waldwesen Gurgi weiß ebenfalls zu faszinieren. Dieser keltische Charakter, der auch in C. J. Cherryhs Kelten-Fantasien wie etwa „Der Baum der Träume und Juwelen“ sowie „Faery in Shadow“ zu finden ist, erweist sich im Laufe der Zeit als treuer und anhänglicher Gefährte, auch wenn er bisweilen ein wenig aufdringlich und in hygienischer Hinsicht abstoßend erscheint.

|Die Feinde|

Die Feinde sind nicht weniger einfallsreich gezeichnet. So verfügt der gehörnte König über einen schwarzen Kessel (der der Fortsetzung den Titel gibt), aus dem Zombiekrieger erzeugt werden können. Da sich diese nicht töten lassen, bilden sie für jeden einen Furcht einflößenden Feind. Zum Glück ist ihr Aktionsradius abhängig von der Entfernung vom Kessel, so dass es eine Chance gibt, ihnen zu entkommen.

Auch die Lüfte sind nicht sicher. Ähnlich wie die schrecklichen Reittiere, die Tolkiens Ringgeister durch die schwarzen Lüfte von Mordor tragen, suchen gefräßige Vögel, die Gwythaint, wehrlose Wanderer wie Taran heim. Doch die Gwythaint sind nicht von Geburt an so, sondern werden von ihrem Herrn Arawn dazu erzogen und ausgebildet, Fleisch zu begehren und für ihn zu spionieren. Dass Taran einen jungen Gwythaint aus einer Dornenhecke befreit und sich der Gerettete revanchiert, wurde im Hörspiel gestrichen.

Aber auch die Zwerge, das Kleine Volk, dürfen nicht fehlen. Durch einen Zauber lockt König Eiddileg ahnungslose Wanderer in sein unterirdisches Reich. Doch bei Taran & Co. gerät er an die Falschen. Er muss ihn ziehen lassen und gibt ihm einen Führer, Doli, mit. Denn Doli taugt in Zwergenaugen nicht: Er vermag sich nicht unsichtbar zu machen, zumindest nicht auf Kommando.

Die böse Zauberin, die Taran und den Recken Gwydion gefangennimmt, heißt Achren und ähnelt einer weiteren Figur aus dem Mabinogion: Arianrhod, was „Silberrad“ (= Mond) bedeutet. Leider setzt sie sich kaum mit dem jungen Taran auseinander. Doch im Hörspiel wird ihre verführerische Konfrontation Gwydions ganz direkt geschildert. Sie ist offensichtlich ganz schön durchgeknallt.

Der Auftritt Eilonwys entschädigt dafür mehr als reichlich. Sie ist nicht nur selbst eine Schülerin der Magie – weshalb sie ja ihre Tante Achren besucht -, sondern findet in den Felsenhallen unter dem Spiral Castle ein superwichtiges Zauber- und Königsschwert, Durinwyn. Selbstverständlich wird es eine entscheidende Rolle spielen.

|Die Sprecher, die Produktion|

Zur Einstimmung beginnt das Hörspiel mit einem keltisch anmutenden, möglicherweise walisischen Volkslied. Es wird noch des Öfteren im Hintergrund angespielt und stammt von einem Duo mit einem bemerkenswerten Namen: „der deutung und das ro“. Dabei handelt es sich um Tobias Unterberg und Robert Beckmann, die bereits die Hörspielproduktion „Schloss Draußendrin“ unterstützten und bei alternativen Bands wie |The Inchtabokatables|, |Milar Mar| oder |Deine Lakaien| mitmischen. Der Zuhörer mit ein wenig Erfahrung in keltisch inspirierter Folk-Musik fühlt sich sofort in selige Zeiten von |Clannad|-Konzerten zurückversetzt. Wo immer man in Irland, Schottland oder Wales als Tourist hingelangt, kann man diese Art von Musik finden. Denn diese ist nicht einfach Touristenattraktion, sondern ein integraler Teil der Identität der keltischen Völker.

Wir sind also schon mal auf der richtigen Baustelle. Dann erklingt das helle „Ping!“ aus der Schmiede von Coll. Sofort entspinnt sich der erste Dialog zwischen Taran, Coll und dem Magier Dallben. Wenig später tragen die Abenteuer Taran hinfort, bis zum glücklichen Ausgang. Mehr darf nicht verraten werden. Doch bei den walisischen Namen sollte man die Ohren spitzen. Sie sind für unsere Hörgewohnheiten doch recht ungewöhnlich. Siehe dazu meine Aussprachehinweise oben.

Die Stimmen der Sprecher finde ich sehr passend und angemessen. Es gibt kein Zögern, keine falschen Töne, so dass die Sätze ganz natürlich klingen und nicht, als hätte man sie ein Dutzend mal geübt. Ich war erstaunt, dass Tommi Piper, der mit einer Fernsehserie in den 70ern oder 80ern bekannt wurde, inzwischen eine derart tiefe und raue Stimme hat, dass er ohne weiteres die Autorität ausstrahlt, die einem Fürsten wie Gwydion gebührt. Am lustigsten ist sicher die Stimme der quicklebendigen Prinzessin Eilonwy, die Taran in Grund und Boden plappert.

Da dies ein Hörspiel ist, gibt es nicht nur Stimmen, sondern auch Geräusche. Dazu gehören grunzende, quiekende Schweine ebenso wie reißende Harfensaiten. Am eindrucksvollsten sind jedoch das Erdbeben unter dem Spiral Castle und die finale Schlacht gegen den Gehörnten König: Blitz und Donner kommen hier in einer beeindruckenden Kombination zusammen. Die Tonregie hat saubere Arbeit geleistet.

_Unterm Strich_

Insgesamt bietet dieser erste Band von Tarans Abenteuern ein enorm hohes Maß an kuriosen Einfällen und sehr viel Kurzweil für junge Leser. Die Action ist nicht zu brutal und keiner der Gefährten Tarans muss sterben oder ein größeres Opfer bringen. (Das ändert sich in den Folgebänden.) Vielmehr scheint Taran hier auf einer Art Einkaufstour für nette und hilfreiche Gefährten zu sein, mit denen er sämtliche Fährnisse überwinden und den gehörnten König besiegen kann.

Das Hörspiel, das vom Sender SWR selbst als „Taran und das Zauberschwein“ (der frühere Buchtitel) angekündigt wird, ist eine professionelle Produktion ohne irgendwelche Ausfälle oder Mängel. Vielmehr bereitet die schnelle Abfolge der Begegnungen und Abenteuer unterhaltsame Kurzweil für junge Hörer. Es mag sich aber als hilfreich erweisen, das Buch zu lesen, um die Zusammenhänge ein wenig besser zu durchschauen. Man kann aber alternativ das Hörspiel mehr als einmal anhören und sich so die Zusammenhänge selbst erarbeiten. Denn was dafür nötig ist, ist vollständig vorhanden.

Mein Fazit daher: eine hundertprozentige Empfehlung für „Das Buch der Drei“. Auch die Fortsetzung mit dem Titel „Der schwarze Kessel“ ist bereits als Hörbuch-CD erhältlich.

Barker, Clive – Bücher des Blutes IV-VI, Die

_Das Grauen der neuen irdischen Götter_

Nichts für schwache Gemüter und zart besaitete Seelen – so lautet die Warnung im ursprünglichen Vorwort von Ramsey Campbell, ebenfalls ein renommierter Horrorautor. Für seine „Bücher des Blutes“ bekam Clive Barker 1985 den |World| und den |British Fantasy Award|. Seine Schrecken sind (meist) in der realen Welt angesiedelt, im Hier und Jetzt, oft sogar mitten in der Großstadt.

Das vorliegende Buch versammelt die „Bücher des Blutes“ IV bis VI, die im Internet häufig zu überhöhten Preise angeboten werden. Neuausgaben aus den achtziger und neunziger Jahren sind längst vergriffen beziehungsweise noch nicht in Sicht.

_Der Autor_

Clive Barker lieferte die literarischen Vorlagen für die Filme „Lord Of Illusions“, „Hellraiser“ (selbst verfilmt), „Cabal“ und „Candyman“. Zu seinen wichtigsten Werken gehören neben den „Büchern des Blutes“ auch „Imagica“, „Weaveworld“ (dt. „Gyre“) und „The Damnation Game“ („Das Spiel des Verderbens“). In den letzten Jahren hat er sich etwas zurückgehalten, doch mit „Coldheart Canyon“, das im September 2004 bei |Heyne| erschienen ist, gelang ihm ein kühner Kommentar auf das Filmbusiness, das er schon so oft aufgegriffen hat. In Kürze soll auch sein neuester Fantasy-Jugendroman „Abarat“ bei |Heyne| erscheinen.

_Storys in Band 4_

Das 4. Buch des Blutes präsentiert fünf Erzählungen, überzeugen können aber nur drei davon.

In „Das Leibregime“ beschreibt er, was los wäre, wenn die Hände plötzlich ein Eigenleben entwickelten und nicht mehr gehorchen wollten. Eine Revolution gegen den Körper bricht aus, und die Hände machen sich mittels Amputation selbständig. Diese Story wurde sehr effekt- und stimmungsvoll verfilmt.

In „Das nichtmenschliche Stadium“ greift der Autor das alte Zigeuner-Motiv der Knoten auf. Mit Hilfe kunstfertiger Knoten wurden magische Wesen in eine Schnur gebannt. Als einer Jugendbande bei einem Überfall die geknotete Schnur in die Hände fällt und sie sich an das Aufdröseln macht, werden die darin Gebannten nach und nach freigesetzt. Und diese nehmen blutige Rache.

In der Erzählung „Das Zeitalter der Begierde“ entwickeln Wissenschaftler das totale Aphrodisiakum. Auf radikale, enthemmende Art und Weise wirkt das Serum auf die Libido der jeweiligen Versuchsperson. Die Jagd der Polizei auf den „unschuldigen“ Triebtäter, der sich nicht nur an Menschen, sondern auch an Bäumen und Ziegelmauern (!) vergeht, bringt wieder die bei Barker übliche Offenheit, ja Brutalität der Schilderungen.

Demgegenüber bleiben „Offenbarungen“ – ein Wanderprediger wird von seiner Ehefrau unter Anleitung eines Geistes ermordet – und „Erscheine Satan!“ – ein verrückter Millionär baut eine Hölle, um so den Teufel und mit diesem Gott herbeizulocken – farblos und relativ langweilig.

_Fazit von Band 4_

Wie gewohnt besticht Barker durch seine ausgefallenen Ideen und seinen prägnanten, doch gleichzeitig hintergründigen Erzählstil. Seine Schreckensvisionen sind gleichsam Blitzlichtbilder des Schockhorrors, oftmals an der Grenze zum „Perversen“ und doch immer faszinierend. Seine alptraumartige Techno-Bilderwelt lässt den Leser verstört und beunruhigt zurück. Mich haben die ersten drei Storys entweder amüsiert – die rebellierenden Hände – oder geschockt, so etwa der Triebtäter.

______________

Im „5. Buch des Blutes“ treten irdische Götter auf, die Verkörperungen von Ideen und Prinzipien sind, wie etwa dem der Sünde. Mit seinen sechs „Büchern des Blutes“ hat der britische Superstar des Horrors moderne Klassiker des Unheimlichen geschaffen, so auch hier.

_Die Storys in Band 5_

Der vorletzte Band der „Bücher des Blutes“ enthält vier längere Erzählungen. Eröffnet wird der Reigen mit dem Gewinner des |British Fantasy Award| 1986, |“Das Verbotene“| („The Forbidden“). Die Story wurde verfilmt.

Von den Bewohnern der Betonsilos der Spector Street hört die Soziologiestudentin Helen von den blutrünstigen Verbrechen in einer heruntergekommenen Trabantenstadt. Sie stößt auf Wandmalereien, die einen furchtbaren Gott zu verehren und darzustellen scheinen. Er ist den Einwohnern hier als „Candyman“ bekannt, ein Mann mit einem Haken anstelle einer Hand. Rätselhafte Morde könnten mit ihm zusammenhängen.

Immer besessener geht Helen dem Geheimnis nach, denn keiner ihrer Freunde glaubt ihren Erzählungen von ihren unheimlichen Erlebnissen und Begegnungen. Sie dringt in die verstockten, verängstigten Bewohner, die ihr auch bereitwillig alle möglichen Storys auftischen – so erscheinen sie selbst wichtig. Da Helen am Candyman zweifelt, stellt er ihr schließlich leibhaftig seine Existenz unter Beweis – sie wird selbst zum Ziel des Hakens. Anders als in der Filmversion lässt sich Helen jedoch widerstandslos von diesem irdischen Gott festhalten, als zu Ehren des Revoluzzers Guy Fawkes die Bewohner einen großen Holzstoß anzünden …

|“Die Madonna“|

Was für ein Wesen haust im verlassenen, baufälligen Schwimmbad in der Londoner Leopold Road? Unheimliches geht hier vor, als ein skrupelloser Geschäftsmann den Bau unter die Lupe nehmen will, während sein Führer, ein Kleinganove, sich im Labyrinth der Gänge verirrt: Der Geschäftsmann, eine Art Bau-Mafioso, wird von nackten Mädchen immer weiter in die Mitte der spiralförmig angelegten Korridore gelockt, bis er eine schicksalhafte Begegnung hat, die ihn verändert: Eine amöbenhafte Urmutter, die „Madonna“, setzt ihre übersinnlichen Kräfte ein, um die beiden Pechvögel auf unvorhersehbare Weise zu verwandeln.

|“Babels Kinder“| …

… ist keine Horrorstory, sondern eine leichte Farce mit unheimlichen Aspekten. Wie konnte der globale Holocaust seit Jahrzehnten vermieden werden? Barker hat für seine Leser eine überraschende, augenzwinkernde Antwort parat. In der Abgeschiedenheit der griechischen Ägäis wacht seit 1962, also seit der Kuba-Krise, eine geistige und moralische Elite von 13 (mehr oder weniger) „hellen Köpfen“ über die Welt. Diese treffen die Entscheidungen, die die scheinbar Herrschenden, die mit ihrer persönlichen Machtentfaltung überbeschäftigt sind, ausführen. Doch jedes System baut ab, und diese 13 vergreisen zunehmend. Und so veranstalten sie Froschrennen, um per Zufall über Wohl und Wehe der Nationen zu entscheiden. Als Vanessa den übrig gebliebenen Weltlenkern zur Flucht verhilft, kommt es zu einer Weltkrise. Was tun?

|“Leibhaftig“| („In the Flesh“) …

… ist die eindrucksvollste Novelle dieses Quartetts, und mit über 83 Seiten auch die längste. Als der Häftling Cleveland Smith, ein Kleinganove, den schmächtigen Billy Tait als Zellengenossen und Schützling zugewiesen erhält, ist der ihm gleich nicht ganz geheuer, erkundigt jener sich doch nach dem Grab von Billys Großvater, der vor 60 Jahren hier gehängt worden war. Als seine Träume Cleve in die Totenstadt der Mörder versetzen, wo er Tait senior begegnet, beginnt Cleve zu begreifen, wie der Kreislauf des Bösen die Übeltäter immer wieder auf die Welt loslässt, und welche Gefahr Billy droht: Der Senior will sein Leben zurückhaben, und er will das von Billy. Doch wie kann man gegen Traumwesen, mögen sie auch noch so real sein, bestehen? Eine wahrhaft grauenhafte Nacht folgt dieser Erkenntnis.

Der Ausdruck „in the flesh“ bezieht sich auf die Wiederkehr Jesu Christi „im Fleische“. Wer wie ich als Katholik mit den Lehren der Kirche vertraut gemacht wurde, ist mit dem Konzept der „Transubstantiation“ vertraut: der Wandlung von einem Stoff in einen anderen, so etwa vom Geistig-Spirituellen ins Körperliche. Und natürlich auch umgekehrt …

_Fazit von Band 5_

Klar charakterisierte Personen, eine abgeschlossene, in sich logisch aufbauende Handlung, ein folgerichtiger und doch überraschender Schluss, schnörkellos auf den Punkt geschrieben, aufrüttelnd, provokant – das sind die Kennzeichen von Barkers Kurzgeschichten.

Anders als in den blutigeren zwei ersten Bänden entfaltet hier Barkers Kunst ihren Horror-Kitzel erst allmählich und subtiler. Es ist der Schauder, den Betonhochburgen und Gefängniszellen erzeugen. Der urbane Horror dieser irdischen Götter ist in den düsteren Ecken zu Hause, wohin das Licht der Öffentlichkeit nicht fällt – in der Vernachlässigung, am Rande, im Vergessen, in der Verdrängung: in verfallenden Wohnblocks und Schwimmanstalten, auf abgelegenen Inseln, in den Zellen der Gefängnisse.

Die irdischen Götter treten hier auf: Das sind beispielsweise die Verkörperung der Urmutter und des Ozeans („Die Madonna“), das sind senile Weltenlenker („Babels Kinder“), das sind die Geister des Bösen bzw. Verkörperungen der Sünde („Leibhaftig“; Motto: „the sin of their fathers shall be visited on their offspring“) und schließlich der ganz moderne, weit verbreitete Gott: die Fiktion.

Denn Fiktion, die Geschichte, das ist die Grundlage, das Lebensblut für die Medien, die Sensationspresse. Erst als ein Mord im Wohnblock des Candyman geschieht, kommt Leben in die Bude und interessieren sich die Medien dafür. Die Fiktion erschafft und bekräftigt wiederum den Glauben an den Candyman, den Buhmann – doch wer seine Existenz bezweifelt, muss leiden …

______________

Dieser letzte Band umfasst vier Erzählungen und ein Postskriptum, quasi das Gegenstück zum Prolog in Band eins.

_Die Storys in Band 6_

Elaine hat in der Story |“Das Leben des Todes“| („The Life of Death“) ein hartes Los zu ertragen: Ein Tumor wurde ihr
entfernt, aber ausgerechnet aus jenem Körperteil, der sie zur Frau machte: aus der Gebärmutter. Sie wird ihrem Verehrer Mitch keine Kinder schenken. Stattdessen trifft sie einen Mann, der sich sehr für die neu entdeckte Krypta unter einer abzureißenden Kirche interessiert. Ihr so gewecktes eigenes Interesse führt zu einer mitternächtlichen Solo-Exkursion in die Krypta: Pestopfer bedecken den Boden fast bis zur Decke. Schon bald wundern sich ihre Arbeitskollegen im Büro, warum Elaine trotz ihrer schweren Operation wie das blühende Leben aussieht. Auch die Polizei klopft bei ihr an, als ein Kollege nach dem anderen stirbt, mit Symptomen der Pest.

Krankheit als Chance für Wandel, Tod als Kehrseite des Lebens, mit ebenso großer Energie ausgestattet – Barker zeigt uns das Ende in einem neuen Licht.

|“Wie Schänder bluten“|

Im brasilianischen Urwald, der Heimat der aussterbenden Indios, kommen in der Erzählung „How spoilers bleed“ auch die neuen Eroberer um: die neuen Ausbeuter/Plünderer („spoilers“) sind Leute mit einem Landbesitztitel, die die Ureinwohner umbringen. Die gerechte Strafe, die der Medizinmann auf sie herabbeschwört, lässt nicht lange auf sich warten. Interessant ist lediglich die Todesart: Die Haut löst sich ab und Blut dringt aus den geplatzten Blutgefäßen, selbst schon bei der geringsten Berührung. Sie ähnlich dürfte das Ebola-Virus wirken, das mittlerweile den Dschungel des Hinterlandes von Kenia verlassen hat und sich aufmacht, den Rest der Welt zu erobern … – Die Story ist sehr effektvoll, obwohl einfach gestrickt.

|“Festungsdämmerung“|

„Twilight at the Towers“ beschreibt, wie sich ein britischer und ein russischer Agent in West-Berlin in Werwölfe verwandeln. Bevor es aber richtig interessant werden kann, bricht die Story ab. Offenbar waren für Barker nur der Prozess der Verwandlung interessant sowie die Gründe dafür.

|“Die letzte Illusion“|

In „The Last Illusion“ hat ein Magier seine Seele für die Gabe echter Magie der Hölle verschrieben. Nach seinem Ableben versucht Satan, die Schuld einzutreiben, also die Seele. Ein an Philip Marlowe – unsterblich geworden durch die Filme mit Humphrey Bogart – angelehnter Privatdetektiv und ein abtrünniger Dämon der Hölle stellen sich den Höllenboten entgegen. Verfilmt als „Lord of Illusions“.

Ebenso unnötig wie unglaubwürdig ist das Postskriptum „The Book of Blood: On Jerusalem Street“. Ein Killer tötet hier den Träger der zu Beginn der sechs Bücher beschriebenen Haut, um dann im nicht enden wollenden Blutstrom zu ertrinken. Der letzte Absatz wiederholt den Absatz des Ersten Buches des Blutes: „Die Toten haben Straßen. Nur die Lebenden irren umher.“

_Fazit von Band 6_

Klar charakterisierte Personen, eine abgeschlossene, in sich logisch aufbauende Handlung, ein folgerichtiger und doch überraschender Schluss, schnörkellos auf den Punkt geschrieben, aufrüttelnd, provokant – das sind die Kennzeichen von Barkers Kurzgeschichten. Nur allzu selten zeigt sich seine Kunst in diesem sechsten Band.

Bemerkenswert ist noch, dass zwar noch Peter Kobbe als Übersetzer genannt wird, wie in den vorhergehenden fünf Bänden, dass aber die Arbeit selbst von Joachim Körber ausgeführt wurde, dem Übersetzer von Stephen Kings Werken.

_Unterm Strich_

Der Horrorfan ist dankbar, dass es endlich diese essenzielle Lektüre wieder zu einem vernünftigen, um nicht zu sagen: günstigen Preis gibt. Denn häufig gingen die Preise, die für die Taschenbuch- und erst recht für die gebundenen Ausgaben des |Knaur|-Verlags in Online-Auktionen usw. verlangt wurden, doch schon hart an die Grenze des Vertretbaren. Das gilt in erhöhtem Maße für die in diesem Buch gesammelten Bände 4 bis 6.

Die Ausgabe selbst kommt völlig ohne Schnickschnack aus: ohne Vorwort oder Nachwort, ohne Glossar oder sonst irgendetwas. Lediglich die Rückseite des Einbandes enthält das unvermeidliche lobende Zitat, das diesmal von der „TAZ“ (!) geliefert wird: |“Mit Clive Barker kommt einer daher, der die ganzen verstaubten und eingerosteten Kultfiguren der phantastischen Literatur von ihren Sockeln fegt und sich selbst an die Spitze stellt.“| Der neue Shooting-Star also als Bilderstürmer – dieses Image hat Clive Barker sicher gefallen.

Inzwischen handelt es sich bei den „Büchern des Blutes“ bereits um „Kultbücher“, tönt der Verlag, und natürlich sind sie „nichts für zartbesaitete Gemüter“. Das kann ich nur unterstreichen. Die Storys sind ebenso grausig wie wortgewaltig, einfallsreich, unheimlich und sogar wollüstig – ein Element, das in Horrorstorys allzuoft unterdrückt wird.

Hintergrund für Clive Barker war das alte |Grand Guignol|-Theater, das billige Horroreffekte auf die Spitze trieb, um die Dosis, die es dem proletarischen Publikum verpassen wollte, ständig zu erhöhen. Mittlerweile sind auch wir, Barkers Publikum, durch seine und gegenüber seinen Storys etwas abgestumpft. Daher kommen uns die hier gesammelten Erzählungen mitunter recht zahm oder gar abstrus vor.

Ich jedenfalls verschlang sie Mitte/Ende der achtziger Jahre, als sie auf den deutschen Markt kamen, mit Haut und Haaren. An so manche, wie etwa „Die Madonna“ kann ich mich immer noch erinnern – ganz einfach, weil sie einem immer noch die gleiche Dosis, den gleichen Schock verpassen können. Doch die Dosis ist bekanntlich bei jedem Leser unterschiedlich. Viele der Storys in diesem Buch wurden verfilmt, so dass der geneigte Leser nachprüfen kann, ob die Dosis auch bei ihm ausreicht …

– „Lord of Illusions“ („The last Illusion“)
– „Candyman“ („The Forbidden“)
– „Das Leibregime“ (TV)
– „Das Zeitalter der Begierde“ (TV)

|HINWEIS|

Der |area|-Verlag bietet in seinem aktuellen Herbstprogramm noch weitere, seit längerem vergriffene Ausgaben an, so etwa Gruseliges von James Graham Ballard („Crash“ [verfilmt], „Betoninsel“, „Der Block“), Robert McCammon, Dean Koontz und Ramsey Campbell. Höchst willkommen sind auch all jene Klassiker, die der Schwarzen Romantik Anfang des 19. Jahrhunderts zuzurechnen sind: E.T.A. Hoffmann, Lewis‘ „Der Mönch“ und selbstverständlich der Meister aller Klassen: Edgar Allan Poe (Sammelband).

Snicket, Lemony – Haus der Schlangen, Das (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 2)

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Kinder.

_Der Autor_

Verlagsinfo: |“Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L. S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L. S. im Internet unter www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“|

Soweit der Text im Buch. Nicht sonderlich aufschlussreich. Auch der Webseitentext bringt nicht (viel) mehr: |“Obwohl hauptsächlich in rhetorischer Analyse ausgebildet, hat er in der Vergangenheit mehrere Perioden damit zugebracht, Nachforschungen über die Mühen und Qualen der Baudelaire-Waisen anzustellen. Dieses Projekt, das in einer Reihe von Bänden im Manhattan-Verlag veröffentlicht wird, führt ihn an die Schauplätze zahlreicher Verbrechen – und zwar häufig außerhalb der Reisesaison. Mr. Snicket wird immerzu verfolgt und ist unersättlich neugierig, ein Einsiedler und Nomade; trotzdem wünscht er Ihnen nur das Allerbeste.

Da Mr. Snicket sich von einem weltweiten Netz von Verschwörungen eingekreist sieht, verkehrt er mit der Öffentlichkeit meist durch seinen Vertreter Daniel Handler. Mr. Handler hat bislang ein relativ ereignisloses Leben geführt; er ist Autor zweier Bücher für Erwachsene mit den Titeln ‚The Basic Eight‘ und ‚Watch Your Mouth‘, von denen keines auch nur annähernd so schrecklich ist wie die von Mr. Snicket.“|

_Der Film_

Aber der Besuch der Webseite www.lemonysnicket.de macht einiges klar: Anfang nächsten Jahres kommt die Verfilmung der ersten drei Bände auch in unsere Kinos. Mit von der Partie sind Jim Carrey, Merryl Streep und Jude Law! Es gibt Fotos und einen Filmtrailer. Wie äußerst betrüblich. Noch weitaus schrecklicher ist die Tatsache, dass es auch schon Games zu Lemony Snickets grässlichen Büchern gibt. Links dazu gibt’s auf der Webseite.

_Der Zyklus „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“:_

1) [Der schreckliche Anfang]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=544
2) Das Haus der Schlangen (vorher als: Der Reptiliensaal)
3) Der Seufzersee (vorher als: Das zerbrochene Fenster)
4) Die unheimliche Mühle

(Bei |Beltz & Gelberg| erschienen und nach Angaben von |Random House| wegen Übertragung der Rechte bis auf Restexemplare vergriffen:)

5) Der grausige Jahrmarkt
6) Schauriger Schlamassel
7) Das Dorf der schwarzen Vögel
8) Das teuflische Hospital
9) Das Internat des Schreckens
10) Der finstere Fahrstuhl
11-13) ?!

_Der Illustrator_

Brett Helquist wurde in Ganado, Arizona, geboren, wuchs in Orem, Utah [dem Mormonenstaat], auf und lebt heute New York City zusammen mit seiner Frau Mary Jane Callister. Er studierte Kunst an der |Brigham Young University| [in Utah] und arbeitet seither als Illustrator für die |New York Times| und |TIME for Kids|, für den Verlag |HarperCollins| sowie für |Farrar Straus and Giroux|. Seine jüngsten Veröffentlichungen sind in den ersten fünf Büchern von Lemony Snicket zu finden. (Die Einfügungen in eckigen Klammern stammen von mir.)

_Handlung_

Vorgeschichte

Zunächst führten die drei Baudelaire-Kinder eine sorgenfreie Existenz. Sie verbringen den Schicksalstag am Strand und freuen sich des Lebens, jedes nach seinen Vorlieben. Violet, mit 14 Jahren die Älteste von ihnen, denkt an eine neue Erfindung, denn sie hat die Fähigkeiten eines Ingenieurs. Klaus, mit zwölf der Zweitälteste, ist ein Bücherwurm und Wissenssammler – ein wandelndes Lexikon, aber nicht unfehlbar oder gar allwissend. Und schließlich wäre da noch die kleine Sunny, die noch ein Kleinkind ist, in alles hineinbeißt und kaum ein vollständiges Wort zu sagen vermag, geschweige denn ein verständliches. —

Die drei Baudelaire-Waisen landen diesmal, auf Veranlassung ihres Interims-Vormunds Mr. Poe, beim nächsten Verwandten, und das ist Dr. Montgomery. Montgomery Montgomery, um ganz genau zu sein. Er ist zwar ein älterer Herr und schon etwas wunderlich und eigen, aber dennoch ein herzensguter Onkel. Er nimmt sich der drei Waisen gerne an und gibt jedem von ihnen ein eigenes Zimmer – welcher Luxus, denken die Kinder.

Nur Montgomerys Beruf macht ihnen ein wenig Sorgen. Der gute Mann ist Schlangenkundler (Herpetologe) und hat von seinen Forschungsreisen in alle Welt ein ganzes Repitilienhaus voll Schlangen und Kröten mitgebracht. Was Klaus, den Bücherwurm jedoch entzückt, ist die riesige Fachbibliothek, die Onkel Monty sein Eigen nennt. Er wird später noch einen guten Grund haben, sie intensiv zu nutzen.

Denn Onkel Monty bereitet seine nächste Reise vor. Sie soll nach Peru führen, und sofort darf Klaus alles über den Andenstaat lesen und Violet die Reiseroute planen, während Monty die nötige Ausrüstung kauft. Die kleine Sunny freundet sich derweil mit der Unglaublich Tödlichen Viper an, die allerdings völlig harmlos ist und ihrerseits das Kleinkind ins Herz schließt. (Dies ist ein Kinderbuch, okay?)

Doch am Tag vor der Reise taucht ein unvorhergesehener Besucher auf. Gustav, Montys Assistent, ist verschwunden, und man brauchte Ersatz. Dieser erscheint Gestalt eines gewissen Stefano, doch spätestens als die Kinder das tätowierte Auge auf dessen Knöchel erblicken, bestätigt sich ihr schlimmster Verdacht: Stefano ist kein anderer als ihr Erzfeind Graf Olaf!

Doch bevor sie ihrem Onkel diesen schrecklichen Verdacht mitteilen können, muss der einkaufen gehen. Unterdessen bedroht Stefano die Kinder mit einem Messer. Auch er will nach Peru, denn er hofft, in diesem unterentwickelten Land die Millionenerbin Violet Baudelaire einfacher heiraten zu können als in einem so „zivilisierten Land“ wie den Vereinigten Staaten. Von dem Geld, über das er danach verfügen kann, wird sie natürlich keinen Cent mehr sehen.

Zum Glück hat Monty bis zu seinen Rückkehr Verdacht gegen Stefano geschöpft: Allerdings hält er ihn nicht für einen Erbschleicher, sondern einen Spion der Herpetologischen Gesellschaft, die ihm seinen einzigartige Unglaublich Tödliche Viper stehlen will. Aber bevor er etwas gegen den Schurken unternehmen kann, ist Onkel Monty am nächsten Morgen mausetot: Unter seinem Auge befinden sich zwei kleine Einstiche, als habe ihn eine Schlange gebissen. „Ja, das war die Mamba du Mal“, versichert Stefano. Und natürlich hat sie nach vollzogener Untat hinter sich wieder die Käfigtür zugemacht, braves Tierchen, hm??

Nunmehr schutzlos dem Grafen preisgegeben, sehen sich die drei Waisenkinder dessen Entführungsanstrengung wehrlos gegenüber. Schon stößt Stefano mit Montys Wagen hinaus auf die Straße, schon geht’s Richtung Hafen zum Schiff nach Peru – da passiert etwas Unvorhergesehenes.

_Mein Eindruck_

Wieder einmal erweist sich in den Augen der Waisen, dass die Welt sowohl gut als auch schlecht ist, dass die Erwachsenen aber mitunter einfach nur dumm und naiv sind – sogar die bösen. Denn nicht einmal Oberschurke Graf Olaf kann sich an seine eigenen Lügen halten, was es natürlich einfach macht, ihm auf die Schliche zu kommen. Von wegen, der Teufel sei der „Herr der Lügen“.

Auch diesmal gelingt es Klaus, Violet und sogar Sunny unter Einsatz ihrer speziellen Fähigkeiten, sich wieder aus ihrer Patsche zu befreien, keine Sorge. Violet vergreift sich dafür doch tatsächlich an einem Elektrostecker, um einen Dietrich herzustellen (nochmals: Dies ist ein Kinderbuch, okay?). Diese heroische Tat dient dem Chronisten, also Lemony Snicket, zu einer massiven Warnung. Über mehr als eine Seite hinweg wiederholt er das offenbar äußerst wichtige Wörtchen „nie“. Gar niemals nie nicht dürfe irgendein Kind auch nur in die Nähe eines Steckers kommen, um daran herumzufummeln. Naja, aber warum lässt er dann Violet damit hantieren? Sie ist offenbar ebenso todesmutig wie in höchster Not, wenn es darum geht, Graf Olaf das Handwerk zu legen.

|Sprachkurs|

Diese massive Warnung ist nur ein Beispiel für Snickets (ganz gleich, wer sich dahinter verbirgt) fortgesetzte Bemühungen, dem jungen Leser (oder Hörer) etwas beizubringen. Auf jeder zweiten Seite, wenn nicht öfter, erklärt der Erzähler oder sogar eine der Figuren, was ein bestimmtes Wort bedeutet. Dabei sind diese Wörter nicht einmal etwas so Besonderes wie etwa ausgefallene Fremdwörter (z.B. „Talmi“), sondern auch ganz einfache wie etwa „brillant“. Diese didaktische Anstrengung geht dem erwachsenen Leser – wie mir – schon ziemlich bald gewaltig auf den Zeiger. Hoffentlich können die jungen Leser etwas damit anfangen. Ich schätze, spätestens aber dem zehnten Lebensjahr können sie den Text verstehen, wahrscheinlich aber schon ab sechs Jahren.

|Anachronismen|

Wieder einmal erweisen sich die Zeichnungen als irreführend. Da fahren die Leute wie selbstverständlich Autos und telefonieren wie die Weltmeister, aber der Zeichner besteht dennoch darauf, Graf Olaf im Frack herumlaufen und LKW-Fahrer eine Westentaschenuhr tragen zu lassen, als befänden wir uns wieder im Jahrhundert des Charles Dickens – der auch tatsächlich als einer der Schutzheiligen angerufen wird. Nun weiß der erfahrene Leser, woher Mr. Lemony Snicket – auch so ein Dickensianischer Name – seine Inspirationen nimmt.

_Unterm Strich_

Der zweite Band verfährt nach den gleichen Muster wie der erste. Zunächst keimt in den drei Waisenkindern Hoffnung auf ein nettes Zuhause auf, doch schon bald erweist sich diese Hoffnung als trügerisch. Da sich die „guten“ Erwachsenen allzu oft als naive Idioten herausstellen, müssen sich die Kinder selbst helfen. Und das klappt denn auch, soviel verlangt schon die kindliche Forderung nach einem Happy-End.

Bemerkenswert sind hingegen die deutlich formulierten psychologischen Einsichten in die prekäre seelische Lage der Waisen: Hier gelingt Snicket etwas, was man in anderen Kinderbüchern allzuoft vergeblich sucht. Er vermag dem jungen Leser genau Einblick zu geben, wie den drei jungen Helden zumute ist. Da bewährt er sich einmal nicht als Sprachpädagoge mit erhobenem Zeigefinger, sondern als onkelhafter Freund des jungen Lesers. Dennoch verzichtet er nicht auf die unwahrscheinlichsten Taten seiner Helden, die schon fast an das Reich der Phantasie grenzen. Dietriche aus Steckern zu bauen, würde mir jedenfalls nicht im Traum einfallen.

Der zweite Band unterscheidet sich insofern vom ersten, als diesmal keinerlei nutzlose Anmerkungen gemacht werden. Auch ein unübersetztes Gedicht fehlt. Unvermeidlich hingegen war natürlich der Hinweis auf das nachfolgende Abenteuer „Der Seufzersee“. Der Hinweis ist als getippter und unterschriebener Brief des Chronisten Lemony Snicket gestaltet. Vor dem Weiterlesen der entsprechenden „betrüblichen Ereignisse“ wird ausdrücklich gewarnt. Wer’s dennoch tut, ist selber schuld.

Lemony Snicket – Der schreckliche Anfang (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 1)

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Kinder. Band 1 erzählt, wie könnte es anders sein, den „schrecklichen Anfang“ ihrer scheinbar endlosen Leidensgeschichte.

Der Autor

Verlagsinfo: „Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L. S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L. S. im Internet unter www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“

Lemony Snicket – Der schreckliche Anfang (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 1) weiterlesen

Grimes, Martha – Mordserfolg

Ein New Yorker Bestsellerautor will den Verlag wechseln und stellt seinem auserkorenen Verleger eine knifflige Bedingung. Sie führt dazu, dass ein anderer, völlig unschuldiger Autor dieses Verlags ins Visier zweier Killer gerät, die der Verleger anheuert. Wie weit ist er aus Profitgier zu gehen bereit?

_Die Autorin_

Martha Grimes zählt seit der Erfindung ihres Serienhelden Inspektor Jury zu den erfolgreichsten Krimiautorinnen der Nachkriegszeit. Sie wurde in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren und studierte an der |University of Maryland|. Lange Zeit unterrichtete sie kreatives Schreiben an der |Johns Hopkins University|. Sie lebt heute abwechselnd in Washington, D.C., und Santa Fé, New Mexico.

_Handlung_

Die Story liest sich wie die Abfolge einer Kettenreaktion, die im Hexenkessel von Manhattan in Gang gesetzt wird …

Alles beginnt mit Paul Giverney, der ebenso wie die Autorin aus Pittsburgh stammt und ebenso wie sie einen Bestseller nach dem anderen raushaut. Krimis, versteht sich. Nach seinem letzten Buch „Don’t go there“ will er den Verlag wechseln, weg von |Queeg & Hyde|, rüber zu |Mackenzie & Haack|. Nun ist „Mack & Haack“*, wie andere Verlage, die sich für was Besseres halten, den Laden nennen, nicht gerade für hochstehende Literatur bekannt, aber Bobby Mackenzie hat den einzigen Lektor in ganz Manhattan, der seine Arbeit noch ernst nimmt und wirklich etwas taugt: Tom Kidd. Hat Paul Giverney plötzlich Ambitionen zu etwas Höherem?

Als Paul anruft, ist Bobby natürlich nicht abgeneigt, ihn zu übernehmen. Für einen saftigen Vorschuss auf Pauls nächstes Buch, versteht sich. Nur eine Bedingung bereitet ihm Bauchschmerzen: Ein anderer Autor soll dafür Bobbys Haus verlassen, Ned Isaly, einer der preisgekrönten Lieblinge von Lektor Tom Kidd. Aber wer würde die Gans, die goldene Eier legt, von der Tür weisen? Bobby sagt okay.

Dummerweise steht Isaly gerade kurz davor, sein neuestes Manuskript bei Mackenzie-Haack abzuliefern und soll noch ein weiteres schreiben. Man kann so einen Mann nicht einfach feuern. Also erinnert Bobby seinen Cheflektor Clive Esterhaus daran, dass man doch noch gute Beziehungen zu Danny, dem Unterweltboss, pflege, da man dessen Biografie ja veröffentlicht habe. Sicher sei Danny für einen Tipp gut, wie man Ned Isaly klarmachen könnte, das Schreiben bleiben zu lassen – oder wenigstens woanders zu schreiben.

Doch Clive ist ein Dünnbrettbohrer, der nur auf die eigene Karriere bedacht ist. Also lässt er sich von Danny über den Tisch ziehen und dazu breitschlagen, zwei von Dannys freiberuflich tätigen „Unternehmern“ anzuheuern, sprich: zwei Auftragskiller. Ihr Auftrag: Isaly kaltmachen.

Karl und Candy, so die Namen der zwei ehrenwerten Freiberufler, sind keine von der schnellen Truppe. Sie besorgen sich erst einmal die jeweiligen Bücher von Paul Giverney und Ned Isaly. Sie haben herausbekommen, wer hinter den Auftraggebern steckt und was Paul will. Zunächst betätigen sie sich als Literaturkritiker und vergleichen erst einmal die beiden Autoren, wie sich das ihrer Meinung nach gehört. Karl war immerhin auf der Uni, wenn auch ohne Abschluss. Dann erst geht es – vielleicht – zur Sache.

_Mein Eindruck_

Der Roman soll eine schwarze Krimikomödie sein, und das klappt ja auch ganz gut. Die Situation in Pittsburgh eskaliert zum Siedepunkt, als sämtliche Killer, Aufpasser, Beschützer, Beschatter und sonstige Abgesandte sich um den nichts ahnenden Isaly scharen und sich dabei gegenseitig in die Quere kommen. Das ist der durchaus ironische Höhepunkt des Romans, und es lohnt sich, darauf hinzulesen. Etwas Groteskeres wird man selten in einem zeitgenössischen Krimi finden.

|Krimi als moralische Anstalt|

Aber das Buch will weitaus mehr. Denn es versteht sich offenbar frei nach Schiller auch als „moralische Anstalt“, wenn Paul Giverny – dessen Name ständig mit dem Designer Givenchy verwechselt wird – die New Yorker Verlagswelt provoziert, um herauszufinden, wie weit Verleger gehen würden, um einen Erfolgsautor wie ihn zu bekommen. Was wird der Profitgier geopfert? Doch hier tritt kein Jehoschua von Nazareth auf, um die Geldwechsler aus dem Tempel Jehovas zu vertreiben. Es stellt sich auch kein Säulenheiliger an die Speaker’s Corner im Londoner Hyde Park, um wider die gierigen Herren – und Frauen – Verleger im fernen Neu-York zu wettern. Es geht ganz einfach darum, ein Feuerchen anzuzünden und zuzusehen, was passiert.

|Arroganz und Heuchelei?|

Doch ist es nicht ein wenig überheblich, selbst so viel Geld zu scheffeln, und dann die Herrschaften, die einem selbiges Geld geben, moralisch zu tadeln? Ganz zu schweigen von jenem unschuldigen Opfer namens Ted Isaly. Doch die Autorin hat auch diesen Aspekt gründlich bedacht. Sie lässt Giverny seinerseits einen Schutzengel gegen die Geister, die er rief (die zwei Killer), engagieren. Und am Ende vom Lied, wenn klar ist, ob die Killer Karl und Candy zu den Guten oder den Bösen gehören, lässt sie die beiden mal ein Wörtchen oder zwei mit Giverny reden. Dabei könnte die Luft bleihaltig werden.

|Killer sind die besten Kritiker|

Überhaupt: Der ganze Roman wäre aufgrund dieses konstruierten Plots nur halb so unterhaltsam, wenn es dieses dynamische Duo nicht gäbe. Die beiden sind einfach köstlich. Ihre praktische Yankee-Logik in Kombination mit angelerntem Uni-Wissen ist unbezahlbar. Ihre Wirkung verdanken sie dem dialektischen Prozess, den sie in fast jedem Streitgespräch ausführen: These, Antithese, Synthese – oder auch keine Synthese. Dann bleibt es dem Leser überlassen, sich seinen Reim darauf zu machen. Als ungelernte Kritiker sind die beiden jedenfalls unschlagbar. Und wenn alle Argumente nicht mehr fruchten, kann ma ja mit der Bleispritze ein wenig nachhelfen.

|Ein Mann der Unschuld|

Es gibt noch ein Menge weiterer Gegensatzpaare, vor allem unter den Schriftstellern. Ned Isaly ist das Gegenteil von Paul Giverny und einer weiteren Erfolgsautorin, die sich auf Genreliteratur spezialisiert hat. Sie alle definieren sich über ihre Arbeit, ganz besonders Ned, der praktisch seine Arbeit, sein neues Buch lebt. Als er überfahren wird, gibt er die Schuld nicht einer realen Person, sondern einer seiner Erfindungen. Realität und Fiktion gehen ineinander über.

In den Textpassagen Isalys entpuppt sich die Autorin als Könnerin, die nicht nur Krimis schreiben kann, sondern auch einen poetischen, hochliterarischen Text abliefern könnte – wenn sich irgendjemand in der Verlagsszene nur dafür interessieren würde, nachdem sie über zwei Dutzend Krimis abgeliefert hat! Paul Giverny ist ihr Alter Ego, mit ihm macht sie sich über die Verlagsszene her, als wäre sie der Prophet Jeremiah, Hesekiel, Habakuk oder wer auch immer, um ihr die Leviten zu lesen.

|Befriedigender Schluss|

Doch eine Krimikomödie plus ein |morality play| plus ein Mann reiner Unschuld ist noch nicht genug, um einen zufrieden stellenden Roman entstehen zu lassen. Der ganze Plot könnte bis in alle Ewigkeit weiter um sich kreisen und nichts ergeben. Doch auch dieser Gefahr ist die Autorin entgegengetreten. Wie es sich für einen dialektischen Prozess gehört, machen alle Beteiligten eine Weiterentwicklung durch. Den meisten hilft Selbsterkenntnis, sofern sie dazu in der Lage sind. Die Bewährungsprobe liegt hinter ihnen, Hindernisse wurden aus dem Weg geräumt, neue Horizonte sichtbar. Und daher kann sich am Schluss auch der Leser zurücklehnen, mit dem Gefühl, dass die ganze Sache doch noch einen Sinn gehabt hat. Und mit der „Sache“ ist nicht nur der Inhalt des Buches gemeint, sondern auch die Lektüre an sich.

|Wahrheit aus Kindermund|

Den schönsten Kommentar auf das ganze Treiben liefert indirekt wohl Givernys kleine Tochter Hannah. Sie schreibt, da jeder in New York schreibt, mit acht Jahren schon an ihrem ersten großen Roman. Er besteht aus einem Satz und handelt von einem Ritter und einem Drachen. Ihr Paps gibt ihr ein paar Ratschläge, und so wächst der Roman. Jedes Kapitel besteht jetzt aus einem Satz. So weit so gut. Aber am Schluss wird der Drache nicht mehr erschlagen, sondern „nur“ gebändigt. Wenn es noch eines deutlicheren Symbols bedurft hätte, um die Handlung zu kommentieren und die Aussage zusammenzufassen, so wäre dem Leser wohl kaum zu helfen.

|Zum Originaltitel|

Im Original heißt das Buch „Foul Matter“, genau wie der Roman, den Giverny am Schluss zu schreiben beginnen wird. Dies ist ein Fachausdruck aus der angelsächsischen Verlagsbranche: |“So nannten sie in den Verlagen all die in Reglosigkeit erstarrten, unredigierten Originalmanuskripte, bevor sie mit blauen oder roten Bleistiften vollgekritzelt, lektoriert, überarbeitet, zu Tode zerpflückt worden waren. Dies war der erste Blick auf das Buch, das Manuskript, dem man das Mark auszusaugen, das Blut abzuzapfen, das Leben auszuschwemmen trachtete, und das Buch dabei zu Berühmtheit oder Bedeutungslosigkeit zurechtstutzte, wobei es nicht darauf ankam, welches von beidem.“| (Seite 413)

|Die Übersetzung|

Es ist der Übersetzerin Cornelia C. Walter hoch anzurechnen, dass sie all die zahllosen Fachausdrücke und Anglizismen korrekt und stilvoll ins Deutsche übertragen hat. Auch vor Umgangssprache schreckt sie keineswegs zurück, denn derer befleißigen sich die meisten Figuren. Nur auf Seite 27 scheint sie mir etwas durcheinander gebracht zu haben. Wenn man etwas „verklickert“, denn ist damit wohl ein Sprechakt gemeint. Wenn man aber eine „Kiste Macallan“[-Whisky] verkaufen will, so nennt man dies nicht „verklickern“, sondern „verticken“.

_Unterm Strich_

Wie schon diese Fachausdrücke der Branche deutlich machen, sollte der Leser ein gerüttelt Maß an Kenntnissen über die Verlagsbranche und den Herstellungsprozess eines Buches mitbringen. Da ich seit über 25 Jahren selbst schreibe, andere Bücher rezensiere und mit Schriftstellern zusammenkomme, weiß ich darüber halbwegs gut Bescheid. Doch ich setze diese Kenntnisse nicht ohne weiteres bei anderen Lesern voraus.

Und deshalb habe ich mich an vielen Stellen gefragt, wer sich wohl für diese Szenen und Vorgänge interessieren würde. Warum sollte es so wichtig sein, in ein bestimmtes Szenelokal (das Äquivalent zum siebten Himmel) eingelassen zu werden (das Äquivalent zum Ritterschlag, wie ihn Giverny noch nicht erhalten hat)? Und wen interessiert das überhaupt? Weil ich diesbezüglich meine Zweifel habe, dürfte der Roman nur ein eingeschränktes Publikum finden.

Obwohl ihm ein großes zu wünschen wäre, besonders unter süchtigen Krimilesern. Sie erfahren nämlich, wie solche Bücher gemacht werden, von wem, wozu, unter welchen Bedingungen. Sie lernen unterschiedliche Gattungen von Schriftstellern, Verlegern und Lektoren kennen. Da sie der Markt sind, könnten sie auch etwas bewegen. Das ist wohl letzten Endes die Hoffnung der Autorin: Dass ihr Buch nicht nur als Krimi, Komödie und Moralpredigt funktioniert, sondern auch als Appell zur Besserung des mittlerweile korrupten Buchmarktes. Zumindest was New York City angeht.

Homepage der Autorin: http://www.marthagrimes.com/

*: Anspielung offenbar auf den Ausdruck „hack writer“. Das hat nichts mit Hackern zu tun, sondern bezeichnet einen Zeilenschinder, Groschenromanschreiber.

Alexander, Lloyd – Taran – Die Prinzessin von Llyr

Dies ist der dritte Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

_Der Autor_

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

Der |Taran|-Zyklus

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

_Handlung_

Diesmal dreht sich alles um Prinzessin Eilonwy, Tochter von Angharad aus dem Hause Llyr, einer Sippe von Zauberinnen. Seit dem ersten Abenteuer in „Das Buch der Drei“ wissen wir, dass Eilonwy ein besonderes Spielzeug hat: eine goldene Kugel, die in ihrer Hand leuchten kann. Welche Bewandtnis es damit hat, wird uns in diesem Band nun enthüllt.

Aber warum sollte Eilonwy überhaupt das heimelige Caer Dallben verlassen? Nun ja, sie kann ja nicht ewig eine schwertschwingende Küchenmagd bleiben, sondern muss auch mal mit den Feinheiten der Kultur vertraut gemacht werden, findet Magier Dallben. Taran und Gurgi eskortieren das widerwillig an die Küste ziehende Frauenzimmer. Dort empfängt sie ein Schiff, das von einem tolpatschigen Prinzen namens Rhun kommandiert wird. Eigentlich ignoriert die Besatzung seine Befehle, aber den Prinzen ficht das nicht an. Er hat ein gesundes Selbstvertrauen. Er ist Taran auf Anhieb unsympathisch.

Nach einer stürmischen Überfahrt zur Insel Mona, dem heutigen Anglesey, kommen sie endlich im Schloss Dinas Rhydnant an, wo man sie sogleich neu einkleidet. Auch der Barde Flewdur Fflam ist hier, worüber sich zumindest Taran freut, denn der Sänger ist aus dem Haupthaus wegen schlechten Gesangs verbannt worden.

Der Schumacher stellt sich zu Tarans höchstem Erstaunen als der verkleidete Fürst Gwydion heraus. Er warnt Taran, dass das Leben der Prinzessin in Gefahr sei und seines, Tarans, wohl auch. Der Haushofmeister des Schlosses stehe in Diensten der vertriebenen Zauberin Achren (siehe „Buch der Drei“) und habe sicher üble Pläne.

Tatsächlich beobachten Taran und Gwydion den Haushofmeister Magg beim Geben eines Signals – mitten in der Nacht. Ein Schiff auf hoher See antwortet. Am nächsten Morgen sind Magg und Eilonwy wie vom Erdboden verschluckt, nachdem Taran auf seiner Wache kurz eingenickt war. Die Verfolgungsjagd der Gefährten, die in Begleitung Prinz Rhuns aufbrechen, ist zunächst erfolglos.

Nachdem sie einer Riesenkatze mit dem hübschen Namen Llyan ebenso wie einem Höhlenriesen namens Glew entkommen sind, setzen sie zum verfallenen Stammsitz des Hauses Llyn über. Dort wartet schon die Zauberin Achren auf sie, die Eilonwy in ihrer Gewalt hat. Gelingt es Achren, die Zaubermacht der Llyns in die Hand zu bekommen, würde das den Untergang Prydains bedeuten.

_Mein Eindruck_

Auch diesen 200-Seiten-Roman habe ich in nur wenigen Stunden lesen können, denn die Schrift ist groß, der Bilder sind viele und die Handlung ist flott erzählt. Zunächst erscheint das Buch wie ein Fliegengewicht gegenüber dem düsteren Band „Der schwarze Kessel“. Diesmal haben die Abenteuer mit Llyan und Glew einen grotesk-humorvollen Charakter. Zunächst sieht es nicht so aus, als hätten sie etwas mit der Entführung von Prinzessin Eilonwy zu tun, die dem Buch den Titel gibt.

|Nützliche Umwege|

Doch im Finale erweist sich, dass die bei der Verfolgungsjagd gemachten Erfahrungen und erworbenen Erkenntnisse über die Zaubermacht des Hauses Llyr von zentraler Bedeutung sind. Manchmal muss man eben einen Umweg machen, um zum Ziel zu gelangen. Und Prinz Rhun erweist sich bei dieser Gelegenheit als doch kein so großer Vollidiot, wie Taran zunächst angenommen hatte. Er und Eilonwy sollen heiraten, um über die Insel Mona zu herrschen. Das macht Taran natürlich eifersüchtig, denn er ist selbst der heißeste Verehrer der blonden Schönheit mit dem schnellen Mundwerk. Aber alles renkt sich wieder ein, wenn auch etwas anders als erwartet.

|Noch nützlichere Tiere|

Es ist immer wieder verblüffend, welch bedeutende Rolle Tiere in diesen Romanen haben. Diesmal ist es der Rabe Kaw, den Taran vom Zwerg Gwystyl („Der schwarze Kessel“) geschenkt bekommen hat, der sich als nützlicher Späher und eloquenter Auskunftgeber erweist. Dieser Vogel, der eine tiefe Zuneigung zu Taran gefasst hat, weist alle positiven Eigenschaften auf, die ihm die Legenden der Menschen zuschreiben.

Ganz anders dagegen die Riesenkatze Llyan. Sie ist das Ergebnis eines magischen Experiments, das der Riese Glew, ein echter Amateur in Sachen Wissenschaft, mit seinen Zaubertränken geschaffen hat. Leider fehlte es ihm dabei an Voraussicht, um die Folgen abzusehen. Jedenfalls musste er vor seinem Frankenstein-Geschöpf unter die Erde flüchten. Die Gefährten Tarans haben einen Heidenrespekt vor dem Riesenkater, doch der Zufall kommt ihnen zu Hilfe: Die Mieze reagiert auf Fflams Harfenklänge äußerst positiv und fängt schon bald zu schnurren an wie ein braves Kätzchen – Fflam, der moderne Orpheus. Später zeigt, wie nützlich anhängliche Tiere sein können.

_Unterm Strich_

Dieser dritte Band beginnt wie ein ganz gewöhnlicher Entführungsfall, doch die zahlreichen heiteren und erheiternden Zwischenfälle auf der Jagd nach der Gekidnappten stellen sich als durchaus hilfreich und keineswegs als vergeudete Zeit heraus. Das Finale lässt an Dramatik nichts zu wünschen übrig.

So, nun wissen wir zwar, von welch edler und magischer Abkunft die werte Prinzessin Eilonwy ist, aber Taran ist immer noch der Meinung, dass er ihr als Hilfsschweinehirt nicht das Wasser reichen kann. Das findet Eilonwy allerdings auch. Und deshalb ist es nun allerhöchste Eisenbahn, mehr über Tarans Herkunft herauszufinden. Das passiert im nächsten Band, der den Titel „Der Spiegel von Llunet“ trägt. Hoffentlich finden die beiden bald zueinander.

Barker, Clive – Bücher des Blutes I-III, Die

_Das Leben der Toten, Dämonen und Verdammten: preisgekrönter Horror_

Nichts für schwache Gemüter und zartbesaitete Seelen – so lautet die Warnung im ursprünglichen Vorwort von Ramsey Campbell, ebenfalls ein renommierter Horrorautor. Für seine „Bücher des Blutes“ bekam Clive Barker 1985 den |World| und den |British Fantasy Award|. Seine Schrecken sind (meist) in der realen Welt angesiedelt, im Hier und Jetzt, oft sogar mitten in der Großstadt.

_Der Autor_

Clive Barker lieferte die literarischen Vorlagen für die Filme „Lord Of Illusions“, „Hellraiser“ (selbst verfilmt), „Cabal“ und „Candyman“. Zu seinen wichtigsten Werken gehören neben den „Büchern des Blutes“ auch „Imagica“, „Weaveworld“ (dt. „Gyre“) und „The Damnation Game“ („Das Spiel des Verderbens“). In den letzten Jahren hat er sich etwas zurückgehalten, doch mit „Coldheart Canyon“, das im September 2004 bei |Heyne| erschienen ist, gelang ihm ein kühner Kommentar auf das Filmbusiness, das er schon so oft aufgegriffen hat. In Kürze soll auch sein neuester Fantasy-Jugendroman „Abarat“ bei |Heyne| erscheinen.

_Storys in Band 1_

„Das Buch des Blutes“, sozusagen der Prolog, erzählt vom 20-jährigen Simon McNeal, der sich als Medium für die Botschaft der Toten ausgibt und seinen Schwindel grausam bezahlen muss. Die Toten und Verdammten schreiben ihre Geschichten auf seine Haut – kein Schwindel …

In „Der Mitternachts-Fleischzug“ verwandelt sich die New Yorker U-Bahn in einen Transporter zum Schlachthof, der die unterirdischen, wahren Herrscher Amerikas mit köstlichem Menschenfleisch versorgt.

„Das Geyatter und Jack“ ist auch als illustriertes Comic-Book unter dem Titel „Ein höllischer Gast“ erschienen. Hier legt sich ein englischer Importeur von Gewürzgurken namens Jack Polo mit einem Sendboten der Hölle an, der die Aufgabe hat, Jack in die Klauen des Wahnsinns zu treiben, um seine Seele der Hölle zu überantworten. Mal sehen, wer den Kürzeren zieht.

In „Schweineblut-Blues“ verwandelt sich ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche zum Wallfahrtsort für eine Mastsau, die allem Anschein nach die Reinkarnation eines ehemaligen Insassen des Heims ist. Hier bekommen alle Beteiligten den Blues.

In „Sex, Tod und Starglanz“ gibt ein Theater und dessen Truppe (Barker schrieb eine Menge erfolgreicher Theaterstücke) eine letzte Abschiedsvorstellung mit Shakespeares „Was ihr wollt“ vor dem fachkundigen Publikum des halbverwesten örtlichen Friedhofs. Hier wird das alte Motiv des „Phantoms in der Oper“ neu und überraschend variiert.

Die letzte Geschichte im Band ist auch die eindrucksvollste und haarsträubendste. „Im Bergland: Agonie der Städte“ ist ein außergewöhnliches Schauspiel, das zwei homosexuelle Engländer in Jugoslawien (als es das noch gab) erleben. Die Einwohner zweier verfeindeter Städte (‚Agonie‘ bedeutet Todeskampf) haben sich jeweils an einem Gerüst zu einem Riesen zusammengebunden. Diese beiden Riesen marschieren nun aufeinander zu. Was folgt, muss man selbst gelesen haben.

_Fazit zu Band 1:_

Um mit Barker zu sprechen: „Am besten macht man sich auf das Schlimmste gefasst, und ratsam ist es, erst einmal die Gangart zu erlernen, ehe einem die Luft für immer wegbleibt.“ Jede der Geschichten für sich allein weckt selbst beim abgebrühtesten Leser einen ganz speziellen Schauder, den nur wirklich gute Horrorstorys erzeugen können. Die Übersetzungen von Peter Kobbe sind zumindest hier noch sehr gut. Viele dieser Storys wurden verfilmt, und als Klassiker gehört „Das erste Buch des Blutes“ in die Sammlung jeden Horrorfans.

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Auch im zweiten Band der Serie steht Clive Barker auf der Seite der Monster. Bei ihm sterben Sympathiepersonen, und das Gute wird nicht immer belohnt. Das macht ihn so ungewöhnlich. „Keine Wonne kommt der des Grauens gleich – solange es nicht das eigene ist“, schreibt der Autor in seiner ersten Geschichte hier.

_Storys in Band 2_

In „Moloch Angst“ lernen wir einen Psychopathen kennen, der mit allen Mitteln versucht, die Ängste seiner Zeitgenossen zu brechen. So sperrt er etwa eine Vegetarierin mit einem Stück Fleisch in eine Kammer ein, bis sie darüber herfällt. Im Verhalten, das seine Gefangenen an den Tag legen, sucht er den Schlüssel zu seiner eigenen Angst. Der Schluss der Story ist leider schon frühzeitig zu erahnen.

Auch die Grundidee von „Das Höllenrennen“ wirkt etwas an den Haaren herbeigezogen: Die Hölle macht einen Marathon mit (Merke: Die Briten sind große Läufer!). Unter der Hand jedoch geht es um nichts weniger als den Fortbestand der Welt, wie wir sie kennen. Barker greift zwar mit allen Stilmitteln in die Vollen, doch Spannung will nicht so recht aufkommen.

Da lob ich mir doch die folgende Geschichte (ah, wohlige Schauder!) – sie wird immer wieder in Anthologien aufgenommen, zu Recht ein literarisches Juwel: „Jacqueline Ess: ihr Wille, ihr Vermächtnis“. Jacqueline entdeckt ihre Fähigkeit der Telekinese und damit die Möglichkeit, per Gedankenkraft den Körper eines anderen Menschen zu zerstören. In einem Wutanfall vernichtet sie ihren widerlichen Ehemann und knetet seinen Kadaver zu einem Klumpen zusammen. Danach irrt sie ziellos durch die Welt, auf der Suche nach jemandem, der ihr hilft, ihre Furcht erregenden Fähigkeiten in den Griff zu bekommen …

Diese Erzählung ist eine schmerzhafte Elegie voll Sex und Sinnlichkeit, die stetig auf einen ungeheuren Höhepunkt zustrebt und deren Ende einer ungehemmten Explosion gleichkommt – mit Abstand die beste Story dieses Bandes.

In „Wüstenväter“ tummeln sich fleischige Dämonen in der Wüste, ein schießwütiger Sheriff macht mit seiner Gemeinde Jagd auf sie. Spannende Situationen und eine bizarre Spannung schaffen eine Stimmung, wie man sie selten in einer Story findet.

Wie eine Verbeugung vor dem Vater der Horror- und Detektivgeschichten, Edgar Allan Poe, klingt der Titel der abschließenden Erzählung: „Neue Morde in der Rue Morgue“. Wieder einmal ist ein mordender Affe der Täter. Er hat von seinem mittlerweile in Haft sitzenden Besitzer gewisse ‚menschliche‘ Züge anerzogen bekommen. Nun, da der Meister nicht mehr präsent ist, dreht er durch und betätigt sich als ‚Jack the Ripper‘ an Prostituierten. Ein cleverer Detektiv-Verschnitt kommt ihm auf die Spur, kann aber angesichts dieses Elends nicht handeln und zieht sich durch Selbstmord aus der Affäre. Anstatt dass Barker den Affen stilecht über den Jordan gehen lässt, darf der Bösewicht weiterleben, in seinem Anzug nur schwer zu unterscheiden von einem Betrunkenen in der Nacht …

_Fazit zu Band 2_

Auch „Das zweite Buch des Blutes“ bietet eine nicht immer gelungene Mischung aus völlig unterschiedlichen Storys, die teilsweise innovativ und rundherum erfrischend wirken. Insbesondere „Jaqueline Ess – ihr Wille und Vermächtnis“ ist unbedingt Pflichtlektüre für Horrorfans.

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Waren die ersten beiden Bände erstklassiger Stoff, so fallen im dritten Buch sowohl das Niveau der Einfälle als auch die Spannung in den fünf Erzählungen ziemlich ab.

_Die Storys in Band 3_

Schon die erste Story „Rohkopf Rex“ ist bezeichnend für diese Kollektion. Ein riesiges, Menschenfleisch fressendes Monster liegt unter einem großen Stein auf einem brachliegenden Feld begraben. Als der Bauer in mühsamer Arbeit den Stein wegräumt, kommt auch der Titel gebende Rohkopf frei und beginnt nun mordend die Protagonisten aufzufressen, bis ihm ein Familienoberhaupt eine Fruchtbarkeitsgöttin an den Kopf wirft. Das Resultat ist reichlich unappetitlich.

„Bekenntnisse eines (Pornographen-) Leichentuchs“ ist auch nicht viel besser. Ein Spießbürger arbeitet als Buchhalter für einen Pornoverkäufer, ohne über die delikate Ware im Bilde zu sein. Als er in der Zeitung damit in Verbindung gebracht wird, sucht er Rache, wird aber umgelegt. Sein Geist schlüpft in sein eigenes Leichentuch und formt daraus einen auf Vergeltung sinnenden Körper.

„Der Zelluloidsohn“ wurde in Barkers Interviews immer als recht interessant angesprochen, erfüllt aber nicht die Erwartungen. Ein an Krebs erkrankter Verbrecher schleppt sich mit letzter Kraft in ein Kino und stirbt dort. Fortan spukt es im Kinosaal, und John Wayne (selbst an Krebs gestorben) und Marilyn Monroe (brachte sich um) sorgen für Tod und Sex. Dahinter steckt der lebende Krebs. Eine reizvolle Idee, deren Ausführung aber als nicht gerade gelungen zu bezeichnen ist.

„Sündenböcke“ ist eindeutig die beste Story des Bandes. Hier strandet ein Boot auf einer nicht in den Karten verzeichneten Insel, unter der die Toten des Meeres ruhen. Natürlich wird diese Ruhe heftig gestört. Der Leser ahnt in diesem Text am ehesten die Wort- und Ideengewalt des |enfant terrible| der Horrorliteratur.

„Menschliche Überreste“ wurden in einem Grab aus der Zeit des römischen Britanniens gefunden, die Skulptur eines Standartenträgers namens Flavius, wie seine Grabinschrift besagt. Nun tauchen sie in der Badewanne des Archäologen Kenneth wieder auf und wollen nur eines: Leben! Doch diese Story wird aus der Sicht von Flavius‘ nichts ahnendem Opfer erzählt, des wunderschönen Londoner Strichers Gavin. Und der hält gar nichts davon, dass er einen Doppelgänger hat, der sich das körperliche Leben von seinen Mordopfern zurückholt – genau wie Frank in Barkers Film „Hellraiser 1“. Doch Flavius will nicht nur Gavins Körper, sondern braucht auch Gavins Seele, um wieder ein kompletter Mensch zu werden …

Leider ist die Idee des Doppelgängers, der sein Original vernichten will, schon reichlich abgedroschen. Barkers Ansatz daher: Schauplatz ist das Strichermilieu, denn da scheint er sich gut auszukennen.

_Fazit zu Band 3_

Alle Geschichten dieses dritten Bandes kranken daran, dass der Fortgang der Handlung und vor allem das Ende recht schnell abzusehen sind. Das mindert doch den Spaß am Lesen ein wenig.

_Unterm Strich_

Der Horrorfan ist dankbar, dass es endlich diese essenzielle Lektüre wieder zu einem vernünftigen, um nicht zu sagen: günstigen Preis gibt. Denn häufig gingen die Preise, die für die Taschenbuch- und erst recht für die gebundenen Ausgaben des |Knaur|-Verlags in Online-Auktionen usw. verlangt wurden, doch schon hart an die Grenze des Vertretbaren. Das gilt in erhöhtem Maße für die Bände 4 bis 6.

Die Ausgabe selbst kommt völlig ohne Schnickschnack aus: ohne Vorwort oder Nachwort, ohne Glossar oder sonst irgendetwas.Lediglich die Rückseite des Einbandes enthält das unvermeidliche lobende Zitat von Stephen King, das man sattsam kennt. Inzwischen handelt es sich bereits um „Kultbücher“, tönt der Verlag, und natürlich sind sie „nichts für zartbesaitete Gemüter“. Das kann ich nur unterstreichen. Die Storys sind ebenso grausig wie wortgewaltig, einfallsreich, unheimlich und sogar wollüstig – ein Element, das in Horrorstorys allzu oft unterdrückt wird.

Hintergrund für Clive Barker war das alte |Grand Guignol|-Theater, das billige Horroreffekte auf die Spitze trieb, um die Dosis, die es dem proletarischen Publikum verpassen wollte, ständig zu erhöhen. Mittlerweile sind auch wir, Barkers Publikum, durch seine und gegenüber seinen Storys etwas abgestumpft. Daher kommen uns die hier gesammelten Erzählungen mitunter recht zahm oder gar abstrus vor.

Ich jedenfalls verschlang sie Mitte der achtziger Jahre, als sie auf den deutschen Markt kamen, mit Haut und Haaren. An so manche, wie etwa „Jaqueline Ess“ kann ich mich immer noch erinnern – ganz einfach, weil sie einem immer noch die gleiche Dosis, den gleichen Schock verpassen können. Doch die Dosis ist bekanntlich bei jedem Leser unterschiedlich …

Patterson, James – Sonne, Mord und Sterne

Dieser frühe Alex-Cross-Roman ist mindestens so gut wie „Wenn Mäuse Katzen jagen“: enorme Spannung, genügend Action und vor allem tiefe psychologische Einsicht zeichnen den Roman aus. James Patterson hat kaum jemals besser oder spannender erzählt. Besonders seine kurzen Kapitel sorgen beim filmgeschulten Leser für Spannung und Aufmerksamkeit.

_Der Autor_

James Patterson ist einer der erfolgreichsten US-Krimiautoren. Mit seinen Alex-Cross-Romanen, von denen einige bereits verfilmt wurden („Im Netz der Spinne“, „Denn zum Küssen sind sie da“), schrieb er sich in die erste Reihe der Thrillerautoren. „Jack and Jill“ ist ein eminent politisches Buch.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

_Handlung_

Die amerikanische Hauptstadt wird von zwei Mordserien in Angst und Schrecken versetzt. Ein Killerpaar, das sich selbst in postmortalen Botschaften nach einem alten Kinderlied poetisch als „Jack und Jill“ bezeichnet, killt Prominente mit dubioser Vergangenheit oder Moral. Dazu gehören Senatoren, aber auch bekannte Fernsehansagerinnen und Richter.

Und der letzte und wichtigste Kandidat auf ihrer Liste ist der Präsident himself. Der Geheimdienst ist gebührend geschockt: Der Präsident und die First Lady werden vom Secret Service und der CIA selbst mit den Codenamen „Jack und Jill“ bezeichnet. Werden die Morde also von Insidern verübt? Als ein dritter Killer alle Theorien über das Paar über den Haufen wirft, eskaliert der Konflikt. Alex Cross von der Mordkommission der Polizei wird hinzugezogen.

Er soll eigentlich die zweite Mordserie der Hauptstadt aufklären. In der Gegend der Schule, wo sein eigener Sohn Damon Unterricht erhält, werden mehrere Kinderleichen in grauenhaft verstümmeltem Zustand aufgefunden. Dr. Cross fühlt plötzlich sein eigenes Familienglück bedroht, das nach dem Tod seiner Frau Maria ohnehin schon ziemlich lädiert ist.

Zum Glück kann Cross die Bekanntschaft der neuen und sich als ‚tough‘ erweisenden Rektorin der Schule machen, Christine Johnson. In späteren Romanen wie „Wenn Mäuse Katzen jagen“ wird daraus eine intensive Liebe. Ms. Johnson taucht auch in „Wer hat Angst vorm Schattenmann?“ auf.

Cross sieht sich einem Dreifrontenkampf ausgesetzt: An der Heimatfront in Südost-Washington, im Weißen Haus, um den Präsidenten zu schützen, und schließlich im Stellungskampf gegen die drei Unsichtbaren, die unter „Jack und Jill“ firmieren.

Als der Präsident von diesem Grabenkrieg die Nase voll hat, weil die Regierung nicht mehr arbeiten kann, besucht er New York City mit seinem Tross – auf die Gefahr hin, dort tödlich angegriffen zu werden. Und tatsächlich: Eine Bombe explodiert direkt an seinem Rednerpult. Der Mörder muss ein Insider sein, denn nur das FBI, der Secret Service oder die CIA konnten so nahe an den First Man herankommen …

_Mein Eindruck_

Dieses Hörbuch ist eine Kombination aus Horror-Thriller à la „Schweigen der Lämmer“ und Politthriller à la Grisham („Die Bruderschaft“) und Baldacci („Absolute Power“). Es zeigt uns Alex Cross als rechtschaffenen Mann, der sich zwischen zwei Welten fast zerreißen muss, um damit klarzukommen. Ohne seine Freunde und Familie würde er es garantiert nicht schaffen. Der psychologische Konflikt ist klar und anrührend herausgearbeitet.

Während er sich dem Präsidentenschutz und der Killerjagd auf Befehl von ganz oben zu widmen hat, bleibt ihm praktisch nur der Feierabend, um seine Familie und seine Nachbarschaft vor einem Psychopathen zu schützen. Das liegt daran, dass Südost-Washington nur sehr wenige Polizeibeamte zugestanden werden, weil es ganz unten auf der Prioritätenliste der Polizei steht, wohingegen die meist weißen Opfer von Jack und Jill Vorrang genießen – der alltägliche Rassismus also. Ist Pattersons Kritik an diesem Unrecht schon hier deutlich, so ist sie geradezu schneidend scharf in „Wer hat Angst vorm Schattenmann?“

Die Hintergründe hinter der Menschenjagd des Paares „Jack und Jill“ sind politischer Natur. Möglicherweise, so legt der Autor nahe, steckt eine Verschwörung wie jene dahinter, die zur Ermordung des unbequemen demokratischen Präsidenten John F. Kennedy und später auch zu der seines Bruders Robert führte. Jack und Jill sind offenbar nur Ausführungsgehilfen von Mächten, die einzig allein um den Erhalt ihrer Macht fürchten und dafür selbst Präsidenten opfern.

Die Horrorelemente halten sich in Grenzen. Natürlich reiht sich ein Blutbad an das andere, und laufend findet Cross Kinderleichen, aber das ist nicht mit dem Kannibalismus und den Untaten eines Hannibal Lecter zu vergleichen. Hörern ab 16 Jahren ist das Hörbuch durchaus zuzumuten.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen liest wie immer bewunderswert präzise und arbeitet Details heraus. Er verleiht jeder Figur eine eigene Stimme, so etwa dem verrückten Jungen, der die Morde in Cross‘ Nachbarschaft verübt: Pleitgen liest die Gedanken und Worte Dannys mit einer geradezu perversen Lust am Wahnsinn: |“happy happy, joy joy!“|

Und sogar die geheimsten Gedanken, die Alex Cross hegt, haben eine eigene Tonqualität: Diesmal hilft dem Sprecher die moderne Technik: Die Gedanken erklingen mit ihrem eigenen Hall-Effekt. Auch Videos profitieren von der Tontechnik: Die Videostimme klingt angemessen künstlich und von einem Lautsprecher verzerrt. Aber das sind nur technische Krücken – die natürliche Stimme reicht ansonsten vollkommen aus, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.

_Unterm Strich_

„Sonne, Mord und Sterne“ ist ein fesselndes Hörbuch, dem man zuhört wie einem spannenden Thriller, einem Film, der vor den Augen abläuft, der aber nur zu hören ist. Manche Szenen sind so hypnotisch faszinierend gesprochen, dass man sich ihrem Bann nicht entziehen kann – durchaus eine Gefahr für Auto fahrende Zuhörer. Zugleich kann man dem Geschehen, in dem drei verschiedene Mörder auftreten, durchaus einfach folgen.

Das Einzige, was sich gegen das Hörbuch einwenden lässt – vom hohen Preis abgesehen -, besteht darin, dass der Schluss sich recht lange hinzieht, weil der Autor wieder einmal viel erklärt – so als wolle er den Nachhall der Lösung des Auftretens von Jack & Jill weidlich ausnutzen.

|Umfang: 308 Minuten auf 5 CDs.|