Alle Beiträge von Michael Matzer

Hohlbein, Wolfgang – Haus am Ende der Zeit, Das

Als Robert Craven, der Sohn des „Hexers“, nach einer Panne im Haus des mysteriösen Mister Boldwinn unterkommt, ahnt er nicht, dass er in eine sorgfältig vorbereitete Falle tappt, die ihm einer der Großen Alten gestellt hat. Er stellt sich dem Kampf – und muss einen hohen Preis dafür bezahlen.

_Der Autor_

Wolfgang Hohlbein hat sich seit Anfang der Achtzigerjahre einen wachsenden Leserkreis in Fantasy, Horror und Science-Fiction erobert und ist so zu einem der erfolgreichsten deutschen Autoren geworden. Zuweilen schreibt er zusammen mit seiner Frau Heike an einem Buch. Er lebt mit ihr und einem Heer von Katzen in seinem Haus in Neuss.

Die Vorgängerbände:

[„Auf der Spur des Hexers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=511
[„Als der Meister starb“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=917

_Der Sprecher_

Jürgen Hoppe, 1938 in Görlitz geboren, ist Rundfunk- und Fernsehjournalist sowie Sprecher, Autor, Moderator und Korrespondent verschiedener Sendeanstalten. Sein facettenreiches Talent stellte er bei der Interpretation unterschiedlichster Texte unter Beweis. (Verlagsinfo)

Der Sprecher des Prologs ist Dirk Vogeley. Der Gesang stammt von Albert Böhne („Stigma“) und Steve Whalley („The Age of Damnation“). Die Verlagsinfo nennt acht Mitglieder der Band, die Beiträge zur Musik lieferte, darunter den Regisseur Albert Böhne.

_Der Autor Howard Phillips Lovecraft und sein Cthulhu-Mythos_

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber Lovecrafts Grauen reicht weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit.

_Handlung_

Nach dem Prolog, der den Hörer über den Hintergrund der Großen Alten (s.o.) aufklärt, finden wir unsere Helden aus dem vorhergehenden Abenteuer wieder: Howards Phillips Lovecraft, sein Begleiter Rolf und Robert Craven, der Sohn von Roderick Andara. Sie sind auf dem Weg von London zurück zum Ort, wo Andara starb, an der Küste von Schottland. Denn Andara hatte beim Untergang seines Schiffes, der „Lady of the Mist“, eine Kiste mit seinen kostbarsten Besitztümern verloren. Lovecraft betrachtet diese Besitztümer als extrem gefährlich, ganz besonders in den falschen Händen.

Doch bevor sie weit gekommen sind, haben sie mitten in der Pampa eine Panne: Eines der Pferde lahmt. Da kommt ein Reiter des Wegs, der ihnen Übernachtung auf seinem Landsitz anbietet. Nichts wie hin! Allerdings sieht das Herrenhaus alles andere als Vertrauen erweckend aus, findet Robert. Der umgebende Wald lässt es zudem reichlich düster erscheinen. Außen pfui, innen hui: Geradezu prächtig ist das Interieur, und die drei Reisenden freuen sich bereits auf eine erholsame Nacht.

Zu früh gefreut! Als Robert das ihm zugedachte Zimmer betritt, bemerkt er neben dem desolaten und schmutzigen Zustand der Einrichtung eine riesige schwarze Spinne. Er schließt die Tür und beschwert sich über die Mängel seines Quartiers. Mr. Boldwinn, der Gastgeber, öffnet die Tür erneut und siehe da – alles ist, wie es sein sollte. Das kommt Robert recht spanisch vor. An ein Bad ist jedenfalls nicht zu denken.

Nach dem Abendessen, bei dem sie sich hungrig ein etwas sonderbar schmeckendes Fleisch munden ließen, sitzen die Herrschaften bei einer Zigarre beisammen. Die Gäste fallen aus allen Wolken, als man sie mit Lovecraft und Andara tituliert – woher weiß Boldwinn das? Und Ziel und Zweck ihrer Reise kennt er ebenfalls! Auch könnten sie nicht mehr weg, denn das Pferd hätten sie soeben verspeist – bon appetit! Beim folgenden Kampf entpuppt sich nicht nur Boldwinn als Chimäre, sondern auch alles um sie herum, und zwar so schnell, als passiere dies alles in einer Art Zeitraffer …

Als sie dem Chaos entkommen, stehen sie in einem Wald der Urzeit, komplett mit Riesenfarnen und, äh, riesigen Viechern. Sie können das Grundstück nicht verlassen, sondern müssen zurück ins Haus. Dort wartet auf Robert jedoch ein besonderer Schrecken: die Begegnung mit einem der Großen Alten, dessen Diener Mr. Boldwinn war. Danach ist Robert für immer gezeichnet …

_Mein Eindruck_

Endlich ist Schluss mit der ewigen Schwarzweißmalerei! Hier der gute Robert Craven-Andara und dort die bösen Großen Alten mit ihren Dienern – das ist Vergangenheit. Ab der oben angedeuteten Begegnung mit Yogg-Sothoth (das th wird wie ein t ausgesprochen) befindet sich ein Teil des Bösen auch in Robert. Wie er das weiß? Sein Schatten hat seitdem die Form eines tentakelbewehrten Monsters, das sich auf ihn stürzen will. Dass er verändert ist, macht die Narbe auf seiner Stirn sinnfällig – er sieht aus wie ein früher Harry Potter. In seinem Haar befindet sich ein weißer gezackter Streifen.

Doch er ist nicht der Einzige, dem dieses Schicksal wiederfahren ist. Wie er im schottischen Durness, wo sich gruselige Szenen abspielen, herausfindet, hat auch sein Vater sein Päckchen zu tragen. Andaras Geist, der in verschiedenen Gastkörpern auftaucht, ist zum Teil von Yogg-Sothoth eingenommen. Doch es gelingt ihm, in einem grandiosen Showdown, den Großen Alten bei seinem Invasionsversuch zu überlisten und seinen Sohn Robert zu retten.

_Der Sprecher_

Der 1938 geborene Sprecher Jürgen Hoppe verfügt immer noch über eine durchaus kräftige Stimme, die er wirkungsvoll einzusetzen weiß. Zwar ist seine Modulationsfähigkeit nicht so ausgeprägt wie etwa bei Kerzel und Pigulla, doch die Kraft seines Ausdrucks trägt besonders bei dramatischen Stoffen zur Wirkung der Geschichte bei. Ein Horrorstoff wie „Das Haus am Ende der Zeit“ mit seinen zahlreichen dramatischen Konfrontationen bietet sich hierfür geradezu an.

Eine Besonderheit soll nicht unerwähnt bleiben. Zahlreiche der Personen, mit denen es Lovecraft und Craven zu tun bekommen, sind besessen. Diese Tatsache manifestiert sich weniger in der körperlichen Erscheinung als vielmehr zuerst in der Stimme des Besessenen: Sie klingt hoch und krächzend, als käme sie aus der Kehle eines Schafes. Das ist nicht so lustig, wie es klingt, denn der innewohnende Dämon schlägt gleich danach zu.

_Die Musik und Songs_

Wie schon in den vorhergehenden ANDARA-Project-Produktionen steuert auch diesmal eine Rockband die Musik für den Hintergrund, das Intro und Extro sowie die Pausen bei. Dabei handelt es sich um klassischen Heavy Metal ohne Schnickschnack wie etwa einen Synthesizer oder gar eine stumpfsinnig trommelnde Drum Machine. Nein, dies ist ordentlicher Rock, der aber keineswegs aufdringlich in die jeweilige Hörszene hineinspielt, sondern lediglich die Action etwas dynamischer klingen lässt. Drei Songs gibt es auch, aber auf den Text habe ich leider nicht geachtet. Ich bitte um Vergebung.

_Unterm Strich_

Auch „Das Haus am Ende der Zeit“ bietet dem Lovecraft-Freund alles, was sein Herz begehrt: eine Begegnung mit den Großen Alten, Besessene in rauen Mengen, eine veritable Zeitreise über hundert Millionen Jahre hinweg, das Auftauchen eines hilfreichen Shoggothen und – Potztausend! – auch das Buch der Bücher, nämlich das unheilvolle und verbotene „Necronomicon“. (Dass es vom „wahnsinnigen Araber Abdul Al-Hazred geschrieben“ wurde, wird uns allerdings geflissentlich verschwiegen. Der Kenner genießt sowieso und schweigt.)

Aus diesen kräftigen Zutaten lässt sich wahrlich ein schmackhaftes Potpourri zaubern, wenn man es richtig anstellt, und Wolfgang Hohlbein wäre nicht der Autorenstar, der er mittlerweile ist, wenn er diesen Kochkurs misslingen ließe. Bei jeder unerwarteten Wendung der Ereignisse graust es den Hörer, was nun wohl wieder für ein Schrecken auf unsere Helden lauert – und sie stolpern von einer Horror-Episode in die nächste. So ist für Unterhaltung mit feinstem Lovecraft-Horror gesorgt. Frage bitte niemand nach der Logik …

Der ausgezeichnete Rolf Hoppe und seine tapfer klampfenden Musikermannen sorgen in ihrem Audio-Kollektiv für ein unterhaltsames Hörerlebnis. Das Hörbuch bietet eben Horror Marke Hohlbein, nicht zu wenig Erzählkunst, aber eben auch keineswegs zu viel.

|234 Minuten auf 3 CDs|

Pirinçci, Akif – Yin

Eine Welt ohne Männer, geht das denn? Es geht, wie uns der Autor von „Felidae“ klar und deutlich in seiner Zukunftsvision „Yin“ schildert. Aber geht das auch gut? Das steht wieder auf einem anderen Blatt.

Hinweis: Yin ist im Chinesischen das weibliche Prinzip, während Yang das männliche ist. Ying & Yang sind im bekannten schwarzweißen Symbol vereinigt, um einen Kreis zu bilden.

_Handlung_

In seinem voluminösen Zukunftsroman präsentiert der Autor von „Felidae“ eine recht bizarre apokalyptische Vision, die aber so neu nicht ist: Innerhalb weniger Monate rafft ein neues Virus die männliche Hälfte der Weltbevölkerung dahin. Die Medizin muss hilflos zusehen. Dieses Aussterben findet während der ersten Buchhälfte statt. Die Handlung selbst beginnt mit einem Begräbnis.

Die meisten der überlebenden Evastöchter verfallen daraufhin in einen apathisch-passiven Schockzustand. In ihrer Trauer um die verlorenen Männer und Kinder vergessen sie vollkommen, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Allmählich bricht daher die grundlegende Versorgung mit dem Nötigsten zusammen. Ganze Industriezweige wie die Rohstoffgewinnung und –verarbeitung oder die Müllbeseitigung verschwinden binnen kürzester Zeit.

Die sich langsam auflösende Regierung versucht zwar, Frauen für typische Männer-Berufe zu gewinnen, doch die Damen lehnen jede zu schmutzige oder schwere Arbeit unter Protest ab. Als Folge strebt die neue Frauenwelt einem postindustriellen Mittelalter zu, in dem Begriffe wie „Auto“ oder „Strom“ bedeutungslos geworden sind.

|Die neue Despotin|

Nur wenige erkennen den vollen Ernst der Lage und damit auch die Chancen, die sich für sie persönlich oder die Frauen im Allgemeinen ergeben könnten. Da ist beispielsweise Margit, eine hoch aufgeschossene, unattraktive Walküre, die sich ihre Umgebung schon immer nach ihren eigenen Bedürfnissen geformt hat. Bei ihrer kühl kalkulierten Lebensplanung schreckte sie selbst vor Kindsmord nicht zurück.

Nachdem nun auch ihre restliche Familie dem „Yang-Virus“ (s. o.) zum Opfer gefallen ist, glaubt sie, endlich ihre Träume verwirklichen zu können. Rasch erkennt sie, welches Gut in einer nur aus Frauen bestehenden Gesellschaft die größte Bedeutung erhalten wird: die Möglichkeit, Kinder zu gebären. Da die Besamung auf natürlichem Wege nicht mehr möglich ist, liegt es auf der für sie auf der Hand, dass Samenbanken die heiligen Tempel des neuen, nun zu errichtenden Reiches sein werden. Wer die Kontrolle über die Banken innehat, besitzt auch die wahre Macht. Und genau dies ist es, wonach Margit von nun an strebt. Mit allen Mitteln versucht sie, sich zu Alleinherrscherin über die Frauen aufzuschwingen.

|Nebenfiguren|

Als Mistreiterin gewinnt sie Viola, einst ein weltbekanntes Top-Model, das mittlerweile jedoch nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Von einem Psychopathen einst entführt, musste sie zwei Jahre lang die unmenschlichsten Qualen erdulden. Als Margit sie aus ihrem Kellerloch befreit, ist nicht nur Violas Äußeres grässlich entstellt, auch ihre Psyche hat irreparablen Schaden davongetragen. Durch die Folterungen ist die junge Frau zu einem gefühllosen, Menschen hassenden Monstrum mutiert. Hitler hat seinen Himmler gefunden.

Dreh- und Angelpunkt der Romanhandlung ist ein Genlabor, das zugleich die größte Samenbank des Kontinents beherbergt. Die einzige noch verbliebene Mitarbeiterin, Angelika Markus, ist eine desillusionierte Medizinerin, die nur zu gerne mit denen paktiert, die ihr die größten Vorteile verschaffen. Angelika erkennt Margits Führungsanspruch ohne Widerrede an.

Zusammen mit Vanessa, einer karrieresüchtigen Politikerin, schließen sie sich zu einem unheilvollen Quartett zusammen, das seine Untergebenen durch Erteilen beziehungsweise Verweigern der Gebärerlaubnis kontrollieren will. Das einfache Rezept schein auch zu funktionieren, denn Margit gründet tatsächlich ihr Reich der „Vagina-Frauen“, das gegen die abtrünnigen „Mann-Frauen“ Krieg führt. Denn der Kampf nach außen stärkt den Zusammenhalt im Innern, wie jeder Despot weiß.

Die Anführerinnen der Gegenseite sind ebenfalls gebrannte Kinder: Da ist Helena, eine gescheiterte Journalistin, die die vom Vater entbehrte Liebe nun in übersteigertem Maß auf Pferde überträgt; oder die schöne Lilith, deren Naivität sie in die Prostitution brachte, wo sie gänzlich die Fähigkeit zu lieben verlor.

Halbwegs „normal“ scheint nur Cora zu sein, eine ehemalige Jetpilotin (wow!), deren Töchter jedoch von Margit entführt wurden. Cora ist auf diese Weise gezwungen worden, alle noch verbliebenen Samenbanken mit Fliegerbomben zu zerstören. Nun hat Margit das Monopol auf Sperma. Als Cora mit knapper Not einem Mordanschlag entgeht, sinnt sie nach Jahren der Entbehrungen und blutiger Kämpfe nicht nur auf Rache, sie will auch ihre Töchter wiedersehen.

Eine letzte, alles entscheidende Schlacht kündigt sich an. Diese wird darüber bestimmen, welche Frauengruppe den Fortbestand der weiblichen Menschheit sichern wird. Und vielleicht kommen sogar die Männer zurück. Falls die richtige Seite gewinnt …

|Hintergrund|

Das sieht doch insgesamt sehr nach einer Abrechnung mit dem weiblichen Geschlecht aus, mit der „anderen Hälfte des Himmels“. Diesem Eindruck eines Rundumschlags tritt der Autor in seiner angehängten „Mitteilung und Danksagung“ entgegen. Seine Arbeit beruhe vielmehr auf wissenschaftlich fundierten Hypothesen. Die erste stammt bereits aus dem Jahr 1976: Richard Dawkins bekannte – und ausgezeichnet belegte – Theorie von „egoistischen Gen“. Diese Arbeit schiebt der Autor seiner Figur Dr. Angelika Marcus unter.

Die Wissenschaftler Wolfgang Winckler und Uta Seibt schrieben eine Abhandlung, der sich der Autor zutiefst verpflichtet fühlt und die sogar den Ansporn zu seinem Roman lieferte: „Männlich Weiblich / Ein Naturgesetz und seine Folgen“ (München 1983). Auch das sogenannte „Yang-Virus“ hat sich Pirinçci nicht aus den Fingern gesaugt. Vielmehr hat Prof. Dr. Hans G. Trüper, ein Mikrobiologe, dieses hypothetische Virus in allen Einzelheiten beschrieben.

Sogar bei dem bekannten deutschen Trendforscher Matthias Horx durfte sich Pirinçci bedienen: Das Kapitel „Vanessa“ enthält eine Passage aus Horx‘ Buch „Aufstand im Schlaraffenland. Selberkenntnisse einer rebellischen Generation“ (München 1989). Selbst der Musiker Sting lieferte einen kleinen Beitrag aus seinem Lied „All this time“.

Extrem selten und daher höchst auffällig ist die Erwähnung einer lebenden Figur der Zeitgeschichte: Wolfgang Joop, laut Pirinçci „einer der kreativsten Köpfe der Zeitgeschichte“.

_Mein Eindruck_

„Yin“ ist recht giftige Gesellschaftskritik: Männliche wie weibliche Neurosen gibt der Autor der Lächerlichkeit preis und nimmt politische Systeme jedweder Spielart schonungslos aufs Korn, insbesondere ihre spezifisch manipulierten Rollenmodelle („Frauen an den Herd!“ usw.).

Auch vor der Warenmentalität und dem Konsumterror macht Pirinçcis Beschuss selbstverständlich nicht halt. Wenn Erbgut und Föten zur „Ware Leben“ verkommen, ja ein Machtfaktor werden, wenn einerseits Abtreibung erlaubt ist, andererseits auch die künstliche Befruchtung – dann spielt die jeweilige Gesellschaft, so der Autor, auf unmoralischste Weise mit ihrem kostbarsten Gut.

Von der Dramaturgie und der Spannung her hat der Roman einiges zu bieten und ist geschickt aufgebaut, auch die Figuren sind genau gezeichnet. An manchen Stellen habe ich über den Wortwitz gelacht, doch allzuoft bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Diese schwer verdauliche Kost, die mit massiven Angriffen gegen Missstände nicht spart, kommt stellenweise auch brutal und ganz schön hart daher. Hier trifft Thomas Harris‘ „Das Schweigen der Lämmer“ auf Aldous Huxleys Anti-Utopie „Schöne neue Welt“.

Doch wenn es keinen ausgleichenden heiteren oder zumindest positiven Ausgleich dazu gibt, so wird der Eindruck eines einseitigen moralisauren Traktats recht bald zu viel. Eine leichte, distanzierte Ironie habe ich hier schmerzlich vermisst. Zu häufig muss auch der Fortgang der Handlung elenden analytisch-philosophischen, metaphernbefrachteten Klagegesängen weichen.

So wird bald klar: „Yin“ ist keineswegs ein handlungsgetriebener Roman wie der Riesenerfolg „Felidae“ – der ja auch Missstände anprangert –, sondern umgekehrt eine umfassende Gesellschaftskritik , die ein Roman sein möchte. Weniger Dozieren und mehr Erzählen hätten dem Buch sicher gut getan, denn das versteht Pirinçcis durchaus. Dass seine Frau und seine Freunde als seine „schärfsten Kritiker“ dieses Dozieren stehen ließen, spricht nicht gerade für ihre Kritikfähigkeit.

_Ähnliche SF-Werke_

Nun ist ja Pirinçci nicht der erste Autor, der auf den Gedanken verfallen ist, es könne eine Welt ohne das andere Geschlecht geben. Philip Wylie etwa hat in „Das große Verschwinden“ schon in den 1950ern erzählt, wie eine Welt ohne Frauen darin aussähe: Männer und Frauen existieren von nun an in zwei parallelen Welten, aber nicht miteinander.

Frauen haben immer wieder femnistische Utopias für sich erfunden. Charlotte Perkins Gilman, die Autorin der berühmten Story „Die gelbe Tapete“, beschrieb bereits 1914 ein Utopia der Frauen im Jahr 2000: Sie pflanzten mit Hilfe der Parthenogenese, der Jungfernzeugung, fort. Ebenso verfahren die Freien Kriegerinnen in Suzy McKee Charnas‘ exzellentem Zyklus um die Kriegerin Alldera (ab 1974, bis 2000).

Recht detailliert ist das Utopia in „Die Frau am Abgrund der Zeit“, das eine der bekanntesten Autorinnen unserer Zeit zeichnet: Marge Piercy.

Mit Ausnahme vielleicht von Charnas‘ Zyklus kranken alle diese utopischen Erzählungen an zwei Schwächen: Sie dozieren neue Glaubens- und Lehrsätze; und sie sind in aller Regel statische und geschlossene Systeme. Beides macht sie wenig spannend.

In jüngster Zeit hat lediglich die ausgezeichnete farbige US-Autorin Octavia Butler mit ihrer Parable-Trilogie (ein Band folgt noch) ein positiveres, offeneres Bild einer – aber nicht nur – von Frauen bestimmten Gesellschaft nach dem Untergang der heutigen Zivlisation gezeichnet.

_Unterm Strich_

Mag auch der Plot noch so plausibel dargeboten werden, so geht die Handlung einfach unter in dem fortwährenden Dozieren und Ansprangern von Missständen. Ist Pirinçci also „ein einsamer Rufer in der Wüste“? Und wenn schon! Heutzutage muss selbst der Mahner im Lande dem Geschmack des Publikums entgegenkommen, das er erreichen will. So aber dürfte „Yin“ das Schicksal vieler ähnlicher Anti-Utopien teilen: als Fußnote zu enden. „Ja, da war was.“

Straub, Peter – Hellfire Club – Reise in die Nacht

Mit „Hellfire Club – Reise in die Nacht“ hat Peter Straub einen packenden Psychothriller geschrieben, in dem es um ein altes Unrecht geht, das bis in die Gegenwart hineinwirkt. Dabei stehen eine reiche Verlegerfamilie, die Chancels, und ihre dunkle Vergangenheit, ein skrupelloser Frauenmörder, eine brutale Entführung und ein mysteriöses Kultbuch in komplexem Zusammenhang. „Reise in die Nacht“ ist mit Abstand Straubs gelungenstes Buch, ästhetisch und künstlerisch wie auch für den Leser befriedigend, weist aber auch ein paar Fragen auf, die offen bleiben.

_Handlung_

Im Mittelpunkt des Interesses steht die sympathische Nora Chancel; der Leser verfolgt ab dem zweiten Drittel des Buches, wie sich ihr bis dato behagliches Leben in atemberaubenden Tempo „von innen nach außen kehrt“ – eine häufige Metapher in diesem Roman. Denn bis zum Schluss enthüllen sich Geheimnisse, lösen sich Rätsel und verändert sich das Bild, das der Leser von den Figuren anfangs erhalten hat. Es ist ein Buch mit zahlreichen Falltüren und unerwarteten Wendungen – umso besser!

Auf „Reise in die Nacht“, so der Titel eines fiktiven, 1939 erschienen Bestseller-Romans von Hugo Driver, gründen sich Vermögen und Erfolg der neuengländischen Familie Chancel und ihres Verlags Chancel House (ein Anklang an Random House). Davey Chancel, Sohn des Inhabers Alden, gehört ebenfalls zur großen und besessenen Fangemeinde dieses Kultbuches. Er ist ein Träumer, abhängig von seinem Vater.

Seine Frau Nora, die als Krankenschwester in Vietnam mit einer brutalen Realität konfrontiert war, teilt Daveys Enthusiasmus nicht. Aber nicht allein aus diesem Grund gilt sie in der Familie Chancel als Außenseiterin. Das Grauen aus Vietnam verfolgt sie noch immer in ihren Träumen, und hin und wieder sieht sie hämisch grinsende Dämonen im Augenwinkel.

In der Kleinstadt Westerholm, Connecticut, wo auch die Chancels residieren, versetzt seit Wochen ein kaltblütiger Frauenmörder die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Als Natalie Weil, die heimliche Geliebte Davey Chancels (wie auch seines Vaters) unter mysteriösen Umständen aus einem verwüsteten, blutgetränkten Zimmer verschwindet und erst einige Zeit später wieder auftaucht, fällt der Verdacht auf Nora.

Auch der wankelmütige Davey hält nicht zu ihr, als das FBI aufkreuzt. Doch kurz bevor der wahre Sachverhalt – ein schlechter „Scherz“ von Daveys Vater – aufgeklärt werden kann, wird Nora von dem Rechtsanwalt Dick Dart, der bereits als der Killer überführt ist, im Polizeibüro als Geisel genommen und entführt.

Während ihrer Flucht durch Neuengland kann Nora nur überleben, indem sie vorgibt, auf der Seite dieses Psychopathen zu stehen, während Dart jeden erbarmungslos umbringt, der sich ihm in den Weg stellt. Nora begegnet wieder ihren Dämonen.

Allmählich enthüllt Dart seiner Gefangenen, was er als seine „Mission“ begreift: Er hat in seiner Kanzlei, die Chancel House seit Jahren betreut, erfahren, dass die Angehörigen der 1938 verstorbenen Schriftstellerin Katherine Mannheim Rechte auf das Manuskript „Reise in die Nacht“ beanspruchen – die Dichterin sei die wahre Urheberin des Buches. Sie war 1938 mit Hugo Driver und anderen Dichterkollegen Gast auf einem Landgut namens Shorelands und verschwand unter mysteriösen Umständen.

Dart versucht nun, alle Zeugen, die die Urheberschaft Drivers an dem von Dart kultisch verehrten Buch in Frage stellen könnten, zu beseitigen. Dabei geht er keineswegs zimperlich vor.

Als Nora sich schließlich von ihrem Entführer befreien kann, stellt sie auf eigene Faust Nachforschungen an und kommt dabei dem ebenso düsteren wie blutigen Geheimnis um das berühmte Manuskript Zug um Zug näher, stets verfolgt von FBI und Dart.

Als sie ihm wieder in die Hände fällt und sie zusammen nach Shorelands fahren, zurück zum Ursprung des Unheils, findet sie den „goldenen Schlüssel“ zum Untergang des Hauses Chancel wie auch ihre eigene innere Freiheit.

_Mein Eindruck_

„Hellfire Club – Reise in die Nacht“ enthält eine zielstrebig vorwärts preschende Handlung, die von glaubwürdigen Charakteren gestützt und gelenkt wird, bis die Bösen den verdienten Untergang erleben und die Guten verändert aus dem Showdown hervorgehen. Das Buch setzt sich mit Lebenslügen, verkorksten Beziehungen und dem falschen Kult um Bücher und andere Medien auseinander.

Nora Chancel ist eine Heldin wider Willen auf einer Höllenfahrt, genau wie der leidgeprüfte jugendliche Held in Hugo Drivers verhängnisvollem Roman – einer der zahlreichen Fälle von subtiler Ironie in diesem Buch. Dass der Autor ihr und allen anderen Charakteren die menschliche Würde lässt und sie nicht zu einem Abziehbild degradiert, ist ein hohes Verdienst und trägt sicherlich dazu bei, die Lektüre zu einem eindrucksvollen und befriedigenden Erlebnis zu machen. Ungelöst bleiben lediglich Fragen, die Dick Darts Verhalten am Schluss betreffen – hier hat der Autor einiges unterdrückt, das dem angestrebten Effekt widersprochen hätte. Unklar bleibt auch die Rolle, die Dick Darts Vater spielt – er bleibt zu passiv im Hintergrund.

Die knapp 640 Seiten (660 bei der |Heyne|-Ausgabe) lesen sich leicht in zwei, drei Tagen und man bekommt Lust, sie gleich nochmal zu lesen. Straubs zuletzt bei uns veröffentlichte Romane waren die Vietnam-Psychothriller „Koko“ und „Der Schlund“ sowie [„Haus der blinden Fenster“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1003 und deren Grauen ist auch hier zu spüren. Doch im Gegensatz zu ihnen ist „Reise in die Nacht“ viel stärker mit der Rolle der Literatur und ihrem Bannkreis beschäftigt: ihren manchmal gar nicht feinen Produzenten, ihren blinden, süchtigen Fans und ihren skruppellosen Vermarktern: „Geschäft ist Geschäft“ ist die Moral Amerikas. Straub führt subtil vor Augen, wohin diese kapitalistische Moral führt, wenn man sie konsequent zu Ende verfolgt. Hut ab, Mister Straub! Dies ist ein Meisterwerk.

|Originaltiel: Night Journey, 1996
Aus dem US-Englischen von Joachim Körber|

Francis, Dick – Verrechnet

_Britische Krimikunst der obersten Liga_

Alexander Kinloch wird überraschend zu seinem kranken Stiefvater Sir Ivan nach London geholt. Dieser bittet Alex, ein wertvolles Rennpferd und einen Goldpokal vor seinen Gläubigern und seiner gierigen Tochter zu verstecken. Der Kampf um Erbe, Pferd und Pokal beginnt.

„Verrechnet“ eröffnet mit lakonischer Ironie einen faszinierenden Blick auf die Abgründe eines Familien-Clans. Die dichte und spannende Inszenierung fasziniert durch ein überraschendes Ende und die unvergleichliche Stimme von Rolf Hoppe als Sir Ivan. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Richard Stanley Francis kam am 31. Oktober (Halloween!) 1920 in Wales als Sohn eines Reitjockeys zur Welt, in dessen Fußstapfen er trat. Nach einem militärischen Intermezzo während des 2. Weltkriegs bei der Luftwaffe ritt Francis wieder. 1956 verletzt er sich bei einem Sturz so stark, dass es das Aus für seine Karriere bedeutete, aber den Start seiner Schriftstellerkarriere. Nach seinen Memoiren mit dem vieldeutigen Titel „The Sport of Queens“ schreibt Francis über 40 Krimis in Folge, die in über 30 Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt wurden. Im Genre erhielt er höchste Auszeichnungen. Er lebt heute auf den britischen Cayman Islands in der Karibik (sie tauchen in dem Grisham-Krimi „Die Firma“ auf).

_Die Sprecher & die Inszenierung_

Der Mitteldeutsche (MDR) und der Südwestrundfunk produzierten das Hörspiel im Jahr 2002. Mit Rolf Hoppe, geboren 1930, und Peter Fricke, geboren 1939, spielen zwei bekannte Bühnen- und TV-Stars mit. Uta Hallant, geboren 1939, ist am besten bekannt als Synchronstimme von Audrey Hepburn, Jamie Lee Curtis und Glenn Close. Sie wirkte an diversen Film- und Fernseharbeiten mit, so etwa an „Der Mörder und die Hure“ aus dem Jahr 1996.

_Handlung_

Der Kunstmaler Alexander Kinloch (Götz Schulte), der im Mittelpunkt der Handlung steht, ist gerade in seinem Haus in Schottland überfallen und ausgeraubt worden. Zum Glück konnte er sich merken, wie die Räuber aussahen und hat sie gezeichnet.

Bis sich die Lage normalisiert, wohnt Alex bei seiner Mutter Lady Vivienne Westering (Uta Hallant) in London. Leider ist es um die Gesundheit ihres Mannes Sir Ivan (Rolf Hoppe), seines Stiefvaters, nicht zum Besten bestellt. Er hat gerade einen Herzanfall überstanden. Seine Genesung verzögert sich, weil er sich zu viele Sorgen macht: um seine Brauerei, sein Rennpferd und um den Pokal des King-Alfred-Rennens, das er jährlich ausrichtet. Doch Sir Ivan vertraut Alex und fragt ihn: „Wo würdest du das Pferd und den Pokal verstecken?“

Fortan kämpft Alex an zwei Fronten. Ausgestattet mit einer Vollmacht von Sir Ivan, versucht er die Brauerei vor der drohenden Insolvenz zu bewahren, denn durch Unterschlagung sind mehrere Millionen verschwunden. Die Firma soll aber im Falle des Todes von Sir Ivan Alex‘ Stiefschwester Patsy Benchmark erben, ein raffgieriges Frauenzimmer, das mit seinem Mann Surtees auf großem Fuß lebt (wobei Surtees eine Geliebte hat, von der sie nichts weiß). Al hat genau zwei Tage Zeit, alles Notwendige zu erledigen. Er heuert einen stämmigen Privatdetektiv an und stürzt sich ins Getümmel.

Da er ein Händchen für den Umgang mit Frauen hat, verschafft er sich deren Loyalität und Unterstützung. Da wäre einmal seine Schwester Emily, dann noch die Bankfrau Margaret Morden und schließlich eine Mrs. Newton, die Witwe des verstorbenen Buchhalters, der die Millionen unterschlagen hat. Als sich abzeichnet, dass die Gegenseite vor fiesen Tricks nicht zurückschreckt, sehen die Damen ein, dass Rückzug die klügere Seite der Kriegsführung sein kann und begeben sich in Deckung.

Unterdessen fliegen die Fetzen, als die Benchmarks mit ihrem rabiaten Anwalt Grenchester (Peter Fricke) gegen Alex und Co. antreten. Ein Glück, dass Sir Ivan nicht mehr miterleben muss, wie man versucht, Alex lebendig zu grillen …

_Mein Eindruck_

Es geht doch nichts über herzliche Familienbande. Wobei das mit der Bande diesmal wörtlich zu nehmen ist. Die raffgierigen Erben scheinen vor nichts zurückzuschrecken, dabei werden sie selbst hinters Licht geführt. Zum Leidwesen von Alex merken sie das aber reichlich spät. Die Kavallerie erscheint mal wieder erst in letzter Sekunde. Das macht richtig Laune.

Das Hörspiel, bei dem Klaus Zippel Regie führte, unterhält den Zuhörer bestens mit unerwarteten Enthüllungen, rätselhaften Verbindungen und genialen ironischen Dialogen, um dann in ein actionreiches Finale zu münden. Aber eines ist schon recht erstaunlich: Die Guten hören alle auf Alex‘ Stimme der Vernunft und machen bei seinen Maßnahmen mit, mit denen er die Erbschleicher von seiten der Benchmarks austrickst. Sir Ivan hätte keinen besseren Erben und Sachwalter haben können. Und das alles kriegt ein Kunstmaler zustande?! Offenbar bietet die Kunstakademie neuerdings Schnellkurse in Betriebswirtschaftslehre und Kriminalistik an …

_Die Sprecher & die Inszenierung_

Die Inszenierung des von Alexander Schnitzler bearbeiteten Hörspiels verzichtet auf jegliche verwirrenden Nebenhandlungen. (Die einzige, die man vielleicht so bezeichnen könnte, dreht sich um den Buchhalter, der die Unterschlagungen begangen haben soll.) Dementsprechend leicht kann man dem Handlungsverlauf folgen. Der Zuhörer hält natürlich zu Alex, dem designierten Kronprinzen, und bangt mit, wenn er seine Maßnahmen einfädelt. Es ist schon sehr befrieidgend, wie die „guten“ Ladys auf seine Linie einschwenken und nachgerade nach seiner Pfeife tanzen. Schade, dass die Opposition nicht mitmacht.

|Die Sprechrollen|

Die Sprecher sind ausgezeichnet. Kein Wunder bei so vielen Profis. Rolf Hoppe spielt den sterbenden Patriarchen so glaubwürdig, dass man Sir Ivan nur viel Erfolg bei der Ausführung seiner Pläne wünschen kann. Götz Schulte trägt den braven Alex so redlich und aufrichtigen Herzens vor, dass ihm automatisch alle unsere Sympathien gelten. Uta Hallant ist als Lady Westering die Verkörperung von Würde und mütterlicher Wärme, worin sie effektvoll mit Patsy Benchmark, der gierigen Möchtegernerbin – typisch Middle Class! – kontrastiert. Am eindrucksvollsten fand ich hingegen Karin Gregorek in der Rolle als Margaret Morden – eine wahre Dame von Welt, die man hier zu hören bekommt. Den Jago im Stück gibt hingegen Peter Fricke als Anwalt Oliver Grenchester, der eine Menge auf dem Kerbholz hat und in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich ist – schließlich geht es um Millionen.

|Musik und Geräusche|

Musik gibt es nur selten und Geräusche fast gar nicht. Das dämpft zwar den realistischen Eindruck, hebt aber die Wirkung der geschliffenen Dialoge hervor. Die Musik erklingt nur zweimal. Dadurch wird das Hörspiel zu einem klassischen Dreiakter wie am Theater.

|Das Booklet|

Das Booklet sieht mit acht Seiten zwar umfangreich aus, doch die Hälfte davon ist Informationen plus Foto zum Autor gewidmet. Abzüglich der Frontseite verbleiben gerade mal zwei Seiten für drei Sprecherbiografien und die Credits. Man könnte von einem gewissen Ungleichgewicht des Informationsgehalts sprechen. Da ich vermute, dass vor allem das Booklet für den relativ hohen Preis von 15 Euro verantwortlich ist, finde ich diese Leistung ziemlich schwach. Andere 1-CD-Hörspiele kosten bei D>A

Lumley, Brian / Lansdale, Joe R. / Lovecraft, H. P. / Meyrink, Gustav / Laymon, Richard – Necrophobia 1

Sechs Horrorgeschichten versammelt dieses Hörbuch, darunter einige Spitzenkräfte des Genres wie etwa H. P. Lovecraft.

Es handelt sich um ein „inszeniertes Hörbuch“. Das heißt, es wurde mit Musik und dezenten Toneffekten wie Hall oder Stimmverzerrung produziert. Das Ergebnis ist fast ebenso perfekte Unterhaltung wie ein Film, nur viel näher am Original, wie es der Autor beabsichtigt hat.

_Die Autoren_

Brian Lumley wurde 1937 in England geboren. Seit 1981 seine Militärkarriere endete, lebt er als freier Schriftsteller. Zunächst eiferte er H. P. Lovecraft (s. u.) nach, doch mit seiner großen Vampir-Saga [„Necroscope“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=779 gelangte er zu Bestsellerehren.

Joe R. Lansdale, geboren 1951 in Texas, war zunächst Gelegenheitsarbeiter, bevor er sich 1981 ausschließlich dem Schreiben widmete. Er schrieb Western, Fantasy, Abenteuerbücher, Krimi, Horror und Thriller. Jedes seiner Werke sei originell und unverwechselbar, schreibt der Verlag. Aus dem Geheimtipp sei ein renommierter Erfolgsautor geworden. Leider ist er in Deutschland noch unterrepräsentiert.

H. P. Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Gustav Meyrink (1868-1932) zählt zu den Klassikern der deutschsprachigen Phantastik (und galt zu Lebzeiten als äußerst streitbar und politisch engagiert). Seine unheimlich-grotesken und esoterischen Werke wie „Der Golem“ und „Walpurgisnacht“ sind trotz vieler Nachahmungsversuche unerreicht geblieben.

Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren. Erste kürzere Werke erschienen zu Beginn der 70er Jahre. Der Roman „The Cellar“ (1980) entwickelte sich zum weltweiten Bestseller. Laymon hatte etwa 50 Romane geschrieben, als er am Valentinstag, dem 14.2.2001, völlig unerwartet an einem Herzanfall starb.

Graham Masterton wurde 1946 im schottischen Edinburgh geboren. Zunächst arbeitete er als Journalist, seit 1970 lebt er als freier Schriftsteller. So veröffentlichte er sehr erfolgreiche Ratgeber zum Thema Sexualität und Partnerschaft. 1975 landete er mit dem unheimlichen Roman [„The Manitou“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=754 einen Bestsellererfolg, der auch verfilmt wurde. Seither hat er etwa 45 weitere Horrorromane veröffentlicht.

_Die Sprecher_

Joachim Kerzel ist der Synchronsprecher von Hollywoodstars wie Jack Nicholson und Dustin Hoffman. Durch zahlreiche Bestseller-Lesungen – etwa von Ken Follett und Stephen King – hat er sich einen Namen gemacht.

Lutz Riedel ist die deutsche Stimme von Timothy Dalton und stellt hier wieder mal seine herausragenden Sprecherqualitäten unter Beweis.

Nana Spier leiht neben „Buffy“ auch Drew Barrymore ihre Stimme und überzeugt durch völliges Eintauchen in die jeweilige Rolle.

David Nathan ist Regisseur und gilt zudem als einer der besten Synchronsprecher Deutschlands, u. a. von Johnny Depp. Schade, dass man ihn nur sehr kurz mit einer einzigen Story zu hören bekommt: mit „Mein toter Hund Bobby“.

_Die Geschichten_

– |Brian Lumley: In der letzten Reihe| (1988; 21:26 Min.): Ein alter Mann geht mal wieder in sein Lieblingskino, weil ihn das an seine verstorbene Frau erinnert. Doch diesmal kann er sich nicht auf den Film konzentrieren. In der Reihe hinter ihm ist ein junges Pärchen heftig mit Liebesdingen beschäftigt und zwar so laut und eindeutig, dass er sich schließlich umdreht, um die beiden zur Ruhe zu gemahnen. Was er als Antwort hört, ist jedoch ein warnendes Knurren! Erst am Schluss der Vorstellung wagt er wieder, sich den beiden Radaubrüdern zuzuwenden. Was er erblickt, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren. Aber die eigentliche Pointe erfolgt erst mit den letzten Wörtern der Story.

– |Joe R. Lansdale: Mein toter Hund Bobby| (1987, 3:46 Min.): Selten eine derart makabre Story gehört! Ein Junge spielt mit „seinem toten Hund Bobby“, genau, nur dass dieser wirklich tot ist und der Junge ziemlich üble Dinge mit ihm anstellt. Danach kommt der Hund wieder in die Gefriertruhe, wo schon die tote Mutti wartet …

– |H. P. Lovecraft: Pickmans Modell| (1927, 43:18 Min.): Der Großmeister des Horrors bemüht diesmal keine Großen Alten mit unaussprechlichen Namen, sondern ein paar simple Maler. Denkt man. Der Malerverein von Boston, Massachusetts, steht offenbar kurz davor, sein Mitglied Pickman auszuschließen. Seine Ansichten sind ja schon absonderlich, doch seine Motive sind – ja was? – grauenerregend. +++ Doch ein Kollege namens Thurber, der Ich-Erzähler, hält zu Pickman durch dick und dünn. Und so wird ihm die Ehre zuteil, Pickmans anderes Haus besuchen zu dürfen. Es liegt in einem uralten und verwinkelten Viertel, dem North Hill, nahe dem Copse Hill Friedhof. Man sagt, das Viertel stamme aus dem 17. Jahrhundert, als im nahen Salem die Hexen gehängt wurden. Pickmans Ahnin sei eine davon gewesen, bestätigt der Künstler. +++ Die Motive der Gemälde und Studien, die Thurber zu sehen bekommt, sind noch um einiges erschreckender als bislang Gesehene: Leichenfresser einer Spezies von Mischwesen aus Mensch, Hund und Ratte, die Schläfern auf der Brust hocken (à la Füßli) und sie würgen. +++ Das Beste wartet aber im Keller, wo sich ein alter Ziegelbrunnen befindet, der möglicherweise mit den alten Stollen und Tunneln verbunden ist, die North Hill und den Friedhof durchziehen. Hier fallen Revolverschüsse, und Thurber gelingt es, ein Foto zu erhaschen, das die Vorlage zu Pickmans neuestem Gemälde zeigt. Was Thurber bislang für Ausgeburten einer morbiden Fantasie gehalten hat, ist jedoch konkrete, unwiderlegbare Realität …

– |Gustav Meyrink: Das Präparat| (1913, 14:40): Im Prag der Jahrhundertwende besprechen zwei Freunde namens Ottokar und Sinclair das Problem, dass ihr Freund Axel verschwunden ist. Aber sie haben einen Hinweis darauf erhalten, wo er sich befinden könnte: im Haus eines persischen Anatomen. Der Entschluss ist schnell gefasst; mit einem Trick haben sie den Mediziner fortgelockt. Im Haus selbst finden sie Axel – oder vielmehr das, was von ihm noch übrig ist. Viktor Frankenstein wäre stolz auf dieses „Präparat“ gewesen. Herz, Lungen, Adern sind noch vorhanden. Und der Kopf kann sprechen. – Leider fehlt dieser Story irgendwie die Pointe.

– |Richard Laymon: Der Pelzmantel| (1994, 23:08). Anfang und Mitte der neunziger Jahre machten militante Tierfreunde Jagd auf Leute, die Pelze trugen. In dieser Story treten sie in Gestalt zweier rabiater Frauen auf, die Janet, eine 36-jährige Witwe angreifen, weil sie einen Hermelinpelzmantel trägt. Obwohl Janet diese kostbare Erinnerung an ihren geliebten verstorbenen Gatten mit Klauen und Zähnen verteidigt und eine lange Verfolgungsjagd liefert, unterliegt sie am Ende doch. Allerdings geben sich die beiden Verfolgerinenn nicht damit zufrieden, wie sonst den Pelzmantel und das Haar der Trägerin mit roter Farbe zu besprühen. Sie wollen mehr. Schließlich werden ja auch die Tiere, die um ihres Fells wegen getötet werden, letztendlich gehäutet … – Diese Story geht wirklich bis zum Äußersten, konsequent bis zur entscheidenden Andeutung.

– |Graham Masterton: Ein gefundenes Fressen| (1990, 31.21): Die Brüder David und Malcolm sind Schweinezüchter im Gebiet zwischen Nordengland und Südschottland. Allerdings läuft das Geschäft sehr schlecht. Als David aus der Stadt in den Stall zurückkehrt, schaltet er die Lichter und die Futtermaschine ein. Ein markerschütternder Schrei ertönt! Die Schreie hören nicht auf, denn sie kommen aus der Futtermühle, einem sehr zuverlässigen deutschen Fabrikat. Malcolm steckt darin, und ist, bis David den Stopp-Knopf findet, bereits halb von den Scherblättern zermahlen. +++ Statt in Schmerzen zu vergehen, behauptet Malcolm jedoch, himmlische Ekstase zu empfinden. David tut ihm den Gefallen, ihn vollständig zu zermahlen. Tage später fällt David den Zähnen des tückischen alten Ebers Jeffries zum Opfer. Hoffnungslos zerbissen und blutend sehnt er sich nach der Ekstase, die Malcolm im Augenblick des Sterbens erfahren hat. Leider erlebt er eine böse Überraschung. – Auch diese Story geht bis zum Äußersten, liefert aber noch eine witzige Pointe am Schluss.

_Die Sprecher_

Joachim Kerzel ist ein Meister, der die Kunst, eine effektvolle Pause an der richtigen Stelle zu machen, perfektioniert hat. Daher sind die Geschichten, die er vorträgt, von höchster Wirkung, der sich niemand entziehen kann.

Lutz Riedel verfügt über eine ähnlich tiefe Stimme wie Kerzel und vermag den entsprechenden Gruseleffekt mühelos hervorzurufen. Nana Spier liest die Geschichte „Der Pelzmantel“, in der fast nur Frauen auftreten, mit Überzeugungskraft und ohne Zögern bei den intimeren weiblichen Details – die Geschichte ist nämlich auch sehr erotisch. David Nathans Auftritt ist, wie gesagt, leider viel zu kurz, aber einwandfrei.

Andy Materns Musik wird den Texten selbst sehr dezent unterlegt. Leise Pianotöne setzen an den Stellen ein, in denen die Story auf die Zielgerade gelangt. Dies steht im krassen Gegensatz zur Pausenmusik, die bombastischen Horror beschwört. Na ja.

_Unterm Strich_

Ob dies wirklich „die besten Horrorgeschichten der Welt“ sind, weiß ich nicht, aber sie gehören sicherlich in die oberste Liga, allen voran die klassische Story „Pickmans Modell“ von Lovecraft. Man kann auch nicht sagen, es wäre eine schwache darunter, allenfalls Meyrinks Geschichte kommt in diese Region, denn die Pointe scheint zu fehlen.

Die zweite CD geht mit den beiden jüngsten Geschichten weg vom subtilen Psychohorror und richtig ans Eingemachte. Das Einzige, was die Blutrünstigkeit der Masterton-Story noch übertreffen könnte, wäre eine Story von Clive Barker, etwa „Jacqueline Ess – ihr Wille und Vermächtnis“ oder „Das Leben des Todes“ aus den [„Büchern des Blutes“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=538

Und wieder einmal fehlt eine Geschichte von einer Frau. „Die gelbe Tapete“ von der Amerikanerin Gilman wäre nicht schlecht.

|137 Minuten auf 2 CDs|

[Necrophobia 2]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1073 erschien im März 2005.

Straub, Peter – Haus der blinden Fenster

_Break on through to the other side_*

Ein Serienmörder versetzt die Jugendlichen der Kleinstadt Millhaven in Angst und Schrecken. Den 15-jährigen Mark Underhill, der gerade seine Mutter verloren hat, jedoch beschäftigt etwas ganz anderes: Er ist besessen von dem verfallen aussehenden und verlassenen Haus, das an die Rückseite seines eigenen Hausgrundstücks grenzt, getrennt nur durch eine hohe Mauer. Er meinte, hinter den schmutzigen Fensternscheiben ein Mädchen gesehen zu haben, und sein Freund Jimbo hat darin angeblich einen dicken Mann mit silbernen Augen gesehen. Eines Nachts brechen sie zusammen in das Gebäude ein und machen eine grausige Entdeckung.

* Meine Überschrift zitiert den Titel eines Songs von |The Doors|, ca. 1967/68.

_Der Autor_

Peter Straub zählt neben Stephen King, John Saul und Dean Koontz zu den herausragenden amerikanischen Horror-Autoren. Er wurde in Milwaukee, Wisconsin (wo viele deutsche Auswanderer wohnten), geboren und lebte ein Jahrzehnt lang in England und Irland. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt worden und hatten 1994 eine Weltauflage von zehn Millionen bereits weit überschritten. Heute lebt er mit seiner Frau auf einer Farm in Connecticut.

Zusammen mit Stephen King schrieb er „Der Talisman“ und dessen Fortsetzung „Das schwarze Haus“. Seine eigenen Romane sind ebenfalls – meistens – bei |Heyne| erschienen:

Schattenland
Geisterstunde
Das geheimnisvolle Mädchen / Julia / Die fremde Frau
Der Hauch des Drachen
Wenn du wüsstest
Koko und die Fortsetzung „Der Schlund“ (Romane mit Tim Underhill)
Mystery
Reise in die Nacht / [Hellfire-Club]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1110 (später umbenannt)
Mister X / Schattenbrüder (später umbenannt)
[Schattenstimmen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3090
[Esswood House]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1603

Die Storysammlungen „Haus ohne Türen“ und „Magic Terror“ sind ebenfalls sehr zu empfehlen.

_Handlung_

Als der Schriftsteller Tim Underhill, den wir schon von Straubs Romanen „Koko“ und „Der Schlund“ sowie aus diversen Erzählungen kennen, einen Anruf von seinem Bruder Philip bekommt, fliegt er sofort nach Millhaven, das irgendwo im Hinterland von Chicago in Wisconsin liegen muss. Philips Frau ist gestorben, heißt es, und die Beerdigung ist schon am nächsten Tag. Doch Philip ist ein aufgeblasener Wichtigtuer, ein richtiges Arschloch: der stellvertretende Schuldirektor der Quincy-Schule. Und so braucht Tim eine Weile, bis er herausbekommt, dass Nancy sich umgebracht hat. Ebenfalls eine Tatsache, die Philip auf die Palme bringt, weil er sie als Verrat an sich empfindet. Wie sich sein Sohn Mark dabei fühlt, ist ihm völlig schnuppe. Er ist ein ausgemachter Idiot.

Dafür wendet sich nun Tims Interesse umso stärker Mark zu, dem fünfzehnjährigen Halbwüchsigen, der ihm schon ein paar witzige E-Mails schickt hat. Er war es, der seine Mutter tot in der Badewanne gefunden hat – ein schreckliches Ereignis, das ihn aber zunächst nicht aus der Bahn zu werfen scheint. Er hängt mit seinem besten Freund Jim herum und fährt mit ihm Skateboard. Dass in Millhaven ein Serienmörder umgeht, der es auf Jungen zwischen 14 und 16 abgesehen hat, scheint ihn nicht sehr zu berühren. Es herrscht eben Ausgangssperre ab 22:00 Uhr, na und?

Kaum ist Tim Underhill nach der Beerdigung wieder abgeflogen – er hat Mark nach New York City eingeladen -, da erhält er nach einer Woche schon wieder einen Anruf von Philip. Mark wird vermisst. In den Verhören, denen er Marks engsten Freund Jimbo unterzieht, stellt sich heraus, dass Mark von einem bestimmten Haus in der Nachbarschaft geradezu besessen war. Das ist seltsam, denn er und Jim hatten dieses Haus nie zuvor bei ihrem Skaten bemerkt, dabei befindet es sich direkt hinter Marks eigenem.

Die Fenster sind schmutzig, die Veranda verfallen, die Fassade ist angekokelt, als habe es gebrannt. Aber der Rasen ist gemäht, was dem verlassenen Eindruck widerspricht. Bei ihren Erkundungsmissionen erspähen Mark und Jimbo erst einen großen Mann in schwarzem Mantel, dann ein Mädchen. Mark hält es nicht aus und bricht kurzerhand ein. In einem Versteck findet er ein Fotoalbum, das den Cousin seiner Mutter in jungen Jahren zeigt: Damals war Joseph Kalendar noch nicht der Serienkiller, der seine Frau, seine Tochter Lily und unzählige junge Frauen umbrachte, bevor man ihn 1980 schnappte. 1985 wurde er von einem Mithäftling getötet. Und dreimal darf man fragen, wo Kalendar, Marks Großonkel, seine Opfer tötete und quälte – genau in diesem Haus.

Als Tim Underhill mit Hilfe der Polizei und eines befreundeten Hackers nach Joseph Kalendar und Mark Underhill sucht, stößt er nicht nur auf eine lange verborgen gehaltene Unterwelt, die das wohlanständige Millhaven Lügen straft, sondern auch auf den Serienkiller, der gerade jetzt das Städtchen in Furcht und Schrecken versetzt.

_Mein Eindruck_

Zuerst dachte ich, dass Peter Straub schon wieder eine seiner ältesten Geschichten auf neue Weise erzählt. In „Der Talisman“ und „Das schwarze Haus“ muss ein Junge, der später nochmals das Gleiche durchmacht, durch ein Haus, das als Pforte dient, in die schreckliche Anderswelt reisen, um seine Mutter – oder andere Lieben – zu retten. Diese Anderswelt wird von schrecklichen Mächten beherrscht, die alles unternehmen, um den Erfolg dieser Mission zu vereiteln.

„Haus der blinden Fenster“ ist im Ansatz so ähnlich, aber zunächst keineswegs Fantasy, sondern purer Thriller, mit Anklängen an Horror. Der Kern, um den sich alles dreht, ist natürlich das titelgebende Haus, in dem nicht nur die finsteren Geheimnisse der Vergangenheit versteckt sind, sondern in dem sich auch eine Pforte in eine andere Dimension öffnet. Mark entdeckt die Geheimnisse nicht nur seiner eigenen Familie – dass nämlich seine Mutter eine Kalendar war und der Massenmörder ihr Cousin, vor dem sie Mark beschützen wollte -, sondern auch die finstere Unterwelt seiner Heimat Millhaven, quasi ihre Nachtseite. Das Symbol dafür ist der „Schattenmann“.

|Ein CSI-Thriller|

Da gab es einen Psychopathen, den man als solchen in seiner Straße kannte. Der alte Homosexuelle Omar Hillyard kann Tim Underhill dazu eine packende Story erzählen. Und da gibt es – makabre Wiederholung der Ereignisse – jetzt schon wieder einen Psychotiker, nur dass dieser nicht Frauen, sondern Jungs verfolgt und brutal ermordet. Hat sich der Unbekannte etwa Joseph Kalendar zum Vorbild erkoren? Folgt man Tim Underhills privaten Ermittlungen, so wird daraus ein richtig guter Thriller. Leider werden seine Bemühungen a) durch den bornierten Philip abgeschmettert und b) durch die unfähige Polizei ignoriert (außer dann, als Underhill handfeste Beweise liefert). Die ach so braven Bürger Millhavens scheinen unfähig, sich gegen eine Bedrohung aus ihrer Mitte zur Wehr zu setzen.

|Ein Akte-X-Thriller|

Auch Tims Neffe Mark ist quasi ein Privatschnüffler, allerdings befindet er sich in einer Akte-X-Handlung statt in der von „CSI“. Der Tod seiner Mutter und ein Aha-Erlebnis haben ihn besessen gemacht, das Geheimnis des verfallenen Hauses herauszufinden. Es ist, wie er entdeckt, nicht nur der Ort gewesen, wo Menschen gefoltert und gefangen gehalten wurden, sie wurden auch beobachtet – die Wände sind doppelt gezogen und von Geheimtreppen und -türen durchzogen. Kalendar war offenbar auch ein fähiger Schreiner.

|Lost boy meets lost girl|

Der eigentliche Grund für Marks Besuche in Haus Nr. 3323 ist allerdings – wen wundert’s? – ein Mädchen, vielmehr eine junge Frau von 19 Jahren, die sich Lucy Cleveland nennt. Früher war sie vielleicht mal Lily Kalendar, die kleine Tochter von Joseph, die einmal vor ihm geflohen war, aber dann wieder eingefangen wurde. Sie nennt den anderen Bewohner des Hauses den „Schattenmann“, und vor ihm will sie Mark retten. Der Haken bei der Sache ist jedoch, dass Lucy in einer anderen Dimension lebt. Jimbo beispielsweise kann Lucy nicht sehen, Mark hingegen schon. Um mit ihr zusammensein zu können, muss Mark die hiesige Dimension verlassen – eine schwierige Entscheidung zunächst, aber sobald er sich verliebt hat, nicht mehr.

Haben wir also wieder mal eine andere alte Story von Mister Straub zu ertragen – boy meets girl? Teils ja, teils nein. Denn Lucy Cleveland ist wieder einmal eine jener geisterhaften jungen Frauen, die Straub in „Das geheimnisvolle Mädchen“, „Julia“, „Die fremde Frau“ und „Wenn du wüsstest“ porträtiert hat, also vor langer Zeit (siehe die Daten auf Straubs Website peterstraub.net). Doch die Kommunikation mit unserer Dimension ist inzwischen viel einfacher geworden, schließlich gibt es das Internet. Das hebt diesen Handlungsstrang in die Sphäre des Cyberspace, den William Gibson schon 1983 bekannt gemacht hat (er wurde von einem anderen Autor erfunden). Deshalb ist das Auftauchen einer Website namens lostboylostgirl.org absolut folgerichtig. Tim Underhill wird im Stil der Zeit getröstet.

|Fallstricke: der Erzählstil|

Womit die meisten Leser ein Problem haben dürften, ist der extravagante Erzählstil des Autors. Der hat nun mal Philosophie studiert und kennt die großen Literaten aus dem Effeff, daher fällt es ihm leicht, eine Geschichte etwas anders und weitaus anspruchsvoller als seine Kollegen von der Paperback-Horror-Fraktion zu gestalten. Mit scheint, die Geschichte, die keineswegs linear erzählt wird, hat die Struktur einer Spirale.

Damit folgt sie nicht dem Pfeil der Zeit, der nur in eine Richtung zeigt, sondern der Arbeitsweise der Erinnerung, die sich oft in Kreisen strukturiert. Wenn die Kreisbewegung nicht an den Ausgangspunkt zurückführt, sondern darüber hinausweist, ergibt sich eine Spirale. Das hat mehrere Konsequenzen. Die gleichen Ereignisse werden von mehreren Personen auf unterschiedliche Weise betrachtet und folglich anders beleuchtet und gedeutet. Ob sich daraus andere Aktionen ergeben, ist noch dahingestellt. Aber für den Leser ist es etwas verwirrend und nervig, häufig von den gleichen Geschehnissen lesen zu müssen. Es ist ein doppelter Erkenntnisprozess: der von Mark, der zuerst das Haus und die Grenze erkundet, und dann von Tim, der ihm auf seinen Spuren folgt. Leider bedeutet dies, dass ständig die Perspektive wechselt: Mark, Tim und Jimbo. Geübte Leser kommen aber damit zurecht, schätze ich.

Und an einer Stelle wissen wir genau, was hinter der Badezimmertür auf Mark wartet, werden aber kurz davor abgehalten, weiterzugehen. Das baut Spannung auf. Als Mark dann durch die Tür tritt und seine tote Mutter findet, ist dies schon fast nicht mehr so schlimm – für uns, nicht für ihn. Eine weitere Manipulation der normalen Zeit-Wahrnehmung tritt ein, als Tim eine E-Mail erhält, die zwei Tage nach Marks Verschwinden abgeschickt wurde. Und durch Fernzugriff – eine zusätzliche Aufhebung der räumlichen Distanz – kann Tim in seinem Mail-Postfach feststellen, was Mark geschickt hat.

Die Aufhebung der Grenzen von Raum und Zeit ist das Merkmal eines geübten und kunstfertigen Schriftstellers. Dennoch schreibt er seine Story in absolut einfachen und allgemein verständlichen Worten, so dass keiner über sprachliche Probleme klagen kann. Die Probleme tauchen erst auf, wenn man versucht, das Erzählte richtig einzusortieren, denn das Gehirn will unbedingt alles in eine chronologische Reihenfolge bringen. Dieser Versuch ist wegen der begrenzten Merkfähigkeit des Gehirns zum Scheitern verurteilt, es sei denn, man macht sich Notizen und bringt diese in entsprechende Ordnung. Eine Hilfe sind immerhin die datierten Tagebucheinträge Underhills.

|Der rote Himmel|

Der Himmel über der Dimension der Anderswelt, in der Lucy Cleveland lebt, ist nicht blau, sondern rot. Dass dies so sein muss, wusste Tims Vater oder einer von dessen Saufkumpanen ganz genau. Tim erscheint es daher nur plausibel, dass Mark das seinem Freund so erzählt hat. „Red skies over paradise“ – so hieß ein Song der Popgruppe |Fischer-Z|. Es ist auch der Titel des vierten Teils von „Haus der blinden Fenster“. Zufall oder Notwendigkeit?

Der Leser fragt sich am Schluss, als der Garten des unheimlichen Hauses umgegraben wird: Ist Mark wirklich tot oder in eine andere Dimension gewechselt? Diese Frage will sich Tim, will sich Marks Vater nicht stellen. Und letzten Endes erweist sie sich als unwichtig. Folglich wird sie auch nicht beantwortet. Der Leser muss seine eigenen Schlüsse ziehen.

_Unterm Strich_

„Haus der blinden Fenster“ ist sowohl ein Roman für Jungs von fünfzehn, die erwachsen werden (wollen bzw. sollen) als auch für Erwachsene. Obwohl die Sprache, in der die Story erzählt wird, einfach genug ist, hat jeder Leser so seine Probleme, dem Verlauf der Geschehnisse zu folgen. Die Erzählstruktur folgen den Ereignissen nicht chronologisch, sondern hebt, wie in der Erinnerung, die Grenzen von Raum und Zeit auf. Doch keine Angst: Straub ist noch meilenweit von James Joyce entfernt (was nicht heißen soll, dass Straub nicht dazu fähig wäre, einen zweiten „Ulysses“ zu schreiben – aber wer wollte das schon tun?).

Diesmal rettet der jugendliche Held nicht seine Mutter – dafür ist es bereits zu spät. Er rettet sich selbst vor dem „Schattenmann“ und wohl auch ein Mädchen, das unter diesem Finsterling zu leiden hatte. So entkommt – je nach Lesart – der jugendliche Held der Nachtseite jener Stadt Millhaven. Die Stadt sollte ihm eigentlich in ihrer Wohlanständigkeit Schutz und Unterstützung bieten, hat aber letzten Endes nur zwei Serienkiller hervorgebracht, die wie Wölfe unter Schafen wüteten. Der Durchbruch in die andere Dimension – ist das die Flucht in ein Paradies des Cyberspace, der Virtualität? Bedeutet dies Eskapismus oder Hoffnung für unsere Generation und unsere Kinder? Die Antworten sind im Buch versteckt, man muss sie – jeder für sich – selbst finden. Sie werden nicht auf dem Silbertablett serviert. Das unterscheidet einen Künstler wie Straub von den Groschenheftautoren.

|Originaltitel: Lost boy lost girl, 2003
Aus dem US-Englischen übersetzt von Uschi Gnade|

Becka, Elizabeth – Mit dem letzten Atemzug

Die Spurensicherungsexpertin Evelyn James vom Gerichtsmedizinischen Institut Cleveland wird an einem kalten Novemberabend an einen Tatort gerufen, an dem man die Leiche einer jungen Frau aus dem Fluss Cuyahoga geborgen hat. Als wäre sie ein Mafiaopfer aus einem Hollywoodfilm, stecken ihre Füße in einem schweren Zementeimer, der Körper ist mit Ketten gefesselt. Weil sie sich nicht befreien konnte, nachdem sie lebend in das eisige Wasser geworfen worden war, musste sie ertrinken, obwohl sie „bis zum letzten Atemzug“ kämpfte.

Wenig später wird ein zweites derartiges Opfer gefunden, doch die Tochter des Bürgermeisters wurde am Flussufer erdrosselt – sie hatte sich aus dem Zementeimer und den Ketten befreien können! Weil Evelyn James früher mal an der Uni die Freundin des jetzigen Bürgermeisters von Cleveland war, befindet sie sich bald in einem üblen Interessenskonflikt: Sie darf eigentlich nichts über den Fortgang der Ermittlungen preisgeben, doch Daryl Pierson musste sie versprechen, genau dies zu tun. Will er etwa private Rache üben?

|Die Autorin|

Elizabeth Becka ist wie ihre Hauptfigur Spurensicherungsexpertin und als Mitglied der „American Academy of Forensic Sciences“ auch als forensische Gutachterin vor Gericht tätig. Sie arbeitete fünf Jahre im Cuyahoga County Coroner’s Office in Cleveland, zuständig für Stoff-, Haar- und DNA-Analysen und ist heute für die Tatort-Sicherung im Cape Coral Police Department, Florida, verantwortlich.

_Handlung_

Die Spurensicherungsexpertin Evelyn James kann den November wie die meisten Leute auch nicht leiden. Das Leben einer alleinerziehenden Mutter eines pubertierenden Mädchens ist nicht einfach, und dann will auch noch ein intriganter Praktikant ihren Arbeitsplatz haben und sägt an ihrem Stuhl.

Nicht gerade bester Laune trifft sie daher am neuesten Tatort von Cleveland, Ohio, ein. Eine junge Frau wurde aus dem Cuyahoga-Fluss gefischt. Das Besondere an ihr: Man hatte sie von einer Brücke ins Wasser geworfen, als sie noch lebte. Aber sie konnte sich nicht durch Schwimmen retten, weil ihre Füße in einem Zementeimer steckten und sie mit Ketten gefesselt war. Es war kein Raubmord, und die reale Mafia hat eigentlich ganz andere Methoden, ihre Opfer zu erledigen: „zwei Schüsse in den Nacken“, meinen die Detectives Riley und Milaski.

Ein Besuch beim örtlichen Mafiaboss Mario Ashworth, einem Baulöwen, bringt daher nichts außer der Bekanntschaft seines imposant gebauten Gorillas Marcus. Und seine junge Frau lebt auch noch.

Die nächste Wasserleiche, die man wenige Tage später am Flussufer findet, ist wesentlich interessanter. Evelyn erkennt sie sofort. Destiny Pierson war es gelungen, den Zementeimer von den Füßen zu streifen und sich aus den Ketten zu lösen. Erst am Ufer hatte ihr Mörder sie erwischt und erdrosselt. Nicht nur Riley und Milaski sind erschüttert, sondern auch Evelyn: Destiny Pierson ist die Tochter des jetzigen Bürgermeisters von Cleveland, der am College ihr Freund war, bevor er eine schöne reiche Erbin heiratete.

Pierson bittet Evelyn, ihm um der alten Freundschaft willen die Ermittlungsergebnisse unter der Hand weiterzuleiten, eine höchste illegale, korrupte und gefährliche Handlungsweise. Denn dadurch könnten nicht nur Beweisstücke vor Gericht für ungültig erklärt, sondern auch Unschuldige gefährdet werden. Und wenn der Deal rauskommt, könnte es so aussehen, als führte der Bürgermeister einen privaten Rachefeldzug – ein gefundenes Fressen für seine Gegner und die Medienhaie.

Destiny Pierson und Ophelia (welch ein passender Name, denken alle) Ripetti sind aber nicht die ersten Opfer des Zementeimer-Killers, es gab schon drei ähnliche Fälle davor. Evelyn und Milaski sind durch durch die Folgen, die das Verschwinden der Frauen für ihre Angehörigen hatte, erschüttert und arbeiten enger zusammen, ja sogar parallel zueinander. Die politischen Implikationen des Falles interessieren sie weniger, aber der Kontakt zum Bürgermeister rückt Evelyn ins Zwielicht. Kann ihr die Polizei noch vertrauen?

Eine brisante Zuspitzung erfahren die Ereignisse, als erst Evelyns Tochter Angel aus der Obhut ihres Vaters verschwindet und wenig später Evelyn selbst wie vom Erdboden verschluckt ist. Wird sie das nächste Opfer, dessen Füße man in einem Zementeimer unter einer Brücke findet?

_Mein Eindruck_

Obwohl es wegen der bizarren Tötungsmethode zunächst nicht so aussieht, ist doch „Mit dem letzten Atemzug“ ein außergewöhnlich realistisch erzählter Thriller. Der Realismus betrifft sowohl die an Patricia Cornwell, Tess Gerritsen und Kathy Reichs erinnernden Ermittlungsmethoden als auch die Darstellung des Privatlebens und der persönlichen Erlebnisse der Ermittler. Dabei steht das Paar Evelyn James und David Milaski im Mittelpunkt des Interesses. Beide stehen mit dem Rücken zur Wand, was ihren beruflichen Erfolg betrifft: Wenn sie den Fall nicht lösen, sind sie beide erledigt.

|Die unscheinbare Spur|

Das ist der Grund, warum Evelyn ein erhebliches Risiko eingeht, als sie sich auf eine Spur setzt, die von den anderen Ermittlern bislang ignoriert wurde. Es ist eine Faser. Eine ganz gewöhnliche Faser aus einer synthetisch hergestellten Tischdecke, wie Caterer sie bei Empfängen verwenden würden. Damit könnte man zum Beispiel einen Kofferraum auskleiden, in dem ein Mordopfer transportiert wird. Die Faser fand sich an den Kleidern eines der beiden Opfer.

Als David Milaski, von Evelyn darüber unterrichtet, genau solch eine Tischdecke bei einem Krankenpfleger vorfindet, der sowohl beide Mordopfer betreut als auch Evelyns Tochter Anngel nach ihrer Blinddarmoperation gepflegt hatte, schrillen bei ihm sozusagen sämtliche Alarmglocken. Ist dieser Mann das lange gesuchte Bindeglied zwischen den Opfern, die einander ja nicht gekannt hatten?

|Ein Frage des Vertrauens|

Obwohl der unverheiratete Milaski die alleinstehende Evelyn sehr attraktiv findet, fällt es ihm doch zunehmend schwerer, ihr im Beruf Vertrauen entgegenzubringen. Sie trifft den Bürgermeister und telefoniert mit ihm, teilt ihm dabei möglicherweise Ermittlungsergebnisse mit, die dann vor Gericht nicht standhalten. Was natürlich die Arbeit der Kriminalinspektoren völlig zunichte machen würde und sie wie die letzten Deppen aussehen ließe. Bloß gut, dass Evelyn nicht bei den Cops ist, sondern an einem städtischen Institut arbeitet. Andererseits wird schon kräftig an ihrem Stuhl gesägt. Ihre Position ist nicht die stabilste.

|Die politische Ebene|

Neben der privaten und beruflichen Ebene beleuchtet die Autorin auch noch die politische Dimension des Falles. Da klüngelt doch tatsächlich der Bürgermeister aus Eigeninteresse, nämlich besagten Rachegelüsten, mit dem Boss der hiesigen Mafia! Eine Hand wäscht die andere, wie es so schön heißt. Beschaffst du mir den Mörder, sorge ich dafür, dass du bei der Ausschreibung den Auftrag für den Neubau des Gerichtsmedizinischen Instituts (Evelyns Arbeitsstätte) bekommst – alles geritzt?

Die Autorin arbeitet inzwischen nicht mehr in Cleveland, sondern in Florida. Wer weiß, wen sie dort aufs Korn nimmt? Falls sie es sich beruflich leisten kann und niemand an ihrem eigenen Stuhl sägt.

|Der Erzählstil|

Sollte nun der Eindruck entstanden sein, der Erzählstil sei ebenfalls von kühlem Realismus angekränkelt, könnte vielleicht (hoffentlich) eine Textprobe vom Gegenteil überzeugen:

[Das Opfer wird lebend in den Fluss geworfen.] „Die Kälte fuhr ihr wie ein Messer durch den Leib. Mit aller Kraft widerstand sie dem fast überwältigenden Drang, nach Luft zu schnappen. Die Ketten über ihren Schultern, fest im Zementeimer verankert, zerrten sie auf den Grund des Flusses. Sie öffnete die Augen und sah nur schwarzes Nichts. Eine kalte, krallende Vorhölle. Ihre Lungen drohten zu platzen. Wasser drang in ihre Nase. Und sie dachte verzweifelt: Ich schaffe es nicht.“ (Man beachte die dramatisch kurzen Sätze, die für ein Drehbuch wie geschaffen sind.)

Das Finale ist dementsprechend höchst spannend, und die Rettung kommt in allerletzter Sekunde. So gehört sich das.

|Die Übersetzung|

Da kann ich eigentlich nicht meckern. Hier wurde saubere Arbeit geleistet. Aber auf den Seiten 149 und 150 fragte ich mich dann doch, warum „Slip“ auf einmal einen weiblichen Artikel (die) haben sollte, wenn in Deutschland alle Frauen „der Slip“ sagen.

Einen eindeutigen Fehler der Autorin findet man auf Seite 165. Was stimmt an folgendem Satz nicht? „Evelyn setzte sich vor den Computer und rief das Suchprogramm auf. Zwar arbeitete der alte Prozessor mit Höchstgeschwindigkeit, doch er rumpelte und knirschte, als wären Nägel in einen Reißwolf geraten.“ Da rollen sich dem PC-Fachman die Zehennägel auf, nicht wahr? Denn nicht der Hauptprozessor rumpelt, sondern die Festplatte (genauer: deren Schreib-/Lesekopf), und das auch nur bei sehr alten Modellen.

_Unterm Strich_

„Mit dem letzten letzten Atemzug“ ist handwerklich gut gemacht, spannend, realistisch und anschaulich erzählt und ragt damit ein wenig über die Massenware an Krimis und Thrillern hinaus.

Mit Evelyn James ist der Autorin eine glaubwürdige Hauptfigur gelungen, die allen alleinerziehenden Frauen sehr vertraut vorkommen dürfte. Hier herrscht kein Heile-Welt-Schema vor – jetzt dürfen auch Frauen mal kaputt, müde, genervt und unorganisiert sein. Dass auch Evelyn in die Schusslinie gerät, liegt in der Natur ihres Ermittlerjobs. Und dass sie von einem Mann gerettet werden muss, tja, wen freut das wohl am meisten?

Als Mann ist mir aber aufgefallen, dass die Figur des David Milaski weniger eingehend geschildert wird und daher blasser und weniger plausibel wirkt. Da muss die Autorin in ihren Charakterisierungen noch ein wenig üben. Nach diesem guten Start wird sie sicher bald das nächste Buch mit Evelyn James in der Hauptrolle verkaufen können.

|Orignaltitel: Trace Evidence, 2005
Aus dem US-Englischen übersetzt von Ingeborg Ebel|

Woodall, Clive – Vogelherz

_Kampf um Vogelland_

Das Böse ist lautlos und kommt scheinbar aus dem Nichts. Es ist schwarz, verschlagen und schattengleich: Es sind Elstern, treue Diener ihres Führers Slyekin, der ganz Vogelland mit Tod und Verderben überziehen lässt. Die Singvögel sind fast vollständig ausgerottet, die Elstern beherrschen den Himmel über den Menschenstädten. Sie haben unter anderem dem Rotkehlchen Kirrick alles genommen, was es auf der Welt liebte. Doch es nimmt den aussichtslos erscheinenden Kampf auf, Vogelland vor dem völligen Untergang zu bewahren. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Der aus West-Irland stammende Autor Clive Woodall ist allein erziehender Vater und arbeitet als Supermarktangestellter irgendwo in der englischen Grafschaft Hertfordshire. „Vogelherz“ begann als Geschichte, die er abends seinen Söhnen erzählte. Zahlreiche englischen Verlage lehnten das Manuskript ab, bevor es zufällig in die Hände des Produzenten Frank Roddam gelangte. Der war so begeistert, dass er für „Vogelherz“ einen eigenen Verlag gründete und noch vor Erscheinen des Romans die Filmrechte in einem Millionen-Deal an Disney verkaufte. „Vogelherz“ erscheint in 20 Ländern. Der Autor arbeitet vorerst immer noch im Supermarkt, aber nur noch halbtags.

_Handlung_

Das Rotkehlchen Kirrick versteckt sich in einem Gebüsch und beobachtet wachsam den Himmel. Die Jäger sind ihm bereits dicht auf den Fersen: zwei Elstern, die mit ihrem schwarzen Schnabel tödliche Hiebe ausführen können. Von einem kleinen zarten Rotkehlchen würden sie nichts übrig lassen.

Kirrick ist, soweit er weiß, das letzte Rotkehlchen in ganz Vogelland. Seine Familie wurde von den Elstern ebenso ermordet wie fast alle anderen Singvögel. Die Elstern breiten sich und ihre finstere Macht immer mehr aus, spannen alle anderen Rabenvögel für ihre Zwecke ein, bis auch Amseln, Drosseln und selbst die verbreiteten Spatzen vertrieben oder ermordet sind. Den Menschen ist das gleichgültig, vielmehr sind Vögel für sie nur lästige Räuber, die ihnen das Saatgut aus der Ackerscholle stehlen.

Da Kirrick nichts mehr zu verlieren hat, beschließt er mit dem Mut der Verzweiflung, etwas gegen das Töten zu unternehmen. Sobald er den beiden Elstern um Haaresbreite entkommen ist, trifft er eine nette Haubentaucherin, die ihm vom Großen Rat der Vögel erzählt und ihm sagt, wo der Ratsälteste zu finden ist. Dieser weisen Eule namens Tomar klagt er sein Leid und kann ihn zum Verbündeten gewinnen.

|Die Mission|

Tomar schickt ihn auf eine scheinbar unmöglich zu erfüllende Mission. Auf drei schier endlosen Reisen muss Kirrick die Unterstützung der Falken, der Milane, der Adler des Nordens und der Seemöwen der Steilküste gewinnen. Doch wider Erwarten gewinnt Kirrick nicht nur deren Unterstützung, sondern auch die Liebe eines Rotkehlchenweibchens namens Portia, das ebenfalls schon dachte, das letzte Rotkehlchen auf der ganzen Welt zu sein.

|Die Jäger|

Dass die beiden ausgesandten Jäger nicht Kirrick, sondern ein Karnickel getötet haben, merkt aber ihr Hauptmann Traska nur zu schnell. Er lässt die beiden Unfähigen kurzerhand liquidieren. Alles andere hätte seine Autorität untergraben. Allerdings muss er sich nun selbst zum Rapport bei seinem Oberbefehlshaber begeben. Slyekin ist seinem Ziel, ganz Vogelland zu beherrschen, ein großes Stück nähergekommen. Er hat alle Elsternstämme unter sich vereint und die anderen Rabenvögel zur Hilfeleistung verpflichtet. Die Singvögel sind praktisch ausgerottet, und während sich die Falken und Milane heraushalten, leisten nur die Adler des Nordens Widerstand. Aber das kann Slykin im Grunde schnuppe sein, denn die Adler sind viel zu wenige, um zu zählen.

Worauf es Slyekin wirklich ankommt, ist der Ältestenrat von Vogelland. Durch List, Tücke und brutale Gewalt lässt er ein Mitglied nach dem anderen entführen und in sein Hauptquartier schaffen. Sie sollen ihm alle am Tag des großen Festes, wenn er sich zum König von Vogelland krönen lässt, seine Zehen küssen!

Traska putzt er erst gehörig herunter, dann schickt er ihn auf zwei Geheimmissionen: 1) Kirrick muss gefunden und getötet werden, und 2) soll Traska den Ratsältesten Tomar festnehmen und herschaffen. Denn Slyekin war einst selbst ein Adept des Rates und kennt alle seine Geheimnisse. Wie wunderbar, dass er schon bald an den früheren hochnäsigen Lehrmeistern seine Rache vollziehen kann!

|Wunder dringend gesucht|

Während Traska von der armen Haubentaucherin, die Kirrick half, kaum etwas übrig lässt und eine andere Elster brutal vergewaltigt, um Kirricks Spur folgen zu können, scheint eben dieses Rotkehlchen an der Aufgabe, die Tomar ihm gestellt hat, zu scheitern: Die Falken und Milane wollen nichts von ihm wissen, und die Möwen stehen nur auf Fische.

_Mein Eindruck_

Der Roman besteht aus zwei Teilen. Meine Inhaltsangabe betrifft also gerade mal das erste Drittel der ersten Hälfte des Buches. Der erste Teil ist wirklich ein fetziger Thriller, der es mit „Unten am Fluss“ von Richard Adams locker aufnehmen kann. Die Story folgt einem klassischen Muster und strebt einem geschickt vorbereiteten Finale zu: der Schlacht um Vogelland. Man kann sie sich wie die „Schlacht der Fünf Armeen“ in Tolkiens „Hobbit“ vorstellen. Hier enden aber schon die Parallelen, denn Bilbo Beutlin ist mit einer ganzen Schar Gefährten unterwegs, doch Kirrick, der Held, hat nur Portia und ein paar Ratgeber – das war’s.

|Zweiter Teil|

Der zweite Teil des Buch bildet die Fortsetzung, die sich in zwei oder sogar drei Handlungsstränge gabelt. Als Traska seinerzeit eine unschuldige Elster vergewaltigte, zeugte er einen Sohn, den seine Mutter zu ihrer Rache benutzte: Venga (von „revenge“, Rache). Während Traska eine zweite Schreckensherrschaft errichtet, sucht Venga nach ihm. Unterdessen versuchen Portia und ein Gefährte im Land jenseits des Meeres nach Vögeln, die das von allen Singvögeln leer gefegte Vogelland wieder besuchen und besiedeln sollen. Was aus Kirrick geworden ist, soll hier nicht verraten werden, um die Spannung nicht zu zerstören.

|Englische Tierabenteuer|

Der erste Teil hat mir ausnehmend gut gefallen, denn Tierabenteuer können die naturverbundenen Engländer ausgezeichnet erzählen, sei es nun Richard Adams, Garry Kilworth – oder eben ein Supermarktverkäufer. Wie der Autor ausgerechnet auf Elstern als die neuen Nazis gekommen ist, bleibt sein Geheimnis, aber wenn man sich in unserer Natur ein wenig umschaut, ist auffällig, dass vor allem Krähen und Elstern unterwegs sind, darüber schwebt dann vielleicht noch ein Mäusebussard. Elstern sind im Unterschied zu Krähen ziemlich vorwitzige Vögel, die auch nicht vor einem Besuch im Vorgarten zurückschrecken. Die „diebische Elster“ ist nicht umsonst eine stehende Redewendung. Dass das Gehirn von Vögeln viel leistungsfähiger ist als man bisher annahm, hat sich erst vor kurzem herausgestellt.

|Der letzte Mohikaner|

Dass ein Einzelner gegen den Tyrannen antritt, ist ja nun nicht gerade die allerneueste Geschichte. Aber dass dieser letzte Mohikaner auf die Unterstützung von Bundesgenossen hoffen kann, ist offenbar keineswegs selbstverständlich. (Hier könnte man müßige politische Parallelen ziehen, aber das überlasse ich kompetenteren Leuten, die spekulieren wollen.)

„One for sorrow, two for joy“, heißt der Originaltitel. Um wirklich Auftrieb zu erhalten, ist die Liebe erforderlich. Portia ist Kirrick anfangs nur eine hilfreiche Gefährtin, doch daraus wird durch die gemeinsam überstandenen Gefahren mehr. Sie wird seine Frau und später Mutter von Kirricks Kindern, die nach seinem Tod den Kampf um Vogelland fortführt.

|Design|

Die duale Einheit aus Frau und Mann, aus Kämpfer und Gefährte wird im Buch-Design wiederholt und bekräftigt. Auf dem Cover und dem eingelegten Lesezeichen sind auf der Vorderseite jeweils ein schwarzer Flügel und auf der Rückseite ein weißer Flügel abgebildet – das erinnert an die Farben der Elster. Auf der Umschlagrückseite sind die zwei Flügel zusammengesetzt zu sehen: Erst jetzt kann das Paar einen Vogel durch die Luft tragen. Mich erinnert dieses Schwarzweiß-Design an das chinesische Yin-Yang-Symbol, das unter anderem auch die Einheit des Männlichen und Weiblichen symbolisiert.

|Schwächen|

Dass das Buchmanuskript von allen Verlagen abgelehnt wurde, liegt höchstwahrscheinlich an den ein oder zwei Vergewaltigungsszenen. So etwas möchte man den Kids offenbar nicht zumuten. Diese Haltung befindet sich im Widerspruch zur englischen Realität, in der auch junge Mädchen (und Jungs) zu Opfer von Vergewaltigung und Schlimmerem werden. Allerdings kann man sich solche brutalen Akte in einem Harry-Potter-Roman nicht vorstellen. Deshalb gehen die Verlage lieber auf Nummer Sicher, um sich den Erfolg nicht zu verbauen. Ob der familienbewusste Filmkonzern Disney eine Vergewaltigung im geplanten Filmprojekt zu zeigen wagt, möchte ich doch stark bezweifeln.

Zur Übersetzung brauche ich nicht viel zu sagen, denn sie schlichtweg makellos. Über den einen oder anderen Druckfehler kann man getrost hinwegsehen.

_Unterm Strich_

Das Tierabenteuer „Vogelherz“ eignet sich meiner Meinung nach erst ab 15 Jahren, denn all die Grausamkeiten, die hier von den brutalen Elstern begangen werden, würde ich nie einem jüngeren Kind zumuten wollen. Aber Kinder ab diesem Alter dürften sich vor allem auf die spannenden Abenteuer Kirricks und seiner Gefährtin Portia konzentrieren und sich damit bestens unterhalten fühlen. Der zweite Teil fällt ein wenig dagegen ab und ist mit seiner komplizierteren Struktur etwas anspruchsvoller. Aber ich hatte nicht das Gefühl, meine Zeit zu verschwenden, indem ich das Buch las. Es ist halt immer schön, wenn Tyrannen verlieren und untergehen – gerade dann, wenn sie sich auf dem Höhepunkt ihrer Macht wähnen. Sauron und Gandalf lassen schön grüßen.

|Originaltitel: One for sorrow, two for joy, 2002
Aus dem Englischen übersetzt von Anja Schünemann|

Astin, Sean / Layden, Joe – There and back again

Der Darsteller des Samweis Gamdschie in Peter Jacksons modernem Filmklassiker „Der Herr der Ringe“ erzählt von seinen Erlebnissen und Gedanken vor, während und nach den Dreharbeiten, für die er rund zwei Jahre in Neuseeland verbrachte.

_Der Autor_

Sean Astin, geboren Anfang der 70er Jahre, stand schon mit acht Jahren vor der Kamera eines TV-Studios in Hollywood und spielte eine Rolle neben seiner Mutter. Auch sein Vater John Astin ist ein (in den USA) bekannter Schauspieler. Aufgrund dieses Hintergrunds gewöhnte sich Sean schon früh und ganz selbstverständlich an den Besuch von zahlreichen Filmgrößen in seinem Elternhaus. Daher war es für ihn keine Frage, dass er bald ebenfalls im Geschäft sein würde und fing alsbald an, zu fotografieren oder einen Amateurfilm zu drehen. Los Angeles und Hollywood boten das richtige Klima dafür.

Dabei blieb es nicht, denn – egal, ob aus Ehrgeiz oder wegen familiären Gruppendrucks – er spielte nicht nur Rollen als Schauspieler (als Kinderstar in „Die Goonies“, ein Spielberg-Film!), sondern arbeitete an Drehbüchern (Warren Beatty) mit und begann, seine eigene Produktionsfirma Lava Films aufzubauen. Für den Film „Rudy“ erhielt er sogar eine OSCAR-Nominierung. Und er fragte sich, warum er für die Rolle des Sam Gamdschie nicht auch eine bekommen sollte – oder gar die begehrte Trophäe selbst? Astin ist mit Christine verheiratet und hat zwei süße Töchter, Alexandra (Ali) und Elizabeth.

Diesen Background sollte man beachten, wenn man seine Biografie liest. Denn genau das ist das Buch und nicht etwa ein weiteres Making-of von „Der Herr der Ringe“.

Joe Layden, laut Verlag ein „preisgekrönter Journalist“, hat über 30 Bücher verfasst, u. a. „The Rock Says“ (gemeinsam mit dem Wrestler und Schauspieler Dwayne ‚The Rock‘ Johnson), das angeblich fünf Monate lang auf der Bestsellerliste der „New York Times“ stand.

_Inhalt_

Am Anfang hofft der Leser noch, dass der Autor schnell zur Sache kommen wird: nämlich auf seine Mitarbeit an „Herr der Ringe“. Falsch gedacht. Wenige Seiten später sieht man sich schon tief in die biografischen Details verwickelt, die der Autor chronologisch ausbreitet. Dann hofft man, dass dieser „Exkurs“ in die Biografie bald vorüber sein möge – vergebliche Hoffnung. Dieser Exkurs dauert etwa 70 Seiten, bis erstmals das H-Wort fällt: „Herr der Ringe“. Peinlich: Astin hatte noch nie etwas davon gehört, geschweige denn eine Zeile davon gelesen. Selbst den „Kleinen Hobbit“ verwechselt er mit etwas anderem. Aber Hauptsache, seine Agentin glaubt, dass er für Jacksons Mammutprojekt Feuer und Flamme ist.

Erst um die Seite 120 herum, also nach dem ersten Drittel, geht das HdR-Projekt einigermaßen los. Astin hat zweimaliges Vorsprechen hinter sich, doch weil er so rank und schlank ist, zweifelt Jackson, ob Astin einen dicken Sam spielen könne. Flugs werden einige Archivaufnahmen eines übergewichtigen Sean Astin hervorgekramt und mit flehendem Brief nach Neuseeland geschickt. Es klappt, und Astin kriegt einen ellenlangen Vertrag, der ihn zu hundertprozentiger Anwesenheit für 18 Monate verpflichtet – dieser Film sollte besser wirklich gut werden, sonst kann er seine Karriere abschreiben. Danach folgen seltsame Drehbücher mit dem ulkigen Titel „Jamboree“. Auch dies dient der Geheimhaltung des Projekts und dem Schutz des geistigen Eigentums von |New Line Cinema|. Astin entsagt allem gewerkschaftlichen Schutz, der in L. A. die Projekte so unglaublich verteuert – sonst hätte das HdR-Projekt das Dreifache gekostet.

Neuseeland – Astin kommt mit Frau Christine und Tochter Ali an und wird erstmal in sein bescheidenes Quartier gesteckt. Auch die Studios sind nicht sonderlich glamourös: eine ehemalige Farbfabrik im Industrieviertel von Wellington. Von Containern können die Darsteller bald in Wohnwagen umziehen, immerhin. Viel wichtiger sind aber die Leute, mit denen Astin zusammenkommt, allen voran Peter Jackson und den beiden Drehbuchautorinnen Fran Walsh und Philippa Boyens. Am besten kommt Astin mit Elijah Wood zurecht, den er schon L. A. beim Perückenmacher getroffen hatte. Die enge Frendschaft kommt auch im Film „Die Rückkehr des Königs“ gut zur Geltung.

Schon bald hat Astin aber ein massives Problem: Er ist unterbeschäftigt. Und das, obwohl er schon morgens um 4:30 Uhr aufstehen muss, um sich dann drei Stunden lang Ohren und Füße anpassen zu lassen. Und das, während seine Produktionsfirma brach liegt und die Hypotheken für sein neu gekauftes Haus fällig werden. Dieser Zwiespalt zwischen unterfordertem Schauspieler und nicht realisiertem Regisseur/Produzenten zieht sich durch das gesamte mittlere Drittel des Buches – eine unangenehme Quelle des Frustes für Astin wie auch für den Leser, der etwas anderes erwartet hat.

Das letzte Drittel befasst sich in erster Linie mit den Folgen des Films und seines anschließenden Megaerfolgs auf Astin, seine Umgebung und die (Medien-)Welt im Allgemeinen. Astin nennt auch nicht so angenehme Folgen, wie etwa die massive Beschneidung seiner Privatsphäre überall dort, wo er hinkommt. Wer aber erwartet hat, dass er auch sagt, wie viel der dritte Film eingenommen hat, sieht sich enttäuscht. Auch das ist geheim, Leute. Aber man kann sich an fünf Fingern ausrechnen, dass New Line Cinema für jeden Dollar, den es in das Projekt gesteckt hat, mindestens zehn Dollar wieder herausbekommen hat – wahrscheinlich sogar viel mehr, wenn man die DVDs dazurechnet. Von seiner Prämie, so rutscht es Astin einmal in einer Talkshow heraus, könnte er sich ein weiteres Haus kaufen …

Das Buch wurde im Frühjahr 2004 abgeschlossen, das heißt, dass die DVD sowie die Special Extended DVD zum dritten Film noch in die Video-Läden kommen mussten. Aber die Oscar-Nacht am 29. Februar 2004, in der „Die Rückkehr des Königs“ elf Trophäen abräumte – u. a. für das beste „Ensemble“ -, wird noch ausgiebig berücksichtigt. Astin selbst ging leer aus, aber hey, das ist ein Ensemble-Film, nicht wahr? Das sieht er auch so.

_Die Fotos_

… sind vielleicht das Beste am ganzen Buch. Auf acht Seiten findet der Leser hier eine ganze Menge Vierfarbfotos von den Dreharbeiten. Natürlich ist meist der Autor mit seiner Familie zu sehen, aber oft auch die anderen Hobbits und einmal sogar Ian McKellen im Tattoo-Studio, über das sich Astin des Langen und Breiten auslässt.

_Mein Eindruck_

„There and back again“ – der Titel ist dem Untertitel von Tolkiens Kinderbuch „Der Hobbit“ entnommen und assoziiert dementsprechend ein Bild von einem Hobbit, der sich aufmacht, einen Auftrag auszuführen (Bilbo als Meisterdieb, Astin als Darsteller des Samweis), aber alsbald in abenteuerliche Turbulenzen gerät und froh sein kann, wieder lebendig nach Hause zu gelangen. Wenn man dem Autor glauben will, so hatte er wirklich eine harte Zeit bei den Kiwis. Böse Zungen wären allerdings froh, wenn er dort am Rande der Welt geblieben wäre.

Das Buch hinterlässt einen zwiespältigen Einerseits-andererseits-Eindruck.

Einerseits wird schnell deutlich, dass Astin ein Profi im Geschäft ist, der sich gegen die Konkurrenz ständig durchsetzen muss. Am Set der Dreharbeiten darf er jedoch nur Schauspieler sein, sonst nichts. Immerhin verhilft ihm sein Background dazu, die Dreharbeiten um einiges kritischer zu betrachten und realistischer zu beurteilen, als es die von |New Line Cinema| lizenzierte Literatur bislang zugelassen hat. Die Bücher von Jude Fisher, Brian Sibley und selbst jenes lustige von Andy „Gollum“ Serkis sind allesamt durch die Zensur des Studios gegangen und entsprechend euphorisch über das Produkt und seine Entstehung.

Astins Buch bedeutet das Ende der Schonzeit und räumt mit manchen euphemistisch dargestellten Details auf. So etwa war der Aufenthalt bei den Kiwis zwar schon auch anregend, aber keineswegs die Sensation, sondern vielmehr auch eine Plackerei – und eine gefährliche obendrein. Der Autor setzt mit Fug und Recht voraus, dass der Leser, also ein Fan des Films, eh schon die Dokumentationen auf den drei Special Extended Editions der DVDs kennt. Von daher ist bekannt, dass Astin ein vorsichtiger Zeitgenosse ist, der sich der Gefahren, die am Set lauern, bewusst ist. Oft als überängstliches Dickerchen belächelt, wurde er jedoch selbst Opfer eines Arbeitsunfalls.

Als Sam am Schluss des ersten Films Frodo in den See am Wasserfall folgt, passierte es Astin beim ersten Take, dass er in eine Scherbe oder einen Ast trat (er weiß bis heute nicht, was das war), dieses Ding seinen Fuß mitsamt Prothese durchbohrte und er wie ein Schwein blutete. Ein Heli brachte ihn ins Krankenhaus. Elijah Wood passierte hingegen nie etwas, obwohl er offenbar der Übermütigste von allen Darstellern war.

Breiten Raum nehmen Astins Beschreibungen der wichtigsten Darsteller sowie des Regisseurs ein. Das ist vielleicht mit der interessanteste Teil, denn auch hier werden dem Leser einige Illusionen über den guten Charakter verschiedener Schauspieler genommen. Darunter sind durchaus Berühmtheiten wie etwa Ian Holm, der andere Ian, nämlich McKellen, John „Sallah“ Rhys-Davies, Bernard Hill, Viggo Mortensen usw. Der Einzige, der überhaupt nicht erwähnt wird, ist Hugo Weaving, obwohl Elrond ja die Ratssitzung leitet, die den Dreh- und Angelpunkt des ersten Films bildet. Dafür schildert Astin genau die großen Probleme, die Jackson & Co. bei dieser Szene bewältigen mussten.

Die Bemerkungen dazu verraten einen Mann vom Fach, der Ahnung von so etwas hat, und sich durchaus eine Beurteilung von Jacksons Arbeit daran erlauben kann. Diese Freiheit hat sich zuvor niemand herausgenommen. Astins Kurzfilm „The Long and the Short of It“ dient als Beleg für seine Fähigkeiten: Jackson, Kameramann Lesnie, Serkis wirkten daran mit – keine schlechte Referenz.

|Andererseits|

Leider gibt es eine ganze Menge „andererseits“-Punkte, und ich weiß kaum, wo anfangen. Astin mag zwar ein Profi sein, aber das Bild, das er vor uns – vielleicht in selbstironischer Absicht – von sich entstehen lässt, ist das des Gegenteils. Astin zeigt sich dermaßen als rühmsüchtiger, aber verunsicherter und allzuoft mit psychologischer Blindheit geschlagener Underdog, der unbedingt nach oben will, dass man häufig nur den Kopf schütteln kann.

Ich habe mich am Schluss gewundert, dass Astin so viele Fehler zugibt, mit denen er Menschen verletzt und vor den Kopf gestoßen hat. Und dazu zählt nicht nur so mancher Kollege (der ihm gleich Bescheid gestoßen hat), sondern auch seine eigene Frau und sogar „die Hand, die ihn gefüttert hat“, nämlich Peter Jackson. Wie er das gemacht hat, werde ich nicht aufzählen – die Liste ist schier endlos. Aber er hat sich immer entschuldigt, was man ihm hoch anrechnen muss. Und am Ende einer monatelangen Promotion-Tour durch amerikanische TV-Sender kann einem schon mal eine Bemerkung rausrutschen, für die man sich später, wieder halbwegs bei Bewusstsein, gewaltig in den Hintern treten würde. Hat er dann ja auch getan.

Was aber für den Leser unverzeihlich ist, ist erstens die ständige Lobhudelei, die er für andere Kollegen vom Fach äußert, sei es Spielberg, sei es Jackson, seien es liebe Schauspielkollegen wie Dominic „Merry“ Monaghan oder Billy „Pippin“ Boyd. Astin wirft mit so vielen Superlativen um sich, dass diese Münze schon bald ihres Glanzes beraubt ist: unglaublich, enorm, absolut, fabelhaft und ähnliche Hülsen lassen den Autor schon bald unglaubwürdig klingen.

Und zweitens wirkt dieses Austeilen von Lob so, als habe er es nötig und erniedrige sich dafür. Die anbetende Demutshaltung wird nirgends so deutlich wie beim Besuch von Sir Edmund Hillary, dem Erstbesteiger des Mount Everest und einem würdigen Ritter des Königlichen Hosenbandordens (dem weltweit nur 20 Personen angehören dürfen, plus der Queen natürlich). Die DVD-Doku dazu spricht Bände, deshalb brauche ich das hier nicht zu vertiefen. Hier ist die Verehrung vielleicht angebracht, doch der Ton macht die Musik, und der ist definitiv nicht angebracht. So manches Mal wünschte ich mir, ein souveräner Autor mit 20 Jahren mehr Lebenserfahrung hätte als Erzähler fungiert.

Im ersten Drittel habe ich mich regelrecht aufs Kreuz gelegt gefühlt. Es ist zwar legitim, dass ein Schauspieler von seiner bisherigen Laufbahn erzählt, aber nicht so hinterrücks, als habe er es nötig, seine Ego einzuschmuggeln, wenn der Leser doch gespannt auf die heißen Gerüchte und Storys vom Dreh des Megafilms „Herr der Ringe“ wartet. Ich habe frustriert die meisten Seiten überschlagen, bis ich endlich auf das ersehnte Stichwort stieß. Auch dann dauert es noch eine Weile, bis es endlich losgeht in Neuseeland. Es ist schon ein Kreuz. Aussagekräftige Kapitelüberschriften wären eine große Hilfe gewesen. Doch es wird einfach durchgezählt, von eins bis 19 plus einem Epilog.

_Die Übersetzung_

Meine Zweifel an der Qualität der Übersetzung begannen bereits auf Seite 9 zu keimen, als die Rede von einem Vietnam-Veteranen ist, der von „Südwestasien“ erzählt. Wo, bitte schön, soll denn „Südwestasien“ liegen? Gemeint ist natürlich SüdOSTasien, und das passt dann auch zu Vietnam.

Auf den Seiten 94 und 95 soll Sam für die Rolle eines Hobbits einen Akzent aus Merry Old England erlernen – nicht ganz einfach für jemanden, der immer nur Westküstenamerikanisch gesprochen hat. Für mich als Sprachwissenschaftler stellte sich die Frage: Erlernt Astin einen Akzent oder einen Dialekt? Für Nichtlinguisten grenzt die Frage wahrscheinlich an Haarspalterei, aber für Linguisten besteht doch ein Unterschied zwischen Kategorien. Jedenfalls werden diese Kategorien nicht ganz sauber gehandhabt. Ich will das aber nicht weiter vertiefen, sonst müsste ich hier eine Abhandlung schreiben.

Echt schräg fand ich hingegen die Vorstellung, das Landei Sam Gamdschie solle einen Dialekt sprechen, der aus der Großstadt London kommt und nur in der Arbeiterklasse gesprochen wird: Cockney. Gottseidank wurde dieser Plan fallen gelassen. Nun spricht Sam Englisch aus der ländlichen Grafschaft Gloucestershire – sehr passend.

„Edgar Allan Poe“ wurde natürlich falsch geschrieben: Allen statt Allan (S.140). Dieser Fehler ist weit verbreitet, weil man den Mittelnamen für einen Vor- statt einen Nachnamen hält. Etwas erstaunlicher ist schon die Schreibweise der weltbekannten Kostümbildnerin des „Herrn der Ringe“-Projekts: Sie soll auf einmal Ngila „Dixon“ statt „Dickson“ heißen (S. 148). Die rumänische Landschaft „Wallachei“ (S.181) hat ihren Namen nicht von einem kastrierten Hengst, so viel sollte klar sein.

Dass auch die Korrektoren nach 200 Seiten schlapp machten, scheint mir dieser Satz auf Seite 207 zu belegen: „Das war stand nie außer Frage.“ Ein ähnlicher Fall findet sich auf Seite 224: „…, und im Endeffekt sie wurde verworfen.“

Dass man zwischen Komponisten und Composern (S. 217) den Unterschied wissen und kenntlich machen sollte, ist eigentlich selbstverständlich, aber die Übersetzung schmeißt sie auf Seite 217 durcheinander. Da werden Composer zu Komponisten gemacht, und der Leser fragt sich, was Cutter mit Komponisten gemein haben. (Composer arbeiten am digitalen Bild, so etwa bei CGI und Animationen.)

Wahrscheinlich wollte ich danach nur noch die Ziellinie erreichen, denn ich habe keine weiteren Bugs mehr vermerkt. Die Liste ist ja eh schon lang genug, oder?

_Unterm Strich_

Das Buch eignet sich ausschließlich für Fans der drei „Herr der Ringe“-Filme und vielleicht des Regisseurs und des Autors. Sie erfahren mehr über die genannten Dinge und Personen sowie etliche Details, die über die Kollegen Astins so konzentriert noch nicht verlautbart wurden, sondern allenfalls verstreut in Internetforen, TV-Sendungen, Dokus, Interviews und Magazinartikeln zu finden waren.

Auf geschwätzige und lobhudelnde Weise lässt sich Astin vor allem ständig über sich selbst aus, statt sich auf seine Umgebung zu konzentrieren und dahinter zurückzutreten. So aber betrachten wir alles durch seinen Blickwinkel, seine Brille, und fragen uns, ob das die Wahrheit ist. Und es ist nicht einmal eine interessante Art von Wahrheit (die vielleicht nur eine Chimäre ist), sondern eine bis zum letzten Tropfen ausgepresste Art von Wirklichkeit aus subjektiven Erlebnissen. „An Actor’s Tale“ fürwahr! Ein Garn, von dem gut und gerne ein Drittel verzichtbar ist.

Das Buch selbst bietet kein Stichwortverzeichnis, keine Inhaltsangabe (da die Kapitel keine Überschriften tragen), nicht einmal einen Teil der Besetzungsliste und des Mitarbeiterstabs an dem HdR-Projekt. (Dann wäre man vielleicht darauf gekommen, dass es keine „Ngila Dixon“ gibt, sondern nur eine „Ngila Dickson“.) Ein Trostpflaster bildet der achtseitige Fototeil in der Mitte des Buches, der wirklich schöne und persönliche Aufnahmen zeigt: einen dünnen Sean Astin und einen Elijah Wood mit Brille. Aber wieso weist das Treppenhaus von Barrie Osborne, dem Produzenten, eine Feuerwehrstange auf?

|Originaltitel: There and back again – An Actor’s Tale, 2004, St. Martin’s Press, New York City|
Aus dem US-Englischen übersetzt von Anne Litvin|

Patterson, James – Vor aller Augen

Moderner Sklavenhandel in den respektabelsten Kreisen der US-Gesellschaft? Der „russische Wolf“ macht es möglich in Pattersons neuestem Thriller mit dem frischgebackenen FBI-Agenten Dr. Alex Cross.

„Vor aller Augen“ ist wesentlich spannender als etwa „Mauer des Schweigens“ und besticht durch seine gesellschaftliche Aktualität und Relevanz. Denkt man ein kleines Weilchen über die verschiedenen Ebenen des Buches nach, so läuft es einem kalt den Rücken hinunter. Denn Menschenhandel gibt es überall, nur wird er nicht so bezeichnet.

_Der Autor_

James Patterson, geboren 1949, ehemaliger Besitzer einer Werbeagentur, ist der Autor von fünfzehn Nummer-1-Bestsellern (inklusive diesem Buch). Allerdings sind es vor allem seine Alex-Cross-Thriller, die den Leser berühren. Folglich war Alex Cross bereits zweimal im Film zu sehen: „Im Netz der Spinne“ und „… denn zum Küssen sind sie da“ wurden beide erfolgreich mit Morgan Freeman in der Hauptrolle verfilmt. Für Einsteiger sei gesagt, dass Alex Cross ein sympathischer schwarzer Polizeipsychologe ist, der mit seiner Familie in Washington, D.C., lebt.

Patterson ist extrem fleißig. Sein letzter Solo-Roman hieß „The Lake House“, doch inzwischen wurde auch „Sam’s Letter to Jennifer“ veröffentlicht, das ähnlich aufgebaut ist wie der „tearjerker“ [„Briefe an Nicholas“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=428 Mittlerweile erschienen neue Alex-Cross-Romane mit den Titeln „The Big Bad Wolf / Vor aller Augen“ und „London Bridges“. Im Januar und Februar 2005 sind zwei weitere Patterson-Romane erschienen, darunter „Lifeguard“. Nähere Infos finden sich unter http://www.twbookmark.com und http://www.jamespatterson.com. Patterson lebt mit seiner Familie in Florida.

_Handlung_

Am Schluss von „Mauer des Schweigens („Four blind Mice“) hatte Alex Cross das Angebot angenommen, von der Washingtoner Polizei zum FBI im nahen Quantico überzuwechseln. Doch anders als Clarice Starling in „Das Schweigen der Lämmer“ sind die modernen FBI-Agenten vor allem Bürokraten und Computerjockeys, findet Cross, nachdem er seinen Einführungskurs besucht hat. Auch die Art und Weise, wie man „draußen im Feld“ bei Festnahmen vorgeht, findet er ziemlich befremdlich: Eine Menge Neulinge scheinen dabei eingesetzt zu werden – riskant.

Doch auch er selbst befindet sich in keiner beneidenswerten Position. Er ist der FNG: der Fucking New Guy, und obendrein auch noch das Schoßhündchen des neuen FBI-Direktors Burns, der Cross angeheuert hat. Schon bald macht sich Cross den Trainingsleiter Nooney zum Feind und sich selbst zum Opfer der Innenpolitik: Man übergeht ihn schlichtweg.

All diese Interna sind zwar Nebensache in der Erzählung, aber im Endeffekt nicht unwichtig in ihrer Auswirkung darauf, wie sich der neueste, schreckliche Fall entwickelt, nämlich ungünstig.

|Der Fall „White Girl“|

Elizabeth Connelly, eine liebende Mutter von drei Kindern, die aussieht wie Claudia Schiffer, wird am hellichten Tag in der Tiefgarage des Einkaufszentrums von Atlanta gekidnappt. Zwei russisch sprechende Typen betäuben sie, werfen sie in einen Van und brausen mit ihr weg. Sie wird nie wieder gesehen. Das Gleiche passiert mit Audrey Meeks, im Einkaufszentrum King of Prussia außerhalb Philadelphias (ich war schon mal dort: Es ist riesig, vor allem deshalb, weil es in Pennsylvania keine Textilsteuer gibt). Das dritte Opfer ist jedoch ein Mann: Er sieht aus wie Brad Pitt und wird aus einer Bar an der Ostküste entführt.

Allerdings ist das Vorgehen der Kidnapper zunehmend schlampiger geworden: Man hat sie erkannt, denn sie gaben sich keine Mühe, ihre Gesichter zu verbergen. Cross fragt sich nach dem Grund der Entführungen und kommt zum Schluss, dass sie keineswegs aus Leidenschaft erfolgten, sondern mit Geld zu tun hatten. Die Entführten waren bestellt worden, die Kidnapper lieferten sie: Manchmal sogar nach Saudi-Arabien oder Japan. Doch wer verdient an diesem modernen Menschenhandel, der schon seit Jahren zu laufen scheint? Wer ist der Kopf dahinter?

_Mein Eindruck_

Wieder einmal haben es die Schurken auf unschuldige Menschen abgesehen. Aber nicht etwa, um ihnen das Blut auszusaugen wie in „Violets are blue“ oder ihnen das Lebenslicht auszublasen wie in „Mauer des Schweigens“. Nein, sie werden schlicht und einfach bestellt, eingefangen und als Sklaven verkauft. Mit modernem Menschenhandel, so deutet der Autor an, haben besonders die Russen Erfahrung. Die Rote Mafiya hat ein weltumspannendes Verbrechensnetz aufgebaut, in dem Menschenhandel globalen Ausmaßes nur einen geringen Teil der lukrativen Geschäfte ausmacht.

Das Einschleusen von russischen, ukrainischen und weißrussischen Frauen nach Westeuropa ist uns in Deutschland vertraut, wenn man die nationalen Zeitungen liest – im Fernsehen tauchen diese beunruhigenden Nachrichten fast nie auf. Wenn man aber als Mann ins Innere Thailands reist, wird einem schon mal ganz nebenbei eine Tochter des Hauses angeboten – natürlich nur zum Heiraten (und wahrscheinlich auch in Pattaya und Phuket). Eine der Figuren in Pattersons Roman zitiert aber aus der Tageszeitung, dass selbst der thailändische Premierminister nichts dabei findet, wenn selbst Zehnjährige den Weg in die Prostitution finden.

Wie Elizabeth Connellys Sklavenschicksal aussieht, möchte ich mit Rücksicht auf jüngere Leser hier nicht beschreiben: Es ist einfach schrecklich und zwingt die gut aussehende junge Frau dazu, sich in eine Traumwelt der Erinnerungen zurückzuziehen, um nicht dem Wahnsinn zu verfallen. Weitere Details sind überflüssig.

Umso beunruhigender ist die Analogie, die sich in Alex Cross‘ privatem Leben zu diesem Menschenhandel ereignet. Natürlich wird dies nie ausdrücklich so gesagt, aber die Art und Weise, wie Christine Johnson Anspruch auf ihren seit zwei Jahren bei Cross lebenden Sohn Alex junior erhebt, grenzt an Erpressung und Handel. Christine zog sich nach den schrecklichen Ereignissen in „Wer hat Angst vor dem Schattenmann“, in denen sie selbst als Sklavin gehalten wurde, mehrere tausend Meilen weit von Alex zurück: nach Seattle.

Nun kehrt sie zurück, um ihm auch ihren Sohn wegzunehmen. Begründung: Er sei als Polizist und FBI-Agent eine ständige Gefahr für das Kind. Das ist schon verdammt ironisch, findet Cross: Er versucht die Menschen vor Verbrechern zu schützern und als Dank dafür wird er als „Blitzableiter für Gefahr“ bezeichnet, als Bedrohung für seinen Sohn. Am Ende der Verhandlungen wird ihm das Sorgerecht für Alex entzogen, was ihm schier das Herz bricht. Wir erhalten keine nähere Erklärung dafür: der unergründliche Lauf der Justiz. Cross hat den Eindruck, man könnte ihn fast für einen Kinderschänder halten, so besorgt sind Christines Anwälte und andere Behördenvertreter um den kleinen Alex.

Die Parallelen zum modernen Menschenhandel des „Wolfes“ sind unübersehbar, die Schlussfolgerungen daraus nicht gerade angenehm. Menschen als Objekte, die man hin und her schiebt, wie es einem gefällt. Ein weiteres Indiz in dieser Richtung: der Auftraggeber für Elizabeth Connellys „Verkauf“ lebt in ihrem engsten Umfeld.

_Unterm Strich_

Nachdem ich „Stunde der Rache“ und „Mauer des Schweigens“ nicht so begeisternd gefunden habe, hat mich „Vor aller Augen“ – so benannt nach dem Wolf im Märchen von den drei kleinen Schweinchen – wieder ausgezeichnet unterhalten. Die Story ist sehr detailreich und zudem sorgfältig konstruiert. Zunächst hat Patterson ein paar Startprobleme und verfällt wieder in zusammenfassendes, nachrichtliches Erzählen. Das dient dazu, den Leser möglichst schnell über die Hauptfiguren zu informieren, ist aber leider nicht spannend.

Erst als die Szenen beginnen, richtig ausgespielt zu werden, kommt die Geschichte in Fluss und Spannung baut sich auf. Praktisch jedes Kapitel hat eine Pointe, die zum Weiterlesen zwingt, und die Geschichte wird aus Cross‘ Blickwinkel so verdichtet vorgetragen, dass sich der Leser häufig seinen eigenen Reim darauf machen muss: Nichts mehr wird ihm auf dem Silbertablett serviert wie am Anfang.

Es ist, als würde sich Cross immer weiter auf vermintes Gelände vorwagen, auf dem er jederzeit in Lebensgefahr schwebt. Die Ebene, auf der er operiert, wird immer höher, bis in schwindelerregende Kreise auf politischer Ebene: Hier arbeitet er sogar mit dem Secret Service (stellt die Leibwächter der Präsidentenfamilien) zusammen, der ja dem Finanzministerium unterstellt war und nun der Heimatschutzbehörde untersteht. Prekär wird Cross‘ Lage dadurch, dass „der Wolf“ einen Informanten im FBI-Hauptquartier hat.

|Bitte, bitte eine Fortsetzung!|

Das Beste zum Schluss: Dieses Buch muss unbedingt eine Fortsetzung haben. Den Grund kann man sich an den zehn Fingern ausrechnen. Hiermit verfolgt Patterson die gleiche Taktik, die auch bei [„Rosenrot Mausetot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429 und „Stunde der Rache“ so erfolgreich war: Warum nur ein einziges Buch schreiben, wenn sich zwei auf der gleichen Grundlage verkaufen lassen? Mit dem „Wolf“ hat der Autor einen Schurken geschaffen, der gleichermaßen furchteinflößend und ungreifbar ist, um eine Fortsetzung zu gewährleisten, ja, notwendig zu machen. Wir können nur hoffen, dass die Fortsetzung einen ebenso starken Eindruck hinterlässt wie „Vor aller Augen“.

|Originaltitel: The Big Bad Wolf
Originalverlag: Little, Brown & Co. 2003
Aus dem Amerikanischen von Edda Petri|

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2389
[„Honeymoon“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3919
[„Ave Maria“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1683
[„Mauer des Schweigens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1394
[„Stunde der Rache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1149
[„Vor aller Augen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1087
[„Tagebuch für Nikolas“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=854
[„Sonne, Mord und Sterne“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=537
[„Rosenrot Mausetot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429
[„Die Wiege des Bösen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=47
[„Der 1. Mord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1361
[„Die 2. Chance“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1362
[„Der 3. Grad“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1370
[„4th of July“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1565
[„Die 5. Plage“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3915

Slaughter, Karin – Dreh dich nicht um

Am Grant College und in dessen Nähe findet die Polizei einen jungen Mann und eine junge Frau, beide Studenten, die anscheinend Selbstmord begangen haben. Doch bestimmte Unstimmigkeiten lassen Sheriff Tolliver und Gerichtsmedizinerin Sara Linton am Anschein zweifeln. Dass Saras hochschwangere Schwester in der Nähe eines der Tatorte überfallen und schwer verletzt worden ist, verwirrt und beunruhigt die beiden Ermittler in höchstem Maße. Werden sie bei ihrem Vorgehen beobachtet und manipuliert?

|Die Autorin|

Karin Slaughter wuchs in einer kleinen Stadt in Georgia auf und lebt heute in Atlanta. Schon mit ihrem Debütroman sicherte sie sich einen Platz unter den wichtigsten Thrillerautorinnen der USA. Heute ist sie laut Verlag einer der Stars dieser Liga. Ihre Bücher sind in über 15 Ländern erschienen.

|Die Sprecherin|

Iris Böhm spielte nach ihrer Ausbildung an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ an verschiedenen Theatern. Sie war u. a. in „Tatort“, „Zwei Asse und ein König“ und „Eine Hand schmiert die andere“ zu sehen. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Rolle als Kommissarin in der RTL-Serie „Die Sitte“, für die sie den Deutschen Fernsehpreis 2004 erhielt. Iris Böhm lebt in Berlin. (Verlagsinfo) Sie liest eine gekürzte Textfassung.

_Handlung_

Sara Linton, Mitte dreißig, ist nebenberuflich Gerichtsmedizinerin in Grant County. Vor dreizehn Jahren ist sie von Atlanta hierher aufs Land gezogen, um an der Kinderklinik zu arbeiten. Als Gerichtsmedizinerin wird sie von Sheriff Jeffrey Tolliver, ihrem Ex-Mann, zu einem Tatort gerufen. Entgegen ihren Gepflogenheiten nimmt sie ihre hochschwangere Schwester Tessa, 34, im Auto mit, weil das auf dem Weg zu Tessas Haus liegt.

Ein junger Mann liegt tot unter einer Brücke, die zu einem beliebten Jogging-Parcours der Studenten des nahen Grant College gehört. Daher wurde er von einer Studentin gefunden, die hier joggte, Ellen Shaeffer. Während Tessa in den nahen Wald geht, um ihre Blase zu erleichtern, untersucht Sara die Leiche. Der Mann weist eine Menge Tattoos und Piercings auf. Auffällig ist für Sara vor allem ein Kratzer auf dem Rücken des Mannes. Wurde er etwa gestoßen? Am Brückenpfeiler stehen rassistische Parolen und ein Hakenkreuz. Wie sich zeigt, war Andy Rosen Jude …

Mit einem Mal wundert sich Sara, wo ihre Schwester abgeblieben ist. Sie geht ihr mit ein paar Polizisten nach und findet sie auf einem Waldpfad in schwerverletztem Zustand. Sie wurde mehrmals mit einem Messer gestochen, unter anderem in den Bauch … In der Hand hält Tessa ein Stück weißes Plastik von einer Tüte. Hat sie etwas eingesammelt?

Da kommt eine College-Sicherheitsbeamtin namens Lena Adams aus dem Wald zurück. Sie hat einen Mann gesehen, der aber sofort geflüchtet ist. Lena war bis vor sieben Monaten bei der Polizei, doch Sheriff Tolliver feuerte sie wegen Unzuverlässigkeit. Lena trägt schwer an einem Vergewaltigungstrauma, das sie zur Alkoholikerin gemacht hat.

Sobald Tessa vom Helikopter in das nahe Krankenhaus geflogen worden ist, machen sich Sara und der Sheriff Gedanken über diesen seltsamen Tag, der beinahe zwei Opfer gefordert hätte. Am nächsten Tag ist auch Ellen Shaeffer tot. Es sieht zwar wie ein weiterer Selbstmord aus, doch die geübte Sportschützin hat die falsche Munition verwendet – sehr verdächtig.

Etwas Bedrohliches geht an diesem College vor sich, denkt Sara, und dies könnten nicht die letzten Opfer gewesen sein. Sie soll leider Recht behalten.

_Mein Eindruck_

Sheriff Tolliver und Gerichtsmedizinerin Linton bildet ein klassisches Ermittlerpaar à la Sherlock Holmes und Dr. Watson, so dass sie sich gut ergänzen. So gelangen beide unabhängig und in regelmäßigem Informationsaustausch zu hilfreichen Erkenntnissen. Aber ob das schon reicht?

|Living on the edge|

Außerdem ist die akribische Kleinarbeit längst nicht so aufregend wie das, was Lena Adams unternimmt und erlebt. Lena ist eine faszinierende Figur, die ebenso vollständig realisiert worden ist wie Tolliver und Linton. Schon allein deshalb gebührt ihr unsere volle Aufmerksamkeit.

Lena war jahrelang bei der Polizei, bis sie eines schlimmen Tages von einem Unbekannten entführt, eingesperrt, unter Drogen gesetzt, an Händen und Füßen an den Holzboden einer Hütte genagelt (!) und 48 Stunden lang vergewaltigt wurde. Welches seelisches Trauma dies zur Folge hatte, mag (und kann) man sich kaum vorstellen. Ihre Wundmale sehen aus wie die eines gewissen Zimmermanns aus Nazareth. Sie erhält zwar psychotherapeutische Betreuung von Dr. Jill Rosen, der Mutter von Andy Rosen, doch das hilft nichts. Nur Medikamente scheinen zu helfen – und Alkohol. Sie hat bereits eine Entziehungskur hinter sich.

Doch die Versuchung ist permanent, rückfällig zu werden. Und als ein interessanter junger Mann namens Ethan Green sie einlädt, zu einer Party zu gehen, gibt sie der Versuchung nach. Sofort geht es ihr besser. Im Hinterzimmer erzählt ihr ein Drogenpanscher und Dealer von Andy Rosen, dem „Selbstmörder“. Wenig später gerät sie wegen des Todes dieses Dealers in massive Schwierigkeiten. Und es hilft ihr keineswegs, dass Ethan Green den Sheriff angreift, um ihr beizustehen. Klar, dass Ethan, der von Kopf bis Fuß mit Nazisymbolen bedeckt ist, nicht nur an Lenas süßem Händchen interessiert ist, sondern mehr will. Doch Lena ist Halbjüdin …

Aber sie ist zumindest auf die Spur eines Drogenringes gekommen, der am College tätig ist. Ob in diesen gefährlichen Kreisen der oder die Täter zu finden ist/sind? Lena erkundet den Abgrund, und ihre Ermittlungen sind wesentlich handfester und gefahrvoller als die von Tolliver und Linton zusammen. Aber gehen sie auch in die richtige Richtung?

|Jagdgründe|

Nicht nur Drogenhändler und Vergewaltiger scheinen das College als ihre Jagdgründe ausgesucht zu haben. Auch in der biologischen Forschungsabteilung, in der Jill Rosens Mann Brian Keller seit 20 Jahren arbeitet, geht es nicht gerade fein zu. Da wird mit harten Bandagen gekämpft, und wer weiß, wer Lenas getötete Zwillingsschwester Sybil, eine Biologin, auf dem Gewissen hat? Aber mehr darf dazu nicht verraten werden, um die Spannung nicht zu zerstören.

Die Frauen an diesem College und in seiner Nähe hätten also allen Grund, in Deckung zu gehen. Doch vieles ist vertuscht und so manches nicht aufgeklärt worden. Die Autorin stellt aber ziemlich klar, dass sich die Frauen zwar fürchten, aber dennoch tapfer um ihr berufliches und menschliches Überleben kämpfen. Bei dem ihre jeweiligen männlichen Partner nicht immer hilfreich sind. Brian Keller, so erfährt Sara Linton, schlägt seine Frau seit Jahren. Und Ethan Green, Lenas neuer Freund, sieht mit den Nazi-Tattoos, die seinen Körper bedecken, auch nicht gerade vertrauenerweckend aus. Er wird mit Dr. Jekyll und Mister Hyde verglichen, Na, Prost Mahlzeit!

_Die Sprecherin_

Iris Böhm verfügt über starke Nerven und eine kräftige, geübte Stimme. Sie versagt auch nicht an den bizarrsten Stellen dieses an unheimlichen Details reichen Thrillers. Durch Modulation der Lautstärke – zwischen Flüstern und Schreien – und der Tonhöhe gelingt es ihr, die Seelenlage der jeweiligen Figur, egal ob Mann oder Frau, ziemlich genau auszudrücken. Die deutliche Hervorhebung einzelner Wörter verhilft zu einem genauen Verständnis des Gesagten.

Bei einem spannenden Stoff wie diesem darf die Präsentation keinesfalls den Inhalt überdecken oder beeinträchtigen, sondern muss dahinter verschwinden. Das gelingt Böhm hundertprozentig. Doch ist Böhms Vortrag nicht etwa theatralisch, um beispielsweise auf die Tränendrüse zu drücken. Denn auch das würde man ihr heutzutage nicht mehr verzeihen. Theatralik ist ein Stilmittel, um Betroffenheit zu vermitteln, wie es noch vor fünfzig oder sechzig Jahren nicht unüblich war. Böhm strahlt hingegen Professionalität aus, wo es nötig ist, und Emotionen, wo es angebracht ist.

_Unterm Strich_

Karin Slaughter zeichnet in ihrem Thriller ein wüstes Bild vom universitären Amerika. Drogensüchtige, Rassisten, korrupte Sicherheitsbeamte, Homosexuelle beiderlei Geschlechts (offenbar auch ein Feindbild), Vergewaltigungsopfer, Gewalt in der Ehe, Angriffe auf Schwangere – das volle Programm. Da bleibt man doch am besten Jungfrau, und deshalb haben sich die amerikanischen Jungfrauen auch organisiert und bilden bereits eine lautstarke Gruppe. Sara Linton ist leider nicht dafür qualifiziert: Sie kann keine Kinder mehr bekommen, erfahren wir nebenher.

Fast alle haben entweder etwas auf dem Kerbholz oder sind ein Opfer geworden. Selbst der Sheriff ist auch nur ein Mensch: Er hat Sara Linton betrogen, als die noch seine Frau war. Wie also soll in diesem Sumpf irgendetwas zu retten sein? Es gibt weit und breit keinen Retter. Vielleicht sollte man sich an Präsident Bush und seine Neo-Cons (Neo-Konservative) wenden? Allenfalls Sara Linton könnte die Retterin spielen, denn sie verfügt als Einzige über die nötige Integrität und Erfahrung, um den Fall zu lösen. Tolliver und Lena Adams helfen ihr dabei. Nur im Teamwork ist der Fall zu lösen. Es geht also auch ohne Neo-Cons.

„Dreh dich nicht um“ weist ein ausreichendes Quantum von Spannung auf, um als Thriller gut zu unterhalten – das Quantum an Leichen ist sowieso übererfüllt. Besonders Frauen dürften sich für das Buch interessieren, denn nicht nur die meisten Figuren sind weiblich, sondern auch die meisten Opfer. Allerdings haben mich das Hin und Her der Handlung sowie die hohe Zahl an Figuren mehrmals verwirrt. Dass die kurz zuvor eingeführten Figuren mitunter wenig später den Löffel abgeben, trägt nur unwesentlich zur Übersichtlichkeit bei: Die Liste bleibt dennoch lang.

Die Sprecherin Iris Böhm trägt die Geschichte mit eindrucksvoller Professionalität und Feinfühligkeit vor. Auch die heikelsten Details und abstoßendsten Szenen sind ihr emotional nicht anzumerken, und das ist sicher ein Kunststück. Es gibt mehr als genug davon. In ihr finden die weiblichen Fans von Karin Slaughter ein qualifiziertes Sprachrohr für die Geschichten der Autorin.

|374 Minuten auf 5 CDs
Originaltitel: A faint cold fear, 2003
Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz|

Stoker, Bram – Draculas Gast

Diese Horror-Erzählungen können sich sehen (und hören!) lassen. In „Draculas Gast“ erlebt Jonathan Harker eine unheimliche Begegnung in der bayerischen Provinz, in „Das Haus des Richters“ wird der jugendliche Held zur Zielscheibe des Hasses einer Riesenratte, und in „Die Squaw“ vollzieht eine schwarze Katze, deren Junges mutwillig getötet wurde, blutige Rache am Übeltäter.

_Der Autor_

Bram Stoker ist der Künstlername des irischen Schriftstellers und Theatermanagers Abraham Stoker (1847-1912), dessen wichtigste Karriere mit der des berühmten Theaterschauspielers Henry Irving (der zwecks PR auch in „Die Squaw“ erwähnt wird!) verbunden war, der von 1838 bis 1905 lebte. Stoker begann schon 1872 mit dem Veröffentlichen seiner Erzählungen, was 1897 in der Publikation des Horrorklassikers [„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=622 gipfelte, der aber 1901 kräftig revidiert wurde. Stoker schrieb noch ein paar weitere unheimliche Romane („The Lair of the White Worm“ wurde erst 1986 vollständig veröffentlicht und prompt verfilmt) und etliche Erzählungen.

Alle hier vertretenen Erzählungen erschienen posthum im Jahr 1914 in London. „Das Haus des Richters“ und „Die Squaw“ erschienen zuerst 1893 in „Holly Leaves“. Später wurde „Die Squaw“ in „The Black Cat“ umbenannt – keine glückliche Wahl, denn diesen Titel trägt bereits eine bekannte Erzählung von E. A. Poe.

_Der Sprecher_

Lutz Riedel ist ein hochkarätiger Synchron-Regisseur und die deutsche Stimmbandvertretung von „James Bond“ Timothy Dalton. Er war auch „Jan Tenner“ in der gleichnamigen Hörspielserie. Ich schätze besonders seine Interpretation von H. P. Lovecrafts Schauergeschichten wie etwa [„Das Ding auf der Schwelle“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=589

Die Texte wurden nicht gekürzt, was doch bemerkenswert ist.

_Die Erzählung „Draculas Gast“_

Diese Story war ursprünglich ein Teil des Bestsellers „Dracula“. Daher kommen hier die Hauptfiguren vor, besonders Jonathan Harker.

Jonathan Harker macht sich per Kutsche von München aus auf den Weg nach Transsylvanien, um Graf Dracula zu besuchen, der ihn eingeladen hat. Der Hotelbesitzer Delbrück warnt Jonathan, denn heute Nacht sei Walpurgisnacht, und man wisse ja, dass dabei der Teufel umgehe. Den vernünftigen Engländer kümmert das wenig. Er glaubt nicht an Teufel und Hexen. Wir sind ja nicht mehr im Mittelalter, oder?

Als Harker ein merkwürdig abgelegenes Tal erspäht, befiehlt er dem Kutscher Johann, abzubiegen und dort hinunter zu fahren. Doch Johann weigert sich. Mal von der Tatsache abgesehen, dass an dieser Kreuzung ein Selbstmörder begraben liegt, sollen unten im verlassenen Dorf lauter Vampire gelebt haben, weshalb es ja auch schon seit hundert Jahren verlassen sei. Was der Herr wohl dort wolle?

Wölfe heulen, und ein Schneesturm ist im Anzug. Allmählich wird es ungemütlich. Trotzdem schickt Harker in seinem jugendlichen Hochmut Johann zurück nach München. Als in diesem Moment ein Fremder auf dem Hügelkamm auftaucht, gehen die Pferde durch. Gleich darauf ist der Fremde verschwunden. Wohl oder übel muss Harker allein und zu Fuß ins Tal hinabgehen.

Er beeilt sich, denn der Schneesturm kann gleich losbrechen. Nachdem er im Dunkeln einen düsteren Zypressenhain durchquert hat, landet er auf einem Friedhof und zwar direkt vor einem weißen Grabmal aus Marmor. Doch es wurde seltsamerweise einer Selbstmörderin errichtet. In Kyrillisch ist der Satz eingemeißelt: „Die Toten reisen schnell.“ Sehr lustig. Als er im Grabmal vor dem Hagelsturm Zuflucht sucht, erblickt er im Schein eines Blitzes die Gestalt einer schönen Frau auf dem Grab. Sie scheint sich aufzurichten und ihn anzulächeln.

Während der Sturm heult, wird Harker ganz schwummrig. Als er für einen Moment erwacht, liegt ein riesiger Wolf auf ihm und, äh, leckt ihm die Kehle! Harker wird gleich wieder ohnmächtig. Seine Konstitution ist eben nicht die allerbeste …

_Die Erzählung „Das Haus des Richters“_

Der junge Malcolm Malcolmson ist ein englischer Student der Mathematik, der sich für das Büffeln auf sein Abschlussexamen in einen ruhigen Ort zurückziehen möchte, statt sich wie seine Kommilitonen zwecks Ablenkung ins Vergnügen zu stürzen. Sehr löblich! Der erste Ort im Zugfahrplan ist Benchurch, also steigt er dort aus und fragt die Gastwirtin am Ort nach Quartier. Er hat am Ort ein stattliches Herrenhaus erspäht, das aber leer zu stehen scheint. Ob man sich da wohl einmieten könne, fragt er.

Die gute Mrs. Witham ist ein Frauenzimmer, das das Herz auf dem rechten Fleck hat. Sie ist etwas entsetzt über Malcolms Plan, im „Haus des Richters“ gleich drei Monate zu verbringen. Dort wohnte vor mindestens hundert Jahren ein strenger und grausamer Richter. Immerhin hat das Haus eine Alarmglocke, falls dem armen Herrn Malcolmson irgendetwas, äh, nicht ganz in Ordnung vorkommen sollte. Tagsüber sorgt die gute Mrs. Dempster als Haushälterin für Essen und Sauberkeit. Sie hat kein Problem mit dem Haus.

Das liegt wohl daran, wie Malcolm feststellt, dass das Haus erst nachts zum Leben erwacht. Die Ratten veranstalten hinter der Wandvertäfelung einen Radau sondergleichen. Das stört den fleißig büffelnden Malcolm aber erst, als der Lärm abrupt aufhört. Er wundert sich und schaut sich um. Da sitzt doch tatsächlich eine riesige schwarze Ratte auf dem Stuhl neben dem Kamin und starrt ihn, Malcolm persönlich, mit bösen Augen an!

Doch bevor er sie mit dem Schürhaken erschlagen kann, rast sie schon das Seil der Alarmglocke, das neben dem Kamin baumelt, hinauf und verschwindet – ja, wo eigentlich? Nach der zweiten Nacht mit dem gleichen Erlebnis lässt Malcolm Licht darauf werfen: Es ist das Gemälde eines grausam und unerbittlich dreinblickenden Mannes, der genau auf jenem Stuhl sitzt, wo die Ratte saß: Es ist der Richter, dem das Haus gehörte. Und in dem Gemälde befindet sich das Loch, durch das die Ratte verschwindet und hartnäckig wieder erscheint.

Die brave Mrs. Witham ist vor Entsetzen schier einer Ohnmacht nahe, als Malcolm ihr minuziös von seinen nächtlichen Erlebnissen berichtet. Sie hat den guten Doktor Thornhill herbeigerufen, der Malcolm warnt. Jenes Glockenseil pflegte der Richter dazu zu verwenden, die Unglücklichen, die er verurteilte, daran aufzuhängen.

Die Nacht der Entscheidung ist gekommen. Zum dritten Mal dürfte die Riesenratte erscheinen, ahnt Malcom und trifft Vorbereitungen. In der letzten Nacht konnte nur die Bibel, die er nach ihr geworfen hatten, sie vertreiben. Doch was, wenn dies heute Nacht nicht ausreichen sollte?

_Die Erzählung „Die Squaw“_

Nürnberg, im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, vor dem Touristenboom. Der Ich-Erzähler, ein Amerikaner, ist mit seiner jungen Frau Amelia auf seiner Hochzeitsreise in die mittelalterlich anmutende, nie eroberte oder zerstörte Stadt gekommen, um ihre pittoresken Schönheiten zu besichtigen. Begleitet werden sie von Elias P. Hutchison, einem wagemutigen Westmann, der von Karl May geschaffen sein könnte und sich ihnen einfach angeschlossen hat. Er unterhält sie mit Abenteuergeschichten aus dem Wilden Westen.

Die imposante und beherrschende Burg besuchen sie zuletzt, quasi als Höhepunkt ihres Aufenthalts. Sie verfügt über einen tiefen Burggraben, der nun mit Baumhainen und Cafés bedeckt ist. Herabblickend erspäht Hutchison mit seinem Adlerblick eine schwarze Katze, die mit ihrem Jungen spielt. Er will einen Stein hinabfallen lassen, um mit ihr zu spielen, natürlich nicht, um sie zu verletzen. Leider hat sich das Schicksal gegen ihn verschworen. Der Stein zerschmettert den Kopf des Kätzchens. Die empfindsame Amelia ist zutiefst entsetzt und fällt fast in Ohnmacht (was vielleicht auch an ihrem engen Korsett liegen mag).

Wütend springt die Katze an der Burgmauer hoch, doch sie schafft es nie bis zur Mauerkrone. In ihren Augen erblickt Amelia pure Mordlust. Der abgebrühte Hutchison lacht bloß darüber. Die Katze erinnere ihn an jene Squaw, deren Kind von einem Weißen getötet worden war und die dessen Mörder drei Jahre lang verfolgt und schließlich zur Strecke gebracht habe – nachdem sie ihn schrecklich gefoltert hatte. Hutchison erschoss die Frau. Als sich die Katze zu beruhigen scheint, hält er das für die Demut einer Squaw und vergisst die Katze.

Nicht so Amelia und ihr Mann. Sie bemerken bei ihrem Rundgang, wie die Katze ihnen nachschleicht, und gelangen schließlich zum Höhepunkt ihrer Tour: in den Folterturm. Alles ist noch genauso, wie es die Folterknechte und Scharfrichter vor Jahrhunderten zurückließen. Amelia kann einen zaghaften Schauder angesichts der blanken Richtschwerter, den Richtblocks und der unzähligen Marterinstrumente, mit denen man die Unglücklichen zum Geständnis bewegte, nicht unterdrücken.

Hutchison aber stürzt sich begierig auf das Herzstück der grotesken Sammlung: die berühmte Eiserne Jungfrau. Dieses sargähnliche Gebilde sieht keineswegs aus wie eine Frau, sondern eher so plump wie der Sarkophag eines Pharao. Nur das eine Ende trägt das Antlitz einer Frau, daher der Name. In diesen aufklappbaren Behälter wurde der gefesselte Delinquent gesteckt. Dann ließ man ganz langsam und schmerzhaft den an einem Halteseil und einem Flaschenzug befestigten Deckel hinab. Dessen Innenseite ist mit eisernen Stacheln versehen, die in die Augen, das Herz und in lebenswichtige Organe des Opfers eindringen …

Als der übermütige Hutchison sich vom Wächter fesseln und in die Eiserne Jungfrau stecken lässt, um die Top-Sensation seiner Reise zu erleben, taucht die rachedurstige Katze wieder auf …

_Mein Eindruck_

Das Hörbuch geht vom Bekannten und doch Neuen aus und steigert sich dann über eine interessante Zwischenstufe zu einem höchst blutigen Finale und Höhepunkt, das es mit dem Besten von Poe aufnehmen kann. Doch der Reihe nach.

|“Draculas Gast“|

Jeder, der schon mal eine möglichst werkgetreue Verfilmung von Stokers „Dracula“ gesehen hat – am besten jene von Francis Ford Coppola -, wird sich sofort in die Lage von Jonathan Harker versetzen können, wird ihm vielleicht sogar das schmale, bleiche Gesicht von Keanu Reeves zuweisen. Harker hat ein morbides Interesse an allem Unheimlichen und verlangt daher sofort, in das Dorf der Vampire gefahren zu werden. Schließlich muss er doch laufen, begleitet von sämtlichen Vorboten des Unheils: ein am Kreuzweg begrabener Selbstmörder (in ungeweihter Erde bestattet), Sturm, Dunkelheit, Wolfsgeheul, Zypressen (typisch für südliche Gottesacker) und natürlich Gräber.

Natürlich bleibt das Unheil nicht aus. Blöd nur, dass Harker ständig das Bewusstsein verliert, was seiner Erzählung eine gewisse stroboskopartige Beleuchtung der laufenden Ereignisse verleiht. Ist aber vielleicht besser so, denn angesichts dessen, was Harker noch in Transsylvanien bei seinem Gastgeber erleben soll, darf der Autor nicht allzu viel vorwegnehmen, um die Spannung nicht zu verderben. Wir können nicht hundertprozentig sicher sein, dass Harker nicht doch von jenem Geisterwolf auf dem Friedhof gebissen wurde. Die Pointe kommt natürlich erst ganz am Schluss, als Harker ein seltsames Telegramm erhält …

|“Das Haus des Richters“|

In dem alten Haus aus dem 17. Jahrhundert trifft die moderne Kultur auf die alte. Im 17. Jahrhundert wurde Irland, die Heimat des Autors, von Oliver Cromwell quasi ein zweites Mal unterworfen, mit verheerenden Folgen für die einheimische Bevölkerung. Der Richter, der sich in eine Riesenratte verwandelt, verkörpert dieses grausame Regime, das bis heute geisterhaft nachwirkt – und somit auch den neuesten Bewohner jenes verfluchten Gebäudes nicht verschont, in dem die Verurteilten gleich an Ort und Stelle gehängt wurden.

Das Seil, das vermaledeite Seil! Es spielt eine zentrale und umkämpfte Rolle im Zweikampf zwischen dem jungen Malcolm und der Riesenratte. Allzu leicht lässt sich daraus nämlich eine Henkersschlinge knüpfen. Symbolisch verbindet es die Last der Vergangenheit, und ganz buchstäblich wird dem jungen vorwitzigen Bewohner „ein Strick daraus gedreht“. Dieser wehrt sich zunächst, lächerlich genug, mit dem Werfen von Matheüchern. Doch erst das fünfte trifft und vertreibt die Ratte: Es ist die Familienbibel. Das bedeutet zweierlei: Die Kraft des Glaubens schützt den jungen Mann ebenso wie die Verankerung in die Familie, die Tradition. Als er dies – warum auch immer – nicht tut, ist er verloren.

Es hat mich aber schon ein wenig misstrauisch gemacht, dass Malcolm alles mit sich anstellen lässt, sobald ihn der hypnotische Blick des leibhaftig auferstandenen Richters gebannt hat. Er ist quasi wie gelähmt – das ideale Opfer, wie das Kaninchen vor der Schlange. Es ist übrigens erwähnenswert, dass es keiner der braven Bürger des fiktiven Ortes Benchurch – von der namengebenden Kirche wird absolut nichts erwähnt – es für notwendig erachtet, Malcolm beizustehen. Über entsetztes Händezusammenschlagen und eine ernsthafte Warnung geht die „Hilfe“ aber leider nicht hinaus. Die Zugehfrau Mrs. Dempster darf ihr Armenhaus nächtens nicht verlassen – ein Hinweis auf die üblen Zustände an diesem Ort. Malcolm wird nicht nur ein Opfer der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart: kein gutes Omen für die Zukunft.

|“Die Squaw“|

Die Vergangenheit schlägt mit voller Härte zu, als den Missetäter in „Die Squaw“ im mittelalterlichen Nürnberg die gerechte Strafe dafür ereilt, dass er das Kätzchen getötet hat. So wie er dessen Köpfchen zerschmettert hat, so wird auch ihm der Schädel traktiert – von jener teuflischen Foltervorrichtung, der einige weibliche Attribute gegeben werden. Dazu gehört zunächst der Name: „Eiserne Jungfrau“, dann das eingravierte Gesicht, zudem die Aufnahme in den Apparat wie in einen Mutterschoß.

Auffällig ist die durch den Titel hervorgehobene Parallele zu Hutchisons Ermordung der Squaw, die sich an einem Weißen für die Ermordung ihres Kindes gerächt hatte. Sein grausiger Tod ist also nicht nur die Strafe für das tote Kätzchen, sondern auch für die tote Indianerin. In beiden Fällen spielt der Aspekt verachteter Mutterliebe eine große Rolle. Wie ironisch und passend dann Hutchisons Tod im Mutterschoß der Eisernen Jungfrau! Der Mann glaubte sich dort sicher, weil er bereits einmal Ähnliches mit einem Pferd praktiziert hatte. Er versteckte sich in dessen Bauchhöhle, um sich vor anrückenden Indianern zu verstecken.

Hutchison verkörpert das lebensfeindliche Prinzip, das bei der Eroberung der Neuen Welt waltet. Die junge Frau des Erzählers, Amelia, ist wohl auch deshalb so angeekelt und entsetzt von Hutchisons Verhalten, weil ihre natürliche Rolle in der gerade erst eingegangenen Ehe die der Mutter ist. Man darf sogar mit Fug und Recht annehmen, dass sie bereits schwanger ist – die häufigen Ohnmachtsanfälle legen dies nahe. Wie abstoßend muss ihr daher Hutchisons Verhalten vorkommen, das sich unter anderem darin manifestiert, dass er eine Brieftasche aus Menschenhaut bei sich trägt.

Von allen drei Geschichten endet „Die Squaw“ am blutigsten und brutalsten. Das ist ein echter Tiefschlag für das Nervenkostüm des unvorbereiten Zuhörers, daher ist an dieser Stelle eine ernstgemeinte Warnung angebracht.

_Der Sprecher_

Lutz Riedel liefert eine tolle, überragende Leistung ab. Sein modulationsreicher, dramatischer Vortrag hat mich sehr beeindruckt. Die drei Erzählungen steigern sich in ihrer Wirkung allmählich zu einem Höhepunkt, wie bereits erwähnt. Wer mit dem Geist zu sehen vermag, kann sich das Entsetzen der entsprechenden Szenen lebhaft und geradezu wie einen Film vorstellen. Einfach fabelhaft. Sehr witzig und gelungen fand ich auch, wie Riedel Frauen intoniert: Seine Stimme klettert in ungeahnte Höhen, ohne dabei jedoch irgendwie tuntenhaft zu klingen.

Die Musik von Andy Matern erklingt jeweils am Anfang und Ende einer CD sowie zwischen den Texten, passend in düsteren Klängen. Die Musik und die Ansage durch Helmut Krauss entsprechen dem Motto des Verlegers, Regisseurs, Produzenten und Dramaturgen Lars Peter Lueg ebenfalls in vollkommener Weise: „Gänsehaut für die Ohren“ hat man selten wirkungsvoller erlebt – mit Ausnahme der anderen LPL-Produktionen wie etwa [„Necroscope“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=779 oder „Necrophobia“.

_Unterm Strich_

|LPL records|, |Festa|-Verlag und |Lübbe Audio| produzieren ausgezeichnete Horror-Hörbücher, so auch das vorliegende. Passende Musik und ein jeweils hervorragender Sprecher gehen eine wirkungsvolle Verbindung ein, die das Grauen langsam vorbereitet, um schließlich im Finale vollen Schrecken zu entfalten. So muss solider Horror sein. Die sich steigernden drei Geschichten in „Draculas Gast“ liefern den schlagenden Beweis dafür.

Dennoch ist dies keine Kost für jedermann. Sie ist meines Erachtens erst für Jugendliche ab 15 Jahren geeignet. Das gilt besonders für „Die Squaw“. Katzenfreunde kommen hier keineswegs auf ihre Kosten, sondern seien besonders davor gewarnt, was ihren Lieblingen hier angetan wird.

|132 Minuten auf 2 CDs|

Wolfsmehl – Königshaut

Das musikreiche Hörspiel „Königshaut“ ist ein Gegenstück zum „Jedermann“, in dem die Zeit, und nicht der Tod, die Hauptrolle spielt. Es ist aber auch eine phantastische Zeitreise in die umgekehrte Richtung – ein Märchen für Erwachsene.

|Der Autor|

Wolfsmehl, geboren 1960, wuchs auf Schloss Fronberg im Oberpfälzischen auf und schrieb Lyrik, Romane, Satire und Theaterstücke. 2004 wurde ihm der Nordgaupreis des Oberpfälzer Kulturbundes für Dichtung zuerkannt. Zusammen mit Sabine Goller führte er auch Regie bei diesem Hörspiel.

|Die Sprecher und ihre Rollen|

Walter Schmidinger: König, Königshaut
Klaus Maria Brandauer: Die ZEIT
Isabella Grothe: die Königin
Konrad Halver: Erzähler
Rolf Jülich: Bauer, Vater von Allegra
Uli Krohm: Hauptmann
Miriam Maertens: Allegra
Helmut Markwort: Räuber
Dietmar Mues: Narr
Ursula Pages: Wahrsagerin
Jan Hendrik Richter: Prinz, Allegras & Königshauts Sohn

Hier sind also einige namhafte Schauspieler versammelt. Etwas erstaunlich ist der Auftritt von Helmut Markwort, einem Journalisten.

|Musik und Lieder|

Die Musik sowie die zahlreichen Songs komponierte Hans Kraus-Hübner. Sechs Musiker setzten sie um. Den Gesang zu dem Lied „Ein Stern“ steuerte Bhawani Moennsad bei.

_Handlung_

Die ZEIT tritt auf: „Im Osten bin ich losgegangen. Nach Westen treibt mich mein Verlagen. Norden und Süden durchquerte ich, verpasse der Welt ein zeitliches Gerüst. Und niemals bleib‘ ich dabei stehn, doch ist es hier und heut‘ geschehn.“

Die ZEIT besucht den jungen König, der sich zu einem Despoten entwickelt hat. Der ZEIT hält er Macht und Stärke entgegen, doch die ZEIT zeigt ihm, dass Alter und Gram Furcht erregende Gegner sein können. Ein Blick über die Mauer zeigt dem König lediglich Gräber. Um ihre Macht zu demonstrieren, belegt die ZEIT den König mit einem Bann. Worin dieser besteht, wird erst allmählich klar.

Seine Gattin, die noch ziemlich knackig sein muss, zeigt sich besorgt über den körperlichen Zustand ihres Mannes, der plötzlich zum Greis geworden ist, und will ihm die Ärzte schicken. Doch ihm steht der Sinn nach handfesteren Dingen: Er weiß, dass sie ihn mit dem Narren betrogen hat. Die Königin fürchtet um ihr Leben und das ihres Geliebten und verleumdet ihn bei seinen Männern. Diese verkennen den alt gewordenen König und verhaften den „Thronräuber“. Obwohl er beteuert, dass die Königin lüge, lassen sie ihn ans Kreuz schlagen. Dort hängt er neben seinem Nebenbuhler, dem Narren.

Die neue Herrscherin ruft zum Krieg auf. Sie hat ihre Rache dafür vollendet, dass er ihren Geliebten ans Kreuz hat schlagen lassen. Als Gnadenbezeigung lässt sie den Alten in die Gosse werfen, während sie ihren Geliebten zu heiraten gedenkt.

Die ZEIT mahnt den Alten, nicht aufzugeben. Auch eine Wahrsagerin prophezeit ihm eine Zukunft. „Nur Mut! Krieche weiter!“ Ein Räuber singt über das sprichwörtliche letzte Hemd und verflucht den Alten als erbärmlichen Bettler, der doch glatt die Frechheit besitzt zu behaupten, der König zu sein. Offenbar ist er auf einmal jünger geworden! Jahre vergehen, bis er in der Mitte des Lebens angelangt ist.

|Hälfte des Lebens: Sonnenschein|

Das Bauernmädchen Allegra singt von Liebessehnsucht, als ein Mann auftaucht und auf dem Hof ihres Vaters Arbeit als Knecht sucht. Er stellt sich mit einem ellenlangen Namen vor, den sich kein normaler Mensch merken kann, daher nennt ihn Allegra kurzerhand „Königshaut“. Er und Allegra werden zunächst Freunde, dann ein Liebespaar und sie schenkt ihm einen Knaben, den sie einfach „Prinz“ nennen. Man hört, wie ein Kleinkind eine Uhr aufzieht. Jahre vergehen, und die Familie ist glücklich, nachdem Königshaut den Hof geerbt hat.

Doch eines Tages wird ein Spion der grausamen Königin auf die Familie aufmerksam. In einem Streit sterben sowohl der Spion als auch Allegra, und der Bauernhof geht verloren. Er muss mit Prinz auf die Straße und sich dort als Tagelöhner durchschlagen. Während Prinz abenteuerlustiger wird, empört sich Königshaut immer mehr über die Zustände in seinem früheren Königreich, das sie nun betreten haben. Prinz will das Reich der „Großen Spinne“ brennen sehen, sobald er die Wahrheit darüber erfahren hat, wie seine Mutter ermordet wurde. Diese Worte jedoch vernimmt ein weiterer Spion, der die beiden Männer verhaften und in den Kerker werfen lässt.

Ironischerweise trifft Königshaut hier seinen früheren und wirklich alt gewordenen Nebenbuhler wieder, den Narren. Er liegt in Ketten, genau wie seine neuen Gefährten, und beklagt, dass er zwar König geworden war, aber quasi nur für einen Tag. Denn er zeugte der Königin keinen Thronfolger, und so wandte sie sich nach ein paar Jahren einem Jüngeren zu. Sie ließ den Narren blenden und einsperren. Dass Königshaut der frühere König gewesen sei, kann er angesichts der jünglingshaften Stimme nicht glauben.

Da erscheint eines Tages die Königin zu Besuch im Kerker. Da das Volk aufrührerisch geworden sei, seit der sehr beliebte Narr fehle, wolle sie ihn zurückhaben. Dumme Sache: Der besagte Herr hat bereits den Löffel abgegeben. Na schön, kriegt er eben ein Staatsbegräbnis, was soll’s. Sie bietet Königshaut und Prinz die Freiheit, wenn er, Königshaut, bereit sei, die Rolle des Narren zu spielen, um das Volk zu beruhigen. Also macht sie ein „Angebot, das er nicht ablehnen kann“: Sie droht, Prinz zu kreuzigen. Okay, überredet.

Später bittet sie Königshaut, ihr Gemahl zu werden und bereitet die Krönung vor. Prinz, der Thronfolger werden soll, wünscht jedoch etwas ganz anderes: die Freiheit nämlich. Sein Vater zeigt ihm einen Geheimgang, durch den er entkommt. Danach zählt Königshaut die Stunden, bis die Königin ihn holen kommt, um ihn zu krönen. Wird er den Fluch von Hass und Verrat durchbrechen?

Da tritt die ZEIT wieder auf. Diesmal nennt sie sich anders: TOD.

_Mein Eindruck_

Bei diesem besonders musikorientierten Hörspiel möchte ich mich vor allem auf die Sprecher und die Musik konzentrieren. Deshalb wird dieser Abschnitt hier vergleichsweise kurz ausfallen.

|Instant Karma|

Der Aufbau der Handlung gleicht einem Kreis, ist aber in Wahrheit eine Spirale. Denn wenn der König wieder in seinen Palast, aus dem er verstoßen worden war, zurückkehrt, dann nicht in den Thronsaal, sondern in den Kerker. Und es handelt sich keineswegs um den gleichen König, was seine Weisheit anbelangt. Anfangs war er ein unwissender Despot, nun ist er ein weiser alter Mann in einem jungen Körper. Würde die ZEIT ihm einen weiteren Zyklus, ein weiteres Karma sozusagen, gönnen, so würde dabei wieder nur eine Spirale daraus. Doch all dies gehört zum „Rad der Zeit“, das des Öfteren beschworen wird.

|Leben im Rückwärtsgang|

Der Fluch der ZEIT, mit dem sie des Königs Schicksal aus sämtlichen Bahnen wirft, erweist sich nicht als so deprimierend, wie der Zuhörer anfangs befürchtet. Es sieht zwar lange so aus, als ob dieser zweite King Lear alsbald den Löffel abgeben würde, doch so wie der rückwärts in der Zeit lebende Zauberer Merlin (bei T. H. White) auch eine Geliebte (je nach Legende heißt sie Viviane oder Nimue) findet, so wird auch dem jung gewordenen Königshaut die Gnade der Liebe zuteil, in Gestalt der Allegra.

|Gnade der Liebe|

Sie ist keineswegs eine „Buhle“ wie im „Jedermann“, sondern eine reine Seele, die sich gerne mit Königshaut zusammentut. Allerdings wird nicht thematisiert, wenn ich mich recht entsinne, dass sie sich über seine fortschreitende Verjüngung wundert. Immerhin sind sie ein paar Jährchen zusammen, bis der junge „Prinz“ groß genug ist, um mit seinem Vater auf Wanderschaft zu gehen. Auch der Tod Allegras wird viel zu kurz zur Sprache gebracht, finde ich, gerade so, als ob eine lästige Wendung der Handlung schnell bewältigt werden müsse. Dabei hatte Allegra doch mit ihrem hoffnungsvollen Stern-Lied sämtliche Sympathien des Hörers auf sich ziehen können. Ein ziemlich schnödes Abservieren seitens des Autors.

|Die Rache des Narren|

Sehr ironisch ist dann jedoch wieder die Begegnung mit seinem Nebenbuhler, dem Narren. Dieser abgelegte Lover der Queen fristet nun im Kerker seine letzten Tage, und da er von ihr buchstäblich und metaphorisch geblendet wurde, kann er auch nicht erkennen, wen ihm nun das Schicksal wieder in seine Zelle geworfen hat: seinen einstigen Rivalen nämlich. Sie haben einander einiges zu sagen über die Gunst von Königinnen und die Vergänglichkeit der Liebe.

Geradezu zynisch wird die Angelegenheit, als der einstige Lover im Interesse der Macht noch einmal wiederauferstehen soll, um das Volk zu beruhigen, das unter den Kriegen der Königin Hunger leidet. Das erinnert an das Finale von „El Cid“, als die Spanier dessen Leiche aufs Pferd binden, damit er die Truppen gegen die Mauren anführe. Allerdings macht der Narr eben keine heroische Figur dabei, sondern eben eine närrische – wie könnte es anders sein. Aber dazu kommt es ja nicht, denn der Narr hat seine Schuldigkeit getan und gibt den Löffel vorzeitig ab, sicher zum Verdruss der Königin – seine letzte posthume Rache sozusagen für die Behandlung, die sie ihm zuteil werden ließ. Es gibt also poetische Gerechtigkeit.

|Märchen oder Fantasy?|

Warum wird eigentlich nicht die Königin eines Besseren belehrt? Nun ja, das wäre doch etwas abgedroschen gewesen. Schließlich haben das ja schon die alten Griechen zur Genüge besorgt. Arachne wurde in eine Spinne verwandelt, Niobe wurde mitsamt ihren Kindern gestraft und viele weitere Frauen bekamen von diversen Göttinen (meistens von Jupiters Göttergattin Hera/Juno) eins aufs Haupt. Diese Variante wäre also gezwungen, eine der alten Sagen zu wiederholen, was doch etwas witzlos wäre.

Stattdessen bekommen wir mit „Königshaut“ die Story von Shakespeares King Lear und T. H. Whites Merlin im Doppelpack, angereichert mit einem ganz eigenen Schluss. Dies ist übrigens keine Fantasy, denn in der Fantasy – jedenfalls nach Tolkien – treten keine Allegorien auf: Verkörperungen abstrakter Begriffe wie Zeit. Eine Ausnahme bildet jedoch TOD. Er hat eine wichtige und nicht mehr wegzudenkende Hauptrolle in vielen der parodistischen Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett – und spricht stets in GROSSBUCHSTABEN. Außer Pratchett traut sich niemand, Allegorien auftreten zu lassen. Das macht „Königshaut“ zu einem modernen Kunstmärchen.

_Die Sprecher & die Inszenierung_

Ich muss zugeben, dass ich große Probleme hatte, Walter Schmidingers tiefe, alte, raue Stimme zunächst mit einem jungen König zu verbinden. Das hat mich völlig aus dem Konzept gebracht und ich musste diese Passage noch einmal hören, um schlau daraus zu werden. Aber auch die Königin ist keine junge Hüpferin, sondern klingt schon etwas reifer, sagen wir mal, um die vierzig. Das haut aber ebenfalls nicht hin, denn vom Konzept her ist ihre Figur zwischen 20 und 25 Jahren alt. Das passt auch besser zum Rest der Entwicklung ihrer Figur.

Die ZEIT wird von Klaus Maria Brandauer gewohnt ironisch gesprochen und fand bei mir sehr viel Anklang, selbst dann, wenn Brandauer mal singt. Dann wieder tiefste Verwirrung, als Helmut Markwort, der ehemalige Chefredakteur des Nachrichtenmagazins FOCUS, anfängt, ein Lied zu schmettern und ich ihn deshalb für einen Bänkelsänger halte. Ist er aber mitnichten, sondern er stellt einen Räuber dar.

Alle anderen Darsteller passen gut zu den jeweiligen Figuren, sei es nun die junge Allegra, der junge Prinz oder der alte Bauer Sepp, Allegras Vater. Gewöhnungsbedürftig dann wieder die Figur des Narren: Wenn er (am Anfang) jung ist und neben dem König am Kreuz hängt, hat er dieselbe Stimme wie im Kerker, an seinem Lebensende nach etlichen Jahren. Natürlich wäre es etwas schwierig gewesen, seinen Sprecher Dietmar Mues mal ruckzuck auszutauschen, denn das hätte den Hörer vielleicht noch mehr verwirrt.

_Musik und Songs_

Sehr gut fand ich hingegen, dass zumindest eine Figur eine Erkennungsmelodie vorweisen kann: Das ist die Königin. Stets verblüffte mich das Tempo ihrer Erkennungsmelodie, die mindestens aus Achtel- und Sechzehntelnoten besteht und ganz schön flott daherkommt.

Der Großteil der Songs beschäftigt sich auf nachdenkliche oder auch ironische Weise mit aktuellen Themen, wie etwa den verschiedenen Aspekten der Zeit. Bei den Songs handelt es sich nicht um Moritaten, denn diese würden jeweils eine moralisch lehrreiche Erzählung beinhalten. Doch hier sind es einfach sehr schön komponierte Lieder, deren Herkunft man eher aus der Ecke Brecht/Weill („Dreigroschenoper“) vermuten würde.

Einzige Ausnahme davon ist die sehnsüchtige Liebesballade der Allegra. Sie singt von „einem Stern“, dem all ihre Träume und Wünsche gelten. Diese Ballade würde in jedes Musical passen.

Apropos Musical: Für ein modernes Musical fehlt „Königshaut“ erstens die richtige Thematik und zweitens der Glamour. Zeit / Lebenszeit – das ist eine wohl zu abstrakte Materie, um sie in ein Musical zu packen. Und der Glamour stellt sich schon deswegen nicht ein, weil Story und Musik dem entgegenstehen. Brecht/Weill haben ja auch kein Liebeslied für Mäckie Messer geschrieben, sondern stattdessen von einem „Haifisch“ erzählt. Dennoch fehlt am Schluss auch der obligatorische Rausschmeißer nicht, ein fetziger Song für das gesamte Ensemble, bei dem jeder Zuhörer mitsingen darf.

Will also „Königshaut“ unterhalten oder belehren? Es will beides: unterhaltende Belehrung – oder zumindest Erkenntnis. Schließlich handelt es sich um ein Märchen, und der Zweck von Märchen ist, so unterhaltsam sie auch daherkommen mögen, stets auch etwas belehrend. Mal warnen sie, mal loben sie Tugenden. Und Königshaut zeigt, was passieren könnte, wenn …

_Unterm Strich_

Die Vorlage für das Hörspiel ist eine durchdachte Kombination verschiedener Vorbilder, die eine große Wirkung auf den Leser/Hörer auszuüben vermag. Die Umsetzung im Hörspiel jedoch weist mehrere Ecken und Kanten auf, die das Stück nicht einfach aufzunehmen machen. In erster Linie sind dafür die Stimmen der Sprecher verantwortlich. Ich finde, hier hätte man subtiler und verständnisorientiert besetzen müssen.

Die Songs haben mir gut gefallen, obwohl sie zur Handlung nichts beitragen, sondern lediglich eine Metaebene des Verständnisses bilden: Was eben die Figuren über das Thema Zeit usw. denken und empfinden. Es gibt mehrere Motive wie die Erkennungsmelodie der Königin, und Songs wie den von Allegra, die mir sehr gut gefallen haben. Die meisten Lieder stehen in der Tradition von Brecht/Weill und vielleicht Georg Kreisler („Gehma Tauben vergiften im Park“). Auf einer Bühne dürften sie ihre volle Wirkung entfalten.

„Königshaut“ ist ein Märchen für Erwachsene. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kinder und Jugendliche mit den harten Realitäten, die hier verhandelt werden (Ehebruch, Krieg, Kreuzigung, Raub und Mord) etwas anfangen können. Spaß bereitet das Zuhören wohl erst nach mehrmaligem Anhören.

|84 Minuten auf 2 CDs|

Catherine Breillat – Pornokratie

Eine junge Frau führt ein Experiment durch: Sie bezahlt einen Schwulen dafür, dass er sie beobachtet, nackt, im Schlaf, rund um die Uhr, um herauszufinden, ob sie ihn mit ihren weiblichen Reizen verführen kann. Wird er sie hassen oder sie lieben?

|Die Autorin|

Catherine Breillat, geboren 1948, ist Regisseurin, Drehbuchautorin (z. B. für Fellini und zu „Bilitis“) und hat mehrere Romane veröffentlicht. Seit ihrem Film „Romance X“/“Romance“ ist sie auch dem deutschen Publikum bekannt. Sie plant die Verfilmung von „Pornokratie“. Die dürfte ebenso für Diskussionen sorgen wie „Romance X“.

Handlung

Catherine Breillat – Pornokratie weiterlesen

Byron, Lord / Polidori, John William – Vampyr, Der – Die Erzählungen

Juni 1816 am Genfer See, in der Villa Diodati, schauriges Wetter bringt auf dumme Gedanken: Der berühmt-berüchtigte englische Schriftsteller Lord Byron, sein Leibarzt Dr. Polidori, der bekannte Dichter Percy Shelley, dessen Geliebte Mary Wollstonecraft-Godwin (später Shelley) und deren Stiefschwester Claire Clairmont lesen Gespenstergeschichten.

Hierdurch inspiriert, hat Byron eine Idee: „Wir wollen jeder eine Geistergeschichte schreiben!“ Es kommt zu dem berühmten Wettstreit, aus dem Mary Shelleys „Frankenstein“ und „Der Vampyr“ hervorgehen. Das Besondere am „Vampyr“: Die Story wurde praktisch von Byron begonnen und von Polidori vollendet. Dumm nur, dass sich später niemand mehr an Polidori erinnern wollte.

_Der Autor Lord Byron_

Der berühmte englische Dichter Lord George Gordon Noel Byron (1788-1824), genannt Lord Byron (und unter Freunden „Albie“), stellte zeitlebens seine recht zwiespältige Natur zur Schau. Leidenschaftliche Liebe, ausschweifende Lebensfreude, Weltschmerz und Selbstmitleid kennzeichneten ihn. Seine als Belastung empfundene körperliche Behinderung durch ein verkrüppeltes Bein (ein Klumpfuß), kompensierte er durch gelebte Sinnlichkeit und diabolische Ablehnung von Teilen seiner Umwelt (so etwa Polidori).

Inzestverdacht sowie finanzielle Exzesse machten ihn 1816 in der englischen Gesellschaft zu einem Exoten und Außenseiter. 1824 entschloss er sich zur Reise nach Griechenland, um die Nation in ihrem Kampf gegen die Türken zu unterstützen. Er starb jedoch kurz nach der Landung an Malaria. Berühmt wurde er bereits durch sein Frühwerk »Childe Harold’s Pilgrimage« (deutsch »Ritter Harolds Pilgerfahrt«) von 1812, in dem er Erlebnisse auf einer Jahre zuvor unternommenen Mittelmeer- und Orientrundreise verarbeitet.

Das Urbild des Vampyrs erfand er bereits 1813 in seinem Versepos „The Giaour“ (Der Ungläubige). Die Stelle ist im Booklet abgedruckt: „Doch zunächst, als Vampir gesandt zur Erden, / Soll dein Leichnam dem Grab entrissen werden / Um sodann deine Geburtstätte gespenstisch heimzusuchen / Und das Blut all deiner Artverwandten auszusaugen.“ (meine Übersetzung) Seine Version von „The Vampyre“ erschien 1819 in der Sammlung „Mazeppa“.

_Der Autor John William Polidori_

John William Polidori wurde 1795 in London geboren. Er geht auf ein kirchliches College in Yorkshire und studiert danach erfolgreich Medizin an der Universität von Edinburgh. Im Frühjahr des Jahres 1816 zieht er mit dem bereits sehr erfolgreichen Schriftsteller Lord Byron an den Genfer See. Nach ihrer Trennung im Herbst desselben Jahres arbeitet Polidori das beim Autorenwettstreit entstandene – auf Eingebungen Byrons basierende – „Vampyr“-Bruchstück zur fertigen Geschichte aus, welche 1819 in einer englischen Zeitschrift veröffentlicht wird – wobei Byron als Ko-Autor genannt wird! (Byron dementierte die Autorenschaft, aber es war allen klar, wer mit Lord Ruthven gemeint ist.)

Es bleibt sein einziger erfolgreicher Versuch als Schriftsteller, denn seine Stücke und späteren Prosatexte werden fast durchweg abgelehnt. Er praktiziert danach wieder recht erfolglos als Arzt. Im August 1821 stirbt Polidori im Alter von nur 26 Jahren in London Soho, vermutlich durch Selbsttötung mittels Gift, obwohl neuere Forschung dies widerlegt. Er war der Onkel von zwei bedeutenden Dichtern der viktorianischen Ära: Dante Gabriel Rosetti und Christina Rosetti.

_Die Sprecher_

Joachim Tennstedt, Jahrgang 1950, gab sein Fernsehdebüt mit 15 Jahren in der ARD-Serie „Tommi Tulpe“. Später arbeitete er als Mime an den Berliner Kammerspielen, am Hansa- und Renaissance-Theater und wirkte in zahlreichen Fernsehspielen mit. Im Laufe der Jahre verlagerte sich sein Schwerpunkt auf die Arbeit im Synchronstudio. Heute zählt J. Tennstedt zu den gefragtesten Synchronsprechern und -regisseuren des Landes. Man kennt ihn als Stimme von John Malkovich, Billy Crystal, Jeff Bridges und Michael Keaton. (Verlagsinfo)

Andreas Fröhlich wurde 1965 in Berlin geboren und mit sieben Jahren im Kinderchor des SFB als Synchronsprecher entdeckt (einen seiner frühen Einsätze hat er in „Die Herren Dracula“). Von Anfang bis Mitte der 70er sammelte er erste Hörspielerfahrungen und übernahm 1979 den Part des „Bob Andrews“ in der Serie „Die drei Fragezeichen“. Es folgten Arbeiten als Schauspieler für Film und Fernsehen sowie diverse Auftritte auf der Theaterbühne.

Fröhlich ist leidenschaftlicher „Hörspieler“, arbeitet als Drehbuch- und Dialogautor sowie als Synchronregisseur (Jacksons „Herr der Ringe“, Petersens „Troja“). Als Synchronsprecher leiht er seine Stimme u. a. John Cusack, Edward Norton und Ethan Hawke. In der deutschen Fassung von Jacksons „Herr der Ringe“ sprach er die (schizophrene!) Rolle des Gollum. (Verlagsinfo)

Buch, Produktion, Regie: Frank Gustavus

Musik: Stephan Jacobi;

Produktion: Ripper Records (Elmshorn) 2004.

_Handlung von Byrons Erzählung_

Der jugendliche Ich-Erzähler begibt sich während des 18. Jahrhunderts mit dem geheimnisvollen Augustus Darwell auf eine Reise durch Südeuropa, die ihn weiter in die Türkei führt, genauer: nach Smyrna, das heutige Izmir. Mit einem Führer und einem Soldaten reiten sie zu den Ruinen des antiken Ephesus.

Darwell leidet an der so genannten Auszehrung, aber auch an einer seelischen Wunde, deren Ursache er verbirgt. Wegen eines plötzlichen Unwohlseins muss die kleine Gruppe an einem türkischen „Totenacker“ Halt machen, dessen Grabsteine verwittert und halb versunken sind. Der Erzähler bringt Darwell in den Schatten einer düsteren Zypresse und gibt ihm zu trinken.

Im Sterben liegend, ringt Darwell seinem Begleiter ein unheilvolles Versprechen ab, das auch bei Polidori wieder auftaucht: Der Jüngling muss Darwells Tod, wenn er in die Heimat zurückkehrt, unbedingt verheimlichen. Außerdem soll er einen Siegelring in die Salzquellen der Bucht von Eleusis werfen sowie am 9. Tag eines Monats zu den Ruinen des Ceres-Tempels gehen. (Ceres / Demeter war die Mutter von Proserpina / Persephone, der Gattin von Hades, dem Gott der Totenwelt. Eleusis beherbergte in der Antike ein bekanntes Orakel.)

Nachdem sich ein Storch, der eine Schlange im Schnabel gepackt hält, auf dem Friedhof niedergelassen hat, stirbt Darwell, erschüttert wegen dieses symbolhaften Anblicks (Schlange = Satan; Storch = Lebensbringer). Der Chronist ist reichlich beunruhigt über den Umstand, dass sich das Gesicht Darwells fast schwarz färbt. Gift? Die drei Überlebenden begraben seine Leiche. Ob der Vampir wiederkehren wird? Das Fragment wurde nie vollendet.

_Mein Eindruck_

Die Geschichte ist belanglos genug, doch die Grundelemente für Polidoris folgen- und einflussreiche Erzählung sind schon angelegt. Ein Jüngling und ein älterer Mann mit einer Krankheit und einem Geheimnis gehen auf eine Reise, die tragisch endet. An ihrem Ende muss der Jüngling einen Schwur leisten und bestimmte geheimnisvolle Handlungen vollziehen, die wie ein Ritual anmuten.

Byron wurde von seinem Verleger Murray gezwungen, dieses Fragment 1819 in der Sammlung „Mazeppa“ zu veröffentlichen. Die literarische Qualität ist in keiner Weise mit „Manfred“ zu vergleichen, einem Versgedicht, das Byron bereits 1817 veröffentlichte. Darin zeigt er sich in seinem literarischen Ego Manfred als ein besessener Sucher, der keine Erfüllung finden kann. Dieser Charakterzug ist später stets Teil des Byronischen Vampirs, z. B. in den Vampirromanen von Anne Rice. Aber von Blutsaugerei ist bei Byron noch keine Rede.

_Handlung von Polidoris Erzählung_

In den Londoner Kreisen taucht ein seltsamer Edelmann auf, der dadurch auffällt, dass er sich nicht an den Vergnügungen beteiligt. Dieser Außenseiter hat „seelenlose graue Augen“ und ein „totenblasses, aber hübsches Gesicht“. Lady Mercer, eine bekannte Ehebrecherin, macht ihn vergeblich an, obwohl dieser Lord Ruthven keineswegs ein Kostverächter ist, wie sich zeigt.

Der junge Aubrey ist ein reicher Träumer, der noch unter Vormundschaft steht. Er umwirbt den mysteriösen Lord, der ihm wie aus einem Abenteuerroman entstiegen erscheint, dem es aber an Geld mangelt. Davon haben Aubrey ebenso wie seine Schwester mehr als genug. Ruthven revanchiert sich, indem er Aubrey zu einer Reise nach Europa einlädt. Dort verprasst er Aubreys Geld, allerdings scheint auf seinen Gaben ein Fluch zu liegen: Alle lasterhaften Empfänger, aber auch die Unschuldigen ereilt ein übles Schicksal.

In Rom ist Aubrey schon so weit von seinem Begleiter abgestoßen, dass er dem Rückruf seiner Vormünder Folge leisten will. Sie warnen, dass Ruthven Vergnügen darin findet, junge Damen in die Tiefen des Lasters hinabzuziehen (will heißen: sie werden danach Huren, wenn man sie nicht gleich ins Kloster steckt). Da bekommt er mit, dass Ruthven eine junge Gräfin verführen will. Nach Aubreys Intervention wird das verhängnisvolle Rendezvous abgesagt. Denkt er.

In Athen, das er ohne Ruthven erreicht, lernt er in seinem Logis die wunderschöne Ianthe kennen und verliebt sich, wovon sie allerdings nichts mitbekommt. Was er allerdings höchst interessant findet, ist ihr „Ammenmärchen“ von einem Vampir. Was soll das denn sein? Solch ein Mann, erklärt sie, lebe unerkannt unter den Bürgern, sauge aber in regelmäßigen Abständen jungen Mädchen die Lebenskraft (= Blut) aus. Aubrey fällt auf, dass diese Beschreibung exakt auf seinen unliebsamen Bekannten Lord Ruthven passt. Doch Ianthes Eltern bestätigen ihre Geschichte, und das Mädchen warnt ihn davor, nachts durch den nahen Wald zu reiten. Vampire trieben dort ihr Unwesen.

Wie könnte es anders sein, so schafft es Aubrey in der unvertrauten Umgebung nicht, rechtzeitig aus dem Wald herauszukommen. In einer einsamen Hütte will er nach dem rechten Weg fragen. Da hört er einen grässlichen Schrei, der nur von einer Frau stammen kann! Als er eintritt, packt ihn ein Mann von hinten und stößt ihn nieder. Zum Glück erklingen Stimmen von draußen, und der Mann flüchtet. Entsetzt bemerkt Aubrey im Fackelschein Ianthes totes Gesicht – und in ihrem bleichen Hals die Bissmale des Vampirs.

Als Aubrey sein Fieber auskuriert, taucht Lord Ruthven auf. Nachdem dieser Aubreys Entsetzen und Grauen zerstreut hat und der Patient geheilt ist, machen sie sich gemeinsam auf eine Exkursion in eine Gegend, in der es von Räubern wimmeln soll, weshalb sie eine Schutztruppe mitnehmen. Leider erweisen sich die Räuber als zahlreicher und besser bewaffnet. Während diese auf das Lösegeld warten, verändert sich Ruthven. Im Sterben verlangt er Aubrey einen folgenschweren Schwur ab: Er soll über seinen Tod schweigen und ein Jahr und einen Tag lang nichts über das, was er über Ruthven erfahren habe, verlauten lassen. Blöderweise schwört Aubrey „bei allem, was ihm heilig ist“. Die Räuber haben die Leiche des Lords weggeschafft, doch als Aubrey nachschaut, ist nichts mehr davon zu finden …

London. Der letzte Teil des Dramas hebt an. Als Aubreys – im übrigen namenlose, aber ebenso reiche – Schwester nach ihrem 18. Geburtstag in die Londoner Gesellschaft eingeführt werden soll, bemerkt Aubrey zu seinem Entsetzen Lord Ruthven, der sich dem Mädchen nähert. Ein erster Fluchtversuch gelingt, doch später hat Aubrey nicht so viel Erfolg. Sein Geisteszustand verwirrt sich und die Vormünder stellen ihn unter ärztliche Aufsicht. Leider darf er wegen seines Schwurs niemandem verraten, was die Ursache seiner seelischen Verzweiflung ist. Ruthven töten zu wollen, wäre sinnlos, denn er hat ja schon bewiesen, dass er unsterblich ist. Aubrey hat auch den Beweis, dass Ruthven Ianthes Mörder ist.

Aubrey wagt bereits wieder zu hoffen, denn die Zeit arbeitet für ihn: Bald werden das Jahr und der eine Tag vorüber und er frei sein, sein Geheimnis zu verraten! Da eröffnet ihm sein Schwesterherz, dass sie am nächsten Tag heiraten werde, und zwar einen Lord Marston. Man stelle sich Aubreys Erschütterung vor, als sich herausstellt, dass der Bräutigam kein anderer als der verfluchte Vampir ist.

Er setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um die Hochzeit zu verhindern, sind es doch nur 24 Stunden, die er noch zum Schweigen verdammt ist …

_Mein Eindruck_

Polidori lieh sich den Namen seines Antihelden aus einem zeitgenössischen Roman namens „Glenarvon“ aus. Den hatte Lady Charlotte Lamb 1816 veröffentlicht, um sich an ihrem Ex-Lover Lord Byron zu rächen. Alle Welt wusste natürlich, wer sich hinter dem Namen des Schurken „Clarence de Ruthven, Lord Glenarvon“ verbarg. Und so fiel es den Zeitgenossen nicht schwer herauszufinden, wen Polidori meinte, als er einen Vampir mit diesem Namen versah. Und so wie Lambs Ruthven ein Zerrbild war, so ist auch Polidoris Byron eine Karikatur des echten Lords: „ein über Leichen gehender Salonlöwe von messerscharfem Verstand – attraktiv, kaltherzig, weltgewandt, grausam, aber auch charmant – Attribute, die allesamt auf Byron zutrafen“, wie das Booklet schreibt.

Aus diesem Grund ist seine Erzählung „The Vampyre“ nicht nur wegen der unübersehbaren literarischen Qualitäten im Gedächtnis geblieben, sondern auch weil sie einen festen Punkt im Zeit-Raum-Kontinuum markiert und alle späteren Vampirfiguren – die erste Oper folgte schon innerhalb der nächsten Dekade, der erste Film hundert Jahre später – beeinflusste.

Der Byronische Vampir ist ein satanischer, ausgebleichter, weltmüder Aristokrat, dessen Blick – besonders auf Frauen – eine hypnotische Wirkung ausübt und in dem Vampirismus und Verführung Teil des gleichen Vorgangs sind. Die Abgezehrtheit und Weltmüdigkeit sind jedoch lediglich eine Pose: Seine Energie stammt nämlich direkt aus der Hölle.

Der unsterbliche Blutsauger ist einer der Verdammten. Jeder, der mit ihm in Berührung kommt oder seinen Weg kreuzt, bekommt einen Teil von dieser Verdammnis ab. Für Aubrey gestaltet sich diese Begegnung unglücklicherweise so, dass er zunächst seine Verlobte Ianthe, dann seine Schwester und schließlich sich selbst an den Vampir verliert.

Aber aus welchem Grund? Zunächst hindert Aubrey ihn daran, sich an seiner Verlobten gütlich zu tun. Dann macht Aubrey seinen entscheidenden Fehler: Er leistet den Schwur, über Ruthven zu schweigen. Dadurch lädt er einen Teil der Verdammnis auf sich – und verurteilt so seine eigene Schwester zu einem grausamen Schicksal. Dieses kann Aubrey umso besser vorhersehen, als er bereits ein Opfer des Vampirs gekannt und geliebt hat: Ianthe.

Eigentlich müsste sich Aubrey die ganze Zeit in Selbstvorwürfen ergehen, doch Polidori traut dem Leser zu, dies sich selbst vorstellen zu können. Sein junger Held schwebt bereits am Rande des Wahnsinns, als er seine Schwester in Gefahr sieht. Uns interessiert in diesem Moment viel mehr, ob es ihm gelingen kann, Ruthven von seiner mörderischen Tat abzuhalten und sein Opfer zu retten.

In dieser Hinsicht funktioniert Polidoris Erzählung ausgezeichnet als klassische Horrorgeschichte. Das Grauen speist sich nicht so sehr aus Bluttaten, die man – außer in Griechenland – nicht zu Gesicht bekommt, als vielmehr aus der Vorstellung, welches Schicksal dem Opfer droht. Am Schluss schwingt sich die Erzählung zu kriminalistischer Spannung auf, als wir Aubreys Bemühungen folgen, seine Schwester zu retten.

|Woher Vampire kommen|

Woher kommt überhaupt Byrons Vorstellung von einem blutsaugenden Mann, der, wiewohl unsterblich, auf Leben spendenden Nachschub an kostbarem Lebenssaft angewiesen ist? Einen Hinweis liefert Bram Stokers zeitloser Klassiker „Dracula“. Auch hier tritt der Blutsauger als einsamer, unsterblicher Adeliger mit unstillbarem Durst auf, der es auf die Hälse junger Damen abgesehen hat. Der Byronische Vampir ist noch lebendig. In Sheridan Le Fanus [„Carmilla“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=993 (1871/72) tritt der Vampir als eine Verkörperung der antiken Sagengestalt Lamia in Erscheinung – noch dazu lesbisch. Dieser sinnliche Lamia-Aspekt wurde von Theophile Gautier in seiner Erzählung „La morte amoureuse“ (1836) ebenfalls hervorgehoben.

Doch die Idee, dass er noch von jenseits des Grabes als reanimierter Leichnam zuschlagen könnte, stammt laut „Encyclopedia of Fantasy“ aus verschiedenen osteuropäischen Volkslegenden, die solchen Leichen kannibalistische Gelüste zuschreiben. Die drei Einflüsse Byron, Lamia und Kannibalismus fanden ihre perfekte Verschmelzung in Stokers [„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=622 von 1897.

Erst 1980 begannen sich AutorInnen mit der Physiologie des Vampirs zu befassen, so etwa Suzy McKee Charnas in „Der Vampir-Baldachin“ von 1980: Wird ein Virus übertragen, der das Blut verändert? Doch ungeachtet dessen wird der Vampir stets der Inbegriff des dämonischen bzw. dämonisierten Liebhabers bleiben. Gerade wenn die Liebe am gefährlichsten ist, wird sie am aufregendsten. Und deshalb lieben besonders Frauen solche Storys.

_Die Sprecher_

Joachim Tennstedt trägt die Geschichte des Ich-Erzählers wunderbar moduliert und verständlich vor. Es fällt nicht schwer, sich auf jedes Wort, jeden Satz zu konzentrieren – insbesondere dann, wenn man die Geschichte ein zweites Mal anhört. Der Autor hat nämlich etliche hintergründige und geheimnisvolle Verweise hineingepackt, so etwa den, dass Darwell, der Vampir, schon einmal zuvor in der türkischen „Totenstadt“ gewesen ist. Tennstedt spricht Byron in „Gespenstersommer am Genfer See“, daher ist es angemessen, dass er auch Byrons Story vorträgt.

Gleiches gilt für Andreas Fröhlich, der die Rolle des Dr. Polidori so wunderbar lebendig gestaltet hat. Allerdings gibt es hierbei keinen Ich-, sondern einen Er-Erzähler. Das macht aber nichts, denn die meiste Zeit verfolgen wir das Geschehen durch Aubreys Augen. Aber wir sind auch in der Lage, Aubrey selbst kritisch zu mustern. Fröhlich beherrscht die Kunst, durch Verzögern und Beschleunigen bestimmte Satzteile oder Passagen zu betonen, hervorragend.

Übrigens werden uns beide Erzählungen vor einer passenden Geräuschkulisse vorgetragen. An Anfang, Mitte und Schluss kracht der Donner einer Gewitternacht. Im Hintergrund knistert ein Kaminfeuer. Wenn’s richtig heimelig wird, schaudert’s uns am liebsten.

_Das Booklet_

Allein schon das Cover-Design ist genau der Epoche angemessen, aus der die Erzählungen stammen: dunkelbraunes Lederimitat mit Leinenrücken. Darauf ein sepiabraunes Etikett mit den Autorennamen, dem Titel, dem Untertitel und den Namen der Sprecher. Einzig der Titel selbst fällt aus dem Rahmen, denn damals war diese Times-Roman-Schrift nur wenig verbreitet, wage ich zu behaupten. Dafür wirkt der handschriftlich in roter Tinte eingetragene Untertitel „Die Erzählungen“ doch ziemlich authentisch.

_Unterm Strich_

Sollte man dieses Hörbuch kaufen, wenn man bereits [„Der Vampyr oder Gespenstersommer am Genfer See“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=525 besitzt? Nicht unbedingt, denn dort findet man die Byron-Story schon in voller Länge (oder besser: Kürze). Das Hörbuch lohnt sich jedoch vor allem wegen der endlich in voller Länge vorgetragenen Polidori-Story, deren literarische Qualitäten ich bereits oben gelobt habe.

Zwei der besten deutschen Sprecher – man könnte auch Sprachkünstler sagen, wenn es nicht so hochtrabend klänge – tragen die beiden Erzählungen nach allen Regeln der Kunst vor. Donner rollt, ein Kaminfeuer prasselt, und wir lassen unsgerne von diesen Schauergeschichten unterhalten. Ich könnte diese Storys immer wieder hören und doch stets etwas Neues entdecken.

|56 Minuten auf 1 CD
The Vampyre – Fragment of a Novel, 1819, aus dem Englischen von Bernd v. Guseck, ca. 1850;
The Vampyre. A Tale, 1819, aus dem Englischen von Helmut Splinter, 2004|

Wer an Ripper Records schreiben möchte, benutzt am besten die schaurig-sinnige Adresse jack@ripperrecords.de!

Jonathan Swift – Gullivers Reisen

Wundersame Reisen: Idylle des Abenteuers

Der englische Schiffsarzt Lemuel Gulliver sticht 1699 in See. Er strandet zunächst bei den Liliputanern, auf einer zweiten Reisen bei den Riesen von Brobdingnag und schließlich auf der fliegenden Insel Laputa. Enttäuscht von den seltsamen Wesen, denen er begegnet ist, schließt er sich mit Begeisterung den vierbeinigen Bewohnern des Landes der Hoyhnhms an. Wieder zurück in der Heimat, fällt es ihm jahrelang nicht leicht, wieder mit den Yahoos zusammenzuleben …

Der Autor

Jonathan Swift – Gullivers Reisen weiterlesen

Hodgson, William Hope / Newman, Kim / Busson, Paul / Lovecraft, H. P. / Somtow, S. P. / Lueg, Lars P – Necrophobia 2

_Symphonie des Grauens: Scherzo und Finale furioso_

Wieder mal hat Lars Peter Lueg als Regisseur, Produzent und Dramaturg ein Fest für Horrorfans vorbereitet. Sein Adlatus Andy Matern steuerte die Musik, den Schnitt und die Tontechnik bei. Zu den Autoren der neuen Storys gehören die bekanntesten Vertreter des Genres, darunter der unsterbliche Magier aus Providence, H. P. Lovecraft, dann aber auch einige Neutöner wie etwa S. P. Somtow, dessen Story „Summertime“ den Hörer einfach umhaut.

_Erzählung #1: William Hope Hodgson: Die Stimme aus dem Nichts_

|Der Autor|

William Hope Hodgson (1877-1918) war ein englischer Autor, der von 1891-99 bei der Handelsmarine arbeitete. Viele seiner Storiys stützen sich daher auf seine Seefahrer-Erlebnisse, beziehen das Unheimliche oder Übernatürliche ein, seine Romane „Das Haus an der Grenze“ (1908) und „Das Nachtland“ (1912) sind herausragende Beispiele für unheimliche Visionen in eine erschreckende Zukunft der Erde. „Die Stimme aus dem Nichts“ erschien zuerst 1907 unter dem Titel „The Voice in the Night“.

|Der Sprecher|

Der Synchronsprecher Helmut Krauss schenkt seine sonore und imposante Stimme u. a. Marlon Brando und Samuel L. Jackson. Krauss wurde am 11. Juni 1941 in Augsburg geboren. Nach seiner Schauspielausbildung machte er an diversen Theatern erste Bühnenschritte, studierte nebenher Pädagogik. 1963 übersiedelte er nach Berlin und arbeitete beim Rundfunk. Es folgten Engagements bei Fernsehen, Theater, Musical, Kabarett, Film und Synchron. Seit 1980 hört und sieht man Krauss als Nachbar Paschulke in Peter Lustigs ZDF-Kinderserie „Löwenzahn“.

|Handlung|

Ein Segler ist im Pazifik in eine Flaute geraten. Die Langeweile an Bord wird durch penetranten Nebel noch verstärkt. Während sein Freund Will schläft, hört der Ich-Erzähler eine Stimme aus der Nacht erschallen: „Schiff ahoi!“ Doch der Besitzer der Stimme, offenbar ein alter Mann, will sich nicht zeigen, schon gar nicht im Lampenlicht, sondern bittet lediglich für sich und seine kranke Frau um Proviant.

Der wird ihm selbstverständlich gewährt, und so kehrt er in der nächsten Nacht zurück, um seine Geschichte zu erzählen. Und um diese geht es im Grunde. John erlitt mit dem Passagiersegler „Albatros“, der von Newcastle nach San Francisco unterwegs war, Schiffbruch. Nach vielen Strapazen und Fährnissen strandeten er und seine Verlobte an einer seltsamen Insel unweit der südamerikanischen Küste.

Deren Boden ist von einem merkwürdigen, grauweißen Pilz bedeckt: Dieser Pilz kann sich bewegen und menschlichen Formen wie etwa Arme bilden. Nach vier Monaten der Bekämpfung zeigt sich der erste Übergriff des Pilzes auf menschliches Gewebe. John ertappt seine Frau dabei, wie sie von dem Pilz isst, als ob er ihr wirklich schmecken würde. Nicht lange, und ihm geht es genauso. Eine Umwandlung beginnt …

|Mein Eindruck|

Die Atmosphäre ist von Anfang an etwas unheimlich, doch als der Unbekannte aus der Nacht mit seiner Geschichte auftaucht, nimmt die Stimmung eine eindeutig bedrohliche Note an. Pilze, die wie Menschen aussehen und sie übernehmen? Klingt nicht sehr lustig, und die allerletzte Zeile – die „punch-line“ – verpasst dem Leser denn auch einen ordentlichen Tiefschlag, eben einen „punch“.

|Der Sprecher|

Helmut Krauss bringt mit seiner tiefen Stimme das Grauen dieser Begebenheit zur vollen Wirkung. Es fängt ganz langsam an, wird aber dann immer bedrohlicher, bis der Schrecken mit der letzten Zeile unvermittelt zuschlägt.

_Erzählung #2: Kim Newman: Der Mann, der Clive Barker sammelte_

|Der Autor|

Kim Newman, geboren 1959, ist ein britischer Schriftsteller, Kritiker und Radiosprecher, der früher mal im Kabarett auftrat. Zum einen verfügt Newman über ein umfassendes Wissen über phantastische (Horror etc.) Filme, zum anderen über einen bissigen Humor. Und selbstverständlich kennt er alle wichtigen Genre-Autoren in seinem Land, von Clive Barker über Neil Gaiman bis hin zu Paul McAuley. „The Man Who Collected Clive Barker“ erschien 1990.

|Die Sprecherin|

Bekannt wurde Marianne Groß als die deutsche Stimme von Anjelica Huston und Cher. Außerdem ist sie laut Verlag eine herausragende Synchronregisseurin und Dialogbuch-Autorin. 2004 wurde sie zweifach mit dem Deutschen Synchronpreis ausgezeichnet.

|Handlung|

Salley Rhodes, eine von den Serienhelden des Autors, ist eine Privatdetektivin, die sich gerne mit unheimlichen und okkulten Dingen befasst. Im Auftrag des „Australiers“ besucht sie den Buchsammler David Ringham in seinen Geschäftsräumen. Diese sind hypermodern eingerichtet, was Sally reichlich verblüfft: Dave sammelt nämlich die alten Schwarten und Hefte, die man als „Pulp“ bezeichnet, also wirklich unterste Schublade. Wie kann er sich diese moderne Einrichtung bloß leisten?

Dave ist Sammler mit Leib und Seele, er kennt alle seine Autoren und behandelt selbst Pulphefte wie Heiligtümer. Das Herzstück seiner Sammlung bildet Clive Barker. Er hat einfach alles von ihm. Aber nicht nur die normalen Ausgaben, die Hinz und Kunz im Laden kaufen können, sondern die wirklich wertvollen Sonder-Sonderausgaben, Sie wissen schon: mit Widmung, Spezialausstattung und so. Da wäre beispielsweise jene Ausgabe der „Bücher des Blutes“, die ganz in Menschenhaut gebunden ist und – nebst einer Widmung des Autors – mit dessen Blut gekennzeichnet ist. Doch es ist nicht die Haut irgendeines x-beliebigen Menschen, nein, meine Lady, sondern die mexikanischen Spender der Haut haben sich vor ihrem Ableben die Titelseite in ihren Rücken eintätowieren lassen – das nennt man Hingabe, was! Leider ist die Buchbinderin seitdem spurlos verschwunden …

Sally Rhodes interveniert und zückt ihren Ausweis als Detektivin: „Wissen Sie, wo Clive Barker ist?“ fragt sie streng. Dave lässt sich jedoch nicht beirren. „Schauen Sie mal, was ich hier als Krönung meiner Sammlung habe …“

|Mein Eindruck|

David Ringham, der Sammler, ist der lebende Beweis dafür, dass Passion, also Leidenschaft, in Obsession, in Besessenheit, umschlagen kann, ohne dass es der Betroffene überhaupt merkt. Das Fiese an der Story ist ja, dass der Leser / Hörer schon eine Weile vor dem Ende merkt, wie der Hase läuft, aber einfach nicht glauben kann, dass es wirklich so ist: Wo ist Clive Barker? Mit Daves stolzem Blick schauen wir genau darauf … Die Story ist ein schlagendes Beispiel dafür, dass auch das Makabre bestens funktioniert, wenn nämlich der wider besseres Wissen ungläubige Leser / Hörer gnadenlos über die Kante des Abgrunds gezerrt wird.

|Die Sprecherin|

Marianne Groß vermittelt in gleichem Maße die wachsende Begeisterung des Sammler für das Herz-Stück (sic?) seiner Sammlung, die einhergeht mit einer wachsenden Ungläubigkeit seitens Sally Rhodes‘, die schließlich in Entsetzen umschlägt. Genau so muss die Story gelesen werden. Da hilft es nicht, zimperlich zu sein und ins Stocken zu geraten, sondern der Hörer müssen volle Kanne mit auf die Fahrt in den Abgrund des Grauens mitgenommen werden. Bravourös!

_Erzählung #3: Paul Busson: Rettungslos_

|Der Autor|

Es liegen mir keine Informationen zum Autor vor. Die Geschichte erschien zuerst im Jahr 1903.

|Der Sprecher|

Lutz Riedel ist die deutsche Stimme von Timothy Dalton (James Bond u.a.). Er zeigt auf diesem Hörbuch seine „herausragenden Sprecherqualitäten, die den Hörer mit schauriger Gänsehaut verzaubern“. Er war auch „Jan Tenner“ in der gleichnamigen Hörspielserie.

|Handlung|

Schon zwei Tage liegt der Scheintote bei vollem Bewusstsein in diesem Sarg, kann sich aber weder rühren noch verständlich machen, wenn seine Gattin um ihn weint oder der Priester die letzte Ölung vornimmt. Dann wird der Sarg ins kühle, dunkle, stille Grab hinabgelassen und Erde daraufgeworfen. Endlich gelingt es dem Bestatteten, zwei Finger seiner rechten Hand zu bewegen. Ein ganz klein wenig zu spät.

|Mein Eindruck|

Tja, was würde ich tun, wenn ich scheintot, aber bei vollem Bewusstsein im Sarg läge? Ich würde wahrscheinlich (vergeblich) versuchen, mich in den Hintern zu treten, dass ich so blöd war, mich überhaupt in diese Lage zu bringen. Als ob das irgendwie helfen würde! Die Story hat mich nicht beeindruckt, vielleicht auch deswegen, weil sie so kurz ist. Sie passt genau an den Schluss der ersten CD, weswegen sie wohl ausgewählt wurde: als Füllsel.

|Der Sprecher|

Dennoch legt der Sprecher Lutz Riedel all seine beträchtliche Ausdruckskraft in den Vortrag der Geschichte. Wider Willen ist der Hörer fasziniert von der absonderlichen Situation des Lebendigbegrabenseins des Ich-Erzählers und ein leises Grauen beschleicht ihn. Über die Schlusspointe kann man entweder zusammenzucken oder laut auflachen, je nach Mentalität des Hörers.

_Erzählung #4: H. P. Lovecraft: Der Außenseiter_

|Der Autor|

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin. „The Outsider“ wurde 1926 veröffentlicht.

|Der Sprecher|

David Nathan gilt als einer der besten Synchronsprecher hierzulande. Seine Erzählkunst erweckt den Horror zum Leben. Im Kino erlebt man ihn als Stimmbandvertretung von Johnny Depp und Christian Bale.

|Handlung|

Der Story ist ein Motto von John Keats, einem englischen Dichter der Romantik, vorangestellt. – Ein unbekannter Ich-Erzähler berichtet uns, dass er sein bisheriges Leben tief unter der Erde in den Gewölben eines uralten Schlosses, ohne Kontakt mit der Außenwelt, verbracht hat.

„Ich weiß nicht, wo ich geboren wurde, außer dass das Schloss unendlich alt und unendlich grauenvoll war, voller dunkler Gänge und mit hohen Decken, an denen das Auge nur Spinnweben und Schatten wahrnehmen konnte. Die Steine in den verfallenden Korridoren schienen immer schrecklich feucht, und überall war ein widerwärtiger Geruch wie von den übereinander gestapelten Leichen toter Generationen. Nie war es hell, so dass ich manchmal Kerzen anzündete und sie still betrachtete, um mich zu trösten; auch schien draußen niemals die Sonne, denn die schrecklichen Bäume wuchsen weit über den höchsten zugänglichen Turm hinaus. Es gab einen einzigen schwarzen Turm, der über die Bäume hinaus in den unbekannten äußeren Himmel ragte, aber dieser war teilweise eine Ruine, und man konnte ihn nicht ersteigen, es sei denn, man hätte das schier Unmögliche vollbracht, Stein für Stein die senkrechten Wände emporzuklimmen.“

Letztlich beschließt der Außenseiter doch, seine Behausung zu verlassen und den finsteren Turm zu ersteigen. Er gelangt auf den festen Erdboden und befindet sich auf einem verlassenen Friedhof. Nach einer nächtlichen Wanderung erreicht er ein anderes Schloss, das ihm irgendwie bekannt vorkommt. Aus den offenen, erleuchteten Fenstern dringt ihm der fröhliche Lärm eines Festes entgegen.

Die pötzliche Erscheinung des Fremden versetzt die Festgesellschaft in panischen Schrecken, und sie ergreift in wilder Hast die Flucht. In einem Rahmen erblickt der Fremde ein dunkles Ungeheuer, das wie ein Kadaver aussieht, und erschrickt. Er taumelt und berührt das Monster an seiner Klaue, denn er hat noch nie in seinem Leben einen Spiegel gesehen …

|Mein Eindruck|

Bei keinem Zuhörer wird diese grausige Story ihre Wirkung verfehlen. Allein schon der Moment der Erkenntnis für den Fremden ist einfach purer Horror. Anfang und Stil der Geschichte erinnern an Edgar Allan Poe, bei dem ebenfalls Figuren und Erzähler vorkommen, die aus einem „uralten und dekadenten Geschlechte“ stammen. Sehr wirkungsvoll ist natürlich der Kunstgriff, die Geschichte aus der Perspektive des Phantoms – anscheinend ein auferstandener Leichnam oder ein Ghoul – zu erzählen.

Das Erscheinen des unheimlichen Gastes auf dem Fest ruft Assoziationen zu Poes klassischer Erzählung „Die Maske des roten Todes“ hervor. Bekanntlich bewunderte HPL Poe als Meister des Unheimlichen ohne Ende und eiferte ihm anfangs fleißig nach. Diese Story stammt aus dem Jahr 1926, also vom Ende der ersten zehnjährigen Schaffenszeit HPLs (die zweite dauerte von 1927 bis zu seinem Tod 1937).

Die albtraumhafte Erzählung lässt sich psychoanalytisch interpretieren, und Prof. Dirk Mosig hat dies im Sinne C. G. Jungs erfolgreich unternommen („The Four Faces of the Outsider“, in „Nyctalops“, Vol. II, 1974, S. 3-10); unter anderem regt er eine autobiografische Deutung an.

Wie auch immer man die Story auffasst: Sie gehört zu den wirkungsvollsten und am häufigsten abgedruckten Geschichten des Meisters aus Providence.

|Der Sprecher|

Zum Glück liegt der Lesung nicht die alte Übersetzung von H. C. Artmann zugrunde, sondern die moderne von Andreas Diesel und Frank Festa. So kann es gelingen, dass die unzähligen Adjektive wie unheilvoll, grausig, finster, düster, modrig usw. usf. nicht völlig veraltet daherkommen, sondern halbwegs modern. (Zudem hat Artmann nicht immer hundertprozentig werkgetreu übersetzt.)

Wie auch immer, jedenfalls klingt David Nathan an keiner Stelle wie Johnny Depp. Statt dessen relativ heller und sanfter Synchronstimme hat Nathan eine recht dunkle, tiefe Stimmlage gewählt, die besser zur der albtraumartigen Geschichte passt. Aufgrund der Struktur der Story dauert es aber eine ganze Weile, bis das Grauen ordentlich zuschlägt.

_Erzählung #5: S. P. Somtow: Summertime_

|Der Autor|

S. P. Somtow ist das Pseudonym des 1952 geborenen Thai-Schriftstellers, Komponisten und Filmemachers Somtow Papinian Sucharitkul. Unter diesem Namen schrieb er zunächst in den 80ern Science-Fiction, danach schwenkte er zu Fantasy um, die von der „Encyclopedia of Fantasy“ als „originell“ bezeichnet wird. 1984 veröffentlichte er seinen ersten Horrorroman: „Vampire Junction“, der angeblich die Splatterpunk-Bewegung vorweggenommen hat. (Fortgesetzt in „Valentine“, 1992, und „Vanitas“, 1995.) Die Story erschien unter dem Titel „Fish are Jumping, and the Cotton is High“ erstmals 1996. Andreas Diesel hat sie in Deutsche übertragen.

|Der Sprecher|

Torsten Michaelis ist der Synchronsprecher von Wesley Snipes. Durch sein Spektrum an verschiedenen Klangfarben wird er für die unterschiedlichsten Rollen eingesetzt. Er kann auf über 400 synchronisierte Filme zurückblicken.

|Handlung|

Der zwölfjährige Jody und sein Dad sind wie jeden Sommer unterwegs, um Fische zu fangen. Diese besondere Spezies der Fische jedoch ist weiblich und geht auf zwei Beinen, trägt meist einen Minirock und ein winziges Handtäschchen. Man kann diese Fischart ziemlich leicht erspähen, und so ist die Jagd meist erfolgreich. Jody und Dad sind Menschenfischer, zwei moderne Apostel. Im Kofferraum begleitet sie Großmutter. Ihre Gebeine liegen in einem Koffer, so dass sie es stets schön warm hat.

In dem Städtchen Sweetwater werfen Jody und Dad den Köder aus, denn die Fische sind manchmal misstrauisch und hüpfen nicht gleich an den Haken. Sobald sich der Fisch über den scheinbar verwundeten Jody beugt, braust Dad mit seinem Wagen heran und fängt die Frau mit einem Lasso ein. Sie wird verschnürt und geknebelt, in der Scheune eines verlassenen Bauernhofes findet dann das Gericht statt.

Dabei liest Jody zunächst passende Stellen aus der heiligen Schrift vor, um der Sünderin klarzumachen, worum es überhaupt geht. Durch verschiedene handgreifliche Maßnahmen bringt sein Dad dann die Sünderin dazu, Gott um Vergebung anzuflehen. Dann erlöst er sie von ihrem Dasein und führt ihren Körper seiner natürlichen Bestimmung zu. Und wieder einmal erzählt er seinem Sohn, warum sie das Menschenfischen jeden Sommer unternehmen müssten und wie alles damit anfing, dass Dad seine Mutter beim Sündigen ertappte.

Leider klappt ihre Jagdmethode immer weniger gut, je weiter Jody und Dad ihr Jagdrevier durchstreifen und je mehr Aufsehen ihr Treiben erregt. Und so stoßen sie eines Tages auf einen sehr hübschen Fisch, der leider selbst ein Köder ist …

|Mein Eindruck|

Dass das Grauen auch furchtbar viel Spaß machen kann, beweist diese herrlich makabre Geschichte, bei der einem glatt das Lachen im Halse stecken bleibt, wenn man nicht die richtige Art von schwarzem Humor mitbringt. Außerdem sollte man ordentlich abgebrüht sein, was die Darstellung sinnlicher Details anbelangt, und wissen, was wohl mit der „Milch der Gnade“ gemeint ist, wenn zwei Männer davon reden …

Natürlich ist „Summertime“ – der Titel verweist auf Gershwins Idylle vom amerikanischen Süden – eine waschechte Satire. Ihr Ziel ist die frömmelnde Bigotterie, mit der fundamentalistische Christen gegen die Vertreter der Sünder, hier als „Hure von Babel“ bezeichnet, zu Felde ziehen. Der Autor spielt lediglich durch, wie es wäre, wenn es nicht mehr bei Hetzreden bliebe, sondern sich einer dieser Männer nach einem einschneidenden Erlebnis (à la Ödipus mit seiner Mutter) dazu berufen fühlte, selbst zur Tat zu schreiten.

Besonders makaber: Nur wenn das Opfer um Vergebung seiner Sünden fleht, kann ihm Erlösung gewährt werden. Alles andere ist hingegen Mord. So hat es Dad seinem Sohn beigebracht. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, als Jody quasi vom Glauben abfällt. Aber erst, nachdem Dad selbst den seinen schon verloren hat. Man sollte nun hoffen, dass Jody später geheilt werden kann. Aber alles, was weiblich ist und nach Fisch riecht, so beharrt seine Erinnerung, muss eine verkappte „Hure von Babel“ sein. Dieses Detail liefert denn auch noch einmal eine Pointe, die den Leser umhaut.

Wäre eigentlich nur noch die Frage zu klären, wie es kommt, dass Jody Dads leiblicher Sohn ist, wenn Dad doch alle Frauen als des Teufels betrachtet hat. Ob wohl die Gebeine von Großmutter in ihrem „Koffer“ die Antwort kennen? Ein Grund, den „Summertime Blues“ zu kriegen.

|Der Sprecher|

Torsten Michaelis vermag es ausgezeichnet, die enervierend makabre Geschichte mit völliger Aufrichtigkeit vorzutragen. Denn es ist der gläubige Jody, der sie uns erzählt. Dessen naive Einstellung spiegelt sich in seiner hellen Kinderstimme wider.

Dagegen nimmt sich die Stimme seines Dads, der schon lange auf der Fischjagd ist, viel dunkler, schleppender, unheilvoller aus. Wenn einmal ein „Fisch“ angebissen hat, so klingt auch die reichlich aus dem Häuschen geratene Lady entsprechend hoch und kreischend. (Nicht so jedoch der weibliche Köder.) Will heißen, dass der Hörer jederzeit klar unterscheiden kann, wer gerade spricht.

_Unterm Strich_

Eine „Symphonie des Grauens“ könnte man mit Murnau diese Sammlung von Horrorstorys nennen. Sie fängt ganz leise, verhalten und vielfältig (Scherzo inklusive) an, um dann auf der zweiten CD mit zwei Glanzstücken zu prunken, die in einem höchst makabren und actionreichen Finale enden. Man kann dem Hörer nur einen robusten Magen wünschen!

Besonders die zweite CD macht deshalb richtig Laune, und man möchte gleich wieder von vorne anfangen, um sich die Schmuckstückchen noch einmal in allen Details zu Gemüte zu führen. Wer jetzt noch kein Freund von Horror gewesen ist, wird es spätestens mit dieser schönen, vielseitigen Kollektion werden.

|146 Minuten auf 2 CDs|

Winterson, Jeanette – Verlangen

Zwei Menschen wachsen in der Ära Napoleons auf und finden zueinander am unwahrscheinlichsten Ort: in den Schützengräben vor Moskau, wo die Grande Armée des Korsen lagert, hungert und friert. Doch die Lady hat ein Geheimnis, denn sie kommt aus Venedig, einer Stadt, in der fast alles möglich ist …

_Die Autorin_

Die 1959 in England geborene Jeanette Winterson wurde von einer Familie von Pfingst-Evangelisten aufgezogen. Ihre Bestimmung war es eigentlich, Missionarin zu werden. Stattdessen verließ sie ihr Zuhause, um verschiedene Tätigkeiten auszuüben, bevor sie sich für ein Englisch-Studium an der Uni Oxford einschrieb. Sie arbeitete im Theater, bevor sie ihren ersten Roman „Orangen sind nicht die einzige Frucht“ veröffentlichte, der den angesehenen Whitbread-Literaturpreis für den besten Debütroman gewann. Auch „Verlangen / The Passion“ errang eine Auszeichnung. Seither hat sie folgende Romane, Erzählungen und Essays veröffentlicht:

– Das Geschlecht der Kirsche
– Das Schwesteruniversum
– Das Powerbook
– Auf den Körper geschrieben
– Kunst und Lügen
– Lighthousekeeping

_Handlung_

|Teil 1: Der Kaiser|

Man schreibt das Jahr 1804. Henri, das französische Landei, hat sich den Soldaten in Napoleons Armee angeschlossen. Im Lager bei Boulogne an der Kanalküste hilft er aber meist nur in der Küche und trägt dem Feldherrn Bonaparte das Essen auf. Der General plant die Invasion Englands, doch irgendwie kommt es nicht dazu. Er ist mehr mit dem Werben um eine gewisse Josephine Beauharnais beschäftigt, als sich um die Invasionsarmee zu kümmern.

Henri verehrt den General ebenso wie seine Mutter, und als sich Napoleon zum Kaiser der Franzosen – und etlicher unterworfener Länder – erklärt, sind beide völlig aus dem Häuschen. Derweil lungern die Soldaten der Invasionsarmee vor sich hin. Sie vertreiben sich die Zeit hauptsächlich mit Saufen und Herumhuren, wovon es einige drastische Szenen zu erzählen gäbe. Immerhin hält wenigstens einer ein Auge auf die Engländer: der irische Priester Patrick, der Henri eine nette Geschichte über irische Kobolde zu erzählen weiß.

|Teil 2: Die Pikdame|

Venedig im Jahre 1804. Die Lagunenstadt ist von den Franzosen besetzt, nachdem Bonaparte Oberitalien usw. erobert hat. Hier lebt die junge Frau Villanelle, die mit einem Gondoliere verheiratet ist, der sie aber verlassen hat. Ihr Geheimnis: Zwischen ihren Zehen befinden sich Schwimmhäute. So was kommt vor, sagt sie. Aber sie sagt auch: Ich erzähl euch Geschichten, vertraut mir. Ob sie wohl auf dem Wasser laufen kann? Die Bettler munkeln davon. Doch Venedig ist voller Geschichten.

Während sich die Einwohner und Besatzer im Casino vergnügen, legt sie ihnen die Karten, verkleidet als junger Mann. Eine schöne Dame zieht die Pikdame, das Symbol Venedigs und ein Zeichen des Glücks. Sie streicht dem „jungen Mann“ über die Wange, eine Leidenschaft entfachend, die zwischen Täuschung und Sehnsucht gefangen ist. Vorerst bleibt es daher bei heißen Küssen, während der Gatte der Dame auf Reisen ist. Mehr wird daraus, als die Dame erklärt, sie wisse längst, dass Villanelle kein Mann sei. Passion – Leidenschaft, das ist der Zustand zwischen Furcht und Sex, sagt Villanelle. Und verliert die Dame an deren Ehemann. Es ist der Neujahrstag 1805.

|Teil 3: Der Null-Winter|

Henri ist inzwischen in Russland angekommen, auf Bonapartes unglückseligem Winterfeldzug nach Moskau im Jahr 1812. Die russische Armee stellt sich Bonaparte nicht, sondern weicht immer weiter ins Land zurück, wobei sie die Dörfer niederbrennt, um dem Feind weder Unterkunft noch Verpflegung zu hinterlassen. Schon bald geht der Herbst in den Null-Winter über, auf den die Soldaten in keinster Weise vorbereitet sind. Sogar die Stadt Moskau, die Bonaparte demütigen wollte, um sich am Zaren zu rächen, wird von ihren eigenen Bewohnern niedergebrannt. Henri hasst den einst bewunderten Mann.

Nur Henri geht es noch einigermaßen gut, weil er in der Küche des Generals arbeitet. Doch seine Freunde Domino und Patrick haben es nicht so gut getroffen. Er beschließt zu desertieren. Domino lehnt es als Wahnsinn ab, Henri zu begleiten, doch Patrick, der irische Ex-Priester mit dem fern-sehenden Auge, hat nichts dagegen. Und zu ihrem Glück kommt noch jemand mit: Villanelle.

Wie hat es sie nur nach Moskau verschlagen? In einem Unterstand auf dem langen Fluchtweg nach Venedig erzählt sie ihnen davon. Es ist eine Geschichte in der Geschichte. Jedenfalls wurde sie in Venedig, der Stadt der Verkleidungen und Intrigen, von ihrem Ehemann, den sie bestohlen hatte, an Bonapartes General Murat verkauft, für eine stattliche Summe. Sie sollte den Offizieren jederzeit zur Verfügung stehen. Als sich die Gelegenheit bot, ihnen zu entkommen, zögerte sie nicht und schloss sich Henri an.

Der hat sich in die Schöne verliebt und würde sie am liebsten heiraten. Doch Villanelle hat wohl andere Pläne …

|Teil 4: Der Fels|

Wie jeder weiß, haben die Feinde des Korsen den abgesetzten Kaiser auf ein einsames Eiland mitten in der Wasserwüste verbannt. Henri ergeht es beinahe genauso. Nachdem er in einen Mord an dem Koch, den er im 1. Teil kennen gelernt hatte, verwickelt worden ist, hat man ihn zur Verbannung in ein Irrenhaus verurteilt. Und dieses liegt auf einer einsamen Insel in der Bucht von Venedig. Dort besuchen ihn die Geister der Vergangenheit …

_Mein Eindruck_

Der vierteilige Roman, Wintersons dritter, lässt sich sehr gut als Beispiel für Magischen Realismus beschreiben. Das Setting der Handlung ist durchweg in der Geschichte und den Ereignissen der Napoleonischen Ara festzumachen, sowohl an der Kanalküste und in Moskau als auch in den zwei Venedig-Kapiteln. Aber das phantastische Element dringt mit der geheimnisvollen Figur der Villanelle ein. Als Tochter eines Bootsführers weisen ihre Füße Schwimmhäute auf. Ob sie damit wirklich auf dem Wasser gehen kann, wie sie behauptet? Henri wird es herausfinden.

Venedig selbst ist ein magischer Ort. Die Lagunenstadt ist ein Labyrinth aus Kanälen, an deren Rändern alle möglichen Wesen leben oder besser: vegetieren. Villanelle kennt diese Wesen seit ihrer Kindheit – und auch deren persönliche Geschichten, so etwa die der uralten Frau in Lumpen, die einstmals eine reiche Gräfin war. Aufstieg und Fall liegen ebenso eng beieinander wie Wahrheit und Täuschung. Nicht umsonst feiert man hier regelmäßig Karneval und treibt allerlei Mummenschanz. Im Kasino, in dem Villanelle als Wahrsagerin arbeitet, liegen Vergnügen und Unglück eng beieinander. Karten wie die Pik-Dame, das Symbol Venedigs, verheißen Glück – auch in der Liebe.

|Passion: Leidenschaft, Leidensgesichte|

Deshalb ist der Roman auch eine wunderschöne Variation auf das Motiv der Liebesgeschichte. Liebe, Passion – was in der Übersetzung nicht ganz korrekt mit „Verlangen“ gleichgesetzt wird – und natürlich damit einhergehenden Obsessionen. Passion, also Leidenschaft, das sei der Zustand zwischen Furcht und Sex, weiß Villanelle. Und sie könne leicht in Obsession umschlagen, wenn diese Liebe enttäuscht werde. Das ist der Fall mit Henris Liebe zu Napoleon, der seine große Armee in den Untergang geschickt hat.

Wie sieht das Endstadium der Obsession aus? Henri entzieht sich ihr in einem Irrenhaus, mit den Geistern der Vergangenheit und einer fernen Villanelle, die ab und zu mit ihrer ebenso rothaarigen Tochter, Henris Kind, vorbeirudert. Denn „Passion“ bedeutet im Englischen auch „Leidensgeschichte“. Und wenn man genau hinsieht, geht es nicht um irgendeine „passion“, sondern um „The passion“, eine ganz bestimmte Leidenschaft und Leidensgeschichte. Diese muss jeder Leser im Buch für sich selbst suchen. Denn die „Passion Christi“ wird wohl kaum gemeint sein.

|Die Poesie der Sprache|

Das hervorstechendste Merkmal des Romans ist seine poetische Sprache. Dass hier auch reale Ereignisse auf realistische Weise geschildert werden, ist eher die Ausnahme. Vielmehr entstehen durch die Sprache die Gedanken und Empfindungen der Figuren vor unserem Bewusstsein und lassen einen psychologischen Kosmos zu Leben erwachen, der für diese Figur, Zeit und Epoche einzigartig und unwiederholbar ist.

Die Wirklichkeit ist dadurch viel tiefer beschrieben und erfahrbar als in einem durchweg „realistischen“ Roman. Symbole wie die Pikdame können eine große Bedeutung annehmen und Menschen zu Handlungen veranlassen, die sie sonst unterlassen hätten. Die geschilderte Wirklichkeit kann den Boden der Empirie verlassen: Wer hat schon mal jemanden auf dem Wasser gehen sehen? Oder jemanden mit Schwimmhäuten an den Füßen?

Wenn aber in dieser Welt seltsame und ungewöhnliche Dinge möglich sind, so sind auch Orte und Zeiten mit weitaus mehr Potenzial aufgeladen. Dies gilt insbesondere für Venedig. Es ist eine Welt für sich. Aber Villanelle findet sich in seinen Labyrinthen zurecht, weil sie einer anderen Art von Landkarte folgt, wenn sie die Kanäle befährt. Diese Landkarte ist verinnerlicht und Teil ihres Selbst und so ist auch die Stadt Teil von ihr – und umgekehrt. Als Henri erstmals in Venedig ausgeht, verirrt er sich sofort hoffnungslos. Er ist der Außenseiter.

|Beispiel: Das verlorene Herz|

Villanelle hat ihr Herz verloren. Es muss irgendwo in der Stadt sein, in einem bestimmten Palazzo, und Henri soll es holen. Er hat es ihr versprochen, als er sie in Moskau kennen lernte. Was nun passiert, ist die realistische Darstellung eines symbolischen Vorgangs. Henri findet tatsächlich das Herz, sicher verwahrt in einem Krug, und bringt es seiner Liebsten zurück, die es sich einverleibt. Und ja: Vorher konnte er keinen Herzschlag feststellen, jetzt aber schon. Ist es nicht wundervoll!

In der Tat ist das ebenso wundervoll wie magisch-poetisch. Aber andere Leute wie etwa Schurken haben auch ein Herz, noch dazu ein schwarzes, wie Henri alsbald feststellen muss … Die Autorin schrammt hier hart an der Allegorie vorbei, bleibt aber noch in den weiten Gewässern des Symbolismus. Die Welt ist so viel reicher und schöner, wenn sie tiefer und höher ist als die realistisch wahrgenommene Welt.

_Die Übersetzung_

Mal von dem völlig unpassenden Titelbild abgesehen, so fand ich auch die Übersetzung nicht überzeugend. Über Entsprechungen wie passion = Verlangen kann man sich des Langen und Breiten streiten. Aber wenn Zeilen und Absatzabstände fehlen, hört der Spaß auf.

Gleich am Anfang, auf Seite 17, fehlt ein Satz: „I dropped down beside her.“ Klingt nicht nach viel, aber was, wenn das nicht die einzige Auslassung ist?

Was auf Seite 209 gemacht wurde, ist hingegen viel ärgerlicher für den Leser. Weil an keiner Stelle von einem Über-Erzähler gesagt wird, wer gerade spricht, in Teil 4 aber sowohl Villanelle als auch Henri in der Ich-Form sprechen, ist es umso wichtiger für den Leser, feststellen zu können, wo ein Abschnitt aufhört und ein anderer anfängt. Und genau an der wichtigsten Stelle, nämlich dem Wechsel der Sprecher, fehlt eine Leerzeile zwischen zwei Absätzen.

Die Wirkung: Der Leser meint, er habe es noch mit dem gleichen Sprecher zu tun, gerät aber zunehmends in Verwirrung, weil dieser nun Dinge äußert, die einem ganz anderen Sprecher zuzuordnen wäre. Der Leser wird sich sehr schwer tun, genau diejenige Stelle zu finden, an der der Sprecher wechselt. Die Folge sind Frust und Ärger. Hier hilft nur, sich daran zu erinnern, dass es wahrscheinlich nicht Villanelle, sondern Henri ist, der ein französisches Zitat anführt: „Apres moi, le déluge“ (nach mir die Sintflut).

_Unterm Strich_

Dies ist ein Roman, den man am besten im Original liest. Denn das Wichtigste an seiner Wirkung wird nur durch die besondere Sprache hervorgerufen, ein Element, das in der deutschen Übersetzung nur unzureichend wiedergegeben wurde (und dazu noch mit den oben genannten Fehlern). Die Sprache errichtet einen Kosmos des Erlebens und der Bedeutungsschichten, zwar nur mit kurzen Sätzen und relativ kurzen Abschnitten, doch ihre Wirkung ist hypnotisch im poetischen Gebrauch der Wörter.

Wer versucht, den Roman als Unterhaltung zu lesen, wird schon nach wenigen Seiten scheitern. Denn jeder einzelne Satz will beachtet und ausgekostet sein, ebenso wie die Zeilen eines Gedichts. Und wie sollte dies ergiebiger sein als mit dem Original? In der Übersetzung geht der Übersetzer immer Kompromisse ein, die Möglichkeiten der Bedeutung ausschließen.

Die Handlung könnte sicherlich spannender erzählt werden, doch darum geht es der Autorin nicht. Sie ist stärker daran interessiert, eine Spannung aus dem Meer der Möglichkeiten, die sich aus der Psychologie der beiden Hauptfiguren ergeben, zu generieren. Welche Entscheidungen treffen die beiden? Wohin wird es sie verschlagen, und werden sie dort eine Zukunft haben oder nicht?

Die dritte Hauptfigur ist natürlich der große Korse. Nur vor seinem übermächtigen Schatten als Folie und Kulisse ist das Schicksal von Henri und Villanelle aufführbar. Dies wird wiederholt so gegenübergestellt: Wo der Korse gerade Linien und klare Gesetze durchsetzen will, dort steht ihm in Venedig das genaue Gegenteil entgegen. Venedig ist die Welt der Magie und Poesie: eine „lebendige Stadt“, keine Planung auf dem Reißbrett. Venedig ist auch die Stadt, wo sich lesbische Liebe realisieren lässt, während in Paris nur eine kühle Ehe zwischen Napoleon und Josephine herrscht – und in der Armee nur Hurerei. Während wir uns in den letzten Jahren mit Planermegacities wie Paris oder Berlin abfinden mussten, sehnen wir uns wieder zum kreativen Mikrokosmos à la Venedig zurück.

Ist der Roman also eine rückwärts gewandte Utopie, in der sich die Autorin, eine bekennende Lesbierin, eine Idealwelt zusammenträumte? Das Buch ist nach dem Gesagten eine Um- und Neubewertung nicht nur des Anfangs der Moderne, die mit dem Korsen begann, sondern auch eine Standortbestimmung der Gegenwart, erblickt durch einen Spiegel aus der Vergangenheit. Der Spiegel besteht vor allem aus dem sprachlichen Kosmos, den die Autorin erbaut. Und das ist eine fabelhafte Leistung, ermöglicht durch magischen Realismus.

|Originaltitel: The Passion, 1987
Aus dem Englischen übersetzt von Bettina Runge|

Roché, Henri-Pierre – Jules und Jim

Die Geschichte von „Jules und Jim“ und Kathe ist durch François Truffauts Film von 1961/62 bereits Legende geworden: eine „amour fou“ zu dritt. Zwei junge Literaten, der Deutsche Jules (gespielt von Oskar Werner) und der Franzose Jim, beide verliebt ins Leben und die Liebe, lernen sich 1907 (!) in Paris kennen und teilen fortan ihre Tage. Nichts kann sie trennen, bis eines Tages Kathe kommt, die aufregendste Frau, die ihnen je begegnet ist. Sie (gespielt von Jeanne Moreau) liebt beide, erst Jules, dann Jim, dann wieder Jules. Sie kann nicht ohne Jim leben, aber auch nicht ohne Jules. Bis zur letzten Konsequenz …

|Der Autor|

Henri-Pierre Roché, 1879-1959, war jahrelang Berater und Agent in der Pariser Kunstszene, später Kritiker, Übersetzer und Schriftsteller. In seinem 1953 erschienenen Roman „Jules et Jim“ verarbeitet er seine Freundschaft zu dem deutschen Schriftsteller Franz Hessel. Beide lieben ein Leben lang im Wechsel dieselbe Frau: die Malerin Helen Grund, spätere Hessel.

|Die Sprecherin|

Eva Mattes spielte an allen großen Bühnen Deutschlands und war in zahlreichen Film- und Fernsehrollen zu sehen, u. a. als „Tatort“-Kommissarin Klara Blum. Filmfreunden ist sie vor allem als eine der Lieblingsschauspielerinnen von Rainer Werner Fassbinder in Erinnerung, sie spielte aber auch neben Klaus Kinski in Büchners „Woyzeck“ (Wim Wenders). Für |Hörbuch Hamburg| hat sie u. a. das Nixenmärchen „Undine“ von Friedrich de la Motte Fouqué gelesen.

Das Titelbild zeigt das Trio Jules, Jim und Kathe in einer Szene des Films, die am Strand spielt.

|Hinweis|

Es ist anfangs ein wenig verwirrend, dass der Franzose Jim einen englischen Namen trägt und der Deutsche Jules einen französischen. Man kann nur annehmen, dass der Autor nicht wollte, dass der Leser die beiden Männer automatisch einem bestimmten Land zuordnet, nur weil sie einen entsprechenden Namen tragen. Sie könnten auch ganz andere Namen tragen. Kathe hingegen ist weder ein deutscher noch ein französischer oder englischer Name, hat aber Anklänge an die Namen Käthe und Katharina bzw. Catherine.

_Handlung_

Man schreibt das Jahr 1907, in dem die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Der Weltkrieg ist noch weit entfernt. Jim stammt aus Paris und nimmt seinen zu Besuch weilenden Freund Jules auf einen Ball mit, denn Jules braucht hier ein Mädchen. Er hat zwar schon drei in München, woher er stammt, doch warum soll er in der Fremde einsam sein? Die beiden Freunde schreiben Gedichte und übersetzen aus der Sprache des jeweils anderen.

Als Jim den Besuch erwidert, werden die Schönheitsideale der beiden ebenso klar wie ihre charakterlichen Eigenschaften. Jules ist geduldig, aber nicht so fordernd wie Jim, und macht gerne den Spielleiter, allerdings fehlt ihm eine gewisse Festigkeit in seinen Entschlüssen. In Jims Augen ist Luzie eine „gotische Schönheit“, der die Strenge einer Äbtissin eignet.

Gertrud hingegen reißt gern Bäume aus, ist eine ledige Mutter (skandalös für die damalige Zeit), ein verbannter Freigeist und eine „griechische Schönheit“. Lina, Jules‘ Freundin Nr. 3, findet keineswegs Jims Interesse und scheidet sozusagen aus dem Spiel aus. Da wir die Geschehnisse aus Jims Sicht (auch der Autor ist Franzose) betrachten, erkennen wir schnell seine Eigenschaften: Er ist kein Kostverächter, sondern weiß zuzupacken. Allerdings ist die Freundschaft zu Jules für ihn sehr wertvoll.

|Prototyp|

Luzie, Jules und Jim – dieses Dreieck ist bereits eine Vorform dessen, was später folgen soll. Es bestehen keinerlei Geheimnisse zwischen den dreien, und das ist das Wichtigste für diese Art von Liebesfreundschaft. Luzie lehnt Jules‘ Heiratsantrag ab, meint aber, zu dritt wären sie ideal für sie. Es folgen philosophische Ausführungen über Relativität und Absolutheit, die für eine „ménage à trois“ relevant sind.

|Prägung|

Eine weitere Vorstufe für das, was kommen soll, ist die Griechenlandreise. Gemeinsam besuchen Jules und Jim die antiken Stätten und ziehen durch die Bars von Athen, wo sie die Schönheiten mit Gertrud und Luzie vergleichen. Als penetrant dogmatischer Führer schließt sich ihnen der rassistische Albert an, der später noch vielfach auftauchen wird, denn er wird von Kathe als Waffe gegen Jules & Jim benutzt. In Delphi haben Jules & Jim ein Aha-Erlebnis: Sie bewundern eine antike griechische Statue. Das Lächeln der Frau zieht sie in ihren Bann: Es ist göttlich, bezaubernd, aber auch ein wenig kalt und gnadenlos.

|Kathe|

Daher sind sie quasi wie vom Blitz getroffen, als sie unter den vier Berlinerinnen, die sie in Paris besuchen kommen, eine Frau entdecken, die exakt das gleiche Lächeln aufweist wie jene Statue. Es ist Kathe. Am Nationalfeiertag verkleidet sich die junge Frau als Junge, den alle Thomas nennen müssen. „Sein“ Lächeln ist schön und grausam zugleich in seiner Unschuld. Die Pariser lassen sich von der Verkleidung nicht lange narren.

Jules verliebt sich in die blonde „germanische Schönheit“, die sowohl ihn als auch Jim um den kleinen Finger wickelt. Als Jim erfährt, dass sein Freund Kathe heiraten will, hat er Bedenken. Jim kennt sich mit Frauen aus, denn er hat – nach zahllosen Affären, versteht sich – selbst eine heimliche Geliebte in Paris. Nach der Hochzeit kommt es zu einer Krise, als Kathe ohne ersichtlichen Grund in die Seine springt und Probleme mit dem Schwimmen zu haben scheint.

Doch es ist nicht der sonst so autoritäre Jules, der ins Wasser springt und sie rettet, sondern sein Freund Jim. Während Jules geknickt ist, verschwindet Jim, bevor sich ihm Kathe an den Hals werfen kann. Sie triumphiert wie ein siegreicher General. Wieder einmal hat sie ihre Eigenständigkeit behauptet, einfach indem sie den einen gegen den anderen ausgespielt hat. Und wo dies nicht geht, holt sie sich andere Liebhaber ins Bett (nicht ins eheliche, versteht sich), so etwa den erwähnten Albert und andere.

|Nach dem Krieg|

Der Krieg vergeht ebenso wie weitere Jahre, und die drei Liebhaberfreunde sehen sich wieder. Doch das Gleichgewicht im Dreieck verschiebt sich permanent, und so sind die Freuden stets auch mit Leid vermischt. Jim trägt’s philosophisch und erntet die Früchte, die Kathe ihm gewährt, wohingegen Jules sich zu einem duldenden Benediktinermönch entwickelt, der in seiner literarischen Arbeit aufgeht.

|Lebenstaumel|

Doch mit dem fortschreitenden Alter entwickelt Kathe zunehmend Gedanken an Selbstmord. Denn der „Lebenstaumel“, der ihr Lebenselixier ist, lässt sich nun nicht mehr so einfach durch risikoreiche Spiele erringen. Bücher wie Kleists „Penthesilea“ und Goethes „Wahlverwandschaften“ gaben früher Jim Hinweise auf Kathes Interessen.

Aber auf den Reisen an den Atlantik, nach Paris und Venedig erweist sich Kathe als zunehmend abwesend, wenn auch nicht abweisend. Sie hat etwas vor. Jim ahnt, dass es etwas Drastisches sein wird, denn das war schon immer Kathes Art, sich ihr Lebendigsein zu bestätigen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

_Mein Eindruck_

Wenn man Truffauts Film gesehen und sich über die jungen Schauspieler gefreut hat, ist man etwas erstaunt darüber, dass die Dreiecksgeschichte zwischen Jules, Jim und Kathe sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Die Figuren wirken aber auch am Schluss keineswegs alt, sondern so dynamisch wie am Anfang. Das liegt natürlich an Kathe, die sich immerzu bestätigen muss, dass sie eine lebendige Frau ist und sich dazu allerlei Eskapaden leistet.

Es liegt aber auch daran, dass die Außenwelt lediglich in einer Art Chiffren vorkommt, quasi als Kulisse für das Beziehungsgeflecht des Trios. Nur am Rande erfährt man also, dass ein Weltkrieg stattgefunden hat und dass es in Deutschland eine Hyperinflation gibt. Der Eindruck entsteht, dass die ménage à trois der einzige Kosmos ist, der zählt. (Dieser Eindruck mag im Buch ein anderer sein, denn es ist anzunehmen, dass der Text so gekürzt wurde, dass sich die Geschichte auf das Trio konzentriert.) Doch das Trio muss sich an einer Stelle mit der Bürokratie herumschlagen, ob es will oder nicht. Bürgerliche Beziehungen werden eben anders geregelt, meistens schwarz auf weiß.

|Anschaulich|

Weil sich der Text auf die Handlungen konzentriert, ist der Stil anschaulich wie ein Kinofilm und wir folgen den Aktionen der Figuren mit Interesse, ohne dass langweilige Erklärungen die Szene stören würden. Nur selten erfahren wir daher – meist von Jim -, wie sich Jules und Kathe in ihren jeweiligen bürgerlichen Existenzen entwickeln. Aber auch philosophische Betrachtungen über das Wesen einer bzw. dieser ménage à trois sind sehr selten; zumindest kann ich mich an kaum eine erinnern. Wenn jemand reflektiert, dann ist dies in der Regel Jim, unser Mann vor Ort. (Es ist ein französischer Roman für französische Leser, und Jim ist eben Franzose.) Seine Gedanken sind kein Selbstzweck, sondern stellen a) die Chronik der Ereignisse dar und b) sind sie Teil der Interaktion im Trio.

|Unmoralisch? Nie im Leben!|

An keiner einzigen Stelle kommt Jim die Idee, dass die ménage à trois etwas Unmoralisches sein könnte. Warum auch? Das Buch selbst ist ja das Manifest des Autors, dass er solche Beziehugnen nicht als unmoralisch, sondern lediglich als schwierig aufrechtzuerhalten ansieht. Die Probleme liegen nicht auf der moralischen, sondern auf der psychologischen Ebene. Für die Zeitgenossen lag die Herausforderung wohl eher in der Vorstellung, dass nicht nur Männer mehrere Geliebte haben können, sondern auch Frauen. Solche Frauen werden von der Gesellschaft geächtet, wie es der armen Gertrud in München widerfährt.

Auch Kathe kann nicht der freien Liebe frönen, ohne sich alsbald durch eine Heirat den Mantel der Respektabilität umzuhängen, danach aber – sobald die Kinder da sind – mit ihrer Praxis der freien Liebe fortzufahren. Dass Jules sie dabei mehr oder weniger freiwillig deckt, kommt ihr zugute, wirft aber kein gutes Licht auf den Zustand ihrer Ehe. Sie schlafen in getrennten Betten, was bereits alles sagt. Dafür erhält Jim seine Chance, mit Kathe schöne Tage zu verleben.

Es ist nicht so, dass die beiden Männer eines Tages beschlossen hätten, dass sie sich Kathe teilen, als wäre sie eine Schlampe. Vielmehr verhält es sich wohl so – eine Frage der Interpretation -, dass es Kathe selbst ist, die sich das Recht auf Wahlfreiheit vorbehält. Darin bestätigt sich ihr Status als „Löwin“ und „Göttin“, als die sie von Jim tituliert wird. Sie ist ein höheres Wesen, und die beiden Männer sind schon durch ihr Delphi-Erlebnis vorgeprägt, sie dementsprechend zu behandeln. Weil aber keiner von beiden einen absoluten Anspruch auf sie erheben mag oder kann, funktioniert die ménage à trois überhaupt erst.

|Die Relativitätstheorie|

Wenn es keine Absolutheit gibt, herrscht Relativität. Darüber reflektiert Jim mehrere Minuten lang. Wenn aber alle Beziehungen und die darin vermittelten Gefühle der Wertschätzung und Herabsetzung relativ sind, dürfen sie auch nicht verabsolutiert werden. Jim weiß also, dass sich Kathe sowohl rächen als auch ihn wieder willkommen heißen wird. Diese Gewissheit der Ungewissheit begleitet ihn ständig, wenn er mit Kathe zusammen ist. Und weil alles schon am nächsten Tag vorbei sein kann, genießt er den Moment, der ihm geschenkt oder von ihrer Majestät Kathe gewährt wird, bis zur Neige. Dementsprechend intensiv ist seine Erfahrung des Lebens.

Es hilft auch nichts, dagegen aufzubegehren. Denn Kathe weiß sich auf subtile Weise zu rächen und ihre beiden Männer wieder auf ihren Platz zu verweisen: Sie nimmt sich einen anderen Lover, sei es der aufgeblasene Albert oder ein Engländer. Diese Eskapaden bereiten ihren Männern nicht nur Verdruss, sondern zunehmend auch Besorgnis. Auf welche Stufe der männlichen Gesellschaft wird sich Kathe noch herablassen? Und wird sie eines Tages völlig wegbleiben und ihre Kinder im Stich lassen?

|Authentisches Lebensmodell|

Der Autor schildert also die Dreiecksbeziehung nicht nur als ein Modell der freien Liebe, sondern als Lebensmodell. Dieses lässt sich über Jahrzehnte hinweg aufrechterhalten, wenn auch nur unter Mühen. Doch der Lohn ist ebenso groß wie die Mühe, die man in diese besondere Beziehung investiert. Diese Beziehung hat sich Roché nicht aus den Fingern gesogen, sondern Kathe und Jules haben reale deutsche Vorbilder aus jener Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und dreimal darf man raten, wer sich hinter Jim verbirgt (siehe den Abschnitt „Der Autor“ oben).

_Die Sprecherin_

Eva Mattes verfügt über eine relativ tiefe, aber einschmeichelnd sanfte Stimme, die sie wohldosiert einzusetzen weiß. Das Vortragstempo ist genau richtig, und sie schafft es, den Sätzen eines Abschnittes eine Art Spannungsbogen und Zusammenhang zu verleihen. Das ist auch sehr notwendig, denn der Text selbst bietet nur wenig Spannungselemente. Die beinahe einzige Ebene der Spannung befindet sich auf der der Psychologie. Nur selten ergeben sich Actionszenen wie jene, in der Jim und Kathe um einen Revolver streiten.

Weil es so wenig oberflächliche Spannung gibt, muss der Vortrag die unterschwellige Anspannung reflektieren. Aber wie soll die Sprecherin das bewerkstelligen, ohne durch Übertreibung lächerlich zu wirken oder sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen? Mattes hält sich daher – wie jeder gute Sprecher – zurück und überlässt es dem Hörer, aus den vorgetragenen Ereignissen eine Entwicklung herauszulesen und entsprechende Gefühle dafür zu entwickeln. Ihr Vortrag erfordert – ebenso wie das Buch – den mündigen Leser und Hörer.

_Unterm Strich_

„Jules und Jim“ schildert ein interessantes Modell für Liebe und Leben, das von François Truffaut kongenial und mit eigener Aussage verfilmt wurde. Doch der Roman verweigert sich absichtlich jeglichen Ansprüchen auf Unterhaltung, indem er keine Spannungsbögen größerer Art im Stile eines Kriminalromans oder einer Groschenromanze anbietet. Der Autor interessiert sich vor allem dafür, wie diese Dreierbeziehung in der Realität und auf der psychologisch-menschlichen Ebene funktionieren kann.

Dabei stellt er von vornherein keine Erwartungen oder gar Bedingungen auf, sondern schildert, was da kommt. Das Ergebnis ist ein angenehmer Bericht der laufenden Ereignisse, die sich durchaus dramatisch zuspitzen können. Doch der Schluss ist folgerichtig eben kein von langer Hand herbeigeführtes Finale inklusive Showdown, sondern kommt quasi aus dem Nichts: so wie manche Entscheidungen von Menschen nirgendwoher zu kommen scheinen. Der Schluss mag traurig stimmen, aber wer auch nur einen Funken Sympathie für die drei Hauptfiguren entwickelt hat, wird das Geschehen akzeptieren.

Eva Mattes hatte vielleicht ihre liebe Not mit der Darbietung des Textes, aber sie entledigt sich ihrer Aufgabe mit Anstand. Sie hält sich zurück, obwohl es nur wenig Spannungsbögen oder Dramatik gibt, vielmehr trägt sie die Ereignisse vor, als handle es sich um alltägliche Routine. Jede andere Vortragsweise würde nämlich werten, und damit würde sich die Sprecherin auf die fragwürdige Seite moralischer Zensur begeben.

Es mag nämlich genügend Zeitgenossen (immer noch oder schon wieder) geben, die wie in den fünfziger Jahren, als das Buch erschien, mit Verdammung über dieses herziehen würden, in der Meinung, nur die Ehe zwischen Mann und Frau – ohne einen Dritten, versteht sich – sei die EINZIGE legitime Form des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau. George W. Bush würde ihnen zweifellos beipflichten.

Gegen diese Engstirnigkeit wendet sich der Roman ebenso wie das Hörbuch. Insofern handelt es sich um ein literarisches Stück Aufklärung: Es zeigt ein erfolgreiches Alternativmodell auf, das den bevormundeten Zeitgenossen einen Ausweg aus ihrer potenziellen Ehe-Misere aufzeigt. Eine ménage à trois verwechselt der Autor nie mit Zügellosigkeit nach dem Bäumchen-wechsel-dich-Prinzip. Das würde Kathe zu einer Schlampe degradieren. Und daher ist seine ménage à trois auch kein Freibrief für „freie Liebe“ zwischen jedermann und -frau. In Zeiten von AIDS käme das auch wenig gut an.

|223 Minuten auf 3 CDs
Originaltitel: Jules et Jim, 1953
Aus dem Fanzösischen übersetzt von Peter Ruhff|

Francis, Dick – Verrechnet

Alexander Kinloch wird überraschend zu seinem kranken Stiefvater Sir Ivan nach London geholt. Dieser bittet Alex, ein wertvolles Rennpferd und einen Goldpokal vor seinen Gläubigern und seiner gierigen Tochter zu verstecken. Der Kampf um Erbe, Pferd und Pokal beginnt.

„Verrechnet“ eröffnet mit lakonischer Ironie einen faszinierenden Blick auf die Abgründe eines Familien-Clans. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Richard Stanley Francis kam am 31. Oktober (Halloween!) 1920 in Wales als Sohn eines Reitjockeys zur Welt, in dessen Fußstapfen er trat. Nach einem militärischen Intermezzo während des 2. Weltkriegs bei der Luftwaffe ritt Francis wieder. 1956 verletzt er sich bei einem Sturz so stark, dass es das Aus für seine Karriere bedeutete, aber den Start seiner Schriftstellerlaufbahn. Nach seinen Memoiren mit dem vieldeutigen Titel „The Sport of Queens“ schreibt Francis über 40 Krimis in Folge, die in über 30 Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt wurden. Im Genre erhielt er höchste Auszeichnungen. Er lebt heute auf den britischen Cayman Islands in der Karibik (sie tauchen in dem Grisham-Krimi „Die Firma“ auf).

_Handlung_

Der Kunstmaler Alexander Kinloch, der im Mittelpunkt der Handlung steht, ist gerade in seinem Haus in Schottland überfallen und ausgeraubt worden. Zum Glück konnte er sich merken, wie die Räuber aussahen und hat sie gezeichnet.

Bis sich die Lage normalisiert, wohnt Alex bei seiner Mutter Lady Vivienne Westering in London. Leider ist es um die Gesundheit ihres Mannes Sir Ivan, seines Stiefvaters, nicht zum Besten bestellt. Er hat gerade einen Herzanfall überstanden. Seine Genesung verzögert sich, weil er sich zu viele Sorgen macht: um seine Brauerei, sein Rennpferd und um den Pokal des King-Alfred-Rennens, das er jährlich ausrichtet. Doch Sir Ivan vertraut Alex und fragt ihn: „Wo würdest du das Pferd und den Pokal verstecken?“

Fortan kämpft Alex an zwei Fronten. Ausgestattet mit einer Vollmacht von Sir Ivan, versucht er die Brauerei vor der drohenden Insolvenz zu bewahren, denn durch Unterschlagung sind mehrere Millionen verschwunden. Die Firma soll aber im Falle des Todes von Sir Ivan Alex‘ Stiefschwester Patsy Benchmark erben, ein raffgieriges Frauenzimmer, das mit seinem Mann Surtees auf großem Fuß lebt (wobei Surtees eine Geliebte hat, von der sie nichts weiß). Al hat genau zwei Tage Zeit, alles Notwendige zu erledigen. Er heuert einen stämmigen Privatdetektiv an und stürzt sich ins Getümmel.

Da er ein Händchen für den Umgang mit Frauen hat, verschafft er sich deren Loyalität und Unterstützung. Da wäre einmal seine Schwester Emily, dann noch die Bankfrau Margaret Morden und schließlich eine Mrs. Newton, die Witwe des verstorbenen Buchhalters, der die Millionen unterschlagen hat. Als sich abzeichnet, dass die Gegenseite vor fiesen Tricks nicht zurückschreckt, sehen die Damen ein, dass Rückzug die klügere Seite der Kriegsführung sein kann und begeben sich in Deckung.

Unterdessen fliegen die Fetzen, als die Benchmarks mit ihrem rabiaten Anwalt Grenchester gegen Alex und Co. antreten. Ein Glück, dass Sir Ivan nicht mehr miterleben muss, wie man versucht, Alex lebendig zu grillen …

_Mein Eindruck_

Es geht doch nichts über herzliche Familienbande. Wobei das mit der Bande diesmal wörtlich zu nehmen ist. Die raffgierigen Erben scheinen vor nichts zurückzuschrecken, dabei werden sie selbst hinters Licht geführt. Zum Leidwesen von Alex merken sie das aber reichlich spät. Die Kavallerie erscheint mal wieder erst in letzter Sekunde. Das macht richtig Laune.

Das Buch unterhält den Leser bestens mit unerwarteten Enthüllungen, rätselhaften Verbindungen und genialen ironischen Dialogen, um dann in ein actionreiches Finale zu münden.

Aber eines ist schon recht erstaunlich: Die Guten hören alle auf Alex‘ Stimme der Vernunft und machen bei seinen Maßnahmen mit, mit denen er die Erbschleicher von seiten der Benchmarks austrickst. Sir Ivan hätte keinen besseren Erben und Sachwalter haben können. Und das alles kriegt ein Kunstmaler zustande?! Offenbar bietet die Kunstakademie neuerdings Schnellkurse in Betriebswirtschaftslehre und Kriminalistik an …

_Unterm Strich_

„Verrechnet“ bietet britische Krimikunst aus der obersten Liga, das ist schon richtig. Humorvolle Unterhaltung und spannendes Geschehen halten sich wirkungsvoll die Waage, so dass dem Leser nie langweilig wird – solange er den Überblick über die Fülle der Figuren behält.

|Originaltitel: To the hilt, 1996
Aus dem Englischen von Malte Krutzsch|