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Brown, Dan – Meteor

Ein neuer NASA-Satellit hat unter dem Eis der Arktis ein großes Objekt entdeckt. Rachel Sexton und andere Zivilisten werden auf Bitten des US-Präsidenten eingeflogen, um die Echtheit des Fundes zu bestätigen. Sie finden heraus, dass es sich bei dem großen Felsbrocken a) um einen Meteoriten handelt und b) dass darin außerirdische Lebensformen als Fossilien eingeschlossen wurden. Die Begeisterung der Wissenschaftler ist ebenso so groß wie bei den NASA-Mitarbeitern. Der Präsident wird mit dieser Sensation sowohl die NASA retten als auch seinen Wahlkampf gewinnen.

Doch als der riesige Felsen gehoben ist und die Sektkorken knallen, macht einer der Wissnschaftler in dem nun offenen Schacht im Gletscher eine sehr beunruhigende Entdeckung. Doch keine Sorge, Mister President – der Mann befindet sich bereits im Visier einer gut bewaffneten Truppe, die dafür sorgt, dass es keine unliebsamen Überraschungen gibt.

_Der Autor_

Dan Brown unterrichtete Englisch, bevor er freier Schriftsteller wurde. Als Sohn eines Mathematikprofessors und einer Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen, was sich in seinen Romanen widerspiegelt. Davon sind inzwischen vier erschienen: „Diabolus“, „Meteor“, „Illuminati“ und „Sakrileg“.

Er lebt mit seiner Frau in Neuengland und schreibt derzeit an einem Thriller über die Freimaurer in Washington, D.C., wo noch heute in der Nähe der Stadt ein Freimaurer-Monument steht, das ich mal besucht habe – sehr geheimnisvoll. Die Freimaurer sind auch auf dem Dollarschein verewigt, denn der erste US-Präsident George Washington war eines ihrer Mitglieder.

|Dan Brown bei Buchwurm.info:|
[Illuminati]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=110
[Illuminati]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=687 (Hörbuch)
[Sakrileg]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=184
[Diabolus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1064
[Diabolus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1115 (Hörbuch)

_Handlung_

PROLOG.

Der kanadische Geologe Charles Brophy hätte sich nicht träumen lassen, dass ihn in der endlosen Leere der arktischen Eiswüste bewaffnete Männer gefangen nehmen, an Bord eines Flugzeugs entführen und ihn dann mitsamt seines Hundegespanns aus ebendiesem Flieger stoßen würden …

HAUPTHANDLUNG.

Rachel Sexton ist die Tochter des wichtigsten Wettbewerbers bei den US-Präsidentschaftswahlen. Senator Sedgewick Sexton (er liebt die Alliteration) jedoch ist ein egoistischer Rabenvater, der bei seinem Rennen um die Präsidentschaft über Leichen geht. Er ist der schärfste Gegner der NASA, die seiner Ansicht nur Steuergelder verschleudert, die man dringend für Schulen benötigt. Seine Tochter geht ihm vorsichtshalber lieber aus dem Weg.

Rachels Ersatzvater ist William Pickering, der Direktor des National Reconnaissance Office (NRO), einer weltweit tätigen Regierungsbehörde, die sich der Sicherung der nationalen Sicherheit durch Informationsbeschaffung und -auswertung widmet. Rachel ist eine seiner intelligentesten Mitarbeiterinnen, und er ist ein aufrechter Streiter für die Gerechtigkeit und das Wohl der Nation. Denkt sie.

Während Rachel an Bord eines militärischen Düsenjets Richtung Nordpol jagt, fragt sie sich ernsthaft, warum sie sich nur vom US-Präsident Zach Herney hat breitschlagen lassen, auf diese Wahnsinnsmission zu gehen. Die F-16 landet mitten auf einem Gletscher bei Ellesmere Island, und – hol’s der Teufel! – der leibhaftige Administrator der Raumfahrtbehörde NASA holt sie ab. Nicht ganz freiwillig: Der Präsident hat ihn dazu gezwungen. Schließlich ist Rachel die Tochter seines schärfsten Kritikers.

Nach einem Spießrutenlaufen der Begrüßungen darf Rachel endlich einen Blick auf das werfen, worum es ihr am Ende der Welt eigentlich geht. Unter 65 Metern Gletschereis liegt ein Felsblock, der angeblich vor rund 300 Jahren als Meterorit aus den Weiten des Alls und hier auf die Erde stürzte. Was ihr die anderen zivilen Wissenschaftler – Eis-, Stein-, Ozean- und Erdgeschichtsforscher – berichten, ist ziemlich unglaublich. In dem Meteoriten sind Fossilien einer außeridischen Spezies eingeschlossen. E.T. ist eine Laus.

Die Eisforscherin Norah leitet die Hebung des Felsens aus dem Eis, denn sie ist auf eine geniale Idee gekommen, wie dies zu bewerkstelligen ist. Man erhitzt den Brocken per Laserstrahl, bis das Eis darüber schmilzt und zieht dann kräftig nach oben. Dauert zwar ein Weilchen, aber es funktioniert. Schon bald kann der Ozeanforscher Michael Tolland, durch seine Dokuserie ein Fernsehstar, seine Kameras darauf richten.

Jetzt schlägt Rachels Stunde. Ihre Aufgabe ist es, die Beweise zusammenzufügen und der versammelten Belegschaft des Weißen Hauses klarzumachen, dass es sich tatsächlich um einen Stein von den Sternen mit einer fremden Lebensform handelt. Tollands Doku dient nur als Illustration. Gesagt, getan. Und wenige Stunden später wird der Präsident der Nation diesen enormen Fund verkünden. Die NASA hat ihre Existenzberechtigung: Ihr neuer Polarbeobachtungssatellit war es, der den Felsen gefunden hat. Senator Sexton hätte ausgespielt. Herneys Wiederwahl wäre gesichert.

Was aber Rachel und ihre zivilen Kollegen zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Sie alle werden scharf von jener Truppe bewaffneter Männer beobachtet, die auch den kanadischen Geologen eliminiert hat. Und als sich der Paläontologe über das Leuchten von Plankton in dem freigelegten Eisschacht wundert (was hat Salzwasserplankton in Süßwasser zu suchen?), ist es an der Zeit, dass das Spezialkommando dafür sorgt, dass die kommende Botschaft des Präsidenten in keiner Weise gefährdet wird.

Aber damit fangen die Probleme für Rachel natürlich erst an.

_Mein Eindruck_

Dieser Thriller ist schon ein verdammt clever erzähltes Stück Spannungsliteratur, und die kurzen Kapitelchen lassen den Leser durch deren reichlich eingesetzten Cliffhanger-Schluss rasch weiterblättern. Vordergründig geht es in der Story darum, wer der nächste US-Präsident wird: der Amtsinhaber Herney oder sein Herausforderer Sexton. Und in der Tat spielt sich im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Organisationen eine abwechslungsreiche Hälfte der Handlung ab. Gabrielle Ashe, die junge engagierte Wahlhelferin Sextons, sieht sich bald mitten in einem Minenfeld, das zur Kampfzone geworden ist. Hier wird auf beiden Seiten mit harten Bandagen gekämpft. Willkommen in Washington, D.C.!

Aber das ist, wie gesagt, eben nur die eine Hälfte der Handlung. Die andere Hälfte fokussiert sich auf das Geschehen um Rachel und ihre Wissenschaftskollegen. Sie decken die ungeheuerliche Täuschung auf, die der Meteorit darstellt – und werden doch selbst laufend hinters Licht geführt. Und selbst dann, wenn der Leser meint, er habe den richtigen Drahtzieher schon lange vor Rachel identifiziert, versetzt ihm der Autor einen regelrechten Schock, indem er jemand anderen als Marionettenspieler enthüllt.

Die Story im Hintergrund dreht sich um die Existenzberechtigung der NASA und die Frage, warum sie und die Regierung es nicht zulassen, dass die private Industrie sich am Raumfahrtprogramm der USA beteiligt. Angesichts fast leerer Kassen, zahlreicher Misserfolge und eines andauernden Sicherheitsproblems der Behörde (brisante Luftaufnahmen werden von Hackern gestohlen und an fremde Geheimdienste verscherbelt) gehört die marode Behörde nach Ansicht Senator Sextons schon längst liquidiert – oder zumindest den anderen militärischen Sicherheitsbehörden wie der NRO gleichgestellt, wie William Pickering meint.

|Die Figuren|

Die Figuren sind nur sehr spärlich mit einer Charakterisierung und Psychologie ausgestattet, schließlich soll sich der Leser mit ihnen halbwegs identifizieren können und nicht zu sehr von ihnen provoziert werden. Die Intelligenzbestie Rachel, Mitte 30, hatte beispielsweise als Kind ein traumatisches Erlebnis, als sie im Eis eines Flusses einbrach. Seitdem fürchtet sie sich vor Wasser und Eis – und beides gibt es in der Aktis im Überfluss. Aber das ist noch gar nichts gegen das, was sie im dramatischen Finale erleben wird.

Sie knüpft zarte Bande zum Ozeanforscher Mike Tolland, dem gutaussehenden Naturburschen, der aber auch Köpfchen hat. Er trauert seit rund einem Jahrzehnt seiner großen Liebe Celia nach, die durch eine tödliche Krankheit aus seinen liebenden Armen gerissen wurde. Seitdem lebt er wie ein Mönch, der sich nur seiner Arbeit widmet. Eine Beziehung zu Rachel könnte ihm quasi seelisch das Leben retten. Daumen drücken!

Astrophysiker Corky Marlinson ist das junge Genie, das nie erwachsen geworden ist. Er hat keine Manieren, redet wie ein Student mit losem Mundwerk und hat keinen Schlag bei den Frauen. Armer Corky – er wird immer die komische Figur abgeben, neben der das Traumpaar Rachel und Michael wie die Verkörperung der Zukunft aussieht.

Die Nebenfiguren verfügen zwar auch über eine Charakterisierung, doch ihre Psychologie ist noch holzschnittartiger als die der Hauptfiguren. Und wenn man es genau betrachtet, dienen sie hauptsächlich dazu, Informationen auszutauschen, aufzufinden, zu verhökern, damit zu drohen oder sonstwas damit zu machen. Denn in in der Hauptstadt der USA ist Information Macht, denn die Medien kreisen hier wie die Aasgeier auf der Suche nach neuen Opfern und Storys.

Und im Hintergrund zieht unerkannt der „Controller“ die Fäden. Seine Spezialtruppe ist sein verlängerter Arm, und so hat er praktisch stets den Finger am Abzug einer Waffe. Natürlich wird erst kurz vor Schluss seine wahre Identität enthüllt – ein echter Knalleffekt.

|Schwächen|

Diese Überraschung stellt sich aber im Nachhinein als ein großes Problem heraus, denn die Plausibilität des Verhaltens dieser Figur ist durch die 180°-Kehrtwendung schwer beeinträchtigt. Wenn diese Figur die NASA aus persönlichen Gründen hasst, warum soll die NASA dann mit Hilfe der Meteor-Täuschung davor bewahrt werden, durch einen Präsidenten namens Sexton demontiert zu werden? Irgendwie ist das nicht ganz schlüssig. Kein Wunder, dass diese Figur am Schluss nichts mehr zu sagen hat und lediglich als Zuschauer fungiert.

Auch die anderen Figuren dienen nicht dazu, die Bedingungen der menschlichen Existenz auszuloten, sondern ein Machtspiel zu enthüllen, das ziemlich fies eingefädelt ist. Dabei steht der US-Präsident stets mit weißer Weste da – so viel Patriotismus muss der Autor schon beweisen, sonst gibt’s Haue von der Leserschaft. Kein Gedanke an das, was Nixon getan hat. Nein, der Präsi ist das unschuldige Opfer seiner Berater und Behördendirektoren. Die kloppen sich denn auch ständig wie kleine Kinder, bis Papi ein Machtwort spricht.

Dass Tolland im Finale versucht, eine Maschinenpistole abzufeuern, von der er ganz genau weiß, dass ihr Magazin kurz zuvor leer geschossen wurde, ist natürlich eine ziemliche dämliche Sache. Sein unplausibles Verhalten dient lediglich dazu, auch dem dümmsten Leser klarzumachen, dass die Maschinenpistole wirklich nutzlos und der Held folglich wehrlos ist. Es sei denn, ihm fallen noch ein paar Tricks ein. Was dann ja auch erfolgt. James Bond, bitte abdanken!

Auch Michael Crichton sollte abdanken, denn in Browns Thriller steht die Wissenschaft als Beschaffer kritischer Informationen, die die Wahlen entscheiden können, im Vordergrund. Und dies ist ja bekanntlich Crichtons Spielweise. Sie war es zumindest bis vor wenigen Jahren. Und so ziehen sich die Diskussionen zwischen Rachel, Tolland und Marlinson über Seiten auf ermüdende Weise hin.

Immerhin ergibt sich aus dem Gelaber die Notwendigkeit, Tollands Schiff anzusteuern statt blindlings in die Falle des Controllers zu laufen. Das Schiff erweist sich in seiner eigentümlichen Struktur und Platzierung als idealer Schauplatz für das dramatische Finale.

_Unterm Strich_

Der Angelsachse nennt solche spannenden Romane halb ironisch „unputdownable“. Und so erging es auch mir im letzten Drittel: Ich konnte das Buch einfach nicht aus der Hand legen, sondern musste unbedingt erfahren, wie die Sache für Rachel & Co. ausgeht. Trotz der vor überraschenden Wendungen strotzenden Handlung fielen mir die oben aufgeführten Schwächen praktisch auf jeder Seite auf. Der Sinngehalt des Buches ist denkbar gering, und was der Leser an Erkenntnissen mit nach Hause nimmt, lässt sich in einem Fingerhut sammeln. Aber wenigstens hat man sich gut dabei unterhalten. Genauso gut könnte man aber auch in einen Bond-Krimi oder einen Star-Wars-Film gehen. Der Eintrittspreis ist ungefähr der gleiche.

Die deutsche Übersetzung lässt sich leicht lesen: kurze Sätze, nicht allzu anstrengendes Vokabular, übersichtliche Handlungszusammenhänge. Die einzige Sache, die das Lesen anspruchsvoll macht, ist der wissenschaftlich-technische Jargon. Der Autor selbst beleuchtet diesen wissenschaftlichen Kauderwelsch mehrmals auf komisch-ironische Weise, so etwa dann, wenn Corky, der Clown im Buch, solche Bildungstrümmer benutzt. Doch wenn es um neuartige Waffen geht, kennt Browns ernst gemeinte Begeisterung leider keine Grenzen. Die Beschäftigung mit Kunstwerken und verstaubten Dokumenten, die er in „Sakrileg“ zeigte, ist da doch wesentlich unverfänglicher. Und er kommt Michael Crichton nicht mehr ins Gehege.

|Originaltitel: Deception Point, 2001
Übersetzung von Peter A. Schmidt|

Brust, Steven – Yendi

_Action-Fantasy mit Witz und Erotik_

Jemand will Vlad Taltos ans Leder. Aber das ist ja nichts Neues. Vlad lebt als Mitglied der Unterwelt stets gefährlich. Und wenn er doch mal getötet wird, besteht in Adrilankha die Möglichkeit der magischen Wiederbelebung. Leider hat er es diesmal mit einem Konkurrenten zu tun, der Leute auf seiner Seite hat, die auch dies verhindern können …

Dies ist der dritte Roman mit Abenteuern des Jhereg-Gangsters Vlad Taltos.

_Hintergrund_

Auf der Welt Dragaera geht in der Stadt Adrilankha unser Held Vlad Taltos (sprich: taltosch) seinem Beruf nach: Er ist ein erstklassiger Auftragskiller. Adrilankha ist eine Art ernsthafte Version von Terry Pratchetts Ankh-Morpork: komplett mit Diebes- und Mördergilden, Kaufleuten, Schenken und Bordellen. Vlad hat sein Büro in der Altstadt, von wo er seinen eigenen Bezirk verwaltet, Schutzgelder abkassieren lässt und Konkurrenz aus dem Weg räumt.

Als hilfreich hat sich sein Vertrauter erwiesen: Loiosh ist ein drachenähnliches Wesen aus der Spezies Jhereg. Ähnlich wie Anne McCaffreys Feuerechsen auf dem Planeten Pern kann Loiosh Gedanken übertragen und giftige Bisse austeilen.

Auf der uralten Welt Dragaera stellen die Menschen („Ostländer“) wie Vlad Taltos eine Minderheit dar; angeblich kamen sie aus dem Ostreich in das Reich der Nichtmenschen, die so etwas wie kriegerische Elfen sind. Die Dragaeraner sind in exakt 17 Häuser oder Clans aufgespalten, so etwa Dragons und Hawks. Der Jhereg-Clan, der Vlad aufgenommen hat, ist ein Bastard-Clan und steht außerhalb der Clan-Hierarchie.

Die Dragons bilden die Spitze, sie gehorchen nur der Imperatorin. Hochnäsig schauen sie auf die Jhereg-Mitglieder herab, mit einer Ausnahme: Seit seinen Heldentaten in „Jhereg“ hat Vladimir Taltos einen großen Stein im Brett des Dragon-Clans e’Kieron, namentlich bei der zauberischen Aliera und ihrem Verwandten, Morrolan, der über das furchterregendste Schwert auf ganz Dragaera verfügt: „Schwarzstab“ frisst Seelen. Wiederbelebung ausgeschlossen.

_Handlung_

Eine schwere Zeit ist für den rechtschaffenen Attentäter Vlad angebrochen: Es herrscht Krieg. Nicht so einer mit Soldaten, sondern Krieg zwischen konkurrierenden Unterweltfirmen im Zentrum Adrilankhas. Da hat doch tatsächlich ein gewisser Laris seinem Untergebenen erlaubt, eines von Vlads Lokalen zu überfallen und zu übernehmen. Vlad ist auf Verhandlung bedacht – man muss sich ja nicht gleich umbringen – und trifft sich mit diesem Laris. Man trifft eine nette Vereinbarung, doch danach ist für Vlad der Fall klar: Es gibt Krieg.

Der tödliche Schlagabtausch geht eine Zeit lang hin und her. Nach einer Weile gehen Vlad die Mittel aus, und er erbittet von Dragon Morrolan (vgl. „Hintergrund“) eine erkleckliche Summe, die er auch erhält. Sofort eskaliert der Kampf in die nächsthöhere Stufe: Einsatz von Magie. Schutzzauber, Vernichtungszauber – es geht wieder einmal wild zu.

Leider hat Vlad Pech. Schon wähnt er sich als Sieger eines erfolgreichen Tages, als er kurz vor seinem Hauptquartier kalt erwischt wird: Zwei seiner Leibwächter haben ihn verraten, doch das merkt er zu spät. Auch Morrolan und Aliera teleportieren um Sekundenbruchteile zu spät an den Ort des Desasters. Zwei fremde Kämpferinnen machen Vlad und seinen verbliebenen Leibwächtern nieder. Vlad gibt den Löffel ab.

Nun sieht es gar nicht gut aus: weder für den Helden dieser Geschichte noch für den Fortgang dieser Geschichte überhaupt. Doch um herauszubekommen, wer es Laris ermöglicht hat, Vlads Truppe ratzfatz auszuschalten und welche fiese Absicht dahintersteckt, ist es dringend nötig, Vlad wiederzubeleben.

Ob und wie das gelingt und ob er Folgenschäden davonträgt, darf ich euch nicht verraten.

_Mein Eindruck_

In „Jhereg“ war Steven Brust ein furioser Start auf dem deutschen Buchmarkt gelungen. Er stellte seinen Helden als eine Art James Bond der Unterwelt vor. Zumindest hatte Vlad Stil. In „Taltos“ entführte er den Leser allerdings ins Reich des Todes, und das war denn doch reichlich metaphysisch.

Mit „Yendi“, benannt nach einem weiteren Dragaera-Clan, der für Intrigen berüchtigt ist, gewinnt Brust den leser zurück. Die Action geht ab wie eine Rakete, und Ironie und trockenster Humor machen das Lesen der abstrusen Abenteuer Vlads zu einem Vergnügen.

Relativ bizarr sind wie immer die Auswirkungen von dragaeranischen Eigenheiten wie psionische Kommunikation (= abhörsicheres Gedankentelefon ohne Vermittlung), Wiederbelebung gegen harte Währung (meistens rechtzeitig), Teleportation (gaaanz wichtig, führt aber zu massiven Magenbeschwerden) und magische Waffen. Morganti-Schwerter wie „Schwarzstab“ verhindern die Wiederbelebung.

Als wäre es noch nicht genung, dass sich Vlad mit unfähigen Dösköppen von Leibwächtern herumschlagen muss, verliebt er sich auch noch in eine fetzige Ostländerin namens Cawti, die ihm eigentlich ans Leben wollte. Nun ja, wo die Liebe hinfällt, da wächst kein Gras mehr. Vlad ergibt sich widerstandslos.

Leider ist die zweite Hälfte des Romans kein ungetrübtes Vergnügen. Nachdem alle Möglichkeiten durchgefochten wurden, bleibt Vlad nur noch das scharfe Nachdenken, um herauszubekommen, was hinter dem Bandenkrieg und den Anschlägen auf sein Leben und Unternehmen steckt. Dieses Nachdenken dauert leider übermäßig lange, nämlich mehrere Dutzend Seiten. Immerhin führt es dann zu einem überraschenden Finale.

_Unterm Strich_

Freunde von Action-Fantasy kommen hier durchaus auf ihre Kosten, dürfen aber keine Einheitskost à la Conan erwarten. Allenfalls eine so witzige Fantasyreihe wie die um Fafhrd und den Grauen Mauser, geschrieben von Fritz Leiber Mitte des 20. Jahrhunderts, könnte Brusts Romanen das Wasser reichen – was Witz, Action und Ironie anbelangt.

Allerdings ist Brust fiktionale Welt vielschichtiger, besser ausgetüftelt und viel enger unserer eigenen Welt verwandt als die des Grauen Mausers. Zudem spielen hier aktive Frauen eine sehr bedeutende Rolle und tragen wesentlich zur Unvorhersehbarkeit ders Handlungsverlaufs bei. Ganz abgesehen von den romantisch-sinnlichen Aspekten, die ihre Präsenz mit sich bringt. Cawti beispielsweise hat nicht nur einen spitzen Dolch im Gewande, sondern auch noch einiges in der Bluse.

|Titelbild|

Die Cover-Art der Klett-Cotta-Reihe mit Steven-Brust-Romanen weist einen eigenen Stil auf. „Yendi“ etwa zeigt eine verträumt dreinblickende Groschenromanheldin an der starken Brust ihres Helden: Stil der 40er Jahre. Von der Seite ragt ein knallrot geschminktes Lippenpaar herein, von dem Blut zu tropfen scheint. Offensichtlich wird hier mit Genreklischees gespielt. Genau wie in den Geschichten selbst (siehe die Angaben zum Autor und seiner Schreibschule).

_Der Autor_

1955 in Minneapolis geboren, ist Steven Karl Zoltán Brust schon Programmierer, Drummer in einer Reggae-Band, Schauspieler und Gitarrist in verschiedenen Bands gewesen. Er liebt vor allem zwei Dinge: die Küche seiner ungarischen Vorfahren und den Kampfsport – zumindest Letzteres merkt man seinem Buch an.

Er ist ein Mitglied der wichtigen Schriftstellergemeinschaft der „Scribblies“, die 1980 in Minneapolis gegründet wurde. Ihr gehören bekannte AutoInnen wie Emma Pull, Patricia Wrede und vor allem Kara Dalkey (die bei |Knaur| veröffentlicht wurde) an. Sie schreiben, was sie gerne selbst lesen würde. Dazu gehört besonders zeitgenössische und urbane Fantasy. Bull und Shetterly edierten die Romane, die auf der Shared-World Liavek spielen. Viele Scribblies-Mitglieder gehören der Bewegung der Pre-Joycean Fellowship (PJF) an. Sie unterstützen Literatur, wie sie vor James Joyce geschrieben wurde. Sie sind somit anti-modernistisch (aber modern) und anti-elitär, außerdem meist humorvoll.

In den USA ist Brust bisher durch neunzehn Romane und eine Soloplatte bekannt geworden. Seine Bücher werden immer wieder neu aufgelegt. Mit „Jhereg“ erschien 1983 der Startband eines ganzen Zyklus um den Antihelden Vlad Taltos. Zu diesem gehören folgende Werke:

Jhereg (1983), Yendi (1984), Teckla (1986) – zusammengefasst als „Taltos the Assassin“ (1991);

Taltos (1988; auch „Taltos and the Paths of the Dead“, 1991), Phoenix (1988) und Athyra (1991).

Verwandt ist die „Khaavren“-Sequenz, die sozusagen historische Romane à la A. Dumas umfasst, die auf Dragaera spielen: The Phoenix Guard (1991), Five Hundred Years After (1994) und The Viscount of Adrilankha (ca. 1996). „Brokedown Palace“ (1986) enthält ebenfalls verwandtes Material.

Bei |Klett-Cotta| erschienen die Bücher in folgender Reihenfolge: „Jhereg“ (2002), „Taltos“ (2002), „Yendi“ (2003), „Teckla“ (2003), „Phönix“ (2004), „Athyra“ (2005).

Homepage des Autors: http://www.dreamcafe.com/

Bishop, Michael – Brüchige Siege

Michael Bishop ist der Autor von „Die Einhorn-Berge“ (1988) und dem preisgekrönten Roman „Nur die Zeit zum Feind“ (1982). In „Brüchige Siege“ setzt er Mary Shelleys „Frankenstein“-Roman (1818) in einer recht unwahrscheinlichen Umgebung fort: im Georgia des Jahres 1943.

_Handlung_

Daniel Boles ist ein Baseball-Talent-Scout. Dies ist seine Geschichte, wie er unter anderem Frankensteins Monster traf und eine Art Baseball-Krieg überlebte.

Der talentierte 17-jährige Baseballspieler Danny Boles verlässt seine Heimatstadt Tenkiller in Oklahoma, um einem Ruf zu folgen, dem Team der Highbridge Hellbenders beizutreten, einem drittklassigen Club irgendwo in Georgias Chattahoochee Valley. Doch auf der Zugfahrt wird er brutal von einem Soldaten – die USA befinden sich im Krieg mit Japanern und Deutschen – vergewaltigt und ausgeraubt. Er verliert seine Fähigkeit zu sprechen.

Der Manager der Hellbenders, von allen respektvoll „Mister JayMac“ genannt, bringt Danny in einem Zimmer mit dem hochgewachsenen Schlagmann Henry „Jumbo“ Clerval unter. Jumbo stellt sich trotz seiner furchteinflößenden Erscheinung als freundlicher, sehr gebildeter Kamerad heraus. Er bemüht sich, ein besserer Mensch zu werden und liest dazu zahlreiche Bücher. Dennoch schlägt er Bälle bis zum Mond und bringt seinem Team so manchen Homerun-Punkt. Die anderen Teammitglieder sind nichts Besonderes, außer Buck Hoey, der Danny auf dem Kieker hat und ihn mit seinem losen Maul schikaniert.

Auf Seite 300 findet Danny endlich die Wahrheit über seinen mysteriösen Zimmergenossen heraus: In einem Eskimo-Kajak entdeckt er seine Notizbücher. Es sind zum Teil die Originale derjenigen Kopien, auf die sich Mary Shelley stützte, zum Teil beschreibt Henry sein zweites Leben nach dem Tod seines Erzeugers im Polareis. Nach langen Wanderungen in der Arktis auf der Suche nach Erlösung – er hatte die Braut des Doktors getötet – kommt der unsterbliche und heimlich lebende Clerval in den Süden der USA, als hervorragender Baseballspieler. Aufgrund seiner Sprechbehinderung ist Danny genauso ein Außenseiter wie Henry; bald hängen sie zusammen wie Pech und Schwefel. Danny verliebt sich in die Krämerstochter Phoebe Pharram, deren Vater in Europa kämpft und deren Mutter mit einigen Hellbenders herumpoussiert.

Während ihrer Bemühungen, den Siegerwimpel der Chattahochee Valley League zu erringen, verlieren die Hellbenders ihren Hauptspielmacher durch einen recht bizarren Unfall auf dem Feld. Da Charlie Snow Bluter ist, helfen ihm auch keine Spritzen – er stirbt im Lazarett der nahen Airbase. Dort, am selben Tag, trifft Danny Boles seinen Peiniger aus dem Zug wieder. Er brüllt ihn an, er habe ihm seine Sprache gestohlen und solle sie ihm zurückgegeben – Danny gebärdet sich ziemlich wie ein Verrückter. Aber seine Sprechfähigkeit hat er wieder. Das Team verliert seinen Busfahrer, Darius, der, wie Danny herausfindet, der uneheliche Sohn von Mister Jaymac ist. Danny findet auch zufällig heraus, dass es Henry Clerval mit der Frau von Mr. JayMac, Giselle, treibt. Da geht’s drunter und drüber – aber es ist ja auch ein heißer Sommer!

Henrys und Dannys Ruf verbreitet sich derart, dass sie in der nächsten Saison in Philadelphia in der Oberliga spielen sollen. Schandmaul und Erzfeind Buck Hoey wird an den Konkurrenzverein Gendarmes verkauft. Das rächt sich bitter, als Hoey im Saisonfinale Danny aus Rache übel verletzt – Danny wird nie wieder Baseball spielen können! Henry rastet aus: Aus Liebe zu Danny, der im Hospital liegt, verstümmelt er Buck Hoey. Er versucht vergeblich, Miss Giselle zu retten: Nach der Nachricht, dass er nach Philadelphia gehen würde, verbrannte sie sich in seinem Kajak auf einem Teich, mitsamt seinen Notizbüchern – Rache noch im Freitod.

Wenig später, er ist untergetaucht, erfährt er, dass er wegen Mordes gesucht wird. Auf den – von den Japanern zurückeroberten – Aleuten, am Grab von Dannys gefallenem Vater, treffen sich beide Helden noch ein letztes Mal. Henry verschwindet, Doktor Frankenstein findet seine letzte Ruhe, Danny heiratet Phoebe Pharram und wird Scout für die Philadelphia-Baseball-Teams.

_Fazit_

Wer „Frankenstein“ mag, sollte mit der Fortsetzung auf ca. Seite 300 beginnen. Wer sich mit Baseball anfreunden kann, sollte am Anfang beginnen. Und wer weder das eine noch das andere ausstehen kann, sollte vielleicht den ganzen Roman als Südstaaten-Chronik lesen, die zufällig im Baseball-Milieu angesiedelt ist.

Amerikanern sind der Nationalsport Baseball und alle seine Fachausdrücke – siehe das Glossar – natürlich in Fleisch und Blut übergegangen. Doch der normale Deutsche tut sich sicherlich sehr schwer damit. Hinzu kommen noch die Militärausdrücke, Hinweise aus Literatur, Politik und Kunst usw. – insgesamt 16 Seiten Anhang (ohne Fußnoten). Dies ist ziemlich lästig und erst ab Seite 300 (siehe oben) einigermaßen erträglich. Ich habe daher für die Lektüre mit entsprechenden Unterbrechungen etwa ein halbes Jahr gebraucht.

Die Erzählung selbst ist ein wunderbares Beispiel für einen detailgetreu recherchierten und wiedergegebenen Hintergrund, fein gezeichnete, lebendige Charaktere und eine halbwegs spannende Handlung. Deren Fäden bilden ein dichtes Geflecht von Beziehungen und Interaktionen. Deutlich wird der Rassismus des Südens herausgearbeitet, der auch vor Beinahe-Monstern wie Henry nicht Halt macht. Stellenweise anrührend, tragisch, aber auch oft ironisch, wirft das Buch ein Schlaglicht auf eine in der SF-Literatur sehr selten beleuchtete Ära und Sportart – ein ebenso unwahrscheinlicher Hintergrund wie das Monster, das Frankenstein, ein Schweizer Chemiker, einst schuf, und seine Geschichte.

|Originaltitel: Brittle Innings, 1994
Aus dem US-Englischen übertragen von Hendrik P. und Marianne Linckens|

Noll, Ingrid – Stich für Stich

_Der Noll-Faktor: spannend, kurios, amüsant, makaber_

Das Hörbuch umfasst fünf „schlimme“ Geschichten, die entgegen der Erwartung, die man an Noll-Storys hat, nicht immer mit dem Ableben eines Beteiligten enden. Fünf Protagonisten – eine Domina, eine virtuose Stickerin, eine blonde Krankenschwester, die alle Klischees erfüllt, die Ehefrau eines passionierten Anglers, die verheiratete Ärztin mit der Hundedame. Fünf überraschende Wendungen – auch wenn man „seine“ Ingrid Noll schon kennt.

_Die Autorin_

Ingrid Noll wurde 1935 in Schanghai geboren, also kurz vor der japanischen Invasion, und studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Nachdem ihre drei erwachsenen Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie, Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt Bestseller wurden. „Die Häupter meiner Lieben“ wurde mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet, und „Kalt ist der Abendhauch“ sowie „Die Apothekerin“ wurden verfilmt.

Weitere Noll-Hörbücher:
– Die Häupter meiner Lieben
– Die Apothekerin (verfilmt)
– Kalt ist der Abendhauch (verfilmt)
– Selige Witwen
– Die Sekretärin
– Der Hahn ist tot

_Die Sprecherin_

Ursula Illert, 1946 in der Nähe von Frankfurt/M. geboren und aufgewachsen, ist eine Schauspielerin mit Erfahrung bei Theater, Funk und Fernsehen. Als passionierte Sprecherin hat sie für |Steinbach Sprechende Bücher| bereits zahlreiche Hörbücher gelesen. Ihre Begeisterung gilt Lesungen mit musikalischer Begleitung vor Publikum.

_Handlung der 5 Erzählungen_

|1) Ein milder Stern herniederlacht|

Eine Domina setzt sich mit 37 zur Reihe und verkauft all ihre Accessoires und Möbel – für ihre „Sklaven“ eine echte Überraschung. Drei Wochen später ist sie mit Oliver verheiratet, der sich schon auf das gemeinsame Kind freut. Mit dem drögen, anstrengenden Leben als Hausmütterchen werde sie schon zurechtkommen. Denkt sie. Denn Oliver weiß natürlich nichts von ihrem anrüchigen Vorleben.

Just im schönsten Moment in ihrem neuen Leben, beim Abendessen zu Weihnachten, klingelt es an der Tür und eine Gestalt der Vergangenheit verlangt ihr Recht: Georg, der Bankier, ist einer ihrer früheren „Sklaven“ und hat wegen Urlaub noch nicht mitgekriegt, dass sie aus dem Gewerbe ausgestiegen ist. Er verlangt hartnäckig sein Recht auf eine fachgerechte Demütigung.

Da die Ex-Domina nicht mit der Wahrheit über Gregors Verhältnis zu ihr herausplatzen kann, dauert es eine ganze Weile, bis Oliver die Sache endlich kapiert. Dann jedoch handelt er konsequent: Georg wird angekettet und darf den Abwasch machen. Ein weiterer „Sklave“ muss mit Demütigung versorgt werden: Er darf das Auto blitzblank schrubben. Schon bald finden sich jede Menge Haushaltsarbeiten, die es zu erledigen gilt, und der Haushalt ist endlich auf Vordermann gebracht.

Es gibt nur ein winziges Problem: Wie erklärt man den Familien der Sklaven ihr allzu langes Fernbleiben vom trauten Weihnachtsabendfeiern? Geniale Idee: Man inszeniert einen Frontalzusammenstoß der Autos, so dass man auch noch die Versicherung abzocken kann. Bei diesem im Schnee inszenierten Manöver geht leider etwas mächtig schief …

|2) Stich für Stich|

Das Geschlecht der Person, die ihre Geschichte erzählt, bleibt bis zuletzt unklar, denn darin besteht ja der Clou. Die Person liebt es schon seit ihrem 17. Lebensjahr zu sticken. Damals lag sie lange Zeit mit Hepatitis im Bett und musste ruhen. Ihre Mutter brachte ihr das Sticken bei und fortan stickte sie, was der Faden hergab: Deckchen, Brieftaschen, eine komplette Gemäldegalerie klassischer Meister.

Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, da die Person bei einem Schwächeanfall im Supermarkt umkippt und ihr der Arzt eine Kneipp-Kur in Bad Wörishofen verordnet. Gesagt, getan. Man findet einen Kurschatten, eine echte Freundin: Gunda Mortensen. Nach dem Abschied setzt ein Briefwechsel die Freundschaft fort.

Der freudige Tag naht, da Gunda unsere Hauptfigur in ihren eigenen vier Wänden besuchen wird, wo auf sie eine handfeste Überraschung wartet. Nein, die Stickereien habe keineswegs die werte Frau Mutter gefertigt, sondern seien alle selbstgemacht. Langes Schweigen. Danach kommt Gunda nie wieder … Schade, ein solches Talent links liegen zu lassen.

|3) Die blaurote Luftmatratze|

In der Privatklinik für psychosomatische Krankheiten hat sich eine Krankenschwester – nennen wir sie Isolde – in einen besonderen Patienten verliebt, den sie gerne Tristan nennt. Wie sie steht er auf altmodische Luftmatratzen, denn darauf liegt er gerne im schönen Park der Klinik. Sie nennt ihn aber auch den „Schlangenmenschen“, denn er sagt, er habe eine Phobie vor Schlangen. Sie fragt ihn, wie es dazu gekommen sei. Ach, das sei nur ein Vorwand, um in Ruhe gelassen zu werden, meint er.

Mit 24 sei er Privatdetektiv geworden und wurde von der deutschen Textilindustrie damit beauftragt, die Herkunft von besonders schönen Pullovern etc. festzustellen, die zu Dumpingpreisen angeboten wurden. Folglich blieben die deutschen Fabrikanten auf ihren Erzeugnissen sitzen.

Er flog nach Hongkong und entdeckte eine Spur, die ins Innere Asiens führte. Er versteckte sich auf einem LKW und fuhr dort zwei Wochen lang mit, denn obwohl ihn die Fahrer entdeckten, blieben sie freundlich. Und so gelangte er in eine tropische Region, in der eine versteckte Anlage von Männern in weißen Kitteln geleitet wurde. Lügen erwies sich als zwecklos, daher rückte er mit der Wahrheit heraus.

Statt ihn wegzuschicken, weil er spionierte, zeigten ihm die Männer voller Stolz ihre Anlage. Aber wo kamen die fabulösen Strickwaren her? Nirgendwo waren Strickmaschinen zu sehen. Da wies einer der Forscher ins Zentrum der weitläufigen Anlage, wo mehrere große Bäume standen. Und in den Bäumen befanden sich große Schlangen. Und jede Schlange strickte, was das Zeug hielt: Pullover, Westen, Schals, in allen Farben. Ja, er durfte sich sogar einen eigenen Pulloverentwurf wünschen.

Der Oberarzt glaubt natürlich kein Wort von diesem Garn. Professor Higgins wird von den gespannt lauschenden Patienten indigniert weggeschickt. Doch in der folgenden Nacht will Schwester Isolde die Wahrheit über den „Schlangenmenschen“ herausfinden und schleicht sich zu seiner Tür …

|4) Fisherman’s Friend|

Als sie 17, dumm und noch unschuldig war, lernte sie bei einer Fischerparty Eugen kennen, heiratete ihn mit 18 und wurde mit 19 Mutter von Jonas. Als Ladenbesitzer konnte ihr Eugen, der mittlerweile auf die 40 zuging, zwar ein Leben in Wohlstand bieten, doch sie erfuhr mit dem passionierten Angler weder Freude noch Liebe.

Da ist Uli schon ein ganz anderer Typ. Der Textilingenieur ist jung, gut aussehend und lustig. Sie verliebt sich sofort in ihn und hat eine Affäre. Sie überlegt, dass sie mit Eugens Erbschaft ziemlich angenehm mit Uli leben könnte. Ihren zielstrebigen Plan setzt sie in mehreren Phasen um, an deren Ziel sie und Uli Eugens Unfalltod beschließen. So weit, so gut. Doch der Plan sieht nicht vor, dass Uli und Eugen gute Kumpels werden und gemeinsam Angeln gehen!

Wütend und frustriert greift sie zur Selbsthilfe. Das unverdächtige Mordinstrument: selbstgemachte Frikadellen aus Fischpaste, in die sie ein paar Gräten platziert. Das funktioniert auch ganz hervorragend, allerdings mit einem ganz anderen Opfer als vorgesehen. Nach dem nächsten Angelwochenende berichtet die Zeitung von einem tot am See aufgefundenen Förster …

Monate vergehen, niemand wird festgenommen, doch die Affäre mit Uli endet. Da ruft die Witwe des Försters an und bittet um ein Treffen. Au weia, der Fluch der bösen Tat, denkt unsere Heldin und ist auf das Schlimmste gefasst. Zu ihrer Verwunderung bedankt sich jedoch Adelheid herzlich für die Tat. Sie erklärt, wie sie die Wahrheit herausgefunden habe und dass sie nun herrlich von der Erbschaft leben könne. Ob sie sich nicht erkenntlich zeigen könne?

Der Plan ist ganz einfach. Und tatsächlich hat Eugen diesmal keine Chance, der Falle zu entgehen.

|5) Der gelbe Macho|

Sie ist eine gefühl- und fantasievolle Ärztin, ihr Mann Oswald ein eher prosaischer Typ. Sie holt aus dem Tierheim einen Hund, der sehr anhänglich wird und sich als sehr klug erweist: Klara. Über ihre Spaziergänge lernt die Ärztin einen anderen Hundehalter kennen: Der junge Jens hat einen gelben Hund namens Macho. „Macho ist spanisch und bedeutet männliches Tier“, erklärt er. Macho und Klara werden unzertrennliche Freunde. Zwischen der Ärztin und Jens klappt es nicht gleich, denn erstens ist sie verheiratet, und zweitens hat er eine Freundin.

Aber sie merkt bald, dass sie Jens liebt, und die schlaue Klara merkt das auch. Sie beißt ihr Herrchen Oswald und gehorcht ihm nur noch widerwillig. Bei einer Abi-Party tanzt die Ärztin wild mit Jens und küsst ihn. Welch ein feinfühliger Mann: Er will nach dem Abi Psychologie studieren. Nachts darf Klara ins Bettchen von Frauchen, und Oswald muss im Arbeitszimmer schlafen.

Danach nimmt die Natur unaufhaltsam ihren Lauf. Klara wird läufig, und Macho muss weggesperrt werden. Doch während eines Schäferstündchens mit Jens vergeht die Zeit wie im Flug, und wer denkt da schon an die Hunde? Das Ergebnis der doppelten Liebesnacht ist schon nach wenigen Monaten zu besichtigen: Mischlinge.

_Mein Eindruck_

Im Grunde folgt nur eine einzige dieser fünf Erzählungen dem klassischen Muster, dass dem Schicksal „nachgeholfen“ und ein Mann geopfert wird – aber dies natürlich in unnachahmlicher Noll-Manier. Die anderen Geschichten fallen ziemlich aus diesem Rahmen und lassen sich wohl eher unter der Bezeichnung „ironisch erzählte Kuriosa“ zusammenfassen.

Unter diesen vier Geschichten hat mir jene mit den spinnenden und strickenden Schlangen auf den Bäumen am besten gefallen. Sie ist so wunderbar schrullig und doch unglaublich detailreich ausgeschmückt. Natürlich ist kein Wort davon wahr, würde jetzt Prof. Higgins wie in „My Fair Lady“ knurren. Aber hat das jemals passionierte Geschichtenerzähler und -lauscher gestört? Natürlich nicht. (Übrigens scheint dies eine der Storys zu sein, die seinerzeit für die „Süddeutsche Zeitung“ über „Die blaurote Matratze“ geschrieben wurden.)

Es ist ein wenig auffällig, welch eine bedeutende Rolle Erotik in diesen Storys spielt. Dass eine Ex-Domina ihre Ex-Sklaven wieder einspannt, ist ein netter Einfall. Doch dass auch der Ex-Domina-Mann der Sache auf pragmatische Weise einige positive Seiten abgewinnen kann, ist der typische Noll-Schlenker, der die Sache erst richtig interessant macht. Womit es natürlich nicht sein Bewenden haben kann.

Eine ganz andere Seite der Erotik zeigt sich in „Der gelbe Macho“. Hier kommt die Liebe sozusagen auf den Hund, um es mal flapsig zu sagen. Doch der Hund – gemeint ist die schlaue Klara – trägt viel dazu bei, der Liebe Gelegenheit zu machen, indem sie Herrchen Oswald auf Abstand hält. Der Hund ist doch der beste Freund des Menschen.

_Die Sprecherin_

Ursula Illert kann sich sehr gut in die Lage der weiblichen Protagonisten hineinversetzen. Mit Verve trägt sie ihre Geschichten vor, mit deutlicher Aussprache und der Betonung auf die richtigen Stellen. Allerdings ist die letzte Geschichte wegen der immerhin fünf Akteure so vertrackt, dass man sie vielleicht noch einmal anhören sollte.

_Unterm Strich_

Bis auf eine eher konventionelle – und daher umso willkommenere – Geschichte („Fisherman’s Friend“) wissen die fünf Beiträge in dieser Sammlung mehr durch ihre Schrulligkeit zu amüsieren als durch Spannung zu fesseln. Das macht aber nichts, denn der typische Noll-Faktor ist durchweg gegeben: eine ungewöhnliche, zuweilen makabre und augenzwinkernde Note ist stets eingeflochten. Ich kann nur hoffen, nicht zu viel verraten zu haben – und um Vergebung für meine Sünden zu bitten, falls ich es doch getan habe.

Die Sprecherin bringt die Erzählungen voll zur Geltung und beeinträchtigt die Botschaft der Autorin in keiner Weise. Das Hörbuch kann einem Zuhörer durchaus einen schönen Nachmittag bereiten.

|120 Minuten auf 2 CDs|

Bester, Alfred – Demolition

_Katz-und-Maus-Spiel mit dem Mörder_

Alfred Bester, geboren am 18.12.1913, studierte Natur- und Geisteswissenschaften. Als er 1939 mit seiner Erzählung „The Broken Axiom“ ein Preisausschreiben der Zeitschrift „Thrilling Wonder Stories“ gewann, wurde er freier Schriftsteller. Sein Werk ist schmal, aber sehr gewichtig und einflussreich. Für seinen ersten Roman, „Demolition“, erhielt er 1953 den ersten |HUGO Award| überhaupt. Mit „Tiger! Tiger!“ („The Stars my Destination“, 1956) gelang ihm ein zweiter großartiger Erfolg. Schilderte Bester in „Demolition“ eine halbtelepathische zukünftige Gesellschaft, so bringt hier die Fähigkeit zur Teleportation den Helden dazu, das bestehende Universum in eine Krise zu stürzen. Die beiden Romane gehören zu den besten in der SF überhaupt.

_Handlung_

In einer Gesellschaft des 24. Jahrhunderts, die zu einem beträchtlichen Teil aus Telepathen besteht, sind Verbrechen, besonders Morde, selten, zumal die Polizei über die besten ESP-Talente verfügt, die jede verbrecherische Absicht rechtzeitig erkennen und die Tat verhindern.

Doch Ben Reich, ein Mensch ohne außersinnliche Begabungen, willensstark, skrupellos und zielstrebig, schafft es trotzdem, einen Mord von langer Hand zu planen und eiskalt durchzuführen. Das Opfer, Craye D’Courtney, ist sein Konkurrent. Wie sich herausstellt, auch sein Vater.

Lincoln Powell, ein erstklassiger ESPer im Polizeidienst, setzt sich auf Reichs Fährte. Obwohl die Tat klar ist, so bleiben ihm doch das Wie und das Warum verborgen. Wie konnte der Vorsatz den Überwachern verborgen geblieben sein? Wie schützt Reich auch nach der Tat seine Gedanken? Und warum brachte Reich seinen eigenen Vater um? Powell muss Reich seiner Bestimmung zuführen, der Strafe, die auf Mord steht: der Demolition. Sie besteht in der allmählichen Auslöschung von Erinnerungen und antisozialen Aggressionen. Es entspinnt sich ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel quer durch das Sonnensystem.

_Fazit_

„Demolition“ ist einer der besten SF-Krimis, spannend bis zur letzten Seite, kühn in der Konzeption, rasant im Tempo. Zudem gehört die hier geschilderte Telepathengesellschaft zu den detailliertesten und durchdachtesten des Genres. Erstaunlich ist zudem, dass die Spannung nicht von künstlich erzeugter Action, sondern von der Frage herrührt, wie Reich die ungeuerliche Tat gelang und wie er sich der Demolition entzieht. Ohne Zweifel ein Meisterwerk.

|Originaltitel: The demolished man, 1951/53
Aus dem US-Englischen übertragen von Horst Pukallus|

Carroll, Jonathan – Pauline, umschwärmt

_Akte X mit Chaosfrauen_

Dieses Buch könnte durchaus von Stephen King stammen – wenn dieser sich um einen besseren Stil und interessantere Charakterisierung bemühen würde. So aber ist es ein Carroll geworden, mit dessen ureigener Stimme und einer Figur, die sein Markenzeichen geworden ist: die Chaos-Frau. Dies und ein spannender Mordfall, der aufzuklären ist, machen das Buch zu einem Mystery-Thriller erster Güte.

_Der Autor_

Jonathan Carroll wurde 1949 in New York City geboren. Sein Vater war Drehbuchautor, seine Mutter Schauspielerin. Seit knapp zwanzig Jahren lebt er in Wien und unterrichtet an der American International School. Als Amerikaner in Wien hat er die Mythen und Märchen dieses städtischen Mikrokosmos erkundet und für seine fantasievollen Werke genutzt. Er ist einer meiner Lieblingsschriftsteller.

Wichtige Werke:

Das Land des Lachens
Ein Kind am Himmel
Schlaf in den Flammen
Die Stimme unseres Schattens
Die panische Hand (Erzählungen)
Vor dem Hundemuseum
Fieberglas
A Marriage of Sticks
The Wooden Sea
The Bones of the Moon

_Handlung_

„Bienenkorb“ (beehive) ist der Spitzname von Pauline Ostrowa, einer zwanzigjährigen Frau, die in den Fünfzigern viel zu intelligent ist, um in dieser restriktiven Zeit in dem kleinen Nest Crane’s View überleben zu können. Der Erzähler, Sam Bayer, hatte damals, vor dreißig Jahren, Paulines Leiche aus dem Hudson River gezogen. Ein einschneidendes Erlebnis: der Tod der Meerjungfrau, das Ende der Kindheit.

Als er dreizig Jahre später zwar ein erfolgreicher Bestsellerautor ist, aber auch eine Schreibblockade hat, fällt es ihm ein, doch mal wieder in seinem alten Heimatstädtchen vorbeizuschauen, um auf andere Gedanken zu kommen. Er beschließt, ein Buch über Pauline Ostrowa zu schreiben. Wie sich herausstellt, ist dies ein lebensgefährliches Unterfangen. Denn es gibt ja auch einen Mörder: Erward Durant junior. Der ist zwar schon lange im Gefängnis gestorben, doch sein Vater, Durant senior, erweist sich als sehr interessiert an der Entstehung des Buches über Pauline: Er will seinen Sohn posthum entlasten, „erlösen“.

Sam Bayer erhält bei seinen Nachforschungen zwei Dinge: eine Freund in Form des Polizisten Frannie McCabe – und als Gefährtin die Chaos-Frau, die ihn glühend verehrt: Veronica Lake. Das ist zwar der Name einer Schauspielerin aus den Dreißigern, und sie ist ebenso blond, aber das macht nichts. Zuerst verliebt sich Sam rasend in sie, dann versucht sie die Regie beim Buchschreiben zu übernehmen, und das wird denn doch zu viel. Aber sie lässt nicht locker: Sie geht sogar so weit, seine Tochter Cassandra zu entführen, um wieder mit Sam sprechen zu können. Es kommt zu einem horrormäßigen Showdown in einer verlassenen Villa, die voller Erinnerungen an Pauline ist – die Parallelen zwischen Veronica und der Toten sind offensichtlich.

_Mein Eindruck_

Nach der Lektüre fühlte ich mich, als habe ich in der Haut von Sam Bayer gesteckt. Ich fühlte mich von Veronicas liebevoll-zudringlichem Verhalten bedroht, aber auch verfolgt von jenem Unbekannten, der wollte, dass das Buch fertig wird – und der auch vor Mord nicht zurückschreckt. Die schönsten Szenen wie die mit Sams Tochter oder Paulines Mutter sind unterlegt mit diesem unterschwelligen Horror, der schließlich in rasende Wut umzuschlagen droht.

„Kissing the Beehive“ macht die verhängnisvolle Situation klar, in der sich Pauline – und heute Veronica – befand. Beide schlafen zunächst mit vielen Männern, verlieben sich dann aber heftigst und scheitern an dieser Beziehung. Veronica findet ebenso den Tod wie Pauline. Hier liefert Carroll einen beißenden Kommentar auf den Zustand ab, in dem sich die männlich dominierte westliche Kultur befindet: Paranoia vor der starken Frau. „Wenn ein Mann mit vielen Frauen schläft, gilt er als toller Hengst. Wenn eine Frau mit vielen Männern schläft, gilt sie als Schlampe.“ Carroll bringt es auf den Punkt.

Begleitet von zahlreichen Personen- und Familienhintergründen, lässt Carroll auf nur 300 Seiten ein Panorama der letzten dreizig Jahre entstehen, das menschlich packender und interessanter kaum zu denken ist. Dass das Buch zu mindestens siebzig Prozent aus Dialog besteht, macht die Lektüre umso einfacher: Ich habe es in zwei Tagen gelesen. Doch die Einfachheit ist trügerisch: Zu leicht kann sich der Autor an schwierigen Fragen vorbeimogeln, ohne dass es der Leser merkt: Fragen zur Motivation, zur Handlungsfolge usw. Wer also zweifelt, sollte das Buch nochmals lesen.

|Originaltitel: Kissing the Beehive, 1998
Aus dem US-Englischen übertragen von Charlotte Breuer|

Morgan, Richard – Unsterblichkeitsprogramm, Das

Privatdetektiv Takeshi Kovacs kann sich über seinen neuen Auftrag nur freuen – hatte ihn der letzte ja eigentlich das Leben gekostet. Aber der Tod scheint inzwischen kein Problem mehr zu sein. Oder etwa doch? (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Richard Morgan wurde 1965 in Norwich, England, geboren. Er studierte Englisch und Geschichte in Cambridge und arbeitete etliche Jahre als Englischlehrer im Ausland, bevor er sich entschloss, seinen Lebensunterhalt als freier Schriftsteller zu verdienen. „Das Unsterblichkeitsprogramm“ wurde auf Anhieb ein großer Erfolg und mit dem |Philip K. Dick Award| ausgezeichnet. Die Fortsetzung trägt den Titel „Gefallene Engel“ und wurde im Mai 2005 bei Heyne veröffentlicht. „Heiliger Zorn“ ist für Februar 2005 angekündigt. Morgan lebt heute in Glasgow, Schottland.

_Handlung_

Man schreibt inzwischen das 26. Jahrhundert, und die Erde hat ihre jungen Menschen in Langstreckenschiffen zu fernen Welten ausgesät, um dort Kolonien zu errichten. Takeshi Kovacs gehörte einer gut ausgebildeten Söldner- oder Marinesoldatentruppe an, die gehirnchemisch aufgerüstet ist und über besondere Fähigkeiten verfügt: die Envoys (Abgesandte). Bei einem Spezialauftrag, den er mit seiner Kollegin Sarah auf Harlans Welt ausführt, läuft die ganze Sache jedoch schief. Nachdem er mit ansehen musste, wie Sarah draufging, wird auch er ausgeknipst.

Das macht aber nichts. Weil alle Menschen mit Ausnahme der Katholiken ihre Identität in einem Stück Hardware, dem implantierten Stack (= Stapel), gespeichert haben, lässt sich diese Identität auch wieder transferieren – in einen Körper, der als Sleeve bezeichnet wird (von engl. „Sleeve“: Ärmel). Diese Sleeves lassen sich künstlich züchten, wenn man es sich leisten kann, oder recyceln.

Der neue Körper von Takeshi scheint recycelt zu sein: Er trägt eine Narbe unter dem Auge. Dieser Bursche muss schon einiges mitgemacht haben, und die Muckis, über die er verfügt, belegen, dass er sich seiner Haut wehren kann. Die Polizei nimmt Takeshi in Empfang. Lieutenant Kristin Ortega von der Kommission für „Organische Defekte“ – was man früher einmal Mord nannte – reagiert sehr emotional auf den neuen Sleeve. Takeshi erfährt erst viel später, dass dieser Sleeve einem gewissen Elias Ryker gehört hat, der Ortegas Lover war. Also bitte, wer würde der armen Ortega so etwas antun?

Nun, ein Mann wie Laurens Bancroft beispielsweise. Der über 350 Jahre alte Multimilliardär hat Takeshi von Harlans Welt angefordert und in diesen Sleeve stecken lassen. Unter Bedingungen, die Takeshi nicht ablehnen kann, hat er einen Neutralen angefordert, um Bancrofts Ermordung aufzuklären. Der Haken daran: Die Polizei behauptet felsenfest, dass Bancrofts letzter Tod Selbstmord war. Alle Indizien sprechen dafür, behauptet Ortega.

Doch mal von dem Wie ganz abgesehen, wer könnte ein Interesse daran haben, Bancroft auszuschalten? Leider ist die Zahl seiner Feinde Legion. Eine Spur führt zu einer Prostituierten aus dem Rotlichtbezirk und zu dem Klub „Jerrys Gästezimmer“, wo Takeshi eine Sexarbeiterin namens Louise kontaktiert. Leider ist diese bei seinem zweiten Besuch mausetot. Jemand hat offenbar etwas dagegen, dass Takeshi Informationen in dieser Sache erhält.

Dass Rumschnüffeln gefährlich sein kann, war Takeshi sattsam bekannt. Neu ist ihm, der bislang nur einmal gestorben, hingegen, dass der Tod zwar der Vergangenheit angehören mag, dass man aber auf sehr viele Arten sterben kann …

_Mein Eindruck_

Ich kann gut verstehen, warum dieser Detektivroman plus Hard-boiled-Thriller einen Preis nach dem anderen eingeheimst hat – und zudem für den deutschen Kurd-Laßwitz-Preis nominiert wurde. Die Handlung glänzt durch trickreiche und gut eingebettete Einfälle sowie einem Thriller entsprechende Action. Der Held geht buchstäblich über Leichen. Aber was heißt das schon, wenn die „Seele“ aus der Speichereinheit geholt und in einen neuen Körper gesteckt werden kann (auch wenn’s nicht immer der ursprüngliche ist). Also heißt die Kardinalfrage: „Tod, wo ist dein Stachel?“, um mal die Bibel zu zitieren. (Fragt mich bitte nicht nach Vers und Kapitel.) Und die nächste Frage, die sich daraus ergibt: „Was definiert man als Verbrechen?“

|Comme Blade Runner|

Takeshis Suche beinhaltet selbstverständlich, dass er sich wie einst der gut alte Blade Runner modernster elektronischer Hilfsmittel bedient. Es gibt in Ridley Scotts Film mehrere Szenen, in denen Harrison Ford die kleinsten Details in den Untersuchungsobjekten prüfen muss, um zu einer Entdeckung zu gelangen. Takeshi ist wesentlich weniger subtil: Ihm reicht eine Sammlung Artillerie (euphemistisch „Hardware“ genannt), ein oder zwei Killerviren sowie natürlich jede Menge Unverschämtheit im Umgang mit seinen „Klienten“. Anders als der Blade Runner ist sein primäres Ziel nicht die Eliminierung „lebensunwerten Lebens“, also der Replikanten, sondern die Suche nach dem Grund, warum ein „Methusalem“ (kurz „Meth“ genannt) sich selbst den Schädel wegblasen sollte.

Zunächst sieht alles relativ vertraut aus: Das vollautomatisierte Hotel heißt „Hendrix“ und zeigt holografisch einen Gitarrespieler (guess who!). Die Pornoschuppen sehen aus wie eine Peepshow aus den Achtzigern des 20. Jahrhunderts, und die Ringkämpfe auf verbotenen Schiffen erinnern an „Rollerball“.

|Körper wie Kleenex|

Doch dann kommt endlich das eigentliche Thema zum Tragen: die vollständige und geradezu lapidare Austauschbarkeit des Körpers. Meth Laurens Bancroft, der stets ein Menge Klone als Reserve bereithält, hat kein Problem, unsterblich zu werden. Doch er pflegt ein anrüchiges Hobby: die Befriedigung durch Prostituierte in den „Häusern“, also Nobel-Bordellen. Das exklusivste dieser „Häuser“ schwebt Takeshi die ganze Zeit vor der Nase, ohne dass es ihm auffällt. Klar, dass hier ein entscheidender Showdown stattfindet.

Dass Körpertausch, Prostitution und Verbrechen in engstem Zusammenhang stehen, dürfte klar sein. Takeshi selbst ist nur zwecks Verbrechensaufklärung in einen Körper heruntergeladen worden. So eine Strafe, wie sie ihm aufgebrummt wurde, kann also unter verschiedensten Bedingungen aufgehoben werden: beispielsweise zum Zwecke der Versklavung eines Menschen in der Prostitution. Sie geschieht es mitunter den Frauen in den „Häusern“, es kann aber auchTiere treffen … Als Takeshi endlich darauf stößt, was dort geschieht, dreht es ihm den Magen um.

|Detektiv mit Gewissen|

Aber kann sich ein Detektiv ein Gewissen leisten? An diesem Punkt wird die Vergangenheit Takeshis interessant. Er stammt von Harlans Welt, wo eine junge Freiheitskämpferin namens Quell eine Denkschule gegründet hat, wie es einst Che Guevara oder Mao taten. Als Takeshi die Nase voll von den Irreführungen und Bestechungsversuchen (Miriam Bancroft verführt ihn) hat, nimmt er sich Quells Maxime als Leitspruch zu Herzen: „Nimm es persönlich!“

Fortan tritt er so vielen „maßgeblichen Leuten“ und seinem Auftraggeber auf die Füße, dass er schon bald nicht nur in größte persönliche Gefahr gerät, sondern auch seinen Auftrag viel besser ausführen kann. Er hat fortan mit den Hintermännern zu tun. Und er verändert durch dieses rücksichtlose Vorgehen die Art und Weise, wie eine UN-Resolution zur Behandlung von Sleeves zustande kommt. Was aber für ihn wichtiger ist: Er kann dadurch endlich ein vergangenes Unrecht, das Bancroft begangen hat, wiedergutmachen. Und das ist ihm mehr wert als ein vorübergehend bewohnter Körper, der eh nicht sein eigener ist.

|Der gute Rächer|

Wir haben es also mit dem Archetyp des „guten Killers“ und Rächers zu tun, wie er aus zahllosen Western und Großstadt-Thrillern vertraut ist. Und daher entspricht die Figur Takeshis sowie der Aufbau des Plots auch all den anderen Klischees, die damit einhergehen. Wie Batman und Superman hat auch Takeshi einen speziellen Erzfeind, der zu seiner Nemesis wird: Kadmin. Er trägt sogar einen Comic-Namen: der Patchwork-Mann.

Die Spannung baut sich in fünf Teilen nach klassischem Muster auf. Jeder Buchteil führt zu einem Höhepunkt, im Guten wie im Schlechten. Doch stetig bringt jeder Zwischenhöhepunkt die Handlung voran. Denn natürlich ist das ursprüngliche Ziel noch nicht erreicht: Warum sollte sich Brancroft umbringen – oder hat jemand dabei nachgeholfen? Den entsprechenden Dunkelmann zu finden und zur Strecke zu bringen, erfordert allerdings einige Tricks – und ein handfestes, persönliches Zupacken Takeshis.

|Im Clinch mit Frauen|

Der Nahkampf ist sowieso sein Ding: Er ist nicht der Hackertyp, sondern verfügt über genug Muckis, um richtig hinzulangen, etwa in der Arena. Aber auch das Bett bleibt nicht ungenutzt. Rykers frühere Geliebte Kristin Ortega braucht zwar eine Weile, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass Takeshis Körper vertraut ist, dessen derzeitiger Bewohner jedoch nicht. Als sich das einrenkt, geht die Chose richtig los – mit einem amourösen Stelldichein auf einer Jacht. Was natürlich wiederum Takeshi erpressbar macht …

_Unterm Strich_

Trotz seines imposanten Umfangs ist „Das Unsterblichkeitsprogramm“ ein keineswegs abschreckender Zukunftsthriller, der sich ziemlich kurzweilig lesen lässt. Die Action ist spannend, vielseitig und nicht nur einmal reichlich ironisch. Aber dieser Humor ist so schwarz und trocken, dass er direkt aus den |Films noirs| der vierziger und fünfziger Jahre stammt („Der Big Sleep“, „Der Malteser Falke“ und viele mehr). Dort ist auch die Vorlage für den aufrechten, knallharten Detektiv zu finden, den Takeshi Kovacs darstellt. Die Übersetzung unterstützt diesen Eindruck ausgezeichnet.

Der Roman erweist sich als eine clevere, gut durchdachte Konstruktion, die so viele Erwartungen wie möglich erfüllt, dass den Juroren der Literaturwettbewerbe nichts anderes übrig bleibt, als ihn für die vorderen Plätze zu nominieren. Und im Fall des |Philip K. Dick Award| hat das ja auch geklappt. Wer mehr vom Gleichen haben möchte, der lese die drei SciFi-Thriller, die Peter F. Hamilton am Anfang seiner Autorenlaufbahn schrieb: „Die Spinne im Netz“, „Das Mord-Paradigma“ und „Die Nano-Blume“.

Aufgrund der fehlenden Originalität und der weitreichenden Visionen, wie ich sie etwa bei Dan Simmons („Ilium“, „Hyperion“, „Endymion“) gefunden habe, schießt der Roman aber knapp an einer Spitzenwertung vorüber.

|Originaltitel: Altered Carbon, 2002
Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Kempen|

Beagle, Peter S. – Sonate des Einhorns, Die

_Unsentimentale Wunder_

Beagle ist als Autor von „Das letzte Einhorn“ (als Zeichentrick unsäglich kitschig verfilmt), „Das Volk der Lüfte“ und „The Innkeeper’s Song“ (dt. als „Es kamen drei Damen im Abendrot“) bekannt geworden. Er ist sicherlich einer der herausragenden Erzähler moderner Fantasy.

_Handlung_

Für die dreizehnjährige Josephine, genannt Joey, scheint es keinen schöneren Zufluchtsort zu geben als den Musikalienladen des alten John Papas, eines Griechen – bis sie eines Tages Indigo kennenlernt, einen Jungen, der auf einem wunderschönen Horn bezaubernde Melodien spielt. Das Horn gehört einem Einhorn. Heimlich folgt Joey ihm und seinen Melodien. Sie überschreitet dabei die unsichtbare Grenze zum magischen Land Sheil’rah.

Die geheimnisvolle Welt, die sich Joey dort unter der Führung des bocksbeinigen Satyrs Ko offenbart, steckt voller Wunder – und befindet sich in großer Gefahr: Eine Krankheit lässt die Einhörner, deren verzauberte Lieder die Seele des Landes sind, erblinden. Joey ist fest entschlossen, Sheil’rah zu retten. Doch dazu muss sie erst Indigos Geheimnis enträtseln. Und wie sich herausstellt, spielt Joeys mexikanische Großmutter eine bedeutende Rolle in der Rettung des sich bewegenden Einhornlandes.

_Fazit_

„Pure Magie!“, soll David Copperfield zu diesem Buch gesagt haben. Man möchte ihm nach der letzten Seite glatt beipflichten. Selten liest man eine solche bezaubernde Story, die doch von aller Sentimentalität frei ist. Vielmehr führt diese oberflächlich betrachtet als Abenteuergeschichte daherkommende Erzählung den Leser in dramatische Situationen, in denen die Gefühle und Einstellungen der Handelnden den Ausschlag geben. Und es ist insofern eine spannende Detektivgeschichte, als Joey herausfinden muss, wie sie den Einhörnern helfen kann. Viele von ihnen haben sich bereits in menschlicher Gestalt in Joeys Welt niedergelassen, um der Krankheit zu entgehen – Indigo hat es fest vor. Groß ist daher die Freude, wenn Joey ihr Vorhaben gelingt.

Beagle pflegt keinen überladenen Stil, wie so manche(r) seiner Kolleginnen und Kollegen. Nur mit dünnen Strichen zeichnet er die zwei Welten, zwischen denen Joey wandert. Nur mit wenigen Sätzen deutet er das Leid und die Not der Einhörner an, die Gefühle der Beteiligten. Umso größer ist das Vergnügen, wenn er ihre Freude im Spiel mit Joey schildert. Dies ist wirklich keine Symphonie, sondern – wieder Titel sagt – eine Sonate. Genau die Sonate, die Joey in ihrer eigenen Welt komponiert, um den Zauber der Einhörner wiederzugeben …

|Originaltitel: The Unicorn Sonata, 1996
Aus dem US-Englischen übertragen von Jörn Ingwersen|

Gregory Benford – Im Meer der Nacht (Contact-Zyklus, Band 1)

Schnark & Wächter: Blick in ein seltsames Universum

Anno 1997 registrieren die Astronomen auf dem Kleinplaneten Ikarus, den sie seit 1949 kennen, einen rätselhaften Gasausbruch, der ihn auf Kollisionskurs zur Erde bringt. Astronauten sollen ihn mit H-Bomben sprengen, um die Gefahr abzuwenden. Doch sie machen die Entdeckung, dass es sich um ein getarntes, automatisch gesteuertes Raumschiff handelt. Im Augenblick der Sprengung setzt es einen Hilferuf ab – an wen? 15 Jahre später taucht ein Robotspäher im Sonnensystem auf …

Der Autor

Gregory Benford, Jahrgang 1941, ist nicht nur einer der besten Science-Fiction-Autoren, sondern auch renommierter Physikprofessor und einflussreicher Berater der US-Regierung in Sachen Raumfahrt und Energieversorgung. Diese Tätigkeit hat ihm sicherlich wertvolle Erkenntnisse vermittelt, die er in Romanen wie „Eater“ und [„Das Rennen zum Mars“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=1223 verarbeitet hat.

Benford forscht und lehrt noch heute an der Uni von Kalifornien in Irvine bei L.A. Sein wichtigster früher Roman war „Zeitschaft“. Darin stellte er erstmals überzeugend die wissenschaftliche Arbeit in der Physik dar (siehe meinen Bericht). Mit seinem sechsbändigen CONTACT-Zyklus, in dem eine Expedition die Tiefen des Alls erforscht, und dem in der nahen Zukunft angesiedelten Roman [„Cosm“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=1224 hat er der naturwissenschaftlich ausgerichteten Science Fiction einen höheren Stellenwert verschafft, als ihr in den 70er und frühen 80er Jahren zugestanden wurde.

Der CONTACT-Zyklus:

1) Im Meer der Nacht (1977, dt. 1980 und 2000)
2) Durchs Meer der Sonnen (1984, dt. 1987 und 2000)
3) Himmelsfluss (1987, dt. 1994 und 2001)
4) Lichtgezeiten (1989, dt. 1994 und 2001)
5) Im Herzen der Galaxis (1994, dt. 2000)
6) In leuchtender Unendlichkeit (1995, dt. 2000)

Handlung

1949 wurde durch Walter Baade auf dem Mount-Palomar-Observatorium der Kleinplanet Ikarus entdeckt, der seine exzentrische Bahn zwischen Mars und Merkur zieht und sich der Erde bis auf 6,4 Millionen Kilometer nähern kann.

Im Jahr 1997 registrieren die Astronomen einen rätselhaften Gasausbruch auf dem Himmelskörper, der seine Bahn verändert und ihn auf Kollisionskurs mit der Erde bringt. Ein Astronautenteam wird hinausgeschickt, um ihn mit Wasserstoffbomben zu sprengen. Nigel und Len machen die sensationelle Entdeckung, dass es sich um ein getarntes, automatisches Raumschiff handelt. Nigel soll eine Wasserstoffbombe zünden, um das potenziell bedrohliche Schiff zu vernichten.

Doch Nigel zögert, die offensichtlich intelligent gebauten Artefakte zu zerstören, von denen die Menschheit lernen könnte. Als er durchschaut, dass ihn der Mann von der NASA anlügt, weigert er sich offen – und löst auf der Erde einen Sturm der Empörung aus. Doch Nigel hat Recht. Wenn Ikarus völlig hohl ist, können seine Bruchstücke entweder in der Erdatmosphäre verglühen oder beim Aufschlag kaum Schaden anrichten. Erst nachdem er alles Interessante mitgenommen hat, haut er ab und zündet Bombe.

Im Augenblick seiner Sprengung setzt das fremde Raumschiff einen Hilferuf ab, der gehört wird. Denn 15 Jahre später – Nigel arbeitet immer noch bei der NASA, aber jetzt in Pasadena am JPL – taucht ein Robotspäher im Sonnensystem auf. Der Engländer Nigel Walmsley, der mit Lewis Carrolls Nonsensgedichten aufgewachsen ist, nennt ihn den Schnark. Aus den Bewegungsmustern leitet er ab, dass der Späher erst sämtliche Planeten absucht und sich erst danach auf die Erde konzentriert. Schließlich kommen von dort jede Menge Radiowellen. Aber wie können Schnark und Erde kommunizieren?

Die NASA bildet ein sogenanntes Exekutivkomitee, das von einem Mann namens Evers geleitet wird und dem auch Nigels Boss Lubkin angehört. Nigel, der seit der Ikarus-Sache weltberühmt ist, darf immerhin beraten. Er ist durch die tödlich verlaufende Krankheit seiner Geliebten Alexandria schwer abgelenkt. Um die Kranke besser überwachen und ihr im Notfall sofort helfen zu können, trägt er ein Kontrollgerät, das per Funk mit Alexandrias eigenem Diagnosegerät verbunden ist.

Als er merkt, dass die Leute um Evers nicht vorhaben, mit dem Schnark Kontakt aufzunehmen, stellt er ihn selbst her. Es kommt zu einer Krise. Der Schnark sendet Daten, die über Nigels Kontrollgerät an Alexandrias Gerät weitergeleitet werden. Da aber Alexandria in diesem Augenblick – von dem Nigel noch nichts ahnt – bereits klinisch tot ist, übernimmt der Schnark den „unbewohnten“ Körper. Wie durch ein Wunder erwacht Alexandria wieder zum Leben. Ihre Religionsbrüder von den allgegenwärtigen „Neuen Jüngern“ sind entzückt und präsentieren sie als Prophetin. Nigel lehnt dies ab, kann aber nichts unternehmen. Aber es gibt ihm gegenüber Evers eine gute Entschuldigung für seine Insubordination.

Evers bittet ihn als den versiertesten Astronauten, den Schnark auf dem Mond persönlich zu treffen. Doch es ist eine von den Militärs um Evers fein ausgetüftelte Falle, um den Robotspäher zu vernichten. Dem Schnark fällt es leicht, die erste Atomrakete unschädlich zu machen und mit Nigel zu kommunizieren. Doch als eine zweite Atomrakete abgefeuert wird, muss auch das Schiff des Spähers verschwinden. Er entkommt in die Tiefen des Alls. Nigel kann Evers bloßstellen und sich selbst retten. Allerdings nicht vor einem kleinen Souvenir, das der Schnark zurückgelassen hat …

2018 entdeckt die Mondforscher Nikka im Marginis-Krater das Wrack eines Fremdraumschiffs. Sie überlebt um Haaresbreite, denn das automatisch gesteuerte Raumschiff verteidigt sich wirkungsvoll. Untersuchungen ergeben, dass es mindestens eine halbe Million Jahre alt sein muss. Nachdem sie die Verteidigungsanlagen umgangen haben, untersucht Nigel zusammen mit Nikka die Datenbanken dieses Schiffes. Der Einfluss der „Neuen Jünger“ im Forschungsteam und auf der Erde ist inzwischen massiv. Nigel wird daran gehindert, seine Funde zu veröffentlichen. Wieder handelt er auf eigene Faust und sendet sie mit Hilfe seiner Geliebten Nikka. Doch da macht sich die Computeranlage des Schiffes selbständig und nimmt Kontakt mit Nigels Gehirn auf. Er verändert sich …

Mein Eindruck

„Im Meer der Nacht“ ist das Vorspiel zur Kontaktaufnahme mit einem Universum, in dem ein beständiges Ringen zwischen organischem und anorganischem Leben bzw. den entsprechenden Lebensformen stattfindet. Und es sieht so aus, als behielten selbstreproduzierende Maschinenwesen, die Mechanos aus dem Sternbild Adler, die Oberhand. Aber das Raumschiff auf dem Mond gehört einer Wächterrasse an, die das organische Leben im Universum vor den Mechanos schützen will und zukunftsträchtigen Spezies zu höherer Intelligenz verhilft.

Gefahren

Das CONTACT-Universum ist kein leeres und erst recht kein freundliches Universum, das auf die Eroberung durch den Menschen wartet. Vielmehr sieht sich die Erdexpedition im zweiten Band schon bald in höchster Lebensgefahr. Die Abenteuer sind von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen stets spannend und geben dem Leser auch in philosophischer Hinsicht eine Reihe bemerkenswerter Einsichten.

Da Benford Physiker ist, habe ich erwartet, dass er wissenschaftliche Kenntnisse bei der Leserschaft voraussetzt, um physikalisches Wissen in seiner Erzählung anbringen zu können. Damit hatte ich überhaupt kein Problem, zumal uns viele der Konzepte, die er präsentiert, mittlerweile völlig geläufig sind: Datenbanken, Funkübertragung, die Mensch-Maschine-Schnittstelle und vieles mehr. Schließlich wurde der Roman in Etappen zwischen 1972, als Clarkes schöner Roman „Rendezvous mit Rama“ erschien, und 1977 geschrieben. (Dies erklärt auch die harten Brüche zwischen den Buchteilen.)

Liebesgeschichten

Ich erwartete, dass der Schwerpunkt der Handlung weniger auf Romanze und Abenteuer läge als vielmehr auf den technischen Abläufen und dem kognitiven Neuland, das sich dem Menschen durch den (vorerst vermasselten) Erstkontakt erschließt. Aber der Anfang des Romans ist eine wunderbare und traurige Liebesgeschichte zwischen Nigel, Alexandria und ihrer beider Geliebten Shirley. In diesem ersten Drittel verändert sich Nigel von einem neutralen Rädchen im Getriebe zu einem aufmüpfigen Burschen, der selbständig handelt. Und zwar ausdrücklich auch gegen die Befehle seiner sogenannten Vorgesetzten. Sie hintergehen ihn nämlich regelmäßig.

Auch im letzten Drittel des Romans erlebt Nigel eine wunderbare Liebe, denn Nikka ist ein sehr kluge und mutige Japanerin, die ihm gegen die religiös verbrämten Verwaltungsaffen hilft. Mit ihr gelangt er zu bahnbrechenden Erkenntnissen, die er aus den Daten des Raumschiffwracks bezieht. Demzufolge haben die Wächter vor mindestens einer halben Million Jahren versucht, Hominiden zu Intelligenz zu verhelfen. Die Wächter wurden von den Mechanos abgeschossen. Die letzten Hominiden sind in Oregon anzutreffen. Sie sind als Sasquatch oder Bigfoot bekannt (es gibt sogar einen Amateurfilm davon). Nigels Freund Mr. Ichino macht mit ihnen nähere Bekanntschaft.

Experimentell

Die letzten Seiten, die von den Szenen in Oregon erzählen, stellen den traditionellen Erzählstil einem völlig andersartigen gegenüber. In diesem experimentellen Still sind alten Einheiten von Subjekt und Objekt aufgehoben. Dies entspricht nun Nigels Weltsicht und -empfinden. Das Lesen ist zwar mühselig, aber die Anstrengung lohnt sich, um herauszufinden, wie Nigel nun „tickt“. Ich fand dies eine unvertraute, aber keine unangenehme Erfahrung, im Gegenteil.

Unterm Strich

An manchen Stellen im ersten Drittel fragte ich mich, ob dies überhaupt ein Science-Fiction-Roman sei. Er ist nur im letzten Drittel mit Clarkes oben erwähntem Roman „Rendezvous mit Rama“ zu vergleichen. Am Anfang scheint Benford ein Gesellschaftsporträt im Sinn gehabt zu haben. Das erweist sich erst im späteren Verlauf als sinnvoll, denn nur so wird deutlich, welche wichtige Rolle die Neuen Jünger auf der Erde für Politik und Wissenschaft spielen. Heute würde man vielleicht Kreationisten oder Fundamentalisten zu ihnen sagen.

Die Konstruktion des Romans ist noch sehr uneben, mit harten Brüchen zwischen manchen Teilen. Der Leser muss eben die fehlenden Übergänge selbst leisten. Die späteren Buchteile sind wesentlich besser geschrieben als die ersten, die dafür mehr Spontaneität und Unmittelbarkeit an den Tag legen. Aber anders als in „Zeitschaft“ konzentriert sich der Autor selten auf den Wissenschaftsbetrieb, denn Nigel Walmsley ist ja in erster Linie Astronaut, also Ausführender. Erst im letzten Teil spielt er die Rolle des Wissenschaftlers, der eine Botschaft weiterzugeben hat. Die Botschaft, so erfahren wir allmählich, hat ihn bereits massiv, aber zum Guten hin verändert. Es ist klar, dass er auch in der Fortsetzung eine wichtige Rolle zu spielen haben wird.

Ich fand den Roman spannend, denn ich wurde mit immer neuen Rätseln konfrontiert, die mich neugierig machten. Ihre Lösung führt stets zu Konflikt und Konfrontation innerhalb der Handlung, aber zu einem Informationssprung für mich. Der größte solche Sprung erfolgt im Epilog, denn hier erst fallen die vielen verschiedenen Puzzlesteine an ihren Platz. Man sollte also unbedingt bis zum Schluss durchhalten. Es lohnt sich.

Taschenbuch: 382 Seiten
Originaltitel: In the Ocean of Night, 1972-77
Besprochene Auflage: Juni 2000
Aus dem US-Englischen übertragen von Gerd Hallenberger, das Interview von Denis Scheck
Illustriert von Giuseppe Festino

Ariost, Ludovico / Koppelmann, Leonhard / Obexer, Margareth – Orlando Furioso

Europa im frühen 9. Jahrhundert. Kaiser Karl der Große und seine Paladine kämpfen gegen Sarazenen und Spanier (!). Paris wird belagert. Abenteuer und Ritteromantik bestimmen die Szenerie. Ludovico Ariostos „Orlando Furioso“ (dt. „Der rasende Roland“), zu beginn des 16. Jahrhunderts geschrieben, gehört laut Verlag zu den einflussreichsten Werken der Weltliteratur. Kaum ein Epos war so bildmächtig und schuf so viel Neues aus der Verbindung von historisch Verbürgtem und Fabulierlust. „Der Herr der Ringe“ wäre ohne Ariosto nicht möglich gewesen. (Verlagsinfo)

Diese letzte Behauptung ist natürlich völliger Käse. Prof. Tolkien schöpfte seine Mythen aus nordischen Quellen: aus den isländischen Eddas, dem „Beowulf“- und dem „Kalevala“-Epos. Man lese dazu auch die Tolkien-Biographien von Tom Shippey und Humphrey Carpenter. Allegorien wie im „Orlando Furioso“ lehnte er zudem rundweg ab. Solche Behauptungen kann auch bloß eine ahnungslose Marketingabteilung aufstellen, in der Hoffnung, die ebenso ahnungslosen Massen würden ihr glauben. Da hat sie sich aber geschnitten.

_Der Autor_

Ludovico Ariosto lebte von 1474 bis 1533. Er verfasste in den Jahren 1505 bis 1516 sein Versepos in 40 Gesängen, denen 1521 weitere sechs Gesänge folgten, „zur Belustigung und Erholung der Herrschaften und edelgesinnter Leute und Damen“. Konzipiert als Fortsetzung des hochgeschätzten „Orlando Innamorato“ (1486) von Matteo Maria Boiardo, widmete Ariost seine Gesänge dem mächtigen Kardinal Ippolito d’Este, für den er von 1503 bis 1517 arbeitete, als Preislied auf die Geschichte des prunkvollen Ferrareser Fürstengeschlechts.

Daher führt das Schicksal der Figuren Ruggiero und der Ritterin Bradamante zur Gründung des Hauses d’Este, wohingegen die Hauptfigur Orlando – nach zahllosen Ruhmestaten – in Einsamkeit endet, alldieweil seine Herzensdame Angelica von Cathay (= China) ihn nicht erhört.

Weitere Werke Ariostos:

Die Kastenkomödie (1508, dt. 1909)
Die Untergeschobenen (1509)
Der Nekromant (1520, dt. 1909)
Satiren (1525)
Lena, die Kupplerin (1529, dt. 1909)
Der rasende Roland (letzte Fassung, 1532)

Ariostos Dichtungen, wie etwa antikisierende Oden, Eklogen und Elegien, aber auch Lieder und Sonette, wurden ca. 1546 veröffentlicht. Die Potentaten setzten seine „Satiren“ 1534 und 1583 auf den Index. Die erste deutsche Übersetzung wurde von 1631 bis 1636 veröffentlicht, eine moderne Übersetzung erschien 1980.

_Die Inszenierung_

Der bekannte Regisseur Leonhard Koppelmann hat das Hörspiel für den Westdeutschen Rundfunk eingerichtet und Regie geführt. Die Übertragung des italienischen Originals in Deutsche und dessen Hörspielbearbeitung besorgte Margareth Obexer. Die Kompositionen, Lieder sowie die sinfonische Musik steuerte Detlev Glanert bei, ein Schüler von Hans-Werner Henze. Ausführliche Angaben zu diesen drei Kreativen sind im ausgezeichneten 12-seitigen Booklet ebenso zu finden wie die Liste der wichtigsten Sprechrollen.

_Handlung_

Das Hörspiel umfasst in seinen fünf Teilen nur sechs der 46 Gesänge des Epos. Pro CD ist ein Teil des Epos aufgenommen worden. Insgesamt handelt es sich um folgende fünf Teile …

Teil 1: Die Prophezeiung am Orakel von Merlin
Teil 2: Orca der Mörderwal und der Fluch von Ebuda
Teil 3: Sturm der Sarazenen
Teil 4: Orlandos Wahnsinn und Astolfos Reise zum Mond
Teil 5: Der Ruhm des Hauses d’Este

Die Erzählsituation ist am Anfang des 16. Jahrhunderts zu lokalisieren (siehe oben unter „Autor“). Der Maure ist, hurra!, aus Spanien vertrieben – Granada fiel 1492, dem gleichen Jahr, in dem ein gewisser Cristoforo Colón aus Genua die Neue Welt entdeckte, die er zunächst für Indien hielt. In Paris herrscht der vortreffliche Kaiser Karl V. über das Hl. Römische Reich Deutscher Nation, kann aber solche Rebellen wie Martin Luther auch nicht verhindern.

Der Barde (Ariost) am Hofe des Kardinal Ippolito d’Este fühlt sich in diesen glorreichen Zeiten an die Epoche vor ziemlich genau 700 Jahren erinnert, als ein anderer Kaiser Karl herrschte – der Große nämlich. Und hol’s der Teufel, aber der Sarazene machte auch damals schon mächtig Schwierigkeiten, denn König Agramante fiel von Spanien aus in Südfrankreich ein. Und Carolus Magnus war natürlich auf die Tüchtigkeit seiner Paladine angewiesen, unter denen wir auf einen gewissen Rinaldo stoßen.

Dieser Orlando hat jedoch zu seines Königs Verdruss ganz andere Dinge im Sinne als die elenden Sarazenen. Ihn verlangt mit aller Macht nach Lady Angelica von Cathay, der schönsten der Schönen, und er ist jederzeit bereit, sich um ihre Gunst zu schlagen. Das kann er auch zur Genüge tun, so etwa gegen den Ritter Ferragú von Paris. Die Hand Angelicas wird Orlando außerdem von Ritter Rinaldo streitig gemacht. Wem sie gehören soll, soll ein Wettbewerb entscheiden, bei dessen Ausgang dem Mutigeren die Dame zugesprochen werden soll. (Was die Lady davon hält, interessiert offenbar nicht.)

Weil aber Rinaldo so pflichtvergessen war, schickt ihn sein Dienstherr nach England, um Hilfe zu holen gegen Agramante. Auf dem Weg dorthin verschlägt’s den Ritter jedoch an fremden Strand, und bei den freundlichen Mönchen, die den Schiffbrüchigen aufnehmen, hört er von einem weiteren schönen Frauenzimmer, dessen Ehre es zu retten gilt. Vergessen sind Dienstherr und Pflicht; wo es um die Ehre und Leben von Damen geht, darf sich ein braver Ritter wie Rinaldo von nichts abhalten lassen …

|Unterdessen …|

Rinaldo hat in Bradamante eine tapfere Schwester, die als Gräfin von Marseille und weiblicher Ritter (!) eigentlich ebenfalls gegen den anrückenden Sarazenen ziehen sollte. Doch auch sie ist in Liebesnöten und höchst pflichtvergessen. Ihr Herz gehört Ritter Ruggiero, der allerdings für ihren Feind Agramante kämpft. Bradamante und Ruggiero sind jedoch sehr wichtig für die Zukunft Italiens, wie ihr das Orakel Merlins prophezeit, denn daraus entsteht unter anderem das ruhmreiche Haus d’Este, dessen vortrefflichem Kardinal Ippolito der Barde vorzutragen die Ehre hat.

In ihrem ersten Abenteuer gilt es, den in einem Kampf gefangenen Ruggiero und seine Freunde aus dem erzenen Schloss des Zauberers Atlante zu befreien, der auf einem Hippogryph (siehe „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“) durch die Lüfte reitet bzw. fliegt. Er streckt seine Feinde mit einem Schild nieder, dessen Strahlkraft sie lähmt, als wäre es der Blick eines Basilisken.

Doch Bradamante erfährt von einem Gegenmittel, nämlich Angelicas Zauberring, den ein Ritter namens Brunell geraubt und verloren hat. Sobald Bradamante in den Besitz dieses Ringes gelangt ist, vermag sie den Zauberer zu überwinden und ihren Ruggiero samt Freunde zu befreien. Doch der Liebste reitet auf jenem elenden Hippogryph davon, dem er schon bald auf Gedeih und Verderben ausgeliefert ist, weil er das Mischwesen aus Vogel Greif und Pferd nicht zu beherrschen vermag. Auf zum nächsten Abenteuer!

|Der Rahmen|

Der große Rahmen der Rahmen ist wegen dieser zahlreichen Einschübe leicht zu übersehen. Der Glaubenskampf zwischen Agramantes Muslimen und Karls Christen findet um das belagerte Paris statt, aber auch im südfranzösischen Arles und auf der sizilianischen Insel Lampedusa, wo – besonders wegen der Heldenhaftigkeit Orlandos – die muslimischen Truppen die entscheidende Niederlage erhalten.

_Die Inszenierung_

Bevor ich meinen Gesamteindruck zusammenfasse, ist es angebracht, die durchaus eigentümlichen Darstellungsformen dieser Inszenierung zu würdigen.

|Die Sprechrollen|

Anders als etwa in einem Hörbuch gibt es hier nicht einen zentralen Vortragenden, sondern verschiedene Erzähler auf scheinbar unterschiedlichen Zeitebenen. Da hören wir einen Schriftsteller – Ariost (Friedhelm Ptok) – mit seiner Feder einen Text zu Pergament oder Papier bringen.

Ein Erzähler am Hofe (Jens Wawrczeck) ergänzt seine Einlassungen, und ein Kriegsberichterstatter (Friedhelm Brebeck) nimmt uns zu den Brennpunkten der Action mit. Plötzlich und unvermittelt hören wir einen Kommentator wie bei einem Fußballspiel, der über einen Kampf oder eine Heldentat berichtet. Der Sound ist so verzerrt, als stamme er aus einem Funkgerät- oder Radiolautsprecher. Dementsprechend schlecht ist der enthusiastisch gesprochene Text zu verstehen. (Nein, dies ist nicht „Das Wunder von Bern“!)

Diese Erzähler werden abgelöst von einer Übersetzerin (Sascha Icks), die mit Diktaphon und PC-Tastatur hantiert. Da sie sowohl Italienisch rezitiert als auch Deutsch spricht, liegt die Vermutung nahe (ohne einen Blick ins Booklet), dass es sich um eine Übersetzerin handelt.

|Gesang|

Noch weniger zu verstehen als der Kriegsberichterstatter sind hingegen die hin und wieder eingestreuten Lieder, die von diversen Rittern und Maiden, gesungen von einem Countertenor, zu Gehör gebracht werden. Als einzige Begleitung dient eine von Axel Wolf meisterlich gespielte Konzertgitarre (das kann ich beurteilen, weil ich dieses Instrument selbst spiele). Der Inhalt der „Arien“: Da klagt beispielsweise der betrügerische Ritter Pinabell von Mainz um seine Herzallerliebste, die ihm der Magier der Festung Atlante auf einem Hippogryph entführt habe. Die Tonlage des Countertenors (hier: Yosemeh Adjai) befindet sich zwischen weiblichen und männlichen Stimmen, ist aber kein Falsett. Die Stimmlage gehört auf androgyne Weise beiden Geschlechtern. Bei anderer Gelegenheit ertönt ein „Gesang der Geister“, der ebenso wenig zu verstehen ist.

|Die Musik|

Das Beste in all diesem Sammelsurium an Formen ist jedoch die sinfonische Musik von Detlev Glanert. Sie genügt allen Kriterien für diese Gattung. So angenehm sie in manchen Momenten erklingen mag, so modern ist sie aber auch. Es kommen ungewöhnliche Instrumentkombinationen vor, die an Igor Strawinskys „Pulcinella-Suite“ erinnern und wohl nicht jedermanns Sache sein dürften. Der Booklet-Artikel über die Musik weist darauf hin, dass die Orchesterstücke mehrheitlich auf einer Messe von Heinrich Isaac basieren, der ein Zeitgenosse Ariostos war und von 1450 bis 1517 lebte.

Am Ende der ersten CD verlustiert sich diese Musik volle fünf Minuten lang, und ich habe mich gefragt, wann das Epos wohl weitergeht. Na, auf der nächsten CD natürlich. Die Einteilung in die sechs Gesänge bzw. fünf Teile wird ziemlich streng eingehalten (siehe oben unter „Handlung“).

_Mein Eindruck_

Es wäre ein Irrtum zu glauben, der Autor sei ein frommer Christ gewesen, der unbedingt Karls Ritter siegen lassen wolle, um so die Überlegenheit seines Glaubens zu demonstrieren und zu bekräftigen. Nein, Ariosto war ein Humanist und als solcher der Wiederentdeckung und -belebung der antiken Literatur verpflichtet. (Kein ungefährliche Haltung, denn nach Savonarolas Predigten Ende des 15. Jahrhunderts setzte eine Anti-Renaissance-Bewegung seitens der Kirche ein.)

|Antike Vorbilder|

Schon der Titel ist ein abgewandeltes Zitat von Senecas Tragödie „Der rasende Kerkules“ aus dem Jahr 65 n. Chr., und die einleitenden Worte des Epos zitieren Vergils Epos „Aeneis“, das die Gründung der Stadt Rom durch Flüchtlinge aus dem besiegten Troja besingt. Auch die Metamorphosen Ovids werden aufgegriffen, als Ruggiero auf den in einen Myrtenbaum verwandelten Astolfo trifft, den die Hexe Alcina, eine Gestalt wie die Kirke aus der „Odyssee“, verzaubert hat. Catull („Lieder“), Lukian (Mondfahrt) und Apuleius (das satirische Märchen „Der goldene Esel“) finden Wiederverwendung.

|Höfische Konventionen|

Das Epos diene „dem Vergnügen und der Enspannung der höfischen Damen und Herren“, schrieb der Autor 1528, als er die Druckerlaubnis beantragte (nicht jeder Hinz und Kunz durfte veröffentlichen!). Damit die edlen Herrschaften nicht vergrault wurden, hatte der Autor entsprechende Konventionen einzuhalten, nämlich die der Ritterepen und des höfischen Romans (in Deutschland gepflegt von 1150 bis ca. 1300) mit seinem genau festgelegten Liebes- und Ritterideal. Daher kommen nur Adelige und ein paar Geistliche, Bauern aber überhaupt nicht vor. Die scheinbare Einhaltung dieser Vorgaben hatte den Vorteil, dass sie die Verwendung der schief angesehenen antiken Vorlagen kaschierte. Für den Autor war es eine Gratwanderung, und dass seine 1525 veröffentlichten „Satiren“ 1534, nur ein Jahr nach seinem Tod, auf dem Index landeten, zeigt, wie schmal der Grat war.

Die deutsche höfische Dichtung zeigte Ritter im Zwiespalt zwischen Gott und Welt, Weltentsagung und Weltverfallenheit, zwischen Minne zur Dame des Herzens und der Pflicht, seinem Oberherrn im Krieg zu dienen. Erst Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ (1200-1210) zeigte einen Kompromiss auf. Doch 300 Jahre später interessierten die Damen und Herren in Ferrara solche Zwiespalten herzlich wenig, denn sie wollen vor allem vergnüglich unterhalten werden. Deshalb wird „Der rasende Roland“ in erster Linie als Parodie auf den klassischen Ritterroman angesehen. Diese Theorie hat einiges für sich.

|Nicht besonders höfische Zustände|

Die Lage ist verworren: Christliche Ritter wie Brunell und Gradass kämpfen auf Seiten des Muslimen Agramante gegen Kaiser Karl. Orlando und Rinaldo verstricken sich nicht in Kämpfe, sondern vielmehr in die Machenschaften, die Magier wie Atlante oder Hexen wie Alcina gestellt haben. Diese Figuren verkörpern Untugenden, so viel ist klar. Alcina ist die Verkörperung der niederen Lust, die sich in eine junge Frau verwandelt hat, um ihr wahres, hohes Alter zu verbergen. Ruggiero verfällt ihr wie einst Odysseus der Nymphe Kalypso.

Der Magier Atlante hingegen verkörpert Materialismus und Egozentrik, denen nur durch den Zauberring Angelicas, der Verkörperung reiner, unschuldiger Liebe beizukommen ist. Dieser Trick funktioniert auch bei Alcina. Kaum dreht Ruggiero den Ring, erkennt er die Wahrheit hinter dem Lustschloss Alcina und macht sich sogleich vom Acker. Allerdings diesmal nicht auf dem unbeherrschbaren Hippogryph, sondern auf seinem eigenen braven Klepper.

|Eine Parodie|

Die Theorie des Literaturhistorikers Francesco de Sanctis (1817-83) geht noch einen Schritt weiter. Er behauptet, dass die scheinbare Zusammenhanglosigkeit des „Orlando Furioso“ die einzig mögliche formale Gestaltung der Anliegen Ariosts gewesen sei. Der Autor schildere nicht mehr den strahlenden christlichen Helden à la Artus oder Lanzelot, noch den edlen höfischen Ritter (s. o.), der sich spezifischen „objektiven“ Werten verpflichtet fühlt: Ehre, Treue, Zucht, Pflicht usw. Sein parodierendes Epos beschreibe vielmehr Ritter, die nur mehr durch Wahnvorstellung und ein rein individualistisches Liebessehnen (das Orlando in den Wahnsinn treibt, da Angelica seine Liebe nicht erwidert), durch Materialismus und Egozentrik (s. Atlante-Episode) charakterisiert seien. Der „Orlando“ sei das literarische Zeugnis einer untergegangenen Kulturepoche. Diese These hat einiges für sich. Ariosto betrachte aus eigener Anschauung – er war Gouverneur einer Provinz sowie Diplomat – den Stand des adligen Politikers bereits als korrupt und setzt ihm das Ideal des humanistisch gebildeten Literaten gegenüber.

|Edle Damen, mehr oder weniger|

So schlecht die männlichen Ritter auch wegkommen, so gut stehen doch die meisten weiblichen Figuren da. Von der sinnlichen Kalypso-artigen Alcina mal abgesehen, spielen doch viele Damen eine positive Rolle. Allen voran überstrahlt die aktive Ritterin Bradamante von Marseille alle anderen Frauen. Bis sie ihren wankelmütigen und charakterschwachen Ritter Ruggiero bekommt, muss sie sich allerdings gewaltig anstrengen.

Prinzessin Angelica hingegen ist ein hoffnungsloser Fall. Die reine unschuldige Liebe ist zu kalt, als dass sie Orlandos Liebessehnsucht erwidern könnte und macht ihn so erst zum „rasenden“ Roland. Melissa hingegen ist ein gute Fee, die Bradamante hilft und ihr – als Merlins Orakel – die Zukunft vorhersagt, welche in der Gründung des Hauses d’Este besteht. Noch viele andere Damen gibt es, die gerettet – oder verführt – werden wollen, doch diese kurze Aufzählung soll erst einmal reichen. Unterschwellig stellt der Autor die Klischees und Vorurteile hinsichtlich der Stellung von Frau und Mann zur Debatte.

|Soap Opera|

Diese Episoden tragen sowieso zunächst zur Verwirrung bei: Welche Dame muss gerade vor wem mit welchen Mitteln durch wen gerettet werden? Welcher Ritter sitzt gerade in der Patsche und muss von einer Dame um welchen Preis gerettet werden? Dabei sind die bösen Mächte oftmals konkret als Fantasieprodukte gestaltet: als Hexe, als Magier, als Meeresgott Proteus, als dessen „Mordwal“ Orca und vieles mehr. Einhörner kommen ebenso vor wie Hippogryphen und viele andere Fabelwesen. Man wundert sich, mit welcher inneren Charakterstärke die Adeligen überhaupt überleben. Die Autorin des Booklets behauptet, es sei „die unzerstörbare Kraft der Liebe“. Wie romantisch.

Viel auffälliger ist eigentlich die durch Ariosts Anspruch (s.o.) begründete Episodenstruktur des Epos: Er will vergnüglich unterhalten, und das so lange wie nur irgend möglich. Folglich stopft er in den sehr dehnbaren Rahmen des Krieges zwischen Muslimen und Christen alle möglichen Episoden zwischen Männlein und Weiblein, Monstern und Zauberern hinein, bis ein Zusammenhang unkenntlich und nur das Vergnügen am Augenblick wichtig geworden ist. Dann bestimmt das Gesetz der Serie den Fortgang der Handlung: Liebende dürfen sich – wie etwa in „Spiderman“ und anderen Heldensagen – niemals bekommen, denn dann wäre die Spannung weg und die Serie zu Ende. So wie in „Sex and the City“ darf das Glück nie vollkommen sein – die Soap Opera muss bzw. darf weitergehen.

|Mein Hörerlebnis|

Die Inszenierung durch den renommierten Regisseur Leonhard Koppelmann unternimmt den Versuch, das Epos aus dem 16. Jahrhundert herauszureißen und für das 21. Jahrhundert irgendwie relevant zu machen. Ist es nun eine Illustration für den Angriff der Islamisten auf westliche Bollwerke des „christlichen“ Kapitalismus oder Imperialismus? Leider erweist es sich für diesen Zweck als wenig tauglich, denn die dafür nötige Rahmenhandlung ist denkbar unwichtig. Von Bedeutung sind vor allem die zahlreichen Abenteuer, die die Hauptfiguren erleben. Dass die Christen am Schluss obsiegen, ist reichlich sekundär und bedient lediglich Erwartungen der Zeitgenossen des Autors.

Dennoch hat man sich mit den auf modern getrimmten Formen der Darstellung auseinanderzusetzen: kratzende Schreibfedern, alte Lieder, sinfonische Musik à la Strawinsky – das geht ja noch, doch dann kommen Radiokommentatoren, Diktafone und tippende Übersetzerinnen vor. Wenigstens wurde der Bereich des Fernsehens ausgespart. Das hätte gerade noch gefehlt.

Die diversen Darstellungsmittel könnten ein harmonisches Ganzes ergeben, das durchaus interessant wäre, wenn sie nicht mitunter dazu beitrügen, dass Text unverständlich wird. Verzerrende Lautsprecher und Diktafone sowie in höchsten Tönen jodelnde Sänger verhindern eher die Rezeption des Textes, als sie zu fördern. Wenn der Text nicht zu verstehen ist, wozu dann noch weiterhören? Es wäre ja zu verschmerzen, wenn diese Elemente lediglich verzierende Schnörkel wären, aber nein: Sie erzählen vom Fortgang der Handlung. Unverstanden hinterlassen sie also ein Loch im Zusammenhang des Inhalts. Ich habe mich sehr darüber geärgert und das Anhören des Hörspiels nach der Hälfte der zweiten CD frustriert abgebrochen. Eine Besserung der besagten Malaise war nämlich nirgendwo in Sicht- und Hörweite. Ich kann nur hoffen, dass es anderen Hörern besser ergeht.

_Unterm Strich_

Die Bedeutung des „Orlando Furioso“ für die abendländische Dichtung bis hin zu Torquato Tasso, Goethe und Italo Calvino ist unbestritten und sollte nicht unterschätzt werden. Das Buch an sich ist ziemlich kurzweilig, denn ein Abenteuer jagt das andere, und die Liebenden bekommen einander erst ganz am Schluss (wobei die Titelfigur leider leer ausgeht, der arme Kerl). Für Fantasyfreunde gibt es ein fröhliches Wiedersehen mit etliche Gestalten, die einem schon diversen „Harry Potter“-Romanen vertraut sein dürften: mit Hippogryphen und dergleichen.

Aber die Welt der moralischen Verstrickungen führt die Herren Ritter und die Damen allzu oft in amouröse Nöte. Da fällt Ritter Ruggiero der Zauberin Alcina zum Opfer, die ihn auch gleich vernascht. Dort gerät die edle Prinzessin Angelica in die Klauen eines notgeilen Eremiten, dem dann leider sein wichtigstes Werkzeug den Dienst versagt, um sie vergewaltigen zu können. Liebe macht also nicht nur eine Menge Verdruss, sondern jede Menge Not und Anlass zu Ehrenhändel.

Dass Ritter Rinaldo vorkommt, hat er nämlich nur dem notwendigen Wettstreit mit Orlando zu verdanken: Beide streiten um Angelica, und derjenige soll ihre Hand erhalten, der sich als der Mutigere erweist. Über solchen Machismo ist Ritterin Bradamante erhaben, wie es scheint: Für ihren Ruggiero geht sie durch dick und dünn – mit entsprechendem Liebeslohn: Sie gründet das Haus d’Este. Die Zuhörer Ariostos werden’s mit Freuden vernommen haben.

|Das Hörspiel|

So unterhaltsam das Buch ist, so anstrengend und frustrierend war für mich seine Umsetzung als Hörspiel des Westdeutschen Rundfunks. Mit unglaublichem, doch keineswegs beeindruckendem Aufwand gestaltet, hat es doch vor allem zu meiner steigenden Verärgerung beigetragen. Es ist ja nicht so, dass ich unbedingt einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Episoden verlangen würde, um mich gut unterhalten zu fühlen. (Aber schön wäre es schon gewesen.)

Es war auch nicht die Unübersichtlichkeit der Episoden, in denen es vor Personal nur so wimmelt, das dann nie wieder auftaucht. Was mich viel mehr verärgerte, waren die Löcher im Erzähltext, die durch unverständliche Elemente verursacht wurden: extrem hoch vorgetragene Lieder, verzerrt wiedergegebene Berichte des Kriegsberichterstatters usw. Einen ähnlich frustrierenden Eindruck hatte ich übrigens auch von Koppelmanns Hörspiel-Inszenierung von Ken Folletts Roman „Die Säulen der Erde“. Mann, war ich froh, als davon endlich die tolle Lesung von Joachim Kerzel zu haben war!

Mein Tipp daher: Das „Orlando“-Hörspiel meiden, das Buch hervorkramen.

|Originaltitel: Orlando Furioso, 1505-21 sowie letzte Fassung 1532
360 Minuten auf 5 CDs|

Barker, Clive / Niles, Steve / Bolton, John – Ein höllischer Gast

_Eine höllische Weihnachtsgeschichte_

Ein exzellentes Comic-Book von Starautor Clive Barker, kongenial illustriert von Starzeichner John Bolton. Es ist die spannend-witzige Geschichte eines Duells, das am Weihnachtsabend seinen Höhepunkt findet. (Wer die Story nachlesen möchte, findet sie im [„1. Buch des Blutes“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=538 unter dem Titel „Das Geyatter und Jack“.)

_Handlung_

Die Herren der Hölle haben das Geyatter, das auf den netten Namen Cuazzel hört, in das Haus des Essiggurken-Importeurs Jack J. Polo abkommandiert, weil Polos Familie sie um eine Seele betrogen hat. Rache ist Blutwurscht, ist die Devise – Polos Seele muss her!

Leichter gesagt als getan. Cuazzel hat den Job, Jack in den Wahnsinn zu treiben. Aber nicht einfach so, sondern es gibt Regeln zu beachten: Es darf Polos Haus nicht verlassen; es darf sich ihm nicht zeigen; es darf Polo nicht berühren. Das macht den Job schon schwer genug, findet es.

Aber auch Jack Polo kennt die Regeln, hat sich doch seine Familie mit Seelenkunde und Theologie beschäftigt. Und das macht Cuazzels Job zu einer Achterbahnfahrt des Grauens: Schon drei Katzen hat es abgemurkst, und Jack ist immer noch nicht wütend! Immer erklärt er alles mit diesem blöden Spruch: „Que sera sera.“ (Was sein wird, wird sein.)

Doch als die beiden süßen Töchter Jacks, Gina und Amanda, ihn besuchen kommen, um mit ihm ein kuscheliges Weihnachtsfest zu feiern, sieht das Geyatter endlich seine große Stunde gekommen. Jetzt oder nie …

_Fazit_

Das Geyatter, dieser rote Dämon aus der Hölle, ist wirklich ein abgrundtief hässliches Kerlchen – mit Recht möchte man es um seine undankbare Aufgabe bedauern, Jack aus der Fassung zu bringen. Und seine Herren sind ja so was von gnadenlos! Und dann all diese Regeln … Wie soll ein ganz normaler Dämon wie Cuazzel da auf einen grünen Zweig kommen?

John Bolton hat in faszinierenden, ungewöhnlichen Bildern und Perspektiven das Treiben und Grimassieren des Dämons eingefangen. Dagegen sieht Jacks Miene abgrundtief … äh, langweilig aus. Wie gern würden wir diese stoische Ruhe aus der Fassung gebracht sehen! Doch dann verschiebt der Erzähler unsere Sympathie auf Jacks Seite, denn nun entsteht die Spannung, wie es ihm wohl gelingen wird, den Quälgeist in seinem Haus zu bezwingen.

Ein feines Comicbook, sauber produziert und übersetzt.

Banks, Iain – Exzession

Der Autor erhielt für diesen Roman 1998 den |British Science Fiction Award|. Banks ist inzwischen der erfolgreichste SF-Autor von den Britischen Inseln.

Dieses Buch erschien anno 1998 als Hardcover-Ausgabe in der normalen |Heyne|-Kategorie – natürlich wurde es dort ein ziemlicher Flop. Bei diesem Roman handelt es sich um pure Science-Fiction – dementsprechend erschien es nun bei Heyne in der richtigen Reihe. Außerdem wurde dem Titel eine schöne neue Illustration spendiert, die durchaus zum Lesen animiert. Sie erinnert im Stil an die Planetenromane Ben Bovas – keine schlechte Empfehlung.

_Handlung_

Das Buch hat eine Haupt- und eine Nebenhandlung. Im Universum der „Kultur“ leben biologische und elektronische Intelligenzen einträchtig/utopisch zusammen, meistens. Die KIs werden als „Minds“ bezeichnet und kommt vor allem in Form von Raumschiffen vor, die es natürlich in verschiedenen Funktionsklassen gibt. Wie jede Regierung hat die Kultur auch eine Art Geheimdienst, die Abteilung für Besondere Gegebenheiten, kurz BG. Der sogenannte Diplomat Byr Gen-Hofoen – zur Zeit der Handlung gerade ein Mann – wird auf eine Mission geschickt, um einerseits ein Alien-Objekt – die Exzession – zu untersuchen und andererseits an Bord des Raumschiffes „Sleeper Service“ (Schlafwagen/Schläfer-Service) eine alte Freundin zu besuchen: Dajeil Gelian. Sie ist seit 40 Jahren von ihm schwanger. An Bord soll er außerdem die eingelagerte Seele einer Kapitänin wiedererwecken, die vor über 2000 Jahren schon einmal auf das Alien-Objekt gestoßen war, um ihm Infos zu liefern. Alles ganz einfach. Leider wird Byr von einer BG-Aspirantin bei der Arbeit erheblich behindert, ist also nicht sonderlich produktiv.

Allerdings belässt es Banks nicht dabei. Schließlich betrifft die Exzession, die fünfzigmal älter als das bekannte Universum ist, die ganze Kultur. Die Fraktionen der Minds verdächtigen sich gegenseitig, Vorteil aus dem Exzessionskontakt schlagen zu wollen, und behindern sich. Hinzu kommt, dass die abstoßende Zivilisation der Affronter einen Krieg gegen die Rest-Kultur vom Zaun bricht, um sich gleichzeitig die Exzession anzueignen. Es stellt sich heraus, dass sie dazu verleitet wurden, um ihre Flotte zu vernichten und sie so zur Räson zu bringen.

Zahlreiche fein gesponnene Handlungsfäden laufen am Ende zusammen. Finale: Die „Sleeper Service“ hatte sich ihrer Fracht entledigt, nun setzt sie auch noch Dajeil und Byr aus und konstruiert in Nullkommanichts 80.000 Mini-Kriegsschiffe, um damit mit Karacho die Exzession anzugreifen!

+++ SPOILER-ALARM! +++
Obwohl der Leser um die vernichtende Kraft der Exzession weiß – es scheint sich um ein intelligentes Schwarzes Loch beziehungsweise Wurmloch zu handeln -, kommt es nicht zur Zerstörung der „Sleeper Service“ – die Exzession zieht sich zurück und verschwindet vollends. Damit ist auch das kleine Fahrzeug mit Byr und Dajeil außer Gefahr. Nach einem klärenden aber tränenreichen Gespräch haut Byr wieder ab, doch Dajeil schenkt bald danach einem Mädchen das Leben.
+++ Ende des SPOILER-ALARMs +++

_Mein Eindruck_

Die erzählten Handlungen sind leider wesentlich verschachtelter als meine Darstellung. Immerhin ist der Roman weitaus stringenter erzählt als etwa „Bedenke Phlebas“ oder „Einsatz der Waffen“. Der Humor ist häufig von feiner Ironie. Er spiegelt sich beispielsweise in den ungewöhnlichen Namen der Minds wider: „Erschieß sie später“ und „Wundersame Wege des Schicksals“ sind nur zwei harmlose Beispiele (Banks-Fans dürfen weitere Namen vorschlagen). Auch die in Computerschrift gesetzten Dialoge der Minds entbehren nicht der Ironie. Lästig sind allerdings die jeweils vorangestellten Daten über eine Übertragung, die für viele Leser unverständlich sind.

Die menschlichen Romanfiguren sind allerdings weniger lebendig als die Minds, wohl weil sie weniger zu sagen haben. Einzige Ausnahme ist die BG-Aspirantin Ulver Seich, eine verzogene junge Jetset-Lady, die sich als Agentin betätigt, um daheim mal wieder im Gespräch zu sein. Wie bitter sie enttäuscht ist, als sie herausfindet, dass sie aufgrund ihrer langen Reise schon lange kein Thema mehr ist!

|Von Krähen und Kultur|

Und natürlich gibt es mal wieder eine Krähe in diesem Buch, wie stets bei Banks – Gravious ist ein Spion und berichtet an eine Fraktion der Minds, die den BG nicht gerade loyal gegenübersteht. Wenigstens kommen keine Schotten vor! (Banks ist Schotte und lebt bei Edinburgh.)

Die Exzession hat eine Parallele im schwarzen Monolithen in Arthur C. Clarkes „Odyssee 2001“ – an diesem Rätsel scheiden sich die Geister. Das „Kultur“-Universum erinnert an das „Low-Down“-Universum, das Altmeister Vernor Vinge in „Ein Feuer auf der Tiefe“ (|Heyne|-SF) entwarf.

|Originaltitel: Excession, 1996
Aus dem Englischen von Irene Bonhorst|

Banks, Iain – Vor einem dunklen Hintergrund

_Ins Chaos_

Ausnahmsweise spielt dieser SF-Roman nicht in Banks‘ |Culture|-Universum. Anders als in „Exzession“ kommen hier weder intelligente Drohnen noch Agenten der BG vor. Das könnte ein Grund sein, warum das menschliche Ausmaß der Tragödie umso stärker betroffen macht – vorausgesetzt, der Leser ist in der Lage oder bereit, sich mit der Heldin Sharrow zu identifizieren. Da die Welt und die Handlung sowie alle Charaktere aus Sharrows Sicht gesehen werden, sollte die Identifizierung nicht schwer fallen.

_Handlung_

Auf dem Planeten Golter ereignen sich im Jahre 20.000 einige mysteriöse Vorfälle. In ihrem Zentrum steht Sharrow, einige junge Adlige, die vor Jahren in einem Krieg als Jagdbomber-Pilotin gedient hatte. Ihr Geschlecht, die Dascen, ist etliche tausend Jahre alt und liegt seit dem Raub einer Reliquie, der letzten so genannten „Chaoswaffe“, im Dauerclinch mit der Sekte der Huhsz. Durch Rückblenden sowie im Prolog erfährt man die Vorgeschichte der dramatischen Haupthandlung.

Nun haben die Huhsz endlich Freipässe für die Tötung Sharrows erhalten – vom korrupten Globalen Tribunal, das Golter beherrscht, aber nie selbst sichtbar wird. Nur einmal gerät Sharrow mit einem seiner Vertreter aneinander, bleibt aber dabei siegreich. Sie legt eben die Gesetze zu ihren Gunsten aus, vor allem wenn es um die Beschaffung von Reliquien geht.

Um die Chaoswaffe vor den Huhsz, die sie wiederhaben wollen, zu finden und sich damit zu schützen, reaktiviert Sharrow alte Freundschaften aus der Kriegszeit. Mit Zefla, Miz, Dloan und Cennuj macht sie sich auf, um die Hinweise auf den Verbleib der Chaoswaffe aufzustöbern. Sie sollen sich in einem alten Buch namens „Universelle Prinzipien“ befinden. Wie sich zeigt, befindet es sich als heiliges Buch in einem Provinzkönigreich und dient dem König zu festlichen Anlässen als Sitzgelegenheit. Mit wahren Geniestreichen sowohl komischer als auch makbrer Natur gelingt es dem Quintett, das Buch zu entwenden – nur um es sogleich wieder an geheimnisvolle Verfolger Sharrows zu verlieren. Doch das Buch ist sowieso leer bis auf eine Inschrift „Alles wird anders“. Sharrow wird von Huhsz-Söldnern gefangen genommen, wird aber befreit, doch Cennuj stirbt.

Die Inschrift führt Sharrow zum Grabmal ihres Großvaters in einer nur von Androiden bewohnten Stadt namens Vembyr. Hier lernt die junge Frau einen sehr angenehmen Zeitgenossen namens Feril kennen. Beide entgehen einem Mordanschlag und finden den entscheidenden Hinweis auf den Lagerplatz der Chaoswaffe. Der Weg in die Fjordwelt der Embargogebiete wird zu einem Todesmarsch: Sharrow kämpft zusammen mit Feril und den verbliebenen Freunden gegen gegnerische Söldner. Während diese vor den Waffen eines Wachturms kapitulieren müssen, erlangt Sharrow den Zugang zum Turm. Ihr Geliebter, Miz, stirbt, Feril ist gelähmt, ebenso wie Sharrow: Die Feinde schnappen ihr die Chaoswaffe unter der Nase weg.

Doch als die Festung ihres Feindes Molgarin selbst durch die Huhsz unter Beschuss gerät, kann sich Sharrow mit Feril und der Chaoswaffe aus dem Staub machen. Die Festung verglüht in einer Atomexplosion. Sharrow rast über 2000 Kilometer zum Ausgangspunkt der Handlung zurück: zu Marinabtei. Dort wohnt ihre Halbschwester Breyguhn, aber auch ihr zwielichtiger Cousin Geis findet sich hier. Der Showdown folgt, der weitere Opfer fordert – alles nur wegen der Last der Vergangenheit. Unter den Opfern befindet sich auch Sharrows Sohn Girmeyn, den sie zwar zuvor getroffen hatte, dessen Herkunft ihr aber verschwiegen worden war. Er stellte eine Art Messias dar, die Zukunft Golters …

_Hintergründiges_

Im Finale geht Sharrows Welt unter. Das ist aber völlig okay, denkt sie – und in den zahlreichen Rückblenden erfährt der Leser, warum. Sie war gefoltert und mit einem Virus verseucht worden, man hatte ihr Kind geraubt und sie benutzt, wie es den anderen in den Kram passte. Sie hatte ihre Mutter mit fünf Jahren an die Huhsz verloren, sie verlor auf ihrem Kampf um die vermaledeite Chaoswaffe alle Freunde, selbst Miz und Feril. In dieser Entwertung aller menschlichen Werte kehrt Sharrow zum Solipsismus zurück. Die Solipsisten erschienen zuvor als lächerliche Sekte, nun werden ihre Lehren bittere Realität.

Der Untergang der Welt resultiert aus einer Familienfehde, die seit ihrer Kindheit zwischen Sharrow und Breyguhn ausgetragen wird. Zunächst ging es um die Gunst des Vaters, dann um die des Cousin-Lovers Geis, später um die Freiheit der eigenen Lebensgestaltung. Breyguhn zog sich in die Marinabtei zurück, doch Sharrow wird – nach Jahren scheinbarer Ruhe – verfolgt. Dass das Ende des Geschlechts der Dascen auch das Ende des Planeten Golters, wie er bislang existierte, bedeutet, ist kein Zufall. Die Dynastien hatten die Welt in jeder Hinsicht ausgebeutet – drastisch dargestellt an den menschengemachten Wüsten, wie auch an den zusammengeraubten Antiquitäten in Geis‘ Gemächern in der Marinabtei. Die Chaoswaffe ist nur ein weiteres tödliches Vermächtnis der Vergangenheit. Die Vernichtung aller Dascens (inklusive Sharrows Sohn!) wie auch der Welt verschafft dem Planeten wie auch Sharrow eine neue Freiheit, so deutet Banks an. Dies macht der letzte Satz deutlich: „Die neue Flut brandete ans Ufer“. Insofern ist Sharrows Leidensweg eine reinigende Katharsis für die Welt. Sharrow |ist| – wie sie es in ihrem Träumen erlebte – die Chaoswaffe.

Dass die Katharsis im Nachhinein als notwendig erscheint, täuscht nicht über die Tatsache hinweg, dass sie für Sharrow die größten Opfer bedeutet, die ein Mensch machen kann. Sie ist am Schluss in einem existenziellen Zustand: völlig allein auf der Welt, den weiten, leeren Horizont vor sich.

_Fazit:_ Mit „Vor einem dunklen Hintergrund“ schrieb Banks sowohl eine Tragödie antiken Zuschnitts als auch einen spannenden Actionthriller. Im Gegensatz zu manchen Kollegen der SF-Zunft begnügt er sich nicht mit der Oberfläche, sondern führt den Leser in die Tiefe: die Vergangenheit Sharrows und ihrer Welt, alle Bereiche von Sharrows Charakter. Bezüge zwischen der Vergangenheit zu aktuellem Geschehen erzeugen Symbole und Ironie, also Kommentare. Dieses Merkmal ist für literarische Kunst bezeichnend. Daher steht für mich fest: „Vor einem dunklen Hintergrund“ ist ein Kunstwerk, das Bestand haben wird. Die ausgezeichnete Übersetzung durch Horst Pukallus wird ebenso dem Original wie auch dieser Beurteilung gerecht.

|Originaltitel: Against a dark Background, 1993
Aus dem Englischen übertragen von Horst Pukallus|

Arden, Tom – goldene Baum, Der (Der Kreis des Orokon Band 4)

_Die Drachenschlacht_

Dies ist der zweite Teil des zweiten Romans in Tom Ardens Zyklus „Der Kreis des Orokon“. Da der Held, Jemany, insgesamt fünf göttliche Kristalle, die verloren gingen, suchen muss und er in jedem ganzen Roman nur einen findet, gibt es entsprechend auch fünf Bände dieses Zyklus‘ – und zumindest ist nach dem deutschen Band 10, „Der fünfte Kristall“, kein weiterer Teil mehr erschienen.

_Handlung_

In diesem Band erreicht die komplexe Handlung mehrere Höhepunkte.

Der erste besteht wohl darin, dass der Zauberer Toth-Vexrah es schafft, in eine irdische, sprich: menschliche Hülle zu schlüpfen und so sein Unwesen zu treiben: Es ist der Erste Minister von Ejland. Infolgedessen ziehen die Truppen Ejlands wieder einmal gegen die Rebellen aus dem unterworfen geglaubten Zenzau. Es kommt zur Entscheidungsschlacht vor den Toren der alten zenzanischen Hauptstadt Wrax.

Jem und sein wiedergefundener Vaga-Freund Rajal ziehen einer Prophezeiung gemäß ebenfalls dorthin, geraten aber im Wald in die Gesellschaft einer Rebellenbande um den Roten Rächer, Bob Scarlet. Er ahnt nicht, dass dieser in Wahrheit sein verschwundener Vater und somit der rechtmäßige König von Ejland ist. Und Bob Scarlet verrät es ihm nicht. Die Rebellen schicken Jem in die Stadt Wrax, um dort den „Ladenbesitzer“ zu suchen sowie den grünen Kristall der Göttin Viana.

Jem und Rajal müssen zusammen einen übernatürlichen Kampf gegen die Geister des Königs und die Königin der Schwerter bestehen, bevor sie den grünen Kristall bekommen können. Ihre beiden Geistkörper tauchen in der hiesigen Realität als ein roter und ein grüner Drache über den Truppen auf, die sich bereits in der Entscheidungsschlacht befinden. Doch plötzlich taucht aus dem Nichts ein weit größerer blauer Drache auf, der das Blatt zugunsten der Ejländer wendet. In der Form dieses Drachens verbirgt sich der dem Bösen (Toth-Vexrah) anheimgefallene Polty, der ewige Gegenspieler Jems.

In den Wirren der Niederlage verschwindet Cata, die als Mann verkleidet bei den Eijländern mitgezogen und zu den Rebellen übergelaufen war. Und Jems Onkel, Lord Empster, gibt sich als eine Art Gandalf-Figur zu erkennen, der den jungen Jem auf die Spur des nächsten Kristalls setzt, der irgendwo weit im Süden jenseits des Meeres wartet. Jem ist klar, dass er die einzige Chance darstellt, der Ausbreitung des Bösen Einhalt zu gebieten. Und er sehnt sich nach einem Wiedersehen mit Cata.

_Fazit_

In diesem Band müssen wir Gottseidank auf die zahlreichen Auftritte von Umbecca Veeldrop verzichten, der sentimentalen und bigotten Gouveneurswitwe, die dank eines Mordes endlich ihren Adelstitel erhält. Ja, Arden deutet stets so gemeine Dinge über den Adel an. So taucht in Agondon auch ein Gegenstück zum berüchtigten Hellfire Club aus dem 18. Jahrhundert auf.

Im Wald nahe Wrax spielt sich schließlich ein Drama ab, das weit mehr Ähnlichkeit mit Tolkien hat, allerdings stets unterbrochen von komischen Einlagen zweier traurigen Gestalten, den Soldaten Morvy und Crum. Sie erinnern ein wenig an Shakespeares Soldaten in „Heinrich V.“ oder die Totengräber in „Hamlet“ und dienen dazu, Ernst und Pathos der Haupthandlung zu kompensieren.

Wie man sieht, versteht Arden sein Handwerk. Dennoch vermisst man die Emotionalität eines Tolkien oder Terry Brooks. Die Romantik wird hier als Sentimentalität präsentiert und Heldentum als Mischung aus Zufall und notgedrungenem Kämpfen mit dem Rücken zur Wand.

|Originaltitel: Second Book of the Orokon. The King and Queen of Swords, part 3+4, 1998
Aus dem Englischen übertragen von Wolfgang Thon
Homepage des Autors: http://www.tomarden.com |

Brust, Steven – Taltos

_Abenteuer im Reich der Toten_

Wie schon in „Jhereg“ finden die Abenteuer des Helden Vlad Taltos in einer originell gestalteten Fantasywelt namens Dragaera statt. Eine vergnügliche, intelligente und komplexe Fantasy um den Auftragsmörder Vlad, der lieber seinen Kopf einsetzt, um diesen noch eine Weile zu behalten. Diesmal erfahren wir von Vlads menschlichem und beruflichem, ähem, Werdegang und erleben eines seiner schwierigeren Abenteuer: im Reich der Toten.

Informationen über den Autor findet ihr am Schluss meiner Besprechung.

_Hintergrund_

Auf der Welt Dragaera geht in der Stadt Adrilankha unser Held Vlad Taltos (sprich: taltosch) seinem Beruf nach: Er ist ein erstklassiger Auftragskiller. Adrilankha ist eine Art ernsthafte Version von Terry Pratchetts Ankh-Morpork: komplett mit Diebes- und Mördergilden, Kaufleuten, Schenken und Bordellen. Vlad hat sein Büro in der Altstadt, von wo er seinen eigenen Bezirk verwaltet und Schutzgeld eintreibt.

Als hilfreich hat sich sein Vertrauter erwiesen: Loiosh ist ein drachenähnliches Wesen aus der Spezies Jhereg. Ähnlich wie McCaffreys Feuerechsen auf Pern kann Loiosh Gedanken lesen und giftige Bisse austeilen.

Auf der uralten Welt Dragaera stellen die Menschen wie Vlad Taltos eine Minderheit dar; angeblich kamen sie aus dem Ostreich in das Reich der Nichtmenschen, die so etwas wie kriegerische Elfen sind. Die Dragaeraner sind in exakt 17 Häuser oder Clans aufgespalten, so etwa Dragons und Hawks. Der Jhereg-Clan, der Vlad aufgenommen hat, ist ein Bastard-Clan und steht außerhalb der Clan-Hierarchie. Die Dragons bilden die Spitze, sie gehorchen nur der Imperatorin.

_Handlung_

„Taltos“ ist ein wenig vielschichtiger aufgebaut als „Jhereg“, doch die Handlung setzt die Kenntnis der Informationen aus „Jhereg“ voraus.

Die erste Schicht besteht aus der Beschreibung eines rätselhaften Zauberrituals. Es wird jeweils am Anfang jedes Kapitels kurz beschrieben, so dass man keine Ahnung hat, zu welcher Situation es gehört oder welchen Zweck Vlad damit verfolgt. Sehr clever eingesetzt.

Die zweite Schicht besteht in der Biografie Vlads, die dieser selbst erzählt und die sich mit seiner Wiedergabe des eigentlichen Abenteuers abwechselt. Auf diese Weise wird weder das eine noch das andere langweilig. Das kann aber zuweilen zu Verwirrung führen, welcher Abschnitt denn nun zu welchem Abeneteuer gehört. Denn Vlad erzählt bei seinem beruflichen Werdegang von seinen knifflichsten Mordaufträgen.

Die dritte und wichtigsten Schicht besteht im neuesten Auftrag Vlads. Er erhält ihn von seinen schwierigsten Kunden: dem Dragon-Fürsten Morrolan, einem recht hochnäsigen Zeitgenossen, der aber über eine furchterregende Waffe verfügt: ein seelenraubendes Morganti-Schwert. Vlad lässt lieber Vorsicht walten. Seine zweite, eigentliche Auftraggeberin ist die Zauberin Sethra Vode, die auf einem Zauberberg wohnt und eine merkwürdige Art von Humor pflegt.

Ihr Auftrag: Einen Stab von einem mächtigen Magier zurückholen. Der Lohn ist astronomisch hoch, aber das Risiko auch. Vlad schlägt ein. Er ahnt noch nicht, dass sich in besagtem Stab die Seele der Kusine Morrolans, Aliera, befindet und dass mit dem besagten Zauberer nicht zu spaßen ist.

Und es wird Vlads weitere Aufgabe sein, diese geraubte Seele im Reich der Toten zu befreien und wieder ins Reich der Lebenden zurückzubringen. Leider haben die Götter des Jüngsten Tages, die über die Toten, Untoten und Lebenden bestimmen, einiges gegen dieses verwegene Vorhaben einzuwenden. Na, denn mal los, Vlad!

Ach ja: das eingangs erwähnte Ritual. Es spielt eine wichtige Rolle, damit Vlad von seinem Auftrag lebend zurückkehrt.

_Mein Eindruck_

Nachdem ich mich an die ungewöhnliche Erzählweise gewöhnt hatte, ging das Lesen fast wie von alleine. Zunächst meinte ich, dass in der Erzählung – es sind ja drei – nichts vorangeht. Aber ich täuschte mich. Allerdings muss man sich etwas gedulden, bis es mit der Action einigermaßen vorangeht.

Die zweite Hälfte der Haupthandlung dreht sich ja ums Reich der Toten. Allein schon der Weg dorthin ist ungewöhnlich gestaltet, doch das Totenreich selbst lässt an Überraschungen nichts zu wünschen übrig. Dafür sorgen schon die zänkischen Götter selbst.

_Unterm Strich_

Nicht so flott und fröhlich-frech wie „Jhereg“, aber immer noch ein gutes Fantasyabenteuer und eine originelle Vision vom Jenseits.

_Der Autor_

1955 in Minneapolis geboren, ist Steven Karl Zoltan Brust schon Programmierer, Drummer in einer Reggae-Band, Schauspieler und Gitarrist in verschiedenen Bands gewesen. Er liebt vor allem zwei Dinge: die Küche seiner ungarischen Vorfahren und den Kampfsport – zumindest Letzteres merkt man seinem Buch an.

Er ist ein Mitglied der wichtigen Schriftstellergemeinschaft der „Scribblies“, die 1980 in Minneapolis gegründet wurde. Ihr gehören bekannte AutoInnen wie Emma Pull, Patricia Wrede und vor allem Kara Dalkey (deren Werke bei |Knaur| veröffentlicht wurden) an. Sie schreiben, was sie gerne selbst lesen würden. Dazu gehört besonders zeitgenössische und urbane Fantasy. Bull und Shetterly edierten die Romane, die auf der Shared-World Liavek spielen. Viele Scribblies-Mitglieder gehören der Bewegung des Pre-Joycean Fellowship (PJF) an. Sie unterstützen Literatur, wie sie vor James Joyce geschrieben wurde. Sie sind somit anti-modernistisch (aber modern) und anti-elitär, außerdem meist humorvoll.

In den USA ist Brust bisher durch neunzehn Romane und eine Soloplatte bekannt geworden. Seine Bücher werden immer wieder neu aufgelegt. Mit „Jhereg“ erschien 1983 der Startband eines ganzen Zyklus um den Antihelden Vlad Taltos, der auf insgesamt neunzehn Bände angelegt ist. Zu diesem gehören folgende Werke:

Jhereg (1983), Yendi (1984), Teckla (1986) – zusammengefasst als „Taltos the Assassin“ (1991); Taltos (1988; auch „Taltos and the Paths of the Dead“, 1991), Phoenix (1988) und Athyra (1991).

Verwandt ist die „Khaavren“-Sequenz, die sozusagen historische Romane à la A. Dumas umfasst, die auf Dragaera spielen: The Phoenix Guard (1991), Five Hundred Years After (1994) und The Viscount of Adrilankha (ca. 1996). „Brokedown Palace“ (1986) enthält ebenfalls verwandtes Material.

Bei |Klett-Cotta| erschienen die Bücher in folgender Reihenfolge: „Jhereg“ (2002), „Taltos“ (2002), „Yendi“ (2003), „Teckla“ (2003), „Phönix“ (2004), „Athyra“ (2005).

Homepage des Autors: http://www.dreamcafe.com/

|Die Übersetzung|

… ist erstaunlich gut. Ich habe selten eine bessere Übertragung amerikanischen Sprachgebrauchs in heutiges Deutsch gelesen. Die Aufmachung des Buches ist ebenfalls gelungen, wie von Klett-Cotta gewohnt.

|Originaltitel: Taltos, 1988
Aus dem US-Englischen von Olaf Schenk|

Breashears, David – Bis zum Äußersten – Der Mt. Everest und andere Herausforderungen

_Erinnerungen im IMAX-Format_

Das Vorwort von Jon Krakauer macht es klar, worum es letztlich auch in diesem Bergsteigerbuch geht: um die Katastrophe am Everest von 1996, über die Krakauer seinen verfilmten [Bestseller]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1130 schrieb. So viele andere Teilnehmer haben schon ihre Meinung darüber abgegeben – Boukreev, Gammelgaard etc. -, dass man sich fragt, ob auch Breashears Buch nötig war, ja, ob es überhaupt noch etwas Neues zu vermitteln vermag. Breashears (sprich: brä’schias) ist bekannt als Regisseur und Kameramann des IMAX-Films „Everest“. Er drehte auch bei „Cliffhanger“ mit.

Der Eindruck des Vorworts trügt jedoch: Wer das Buch zur Gänze gelesen hat, dem wird klar, dass die Katastrophe von 1996 wirklich nur eine aufgebauschte Episode in der mörderischen Wirklichkeit des Extrembergsteigens darstellt. Und da Breashears dessen Entwicklung von Anfang an mitverfolgen konnte, wunderte es ihn keineswegs, dass so viele umkamen – obwohl es ihn schmerzte, mit Scott Fischer einen seiner besten Freunde verloren zu haben. Das Wiedersehen mit Fischers erstarrter Leiche am Hillary Step ist denn auch das Eingangsbild zu diesem Buch, das an extremen, emotional bedrückenden Episoden nicht arm ist.

_Themen_

Breashears ist zweifellos einer der besten Bergsteiger der Welt. Er hat den Everest schon fast ein Dutzend Mal bestiegen. Doch auch er hat einmal ganz jung und unbekannt angefangen. In diesen seinen Erinnerungen erzählt er, wie er überhaupt dazu kam, in die Berge zugehen und immer wieder zu versuchen, seine eigenen physischen und psychischen Grenzen zu testen und weiter hinauszuschieben. Einer seiner größten Triumphe ist denn auch die Erschließung einer eigenen Extremroute („Perilous Journey“) durch eine scheinbar völlig glatte Felswand in den Rockies. Unter Insidern erhielt er den Namen „The Kid“. Diese Kapitel sind absolut faszinierend zu lesen, selbst für Nichtbergsteiger. Denn es geht nicht so sehr um das Handwerk als vielmehr um die mentale Vorbereitung und Anstrengung beim Klettern. Und dies kann jeder nachvollziehen, der schon einmal Sport getrieben hat.

Doch Breashears Bestimmung waren der Himalaja und das Filmen. Den Weg zu beiden Zielen musste er sich hart erarbeiten. Das hat ihn unter anderem seine Ehe gekostet. Anderes als es vielleicht so mancher Kollege getan hätte, legt David uns sein Herz offen und bekennt ganz klar, was schief gelaufen ist: der Konkurrenz- und Termindruck, aber auch ein wenig das Weglaufen vor dieser Verpflichtung. Er entfremdete sich seiner zunächst geliebten Frau, die ebenfalls eine hervorragende Kletterin ist. Oberste Priorität haben die Berge – und sie fordern noch viele weitere Opfer von ihm.

So verliert er beispielsweise mehrere Sherpas an der tückischen Nordseite des Everest. Er hat es nie geschafft, den Everest von Tibet aus zu bezwingen. Im von den Chinesen besetzten Tibet riskiert er mehrmals seine Freiheit, als er Dissidenten trifft und fürs US-Fernsehen filmt. David ist dort heute |persona non grata|. Schließlich die Katastrophe am Everest ’96. Er beschönigt seine Rolle als Expeditionsleiter keineswegs, auch nicht, wie rau und ungerecht er zuweilen gegenüber Konkurrenzexpeditionen auftreten musste. Er bedauert diese Ausrutscher zutiefst. Diese Ehrlichkeit macht ihn so integer und sympathisch. Und deshalb ist der Leser auch bereit, sein negatives Urteil über den Expeditionsleiter Rob Hall zu akzeptieren.

Breashears riskierte sein Leben nicht nur im Schneesturm ’96, sondern noch einmal ein Jahr später, als er zu wissenschaftlich-medizinischen Zwecken wieder in die Todeszone über 7000 Metern aufstieg. Die Fakten über die lebensfeindlichen Bedingungen dort oben können durchaus abschrecken.

_Fazit_

Breashears Erinnerungen sind nicht nur für Bergsteiger, die der Himalaja reizt, interessant, sondern auch für Laien. Denn er versteht es, uns auch den Menschen und seine Seele näher zu bringen. So schildert er beispielsweise die große negative Rolle, die sein autoritärer Vater für ihn und seine Familie spielte. Breashears erweckt aber auch Hochachtung, wenn er uns erklärt, was für eine Anstrengung es bedeutete, das Monster von einer IMAX-Kamera, die mehr als 20 Kilo wiegt, auf den Gipfel des Everest zu schleifen und dort oben sogar Aufnahmen damit zu machen. Kein Wunder, dass er sie immer „das Schwein“ genannt hat.

Die Übersetzung ist grundsätzlich astrein. Die Fotos sind sehr zahlreich und jeweils mit genau passender Bildunterschrift versehen. Es gibt – oh, Entzücken! – ein Stichwortregister, einen Bildnachweis und Karten. Das alles hat natürlich seinen Preis. Der Originaltitel übrigens ist ein ausgefuchstes Wortspiel: „high exposure“ steht nicht nur für die „Belichtung“ eines Films, sondern auch dafür, sich den extremen Höhen des Everest „auszusetzen“. David Breashears hat trotz dieser „exposure“ sicherlich noch alle Hirnzellen beisammen, wenn er solche Titel – und Bücher – zustande bringt.

|Originaltitel: High Exposure, 1999
Aus dem Englischen übertragen von Bernhard Schmid|

McKinley, Tamara – Lied des Regenpfeifers, Das

Olivia Hamilton kehrt 1947 aus London nach Australien zurück. Begleitet von Giles, einem Freund aus Kindertagen, will sie dem Geheimnis ihrer Geburt nachspüren. Denn seit dem Tod ihrer Mutter Eva weiß sie, dass sie adoptiert war, eine Entdeckung, die sie tief verstört. Nicht einmal Giles, der die junge Frau innig liebt, findet noch Zugang zu ihrem Herzen.

Auf der Suche nach ihrer wahren Herkunft folgt Olivia Evas Spuren und ist schon bald gefesselt von dem Leben dieser außergewöhnlichen Frau. (Verlagsinfo)

|Die Autorin|

Tamara McKinley wurde in Australien geboren und verbrachte ihre Kindheit im Outback. Heute lebt sie an der Südküste Englands, aber die Sehnsucht treibt sie stets zurück in das weite, wilde Land, von dem sie so mitreißend zu erzählen weiß. (Verlagsinfo)

|Die Sprecherin|

Joseline Gassen ist als Fernseh- und Theaterdarstellerin ebenso erfolgreich wie als Moderatorin im Rundfunk. Auch ihre Synchronstimme ist vielen Hörern vertraut. (Verlagsinfo)

Die Übersetzung stammt von Rainer Schmidt, die gekürzte Fassung und Hörspielbearbeitung von Antje Nissen. Regie führte der Produzent Marc Sieper.

_Handlung_

Am 10. März 1896 erleidet das Auswandererschiff „S.S. Arcadia“ in schwerer See Schiffbruch vor der westaustralischen Küste. An Bord ist Eva Hamilton, die ihrem Gatten Frederick gefolgt ist, der als Landvermesser im Auftrag das Land erkunden soll. Während Frederick Eva in ein Rettungsboot setzen kann, wird er selbst von einem riesigen Brecher über Bord gespült. Eva ist verzweifelt und wird von einer Frau namens Jessie getröstet, die später zu ihrer engsten Freundin wird. Nur fünfzehn Überlebende finden an den Strand. Da nähert sich ein Pferdewagen aus dem Nichts. An Bord ist Frederick!

1947 kehrt ihre Tochter Olivia zurück in die australische Heimat. Sie hat während des Krieges als Krankenschwester gearbeitet und sich mit Giles, einem Freund aus Kindheitstagen, der im Krieg einen Arm verlor, auf den Weg gemacht, um das Geheimnis ihrer Herkunft zu lüften. Denn nach dem Tod ihrer Mutter in London ein Jahr zuvor fand sie in einem Geheimfach des mütterlichen Schreibtischs ein Dokument, das sie als Adoptivtochter ausweist. Sie ist erschüttert. Doch wer sind ihre wahren Eltern? Nur wenn sie die Vergangenheit kennt, denkt sie, kann sie Pläne für die Zukunft machen. Sie ahnt nicht, dass Giles sie aus tiefster Seele liebt.

In Olivias Bestimmungsort Trinity, der an der nordöstlichen Küste nahe Cairns liegt, lebt seit ein, zwei Jahren auch Maggie Finlay. Sie ist sauer, dass der Besitzer des Hotels, in dem sie als „Mädchen für alles“ arbeitet, Sam White, zum Angeln gegangen ist und den ganzen Krempel ihr überlassen hat. Sam hat sich ebenfalls in den Jahren, in denen er im Krieg gedient hat, verändert. Er ist 42 und immer noch unverheiratet. Kein Wunder, dass sich Maggie Chancen bei ihm ausrechnet.

Da kommt Olivia mit Begleiter hereingeschneit. Maggie gibt ihnen zwei gute Einzelzimmer – aha, nur ein „Freund“? Nachdem Sam White Olivia begrüsst hat, fährt sie auf ihren ersten und wichtigsten Trip. Er führt sie zu den Stanfords, doch Irene Stanford ist weggezogen, und so fährt sie ihr mit Giles nach. Auf der Delorraine-Farm begrüßt sie freundlich der sechzig Jahre alte William, Irenes Mann. Er erkennt Olivia sogar, obwohl sie Jahre weg war.

Doch Irene Stanford ist das genaue Gegenteil Williams: kalt, abweisend, habgierig und wer weiß was noch alles. Olivia übergibt ihr ihr Erbteil: ein paar Schmuckstücke. Irene lässt sich kaum dazu herab, danke zu sagen. Giles ist erstaunt, als Olivia ihm erzählt, dass Irene ihre Schwester sei. 1901 wurde sie geboren und 18 Jahre später Olivia. Doch Frederick, Evas Mann, hat nie von Olivias Existenz erfahren, denn da war er bereits tot, umgekommen im Busch, den er erkunden sollte.

Giles kommt an dem großen Altersunterschied der beiden Schwestern etwas spanisch vor. Nicht nur ihm, sondern auch uns. Dass hierauf noch viele weitere Überraschungen folgen, dürfte klar sein. Insbesondere dann, als sich Olivia mal etwas eingehender mit Maggie unterhält.

_Mein Eindruck_

Die Erforschung der eigenen Herkunft ist ein spannendes Thema – ich weiß beispielsweise bis heute nicht, wer mein Urgroßvater väterlicherseits war. Hoffentlich irgendein Landesvater! Doch für Olivia gestaltet sich die Suche nach sich und ihrer wahren Familie ziemlich spannend, so dass dieser Handlungsstrang die volle Aufmerksamkeit des Lesers/Hörers erfordert.

|The Searchers|

Parallel wird die Geschichte von Maggie Finlay erzählt, die aufgrund dieses Umstands wohl in irgendeiner Beziehung zu Olivia stehen dürfte – ich verrate nicht, in welcher. Das Los Maggies ist wesentlich härter als Olivias und soll hier nicht näher wiedergegeben werden: eine Vergewaltigung und die Begegnung mit den Eingeborenen spielen eine Rolle. Maggie hätte ihren Sam allemal verdient.

In dem Bermuda-Dreieck der weiblichen Hauptfiguren fehlt noch Irene Stanford, die offenbar einiges zu verbergen hat. Es wird deutlich, dass die Elterngeneration – vor allem Eva Hamilton – ständig unter der Furcht vor öffentlicher Brandmarkung lebte, wenn eine Frau ein uneheliches Kind erwartete. Aus diesem sozialen Druck ergeben sich die Wirrungen, die Olivia aufzudecken sucht.

|Bitte etwas mehr Action!|

Man braucht sich aber keine Sorgen darüber zu machen, dass die Autorin es bei einer schicksalsträchtigen Suche bewenden lässt. Für einen Australienroman wäre das zwar typisch – alle sind auf irgendeine Weise miteinander verwandt, berichtet die Autorin – doch das wäre für eine anständige Story doch ein etwas dünner Plot. Was fehlt, ist etwas Action.

Australien ist kein Kontinent, der nicht mit sich spaßen lässt. Im Gegenteil: Er fordert jedem, der sich hier niederlassen will, das Allerletzte ab. Wasser oder vielmehr der Mangel daran ist oftmals das bestimmende Element im Überlebenskampf. Eva Hamilton erleidet Schiffbruch, ihr Gatte kommt bei der Wassersuche im Busch ums Leben. Und im dritten Viertel des Romans wird das scheinbare Paradies, das Olivia und Maggie in Trinity gefunden zu haben glauben, von einer Art Hurrikan heimgesucht – Stürme, die in dieser Weltgegend „Zyklone“ genannt werden. Die Bewohner drohen nun unter zu viel Wasser zu ersaufen.

Der Tropensturm wirbelt nicht nur das Leben der Menschen in Trinity durcheinander, sondern auch das von Irene Stanford … Die Autorin lässt hier die Natur mal wieder Schicksal spielen, und der Sturm ist ebenso Naturgewalt wie Symbol für die Fährnisse des Lebens in Australien.

|Die Sprecherin|

Joseline Gassen verfügt über eine ziemlich tiefe Stimme, die sie jedoch sehr gut zu modulieren weiß. Sie kann einfühlsam, traurig, empört oder verzweifelt klingen. Daher ist keinerlei Musik nötig, um die entsprechenden Emotionen im Hörer zu wecken. Man folgt ihrem Vortrag mit erhöhter Aufmerksamkeit – nicht nur, weil drei Hauptfiguren mit ihren jeweiligen Begleitern auftreten, sondern auch weil die vorgetragene Geschichte so bewegend ist. Ich musste allerdings feststellen, dass Jeseline Gassen beim Aussprechen bestimmter Laute ihren Gaumen knacken lässt. Nach einer Weile des Zuhörens fällt dieses bedeutungslose Geräusch doch etwas auf, und ich musste mich zwingen, es nicht weiter zu beachten.

_Unterm Strich_

Tamara McKinley ist keine langjährige Verwalterin mündlicher Überlieferung wie ihre australische Kollegin Patricia Shaw. Dass sie sich dennoch mit den Lebensläufen und Schicksalen australischer Einwanderer auskennt, stellt sie eindrucksvoll mit „Das Lied des Regenpfeifers“ unter Beweis. Ihre Frauenfiguren stammen aus achtbaren Familien, doch mitunter stoßen ihnen hässliche Dinge zu. Die ständige Gefahr der gesellschaftlichen Ächtung durchzieht alle bürgerlichen Lebensläufe, als befänden sich die Frauen noch mitten im tiefsten 19. Jahrhundert.

Romantisch verklärte Räuber und Banditen kommen hier ebenso wenig vor wie heroische Erforscher des fünften Kontinents (Frederick scheitert im Busch). Und unter den Männer gibt es ebenso feine Kerle wie charakterlose Dreckschweine, die Frauen nur zwecks Lustgewinn ausbeuten und sie dann sitzen lassen. Dass auch Frauen schlechte Menschen sein können, belegt Irene Stanford, doch wie Olivia herausfindet, hat Irene eine verdammt gute Entschuldigung.

Der Schicksalsroman dürfte vor allem Frauen ansprechen, ganz einfach deshalb, weil alle Hauptfiguren Frauen sind. Und die kommen voll auf ihre Kosten. Liebe, Drama, Verbrechen, Überraschungen – es ist alles drin. Weil sich aber das Geschehen zwischen 1898 und 1948 nur in den bürgerlichen Schichten abspielt, wird die das Land formende oberste Schicht ebenso ausgeblendet wie die später (z. B. von Peter Carey) romantisch verklärte Unterschicht der Arbeiter und Outlaws, von den Aborigines ganz zu schweigen. Folglich lernt die Leserin/Hörerin die Geschichte des Landes durch solche Romane nur unvollständig kennen.

Die Autorin kann allerdings nicht kaschieren, dass der Text viele sprachliche Klischees enthält, die offenbar zu einem Frauenschicksalsroman ebenso gehören wie ein Deckel auf den Topf – und in eben dieser Weise müssen alle Frauen am Schluss ihren Traummann finden. Auch wenn es manchmal etwas länger dauert, bis der- oder diejenige das einsieht. Und Irene erhält ihre verdiente Strafe, keine Sorge. Der gekürzte Text des Hörbuchs wird von Joseline Gassen bewegend und spannend, einfühlsam und modulationsreich vorgetragen.

|Originaltitel: Undercurrents, 2004
277 Minuten auf 4 CDs|

DeLorca, Frank / May, Martin / Döring, Oliver – Turm des Grauens, Der (Gespenster-Krimi 03)

Seit 150 Jahren erzählt man sich auf Rona Island die blutige Geschichte des missgestalteten Jack Finnegan, der einst auf der Insel mehrere schreckliche Morde begangen hat. Nicht-Insulaner belächeln die Angst vor dem längst verstorbenen Unhold. Doch dann verschwinden wieder Menschen spurlos – und eine Touristin wird brutal überfallen.

Schon bald wissen nicht nur die Einwohner Ronas, dass etwas Schreckliches im Moor umgeht. Als der rational denkende Inspektor Joe Burger die Teile des unheimlichen Puzzles zusammenfügt, stößt er auf ein schreckliches Geheimnis, das ihn selbst an den Rand des Wahnsinns treiben wird. (Verlagsinfo)

|Die Sprecher & die Inszenierung|

Erzähler: Lutz Riedel
Sheila Martin: Marie Bierstedt
Robert Norden: Martin May
Inspektor Joe Burger: Till Hagen
Polizist Earl Bumper: Nicolas Böll
Prof. Stalicki: Jürgen Thormann
Und 13 weitere Sprecher.

Die Gespensterkrimi-Hörbücher produzierten Alex Stelkens von |WortArt| und Marc Siper von |Lübbe Audio| sowie Pe Simon. Regie führt stets Oliver Döhring, der auch für die John-Sinclair-Hörspiele verantwortlich zeichnet.

_Handlung_

VORGESCHICHTE.

Schauplatz ist die schottische Hebrideninsel Rona im Jahr 1855. Die Dorfbewohner des Hafens verfolgen den wahnsinnigen Jack Finnegan durchs Moor, verlieren aber seine Spur. In der Nacht kehrt er zurück, um im Wirtshaus einzubrechen und frische Beute zu machen. Sheila Martin, 21, wird sein wehrloses Opfer, und Sean Jones und Dick Fisher können ihn nicht davon abhalten, sie davonzuschleppen. Sie werden selbst schwer verletzt. Sheilas sterbliche Überreste werden erst vier Tage später in einer Berghöhle gefunden. Jack wird geschnappt, verurteilt und hingerichtet. Sein Gehirn wird von einem Arzt im Kriminalmuseum von Edinburgh in Formalin eingelagert. Das erweist sich als schwerer Fehler …

HAUPTHANDLUNG. 150 Jahre später.

Der Schriftsteller Robert Norden stammt aus London und recherchiert auf der entlegenen Hebrideninsel für sein nächstes Buch. Die blonde Sheila Martin, 25, die mit ihm spazierengeht, ist ebenso wie er im Dorfgasthaus untergebracht. Sie recherchiert ebenfalls: ihren Familienstammbaum, zu dem auch jene so grausam gemeuchelte Sheila Martin gehört. Ned Butcher ist der aktuelle Wirt, der den Gasthof mit seiner Frau Mary betreibt. Diese ist ebenfalls blond. Butchers schleimige, anzügliche Begrüßung stößt Sheila ab.

Neds Verhalten gründet sich auf Vor- und Schadenfreude. Er erinnert sich sehr gut an die Ereignisse vor 150 Jahren und will sie wiederholen. Nachts wird Sheila von einem Klopfen an ihrem Fenster geweckt. Als ein Ungeheuer in Menschengestalt in ihr Zimmer einbricht, setzt sie das Wesen mit einem gezielten Hieb für einen Moment außer Gefecht und flüchtet auf den Flur.

Der Lärm hat Robert Norden geweckt. Als er Sheila zu Hilfe, haut ihn das Monster aus den Pantinen. Doch diesmal flieht Sheila aus dem Haus und ins angrenzende Moor. Dort stürzt sie in ein Sumpfloch, das Ungeheuer ist ihr dicht auf den Fersen …

Inspektor Joe Burger von Scotland Yard ermittelt in Sachen Sheila Martin und dem, was die Einheimischen den „Moormenschen“ zu bezeichnen belieben. Als Joe Ned Butcher erblickt, erkennt er in ihm sofort den vorbestraften Einbrecher. Ned erzählt, dass er, bevor er die Wirtin Mary heiratete, für den alten Professor Stalicki gearbeitet habe, drüben im alten Leuchtturm.

Diesem Professor statt Joe einen Besuch ab. Der Privatforscher gibt sich freundlich, aber was heißt das schon? Dieser selbstverliebte alte Sack führt ihm sein Labor vor und erzählt ihm, was er mit seinen Experimenten erreichen will: Die Übertragung von Erfahrungen auf biochemischem Wege.

Was der Professor dem Inspektor verheimlicht: Er hat Ned Butcher das Gehirn von Jack Finnegan stehlen und durch eine Attrappe ersetzen lassen. Und für allzu neugierige Polizisten hat er ganz spezielle Pläne …

_Mein Eindruck_

Der Plot ist so klischeebeladen, dass er sich leicht in die paranoiden fünfziger Jahre des 20. Jahrhundert einordnen ließe, gäbe es nicht ein paar Gerätschaften – wie Helikopter, Fax, Handy und Digitaluhr – die sich der Gegenwart zuordnen ließen. Da ist zum einen der verrückte Wissenschaftler: bis hin zum irren Gelächter stimmt alles. Die Experimente, die Professor Stalicki in der Manier eines Dr. Viktor Frankenstein (erfunden 1816) vornimmt, sind selbstverständlich ebenso verrückt wie verboten. Aber dort endet der Wahnsinn natürlich nicht, sondern wird auch in frevlerischer Weise an aufrechten Vertretern des Gesetzes – vulgo: Scotland-Yard-Inspektoren – ausgelassen.

Des Wissenschaftlers Kreatur ähnelt Frankensteins Monster in allem bis auf das Aussehen und den Appetit auf frisches Menschenfleisch. Dass dieses Menschenfleisch am leckersten ist, wenn es die Gestalt unschuldiger junger (vorzugsweise halb nackter) Frauen besitzt, lässt sich leicht einsehen, wenn man entweder selbst ein Kannibale ist oder schon sämtliche Streifen gesehen hat, die je über Frankenstein-Monster gedreht wurden. Und das sind ja bekanntlich nicht wenige.

Und die Jungfer in Not zu retten, sind natürlich nur Männer gefragt. Da wäre zum einen besagter aufrechter Vertreter des Gesetzes und zum anderen der brave Schriftsteller aus London: Ritter des Schwertes und der Feder. Es steht zu hoffen, dass den Schreiberling die Vorfälle um den mysteriösen Moormenschen in ausreichendem Maße zum nächsten Horrorroman inspieren.

Und wie schon bei der ersten „Frankenstein“-Verfilmung aus dem Jahr 1931 endet das Grauen in Explosion und Feuer.

_Die Inszenierung_

Die Inszenierung mag noch so wirkungsvoll gelungen sein, es bleibt dem kundigen Hörer doch nur ein müdes Lächeln. Dieser Abklatsch von Mary Shelleys wunderbarer Vorlage aus dem Jahr 1818 (Die Story wurde 1816 erfunden, das Buch erst zwei Jahre später anonym veröffentlicht) hätte eine originellere Umsetzung verdient. Für den Regisseur Oliver Döring blieb also nur, aus dem Vorhandenen das Beste zu machen. Das zumindest ist ihm gelungen.

Die Geräusche sind realistisch und effizient eingesetzt. Ich habe bereits Helikopter, Faxgerät und die allseits beliebte piepsende Digitaluhr erwähnt. Hinzukommen Geräusche der Natur: Wellenrauschen und Möwengeschrei. Ich könnte dieser Meereskulisse stundenlang zuhören. Die Musik erzeugt oder unterstreicht die nötigen Emotionen.

_Unterm Strich_

„Turm des Grauens“ ist der schwächste Beitrag zur Serie der „Gespenster-Krimis“. Der Frankenstein-Plot ist so abgedroschen, dass der kundige Hörer das Ende schon meilenweit vorausahnt. Dass das Finale mit Action und Feuerzauber zu übertünchen versucht, dass allenthalben originelle Ideen fehlen, verwundert nicht: Irgendetwas soll der Konsument ja schon davon haben.

Fazit: Ein Hörspiel, auf das die Welt nicht gewartet hat, aber immer noch solides Handwerk.

|57:26 Minuten auf 1 CD
Mehr Infos unter: http://www.gespensterkrimi-hoerspiele.de |

Buzz Aldrin / John Barnes – Begegnung mit Tiber

Mit Buzz Aldrin http://www.buzzaldrin.com wagte sich wieder einmal ein Fachmann der bemannten Raumfahrt an einen SF-Roman – das kann ein Vor- oder ein Nachteil sein. Aldrin betrat nach Neil Armstrong als zweiter Mensch den Mond. Nach dieser Apollo-11-Mission promovierte er über Astronautik und gilt auch als Experte für Raumfahrtpolitik. Bereits auf den ersten Seiten merkt der Leser, dass hier jedes einzelne Detail, jeder Handgriff im Umgang mit einem Raumfahrzeug bekannt und belegbar ist. Man kann sich beruhigt zurücklehnen und genießen, wenn man ein Technikfan ist. Andere Leser dürfte eher anöden, wenn sich der Experte seitenlang über eine Unzahl von Raumfahrzeuge und Flugmanöver auslässt.

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Nothomb, Amélie – Professor, Der

Die alten Eheleute Juliette und Emile Hazel sehnen sich nach einem friedlichen Lebensabend auf dem Land. Als sie ihr kleines Traumhaus beziehen, dürfte ihrem Glück eigentlich nichts mehr im Weg stehen. Doch dann lernen sie ihren Nachbarn, den Arzt Bernardin, kennen. Pünktlich um 16:00 Uhr kommt er und will seinen Kaffee. Jeden Tag. Die Hazels denken, man könne sich mit dem Quälgeist arrangieren. Aber sie haben noch nicht Madame Bernardin kennen gelernt.

|Die Autorin|

Amélie Nothomb, 1967 in Kobe/Japan geboren, verbrachte ihre Kindheit als Tochter eines belgischen Diplomaten in Japan und China. Nach ihrem Philologiestudium begann sie zu schreiben. Besonders in Frankreich feiert sie Erfolge. Sie lebt in Paris. „Mit Staunen und Zittern“ trug ihr den „Prix de l’Académie Francaise“ ein. Bei |Hörbuch Hamburg| sind bereits ihre Romane „Mit Staunen und Zittern“, „Quecksilber“ und „Metaphysik der Röhren“ erschienen.

|Der Sprecher|

Walter Kreye ist dem Hörer nicht nur durch zahlreiche Film- und TV-Rollen bekannt. Seine Stimme war in den verschiedensten Hörspiel- und Hörbuchproduktionen zu hören. Für |Hörbuch Hamburg| hat er beispielsweise [„Der Trudeau-Vektor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1020 von Juris Jurjevics gesprochen.

_Handlung_

Der 66 Jahre alte Emile Hazel erzählt, wie alles vor etwa einem Jahr anfing. Der pensionierte Gymnasiallehrer für Latein und Griechisch und seine Frau Juliette waren aufs Land gezogen, wo sie ihr Traumhaus gefunden hatten. Es liegt am Rande einer Waldlichtung, die von einem Bach durchflossen wird. Auf der anderen Seite des Baches liegt das Haus der Nachbarn. Dort wohnte ein etwa 70-jähriger Arzt, Bernardin, mit seiner Frau. Jetzt wohnt er nicht mehr da, nur noch seine Frau.

Der Ärger begann, wie gesagt, vor etwa einem Jahr, im Winter, bei Schneefall. Emile versuchte vergeblich, im Herd ein Feuer anzufachen. Da kommt nachmittags der Nachbar zu Besuch. Er klopft an, tritt ein, setzt sich in einen Sessel im Wohnzimmer, schweigt. Das ist das Markanteste an Bernardin: Sein verdrossenes Schweigen. Aber er vermag durchaus zu sprechen. Allerdings braucht er immer exakt 15 Sekunden Zeit, bis er das Wort geformt hat: Ja, meistens ist es aber Nein. Erstaunlich, was er alles mit diesem Wortpaar auszudrücken vermag. Immerhin erweist es sich, dass er einen Vornamen hat: Pallamède. Ah, Pallamedes, der ja in der „Ilias“ das Würfelspiel erfand! Der Professor hat zu jedem und allem eine Erinnerung aus seinen Unterrichtsfächern, den alten Sprachen.

Fortan kommt Bernardin täglich exakt um 16:00 Uhr zu den Hazels, keine Minute früher oder später. Sie können ihre Uhr nach ihm stellen. Doch die „pallamedische Invasion“, wie Emile die schweigsamen Besuche zu nennen beginnt, haben beileibe nicht nur ihre gute Seite. Sie bringen die dunklen Seiten des Ehepaars, das seit 56 Jahren zusammen und seit 43 Jahren verheiratet ist, zum Vorschein. Spott und Parodie sind Emiles erprobte Kritikmethoden, um den ungebetenen Gast wieder zu vertreiben. Denn Bernardin treibt einen Keil zwischen die beiden. Und Juliette wird immer leicht krank, wenn Unstimmigkeiten in ihrer Umgebung auftreten.

Emile erkennt an sich befremdet, dass er ein wohlerzogener Hasenfuß ist. Er bringt es nicht fertig, dem Eindringling die Tür zu weisen. Als er einmal das Klopfen um 16 Uhr ignoriert, donnert Bernardin so lange gegen die Haustür, dass die Eheleute es nicht mehr aushalten. Die Zugbrücke wird heruntergelassen.

Der Gipfel des Masochismus ist wohl jener denkwürdige Tag, als Bernardin seine Frau Bernadette mitbringt. Sie ist nicht bloß ein Fettkloß, ein Fleischberg, nein, sondern viel mehr als das: Emile nennt sie eine Zyste. Und ihre Arme stehen ab wie „Tentakel“. Was sie artikuliert, sind unverständliche Laute. Nur ein Wort ist zu erkennen: „Sup-pe!“ Sie meint die Schokoladensoße. Nach drei Stunden ist auch dieses Abenteuer überstanden. Die Hazels sind fix und fertig.

Als Claire, Emiles Lieblingsschülerin, zu Besuch kommt und Bernardin begegnet, den sie für einen Freund des Paares halten muss, erkennt Emile, dass er viel verloren hat. Ja, dass das Böse bei ihnen Einzug gehalten hat. Denn Claire wird, auch wenn sie das Gegenteil beteuert, nicht wiederkommen. Sie haben quasi eine Enkeltochter verloren. Bernardin sieht triumphierend drein. Emile schäumt.

Etwas muss geschehen, Emile weiß es, und als er erkannt hat, was das sein muss, überschlagen sich die Ereignisse. Erst spät, fast schon zu spät erkennt Emile, welche geheime, unausgesprochene Absicht hinter dem Verhalten des Nachbars stehen muss.

_Mein Eindruck_

Juliette und Emile sind ein ungewöhnliches Ehepaar. Sie kennen sich, seit sie sechs Jahre alt waren, und daher betrachtet Emile seine Frau als seine Schwester, ja sogar als Tochter. Sie sind kinderlos, wen wundert’s, und bilden anscheinend eine Einheit, sozial wie auch mental. Und dann kommt da dieser Quälgeist über sie, Bernardin. Er erweist sich als Spaltpilz, bis es so weit kommt, dass Emile seine bessere Hälfte anlügt und noch Schlimmeres tut.

|Die Natur des Bösen|

Emile liebt es zu räsonnieren, Überlegungen über andere und sich selbst anzustellen. Als Gymnasiallehrer für alte Sprachen verfügt er über ein ausgedehntes Repertoire an Vergleichen und Gedankenfiguren. So bemerkt er, dass sich das Böse, wie Bernardin es verkörpert, wie ein Gas verhält. Es ist unsichtbar, durchdringt alles, lässt sich nicht vertreiben, wohl aber verdichten. Das Gute ist nur an bestimmten Stellen feststellbar, doch das Böse ist überall, sobald man es einmal eingelassen hat.

An sich selbst bemerkt Emile mit Befremden, dass er eine Art zweite Natur in sich verbirgt: seine Nachtseite. Er ist wie Penelope, die tagsüber gesittet die Gastgeberin für die Freier auf Ithaka spielt, nachts aber als Verkörperung der Negation das Gewebe, das sie tagsüber gesponnen hat, wieder aufdröselt, um auf diese Weise ihren ehelichen Treueschwur, den sie Odysseus gegeben hat, halten zu können. Aber auch die alte Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde kommt Emile als passender Vergleich in den Sinn. Am Schluss weiß Emile nicht mehr, wer er eigentlich ist.

|Ein moderner Catilina?|

Auch die Autorin selbst gibt uns einen Hinweis darauf, was die ganze Geschichte soll. Sie nannte ihren Roman „Les Catilinaires“. Das verweist auf jenen Catilina, den der berühmte Staatsmann und Konsul Cicero zu Zeiten der römischen Republik bekämpfte. Catilina hatte eine Verschwörung organisiert, um einen Umsturz herbeizuführen. Nach Ciceros Aufdeckung der Catilinischen Verschwörung musste sich sein Gegner selbst töten.

An einer dramatischen Stelle der Erzählung findet sich genau dieser historische Sachverhalt erwähnt: Emile spielt die Rolle des wütenden, wetternden Cicero, der Bernardin als seinen Catilina in die Schranken weist. Dass es so weit kommen konnte, erschüttert Emile, den sanften Schöngeist, am meisten. Doch welcher Natur ist die Verschwörung diesmal? Wie Emile fast zu spät erkennt, besteht sie nicht in der „Pallamedischen Invasion“, das wäre ja viel zu oberflächlich und simpel, sondern in etwas weitaus Profunderem, bei dem es um Leben und Tod geht.

|Lebenslüge|

Als alles vorüber ist und der Schnee ein Jahr später wieder fällt, scheint draußen alles beim Alten geblieben zu sein, doch innen sieht es ganz anders aus. In Emile hat sich alles verändert, denn er ist sich selbst ein Fremder geworden. Seine Nachtseite hat gehandelt, und die Tagseite muss damit zurecht kommen. Fortan wird er tagsüber für die liebe Juliette eine Lüge leben und nachts schlecht schlafen. Genau wie Penelope. Doch kein Odysseus weit und breit, der zur Erlösung eilt.

|Der Sprecher|

Walter Kreye verfügt über eine sehr angenehme, tiefe Stimme, die er facettenreich zu modulieren versteht. Er verändert das Tempo seines Vortrags, macht Kunstpausen, wo er Erstaunen oder Zögern ausdrücken möchte. Da seine Stimme immer etwa gleich tief ist, verändert er die Lautstärke, um anzudeuten, dass eine Frau (wie etwa Juliette) spricht. Juliette klingt immer ziemlich leise und zurückgenommen, manchmal zu leise – das klingt sehr einfühlsam, aber auch ein wenig ängstlich Ansonsten sind die Stimmen fast aller anderen Figuren die von Männern und entsprechend tief und von „normaler“ Lautstärke. Insgesamt eignet sich Kreyes Vortrag ausgezeichnet dazu, die Figuren zu charakterisieren und einer Szene die spezifische Stimmung zu verleihen.

_Unterm Strich_

Die Geschichte des belagerten Ehepaars ist streng symmetrisch aufgebaut und folgt den Vorgaben wie eine Versuchsanordnung. Zwischen Winter und Winter liegt exakt in der Mitte die Katstrophe (die ich hier nicht verraten darf), und sie findet exakt zur Sonnenwende am 21. Juni statt. Zeit ist die bestimmende Konstante des Geschehens und der Psychologie. Wie ein Uhrwerk läuft Bernardins Leben ab – er hat 25 Uhren in seinem Haus! – und übernimmt die Kontrolle über das seiner Nachbarn, der Hazels. Doch jede Uhr ist auch ein Gehäuse und das Gehäuse ein Gefängnis. Aus einem Gefängnis gibt es jedoch nur sehr wenige Ausgänge, und um einen davon zu erreichen, braucht man manchmal fremde Hilfe.

|Süße Glasur über bitterer Pille|

„Der Professor“ klingt an vielen Stellen heiter und ironisch, doch dahinter verbirgt sich eine todtraurige Wahrheit, die Professor Emile erst nach und nach anerkennt: Die Zeit macht uns erst schwach und ängstlich, bevor sie uns vollends umbringt. Alles, was uns übrig bleibt, wenn wir uns diesem Vorgang verweigern, ist, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. With a little help from our friends.

|Feinfühliger Vortrag|

Walter Kreye erweckt die Figuren mit seinem fein modulierten, der Situation bewussten Vortrag zum Leben. Hier das lebensfrohe, in seinen monadischen Traum vom Frieden versponnene Ehepaar Hazel, dort der in seiner privaten Hölle eingesperrte Bernardin. Und als die beiden Welten aufeinandertreffen, muss sich alles ändern, um gleich bleiben zu können. „Der zunächst harmlose Kleinkrieg steigert sich zum makabren Schauspiel“, schreibt der „Spiegel“. Und es ist zunächst eine Lust, diese spannende Entwicklung zu verfolgen. Doch zunehmend werden Schichten der Realität enthüllt, die eine makaberer als die nächste sind. Kreye macht dies zum Erlebnis.

|Nichts für Ungeduldige und Kulturbanausen|

Weil die Handlung aber so wenig Handlung aufweist und vieles nur innerlich abläuft, ist dies kein Hörbuch für Ungeduldige. Angesichts der zahlreichen Verweise auf die literarische Antike erweist es sich zudem als sehr nützlich, entweder selbst über eine entsprechende Bildung zu verfügen oder einen Führer in die Antike zur Hand zu haben. Zudem stört mich der hohe Preis: 25 Euronen für drei Silberscheiben ist schon heftig, und man sollte versuchen, dieses schöne Hörbuch günstiger zu bekommen.

|Originaltitel: Les Catilinaires, 1995
Aus dem Französischen von Wolfgang Krege
232 Minuten auf 3 CDs|