Alle Beiträge von Michael Matzer

Bennett, Arnold – Hotel Grand Babylon

London Ende des 19. Jahrhunderts: Der Amerikaner Theodore Racksole ist einer der Reichsten – und ein Freund schneller Entschlüsse. Weil ihm das Benehmen eines Oberkellners missfällt, kauft er während seines London-Urlaubs gleich das ganze Hotel. Als Racksole allerdings den Küchenchef beim Einbalsamieren einer Leiche überrascht, beginnen er und seine Tochter Nella zu ahnen, dass seine neuen Angestellten einiges auf dem Kerbholz haben. Ein turbulentes Verwirrspiel um einen geheimnisvollen Mord beginnt.

_Der Autor_

Enoch Arnold Bennett wurde 1867 in Hanley in der Grafschaft Staffordshire geboren. Er brachte es zwar nicht zum Advokaten, aber zum Herausgeber des „Woman“-Magazins (ab 1893), bis ihm endlich die Honorare für seine über 50 Werke – Romane, Erzählungen, Dramen, Essays und Autobiografisches – das Leben eines freien Schriftstellers ermöglichten. Er starb 1931 an Typhus. Zu seinen Freunden zählten die Schriftsteller Joseph Conrad, H. G. Wells, John Galsworthy und Arthur Conan Doyle. Er ist in Großbritannien immer noch recht bekannt, hierzulande aber längst vergessen.

„Hotel Grand Babylon“ erschien in Fortsetzungen in der Zeitschrift „Golden Penny“, bevor der Roman im Jahr 1902 als Buch veröffentlicht wurde. Als wäre es eine Fingerübung, hat Bennett das gleiche Thema 1930 noch einmal aufgegriffen und zu einem riesigen Roman mit dem Titel „Hotel Imperial“ ausgebaut. Laut Armin Eidner hat das so geehrte Hotel Savoy seitdem ein „Omelette Arnold Bennett“ auf seiner Speisekarte.

_Die Sprecherin_

Katharina Thalbach, geboren 1954 in Berlin, wuchs auf der Bühne auf. Schon mit vier Jahren spielte sie Kinderrollen, im Fernsehen und im Film. Nach dem Tod ihrer Mutter, der Schauspielerin Sabine Thalbach, nahm Brecht-Erbin Helene Weigel sie in ihre Obhut und bot ihr einen Meisterschülervertrag an. Mit 15 debütierte sie in Brechts „Dreigroschenoper“ und wurde als Entdeckung gefeiert. Sie spielte am Berliner Ensemble und ab 1971 an der Volksbühne Berlin (Ost). Nach großen Erfolgen in der DDR wurde sie auch in der Bundesrepublik bekannt, als sie in Volker Schlöndorffs Verfilmung von Grass‘ „Die Blechtrommel“ auftrat.

_Handlung_

Das titelgebende Hotel Grand Babylon ist ein perfekt geführtes Londoner Etablissement, in dem sich die gekrönten Häupter Europas die Klinke in die Hand geben. Geleitet wird es von einem Schweizer namens Felix Babylon. Zumindest so lange, bis sich eines Tages ein neureicher Amerikaner hierher verirrt: Theodore Racksole.

Der Tag seines Besuches ist unseligerweise auch der Geburtstag seiner Tochter Nella (kurz für Helen). Und als der schnöselige Oberkellner Jules seinen stinkreichen Gast auf freundlichste Weise brüskiert, platzt dem Ami quasi die Hutschnur. Ein kurzes Gespräch unter Bossen genügt, und Racksole hat das Hotel mit allem Drum und Dran gekauft – schlappe 400.000 Pfund genügen. Der Oberkellner kündigt von sich aus. Racksole und Nella bekommen ihre Steaks mit Bier.

Noch am gleichen Abend kommt Racksole merkwürdigen Vorgängen in seinem Hotel auf die Spur. Beim Essen hat Nella ihm einen Herrn Reginald Dimmock vorgestellt, seines Zeichens Kammerdiener eines deutschen Prinzen namens Aribert von Posen. Eigentlich sollte in Zimmer 111 Nella logieren, doch als er Einlass verlangt, öffnet eben jener Dimmock. Und was hatte der Kerl mit dem zwielichtigen Jules zu bereden? Der vorgehaltene Revolver Racksoles verlangt Auskunft: Nella war so nett, das Zimmer mit Dimmock zu tauschen, denn ein Stein hatte das Fenster zertrümmert – verständlich, oder? Jules wird gefeuert.

Prinz Aribert von Posen trifft ein und vermisst seinen Kammerdiener, der alles für ihn und seinen Regenten vorbereiten sollte. Ach, da ist Reginald ja schon! Nur, dass er mausetot ist, als man ihn findet. Die Polizei stellt Racksole unangenehme Fragen, kann aber noch wesentlich unangenehmer werden, als wenig später Dimmocks Leiche verschwunden ist. Keiner kann sich das Wie erklären.

Unterdessen lässt die aufgeweckte Nella ihren weiblichen Charme spielen und bringt den Prinzen zum Reden, der ihr alsbald sein Leid klagt (obwohl sie nur eine Amerikanerin ist). Sein Regent, der in wenigen Tagen heiraten soll, ist zwischen Brüssel und dem Kanalhafen Oostende spurlos verschwunden, möglicherweise entführt. Ob wohl Jules dahintersteckt?

Wie Racksole von einem Börsenmakler erfährt, wollte der Fürst in London eine Million Pfund leihen, um heiraten zu können. Da er den Zahlungstermin nicht einhalten kann, darf er auf Geheiß des deutschen Kaisers auch nicht heiraten. Wodurch wiederum die Auserkorene für den Heiratsantrag eines Anderen frei wird.

Nella und ihrem Vater wird klar, dass hier eine fein gesponnene Verschwörung am Werke ist. Doch was könnte sie dagegen tun? Nella hat schon eine Idee und reist nach Oostende ab, ohne ihre Vater um Erlaubnis zu fragen. Ein Abenteuer beginnt, das bis zum Schluss noch recht turbulent wird.

_Mein Eindruck_

Armin Eidherr bringt den Gehalt dieses Comedy-Thrillers und ausgewachsenen Kriminalromans auf den Punkt, wenn er im Booklet schreibt, dass im Hotel Grand Babylon – hinter dem sich das Londoner Savoy Hotel verbirgt – alte und neue Welt, überlebte Tradition und Moderne des 20. Jahrhunderts aufeinandertreffen. Die zwei schrulligen Amerikaner Racksole und Nella mischen die eingefahrenen europäischen Verhältnisse im Hotel auf. Diese Verhältnisse entpuppen sich schon recht bald als korrupt und doppelbödig, mit dem so genannten „Jules“, einem waschechten Briten, als Drahtzieher politischer Machenschaften.

Dass der Euro-Adel nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich am Ende ist, belegen die Ereignisse um Fürst Eugen von Posen, einem mit 50 Millionen Pfund verschuldeten Ministaat, der mit dem echten Posen nichts zu tun hat. Der Fürst muss zwecks Entschuldung einen Börsenmakler und inoffiziellen Pfandleiher bitten, ihm aus der Patsche zu helfen – wahrscheinlich zu horrenden Zinsen. Dass Eugens Widersacher in Sachen Heiratspolitik dies zu verhindern wissen, gehört zum üblichen Ränkespiel, mit dem sich die Alte Welt zugrunde richtet.

Aber auch die Amerikaner haben nicht viel Besseres vorzuweisen. Racksole, dem „drittreichsten Mann Amerikas“ (und damit der Welt), mangelt es an kultivierter Lebensart, die durch seine Millionen keineswegs wettgemacht wird. Er löst seine Probleme vorzugsweise mit dem Revolver, egal ob auf den Korridoren und in den Kellern des Hotels oder auf den Wellen der Themse. Für solche Probleme hat man in Europa die Polizei und die Diplomatie erfunden.

Nella ist eine interessante Figur, denn sie ist die Verkörperung der modernen Frau, die sich nicht mehr hinter einem Mann versteckt, sondern die Dinge selbst in die Hand nimmt. Das viktorianische Ideal der heimgebundenen Gebärmaschine ist ihr schnuppe, doch den Zeitgenossen Bennetts dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein, als auch Nella unter die Haube kommt und ihrem adeligen Männe ewige Treue schwört.

Hierin liegt auch der Grund, warum das letzte Viertel des Romans mir so sauer aufgestoßen ist, nachdem ich mich bei der Krimihandlung so gut amüsiert hatte. Um jeden Preis versuchen die beiden Amis die Angelegenheiten des ach so armen Fürsten Eugen und seines Onkels Aribert ins Lot zu bringen: ein schmieriges Melodram, das umso süßlicher wird, als auch Nella sich in Aribert verliebt hat und nun Möglichkeiten sucht, die Misere des Hauses Posen zu beenden.

_Die Sprecherin_

Katharina Thalbachs Stimme hat schon einige Anstrengungen hinter sich, und das hört man. Es ist ein gut trainiertes Organ, das sich unterschiedlichsten Anforderungen anpassen kann. Das zeigt sich am deutlichsten, wenn sie eine ausgefallene Sprechweise bemüht, um eine Figur zu charakterisieren. Und davon gibt es im Stück doch einige. Felix Babylon klingt schon superfreundlich, wenn er mit Racksole redet, so dass er geradezu zwielichtig wirkt. Doch wie sich zeigt, ist Babylon eine ehrliche Haut.

Das Gleiche trifft auf die Seeleute zu, mit denen Racksole den Hafen und die Docks von London nach Jules durchsucht. Jeder von ihnen hat eine subtil andere Klangfarbe in seiner Stimme. Auf diese Weise wird der Vortrag nicht langweilig.

Woran es Thalbach ein wenig mangelt, ist die Fähigkeit, die an vielen Stellen angebrachte Ironie so zum Ausdruck zu bringen, dass man sie auch sofort wahrnimmt. Dadurch wird ihr Vortrag weniger amüsant und und die Aussagen weniger bissig, sondern glatter.

_Unterm Strich_

Von der Titelillustration sollte man sich nicht täuschen lassen. Im Roman geht es weniger um stilechtes und kultiviertes Auftreten, als vielmehr um verschwundene Leichen, wütende Amerikaner, abstürzende Verbrecher, Liebeshändel, Entführung, eine Verfolgungsjagd auf der Themse, eine einbalsamierte Leiche und natürlich um edlen Wein (leider vergiftet). Doch statt einen der sensationsgierigen Kolportageromane der Jahrhundertwende zu fabrizieren, gelingt Bennett durchaus über weite Strecken ein genaues Porträt seiner Zeit, fokussiert im edelsten Hotel Europas.

Ich sage „über weite Strecken“, weil das letzte Viertel versucht, die Konventionen einer glücklichen persönlichen Verbindung – vulgo: Liebe – zu bedienen und dabei die Klischees des Melodrams für meinen Geschmack zu sehr strapaziert. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann dinieren sie noch heute im Hotel Savoy.

Die Sprecherin Katharina Thalbach vermag den Vortrag lebendig zu gestalten, selbst wenn ihre stimmliche Wandlungsfähigkeit eingeschränkt erscheint, vergleicht man sie etwa mit der von Franziska Pigulla oder Rufus Beck. Thalbach hat ein unfehlbares Gespür für Stil und Intonation, was ja für die Sprecher jener uns bereits fernen Zeit doch ganz wesentlich war. Das umfangreiche Booklet ist eine willkommene Hilfe für die Einsicht in den Hintergrund des Autors, seines Werkes und seiner Zeit. Betrachtet man das Hörbuch mit unverstelltem Blick, kann man einen ironischen und spannungsreichen Kriminalroman genießen. Aber eben nur über weite Strecken.

|264 Minuten auf 3 CDs
Originaltitel: Hotel Grand Babylon, 1902
Aus dem Englischen übersetzt von Renate Orth-Guthmann|

Connelly, Michael – Dunkler als die Nacht

Die bizarre Bilderwelt des Hieronymus Bosch gibt die entscheidenden Hinweise zur Aufklärung eines Mordes in Los Angeles. Diesmal arbeiten Michael Connellys zwei Oberschnüffler Harry Bosch und Terry McCaleb zusammen an einem Fall, der ihnen beiden das Genick brechen könnte.

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood.

|Michael Connelly bei Buchwurm.info:|
[Kein Engel so rein]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=334
[Unbekannt verzogen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=803
[Schwarzes Echo]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=958
[Schwarze Engel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1192

Offizielle Homepage: http://www.michaelconnelly.com.

_Handlung_

Harry Bosch, den Connelly-Leser schon aus mehreren Romanen kennen, soll diesmal als Hauptfigur der Anklage in einem Gerichtsverfahren gegen den allseits bekannten Hollywood-Regisseur David Storey aussagen, der sich für unantastbar hält. Das Medieninteresse ist entsprechend groß. Storey soll im Sexrausch eine junge Schauspielerin umgebracht und ihren Tod anschließend als Selbstmord inszeniert haben. Storeys wichtigster Helfer ist ein bulliger Ex-Polizist namens Rudy Tafero, der im Hintergrund gegen Bosch und McCaleb agiert.

Terry McCaleb, der Experte für Serienmorde und ehemaliger FBI-Angehöriger, lebt nun mit seiner Familie auf der friedlichen Insel Catalina vor L.A., als eines Tages die Polizistin Jaye Winston bei ihm auftaucht, um ihn um beratenden Beistand bei einem ganz anderen Mord zu bitten. Der saufende Tunichtgut Edward Gunn wurde in einem Ritualmord getötet, bei dem Symbole und Bildinschriften von Hieronymus Bosch eine entscheidende Rolle spielten. Doch warum musste Gunn überhaupt sterben?

Ganz einfach: Harry Bosch trägt den gleichen Namen wie der flämische Maler, der eigentlich Jerome (= Hieronymus) van Aiken hieß, sich aber nach seiner Heimatstadt t’Hertogenbosch Hieronymus Bosch nannte. Wie es der Täter geplant hat, fällt McCalebs Verdacht nach einer Weile auf Harry Bosch selbst, seinen Kollegen. Und sobald an die Medien durchsickern sollte, dass Bosch unter Mordverdacht steht, ist seine Aussage gegen David Storey keinen Pfifferling mehr wert.

Zum Glück kann Bosch McCaleb von seiner Unschuld überzeugen – was wäre auch das Motiv gewesen? Gemeinsam bemühen sie sich, die Verbindungen zwischen den zwei Mordfällen aufzudecken. Und als McCaleb jemandem bei seinen Ermittlungen zu heftig auf die Zehen tritt, ist Bosch gefragt, um ihm in letzter Sekunde das Leben zu retten.

_Beobachtungen_

Das wichtigste Bild von Bosch im Roman ist „Der Garten der Lüste“, das heute im Madrider Prado hängt – ein riesiges Triptychon, das den Garten Eden, die Welt und die Hölle zeigt. Darauf sind mehrere Symbole für das Böse zu sehen, Eulen beispielsweise. Connelly zieht eine deutliche Parallele zwischen den Zuständen im Moloch L.A. und der Darstellung der Welt durch Hieronymus Bosch.

Diese Korrespondenz mag zunächst etwas platt erscheinen, aber es ist für einen amerikanischen Thriller doch recht ungewöhnlich, Kunstwerke als Indiziengeber einzusetzen, zumal europäische. Übrigens heißt Connellys eigene Firma Hieronymus Incorporated.

Der Titel bezieht sich auf die Dunkelheit, mit der die Hölle gemalt ist: „a darkness more than night“, sagt einer der Restauratoren in L.A., der an einem Bosch arbeitet. Es ist die Dunkelheit der Verzweiflung und Verdammnis, darf man annehmen.

Übrigens ist von dem deutschen Autor Peter Dempf ein kunsthistorischer Krimi zu eben dem Bild „Garten der Lüste“ erschienen (bei |Goldmann|): [„Das Geheimnis des Hieronymus Bosch“.]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3442448700/powermetalde-21 Das Taschenbuch enthält eine gute Reproduktion des Gemäldes im Prado. Für Details allerdings benötigt man eine Lupe.

_Unterm Strich_

Man merkt es dem spannenden und kunstvoll konstruierten Thriller durchweg an, dass Connelly jahrelang als Polizeireporter in L.A. gearbeitet hat. Nicht nur vermag der Autor Schauplätze und Menschen genau zu charakterisieren, kennt die Methoden der Schnüffler wie auch der Verbrecher.

Er kann auch das zentrale Gerichtsverfahren, das den roten Faden liefert, minuziös nachzeichnen und als politischen Schauplatz verständlich machen. Allerdings vermittelt er in der Mitte des Buches dabei den Eindruck, ein Gerichtsdrama zu liefern. Das legt sich zum Glück wieder, so dass der Showdown den Leser wirklich fesseln kann.

Mit Bosch und McCaleb tauchen zwei Figuren Connellys auf, deren Innenleben laufend erklärt wird. Leser, die schon die vorzüglichen Romane „Schwarze Engel“, „Der Poet“ und „Das zweite Herz“ gelesen haben, werden die beiden Figuren, besonders McCaleb, weitaus besser verstehen, als es der Autor in „Dunkler als die Nacht“ ermöglicht. „Dunkler …“ kam mir auch ein wenig kürzer vor als etwa „Das zweite Herz“.

„Dunkler …“ bedient nicht so stark voyeuristische Instinkte wie etwa Thomas Harris mit seinen Hannibal-Romanen. Wir werfen dennoch einen Blick auf grausige Szenen, die aus dem Serienkillerfilm „Sieben“ stammen könnten – nichts für zarte Nerven. Vielmehr richtet Connelly aber unser Augenmerk auf ganz normale Schnüffelarbeit bei Dutzenden von Zeugen an zahlreichen Orten. Erst hierdurch wird die Stadt L.A. als Organismus lebendig und erlebbar, manchmal auch mit komischen Untertönen. Der Autor zeigt wie schon zuvor ein feines Gespür für Rhythmus: Solche heiteren Momente wechseln sich stets mit Hochspannung ab.

|Originaltitel: A Darkness more than Night, 2001
Aus dem US-Englischen übertragen von Sepp Leeb|

Ambrose, David – Epsilon

Charlie Monk ist ein perfekter Agent: ein gewissenloser Killer. Allerdings verliert er die Loyalität zu seinen Auftraggebern. Und die Neurologin Dr. Susan Flemyng, die ihn für ihre Rachepläne gewinnt, setzt ihn auf eben diese Auftraggeber an. Ein Thriller mit doppeltem Boden, der in der Welt von Wissenschaft und Politik spielt.

_Der Autor_

David Ambrose steht für spannende Wissenschaftsthriller am Rande der Wahrscheinlichkeit. Er begann seine Karriere als Drehbuchautor für den Regisseur Orson Welles, lehrte Recht an der Universität Oxford und hat für Theater, Film und Fernsehen gerarbeitet. In Deutschland ist er mit [„EX“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=135 bekannt geworden, der neben unangenehmen Geistern auch eine interessante Zeitschleife vorzuweisen hat.

Ambroses Thriller waren schon immer ein wenig verwirrend für Leser, die unvorbereitet sind. Im Falle dieses Buches wäre es recht hilfreich, sich schon einmal mit Virtueller Realität (VR) und Gentechnik beschäftigt zu haben.

_Handlung_

Dr. Susan Flemyng hat einen Patienten namens Brian Kay. Kay hat zum Teil sein Erinnerungsvermögen verloren. Er ist schon seit 20 Jahren in Susans Obhut, und immer noch erkennt er seine Frau Dorothy nicht wieder, wenn sie ihn besuchen kommt. Seine Erinnerung reicht nur für etwa zwei bis drei Minuten. Sein Langzeitgedächtnis ist ausgefallen. Immerhin konnte ihm Flemyng die visuellen Eindrücke, das „Bild“ seiner Frau, einpflanzen. Und wer weiß? Vielleicht hat Kay tatsächlich etwas mit dieser Geschichte zu tun …

|A) Susan|

Flemyng bekommt eines Tages eine schlimme Nachricht: Ihr Mann, ein Ingenieur, ist in Sibirien bei einem Flugzeugunglück umgekommen. Von ihrem Vater Amery Hyde getröstet, wird sie erst durch einen mysteriösen Besucher stutzig, der vorgibt, ein Reporter zu sein: Ihr Mann sei nicht abgestürzt, sondern ermordet worden, weil er etwas Wichtiges herausgefunden hatte. Wenig später ist auch der Reporter tot.

Susan war noch nie der Typ Mensch, der die Dinge auf sich beruhen lässt. Sie fliegt mit einer Führerin nach Ostsibirien in die hinterste Taiga. Dort stößt sie in einem mickrigen Hotel auf geheime Unterlagen des toten Reporters, die sie sofort weiterleitet, aber auch auf ein supergeheimes Forschungsinstitut, das zu ihrer Verblüffung genau jener Organisation gehört, das auch ihre eigene neurologische Forschungsarbeit finanziert: die Pilgrim Foundation. Sie war von ihrem Vater für unbedenklich erklärt worden.

Doch Susan wird zu ihrem Entsetzen nicht nur ihrer Freiheit beraubt, sondern auch zur weiteren Kooperation gezwungen: Man hat ihren Sohn Christopher als Geisel genommen. Da er alles ist, was ihr noch geblieben ist, willigt sie ein. Ihr erstes supergeheimes Projekt ist ein menschliches Wesen, das man mit Gentechnik aus einem Schimpansen herangezüchtet hat (ein momentan höchst unwahrscheinliches Szenario, aber wer weiß, was man in 20, 30 Jahren alles kann). Es handelt sich um Charlie Monk. Sie soll ihm „Bilder“ einpflanzen. Sie sieht eine Chance, sich und ihren Mann zu rächen.

|B) Charlie|

Charlie Monk ist der perfekte Agent für geheime US-amerikanische Regierungsstellen: gut aussehend, durchtrainiert, präzise und vor allem absolut gewissenlos und loyal zu seinen Auftraggebern. Er agiert sozusagen auf Knopfdruck, ohne Fragen. Sein „Führungsoffizier“ ist ein Mann, der sich Control nennt. Charlie kennt sein Gesicht.

Nach dem letzten Auftrag hat man Charlie jedoch „stillgelegt“. Er fühlte sich beschattet und entkam seinen Bewachern. Nun erwacht er in einem Affengehege, das sich offenbar in einer Art Zoo befindet und an jeder Stelle von Kameras überwacht wird. Doch an einer Stelle gibt es Fenster, die sein Gehege überwachen. Und zu seiner Überraschung sieht er dort Katie, seine Jugendliebe. Katie sieht genauso aus wie Dr. Susan Flemyng.

Als Charlie wieder einmal erwacht, sieht er Susan vor sich. Er erfährt, dass er das Schimpansengehege als eine perfekte Virtuelle Realität (VR) erlebt habe. Ein spezieller Apparat, den man ihm über den Kopf stülpt, versetzt ihn in eine andere Welt, die sich genauso „real“ anfühlt wie die Realität erster Ordnung, in der er bislang zu leben meinte – auch diese war VR! Wer also ist Charlie Monk „wirklich“?

Susan gelingt es, den immens starken Charlie zu überzeugen, für sie zu arbeiten – sie gewinnt seine Loyalität. Und gemeinsam werden sie ihren Sohn Christopher befreien und sich an den Hintermännern dieser ganzen Sauerei rächen, oder?

Leider hat Susan nicht damit gerechnet, dass zu diesen Hintermännern auch ein Mann gehört, dem sie bisher bedenkenlos ihr Leben anvertraut hätte: Es ist der Mann, der sich Control nennt.

Anmerkung: „Epsilon“ ist der 5. Buchstabe im griechischen Alphabet. Er bezeichnet im Buch die 5. Generation jener aus Schimpansen gezüchteten Menschen wie Charlie Monk.

_Mein Eindruck_

Es gibt manchmal Bücher wie diese, die einem den rationalen Verstand ebenso durcheinanderwirbeln wie das gewohnte Weltverständnis. Diese Wirkung verunsichert den Leser stark und macht ihn entweder frustriert oder wütend oder beides. Als Endergebnis wird die Zumutung einfach beiseite geschoben und verdrängt. Problem vergessen, Problem erledigt.

Diese Reaktion wäre nur zu verständlich auch bei diesem Buch. Erst verlangt der Autor, dass man diesen James-Bond-Verschnitt namens Charlie Monk als eine Inszenierung der Virtuellen Realität akzeptiert, die sich eine höchst illegale Regierungsagentur in ihren Labors ausgedacht hat. Danach soll man auch noch akzeptieren, dass dieser Monk aus einem Schimpansen gezücktet worden sei. Man fragt sich allerdings: Wozu der Aufwand der Gentechnik, wenn doch eh alles virtuell realisierbar ist? Offenbar ist auch die Schimpansensache reine VR.

Und das macht die Geschichte noch frustrierender. Denn nun erhält die Geschichte den Anschein, als seien alle Realitätsebenen darin VR und untereinander austauschbar, also völlig beliebig. Letzten Endes auch die des Lesers. Der Autor führt für die VR-Experimente an Charlie historisch verbürgte Psycho-Forschungen eines gewissen B.F. Skinner an, den Autors des utopischen Romans „Walden Two“. Und dass unsere eigene Realität lediglich von Sinneswahrnehmungen abhängt, wusste schon René Descartes im 17. Jahrhundert („Ich denke, also bin ich.“).

So weit, so verwirrend. Da nun alles ein virtuelles Spiel mit inszenierten Realitäten zu sein scheint, so hat doch der Leser durch den Kauf dieses Buches das Recht erworben, durch ein solches VR-Medium (= Roman) zufriedenstellend unterhalten zu werden.

Immerhin funktioniert das Buch als VR-Maschine recht gut: Die Anfangskapitel, die Charlie Monk als Agent 007 zeigen, sind flott erzählt und entbehren nicht einer gewissen Spannung. Seine Existenz als Schimpanse ist durchaus ironisch auffassbar, denn der ansonsten zur Diplomatie neigende Affe muss sich nun mit brachialer Gewalt gegen die anderen Männchen durchsetzen.

Das Finale zeigt dann wieder Charlie Monk, nun in eigener Regie an Susans Seite, in voller agentenmäßiger Aktion, wobei sich als hilfreich erweist, dass er wegen seiner äffischen Herkunft schneller reagiert, stärker ist und sich rascher bewegt als seine Widersacher, die allesamt Control unterstehen.

Klingt das hanebüchen? Ja, genauso hanebüchen wie jeder James-Bond-Film. Wie das dem Buch vorangestellte Sean-Connery-Zitat verrät, musste auch 007 erst einmal erfunden werden, um auf der Leinwand, einer weiteren VR, halbwegs glaubhaft zu erscheinen: Er hat keinerlei Eltern oder Geschwister und fiel im Alter von 33 Jahren vom Himmel, gewissenlos, wie Fleming (!) ihn schuf.

_Unterm Strich_

Wenn man nicht vor Zorn und Frust gegen die Zumutungen des Autors aufbegehrt und das Buch nach zehn Seiten in die Ecke feuert, kann man ein paar nette Kapitel genießen, in denen man sich an der Seite von Charlie Monk wähnt oder in denen man mit Susan Flemyng einem Komplott auf die Spur kommt. Und dies geht dann nach einem recht verwirrenden Mittelteil in ein actiongeladenes Finale über.

Akzeptiert man diese Zumutungen des Autors, so könnte man diesen Roman als ironische Antwort auf den James-Bond-Kult auffassen. Das geht aber nur, weil damit auch eine Kritik an den Medien verbunden ist, die sich allesamt skruppellos der Ausbeutung dieses selbst geschaffenen Medienkultes befleißigen. Wie lukrativ dies ist, hat man ja wieder am letzten, zwanzigsten JB-Film gesehen, der das 40-jährige „Dienstjubiläum“ des unsterblichen 33-Jährigen markierte.

Die VR-Maschine läuft allen Kanälen auf Hochtouren und heraus kommt – nun was? Dollars und noch mehr Dollars. Dass einigen Leutchen dabei der Sinn für die Realität erster Ordnung abhanden kommt, was macht das schon? Sind wir nicht alle Charlie Monks? Doch wer ist dann Control?

|Originaltitel: The discrete charm of Charlie Monk, 2000
Aus dem Englischen übertragen von Stefan Bauer|

Benford, Gregory – Cosm

Als die amerikanische Jungphysikerin Alicia den Supercollider nutzte, hätte sich nicht träumen lassen, deswegen einmal als Gotteslästerin angefeindet zu werden.

_Der Autor_

Gregory Benford, Jahrgang 1941, ist nicht nur einer der besten Science-Fiction-Autoren, sondern auch renommierter Physikprofessor und einflussreicher Berater der US-Regierung in Sachen Raumfahrt und Energieversorgung. Diese Tätigkeit hat ihm sicherlich wertvolle Erkenntnisse vermittelt, die er in Romanen wie „Eater“ und „Das Rennen zum Mars“ verarbeitet hat.

Benford forscht und lehrt noch heute an der Uni von Kalifornien in Irvine bei L.A. Sein wichtigster früher Roman war [„Zeitschaft“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1222 Darin stellte er erstmals überzeugend die wissenschaftliche Arbeit in der Physik dar. Mit seinem sechsbändigen CONTACT-Zyklus, in dem eine Expedition die Tiefen des Alls erforscht, und dem in der nahen Zukunft angesiedelten Roman „Cosm“ hat er der naturwissenschaftlich ausgerichteten Science-Fiction einen höheren Stellenwert verschafft, als ihr in den 70er und frühen 80er Jahren zugestanden wurde.

_Handlung_

Alicia ist Experimentalphysikerin in Kalifornien, von schwarzer Hautfarbe und auch noch weiblich – zwei Nachteile im von weißen Männern dominierten Wissenschaftsbetrieb. Bei einem schief gegangenen Experiment erzeugt sie ein Universum im Basketballformat, entführt es an ihre eigene Uni und beobachtet es dort.

Wie sich herausstellt, gleicht der Cosm, wie sie das Gebilde nennt, unserem eigenen Universum, doch mit dem Unterschied, dass dort die Entwicklung exponentiell schneller voranschreitet – innerhalb von nur 25 Wochen altert es um mehr als vier Milliarden Jahre!

Als die Medien und die Science-Gemeinde Wind von ihrem Cosm-Baby bekommen, gerät die idealistisch-naive „Göttin“ in heftige Medien- und Justiz-Turbulenzen. Hier kommt es zur kontroversen Diskussion der Weiterungen von Alicias Tat: Wenn sie ein Universum schaffen kann, dann kann es jeder! Nun erhebt sich der Mensch also endgültig zum Schöpfergott, lautet der Aufschrei, und an diesem Punkt treten eine Menge religiöser Bedenken auf. Wenn es nur dabei bliebe: Alicia wird von Unbekannten entführt, kann aber entkommen.

Zum Glück stehen ihr ein sympathischer Physik-Theoretiker und ihr journalistisch tätiger Vater mit Rat und Tat zur Seite. Doch schließlich rückt das FBI an, um sie zur Herausgabe ihres geraubten Cosm zu zwingen. Alicia bleibt nur die Flucht in die Wüste …

_Unterm Strich_

Benford schildert packend, scharfsinnig und witzig-ironisch den harten Betrieb an einem Physikinstitut, und auch die Liebe kommt nicht zu kurz. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt.

„Cosm“ erinnert in seinem Thema an Benfords preisgekrönten Roman „Timescape“ (dt. „Zeitschaft“). War damals die Botschaft eine ökologische Warnung aus der Zukunft, so warnt uns Heutige nun „Cosm“, was die Wissenschaft im gesellschaftlichen Spannungsfeld in Gang setzen könnte, wenn die Ausbeutung zum Beispiel des |Human Genome Project| und anderer Schöpfer-Projekte voranschreitet.

Sehr empfehlenswert, wenn man sich nicht zu sehr an dem Wissenschaftlerjargon stört.

|Bonusmaterial?!|

Der Roman ist durch einen Essay des Religionswissenschaftlers Linus Hauser ergänzt: „Die Erfahrung der radikalen Endlichkeit des Menschen angesichts eines selbstgeschaffenen Universums“. Hauser trägt ein paar nützliche und hilfreiche Aspekte zur Diskussion über das Buch bei. Kann man lesen, muss man aber nicht.

Arden, Tom – Tanz des Harlekin, Der (Der Kreis des Orokon Band 1)

Dies war Tom Ardens erste deutsche Veröffentlichung. Ein guter Anfang, der zu großen Hoffnungen Anlass gibt. „Atmosphärisch dichte, intelligente und mitreißende Fantasy“, urteilte das US-Fachmagazin LOCUS.

_Handlung_

Nachdem der rechtmäßige König von seinem neidischen Bruder durch Verrat abgesetzt und vertrieben werden konnte, herrscht Verfall auf der Königsburg. Nur noch eine sieche junge Frau namens Ela, ihr gelähmter Sohn Jemany und seine Tante Umbecca leben mehr schlecht als recht hier.

Bis eines Tages Elas geliebter Bruder Tor, möglicherweise der Vater von Jemany, aus der Fremde zurückkehrt, wo er bei den Rebellen gegen den Usurpator kämpfte. Die bigotte Umbecca traut ihm nicht. Doch nachdem Tor wieder gegangen ist, schickt er den zwergwüchsigen, stummen Barnabas aufs Schloss, und dieser bringt dem jungen Mann erst mal das Lesen und dann das Gehen bei. Denn Jemany träumt vom Fliegen – so wie in der Legende der Junge Riel (= Ariel, der Luftgeist), der die Welt vor einem Monster des Bösen rettete. Und dann wartet immer die fahle Straße, die in die Ferne führt.

Jemany hat Cata nur flüchtig kennen gelernt; sie verspottete den „Krüppel“. Cata ist die Tochter von Silas Wolveron, der einst auch mit dem Schloss zu tun hatte, nun aber als Eremit im Wildwald lebt. Cata nimmt sich in Acht vor der Bande der Fünf, die im Dorf Irion unterhalb des Schlosses ihr Unwesen treiben und auch gern wehrlose Tiere qualvoll umbringen. Sie werden angeführt von Polty, der von seinem Vater, dem bigotten Arzt und Vertrauten von Umbecca, ständig verdroschen wird und so seinen Haß an Schwächeren auslässt. Auch als die zigeunerhaften Vagras mit ihrer Karawane in Irion haltmachen und der Harlekin auftritt, treibt Polty sein Unwesen. Er stiehlt seinem Vater einen wertvollen Ring und macht sich aus dem Staub.

|Die Prophezeiung des Orokon|

Der Autor hat dieser (stark gerafften) Handlung einen langen Prolog vorangesetzt, in dem er das aktuelle Geschehen in einen riesigen zeitlichen Rahmen setzt, der bei der Erschaffung der Welt durch Orok beginnt. Der Gott schuf sich unterschiedliche Kinder, darunter auch ein bösartiges, doch sie sollten Frieden halten, solange sich alle ihre fünf Kristalle im Orokon-Kristall vereint befanden. Wenig später hat der Böse seinen Stein herausgenommen, was auch die anderen nicht zögern lässt, es ihm gleichzutun.

Schreckliche Untaten werden begangen, die Völker der fünf Götter werden zerstreut, und die Zeit des Sühneopfers bricht an. Die Prophezeiung aber besagt, dass sie durch ein neues Zeitalter abgelöst wird, sobald der rote Schlüssel zum Orokon gefunden und alle fünf Kristalle wieder an ihren rechtmäßigen Platz gesetzt werden.

Es sieht ganz so aus, als sei Jemany das geweissagte Kind, das dies vollbringen wird.

_Mein Eindruck_

Tom Arden ist kein Amerikaner – zum Glück, sollte man sagen, denn so bleiben dem Leser etliche Klischees in der Darstellung von Ereignissen und Charakteren erspart. Im Gegenteil verblüfft Arden mit unkonventionellen Erzählmethoden und tabubrechenden Szenen. Erfrischend anders!

|Originaltitel: First Book of The Orokon. The Harlequin’s Dance. Parts 1 +2, 1997
Aus dem Englischen übertragen von Wolfgang Thon|

David Gemmell – Eisenhands Tochter (Die Falkenkönigin 1)

Dieser Fantasy-Roman gehört zwar zu einer Dilogie, kann aber auch abgeschlossen für sich bestehen und alleine gelesen werden. Er erzählt die Geschichte von Sigarni, der Falkenkönigin, die den Aufstand des Nordens gegen die Outlander anführt.

Die zwei Romane um die Falkenkönigin folgen einem völlig anderen Strickmuster als die übrigen Bücher Gemmells. Die Fortsetzung erschien unter dem Titel „Die Keltenkriege“  im Oktober 2000 (Taschenbuchausgabe Februar 2003).

Der Autor

David Gemmell – Eisenhands Tochter (Die Falkenkönigin 1) weiterlesen

Connelly, Michael – Schwarze Engel

Ein schwarzer Staranwalt wird in L.A. ermordet, und der Verdacht fällt sofort auf einen Polizisten. In der Stadt, in der weiße Cops einen Schwarzen wie Rodney King zusammenschlugen, setzt dieses Verbrechen die Zündschnur in Brand, die das Pulverfass Los Angeles in die Luft fliegen lassen könnte. Detective Harry Bosch muss schnell arbeiten und vor allem fehlerfrei. Dumm nur, dass ihm zahlreiche Aufpasser die Arbeit schwer machen.

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood.

|Michael Connelly bei Buchwurm.info:|
[Kein Engel so rein]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=334
[Unbekannt verzogen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=803
[Schwarzes Echo]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=958

Offizielle Homepage: http://www.michaelconnelly.com.

_Handlung_

Dieser Fall für Detective Hieronymus „Harry“ Bosch ist der politisch und gesellschaftlich brisanteste. Ein falsches Signal, und Los Angeles brennt wieder wie 1992 nach dem Skandal um Rodney King. Schon am frühen Morgen wird Bosch nach Downtown L.A. gerufen. Dort wurde in der historischen Standseilbahn „Angel’s Flight“ (So der O-Titel des Buches) Howard Elias erschossen, zusammen mit einer unbedeutenden Putzfrau. Elias war ein besonders bei Polizisten verhasster schwarzer Staranwalt, der zwar für die Rechte der Black Community eintritt, aber nur um dabei ordentlich abzusahnen. Er prozessierte ausschließlich vor Bundesgerichten gegen Polizisten des LAPD, denen sich Fehler anhängen ließ – nach Rodney King und O.J. Simpson besonders leicht zu bewerkstelligen.

Kein Wunder also, dass als Mörder sofort ein Polizist in Frage kommt – genau wie bei Rodney King. Bosch wird klar, dass dieser Fall mit Leichtigkeit das Ende seiner Zugehörigkeit zum LAPD bedeuten könnte. Also will er erst mal alles richtig machen. Eigentlich ist er ja für Hollywood zuständig und wurde nur wegen seiner Unparteilichkeit mit dem Fall von Deputy Chief Irvin Irving betraut. Das eigentlich zuständige Morddezernat RHD wurde abgezogen. Doch dann wird Irving heimtückisch: Er gibt Bosch die Dienstaufsicht IAD als Mitarbeiter. Und als i-Tüpfelchen, um ganz sicher zu gehen, auch noch den Inspector General: die farbige Anwältin Carla Entrenkin.

Da kann ja nix mehr schief gehen, sollte man meinen. Das Gegenteil ist der Fall: Entrenkin war die Geliebte des verheirateten Howard Elias. In Windeseile sind die Hinweise auf die Verbindung aus Elias‘ Wohnung verschwunden. Als Bosch sich die letzten Fälle von Elias ansieht, wird ihm klar, dass dieser einen Informanten beim LAPD hatte, der Verbindungen nach ganz oben hatte. Sein Verdacht fällt auf den IAD-Mann Chastain, seinen Intimfeind, und auf Deputy Chief Irvin Irving selbst. Denn kaum hat er diesem Bericht erstattet, verbreiten sich vertraulichen Infos über die Medienkanäle der Stadt, um die politische Stimmung der Black Community zu beeinflussen. Na toll.

Warum aber musste Howard Elias sterben? Er sollte am nächsten Tag einen Prozess eröffnen, bei dem er seinem schwarzen Klienten, einem Ex-Kriminellen namens Harris, einen riesigen Schadensersatz erstreiten wollte. Angehörige des LAPD hätten Harris gefoltert und verletzt, um ein Geständnis zu erzwingen. Wie Bosch herausfindet, war auch sein früherer Partner Frank Sheehan in dieser Gruppe, und was man ihnen vorwirft, ist wahr.

Harris sollte gestehen, dass er ein weißes Mädchen, Stacey Kincaid, missbraucht und umgebracht hatte. Seine Fingerabdrücke wurde auf einem ihrer Bücher gefunden und ihre Leiche zwei Blocks von seiner Wohnung entfernt. Doch als sich Bosch näher mit diesem Mord befasst, helfen ihm anonyme Hinweise, die sich in Elias‘ Unterlagen befanden. Stacey Kincaid, die engelhafte elfjährige Tochter des größten Autohändlers der Autostadt L.A., wurde im Internet von einem Kinderpornoring angeboten. Bosch braucht nicht lange zu suchen, um die entsetzliche Wahrheit herauszufinden: Staceys Mörder befand sich in ihrer nächsten Umgebung.

Nun wird auch klar, von wem und warum der Mordfall Howard Elias ständig manipuliert wird. Bevor jedoch Bosch dies beweisen kann, wird sein Freund Sheehan erschossen. Und er selbst entkommt den ausgebrochenen Straßenunruhen nur mit knapper Not.

_Mein Eindruck_

Wir befinden uns in der Stadt der Engel, in der es jedoch zum Zeitpunkt der Handlung reichlich dämonisch zugeht. Die Handlung funktioniert nicht nur auf drei, sondern auch auf einer vierten, einer metaphysischen bzw. moralischen Ebene.

Die erste Ebene ist die der „normalen“ polizeilichen Ermittlungsarbeit, die von Harry Bosch vorangetrieben wird und die ihm von mehreren Aufpassern bzw. Verrätern nicht gerade erleichtert wird. Die nächste Ebene ist der Bereich der soziopolitischen Folgen, die seine Untersuchungsergebnisse haben – ob sie korrekt dargestellt werden, steht auf einem anderen Blatt.

Die dritte Ebene liegt im privaten Bereich: Harry Bosch, der hartnäckig versucht, mit dem Rauchen aufzuhören, als wolle er ein Engel im Nichtraucherhimmel werden, läuft die Frau, Eleanore, weg. Sein Ex-Partner Frankie Sheehan hat seine Familie schon Monate zuvor verloren, und ob die Familie Kincaid überhaupt eine Familie ist, lässt sich doch stark bezweifeln. Wir werden ständig daran erinnert, dass die Polizeiarbeit nicht nur die Cops zerstört, sondern auch für deren Angehörige eine schwere Bürde darstellt: Die Cops sind zu allen Tages- und Nachtstunden aushäusig, um ihre Pflicht zu erfüllen, und ob sie je ausreichend Urlaub bekommen, scheint doch recht zweifelhaft zu sein.

|Stadt der Engel, Stadt der Monster|

Die vierte Dimension wird lediglich durch Metaphern hergestellt, die andeuten, wie sich der Autor – vertreten durch seine Hauptfigur Harry Bosch – zu all dem Erzählten stellt. Ich behaupte, dass sich dadurch der Autor ein moralisches Urteil erlaubt – und das ist natürlich der Grund, warum er dieses Buch überhaupt auf diese Weise erzählt hat. Es hätte ja auch ein durchschnittlicher Copkrimi werden können. Ist es aber nicht. „Schwarze Engel“ ist um einiges besser als der Durchschnitt.

Nun ist es ja nicht so, als würde uns der Autor mit der Nase darauf stoßen, dass es um Engel und Teufel geht. Die Hinweise sind dezent, aber für den Kundigen unübersehbar. Die Standseilbahn, der Tatort, heißt „Angel’s Flight“, also „Flug der Engel“. Und das ist für eine Stadt, die nach der Königin der Engel (genauer: Nuestra Senora de los Angeles) benannt ist, ein sehr passender Name. Hier wird das Verbrechen, das aufzuklären und zu sühnen ist, begangen: der Sündenfall.

Die Hüter des Gesetzes sind jedoch keineswegs selbst Engel, sondern möglicherweise selbst Täter. Diese Sichtweise ist nach Rodney King und O. J. Simpson umso wahrscheinlicher und verständlicher – weitere Sündenfälle. Und der Mann, der gegen sie zu Felde zog, Howard Elias, der Ermordete, trägt nicht umsonst den Namen eines der biblischen Propheten.

Wohin wird der Weg führen, den die Stadt von hier aus nehmen muss? Ein weiterer Sündenfall wird aufgedeckt: der brutale Mord an der „engelhaften“ und mit (wie Flügel) ausgebreiteten Armen aufgefunden Stacey Kincaid, eine gemeuchelte Unschuld. Welches Monster konnte so tief sinken, diese Schönheit zu töten?

|Das Spinnennetz vor der Hölle|

Der Weg führt den Gesetzeshüter über das „Spinnennetz“, das der Kinderpornoring im Internet (das Web) eingerichtet hat, direkt in die Hölle, in der Stacey Kincaid in ihren letzten Tagen gelebt haben muss, nachdem sie missbraucht worden ist und ihre Fotos ins Web gestellt wurden. Keine Hand erhob sich, um sich dem Monster in den Weg zu stellen. Im Gegenteil: Sämtliche Kinderschänder weideten sich an ihrem Anblick.

Doch Hieronymus Bosch, der Ermittler mit dem unbestechlichen Blick (in Nachfolge seines Namensvetters aus dem Mittelalter), wandelt unbeirrbar auf dem Weg der Gerechtigkeit, nicht ungefährdet, versteht sich. Mehrmals fällt er selbst „aus allen Wolken“. Er verhaftet den gefallenen Engel, der Elias‘ Quelle im Polizeihauptquartier war: natürlich einen Cop. Und gerät mit ihm mitten in die Hölle auf Erden, die von den randalierenden jungen Schwarzen inzwischen in der „Stadt der Engel“ entfacht worden ist. Der letzte Blick, den Bosch auf seinen Ex-Gefangenen erhaschen kann, zeigt ihm, wie ihn diese „Teufel“ in die Höhe halten, als wollten sie den gefallenen Engel zurück in den Himmel hieven, bevor sie ihn unter ihren Stiefeln zertreten. |“Ein Heulen, fast zu laut und grauenhaft, um menschlich zu sein“, entringt sich der Kehle des Opfers. „Es war der Laut gefallener Engel auf ihrem Höllensturz.“| (letzter Absatz des Romans)

|Gerechtigkeit? Hier?|

Wenn das der Lauf der Gerechtigkeit in L.A. ist, so teilt uns der Autor indirekt mit, so steht zu bezweifeln, ob es an diesem Ort noch so etwas wie Gerechtigkeit geben kann. Ob nicht alles eine Farce, ein Panoptikum à la Hieronymus Bosch sei. Diese Show ist jedoch keineswegs Selbstzweck. Kalifornien und die Stadt der Engel sind lediglich der extremste Exponent der US-amerikanischen Gesellschaft. Das L.A., das uns der Autor zeigt, mag eine Höllenvision sein, aber diese ist zugleich eine ernst gemeinte Warnung an den Rest Amerikas. Ob’s hilft? Man darf nie aufhören zu hoffen und zu kämpfen, sonst ist man bereits verloren.

_Unterm Strich_

Von der ernst gemeinten moralischen Botschaft, die sich im Roman versteckt, ganz abgesehen, handelt es sich um einen der spannendsten Thriller, die man in den letzten zehn Jahren lesen konnte. Die ersten hundert Seiten lesen sich praktisch von alleine, und der Rest ergibt sich daraus.

Wer Gefallen an „Schwarze Engel“ findet, dem sei auch der Harry-Bosch-Roman „Dunkler als die Nacht“ empfohlen. Hier wird der Verweis auf den niederländischen Maler noch verdichtet.

|Originaltitel: Angel’s Flight, 1998
Aus dem US-Englischen übersetzt von Sepp Leeb|

Bova, Ben – Venus

Der Abend- und Morgenstern Venus ist vor Ort leider ein wahres Höllenloch: über 400° Grad heiß. Ausgerechnet dorthin führt eine Expedition, um die sterblichen Überreste eines Forschers zu bergen. Auch der Preis ist heiß: 10 Milliarden Dollar. Doch die Strapazen der Reise können es durchaus mit den Qualen der Liebe aufnehmen, mit denen sich der Held herumschlagen muss.

_Der Autor_

Ben Bova ist ein Veteran – auf beiden Seiten des Schreibtischs: Als Herausgeber des Science-Fiction-Magazins „Omni“ förderte er gute AutorInnen und veröffentlichte darin auch fundierte wissenschaftliche Artikel; als Autor schrieb er einige erfolgreiche Romanzyklen, zuletzt hat er sich das Sonnensystem vorgenommen. Seine beiden Mars-Romane wurden Bestseller. Mit „Venus“ und „Jupiter“ zog er nach, gefolgt von „Saturn“, dem „Asteroidenkrieg“ und einem „Asteroidensturm“ – vielleicht schafft er ja auch noch „Merkur“ und den ganzen Rest. Im September 2005 wird jedenfalls erstmal die Asteroiden-Trilogie mit „Asteroidenfeuer“ abgeschlossen.

1) [Mars;]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1206
2) [Rückkehr zum Mars;]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1219
3) Venus;
4) Jupiter;
5) [Der Asteroidenkrieg]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1075 (The Asteroid Wars 1: The Precipice);
6) Asteroidensturm (The Asteroid Wars 2: The Rock Rats);
7) Asteroidenfeuer (The Asteroid Wars 3: The Silent War; deutsche Fassung im September 2005);
8) [Saturn.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=557

_Handlung_

Der Industriemagnat Humphries hat zwei Söhne, in seinen Augen einen „guten“ und einen „schlechten“. Alex, der „gute“, sollte die Firma erben, kam aber bei dem Versuch, den heißen Planeten Venus zu erkunden, um: Er stürzte tödlich ab. Humphries ist entsprechend entsetzt und verbittert. Nun hat er nur noch Van, den „Kümmerling“, einen kranken Schöngeist, der von Papis Geldzuwendungen ebenso abhängig ist wie von den Medikamenten, mit denen er seine Blutarmut bekämpfen muss. Diese Krankheit hat ihm seine Mutter vererbt, die drogenabhängig gewesen war und bei seiner Geburt starb. Eine unbekannte Stimme verrät Van am Telefon, sein Vater habe Alex auf dem Gewissen. Noch pikanter: Alex war ein Mitglied der Internationalen Grünen Partei (IGP), die die Reichen enteignen will. Da der Alte das wusste, hat er vielleicht Alex wirklich abserviert …

Alles in allem also eine hochgradig explosive Situation, als Papa Humphries ankündigt, er setze 10 Milliarden Dollar für denjenigen aus, der ihm die Überreste seines Sohnes von der Venus zurückbringe. Ein weiterer Affront gegen Van, der noch gekrönt wird von Papis Ankündigung, er werde ihm demnächst den Geldhahn zudrehen. Was bleibt Van übrig, als sich zur Venus aufzumachen?

|Aufi, Buam: Pack ma’s!|

Was zunächst als strikt private Mission geplant war, erhält die Segen der Wissenschaft und einer Raumfahrtbehörde. Eine Astrophysikerin, die zusammen mit ihrem alten Professor eine Theorie über venusische Plattentektonik aufgestellt hat, will ihre Theorie nun durch Messdaten untermauert oder widerlegt sehen.

Obendrein setzt „der Alte“ in letzter Sekunde seinem Kümmerling eine kompetente Kommandantin vor die Nase: die resolute Desiree Dupont, die auch gleich ihre hübsche Tochter Marguerite mitbringt. Da hilft es nichts, dass Marguerite logisch denkende Wissenschaftlerin der Biologie ist (Biologie auf der Venus?, fragt sich Van): Vans Hormone spielen trotzdem verrückt bei ihrem Anblick. Natürlich lässt sie ihn abblitzen.

Nichts geht so reibungslos vonstatten, wie es sich Van vorgestellt hat. Der Alte informiert ihn per Funk, dass auch ein Asteroidenmineur namens Lars Fuchs an dem Rennen um die 10 Milliarden teilnehmen werde. Die Situation gemahnt zunehmend an das „Rennen um die Welt“, wie es Hollywood mal in Cinemascope verfilmte: eitle und feindselige Männer in ihren knatternden Kisten, die dem Preis nachjagen. Denn, wie Van erst sehr spät erfährt, ist Fuchs der alte Erzfeind des Alten: Humphries spannte Fuchs die Frau aus, die sechs Jahre später Vans Mutter werden sollte …

|Ein Planet wie die Hölle|

Erst als diese zusammengewürfelte Mannschaft mit ihrem Leichtraumschiff „Hesperos“ (Abendstern) in den stürmischen Luftraum der Venus eintritt, wird es richtig interessant. Nachdem die fragile „Hesperos“ die Stürme der äußersten Atmosphäre überstanden hat, entdeckt Marguerite in der ruhigeren Zone darunter Kleinstlebewesen. Ja, und was machen diese possierlichen Tierchen? Sie haben nichts Besseres zu tun, als die Metalllegierungen der Raumanzüge und der Luftschleuse aufzufressen – von wegen „toter Planet“!

Nun bekommt der unter Anämie dahertorkelnde Held alle Hände voll zu tun. Schon bald heißt es: Bitte aussteigen; diese Fahrt endet hier. Während sich die „Hesperos“ allmählich in ihre Bestandteile auflöst, taucht Käptn Lars Fuchs in seinem wesentlich robusteren Raumschiff „Lucifer“ (Morgenstern) zur Rettung des Sprösslings seines Erzfeindes auf – widerwillig natürlich.

Nachdem einige Besatzungsmitglieder der „Hesperos“ den Sprung auf die „Lucifer“ nicht geschafft haben, findet sich Van in einer bizarren Art von Patsche wieder: An Bord von Fuchs‘ Schiff rackert er als Gefangener und sieht ohne seine Medikamente dem Tod entgegen. Währenddessen scheint sich die geliebte Marguerite außergewöhnlich gut mit Kapitän „Lucifer“ Fuchs zu verstehen. Doch die Höllenqualen der eifersüchtigen Liebe sind nichts gegen das, was Van auf dem kochendheißen Planeten erwartet.

_Mein Eindruck_

„Hormonspektakel“ wäre das passendste Wort, das mir als erstes in den Sinn kommt, um die Handlung zu summieren. Bova hat mit „Venus“ eine erstklassige Herz-Schmerz-Schmonzette um Liebe, Lust und Leidenschaft geschrieben, die in jedem Julia-Roman die Leser zufriedenstellen stellen würde. Dumm nur, dass er sich ausgerechnet die Science-Fiction für diese Art Romanze ausgesucht hat. Die Mischung ist nicht nur unbefriedigend gelungen, sondern wirkt auf wissenschaftlich etwas kühler denkende Leser geradezu unappetitlich und abstoßend, wenn nicht sogar schlichtweg lächerlich.

|Absurdes Drama|

Das Problem besteht ja darin, dass nicht nur die Bedingungen einer fremden Welt wie etwa metallfressende Mikroben die Handlung vorantreiben – das wäre der Standard in der Science-Fiction. Diesmal kommt als tragender Faktor das Familien- und Liebesdrama hinzu. Man könnte es durchaus ertragen, wenn es sich nicht selbst so todernst nähme. So hat man in den 40er und 50er Jahren billige Science-Fiction geschrieben, doch spätestens seit der New Wave der 60er ist dieser Stil ad absurdum geführt – das hat sich in den USA wohl noch nicht herumgesprochen.

Daher dürften die einzigen Leser, die voll auf solches Zeug abfahren, Minderjährige sein, die selbst unter den Auswirkungen diverser Hormonschübe zu leiden haben. (Wie man am Erfolg von Military-SF und etlichen blutrünstigen Serien ablesen kann, gibt es hier immer einen Absatzmarkt: Kampf, Blut und Sex sind einfach „geil“.)

|Das Erzählverfahren|

Auch Bovas Erzählverfahren bereitete mir Bauchschmerzen. Alles wird aus der Perspektive des Ich-Erzählers geschildert, also aus der subjektivsten Sichtweise, die zur Verfügung steht. Da aber der Held schwach und krank ist, fällt es dem Leser schwer, sich mit ihm zu identifizieren. Zweitens ist dieser Held schrecklich ahnungslos und naiv (wieder junge Leser?), was Raumschiffe, fremde Planeten und nicht zuletzt Frauen angeht.

Zwar macht er sich keine Illusionen über seine Schmarotzerfreunde auf Erden, doch an Bord der „Lucifer“ fällt er von einer Überraschung in die nächste. Dass er dabei keine sonderlich gute Figur abgibt, ist wohl klar. Und das geht so weiter, bis er auf der Venus landet. Auch dort gilt Dr. Murphys Gesetz: Es wird alles schief gehen, was nur schief gehen kann.

Angesichts des Schlusses hätte Bova genau so gut Military-Science-Fiction schreiben können: Der im Höllenfeuer des fremden Planeten gestählte Jüngling ist erwachsen geworden: Er hat das Mädchen gekriegt und tritt seinem „altem Knacker“-Papi verbal in den Hintern. Kann er ja auch: mit 10 Milliarden in der Hand.

_Unterm Strich_

Wer als pubertierende Leseratte mal so richtig tief in die Science-Fiction der vierziger und fünfziger Jahre (Heinlein und Co. lassen grüßen) eintauchen will, kann sich diese dramatische Romanze gerne reinziehen.

Wer allerdings auf wissenschaftlich fundierte Science-Fiction steht, sollte eher zu Bovas Roman „Jupiter“ oder gleich zu anderen Autoren wie Stephen Baxter greifen. Die machen dabei einen guten Job, auch wenn das nicht immer hundertprozentig hinhaut.

Und dann gibt es da noch ganz andere Science-Fiction wie etwa die von Philip K. Dick, Ursula K. Le Guin und Ian McDonald, die sowohl moderne gesellschaftliche (etwa die Geschlechterproblematik und Asylanten) als auch geisteswissenschaftliche (Kann ich erkennen, ob etwas echt ist, wenn alles künstlich ist? Kann ich mit dem Geist die Welt verändern?) Themen relevant finden und überzeugend aufgegriffen haben.

|Originaltitel: Venus, 2000
Aus dem US-Englischen übertragen von Martin Gilbert|

Deaver, Jeffery – Saat des Bösen, Die

„Die Saat des Bösen“ ist ein effektvoller psychologischer Thriller, der mich mit seiner kritischen Haltung gegenüber Erweckungs- und Fernsehpredigern wie auch Staatsanwälten überrascht hat. Ein früher Roman Deavers, des Meisters der raffinierten Psychologie und der akribischen Gerichtsmediziner.

_Der Autor_

Jeffery Deaver ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Thriller-Autoren. Seine wichtigste Figur ist der querschnittsgelähmte Ermittler Adrian Lyme, so etwa in dem verfilmten Krimi „Der Knochenjäger“ (mit Denzel Washington & Angelina Jolie).

Deaver hat aber auch Polit- und Technik-Thriller geschrieben sowie diverse Pseudonyme benutzt. Zuletzt erschienen von ihm der Thriller [„Der faule Henker“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=602 im August 2004, ein klassisches Locked-Room-Mystery, und „Todesreigen“ im Mai 2005.

_Handlung_

Eine Mordserie ereignet sich im ländlichen Virginia und versetzt eine ganz bestimmte Familie in Angst und Schrecken, die Familie von Tate Collier. Dass er von seiner Frau Bett McCall schon seit Jahren geschieden ist, stört den Killer nicht. Er fängt mit Tates Tochter an.

Die 17-jährige Megan wird immer die „verrückte Megan“ genannt. Sie kommt nämlich nach der Scheidung ihrer Eltern mit ihren Problemen nicht mehr zurecht und hat sich bereits mit mehreren ungewöhnlichen Männern eingelassen. Nach einer besonders turbulenten Nacht lässt sie sich von ihrer Mutter, Bett McCall, dazu überreden, den Psychotherapeuten Dr. James Peters aufzusuchen. Peters gelingt es in der Tat, Megans Vertrauen zu gewinnen. Immer tiefer in ihrer Psyche bohrend, stößt er auf sehr viel Zorn und Frustration und überredet Megan, ihre Wut rauszulassen und aufzuschreiben.

Das Mädchen ahnt nicht, dass Peters keine Approbation hat und ein Mörder ist. Am nächsten Morgen ist sie spurlos verschwunden. In Tate Colliers Haus tauchen nur die verhängnisvollen Gesprächsaufzeichnungen Megans auf. Sie lesen sich nun wie wütende Abschiedsbriefe. Darauf fällt auch die Polizei herein: Wer sucht schon nach einer Ausreißerin, die wahrscheinlich schon längst im Zug nach New York City sitzt?

Tate Collier, ein ehemaliger Staatsanwalt und seit fünf Jahren im Ruhestand, bittet seinen alten Freund Konnie von der Polizei, dennoch nach Hinweisen auf Megans Entführung zu suchen. Konnie ist ein hervorragender Schnüffler. Schon bald stößt er auf Ungereimtheiten. So etwa scheint der letzte Megan-Lover, der ältere Englischlehrer Carson, sich selbst verbrannt zu haben, weil er sich Vorwürfe machte, Megan und andere Mädchen verführt zu haben.

Ein weiterer Lover Megans ist der Farbige Joshua LeFevre, ein rebellischer Kunstmaler aus betuchtem Hause. Als er mit Colliers und Konnies Hilfe Megans Spur aufnimmt, stößt er in den Bergen Virginias, den höhlenreichen Appalachen, auf ein unheimliches und abgelegenes Anwesen. Zwei Erweckungsprediger hätten hier ihre Gottesdienste mit feurigen Reden abgehalten, erzählt ihm eine Anwohnerin. Doch hier stößt Joshua nur auf Aaron Matthews. Er ahnt nicht, dass Matthews mit Dr. James Peters identisch ist.

Peters/Matthews setzt wie schon bei Megan seine heimtückische Überredungskunst und seinen psychologischen Scharfblick ein, um Joshua aus dem Konzept zu bringen. Joshua ahnt ja, dass er Megan hier finden könnte. Doch als er sich ablenken lässt, unterliegt er.

Nun schweben nicht nur Megans Eltern in ernster Gefahr, sondern auch der alte Polizist Konnie, der sich auf die Spur des Dr. Peters gesetzt hat. Doch auch Konnie hat einen schwachen Punkt, wie jeder. Es erscheint schier unglaublich, aber auch diesen abgebrühten und zynischen Polizisten „schafft“ Dr. Peters mit seiner Beredsamkeit. Schließlich aber trifft er auf seinen eigentlichen Gegner: Tate Collier war einmal der brillanteste Staatsanwalt Virginias. Seine Beredsamkeit ist mindestens ebenso so groß wie die von Matthews/Peters. Und damit hatte er fünf Jahre zuvor dessen Sohn hinter Gitter gebracht …

In einer der vielen Höhlen findet der folgerichtige Showdown zwischen diesen beiden Meistern der Beredsamkeit statt. Und vielleicht gibt es für die entführte Megan noch eine Überlebenschance.

_Mein Eindruck_

Der Leser ist von Anfang im Bilde, was gespielt wird. Wir folgen den Machenschaften Matthews/Peters‘ ebenso wie den verzweifelten Befreungsversuchen, die Megan in den unheimlichen Kellern auf dessen Anwesen unternimmt. Getreu dem alten Hitchcock-Grundsatz sind wir den Vertretern des Guten stets weit voraus und bangen um ihr Überleben: So wird Suspense aufgebaut. Wir können dem Tod bei der Arbeit zusehen und fragen uns, wer das moralische Recht hat, zu überleben.

Als der Autor immer mehr Einzelheiten über die Geschehnisse fünf Jahre zuvor enthüllt, die zu Peters‘ Rachefeldzug und Colliers Amtsniederlegung führten, gerät Collier zunehmend ins Zwielicht. Der Vertreter von Gesetz und Ordnung scheint ja über Leichen gegangen zu sein, wenn es seiner Sache dienlich war. Vielleicht hat ja am Ende der Mörder Recht? Als es diesem auch noch gelingt, Bett McCall für sich einzunehmen und zwischen sie und ihren Ex-Mann einen Keil zu treiben, scheint Collier auf verlorenem Posten zu stehen. Die Chancen für Megans Überleben schmelzen dahin.

Und so hängt alles von der finalen Konfrontation der beiden männlichen Hauptfiguren ab. Diese Szene ist ebenso hervorragend ausgearbeitet wie jene, in der Konnies Fall und Vernichtung angebahnt wird. Hier spielt Deaver sein ganzes Wissen als Psychologe und sein Können als Rhetoriker aus. Und erst in dieser Szene, kurz vor Schluss, zieht Collier sein größtes Ass aus dem Ärmel (ich werde mich hüten, das hier zu verraten!). Und das haut nicht nur seine Zuhörer um.

|Der Titel: Deavers kritische Haltung|

Der Originaltitel lautet „Speaking in Tongues“, also „in Zungen sprechen“. Das taten bekanntlich die Leute und Jünger Jesu zu Pfingsten, als sie den Geist Gottes em-PFING-en. Davon leitet sich die Erweckungsbewegung ab, die Pentecost-Sekte. Ihr gehörte beispielsweise auch Jeannette Wintersons Mutter an, wie J.W. in ihrem Roman „Orangen sind nicht die einzige Frucht“ (als Taschenbuch bei BVT) erzählt.

Im Buch zog Aaron Matthews mit seinem Vater von Dorf zu Dorf, um flammende Erweckungsreden, angeblich göttlich inspiriert, abzuhalten und den zuhörenden Lämmern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Natürlich war das Ganze inszeniert.

Doch der Autor zieht von hier aus eine direkte Parallele zu Tate Colliers Tätigkeit als Staatsanwalt von Fairfax County in Virginia. (Die Polizei zählt nicht: Sie ist den Besitzenden hörig.) Und er rückt somit die Rechtssprechung auf eine Stufe mit Scharlatanen wie Matthews & Sohn. Das ist eine extrem kritische Haltung, die Deaver hier andeutet – mindestens so kritisch wie jene des frühen John Grisham, etwa in „Die Firma“.

Die Parallelen gehen noch weiter, wie der Titel des ersten Buchteils andeutet: Es geht um die jeweiligen Erstgeborenen von Matthews und Collier. Nach dem altbiblischen Gesetz von „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ vergilt Matthews den Tod seines Sohnes an Colliers Tochter, Megan. Aber hat dieses Gesetz heute noch Gültigkeit? Und somit auch die Worte zahlloser Fernsehprediger in den USA und anderswo?

|Die Figuren|

Was mich etwas nervte, war die reichlich naive Haltung von Bett McCall. Sie wird auch als Esoterikfanatikerin etwas lächerlich gemacht. Dennoch ist sie ebenso realistisch gezeichnet und plausibel gezeichnet wie der angeblich so gefühlskalte Tate Collier. So richtig sympathisch ist eigentlich nur der arme alte Polizist Konnie, der ein weitaus besseres Ende seines Lebens und seiner Laufbahn verdient hätte.

_Unterm Strich_

Dieser Thriller ist hundertmal spannender als irgendein Grisham, hat mehr Action und Intelligenz in den entscheidenden Szenen und lässt den Leser nicht mehr los bis zur letzten Seite. Von späteren Deaver-Romanen unterscheidet er sich lediglich dadurch, dass nicht so viele überraschende Wendungen enthalten sind und keine „Knochenjäger“ auftauchen.

|Originaltitel: Speaking in Tongues, 1995
Aus dem US-Englischen übertragen von Hans-Joachim Maass|

Sheffield, Charles – Kalt wie Eis

_Post-Holocaust: Das Geheimnis von Europa_

Das 21. Jahrhundert (huch, das ist ja unseres!): Vor 25 Jahren hat im Sonnensystem ein mörderischer Krieg stattgefunden. In vier Monaten starben neun Milliarden Menschen, denn es wurden entsetzliche Waffen eingesetzt. Die Rivalitäten sind aber im Jahr 2092 immer noch latent vorhanden, die Waffen existieren noch an verborgenen Stellen des Systems. Sie sind ein eifersüchtig gehütetes Geheimnis. Und wer dies zu lüften versucht, setzt sein Leben aufs Spiel.

Der Klappentext führt diesmal völlig in die Irre. Daher ist er keine Erwähnung wert.

_Der Autor_

Der 1935 in England geborene und seit den Sechzigern in den USA lebende Charles Sheffield studierte Mathematik und Physik in Cambridge, England, und gilt als eine Kapazität auf dem Gebiet der Astronomie – er war Präsident der |American Astronautical Society| und Vizepräsident der |Earth Satellite Corporation|.

Sheffield veröffentlichte 1977 seine erste Story im Magazin „Galaxy“, im Jahr darauf erschien sein erster Roman „Sight of Proteus“, der Auftakt seiner Proteus-Trilogie. Er vertritt darin optimistisch den Gedanken, dass mit Hilfe von Maschinen Menschen und andere Lebewesen ähnlich wie der antike Gott Proteus ihre Form verändern können, um zu den nahen Sternen zu fliegen. Es gehört zu Sheffields Markenzeichen, dass er das Universum (auch das mikroskopisch kleine) stets interessant findet und mit Vorfreude auf Entdeckungen wartet – selbst wenn sich diese als weniger angenehm herausstellen sollten. Er ist auch ein Meister in der Verwendung von Ironie.

In seinem zweiten Roman „The Web between the Stars“ (1979) beschrieb er einen „Fahrstuhl“ in die Erdumlaufbahn. Fast gleichzeitig verarbeitete Arthur C. Clarke den gleichen Gedanken in „Fountains of Paradise“. Beide gelangten unabhängig voneinander zur gleichen Idee. Kim Stanley Robinson griff diese Idee wieder in seinem Roman „Roter Mars“ auf, der mit dem katastrophalen Absturz eines solchen Fahrstuhls auf die Marsoberfläche endet.

Weitere interessante Romane Sheffields sind „Zwischen den Schlägen der Nacht“ (1985) mit seiner universumweiten Sicht à la Greg Bear sowie „Die Nimrod-Jagd“, eine Space-Opera mit interessanten Aliens und Cyborgs. Zuletzt erschienen bei uns „Die Welt der Handelsfahrer“ (1988, dt. bei |Heyne|), in der sich eine Post-Holocaust-Menschheit einer Alien-Invasion gegenübersieht, sowie „Feuerflut“ und „Sternenfeuer“. |Bastei-Lübbe| führt die Publikation Sheffields fort, zunächst mit „Der wundersame Dr. Darwin“ (2004), nun mit „Kalt wie Eis“ (1992, dt. 2004) und mit dessen Fortsetzung „Schwarz wie der Tag“ (Juni 2005).

_Handlung_

PROLOG.

Anno 2067: In den letzten Tagen des interplanetaren Krieges, der zwischen den erdnahen Planeten und den äußeren Welten auf Mars und dem Asteroidengürtel geführt wird und neun Milliarden Erdbewohnern das Leben gekostet hat, flieht ein zum Passagierschiff umgebauter Erzfrachter in den Gürtel. Verfolgt wird das Gürtelschiff von einem Sucher, einem halbintelligenten Jäger, der sein Ziel mit Raketen vernichtet. Doch von wem wurde er abgeschossen?

Die Crew des fliehenden Schiffes „Pelagic“ setzt kurz vor dem sicheren Ende neun Kapseln mit den Jüngsten an Bord aus, die in Kälteschlaf versetzt wurden. Man hofft, dass wenigstens sie überleben. Wenige Minuten später vernichtet ein Blitz das Schiff.

HAUPTHANDLUNG.

25 Jahre später hat sich die menschliche Zivilisation wieder von den großen Verlusten erholt und bereits die Monde des Jupiter besiedelt. In Jupiters Gashülle bauen selbstreplizierende Maschinen, nach ihrem deutschen Erfinder „Von Neumanns“ genannt, wertvolle Elemente ab. Mehrere Wissenschaftler, Medienleute und Amateurforscher, die wir einzeln nacheinander kennen lernen, erforschen das Sonnensystem.

Doch etwas Mysteriöses geht vor sich, von dem den Betroffenen wenig bis nichts mitgeteilt wird. Der Tiefseeforscher Jon Perry erhält einen Rückruf, der ihn von seinem Projekt, der Erkundung von heißen Quellen am Meeresboden (Black Smokers) abzieht und auf den Jupitermond Europa schickt. Zudem müssen die beiden führenden Astronomen vom interplanetarisch gestützten Oberservatorium DOS (Delokalisiertes Observations-System) nach Europa gehen, weil die Geldgeber und die Behörde lieber den erdnahen Raum durchsuchen möchten. Lächerlich! Das DOS hat eine Reichweite von elf Milliarden Lichtjahren, und diese Deppen wollen Terras Hinterhof durchsuchen?! Doch die Geheimniskrämerei erhält letzten Endes einen Sinn, als der Mann hinter diesen Aktionen hervortritt: der so genannte „Sonnenkönig“ Cyrus Mobarak.

Dieser Hinterhof scheint aber auch den Amateurforscher Rustum Battachariya, genannt „Bat“ (Fledermaus), auf dem Jupitermond Ganymed sehr zu interessieren. Er sammelt wertvolle Artefakte aus dem Großen Krieg, der vor 25 Jahren zu Ende ging. Und weil diese Artefakte mitunter weit bessere Technik aufweisen als alles, was danach kam, zieht er oft Vorteil daraus – für seine Behörde, die Koordinationsstelle für Transporte zu den Äußeren Systemen (Jupiter, Asteroiden und Saturn).

Bats neuester Kostenantrag an seine Chefin ist etwas kostspieliger als sonst: Er sucht das Wrack eines im Krieg verschollenen Passagierschiffes, der „Pelagic“. Denn er wundert sich, warum ein Gürtelschiff ausgerechnet von einer Jägerrakete vernichtet wurde, die ebenfalls aus dem Gürtel kam. Was ist das Geheimnis der „Pelagic“? Leider muss er schon bald feststellen, dass Leute, die es lüften wollen, sich dadurch in große Gefahr begeben.

_Mein Eindruck_

Der Aufbau der Geschichte hat eine sehr wirkungsvolle Form: ein Fächer, dessen Nabe am Schluss der Haupthandlung platziert ist. Am Anfang sieht sich der Leser daher mit einer ganzen Reihe von unverbundenen Handlungsträngen konfrontiert, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Die Spannung steigt ins Unermessliche – oder die Langeweile. Doch keine Angst, denn schließlich wird doch noch ein Schuh draus. Spätestens dann, als die Akteure auf dem Jupitermond Europa, einer vereisten Wasserwelt, eintreffen, überschlagen sich die Ereignisse auf eine Weise, die für gute Unterhaltung sorgt.

|Elende Politik|

Doch die Action allein macht noch keinen guten Science-Fiction-Roman, wie man an den Machwerken John Ringos ablesen kann. Europa ist vielmehr der Zankapfel zwischen zwei maßgeblichen politischen Strömungen. Die „Auswärtsler“ wollen die Planeten und Monde links liegen lassen und in unberührtem Zustand als Schutzgebiete zurücklassen, wenn sie mit einem Generationenschiff zu fremden Sternen fliegen.

Leute wie Cyrus Mobarak hingegen haben handfeste wirtschaftliche Interessen und wollen die Monde und Planeten ausbeuten und wenn möglich sogar terraformen. Native Lebensformen sind ihnen ziemlich schnuppe. Bei ihrem Vorgehen schrecken Mobarak & Co. auch nicht vor fiesen politischen Tricks zurück. Die muss man aber erst einmal aufdecken. Und das machen so clevere Leute wie Battachariya.

|Sherlock Holmes|

Bat ist ein sehr später Nachfahre von Detektiven wie Sherlock Holmes, verfügt aber auch über Hackerqualitäten. Nicht von ungefähr ist er im Netz der schärfste Gegner von Cyrus Mobarak, der dort unter dem Decknamen „Torquemada“ auftritt. Wie in den traditionellsten Fifties-Science-Fiction-Romanen ist es denn auch Bat, der die Ehre hat, alles in jedem Detail zu erklären. Leider muss er aber auch einen großen Irrtum zugeben. Nobody’s perfect.

Der Große Monolog der Großen Erklärers ist denn auch einer der Punkte, an dem die Kritik anzusetzen hat. So etwas gibt es doch heutzutage gar nicht mehr. Allwissenheit gehört der Vergangenheit an und ist nur noch in traditionellen, um nicht zu sagen: nostalgischen Romanen zu finden. Aus dramaturgischer Sicht bietet es aber dem Autor eine gute Gelegenheit, alle Rätsel auf einen Schlag zu erklären und endlich zu einem Schluss zu kommen.

Aber wer mitgedacht und auf Details geachtet hat (etwas schwierig bei so viel Text), der konnte schon frühzeitig auf die Lösung kommen. Dem entlockt Bats Monolog nur noch ein Gähnen. Mir nicht, denn ich war nicht die ganze Zeit kontinuierlich nur mit diesem Buch beschäftigt, sondern hatte auch eine Menge anderer Sachen zu tun. Daher kam mir der Monolog gerade recht.

|Schwächen|

Aber ich ertappte mich dabei, einige Seiten, auf denen der Autor viel beschreibt, einfach zu überspringen. Der Story tat das keinen Abbruch: Sie blieb so spannend wie immer. Wie es sich für einen ordentlichen Krimi gehört, sind auch etliche Rätsel und eine falsche Fährte eingebaut. Dem Leser macht es der Autor denn doch nicht zu einfach. Der Epilog lässt auf die Fortsetzung hoffen: Denn wo sind die restlichen sechs Eiskinder abgeblieben?

Den Jupitermond Europa hat sich Sheffield, wie er offen und dankbar zugibt, bei Arthur C. Clarke „ausgeliehen“. Dieser hatte ja schon in seinem Roman „2010“ aus Europa eine tropische Welt gemacht – siehe die letzten Bilder aus der entsprechenden Verfilmung. Inzwischen wissen wir aus Sondenmeldungen, dass Europa tatsächlich eine gefrorene Wasserwelt ist, und Sheffields 1992 entworfenes Szenario erscheint nicht mehr so abwegig.

Was ich aber mehrmals belächeln musste, ist die Dauer, die Sheffield für komplexe Computerberechnungen veranschlagt: Stunden, ja, sogar Tage! Naja, 1992 steckte Intel noch in den Kinderschuhen, und von Moores Gesetz* hatte Sheffield seltsamerweise noch nichts gehört, sonst hätte er diese Rechenzeiten drastisch herabgesetzt.

_Unterm Strich_

„Kalt wie Eis“ kombiniert auf unterhaltsame Weise kriminalistische Ermittlung mit planetarer Abenteuergeschichte und einem wirtschaftspolitischen Ringen um die Zukunft des Sonnensystems. Das Ergebnis ist ein relativ unblutig ablaufendes, aber dennoch spannendes Abenteuer, das Leute, die über einen wissenschaftlichen und astronomischen Background verfügen, interessieren könnte. Für Fans von „Mechwarrior“ und John Ringo ist hier hingegen kaum etwas zu holen: kein wildes Geballer, keine Aliens und schon gar keine Militärs. Ätsch!

|Originaltitel: Cold as Ice, 1992
Aus dem US-Englischen übersetzt von Ulf Ritgen|

* – Moore’s Law: Alle 18 Monate verdoppelt sich die Zahl der Transistoren bzw. ihres Äquivalents auf einem Prozessor. Das heißt, die Zeit, die für eine Anzahl von Rechenoperationen benötigt wird, verringert sich in proportionalem Verhältnis. Das gilt für siliziumbasierte CPUs, aber wie es bei Licht- und Molekül-Prozessoren aussieht, ist eine spannende Frage. Es ist immer wieder erstaunlich, dass die Gültigkeit des 1965 aufgestellten Gesetzes (happy birthday, Mr. Moore!) bis heute anhält und dies noch für einige Jahrzehnte tun dürfte.

Noll, Ingrid – Selige Witwen

Cora und Maja, dieses dynamische Duo sorgt auch diesmal wieder für Action. Sei es in der Toskana, wo Cora unbedingt eine Traumvilla ergattern will, oder in Frankfurt/M., wo sich Maja mit Zuhältern anlegt, um eine Freundin zu retten – es gibt immer etwas zu erledigen. Ach ja, und dann war da noch der Matisse …

_Die Autorin_

Ingrid Noll wurde 1935 in Schanghai geboren, also kurz vor der japanischen Invasion, und studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Nachdem ihre drei erwachsenen Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie, Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt Bestseller wurden. „Die Häupter meiner Lieben“ wurde mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet, und „Kalt ist der Abendhauch“ sowie „Die Apothekerin“ wurden verfilmt.

Weitere Noll-Hörbücher:
– Die Häupter meiner Lieben
– Die Apothekerin (verfilmt)
– Kalt ist der Abendhauch (verfilmt)
– Stich für Stich
– [Die Sekretärin]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1167
– Der Hahn ist tot

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Akte-X-Star Gillian Anderson („Scully“) und Demi Moore, hat bereits eine Vielzahl von Hörbüchern gesprochen. Während ihrer Schauspielausbildung in Berlin trat sie als Sprecherin im Hörfunk hervor. Mittlerweile spricht sie zum Beispiel auch die Kommentare bei „Galileo“-Dokumentationen auf ProSieben.

Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.

Das Hörbuch wurde aufgenommen von Markus Hoffmann (Regie) und Lambda-Audiovision, Berlin.

_Handlung_

Das ungleiche Freundinnenpaar Cora und Maja steckt wieder einmal in Schwierigkeiten und mogelt sich durch. Dabei ist Cora, wie die sanfte Maja zugeben muss, eindeutig das „Alpha-Weibchen“: Sie nimmt sich die Männer, wie sie ihr unterkommen. Und die Häuser dazu. Coras Masche besteht darin, Millionäre zu heiraten, die dann eines unverhofft frühen Todes sterben, woraufhin es eine glückliche Erbin mehr auf der Welt gibt.

Coras und Majas neuestes Abenteuer beginnt ganz idyllisch im schönen Chianti-Land zwischen Florenz und Siena. Cora vergnügt sich mit Dino, dem Sohn des Gärtners in einem wunderschönen, aber verwaisten Anwesen. Der Besitzer der Villa, ein Engländer, sei kürzlich mit 50 verstorben, ist es zu fassen? Cora will die Villa, und der Neffe von „Il barone“ wäre auch willig, doch eine reiche Amerikanerin schnappt ihr das Schnäppchen vor der Nase weg. Cora ist untröstlich. Fast.

Ortswechsel: Darmstadt. Maja pflegt die Oma Charlotte Schwab, während deren Enkel Felix, somit Majas Vetter, mit Cora in die Toskana düst. Maja bringt ihren geliebten Sohn Bela zu seinem Vater nach Freiburg im Breisgau, wo der Kleine nicht mehr lernen muss, wie man Fahrräder klaut, sondern mal frische Landluft schnuppern kann.

Maja lernt eine junge Frau namens Katrin Schneider kennen, die sich nach dem Grimmschen Märchen „Allerleirauh“ nennt und einen Schnurrbart trägt. Sie bitte Maja, ihren Italienischkurs an der VHS zu übernehmen, deshalb ziehen sie nach Frankfurt/M., um als Housesitter die Wohnung einer verreisten Ethnologin zu betreuen. Katrin lebt von ihrem Mann Erik, einem zwielichtigen Anwalt im Frankfurter Rotlichtmilieu, getrennt. Zusammen klauen sie ihm vier wertvolle Bilder, bei denen es sich um Diebesgut handelt, wie sich herausstellt. Maja soll sie verscherbeln, doch der Matisse steht leider auf der Fahndungsliste. Als Eriks Schläger die Bilder zurückhaben wollen und Katrin an der Schule abpassen, schickt Maja Katrin nach Innsbruck zu einem Bekannten. Dort fühlt sich Katrin pudelwohl, doch Maja hat den ganzen Ärger am Hals.

Denn Erik überfällt Maja und foltert sie brutalstmöglich, um zu erfahren, wo seine Gemälde sind. Nur der treue Andi und der zurückgekehrte Felix können Maja vor dem sicheren und sicher schmerzvollen Tod erretten! Katrin hatte sie benachrichtigt, was abgeht. Nun verdächtigen Andi und Felix Maja des Drogenhandels, da sie ja über die Bilder nichts sagen will.

Cora kehrt aus der Toskana zurück, mit nur einem im Sinn: MORD. Sie will die verdammte Amerikanerin meucheln lassen und engagiert dazu eine Fixerin namens Polly Wacker, die offenbar den englischen Vorbesitzer der begehrten Villa auf dem Gewissen hat. Cora und Maja erpressen Polly, ohne mit der Wimper zu zucken

Gerade noch rechtzeitig, denn nun beginnt für Cora & Co. ein Kleinkrieg mit dem Anwalt Erik Schneider und seinem Zuhälter Sven Hilter, der mit Nutten aus Thailand und Afrika handelt und schon einige auf dem Gewissen hat. Das kann ja heiter werden. Ob Cora und Maja wirklich noch zu ihrer Traumvilla in der Toskana kommen?

_Mein Eindruck_

Nach einem idyllischen und langsamen Start gerät die Geschichte allmählich doch in spannenderes Fahrwasser, als sich verschiedene Konflikte abzeichnen. Diese Konflikte bleiben keineswegs oberflächlich, sondern gehen ziemlich schnell ans Eingemachte: Maja wird gefoltert, Cora hat Mord im Sinn, Erik Schneider erhält eine gehörige Portion Methadon (Rauschgift) in sein Mineralwasser und Sven Hilter wird Opfer eines Bandenkrieges – nach einem kleinen Tipp! Auch Katrin kommt nicht ungeschoren davon, wird sie doch entführt, mit Drogen betäubt und versteckt.

Als wäre dieser Zirkus nicht genug, sind alle hinter den wertvollen Bildern her, die so etwas wie den MacGuffin im Krimi darstellen und für Spannung bis zur letzten Szene sorgen. Wozu wilde Amerikanerinnen nicht alles fähig sind, wenn sie wahre Kunst erkennen!

Die arme Maja, unsere Chronistin der laufenden Wechselfälle, hat es wahrlich nicht leicht. Weder mit Cora, dem Überweib, noch mit den Herren der Schöpfung, die mit ihr kuscheln wollen – und mehr. Außerdem soll sie bei ihrem Sohn Mutter spielen und bei ihrem Noch-Ehemann Jonas die brave Gattin. Es ist nicht leicht, eine freiheitsliebende, intelligente Frau zu sein, die mehr will als Kinder, Küche, Herd. Mutter Naturs Auftrag des Nestbaus ist nicht so einfach zu ignorieren. Und da ist immer auch ein wenig Torschlusspanik dabei, wenn die biologische Uhr tickt.

Ingrid Noll hat mal wieder eine echte Räuberpistole zusammengestellt, deren Zutaten zwar sehr schön für Unterhaltung und Kurzweil sorgen, die aber wohl kaum „aus dem wahren Leben“ stammen dürften. Jedenfalls nicht in so hoher Konzentration. Und schon gar nicht mit derart vielen Zufällen – unverschlossenen Autos, Zusammenstößen mitten in der Pampa und so weiter.

Wie auch immer: Für Unterhaltung mit spannenden und komödiantischen Einlagen ist trefflich gesorgt.

_Die Sprecherin_

Mit ihrem Gespür für Dramatik setzt Franziska Pigulla vor allem das Tempo als Haupteffekt ein: sie verzögert vor wichtigen Wörtern oder Sätzen. Diesmal übertreibt sie es nicht mit dem Einsatz ihrer Stimme: Ein so aufregendes Garn wie „Selige Witwen“ muss ganz cool erzählt werden. Dennoch ist bei spannenden Szenen wie Flucht, Überfall und Folter ein wenig mehr als Coolness gefragt, und so gehören diese Szenen zu den spannendsten des Buches.

Ganz besonders hat mir ihre Interpretation des Hessischen gefallen – allerliebst. Auch der Österreicher auf dem Zug ist ihr gut gelungen.

_Unterm Strich_

Ingrid Noll pflegt einen ganz speziellen Humor. Mit Witz und kühler Ironie vermag sie selbst die unwahrscheinlichsten und makabersten Begebenheiten cool zu erzählen. Sie greift natürlich auf die vorhandenen Genreklischees wie den zwielichtigen Anwalt, den brutalen Zuhälter und die reiche alte Amerikanerin zurück, um ihre Geschichte damit aufzupeppen.

Das dynamische Duo der rabiaten Cora und ihrer liebebedürftigen, aber verschlagenen Freundin Maja sorgt für jede Menge Action in diesem Frauenkrimi. Für Unterhaltung ist also gesorgt. Schade, dass der Anfang so langsam ist, aber irgendwo muss die Story ja auch etwas mit der Realität zu tun haben.

Franziska Pigullas Vortrag entspricht dem Stoff ausgezeichnet. Ganz besonders gefielen mir die Stellen, an denen sie Dialekt spricht. Sehr empfehlenswert.

|402 Minuten auf 6 CDs|

Doyle, Arthur Conan – Sherlock Holmes: Der Vampir von Sussex / Das gefleckte Band (Krimi-Klassiker 4)

_Sherlocks Spezialität: Locked room mystery!_

London in den 1880er Jahren: Die junge Frau von Dr. Ferguson wird wiederholt dabei ertappt, wie sie ihrem Kind das Blut aussaugt. Ist sie ein Vampir?

Im zweiten Fall werden der Meisterdetektiv und sein Freund Dr. Watson mit dem Rätsel um „Das gefleckte Band“ konfrontiert: Helen Stoner befürchtet, dass ihr bald ein schrecklicher Tod drohen könnte.

_Der Autor_

Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930 und gelangte mit seinen Erzählungen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um seinen Einkommen aufzubessern. Neben mystischen und parapsychologischen Themen griff er 1912 auch die Idee einer verschollenen Region (mit Dinosauriern und Urzeitmenschen) auf, die von der modernen Welt abgeschnitten ist: „The Lost World“ erwies sich enorm einflussreich und wurde schon 13 Jahre später von einem Trickspezialisten verfilmt. Schon 1913 ließ Doyle eine Fortsetzung unter dem Titel „The Poison Belt“ (dt. als „Im Giftstrom“, 1924).

_Die Sprecher_

Sherlock Holmes: Joachim Tennstedt (dt. Stimme von John Malkovich)
Dr. John H. Watson: Detlef Bierstedt (dt. Stimme von George Clooney u. a.)
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In „Der Vampir von Sussex“:
Robert Ferguson: Charles Rettinghaus (dt. Stimme von Robert Downey jr.)
Isabella Ferguson: Evelyn Maron (dt. Stimme von Ornella Muti)
Jack Ferguson: Lucas Mertens
Dolores: Arianne Borbach (dt. Stimme von Uma Thurman)
Mrs. Mason: Gisela Fritsch (dt. Stimme von Vanessa Redgrave)
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In „Das gefleckte Band“:
Helen Stoner: Arianne Borbach (dt. Stimme von Uma Thurman)
Julia Stoner: Rita Engelmann (dt. Stimme von Kim Novak)
Dr. Roylott: Heinz Ostermann

Die orchestrale Musik stammt von Manuel Rösler, Ko-Produktion, Buch & Regie steuerten Marc Gruppe und Stephan Bosenius bei, Aufnahme und Abmischung erfolgten durch Kazuya @ Bionic Beats.

_Handlung von „Der Vampir von Sussex“_

Holmes erhält zeitgleich zwei Briefe, in denen er um seinen professionellen Rat gebeten wird. Er erklärt sich mit dem Besuch des Teehändlers Robert Ferguson einverstanden, obwohl er zunächst das Thema Vampirismus ins Land der Märchen verwiesen hatte. Doch ihm scheint hier etwas anderes vorzuliegen.

Robert Fergusons Familie und Ehe ist nach den zurückliegenden Vorfällen zerrüttet. Zweimal hat die Kinderfrau Mrs. Mason die Herrin Isabella dabei ertappt, wie sie sich über den kaum ein Jahr alten Sohn James beugte, an dessen Hals blutende Wunden zu sehen waren – und ebenso war Blut an den Lippen der Dame zu sehen! Der wegen dieses Berichts besorgte und entsetzte Familienvater verbietet seiner Frau notgedrungen jeden Kontakt mit James, woraufhin sich Isabella einschließt und in ein Fieber verfällt.

Als Holmes, Watson und Ferguson in dessen Heim eintreffen, fällt Holmes nicht nur der an den Hinterbeinen lahmende Hund Carlo auf, sondern sein Blick auch auf die Fenster. Daraufhin erscheint Jack, der 13-jährige Sohn Fergusons aus dessen erster Ehe. Isabella ist Jacks Stiefmutter, James somit sein Stiefbruder. Jack hat seit einem Sturz einen verkrümmten Rücken. Er war es, der zuerst behauptet hatte, seine Stiefmutter sei eine Vampirin. Da sie aus dem katholischen Peru stammt, könne sie wer weiß was glauben. Außerdem hat sie ihn gezüchtigt.

Auch Holmes fallen die seltsamen Waffen auf, die die junge Frau aus ihrer fernen Heimat mitgebracht hat, darunter Pfeil und Bogen von den Ureinwohnern. Watson bietet an, die Frau zu untersuchen, doch als er vorgelassen wird, kann er keine Grippe oder Ähnliches feststellen. Das Fieber scheint vielmehr geistigen Ursprungs zu sein. Sie fantasiert etwas von einem „Teufel“ …

Daraufhin bittet Holmes Ferguson, zu Isabella vorgelassen zu werden. Er habe die Lösung des Falles bereits gefunden, könne sie aber nur im Beisein Isabellas enthüllen …

_Handlung von „Das gefleckte Band“_

Holmes weckt Watson aus dessen Schlummer, denn sie haben wieder eine Klientin. Im Wohnzimmer hat eine tief verschleierte Frau Platz genommen, die sich als Helen Stoner vorstellt. Als sie den Schleier lüftet, blickt ihnen ein kaum dreißigjähriges, leidgeprüftes und blasses Gesicht entgegen. Das Haar wird bereits von grauen Strähnen durchzogen. Was hat so viel Leid hervorgerufen?, fragt sich Watson, der Chronist.

Sie habe Todesangst, erzählt sie. Dabei will sie in zwei Monaten heiraten. Ihr Verlobter hält ihre Ängste für Einbildung, doch sie hat guten Grund dafür: Ihre Schwester Julia ist bereits an einer unbekannten Ursache im Zimmer nebenan gestorben. Niemand weiß, wodurch. Helen bittet Holmes um Rat.

Der Detektiv sagt sein Kommen zu, denn er nimmt den Fall ungewöhnlich ernst. Und mit Recht, denn kaum ist die junge Frau wieder gegangen, erscheint Dr. Royston, ihr Vater, unter dem sie offenbar zu leiden hat. Sein jähzörniges und grobes Auftreten sowie die Drohungen, die er gegen Holmes, sollte er sich einmischen, ausstößt, charakterisieren ihn vollständigen als gefährlichen Choleriker. Und wer weiß, was er an gefährlichen Dingen aus Indien, wo er Helens Mutter kennen lernte, mitgebracht hat?

Als Holmes mit Watson und Miss Helen den Tatort untersucht, fallen ihm verschiedene Merkwürdigkeiten auf. Es werden noch sehr viel mehr, als es ihnen gelingt, auch Dr. Roylets Arbeitszimmer in Augenschein zu nehmen. Durch Renovierungsarbeiten, die lediglich einen Vorwand bilden, ist Helen gezwungen, im gleichen Zimmer wie das Todesopfer zu nächtigen. Als sich Watson mit Holmes nachts auf die Lauer legt, ist ziemlich klar, dass der Detektiv mit einem weiteren Mordanschlag rechnet. Vorsichtshalber hat er einen Revolver mitgenommen – bei Leuten wie Dr. Roylet kann man nie wissen.

Im entscheidenden Moment dringen seltsame Laute und Schreie aus den Zimmern. „Vorsicht, Watson – es besteht höchste Gefahr!“ flüstert Holmes, als sie ins Haus eindringen. Denn natürlich kennt Holmes bereits die Lösung des Rätsels.

_Mein Eindruck_

|“Der Vampir von Sussex“| ist im Grunde eine Story über das Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Kulturen, was man heutzutage einen „culture clash“ nennt. Robert Ferguson hat sich eine Peruanerin ins Haus geholt, die a) katholisch ist – was bis weit ins 19. Jahrhundert hinein in England verpönt war – und b) Kontakte zu den Ureinwohnern, den so genannten „Indios“, hatte. Daher brachte sie deren Waffen mit nach merry old England, wo sie leider missbraucht werden. Sie ist ein Fremdkörper in Fergusons Haushalt, nicht nur in seiner Familie.

Hinzu kommt das uralte Problem, das jede Stiefmutter hat: Nicht nur hat ihre Rolle ein schlechtes Image, sie und ihr Kind werden obendrein noch von den vorhandenen Nachkommen der ersten Frau abgelehnt. Sie als „Vampirin“ zu denunzieren, ist ein erfolgversprechendes Mittel, sie aus dem Haushalt zu entfernen. Das Ergebnis ist ein regelrechtes Familiendrama, das Fergusons Existenz bedroht – das intakte Familienleben war bei den Viktorianern ein ganz wesentlicher Baustein in der öffentlichen Fassade, die einen der Grundsteine des geschäftlichen Erfolgs darstellte.

Es spricht für Holmes‘ intuitives Einfühlungsvermögen, dieser Konstellation im Handumdrehen auf die Spur zu kommen, so als wüsste er darüber aus eigener (leidvoller?) Erfahrung Bescheid. Umso erstaunlicher erscheint sein Verhalten dem guten Dr. Watson, als Holmes auf Schritt und Tritt beteuert, wie sehr Emotionalität abzulehnen sei, weil sie den Verstand benebele.

|“Das gefleckte Band“|

Mit großer Freude habe ich diese Story angehört, denn auch hier handelt es sich wieder einmal um ein Beispiel des „Locked room mystery“, das bei Autor Doyle so beliebt war (siehe [„Das Zeichen der Vier“):]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1234 Obwohl Helen Stoners Schwester wohlbehütet eingeschlossen war, ist sie am nächsten Morgen mausetot. Um dieses Rätsel zu lösen, ist natürlich kein Geringerer als Sherlock vonnöten.

Bei seinem Vorgehen wirkt Holmes diesmal allerdings recht unorthodox, ja geradezu versessen darauf, ein wenig Action zu genießen. Obwohl er das Rätsel in Nullkommanix gelöst hat, muss er noch dem Täter das Handwerk legen. (Sicher spart die Polizei dadurch eine Menge Kosten für den Einsatz vor Ort.) Dazu ist a) eine Falle aufzustellen und b) der Köder zu platzieren. Sodann haben sich die beiden Jäger Holmes und Watson auf die Lauer zu legen, wobei sie der aggressiven lokalen Fauna ebenso aus dem Weg gehen müssen wie den in der Nähe kampierenden Zigeunern. Im entscheidenden Augenblick gilt es dann noch, dem Köder – die zähneklappernde Helen Stoner – das Leben zu retten und dem Mordinstrument sorgfältig aus dem Weg zu gehen. Eine Menge Aufregung für nur eine Nacht!

Daher hat mir diese Story wesentlich besser gefallen als die erste, stehe ich doch auf Geschichten, in denen etwas passiert und die Handlung ordentlich vorankommt. Auch diese Erzählung basiert wieder einmal auf „culture clash“, denn der Arzt Dr. Roylet hat eine Menge Fremdkörper aus Indien mit in seine Heimat gebracht, und das sind keineswegs seine beiden hübschen Töchter …

|Die Sprecher|

Das dynamische Duo Holmes und Watson wissen J. Tennstedt und D. Bierstedt (wie viele Namen auf -stedt kann es eigentlich geben?) kongenial darzustellen. Leider haben sie bei diesen kurzen Erzählungen kaum Gelegenheit, ihre Figuren voll zur Darstellung zu bringen. Das gelingt ihnen in langen Storys wie „Das Zeichen der Vier“ wesentlich besser.

Wenn sich – auf der Rückseite der CD-Hülle – der Verlag mit den Namen von SynchronsprecherInnen bekannter SchauspielerInnen brüstet, so ist dies eigentlich Augenwischerei. Außer Tenn- und Bierstedt sind alle anderen SprecherInnen etwas unterfordert, um nicht zu sagen: Sie tauchen nur in Nebenrollen auf. Eine Ausnahme scheint mir Arianne Borbach zu bilden, die als Helen Stoner eine tragende Rolle auszufüllen hat. Wie auch immer: Es gibt keine Schwächen seitens der Sprecherriege.

|Musik und Geräusche|

Manuel Rösler steuert die Musik bei, die ein ganz wesentlicher Bestandteil jedes erfolgreichen Hörspiels sein sollte – und dieses Ziel bei beiden Geschichten auch erreicht. Dass es sich dabei hauptsächlich um die im Booklet angegebenen Samples orchestraler und choraler Werke handelt, tut der Wirkung keinen Abbruch. Originalität liegt oftmals im geeigneten Einsatz vorhandener Mittel.

Leider kommen Geräusche in der ersten Geschichte kaum zum Einsatz, alldieweil sich alle Geschehnisse in Innenräumen abspielen. Das Klappern von Teetassen und das Knarren von Türen haben eben nur einen begrenzten akustischen Nährwert. Das ist in der zweiten Story ganz anders.

Nicht nur spielt ein ominöses „Pfeifen“ in Helen Stoners albtraumerfüllten Nächten eine wichtige Rolle, auch die Geräusche, die Holmes und Watson lauernderweise im Garten des Stoner-Hauses wahrnehmen, sind nicht von Pappe. Im Gegenteil, sie stammen von wildgewordenen Affen und einem leibhaftigen Geparden, von irgendwelchen Nachtvögeln ganz zu schweigen. Nur die allfälligen Schreie diverser Frauen hätte man vielleicht vom Staub des Sample-Archivs befreien sollen. Sie klingen einfach nicht echt, sondern wie aus einem alten Edgar-Wallace-Film herausgeschnitten.

_Unterm Strich_

Wer Gefahr läuft, auf der Jagd nach neuen Sherlock-Storys zu verhungern, kann gerne zu diesen wenig bekannten Erzählungen greifen. Der wahre Holmes ist das noch nicht, sondern eher ein – oder besser gesagt: zwei – Appetithäppchen. Dennoch kann das Hörbuch Vergnügen bereiten, wenn man sich auf einer kurzen Fahrt von 75 Minuten Dauer befindet. Für den bescheidenen Preis von acht Euronen erhält man immerhin keinen Aufguss einer uralten Radiosendung von anno dunnemals, sondern neue Hörspiele mit aktuellen Sprechern, die etwas von ihrem Handwerk verstehen.

|75 Minuten auf 2 CDs
ab 12 Jahren empfohlen|

Benford, Gregory – Rennen zum Mars, Das

Im Mai 2018 soll die erste bemannte Marsmission nach aktuellen NASA-Plänen starten. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Benford ist recht skeptisch geworden gegenüber den Chancen für diese Mission. In seinem Roman zeigt er, dass trotz bescheidenster Mittel ein Lohn errungen werden kann, der alle Opfer und Mühsal wert ist.

_Der Autor_

Gregory Benford, Jahrgang 1941 und Physikprofessor, gehört zu den profiliertesten Autoren von naturwissenschaftlich orientierter Science-Fiction überhaupt. Nicht nur sein CONTACT-Zyklus hat ihm Lorbeeren eingebracht, sondern auch Thriller, die auf fundierten Kenntnissen über die Theorie von Schwarzen Löchern und Quantenphysik beruhen, so etwa „Artefakt“ und „Cosm“ („Eater“ erschien 2002 bei |Heyne|).

Sein bester Roman ist jedoch für mich [„Zeitschaft“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1222 ein Porträt wissenschaftlicher Arbeit in einem kalifornischen Physiklabor, das eine Warnung aus der Zukunft erhält, sie aber kaum zu entziffern weiß. Nach diesem Buch wurde das amerikanische Imprint „Timescape“ benannt.

_Handlung_

Als die Regierung der Vereinigten Staaten die Ergebnisse einer Studie der NASA hinsichtlich der Kosten einer bemannten Mission zum Mars erfährt, stoppt sie alle Vorbereitungen für ein solches Projekt. Man greift vielmehr den Vorschlag „Mars Direkt“ des Raumfahrtingenieurs Robert Zubrin auf: Man setzt ein Preisgeld für denjenigen aus, dem es gelingt, die Oberfläche des roten Planeten zu erreichen und Bodenproben zur Erde mitzubringen. Das Preisgeld ist beachtlich: immerhin 30 Milliarden Dollar.

Damit ist jedoch, wie leicht abzusehen war, die Stunde der Abenteurer und Hasardeure gekommen. Sie kaufen gebrauchte Hardware auf, sichern sich Vorschüsse bei den Medien für exklusive Übertragungsrechte und nehmen arbeitslose Astronauten unter Vertrag.

So macht es auch der schwerreiche Unternehmer John Axelrod. Er lässt seine vielfältigen Beziehungen spielen, um beim nächsten Startfenster eine vierköpfige Mannschaft auf den Marstrip zu schicken. Obwohl die Missionsteilnehmer mit einer spartanisch eingerichteten Blechbüchse zurechtkommen müssen, gelingt ihnen die erfolgreiche Ankunft und Landung. Für die Rückkehr steht ein von der NASA zurückgelassenes Vehikel bereit, das ERV, das seinen Treibstof aus der dünnen Marsatmosphäre gewinnt.

Doch rund ein Jahr später startet ein europäisch-chinesisches Konsortium ebenfalls ein Schiff. Das ist aber wesentlich besser ausgerüstet und mit einem Atomantrieb versehen, der es in weitaus kürzerer Zeit zum roten Planeten bringt. Nun beginnt ein regelrechtes Wettrennen um den begehrten Preis.

Als die Erzählung beginnt, sind Axelrods Mannen bereits etliche Monate auf dem Mars zugange: der Russe Viktor ist der Kapitän, seine Gefährtin ist die Biologin und Psychologin Julia. Raoul repariert alles, und Marc, den Axelrod von den Chinesen abgeworben hatte, ist Geologe.

Axelrods Team erreicht das Ziel und macht sich auf die Suche nach Lebensformen. Julia vermutet tief unter der Oberfläche Mikroben in noch nicht vollends erkalteten vulkanischen Schloten. Diese Suche verläuft für sie höchst positiv, denn es handelt sich um Kolonien anaerober Mikroben, die nicht auf Sauerstoff angewiesen sind. Die Entdeckung dieser „Aliens“ ist für die Sensationspresse der Erde, an die Axelrod jedes Fitzelchen an Infos verscherbelt, ein gefundenes Fressen. Als Julia durch die Expansion der „Aliens“ in ihrer Versuchskammer einen Unfall erleidet und bei ihrer Flucht ins Freie im Vakuum ohnmächtig wird, heulen die Medien auf: „Erdenfrau auf dem Mars von Aliens angegriffen!“ Paranoia feiert fröhliche Urstände.

Allerdings folgt schon nach kurzer Zeit ein weiterer Rückschlag. Bei einer Probezündung der Triebwerke des ERV-Rückkehrfahrzeugs wird dieses so schwer beschädigt, dass ein Rückflug zur Erde unmöglich geworden ist. Ein Ersatzfahrzeug von der Erde muss auf den Weg gebracht werden, um die Astronauten zu bergen.

Aber John Axelrod hat inzwischen seinen Bankrott erklärt und kann somit die erforderliche Rettungsmission nicht finanzieren. Müssen also seine Leute auf dem Mars jämmerlich verrecken? Aber dann landet endlich das zweite Team von der Erde. Allerdings hat es nur Platz für ein weiteres Besatzungsmitglied. Dessen Kapitän Chen ist so fies, Julia den Vorschlag zu machen, sie mitzunehmen, wenn sie ihm Proben der „Aliens“ überlässt. Als Julia sich weigert, herrscht dicke Luft. Und dann gibt es die ersten Toten …

_Mein Eindruck_

Ein Top-Autor wie Benford erbringt Höchstleistungen, was die Recherche seiner Romane anbelangt. „Das Rennen zum Mars“ ist keine Ausnahme. Die Bahnberechnungen für die verschiedenen Raumfahrzeuge sind ebenso professionell wie die Berge von Fakten, die Benford über den Mars vermittelt. Für den Leser bedeutet dies, dass er sich mit der Fülle wissenschaftlicher Informationen auseinandersetzen muss – er kommt nicht daran vorbei.

Ich habe dies nach beschwerlichen zwei Monaten Lesezeit endlich eingesehen. Da war ich ungefähr auf Seite 240 stecken geblieben. Denn schließlich passiert ja kaum etwas, außer dass Julia ein paar interessante Proben außerirdischen Lebens einsammelt und untersucht. Ansonsten beschreibt Benford im ersten 170 Seiten langen Teil, wie die Axelrod-Astronauten ausgewählt, trainiert und ausgetauscht wurden.

Außerdem erfahren wir, wie sie mit der äußerst lebensfeindlichen Umwelt des roten Planeten zurechtkommen: Raumstrahlung, giftiger Peroxid-Staub und -Sand usw. Außerdem sind da noch recht menschliche Probleme psychologischer Art. Dies dient dazu, die Besatzung besser kennen zu lernen.

In Schwung kommen die Dinge erst in der zweiten Hälfte, als Julia ihren Alien-Unfall hat, das ERV abstürzt und zu allem Überfluss auch noch das gegnerische Team landet. Nun hat auch die Sensationspresse gut was zu schreiben. Julia und ihr Gefährte Viktor, der Käptn, laufen zur Höchstform auf, um die diversen Krisen zu bewältigen. Das wird zunehmend spannender, bis man das Buch gegen Schluss überhaupt nicht mehr aus der Hand legen kann. (Genauso war auch „Zeitschaft“ aufgebaut.)

Wie man sieht, bringt der Autor neben beeindruckenden Diagrammen und Planetenbeschreibungen auch eine spannende Handlung mit Action zusammen. Ganz am Schluss kommt so etwas wie |sense of wonder| auf.

|Die Titel der Buchabschnitte|

… lauten (1) „Die Mars-Unternehmer“, (2) „Eine Mars-Odyssee“, (3) „Vorposten Mars“, (4) „Der Mars braucht Frauen“ und (5) „Mars City“. Titel Nr. 2 ist ein Zitat. So hieß eine der frühesten und besten Mars-Storys. Sie stammt von Stanley G. Weinbaum. – Titel Nr. 4 zitiert einen Filmtitel, der sogar im Buch vorkommt. Es handelt sich um einen jener billig gemachten B-Movies, die auf anderen Welten nur Monster vermuten. Natürlich stürzt ein solches Monster auf die Erde und ist hinter den Frauen her (als ob es keine appetitlichere oder ergiebigere Nahrung gäbe, etwa einen Wal).

Die Art, wie Benford diese und andere Machwerke zitiert, ironisiert die Sensationsgier und Naivität der Menschen. Gleichzeitig nimmt dies der Kritik an seinem eigenen Versuch, der geschilderten Marsexpedition zu einer gewissen Sensation zu verhelfen, die Spitze. No monsters here, thank you! Nur dumme, unvorsichtige Menschlein.

|Die Übersetzung|

Martin Gilbert macht seine Sache als Übersetzer erstaunlich gut. Inzwischen scheint man bei |Heyne| eingesehen zu haben, dass Leute, die im Original Umgangssprache benutzen, dies auch in der Übersetzung tun sollten. Das hat Gilbert umgesetzt; es verlangt natürlich ein erfahrenes Sprachgefühl, denn wer kennt schon jede Redewendung im US-amerikanischen Englisch? Gleichzeitig muss man sich auch in der Sprache der deutschen Jugend von heute zuhause fühlen, sonst kommt das nicht an.

Süddeutsche Leser müssen sich mit Gilberts norddeutschem Idiom abfinden, in dem schon mal Wörter wie „bräsig“ vorkommen.

|Der Originaltitel|

…“The Martian Race“ ist ein englisches Wortspiel. Das englische Wort „race“ bedeutet sowohl ‚Rennen‘ als auch ‚Rasse‘. Und so kann sich Julia am Ende des Buches als Angehörige der marsianischen Rasse als auch Teilnehmerin des ‚Rennens zum Mars‘ mit den gleichen Worten von ihren zur Erde fliegenden Kameraden verabschieden. Merke: Benford verfügt über eine gehörige Portion Sprachgefühl. Er hat es wahrscheinlich in zahllosen Vorträgen ausbilden können.

_Fazit_

Ein sauber geschriebener Wissenschafts- und Expeditionsthriller, der anfangs viel Geduld verlangt, aber in der zweiten Hälfte aber immer besser wird und an Fahrt aufnimmt.

|Originaltitel: The Martian Race, 1999
Aus dem US-Englischen übertragen von Martin Gilbert|

Reinecker, Herbert – Derrick – Ein eiskalter Hund

Die Frau von Jakob Lohbach (Klaus Löwitsch) ist mausetot – erwürgt. Doch anstatt nun anständig zu trauern, wird Lohbach zum lustigen Witwer, der noch am Todestag seine Geliebte Greta bittet, bei ihm einzuziehen. Na, Prost! Was steckt dahinter? Oberinspektor Derrick nimmt den untreuen Ehemann ins Visier.

_Die TV-Serie_

Kaum ertönt die Titelmusik von Les Humphries, die anfängt wie ein „Tatort“ und dann umkippt wie in eine Seifenoper, fühlt man sich schon in selige Zeiten versetzt, als mit „Derrick“ in den Achtzigern deutsche Krimis zum Exportschlager in alle Welt wurden. Der Oberinspektor ermittelt in 104 Ländern und hat kürzlich sogar als Zeichentrickparodie die Leinwand erobert.

Zwar quittierten Deutschlands beliebteste TV-Cops Stephan und Harry nach 24 Jahren (fast einem Vierteljahrhundert!) und 281 Folgen den Dienst. Doch nun kehren sie als Audioserienhelden zurück: Die ZDF-Filme ertönen als Hör-CDs mit den Originalstimmen von Horst Tappert, Fritz Wepper, dem fiesen Klaus Löwitsch und vielen anderen. Und natürlich mit der Originalmusik von Les Humphries *seufz*.

_Die Sprecher_

Horst Tappert: spricht Oberinspektor Stephan Derrick
Fritz Wepper: spricht Inspektor Harry Klein
Klaus Löwitsch: spricht Jakob Lohbach
In weiteren Rollen u. a. Axel Milberg, Christine Buchegger, Katharina de Bruyn. Genaue Angaben zu den Rollen und der Musik liefert das Booklet.

_Handlung_

Jakob Lohbach (Löwitsch) ist in der Tat ein eiskalter Hund. Seine Geliebte, die Kellnerin Greta, hat er in der Gaststätte seiner eigenen Frau Luise (Buchegger) aufgerissen und verabredet mit ihr vor Ort ein erneutes Stelldichein. Doch seine vernachlässigte Gattin, die das ganze Geld in die Ehe einbrachte, lässt er eiskalt auflaufen, wenn sie ihn zur Rede stellen will. Er gewährt ihr nicht einmal die Scheidung, was aber verständlich wird, wenn man bedenkt, was er danach besitzen würde: außer seinem Gschpusi Greta nämlich nichts. Das ist also keine Option.

Luise, eine gestandene Geschäftsführerin, weiß sich zu rächen: Sie verweigert ihm den Autoschlüssel zu seinem Wagen, so dass er den Schlüsseldienst kommen lassen muss. Doch sie weiß noch nicht, wer sein Betthäschen ist (damit sie der Schlampe kündigen kann) und folgt deshalb bereitwillig einem anonymen Tipp, dass Jakob zu einem bestimmten Zeitpunkt im Lohbachschen Wochenendhäuschen mit seinem Verhältnis sein werde. Derweil spielt Jakob mit seinem Kumpels eine Runde Skat. Offenbar hat der Mann nichts Besseres zu tun.

Bei seiner Rückkehr nach Hause wartet eine Überraschung auf Lohbach: Oberinspektor Derrick hätte ein paar Fragen an ihn. Seine Frau Luise sei erwürgt in ihrem Wochenendhäuschen aufgefunden worden. Von einem Forstarbeiter, dem die offene Tür aufgefallen war. Ob er etwas dazu sagen wolle? Nein, denn Lohbach hat ja ein hieb- und stichfestes Alibi für die Tatzeit.

Obwohl Luises Schwester Lisbeth gegen den Schweinehund wettert und ihn als einzig möglichen Täter denunziert, behält der „Schweinehund“ die Nerven und fordert Greta sogar auf, bei ihm einzuziehen: „Auf wen sollen wir denn Rücksicht nehmen?“ Lohbach erbt die Gaststätte und hat ausgesorgt.

Doch die Polizei ist ja auch nicht blöd. Derrick beginnt, Lohbachs Freundin Greta unangenehme Fragen zu stellen. Und stößt dabei auf ihren Bruder Rudolf Riemann. Der ehemalige Setzer ist seit längerem arbeitslos und hat seit einem halben Jahr null Einkommen. Wer unterstützt ihn? Etwa Lohbach?

_Mein Eindruck_

Mehr darf nun wirklich nicht verraten werden. Denn wie dieser Kasus ausgeht, kann sich der Hörer an zwei Fingern abzählen. Unglaublich, wie simpel im Jahre 1986 die Fernsehkrimis gestrickt waren! Der Autor Herbert Reinecker hatte aber schon zuvor etliche Folgen für „Der Kommissar“ mit Erik Ode und für „Der Alte“ mit Siegfried Lowitz in der jeweiligen Hauptrolle geschrieben. Mit „Derrick“ gelang ihm offenbar ein massenkompatibler Dauerbrenner, der den Intellekt des Zuschauers nicht überfordert – ideal für den Vorabend.

Die künstlerischen Qualitäten des „Hörspiels“ – es wurde ja nicht für Rundfunk, sondern Fernsehen produziert – halten sich dementsprechend ebenfalls in Grenzen. In einer knappen dreiviertel Stunde Sendezeit (plus Vor- und Abspann) ist nicht allzu viel Handlung unterzubringen. Die Psychologie ist eindimensional: Löwitsch ist der knallharte gefühlskalte Macho, den er schon immer spielen musste; Derrick bietet ihm Paroli, indem er alle möglichen Leute befragt, und Harry bleibt allzeit dezent im Hintergrund, es sei denn, er muss einmal das Offensichtliche erwähnen – dass beispielsweise eine Aussageverweigerung nicht besonders gut aussehen würde.

Der Schwachpunkt in Lohbachs Kalkül ist Gretas Bruder Rudolf, der Setzer. Eine derart hin und her schwankende, gebrochene Persönlichkeit, die sich von einer Aussage zur nächsten widerspricht, ist natürlich sofort am interessantesten. Und wer Tatort- und Derrick-Krimis kennt, ahnt schon, dass der Setzer für die Ermittler eine wahre Goldgrube sein wird …

_Die Sprecher, die Inszenierung_

Aber Schauspieler ist Schauspieler, selbst wenn die Dramaturgie noch so bescheiden ausfällt. Und daher passen die Stimmen der Sprecher ausgezeichnet zu den Figuren. Es gibt keine „Ausfälle“. Löwitschs Stimme ist eindeutig die des Schurken, da beißt die Maus keinen Faden ab. Seine Opfer: die arme, ältliche Luise, aber auch die verführte, naive Greta und deren Bruder. Dieser Bruder ist die Schwachstelle und sozusagen das Zwielicht zwischen dem dunklen Bösen und dem hellen Guten, moralisch und psychologisch gesehen also die interessanteste Figur des Ganzen.

Auftritt der Mächte des Guten: Oberinspektor Derrick ist zwar nicht Obi-wan Kenobi, aber sein scharfer Verstand, seine Hartnäckigkeit und schließlich seine Durchsetzungskraft verhelfen ihm auch ohne Laserschwert zum Sieg. Harry holt derweil schon mal den Wagen. (Wahrlich ein undankbare Rolle.)

|Geräusche|

Recht interessant sind die Hintergrundgeräusche. Normalerweise halten sich die Regisseure von Hörspielen mit Nebengeräuschen sehr zurück, weil sie die Aufmerksamkeit des Zuhörers vom Dialog ablenken. Hier aber kommt die originale Tonspur der TV-Episode zu Gehör, so dass wir auch Tassenklappern, Bestellungen der Restaurantgäste, Telefone und vieles mehr hören. Das trägt positiv zum realistischen Eindruck des Stücks bei, ohne zu stark vom Dialog abzulenken, wie ich finde.

|Musik|

Der Abspann ist mit der Originalmusik unterlegt, bei der diesmal die volle Länge des Stücks ausgespielt werden kann. Der Kommentator informiert über die Mitwirkenden. Erstaunlich, dass damals schon Axel Milberg mitgespielt hat, der heute doch eher für Charakterrollen bekannt ist.

_Unterm Strich_

Was wie „Derrick“ Kult ist, bleibt in jeder beliebigen medialen Form Kult. So auch die Hör-CD. Sie ist ein gefundenes Fressen für „Derrick“-Sammler, die sicherlich sämtliche 284 Folgen werden ihr Eigen nennen wollen. Zu einem Kultobjekt gehört alles dazu, was es dazu macht, um beim Rezipienten – dem Zuschauer, Hörer, was auch immer – die entsprechenden nostalgischen Gefühle auszulösen. Bei „Derrick“ sind es die charakteristischen Stimmen der Sprecher/Schauspieler, die simple Story und natürlich die Originalmusik.

Da Derrick in München stationiert ist, kommen ab und zu auch mal bayerische Zungenschläge zu Gehör, aber das hält sich im Vergleich zum echten Bayerisch auf Münchens Straßen doch sehr im Rahmen. Dort ist man ganz anderes gewöhnt, will heißen: „Derrick“ ist in Flensburg ebenso gut verständlich wie in Freilassing.

Auch für diese Hör-CD gilt das Gesetz der Serie: Sie ist nur so lange gut, wie sie in einer Serie gehört wird. Als Einzelstück verliert sie schnell ihren Reiz. Aber wer ein Sammler ist, weiß da sicher rasch Abhilfe zu schaffen.

|Umfang: 57 Minuten auf 1 CD|

Cornwell, Patricia – Staub

Fünf Jahre, nachdem sie als Gerichtsmedizinerin entlassen wurde, kehrt Kay Scarpetta nach Richmond, Virginia, zurück. Doch das Wiedersehen mit der Vergangenheit steht unter keinem guten Stern.

Kay wird von ihrem Nachfolger in Richmond gebeten, bei einem rätselhaften Todesfall zu helfen. Ein 14-jähriges Mädchen ist scheinbar ohne erkennbare Ursache gestorben. Als sie eine weitere Leiche in Augenschein nimmt, entdeckt sie eine alarmierende Parallele zum Fall des toten Mädchens: feine Spuren von Knochenstaub auf dem Körper. Allem Anschein nach hat der Täter im Krematorium der Gerichtsmedizin gearbeitet … (Verlagsinfo)

_Die Autorin_

Patricia Cornwell, 1956 in Miami geboren, war Polizeireporterin und Computerspezialistin am Gerichtsmedizinischen Institut von Virginia, bevor sie zu schreiben begann. Mit den Thrillern um ihr literarisches Alter Ego, die Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta, wurde sie zur „erfolgreichsten Thrillerautorin der Welt“ (Der Spiegel). Cornwell lebt allein in Richmond / Virginia und in Malibu, Kalifornien. (Verlagsinfo)

Die Kay-Scarpetta-Reihe:
1. Ein Fall für Kay Scarpetta
2. Ein Mord für Kay Scarpetta
3. Herzbube (Neuer Titel: Das fünfte Paar)
4. Das geheime ABC der Toten
5. Vergebliche Entwarnung
6. Trübe Wasser sind kalt
7. Keim des Verderbens
8. Brandherd
9. Blinder Passagier
10. Das letzte Revier
11. [Die Dämonen ruhen nicht]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=729
12. Staub

Die Judy-Hammer-Reihe:
1. Die Hornisse
2. Kreuz des Südens
3. Insel der Rebellen

Sonstige Werke:
1. Zum Sterben gut
2. Kay Scarpetta bittet zu Tisch
3. [Wer war Jack der Ripper?]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=957

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla war Moderatorin bei n-tv, SAT.1 und bei der BBC in London. Als eine der bekanntesten Sprecherinnen synchronisiert sie Gillian Anderson aus „Akte X“, Demi Moore, Fanny Ardant und Sharon Stone. Auch als Erzählerin bei „Galileo“-Dokumentation ist sie regelmäßig im Off zu hören. Für |HoCa| hat Pigulla bereits mehrere Romane vorgetragen:

– Blinder Passagier
– Das letzte Revier
– Das fünfte Paar
– Brandherd
– Die Dämonen ruhen nicht

Weitere Cornwell-Hörbücher: [Wer war Jack the Ripper? – Portrait eines Killers;]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=97 Die Tote ohne Namen.

_Handlung_

Kay Scarpetta arbeitet inzwischen nur noch als forensische Beraterin für die Firma „Das letzte Revier“, die ihrer Nichte Lucy Farinelli gehört, und wohnt in Südflorida. Dort erreicht sie die Bitte ihres Nachfolgers im Amt des Chefpathologen von Virginia, Dr. Joel Marcus. Sie sagt trotz der Rivalität ihre Hilfe zu. Kay ist seit fünf Jahren aus Richmond weg und wundert sich über die Veränderungen, die sich hier ereignet haben.

Mit ihrem Freund, dem nur wenig „sensiblen“, aber umso effizienteren Ex-Polizisten Pete Marino, betrachtet sie die Baustelle, an der ihre alte Wirkungsstätte Etage für Etage, Trakt für Trakt abgerissen wird. Dass sie einen Bauarbeiter dabei beobachtet, wie er den Motor einer Zugmaschine repariert, während er hinter deren großem Rad steht, soll ihr später noch zu denken geben. Denn wenige Stunden später wird eben dieser Bauarbeiter namens Whitby in die neue Pathologie eingeliefert, wo Dr. Joel Marcus sie widerwillig willkommen heißt. Whitby starb an eingedrücktem Brustkorb und den resultierenden inneren Verletzungen: Er wurde von der Zugmaschine überrollt.

Doch Dr. Marcus wünscht ihren Rat in einem ganz anderen Fall. Die 14-jährige Gilly Paulsen wurde vor vierzehn Tagen in die Pathologie eingeliefert, weil ihr Vater, ein Flugarzt auf einem Luftwaffenstützpunkt in South Carolina, darauf bestand. Gilly, so ergibt Kays Obduktion, starb an mechanischer Asphyxie: Sie erstickte. Die in Tränen aufgelöste Mutter, die Kay und Marino besuchen, schildert, was an dem Tag geschah, als sie Gilly tot in deren Zimmer fand. Aber das ergibt keinen Sinn. Als Marino bei der Durchsuchung eine rote Rose in Gillys Nachttisch und ein nicht verschließbares Zimmerfenster vorfindet, ergeben sich mehrere Möglichkeiten. Hat Gillys eigener Vater, von dem Mrs. Paulsen seit einem Jahr geschieden ist, seine Tochter umgebracht?

Trotz der klaren Abneigung und sogar Sabotageaktionen seitens Dr. Marcus setzt Kay ihre Ermittlungen fort. Sie ist erstaunt über Marinos Auskunft, dass die Bundespolizei in den Fall eingeschaltet ist. Die Spezialagentin Karen Weber sitzt eines Tages am Sitzungstisch und zieht sowohl Marinos Anwesenheitsrecht, Mrs. Paulsens Zurechnungsfähigkeit und Dr. Fieldings Fachkompetenz in Zweifel – allerhand, findet Kay. Und als Dr. Marcus dieser FBI-Agentin auch noch sekundiert, reicht es Kay. Sie kündigt die offizielle Kooperation auf und ermittelt undercover und privat weiter – mit Erfolg, wie sich zeigt.

Unterdessen in Hollywood, Südflorida, in Lucy Farinellis Haus und Hauptquartier.

Lucys Freund und Geschäftspartner Rudy ermitteln in eigener Sache. Jemand ist ins Haus eingedrungen und hat Lucys lesbische Freundin und neue Angestellte Henrietta Walden ersticken wollen, indem er sich auf deren Rücken setzte und sie festhielt (so starb auch Gilly Paulsen). Das ist dem Eindringling jedoch nicht gelungen, weil Lucy ihn durch ihr unerwartetes Auftauchen vertrieb. Er hinterließ eine Botschaft – ein aufgemaltes Auge – und darauf einen wunderschönen Fingerabdruck …

Lucy lässt Henrietta sofort zu Kays Freund Benton Wesley nach Aspen, Colorado, ausfliegen, der sie auf ihren Geisteszustand untersucht. Er kommt zu beunruhigenden Ergebnissen: Henri ist eine schwer gestörte Narzisstin, wahrscheinlich sogar eine pathologische Lügnerin. Er hat völlig Recht, aber was hatte Henri vor?

Diese Erkenntnisse können nicht verhindern, dass wenig später eine chemische Bombe in Lucys Briefkasten liegt. Rudy stutzt – Lucy bekommt nie Post an ihre Privatadresse. Als Rudy Lucys Tante, Scarpetta, davon unterrichtet, beginnt Kay zu ahnen, dass es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen den Vorfällen in Richmond und denen in Hollywood gibt. Aber es sollen sich noch seltsamere Dinge ereignen.

_Mein Eindruck_

Wieder einmal geht’s für Kay Scarpetta zurück in die Vergangenheit, als müsse sie eine Zeitschleife durchlaufen, um ihrer Schöpferin Gelegenheit zu geben, sich etwas Neues auszudenken. Doch dabei geht es im Grunde nur um die Aufarbeitung von Altlasten.

Zunächst scheint der neue Fall überhaupt nicht von der Stelle zu kommen, denn die Umstände wurden noch nicht von allen betroffenen Seiten als Fall wahrgenommen. Und als man sich in der Gerichtsmedizin darauf geeinigt hat, dass eventuell ein oder zwei Verbrechen vorliegen könnte(n), werden Kay und Marino in ihren Ermittlungen massiv behindert. Denn Gillys Vater mischt im Spiel der Geheimdienste mit, und das FBI will ein Wörtchen mitreden.

|Eskapaden|

Richtig lustig wird es erst in der Mitte der Geschichte, als Marino doch tatsächlich mit Mrs. Paulsen, der angeblich trauernden Mutter, ein wildes sexuelles Spiel veranstaltet – oder war’s umgekehrt? Marino hat einen üblen Kater und kann sich nicht so recht erinnern. Doch Kay nimmt ihn sowohl streng als auch verständnisvoll in die Mangel, und so kommt die nächtliche Eskapade endlich ans Licht – auch in das Blitzlicht ihrer Digitalkamera. Denn Marinos Körper hat allerlei Sehenswertes zu bieten: Bisswunden, Kratzer, Prellungen, das volle Programm – übrigens auch an intimen Stellen. Junge, Junge, denkt sich Kay, was ist denn das für ein Frauenzimmer!?

|Es geht voran|

Ab dieser Stelle sollte der Leser/Hörer froh sein, dass er so lange durchgehalten hat. Denn nun entwickeln sich die Dinge doch zunehmend in die richtige Richtung. Wir selbst haben ja vom Täter bereits frühzeitig erfahren, von seinen ulkigen Marotten und bizarren Angewohnheiten. Doch Kay und Marino in Richmond sowie Lucy und Rudy in Hollywood müssen dem Täter erst noch auf die Schliche kommen. Das ist doch halbwegs spannend mitzuverfolgen und hält den einen oder anderen Schauder bereit. (Knochenstaub und Asche in Pappkartons? Igitt!)

|Längen|

Allerdings gibt es in der ersten Hälfte des Buches doch etliche Stellen, an denen man sich fragt, was denn dies bitteschön zum Aufbau einer spannenden Handlung beitragen soll. Vor allem diese doofe Zicke namens Henrietta Walden – wahrscheinlich ein Pseudonym bzw. „Künstlername“ – kann mir herzlich gleichgültig sein. Mehr oder weniger mit Absicht bringt sie gegen Schluss auch noch Benton und Lucy in Lebensgefahr, weil sie sie in einem Schneesturm auf einer Berghütte treffen müssen. Dr. Joel Marcus ist von ähnlichem Kaliber: ein politisch denkender Schaumschläger, der sich wie ein Schauspieler aufführt. Henrietta ist wenigstens eine Schauspielerin, doch Marcus tut nur so.

|Humor|

Einer der wenigen Lichtblicke neben der stets beherrschten Kay ist zweifellos Pete Marino. Mit seiner kumpelhaften Art und einfachen Ausdrucksweise kommt er bei den niederen Rängen an der Gerichtsmedizin Richmonds hervorragend an und erfährt wesentliche Details darüber, was hinter den Kulissen vorgeht. Sein polternder Humor mag für Kay zwar nicht ganz die feine englische Art sein – geschweige denn für Dr. Joel Marcus -, doch wenn es darauf ankommt, einen Verbrecher zu fangen, gibt keinen hartnäckigeren Verfolger. Süß ist, dass er total auf Kay steht, aber sich keine Hoffnungen zu machen wagt, bei ihr zu landen. Nobody’s perfect.

_Die Sprecherin_

Wieder einmal macht Franziska Pigulla aus einem mittelmäßigen Buch der Cornwell ein Hörerlebnis, an das man sich noch gerne erinnert. Dabei ragen mehrere Figuren, die sie ausgezeichnet charakterisiert, heraus. Die erste ist Pete Marino. Warum das so ist, habe ich oben bereits ausgeführt. Was mich erstaunt hat, ist die tiefe Tonlage, die ihre Stimme annehmen kann. Dadurch wirkt der sympathische und trinkfeste Ex-Polizist noch etwas authentischer.

|Mrs. Paulsen|

Die zweite Figur ist Mrs. Paulsen. Sie hat – mindestens – zwei Seiten. Die erste Seite, die sie zur Schau stellt, ist die verheulte und vergrämte trauernde Mutter der armen Gilly. Pigulla krächzt heiser, greint, schluchzt, heult in einem fort, dass es zum Steinerweichen ist. Eine ganz andere Seite offenbart Mrs. Paulsen, als Kay darauf besteht, ihr Schlafzimmer zu durchsuchen und die verschiedenen Utensilien für das in der vorigen Nacht veranstaltete „Spiel“ mit Pete Marino einzusammeln. Pigulla faucht und keift, dass es einem kalt den Rücken runterläuft.

|Die Psychos|

Die beiden anderen Figuren sind die geistig instabilen Herrschaften. Da ist zum einen Henrietta Walden. Sie ist das, was man in Kalifornien eine „snowflake“ nennt: stets kurz vor dem geistigen Schmelzen. Und ganz und gar nicht von dieser Welt. Pigulla erweckt diese Narzisstin glaubwürdig zum Leben.

Der zweite Psycho ist natürlich der Täter. Er trägt den beziehungsreichen Namen Edgar Allan Pogue, was ihn schon mal in die Nähe jenes für seine morbiden Fantasien bekannten US-Dichters des 19. Jahrhunderts rückt. Dass EAP mit den Toten besser umgehen kann als mit den Lebenden, zeigt sich an seinen diversen Konversationen. Ein Meisterstück der sprachlichen Charakterisierung ist EAPs letzter Auftritt in einem Waffenladen in Richmond. Pigulla kann hier sämtliche Register ziehen, und es ist eine Freude, ihr zuzuhören, wenn sie durch Pausen die Spannung erhöht – bis zur Pointe, wenn der Waffenverkäufer seine wahre Identität enthüllt.

_Unterm Strich_

Der Originaltitel des Buches lautet „Trace“, und das bedeutet so viel wie „Spuren“. Wer Cornwells Gerichtsmedizinerin Scarpetta kennt, der weiß, dass zu den Spuren auch mikroskopisch kleine Teilchen zählen. Die bedeutenden Spuren in Kays neuestem Fall erweisen sich denn auch als nur unter dem Mikroskop sichtbare „Verunreinigungen“. Das bringt ihren Widersacher Dr. Marcus vollends auf die Palme: „Verunreinigungen? Wie kann so etwas passieren?!“ will er wütend wissen. Kay wird dem Stümper schon Bescheid stoßen.

Doch der Leser / Hörer sollte sich darauf gefasst machen, dass auf ihn zahlreiche Beschreibungen auch kleinster Details warten. Dies betrifft keineswegs nur Dinge auf einem Mikroskop-Objektträger, sondern auch etwa eine Baustelle, die Innenausstattung eines Wohn- oder Schlafzimmers oder den Aufbau einer chemischen Bombe. Da heißt es entweder Geduld haben oder mitdenken, je nach Interessenlage. Ich plädiere fürs Mitdenken, dann hat man nämlich mehr davon und ist nicht so überrascht, wenn Kay eine Erklärung aufftischt. Sie zieht nämlich keine Karnickel aus dem Hut, sondern Schlüsse aus den Fakten. Und das kann richtig spannend sein.

Doch vielleicht habe ich nicht richtig aufgepasst, denn für mich ergeben nur die Handlungsstränge um Kay, Marino und den Täter einen Sinn. Was Henrietta Walden mit all dem zu tun hat, außer eben als zufälliges Opfer, weil Lucy nicht anwesend war, als der Täter kam, ist mir unerfindlich. Auch der Abschluss dieses Handlungsstrangs bleibt im Vagen. Folgerichtig verschwindet Henri wieder im Nichts. Na toll, ich habe schon bessere Schlüsse von Handlungssträngen gesehen. Dass sich Benton und Kay am Ende abknutschen und am liebsten gegenseitig auffressen würden, ist eh klar – happy together.

Franziska Pigulla macht diesen mittelmäßigen Krimi mal wieder zu einem Hörerlebnis, indem sie die diversen Figuren auf ihre spezielle Art und Weise charakterisiert und so zum Leben erweckt. Das ist ihr besonders bei Pete Marino gut gelungen. Das wertet das Hörbuch eindeutig auf.

|416 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Trace, 2004
übersetzt von Karin Dufner|

Gerritsen, Tess – Chirurgin, Die

Ein Serienmörder macht Bostons Frauenwelt unsicher: „Der Chirurg“ beraubt sie ihres weiblichsten Organs. Die Kripo ist ratlos, doch bald stößt sie auf ein überlebendes Opfer: eine Chirurgin.

_Die Autorin_

Tess Gerritsen war eine erfolgreiche Internistin, bevor sie mit dem Medizinthriller „Kalte Herzen“ einen großen Erfolg errang. Es folgten mehrere mittelmäßige Thriller wie „Roter Engel“, die durchaus spannend zu unterhalten wissen.

Mit dem Bestseller „Die Chirurgin“ ist ihr auch der Durchbruch in Deutschland gelungen, denn dieser Thriller ist noch eine ganze Klasse härter: Der Mörder entfernt seinen weiblichen Opfern die Gebärmutter. Die Fortsetzung trägt den Titel „Der Meister“, und [„Todsünde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=451 ist der dritte Roman mit Detective Jane Rizzoli vom Boston Police Department.

Die Autorin lebt mit ihrem Mann, dem Arzt Jacob Gerritsen, und ihren beiden Söhnen in Camden, im US-Bundesstaat Maine.

_Handlung_

Es ist ein ungewöhnlich heißer und schwüler Sommer in Boston. Detective Thomas Moore ist schon auf dem Weg zu einem kühlen See in den Bergen, um dort Urlaub zu machen, als er zum Dienst zurückgerufen wird, um einen Aufsehen erregenden Fall zu übernehmen: Bevor das Opfer Elena Ortiz mit einem glatten Schnitt durch die Kehle getötet wurde, hat ihr Mörder sie einer gynäkologischen Operation nach allen Regeln der Kunst unterzogen. Ihr Martyrium hatte Stunden gedauert.

Sowohl der ruhige, über 40 Jahre alte Moore als auch seine extrem ehrgeizige Kollegin Jane Rizzoli fühlen sich bald an einen ähnlichen Fall aus der Vergangenheit erinnert: Die junge Diana Sterling, Tochter aus reichem Hause, war auf die gleiche Weise ermordet worden; auch sie wurde vor dem Gnadenstoß operiert. Den Polizisten wird klar, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun haben: Er besitzt offensichtlich medizinische Fachkenntnisse und wird von der Presse bald „Der Chirurg“ genannt. Die Zeit drängt: Wahrscheinlich hat der Killer bereits sein nächstes Opfer auserkoren.

Eine Computerrecherche bringt das Ermittlerteam auf die Spur einer ähnlichen Mordserie, die aber bereits drei Jahre zurückliegt und sich im südlichen Savannah ereignete. Der Täter Andrew Capra wurde allerdings von seinem letzten Opfer in Notwehr erschossen. Dennoch suchen Moore & Rizzoli Dr. Catherine Cordell in der städtischen Klinik auf. In der Szene, in der wir sie kennen lernen, rettet sie einem gerade eingelieferten Verkehrsopfer das Leben. Offensichtlich verfügt sie über Nerven aus Stahl.

Doch die Polizisten haben herausgefunden, welche Qualen Catherine erlitt, als sie sich in der Gewalt des Savannah-Killers befand. Kein Wunder, dass sie zunächst unter keinen Umständen an jenes Geschehen erinnert werden möchte. Aber dann erfährt sie, dass Elena Ortiz Mitglied einer Selbsthilfegruppe im Internet war, der auch sie selbst angehört: Hier schildern vergewaltigte Frauen ihre Erlebnisse, in der Hoffnung, psychologischen Beistand und Verständnis zu finden, denn in der patriarchalischen Gesellschaft werden Vergewaltigungsopfer immer noch stigmatisiert und ausgestoßen. Solche Frauen schweigen lieber, statt sich zu offenbaren. Auch Catherine Cordell.

Merkwürdige Unstimmigkeiten treten in Catherines Alltag auf: Laborkittel und Stethoskop sind verlegt, und jemand scheint sie zu beobachten und ihren Dienstplan ganz genau zu kennen. Und der Beobachter scheint auch ihre Vergangenheit zu kennen: Aber Andrew Capra ist doch tot, oder nicht? Oder hatte er einen Partner, der ihn nachahmt? Falls ja, würde dieser Partner nicht danach streben, sich an Catherine für ihre Tötung Capras zu rächen?

Während sich Moore in Catherine verliebt und mit ihr schläft (was ihm eine Strafmission einbringt), macht Rizzoli eine aufregende Entdeckung und begibt sich in höchste Gefahr. Doch für Catherine, die schöne, nervenstarke Chirurgin, ist die Zeit abgelaufen: Der „Chirurg“ schnappt sie sich.

_Mein Eindruck_

Krimiautorinnen wie die britische Mo Hayder und die Amerikanerin Tami Hoag sind mit mir einer Meinung: Dies ist Krimistoff erster Güte, der nicht nur den Schlaf raubt, sondern auch Fingernägel in existenzielle Gefahr bringt. Ich habe das Buch in zwei Tagen durchgelesen – es geht sicher noch schneller.

|Glaubwürdigkeit|

Mal abgesehen von der raffinierten Konstruktion des Plots mit zwei Mordpartnern, von denen der eine in nächster Nähe des Hauptopfers arbeitet, baut die Autorin auf zwei wichtige Grundsteine: die authentische, geradezu akribische Schilderung des Chirurgenalltags einerseits und zweitens glaubwürdige, lebendige Figuren wie Catherine, Moore und Rizzoli. Daran hatte ich nicht das Geringste auszusetzen.

|Der Mörder|

Probleme hatte ich zeitweilig aber mit dem Täter. Seine Gedankengänge sind in beinahe aufsatzartigen Sequenzen dazwischengeschaltet. In diesen Gedanken und Fantasien scheint er sich und sein Tun zu rechtfertigen. Er verweist auf alte, antike Rituale wie etwa Agamemnons Opferung seiner Tochter vor dem Beginn des Trojanischen Krieges. Das scheint mir lediglich eine mythologisierende Überhöhung zu sein, um sein brutales Tun ins rechte Licht zu rücken. Außerdem begründet dies keineswegs, warum er seinen weiblichen Opfer die Gebärmutter entfernt: Trophäen?

Raffinierter sind da schon seine Beobachtungen von seinem Arbeitsplatz aus. Wir wissen lange Zeit nicht, wo er arbeitet und warum er so leicht und unerkannt an geeignete Opfer herankommt. Er erfährt von ihnen durch Aufträge von den Ärzten vergewaltigter Frauen, deren Blut auf Infektion mit HIV oder Geschlechtskrankheiten zu untersuchen.

Solche Frauen, so weiß der Killer, sind seelisch geschwächt: leichte Opfer. Auffallend ist der wiederholte Vergleich dieser Frauen mit Gazellen, die zur leichten „Beute“ des männlichen Raubtiers werden, das im Dschungel der Großstadt auf Pirsch geht. Auch dies ist in meinen Augen eine unzulässige, zumindest aber unangemessene Symbolisierung bzw. Metapher. Sie könnte sogar als sexistisch betrachtet werden: Der Täter ist hier immer ein Mann.

_Unterm Strich_

Man muss mit der Präsentation des Killers nicht hundertprozentig einverstanden zu sein, um diesen guten Thriller genießen zu können.

Zwar reicht er noch lange nicht an psychologische Meisterwerke wie „Das Schweigen der Lämmer“ heran, doch Gerritsen hat eine Kombination aus Psycho- und Medizinthriller geschrieben, die auf mehr hoffen lässt.

|Originaltitel: The Surgeon, 2001
Aus dem US-Englischen übertragen von Andreas Jäger|

Ben Bova – Rückkehr zum Mars

In „Mars“ erzählte Ben Bova mit großem Erfolg die Geschichte der ersten Expedition zum Mars. Darin fand der Navaho-Halbindianer Jamie Waterman einen Hinweis auf eine außerirdische Zivilisation, und seine Kollegen fanden Leben: winzige Flechten im Marsboden – ein Riesenerfolg.

Nun müssen Jamie, der aktuelle Leiter, und seine Kollegen auf der zweiten Marsexpedition erst ihre Funde untermauern und ihre Hoffnungen belegen. Ohne dabei erneut fast umzukommen, wie beim ersten Mal.

_Der Autor_

Ben Bova – Rückkehr zum Mars weiterlesen

Gemmell, David – Augen von Alchazzar, Die (Drenai-Saga)

„The Legend of Deathwalker“, das von |Bastei-Lübbe| unter dem Titel „Die Augen von Alchazzar“ veröffentlicht worden ist, ist ein Roman aus der |Drenai|-Serie.

Ein alter Bekannter tritt auf: Druss. Wieder einmal endet ein Drenai-Buch mit seinem Tod. Das tut dem Rest des Romans keinen Abbruch, was Spannung und Abenteuer anbetrifft – im Gegenteil: Der Umstand, dass Druss einen aussichtslosen Kampf in der Festung Dros Delnoch gegen die Horden der Nadir kämpft, verleiht dem Geschehen, das Druss erzählt, tragische Größe, aber auch Ironie: Er selbst hatte entscheidenden Anteil daran, die einst zersplitterte Nation der Nadir unter demjenigen Häuptling zu einen, der ihn nun belagert.

_Der Autor_

David Gemmell (geb. 1948), früher selbst einmal Soldat, ist der führende britische Autor (wenn nicht sogar weltweit) von Fantasy-Action-Romanen. Besonders bekannt wurde ab 1984 er mit der Drenai-Saga, in der kernige Helden wie „Druss die Legende“ in einem untergehenden mittelalterlichen Reich schier aussichtslose Kämpfe ausfechten.

Seine zweite Romansequenz dreht sich um die magischen Sipstrassi-Steine (1987-94). Dazu gehören auch einige Romane, die in einer Post-Holocaust-Zukunft angesiedelt sind („The Jerusalem Man“). Ein dritter Romankomplex umfasst die historischen Fantasien um Alexander den Großen: „Der Löwe von Makedonien“ und „Der dunkle Prinz“ (1990/91). Die Falkenkönigin-Duologie dreht sich um eine heldenhafte Kriegerin: „Eisenhands Tochter“ und „Die Keltenkriege“. Es handelt sich eindeutig um Heroic Fantasy.

Mit „Morningstar“ schrieb Gemmell Jugend-Fantasy und unter dem Pseudonym „Ross Harding“ mit „White Knight, Black Swan“ einen Gangster-Thriller.

|David Gemmell bei Buchwurm.info:|
[Die steinerne Armee]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=522 (Rigante 1)
[Die Nacht des Falken]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=169 (Rigante 2)
[Rabenherz]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=498 (Rigante 3)
[Im Zeichen des dunklen Mondes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=840
[Wolf in Shadow]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=181 (Stones of Power)

_Handlung_

Unter der brutalen Unterdrückung durch die römerartigen Gothir träumen die verstreuten und zerstrittenen Nadir-Stämme – eine Art Mongolenvolk – vom großen Einiger, der die Stämme zusammenführen wird, um sie zu befreien. Von einem Schamanen wird der junge Krieger Talisman in die Hauptstadt der Gothir geschickt, um Rat von einem alten Weisen einzuholen und dessen Tochter Zhusai in das Land der Nadir mitzunehmen. Dort sucht Talisman den Schrein von Oshikai, der das einzige Heiligtum der Nadir darstellt, das stets von mehreren Stammesdelegationen bewacht wird. Im Schrein sucht er die legendären Augen von Alchazzar, zwei Juwelen von magischer Kraft, die zur Wiedererlangung der Macht der Nadir notwendig sein sollen.

In der Haupstadt der Gothir hat Talisman die Bekanntschaft von Druss gemacht. Druss hört von den heilenden Kräften der Alchazzar-Juwelen und macht sich mit seinem Freund, dem Poeten Sieben, in die Nadir-Steppe auf, um mit den Juwelen seinen Freund, den Faustkämpfer Klay, zu heilen. Klay fiel einem Attentat zum Opfer, wie es in den Straßen der korrupten Metropole gang und gäbe ist. Doch das Attentat hatte Druss gegolten.

Druss und Sieben merken bald, dass sie von einer Armee der Gothir verfolgt werden – durch Spione hat auch die Reichsführung der Gothir von den Juwelen erfahren und will sie den Nadir stehlen, um diese endgültig zu unterwerfen. Alle Beteiligten treffen sich am Schrein von Oshikai. Der Ort ist wie ein altes verfallenes Fort gebaut und schwer zu verteidigen, doch zusammen mit Druss gelingt der Aufbau einer Wehrmauer und einer Verteidigungsstrategie. Können 200 Nomaden 5000 ausgebildeten Berufssoldaten standhalten?

Bald stellt sich jedoch heraus, dass Zhusai, Talismans Begleiterin, besessen ist – ebenso wie Talisman übrigens. Die beiden stellen die Verkörperung jenes alten heroischen Paares dar, das die Nadir-Nation begründete: Oshikai Dämonenbann und seine Geliebte Shul-sen. Doch aufgrund eines Fluches leben sie in der Unterwelt getrennt voneinander. Talisman und Druss sowie ein Schamane machen sich in die Anderswelt auf, die Fesseln des Paares zu lösen. Sie haben Erfolg, und wenig später befinden sie sich im Besitz der Augen von Alchazzar, die von den beiden gehütet wurden. Mit Hilfe der Magie Shul-sens und der Juwelen gelingt es Zhusai, das Heer der Gothir zu vernichten. Talisman wird Oberhäuptling aller Nadir und vernichtet das Gothir-Reich. Schließlich begegnet er bei der Belagerung von Dros Delnoch seinem Freund Druss wieder. Der Kreis der Erzählung ist geschlossen.

_Fazit_

„Die Augen von Alchazzar“ ist sicherlich eines der besten Bücher von David Gemmell überhaupt. Die Motivationen der Hauptfiguren – real wie auch vergangen – sind ebenso deutlich und plausibel herausgearbeitet wie ihre jeweilige persönliche Geschichte.

Die Atmosphäre der Schauplätze ist realistisch und lebendig eingefangen. Tragik, Komik und Romantik liege nahe beieinander und bieten so eine lebendige, ausgewogene Mischung an Emotionen, die für ein erinnerungswürdiges Leseerlebnis notwendig sind.

Der Poet Sieben sorgt mit seiner Affektiertheit und seinen Amouren für ironische Reflexionen auf das martialische Geschehen um den Schrein der Nadir.

Druss erscheint neben ihm wie ein tumber Haudrauf, erweist sich aber als weit größerer Realist, wenn’s um den Erhalt des nackten Lebens geht. Das Paar Talisman & Zhusai ist ein Echo des Paares Oshikai und Shul-sen – umschattet von tragischer Romantik, eine Geschichte von Überheblichkeit, Strafe und Fluch bis hin zur Erlösung.

All diese Elemente ausgewogen miteinander spannend und unterhaltsam zu verknüpfen, ist eine bemerkenswerte Leistung. Gemmell hat nur wenige vergleichbar gute Bücher geschrieben, die meisten davon in der |Drenai|-Saga.

Doyle, Arthur Conan / Gruppe, Marc – Sherlock Holmes – Das Zeichen der Vier (Krimi-Klassiker 2)

London 1888: In Mary Morstans Leben ereignet sich Merkwürdiges. Alljährlich erhält sie anonym ein wertvolle Perle zugesandt. Nun hat ein Unbekannter sie auch noch zu einem Treffpunkt bestellt. Besteht ein Zusammenhang mit ihrem vor zehn Jahren spurlos verschwundenen Vater?

Sherlock Holmes und Dr. Watson tun ihr Bestes, den mysteriösen Fall ihrer jungen Klientin aufzuklären. Dabei geraten sie in ein gefährliches Abenteuer um einen märchenhaften Schatz. Schon bald gibt es den ersten Toten. Die Tatwaffe: ein vergifteter Dorn. Wer benutzt denn sowas?!

_Der Autor_

Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930 und gelangte mit seinen Erzählungen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um seinen Einkommen aufzubessern. Neben mystischen und parapsychologischen Themen griff er 1912 auch die Idee einer verschollenen Region (mit Dinosauriern und Urzeitmenschen) auf, die von der modernen Welt abgeschnitten ist: „The Lost World“ erwies sich als enorm einflussreich und wurde schon 13 Jahre später von einem Trickspezialisten verfilmt. Bereits 1913 ließ Doyle eine Fortsetzung unter dem Titel „The Poison Belt“ (dt. als „Im Giftstrom“, 1924) folgen.

_Die Sprecher_

Sherlock Holmes, Privatdetektiv: Joachim Tennstedt (dt. Stimme von John Malkovich)
Dr. John H. Watson, Militärarzt: Detlef Bierstedt (dt. Stimme von George Clooney u.a.)
Mrs. Smith, Bootsvermietersgattin: Arianne Borbach (dt. Stimme von Uma Thurman)
Thaddeus Sholto, Privatier: Peer Augustinski (dt. Stimme von Robin Williams)
Mrs. Hudson, Holmes‘ Haushälterin: Regina Lemnitz (dt. Stimme von Kathy Bates)
Inspektor Jones: Christian Rode (dt. Stimme von Christopher Lee)
u. v. a.

Die orchestrale Musik stammt von Manuel Rösler, Ko-Produktion, Buch & Regie steuerte Marc Gruppe bei, Aufnahme und Abmischung erfolgten durch Bionic Beats.

_Handlung_

Die Chronologie der Ereignisse wird in der berühmten Erzählung bzw. im Hörspiel ziemlich verschachtelt und häppchenweise vorgelegt. Daher versuche ich, ein wenig Licht in diesen Dschungel zu bringen, ohne das Meiste zu verraten.

Es waren einmal zwei dicke Freunde, die als Gefängnisaufseher auf den anglo-indischen Andamanen-Inseln arbeiteten: Sholto und Morstan. Durch glückliche Umstände gelangten sie in den Besitz eines großen Schatzes, den sie sich brüderlich teilen wollten. Doch es kam alles ganz anders …

Am 18. April 1882 kehrt Bartholomew Sholto vom Studium in sein Elternhaus Pondycherry Lodge in der Nähe von London zurück. Sein Zwillingsbruder Thaddeus ist froh, ihn wiederzusehen, denn in letzter Zeit leidet ihr Vater an einem beunruhigenden Verfolgungswahn. Er hat zwei Preisboxer als Leibwächter eingestellt, nachdem er Eindringlinge am Fenster gesehen habe. Insbesondere Einbeinige lasse er verfolgen. Da bringt der Butler einen Brief aus Indien, der Major Sholto in Angst und Schrecken versetzt: Eine Gruppe, die sich „Das Zeichen der Vier“ nennt, hat darin gedroht, sich das, was er geraubt habe, zurückzuholen und ihn für seinen Verrat zu bestrafen. Er erleidet einen Schwächeanfall, flüstert noch ein paar letzte Worte von einem „Schatz“ und einer Mary Morstan – und gibt den Löffel ab.

1888, sechs Jahre später.

Eben jene Mary Morstan besucht Sherlock Holmes und Dr. John Watson, einen jungen mittellosen Militärarzt, in Holmes‘ Büro in London, Baker Street 221B. Holmes hat sich mal wieder eine seiner, wie Watson sagen würde, „entsetzlichen“ Kokainspritzen gesetzt und ist folglich bester Laune. Diese hebt sich noch viel mehr angesichts des wunderschönen Geschöpfes, das durch seine Tür tritt. Denn im Gegensatz zu manchen Darstellungen in gewissen Filmen ist Holmes kein Griesgram, sondern ein weltzugewandter Genießer, dem nichts lieber ist als eine Herausforderung seiner formidablen geisten Fähigkeiten. Nach Zeiten mentalen Hungers bietet Mary Morstan ihm nun eine leckere Geistes-Mahlzeit: ein Rätsel!

Die Ärmste schlägt sich seit dem Verschwinden ihres Vaters im Jahre 1878 als Gesellschafterin bei Mrs. Cecil Forrester durch, doch seit 1882 erhält sie von einem unbekannten Gönner alljährlich eine wunderschöne Perle geschickt, so dass sich ihr Lebensstandard ein wenig gehoben hat.

Watson und Holmes, die ihre daraus gefertigte Halskette in Augenschein nehmen dürfen, sind völlig von den Socken: edelste Ware, no doubt! Aber deswegen ist Miss Mary nicht hier. Sie hat eine Einladung zu einem geheimen Treffen erhalten. Sie dürfe zwei Freunde, aber keinerlei Polizeibeamte mitbringen. Ob die beiden Herren wohl so nett wären?

Und ob sie wären! Vorsichtshalber nimmt Holmes aber seinen zuverlässigen Revolver mit. Ein Kutscher sammelt sie am Treffpunkt auf und fährt sie in die schlechteren Viertel Süd-Londons. Als ein Inder sie in das Haus einlässt, staunen alle Bauklötze: ein veritabler Palast wie aus dem Orient. Wem gehört die noble Hütte? Es ist Thaddeus Sholto und er hat eine lange Geschichte zu erzählen.

Doch als sie in Pondicherry Lodge eintreffen, um Mary den ihr rechtmäßig zustehenden Schatz zu zeigen, kommen sie zu spät. Jemand ist ihnen zuvorgekommen, was dem armen Bartholomew gar nicht gut bekommen ist: In seinem Hals steckt ein Dorn mit einem tödlichen Gift …

Doch wie konnte der Täter in einen komplett abgeschlossenen Raum eindringen und – vor allem – wieder entkommen? Holmes stellt sich endlich das ersehnte Rätsel: ein klassisches |locked room mystery|!

_Mein Eindruck_

Natürlich ist es von diesem bis zur Ergreifung der Täter noch ein weiter Weg. Und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass sich auch das Anhören der restlichen Handlung lohnt. Die Gehörgänge kommen voll auf ihre Kosten – siehe meine Abschnitte „Musik“ und „Geräusche“. Endlich erfahren wir am Schluss auch, wie alles begann, irgendwo am anderen Ende des Empires, als ein unvorsichtiger Kaufmann seinem Kollegen etwas von einem Schatz zuflüsterte.

Natürlich ist eine Schatzjagd immer ein netter Aufhänger für eine flotte Story, und umso mehr für das viktorianische Publikum, das das angesehene „Strand Magazine“ las, in dem Doyle seine Storys veröffentlichen konnte. Abenteuer, Gefahr, ein waschechter Kannibale – beim Jupiter! Es gibt genügend Unterhaltsames in der Story, um einen Roman daraus zu spinnen.

Doch Doyle lässt auch eine gewisse Kritik an den erschreckenden Zuständen auf den Gefängnisinseln eben dieses British Empires einfließen. Die Schlussrede des Täters ist voller Anklagen, die offenbar allesamt gerechtfertigt sind. Er stellt sich natürlich selbst als Opfer hin, aber es war sicher nicht ungewöhnlich, dass britische Aufseher wie Sholto und Morstan den ihnen ausgelieferten Häftlingen sämtliche Habseligkeiten abnahmen, die sie besaßen. Und dazu gehörte eben auch die Information über den Schatz in der Stadt Agra, wo das Tadsch Mahal steht.

Die Gier nach dem Gold ist das ausschlaggebende Thema hinter der ganzen Schatzsuche. Und bevor die Truhe geöffnet wird, fragt sich vielleicht der eine oder andere Zuhörer, ob der Schatz nicht besser drin bleiben sollte als noch mehr Menschen ins Unglück zu stürzen, beispielsweise die liebliche Miss Morstan …

|Die Sprecher & Rollen|

Es gibt vier Hauptfiguren, die auch stimmlich herausragen. Am besten gefällt mir Joachim Tennstedt als Sherlock, denn was er in diese Figur hineinlegt, ist sehr sympathisch und humorvoll – so als würde ein strahlender John Malkovich völlig entspannt aufspielen (liegt’s am Koks?). Holmes‘ einziger Fehler ist seine Ablehnung des weiblichen Geschlechts oder vielmehr des Umgangs mit dessen Vertretern. Das soll aber weniger an latenter Homosexualität liegen, als vielmehr an seiner Abneigung gegen jede Art von emotionaler Sentimentalität. Lang lebe der reine Geist.

Dr. John Watson, 36, ist das genaue Gegenteil seines Freundes: jovial, freundlich, frauenfreundlich und durchweg emotional. Leider sind seine logischen Schlüsse von dementsprechend unzulänglicher Qualität. Das war zu erwarten. Seine wachsende Liebe gilt Miss Mary Morstan, die selbst ein patentes Frauenzimmer zu sein scheint, denn sie besteht darauf, auf die Verfolgungsjagd nach den Verbrechern mitzukommen.

Der größte Humorfaktor ist indes die eines Peter Ustinov würdige Figur des Inspektor Jones von der Londoner Kripo. Nicht nur sind Jones‘ logische Schlüsse noch wesentlich schlechter als die Watsons, obendrein hat er auch noch die sprachliche Eigenart, sich vor jedem Schlusswort eines Satzes auf merkwürdigste Weise zu räuspern – ein nach innen gewandtes Räuspern, das höchst lachhaft klingt. Ich könnte mich wegschmeißen, wenn ich den Typ höre.

Aber auch Peer Augustinski soll nicht unterschlagen werden. Er spielt in der Rolle des Thaddeus Sholto keine unerhebliche Rolle bei der Beschaffung des Schatzes für die arme Miss Morstan. Wer sich die Stimme von Robin Williams vergegenwärtigt, bekommt eine Ahnung von den vielfältigen Möglichkeiten, einen herzkranken reichen Mann von gut dreißig Jahren zu spielen, der an einer Wasserpfeife schmaucht und eine Räuberpistole aus Indien erzählt. Als Inspektor Jones ihn verhaftet, hat Sholto/Augustinski die Möglichkeit, den entsetzten Unschuldigen zu spielen – aber ist er wirklich unschuldig?

|Die Musik|

Nach einem Intro, das der Titelsequenz eines Spielfilms entspricht, hören wir die Musik laufend im Hintergrund, wenn nicht gerade Geräusche sinnvoller sind, etwa beim Abendessen oder bei einer Verfolgungsjagd im Hafen. Deshalb erklingt die Musik mit voller Kraft erst wieder im „Abspann“, quasi als Rausschmeißer. Es ist Musik, die einem kleinen Spielfilm angemessen ist: niemals aufdringlich, sondern stets unterstützend. Kein Wunder, dass viele Motive aus einem Fundus von Samples genommen wurden – siehe den Vermerk im Booklet.

|Die Geräusche|

Eine schier unglaubliche Vielfalt von Geräuschen verwöhnt das Ohr des Zuhörers. Der Eindruck einer real erlebten Szene entsteht oft, aber nicht immer. Es ist natürlich etwas schwierig, jene Wasserpfeife klanglich umzusetzen, die Thaddeus Sholto schmaucht, als er Watson, Holmes und Miss Morstan empfängt. Zum Ausgleich gibt es jedoch eine groß inszenierte Verfolgungsjagd auf der Themse, in der der Toningenieur sämtliche Register ziehen kann: vom Dampfzischen, Maschinenstampfen, Wasserplätschern und Möwengeschrei bis hin zu den Revolver-Schüssen Holmes‘ und dem Zischen eines Giftpfeils – das volle Programm. Dazu stelle man sich noch die entsprechende Schreie und Rufe der beteiligten Figuren vor, und man hat eine komplette Krimiszene.

_Unterm Strich_

„Das Zeichen der Vier“ ist eine durchweg gelungene Hörspiel-Umsetzung der klassischen Holmes-Erzählung. Die Story ist, wie nicht anders zu erwarten, durchweg spannend, witzig und bis zum Schluss tempo- und actionreich inszeniert. Hinzu kommen ein Schuss Romantik (Watson & Morstan – ob das klappt?) und erfrischende Ironie. Holmes‘ Auftritt in täuschender Verkleidung ist sicher ein Highlight der verblüffenden Effekte, und humorvolle Szenen halten das Zwerchfell auf Trab.

Wenn alle Hörspiele der Holmes-Reihe so gut inszeniert sind, kann ich sie uneingeschränkt empfehlen.

|The sign of four, ca. 1888
128 Minuten auf 2 CDs|

Håkan Nesser – Der unglückliche Mörder (Van Veeteren 7)

Was niemand wissen darf

Kommissar Van Veeteren schwört Rache: Sein Sohn Erich, seit Jahren das Sorgenkind der Familie, wird ermordet aufgefunden, gerade als er wieder anfing, im bürgerlichen Leben Fuß zu fassen. Hat er sich auf kriminelle Geschäfte eingelassen? Wenig später wird die Leiche einer jungen, unbescholtenen Frau entdeckt – von derselben Waffe erschlagen wie Erich Van Veeteren. Was verband die beiden jungen Leute? Wer hatte ein Interesse, sie aus dem Weg zu räumen? (Verlagsinfo)
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