Alle Beiträge von Michael Matzer

Michelle Paver – Wolfsbruder (Chronik der dunklen Wälder 1)

Die Wälder vor 6000 Jahren erstrecken sich von einem Ende der Welt zum anderen, voller lebendiger Seelen – außer einer … Der zwölfjährige Torak erhält von seinem sterbenden Vater den Auftrag, den Berg des Weltgeistes zu suchen. Nur so kann die böse Macht aufgehalten werden, die in den Wäldern für Angst und Schrecken sorgt.

Zusammen mit einem jungen Wolf macht sich Torak auf den Weg, um seine gefahrvolle Aufgabe zu erfüllen. Er stößt auf Feinde, doch zum Glück findet er in Renn auch eine verlässliche Freundin. Nur gemeinsam kann es ihnen gelingen, die Prophezeiung vom Auftrag des „Lauschers“ erfüllen.

Die Autorin

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Hearn, Lian – Pfad im Schnee, Der (Der Clan der Otori – Band 2)

Japan, Ende des 15. Jahrhunderts: Eines Morgens wird Takeos Dorf überfallen, und er überlebt als Einziger. Lord Shigeru vom Clan der Otori rettet ihn und nimmt ihn in seine Familie auf. Von ihm, einem Helden wie aus versunkenen Zeiten, lernt Takeo die Bräuche des Clans. Er lehrt ihn Schwertkampf und Etikette. Die Liebe zu Kaede entdeckt Takeo allein.

Als er herausfindet, dass er dunkle Kräfte besitzt – die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein und sich unsichtbar zu machen, und dass er so gut „hören kann wie ein Hund“ -, gerät er immer tiefer in die Wirrungen der Lügen und Geheimnisse, aus denen die Welt der Clan-Auseinandersetzungen besteht. Trotz seines Widerwillens ist es ihm bestimmt zu rächen. Takeo verbindet sein Schicksal mit dem der Otori. (Verlagsinfo, modifiziert)

_Die Autorin_

Lian Hearn, die eigentlich Gillian Rubinstein heißt und vor etwa 60 Jahren geboren wurde, lebte als Journalistin in London, bevor sie sich 1973 mit ihrer Familie in Australien niederließ. Ihr Leben lang interessierte sie sich für Japan, lernte dessen Sprache und bereiste das Land.

[„Das Schwert in der Stille“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=950 ist der erste Band der Trilogie „Der Clan der Otori“. Der zweite Band „Der Pfad im Schnee“ ist im Herbst 2004 im |Carlsen|-Verlag erschienen und wurde im Februar 2005 bei |Hörbuch Hamburg| veröffentlicht. Der dritte Band „Der Glanz des Mondes“ soll im Mai 2005 erscheinen.

„Das Schwert in der Stille“, der mittlerweile in 26 Sprachen übersetzt wurde, ist für den |Deutschen Jugendbuchpreis| nominiert. Gillian Rubinstein wurde in Göteborg mit dem „Peter Pan Award“ geehrt, denn die Trilogie „Der Clan der Otori“ ist beileibe nicht ihr erstes Werk, sondern sie hat bereits zahlreiche Kinder- und Jugendbücher verfasst. Mehr Infos unter http://www.otori.de.

_Handlung_

Die Vorgeschichte habe ich bereits in der Einleitung wiedergegeben. Es wäre überflüssig, sie zu wiederholen. Meine Inhaltszusammenfassung erwähnt natürlich einige Ergebnisse der Ereignisse von Band 1, „Das Schwert in der Stille“. Wer das Buch noch nicht gelesen hat, sollte daher diesen Abschnitt überspringen.

Am Schluss von Band 1 ließ Lord Shigeru sein Leben, nachdem auch Lord Iida getötet worden war. Als Folge dieser beiden einschneidenden Ereignisse kam es in der Hauptstadt Inuyama zu einem Aufstand, den sich die Armee unter Lord Arai zunutze machte, um die Macht zu übernehmen und die Tohan zu stürzen.

|Takeo|

Im Strudel dieser Gewalt werden Takeo und seine Geliebte Kaede getrennt. Während Kaede zu ihrem Elternhaus in Shirakawa zurückkehrt, will sich Takeo eigentlich für die Otori entscheiden, um sein Erbe anzutreten und Lord Shigeru, seinen Adoptivvater, zu rächen. Doch der „Stamm“, mit dessen Hilfe er Iida besiegt und Shigeru erlöst hat, besteht darauf, dass Takeo als einer der Ihren gehorcht und sich in eine Ausbildung begibt.

Takeos Vater war ein Angehöriger des Stammes, der abtrünnig wurde. Da er als Attentäter um zu viele Geheimnisse wusste, musste er sterben. Wenige Jahre, nachdem Takeo und seine Schwestern gezeugt wurden, töteten ihn Stammesangehörige. Doch selbst als Takeo herausfindet, wer dafür verantwortlich war, kann er nichts deswegen unternehmen. Nun haben sich seine Ausbilder als ebensolche Heuchler herausgestellt wie Shigerus Onkel, die immer so wohlwollend taten.

Als sie ihn losschicken, um Shirgerus geheime Aufzeichnungen über den „Stamm“ zu stehlen, weiß er, dass ihn sein begleitender Ausbilder Akio Kikuta nach der Ausführung töten soll. Daher flieht er mit Unterstützung von Shigerus Haushofmeister Ichiro so schnell er kann zum Kloster Terayama. Erstens ist dort Lord Shigeru begraben, und zweitens befinden sich dort, gut versteckt, die Dokumente mit den Geheimnissen des Stammes.

Doch der Weg über die Berge ist weit und beschwerlich. Zweimal wird Takeo von Stammensleuten angegriffen. Zweimal erhält er unerwartete Hilfe. Ein totgeglaubter Gerber, der zu den ausgestoßenen Verborgenen gehört, begleitet ihn zu einem Orakel, das Takeo prophezeit, er werde das Land einen, aber zu einem hohen Preis. Der zweite Helfer ist der Mönch Makoto, und er berichtet schreckliche Dinge, die Takeos Geliebter Kaede zugestoßen seien. Und er Unglückseliger sei schuld daran.

|Kaede|

Lady Shirakawa Kaede sieht den Gutshof ihres Elternhauses verwüstet und heruntergekommen. Ihr Vater, der zu Iida gehalten hatte, ist von Arai geächtet worden und sollte sich eigentlich selbst töten, um seine Ehre zu bewahren. Da er dies nicht getan hat, haben die Schuldgefühle zunehmend seinen Verstand verwirrt. Um ihn nicht zu schocken, sagt ihm seine Tochter Kaede, dass sie die Witwe von Lord Otori Shigeru sei und dessen ungeborenes Kind trage.

Dass dies deftig geflunkert ist, fliegt erst auf, als sie bei einem ihrer Besuche des Nachbars, des Edelmanns Fujiwara, den Mönch Makoto aus Terayama antrifft. Diesem rutscht leider die Wahrheit heraus, die für Kaedes Vater noch mehr Schande bedeutet: Sie ist weder Shigerus Witwe noch ist Shigeru Vater ihres ungeborenen Kindes (das ist vielmehr Takeo). Ihr Vater will sie töten, bevor sie noch mehr Männern als ohnehin schon den Tod bringt. Allerdings hat er die Rechnung ohne die Stammesangehörigen gemacht, die Kaede schützen.

Nach dem Tod ihres Vaters und dem Verlust ihres Ungeborenen ist Kaede dem Tode nahe, doch Fujiwaras erfahrener Arzt kümmert sich um die Todkranke (wie auch um deren ziemlich lebendige Zofe Shizuka).

Und diesen Stand der Dinge erzählt Makoto seinem Freund Takeo. Zusammen machen sie sich eiligst auf ins Kloster, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Doch der Winter ist mit Schneesturm und Eis übers Land hereingebrochen, und an Fußreisen ist nicht zu denken. Das bietet Takeo viel Gelegenheit, die Geheimnisse des Stammes zu erforschen und seine Schwertkampfkunst zu vervollkommnen. Denn wenn der Frühling kommt, naht die Zeit des Krieges und des Wiedersehens mit Kaede.

_Mein Eindruck_

„Der Pfad im Schnee“ ist der typische Mittelband einer Trilogie. Der wirkliche Action findet in Band 1 und 3 statt, weil dort Auftakt und Finale erfolgen. Doch in Band 2 werden die Folgen der ersten Auseinandersetzungen und der ersten Begegnung der Liebenden geschildert. Natürlich finden auch hier einige dramatische Szenen statt und wichtige Entscheidungen werden gefällt, so dass man durchaus von einer Wende im Verlauf der Gesamthandlung reden kann. Doch Zweikämpfe findet man hier nur am Rande und eine Schlacht schon gleich gar nicht.

|Entscheidungen|

Vielleicht liegt es auch an der Jahreszeit. Der Herbst geht seinem Ende zu, und alle Bewohner des Landes wissen, dass die Ernte nicht einmal halb so gut ausgefallen ist, wie sie es sein müsste, um alle durch den langen Winter zu bringen, der gut und gerne ein Vierteljahr dauert. Diese bedrückende Aussicht zwingt zu harten Entscheidungen, so etwa die, dass Kaede im Gegenzug für Lebensmittel dem Edelmann Fujiwara ihre wahre Geschichte erzählt. Natürlich unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit, aber wer weiß, ob sich der verschlagene Edelmann und Sammler, der sich bei Hofe auskennt, an dieses Versprechen halten wird?

|Takeo|

Takeo wiederum wählt das Erbe der Otori statt einer Zukunft als Ninja im „Stamm“. Als Folge sieht er sich ständiger Verfolgung und Angriffen ausgesetzt. Er kann froh sein, lebendig in Terayama anzukommen. Und ohne die Hilfe der einfachen Leuten und der Christen, den „Verborgenen“, hätte er es nie geschafft.

Takeo ist deshalb etwas Besonderes, weil er als dritten Anteil an seinem Charakter auch ein Christ ist und das sinnlose Töten, das die Lords praktizieren, ablehnt. Er, der als Einziger Frieden statt Gewaltherrschaft anstrebt, ist daher die große Hoffnung der Bauern, Ausgestoßenen und aller Kastenlosen. Da sein Adoptivvater Shigeru bereits als Gott verehrt wird und Takeo sich den Beinamen „Engel von Yamagata“ erworben hat, ist er für sie bereits zu Lebzeiten eine Legende, ein höheres Wesen. Obwohl er an ihren Kampffähigkeiten zweifelt, weiß Takeo auch, dass er mit den herrenlosen Söldnern und abtrünnigen Otori-Leuten, die sich ihm in Terayama anschließen, noch nicht gegen Lord Arai und das Haus Otori antreten kann. Vielleicht ist es eine Frage der Ausbildung.

|Psychologie und Lyrik|

Als Mittelband legt „Der Pfad im Schnee“ großes Gewicht auf psychologische Charakterisierung. Denn wie schon angedeutet, sind es vor allem Motive und Entscheidungen, die zu weiteren Aktionen führen – und diese Entscheidungen werden in diesem Band gefällt. Die Befindlichkeit der Figuren spiegelt sich oft in der sie umgebenden Natur wieder. Dieser literarische Kunstgriff, der an Poesie gemahnt, ist der Autorin sehr gut gelungen.

|Übermensch|

Wieder einmal konnte ich nicht umhin, Takeo wegen seiner übermenschlichen Fähigkeiten zu bewundern. Er hört und sieht schärfer als selbst seine Stammesgenossen, kann sich unsichtbar und ein zweites Ich erschaffen, während er sich selbst weiterbewegt. Auf diese Weise gewinnt er einige der Zweikämpfe, so etwa gegen seinen Ausbilder Akio.

Durch sein scharfes Gehör erfährt er auch, dass er einen Sohn gezeugt hat. Und er hatte geglaubt, die Stammesangehörige hätte ihn um seiner selbst willen geliebt. Ein weiterer Beweis für die Skrupellosigkeit, mit der der Meister des Stamms seine Untergebenen missbraucht.

|Die Übersetzung|

Irmela Brender ist eine der profiliertesten Übersetzerinnen von Kinder- und Jugendbüchern hierzulande. Auch diesmal gelingt ihr ein makelloses Kunst-Werk bei der Übertragung aus dem Englischen ins Deutsche. Die Sprachebene, die sie verwendet, ist natürlich nicht die des modernen Alltags, sondern die der klassischen Erzählung, also ein überhöhender Tonfall. Er passt ausgezeichnet zu dem Sujet der Liebe, der Ehre und des Kampfes.

Leider fehlt ein Glossar ebenso wie ein Personenverzeichnis, aber immerhin gewährt eine Landkarte Aufschluss und Orientierung. Ich habe darauf zwar nicht gefunden, wo die dargestellte Gegend liegt – im Westen der japanischen Hauptinsel, 100 km westlich von Hiroshima -, aber wenigstens kenne ich nun die Schreibweise der Namen. Und wenn im Text vom „Festland“ die Rede ist, kann es sich ja wohl nur um die Mandschurei oder das Reich der Mitte handeln.

_Unterm Strich_

Ich habe das Buch in weniger als zwölf Stunden gelesen, was doch für den flüssigen Stil und eine spannende, bewegende Geschichte spricht. Allerdings kannte ich bereits den Vorgängerband „Das Schwert in der Stille“, ohne den man nur wenig von der Handlung verstehen dürfte. Das Schicksal Takeos und Kaedes ist bewegend und auch für westliche Leser interessant.

Wer ein wenig über die altjapanische Kultur und ihre Werte – so etwa den Begriff der Ehre – weiß, wird mehr Gewinn aus vielen Szenen ziehen können. Sonst könnte es vielleicht doch ein wenig verwundern, warum zum Geier sich die Leute ständig selber umbringen wollen. Andererseits versteht man als heutiger Wessi Lady Kaede sehr gut, wenn sie selbst herrschen will und dies auch durchsetzt. Dadurch wirkt sie für traditonsbewusste – männliche – Japaner unnatürlich und sogar dämonisch. Diese Powerfrau erscheint als Killerfrau, denn in ihrer Umgebung sterben die Männer wie die Fliegen (siehe Band 1). Das wiederum lässt uns – vor allem die Frauen – lächeln. Das Buch bietet also beiden Geschlechtern etwas.

Im nächsten Band, der den Titel „Der Glanz des Mondes“ (eine Gedichtzeile) trägt, geht’s dann richtig zur Sache, und das Schicksal von Takeo und Kaede entscheidet sich ebenso wie das West-Japans.

|Originaltitel: Tales of the Otori: Book two: Grass for his Pillow, 2003
Aus dem Englischen übersetzt von Irmela Brender
Empfohlen ab 14 Jahren|

Snicket, Lemony – Seufzersee, Der (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 3)

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Kinder. Band 3 erzählt von ihren schrecklichen Abenteuern am großen Seufzersee, wo ihnen der fiese Kapitän Talmi nachstellt, um an ihr Vermögen zu gelangen.

_Der Autor_

Verlagsinfo: „Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L. S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L. S. im Internet unter www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“ So weit der Text im Buch. Nicht sonderlich aufschlussreich.

|Der Zyklus „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“:|

1) Der schreckliche Anfang
2) Das Haus der Schlangen
3) Der Seufzersee
4) Die unheimliche Mühle
5) Die Schule des Schreckens
6) Die dunkle Allee

_Der Illustrator_

„Brett Helquist wurde in Ganado, Arizona, geboren, wuchs in Orem, Utah [dem Mormonenstaat], auf und lebt heute in New York City. Er studierte Kunst an der |Brigham Young University| [in Utah] und arbeitet seither als Illustrator für die „New York Times“ und viele andere Publikationen.“ (Die Einfügungen in eckigen Klammern stammen von mir.)

_Vorgeschichte_

Zunächst führten die drei Baudelaire-Kinder eine sorgenfreie Existenz. Sie verbringen den Schicksalstag am Strand und freuen sich des Lebens, jedes nach seinen Vorlieben. Violet, mit 14 Jahren die älteste von ihnen, denkt an eine neue Erfindung, denn sie hat die Fähigkeiten eines Ingenieurs.

Klaus, mit zwölf Jahren der zweitälteste des Trios, ist ein Bücherwurm und Wissenssammler – ein wandelndes Lexikon, aber nicht unfehlbar oder gar allwissend. Und schließlich wäre da noch die kleine Sunny, die noch ein Kleinkind ist, in alles hineinbeißt und kaum ein vollständiges Wort zu sagen vermag, geschweige denn ein verständliches. Aber Sunnys markante Aussprüche werden jedes Mal vom Autor übersetzt.

Doch an besagtem Schicksalstag brennt das Haus ihrer Eltern, in dem sie behütet und geliebt aufwuchsen, vollständig nieder. Der Nachlassverwalter Mr. Poe, ein ewig kränkelnder Bankangestellter, weiß mit den Kindern nichts anzufangen und bringt sie zu einem Vormund nach dem anderen, zuerst zu Graf Olaf, der nur ihr Vermögen will, dann zu Onkel Monty, der vorzeitig das Zeitliche segnet, und schließlich zu Tante Josephine Anwhistle, die am Seufzersee wohnt.

Doch die Kinder fürchten, dass Graf Olaf, der bereits in mehreren Verkleidungen hinter ihnen her war, auch diesmal einen Weg finden wird, die Vormundschaft über sie zu erringen. Zwar soll Violet erst das Familienvermögen erben, wenn sie 18 und volljährig ist, doch Graf Olaf kennt einen Weg, dies zu umgehen: Er muss Violet nur heiraten und das Vermögen gehört ihm.

_Handlung_

Tante Josephine hat ein bemerkenswertes Domizil: Ihr Häuschen ist auf der Spitze eines Hügels beziehungsweise einer Klippe erbaut, der oder die den See in stolzer Höhe überragt. Das Häuschen wird von wackelig aussehenden Stelzen gestützt, als befände es sich in den Hügeln von Hollywood. Ob es wohl den heranziehenden Hurrikan Hermann, von dem der Taxifahrer den Kindern erzählt, überstehen wird? Irgendwie wagt man das zu bezweifeln.

Tante Josephine ist nicht ganz das, was sich die Kinder unter einem Vormund, der sich um ihr Wohlergehen kümmern sollte, vorstellen. Die Witwe hat so viele Ängste, das sie sich kaum zu bewegen traut und kaum aus dem Haus geht. Sie stellt weder Heizung noch Kochherd an, aus Angst, das Ding könnte explodieren. Folglich bleibt die Küche kalt, und kalte Gurkensuppe ist sicherlich nicht das wohlschmeckendste aller Gerichte. Auch das Telefon rührt die Tante nicht an, aus Angst, es könnte ihr einen elektrischen Schlag versetzen. Ihr verstorbener Mann, den sie auf dem See verloren hat, hatte sich immer um diese Dinge gekümmert.

Das Einzige, dem sich die Tante mit ganzem Herzen hingibt, ist die Grammatik. Nichts geht ihr über einen wohlgeformten Satz, in dem jedes Wörtchen an seinem korrekten Platz und in seiner korrekten Form sitzt. Kaum eine Minute vergeht, in der sie nicht eines der Kinder korrigiert. Kein Wunder, dass die drei Kinder schon bald völlig genervt sind.

Tantchen hat eine riesige Bibliothek. Klaus, die Leseratte, freut sich schon auf neue Hirnnahrung, muss aber enttäuscht feststellen, dass sämtliche Werke nur mit – was wohl? – Grammatik zu tun haben. Die Bibliothek verfügt über ein Fenster, das vom Boden bis zur Decke reicht und einen beeindruckenden Ausblick auf den düsteren Seufzersee gewährt. Düster auch deswegen, weil sich darin die gefräßigen Seufzerseesauger, eine Art Blutegel mit Zähnen im Maul, tummeln. Sie sind es, die Tantchens Mann Ike auf dem Gewissen haben …

Wie sollte es anders sein, so stoßen die Kinder auch auf den unvermeidlichen Grafen Olaf. Doch wie er da im Supermarkt vor ihnen steht, würde niemand in ihm den Erbschleicher vermuten: Er sieht aus wie ein Seemann, der Pirat spielt: Er trägt ein Holzbein und eine Klappe über dem einen Auge. Er sei jetzt im Bootsverleih tätig, behauptet er und überreicht ihnen seine Visitekarte. Tantchen Josephine macht ihn sofort auf einen kolossalen grammatikalischen Fehler aufmerksam: Statt „dass“ hat er „das“ geschrieben.

Graf Olaf ist kein Mann, der Kritik wegstecken kann, aber er reißt sich am Riemen und bedankt sich artig für die Belehrung. Tante Josephine ist so angetan von „Kapitän Talmis“ Charme, dass sie überlegt, ihn zum Essen einzuladen. Entsetzt versuchen die Kinder, als sie wieder daheim sind, ihr diese Idee auszureden. Sie befürchten, der Graf werde sie wieder entführen, wie er es schon einmal versucht hat. Doch zu spät: Kapitän Talmi* kündigt sich bereits per Telefon an, dessen Hörer Violet abgenommen und dann der Tante gegeben hat.

Wenig später klopft es an der Tür …

* Liebe Kinder: Ich mache es wie der Autor und erkläre euch, was das Wort „Talmi“ bedeutet. Darunter versteht man so etwas wie einen Falschen Fuffziger, also etwas, das vorgibt etwas anderes, Wertvolleres zu sein, als es in Wirklichkeit ist. Im Original der Visitenkarte, die im Buch abgebildet ist, steht „Captain Sham“, wobei „sham“ fast das gleiche wie Talmi bedeutet.

_Mein Eindruck_

Zunächst lässt sich das Buch an wie eine jener Jammergeschichten aus dem 19. Jahrhundert, wie sie die Viktorianer so gerne schrieben, um das Bürgertums für das Elend der mehr oder weniger arbeitslosen Massen zu interessieren und an seine Wohltätigkeit zu appellieren. „Oliver Twist“ ist der klassische Fall solcher Literatur.

Doch dieses Bild hat einen kleinen Webfehler: Violet, Klaus und Sunny kommen selbst aus dem gehobenen Bürgertum, sind jedoch durch den Elternverlust auf die Herzensgüte ihrer diversen Verwandten angewiesen. Und diesen kann man nicht unbedingt Tauglichkeit für diese Aufgabe bescheinigen. Tante Josephine versteht erstens nichts von Menschen bzw. Kindern und ist zweitens so von Angst zerfressen, dass sie keinerlei Initiative aufbringen kann, wenn es darauf ankommt.

|Yankees, bitte vortreten!|

Hier ist bei den Kindern mal wieder der Unternehmergeist des Yankees gefragt. Am eigenen Schopf müssen sie sich wie weiland ein gewisser Baron aus dem Sumpf ziehen. Das Fenster der Bibliothek mag zerbrochen sein, ein Hurrikan mit aller Macht losbrechen, doch ein Yankee darf dennoch nicht verzagen. Klaus braucht zwar eine Weile, bis er die erste Lösung findet, doch dann hat er eine klare Handlungsanweisung. Der Schlüssel dazu ist seine eigene scharfsinnige Menschenbeobachtung.

Tante Josephine ist eine Person, die in Grammatikfragen viel zu pingeling ist, als dass sie einen vor Fehlern nur so strotzenden Abschiedsbrief vor ihrem mutmaßlichen Selbstmord (Sturz durchs Fenster) verfasst hätte. Nein, die einzige Erklärung für diese Diskrepanz liegt für Klaus darin, dass die Fehler mit Methode eingefügt wurden: eine Geheimbotschaft …

Beim Zweikampf auf dem See, als zugleich Kapitän Talmi, der Hurrikan und die gefräßigen Blutegel das Boot der Kinder angreifen, bewährt sich vor allem Violet. Mit ihrem erfinderischen Ingenieursverstand fällt ihr die rettende Lösung ein. Etwas bizarr mutet ihr Tun schon an, aber Hauptsache, es funktioniert und erfüllt seinen Zweck.

|Das Versagen der Erwachsenen|

Leider wird das heldenhafte Durchhalten der Kinder durch das Verhalten der Erwachsenen untergraben. Das Nervenbündel Tante Josephine hat den fiesen Tricks des piratenhaften Kapitän Talmi alias Graf Olaf (man stelle sich einen boshaften Jim Carrey vor!) rein gar nichts entgegenzusetzen. Ihre Angst lässt nur Flehen um das eigene Leben zu: Die Kinder sind entsetzt, sich so verrraten und verkauft zu sehen. Nicht einmal Tantchens geliebte Grammatik hilft ihr nun – im Gegenteil: Graf Olaf trickst sie durch ihre eigene Überkorrektheit aus. Merke: Wer der Welt entfremdet ist, kommt darin um.

Nicht einmal Mr. Poe glaubt, dass es sich bei Kapitän Talmi und Graf Olaf um ein und dieselbe schreckliche Person handelt. Hier kommt dann die kleine Sunny zum Zuge. Sie bringt ihre kräftigen vier Beißerchen zu einem entlarvenden Einsatz, der die Wahrheit ans Licht bringt. Merke: Erwachsene sind so dumm, dass sie nur ihren eigenen Augen trauen, denn Kinder haben nichts zu melden.

Neben logischem Denken (Klaus) und Erfindungsreichtum (Violet) sind also zum Überleben auch Mut und Körpereinsatz (Sunny) vonnöten. Ende der Lektion. Power to the kids!

|Übersetzung und Illustrationen|

Noch immer ist nicht ganz klar, in welcher Epoche sich das Geschehen abspielt. In Seufzersee fahren zwar Taxis und es gibt Telefone, aber ansonsten könnte sich die Handlung auch im 19. Jahrhundert abspielen. Dem angemessen sind die Illustrationen, die Brett Helquist passend stilisiert hat, als wäre die Epoche das frühe 20. Jahrhundert: Der Mann auf Seite 189 trägt einen Zylinderhut.

An der Übersetzung von Klaus Weimann gibt es nichts auszusetzen, und ich konnte keine Fehler entdecken. Hier wurde sorgfältig gearbeitet.

_Unterm Strich_

An dieser „Reihe betrüblicher Ereignisse“ gibt es zunehmend weniger auszusetzen. Der dritte Band ist vielmehr die reine Freude. Der Leser darf sich durch rätselhafte Aktionen, geheime Botschaften, falsche Identitäten, eine bedrohliche Natur und den finalen Showdown angemessen unterhalten fühlen.

Kinder hingegen können hier eine ganze Menge lernen. Dies betrifft nicht nur das Verhalten der drei Hauptfiguren, sondern auch die Sprache. Es ist eine Eigenart der Bücher von „Lemony Snicket“ (dies ist selbstverständlich ein nach Dickens klingendes Pseudonym), dass sich der Chronist der „betrüblichen Ereignisse“, der sich am Schluss wieder per Brief an den Finder und Herausgeber seiner Aufzeichnungen wendet, die schwierigen Wörter, die er benutzt, erklärt.

Dies können durchaus auch seltene Wörter sein, zum Beispiel „phantasmagorisch“. Kein normaler Mensch würde dieses Wort benutzen, geschweige denn wissen, was es bedeutet. Vielleicht kann ja auch der eine oder andere Erwachsene noch etwas dazulernen, wenn er Snickets gesammelte Aufzeichnungen liest.

|Hinweis|

Die Abenteuer der leidenden Waisen gehen weiter und führen sie im nächsten Band zur „unheimlichen Mühle“. Darin kommen ein Jeep vor, ein Observatorium, Hypnose, ein Chirurgen-Mundschutz und 68 Kaugummis. Des Rätsels Lösung folgt demnächst. Das Buch ist im Februar 2005 erschienen. Ich werde darüber berichten.

|Originaltitel: A Series of unfortunate Events – The wide Window, 2000
Aus dem US-Englischen übersetzt von Klaus Weimann, illustriert von Brett Helquist|

Black, Holly / DiTerlizzi, Tony – eiserne Baum, Der (Die Spiderwick-Geheimnisse 4)

In diesem Buch werden die spannenden und kuriosen Abenteuer dreier Geschwister fortgesetzt. Sie kommen aus der Stadt, müssen sich aber mit den Wundern und Gefahren des Landlebens herumschlagen. Und natürlich mit Elfen und Kobolden, nicht zu vergessen!

Diesmal verschlägt es das Trio in die Höhlen der Zwerge, gar nicht weit von ihrer Schule.

_Die Autoren_

Tony DiTerlizzi ist ein mehrfach ausgezeichneter amerikanischer Illustrator von Kinder- und Jugendbüchern sowie Rollenspielbänden. Zu seinen Werken gehören Arbeiten für Bücher von Tolkien, Anne McCaffrey, Peter S. Beagle sowie für das Kartenspiel „Magic the Gathering“ und „Dungeons & Dragons“. Er lebt mit seiner Frau Angela und seinem Mops Goblin (= Kobold!) in Amherst, Massachusetts, einem recht malerischen Städtchen in Neuengland. Lebte nicht auch die Dichterin Emily Dickinson dort? Mehr Infos: http://www.diterlizzi.com.

Holly Black wuchs laut Verlag in einem „alten viktorianischen Haus auf, wo ihre Mutter dafür sorgte, dass ihr die Geister- und Elfengeschichten nie ausgingen“. Ihr erster Jugendroman „Die Zehnte“ (2002) entwirft ein „schauriges Porträt der Elfenwelt“. Es wird von der American Library Association als „Best Book for Young Adults“ bezeichnet, eine gute Empfehlung für politisch korrekte Fantasy.

Holly lebt mit ihrem Mann Theo und einem „beeindruckenden Zoo“ in New Jersey. Mehr Infos: http://www.blackholly.com.

Die bisherigen Bände heißen:

1) Eine unglaubliche Entdeckung
2) Gefährliche Suche
3) Im Bann der Elfen
4) Der eiserne Baum

_Die Vorgeschichte_

Die Zwillinge Simon und Jared ziehen mit ihrer älteren Schwester Mallory von New York City aufs Land, nachdem sich ihre Eltern haben scheiden lassen. Sie leben jetzt bei ihrer Mutter, die sich nun keine New Yorker Wohnung mehr leisten kann, aber zum Glück noch ein Domizil von ihrer Großtante Lucinda überlassen bekommt: Haus Spiderwick. Es sieht wie eine Ansammlung übereinander gestapelter Hütten aus, findet Jared. Und ist mindestens hundert Jahre alt.

Als Jared erkundet, wohin der Speisenaufzug führt, landet er in einem geheimnisvollen Zimmer, aus dem keine Tür hinausführt. An der Wand hängt ein Porträt seines ehrwürdigen Ahnen Arthur Spiderwick, und auf dem Sekretär liegt ein altes, vergilbtes Blatt Papier. Darauf steht ein Rätsel, und obwohl Jared eigentlich nicht der Bücherwurm der Familie ist, muss er sofort das Rätsel lösen.

Hoch oben im obersten Kämmerchen des Hauses landet er endlich vor einer großen Truhe. Er strengt seinen Grips an und findet darin ein Buch. Es ist das allerseltsamste Buch, das er jemals gesehen hat. Es handelt von Elfen: „Arthur Spiderwicks Handbuch für die fantastische Welt um dich herum“. Das Wichtelmännchen Thimbletack, quasi der Hausgeist von Spiderwick, hat Jared ermahnt, das Buch schnellstens loszuwerden, doch der wollte nicht hören. Nun müssen alle die Folgen tragen.

_Handlung_

Mallory, die 13-jährige Tochter der Rumpffamilie Grace, hat einen großen Tag: Sie feiert beim Schulturnier im Florettfechten einen Sieg und erringt eine Medaille. Ihre Brüder Jared und Simon beobachten das Geschehen und bemerken erstaunt, wie sich ein anderes Mädchen an Mallorys Sporttasche zu schaffen macht. Und gleich darauf auch noch ein Junge.

Jared war noch nie ein Grübler und ergreift die Initiative. Er will die beiden zur Rede stellen, doch das gelingt ihm nur mit dem Jungen. Draußen auf dem Gang scheint sich dieser zu verwandeln und Jared zückt vorsichtshalber sein Messer. Da ergreift sein Gegner die Flucht, und es klingt, als lache er. Leider sind die Zeugen, darunter Jareds betrübte Mutter, keineswegs erbaut von Jareds geschickter Handhabung einer illegalen Stichwaffe auf dem Schulgelände und erteilen ihm einen zehntägigen Verweis. Das Messer kann er natürlich vergessen.

Vergeblich suchen Jared und Simon nach ihrer Schwester auf dem Schulgelände. Mallory erscheint wie vom Erdboden verschluckt. Nur ihre Medaille finden sie, in einem Kreis von Steinen. Auf einem der Steine steht „HANDEL“.

Hm, in der Nähe befindet sich ein Steinbruch, fällt ihnen ein. Mit einer Taschenlampe ausgerüstet, explorieren sie das Gelände und landen vor einem Steintor mit der rätselhaften Inschrift: „RÜDE ALM TOPF NUR ELF KAI“. Die Inschrift besteht aus selbst leuchtenden Pilzen. Ulkig, und was bedeutet das?

Nachdem es Simon, dem Schlaukopf, gelungen ist, das Rätsel zu lösen, werden sie am Tor von drei Zwergen mit langen Bärten begrüßt – und sogleich gefangen genommen! Eingesperrt in einen Käfig auf Rädern, stehen sie bald dem Zwergenkönig, dem Korting, gegenüber. Es geht – wie könnte es anders sein – um einen HANDEL: Mallory gegen das „Handbuch für die fantastische Welt um dich herum“.

Damit hat Jared gerechnet und ein Buch mitgebracht, natürlich nicht das „Handbuch“. Womit er hingegen ganz und gar nicht gerechnet hat, ist, seine Schwester in einem gläsernen Sarg wiederzufinden. Sie ist gekleidet in ein weißes Gewand, hält ein Schwert und ist scheinbar – kann es sein? – tot! Schneewittchen lässt grüßen.

_Mein Eindruck_

Anders als der Vorgängerband ist „Der eiserne Baum“ geradezu prallvoll mit Action und unerwarteten Wendungen. Schon im ersten Drittel der Geschichte kommt es zu einer ersten Auseinandersetzung, doch der Gegner verhält sich anders als erwartet, und Jared hat keine Chance herauszufinden, um wen es sich handelt. Es würde ihm sowieso keiner glauben, was er gesehen hat.

Im zweiten Drittel stehen die Zwerge im Vordergrund. Es ist eine recht interessante Kultur, auf die Jared und Simon treffen. Da Zwerge bekanntlich Meister im Verarbeiten von Metallen und Edelsteinen sind, glänzen und funkeln ihre unterirdischen Hallen nur so davon. Aber sie können noch mehr: Sie sind auch unübertroffen im Herstellen von künstlichen Organismen. Ihre Wachhunde bestehen komplett aus Metall und erscheinen beinahe lebendig. (Wie lebendig sie sind, erfahren die Geschwister auf ihrer Flucht.)

Höchst interessant ist die Überzeugung der Zwerge, den Tod durch ihren Erfindungsreichtum besiegt zu haben. Von Blumen über Vögeln bis hin zu einem ganzen (titelgebenden) Baum besteht alles aus Metall. In merkwürdigem Gegensatz zu dieser Überzeugung steht hingegen, dass die Gesichter aller Zwerge runzlig vor Alter sind. Nichtsdestotrotz glauben sie, dass sie Mallory, ihrem Schneewittchen, einen Gefallen getan haben: Sie sei nun nicht mehr sterblich wie ihre beiden bedauernswerten Brüder.

Allerdings sehen diese die Angelegenheit ganz anders und denken fortan nur noch an Flucht – mit ihrer Schwester, versteht sich …

Mulgarath – ein Name, den man sich merken sollte. Der Name fiel bereits am Rande der Handlung in Band 3, doch hier hat das Wesen mit dem düsteren Namen einen eindrucksvollen und – besonders für die Zwerge – verhängnisvollen Auftritt. Ich fürchte, die Geschwister werden noch enge Bekanntschaft mit ihm schließen müssen.

|Illustrationen und Übersetzung|

Diese Abenteuer erstrecken sich über mindestens sechs Bände, alle davon sehr schön illustriert und buchbinderisch wertvoll gestaltet (Fadenbindung – wo gibt’s das heute noch?). Der Illustrator Tony DiTerlizzi bedankt sich für die Inspiration dazu bei Arthur Rackham, einem der berühmtesten Zeichner für Kinderbücher aus der viktorianischen Ära. Rackham illustrierte beide Bücher über „Alice im Wunderland“ und natürlich auch „Grimms Märchen“ (sehr schön in der |Heyne|-Ausgabe).

Das klingt nach einem netten Bilderbuch, und das ist es auch. Es eignet sich wohl ab acht bis zehn Jahren – leider fehlt hier ein Hinweis vom Verlag. Mallory ist jedenfalls schon 13 und kann immer noch etwas mit dem Elfenbuch anfangen. Ältere Leser finden die Bilder vielleicht hübsch, aber die Handlung ist für sie wohl nicht so der Hit. Kinderkram, oder?

Schade nur, dass die Abenteuer jeweils nur 128 Seiten lang sind. Davon entfallen rund 20 Seiten auf Vor- und Abspann, und vom Rest wiederum etwa die Hälfte auf Illustrationen. Kein Wunder also, dass ein Erwachsener solch ein Buch binnen einer Stunde gelesen hat. Die Sprache ist relativ einfach gehalten (aber nicht mehr so einfach wie am Anfang), und die Übersetzerin Anne Brauner hat das Original angemessen übertragen.

_Unterm Strich_

Der vierte Band der „Spiderwick-Geheimnisse“ führt zu einem dramatischen Höhepunkt im Leben der Geschwister. Nicht nur, dass ihre Mutter Jared nun zu seinem Vater Richard weggeben will, nein, da wird auch noch Mallory entführt und muss unter Lebensgefahr befreit (wiederbelebt?) werden. Am Schluss stehen sie ihrem größten Widersacher gegenüber. Man darf gespannt sein, wie es weitergeht.

Ich fand Band 4 daher zufrieden stellender als das etwas handlungsarme „Im Bann der Elfen“. Wieder einmal gilt es, die solide und schöne Gestaltung des Buches hervorzuheben. Erstaunlich ist die detailgetreue Wiedergabe des Dokumentes, auf dem die Schulrektorin Jared der Schule verweist. Diese Wiedergabe erfolgt nicht auf dem normalen Buchpapier, sondern auf Hochglanzpapier, so dass man bestmögliche Qualität genießen kann. Gut fürs Kleingedruckte.

Der nächste Band trägt den nicht ganz unerwarteten Titel „Der Zorn des Mulgarath“.

|Originaltitel: The Spiderwick Chronicles 4: The Ironwood Tree, 2003
Aus dem US-Englischen übersetzt von Anne Brauner|
Englische Webseite der Serie: http://www.spiderwick.com

http://www.spiderwick.de

Black, Holly / DiTerlizzi, Tony – Im Bann der Elfen (Die Spiderwick-Geheimnisse 3)

In diesem Buch werden die spannenden und kuriosen Abenteuer dreier Geschwister fortgesetzt. Sie kommen aus der Stadt, müssen sich aber mit den Wundern und Gefahren des Landlebens herumschlagen. Und natürlich mit Elfen und Kobolden, nicht zu vergessen! Im vorhergehenden Band wurde einer von ihnen von grässlichen Kobolden entführt.

In diesem Band treten ein Waldelf auf sowie ein Phooka. Ein Phooka (ausgesprochen: púka) ist ein schwarzes Pferd, das der irischen Sage nach denjenigen in die Irre und den Untergang führt, der es reiten will oder ihm folgt. (Es kommt deshalb sogar in Stephen Kings [„Dreamcatcher“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=45 vor.) Na, und wie ein Waldelf aussieht, kann man sich ja (fast) denken – jedenfalls nicht wie Orlando Bloom.

_Die Autoren_

Tony DiTerlizzi ist ein mehrfach ausgezeichneter amerikanischer Illustrator von Kinder- und Jugendbüchern sowie Rollenspielbänden. Zu seinen Werken gehören Arbeiten für Bücher von Tolkien, Anne McCaffrey, Peter S. Beagle sowie für das Kartenspiel „Magic the Gathering“ und „Dungeons & Dragons“. Er lebt mit seiner Frau Angela und seinem Mops Goblin (= Kobold!) in Amherst, Massachusetts, einem recht malerischen Städtchen in Neuengland. Lebte nicht auch die Dichterin Emily Dickinson dort? Mehr Infos: http://www.diterlizzi.com.

Holly Black wuchs laut Verlag in einem „alten viktorianischen Haus auf, wo ihre Mutter dafür sorgte, dass ihr die Geister- und Elfengeschichten nie ausgingen“. Ihr erster Jugendroman „Die Zehnte“ (2002) entwirft ein „schauriges Porträt der Elfenwelt“. Es wird von der American Library Association als „Best Book for Young Adults“ bezeichnet, eine gute Empfehlung für politisch korrekte Fantasy.

Holly lebt mit ihrem Mann Theo und einem „beeindruckenden Zoo“ in New Jersey. Mehr Infos: http://www.blackholly.com.

_Die Vorgeschichte_

Die Zwillinge Simon und Jared ziehen mit ihrer älteren Schwester Mallory von New York City aufs Land, nachdem sich ihre Eltern haben scheiden lassen. Sie leben jetzt bei ihrer Mutter, die sich nun keine New Yorker Wohnung mehr leisten kann, aber zum Glück noch ein Domizil von ihrer Großtante Lucinda überlassen bekommt: Haus Spiderwick. Es sieht wie eine Ansammlung übereinander gestapelter Hütten aus, findet Jared. Und ist mindestens hundert Jahre alt.

Als Jared erkundet, wohin der Speisenaufzug führt, landet er in einem geheimnisvollen Zimmer, aus dem keine Tür hinausführt. An der Wand hängt ein Porträt seines ehrwürdigen Ahnen Arthur Spiderwick, und auf dem Sekretär liegt ein altes, vergilbtes Blatt Papier. Darauf steht ein Rätsel, und obwohl Jared eigentlich nicht der Bücherwurm der Familie ist, muss er sofort das Rätsel lösen.

Hoch oben im obersten Kämmerchen des Hauses landet er endlich vor einer großen Truhe. Er strengt seinen Grips an und findet darin ein Buch. Es ist das allerseltsamste Buch, das er jemals gesehen hat. Es handelt von Elfen: „Arthur Spiderwicks Handbuch für die fantastische Welt um dich herum“. Das Wichtelmännchen Thimbletack, quasi der Hausgeist von Spiderwick, hat Jared ermahnt, das Buch schnellstens loszuwerden, doch der wollte nicht hören. Nun müssen alle die Folgen tragen.

_Handlung_

Wer weiß am besten über die Geheimnisse hinter dem Buch Bescheid?, fragen sich die Kinder. Thimbletack setzt ihnen mit üblen Streichen zu. Ihnen fällt nur Grotante Lucinda ein. Sie besuchen sie im Altenheim, das eher einem Herrenhaus gleicht. Als sie mit der weißhaarigen Dame allein sind, erzählt sie ihnen, wie sie die Elfen kennen gelernt hat. Die kleinen Wesen besuchen sie immer noch.

Als Jared entdeckt, dass jemand sein kostbares Handbuch vertauscht hat, fällt ihm zunächst seine Schwester Mallory ein, aber das ist unfair. Dann enthüllt ein Zettel, dass Thimbletack zugeschlagen hat. Vielleicht befindet es sich nun in Onkel Arthurs riesiger Bibliothek? Dort finden sie zwar nicht das Buch, aber immerhin die Landkarte, die vorne im vorliegenden Band abgedruckt ist.

Durch einen Trick entgehen sie dem Versuch des Irrgrases, sie in die Irre zu führen, und landen im Wald. Auf einem Ast sitzt ein seltsames Wesen, das ihnen lediglich mit rätselhaften Sprüchen antwortet: ein schwarzes, affenartiges Wesen mit Pferdegesicht und Hasenohren (4 Stück!). Sie schlagen seine Warnungen in den Wind und geraten auf eine Lichtung mitten im Wald, die offenbar magisch bewacht wird. Sie sind gefangen.

Drei Waldelfen begrüßen sie, um das Handbuch zurückzuverlangen. Unterdessen macht Mallory die Bekanntschaft mit einem kleinen Einhorn. Jared zermartert sein Hirn, wie er die Elfen reinlegen kann, um wieder in die Freiheit zu gelangen, ohne den Elfen das Buch, das er ja nicht hat, geben zu müssen. Da kommt ihm die Erleuchtung.

_Mein Eindruck_

In diesem Abenteuer lernen wir drei weitere Fabelwesen kennen: das Einhorn, das Phooka und die Herrscher des Waldes, Herrn Lorengorm und seine zwei Gefährten. Alle Begegnungen sind recht kurz und bis auf eine mit nur wenig Erkenntis belohnt. Mit dem Einhorn nämlich kann Mallory telepathischen Kontakt aufnehmen. So erfährt sie, dass die Einhörner vom Aussterben bedroht sind, weil man sie seit Jahrhunderten wegen ihres schönen gewundenen Horns gejagt hat.

Ansonsten aber dreht sich alles um den Besitz von „Arthur Spiderwicks Handbuch für die fantastische Welt um dich herum“. Onkel Arthur war wohl an allem schuld! Was den Kindern aber neue Hoffnung gibt, ist die Information, die ihnen Großtante Lucinda verrät: Dass Arthur eines Tages verschwunden sei. Und was, wenn er in das Land der Elfen gegangen ist, wo bekanntlich die Zeit ganz anders vergeht? Dann könnte er sogar noch am Leben sein und ihnen ein paar Tipps geben, wie sie das Handbuch wiederbekommen können. Oder wenigstens, wie sie klüger damit umgehen. Denn es scheint unter den Fabelwesen ein wahrer Zankapfel zu sein. Es verrät den Menschen zu viel über sie und verleiht ihnen Macht. Und dies stellt eine Gefahr dar – wie man am halb verhungerten Greif Byron (aus Band 2) und dem Einhorn ablesen kann.

Wie man sieht, erlernen die Spiderwick-Kinder Schritt für Schritt, dass die Macht, die das Handbuch verleiht, auch Verantwortung mit sich bringt – und jede Menge Ärger mit den Fabelwesen. Das erinnert an die einfache Lehre, die wir aus Spider-Mans Abenteuern ziehen: „Mit großer Macht geht große Verantwortung einher.“ Die kleinen Leser der Spiderwick-Abenteuer können diese Lektion nicht früh genug lernen.

|Illustrationen und Übersetzung|

Diese Abenteuer erstrecken sich über mindestens sechs Bände, alle davon sehr schön illustriert und buchbinderisch wertvoll gestaltet (Fadenbindung – wo gibt’s das heute noch?). Der Illustrator Tony DiTerlizzi bedankt sich für die Inspiration dazu bei Arthur Rackham, einem der berühmtesten Zeichner für Kinderbücher aus der viktorianischen Ära. Rackham illustrierte beide Bücher über „Alice im Wunderland“ und natürlich auch „Grimms Märchen“ (sehr schön in der |Heyne|-Ausgabe).

Das klingt nach einem netten Bilderbuch, und das ist es auch. Es eignet sich wohl ab sechs bis acht Jahren – leider fehlt hier ein Hinweis vom Verlag. Mallory ist jedenfalls schon 13 und kann immer noch etwas mit dem Elfenbuch anfangen. Ältere Leser finden die Bilder vielleicht hübsch, aber die Handlung ist für sie wohl nicht so der Hit.

Schade nur, dass die schön illustrierten Abenteuer jeweils nur 128 Seiten lang sind. Davon entfallen rund 20 Seiten auf Vor- und Abspann, und vom Rest wiederum etwa die Hälfte auf Illustrationen. Kein Wunder also, dass ein Erwachsener solch ein Buch binnen einer Stunde gelesen hat. Die Sprache ist einfach genug, und die Übersetzerin Anne Brauner hat das Original angemessen übertragen.

_Unterm Strich_

Für Leseratten zwischen sechs und acht Jahren sind die Abenteuer der Spiderwick-Kinder optimal geeignet, um mit Fabelwesen wie Elfen (in allen Größen), Greifen, Phookas, Kobolden und anderen Bekanntschaft zu machen.

Doch das Buch ist keine trockene Enzyklopädie der Fabelwelt, sondern erzählt eine humorvoll gestaltete Geschichte um den Besitz des „Handbuchs für die fantastische Welt um dich herum“. Dabei fehlt es auch an Spannung nicht, denn wieder einmal geraten die Kinder in eine ausweglos scheinende Lage.

Dieser Band ist, wie alle Bücher der Reihe, sehr schön gestaltet, so dass er sich auch als Geschenk zum Geburtstag gut eignet. Die Schrift ist augenfreundlich gesetzt: nicht schwarz, sondern dunkelbraun und so groß, dass man sich bestimmt nicht die Augen verdirbt, selbst wenn man schon Oma ist und aus dem Buch vorliest.

|Hinweis:|

Im nächsten Band machen die Kinder nähere Bekanntschaft mit dem König der Zwerge. Wir sind bereits gespannt.

|Originaltitel: The Spiderwick Chronicles 3: Lucinda’s Secret, 2003
Aus dem US-Englischen übersetzt von Anne Brauner|
Englische Webseite der Serie: http://www.spiderwick.com

http://www.spiderwick.de

Orson Scott Card – Enders Schatten (Shadow #1)

„Enders Schatten“ ist die parallel geführte Geschichte zu „Ender: Das große Spiel“, das demnächst von Wolfgang Petersen verfilmt wird (siehe Imdb.com). Der vierjährige Junge Bean ist mit außergewöhnlicher Intelligenz ausgestattet und kann dadurch auf den gefährlichen Straßen überleben. Eine Ordenschwester macht das Militär auf ihn aufmerksam, und er darf an der Kampfschule an Bord einer Raumstation das Privileg genießen, zum Soldaten ausgebildet zu werden. Allerdings nicht gegen Menschen, sondern gegen im Weltraum lebende Aliens, die Schaben.

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Hearn, Lian – Schwert in der Stille, Das (Der Clan der Otori 1)

Ende des 15. Jahrhunderts: Eines Morgens wird Takeos Dorf überfallen, und er überlebt als einziger. Lord Shigeru vom Clan der Otori rettet ihn und nimmt ihn in seine Familie auf. Von ihm, einem Helden wie aus versunkenen Zeiten, lernt Takeo die Bräuche des Clans. Er lehrt ihn Schwertkampf und Etikette. Die Liebe zu Kaede entdeckt Takeo allein.

Als er herausfindet, dass er dunkle Kräfte besitzt – die Fähigkeit, an zwei Orten gleichzeitig zu sein und sich unsichtbar zu machen, und dass er so gut „hören kann wie ein Hund“ – gerät er immer tiefer in die Verwirrungen der Lügen und Geheimnisse, aus denen die Welt der Clan-Auseinandersetzungen besteht. Trotz seines Widerwillens ist es ihm bestimmt zu rächen. Takeo verbindet sein Schicksal mit dem der Otori.

_Die Autorin_

Lian Hearn, die eigentlich Gillian Rubinstein heißt und vor etwa 60 Jahren geboren wurde, lebte als Journalistin in London, bevor sie sich 1973 mit ihrer Familie in Australien niederließ. Ihr Leben lang interessierte sie sich für Japan, lernte dessen Sprache und bereiste das Land.

„Das Schwert in der Stille“ ist der erste Band der Trilogie „Der Clan der Otori“. Der zweite Band „Der Pfad im Schnee“ ist im Herbst 2004 im |Carlsen|-Verlag erschienen und wird im Februar 2005 bei |Hörbuch Hamburg| veröffentlicht werden. Der dritte Band „Der Glanz des Mondes“ ist bereits in England und den USA erschienen und wird bei |Carlsen| im Mai 2005 veröffentlicht.

„Das Schwert in der Stille“, der mittlerweile in 26 Sprachen übersetzt wurde, ist für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert. Gillian Rubinstein wurde in Göteborg mit dem „Peter Pan Award“ geehrt, denn die Trilogie „Der Clan der Otori“ ist beileibe nicht ihr erstes Werk, sondern sie hat bereits zahlreiche Kinder- und Jugendbücher verfasst. Mehr Infos unter http://www.otori.de.

_Die Sprecher_

Marlen Diekhoff, vielseitige Bühnen- und Filmschauspielerin, gehört nach Verlagsangaben seit rund 20 Jahren zum Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Für |Hörbuch Hamburg| hat sie bereits Texte von A. Baricco, Amélie Nothomb, Colette, Sándor Márai und „Tausendundeine Nacht“ gelesen.

August Diehl ist einer der angesehensten deutschen Schauspieler der jüngeren Generation. Er wurde für den Film „23“ mit dem Deutschen Filmpreis und dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Seitdem war er in „Kalt ist der Abendhauch“, „Tattoo“, „Was nützt die Liebe in Gedanken“ (neben Daniel Brühl) und in Schlöndorffs „Die neunte Stunde“ zu sehen.

Regie führte bei diesem Hörbuch Gabriele Kreis. Das Titelbild zeigt die Schwert-Abbildung der Buchausgabe.

_Handlung_

|Takeo und Shigeru|

Im abgelegenenen Bergdorf Mino wächst der Junge auf, der später den Namen Takeo erhält. Vorerst ist er Tomasu, 15 Jahre alt und soll bald heiraten. Sein Dorf ist deshalb so abgelegen, weil sich seine Bewohner verstecken. Sie sind die „Verborgenen“, die nicht an die Herrschaft der Clan-Lords glauben, sondern an den obersten und einzigen Gott, der über alle herrscht, so dass vor ihm alle gleich sind. Deshalb haben sie unter einigen Clans Feinde, vor denen sie sich verbergen, besonders vor den Tohan.

Als er eines Tages dem „Ruf des Berges“ folgt und im Wald Pilze sammelt, findet er bei seiner Rückkehr von seinem Zuhause und seinem Dorf nur noch rauchende Trümmer vor. Sein Stiefvater liegt tot auf der Straße, seine Eltern und Schwestern sind verschwunden. Es beginnt zu regnen. Aus dem Tempelschrein dringen Schreie.

Es ist Tomasu, als betrete er die Traumwelt. Er sieht die Überreste des Oberhaupts der Verborgenen Isao in Stücke zerrissen. Die Täter sind Gefolgsleute des Tohan-Clans aus Inuyama, der befestigten Hauptstadt des Gebietes. Hufgetrappel nähert sich. Da hat Tomasu eine weitere besondere Erfahrung: Er sieht voraus, wer da kommt. Es ist Iida Sadamu, der Oberlord der Tohan.

Erst jetzt wird Tomasus Anwesenheit entdeckt. Tomasu beleidigt Iida tödlich, als er dessen Pferd angreift und ihn so zu Fall bringt. Er flüchtet, verfolgt von drei Soldaten, in den nahen Wald. Auf halber Höhe springt ein Mann hinter einem Baum hervor, packt Tomasu und stellt ihn hinter sich in Sicherheit. Er übergibt den Jungen den Verfolgern keineswegs, sondern schlägt einem von ihnen den Kopf ab, einem anderen den Arm. Dieser Akt wird üble Folgen haben. Der dritte Verfolger gibt Fersengeld.

Der Kämpfer stellt sich als Otori Shigeru vor (Familien- immer vor Vornamen!). Sein Clan sind die Otori, die in Hagi am Meer, auf der anderen Seite des Gebirges, residieren. Lord Shigeru selbst hat vor kurzem von Lord Iida eine schwere Niederlage einstecken müssen. In der Schlacht von Yaegahara fiel – neben zehntausend anderen – auch Shigerus geliebter Bruder Takeshi. Seitdem haben die Otori schwere Gebietsverluste erlitten. Man braucht kein Wahrsager zu sein, um sich auszurechnen, dass Iida auch den Rest des Otori-Landes unterwerfen will.

Shigeru und der Junge, der sich von nun an Takeo nennen soll, um nicht als Verborgener erkennbar zu sein, eilen durchs Gebirge. Iidas Männer sind ihnen bestimmt auf den Fersen. Takeo hat sowohl Ehrfurcht als auch Respekt vor Lord Shigeru, besonders aber vor dessen Schwert Jato.

Immer wieder bemerkt Takeo, dass er viel schärfer hören kann als Shigeru. Und so belauscht er eines Nachts in einer Herberge Shigerus Stelldichein mit einer edlen Dame. Es ist Lady Maruyama, die etwas wirklich Besonderes ist. Nicht nur, dass ihr psychologischer Scharfblick, was Menschen angeht, geradezu an Zauberei grenzt. Auch ihr Haus ist das einzige, dessen Erbfolge in weiblicher Linie erfolgt. Sie spielt in Shigerus Racheplänen gegen Fürst Iida eine zentrale Rolle, und so verlobt er sich mit ihr: nicht nur im Wort, sondern im Fleisch.

|Hagi|

Hagi ist die erste größere Stadt, die Takeo in seinem Leben zu Gesicht bekommt. Der Fischerhafen wird beherrscht vom Schloss der Otori. Doch nicht Shigeru, wiewohl der rechtmäßige Erbe, wohnt dort, sondern seine zwei Onkel, die ihre eigenen Pläne mit ihm haben. Shigeru wohnt in einem wunderschönen Holzhaus inmitten eines großen Gartens am Fluss. Sofort nimmt man im Haushalt Takeos Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Takeshi wahr. Doch Shigerus Plan, Takeo zu adoptieren, wird von Ichiro, seinem Berater und Haushofmeister, abgelehnt. Zuerst müsse der Bengel vom Lande, der weder schreiben noch lesen kann, ausgebildet werden. Shigeru willigt gerne ein.

In einer Nacht nimmt Takeos außergewöhnlich scharfes Gehör eine Bewegung wahr, wo keine sein sollte. Es handelt sich um einen Attentäter, der es entweder auf Shigeru oder Takeo abgesehen hat. Der Angriff wird abgewehrt, doch bevor es Shigeru gelingt, den Mann zu fragen, wer ihn geschickt habe, nimmt dieser sich mit einer Giftkapsel das Leben. Takeo lebt gefährlich, doch er findet einen Freund in der Stadt.

|Kikuta|

Sein außergewöhnliches Verhalten erweckt das Interesse eines Freundes von Shigeru: Muto Kenji. Dieser eröffnet Takeo, dass er „vom Stamm“ sei – genau wie der Attentäter. Der Stamm sei einmal ein Volk gewesen, das es bereits vor den Clans gab und das Magie beherrschte. Die Stammesangehörigen verbargen sich vor den Clansleuten und wurden Gaukler oder, wie Kenji, Kaufleute. Auch Takeo ist offenbar ein Angehöriger des Stammes und zwar aus der Familie Kikuta. Wie Kenji kann er sich unsichtbar machen und an zwei Orten zugleich erscheinen, zugleich außergewöhnlich scharf hören und sehen.

Takeo gerät in einen Konflikt, der sein ganzes späteres Leben bestimmen wird: Er besitzt die von Kenji ausgebildeten Fähigkeiten eines Attentäters und Spions, doch sein christlicher Glaube gebietet ihm Mitleid, wo er es gefahrlos geben kann. Während Kenji ihn ob seiner Weichheit verachtet, steigt Takeo deshalb in Shigerus Achtung. Nun will er Takeo erst recht adoptieren. Doch die Onkel stellen dafür eine fiese Bedingung …

|Lady Kaede|

Das komplizierte Clan-System sieht vor, Geiseln auszutauschen, um Loyalität sicherzustellen. Die 15-jährige Kaede ist eine solche Geisel. Obwohl sie dem Clan Shiràkawa angehört, muss sie bei Lord Noguchi leben, einem Gefolgsmann Fürst Iidas. Zu ihrer Schmach muss sie zunächst beim einfachen Gesinde leben und wird ständig von den Wachleuten angemacht, jedes Jahr heftiger, je fraulicher ihre Erscheinung wirkt.

Eines Tages geht ein Wachmann zu weit, doch sie hat – zufällig? – ein Messer dabei, das eigentlich Hauptmann Arai gehört. Arai ist der einzige Mann weit und breit, der sie mit Respekt behandelt. Vielleicht hat er eigene Pläne mit ihr. Sie stößt dem zudringlichen Wachmann das Messer in den Hals, Arai kommt hinzu und tötet ihn, bevor er Kaede etwas antun kann.

Der Vorfall wird als Unfall vertuscht und die beiden Beteiligten decken einander. Doch nun hat Kaede ein schlechtes Image. Das ist überhaupt nicht gut, findet Lord Noguchi, der sie endlich in einem anständigen Zimmer unterbringen lässt. Nicht gut, weil Kaede bald heiraten soll. Doch wer würde eine Frau nehmen, die sich ihrer Haut zu wehren weiß? Und als der einzige Anwärter, der bereit wäre, sie zu heiraten, nach einem Zechgelage tot umfällt, gilt Kaede als von den Göttern verflucht. Wehe dem Mann, der ihr zu nahe kommt!

Dies passt allerdings ganz hervorragend in die Pläne von Fürst Iida und den beiden Otori-Onkeln Shigerus. Wenn sie ihre Zustimmung zu Takeos Adoption – mit entsprechendem Erbrecht – geben sollen, muss Shigeru Kaede heiraten. Doch wie sich zeigt, hat auch Lady Maruyama, Shigerus verbündete Verlobte, weit reichende Pläne.

Während also Kaede mit der Lady sowie Shigeru mit Takeo auf getrennten Wegen zu Lord Iidas wehrhaftem Hauptquartier Inuyama reisen, soll sich dort ihrer aller Schicksal erfüllen.

_Mein Eindruck_

„Das Schwert in der Stille“ bietet Gelegenheit, sich in der geheimnisvollen Welt der japanischen Clans zu verlieren. Doch die Zeit ist nicht die des Captain Blackthorn aus James Clavells Roman „Shogun“. Das 15. Jahrhundert liegt vor der Epoche des Shogunats, in der der Engländer Blackthorn gegen die Portugiesen auftritt (16./17. Jahrhundert). Entsprechend unsicher sind die Machtverhältnisse, die Clans bekämpfen einander. Und es sieht so aus, als würde Fürst Iida die Oberhand gewinnen.

Wenn es Takeo und Kaede nicht gäbe. Erzogen und ausgebildet von ihren Mentoren, dem Liebespaar Shigeru und Maruyama, spielen sie die Rolle des Züngleins an der Waage, ohne es zu ahnen. Doch eben weil das Gleichgewicht der Macht unter Iida so labil ist, kann jede kleine Aktion weit reichende Konsequenzen nach sich ziehen.

So erlöst Takeo beispielsweise eines Nachts vier „Verborgene“ von ihren Todesqualen. Als er im Vorüberhuschen von einem Bürger Yamagatas erspäht wird, hält ihn dieser für den Todesengel. Das nachfolgende Gerücht von Geistern und Engeln bringt die Stadt binnen kürzester Zeit an die Grenze des Aufruhrs, der von Iidas Truppen brutal niedergeschlagen werden muss. Dies ruft wiederum den „Stamm“ auf den Plan, der sich Takeo, den Unruhestifter, greift. Denn der „Stamm“ ist auf Stabilität angewiesen.

|Finale|

Der spannende Höhepunkt der Geschichte ist die schon lange von Takeo und Shigeru geplante Eroberung von Fürst Iidas Festung. Dass diese Festung ihre Tücken hat (vgl. den O-Titel), erhöht den Kitzel der Gefahr nur noch. Da erweist es sich als hilfreich, dass Takeo auf die Unterstützung von Angehörigen des „Stammes“ zählen kann. Und zu seinem Erstaunen spielt auch Lady Kaede, in die er sich auf den ersten Blick verliebt hat, eine entscheidende Rolle. Ihr Aufeinandertreffen in dieser Nacht der Entscheidung bleibt nicht ohne Folgen und bestimmt Kaedes Existenz in den Folgebänden.

|Außen und innen|

Der besondere Reiz der Erzählung liegt aber in der Beschreibung der Menschen und ihres Verhaltens. Hier erweist sich die Autorin als besonders einfühlsam und ausdrucksstark. Das Verhalten der meisten Hauptfiguren, insbesondere von Takeo und Kaede, ist stets verständlich, denn es wird sohl in seinen Motiven als auch in den Bedingungen seines Umfeldes geschildert. Wir können die Hauptfiguren praktisch von außen wie auch von innen sehen. Das verleiht der Geschichte – ebenso wie die zahlreichen Naturbeschreibungen – eine anrührende Dimension, die mich besonders bezaubert hat. Vor allem natürlich auch, weil mich Japan und seine alte Kultur seit jeher fasziniert haben.

|Die Sprecher|

August Diehl spricht den Ich-Erzähler Otori Takeo. Takeo erscheint als kräftiger, selbstsicherer junger Mann, der schon früh größtes Leid erfahren und bewältigen muss. Doch Grübelei und Melancholie sind seine Sache nicht. Ironie und Zynismus sind ebenso Takeo fremd, doch aufrichtigen Humor bekommen wir von ihm fast nie zu hören. Dafür ist unüberhörbar, wie sehr er seinen Mentor Shigeru achtet und liebt, so dass er sein eigenes Leben in die Waagschale wirft, um Shigerus zu retten.

Marlen Diekhoff spricht Lady Kaede in der dritten Person. Dieser Wechsel der Erzählperspektive ist leicht zu bewältigen und sorgt für Abwechslung. Diekhoff verfügt über eine sanfte, honigweiche Stimme, die ich ein wenig zu leise finde. Die größte Schwäche ist jedoch eine hörbare Brüchigkeit im Ausdruck, die wohl auf ihr Alter zurückzuführen ist. Als Folge erscheint uns Kaede als ein zerbrechliches Ding ohne eigenen Willen.

Nichts könnte falscher sein. Sie ist zwar die meiste Zeit eine Schachfigur im großen Spiel der Fürsten, doch unter der Obhut ihrer Stammes-Zofe Shizuka lernt sie schnell, sich zu verstellen und Gefahr abzuwenden. Und Gefahren gibt es in einem japanischen Frauenleben offenbar reichlich. Unter Shizukas Anleitung erlernt sie das Führen von Messer, Schwert und anderer Ding, die sich als Waffe einsetzen lassen. Was sich im richtigen Augenblick als sehr notwendig erweist. Diekhoffs Vortrag führt den Hörer in die Irre.

|Aussprache und Schreibweise|

Beide Sprecher bewältigen die sprachlichen Schwierigkeiten, die das Japanische bietet, mit großer Bravour. Sie haben sich offenbar kundig gemacht. Ganz besonders August Diehl muss mit vielen Namen zurechtkommen, die stets ein wenig von der Schreibweise abweichen. Ein paar Beispiele:

Otori: Die Betonung liegt im Japanischen eine Silbe VOR derjenigen, die im Indogermanischen betont wird. Hier würde man Otori auf der zweiten Silbe betonen. Doch im Japanischen liegt die Betonung auf der ersten: Es klingt wie [ottori]. Analog dazu wird Shirakawa auf der zweiten statt der dritten Silbe betont: [shirà kawa]. Analog dazu die Städtenamen Inúyama, Yamágata und Teráyama. Der name der Lady Kaede wird in zwei Silben ausgesprochen, denn [ae] ist ein Doppellaut und klingt wie [ei], nicht wie [ä].

Obwohl das Personal recht umfangreich ist, enthalten weder Buch noch Hörbuch eine Liste der dramatis personae. Lediglich im Buch (und auf der Webseite) kann sich der Interessierte anhand einer Landkarte orientieren, wie die Ortsnamen und die Namen der Clan-Domänen geschrieben werden. Meine Schreibweise ist der im Buch angeglichen.

_Unterm Strich_

Die gesamte Trilogie „Der Clan der Otori“ richtet sich an Jugendliche um 15 Jahre. Sowohl Lady Kaede als auch Otori Takeo sind in diesem Alter, als das erste Buch „Das Schwert in der Stille“ schließt. Beide wachsen in einer Erwachsenenwelt auf, die ebenso von Geheimnissen wie von Gefahren erfüllt ist. Und die Gefahr gilt immer dem Leben.

Gleichzeitig ist diese Initiation in die Welt eine Erkundung der eigenen Fähigkeiten, Gefühle und Gedanken. Da Takeo über nahezu magische Fähigkeiten verfügt, ist dieser lange Prozess umso faszinierender. Doch auch die grazile Kaede weiß eine Klinge tödlich zu führen, wenn’s drauf ankommt. Das Finale stellt alle Erwartungen an Action und Drama mehr als zufrieden. Der Epilog deutet jedoch an, dass sowohl Takeo als auch der gesamte „Stamm“ und obendrein Kaede in Gefahr sind.

Das Hörbuch halte ich nicht für hundertprozentig gelungen. Während August Diehls Passagen mich beeindrucken konnten, ertappte ich mich bei Marlen Diekhoffs Passagen dabei, leicht genervt zu sein. Mein Verdacht, dass ihre Darstellung Kaedes nicht mit der im Buch übereinstimmt, bestätigte sich bei der Lektüre der Fortsetzung „Der Pfad im Schnee“. Kaede ist eine ungewöhnlich intelligente junge Frau, die sich durchaus ihrer Haut zu wehren weiß.

_VORSICHT SPOILER_
Und seit ihrer Liebesbegegnung mit Takeo hat sie einen besonders guten Grund dafür: Sie ist schwanger. Ihr Kind wäre der Erbe der Domänen Otori, Maruyama und Shirakawa – eine eindrucksvolle Kombination geballter Macht. Falls die Mutter überlebt.
_ENDE SPOILER_

Mit gespannter Erwartung freue ich mich auf die Fortsetzung des Hörbuchs. Sie kommt am 21. Februar 2005 auf den Markt.

|Originaltitel: The Otori Clan vol. 1: Across the Nightingale Floor, 2002
Aus dem Englischen von Irmela Brender
510 Minuten auf 7 CDs|

Fritz Lang, Heinz Oskar Wuttig, Susa Gülzow – Die 1000 Augen des Dr. Mabuse

Gruselkrimi mit Tiefgang, sauber produziert

Man schreibt das Jahr 1957. Exakt 25 Jahre nach dem Selbstmord des Verbrechergenies Dr. Mabuse scheint jemand dessen Vermächtnis anzutreten, um die Grundfesten der Staatsgewalt zu erschüttern. Eine neue obskure Organisation ermordet den allzu neugierigen Fernsehreporter Peter Barter, bedroht die Mordkommission und nimmt als nächstes Opfer einen amerikanischen Industriellen ins Visier. Die Intrige gegen ihn ist fein gesponnen, doch wird Kommissar Kras rechtzeitig zur Stelle sein?

Fritz Lang, Heinz Oskar Wuttig, Susa Gülzow – Die 1000 Augen des Dr. Mabuse weiterlesen

Kennedy, Douglas – Um jeden Preis

_Liebe und Kabale im Filmgeschäft_

Drehbuchautor David Armitage lebt schon jahrelang am Existenzminimum, da bekommt er den Anruf, der seinen Aufstieg zum Zenit des Erfolgs einleitet. Doch Neider warten schon, und so ist der umso steilere Absturz nur eine Frage der Zeit.

|Der Autor|

Douglas Kennedy, 1955 geboren, lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in London. Er schreibt Hörspiele und Reisebücher, doch erst seine drei Romane „Nachtblende“, „Der Job“ und „Die Entscheidung“ brachten ihm Bestsellerruhm.

_Handlung_

Zehn Jahre lang hat sich David Armitage als erfolgloser Drehbuchautor abgerackert und mit diversen Jobs über Wasser gehalten, wobei ihm seine Frau Lucy stets treu zur Seite stand. Er liebt seine Tochter über alles und möchte ihr unbedingt eine schöne Zukunft sichern.

Er ist bereits Ende vierzig, da bekommt er endlich den Anruf, auf den er sein Leben lang gewartet hat: Seine Agentin teilt ihm mit, dass der Sender FRT sein Drehbuch für „Auf dem Markt“ gekauft habe und eine Serie daraus stricken wolle. Plötzlicher Reichtum liegt zum Greifen nahe – er hat aber auch ein Preisschild.

David muss die Serie zusammen mit einer attraktiven Mitarbeiterin des Senders entwickeln. Natürlich verliebt er sich Hals über Kopf in Sally und steigt mit ihr ins Bett. Das Verbergen der Affäre vor seiner langjährigen Angetrauten quält ihn, aber eines Tages kommt die Wahrheit ans Licht, und Lucy wirft ihn hinaus. Anstatt sich aus dem nächstbesten Fenster zu stürzen, stürzt sich David erst recht in die Arbeit an der TV-Serie „Auf dem Markt“, die in höchsten Tönen gepriesen wird, Zuschauerrekorde bricht und mit zwei Emmys ausgezeichnet wird. David ist auf dem Zenit seiner Laufbahn angelangt. Von hier an geht es steil abwärts.

Doch zunächst folgt ein für David recht merkwürdig anmutendes Intermezzo. Ein bekannter Milliardär namens Philip Fleck lädt ihn auf seine karibische Privatinsel ein, um über die Verfilmung eines von Davids Drehbüchern zu sprechen. Dummerweise taucht der Mann überhaupt nicht auf, vielmehr macht David die entzückende Bekanntschaft von Flecks Gattin Martha. Wenigstens kommt es nicht zu erotischen Verwicklungen, aber man hat die beiden beobachtet. Kurz bevor David gezwungen ist, nach L.A. zurückzufliegen, kann er kurz mit Fleck reden. Irgendwie scheint das Ganze ein gigantisches Missverständnis zu sein.

David klingen die Ohren, als wenige Tage später ein Klatschreporter der Hollywood-Presse seinen Namen in den Schmutz zieht und ihn des Plagiats zeiht. Beim ersten Mal kann David die Studiobosse noch hinter sich bringen, doch beim zweiten Mal steht er auf verlorenem Posten und stürzt ab: Verträge weg, Geliebte (Sally) weg, Familie weg – vielleicht sollte er doch noch aus dem Fenster springen.

Da taucht eines Tages in dem Nest, in das er sich verkrochen hat, Martha Fleck auf wie eine Erscheinung von einem anderen Stern. Sie erweist sich als Davids letzte Rettung. Denn natürlich war Davids Absturz kein Zufall.

_Mein Eindruck_

Ich weiß ja nicht, was der |Lübbe|-Verlag unter einem „spannungsgeladenen Thriller“ versteht, aber „Um jeden Preis“ ist keiner. Die einzigen Leichen, die sich hier häufen, sind die des verlorenen Ruhmes. Das Buch ist vielmehr eine rasant ablaufende Kolportagestory, die Johannes Mario Simmel gerade noch das Wasser reichen kann.

Mag ja sein, dass sich das Buch leicht begreifen lassen muss, um die angepeilte Zielgruppe zu erreichen, aber die Handlung und die daraus zu lernende Lektion über das „Leben im Filmgeschäft“ bringen nichts Neues, sondern wiederholen lediglich den Plot von Kennedys erstem Roman „Nachtblende“ (der durchaus spannend ist).

Zum anderen ist der moralische Zeigefinger ziemlich hoch erhoben: „Hochmut kommt vor dem Fall“. Das gilt nicht nur für David, sondern auch für seinen Widersacher Fleck (warum nur muss der einen solchen deutschen Namen tragen?). Das dürfte David aber auch kein Trost sein. Er weiß, der Mensch ist verführbar, Glück zerbrechlich und Liebe nur ein Four-letter-word. Wenigstens tritt am Schluss kein Moralapostel auf – die Erkenntnis und die Buße bringt David ganz von alleine fertig.

|Ein Abgesang auf die goldenen Neunziger|

In einem gewissen Sinne ist „Um jeden Preis“ ein Abgesang auf die goldenen Neunziger, wie man die Clinton-Ära zwischen den beiden Bushes („sex between the Bushes“) inzwischen nennen könnte. Die New-Economy-Seifenblase blähte sich auf und platzte 2000/2001 unter solchem Donnergetöse, dass die Börse fast zusammenbrach. Inzwischen konzentriert man sich wie David Armitage wieder auf das Notwendigste: die so genannte „Kernkompetenz“. Und im 21. Jahrhundert achtet man auf die Familienwerte, ebenfalls wie David. Fleck, der Milliardär, ist der anmaßende Intrigant, der das Filmgeschäft an sich reißen will, ein später Howard Hughes (dessen Leben unter dem Titel „The Aviator“ mit Leonardo DiCaprio, Cate Blanchett, Kate Beckinsale und weiteren Größen verfilmt wurde).

Dieser ganze Wandel wird von Kennedy noch etwas lebensphilosophisch verbrämt, indem sich David und Martha Gedichte der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson zuschicken – sozusagen kodierte Kurzbotschaften über die jeweilige Stimmung im Lande. So wunderschön Tante Emilys Gedichte auch sein mögen, ich finde ihre Verwendung in diesem Roman aufgesetzt und deplatziert.

_Unterm Strich_

Wer einen anspruchsvollen Thriller wie etwa von Ken Follett, Jeffery Deaver oder Minette Walters erwartet, sollte erst einmal alle Erwartungen nach unten schrauben und dann erst in den Roman einsteigen. Nachdem ich diese anfängliche Enttäuschung erst einmal verarbeitet hatte, konnte ich mich mit Vergnügen dem Rest des Buches widmen. Es hat durchaus ein paar witzige und nette Stellen, aber man merkt doch deutlich, dass sich der Autor in seinen Ansprüchen an den Leser zurückgehalten hat.

|Originaltitel: Losing it, 2003
Aus dem Englischen übersetzt von Gerlinde Schermer-Rauwolf, Barbara Steckhan, Thomas Wollermann|

Grangé, Jean-Christophe – purpurnen Flüsse, Die

In der Nähe von Grenoble wird in einer Felswand eine Leiche gefunden. Der Mann wurde stundenlang gefoltert, seine Augen fehlen. Wenige Stunden später findet der Pariser Hauptkommissar Pierre Niemans im Gletscher über dem Dorf Guernon eine zweite, ähnliche zugerichtete Leiche. Hat er es mit einem Serienmörder zu tun? Doch so einfach ist der Fall nicht.

_Der Autor_

Jean-Christophe Grangé stammt aus einer Reporterfamilie und hat schon früh mit dem Recherchieren von Fakten angefangen. 1996 beschäftigte er sich mit dem Thema Genetik. Aus dem Gedankenspiel eines abgeschlossenen Experimentierfeldes entstand der vorliegende Roman, der zu einem nationalen Bestseller wurde und den Franzosen ihr eigenes Thrillergenre bescherte.

An diesen Erfolg schloss der beredte und gebildete Grangé mit „Der Flug der Störche“, „Der steinerne Kreis“ und zuletzt mit „Das Imperium der Wölfe“ an. Wider Erwarten stammt „Der Pakt der Wölfe“ nicht von ihm, sondern von Pierre Pelot.

_Handlung – im Vergleich zum Film_

Der PROLOG des Buches fehlt im Film. Regisseur und Hauptdarsteller hatten sich wegen der Brutalität dieser Szene dagegen ausgesprochen. Außerdem hätte sie dem Zuschauer einen falschen Eindruck vom Rest der Handlung vermittelt.

In einem Pariser Fußballstadion findet ein Pokalendspiel zwischen zwei ausländischen Mannschaften statt. Danach randalieren die Hooligans von der britischen Insel in den Straßen. Die Polizei ist gerüstet. Eigentlich soll Kommissar Pierre Niemans, ein Bulle von einem Kerl und verhinderter Soldat, nur für den Überblick sorgen, doch schon bald stürzt er sich ins Getümmel, wo er durch wütende Brutalität Furcht und Schrecken verbreitet.

Bei der Verfolgung zweier Bewaffneter tötet er einen von ihnen beinahe. Fortan liegt der Mann im Koma und Niemans wird vom Dienst auf der Straße abgezogen. Sein Chef, der ihn während der Untersuchung aus der Schusslinie haben will, schickt ihn in die Provinz: nach Guernon in der Nähe von Grenoble. Niemans stöhnt, kann aber nichts gegen die „Degradierung“ unternehmen.

Anders als im Buch übernimmt Niemans vor Ort die Ermittlungen und gibt jene Anweisungen, die im Film Dahmane, der Chef der Gendarmerie, erteilt. Im Gegensatz zum Film ist also Niemans ständig im Mittelpunkt des Geschehens und auf dem Laufenden. Hier ist er kein Außenseiter und Besserwisser, auch kein Professor, sondern nur ein stinknormaler Kommissar mit einem verhängnisvollen Innenleben: Wird er in die Enge getrieben, reagiert er mit unkontrollierter Gewalt. Und er hat wirklich Angst vor Hunden. Das ist der Grund, warum er beim Wehrdienst untauglich geschrieben wurde. Da war er 17. Seitdem hat er es weit gebracht: Die Gendarmerie kennt ihn als Star, als Verfolger von Mördern und Dealern.

Die erste Leiche ist Rémy Caillois, 25, Chefbibliothekar an der Elite-Universität von Guernon, einer der ältesten Unis in Europa. Der Wanderer wird hoch oben in einer Schlucht entdeckt, aber nur weil sich seine Leiche im Wasser des Flusses spiegelte. Die Entdeckerin ist Fanny Ferreira, 25, eine Professorin für Geologie und Glaziologie, die auf dem Fluss Kajak fahren wollte. Als Ersten vernimmt Niemans den Uni-Rektor Vincent Louize, der praktisch über das ganze Tal herrscht. Wichtiges Detail: Manche der Lehrer sind auch an der Klinik der Uni tätig. Das traf bis 1982 auch für den Augenarzt Edmond Chernezé zu, der später eine wichtige Rolle spielt. Im Film liefert er bereits ganz zu Anfang entscheidende Hinweise. Im Buch taucht er jedoch erst spät auf.

Der wichtigste Helfer Niemans‘ ist jedoch eine Figur, die im Film überhaupt nicht vorkommt: Der junge Gendarm Eric Joisneau bewundert Niemans und gibt ihm den wichtigen Hinweis, dass an der Uni etwas nicht stimmt: Es gebe hier in Gestalt der Professorenkinder eine regelrechte Elite von Menschen. Auch Fanny Ferreira, die Niemans vernimmt, gehört zur Elite. Sofort empfindet er Sympathie für die robuste und hochintelligente Schöne und baggert sie ganz unverhohlen an. Der Gegensatz zwischen der Härte ihrer Worte, der Robustheit ihrer Bewegungen und der Sanftheit ihrer ausgeprägten Kurven zieht ihn an. Verschüttete Gefühle brechen sich Bahn …

Die Witwe des Ermordeten, Sophie Caillois, ist ebenfalls intelligent, aber auf streitlustige, abwehrende Weise – kein Wunder: Sie hält sich für das nächste Opfer. Sie verrät, dass ihr Rémy an einer Doktorarbeit über das altgriechische Ideal des Athlon, des geistig gebildeten Olympiakämpfers, schrieb und darin Ansichten seines Vaters Etienne übernahm, der ja ebenfalls Chefbibliothekar gewesen war. Sophie wirft Niemans beinahe hinaus, was diesen wütend macht. Er erfährt, dass Caillois schizophren und gewalttätig war.

Zur gleichen Zeit, 200 Kilometer entfernt: Der Marokkaner Karim Abdouf, 29, ausgebildeter Scharfschütze und nun zum Provinzbullen degradiert, wird wegen einer Grabschändung und einem Einbruch in die Dorfschule von Sarzac, Departement Lot, gerufen. Es ist das Grab eines Jungen (!) namens Jude Itéro, 1972 bis 1982. Im Grab wie auch in der Schule fehlen die Bilder des Jungen. Sein Chef Crozier setzt ihn auf die falsche Fährte von Skinheads als Tätern. Nach einer Schlägerei, die es auch im Film zu sehen gibt, erhält er den Hinweis auf einen weißen Lada, der in der fraglichen Nacht am Friedhof gesehen wurde.

Im Gegensatz zum Film ist die katholische Nonne, die er besucht, nicht die Mutter Judes, sondern Schwester André, die für Fabienne Pasquot, die Mutter, versucht die Fotos zu stehlen und alle zu vernichten. Wie im Film erzählt sie von den „Teufeln“, die Mutter und Kind verfolgt hätten, weil das Gesicht des Jungen sie verrate. Sie liefert den Hinweis auf einen Rummelplatz, zu dem der Junge immer gegangen sei, als er zwei Jahre in Sarzac lebte. Dort fällt Karim praktisch aus allen Wolken: Ein Feuerschlucker erinnert sich gut an „Jude“, denn er brachte „ihr“ das Feuerschlucken bei. Wieso „ihr“? Na, Jude war ein Mädchen! Es dauert noch weitere Stunden, bis Karim auf den Trichter kommt: Jude Itéro klingt im Französischen genau gleich wie Judith Hérault!

Unterdessen verhilft das Regenwasser in René Callois‘ Augenhöhlen Niemans zu einem Hinweis: Der saure Regen muss schon vor Jahren gefallen sein. Beim Anblick der Bergriesen ringsum kommt ihm die Erleuchtung: Das Wasser stammt aus einem Gletscher! Er schnappt sich die Eisforscherin und Bergsteigerin Fanny und steigt mit ihr ins Innere der Gletscherwelt hinab. Sobald die Sonne aufgeht, beginnt das Eis zu schmelzen und das Schmelzwasser als Bach und Wasserfall zu Tal zu rauschen. (Diese Szene ist äußerst spannend inszeniert und weiß auch im Film zu faszinieren.) Trotz der zunehmenden Gefahr entdeckt Niemans eine zweite Leiche, allerdings sieht er zunächst ihr Abbild im Eis – ähnlich wie bei Callois. Diesmal handelt es sich um den Klinikpfleger Philippe Sertys, 26. Welche Verbindung gibt es zwischen den Morden?

Sertys gehörte der weiße Lada, der in Sarzac gesehen wurde. Diese Spur führt nun Karim Abdouf nach Guernon, gegen den Widerstand seines Chefs. Es sieht so aus, als müssten sich die beiden degradierten Außenseiter Niemans und Abdouf zusammentun, um das Rätsel dieser Morde zu lösen. Und dadurch und mit Joinnots Hilfe stoßen sie auf ein weit größeres Geheimnis, das das Ende der Universität bedeuten könnte.

_Mein Eindruck_

Die Handlung des Romans ist wesentlich vielschichtiger und verzweigter als die des Films. Im Film sind nicht nur Figuren weggefallen, sondern ganze Ermittlungsketten. Die Mutter von Judith Hérault erscheint im Buch als eine wirklich kluge und raffinierte Beschützerin, der mehrere falsche Fährten auslegte, die (zunächst) auch einen abgebrühten Kriminaler wie Karim in die Irre führen. Wer hätte gedacht, dass Judith als Junge beerdigt wurde! Und wer käme darauf, dass ihr Sarg statt einer Leiche zahllose Rattenskelette enthält?

Endlich wird hier die so genannte Hintergrund-Story der Verbrechen in Guernon deutlich und verstehbar. Sie wird im Film nur bruchstückhaft sichtbar. An einer Stelle, als Niemans und Kerkerian im Auto fahren, gibt Niemans Erkenntnisse wieder, die zuvor nicht an ihn weitergereicht worden waren – deshalb erscheinen sie völlig aus der Luft gegriffen. Der Leser des Romans, der Hörer des Audiobooks aber weiß Bescheid.

[SPOILER]

|Ist der Schluss wirklich „enttäuschend“?|

Was aber die Kritiker dem Buch immer vorgeworfen haben, ist der enttäuschende Schluss. Sowohl der inzwischen verdoppelte Täter als auch die Hauptfigur, die uns von Anfang an begleitet hat – nicht Abdouf – müssen dran glauben. Aber warum? Wollte es sich der Autor leicht machen und einfach alle Hauptfiguren abservieren und nur einen Zeitzeugen übriglassen? Das wäre eine (zu?) billige Art und Weise, um sich aus der Affäre zu ziehen.

Vielmehr ist es ja so, dass sowohl Abdouf als auch Niemans zu den beiden Schwestern unabhängig voneinander eine Liebesbeziehung aufbauen. Für Abdouf wird Judith für 24 Stunden zu einer Art Märtyrerin wird, die er gut zu kennen glaubt: von ihrer geheimnisvollen Geburt über „den kleinen Jungen“ bis hin zum traumatisierten, aggressiv gewordenen Mädchen. Was Niemans im Film sagt: „Nicht sie!“, müsste eigentlich Abdouf sagen. Aber das passiert ja auch mit anderen Figuren so.

Niemans hingegen ist ein ausgebranntes Wrack, am Ende der Fahnenstange angelangt, ein „Opfer seiner Phantome“. Und so trägt er selbst die Schuld am grausamen Tod des jungen Polizisten Joinot, der ihn bewunderte und ihm den Weg zum finsteren Geheimnis der Elite-Uni Guernon zeigte. Niemans war Joinot und seinem wichtigen Hinweis auf den Augenarzt Chernezé nicht nachgegangen, ließ ihn im Stich: Chernezé, ein Teil der Verschwörer aus der Hintergrundgeschichte, tötete Joinot ohne Skrupel und löste seine Leiche im Säurebad auf – zu starker Tobak selbst für diesen Thriller (im Gegensatz zu „Das Schweigen der Lämmer“).

Als sich also Niemans in die attraktive Fanny Ferreira verliebt (siehe oben), trifft ihn das Liebesglück völlig unverhofft. Anders als im Film wird diese Liebe nicht durch Blicke angedeutet – Fanny dreht sich vor ihrer Haustür zu ihm um -, sondern zu einem erotischen Ereignis aufgebaut. Die Liebe wird vollzogen. Deshalb bedeutet es für den beglückten Niemans eine Art Weltuntergang, als er herausfindet, dass er nicht nur Joinots Tod auf dem Gewissen hat (wie kann er mit dieser Schuld leben?), sondern auch in Fanny eine der beiden Killerinnen liebt. Für das Trio, das in dieses Verhängnis verstrickt ist, scheint es keinen Ausweg mehr zu geben.

Man kann sich aber fragen, warum auch Fanny dran glauben muss. Sie erzählt Abdouf die ganze Geschichte, wie sie und Judith zusammenkamen und sich fortan eine einzige Existenz teilten. Wie ging das zu, fragen die Kritiker. Herrje, heutzutage fallen viele Menschen in die Anonymität und es kümmert niemanden. Doch Guernon und seine Uni waren eine eng zusammengewachsene Gemeinschaft, in der das Doppelleben Fannys auffallen musste. Das ist ist letzten Endes ein Problem, das der Autor nicht befriedigend löst. Worin aber besteht Fannys Schuld, die sie in den Augen des Autors zum Tode verurteilt? Es muss wohl ihre Mitwisserschaft, wenn nicht sogar Mittäterschaft sein.

Dieser ganze Komplex existiert im Film nur als winziger Abglanz. Der Regisseur hat dafür den Showdown auf den Gletscher verlegt, was an sich schon symbolisch ist: Die Wahrheit muss ans Licht des Tages. Sie macht Fanny und den sie liebenden Niemans frei, während Kerkerian sozusagen ihren Schutzengel spielt. Mir gefällt der Filmschluss wesentlich besser als die Ausweglosigkeit, in der die Leben von Niemans und den beiden Schwestern enden. Und wenn das Ende an den Haaren herbeigezogen erscheint, so sollte man sich mal nach dem Realismus der restlichen Geschichte fragen: Sie ist ja lediglich ein Gedankenexperiment des Autors über Genetik und Eugenik.

[SPOILER Ende]

_Unterm Strich_

Die „purpurnen Flüsse“, die die Verschwörer von Guernon „beherrschen“, sind nicht nur die Blutadern, sondern auch die genetischen Erblinien, die in Guernon manipulativ weitergeführt werden. Eigentlich wollten die Verschwörer ein Ideal erreichen: den „Athlon“ wiedererschaffen, den Athleten mit einem gebildeten Geist. Das ist ihnen ironischerweise auch gelungen: die modernen „Bill Gates“, wie Kommissar Dahmane im Film sagt.

Leider ist etwas schief gelaufen und nun ein Preis zu zahlen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Roman nicht sehr von moralischen Märchen über verrückte Wissenschaftler, die in B-Filmen der fünfziger Jahre in amerikanischen Matinee-Kinos zu sehen waren. Doch diesmal erfolgt die Rache auf eine so vertrackte Weise, noch dazu von Seiten der Frauen, dass sich das Buch über die Masse der B-Movies erhebt und sich dem Niveau von „Das Schweigen der Lämmer“ annähert. Der Film erreicht dieses Niveau nicht ganz, keine Frage, aber das Buch, das man nun auch hören kann, ist schon verdammt nah am Hannibal-Level dran. Dass die Hintergrundstory so verzwickt ist, daran trägt der Autor die Schuld. Am besten macht man sich ein paar Notizen, um den Überblick zu behalten.

|Originaltitel: Les rivières pourpres, 1997|

Lawhead, Stephen – Taliesin (Pendragon 1)

Hier beginnt Lawhead auf geniale Weise seinen bekannten |Pendragon|-Zyklus: Es beginnt alles im sagenhaften Atlantis. Und natürlich mit dem gewaltigen Untergang dieses Inselkontinents.

Der Brite Stephen Lawhead, geboren 1950 in Neuengland, war hierzulande durch seinen Zyklus „Das Lied von Albion“ und ein paar SF-Romane bekannt geworden. Seinen Durchbruch erlebte er erst mit dem Pendragon-Zyklus, der schon 1987/88 entstand. Bislang sind bei |Piper| die ersten vier Bände inklusive „Pendragon“ erhältlich, der im Original 1994 erschien.

Der Zyklus verschmilzt unterschiedliche Sagenstoffe aus der Ursprungszeit des englischen Frühmittelalters, mit dem Schwerpunkt im 4. bis 5. Jahrhundert, der Zeit der Sachseninvasion. Der Bogen, den Lawhead spannt, reicht von Atlantis über die keltischen Barden und Druiden (Taliesin) bis zur Merlin- und Artussage, die uns vertraut ist.

Dabei belässt es der bekennende Christ Lawhead nicht bei einer Nacherzählung von Liebes- und Heldengeschichten, wie das minder begabte Autoren gerne tun. Vielmehr betrachtet er die Zeit, in der Englands größte Barden, Taliesin und Merlin, lebten, als die Periode des Übergangs von der alten keltischen zur neuen römisch-christlichen Religion und Kultur, oder mythologisch ausgedrückt: die Zeit des Zwielichts nach den keltischen bzw. römischen Göttern und vor der Durchsetzung des christlichen Glaubens auf den britischen Inseln, bedroht von der Dunkelheit, die von den Invasionen der Pikten, Angeln und Sachsen ausgeht.

|Der Pendragon-Zyklus|

– Taliesin (1988)
– Merlin (1988)
– Artus (1989)
– Pendragon (1994)
– Grail (1997)

_Handlung_

„Taliesin“ erzählt zunächst parallel zwei Lebensgeschichten, nämlich die der Chronistin, Prinzessin Charis‘ von Atlantis, der Tochter König Avallachs – und die von Taliesin und seinem Pflegevater Elphin, der das Findelkind aus einer Fischreuse rettet. Prinzessin Charis wächst zunächst unbeschwert in einer luxuriösen Umgebung auf, wie sie z. B. an einem antiken griechischen Königshof zu finden gewesen wäre, erzogen im Glauben an die Götter und die Weissagungen der Priestermagier.

Doch schon bald taucht ein Prophet aus der Wildnis auf, der den baldigen Untergang des Inselkontinents verkündet. Niemand hört auf ihn, doch als Teilerfüllung seiner Weissagung bricht Streit zwischen den Atlanter-Königen aus, der Hochkönig fällt einem Attentat zum Opfer, und Krieg bricht aus. In dessen Verlauf stirbt Charis’ Mutter, ihr Vater Avallach wird schwer verwundet. Charis, die unter der Schuldzuweisung ihres Vaters – sie sei schuld am Tod ihrer Mutter – leidet, sucht den Tod in der Stiertänzerarena. Wer einmal das Wandfresko im Königspalast von Knossos gesehen hat, weiß, was gemeint ist: Eine Truppe von Tänzern springt auf den Rücken und oft sogar auf die Hörner eines heranstürmenden Bullen, nur um dann einen doppelten oder gar dreifachen Salto zu vollführen. Die hinreißende Kühnheit und Akrobatik einer solchen Vorführung darzustellen, gelingt Lawhead ausgezeichnet.

Charis hört nach ihrem größten und gefährlichsten Tanz auf und kehrt nach Hause zurück, in ein Heim, so desolat und
hoffnungslos, dass sie nicht lange wartet und alles in Gang setzt, um ihr Volk von der dem Untergang geweihten Insel zu bringen. Sie hatte auf der Heimreise den Propheten aus der Wildnis erneut getroffen und die Bestätigung seiner ersten Weissagung erhalten: Der Boden unter ihren Füßen bebt zunehmend öfter.

Wenigen tausend Atlantern gelingt es, dem vollständigen Untergang der Insel zu entkommen und nach vier Monaten Irrfahrt in Cornwall zu landen, wo sie ein neues Königreich, Llyonesse, errichten. Dort trifft Charis Taliesin.

Er ist ein Seher und Weiser und hat die Gabe des mitreißenden Gesangs. So schaut er unter anderem seine eigene Zukunft: Die „Dame vom See“ ist Charis, der Schöpfer mit dem blendend weißen Gesicht ist der Christengott. Lawhead macht von vornherein klar, dass Taliesin die wichtigste Figur des Buches ist – neben Charis – und dass der Verlauf der ganzen Handlung auf ihn zugeschnitten ist. Im Folgenden wird klar, warum.

Durch die Angriffe der wilden Pikten, Skoten und Sachsen gerät die Heimat Taliesins in höchste Gefahr, und sein Clan kann sich schließlich nur retten, indem er zu König Avallachs Palast, der „Insel aus Glas“, flieht. Dort wird den Kelten Asyl gewährt und schließlich sogar ein Stück Land gegeben.

In die wachsende Liebe zwischen Taliesin und Charis mischen sich jedoch die zauberische Morgian (= Morgaine) und der eifersüchtige atlantische Seher Annubi ein. Beide bringen viel Leid über das Liebespaar, so dass die beiden nach heimlicher Heirat nach Wales wegziehen, wo Charis ein Kind zur Welt bringt, das bei der Geburt fast stirbt, würde ihm nicht Taliesin seinen zauberkräftigen Lebensatem einhauchen: Merlin – so benannt nach einem kleinen verletzten Falken, den Charis gesund gepflegt hatte. Taliesin, nicht wenig stolz, verkündet den benachbarten Adligen, dass sein Sohn einst ihr König und zudem der Retter der Welt sein würde.

Nach einer falschen Aufforderung zur Rückkehr von Charis‘ Vater, die aber offenbar von Morgian kam, wird Taliesin auf der Heimreise von einem Pfeil getötet. Charis verfasst die Chronik Taliesins, doch dem Leser ist klar, dass noch einiges zwischen Merlin und der verschwundenen Morgian geschehen wird. Wer die Artuslegende kennt, weiß, dass die Zauberin auch für Artus einiges in petto hat.

Lawhead gelingt es, die Romangestalten in ihrer geistig-kulturellen Umgebung lebendig und uns ihre Beweggründe begreiflich zu machen. Leider ist er nicht sonderlich gut darin, intensive Gefühle aus tieferen Schichten der Charaktere darzustellen, so dass er zuweilen oberflächlich wirkt. Die Trauer um Taliesins Tod jedoch geht wirklich zu Herzen. Der atheistisch eingestellte Leser findet die Wandlung Taliesins zum Christen und die Darstellung der ersten Mönche sowie Taliesins Vision von Gottes Königreich auf Erden wohl etwas missionarisch eingefärbt. Wer jedoch sowieso gläubiger Christ ist, dem könnte dies sogar überzogen erscheinen, denn Artus wird als die christliche Licht- und Rettergestalt hingestellt.

_Fazit_

Der „Pendragon“-Zyklus ist eine lebendige, farbige Schilderung einer Epoche des Übergangs und vermittelt auf spannende Weise ein Bild vom chaotischen Anfang der Kultur des Abendlandes. Dabei konzentriert sich Lawhead völlig auf die Ereignisse auf der britischen Insel, auch mit eindeutig nationalistischen Tönen – die er den diversen Berichterstattern in den Mund legen kann. Nebenbei ist der Zyklus eine Studie, wie man unterschiedlichste Sagenstoffe – Atlantis, die Artus-Legende, die Epen des keltischen Mabinogion – erfolgreich miteinander verschmelzen kann.

Der Übersetzer mochte zwar über das altertümelnde Englisch des Originals unglücklich sein, das dem heutigen deutschen Leser schwer zu vermitteln ist, aber er löst seine Aufgabe mit Bravour: So könnten deutsche Erzähler zu Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben haben – mit Pathos. Am ehesten erträglich ist dieser Ton im ersten Band, „Taliesin“, und im Bericht Bedwyrs in „Artus“. Das |Piper|-Lektorat hat mehrere Fehler übersehen, so etwa „Mabigonen“ statt „Mabinogi“ in „Artus“. Und mehrere Ortsangaben können so nicht stimmen. Bedauerlich ist auch das Fehlen der Originalangaben über die Aussprache der zahlreichen keltischen Namen. Nur Eingeweihte können daher halbwegs Namen wie Myrddin (= Merlin) halbwegs korrekt aussprechen.

Harrison, M. John – Licht

1999: Radioastronomen entdecken eine Zone in unserer Milchstraße, in der alle bekannten Regeln der Physik ihre Gültigkeit verlieren und in der sich die Realität geradezu aufzulösen scheint.

400 Jahre später: Man hat entdeckt, dass es in dieser Zone von Artefakten nicht-menschlicher Kulturen nur so wimmelt. Hier macht eine junge Raumfahrerin am Rande dieser Zone, dem „Strand“, eine Entdeckung, die weit in die Vergangenheit weist, ins Jahr 1999 … (Verlagsinfo, modifiziert)

_Der Autor_

Der 1945 geborene Engländer M(ichael) John Harrison lebt und arbeitet in London. Wenn er nicht gerade eine Felswand erklimmt. Der begeisterte Bergsteiger begann 1968 seine ersten Storys zu veröffentlichen, und zwar gleich in dem Avantgarde-Science-Fiction-Blatt „New Worlds“, das unter der Herausgeberschaft Michael Moorcocks nicht nur die Szene kräftig aufmischte, sondern auch die Sittenwächter in Harnisch brachte. Bei diesem Magazin arbeitete er auch als Redakteur bzw. Buchlektor und durfte sogar Moorcocks Serienhelden Jerry Cornelius als Vorlage für eigene Storys verwenden. Kritiken schrieb er unter dem Pseudonym „Joyce Churchill“.

Sein erster Roman „The Committed Men“ (1971) spielt in einem Post-Holocaust-Szenario und erinnert schwer an J. G. Ballards Katastrophenromane wie etwa „Highrise“ (Der Block, 1970), in dem die Zivilisation in die Barbarei zurückgefallen ist. Sein dritter Roman „The Centauri Device“ (1973), eine Space-Opera, verrät Harrisons Misstrauen gegen die eskapistischen Tendenzen der Science-Fiction-Form: Besagtes Alien-Gerät zerstört die gesamte Galaxis.

Harrisons bis dato zentrales Werk ist die „Viriconium“-Sequenz, für die er, könnte man sagen, zwanzig Jahre brauchte: „The Pastel City“ erschien 1971 und schilderte eine typische sterbende Erde à la Jack Vance und H. G. Wells, in der das Ende der Zeit in der gleichnamigen Stadt heraufdämmert, beobachtet nur durch die Insektenaugen von Alien-Invasoren. Obwohl das Setting das der |Sword and Sorcery Fantasy| ist, passiert überhaupt nichts Magisches.

Der zweite Roman trägt den Titel „A Storm of Wings“ (1980), der dritte hieß zunächst „In Viriconium“ (1982), später „The Floating Gods“. Der 1983 in „Interzone“ veröffentlichte Text „The Luck in the head“ wurde 1991 mit Ian Miller zu einer Graphic Novel umgearbeitet.

Harrisons zentrale Aussage, wie der Kritiker und Autor John Clute sie herausgearbeitet hat, lautet: „Jede persönliche Flucht aus der Welt muss verdient werden, indem man sich um eben diese Welt kümmert, denn nur wenn man sein Selbst, die Stadt und die zu erklimmende Felswand genau betrachtet und sich/sie in allen Einzelheiten wahrnimmt, erkennt man, was man zu verlassen wünscht.“ Nur die Schärfe und Kälte des wahrnehmenden Blicks variiert bei Harrison, nicht aber das Anliegen, die Welt zu erkennen.

Und weil dies alles so furchtbar ernst ist, kommen bei Harrison immer wieder Katzen vor, und nicht zu knapp. So auch in seinem neuesten Roman „Licht“.

_Handlung_

|Das Jahr 1999|

Der Geschichte verläuft auf zwei Zeitebenen. Im Jahr 1999 arbeiten zwei englische Quantenphysiker namens Brian Tate und Michael Kearney an einem neuen Quantenrechner. Beide experimentieren dabei mit Katzen – genau wie es einst der Quantenphysiker Schrödinger in seinem Gedankenspiel tat. Gleich im ersten Kapitel erfahren wir, dass Michael Kearney furchtbar von seinem Leben als Mann, der mit einer Magersüchtigen verheiratet war, angeödet ist und sich etwas Nervenkitzel als Frauenmörder verschafft.

Kearney ist aber auch ein Gehetzter: Er hat Visionen von einem in einem Würfel eingesperrten Dämon, den er „den Shrander“ nennt. Und dieser gibt ihm Befehle, die sich für so manchen am Forschungsprojekt Beteiligten als tödlich erweisen. Besonders dann, als man Kearney das Projekt wegnimmt …

Wie auch immer man zu Mord steht, so führt doch die Arbeit von Tate & Kearney zu einem relativ positiven Ergebnis: dem Grundstein für die interstellare Raumfahrt. Das ist ja auch was wert. Zu etwa der gleichen Zeit entdecken Radioastronomen den geheimnisvollen Kefahuchi-Trakt, eine Zone in unserer Milchstraße, in der die bekannten Gesetze der Einstein’schen und Newton’schen Physik keine Anwendung mehr finden. Fazit: eine interessante Gegend, die man sich mal anschauen sollte.

|Das Jahr 2400|

Der Kefahuchi-Trakt ist aber im Jahre 2400 nicht nur interessant, sondern auch tödlich. Die Menschheit hat ihre Nase in den Weltraum hinausgesteckt und ist dort im Randgebiet des Traktes, am sogenannten „Strand“, auf etliche seltsame Artefakte gestoßen. Diese stammen von diversen Alienrassen, die hier ein Sonnensystem verschoben haben und dort ein Planetchen. Die Artefakte sind – ähnlich wie in Hamiltons „Armageddon“-Zyklus und Reynolds‘ [„Unendlichkeit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=503 – Ziele von Prospektoren und anderen Glücksrittern.

Allerdings haben sie nicht mit K-Käpten Seria Maú Genlicher gerechnet, die ihnen mit ihrem hypermodernen K-Schiff „White Cat“ nachstellt und sie reihenweise vernichtet, ohne auch nur den Überlebenden die Hand zur Rettung zu reichen. Irgendwie scheint K-Käpten Maú ein Problem mit den Menschen zu haben. Auch ihre Kunden, die Nastischen Aliens, finden Maús Verhalten leicht degoutant. Dabei führen sie doch selber ein halbes Hundert Kriege im Weltraum.

Eines Tages stößt Seria Maú auf die Spur eines Geheimnisses. Sie fliegt zum künstlichen Planeten Redline und unterhält sich dort mit einem gewissen Billy Anker. Während er sie ausfragt und sie ihn interviewt, tauchen Kriegsschiffe der menschlichen Flotte der EMC („Earth Military Contracts“) auf und bombardieren ihr trautes Stelldichein. Gegen die zahlreichen Einwände ihres Schiffes nimmt Seria Maú Billy Anker an Bord und rettet ihn aus der Gefahrenzone. Doch hinter wem war die EMC her? Billy weiß um ein Geheimnis in einem Wurmloch des Kefahuchi-Trakts: eine Goldmine der Aliens …

|Ed Chianese, Jahr 2400|

„Chinese Ed“ ist ein viel netterer Zeitgenosse. Er existiert zwar – wie Neo in der „Matrix“ – nur in einem Virtualitätstank, aber dafür in einer Zeit, in der wir uns zurechtfinden: den vierziger Jahren der USA, mitten im Film-noir-Land eines Philip Marlowe und Sam Spade. Kein Wunder, dass Chinese Ed ebenfalls ein Schnüffler ist, der aber doch ab und zu auch mal ans Vögeln denkt – und damit ist er bei der feschen Rita Robinson genau an der richtigen Adresse. Es gibt nur ein kleines Problem: Wie kommt die riesige gelbe Ente in seine Lieblingskneipe?

Jemand hat sich wohl eingeschaltet und den Salon mit den Virtualitätstanks gestürmt. Dagegen hat Ed Chianese etwas, der sich gern als „Chinese Ed“ einklinkt. Er ist ein Twink, und Twinks sind süchtig nach den Erlebnissen, die sie in den Tanks haben können. Leider kommt es im Laufe der Auseinandersetzungen mit den Gangstern, die den Tank-Salon stürmten, zu einem bedauerlichen Zwischenfall: Ed erschießt eine der Gangsterladys.

Klar, dass nun seines Bleibens nicht mehr länger in der WG sein kann und er sich vom Acker machen muss. Gar nicht so einfach in New Venusport, einer recht abgeschlossenen Weltraumkolonie. Doch er schließt die Freundschaft eines Rikscha-Girls mit dem schönen Namen Annie Glyph (ein Witz: Das bedeutet „jedes beliebige Schriftzeichen“). Mal abgesehen davon, dass der Sex mit der stämmigen, hochgezüchteten Läuferin Annie fantastisch ist, so braucht sie doch eine Menge Speed namens |Café electrique|, und das ist nicht billig.

Auf seiner Suche nach einer Einnahmequelle stößt er auf „Sandra Shens Observatorium und die Original-Karma-Pflanze: der Zirkus von Pathet Lao“. (Pathet Lao klingt irgendwie kambodschanisch oder wie Thai.) Zum Zirkus, der auch ein Museum à la |Madame Tussaud’s| enthält, gehört ein Historienbild mit dem Titel: „Brian Tate & Michael Kearney blicken auf einen Computermonitor 1999“. Hier wird er Wahrsager im Auftrag der geheimnisvollen und keineswegs besonders real-menschlichen Sandra Shen. Beim Wahrsagen steckt er den Kopf in eine seltsame Flüssigkeit, die sein Bewusstsein verändert: das Gesicht im Aquarium.

Was die Flüssigkeit ist, verschweigt ihm Sandra Shen ebenfalls. Und er weiß auch nicht, was er während seiner Visionen als Orakel äußert. Feststeht, dass das Publikum zunehmend begeistert ist, wie positiv sich seine vorhergesehene Zukunft entwickelt. Und zweitens, dass er selbst zunehmend intensivere Einblicke – Erinnerungen? – in seine eigene Jugend gewährt bekommt, als er noch eine Schwester namens Alice und einen Vater hatte, aber keine Mutter, denn die war schon tot. Die Familie lebte auf dem Lande, nahe einem Weltraumbahnhof, und eines Tages wollte seine Schwester eine Astronautin werden, woraufhin er davonlief …

_Mein Eindruck_

Der Autor erzählt die Geschichte einer Familie, und diese Geschichte erstreckt sich über vier Jahrhunderte. Alle vier Familienmitglieder – Vater, Mutter, Sohn und Tochter – entwickeln sich in überraschender Weise weiter, so dass man sie nach 400 Jahren kaum als solche wiedererkennt. Das bildet natürlich für den unvorbereiteten Leser ein ziemliches Rätsel, denn diese Geschichte wird rückwärts erzählt, während sich die Figuren vorwärts entwickeln … Und so manche Kritiker sind nie dahintergekommen, wie die drei Erzählebenen miteinander zusammenhängen. Sie machten es sich einfach und erklärten den Autor für bekloppt. Basta. Auch ein Weg, sich aus der Affäre zu ziehen.

|Ein Roman, den man verbieten muss?|

Doch wie meine Autorenbeschreibung oben hoffentlich deutlich gemacht hat, ist Harrison ein alter Haudegen der britischen Science-Fiction und mit allen literarischen Wassern gewaschen. Deshalb begegnen ihm die auf dem Umschlag genannten Autoren Iain M. Banks und Stephen Baxter mit größtem Respekt. Harrison und Moorcock, Ballard und ein paar andere Autoren setzen die britische Science-Fiction auf die literarische Landkarte.

Sie wandten die neu entwickelten Erzählregeln der modernen Literatur (Nouveau Roman, Bewusstseinsstrom usw.) auf das altbackene, von Amis dominierte Genre an und erzielten dadurch Aufsehen erregende Wirkungen. Norman Spinrads Roman „Champion Jack Barron“ war ebenso Gegenstand von Debatten im Parlament wie J. G. Ballards Storys „The Assassination of John Fitzgerald Kennedy Considered as a Downhill Motor Race“ und „Plan for the Assassination of Jacqueline Kennedy“. Man wollte ihr Sprachrohr „New Worlds“ verbieten.

Den Roman „Licht“ braucht man nicht zu verbieten, sollte ihn aber doch nicht unbedingt einem Kind unter 16 Jahren in die Hand drücken. In etwa zehn Kapiteln wird gevögelt, was das Zeug hält, und die Figuren haben keine Hemmungen, das F-Wort in den Mund zu nehmen. Das ist ein hübscher Aspekt auf der Oberfläche, der einem Autoren aus den wilden sechziger und siebziger Jahren wohlansteht. Aber nach dem Motto „love makes the world go round“ führt und hält Sex die Paare zusammen. Und manchmal kann das richtig lustig sein, so etwa dann, wenn es sich um Klone handelt, die sowieso unfruchtbar sind.

Aber Scherz beiseite. Viel wichtiger ist ja, dass sich der Autor einer Erzählweise bedient, die Otto Normalleser nicht gewohnt ist. Obwohl die drei Erzählstränge ganz streng in ihrer Reihenfolge gehalten und sogar durch Icons an jedem Kapitelanfang gekennzeichnet werden, scheint sich keine Spannung aufzubauen, die den Leser vorwärts ziehen würden. Seltsamerweise gibt es aber eine Menge Querverbindungen, die zunehmen. Es ist, als würde man in ein Gewebe vordringen.

|Michael Kearney|

Das liegt zum Teil daran, dass der Kearney-Erzählstrang keineswegs eine Hard-Science-Story ist, in der man der Entdeckung des Jahrtausends entgegenfiebern würde. Vielmehr scheint es sich so zu verhalten, dass sowohl Tate als auch Kearney vor ihrer Entdeckung Angst haben und von ihr – zumindest psychologisch – überwältigt und vereinnahmt werden. Vielmehr liest sich die Story wie ein Gothic-Geister-Horror-Story über einen Dämon namens Shrander, der aus einem geheimnisvollen Würfel aufzusteigen pflegt. Bekanntlich hat Clive Barker in „Hellraiser“ daraus einen umfassenden Roman-Plot gemacht, der inzwischen über ein Dutzend mal auf Zelluloid verewigt worden ist. Vielleicht sollte Barker den Autor verklagen.

|Seria Maú Genlicher|

Der zweite Erzählstrang um Kearneys Tochter Seria Maú Genlicher ist purer Cyberpunk: Die Raumfahrerin existiert nicht mehr in der Gestalt, die wir als menschlich definieren würden. Körperlich lebt sie in einem Tank, genau wie Neo in der Matrix: umgeben von einer Nährflüssigkeit, über Kabel und Schläuche angeschlossen an ihr Raumschiff, die „White Cat“. Dessen Mathematik ist eine Künstliche Intelligenz und ihre wichtigste Steuereinheit. Sie ermöglicht Seria, innerhalb von Milliardstel Sekunden Kursänderungen auszuführen und Attacken zu fliegen. Seria braucht keine körperliche Anwesenheit: Sie projiziert ihr Hologramm an jeden beliebigen Ort, so etwa in der Szene, als sie Billy Anker begegnet.

|Ed Chianese|

Serias Bruder Ed Chianese liebt es ebenfalls, in einem Tank seine schönsten Stunden zu verbringen und sich in Scheinwirklichkeiten zu verlustieren. Er ist ein Realitätsflüchter, und in der Autorenbiografie ist kurz berichtet, was der Autor mit solchen Figuren macht: Er wirft sie in die Realität, ganz gleich, von wem diese wiederum gemacht worden ist. Auf Umwegen über Sandra Shen erkennt Ed allmählich, dass er eine Herkunft hat. Als er unter vielen Herzschmerzen mit dieser zu Rande gekommen ist, eröffnet ihm Sandra Shen (der Name ist ein Anagramm von „Shrander“), welche Zukunft ihm offensteht. Er wünscht sich ein Raumschiff namens „Black Cat“ …

|Querverbindungen|

Nicht nur Katzen gibt es allenthalben, sondern auch Würfel. Das ist nur konsequent, denn alle drei Erzählstränge drehen sich um die gleiche Familie. Aber alle Erzählstränge weisen als gemeinsames Element ein Rätsel auf, das sich als verborgener Beweggrund erweist. Für Kearney ist der Shrander sowohl Dämon als auch der Torwächter zu einer Realität, die fremdartig und beängstigend ist – und direkt zu seiner und Tates Entdeckung führt: den mathematischen Transformationen, die interstellare Raumfahrt ermöglichen. Die „White Cat“ wäre ohne diese – an Bord als KI verkörperlichte – Mathematik nicht möglich.

Sandra Shen ist eine andere, spätere Erscheinungsform des Shranders. Sie transformiert das Leben von Ed Chianese, zum Teil durch ihre seltsame Flüssigkeit, in der Ed wahrsagt. Seria hingegen erlebt keine Manifestation des Shranders an Bord oder sonstwo. Doch der Shrander befindet sich an Bord. Von einem zwielichtigen Genschneider namens Onkel Sip hat sie eine geheimnisvolle Schachtel erhalten, aus der nur hin und wieder ein Schaum aufblubbert und der Satz: „Dr. Haends! Dr. Haends in die Chirurgie!“ zu hören ist. Natürlich ist „Dr. Haends“ ebenfalls ein Anagramm von Shrander. In ihrem Tank träumt Seria Maú von einem Gentleman, der in Frack und Zylinder gekleidet ist und ihr rät: „Verzeihe dir selbst!“ Diese Botschaft ist die gleiche auch für Ed und seinen Vater Michael Kearney.

|Erlösung|

Wer ist der Shrander?, dürfte man sich spätestens jetzt fragen. Das darf ich aber nicht verraten, um die Spannung nicht zu zerstören. Aber man kann betrachten, was er bewirkt: den konzeptionellen Durchbruch. Kearney ist im Alter von 20 Jahren ein Furcht erregender Blick in eine Erscheinungsform der Realität gewährt worden, die ihn sowohl inspiriert als auch ängstigt. Das wirkt sich auch auf seine Sexualität aus. Seine Frau Anna kann davon ein Lied singen. Das, was meistens als „normaler Sex“ angesehen wird, ist Kearney nicht möglich. Für Anna ist es der Gipfel des Triumphs, als sie Kearney endlich dazu bringen kann. Es ist anzunehmen, dass aus dieser Vereinigung die Zwillinge Alice (Seria) und Ed entstammen. Anna ist eine sehr tapfere, aber auch sehr verzweifelte Frau.

Kearney liebt es, am Strand zu sitzen, neben dem Wochenendhäuschen auf Long Island. Ed Chianese geht gerne an den Strand, um sich von den anstrengenden Wahrsage-Sessions zu erholen. Annie Glyph leistet ihm Gesellschaft. Seria Maú lebt im „Strand“. Dies ist die Region der Artefakte, die den Kefahuchi-Trakt umgibt und relativ ungefährlich ist.

Der Shrander ebnet diesen beiden den Weg zu einer anderen Art von Durchbruch: durch ein Wurmloch in eine andere Dimension. Diese ist angeblich von Billy Anker erkundet worden, aber wer glaubt schon einem Klon? Immerhin unternimmt Seria einen kühnen Flug durchs XR1-Wurmloch in jene andere Dimension und findet endlich Erlösung: Diese Realität ist voller Licht. Ich stelle sie mir ungefähr so vor wie die lichterfüllte Dimension, in der sich Neo auf dem Höhepunkt von „Matrix Revolutions“ befindet, als er in der Matrix City dem lokalen Gott begegnet. Diese Dimension strahlt golden, denn sie ist aus Informationen aufgebaut. Nur strahlt sie nicht grünlich, sondern hell wie die Sonne. Dies ist es, was Seria und später Ed finden. Es ist Offenbarung und Erlösung, die ihnen der Shrander bringt.

|Ist der Autor bekloppt?|

Wie man hoffentlich gesehen hat, ist die Geschichte durchaus mit einer Aussage und einem wunderschönen Finale versehen. Es gibt auch sehr viel Humor, allerdings von der trockensten Sorte, so dass die Ironie an die meisten Leser verschwendet sein dürfte, fürchte ich – auch Sekt schmeckt nicht jedem. Was den Leser verstört, ist die Art, wie die Story sich entwickelt. Kearney ist ein Mörder, der nicht bestraft wird. Seine Frau bestraft ihn nicht einmal, sondern verhilft ihm indirekt zu ewigem Ruhm, wohingegen der Wissenschaftler Kearney, statt ein brillantes Genie zu sein, nicht aus seiner privaten Hölle erlöst wird. Alle diese Enden sprechen den amerikanischen Regeln, wie Science-Fiction zu sein hat, Hohn. Aber das war ja schon in den sechziger und siebziger Jahren nicht anders.

Ist dies eine Space-Opera? Banks und Baxter behaupten es – und der deutsche Verlag sowieso. |Heyne| hat in seinem letzten Jahrbuch die „New Space Opera“ so intensiv behandelt, als ginge es um einen breiten Durchbruch in eine andere Dimension der Science-Fiction. Und getreu diesem Marketingprogramm veröffentlicht |Heyne| eine „New Space Opera“ nach der anderen, zuletzt „Singularität“ von Charles Stross und die Fortsetzungen von Reynolds‘ „Unendlichkeit“, einem wirklich grandiosen, wenn auch keineswegs einfachen Roman (siehe meine Besprechung). Manches davon mag sogar lesbar sein. [„Sternentanz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=380 von John Clute war es nicht, und bei „Licht“ von M. John Harrison wurden, wie erwähnt, einige Zweifel laut.

Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Licht“ einfallsreich ist wie die besten Romane von Iain M. Banks aus der Kultur-Serie, etliche Cyberpunk-Elemente aufweist, was die Vision von der Technik in 400 Jahren angeht. Und sich dennoch nicht scheut, Gothic Horror aufzugreifen, um London 1999 in eine Stadt des Zwielichts zu verwandeln, in der alles möglich sein kann. Eine Show wie „Sandra Shens Zirkus von Pathet Lao“ scheint dem viktorianischen 19. Jahrhundert zu entstammen und erinnert an Christopher Priests exzellenten Roman „The Prestige“ (Das Kabinett der Magier; bei |Bastei-Lübbe|).

|Die Übersetzung; Humor|

Die Fußnoten, mit denen die Übersetzer obskure oder rätselhafte Verweise und Zitate im Text erklären, sind wirklich wertvoll und hilfreich. Die Übersetzer brüsten sich innerhalb des Haupttextes aber manchmal auch mit ihrem Können. Solche ausgefallenen deutschen Wörter wie hier findet man selten in einer Übersetzung aus dem Englischen.

Ihre Übertragung ist durchweg sehr lesbar und lässt den Humor erkennen, den der Autor in Hülle und Fülle hineingepackt hat. Allein schon die Namen der Raumschiffe klingen wie die lustigen Namen der Kulturschiffe bei Iain M. Banks: „Touching the Void“ ist noch das harmloseste Beispiel. Einmal taucht eine Herde Schiffe auf, deren Namen jeweils Anagramme der anderen Namen darstellen.

Und natürlich gibt es etliche Katzen und Würfel und Sex und Strände. Und wer Seria Mau’s Namen mit einem S versieht, erhält eine Maus in einer Katze. Dies entspricht genau den im Roman geäußerten Verhältnissen: Nicht Seria hat sich das Raumschiff „White Cat“ ausgesucht, sondern es war umgekehrt. Und wahrscheinlich verhält es sich mit Eds „Black Cat“ ebenso.

_Unterm Strich_

Alle oben genannten Ausführungen sind meine persönlichen Deutungen der Aussagen, die ich dem Text entnommen habe. Andere Kritiker kommen möglicherweise, ja sogar wahrscheinlich, zu anderen Interpretationen. Dies lässt die offene Erzählstruktur des Romans mit voller Absicht zu.

Insgesamt ist „Licht“ keine leichte Kost, sondern eine lohnende Frucht harter Arbeit und geduldiger Hartnäckigkeit. Wer die erste Hälfte des Buches geschafft hat, ist bereits Sieger nach Punkten: Von hier ab wird’s leichter, spannender, actionreicher. Und gegen Schluss verknüpfen sich die drei Erzählstränge zu den dargestellten Zusammenhängen. Licht, fürwahr! Licht am Ende des Tunnels.

|Originaltitel: Light, 2002
Aus dem Englischen übersetzt von Marianne & Hendrik Linckens
446 Seiten|

Henry Miller – Stille Tage in Clichy

Dieser Klassiker der erotischen Literatur ist zugleich ein idealer, kurzweiliger Einstieg in Millers Werk. „Clichy“ entstand 1940 und wurde 1956 überarbeitet. Doch die erotischen Abenteuer, die Millers Alter Ego Joey erzählt, ereignen sich vor dem Hintergrund des Paris der dreißiger Jahre (genauer: 1933). Ein Abstecher in das deutschsprachige und -gesinnte Luxemburg vermittelt einen Einblick in den aufkommenden Antisemitismus jenseits der französischen Grenzen.

Handlung

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Bujold, Lois McMaster – Kadett, Der (Barrayar #3)

Halb Space-Opera, halb Militärkomödie – so lässt sich „Der Kadett“ kurz charakterisieren. Die „Vor“ auf dem Planeten Barrayar sind eine Militärdynastie, die sich ständig mit dem Nachbarreich Cetaganda in den Haaren liegt.

Miles Vorkosigan ist zwar Angehöriger dieser Dynastie, hat aber wegen eines Giftanschlags, dem seine Mutter während ihrer Schwangerschaft zum Opfer fiel, scheinbar nur geringe Überlebenschancen: Seine Knochen sind spröde wie Glas und er ist kleinwüchsig: gerade mal 1,45 m. Diese Mängel macht er durch Grips, Mut und ein flottes Mundwerk wieder wett.

Die wichtigste Prüfung legt Miles nicht an der Miltärakademie ab, sondern draußen im feindlichen Universum, wo man auf Leute, die von Barrayar kommen, gar nicht gut zu sprechen ist. Das gibt vielerlei Anlass zu komischen Situationen und drastischen Reaktionen.

_Die Autorin_

Lois McMaster Bujold, 1949 geboren, stammt aus Ohio, wo ihr Vater als Physiker und Ingenieur sowie als „Wetterfrosch“ arbeitete. Ihren ersten Roman schrieb sie 1983, konnte ihn aber erst 1986 veröffentlichen: „Scherben der Ehre“.

„Der Kadett“ ist ein Abenteuerlicher Space-Krimi aus Lois McMaster Bujolds SF-Welt, die sich als Barrayar-Universum in den Kanon der Science-Fiction eingeschrieben hat und sich bei den Lesern großer Beliebtheit erfreut. Allerdings halten sich die Schriftstellerkollegen mit Auszeichnungen deutlich mehr zurück als die Leser.

Zum Barrayar-Zyklus gehören die folgenden bislang publizierten Bände:

– Die Quaddies von Cay Habitat (Vorstufe zum Barrayar-Zyklus)
Band 1: Scherben der Ehre (1986, dt. 1994)
Band 2: Barrayar (1991, dt. 1993; Band 1 & 2 neu als [„Barrayar – Cordelias Ehre“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=865 bei |Heyne|)
Band 3: Der Kadett (1986, dt. 1993/99)
Band 4: Der Prinz und der Söldner (1990, dt. 1994)
Band 5: Ethan von Athos (1990, dt. 1995)
Band 6: Grenzen der Unendlichkeit (1989, dt. 1996; Episodenroman mit Miles-Abenteuern)
Band 7: Waffenbrüder (1989, dt. 1996)
Band 8: Spiegeltanz (1994, dt. 1997)
Band 9: [Cetaganda]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=883 (1996, dt. 6/1999)
Band 10: Viren des Vergessens (1998; 2001?)
Band 11: Komarr (1998; dt. 2002?)

Erst mit dem Roman „Cetaganda“ lieferte die erfolgreiche Autorin Lois McMaster Bujold eine kleine Chronologie, die es erlaubt, die Geschehnisse ihrer Romane zeitlich einzuordnen, da die Veröffentlichungen nicht immer dieser Reihenfolge entsprachen. Insbesondere „Grenzen der Unendlichkeit“ verteilt die Abenteuer von Miles Vorkosigan über die gesamte Frühphase seiner Entwicklung.

In „Der Kadett“ ist Miles 17 Jahre alt, in „Der Prinz und der Söldner“ 20 Jahre.

_Hintergrund_

Die „Vor“ auf dem Planeten Barrayar sind eine Militärdynastie, die sich ständig mit dem Nachbarreich Cetaganda in den Haaren liegt. Miles Vorkosigan ist zwar Angehöriger dieser Dynastie, hat aber wegen eines Giftanschlags, dem seine Mutter während ihrer Schwangerschaft zum Opfer fiel, scheinbar nur geringe Überlebenschancen: Seine Knochen sind spröde wie Glas und er ist kleinwüchsig: gerade mal 1,45 m. Diese Mängel macht er durch Grips, Mut und ein flottes Mundwerk wieder wett.

In einer Periode des Barrayar-Zyklus, der zur Zeit wieder neu aufgelegt wird, führt Miles seine private Söldnerflotte der Dendarii von Gefecht zu Gefecht – unter dem Decknamen Miles Naismith. Diese verdeckten Operationen sind von seinem Kindheitsfreund, dem Kaiser Gregor von Barrayar, abgesegnet. Es sind kaiserliche Söldner! Ansonsten arbeitet er meist für den kaiserlich-barayaranischen Geheimdienst.

_Handlung_

Miles Naismith Vorkosigan, der Sohn des kaiserlichen Bayarranischen Admirals, will trotz seiner schwächlichen Konstitution, auf Geheiß seines Vaters, des Oberbefehlshabers, und weil’s die Familientradition verlangt, die Militärakademie besuchen. Prompt bricht er sich bei der praktischen Aufnahmeprüfung beide Beine. Das wird wohl nichts. Doch welche Alternativen bietet das Leben auf Barrayar?

Während seiner Genesung lernt er Elena Bothari, die groß gewachsene Tochter seines Leibwächters, kennen und erfährt von ihr, dass ihre Mutter auf rätselhafte Weise den Tod gefunden hat. Warum schweigen alle über diese Zeit, und warum hat der kaiserliche Geheimdienst sogar die Computerdaten darüber gesperrt?

Nachdem er von seinem gerade verstorbenen Großvater den Titel „Lord“ und ein beträchtliches Stück Land geerbt hat, wirbt Miles auf Kolonie Beta, wo er seine Oma besucht, eine kleine Söldnertruppe von Deserteuren und Aussteigern an und bricht damit in die Galaxis auf. Sein Leibwächter Sergeant Bothari fasst sich mehrmals an den Kopf, in welche Schwierigkeiten sich Miles im Handumdrehen bringen kann.

Auf Kolonie Beta, der Heimat von Miles‘ Mutter und Großmutter, herrscht Demokratie und eine allmächtige Bürokratie, wie es scheint. Das Aufeinanderprallen von betanischer Demokratie und barrayaranischem Feudalismus gibt Anlass zu mehreren komischen Szenen. Aber auch Elena tut sich hervor: Erzkonservativ und behütet aufgewachsen, ist sie natürlich noch Jungfrau. Miles flüstert ihr ein, dass ihre Ohrringe für die freizügigen Betaner eine Aufforderung darstellen könnten, sie zu sexuellen Aktivitäten einzuladen. Prompt kommt es zu peinlichen Szenen, in denen sich die auf ihre Tugend bedachte Elena auf Beta recht unbeliebt macht.

Höchste Zeit, abzuhauen. Doch so ein Flug muss sich auch rentieren. Also braucht Miles eine Fracht. Doch welche Fracht lässt sich in eine Sperrzone um ein Kriegsgebiet schaffen? Natürlich nur Waffen! Diese lassen sich auf dem Frachtbrief (der laufend irrtümlich als „Manifest“ bezeichnet wird) zwar als „landwirtschaftliche Maschinen“ trefflich tarnen, doch sie entgehen keiner Kontrolle mit einem Massenspektrometer, wenn die Blockadewächter an Bord kommen.

Die Blockadewächter erweisen sich als stinknormale Plünderer und Piraten. Miles hat beschlossen, den Lammfrommen zu spielen. Alles geht zunächst gut. Die gut versteckten Waffen werden nicht entdeckt und die Piraten scheinen nur Geld zu wollen. Doch sie machen einen entscheidenden Fehler: Statt den Piloten wie ausgemacht als Geisel zu nehmen, verzichten sie auf ihn und „begnügen“ sich mit der hübschesten Fracht an Bord: Elena.

Das verstößt nun aber leider gegen sämtliche ritterlichen Lehenseide, die Miles geschworen hat. Er ist mit seinem Leben für seine Lehensleute – auch für den Piloten – verantwortlich, und dazu gehört auch die ihm anvertraute Elena. Mal ganz davon abgesehen, dass er sie auch noch liebt und ihr Vater an Bord ist. Am Ende eines kurzen Scharmützels bleibt von den Blockadewächtern nur eine Handvoll sehr bewusstloser Typen übrig.

Was jetzt, Miles? Der Plan mit dem Anschleichen ist wohl Makulatur. Da steckst du nun ganz tief in der Sch… Tinte.

_Mein Eindruck_

Dies ist der Auftakt zu einer übertriebenen Serie von Hochstapeleien, an deren Ende Miles rund 3000 Söldner kommandiert. Und für diese Erfolgsserie wird er in seiner Heimat des Hochverrats angeklagt: Er habe das Imperium stürzen wollen. So kann’s gehen: Es kann der Genialste nicht in Frieden siegen, wenn’s dem bösen Grafen nicht gefällt. Zum Glück erfährt Miles gerade noch rechtzeitig von dieser fiesen Intrige. Vorher aber muss er seinen idiotischen Vetter Ivan Vorpatril ausquetschen, der einfach nichts rafft. Nicht einmal, dass man ihn umlegen wollte.

|Eine Komödie|

„Der Kadett“ ist eine Komödie reinsten Wassers, und viele der entsprechenden Szenen verdanken ihre Wirkung den billigsten Dramen von Holo-Vids einerseits, aber auch dem Pomp und Zeremoniell, das man auf Barrayar nach alter Väter Sitte pflegt. So etwa auch die Sache mit der gegenseitigen Lehensverpflichtung. Funktioniert einfach viel besser als ein auf finanziellen Regelungen basierender Vertrag. Verträge kann man ohne Weiteres brechen, denn Papier und Elektronen sind geduldig. Doch wer sein Lehenswort bricht, ist des Todes. Und siehe da: Unter Miles klappt alles wie am Schnürchen – sobald ihm etwas eingefallen ist.

Miles ist ein großartiger Improvisator. Er plant nicht lange voraus, denn das wäre zwecklos. Deshalb vertraut er auf seine Geistesblitze, die mit zuverlässiger Regelmäßigkeit eintreten. Und wo Genie nicht mehr ausreicht, um eine verfahrene Situation zu retten, muss er seine diplomatischen Fähigkeiten einsetzen. Zu seinem schmerzvollen Erstaunen fällt auch die angebetete Elena Bothari in die Kategorie „extrem schwierig“. Sie hat nämlich das Geheimnis der Existenz ihres Vaters, Sergeant Botharis, erfahren, als sie ihre Mutter wiederfand.

|Eine Tragödie|

„Der Kadett“ ist somit nicht allein Komödie und Rummel, sondern auch auch ein Gutteil Tragödie. Leider basiert die Vorgeschichte dieser Tragödie auf den beiden Vorgängerbänden „Scherben der Ehre“ und „Barrayar“, zusammengefasst in [„Barrayar – Cordelias Ehre“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=865 Man muss sie nicht unbedingt kennen, um die Tragödie zu verstehen, aber es wäre eine große Hilfe. Mir ging es jedenfalls so, dass ich mich mehrmals fragte, wovon denn eigentlich die Rede ist. Warum wird Miles‘ Vater als „Schlächter von Komarr“ beschimpft? Warum wurde seine Mutter Opfer eines Giftgasanschlags?

Immerhin erfahren wir – mit Miles und Elena – , wieso sich Sergeant Bothari so seltsam verhält. Warum er stets wie der leibhaftige Tod in der Ecke gleich hinter seinem Schützling Miles steht und seinen Eltern mit Leib und Seele ergeben ist. Er hat sein Leben und – ebenso wichtig – seine Ehre verpfuscht durch das, was er Elenas Mutter angetan hat. Als diese Tätigkeit durch die Mutter ans Licht kommt, ist die Wirkung auf alle Anwesenden entsprechend dramatisch …

Es gibt viel zu lachen in dieser so genannten „Space Opera“, aber auch einige ernstere Aspekte sind zu entdecken.

|Die Übersetzung: nicht das Gelbe vom Ei|

Edda Petris Übersetzung aus dem Jahre 1999 weist einen inzwischen überholten Stand auf: Die Schreibweise von Namen und Welten wurde inzwischen angepasst und vereinheitlicht. Die Neuausgaben aller Barrayar-Romane und -Erzählungen, die |Heyne| inzwischen in chronologischer Reihenfolge veröffentlicht, bringt es an den Tag. Petris alte Übersetzung bietet beispielsweise solche Kuriositäten wie „Centaganda“ statt „Cetaganda“, und zwar nicht vereinzelt, sondern am laufenden Meter.

Das wäre noch zu verschmerzen, doch fehlen auch entscheidende Wörter wie ein „nicht“ hier und da und sogar ganze Sätze. So fand ich mich an einigen der dramatischsten Stellen plötzlich ratlos wieder, was denn nun gemeint sei. Erst ein Vergleich mit der Neuausgabe löste das Rätsel: Sätze fehlten!

_Unterm Strich_

Dieser Barrayar-Roman wurde zu Recht von den entzückten US-Lesern mit der höchsten Auszeichnung geehrt, dem |Hugo Gernsback Award|. Der Roman erschien beim Verlag |Baen Publishing|, der sich auf Militär-Science-Fiction und -Fantasy spezialisiert hat. (In der Neuausgabe erzählt die Autorin, wie es dazu kam.) Wahrscheinlich meinten die Leser, sie würden mit „Der Kadett“ ebenfalls Militaria geboten bekommen.

|Miles, der Zauberlehrling|

Doch genau genommen trifft es der Originaltitel viel besser: „The Warrior’s Apprentice“ ist eine Anspielung auf „the sorcerer’s apprentice“, den Zauberlehrling. Der 17 Jährchen junge Miles versucht sich als Führer einer kleinen Söldnertruppe und hofft, sich zu den Abnehmern seiner gefährlichen Fracht (Waffen) durchmogeln zu können. Doch wehe die Geister, wenn sie losgelassen! Nach wenigen Monaten hat er statt drei Leutchen eine mächtige Truppe von 3000 „Leutchen“ – darunter gestandene Generäle – zusammen, die ihn alle als „Admiral Naismith“ hochleben lassen! Wenn sie wüssten, dass er vom verhassten Planeten Barrayar stammt, wären sie viel leiser.

Das Besondere an dieser Variation auf den Zauberlehrling besteht darin, dass es keinen hilfreichen, weisen Zauberer à la Gandalf gibt, der Miles aus der Patsche hülfe. Das muss das junge Genie schon selbst leisten. Und wir schauen ihm mit Vergnügen dabei über die Schulter.

|Zwei Ausgaben – welche nehmen?|

Ansonsten kann ich nur dringend davon abraten, diese alte Textversion mit all ihren Fehlern anzuschaffen. Die Neuausgabe (als „Barrayar – Der junge Miles“, Januar 2005) ist zwar auch nicht ganz ohne Zweifelsfälle, aber wenigstens vereinheitlicht, ergänzt und korrigiert. Und sie hat ein erhellendes Nachwort der Autorin vorzuweisen, in dem sie sich ausführlich mit der komplexen Figur des Miles Vorkosigan beschäftigt. Nur weil er so vielschichtig ist, konnte er die restlichen Barrayar-Romane dominieren. Und davon sind ebenfalls etliche preisgekrönt, so etwa „Spiegeltanz“ (1995).

|Originaltitel: The Warrior’s Apprentice, 1986
Aus dem US-Englischen übersetzt von Edda Petri|

Nasaw, Jonathan – Seelenesser

Auf der Karibikinsel St. Luke treibt ein unheimlicher Serienmörder sein Unwesen. Er hat bereits drei Menschen getötet und ihnen als sein Erkennungszeichen jeweils die rechte Hand abgehackt. Daher rührt auch der Originaltitel: Die menschliche Hand besteht aus „twenty-seven bones“.

Der Polizeichef der Insel, ein ehemaliger FBI-Agent, bittet seinen ehemaligen Kollegen E. L. Pender, der jetzt im Ruhestand ist, um Hilfe. Pender ermittelt mit der ihm eigenen Spürnase – schließlich hat er selbst schon zwei Serienmörder zur Strecke gebracht. Doch bei diesem neuen Auftrag gerät er erneut in Lebensgefahr.

|Der Autor|

Jonathan Nasaw lebt in Pacific Grove, Kalifornien, hat aber (wie er im Nachwort angibt) eine Zeitlang auf den Virgin Islands gelebt, in deren Region dieser Roman spielt: Die Insel St. Luke ist frei erfunden. Nasaws detaillierte Innenansichten des FBI legen den Schluss nahe, dass er selbst früher für die Bundespolizei arbeitete. Von ihm liegen bereits auf Deutsch die Thriller [„Die Geduld der Spinne“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=82 und „Angstspiel“ vor.

_Handlung_

|Der Ermittler|

Der ehemalige FBI-Agent Edgar Lee Pender, Held der beiden vorhergehenden Romane Nasaws, gibt mittlerweile an der FBI-Akademie Unterricht in Verhörmethoden. Er ist bekannt, weil er zwei Serienmörder „zur Strecke gebracht“ hat. Leider verkauft sich sein Buch über seine Heldentaten nicht besonders gut. Und seine Liason mit Dori Bells, die er in „Angstspiel“ rettete, ist auch schon längst vorüber. Er trägt’s mit Fassung.

Daher greift er gerne zu, als ein alter Kollege namens Julian Coffee, der sich auch den 60 nähert, extra aus der Karibik heraufgeflogen kommt, um ihm „einen kostenlosen Urlaub auf einer der schönsten Inseln Amerikas“ anzubieten. St. Luke ist eine Erfindung des Autors, die aber Eigenschaften und Merkmale der drei amerikanischen Virgin Islands St. Croix, St. Thomas und St. John aufweist, die direkt östlich von Puerto Rico liegen. (Auf den Inseln lebte der Autor selbst eine Zeitlang.) Bevor die USA die Insel 1916 kaufte, gehörte sie den Dänen, und daher heißt die Hauptstadt Frederikshavn (Zum Vergleich: Die zwei Orte auf St. Croix heißen Frederiksted und Christiansted.)

|Der Auftraggeber|

Julian Coffee, der Polizeichef von St. Luke, hat ein Problem mit drei Leichen, die man teils per Zufall und teils nach einem Hurrikan gefunden hat: Ihnen allen fehlt die rechte Hand, die der Mörder ihnen abgehackt hatte. Und womit? Der Serienmörder hat schon den Spitznamen eines lokalen Buhmanns erhalten: der Machetenmann.

Coffee engagiert Pender nicht nur aus Freundschaft oder wegen dessen Kompetenz, sondern weil er einen Außenstehenden braucht, um den Fall aufzuklären. Sollte der Leichenfund bekannt werden, wäre es nämlich aus mit dem Tourismus, auf den die von Hurrikanen gebeutelte, relativ arme Insel dringend angewiesen ist. Der Zuckerrohranbau ist schon längst zusammengebrochen, und Tabak gibt es hier nicht (wohl aber ein paar versteckte Marihuana-Felder.) Die Nachfahren der Dänen mischen sich nun mit amerikanischen Aussteigern und Wanderarbeitern von den Down-Islands, wie die Einheimischen die Leute von den östlichen Karibikinseln abfällig nennen.

Pender stößt auf die Witwe eines der drei Getöteten, der aus Miami stammt. Sie sagt, dass Tex Wanger auf eine geheimnisvolle Schatzsuche auf St. Luke gehen wollte. Pender lässt die Telefonzelle vor dem Supermarkt von Frederikshavn, der Hauptstadt von St. Luke, überwachen, die Tex immer angerufen hat. Auch die Ermittlungen in den Slums der Stadt führen zunächst nicht weiter.

Was er nicht ahnt: Es gibt bereits ein weiteres Opfer und das nächste steht schon auf der Wunschliste der beiden Täter. Discobesitzer Andy Arena ist, wie Tex Wanger, ein Opfer seiner Abenteuerlust geworden und hat das Angebot einer „Schatzsuche“ in den Höhlen einer abgelegenen Schmugglerbucht mit dem Leben bezahlt. Natürlich ging sein Dahinscheiden aus diesem Leben nicht einfach so ruckzuck vor sich – wir haben das zweifelhafte Vergnügen, den beiden Tätern und ihrem Komplizen ganz genau über die Schulter schauen zu dürfen.

Was wir zu sehen bekommen, ist – über die üblichen Sadomaso-Aktivitäten hinaus – ausreichend bizarr, um das Buch zu einem Mystery-Thriller zu machen und den Titel zu rechtfertigen.

|Die Jäger|

Dr. Emily und Dr. Phil Epp sind zwei Anthropologen plus Archäologen, die durch ein einschneidendes Erlebnis vom rechten Weg abgekommen sind, nicht nur, was ihre Wissenschaft, sondern offenbar auch, was ihren Geisteszustand betrifft. Sie sind Psychopathen, wie sie im Handbuch stehen, und auch noch stolz darauf. Schließlich befinden sie sich auf einer Mission, die die ganze Welt umkrempeln wird. Und deshalb sehen sie keinerlei Anlass, mit ihrer Mordserie aufzuhören.

Das einschneidende Urerlebnis, das im Prolog genau geschildert wird, geschah bereits vor fünfzehn Jahren auf einer kleinen urtümlichen Insel westlich von Sumatra. Die Bräuche und Sitten der dortigen Nias hat der Autor genau aus der Fachliteratur entnommen, aber wohl reichlich frei weiterentwickelt.

Wenn der Nias-Häuptling nach tagelangem Sitzen und Singen endlich stirbt, hat sein designierter Nachfolger das Recht, seinen letzten ausgestoßenen Atem einzusaugen. Was für Katholiken die Hostie verkörpert, nämlich den „Leib Gottes“, verkörpert so ähnlich der letzte Atemhauch des Häuptlings: Es herrscht der Glaube, darin befänden sich seine Autorität und seine Weisheit, aber auch der spirituelle Ruhm des Verstorbenen. Gemeinsam machen sie seine unsterbliche Seele aus.

Sie wird vom rechtmäßigen Nachfolger eingesaugt. Als die beiden Epps die Zeremonie filmen, kommt es zu einem blutigen Zwischenfall. Im entscheidenden Augenblick stößt der jüngere der beiden Häuptlingssöhne seinen Bruder weg, saugt die Seele ein, wird vom Älteren niedergestochen, wirft sich in die Arme der überraschten Emily Epp und haucht ihr seinerseits den letzten Odem ein. Sekunden später tötet ihn sein Bruder. Emily grinst ihn blutverschmiert an. Sie ist offenbar in Verzückung.

Wirkt der Zauber wirklich? Diese Frage lässt ihren Mann Phil nicht mehr los. Nach 15 Jahren des fruchtlosen Einsammelns von letzten Atemzügen machen sich die beiden daran, die kostbare Beute aktiv zu jagen. Als Phil einmal eine Prostituierte auf die einzig korrekte Weise tötet und ihr den letzten Atemzug raubt, hat er ein ekstatisches Erlebnis. Er schreibt in seinem pseudowissenschaftlichen Erlebnisbericht davon, und die gute Emily ist davon mächtig angetörnt. Beide sind überzeugt, dass die eingesaugten „Seelen“ ihr Leben verlängert haben und wesentlicher Grund für ein erfüllendes Sexleben sind, weil das „Seelenessen“ die Potenz steigert.

Nun jagen sie gemeinsam, und der ältere Häuptlingssohn Bennie, der sie seinerzeit fast getötet hätte, hilft ihnen, die Opfer zur Strecke zu bringen, denn er hat seine eigenen Pläne mit den beiden Killern. St. Luke, wo sie seit sieben Jahren leben, scheint das ideale Jagdrevier zu sein. Es gibt viel Regenwald und verborgene Höhlen als Verstecke. Und wehrlose Beute in rauen Mengen …

|Ein zweiter Auftraggeber|

Mr. Lewis Apgard ist zwar mit einer reichen Frau aus der früheren Gouverneursfamilie verheiratet, doch er kommt nicht an ihr Vermögen heran. Er selbst hat sich verspekuliert, als der Dotcom-Crash erfolgte. Sie weigert sich, ein Wäldchen wertvollsten Mahagoniwaldes zu verkaufen. Seine missliche Lage hätte ein Ende, fände das Leben seiner Frau ein vorzeitiges Ende.

Als er von einem seiner Mieter, einem journalistischen Voyeur und Fotografen, gesteckt bekommt, dass auf der Insel ein Serienmörder frei herumläuft, sieht Lewis Licht am Ende des Tunnels: Er könnte solch einen tüchtigen Killer gut für seine eigenen Zwecke gebrauchen. Als er das Gesicht des vermissten Tex Wanger in der Zeitung sieht, fällt ihm ein, wo er den Mann schon einmal gesehen hat: in der Wohnung seiner Mieter, des Ehepaars Epps, das er gerne bei seinen sexuellen Aktivitäten beobachtet.

Doch die Epps und ihr indonesischer Begleiter Bennie, die er als Mördertruppe engagieren will, drehen den Spieß um: Sie brauchen, da ihnen die Polizei offenbar auf der Spur ist, selbst ein Alibi. Und der liebe Lewis, wenn sie ihm den Gefallen tun sollen, seine Frau zu töten, wird ihnen ebenfalls gerne einen Gefallen tun, nicht wahr?

Nun kommen die Dinge auf unheilvolle Weise ins Rollen, und Edgar Lee Pender steckt mittendrin.

_Mein Eindruck_

Ich gebe diesem Roman die volle Punktwertung. Ich habe mich nicht nur spannend unterhalten gefühlt, sondern sogar königlich amüsiert. Außerdem ist eine warmherzige Familien- und Liebesgeschichte enthalten, die mich bewegt hat. Wer in „Seelenesser“ nur den Killerthriller sucht, wird lediglich einen Bruchteil der Geschichte mitbekommen und das Beste verpassen.

|Der soziale Mikrokosmos|

Das Wichtigste an der Geschichte ist, dass der Mikrokosmos, den der Autor aufbaut, bis ins kleinste Detail stimmig ist und als echt erscheint. Ich war 1995 selbst auf einer ganzen Reihe von Karibikinseln, darunter der im Buch erwähnten, verarmten Insel St. Vincent und auf dem noch ärmeren Grenada (wo die US-Invasion stattfand), auf den Bahamas und Puerto Rico. Überall geht es – außerhalb der Hurrikansaison, versteht sich – recht locker und angenehm zu. Es gibt kaum Hektik wie in Miami und jeder versucht, das Beste aus seinem Tag zu machen.

Was heißt „Tag“? Die Nacht ist fast das Beste an der Karibik, besonders dort, wo sich die Lover suchen und begegnen. Und das bedeutet nicht immer Männlein und Weiblein, sondern auch Männlein und Männlein (besonders in San Juan auf Puerto Rico), Weiblein und Weiblein. Alles davon erscheint auch in dem Roman. Es gehört zur lockeren Lebensart der Karibik.

Und noch viel mehr gibt es zu finden. Das Buch ist nicht nur ein Sittengemälde, sondern auch eine Sozialstudie, die sich hinter der Thrillerhandlung verbirgt. Wie schon angedeutet, leben hier drei oder mehr Gruppen: Die landbesitzenden Weißen (aus Dänemark und den USA); die Einheimischen der Mittel- und Unterschicht; sowie das bunte Völkchen der Aussteiger. Sie leben ebenfalls in einer improvisierten Hüttensiedlung, die sich The Core nennt: amerikanische Wehrdienstverweigerer aus den Sechzigern und Siebzigern, etliche Waisen, Waffen- und Drogenschieber sowie anderes menschliches Strandgut aus den USA und anderswo. Eine der Frauen, die für das Funktionieren von The Core wesentlich sind, ist C. B. Dawson – zumindest nennt sie sich so. Und als sich Pender in sie verliebt, stößt er auf ein tiefes und düsteres Geheimnis, das ihm beinahe zum Verhängnis wird. Es hindert Dawson nämlich, der Polizei zu helfen.

Es ist sehr wichtig für das Interesse an der Geschichte, dass der Leser Anteilnahme fühlt für die kleine Familie von Holly Gold, der Masseuse. Ihre zwei kleinen Kinder werden stark in die Kriminalhandlung verwickelt. Da ist die ängstliche Dawn, die ihre richtige Mutter ebenso verloren hat wie ihr Bruder Marley. Marley ist ein Klassefußballer, obwohl er keine Arme hat. Er macht alles mit seinen gelenkigen und kräftigen Füßen. Als Pender in eine von Lewis‘ Buden am Core einzieht und eine Affäre mit Dawson, Hollys Freundin, beginnt, muss er sich vorsehen, nicht mit seinen Vorurteilen und seinem Mitleid seine Nachbarn zu brüskieren. Holly stößt ihm schnell Bescheid, was läuft und was nicht.

The Core wird ein ganz wesentlicher Bestandteil der Geschichte, wie auch für Penders künftiges Leben (sollte ihm das Überleben gelingen). Das Buch ist nicht zu verstehen, ohne die Besonderheit von The Core zu begreifen und zu akzeptieren.

|Die Jäger|

Denn die Aussteigersiedlung wurde soeben zum neuen Jagdgebiet der Epps auserkoren. Die trotz ihrer stämmigen 160 Zentimeter dominante Emily würde zu gern einen der Männer vernaschen, und ihr Mann Phil krallt sich als leichtes Opfer eines der kleinen Kinder. Lewis Apgard selbst muss hier sein Opfer suchen, um den Epps ihr Alibi zu verschaffen. Sie alle fallen wie Vampire über ein intaktes soziales Gebilde her, das in seiner Menschlichkeit das genaue Gegenteil ihrer Welt aus Macht und Gier darstellt.

Lewis Apgard giert zunächst nur nach Freiheit von seinem Weib und nach mehr Besitz. Dafür muss er aber einen hohen Preis bezahlen. Wie er entdeckt, ist er nicht nur ein Voyeur, sondern scheint auch am Morden Geschmack zu finden. Der Rausch der Macht – das wagt er seinem Psychotherapeuten Dr. Vogler nicht anzuvertrauen. Doch Pender kommt Lewis schnell auf die Schliche.

Und durch ihn auf die Spur der Epps und ihres schweigsamen Begleiters Bennie, der die Machete wie ein Fachmann schwingt. Emily ist nicht nur ebenso sexhungrig wie Phil, sondern ebenso skrupellos in der Auswahl ihrer Opfer. Allerdings hat sie mehr Köpfchen – und ein ganz besonders Druckmittel: riesige Brüste. Scherzhaft nennt Phil ihre „Großen“ daher Zeppeline und sie selbst Zeppo. Mit ihren „überentwickelten weiblichen Attributen“, wie Phil sich gewunden ausdrückt, verführt sie schwache Männer wie Lewis und Phil jedes Mal und bringt sie dazu, das zu tun, was sie will. Alle außer Bennie.

|Der Humor|

Ausdrücke wie „Zeppeline“ und „Zeppo“ weisen auf ein ganz besonderes Merkmal des Romans hin: seinen ironischen Humor. Diese Ironie reicht von schwärzestem Galgenhumor bis zu heiterem Augenzwinkern. Der Humor bringt uns die Wesenszüge nicht nur des abgebrühten Pender nahe, sondern auch die beiden Epps. Bei diesen wird der Humor häufig makaber. Für Gesetzeshüter wie Pender und Julian Coffee ist Humor aber eine Methode, das Grauen ebenso wie die Mühen des Polizistendaseins zu bewältigen. Es gehört zu ihrer Lebenseinstellung, mit Ironie auf Menschen und Mörder gleichermaßen zu schauen. Das klappt nicht immer gut. Aber mich hat dieser Humor erheitert, und zwar auf fast jeder Seite. Er gleicht das Grauen aus, das die Killer verbreiten.

VORSICHT SPOILER!

Humor taucht auch in dem auf, was nicht gesagt wird – und das ist eine ganze Menge. Deshalb wird nur derjenige aufmerksame Leser, der wirklich gut aufpasst, den Roman hundertprozentig erfassen. Es gibt beispielsweise ganz am Schluss eine Szene, in der der Leser zwei und zwei zusammenzählen muss, um den Witz zu verstehen. Einer der Mörder ist mit einem Beutel voll Geld und mehreren Beuteln voll Händen tot am Fuß einer Klippe gelandet. Pender, ganz in Gedanken, stößt darauf und ruft die Polizei.

Als Coffee die Bestandsaufnahme der Habe des Mörders macht, fehlt das Geld. Das wird aber mit keinem Wort erwähnt, sondern das muss der Leser selbst merken. Und er merkt es wahrscheinlich erst dann, als sich Holly, Dawn und Marley für eine Papiertüte an ihrer Haustür bedanken. In dieser war eine Menge Geld deponiert. Und davon hat Marley einen neuen künstlichen Arm erhalten. Und deshalb kann Pender nun strahlen, als wäre er der Weihnachtsmann …

SPOILER ENDE

|“Seelenesser“|

Der Begriff „Seelenesser“ erhält im Laufe der Handlung mehrere Bedeutungen. Nicht mehr nur der Akt, jemandem den Todesodem zu rauben, ist gemeint. Auch andere Menschen und sogar Institutionen können sich als „Seelenesser“ entpuppen. Man erkennt sie an ihren Opfern. Die Frau, die sich seit 30 Jahren „C. B. Dawson“ nennt, ist ein Opfer des FBI; sie muss sich vor der Polizei verstecken. Ihr Leben ist dementsprechend unterhöhlt und seiner Qualität beraubt.

Die Schrecken der Seele tauchen in vielerelei Gestalt auf. Ein wenig davon ist in den Erzählungen Lewis Apgards gegenüber seinem Psychiater zu finden. Apgards hat Albträume von einem sterbenden Schafbock. Er hat zudem seine Tante Agneta auf dem Gewissen. Der Schritt zum aktiven Mord ist nur ein kleiner, doch möglicherweise gibt es für ihn noch Rettung. Apgard ist deshalb so wichtig, weil er nicht eindeutig gut oder eindeutig böse ist, sondern die Linie in beide Richtungen überschreiten kann. Ein seltenes Phänomen in amerikanischen Thrillern.

_Unterm Strich_

„Seelenesser“ ist ein wesentlich besseres Buch als [„Angstspiel“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=430 das sich als Zirkus der Ängste mitsamt Dompteuren aufführte. Und in „Die Geduld der Spinne“ schockten überzogene Gewaltszenen den Leser. Zur hohen Qualität von „Seelenesser“ trägt bei, dass diesmal keine Verfolgungsjagd stattfindet, sonndern sämtliche Aktivitäten an einem Ort, nämlich der Insel St. Luke, stattfinden. Und diese wird als sozialer Mikrokosmos erfassbar.

Mit etlichen ihrer Bewohner habe ich Sympathie und Mitgefühl empfunden, besonders für Holly Golds Familie, für Dawson und Polizeichef Julian Coffee. Und sogar die Schurken im Stück sind in ihrer verdrehten Psychologie begreifbar geworden – was nicht heißen soll, dass man für ihre Untaten Verständnis aufbringt – siehe meinen Abschnitt „Seelenesser“. Selbst die Motive eines schweigsamen Mannes wie Bennie werden deutlich und verständlich herausgearbeitet. Er ist, wie der Held Ishmael in seinem Lieblingsroman „Moby Dick“, der Einzige, der seine Geschichte – nämlich die seines Volkes – erzählen kann. So trägt sogar dieser Mörder einen tragischen Zug.

Ich würde nicht sagen, dass ich den Roman verschlungen habe. Dazu muss man die Sätze viel zu genau lesen und auf Details wie etwa Kleidung, Dialoge und weggelassene Beschreibungen achten, vom schrägen, trockenen Humor ganz zu schweigen. Letzterer machte mir die Lektüre zu einem Vergnügen.

Das Finale ist natürlich gebührend spannend, aber das ist nicht die wichtigste Qualität, die das Buch aufzuweisen hat. Es sind seine Warmherzigkeit, seine Menschlichkeit und das Gefühl, dass der Schauplatz „stimmt“, das ebenso viel Vergnügen bereitet. Ich könnte mir deshalb vorstellen, das Buch gleich noch einmal zu lesen.

Wenn Nasaw so gut weiterschreibt, wäre er beispielsweise auch in der Lage, bewegende |historische| Romane zu schreiben, die sowohl stimmig als auch spannend sind. Es müssen ja nicht immer Thriller sein, die in der Gegenwart spielen. Caleb Carr hat es mit der „Einkreisung“ vorgemacht.

|Originaltitel: Twenty-Seven Bones, 2004
Aus dem US-Englischen übersetzt von Uschi Gnade|

Child, Lee – Zeit der Rache

„Zeit der Rache“ ist ein gut funktionierender Thriller, der den Leser erst hinters Licht führt und ihm erst ganz zum Schluss die Erleuchtung erlaubt. Nach seinen Abenteuern in [„Ausgeliefert“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=905 und „Sein wahres Gesicht“ bekommt es diesmal Jack Reacher, der Ex-Militärpolizist, schon wieder mit dem FBI zu tun, der amerikanischen Bundespolizei.

_Handlung_

Eigentlich will Jack Reacher, Ex-Bulle und Ex-Soldat, nur in Ruhe bei „seinem Italiener“ in Manhattan frühstücken. Die Nacht hat er wie üblich in der Wohnung seiner Freundin Jodie, einer erfolgreichen Anwältin und Ex-Soldatin, verbracht. Er ist immer noch der alte Streuner, der den Blick nach vorn auf den Horizont richtet. Und so kann er es überhaupt nicht ertragen, als zwei Gangster „seinen Italiener“ um Schutzgeld erpressen. Selbst ist der Soldat: Also nimmt er sich der beiden an. Nach einem kurzen Kampf sind sie krankenhausreif.

Das hätte er bleiben lassen sollen: Nun hat das FBI, das ihn seit acht Tagen beschattet, etwas gegen ihn in der Hand. Die Leute um Deerfield und Blake suchen angeblich einen Serienmörder, der ehemalige Soldatinnen umbringt. Deren einziges Verbrechen scheint darin bestanden zu haben, dass sie gegen sexuelle Belästigung bei Barras prozessiert hatten. Und der Steckbrief passt angeblich auf Reacher selbst.

Aber das ist nur ein Vorwand, um ihn am Wickel zu kriegen. Sie wollen seine Beraterhilfe, und die bekommen sie nur, wenn sie ihm etwas anhängen können. Reacher kann alle Angriffe parieren, doch als das FBI fieserweise andeutet, dass sie dem Schutzgelderpresser einen Hinweis auf Reachers Freundin Jodie geben könnten, muss er klein beigeben. Er wird in Quantico einquartiert, in einem Zimmer ohne Türgriff …

Die Jagd nach dem angeblichen Serienkiller führt zunächst zum potenziellen Opfer Nummer vier: Alison Lamarr, die Stiefschwester der FBI-Psychologin und Profilerin Julia Lamarr, lebt in Oregon. Reacher und seine Beschatterin Lisa Harper warnen Alison und erkundigen sich nach Gemeinsamkeiten mit den drei anderen Opfern. Diese waren nackt in einer Badewanne voller Tarnfarbe gefunden worden. Wollte sich der Täter an den aufmüpfigen Militärangehörigen rächen? Doch wie starben die Frauen? Nicht einmal erfahrene Pathologen wissen es zu sagen, und allmählich kommt Reacher – der nur wider Willen mitmacht – das Ganze reichlich bizarr vor.

Nach einem unentdeckten Ausflug gelingt es ihm, den New Yorker Schutzgelderpresser aus dem Verkehr ziehen zu lassen: Ein Bandenkrieg, den er anzettelt, erledigt das für ihn. Leider hat Reacher eine Kleinigkeit übersehen, und so ist er immer noch nicht aus dem Schneider. Als Alison Lamarr auf die gleiche Weise ermordet wird wie die drei anderen Frauen, wird er ziemlich wütend – nicht nur auf den Mörder, sondern auf sich selbst wegen seiner Dummheit. Er hat sich an der Nase herumführen lassen, ist von einem Gespinst aus Lügen umgeben. Und Lieutenant Rita Scimeca in Portland, Oregon, ist die nächste.

Während wir den Aktionen des Täters in eingefügten Abschnitten, die wie die „subjektive Kamera“ funktionieren, folgen, der Scimeca auskundschaftet, folgen Reacher und Harper einer falschen Fährte. Hier führt der Autor den Leser an der Nase herum. Doch Reacher hat das ein wenig geahnt und sich seine Gedanken gemacht. Als ihn der Gruppenleiter Blake wegen Erfolglosigkeit abserviert, kann und muss er daher auf eigene Faust (mit Harpers Hilfe) weitermachen. Ein Wettlauf gegen die Uhr beginnt: Kann er Rita Scimeca, die Pianistin, retten?

_Mein Eindruck_

|Flüssig zu lesen|

Das Buch liest sich unglaublich flüssig. Sich die Szenen vorzustellen ist sehr einfach, denn der Autor, der zwanzig Jahre lang britische Krimisendungen fürs TV produzierte, beschreibt jedes wichtige (und unscheinbare) Detail genau und mit treffenden Worten. Auffallend sind die genauen Beschreibungen von Kleidung und Innenausstattungen. So etwas findet man selten in US-Krimis. Außerdem benutzt Child gern kurze Sätze. Der Leser braucht sich also nicht den Kopf über syntaktische Konstruktionen zu zerbrechen, sondern kann einfach und direkt jeden Satz verstehen. Die Kürze bezieht sich allerdings nicht auf die Länge der Kapitel. Anders als bei James Patterson sind die Kapitel nicht nur drei bis vier Seiten lang, sondern mitunter zwanzig.

|Ein Berg von Lügen|

Anspruchsvolle Leser sollten sich von der Einfachheit und Ausführlichkeit nicht täuschen lassen. Der Autor versucht sie an der Nase herumzuführen. Der Mörder versucht das Gleiche mit Reacher, und Reacher das Gleiche mit dem FBI. Ein Berg von Lügen macht mindestens neunzig Prozent des Buches aus. Es kommt also darauf an, die wahren Sätze zu finden. Sie werden meistens von Reachers Freundin gesprochen. Es geht darum, als Paar zusammenzubleiben, obwohl Reacher der Streuner bleiben will, der er ist, und sie, Jodie, sich als Teilhaberin ihrer Kanzlei fest einrichten will.

|Exoten unter sich|

FBI-Frau Harper weiß genau, welche Zerreißprobe Reacher durchmacht. Sie ist erstaunlich realistisch gezeichnet (wie fast alle Frauenfiguren bei Child). Denn so wie Reacher als Nomade ein Exot unter Sesshaften ist, so ist sie als Frau in einem Männerladen wie dem FBI ein Exot: Selbst oder besonders dann, wenn sie Männeranzüge trägt. Erst als Reacher keine dummen Sprüche klopft, wird sie offener und zugänglich. Und als er sie küsst, kommt ihm die zündende Idee, wie die Opfer gestorben sein könnten.

|Schlacht der Systeme|

Der eigentliche Grund für die Morde ist erstens Irreführung, zweitens Tarnung und erst drittens ein banales Kapitalverbrechen. Doch der Grund, warum man einen Berater wie Reacher beim FBI braucht, liegt darin, dass er als Ex-Militärpolizist nützliche Verbindungen zum Militär haben könnte. FBI und Militär können einander nicht ausstehen. Ebenso wenig wie FBI und CIA oder andere Sicherheitsorganisationen. Dies wird in zahlreichen kleinen Szenen deutlich. Reacher ist der Mittelsmann, der aber weder hier noch da etwas zu melden hat – was seine Position nicht nur etwas seltsam, sondern in machen Situationen absurd erscheinen lässt. Und gerade dann, als es auf sein Eingreifen ankommt, wird er eiskalt abserviert. Typisch. Es grenzt an ein Wunder, dass das FBI überhaupt einen Fall aufklärt.

Das Einzige, was mich hierbei gestört hat: Die FBler stehen wie Idioten da, Lisa Harper liefert meist nur Stichwörter, doch Reacher erscheint dadurch als der weise Mann, der Allwissende. Das trifft natürlich zu (siehe oben). Selbst als er am Schluss alles erklärt, lässt sich seine Argumentation locker ad absurdum führen. Was sollen wir also mit einem Allwissenden anfangen, der sofort widerlegt wird? Vielleicht will uns der Autor sagen, dass wir nicht an Heilige glauben sollen. Die gibt es nicht.

|Lob des Realismus|

Für einen Briten kennt sich der Autor erstaunlich gut in den jeweiligen Mechanismen der beiden Systeme aus, ihren Methoden, Verhaltensweisen und Umgangsformen. Child ist inzwischen auch in die Staaten übersiedelt. Seine Kenntnisse vermitteln nicht nur seiner Geschichte Realismus, sondern dem Leser Vertrauen in das Erzählte (auch wenn das Erzählte oft täuscht). Daher weiß er auch die Vorgehensweise des Mörders rational zu erklären und nicht etwa, wie mancher Leser meinen könnte, mit Übernatürlichem. Child hat sich offensichtlich eingehend mit allen möglichen Todesarten befasst, doch es gibt tatsächlich eine, die nicht festzustellen ist. (Ich werde mich hüten, sie hier zu verraten.)

_Unterm Strich_

Als Krimi ist „Zeit der Rache“ (Der „Visitor“ aus dem O-Titel ist natürlich der Mörder, könnte aber auch auf Reachers Rolle beim FBI zutreffen) gut gelungen. Child wird aber noch eine Weile brauchen, bis er in die literarische Klasse von John Le Carré oder Fredrik Skagen aufgestiegen ist. Er kann es aber locker mit Michael Connelly („Schwarze Engel“, „Unbekannt verzogen“, „Kein Engel so rein“) und Dennis Lehane („Regenzauber“, „Mystic River“, ) aufnehmen.

Homepage des Autors: http://www.leechild.com.

|Originaltitel: The Visitor, 2000
Aus dem US-Englischen übertragen von Georg Schmidt|

Hohlbein, Wolfgang – Als der Meister starb

|Man schreibt das Jahr 1883. Vor der Küste Schottlands zerschellt der Viermastsegler „Lady of the Mist“ auf den tückischen Riffen. Okkulte Kräfte haben ihn angegriffen. Nur wenige Menschen überleben die Katastrophe und schlagen sich landeinwärts durch. Unter ihnen befindet sich ein Mann, der die Schuld an dem Unglück trägt. Ein Mann, der gejagt wird von uralten, finsteren Göttern, aber auch von Zauberern, denen er zu entkommen suchte: Roderick Andara, den man den „Hexer“ nennt.| (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Wolfgang Hohlbein hat sich seit Anfang der achtziger Jahre einen wachsenden Leserkreis in Fantasy, Horror und Science-Fiction erobert und ist so zu einem der erfolgreichsten deutschen Autoren geworden. Zuweilen schreibt er zusammen mit seiner Frau Heike an einem Buch. Er lebt mit ihr und einem Heer von Katzen in seinem Haus in Neuss.

_Der Sprecher_

Jürgen Hoppe, 1938 in Görlitz geboren, ist Rundfunk- und Fernsehjournalist sowie Sprecher, Autor, Moderator und Korrespondent verschiedener Sendeanstalten. Sein facettenreiches Talent stellte er bei der Interpretation unterschiedlichster Texte unter Beweis. (Verlagsinformation)

Der Sprecher des Prologs ist Dirk Vogeley. Der Gesang stammt von Andreas Grundmann („My father’s son“), Steve Whalley („The age of damnation“) und Elizabeth Eaton („Sopran auf „Lady of the Mist“). Die Verlagsinfo nennt zehn Mitglieder der Band, die Beiträge zur Musik lieferte.

_Der Autor Howard Phillips Lovecraft und sein Cthulhu-Mythos_

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber Lovecrafts Grauen reicht weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit.

_PROLOG_

Eine ernste Stimme (Dirk Vogeley) klärt den Hörer darüber auf, was es mit den Großen Alten auf sich hat und dass mit ihnen grundsätzlich nicht gut Kirschen essen ist. Vor zehntausenden von Jahren beherrschten sie die Erde, doch ihre Sklaven rebellierten. Die Großen Alten siegten doch unter Opfern, denn sie weckten die Älteren Götter, die sie bekriegten. Die Älteren Göttern verbannten die Großen Alten in die finstersten und ungemütlichsten Ecken des Universums, einer jedoch schlummert in der Tiefe der Ozeane im vergessenen R’lyeh: Cthulhu!

|“Das ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass der Tod die Zeit besiegt.“|

_Handlung_

Der Viermastsegler „Lady of the Mist“ hat den Hafen von New York vor 34 Tagen verlassen. Sein Kurs zeigt Richtung London, momentan muss er Schottlands Westküste passieren. Man schreibt das Jahr 1883, aber die „Lady“ befindet sich in einer Flaute und ist von dichtem Nebel umgeben. Es könnte genauso gut das Jahr 10.000 vor Christus sein.

Das findet jedenfalls Robert Craven, der sich auf seiner ersten Auslandsreise befindet. Er ist seinem Mentor und Dienstherrn Randolph Montague gefolgt, der krank in seiner Kajüte liegt. Robert, 24 Jahre jung, äußerst seine nervöse Furcht nur gegenüber Kapitän Bannermann, einem aufrechten Seebären. Er meint, den Fangarm eines Kraken an der Reling gesehen zu haben. Auch Montague ist der Nebel nicht geheuer und er bittet Bannerman eindringlich, das Schiff irgendwie von hier wegzubringen.

Zu spät! Der Fangarm eines Monsters hat die Reling durchbrochen und sich einen Matrosen geschnappt. Montague wappnet sich und seinen Diener Robert mit Medaillons, in die jeweils ein roter Stein eingelassen ist. Montague erscheint kraftvoller, mächtiger. Es sieht nicht nur wie Zauberei aus – das ist es auch! Er gibt sich als Roderick Andara zu erkennen, den man auch als „Hexer“ kennt oder vielmehr verflucht. Und auch Robert hat die „Gabe“ …

Andara vertreibt den Nebel, Wind kommt auf, da explodiert das Meer förmlich und eine Riesenwelle trifft die „Lady“ mittschiffs, dass die Takelage wackelt. Tentakel mit gefräßigen Mäulern schlängeln sich an Deck und schnappen sich ihre Lieblingsbeute: Matrosen. Ihr Blut wirkt wie Säure und verätzt die Haut. Andara errichtet einen Schutzbann, um das Ungeheuer zurückzuzwingen.

Er erklärt Robert, was das für ein Wesen ist: ein Killer, herbeigerufen von seinen Verfolgern, um Andara zu töten. Er gibt Robert die Chronik von Jerusalem’s Lot, die unter anderem die Hexenverfolgung und -prozesse in Salem, Massachusetts, zum Thema hat. Damals wurden Hexer beiderlei Geschlechts vertrieben, darunter auch Andaras Ahnen. Doch 1863 gab es ein neues Pogrom, dem scheinbar nur Andara selbst entkommen konnte. Nun muss Andara erkennen, dass weitere Hexer überlebt haben und ihn für seinen Verrat bestrafen wollen.

Sie haben Yog-Sothoth beschworen, einen der Großen Alten. Und dieses Ungeheuer treibt den stolzen Segler direkt auf die tückischen Klippen an der Küste zu …

Nach dem Untergang des Schiffs und dem Tod Andaras begeben sich Robert, der nach London muss, und wenige anderen Überlebende unter Kapitän Bannermans Führung in das nächstgelegene Dorf Goldsby. Es liegt idyllisch am Loch Sheen, umgeben von Schafweiden. Sie ahnen nicht, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen sind. Und der erste Mensch, den sie antreffen, ist offensichtlich ein Verrückter: Er nennt sie Mörder …

_Mein Eindruck_

Der Roman trägt eigentlich den falschen Titel. (Dieser ist zudem negativ besetzt, so dass er nicht gerade zum Buchkauf einlädt.) Während nämlich der alte Meister, eben Roderick Andara, stirbt, entsteht praktisch vor unseren Augen der neue Meister Robert Craven, Andaras leiblicher Sohn und sein geistiger Schüler: der neue „Hexer“. Und so wie Andara Lovecrafts Schüler war, so geht auch Craven zu Lovecraft, um eine Ausbildung als Magier zu erhalten und das geistige Erbe seines Vaters – v. a. die riesige okkulte Bibliothek – anzutreten.

Doch dieses Erbe ist nicht eitel Sonnenschein, sondern mit der Gabe seines Vaters übernimmt er auch die Feindschaft von dessen Verfolgern, den Hexern von Salem. Wie schon im schottischen Goldsby attackieren sie Craven auch in London, wo sie ihn in einem dramatischen Showdown dem Monster vom Loch Sheen opfern wollen. Da sind sie aber an den Falschen geraten!

ACHTUNG, SPOILER!

Dieses Monster ist wirklich eine lustige Erfindung. Angelehnt an die Sage von Nessie, dem Monster von Loch Ness, handelt es sich um einen Saurier aus der Urzeit. Das Viech kann nicht nur gut schwimmen – es legt die Strecke Schottland – London in sieben Wochen zurück. Es hat auch ein prachtvolles Gebiss mit den Beißerchen eines Tyrannosaurus Rex. Und natürlich hat es einen riesigen Appetit auf frisches Magierfleisch mitgebracht. Leider hat es bei seinem Angriff auf Craven nicht das tonnenschwere Gewicht von Kirchenglocken berücksichtigt …

SPOILER ENDE

Ja ja, es ist schon ein Kreuz mit den Monstern: Wenn man sie zu deutlich zeigt, wirken sie allzu leicht lächerlich. Auch der Große Alte namens Yog-Sothoth kommt uns daher etwas spanisch vor, obwohl er sich doch mit seiner körperlichen Erscheinung ziemlich zurückhält. Das hindert uns aber nicht daran, ihn für einen besonders bösartigen Riesenkraken zu halten. Diese Verkörperung würde eigentlich viel eher zu Cthulhu, dem Bewohner der Tiefsee, passen. Dass der Torwächter Yog-Sothoth sich zu niederen Killerdiensten hergibt, dürfte sicherlich der dichterischen Freiheit des Autors zu verdanken sein.

|Zauberin gut, alles gut?|

Richtig gut hat mir hingegen Priscilla gefallen. Die schöne, junge Frau, die Bannermann & Craven in Goldsby zur Flucht verhilft, betört den jungen Magier mit ihrer Schönheit und Hilfsbedürftigkeit. Die bösen, bösen Hexer von Salem dürfen sie nicht bekommen, so viel ist schon mal klar. Und welchen schöneren Augenblick könnte es für Robert geben, als dass sie ihre lästigen Klamotten von sich schmeißt und sich ihm in aller nackten Pracht darbietet?

Die Sache hat nur einen winzigen Haken: Sie ist in Wahrheit weder jung noch eine Unschuld vom Lande. Und erweist sich also ein besonders perfider Köder, um Robert in die Hände seiner Gegner zu treiben. Priscillas Verwandlung hat ziemlich hohes Gruselpotenzial.

_Der Sprecher_

Der Endsechziger Jürgen Hoppe verfügt immer noch über eine durchaus kräftige Stimme, die er wirkungsvoll einzusetzen weiß. Zwar ist seine Modulationsfähigkeit nicht so ausgeprägt wie etwa bei Kerzel und Pigulla, doch die Kraft seines Ausdrucks trägt besonders bei dramatischen Stoffen zur Wirkung der Geschichte bei. Ein Horrorstoff wie „Als der Meister starb“ mit seinen zahlreichen dramatischen Konfrontationen bietet sich hierfür geradezu an.

Hoppe evoziert das Grauen nicht nur bei den Angriffen der diversen Monster, sondern auch bei entsprechenden psychologischen Regungen des Grauens, so etwa wenn sich Cravens geliebte Priscilla nicht als das entpuppt, was sie zu sein scheint. Wesentlich einfacher ist der Effekt, wenn der Hausdiener von Howard Phillips Lovecraft sich durch sein besonders tiefes Sprechorgan auszeichnet, um bedrohlich zu erscheinen. Der Hörer merkt gleich: Mit diesem Gorilla – er heißt übrigens Rolf – ist nicht gut Kirschen essen.

_Die Musik_

Das Hörbuch weist einen erstaunlich hohen Gehalt an Musik auf. Schon der Prolog weist Hintergrundmusik auf, dann folgt in der Pause ein längeres Stück professionell produzierten Mystic- oder Gothic-Rocks. Später folgen auch Songs, gesungen von Steve Whalley und Andreas Grundmann (s. o.). Diese Musik stammt von |ANDARA Project|, und für die Kompositionen und die englischen Songtexte zeichnet laut Verlagsinfo der Ton-Regisseur Albert Böhne verantwortlich, der auch den Text des Hörbuchs bearbeitet hat. In Personalunion ist Böhne somit der Meister aller Klassen.

Über die Qualität von Songtexten auf Hörbüchern kann man sich streiten, so etwa über Kunzes Stück „Der weiße Rabe“ auf den Poe-Hörspielen Lübbes. Bei Böhnes englischen Texten ist jedenfalls weitaus weniger zu verstehen, worum es geht. Das liegt aber nicht an der Aufnahmequalität, sondern vielmehr an der leisen Wiedergabe auf meiner Stereoanlage. Ich empfand ansonsten die Hintergrundmusik nicht als aufdringlich oder gar störend, sondern vielmehr passend.

Allerdings fragt sich manchmal der Hörer, warum er die Musikstücke mitbezahlen soll, die doch einen nicht unbeträchtlichen Teil der Laufzeit ausmachen – geschätzt etwa 20 Minuten Pausenmusik und Abspann. Immerhin teilen die Songs den langen Text deutlich auf.

_Unterm Strich_

„Als der Meister starb“ richtet sich von seiner begrenzten Originalität und seinem einfachen Stil her an ein junges Publikum, das wohl vor allem männlich sein dürfte – warum sonst sollte es eine junge schöne Hexe erotisch finden? Pubertierende Jungs dürften sich auch wesentlich leichter mit dem jungen, angehenden Magier Robert Craven identifizieren, der von seinem bislang unbekannten Vater in die okkulten Künste eingeweiht wird. Dass er sein Können an der Seite weiterer Magier auf die Probe stellen darf, ist nur folgerichtig. Ob er die Prüfung besteht, soll hier nicht verraten werden.

Der Sprecher Jürgen Hoppe macht im Zusammenspiel mit der Band |ANDARA Project| das Hörbuch beinahe zu einem Hörspiel, so spannend und eindrucksvoll sind die Szenen dargestellt. Wer also keinen hohen Ansprüche an Horrorliteratur stellt, wird mit diesem Hörbuch gut unterhalten werden.

|221 Minuten auf 3 CDs
Originalfassung: „Gespenster-Krimi“ Band 567; 1983
Hörspielfassung 2004 unter der ISBN 3-7857-1409-2|

Brian Lumley – Necroscope 2 – Vampirblut

Dramatische Schlacht der Totenbeschwörer

Die Wege von Harry Keogh, dem Nekroskopen, und Boris Dragosani, dem Nekromanten, kreuzen sich in diesem zweiten Band der über ein Dutzend Romane umfassenden „Necroscope“-Serie, die hierzulande exklusiv bei |Festa| erscheint. Die Konfrontation der beiden ist unausweichlich. Doch beide kämpfen nicht alleine, sondern mit Unterstützung (un)heimlicher Verbündeter.

_Der Autor_

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Forstchen, William R. – letzte Befehl, Der (Das verlorene Regiment 1)

Eine unbekannte Macht versetzt das ruhmreiche 37th Maine-Regiment aus dem amerikanischen Bürgerkrieg des Jahres 1865 ins finstere Mittelalter irgendwo in Russland – und offenbar auch auf eine andere Welt. Die 600 Mann können sich gegen Fürsten, Bischöfe und Bauernarmeen wehren, aber haben sie eine Chance gegen eine nach Hunderttausenden zählende Horde von wilden Aliens? Wohl kaum. Oder?

_Der Autor_

Der Amerikaner William R. Forstchen, geboren 1950, hat sich bislang als Autor von Fantasy- und Science-Fiction-Serien und Romanfassungen von SF-Filmen („Wing Commander“-Spin-offs) gezeigt. Leider ist er noch nicht in die Top-Liga der Star-Wars- und Star-Trek-Autoren aufgestiegen. Aber immerhin darf er schon mit Raymond Feist kooperieren und an der Krondor-Saga mitstricken.

Seine erste Serie „Ice Prophet“, die er 1983 begann, spielt auf einer Post-Holocaust-Erde während einer Eiszeit. Die „Gamester War“-Romane „The Alexandrian Ring“ (1987) und „The Assassin Gambit“ (1988) sind hingegen Space-Operas reinsten Wassers. Intergalaktische Herrscher veranstalten mit Erdlingen und anderen Rassen Spiele von galaktischen Dimensionen. Witzigerweise dürfen die Spieler per Zeitreise historische Figuren als Unterstützung herbeischaffen, so etwa Alexander den Großen, um auf einer Ringwelt, die als Arena dient, Kriege zu führen, auf deren Ausgang man Wetten abschließen kann. Die „Crystal“-Serie, die Forstchen mit Greg Morrison 1988-91 schrieb, ist hingegen Fantasy.

Der vorliegende Roman „Der letzte Befehl“ gehört zum „Lost Regiment“-Zyklus, der aus folgenden Bänden besteht, die |Bastei Lübbe| alle veröffentlichen will:

Rally Cry! = Der letzte Befehl (1990, erschienen 01/2005)
Union Forever = Jenseits der Zeit (1991, erscheint 08/2005)
Terrible Swift Sword (1992)

Im Grunde ähnelt die Plotstruktur der der Gamester-War-Serie. Die „Encyclopedia of Science Fiction“ beschreibt Forstchen als Schriftsteller von „strahlender Effizienz“, und er sei in technischer Hinsicht zu den ehrgeizigsten Werken fähig. Will heißen, er ist ein guter Geschichtenerzähler, aber man sollte von ihm keine revolutionären Ideen erwarten.

_Handlung_

Wir schreiben das Jahr 1865. In den USA liegt der Bürgerkrieg in den letzten Zügen, die letzten Kämpfe toben um Richmond, die Hauptstadt des Südens. Da wird das 37. Regiment von Maine unter Colonel Andrew Keane nach North Carolina beordert. Ein verhängnisvoller Befehl, wie sich herausstellen soll.

Das 37th Maine ist nicht irgendein Regiment. Es ist wahrscheinlich das berühmteste Regiment in der Geschichte des gesamten fünfjährigen Bürgerkriegs. Der Grund liegt in seiner entscheidenden Rolle in der Schlacht von Gettysburg. Unter immensen Verlusten verloren die Südstaatler die Schlacht, die den Wendepunkt des Krieges bedeutete. Einer der zahlreichen Gründe bestand in der Sicherung einer Hügelgruppe durch das 37th Maine. Weil diese Hügel gehalten wurden, konnten die Rebellen die Nordstaatler nicht in der Flanke umgehen, konnten dort keine Kanonen postieren und waren schließlich auf den Frontalangriff angewiesen. Dieser stellte sich als das reinste Massaker heraus. Danach hielt Lincoln, der Präsident, seine berühmte Rede.

Diesen Hintergrund muss man kennen, wenn es um das Verständnis des späteren Verhaltens der Nordstaatler geht, insbesondere von Kommandeur Andrew Keane.

Nun also schifft sich das Regiment gen Süden ein. Keanes Sergeant Major und väterlicher Freund Hans Schuder wittert Sturm. Der hochnäsige Kapitän der „Ogunquit“ jedoch sieht nicht ein, sich in Sicherheit zu bringen und zahlt einen hohen Preis dafür. Der Sturm macht beinahe Kleinholz aus seinem Seelenverkäufer. Kurz vor dem Kentern des Schiffs erfasst jedoch eine seltsame Lichterscheinung das Schiff samt Mensch, Tier und Material und transportiert alle hinweg.

|Die Ankunft|

Colonel Keane erwacht an einer Küste wie weiland Robinson Crusoe, allerdings scheint mit der Sonne etwas nicht zu stimmen. Der Tag hat 23 Stunden und die Welt zwei Monde. Dass diese Welt – sie heißt Waldennia – von Menschen bewohnt ist, erkennen die Männer des Regiments, die Matrosen des Schiffs und die einzige Krankenschwester sofort, als ein Späher sie entdeckt und sofort wieder verschwindet. Keane lässt sofort eine befestigte Stellung anlegen. So kann er den Angriff einer Bauernarmee ruckzuck abwehren – Bauern, die dem Befehl eines so genannten Bojaren unterstehen.

Einige Tage später ist Keanes Stellung an der Küste so abgesichert, dass er eine Expedition in die nächste Stadt unternehmen kann: Suzdal. Der Dolmetscher Kalencka, der später noch eine wichtige Rolle spielen wird, hat ihn schon auf das vorbereitet, was ihn erwartet, aber der Schock, Suzdal mit eigenen Augen zu sehen, ist doch heftig: Dies ist das Russland des tiefsten Mittelalters. Dr. Emil Weiss, der Regimentsarzt, ist entsetzt über die hygienischen Zustände. Alle jedoch sind entsetzt über den erbärmlichen Zustand, in dem sich die Bevölkerung befindet. Die Einzigen, die relativ gut genährt sind, scheinen die adligen Bojaren und die Priester zu sein. Etwas stimmt hier nicht.

Fürst Iwor von Suzdal empfängt die „fremden Teufel“, die das Kreuz falsch herum schlagen, dennoch, denn er kann sich zumindest vorstellen, dass ihre tödlichen Donnerstöcke (Gewehre) einen Machtfaktor darstellen. Er will nämlich erstens Fürst aller russischen Städte werden und sich zweitens gegen den heftig intrigierenden Erzbischof von Suzdal, Rasnar, besser verteidigen. Iwors Bruder Mikhail will ihn liebend gerne abservieren, um selbst über Suzdal zu herrschen. Ein klassisches Stück Realpolitik, in das Colonel Keane da hineingerät.

Keane erkennt Iwor als seinen Lehensherrn an, um dafür ein Fort und Land südlich von Suzdal zu erhalten. Hier verschanzt sich das 37th Maine, denn einem politischen Pulverfass wie Suzdal ist nicht zu trauen. Schon schmiedet Rasnar Mordpläne gegen Keane.

|Das Geheimnis|

Doch was Keane nicht weiß, ist der wahre Grund, warum sich Iwor, Rasnar und Co. so verhalten und warum die Bevölkerung nur aus herrschendem Adels- und Priesterstand sowie ärmlichen Bauern besteht. Alle zwanzig Jahre kommt eine riesige Horde aus fleischfressenden Wesen, die „Tugaren“ genannt werden, durch diese Gegend und verlangt Futter in Form von „Vieh“. Unter „Vieh“ verstehen die drei Meter großen Aliens keineswegs Rinder oder Schweine, sondern gesunde Menschen. Dolmetscher Kal hat selbst seine Liebste und seine Eltern in den Schlachtgruben der Tugaren verloren. Die Adligen und die Kirche erkaufen sich jedoch Verschonung von diesem Opfer, mit Gold und Silber, aber auch mit Untertanen.

Im Grunde dienen die Bauern – wie im richtigen Russland unter der Mongolenherrschaft – lediglich als Sklaven. Und das können die Yankees, wie sie sich nennen lassen, zwar verstehen, aber niemals akzeptieren. Denn genau für die Abschaffung der Sklaverei sind sie ja in den Krieg gezogen.

Der Dolmetscher Kal sieht seinerseits endlich eine Chance, sich und seine Mitbürger aus der Sklaverei zu befreien. Sein Schwiegersohn in spe, Private Hawthorne, ein fromm erzogener Quäker, erzählt ihm denn auch von den amerikanischen Verhältnissen und wofür sein Regiment kämpfte. Kal plant den Aufstand. Und sind die Bojaren erst vertrieben, werden ihnen die Yankees hoffentlich dabei helfen, die Tugaren abzuwehren oder zumindest auszuwandern.

|Aufstellung zum Kampf|

Doch weder Kal noch Keane haben mit der Intelligenz und der Anpassungsfähigkeit der Aliens gerechnet. Und sie werden von Hunger getrieben. Eine Seuche hat das Fleisch ihrer meisten Opfer auf der weltumspannenden Wanderung der Horde ungenießbar gemacht: die Pocken. Deshalb beschließt Muzta, der Oberhäuptling, zwei Jahre früher nach Rus zu ziehen, um dort zu überwintern.

Kal und Keane bleibt eine erheblich geringere Frist als gedacht, um ihre Pläne zu verwirklichen. Das könnte ziemlich eng werden. Zu eng?

_Mein Eindruck_

Ich habe den actionreichen Schmöker in nur wenigen Tagen gelesen. Das liegt sicher nicht nur an der großen Schrifttype, sondern auch an dem einfachen Erzählstil, den der Autor benutzt. Außerdem ist es das Gleiche wie mit jedem Military-Science-Fiction-Roman: Man weiß (die meiste Zeit), dass es nur zwei Seiten gibt: WIR und SIE. Und man hält irgendwie automatisch zu der Seite, die der Autor bevorzugt, und das sind entweder die Menschen an sich oder – wie hier – aufrechte Amerikaner, die für Freiheit und sogar für das blanke Überleben kämpfen.

|Es gibt immer zwei Seiten – auch beim Gegner|

Entgegen den meisten tumben Militärromanen à la John Ringo gewährt uns der Autor diesmal Einblick in gespaltene Fraktionen innerhalb der beiden Seiten. Und das betrifft nicht nur Tugaren und Keanes Regiment – dort gibt es einen Verräter -, sondern vor allem auch in der einheimischen Bevölkerung. Die Suzdaler sind in die von den Tugaren profitierenden Adligen und Priester einerseits und in die ausgebeuteten Bauern andererseits gespalten. Hier muss offensichtlich erst einmal eine Art Unabhängigkeitskrieg stattfinden, bevor sich Keane & Co. daran machen können, die Tugaren zu bekämpfen.

Eigentlich müsste sich ja Keane in diese innerrussische Angelegenheit nicht einmischen. Doch er hat gelernt, dass der herrschenden Schicht angesichts ihrer von Realpolitik diktierten Intrigen nicht zu trauen ist. Sie hat auch keinerlei Ideale. Es geht den Bojaren und dem Erzbischof nur um Macht, Herrschaft und Ausbeutung der Unterdrückten, die ohnehin nur als „Vieh“ dienen.

Doch das Beispiel der Nordstaatler hat in Kal, dem Bauernführer, die Idee gesät, dass sie ebenso wie die Sklaven des amerikanischen Südens und die Kolonisten um 1776 Freiheit erlangen können. Wenn sie es nur richtig anstellen. Allein dies würde schon reichen, Keane zu motivieren, seinen Idealen zu folgen und den Bauern zu helfen. Doch als sowohl Fürst Iwor als auch Bischof Rasnar sich gegen ihn stellen, hat er einen noch besseren Grund einzugreifen: Er muss seine ihm anvertrauten Männer plus eine Frau schützen. Umso besser, wenn er die Bauern auf seiner Seite hat.

|Die Tugaren-Aliens|

Doch mit den Tugaren ist das Spiel ein ganz anderes. Ein Krieg aus wirtschaftlichen Gründen scheidet ebenso aus wie ein Befreiungskrieg. Keane bietet den gewarnten Tugarenführern sogar an, sie zu verschonen, wenn sie weiterziehen. Aber mitnichten! Das sehen die Tugaren nicht ein, denn ihnen geht es nun nicht mehr nur ums Fleisch des Menschen-„Viehs“, sondern zusätzlich um die Sicherung ihrer Herrschaft über die Menschen. Eine Ausnahme können sie sich nicht leisten.

Doch es gibt zwei Fraktionen selbst unter den Tugaren. Der „Schwertträger“, also Oberfeldherr von Oberhäuptling Muzta, Qubata, ist ein richtiger Schlaukopf. Als ihm die ersten Kanonenkugeln um die Ohren fliegen, merkt er, dass sich die üblichen Regeln des Spiels – „ihr gebt uns 2 von 10 Stück eures Viehs, der Rest darf leben“ – soeben geändert haben. Auch die Wachtürme, die schon 80 Kilometer vor Suzdal aus dem Wald ragen, machen ihn stutzig. Dort oben werden Signalflaggen geschwenkt. Und auf dem Fluss, dessen Furt es zu durchqueren gilt, kreuzt ein Schiff gegen den Strom! Es stößt nicht nur Rauch aus, sondern ebenfalls Kanonenkugeln. Das Essenfassen könnte etwas ungemütlich werden.

Doch wenn Muzta an der Macht bleiben will, muss er den Kriegstreibern in seinem Fürstenrat ihren Willen lassen. Ein warnender Mann wie Qubata hat ausgespielt. Hunger und die Sorge um Machtverlust zwingen die Tugarenhorde, gegen Suzdal vorzugehen. Wie Qubata befürchtet hat, wird es ein Desaster.

|Moderne Rüstungsindustrie|

Denn Keane und sein Regiment haben nicht geschlafen und die Hände in den Schoß gelegt, um abzuwarten, bis die Tugaren nach etwa zwölf Monaten vor ihren Toren auftauchen und vielleicht Gnade gewähren. Ein Voraustrupp, der „Künder der Zeit“, hat sie gewarnt. Es ist eine der erstaunlichsten Beschreibungen dieses Romans, als der Autor erzählt, wie die Nordstaatler eine Rüstungsindustrie aus dem Boden stampfen. Ironischerweise haben die Rebellen des kaum industrialisierten Südens das Gleiche tun müssen, als der weiter entwickelte Norden sie angriff.

|Taktik und Strategie: Lektionen des Bürgerkriegs|

Man sieht also, dass der Roman zum Verständnis des Bürgerkrieges beiträgt. Immer wieder reflektieren die Männer um Keane über die entscheidenden Schlachten dieses verheerenden Krieges, ganz besonders über Gettysburg. Obwohl die Tugaren auch etwas von Militärstrategie verstehen, müssen sie ihre Flankenangriffe ebenso wie die Südstaatler bald abbrechen, um frontal anzugreifen. Mit ebenso fatalen Ergebnissen wie für den General, der die Rebellen bei Gettysburg in den Untergang marschieren ließ. Der Autor versucht nicht, die Lektionen des Bürgerkriegs zu leugnen, sondern sie deutlicher herauszuarbeiten.

Ebenso ironisch ist, dass Keane das Aufstellen einer Volksarmee befiehlt – genau wie es die Rebellen um 1776 und 1861 taten. Denn anders als mit ungeheuren Mengen von halbwegs disziplinierten Kämpfern ist einer Übermacht nicht beizukommen. Man denke etwa an Roland Emmerichs Film „Der Patriot“, in dem eine Rebellenarmee die streng geordneten englischen Kolonialtruppen angreift – und zu aller Überraschung besiegt. Wie konnte dies gelingen? Nicht, weil es das Drehbuch verlangte, sondern weil die schlaue US-Kampftaktik den englischen Gegner verlockte, die klügere Taktik sausen zu lassen und zu rasch vorzugehen – und so in die vorbereitete Falle zu tappen.

|Qualen eines Pazifisten|

Der 18-jährige Hawthorne ist von seinen Quäker-Ältesten zur Achtung vor dem Leben und zur Wahrheitsliebe erzogen worden. Doch auch er hat sein Damaskus-Erlebnis, als er von feindlichen Russen gefangen genommen und gefoltert wird. Weder Achtung vor dem Leben noch vor der Menschenwürde, geschweige denn Wahrheitsliebe finden hier Beachtung, ja, die Priester von Nowrod (= Nowgorod) sind noch schlimmer als die Fürsten. Schon bald hat er Kals Tochter Tanja liebgewonnen, bildet die Bauern zu Soldaten aus und kämpft aufopferungsvoll für seine Frau und ihr Baby. Kein Wunder: Er hat nicht die Absicht, sie den Schlachtgruben der Tugaren zu überlassen. Sein moralischer Zwiespalt rettet jedoch das Buch vor dem Abgleiten in Schwarz-Weiß-Malerei.

|Qualen der Liebe|

Nicht nur Hawthorne hat die Liebe gefunden, sondern auch Andrew Keane. Doch seine Beziehung zu der Krankenschwester Kathleen ist unendlich komplizierter. Denn Kathleen hat ihren ersten Verlobten zu Beginn des Bürgerkriegs verloren und weigert sich, schon wieder einen Verlust zu riskieren. Das wäre zu viel für sie, denkt sie. Und auch Keane hat sein Päckchen zu tragen. Seine erste Liebe hatte ihn – noch vor dem Krieg – mit einem anderen betrogen. Aus Frust und der verlorenen Unschuld wegen trat er den Truppen bei, die alsbald gegen den Süden zogen.

Binnen kurzem erwies sich der Professor für Geschichte als fähig, Soldaten erfolgreich in einem Gefecht zu führen und ihre Überlebensrate auf das Doppelte des Durchschnitts zu steigern. Schnell stieg er daher zum Oberst auf, nur einen Rang unterm General. Sein interessantester Charakterzug ist ein Paradoxon: leidenschaftlicher Einsatz für Schutzbefohlene, aber mitunter eine krasse Gefühlskälte in Angelegenheiten, an denen andere gescheitert und zerbrochen wären. Zum Glück sagt ihm sein Mentor, der Sergeant Major Hans Schuder, wann es Zeit für welches Verhalten ist.

Die peinlichsten Szenen haben nicht mit Kathleen zu tun, sondern passieren dann, wenn die Soldaten – und Suzdaler – Schlachtgesänge aus der Heimat anstimmen. Das Pathos ist für den deutschen Leser kaum erträglich, aber für den amerikanischen Patrioten wohl sehr willkommen.

_Unterm Strich_

Wer Militär-Action in einem teils historischen, teils von Science-Fiction bestimmten Schauplatz sucht, ist hier genau richtig und wird bestens bedient. Der Hurra-Patriotismus hält sich in Grenzen, die beiden Kontrahenten werden nicht der Schwarzweißmalerei geopfert. Fähnrich Hawthorne rettet mit seinen Zweifeln an der Rechtfertigung des Tötens die moralische Integrität des Buches. Insgesamt werden doch etliche dunkle Seiten des amerikanischen Bürgerkrieges kritisch kommentiert. Und auch die Romantik kommt nicht zu kurz.

Ich habe den Roman in wenigen Tagen gelesen und fühlte mich gut unterhalten. Allerdings würde ich mir nicht jeden Tag solch eine hohe Dosis Militär-Action geben wollen. Genau, wie ich den Fantasy-Autor David Gemmell, der ja ähnliche Szenarien entwickelt hat (in der Drenai- und der Rigante-Saga usw.) nicht dauernd lesen kann.

|Originaltitel: Rally Cry, 1990
Aus dem US-Englischen übersetzt von Thomas Schichtel|

Child, Lee – Ausgeliefert

Dieser FBI-Thriller aus der Feder des Briten Lee Child fängt langsam an und weitet sich allmählich zu einer actiongeladenen Auseinandersetzung zwischen Milizen, FBI und Militär aus – da brennt die Luft. Und alles wegen einer entführten jungen FBI-Agentin.

Dies ist Lee Childs zweiter Roman. Ich finde ihn wesentlich besser geschrieben als den nachfolgenden, „Zeit der Rache“. Das heißt aber nicht, dass es an „Ausgeliefert“ nichts auszusetzen gäbe.

_Handlung_

Der Serienstar von Lee Child ist der aus dem Dienst bei der US-Militärpolizei ausgeschiedene Jack Reacher. Eines schönen Mittags schlendert er ziellos durch die Innenstadt von Chicago, als vor ihm die bildschöne Holly Johnson aus der Tür eines Reinigungsgeschäfts tritt. Sie hat eine Knieverletzung und tut sich mit ihren gereinigten Kleidern und der Krücke sichtlich schwer. Doch in Reacher findet sie einen unverhofften Samariter, der ihr beisteht. Jack ist ein Gentleman, hat aber noch einiges mehr auf Lager, wenn’s darauf ankommt.

So etwa in der nächsten Sekunde: Drei Unbekannte schnappen Holly Johnson und Reacher und zerren sie in einen unbeschrifteten Lieferwagen. Reacher verzichtet mit Rücksicht auf unschuldige Passanten auf Gegenwehr. Er und die junge Frau werden in den Laderaum gesperrt. Nach einem Umstieg bei einem Flughafen geht die Fahrt weiter – um genau zu sein, rund 1700 Meilen westwärts nach Montana. Wie Reacher herausfindet, ist Holly vom FBI in Chicago. Er selbst gibt an, als Türsteher zu arbeiten, was zwar den Tatsachen entspricht, aber wohl nicht die volle Wahrheit ist.

Erst nach fünf Stunden merkt das FBI, dass ihre beste Mitarbeiterin in Sachen Verfolgung von Steuersündern entführt worden ist. Die Überwachungskamera der chemischen Reinigung liefert etwas missverständliche Bilder: Darauf sieht Reacher aus wie ein Terrorist oder zumindest wie der Kopf der Kidnapperbande. Dieses Missverständnis soll sich für Reacher noch übel auswirken.

Mittlerweile kommen er und das FBI dem Grund für die Entführung etwas näher: Sie ist die Tochter des ranghöchsten Generals, des Vorsitzenden der Vereinigten Generalstäbe. Und was er noch eine ganze Weile nicht ahnt: Sie ist die Patentochter des US-Präsidenten. Die FBI-Spitze und General Johnson reimen sich schnell zusammen, was das soll: Die Entführer wollen den bevorstehenden 4. Juli, die Feier des Unabhängigkeitstages, nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen und Forderungen zu stellen.

Als die Verbindung endlich hergestellt wird, ist alles natürlich viel schlimmer als befürchtet: Holly Johnson befindet sich als Geisel in der Hand eines verrückten Milizenführers namens Beau Borken, der am 4. Juli seine eigene kleine Republik in den Bergen von Montana ausrufen möchte. So will er sich von der „Tyrannei der Weltregierung und der Banken sowie der Juden“ befreien. Dieses wirre Zeug beruht auf seiner Biografie, aber seine wirkliche Ideologie scheint „Der Stärkere frisst den Schwachen“ zu sein. Hakenkreuzfahnen schmücken seine „Kommandohütte“, Regale voller Literatur über Pearl Harbor zieren deren Wände. Da weiß Reacher, was für eine Art von Diktator er vor sich hat. Und er weiß, wie er mit ihm fertig werden kann.

Allerdings weiß Reacher noch nichts von dem Maulwurf in der Organisation der FBI-Stelle Chicago. Er weiß nicht, wie verrückt und skrupellos Borken wirklich ist; und er ahnt noch nichts von der Entschlossenheit Holly Johnsons, für ihren Geliebten Jack Reacher einzustehen.

Schon bald hallen die Berge Montanas von Schreien, Gewehrschüssen und Raketenexplosionen wider …

_Mein Eindruck_

Die zweite Hälfte des Buches ist wirklich so gewalttätig, wie der Schluss meines Handlungsabrisses klingt. Ich will nicht ins Detail gehen, um die Spannung nicht zu zerstören, aber wir erhalten Unterricht in der Wirkungsweise von Gewehren, Pistolen, Stinger-Raketen und was nicht alles mehr. Außerdem lernen wir die korrekte Bedienungsweise eines Scharfschützengewehrs, mit dem man auf 1200 Meter Entfernung einer Fliege den Hintern wegschießen kann. (Es gibt auch große Fliegen.) Dieses Buch ist also nichts für zarte Nerven.

Reacher spielt in diesem Szenario nicht nur den väterlichen Beschützer & Lover der Entführten, sondern auch eine Art Einmannarmee à la Arnold Schwarzenegger. Das Einzige, was ihm Angst macht, sind Ratten und enge unterirdische Tunnels. Wir wissen: Solange er lebt, wird alles gut.

|Waco lässt grüßen|

Darum geht es eigentlich nicht. Denn dass Milizen und andere Unabhängigkeitsgruppen in den Rockies und westlich davon existieren, ist ein alter Hut. Der Autor gibt ungefähr 66 Millionen Sympathisanten oder Aktive in diesen Gruppen an. Das ist eine beträchtliche Wählerschaft. Als sich also die neue Republik lossagt, zögert das Weiße Haus, einzuschreiten. Zu gut ist dem Präsidenten und seiner Verwaltung das Debakel von Waco, Texas, in Erinnerung. Dort führte das rabiate Vorgehen des FBI gegen eine Sekte zu dem Tod mehrerer Dutzend Menschen. Auch an den Massenselbstmord von Jonestown in Guayana wird erinnert. Beide Szenarien würden der Regierung erhebliche Wählerverluste einbringen, zumal am Unabhängigkeitstag.

Die rechte Hand des Präsidenten bringt das brisante Thema auf den Punkt: Die Amis ermutigen in Sibirien und Osteuropa Dissidenten und Freiheitskämpfer, sich zu erheben, doch im eigenen Land werden Freiheitskämpfer niedergemetzelt? Das wäre äußerst unklug. Nicht von ungefähr zitiert der selbsternannte Präsident Beau Borken die US-Verfassung von 1776, in der sich die Neuenglandstaaten einfach die Freiheit nahmen, sich von der britischen Krone loszusagen – ein gewisser Präzedenzfall. Er weiß also, dass er die Geschichte auf seiner Seite hat. Demzufolge legt der US-Präsident die Hände in den Schoß, und General Johnson muss seine Tochter selbst raushauen.

Leider wird der noble Aspekt des Themas Freiheit und Befreiung gegen Ende zunichte gemacht: Borkens Staatsgründung war wohl doch nur ein Ablenkungsmanöver für seine schnöde Rache an den Banken, die seine Familie ruiniert hatten. So stellt sich der Autor auf Regierungsseite: Alles nicht so schlimm gewesen. Leider ist damit das Problem der Milizen etc. nicht aus der Welt geschafft oder gar eingehender erörtert. Das hat wohl in einem Actionthriller nichts zu suchen.

Das FBI macht wieder einmal eine schlechte Figur in der Abwicklung der Aufklärung des Falls, ganz besonders aber bei der Bekämpfung der Milizionäre. Und wo ein Maulwurf ist, da kann ja noch ein zweiter versteckt sein, nicht wahr?

|Die Übersetzung|

Der Heyne-Übersetzer Heinz Zwack macht zu 99 Prozent einen hervorragenden Job. Besonders dann, wenn man bedenkt, welches Spezialwissen über alle möglichen Arten von Waffen vonnöten ist, um das Buch korrekt und verständlich zu übertragen. Dennoch sind ihm zwei Flüchtigkeitsfehler unterlaufen, die nur der aufmerksame Leser entdeckt: An zwei Stellen spricht FBI-Bürochef McGrath, obwohl das, was er sagt, nur Reacher wissen und sagen kann. Eine klare Verwechslung.

_Unterm Strich_

In seiner Thematik wie auch in dem geschickten und temporeichen Aufbau der Geschichte (schnelle Szenenwechsel) ragt „Ausgeliefert“ über das vergleichbare „Zeit der Rache“ hinaus, das sich mit weitaus weniger Gewalt zufrieden gibt. Wer nichts gegen Schwarzenegger-Äkschn einzuwenden hat und zudem mit einem aktuellen amerikanischen Problem Bekanntschaft machen möchte, ist mit diesem Roman ausgezeichnet unterhalten.

Homepage des Autors: http://www.leechild.com.

|Originaltitel: Die Trying, 1998
Aus dem US-Englischen übertragen von Heinz Zwack|
http://www.heyne.de