Alle Beiträge von Michael Matzer

Raphael, Frederic – Eyes Wide Open. Eine Nahaufnahme von Stanley Kubrick

Als Stanley Kubrick den Entschluss fasste, Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ zu verfilmen, brauchte er einen kundigen Autor, der das Drehbuch verfasste. Er suchte lange und sorgfältig. Seine zögerliche Wahl fiel auf Frederic Raphael. Dies sind die Protokolle und Erlebnisse des Autors mit einem Genie des Filmemachens.

|Der Autor|

Frederic Raphael lebt als Autor, Feuilletonist und Dramaturg in Frankreich und Großbritannien. Sein Drehbuch für „Darling“, das 1965 mit Julie Christie verfilmt wurde, wurde mit einem Oscar ausgezeichnet. In den beiden Jahren 1995 und 1996, als er für und mit Kubrick an dem Drehbuch für „Eyes Wide Shut“ (1999) schrieb, beschreibt er sich selbst als „um die sechzig Jahre alt“ – er wurde 1931 in Chicago geboren. Er gehört der |Royal Society for Literature| an. Seine Fernsehserie „After the War“ wurde weltweit ausgestrahlt.

Ich setze Stanley Kubrick als bekannt voraus. Wer Infos braucht, lese meine Artikel zu
[„2001: Odyssee im Weltraum“]http://www.powermetal.de/video/review-294.html
[„Eyes Wide Shut“]http://www.powermetal.de/video/review-297.html
[„Full Metal Jacket“.]http://www.powermetal.de/video/review-296.html

_Inhalte_

Stanley Kubrick starb bekanntlich am 7. März 1999. Die Erleichterung über die wohlwollende, um nicht zu sagen: enthusiastische Aufnahme seines neuesten, letzten Films „Eyes Wide Shut“ bei den Studiobossen und den ersten Kritikern hatte ihm eine derartige Last von der Seele gewälzt, dass offenbar eine körperliche Reaktion einsetzte. Sein Film hatte noch nicht das Stadium des allerletzten Schnitts erreicht, und so kam in die Kinos eine Fassung, die unfertig war. Sie ist die Fassung letzter Hand, wie man in der Literatur sagt.

Nichtsdestotrotz stellt sie das Ergebnis von zwei Jahren Arbeit am Drehbuch und noch einmal zweieinhalb Jahren bei Dreharbeiten und Schnitt dar. Frederic Raphaels Buch beschreibt lediglich die Arbeit am Drehbuch und stoppt vor den Dreharbeiten, die im November 1996 begannen.

Schon lange hatte Kubrick nach Raphaels Worten den Plan, einen Kunstporno zu drehen. Den entsprechenden Versuch seines Drehbuchautors an „Dr. Seltsam“, Terry Southern, mit „Candy“ fand er erbärmlich misslungen. Er selbst nutzte die liberale Kunstzensur der USA, die nach einem Urteil seit 1966/67 bestand, ebenfalls aus, und zwar mit „Uhrwerk Orange“. Darin waren schon eine Menge leicht bekleidete Damen zu sehen, ja sogar eine Massenvergewaltigung. Der Skandal nach dem Film war so enorm, dass die Kubricks Morddrohungen erhielten und ans Auswandern dachten. Fortan verschanzte sich der Maestro in seinem Landhaus und gestaltete seine Kontakte zur Umwelt sehr umsichtig und mit größter Vorsicht.

Aber Kubrick wollte noch weiter gehen als in „Orange“ und eine richtige Orgie zeigen. In Schnitzlers „Traumnovelle“ fand er eine, die ihm zusagte. Sie fand natürlich nicht bei den ollen Römern statt, sondern im dekadenten Wien um die Jahrhundertwende von 1900. Und durch die Qualität eines Traums ließ sich das Gezeigte a) leicht als Produktion der Einbildung entschuldigen und b) ohne Schwierigkeiten stilisieren und zu etwas anderem überhöhen. Zu Kunst eben.

Allerdings brauchte er einen Schreiberling, der ihm Schnitzlers Prosa in kompetente Szenen eines dramaturgischen Mediums transformierte. Deshalb bekam Raphael über seine Literaturagentur William Morris im Frühjahr und Sommer 1994 rätselhafte Anfragen, ob er eventuell verfügbar sein. Noch war nicht ganz klar, von wem sie ursprünglich stammten, denn natürlich hatte auch Kubrick seine Agentenscharen.

Als Raphael und seiner Frau endlich klar wird, wer dahintersteckt, erinnern sie sich an einen Filmemacher, den sie 1972 auf einer von Stanley (noch ein Stanley) Donens Partys kennengelernt hatten. Raphael bewunderte „Wege zum Ruhm“ und bis zu einem gewissen Grad auch „Spartacus“, den Kubrick für Kirk Douglas drehte, seinen Hauptdarsteller aus „Wege zum Ruhm“. Raphael hingegen hatte immerhin einen Oscar errungen, für sein Drehbuch zu „Darling“ (1967), und er hatte ein witziges Skript für Donens „Two for the Road“ mit Audrey Hepburn und Albert Finney geliefert (der kaum je im Free-TV gezeigt wird).

Und nun sollte Raphael für das Filmgenie einen Kunstporno schreiben? Nun ja, sagt sich Raphael, es kommt drauf an, wie es gemacht wird. Doch genau da liegt der Hase im Pfeffer.

_Mein Eindruck_

Raphael hat seine detaillierten Schilderungen der Arbeit mit den Protokollen seiner Dialoge mit Kubrick aufgelockert. Da ruft meist der Regisseur an: „Freddie, stör ich gerade?“ Und Raphael verneint natürlich stets. Schließlich ist Kubrick der Auftraggeber. Doch obwohl dieser nach den ersten 40 Seiten entzückt über das Gelieferte ist, scheint der weitere Verlauf in eine andere Richtung zu gehen. Zunächst ist Raphael froh, ein absolut traditionelles Skript geliefert zu haben, das hohen Ansprüchen genügt. Nach einer Verschnaufpause meldet sich Kubrick wieder, um etwas anderes zu verlangen. „Schreiben Sie alles in Prosa und mit genauen Anweisungen.“ Also keine Dialoge.

|Vercingetorix vs. Caesar|

Das findet Raphael sehr merkwürdig. Und in der Tat kommt auch diese Version nicht gut an. Allmählich macht sich der Autor Sorgen über das, was zwischen ihm und Kubrick läuft. Was ist das für eine Art Verhältnis? Er zieht Parallelen und stößt – als Franzose – auf Gaius Julius Caesar und Vercingetorix, den letzten Feldherrn der Gallier. Dieser musste 52 v. Chr. bei Alesia kapitulieren, nachdem Caesar ihn wochenlang in seiner Bergfestung belagert und auch den Ersatz ausgesperrt hatte.

|Just like Sisyphos|

Immer weitere Änderungswünsche von Seiten Kubricks treiben Raphael, der ein kluger, intelligenter Mann ist, keineswegs in den Wahnsinn. Schließlich gibt es noch anderes und Wichtigeres auf der Welt, als für einen englischen Regisseur zu arbeiten. Doch nachdem das erste Jahr verstrichen ist, denkt Raphael das erste Mal an Sisyphos. Der griechischen Sage nach straften die Götter den überheblichen König, indem sie ihn einen Felsen einen Berg hochwälzen ließen. Sobald er fast den Gipfel erreicht hatte, ließen sie den Felsen wieder hinabrollen. Doch Sisyphos‘ Strafe dauerte ewig, und so musste er den Felsen wieder und wieder hochwälzen.

Allmählich kam sich Raphael wie ein moderner Sisyphos vor. „All diese Monate der Arbeit für Stanley wirkten wie Einzelhaft ohne den Trost des Alleinseins.“ (228) Er änderte hier, er änderte dort. Doch was bezweckte Kubrick mit diesen Änderungen? Warum konnte es ihm Raphael nie recht machen? Nach einer ganzen Weile kommt er zu einer Erkenntnis, dass es für ein Genie wie Kubrick ganz einfach notwendig ist, nichts zu akzeptieren, das man ihm fix und fertig vorsetzt. Er muss einfach alle Möglichkeiten austesten und Untaugliches eliminieren, bis er einen gangbaren Weg gefunden hat. Niemals darf sich ein Autor anmaßen, ihm vorzuschreiben, was er zu drehen habe.

|Der Prozess|

So kommt ein Prozess wie in einer Werkstatt in Gang. Vorsichtig besucht Raphael den Meister, seinen Meister und diskutiert, aber nicht rechthaberisch, sondern konziliant. Die meiste Zeit telefonieren sie, dargestellt in Dialogform. Das sieht mitunter recht komisch aus, mit einer Menge ironischer Untertöne. Sie erörtern die Situation eines jüdischen Menschen um 1900 und heute. Gibt es Unterschiede? Und wenn ja, welche? Welche Filme sind misslungen, welche gut? Heikle Fragen, doch Raphael spricht mit Kubrick auf der gleichen Augenhöhe. Er ist ein enorm gebildeter und auf der Höhe der Zeit befindlicher „homme des lettres“.

Während diese Dialoge kurzweilig zu lesen sind, sind es die – zum Glück wenigen – langen Passagen leider nicht, in denen sich der Autor Überlegungen darüber hingibt, in welcher psychologischen Lage sich er (Sisyphos, Vercingetorix) und Kubrick (Caesar, das Genie, die Diva, der Mann im Käfig) befinden. Danach sollte sich der Leser eine Ruhepause gönnen. Verschnaufen lässt sich auch bei Schilderungen der geschäftlichen Abläufe – ist der Scheck eingetroffen? – und der gesellschaftlichen Ablenkungen wie etwa Urlaub, Partys und Feiertage.

|Ein begnadeter Schweinehund|

Am interessantesten sind vielleicht Kommentare über Kubricks Filme: welche zum Beispiel als misslungen zu betrachten sind, wie Raphael meint. Dazu zählt er eindeutig „Lolita“ und wohl auch „Full Metal Jacket“. Zahlreiche Informationen über Schauspieler wie James Mason oder Kirk Douglas bleiben im Gedächtnis. Douglas, der Produzent von „Spartacus“, sagt auf der Rückseite des Buches: „Stanley Kubrick ist ein begnadeter Schweinehund.“ Voilà, ein Filmfan oder Cineast kann hier einige Funde machen. Über Cruise & Kidman wird man allerdings kaum ein Wort finden. Um die Dreharbeiten kümmerte sich der Autor nicht. Über diesen Aspekt gibt es andere Bücher.

_Unterm Strich_

„Eyes Wide Open“ ist keine populärwissenschaftliche Behandlung des Themas „Wie aus Schnitzlers ‚Traumnovelle‘ ein Kubrick-Film namens ‚Eyes Wide Shut‘ wurde“, auch kein rezensierendes Resümee von Kubricks Werk. Es handelt sich vielmehr um eine intellektuell anspruchsvolle Auseinandersetzung mit einem außergewöhnlichen Regisseur und dessen allerletztem Film. Cruise: „There will never be another Kubrick movie, ever.“

Die Sicht auf diesen zweijährigen Prozess ist durchweg subjektiv, sie kann auch nichts anderes sein. Dadurch aber erringt der Prozess eine menschlich anrührende Dimension: ein Zweikampf und Dialog, eine Auseinandersetzung und ein Austausch.

Der Leser wird Zeuge eines Dramas und eines Einfühlungsvorgangs, einer Analyse. Ob der Autor diesen Regisseur in seiner Gänze erfasst hat, darf bezweifelt werden, aber ich habe bislang keine tiefer schürfenden Analysen der Psyche des Genies Kubrick, des Menschen Stanley, gefunden. Insofern ist das Buch für mich eine Bereicherung gewesen. Aber ich möchte die Mühe nicht noch einmal aufbringen müssen, es zu lesen. Jedenfalls nicht so bald.

|Originaltitel: Speaking with Kubrick, 1999
Aus dem Englischen übersetzt von Johannes Sabinski.|

Harrison, Harry / Holm, John – König und Imperator (Hammer und Kreuz 3)

Wie sähe die Zivilisation heute ohne Christentum aus? Nun, jedenfalls wesentlich menschenfreundlicher und fortschrittlicher, meinen die zwei Autoren der „Hammer & Kreuz“-Trilogie. Sie haben diese Annahme einmal in einem alternativen Geschichtsverlauf nachgezeichnet. Das Ergebnis ist durchaus bedenkenswert, auch für Leser ohne Hang zu nordischen Religionen. Aber auch Leser, die unterhalten werden wollen, kommen hier voll auf ihre Kosten.

_Vorgeschichte_

Im Jahr 865 suchen die Wikinger mit grausamen Raubzügen den Norden Englands heim. Shef, ein junger Schmied nordischer Abstammung mit erstaunlicher Auffassungsgabe für technische Zusammenhänge, bringt den Wikingerbanden blutige Niederlagen bei und baut eine Streitmacht auf – unter einer Fahne, die sowohl den Hammer Thors als auch das Kreuz als Zeichen führt. Er selbst wählt als sein „Totem“ die Pfahlleiter, denn sie ist das Symbol für seinen göttlichen Vater Rigr, einen der nordischen Asen.

Shef schlägt sogar eine Streitmacht der Franken, die die katholische Kirche gegen ihn ausgesandt hat. Im 2. Band der Trilogie, [„Der Pfad des Königs“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=791 erobert Shef aufgrund seiner brillanten Ideen Skandinavien und besiegt seine wichtigsten Kontrahenten, die Söhne Ragnar Lodbroks, der England plünderte. Fortan regiert er als der Eine König des Nordens, während sein Mitkönig Alfred von Wessex halb England beherrscht. Doch Shef hat sich in Deutschland einen mächtigen Feind geschaffen: Bruno, den Lanzenritter. Dieser wird unterstützt von Diakon Erkenbert, der bei der Eroberung von York durch die Wikinger entkommen war. Dieses Duo taucht nun, im 3. Band, wieder auf: Bruno ist Kaiser der Deutschen und Franken.

_Handlung_

Im Süden Europas haben die Nachfolger des West- und des Oströmischen Reiches, Kaiser Bruno und der Patriarch von Byzanz, ein Militärbündnis geschlossen, um die vorgedrungenen Piraten der Mohammedaner zurückzuschlagen. Denn wer die Inseln beherrscht und deren Brunnen, der beherrscht das Mittlemeer. Mit Hilfe des geheimnisvollen „Griechischen Feuers“, dem aus Erdöl gewonnenen Naphtha, verbrennen die Griechen die arabische Flotte. Nun ist der Weg nach Südfrankreich und Spanien frei. Doch dort herrschen die Araber unter dem Kalifen von Cordoba.

Der immer auf „Neues Wissen“ erpichte Shef erhält die Nachricht, dass die Griechen eine neue Waffe einsetzen. Außerdem macht er sich Sorgen um seine strategische Lage: Sobald Spanien wieder christlich ist, geht es England und dem Norden an den Kragen, also seinem Reich. Mit seiner Flotte von Schlacht- und Langschiffen besucht er erst einmal Cordoba. Dort interessieren ihn die Kunst des Fluges und Teleskope. Außerdem freut es ihn, dass hier anscheinend Moslems, Christen und Juden einträchtig zusammenleben. Allerdings müssen letztere Steuern zahlen, die Moslems aber nicht.

Nächste Stopps sind Mallorca und Septimanien, das in der Gegend von Montpellier liegen dürfte, an einen steilen Berghang geschmiegt: Auch hier leben Juden und Christen zusammen, allerdings gibt es hier auch christliche Ketzer, die später als Katharer bekannt und von der Inquisition blutig verfolgt wurden. Die Ketzer erkennen in Shefs Emblem die Pfahlleiter, die für sie eine heilige Reliquie darstellt: den Gral beziehungsweise graduale. Diesen Gral sucht Bruno verzweifelt aus den Ketzerburgen zu bergen, um seine Macht zu mehren.

Natürlich wissen sich die Ketzer umgehend die Unterstützung Shefs zu sichern, indem sie seine Geliebte, Svandis, entführen. Svandis ist zwar Atheistin, aber das macht nichts: Shef muss sie wiederhaben. Es kommt, wie es kommen muss: Wieder einmal stehen sich Shef und sein Erzrivale Bruno gegenüber – zwar nicht Aug in Aug, aber doch mit drastischen Resultaten: Shef lässt Feuer vom Himmel regnen und schickt Knaben in Flugdrachen zur Aufklärung in die Luft, der Gral wird in Sicherheit gebracht und etliche Katapulte kommen zum Einsatz. Viel Action allhier: eine Schlacht der sechs Religionen: katholische Kirche, griechisch-orthodoxe Kirche, Nordischer Weg (= Shef), Juden, Islam und Ketzer.

Nachdem Shef in hartem, knappem Kampf Bruno geschlagen hat, erhält dieser die willkommene Gelegenheit, den Kalifen von Cordoba, der den Ungläubigen mitsamt Heer entgegen gezogen ist, vernichtend zu schlagen. Durch Verrat fällt ihm auch noch der Gral in die Hände. Frohgemut zieht Kaiser Bruno gen Rom, um den dortigen Papst durch Diakon Erkenbert, seinen treusten und intelligentesten Berater, zu ersetzen. Dass die Italiener etwas dagegen haben, dürfte klar sein – und der amtierende Papst sowieso.

Und wenn sich Shef nicht beeilt, kommt er zu spät, um sein eigenes Reich gegen diesen fanatisch christlichen Kaiser zu verteidigen. Es kommt schon bald zum Showdown vor den antiken Mauern der Ewigen Stadt …

_Mein Eindruck_

Im Vergleich zu den Landschaften und Ideengebäuden, auf die Shef und seine Mannen (und Frau) in diesem Band treffen, muten die vorherigen geradezu vorsintflutlich und finster an. In den warmen südlichen Gefilden des Mittelmeers tauchen nun Geisteshaltungen und Begriffe auf, die uns schon recht neuzeitlich vorkommen.

|Erfindungen 1: Algebra|

Bei den Arabern von Cordoba erfährt Shef erstmals vom Konzept der Zahl Null, die die Araber „sifr“ nennen, wovon unser Wort „Ziffer“ stammt. Damit eng verbunden ist das Konzept der Algebra (al-gabr), das es Shef erstmals erlaubt, besser zu rechnen, als es die Römer konnten. Da Diakon Erkenbert nur römisch rechnen kann, um seine Katapultschüsse richtig einzustellen, hat Shef nun einen schweren militärischen Vorteil: Ihm fallen Teilen, Malnehmen, Abziehen und Addieren sehr viel leichter, insbesondere auch noch auf einem Rechenbrett, dem Abakus. Mit nur zwei Schüssen zerstört er das gegnerische Katapult: zack, peng!

|Erfindungen 2: Fliegen|

Das ist nicht alles: Von den Arabern lernt Shef das Fliegen. Dass dies nicht ganz ungefährlich ist, sieht er schon an seinem arabischen Lehrmeister Ibn-Firnas: Der hat sich schwer am Bein verletzt. Doch bei eigenen Versuchen mit dem Drachenfliegen greift Shef zunächst auf Knaben zurück, dann traut er sich selbst – mit viermal größerer Segelfläche.

|Erfindungen 3: Sprengstoff, Luftwaffe|

Von den Griechen klaut Shef das Geheimnis des Griechischen Feuers. Dies zusammen mit dem Drachenflug erlaubt ihm die Entwicklung einer Art Luftwaffe – die von den Christen natürlich sofort für Engel mit Flammenspeeren gehalten wird. Dass man solches Feuer auch werfen kann, demonstrieren seine Loki-Jünger vor Rom.

|Erfindungen 4: Buchdruck|

Die weitaus folgenreichste Erfindung Shefs dürften allerdings der Buchdruck mit beweglichen Lettern und die damit gedruckte Progaganda sein. Denn was nützen militärische Siege, wenn der Gegner weiterhin borniert und in alten Denkmustern verhaftet bleibt? Die drei Weltreligionen Christentum, Islam und Judentum sind allesamt Religionen des Buches: Neue Gedanken dürfen nicht gegen die niedergeschriebenen Glaubenssätze, das Dogma, verstoßen. Daher, so Shef, würden Araber nie richtig fliegen lernen: Es ist nicht Teil des Dogmas (dessen, was – von Wenigen, die dazu befugt sind – gelehrt wird).

Nachdem er den Ketzern der Pyrenäen eines ihrer heiligen Bücher abgeluchst hat, verbreitet Shef das alternative Evangelium, demzufolge Jesus von Nazareth gar nicht in den Himmel auffuhr, sondern putzmunter im Untergrund weiterlebte und fröhlich Kinder zeugte. Der heilige Joseph von Arimathaia holte den überhaupt nicht toten Religionslehrer mit einer Leiter (= Graduale oder Gral) vom Kreuz und verbarg ihn. Joseph wird im verbotenen Evangelium des Nikodemus erwähnt und ist im südenglischen Glastonbury kein Unbekannter …

|Erfindungen 5: Sexualaufklärung|

Wesentlich lustiger als solche Ketzerei ist jedoch die Verbreitung der Tricks und Tipps, die Svandis von den arabischen Frauen gelernt hat: Damit kann ein christlicher Mann, etwa ein Bischof, einer Frau, etwa einer Mätresse, beiwohnen, ohne mit ihr ein Kind zu zeugen, das er dann wieder teuer unterhalten müsste (es kostet Mitgift oder Lehrgeld). Die Autoren führen mehrere amüsante Beispiele für die Folgen der Lektüre solcher Bettratgeber an. Selber schuld, wer sich beim Lesen erwischen lässt – das Büchlein wird konfisziert und der Leser schier exkommuniziert oder nach Sibirien verbannt. Es gibt eben nichts Gefährlicheres, als über Sex Bescheid zu wissen.

Man kann sich leicht vorstellen, dass es stets eine gewisse Menge Text erfordert, um solche bahnbrechenden Erfindungen zu erklären und ihre Übernahme und Umsetzung zu schildern. Leider schaffen es die beiden Autoren nicht immer, die Geduld des Lesers nicht überzustrapazieren. Das war besonders an ein oder zwei Stellen in der Mitte der Fall. Das belegt aber einmal mehr, dass diese Trilogie nicht nur aus Abenteuerromanen besteht, sondern in erster Linie eine Art alternative Ideengeschichte ist: Was wäre, wenn …

|Die zweite Ebene: Lokis Ausbruch|

Wie gesagt, ist Shef der Sohn des Gottes Rigr. Immer wenn Shef ein gewisses Quantum von „Mutterkorn“, dem giftigen Belag von Roggenkörnern, genossen hat, bekommt er Visionen, zumindest lebhafte Träume. Er sieht dann das Geschehen in der Anders- oder Götterwelt, unter anderem kommuniziert er mit seinem Vater – der ganz bestimmt nicht sein Freund ist. Andersherum ist er dann dort selbst präsent (auch wenn Svandis dies vehement abstreitet).

So bekommt er mit, dass Loki zunächst von seinen göttlichen Brüdern wegen „Verrats“ in einer unterirdischen Höhle gefesselt und dem ätzenden Gift einer Schlange ausgesetzt worden ist. Eines Tages jedoch ist Loki frei (Shef weiß nicht, dass Rigr dafür verantwortlich ist) und auf Rache aus. Loki, der listenreiche Gott des Feuers, bietet Shef seine Hilfe an, wenn er ihm dient. In der Folge gelingt Shef die Nutzbarmachung des Griechischen Feuers und des Sprengstoffs.

Doch Shef hat eine Abneigung, Loki bei seiner Rache zu helfen. Schließlich lebt der Lichtgott Balder, für dessen Tod Loki verantwortlich gemacht wurde, ja noch, wenn auch hinter den Mauern von Hel. Und so schafft Shef schließlich auch in der Anderswelt, was ihm im Diesseits gelingt: Versöhnung zwischen zwei völlig unterschiedlichen Standpunkten. Es kommt eben darauf an, beiden Seiten etwas zu geben, was sie zufrieden stellt. (Wenn es nur immer so einfach wäre!)

_Für wen eignet sich dieses Buch?_

Freunde der |Recluce|-Fantasyromane von L. E. Modesitt könnten sich an manche Szenen erinnert fühlen: In einer archaisch-frühmittelalterlichen Welt tauchen Maschinen auf und schließlich sogar Raumschiffe („Sturz der Engel“).

Allerdings schildern Harrison und Holm die Entstehung solcher Erfindungen aus einem komplexen und durchdachten Umfeld heraus: Shef hat eine Philosophie des Suchens nach „Neuem Wissen“, die Teil der Religion des „Weges“ ist. Insofern wirken diese Anachronismen nicht aufgesetzt oder von Außenstehenden eingeführt (wie abgestürzte Raumschiffe), sondern von innen her erzeugt oder zumindest aufgenommen und weiterentwickelt. (Die Araber haben keinen Buchdruck entwickelt, lediglich die Grundlage.) Hieran dürfen sich Freunde der Kultur- und Ideengeschichte erfreuen.

Kritiker der Religionen des Buches (s. o.) und ihrer dogmatischen Lehren kommen ebenfalls auf ihre Kosten. Sie werden hier reichlich Munition finden.

Dass die wichtigsten Erfindungen dem militärischen Vorteil dienen, ist natürlich für Pazifisten nicht so schön. Andererseits wären die Träger der neuen Ideen ohne diese Vorteile schlicht und ergreifend vernichtet worden: Es war bekanntlich im Mittelalter weitverbreitete Sitte, Andersdenkende, „Ketzer“ genannt, aufzuknüpfen. Auch Judenprogrome waren in Mitteleuropa an der Tagesordnung.

Glücklicherweise kommt der Humor nicht zu kurz. Der richtet sich gegen zwei Mitglieder von Shefs Expeditionstrupp. Brand ist ein hochaufgeschossener Norweger, dessen Abstammung offenbar nicht ganz menschlich ist, jedenfalls was den homo sapiens angeht. – Und Svandis, die aufbrausende Atheistin an Shefs Seite – und in seinem Bett – weiß ab und zu durch ihre unorthodoxen Ansichten zu verblüffen: Sie nimmt Thesen der Psychoanalyse vorweg. Dadurch steht sie manchmal in den Augen ihrer männlichen Expeditionskollegen recht merkwürdig da. Denen ist es lieber, Visionen und seltsame Zufälle durch den Willen der Götter zu erklären.

|Originaltitel: King and Emperor, 1996
Übertragung aus dem US-Englischen & Glossar: Frank Borsch
Webseite des Autors: http://www.harryharrison.com|

Simmons, Dan – Hard Freeze

Joe Kurtz ist ein entlassener Sträfling und ehemaliger Privatdetektiv, der versucht, ein ehrliches Leben zu führen. Das ist aber in einer Stadt wie Buffalo, New York State, gar nicht so einfach. Er gerät nicht nur zwischen die Fronten zweier verfeindeter Mafiafamilien, sondern kommt auch einem psychopathischen Serienkiller in die Quere, der momentan auf der „richtigen“ Seite des Gesetzes arbeitet.

|Der Autor|

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A winter haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und „Der Sturz von Hyperions“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 mit seinem Roman [„Ilium“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346 fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“ und kommt Mitte 2005 auf den Markt.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Das Schlangenhaupt“ bei Goldmann) und Kurzgeschichten (z. B. „Styx“ bei Heyne).

Mit [„Hardcase“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=789 hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit „Hard Freeze“ und „Hard as Nails“ fortgesetzt wird. Simmons lebt in Colorado, wuchs aber in Buffalo, dem Schauplatz der Kurtz-Romane, auf.

_Handlung_

Joe Kurtz, die Hauptfigur des Romans, ist ein harter Brocken. Er hat kein einfaches Leben als früherer Privatdetektiv und langjähriger Gefängnisinsasse, der sich nun mit einer Webfirma für Datenrecherche über Wasser halten will. Nun plagt ihn chronischer Geldmangel, und so nimmt er doch wieder ein paar Fälle an. Leider sitzt ihm die Polizei genauso im Nacken wie die Mafia. Im eisigen Winter auf Buffalos Straßen entkommt er den Kontraktkillern um Haaresbreite.

Doch wer hat den Kontrakt für ihn ausgeschrieben? Ist es Angelina Farino Ferrara, die aus Italien zurückgekehrte Mafiaerbin des in Attica einsitzenden Bosses Stephen „Little Skag“ Farino, den Kurtz bestens in schlechter Erinnerung hat? Oder ist es ihr Gegenspieler, der schmierige Drogenschieber Emilio Gonzaga mit dem miserablen Geschmack und dem noch übleren Mundgeruch, mit dem sie sich zum Schein arrangieren muss?

Als sei dies noch nicht genug Kummer, bekommt Kurtz auch noch Besuch von einem relativ betuchten, aber todkranken Schwarzen namens John Wellington Frears, der nach Jahren endlich den immer noch frei herumlaufenden Mörder seiner Tochter Crystal finden will. Da hat sich Kurtz auf was eingelassen: Der berechnende Mädchenserienkiller, ein Meister der Verkleidung, hat nun eine Rechnung mit Kurtz offen und alle Trümpfe in der Hand: James B. Hansen arbeitet im Augenblick unter falscher Identität auf der Seite der Gesetzeshüter, hat eine respektable Familie und ein respektables Haus in einem vornehmen Viertel. Sein finsteres Geheimnis bewahrt er in einer Titanschachtel in einem Safe seines stets abgesperrten Arbeitszimmers auf. Zumindest so lange, bis Joe Kurtz es dort aufspürt.

So oder so wird es für Joe Kurtz ein heißer Winter in Buffalo, der kältesten Stadt im Bundestaat New York, gleich neben den Niagara-Fällen. Der Showdown findet folgerichtig während eines Schneesturms am totesten und kältesten Ort der Stadt statt: in den verfallenen dunklen Gewölben des alten verfallenen Hauptbahnhofs.

_Mein Eindruck_

Manchmal erinnert der schweigsame und kaltblütige Joe Kurtz an Mike Hammer, den ebenso kaltblütigen und gewaltbereiten Serienhelden, den Stacy Keach kongenial verkörperte. Dann aber erweist sich, dass Kurtz keineswegs aus Stein besteht, der die Schurken gnadenlos zur Strecke bringt, sondern dass er auch ein Herz besitzt – er kann es nur nicht zeigen.

Kurtz hat eine Tochter namens Rachel, die er wegen seiner 12-jährigen Haft nie kennen lernen durfte. Samantha, ihre Mutter, war Kurtz‘ Geliebte und berufliche Partnerin. Emilio Gonzaga hat sie auf dem Gewissen. Kurtz‘ Feldzug gegen Gonzaga entspringt also seinem Wunsch nach Vergeltung. Rachel hat inzwischen einen Pflegevater namens Donald Rafferty, doch der stellt sich als saufender und hurender Taugenichts heraus. Als er auch Rachel an die Wäsche will, läuft sie davon. Kurtz hat Abhörgeräte in Raffertys Haus angebracht, doch die neueste Entwicklung überrascht auch ihn. Plötzlich sind seine Qualitäten als Vater gefragt. Und wie sich zeigt, ist dies für Donnie Rafferty äußerst ungesund.

Auch gegenüber Frauen zeigt sich Kurtz souverän. Während er mit seiner Berufspartnerin Arlene DiMarco hervorragend auskommt, ohne zu persönlich zu werden, handhabt er die Mafiaerbin Angelina Farino Ferrara, wie es sich gebührt: eiskalt, vorsichtig und geschäftsmäßig. Für jeden muss etwas dabei herausspringen, wenn man etwas erreichen will. Ferrara will Gonzaga ebenso aus dem Weg haben wie ihren „kleinen Bruder“ Little Skag, der vom Bundesgefängnis in Attica weiterhin die Familiengeschäfte leitet. Als Angelina merkt, dass Kurtz imstande sein könnte, es mit den beiden aufzunehmen, will sie ihn benutzen. Dummerweise hat er eine Tonbandaufnahme von ihr, auf der sie gesteht, ihr Baby, das sie von Emilio Gonzaga gegen ihren Willen bekommen hatte, getötet zu haben …

In einer Welt der Psychopathen, Bodyguards, eiskalten Drogenschieber und Kindermörder nimmt sich ein Killer wie Joe Kurtz dennoch recht normal aus. Für einen Killer ist er sogar außerordentlich belesen und gebildet. In Attica hatte er zwölf Jahre Zeit fürs Lesen. Er liebt Shakespeare, und der Showdown im Hauptbahnhof gemahnt ihn an den Schlussakt von Shakespeares „Titus Andronicus“: eine wahre Schlachtplatte (inzwischen verfilmt mit Sir Anthony Hopkins).

Ungewöhnlich für einen Hardboiled-Thriller: Kurtz‘ geistiger Mentor, ein Ex-Professor in Princeton, wartet mit einer Theorie der moralischen Entwicklung auf. Wie Jean Piaget bewiesen hat, dass sich jeder Mensch in einer geistigen und sozialen Entwicklung befindet und es verschiedene Entwicklungsphasen gibt, so postuliert der Ex-Professor sieben Entwicklungsstufen des moralischen Empfindens und Bewusstseins. Ein Kinderschänder und Mahatma Gandhi mögen zwar beide der Spezies Mensch angehören, stehen aber wohl kaum auf der gleichen sittlichen Stufe. Kurtz‘ Beitrag zu dieser Theorie: Es gibt eine Nullstufe, und er kenne einige Vertreter dieser Stufe persönlich. Der Ex-Prof muss ihm widerwillig zustimmen. Ein solcher Vertreter hat gerade kalblütig seinen Doppelgänger erschossen. Man nennt diese Leute gemeinhin „Monster“.

Buffalo eignet sich nicht von ungefähr hervorragend für die Serie der Kurtz-Thriller. Die Stadt liegt an den Niagara-Fällen, einem mächtigen Symbol. Außerdem ist die kanadische Grenze gleich um die Ecke, was Buffalo für Drogen- und andere Schmuggler sehr interessant macht. Zu guter Letzt sind hier nicht nur die Winter besonders hart und lang, sondern es gibt am Lake Erie ein spezielles Wetterphänomen: einen extrem starken Schneesturm, der von Westen über die Weite des Sees heranbraust, bis er die Stadt mit ungeheurer Wucht trifft. Keine Frage, dass dies genau dann eintritt, als der Showdown des Buches stattfindet. Daher auch der Titel.

_Unterm Strich_

„Hard Freeze“ ist als zweiter Band der Kurtz-Serie vielleicht nicht so gewalttätig wie der erste, auf dessen Ereignisse ständig verwiesen wird. Aber „Hard Freeze“ entwickelt eine unaufhaltsam wirkende Wucht, die wie der sich zusammenbrauende Sturm irgendwann zum Ausbruch kommen muss.

Wie in jedem Hardboiled-Thriller seit Dashiel Hammett und Mickey Spillane („Mike Hammer“) wird auch hier nicht lange philosophiert und gequasselt, sondern gehandelt. Wo gehobelt wird, fallen Späne, und wo wie hier grob gehobelt wird, fallen die Späne reihenweise.

Dies bedeutet nicht, dass Gewalt Selbstzweck ist. Im Gegenteil. Jeder der Schurken wird nicht nur in seinem Handeln, Reden und Denken dargestellt, sondern auch anhand der Konsequenzen seines Tuns. James B. Hansen, den wir wie keine andere Figur im Buch kennen lernen, ist beispielsweise ein vorbildliches Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft und Polizei, doch die Tatsache, dass er bereits über zwei Dutzend zwölfjährige Mädchen vergewaltigt und brutal umgebracht hat, macht ihn zum Monster.

Sobald eine seiner vielen Identitäten ausgedient hat, bringt er seine Gastfamilie um und hinterlässt die Leiche eines Unschuldigen im brennenden Haus, so dass man Hansen für tot hält. Eine Spur der Vernichtung kennzeichnet seinen Lebensweg. Kurtz‘ Tochter könnte sein nächstes Opfer sein.

Dan Simmons ist ein erprobter und gewiefter Autor. Er kennt alle Tricks des Erzählens, und so ist auch „Hard Freeze“ gespickt mit Überraschungen, die die Spannung gehörig anheizen. Dass Simmons sich nach Themen aus dem Bereich des Futuristischen, Mystischen und Übernatürlichen nun dem Krimi zugewandt hat, tut dem Genre gut und nützt dem Leser. Das war schon in dem genialen „Schlangenhaupt“ festzustellen, das hoffentlich bald verfilmt wird.

Zwar gehorchen im Vergleich dazu die Kurtz-Romane allen Vermarktungsregeln des Genres, doch hier und da blitzen typisch Simmons’sche Elemente auf, wie etwa philosophische Killer, diebische Mafiaprinzessinnen und als Penner lebende Princeton-Professoren.

Der ironische Humor ist extrem trocken und unterkühlt. Das dürfte so manchem Leser gar nicht auffallen, und wenn doch, muss es ihm nicht mal gefallen. Aber wie die Klingonen zu sagen pflegen: „Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert.“

|Verlagsseite: http://www.minotaurbooks.com
Homepage des Autors: http://www.dansimmons.com |

Harrison, Harry / Holm, John – Pfad des Königs, Der (Hammer und Kreuz 2)

Dies ist der zweite Roman der Trilogie „Hammer und Kreuz“ um einen alternativen Geschichtsverlauf im Mittelalter. Shefs Abenteuer (siehe meine [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=782 zu „Hammer des Nordens“) finden nun in Skandinavien ihre Fortsetzung, bis er den entscheidenden Kampf gegen die drei verbliebenen Söhne Ragnar Lodbroks aufnehmen kann: Shef wird König des Nordens.

_Handlung_

Nachdem seine Schwester Godive seinen Allianzpartner König Alfred von Wessex und Mercien geheiratet hat, ist Shef, der König von Ost- und Mittelanglien, relativ einsam. Da trifft es sich gut, dass es eine Menge für sein Land zu tun gibt. Shef lässt eine Reihe von sogenannten ‚Schlachtschiffen‘ bauen, auf denen sich jeweils ein schwerfälliges Katapult befindet. Mit diesen Schiffen segelt er nach Friesland, um dort den auf Raubzug ausfahrenden Wikingern aus Dänemark Paroli zu bieten.

Schon bald kommt es zu einem Seegefecht mit der Flotte der Ragnarssöhne, in dessen Verlauf Shef zwar ein oder zwei feindliche Schiffe versenken kann, sein eigenes Schiff aber im Wattenmeer der Elbmündung auf Grund setzt. Mit knapper Not entkommt er den Nachstellungen der gewieften feindlichen Anführer und findet Unterschlupf in einem fremden Dorf in Dithmarschen. An der Tür wird er erst einmal von einem Fausthieb niedergestreckt – sicher ist sicher, denkt sich der Hausherr. Er freundet sich mit Karli, dem Boxer, an, soll aber dann von den Dörflern in Haithabu als Sklave verkauft werden. Haithabu ist ein hervorragender Ort für Shefs Bemühen, wieder Kontakt zu seiner Sekte aufzunehmen, und so willigt er ein.

Haithabu, an der Schlei in Schleswig-Holstein gelegen, ist im Jahr 867 vor seiner Zerstörung durch die Wikinger der wichtigste Handelsplatz zwischen Süd- und Nordeuropa. Und König Horik sorgt dafür, dass hier jeder mit praktisch allem Handel treiben kann. Natürlich wartet auch hier Ärger auf Shef. Mit knapper Not entkommt er sowohl einem neuen Deutschritterorden (die Leute von Diakon Erkenbert) als auch Angehörigen der Ragnarssons und natürlich dem Dithmarscher Sklavenhändler. Dafür verscherbelt ihn König Horik an die Norweger in Kaupang, dem späteren Oslo.

In Kaupang berät die Akademie des ‚Weges Asgards‘ über die Zukunft, die Shef für die Welt bedeutet: Ist er der prophezeite Einiger und Retter der Welt, der aus dem Norden kommt? Die Priesterschaft ist gespalten, und so wird Shef auf eine geheime Probe gestellt. Wird ihm sein fast schon sprichwörtliches Glück beistehen?

|Königin Ragnhilds Rache|

Die Verhältnisse in Südnorwegen sind kompliziert, und Shef gerät ahnungslos mittenhinein. Die Frau des erfolgreichen Königs Halfdan von Ostfold ist Königin Ragnhild. Sie residiert auf einer Insel im Oslo-Fjord, die nur über mehrere Brücken und zwei vorgelagerte Inseln zu erreichen ist. Bei ihr wohnt ihre Schwiegermutter, doch die beiden hassen sich bis aufs Blut. Ragnhilds einziger Lebenssinn liegt in der Erziehung ihres Sohnes Harald Schönhaar.

Doch das Verhängnis beginnt, als sie Shef zu sich einlädt: „Die Brücke ist bewacht, doch das Eis ist dick.“ Der sexuell frustrierte Shef zieht umgehend mit Freund Karli los. Leider ist das Eis zwar dick und es bricht auch nicht, doch es säuft einfach ab! Beinahe finden die beiden ein nassen beziehungsweise eisigen Tod. Gleich darauf müssen sie mit ein paar bissigen Wolfshunden fertigwerden. Als Lohn der Mühe darf sich Shef in den Armen Königin Ragnhilds fast um den Verstand rammeln, und auch Karli wird in dieser Hinsicht gut versorgt.

Von den Sklavinnen der Königin erfährt Karli, dass Shef nach erfolgreicher Befruchtung der Königin vergiftet werden soll. Karli haut heimlich ab und holt seine Freunde zu Hilfe, die denn auch einen erfolgreichen Angriff auf die Königinneninsel starten. Als unbeabsichtigte Folge dieses Angriffs sterben der junge Harald Schönhaar sowie die Schwiegermutter Ragnhilds, und schließlich wird sogar der König von ihr vergiftet. Ragnhilds Wut kennt keine Grenzen mehr. Als Shef nach Nordnorwegen flieht, setzt sie ihm nach, um ihre Rache zu bekommen …

_Mein Eindruck_

Dies ist nur die erste Hälfte des Inhalts dieses abenteuerlichen Romans. Shefs Reisen führen ihn zu riesigen Trollen, merkwürdigen Finnen, zwischen Mörderwalen und Wölfen hindurch bis nach Schweden. Mit seinen Freunden macht er zahlreiche Entdeckungen und ebenso viele Erfindungen, da ja der Weg Asgards stets nach neuem Wissen strebt.

Erfunden werden: die drehbare Windmühle, der mechanisch betriebene Hammer, gehärteter Stahl, ein gepanzertes Schlachtschiff mit zwei Katapulten – und sogenanntes ‚Winter-Ale‘, das wohl so etwas wie Aquavit sein könnte. Insgesamt beachtliche Leistungen. Der Eindruck entstand bei mir, dass diese Romantrilogie durch solche Elemente nicht nur Fantasy ist, sondern ebenso auch Science-Fiction. Dafür spricht auch das Element des alternativen Geschichtsverlaufs.

_Unterm Strich_

Während auch in diesem Band wieder Action und Abenteuer überwiegen, so findet doch nun die Frage, woher Shef kommt und was er auf Erden soll, eine vorläufige Antwort, die für die Religionen von größter Bedeutung ist. Shef ist offenbar nicht der Sohn eines Menschen (siehe ‚Shef Sigvarthsson‘ in Band 1), sondern der des Gottes Rigr, der wiederum Odins Sohn ist. Daher findet auch das Ringen zwischen Odin und Rigr um Shefs Zukunft seine Fortsetzung, was sich etwa in der Spaltung der Sekte des Wegs Asgards äußert: Odins Priester Valgrim schließt sich der rachsüchtigen Ragnhild an, muss aber dafür einen hohen Preis bezahlen.

Beide Götter beeinflussen Shef mit ihren Visionen, und Shefs Aufgabe besteht darin, zu wählen, wessen Einfluss er gehorchen will. Er entscheidet sich schließlich für keinen von beiden, sondern geht seinen eigenen Weg, den der Lanze. Die Lanze hat er in einer Trollhöhle gefunden, und es ist diejenige, die ein deutscher Legionär Jesus am Kreuz in die Seite gestoßen hatte. (Diese Lanze wird von den Leuten des deutschen Ritterordens verzweifelt gesucht.)

Mithin vereint Shef nun die beiden nordischen Götter mit dem christlichen Gott in sich, wenn es um Entscheidungen geht. Für mich ist es vor allem dieses Element, das es so spannend und interessant macht, seinen Weg zu verfolgen, so etwa dann, als er Anhänger des ‚Wegs‘ aus Schweden vor dem Opfertod retten muss.

|Humor|

Dieser zweite Band erschien mir noch humorvoller als der erste, soweit dies überhaupt möglich ist. Doch da es sich unter anderem auch um eine Reiseerzählung à la Karl May handelt, sorgen die Begegnungen mit fremden Sitten und Bräuchen für komische Elemente. Zu Shefs denkwürdigsten Erlebnissen gehört sicherlich der Besuch bei einem finnischen Schamanen, bei dem er den Urin seiner Trinkbrüder zu trinken hat. Da dieser Urin mit einem Fliegenpilzextrakt durchsetzt ist, kommen Shef recht wunderliche Visionen in den Sinn. Viel spricht trotzdem nicht dafür, dass sich diese Trinksitte ausbreiten wird …

Ach so – und Königin Ragnhild? Tja, um deren Schicksal zu erfahren, müsst ihr das Buch schon selbst lesen. Ich bin ja nicht der Spoiler vom Dienst.

|Originaltitel: One King’s Way, 1995
Übertragung aus dem Englischen & Glossar: Frank Borsch|

Andreas Steinhöfel – Die Mitte der Welt

Phil wächst in einem süddeutschen Dorf auf, aber nicht in dessen Mitte, sondern am Rande. Seine Mutter ist Amerikanerin, sein unbekannter Vater Amerikaner. Seine Entwicklung am Rande der Gesellschaft ist gekennzeichnet von Auseinandersetzungen, seine Liebe zu einem anderen Jungen bedeutet deshalb für ihn Anerkennung und Befreiung. Aus dieser Spannung zwischen Ausgrenzung einerseits und Liebe andererseits bezieht der Roman seine Spannung. Und da viele Geheimnisse erst am Schluss gelüftet werden, bleibt der Hörer bzw. Leser von Geschichte bis zum Schluss gefesselt.

Der Autor

Andreas Steinhöfel, geboren 1962 in Battenberg, studierte Amerikanistik, Anglistik und Medienwissenschaften. Er schreibt Drehbücher, Rezensionen und seit 1991 zahlreiche Kinder- und Jugendbücher.

Der Sprecher

Rufus Beck, geboren 1957, ist Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler und hat als deutsche Stimme der „Harry Potter“-Hörbücher mit seiner vollendeten Sprechkunst die Herzen zahlreicher HP-Fans erobert. Er hat aber auch alle Bücher des Iren Eoin Colfer als Hörbücher aufgenommen, insbesondere die über „Artemis Fowl“.

Handlung

Als die Hauptfigur Phil mit 17 Jahren auf einem Frachtdampfer anheuert und nach Amerika fährt, um seinen Vater zu suchen, schließt sich ein Kreis, der im Jahr seiner Geburt begann.

In Boston geht die hochschwangere Glass, Phils Mutter, an Bord eines Dampfers nach Europa. Sie will zu ihrer Schwester Stella, die irgendwo im südlichen Deutschland lebt. Den Vater ihres Kindes, Nummer drei, lässt sie zurück. Doch niemand wartet auf sie am Zielbahnhof, es fahren keine Taxis, und so muss sie selbst den weiten Weg durch den Wald gehen. Durch die Anstrengung setzen die Wehen ein und in Sichtweite des schwesterlichen Hauses bringt sie Zwillinge zur Welt. Eine junge Frau kommt aus dem Haus, weil sie die Schreie gehört hat. Es ist Teresa, und sie sie berichtet, dass Stella tot sei. Glass bringt zweieiige Zwillinge zur Welt: Phil und Diane.

Das Haus ist eine große, teilweise leer stehende Villa auf einem Hügel. Sie beherbergt eine große alte Bibliothek, die für die Kinder zur „Mitte der Welt“ wird. Kern der Bücherei sind große Folianten mit gepressten Pflanzen darin. Sie spielen später eine unheilvolle Rolle. Hier geht Phils Phantasie auf Reisen. Das einzige Buch, das er mit 17 mitnimmt, stammt von hier: „Moby Dick“.

Die Leute aus dem Dorf misstrauen den neuen Bewohnern, und die selbstbewusste Glass nennt die Dörfler die „Jenseitigen“ und „die kleinen Leute“, wegen ihres kleinen Geistes. Denn Glass und ihre Brut tun alles, um die Normen zu verletzen. Das beginnt damit, dass Glass sich einen Liebhaber nach dem anderen ins Bett holt. Das ist gut für die Instandsetzung des Hauses. Aber sie prostituiert sich nicht, denn ihre Haupttätigkeit besteht in der psychologischen Beratung der ahnungs- und hilflosen Dorffrauen. Die holen sich bei ihr nicht nur Rat und Selbstvertrauen, sondern ab und zu auch mal eine Arznei.

Teresa ist Glass‘ Geliebte und Freundin, aber auch ihre Arbeitgeberin, denn Teresa hat von ihrem verstorbenen Vater eine Anwaltskanzlei geerbt, und als Teresa diese nach dem Studium übernimmt, kann Glass bei ihr als Sekretärin arbeiten. Auch Phil und Diane sind zunächst unzertrennlich, und der Höhepunkt dieser Freundschaft ist die glorreiche „Schlacht am großen Auge“. Um Phil gegen die Rüpel des Dorfs zu verteidigen, schießt Diane mit ihrem Bogen einen Pfeil auf deren Anführer und trift ihn in den Arm. Dafür wird sie von dessen Komplizen mit dem Messer angegriffen. Die Wunde am Schlüsselbein ist tief. Als sie das Messer herauszieht, vergrößert sie sie noch, ohne mit der Wimper zu zucken. Vor so viel Masochismus nehmen die feindlichen Jungs Reißaus. Phil ist schwer beeindruckt.

Obwohl Phil in der unkonventionellen und wagemutigen Kat bereits seitdem er fünf ist eine Freundin hat, verguckt er sich zunächst in einen schönen Jungen, den er vor der Kirche sieht. Wie er Jahre später herausfindet, handelt es sich um Nicholas, den an der Schule alle nur den „Läufer“ nennen. Aber Nicholas ist auch ein Sammler von Dingen, die er zufällig auf der Straße oder sonstwo findet. Phil fragt sich, was Nicholas damit macht. Und er selbst vermisst seit dem Tag vor der Kirche seine geliebte Schneekugel … Glass hingegen verliert ihr ungeborenes Baby und leidet monatelang unter Depressionen.

Als Phil etwa 17 Jahre alt ist, wird aus der Zuneigung zu Nicholas Ernst. Sie gehen miteinander ins Bett. Dies spricht sich langsam herum, denn so etwas ist natürlich ein gefundenes Fressen für alle Klatschtanten, ob nun weiblich oder männlich. Diane und Glass tragen’s ebenso gleichmütig wie Teresa, die selbst eine lesbische Geliebte hat. Diane scheint eine Freundin zu haben: Cora oder „Zephyr“, das hat Phil noch nicht herausgefunden. Er selbst wird heftig angefeindet, und zwar ausgerechnet von Kats Freund Thomas, wo doch seine Beziehung zu Kat völlig platonisch ist. Um seine Veranlagung zu demonstrieren, macht Phil den Fehler, Thomas zu küssen. Der, zunächst verblüfft, schwört bittere Rache. Und so kommt es zu einem schweren Unglück.

Diane hat sich lange Zeit von ihrer Mutter wegentwickelt. Phil vermutet, dass sie von Glass‘ zahlreichen Männerbekanntschaften abgestoßen ist. Das ändert sich, als Glass ihr Baby verliert. Da kümmert sich Diane plötzlich wieder wie ein Engel um sie. Phil ahnt nicht, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt und ein düsteres Geheimnis die Familie überschattet …

Mein Eindruck

Nicht nur auf einer symbolischen Ebene dürfte von vornherein klar sein, dass in „Visible“, der Villa im Wald, nur unkonventionelle Außenseiter leben. Wenn eine Mutter, wie Glass bei ihrer Ankunft, weder männlichen Beistand noch Dach überm Kopf hat, wenn sie ihre Kinder zur Welt bringt, dann ist bereits klar, welche ungewöhnlichen Umstände hier vorliegen. Spätestens wenn sich Glass und ihre Freundin Teresa als Leichenräuber betätigen, merkt der Leser, dass das Leben als Outcast auch ganz spaßig sein kann.

Aufgrund ihres unkonventionellen Verhaltens und ihrer liberalen Ansichten ist Glass schon bald der Gegenpol zur dörflichen Gemeinschaft, die von Konventionen zusammengehalten wird, nicht ohne dabei Opfer zu fordern. (Es spricht für die dörfliche Doppelmoral, dass sich die Frauen von Glass beraten lassen.) Dass auch Glass‘ Kinder ihr Außenseitertum ausbaden müssen, dürfte klar sein. Diane ist dies schon bald nach der Einschulung klar, und sie hasst es. Ihr fällt es zwar leicht, tapfer ihren Zwillingsbruder zu verteidigen, möchte aber spätestens in der Schule integriert werden.

Die Gefahren des Nacktbadens

Ein schlagendes und sehr komisches Kapitel für Dianes Nöte in der Gesellschaft ist ihr Auftritt vor dem Polizeihauptwachmeister Assmann. Ein Junge wurde verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Die Anklage lautet, Diane habe einen Hund auf ihn gehetzt, während sie und ihre Freundin unbekleidet um Mitternacht (!) am Fluss badeten. Dass es sich beim Vollmondbaden keineswegs um ein todeswürdiges Verbrechen handelt, versucht Diane dem eifrigen Polizisten erfolgreich klarzumachen. Auch dass der Hund nicht ihr gehört, sondern dem Jungen, gelingt ihr noch zu erklären. Weniger leicht zu begreifen ist hingegen ihre Behauptung, der Hund habe sich beißend auf sein Herrchen gestürzt, während sich dieser beim Anblick der nackten Mädchen einen runterholte …

Ersatzväter

Die Abwesenheit eines Vaters öffnet alle möglichen Optionen des sozialen und sexuellen Miteinanders, die der Konvention entgegenstehen. Am ehesten ist dies am Werdegang der Hauptfigur Phil abzulesen. Er hat eine Art abwesenden Ersatzvater namens Gable, einem Seemann, bei dem er sich geborgen fühlt und der ihm von seinen Fahrten in alle Erdwinkel wundersame Dinge mitbringt, wenn er an Weihnachten „Visible“ besucht. Gable nimmt Phil auf einen Törn übers Mittelmeer mit und arrangiert für ihn eine zärtliche Liebesnacht mit einem griechischen Jungen. Später nimmt der heterosexuelle Anwalt Michael die Stelle des Vaters ein, aber zu ihm hat Phil einen ganz anderen Bezug. Er sucht viel lieber seinen leiblichen Vater.

Zärtliche Lover

Sehr feinfühlig, anschaulich und unverklemmt schildert der Autor Phils Beziehung zu dem ein bis zwei Jahre älteren Nicholas. Phil muss wie wir alle sämtliche Höhen und Tiefen einer Liebesbeziehung durchlaufen, um zu erfahren, was es bedeutet, jemanden wirklich zu lieben. Eine körperliche Beziehung ist ihm zu wenig, er würde zunächst am liebsten seelisch mit seinem Lover verschmelzen. Diese Liebesszenen sind keineswegs schwülstig oder verklemmt erzählt, sondern recht poetisch und einfühlsam.

Nicholas verrät Phil ein paar seiner Geheimnisse, so etwa sein „Museum der verlorenen Dinge“ und seine getippten Erzählungen darüber. Nicholas ist selbst quasi elternlos und offen für alternative Beziehungsformen. Wie weit dies gehen kann, hätte sich Phil aber nicht träumen lassen. Unabsichtlich beobachtet er Nicholas mit seiner Freundin Kat beim Sex. Dass für ihn beinahe die Welt untergeht, leuchtet ein, andererseits haben die drei schon einige Spritztouren in Nicholas‘ Sportwagen unternommen, also sollte Phil nicht so verwundert sein. Dennoch nagt die Eifersucht an ihm. Er ahnt aber nicht, wie sehr er durch sein Verhalten Nicholas in die Schusslinie von rachsüchtigen Leuten gebracht hat.

Durch psychologisch geschickte Detektivarbeit bei Glass und Diane gelingt es Phil, mehrere Top-Geheimnisse seiner Familie zu lüften und so einige Anlässe für Streit aus dem Weg zu räumen. Als er schließlich seiner Mutter sogar den Namen seines richtigen Vaters entlockt, gibt es für ihn kein Halten mehr. Diese letzten Kapitel sind total spannend zu verfolgen, denn hier geht es nicht um Leichenräuberei oder Nacktbaden bei Vollmond, sondern ganz einfach um Leben und Tod.

Der Sprecher

Rufus Beck hat diesmal nicht die Aufgabe, ein Dutzend verschiedener Figuren stimmlich zu charakterisieren. Es treten auch keine Zauberlehrlinge oder Wundertiere auf. Diesmal darf er im Gegenteil nur mit einer Stimme sprechen, und dies möglichst einfühlsam. (Einzige Ausnahme: Phils Lehrer.) Doch „Mitte der Welt“ ist nicht das erste von ihm vorgelesene Buch, in dem sehr ungewöhnliche Jungs die Hauptrolle spielen. Auch das rasend komische Buch „Der Fliegenfänger“ von Willy Russell (|Heyne|-Verlag) wurde von Beck vorgelesen.

Die heikelsten Stellen sind beim Vorlesen immer die leisen. Hier kann der Sprecher alles vermasseln. Beck hingegen spricht auch hier so souverän wie sonst auch, aber natürlich nicht im Plauderton, sondern sehr zärtlich, um die poetische Sprache, derer sich der Autor bedient, zur Geltung kommen zu lassen. So können selbst Leute, die mit Schwulen nichts anzufangen wissen, diesen erotischen und psychologisch intimen Szenen etwas abgewinnen. Sie machen deutlich, warum Phil so viel an seinem geliebten Nicholas liegt. Somit sind sie ein zentraler Bestandteil seiner Charakterisierung. Wer sie also missachtet, leugnet einen wichtigen Teil der Hauptfigur.

Unterm Strich

„Die Mitte der Welt“ ist eine wunderbar unterhaltsame, spannende und außergewöhnliche Kindheits- und Jugendgeschichte. Hier handelt es sich nicht um Genreliteratur, sondern vielmehr um einen künstlerischen wertvollen Roman über die Entwicklung eines homosexuellen Mannes. Das Kunststück, das dem Autor gelingt, besteht darin, die „Normalen“, die „kleinen Leute“, als die Kranken darzustellen und die Außenseiter, zu denen Phil zählt, als die Gesunden, die weitaus mehr vom Leben haben. Homosexualität entwickelt sich so selbstverständlich als alternative Verwirklichung von menschlicher Zuneigung, dass ihre Schilderung an keiner Stelle peinlich oder voyeuristisch wirkt. Rufus Becks Lesung trägt dazu entscheidend bei.

Die Abenteuer der kleinen Gemeinschaft in der Villa „Visible“ sind durchaus spannend und komisch, aber mitunter auch makaber. Sie verblassen vor dem ernsten Drama, das sich aus Phils Liebe zu Nicholas entwickelt und durch ein düsteres Geheimnis in Phils Familie überschattet wird. Phil, der zuweilen als Sprachrohr des Autors fungiert, weiß einige Weisheiten zu formulieren, die er durch seine Erfahrungen in Grenzsituationen gesammelt hat. Mit Spannung darf man seine Abenteuer erwarten, wenn er in New York City ankommt.

Umfang: 575 Minuten auf 8 CDs
Die Buchausgabe erschien 1998 bei Carlsen.
www.hoerbuch-hamburg.de

Baldacci, David – Geschenk, Das

Mit der Eisenbahn will der Journalist Tom Langdon von Washington, D.C., bis nach Los Angeles fahren, um sein Versprechen bei seiner Freundin Lilya Gibson einzulösen – sie zu Weihnachten zu besuchen. Die Menschen, die er auf seiner Reise trifft, werden sein Leben beträchtlich verändern. Und als der Zug in den verschneiten Rocky Mountains in einem Schneesturm stecken bleibt, kommt es zu einer dramatischen Entscheidung.

|Der Autor|

David Baldacci ist der Verfasser u. a. von „Der Präsident“, das Clint Eastwood unter dem Titel „Absolute Power“ verfilmt hat. Der frühere Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist lebt in Virginia, USA. Weitere Baldacci-Hörfassungen bei Lübbe: „Das Labyrinth“, „Das Versprechen“, „Der Abgrund“, „Die Versuchung“, „Die Verschwörung“ und „Die Wahrheit“.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon zahlreiche Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

_Handlung_

Tom Langdon ist bereits über 40, also praktisch schon scheintot. Der frühere Kriegsberichterstatter und Globetrotter hat seine jugendlichen Illusionen über seine Möglichkeiten, die Welt zu verbessern, verloren. Jetzt schreibt er für Handwerker- und Frauenmagazine über Selbstverbesserung und die Verschönerung des Heims. Er lebt relativ allein, seit seine frühere Lebensgefährtin Eleanor Carter sich von ihm getrennt hat. Vor kurzem sind obendrein seine Eltern gestorben, und er selbst könnte ein paar Selbstverbesserungstipps gut gebrauchen.

Tom hat seiner Freundin Lilya Gibson versprochen, zu Weihnachten nach Los Angeles zu kommen, um mit ihr die Feiertage am schönen (wenn auch teuren) Lake Tahoe zu verbringen. Er hofft, die Zwei-Küsten-Fernbeziehung durch traute Zweisamkeit zu vertiefen. Doch erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Weil er bei einer der ätzenden Sicherheitskontrollen auf einem New Yorker Flughafen die Nerven verlor, wird er zu zwei Jahren inneramerikanischem Flugverbot verdonnert – und das ist noch ein mildes Urteil, findet die Richterin. Folglich kann Tom nicht wie geplant nach L.A. düsen, sondern muss den Zug nehmen. Es soll eine denkwürdige Reise für ihn werden.

|Die Reportage|

Um aus der Not das Beste zu machen, beschließt Tom, einem Wunsch seines Vaters zu folgen und wie einst sein Urahne Mark Twain auf der Transamerikafahrt eine Reisereportage zu schreiben. Dafür fährt er standesgemäß mit den noblen Zügen „Capital Limited“, der ihn bis Chicago bringt, und mit dem „Southwest Chief“ über Colorado nach Los Angeles. Er träumt von einem riesigen Schlafwagenabteil, wie es sich einst Cary Grant und Eva-Marie Saint in Hitchcocks Thriller „Der unsichtbare Dritte“ teilen durften.

An Bord stellt er fest, dass sein Abteil nur den Ansprüchen einer Sardine genügen dürfte. Die Wand des Bades lässt sich zudem beiseite schieben, um ins Nachbarabteil zu gelangen – sehr praktisch, aber auch sehr gewöhnungsbedürftig. Diverse interessante Fahrgäste gibt es kennen zu lernen. Einer dicken Frau namens Agnes Joe muss er ständig aus dem Weg gehen, sie ist seine Abteilnachbarin. Bald merkt er, dass ein Taschendieb ebenfalls den Zug zu seinem Arbeitsgebiet erkoren hat – sein Füller ist weg und ebenso diverse Objekte anderer Fahrgäste. Und dann sind da noch „die Filmleute“.

|Die Filmleute|

Bei seiner Recherche im Zug stößt Tom schließlich auf Max Powers, einen berühmten Hollywood-Regisseur, der bereits viele Preise gewonnen hat. Selbstredend reist Max nicht alleine. Er hat seinen Assistenten Cristobal und seine Drehbuchschreiberin dabei. Er plant nämlich, einen Film auf einem Zug drehen. Zu Toms maßlosem Erstaunen stellt sich die Drehbuchschreiberin als seine frühere Lebensgefährtin Eleanor Carter heraus.

Die ist allerdings gar nicht entzückt über die Begegnung: Sie gibt immer noch Tom die Schuld an der Trennung. Tom hingegen ist sich keiner Schuld bewusst. Eleanor hofft, er werde endlich mal erwachsen. Wovon, zum Geier, redet sie?, fragt sich Tom. Der nichts davon ahnende Max spannt Tom sogleich zum Drehbuchschreiben an; er und Eleanor würden sich bestimmt prächtig ergänzen. Von einem verlobten Pärchen werden sie gebeten, als Trauzeugen zu fungieren. Na, großartig.

Mit Ach und Krach schafft es der Zug nach Chicago. Tom schafft seinerseits beinahe schon die Aussöhnung mit Eleanor, die ihn trotz allem immer noch zu lieben scheint – da taucht Lilya Gibson auf. Die Überraschung ist Toms Freundin wirklich gelungen. Zu allem Überfluss macht sie ihm einen Heiratsantrag, denn sie will eine Familie mit mindestens acht Kindern gründen. Auf diesen Schrecken braucht Tom erst einmal eine wohldosierte Überdosis Alkohol.

|Der Schneesturm|

Während sich Eleanor und Lilya noch kabbeln, sobald sie erkannt haben, mit wem Tom gerade zusammen ist, erreichen schlechte Nachrichten von der Wetterfront den Zug. Auf der Westseite der Rocky Mountains hat sich ein Jahrhundertsturm zusammengebraut, der nun seine Schneemassen Richtung Süden voranschiebt. Die kritische Stelle ist der hoch gelegene Pass, den der Zug überwinden muss, will er die Ebenen von New Mexico erreichen. Der Pass selbst wird zwar von einem 800 m langen Tunnel unterquert, doch wer weiß, was sich auf der anderen Seite dem Zug entgegenstellt? Schneewehen, Lawinen, Felsbrocken?

Wie es der Eisenbahnveteran Higgins vorhergesagt hat, tritt der schlimmste Fall ein, und der Zug bleibt gleich neben einem Abgrund stehen. Dass er mit der nächsten Lawine in denselben zu kippen droht, ist nicht das drängendste Problem. Die Rettungskräfte können den Zug im Schneesturm nicht finden, geschweige denn erreichen. Die 340 Passagiere müssen also längere Zeit warten. Das geht aber auch nicht unbegrenzt: Sobald der Treibstoff verbraucht ist, fällt der Strom ebenso aus wie die Heizung. Werden die Leute in wenigen Stunden erfrieren?

Tom trifft eine dramatische Entscheidung. Er wird versuchen, das nächste Berghotel zu Fuß zu erreichen, um Hilfe zu holen. Erstaunt stellt er fest, dass Eleanor nicht davon abzubringen ist, ihn in den Schneesturm zu begleiten.

_Mein Eindruck_

Vor wenigen Jahren lieferte John Grisham mit dem verfilmten Roman [„Das Fest“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=292 (Skipping Christmas) eine perfekte Weihnachtssatire ab, die mir sehr viel Spaß bereitete. Nun ist sein Kollege David Baldacci dran, der in der Disziplin der X-mas-Story mindestens ebenso erfolgreich ist.

Die Handlung dieses „Weihnachtsmärchens“ ist an keiner Stelle langweilig und sorgt schon nach wenigen Minuten für gespannte Nerven und ein ein wohltrainiertes Zwerchfell. Die originellen Figuren wie etwa Agnes Joe oder der Ex-Pfarrer Kelly sind klar gezeichnet und werden bis zum Schluss eine Rolle spielen. Der ganze Hintergrund in zeitlicher, räumlicher und technisch-kultureller Hinsicht ist sauber recherchiert: Der Zug „Capital Limited“ hat ebenso seine Geschichte – etwa durch Mark Tawin – wie Tom Langdon selbst. Die Spieler haben die Bühne betreten, nun kann der erste Akt beginnen.

Die Handlung zielt selbstverständlich wie in jeder anständigen Romanze auf die Vereinigung der Liebenden, sprich: von Tom und Eleanor. Da dies aber eine Weihnachtsgeschichte ist, fehlt uns irgendwie noch die Rolle des Santa Claus. Keine Angst: Auch der ist mit an Bord. Damit alles ein wenig spannender wird, tauchen noch Eleanors Widersacherin, die Stimmenimitatorin Lilya Gibson, und der Taschendieb auf, der für erhebliche Unruhe sorgt.

Die Krise tritt natürlich auf dem Bergpass ein, als der Zug stecken bleibt und alle Passagiere sich mit einem vorzeitigen Lebensende konfrontiert sehen, das nicht im Fahrplan stand, und mit einer postmortalen Reise, für die sie kein Ticket haben. Jedenfalls sorgt die Katastrophe dafür, dass sich alle beträchtlich näher kommen und Solidarität gegenüber den Schwächeren üben: brave Amerikaner. Und wenn Tom und Elli nicht im Schneesturm umkommen, dann leben sie noch heute.

|Der Sprecher|

Selten hat Ulrich Pleitgen sein Stimmtalent derart vielseitig ausspielen dürfen. Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuhören, wenn er die Stimmung einer Szene voll zur Geltung bringt. Sein eigenes Vergnügen ist ebenfalls herauszuhören, so etwa dann, als sich die dicke Agnes Joe amouröse Avancen von dem etwas belämmerten Tom Langdon erhofft (die Badwand ist offen!) und einen eindeutig zweideutigen Tonfall anschlägt.

Aber auch zur Komik gibt es reichlich Anlass. Und das betrifft nicht so sehr den Humor zwischen bereits gut abgefüllten Männern (Frauen haben sich offenbar nicht zu besaufen) wie etwa Max und Tom. Das betrifft zum Beispiel die Szene, in der Lilya Tom ihren Heiratsantrag macht. Wie in einer ordentlichen Screwball-Comedy stellt die Lady die von der Gesellschaft abgesegneten Verhältnisse – nur Männer dürfen Heiratsanträge machen – kurzerhand auf den Kopf und packt in ihr Horrorpaket noch acht Kinder hinein. Kein Wunder, dass Tom dadurch ein klein wenig abgeschreckt ist. – Es gibt noch zahlreiche weitere solche Szenen.

Das hindert aber einen Profi wie Pleitgen nicht daran, auch leise und geradezu intime Töne anzuschlagen. Die recht emotionalen Dialoge zwischen Eleanor und Tom kommen durch leise Töne besser zur Geltung, es sei denn, es geht um Leben und Tod. Und das tut es dann ja auch.

Das Finale ist etwas anspruchsvoller in der Dialogführung. Man muss genau aufpassen, wer was wann zu wem sagt. Denn wie in einer Komödie ist es besser, etwas zu verraten, wenn die Betreffenden nicht zugegen sind. Und Max Powers hat einiges zu erklären …

_Unterm Strich_

„The Christmas Train“ bietet perfekte Unterhaltung zum Familienfest. Hier kommen Liebende zusammen, die füreinander bestimmt waren – auch wenn sie das selbst ganz anders sehen. Und damit die Handlung sowohl für Herz und Zwerchfell als auch Adrenalinspiegel etwas bietet, sorgt der Autor mit zahlreichen geeigneten Zutaten für die entsprechende Dosis. Wer Realismus sucht, findet ihn allerdings eher woanders. Aber wer tut das schon zu Weihnachten?

Dem Sprecher Ulrich Pleitgen zuzuhören, ist ein wahres Vergnügen. Er moduliert seine tiefe Stimme auf vielfältige Weise. Ich konnte beispielsweise immer genau sagen, wann Eleanor spricht und wann Tom Langdon. Selbst ein alter Mann wie der 70-jährige Father Kelly ist genau herauszuhören. Und zu lachen gibt es, wie gesagt, hörbar auch einiges.

Auch der um rund zehn bis fünfzehn Euro herabgesetzte Preis bringt etwas zum Lachen, nämlich meinen Geldbeutel (oder das entsprechende Äquivalent). Das ganze Paket bietet also keinerlei Minus-, sondern ausschließlich Pluspunkte. So gefällt mir das: „Das Geschenk“ macht seinem Namen alle Ehre.

|Umfang: 285 Minuten auf 4 CDs
Originaltitel: The Christmas Train, 2002
Aus dem US-Englischen von Uwe Anton, Lübbe-Verlag November 2003.|

Connelly, Michael – Unbekannt verzogen

Kaum ist der Unternehmer Henry Pierce in seine neue Wohnung in L. A. eingezogen, bekommt er seltsame Anrufe von wildfremden Männern. Alle erkundigen sich nach einer gewissen Lilly. Als sich Pierce seinerseits nach Lilly erkundigt, merkt er, dass sie seit einigen Wochen verschwunden ist. Das weckt alte Schuldgefühle, die er gegenüber seiner verstorbenen Schwester hegt und veranlasst ihn, sich als guter Samariter zu betätigen.

Allerdings hat jemand ganz entschieden etwas gegen Henrys Schnüffelei und zögert auch nicht, sehr deutlich zu werden, wenn’s darum geht, Henry abzuschrecken. Ziemlich spät stellt Henry sich selbst die Frage: Was oder wer steckt dahinter? Denn all dies ist kein Zufall.

|Der Autor|

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood. Zuletzt erschien im August 2003 der Thriller „Kein Engel so rein“ („City of Bones“, 2002).

Weitere wichtige Romane:

Schwarze Engel (1998); Der Poet; Schwarzes Echo (1991); Lost Light (2003); The Narrows (2004).

Offizielle Homepage: http://www.michaelconnelly.com.

_Handlung_

Henry Pierce ist ein vielbeschäftiger Wissenschaftler, der an einer bahnbrechenden Computererfindung forscht. Seine Firma |Amedeo Technologies| entwickelt wesentliche Bausteine für die Entwicklung eines schnelleren und kleineren Computers auf Molekülbasis. Solche Mikrorechner ließen sich in Brillengestellen, Handys, Uhren und sogar in der Wandfarbe des Wohnzimmers unterbringen – und wären dennoch schneller als heutige Rechner. Dieser Rechner soll auf ein amerikanisches Zehncentstück passen, einen Dime. Und von dieser Jagd auf den Dime hat der Roman seinen Originaltitel.

Diese Jagd fordert Opfer. Das wichtigste davon ist Henrys Freundin und Angestellte Nicki. Weil sie ihn wegen Vernachlässigung rausgeschmissen hat, zieht er in eine neue Wohnung. Seine neue Telefonnummer hat er sich nicht selbst ausgesucht, sondern diese über seine persönliche Assistentin Monica organisieren lassen. Ständig rufen wildfremde Männer an, die eine gewisse „Lilly von der Website“ sprechen wollen. Es handelt sich tatsächlich um die gleiche Nummer, die eine „Hostess“ auf einer Seite von „L. A. Darlings“ angibt. Ihre Pose auf dem Foto gibt ziemlich eindeutig kund, welche Art von intimer Dienstleistung sie anbietet.

Nun ist Henry keine Trantüte, sondern ergreift die Initiative. Dieser Telefonterror muss aufhören! Über – mehr oder weniger legale – Umwege findet er heraus, dass sie schon seit Wochen nicht mehr in ihrer Wohnung war. Lillys Mutter, ihr Vermieter, ja, selbst ihre Kollegin „Robin“ haben keine Ahnung, wo sie abgeblieben ist. Doch für knapp 700 Dollar lässt sich Robin dazu bewegen, ihm die Wohnung zu zeigen, in der Lilly ihre Freier empfing. Dort ist die Matratze mit Blut getränkt …

Detective Robert Renner von der Mordkommission ist wenig entzückt über den schrägen Vogel, der ihm da ins Nest geflogen ist. Pierce hat selbst die Polizei gerufen, aber wie kam er überhaupt in die Wohnung, an die Adresse, an die Details über Lillys Leben und Aufenthalt? Sehr dubios. Und außerdem ist Pierce zweimal vorbestraft. Er war einst einer der ersten Hacker an der Westküste, flog bei einem „Streich“ auf und wurde zu Sozialarbeit verknackt. Später gab er sich mal als Polizist aus – Pierce nennt das „angewandte Psychologie“. Andere nennen es Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Renner will – und wird – Pierce etwas anhängen; ein Durchsuchungsbefehl ist nur noch eine Frage der Zeit. Das kann Pierce am allerwenigsten gebrauchen. In zwei Tagen steht die Präsentation seiner Erfindung bei einem Investor bevor. Der würde garantiert abspringen, wenn Pierce auch nur den Schatten von Unseriosität an den Tag legen würde. Auch andere Firmen und natürlich auch die Regierung liegen im Rennen um den Molekularcomputer.

Als zwei Gauner Henry in seiner Wohnung in die Mangel nehmen, glaubt er, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Sie schlagen ihn krankenhausreif. Als Henry aufwacht, sieht er ein, dass er einen Anwalt braucht, denn schon wieder nimmt ihn der hartnäckige Detective Renner in die Mangel. Von Medikamenten benebelt, erzählt Henry von seiner Schwester Isabelle, die einst ebenso unter die Räder kam wie Lilly und Robin. Ihr Tod hatte Henry sehr erschüttert und ihm ein Schuldgefühl eingepflanzt, das bei ihm zum Guter-Samariter-Syndrom führte.

Renner ist happy, Henry nimmt sich eine Anwältin und verlangt von seinem alten Kumpel, dem Hacker und Spezialisten für Rechnersicherheit Code Zeller, alles über Billy Wentz herauszufinden.

Henry droht nicht nur, Amedeo Technologies und damit sein Lebenswerk zu verlieren, sondern auch sein Leben selbst. Aber ist der kleine Brutalo Billy Wentz wirklich derjenige, der hinter all dem steckt?

_Mein Eindruck_

Vordergründig scheint es um eine verschwundene (getötete?) Prostituierte zu gehen. Doch diese ist ein Opfer der milliardenschweren Industrie, die sich ‚Sex im Internet‘ nennt. Eigentlich wird im Web nur mit Sex Geld wirklich verdient. Okay, es gibt noch Amazon und eBay, aber das ist ein bisschen wenig, nicht wahr? Schließlich gibt es Millionen weiterer Sites, die dem Surfer an den Geldbeutel wollen. Richtig abgezockt wird nur mit Sex. Und dabei kämpfen die Betreiber offenbar mit harten Bandagen, wie Henry Pierce, der ihnen in die Quere kommt, schmerzhaft feststellen muss.

Das eigentliche Thema ist ein Wirtschaftskrieg, in dem auch Spionage, Sabotage und Diffamierung zu den üblichen Waffen im Arsenal gehören. Ziel ist natürlich für jedes Unternehmen, dass es einem anderen die Rücklichter zeigt, indem es eine bahnbrechende Erfindung aus dem Hut zaubert. Und da ist Amedeo Technologies einer der Top-Kandidaten. Die Hintermänner? Man braucht nur mal kurz zu überlegen, welche Industrien durch Henrys Erfindung für den Molekularrechner in Gefahr geraten. Eure Intel-Aktien könnt ihr dann in die Tonne treten. 😉

|Spannende Lektüre|

Ich habe „Unbekannt verzogen“ in nur zwei Tagen verschlungen, denn die Story ist ungemein spannend und actionreich erzählt. Natürlich kann man sich bei Henrys Schnitzeljagd nach der verschwundenen Lilly schon bald einen Reim darauf machen, wer hinter dem Ganzen stecken könnte. Ihr werdet trotzdem nie drauf kommen. Es gibt einen tollen Showdown.

Es wird einem ganz beklommen ums Herz, mitverfolgen zu müssen, wie sich das Netz der Indizien gegen unseren Helden zusammenzieht. Man braucht nur mal seine Aktionen mit den Augen Detective Renners zu betrachten – und schon wird aus einem Samariter ein Mordverdächtiger. Was noch fehlt, ist Lillys Leiche. Dann noch ein, zwei Gerichtsverhandlungen, und er landet in der Gaskammer.

Henry ist zwar ein Selfmademan und potenzieller Multimilliardär, aber auch ein Opfer seiner Vergangenheit. Doch fast niemand weiß von dem wirklichen Grund seines Schuldgefühls, nur einer. Und auf diesen einen Menschen fällt sein erster Verdacht.

Das Einzige, was Henry retten kann, so sieht er in höchster Not ein, ist Henry selbst. Oder vielmehr sein rational folgernder Verstand, den er als Wissenschaftler jahrelang trainiert hat. Neun Fakten trägt er zusammen, dann hat er schon einen Verdächtigen, der für das Komplott in Frage kommt. Wer könnte ihn an die Konkurrenz verraten haben?

|Paranoia|

Das Klima der Paranoia, des Verfolgungswahns, herrscht in der gesamten Hightech-Industrie. Die Jagd nach dem Dime erzeugt eine Mentalität, in der Hochsicherheitstechnik überall notwendig erscheint und auch eingesetzt wird. Henry benutzt kein Handy, denn das kann abgehört werden. Er verschickt keine Mails außerhalb der Firma, denn die können abgefangen werden. Dokumente werden nur per Werttransport verschickt, die neuen Patente muss der Firmenanwalt persönlich nach Washington, D.C., bringen und beim Patentamt einreichen.

Doch Henry hat andererseits selbst keine Skrupel, Codeknacker wie Code Zeller einzusetzen. Er sagt sich, er will ein Menschenleben – Lilly – retten, aber rechtfertigt das auch dieses Mittel? So etwas wie Privatsphäre scheint der Vergangenheit anzugehören.

Der Wirtschaftskrieg ist unsichtbar geworden, seitdem er in die Datenwelt abgetaucht ist. Doch die menschlichen Opfer sind immer noch sehr real: vernichtete Existenzen. Und was eine kleine Firma wie Amedeo Technologies kann, das kann die US-Regierung nach dem „Patriot Act“ schon lange.

_Unterm Strich_

Wie gesagt, liest sich dieser relativ kurze Thriller sehr schnell, leicht verständlich und ungemein spannend. Die paar Vorträge über Amedeos Erfindungen sind nicht besonders anspruchsvoll, denn sie werden so gehalten, dass sie auch ein Investor aus der Businesswelt kapiert.

Den Science-Fiction-Film „Die fantastische Reise“ aus dem Jahr 1966, auf den mehrmals verwiesen wird, dürfte so ziemlich jeder kennen. Weniger bekannt ist da schon das Märchen „Horton findet ein Hu“ von „Grinch“-Erfinder Dr. Seuss. Die Parallelen werden ziemlich ausgewalzt, so dass sie auch jeder versteht.

|Sonderstellung|

Innerhalb des Werkes von Michael Connelly nimmt „Chasing the dime“ eine Sonderstellung ein. Hier treten seine Serienhelden Hieronymus Bosch und Terry Caleb überhaupt nicht auf. Und nur Janis Langwieser, Strafverteidigerin, ist schon mal in „Schwarze Engel“ aufgetaucht. Sie ist die Einzige, die (ohne Namen zu nennen) kurz mal auf die genannten Schnüffler verweist. Daher lässt sich der Roman als völlig eigenständiger Thriller lesen, dessen Verständnis nicht von der Kenntnis anderer Romane abhängig ist. Der ideale Thriller für zwischendurch.

|Übersetzung|

Sepp Leeb hat eine fehlerlose Übersetzung abgeliefert, die sich auch im Deutschen sehr flüssig und anschaulich liest. Und Wunder aller Wunder: Auch Druckfehler waren keine festzustellen!

|Originaltitel: Chasing the dime, 2003
Aus dem US-Englischen übersetzt von Sepp Leeb.|

Simmons, Dan – Welten und Zeit genug

Diese Storysammlung des bekannten Krimi- und Science-Fiction-Autors Dan Simmons umfasst fünf längere Erzählungen. Zwei davon sind von einschlägigen Science-Fiction-Gremien oder Publikationen mit angesehenen Preisen ausgezeichnet worden.

Nach einem tief schürfenden Vorwort folgt vor jeder Novelle jeweils eine Einleitung, in der der Autor auf ihre besonderen Entstehungsumstände eingeht. Das ist manchmal sehr komisch zu lesen, so etwa dann, als „Helix“ für eine Star-Trek-Voyager-Folge vorgesehen war und der Producer am Schluss von Simmons‘ ideensprühender Brainstorming-Sitzung fragte: „Und was, bitte schön, ist ein Doppelsternsystem?“ Just like Hollywood, man!

|Der Autor|

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A winter haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und “ Der Sturz von Hyperion“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 mit seinem Roman [„Ilium“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346 fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“ und kommt Mitte 2005 auf den Markt.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Schlangenhaupt“) und Kurzgeschichten (z.B. „Styx“ bei Heyne). Mit [„Hardcase“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=789 hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit „Hard Freeze“ und „Hard as Nails“ fortgesetzt wurde. Simmons wuchs selbst in Buffalo, dem Schauplatz der drei Kurtz-Romane, auf, bevor er 1974 nach Boulder in Colorado umzog.

_Die Erzählungen_

_1. Auf der Suche nach Kelly Dahl_

Gibt es eine Kelly Dahl wirklich? Diese Frage stellen sich alle Leser, die diese Geschichte kennen.

Roland Jakes ist um die 50 Jahre alt und hat sich dem Teufel Alkohol ergeben. Seitdem man ihn kurz vor der Pensionsberechtigung von seiner Schule, wo er Dutzende von Jahren Kinder unterrichtet hat, geworfen hat, ist ihm nichts mehr gelungen. Er hat Frau und Tochter verloren – ein gebrochener Mann. Also fährt er seinen Jeep in die nahen Berge von Colorado und in die Gegend, wo früher nach Gold und anderen Erzen geschürft wurde. Zielstrebig steuert er den Jeep in den Schacht einer aufgelassenen Mine. Es geht steil abwärts …

Er erwacht im Wald, in der Nähe steht Kelly Dahl, eine frühere Schülerin. Mit ihrem Irokesenschnitt sieht sie wie die Rebellin aus, die sie schon immer war. Sie fordert ihn zu einer Jagd auf Leben und Tod heraus. Sie führt einen modernen Bogen mit sich und feuert einen Pfeil auf ihn. Jakes ist ziemlich überrumpelt. Zu blöd, dass er sein Remington-Gewehr nicht dabei hat. Allmählich fallen ihm die Lehren ein, die ihn die Wildnis von Colorado gelehrt hat.

Auf seiner Jagd nach Kelly Dahl, einem recht flüchtigen Wild, das ihn immer wieder kalt erwischt und verwundet, durchstreift er eine menschenleere Welt. Als er in seine Stadt zurückwill, tut sich dort ein Graben auf, den er nicht überwinden kann. Offensichtlich zwingt ihn Kelly Dahl dazu, sich ihr zu stellen.

Merkwürdig: Die Prärie ist von einem Urmeer bedeckt, aus dem sich wie eine Vision der Mont Saint Michel erhebt. Als er Kelly dort sieht, ist auch sie wie eine Vision. Und als er sie endlich zur Strecke bringt, verläuft die Begegnung ganz anders als erwartet.

|Mein Eindruck|

„Dies ist eine Geschichte über Liebe, Verlust, Betrug, Besessenheit und die Ängste im mittleren Lebensabschnitt“, schreibt der Autor. „Eine ganz normale romantische Komödie“? Das fand ich hingegen nicht. Das mag für die ersten zwei Drittel zutreffen, doch je mehr wir Jakes kennen lernen, desto deutlicher wird die Tragödie, die ihn getroffen und nun in eine Fantasie um ein Mädchen getrieben hat, das es offenbar nie gab, jedenfalls nicht an seiner Schule. Aber das es vielleicht gegeben haben müsste, wäre seine Tochter groß geworden. Doch die Geschichte, so anrührend und mitunter bitter sie auch sein mag, geht gut aus.

_2. Die verlorenen Kinder der Helix (preisgekrönt)_

Diese Novelle spielt im Universum, das Simmons in seinem vierteiligen Roman „Hyperion“, „Der Sturz von Hyperion“, [„Endymion: Pforten der Zeit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=651 und „Endymion: Die Auferstehung“ (1989-1997) entworfen hat*. 684.300 Menschen befinden sich im Tiefkühlschlaf an Bord des Raumschiffes „Spectrum Helix“, als es von seinen fünf KIs aus dem Hyper- in den Realraum gesteuert wird. Es ist in einem Doppelsternsystem angekommen, und neun Menschen werden geweckt, um das weitere Vorgehen zu beschließen.

Der Grund für das Aufwecken, so erklärt eine der KIs, besteht in einem Notsignal, das aus dem System kommt. Die dortige Ouster-Zivilisation, die in einem Orbitalwald – die Idee stammt von Larry Niven – angesiedelt ist, besteht aus etwa einer Milliarde leuchtender Schmetterlinge, die jeder eine Flügelspannweite von mehreren hundert Kilometern haben. Sie sehen sich durch ein tausend Kilometer langes, nachtschwarzes Raumschiff bedroht, das ebenfalls ihr System ansteuert, aber eher wie eine „Mähmaschine aus der Hölle“ aussieht und nichts Gutes verheißt.

Der Umstand, dass es sich um Ousters handelt, die 1500 Jahre zuvor aus den erdnahen Systemen ausgewandert waren, veranlasst den Waffenoffizier, Abwehrmaßnahmen vorzuschlagen. Die Chefin Dem Lia will davon noch nichts wissen. Sie gibt den Ousters einen Friedens-Bonus. Sie hat Recht: Die drei Abgesandten der „Schmetterlinge“ wollen lediglich Hilfe gegen den „Zerstörer“, der alle 57 Jahre von der anderen Sonne des Systems kommt und ihren Wald aberntet, wobei er zahlreiche Leben und Ressourcen vernichtet.

Dem Lia ist bereit zur Hilfe, zumal der „Zerstörer“ nur ein dummes Werkzeug zu sein scheint. Doch wie kann sie sicher sein, dass sie durch dessen Beseitigung nicht die Zivilisation, die das Ding regelmäßig ausschickt, zum Untergang verurteilt? Um dies herauszufinden, muss sie die „Helix“ und deren kostbare Fracht aufs Spiel setzen.

|Mein Eindruck|

Die Story funktioniert auf zwei Ebenen. Das ist einmal der stinknormale Star-Trek-Plot, in dem Kultur A die Besucher bittet, ihnen gegen eine Bedrohung beizustehen, die Kultur B geschickt hat – falls es diese gibt. Die Besucher, die „Helix“, muss gemäß ihren Maximen handeln und alle Faktoren abwägen. Schon tausendmal gesehen. Funktioniert immer als spannender Aufhänger.

Die zweite Ebene ist originärer Simmons. Und um sie zu erklären, müsste ich jetzt eigentlich die Handlung der zwei „Endymion“-Romane zusammenfassen. Kein Platz, aber muss es auch ohne gehen. Wie sich herausstellt, befindet sich auf der „Helix“ eine Verwandte jener Religionsgründerin der „Aeneaner“, die über Empathie und spezielle, „heilige“ DNS verfügt. Dass die KIs das nicht wussten, ist offenbar auf Datenmanipulation zurückzuführen.

Jedenfalls sind die Ousters und befreundeten „Tempelritter“ völlig aus dem Häuschen ob der Vision, mit Hilfe aeneanischer DNS künftig über Empathie und Freecasting-Fähigkeit zu verfügen. Freecasting wurde bei Alfred Bester noch „Jaunten“ genannt: Teleportation aus eigenem Willen und ohne Hilfsmittel – ziemlich cool. Doch was würde dann aus den Ousters und ihrer Welt? Würden die meisten so Aufgerüsteten nicht zur Alten Erde und Hyperion wollen?

Man sieht schon: Diese Story macht erst Spaß, wenn man die vier Hyperion/Endymion-Bücher gelesen hat. Bei wem das nicht der Fall ist, der guckt etwas in die Röhre und kann nur die Star-Trek-Ebene genießen. Was bei einer Simmons-Erzählung doch etwas mager ist.

_3. Der neunte Av_

Im Jahr 3001 ist die Bevölkerung der Menschen auf gerade mal 9000 geschrumpft. Doch nicht nur Kriege, die Rubikon-Epidemie und der Treibhauseffekt, durch den Küsten und Tiefländer versanken, haben ihre Zahl dezimiert. 600 bis 700 Millionen leben inzwischen in zwei Ringen von Orbitalstädten in einer Kreisbahn um die Erde. Dorthin führt aber kein anderer Weg als das Quantenfax, mit dessen Hilfe die Altmenschen in eine Kopie umgewandelt und als Nachmenschen zu den Endstationen „gefaxt“ werden. Diese Technik stammt von den so genannten Voynixen, über die die letzten Altmenschen nicht besonders viel wissen. Die Voynixe haben ihnen mitgeteilt, dass am neunten Av, einem vergessenen jüdischen Fest- oder Gedenktag, das letzte Fax abgeht.

Pinchas und Petra feiern wie alle anderen Abschied von der Erde, bevor sie sich beim Jerusalemer Tempelberg einfinden sollen. Doch sie vermissen ihre Freundin Savi. Die Historikerin hat sich in der abschmelzenden Antarktis auf die Spuren der unglücklichen Scott-Epedition von 1912 begeben und findet in einem Eisberg deren letztes Zelt. Als alle ihre Geräte ausfallen, ist sie von der Außenwelt abgeschnitten. Sie hat ihren Freunden auf einem antiken Pergament eine verschlüsselte Botschaft hinterlassen, die sich leider als Prophezeiung erweist: Pinchas und Petra erleben am neunten Av eine böse Überraschung.

|Mein Eindruck|

Diese Erzählung ist erstens spannend erzählt und zweitens macht sie wirklich betroffen. Die ganze Zeit fallen Andeutungen, wie etwa in Savis Botschaft, welcher Art die Nachmenschen wirklich sind: steril, ausschließlich Frauen und alles Araber. Ob das wohl wahr sein kann? Moira, die Hohepriesterin des Faxgeräts, verrät natürlich nichts auf Pinchas‘ und Petras Fragen. Vielleicht lügt sie auch. Vielleicht sind die Voynixe alles Aliens, und sie steht in einem Dienstverhältnis zu ihnen. Aber eigentlich sollte es Pinchas und Petra warnen, dass alle Altmenschen Juden sind und das Faxgerät ausgerechnet auf dem Tempelberg steht … Es die Pointe, die wirklich betroffen macht, und die darf ich nicht verraten. Deshalb warne ich auch eindringlich davor, zuerst Simmons‘ Einleitung zu lesen, denn darin verrät er die Pointe.

Was hat nun Savi mit all dem zu tun?, fragte ich mich beim Lesen. Während ihre Freunde und die letzten Überlebenden der Menschheit feiern, ist sie in einem schwimmenden Eisberg gestrandet. Sie wird der Umarmung des Eises nicht entkommen, sondern sich in das Zelt zu den erfrorenen Körpern von Wilson, Scott und Bowers legen … Ihr Körper wird das einzige Original eines Menschenkörpers sein, der auf der Erde zurückbleibt. Doch was geschieht mit den Originalkörpern der anderen 8999 Juden? (Anm. d. Ed.: Diese Geschichte nimmt starken Bezug auf die Handlung in „Ilium“ und kann besonders gut nach der Lektüre dieses Romans als Intermezzo bis zum Nachfolger „Olympos“ genossen werden.)

Etwas ungereimt fand ich Folgendes: Die Wolkenkratzer von New York ist schon fast im Ozean versunken, aber Partys auf den Atollen des australischen Barriereriffs sind immer noch möglich. Sind in Amerika auch die Wellen größer als anderswo?

_4. Mit Kanakaredes auf dem K2 (preisgekrönt)_

Gary, Paul und Jake (unser Erzähler) sind drei gestandene amerikanische Bergkraxler. Als Krönung ihres Lebenswerkes haben sie sich den K2 als Ziel vorgenommen, den zweithöchsten Berg der Erde (über 8600 m hoch). Er erhebt sich nicht im Himalaja, sondern im Karakorum-Gebirge. Für die Akklimatisierung an die extreme Höhe (ab 8000 m beginnt die Todeszone) haben sie sich dummerweise den Südsattel des Mount Everest auserkoren, und das hätten sie besser bleiben lassen sollen.

Denn das gibt mächtigen Ärger mit der Vertreterin der Vereinten Nationen, die den Berg als Weltkulturerbe schützen. Ein Witz, schreit Gary, der Wortführer. Recht hat er, denn auf dem Gipfel dreht sich ein Aussichtsrestaurant. Doch die amerikanische Außenministerin (wie kam das wieder zustande?!) kennt kein Erbarmen: Sie kriegen keine US-Ausreisegenehmigungen mehr, wenn sie nicht kooperieren. Und wie?

Sie besteigen den K2 und nehmen dabei den Sohn des Sprechers der Mantispa-Aliens mit. Der Name des jungen Aliens ist Kanakaredes. Wenn sie es schaffen, dürfen sie zur Belohnung als Erste den Olympus Mons auf dem Mars besteigen. Wenn sie es vermasseln – na ja, dann haben sie ausgesorgt, denn in diesem Fall liegen sie mausetot am Fuß des K2. Ach ja, eine Kleinigkeit: Bitte verhört doch den Alien ein bisschen, ja? Na, klasse! Trotzdem sagt Jake als Erster ja.

Kanakaredes zeigt sich entgegen aller Vorurteile als fähiger, starker und umsichtiger Bergsteiger. Er hat nur einen Fehler: Er will die drei Menschen bekehren. Sie sollen dem Lied ihrer Welt lauschen. Na, toll! Wovon redet die Wanze überhaupt?

|Mein Eindruck|

Simmons hat diese actionreiche Story in nur zwei Wochen geschrieben, wie er in seiner Einleitung schreibt. Und dennoch liest sie sich wie ein spannend erzählter Bergthriller, als ob er selbst schon dort oben in der Todeszone gewesen wäre. Er hat gut recherchiert, das kann ich als Leser diverser Everest- und K2-Bücher bestätigen. Hier wird nichts beschönigt und heroisiert. Die Todeszone, nein, der ganze Berg ist ganz einfach tödlich, basta.

Wodurch die Story herausragt, ist natürlich die Verlegung in die Zukunft: Mit den Aliens kamen diverse technische Neuerungen wie etwa Antigrav-Schweber, aber auch politische Umwälzungen wie etwa der Zerfall Chinas. Doch die ganze (Tor)Tour hat auch ihr Gutes: Die Aliens schenken der ganzen Menschheit etwas Wunderbares: eben das Lied der Welt. Aber das muss man selber lesen. Denn erklären lässt es sich nicht.

_5. Das Ende der Schwerkraft_

Diese Erzählung beruht auf dem Drehbuch für einen Film des russischen Regisseurs Andrei Ujica. Der wollte einen philosophischen Film à la „Solaris“ oder „2001“ an Bord der Internationalen Weltraumstation ISS spielen lassen. Ob aus dem Projekt noch etwas wurde, sagt Simmons nicht. Seine Einleitung schweift in ganz andere Richtungen ab. Immerhin findet er die Filmfassung von „Der englische Patient“ besser als den Roman von Michael Ondaatje. –

Der rund 50-jährige amerikanische Journalist und Romancier Norman Roth ist von der „New York Times“ nach Moskau geschickt worden, um über die Überreste des russischen Raumfahrtprogramms einen größeren Beitrag zu schreiben. Einem Pulitzerpreisträger kann man so eine Story schon mal anvertrauen. Roth macht sich Sorgen, dass die Russen etwas gegen einen jüdischen Atheisten aus dem kapitalistischen Westen einzuwenden hätten.

Haben sie nicht. Im Gegenteil: Sie erhoffen sich Werbung für ihre Beteiligung an der ISS. Und außerdem bieten sie als bislang Einzige Raumflüge für Privatpersonen an (für ca. 20 Mio. Dollar das Ticket). Da kann man jedes bisschen Werbung gut gebrauchen. Von seiner Reiseführerin und Dolmetscherin Vasilisa lässt sich Norman gern nach Baikonur fliegen, dem mittlerweile ziemlich desolat aussehenden Weltraumbahnhof in der kasachischen Steppe.

Um die menschlichen Hintergründe zu kapieren, erbittet Norman ein Gespräch mit einem Philosophen. Dieser findet sich um kaum beheizten Keller eines Bunkers unter einer verlassenen Startrampe. „Nitschewo“ (= Nichts) war schon 1960 beim Raumfahrtprogramm dabei. Als Busfahrer erlebte er die gigantische Explosion der ersten Marsrakete, bei der die komplette Führungsebene der Kosmonautik zu Asche vebrannte. Er vermittelt Norman ein paar wirkliche Einsichten, die dieser aber einfach nicht glauben will. Vasilisa beginnt sich über den Gesundheitszustand ihres Gastes Sorgen zu machen: Norman hat einen Bypass.

Damit dies geschehen kann, besucht Norman die Silvesterparty eines gefeierten, echten Kosmonauten. „Der Start ist wie eine Geburt“, meint dessen Kollege. Nein, es ist wie Sex, meint der zweite. Nein, es ist wie Sterben, meint der Gastgeber. Als Norman in den Schnee hinausgeht, um einen alten Mann, der durch die Kälte stolpert, hereinzubitten, erleidet er einen Zusammenbruch – der ihm eine transzendentale Erfahrung schenkt.

|Mein Eindruck|

Neben „Kelly Dahl“ und „Kanakaredes“ ist dies die schönste Geschichte des Bandes. Ihr Schauplatz ist nicht im Weltraum, wie der Titel vielleicht nahe legt, sondern stets auf Mutter Erde. Denn es geht nicht um die physische Erfahrung des Weltraumflugs, sondern um die psychologische Erfahrung und die philosophische Bedeutung der Weltraumfahrt für den Menschen an sich. Ähnlich wie in Lems und Tarkovskijs „Solaris“.

Ganz nebenbei erfährt der Leser, dass die Russen gar nicht so atheistisch sind, wie sie manchmal tun, sondern im Gegenteil eher abergläubisch, pardon: spirituell veranlagt sind, wie Norman herausfindet. Der Oberheilige des Raumfahrtprogramms hat sogar seinen eigenen Schrein, in dessen Logbuch sich alle Kosmonauten vor dem Start eintragen: Juri Gagarin.

Warum diese Reise auch für die amerikanischen Leser Dan Simmons‘ von Interesse sein könnte, liegt eigentlich auf der Hand. Das US-Raumfahrtprogramm muss ja ebenfalls seine riesige Ausgaben, die vom Geld der Steuerzahler bestritten werden, rechtfertigen. Warum nicht mit einer philosophischen Mission, die für die ganze Menschheit relevant ist?

Und vielleicht geht Simmons nicht zu weit, wenn er an Norman aufzeigt, dass die Hoffnung, die dieser Mann bereits aufgegeben hat, sich in den Dimensionen des Weltraums erfüllt, die für das nackte Auge zwar nicht sichtbar sind, aber durchaus Wunder bereithalten: Röntgenstrahlen, Sonnenwinde, Magnetfelder, Gravitationswellen, Chaosstrukturen. Hier sei doch noch etwas zu lernen, das für uns alle und für jeden Einzelnen wichtig ist. (Die Warteliste für die privaten Shuttleflüge von Virgin wird länger, mit gutem Grund.)

_Unterm Strich_

Jedem Leser werden die fünf Erzählungen unterschiedlich zusagen. So werden Fans von „Hyperion“ und „Endymion“ von „Helix“ begeistert sein. Ich hingegen fand den Plot simpel à la Star Trek und die zweite Ebene nichts sagend und verwirrend, weil ich eben nur die „Hyperion“-Romane kenne. „Der neunte Av“ ist eine erschreckende Warnung vor einem ewig gültigen Problem, ist aber nicht besonders kohärent erzählt, wenn man „Ilium“ nicht kennt. (Und, ja, ich weigere mich weiterhin, die Pointe zu verraten.)

Daher fand ich die Novellen „Kelly Dahl“, „Das Ende der Schwerkraft“ und „Kanakaredes“ am zugänglichsten und überzeugendsten. Nicht, weil hier simpel gestrickte Plots umgesetzt würden. Das ist wohl noch am ehesten bei „Kanakaredes“ der Fall (den Berg K2 rauf und runter, fertig). Nein, es ist vielmehr eine spirituelle Botschaft der Hoffnung, die Simmons darin versteckt hat. In „Kelly Dahl“ und „Schwerkraft“ erzählen fünfzigjährige Männer, die in der Krise stecken, von ihrer spirituellen Erlösung. Nicht mehr und nicht weniger. Und in „Kanakaredes“ bringen die Aliens die Erlösung, nicht nur für einen Menschen, den Erzähler, sondern für die gesamte Menschheit. „One World“ ist kein Slogan mehr, sondern Realität.

In „Helix“ ist dieser wichtige Schritt bereits Vergangenheit, nämlich in den „Endymion“-Romane erzählt. Daher ist die Story weitaus weniger befriedigend. Und „Der neunte Av“ ist im Grunde eine Horror-Story und funktioniert auch als solche.

In jedem Fall ist diese Kollektion äußerst lesenswert und lohnt jede Seite.

Mehr Infos unter: http://www.Festa-Verlag.de.

|Originaltitel: Worlds Enough & Time: Five Tales of Speculative Fiction, 2002
Aus dem US-Englischen übersetzt von Jürgen Langowski.|

*: Eine Zusammenfassung der Handlung aller vier Bände von Hyperion 1 bis Endymion 2 findet der Leser in der englischsprachigen Ausgabe von „Helix“ in der Anthologie „Far Horizons“, die Robert Silverberg 1999 herausgab. Die Anthologie gehört in das Regal jedes ernsthaften Science-Fiction-Sammlers. In ihr sind neuere Erzählungen wichtiger Science-Fiction-Autoren versammelt.

Ich könnte die Zusammenfassung übersetzen, aber nur auf begründeten, dringlichen Wunsch hin. Es sind immerhin vier Druckseiten!

Umberto Eco – Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana

Was bleibt von einem Leben ohne jede persönliche Erinnerung? Nach einem Schlaganfall erwacht Giambattista Bodoni aus dem Koma. Zwar erinnert er sich an Alexander den Großen, erkennt dafür aber nicht den kleinen Alexander, seinen Enkel. Er hat sein biografisches Gedächtnis verloren. Schritt für Schritt tastet er sich zurück, sucht, was in den Jahrzehnten geschehen ist. Seine Suche führt ihn durch Trödelmärkte und das Internet bis hin zum Dachboden im Haus seines Großvaters. Und Königin Loana? Sie stammt aus einem populären Comic, der erstmals 1932 erschien, im Geburtsjahr Umberto Ecos.

Umberto Eco – Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana weiterlesen

Simmons, Dan – Hardcase

Joe Kurtz ist ein entlassener Sträfling und ehemaliger Privatdetektiv, der versucht, ein halbwegs ehrliches Leben zu führen. Das ist aber in einer Stadt wie Buffalo im Bundesstaat New York gar nicht so einfach. Denn nur die Mafia kann Joe einen lukrativen Job geben. Und die hat bekanntlich eine Menge Feinde.

„Hardcase“ ist der erste Roman der Kurtz-Trilogie:
Hardcase;
Hard Freeze;
Hard as Nails.

_Der Autor_

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A Winter haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und „Der Sturz von Hyperion“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 mit seinem Roman [„Ilium“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346 fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“ und kommt Mitte 2005 auf den Markt.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Schlangenhaupt“) und Kurzgeschichten (z.B. „Styx“ bei Heyne). Mit „Hardcase“ hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit [„Hard Freeze“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=819 und „Hard as Nails“ fortgesetzt wurde.

Simmons wuchs selbst in Buffalo, dem Schauplatz der drei Kurtz-Thriller, auf, bevor er 1974 nach Boulder in Colorado umzog. Buffalo eignet sich nicht von ungefähr hervorragend für die Serie. Die Stadt liegt an den Niagara-Fällen, einem mächtigen Symbol. Außerdem ist die kanadische Grenze gleich um die Ecke, was Buffalo für Drogen- und andere Schmuggler sehr interessant macht.

_Handlung_

Joe Kurtz, die Hauptfigur des Romans, ist ein harter Brocken. Er hat kein einfaches Leben als früherer Privatdetektiv und langjähriger Gefängnisinsasse, der sich nun mit einer Webfirma für Datenrecherche über Wasser halten will. Nun plagt ihn chronischer Geldmangel, und so nimmt er doch wieder einen Fall an.

Die Mafiafamilie der Farinos hat Joe durch deren Sprössling Steven kennen gelernt, der von allen nur geringschätzig Little Skags genannt wird. Joe stellt sich bei Stevens Paps vor, dem Paten. Leider ist dieser Don schon über siebzig und seit einem Anschlag auch noch auf einen Rollstuhl angewiesen. Von seinen vier Kinder scheint nur die rassige Sophia seine Nachfolge antreten zu können. Sohn Nummer zwei hat bereits das Zeitliche gesegnet, und Tochter Nummer zwei hat sich in ein italienisches Kloster verabschiedet.

Don Farino hat ein kleines Problem mit seinem Buchhalter: Buell Richardson ist seit einer Woche verschwunden. Gründe und Verbleib sind unklar. Außerdem gibt es da noch ein kleines Problem an der nahen Grenze zu Kanada: Farinos Schmuggeltransporte werden in letzter von Unbekannten angegriffen und geplündert. Joe würde sich gerne auch dieses Problems annehmen, gegen ein kleines Honorar, versteht sich. Das einzige Detail, das ihn beunruhigt, ist der Umstand, dass sich Farinos Anwalt Lawrence Miles vehement gegen Joe Kurtz‘ Verpflichtung einsetzt. Dieser Typ hat offenbar Dreck am Stecken.

Und ob! Kaum ist Kurtz aus dem Haus, trifft sich Miles mit einem Killer namens Malcolm Kibunte, der in Buffalo ein kleines Drogenimperium aufgebaut hat. Miles ahnt nicht, von wem die Drogen stammen, aber dieses Yaba, das Kibunte vertickt, ist verheerender für die Jugend in den Ghettos als Crack. Und das will was heißen. Kibunte setzt sich mit einem durchgeknallten Albino mit dem sprechenden Namen „Cutter“ auf Kurtz‘ Fährte …

_Mein Eindruck_

Dies ist ein klassischer Hardboiled-Thriller, und zwar derart klassisch, dass man schon nach wenigen Seiten weiß, dass der Autor alles richtig macht. Sein Kniff besteht natürlich darin, die dadurch geweckten Erwartungen zu unterlaufen und am Schluss noch einen draufzusetzen, genau dann, wenn der Leser meint, erleichtert aufatmen zu können. Dann erwischt ihn die neueste Story-Wendung eiskalt und der Autor schleppt seinen Leser bis zum Abgrund …

|Die Schwächen des harten Helden|

Manchmal erinnert der schweigsame und kaltblütige Joe Kurtz an Mike Hammer, den ebenso kaltblütigen und gewaltbereiten Serienhelden, den Stacy Keach kongenial in den Detektivfilmen verkörperte. Dann aber erweist sich, dass Kurtz keineswegs aus Stein besteht, der die Schurken gnadenlos zur Strecke bringt, sondern dass er auch ein Herz besitzt – er kann es nur nicht zeigen. So bangt er beispielsweise um seine zwölfjährige Tochter Rachel, die bei ihrem Stiefvater als Halbwaise aufwächst. Der Grund: Rachel hat vor elf Jahren, kurz bevor Joe in den Knast einfuhr, ihre Mutter Samantha verloren. Und Sammy war Joes geliebte Partnerin in dem gemeinsamen Detektivbüro. Joe tötete daraufhin den Killer Levine. Levines Bruder hat ihm seinerseits Rache geschworen.

Nun tut sich Joe mit Arlene, seiner früheren Sekretärin, zusammen, und macht eine Agentur für die Internetsuche nach früheren Schulkameraden (besonders weiblichen) auf. Arlene kümmert sich fürsorglich um Joes Wohl, aber nicht im Bett. Um dieses Detail kümmert sich Farinos Tochter Sophia, wenn auch nur für eine Nacht.

Und Joe hat noch eine schwache Stelle: Er besucht regelmäßig die Stadtstreicher, wo sich ehemalige College-Professsoren bei eisiger Kälte um eine Feuerstelle kauern und sich lateinische und griechische Zitate um die Ohren hauen. Einer der beiden war sein geistiger Mentor. Der brachte ihn dazu, die Story über die Eroberung Trojas zu lesen. Und das zahlt sich bei Joes neuestem Auftrag aus.

|Comedy, babe!|

Aber Malcolm Kibunte geht zu Plan B über und engagiert vier Neonazis aus Alabama, die Beagle Brothers, um Joe kaltzumachen. Dieser Abschnitt ist pure Komödie. Die vier Brüder, allesamt Ex-Knackis aus dem tiefsten Süden, sind völlig unterbelichtet und radebrechen ein schauderhaftes Kauderwelsch. Doch als Kibunte ihnen Knarren und Gadgets vom Feinsten und Modernsten („Laserscheiß, Mann!“) anbietet, wenn sie ihm „einen kleinen Gefallen“ täten, fangen sie an zu sabbern.

Als das Quartett dann mit Nachtsichtbrillen, Kevlarwesten und Maschinengewehren in dem verlassenen Lagerhaus, wo sich Joe häuslich eingerichtet hat, aufkreuzen, werden sie bereits erwartet. Nun zeigt sich, wer über a) gesunden Menschenverstand und b) Kenntnisse in Kampftaktik verfügt. Als einer der Beagle Brothers meint, eine gigantische Fledermaus stürze sich aus dem sechsten Stockwerk auf ihn, bricht das Chaos aus.

Dies ist die vielleicht am filmischsten geratene und effektvollste Episode in einem von solchen Szenen vollen Thriller. Allerdings handelt es sich dabei doch nur um solides Handwerk, denn es mangelt doch ein wenig an Originalität. Ähnliche Szenen sind auch in „Hard Freeze“ zu finden.

|Diverse Vorbilder|

Auch eine andere Szene gemahnte mich an Vorbilder. In Robert Redfords Agententhriller „Die drei Tage des Kondor“ taucht Max von Sydow als ein schwedischer Auftragskiller auf. Er macht nur seinen Job, mehr nicht, je nachdem, wer ihn bezahlt. Bei Simmons heißt dieser ausländische Killer „Der Däne“. Er arbeitet im Auftrag der Farinos, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, wie sich in einem immens spannenden Showdown zeigt.

Die Szene, als Arlene in ihrem Büro von einem verwundeten Killer gesucht wird und fummelnd zu einer unvertrauten Nachtsichtbrille greifen muss, erinnerte mich an den Showdown von „Das Schweigen der Lämmer“. Clarice Starling muss sich eines unsichtbaren Gegners erwehren, der den Vorteil hat, sie durch eine Nachtsichtbrille sehen und auf sie zielen zu können. Natürlich kennt auch Simmons diese Szene und unterläuft die Erwartungen des Lesers, indem er seine Variante ganz anders enden lässt.

_Unterm Strich_

Wer einen hammerharten Thriller ohne Faxen sucht, wird mit „Hardcase“ kompetent bedient und bestens unterhalten. Wie in jedem Hardboiled-Thriller seit Dashiel Hammett und Mickey Spillane („Mike Hammer“) wird auch hier nicht lange philosophiert und gequasselt, sondern gehandelt. Wo gehobelt wird, fallen Späne, und wo wie hier grob gehobelt wird, fallen die Späne reihenweise. Dan Simmons ist ein erprobter und gewiefter Autor. Er kennt alle Tricks des Erzählens, und so ist auch „Hardcase“ gespickt mit Überraschungen, die die Spannung gehörig anheizen.

Dass sich Simmons nach Themen aus dem Bereich des Futuristischen, Mystischen und Übernatürlichen nun dem Krimi zugewandt hat, tut dem Genre gut und nützt dem Leser. Das war schon in dem genialen „Schlangenhaupt“ festzustellen, das hoffentlich bald verfilmt wird. Zwar gehorchen im Vergleich dazu die Kurtz-Romane allen Vermarktungsregeln des Genres, doch hier und da blitzen typisch Simmons’sche Elemente auf, wie etwa philosophische Killer, intrigante Mafiaprinzessinnen und als Penner lebende Princeton-Professoren.

Der ironische Humor ist extrem trocken und unterkühlt. Das dürfte so manchem Leser gar nicht auffallen, und wenn doch, muss es ihm nicht mal gefallen. Aber wie die Klingonen zu sagen pflegen: Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert. Und wie die Klingonen taucht auch hoffentlich bald auch Joe Kurtz in einem Film auf.

|Verlagsseite: http://www.minotaurbooks.com
Homepage des Autors: http://www.dansimmons.com |

Harrison, Harry / Holm, John – Hammer des Nordens, Der (Hammer und Kreuz 1)

Wie würde Europa aussehen, wenn das Christentum im 9. Jahrhundert nicht über die „Heiden des Nordens“ gesiegt hätte? Der bekannte Science-Fiction-Autor Harry Harrison erzählt in seiner abenteuerlichen Trilogie „Hammer und Kreuz“, wie die Mönche und Bischöfe von einem listenreichen Günstling der nordischen Götter aus England vertrieben werden und selbst ein Kreuzzug nichts mehr nützt. Erstklassige Unterhaltung mit einer tieferen Botschaft.

_Handlung_

Der junge Shef ist zu Beginn nur der niederste aller Familienangehörigen auf dem Hof seines Vaters, des englischen Thanes Wulfgar. Shef ist lediglich Wulfgars Stiefsohn, und ihm droht das üble Schicksal, zum Sklaven degradiert zu werden. Seinen wahren Vater kennt Shef (noch) nicht. Als jedoch die Wikinger, die im 9. Jahrhundert das gesamte Nord- und Westeuropa beherrschen und plündern, auch in Shefs Dorf einfallen und seine Schwester Godive entführen, nimmt sich Shef vor, Godive wieder zu befreien. Leichter gesagt als getan.

Vier der mächtigsten und brutalsten Wikingerhäuptlinge sind aus Dänemark nach Nordengland gekommen, um ihren an König Ellas Hof grausam hingerichteten Vater Ragnar Lodbrok zu rächen, die vier englischen Königreiche zu vernichten und die Christen zu verjagen. So lautet der Schwur der vier Ragnarssons. Der grausamste und unheimlichste der Brüder ist Ivar, genannt „der Knochenlose“. Er wird von seinen Gefolgsleuten heimlich so genannt, weil er impotent ist und dafür Frauen und Männer gleichermaßen büßen lässt. Doch die Priester der nordischen Götter haben Ivar in der Anderswelt als Beinlosen gesehen, als Lindwurm, der Menschen frisst.

Mit rund zehntausend Männern sind die Wikinger gelandet und haben ein riesiges Lager errichtet, von dem aus sie Northumbrien verwüsten. Als Shef sich als Schmiedegehilfe anheuern lässt, erfährt er, dass seine Schwester Ivar dem Knochenlosen als Sklavin zum Geschenk gemacht worden ist. Natürlich befürchtet er das Schlimmste für sie.

Als die Truppen des englischen Königs Edmund von Ostanglien das Lager angreifen, ergreift Shef sofort die Chance, Godive und seinen Halbbruder Alfgar zu befreien. In einem kritischen Moment hat er die Gelegenheit, Ivar zu töten, doch Godive stellt sich ihm entgegen. Selbst als Ivars Champion Brand ihn angreift, wehrt Shef den Angriff ab, weil er meint, seine Schwester werde bedroht. Das Schlachtenglück wendet sich bereits im nächsten Moment: Shef und Godive entkommen ihren Verfolgern, doch auch Ivar wird gerettet und schlägt das Heer Edmunds. Edmund foltert er grausam zu Tode. Godive wird von Alfgar entführt, während Shef selbst, von Alfgar verraten, in Ivars Gewalt gerät.

Nachdem Shef im Zweikampf gesiegt hat, schließt er sich dem Heer der wütenden Ragnarssons als Erfinder von Kampfmaschinen wie dem Katapult an. Seine große Stunde schlägt vor den Mauern der reichen Stadt York, hinter denen sich König Ella, der Mörder Ragnar Lodbroks, verschanzt hat. Wie so oft hat Shef auch diesmal Träume, die ihm zwei Götter schicken: auf der einen Seite der Allvater Odin, der versucht, möglichst viele tote Krieger für den Endkampf gegen Lokis Riesen zu bekommen – ein trügerischer Freund; auf der anderen Seite jedoch wirkt der Gott Rigr, über den selbst die Priester nur wenig wissen: Er wandert durch die Welt und bringt den Menschen eine Kulturstufe nach der nächsten sowie die dazugehörigen Erfindungen. Sein Totem ist daher eine Stufenleiter. Kein Wunder, dass Shef so viele Erfindungen macht.

Und mit diesen gelingt es den Truppen der Ragnarssons, York zu stürmen. Nun offenbart sich Shef die ganze Heimtücke der christlichen Kirche. Der Bischof und sein listiger Diakon Erkenbert (dieser taucht im zweiten Band wieder auf) sind vor allem daran interessiert, den Anhängern der Kirche den Zehnten, die Pacht und letztlich, besonders im Falle ihrer Sklaven, auch die Lebenskraft abzupressen. Alles Silber und Gold scheint zu Reliquien, Schmuck und Münzen geschmolzen zu werden. Mit diesem Reichtum bestechen sie die Ragnarssons, die Klosterkirche zu verschonen, während sie ihnen die Hintertür zu Stadt öffnen. Als Shef und sein Freund Brand die Kirche stürmen wollen, stellen sich ihnen höhnisch grinsend die Ragnar-Brüder entgegen. Doch König Ella ist der Dumme: Ivar der Knochenlose wartet schon …

|Aufstieg zum König|

Natürlich kommt es zum Bruch mit den verräterischen Ragnarssons und Shefs Anhänger spalten sich ab. Allerdings geraten sie dadurch den übrigen englischen Königen in die Quere. Es ist äußerst spannend mitzuverfolgen, wie sich Shef aus einer Klemme nach der anderen befreit, den befreiten Sklaven neue Tricks mit Katapult etc. beibringt und selbst den gefürchteten Wikingern neue Gedanken eintrichtert. Dem Leser werden die immensen grundlegenden Unterschiede zwischen den Wikingern und Engländern, sprich: ehemaligen Angeln und Sachsen und Nachkommen der Römer, sehr deutlich nahe gebracht.

Man muss sich allerdings um den Geisteszustand Shefs sorgen, als er aus einem Grabhügel, in dem ein Schatz verborgen war, mit einem alten Steinzepter wieder auftaucht, das vom Geist des begrabenen Königs verflucht zu sein scheint. Shef beginnt, seine Freunde zu belügen und zu täuschen. Als die Franken auf einem christlichen Kreuzzug in Hastings landen, um die englischen Heiden – aber auch die hiesigen Christen! – zu vernichten, warnt er seinen Partner König Alfred von Wessex nicht etwa vor den Franken, sondern lässt ihn gehen. Alfred wird vernichtend geschlagen und kehrt in Lumpen zurück. Alfred kann nun froh sein, wenn er an Shefs Seite die entscheidende Schlacht gegen die Franken überlebt.

Diese Schlacht nahe Hastings konterkariert jene aus dem Jahr 1066, als Herzog Wilhelm von der Normandie ebenfalls seinen Fuß erobernd auf englischen Boden setzte. Diesmal geht die Sache anders aus. Die Schilderung der neuen Taktiken, der Einsatz der Maschinen gegen Kavallerie und von Frauen als Soldaten – all dies bildet den Höhepunkt dieser actionreichen, abenteuerlichen Erzählung. Und die Frauen haben dabei in Gestalt von Godive ein gewichtiges Wort mitzureden.

_Mein Eindruck_

Der Roman ist – ebenso wie die zwei Fortsetzungen – von der ersten Seite an spannend, actionreich, anrührend und voller Abenteuer. Sogar Humor lässt sich in Gestalt feiner Ironie oder nordischen Brachialwitzes erkennen. Zartbesaitete Gemüter seien an dieser Stelle eindringlich vor brutalsten und grausamsten Szenen gewarnt. Leider waren diese im Frühmittelalter an der Tagesordnung, wie uns die beiden Autoren in ihrem Vorwort glaubhaft versichern.

Das scheint mir aber nicht das Entscheidende an dieser Trilogie zu sein. Das Resultat von Shefs Aufstieg ist ja die Vertreibung der Kirchenhierarchie aus ganz England südlich von York – und das ist erst der Anfang. Damit einher geht der Aufstieg der nordischen Sekte des „Wegs Asgards“. Diese Sekte vertritt den Glauben an die nordischen Götter, aber auch Religionsfreiheit und einen Glauben an technischen Fortschritt, wie ihn Shef voranbringt.

Mönche müssen nun für ihren Lebensunterhalt selbst arbeiten und dürfen niemanden zwingen, zu ihrem Glauben überzutreten. Für Bischöfe wären all dies Ketzereien, doch für die unterdrückten und ausgebeuteten Engländer – Freie wie auch Sklaven – bedeuten sie einen riesigen Fortschritt in Richtung eines freien und sicheren Wohlstandes auf ihrem eigenen Land. Es ist fast, als wäre Amerika auf englischem Boden gegründet worden (wobei allerdings die ersten Amerikaner unserer Welt lange Zeit Sklavenhalter waren und blieben).

Doch wie das Ringen der Götter um Shefs Seele deutlich macht, ist auch der Weg Asgards nicht allein seligmachend. Odin darf keinesfalls die Oberhand behalten, doch auch Rigr ist ein Spötter, dem hin und wieder das Mitgefühl für menschliches Schicksal abgeht. Immer wieder wird Shefs Aufstieg mit dem Schicksal von Wieland dem Schmied verglichen. Diese Analogie zeigt die Zweischneidigkeit, die technischen Fortschritt allein auszeichnet: Wieland (nordisch: Wölund) schuf für den ihn gefangenhaltenden König Nidud wunderbare Schmuckstücke, tötete aber schließlich mit einer listenreich geschmiedeten Truhe dessen beide Söhne, vergewaltigte dessen Tochter und entkam dem König à la Ikarus auf selbstfabrizierten Schwingen. Ist dies das Verhalten eines verantwortungsvoll handelnden Königs? Wohl schwerlich.

Und so ist es Shefs Aufgabe in allen drei Bänden, die richtigen Visionen auszuwählen, um den Weg zu finden, der allen Menschen in seiner Zeit angemessen ist und ihnen nicht die Vernichtung bringt, etwa durch Maschinenkriege oder geistige Versklavung durch seine Sekte. Und bis es soweit ist und er alle Irrtümer begangen hat, die auf ihn warten, dürfen wir noch viele amüsante und spannende Abenteuer mit ihm erleben.

Unterm Strich: Shef ist zwar kein neuer ‚listenreicher Odysseus‘ und auch kein reiner ‚Wölund der Schmied‘, doch in ihm steckt von beiden etwas und noch einiges mehr.

Das Glossar des Übersetzers Frank Borsch ist dabei sehr hilfreich, denn es ermöglicht ein tieferes und genaueres Verständnis für die nordischen Götter- und Sagenwelt wie auch für real-historische Gestalten der Geschichte.

Pratchett, Terry – Wachen! Wachen!

Die Stadtwache von Ankh-Morpork ist sicher eine der glorreichsten Erfindungen Terry Pratchetts für seine Scheibenwelt. Auch wenn sie selbst nicht immer die glorreichste Rolle bei ihren Einsätzen spielt. Dieses Hörspiel, das es seit Herbst 2004 gibt, schildert eines der bekanntesten Abenteuer der Wache: das mit dem Drachen und dem König.

|Der Autor|

Terry Pratchett (Jahrgang 1948) und seine Frau Lynn sind wahrscheinlich die produktivsten Schreiber humoristischer Romane in der englischen Sprache – und das ist mittlerweile ein großer, weltweiter Markt. Obwohl sie bereits Ende der siebziger Jahre Romane schrieben, die noch Science-Fiction-Motive verwendeten, gelang ihnen erst mit der Erfindung der Scheibenwelt (Disc World) allmählich der Durchbruch. Davon sind mittlerweile etwa zwei bis drei Dutzend Bücher erschienen, in 27 Sprachen übersetzt, mehr als 23 Millionen Exemplare wurden verkauft. Nachdem diese für Erwachsene – ha! – konzipiert wurden, erscheinen seit 2001 auch Discworld-Romane für Kinder. Den Anfang machte das wundervolle Buch [„Maurice, der Kater“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=219 („The amazing Maurice and his educated rodents“), worauf „The Wee Free Men“ folgte.

Doch auch andere Welten wurden besucht: ein Kaufhaus, in dem die Wühler und Trucker lebten, und eine Welt, in der „Die Teppichvölker“ leben konnten. Die Wühler-Trilogie „The Bromeliad“ soll zu einem Zeichentrickfilm gemacht werden.

Der Roman „Wachen! Wachen!“ wurde bereits einmal zu einem genialen [Comicbook]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=253 verarbeitet.

_Handlung_

Karotte ist als Waise bei den Zwergen aufgewachsen. Eines Tages ruft ihn ein Brief in die Hauptstadt, nach Ankh-Morpork, um der Stadtwache beizutreten, bei der er sich beworben hat. Schweren Herzens nimmt er als rechtschaffener Zwergenbub von rund 1,90 m Größe Abschied von den einzigen Eltern, die er kennt. Seine wahren Eltern wurde einst überfallen und getötet. Er hat das Ankh-Morpork-Gesetzbuch geerbt, ein Schwert und ein seltsames Muttermal in Form einer Krone.

Doch ach! Die Stadtwache von Ankh-Morpork, sie ist ein demoralisierter Haufen, der sich nicht gerade auf die Durchsetzung von Gesetz und Ordnung spezialisiert hat. Hauptmann Mumm und seine Kollegen Corporal Nobbs und Sergeant Colon bezechen sich angesichts des kargen Lohns, den ihnen ihr Boss, Lord Vetinari, gibt, lieber in der „Geflickten Trommel“, als auf dunklen Gassen ihr Fell zu Markte zu tragen. Selbst das Mitternacht-Ausrufen erfolgt daher dezent und nervenschonend, ganz besonders in jenem verrufenen Viertel, das man „die Schatten“ nennt. Hier wacht die Diebesgilde eifersüchtig über ihre Vorrechte. Das Durchgreifen des neuen Kollegen Karotte gegenüber Sperrstundenbrechern ist ihren heroischen Mitgliedern geradezu peinlich.

Wie soll es dieser Haufen mit dem Geheimbund unzufriedener Bürger aufnehmen, der sich die Monarchie zurückwünscht? Denn die Kapuzenmänner der „Erleuchteten Brüder der dunklen Nacht“, angeführt von ihrem „Obersten Größten Meister“, beschwören zu diesem Zweck mit Hilfe eilig zusammengetragener „magischer Objekte“ und eines gestohlenen Zauberbuches einen Drachen, den der neue König – sicherlich ein strahlender Recke – besiegen soll, um zu beweisen, dass ihm allein der Thron und die Stadtherrschaft gebühren.

Während Hauptmann Mumm noch bei Madame Käsedick, einer Züchterin von Sumpfdrachen, die nötigen „Spezialkenntnisse“ erwirbt, um der neuen Gefahr aus der Luft zu begegnen, wird auch schon der Patrizier Lord Vetinari in den Kerker geworfen und der Luftkrieg gegen die Wache und allerlei Drachenjäger eröffnet. Leider gerät dem besagten Geheimbund das drakonische Ungetüm außer Kontrolle und bringt sämtliche Bürger in Gefahr.

Doch alles wird gut, so hofft die Wache noch. Bis einer der Sumpfdrachen Madame Käsedicks, die demnächst dem Drachen geopfert werden soll, sich sehr merkwürdig benimmt, weil er nämlich sein Verdauungssystem umgebaut hat. Unterdessen unternimmt der Bibliothekar der Unsichtbaren Universität, dem das Buch für die Drachenbeschwörung geklaut wurde, eine kleine Zeitreise …

_Mein Eindruck_

„Wachen! Wachen!“ ist sicherlich eines der spannendsten Abenteuer, die der Autor für seine Discworld erfunden hat. Anders als die Geschichten um TOD oder die Hexen steht hier eine ziemlich einfach gestrickte Truppe im Mittelpunkt des Geschehens. Die unterbezahlten und normalerweise angeheiterten Mitglieder der „Patrouille“ begucken sich die großen Ereignisse, die in ihrer Stadt auf politischer und gesellschaftlicher Ebene stattfinden, sozusagen von unten. Genau wie Bürger wie du und ich.

Und dabei haben sie sogar noch das bessere Los gezogen, wenn man ihr Schicksal mit dem der Großkopfeten vergleicht. Nehmen wir mal Lord Vetinari, den Patrizier. Der neue König wirft ihn als erste Amtshandlung in den Kerker. (Dort dressiert der Patrizier die gebildeten Ratten darauf, ihm beim Dinieren und Frisieren zur Hand zu gehen. Außerdem befindet sich der Riegel seiner Zellentür auf der INNENSEITE.) Wesentlich schlechter scheint es dem Kronrat zu gehen.

Die Ratsmitglieder müssen zu ihrem gelinden Entsetzen feststellen, dass der König eine Mahlzeit des wahren Königs geworden ist: des Drachen. Der neue Herrscher fordert durch sein Sprachrohr, den Sekretär Lupin Wonse, weitere Menschenopfer, sozusagen als mafioses Schutzgeld oder Steuer. Wird das Opfer entrichtet, sieht der neue drakonische Herrscher von Raubzügen unter der Stadtbevölkerung ab. Ganz einfacher Deal, oder? Ach ja, und alles Gold, das die Stadt hergibt, hätte er ebenfalls gerne. Dagegen gibt es doch nichts einzuwenden, ODER? Und so eine kleine Jungfrau einmal im Monat ist doch sicher nicht zu viel verlangt, ODER?

In diesem Kapitel verrät der Autor einen sarkastischen Humor und tiefe Einsichten in politische Machtmechanismen. Und wie bei jedem Machtwechsel gibt es auch hier Kriegsgewinnler, namentlich Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin-Schnapper, der geschäftstüchtige Wurst- und Andenkenverkäufer. Und die Revolution der Bürger wird natürlich im Keim erstickt – äh, Pardon, verbrannt.

Ob Madame Käsedick, die liebenswerte Züchterin von Sumpfdrachen und Herbergsmutter für Hauptmann Mumm, eine Jungfrau ist oder nicht, sei mal dahingestellt. Jedenfalls wird sie eines Morgens von der Ersatzstadtwache abgeführt und in den Palast gebracht. Spätestens jetzt sieht sich Mumm bei seiner Ehre gepackt und ergreift Maßnahmen. Wie diese aussehen, sei hier nicht verraten, doch dass es ein Happyend gibt, ist wohl mehr dem Narrenglück Mumms und seiner wackeren Garde (Colon hat einen Glückspfeil, mit dem er die „Empfindlichkeit“ des Drachen zu treffen gedenkt – so er sie denn findet) zu verdanken als seinen koordinierten Anstrengungen, den Tyrannen zu vertreiben.

Ironischerweise erweist sich die Liebe als stärkere Kraft: nämlich buchstäblich als „Himmelsmacht“. Und wie man in „Shrek 1“ mit größtem Vergnügen festgestellt hat, müssen nicht alle Drachen männlich sein …

_Das Hörspiel, die Inszenierung_

Von dem Schweizer Studio „Bookonear“ habe ich bislang noch nie etwas gehört. Die Produktion, die es mit „Wachen! Wachen!“ vorgelegt hat, ist jedoch in vielerlei Hinsicht professionell zu nennen. Die Sprecher, die bei uns allesamt unbekannt sind, legen eine bühnenreife Darbietung hin. Colon beispielsweise verfügt über eine heisere, raue Stimme, als ob er Kettenraucher wäre. Sein Sprecher hält diese Qualität mühelos durch. Auch der quengelige Verschwörer Verdruss hat mir sehr gut gefallen. Diese Leutchen erinnern mich an die einfachen Bürger in Shakespeares „Sommernachtstraum“.

Aber es gibt auch eindrucksvollere Stimmen. Mehrere Male tritt TOD auf und spricht hörbar in VERSALIEN. Witzig ist dabei, dass derjenige, den er abholt, kaum einen Unterschied in seiner neuen Existenzform gegenüber dem früheren Leben feststellt. Nörgler bleibt Nörgler. Da gibt es einige sehr ironische Momente.

Noch weitaus beeindruckender ist jedoch die Stimme des Drachenkönigs, der von der Decke der Halle des Thronsaals zu seinem Diener Lupin Wonse spricht. Der Drache spricht mit Donnerhall und einer sehr tiefen Stimme, so dass sich kaum etwas Eindrucksvolleres und Furchteinflößenderes vorstellen lässt (es sei denn, man ist kleiner als ein Mensch und hört auch Infraschall).

|3D-Sounds|

Praktisch alle wichtigen Klänge haben mit den diversen Drachen zu tun. So ein angreifender „draco nobilis“ klingt wie ein Sturzkampfbomber, komplett mit Flügelschlagen, Fauchen und Fenstersplittern inklusive Scherbenregen. Es klingt ungefähr wie ein mittlerer Weltuntergang. Natürlich in Stereo!

Dagegen wirkt der Stall, wo Madame Käsedick ihre Exemplare von „draco vulgaris“ hält, wie ein heimeliger Hühnerstall. Mit einer Ausnahme: Ihr kleiner Errol brütet etwas aus – aber was? Nun, im vorletzten Kapitel, beim Showdown, hören wir ganz genau, wie Errol klingt, wenn er seinen neuen Düsenantrieb testet … Ansonsten sind diverse Comic-Sounds zu hören, wie sie etwa einer Kneipenschlägerei wohl anstehen. Die Tonmeister Olift Maurmann und Gavin Maitland haben ganze Arbeit geleistet.

|Die, ähem, Musik|

Und hier scheiden sich die Geister, weil ja bekanntlich die Geschmäcker verschieden sind. Einerseits macht die mittelalterlich instrumentierte Pausenmusik, die die Szenen voneinander trennt, das Hörspiel zu etwas ganz Besonderem in der Audiobook-Landschaft. Andererseits ist sie für unsere Ohren sehr gewöhnungsbedürftig.

Die Musik „wurde nicht extra für dieses Hörspiel komponiert“, verrät das Booklet. „Aber für ungewöhnte Ohren ist sie so schräg, dass sie hervorragend zur Scheibenwelt passt und ich sie einfach verwenden musste“, schreibt der Regisseur Raphael Burri, der auch die Hörspielfassung bearbeitet hat. Er hat die Musik der CD „Tritonus – Alte Volksmusik aus der Schweiz“ von 1991 entnommen (mehr Infos zur Gruppe Tritonus und ihrer Musik gibt’s unter www.tritonus.ch).

Mit Querflöte und Harfe kann man sich ja noch gerne anfreunden. Sie sind für die romantischen Momente der Entspannung (o ja, es gibt sie!) genau richtig. Etwas heftiger wird es dann bei den seltsamen Instrumenten, die direkt aus dem Mittelalter stammen: Drehleier und Hackbrett etwa, vor allem aber die seltsamen Blasinstrumente, die wie ein Mittelding aus Oboe, Fagott und Klarinette klingen und dem Hörer wahrlich durchdringend eins auf die Ohren geben. Also, immer schön auf die Lautstärke achten! Da auch die Harmonielehre des Mitelalters befolgt wird, sind die „Melodeien“, die man zu Gehör bekommt, zusätzlich ungewohnt.

Nach spätestens drei CDs war ich von der Eignung dieser Musik für ein Scheibenwelt-Hörspiel durchaus, wenn auch nicht restlos überzeugt. Eine schräg erfundene Welt braucht eben auch schräg gespielte Musik. Solange man sich keine Überdosis davon reinzieht.

|Das Booklet|

Das Beiheft ist liebevoll gestaltet und einer solcherart von Liebhabern der Scheibenwelt gestalteten Produktion angemessen. Da findet sich ein Lebenslauf des Autors ebenso wie Hintergrundinfos über die Musik (s. o.), die Gestalter und sämtliche Sprecher. Am schönsten aber sind zwei Elemente: die detaillierte Tracklist für jede einzelne CD, von denen jede einen eigenen Titel trägt, z. B. „Draco nobilis“. Und natürlich die knuddeligen Zeichnungen Josh Kirbys, die allesamt der doppelseitigen Tittelillustration entnommen sind. Auch die Cover der einzelnen CDs wie auch die Einsteckplätze der CDs im Karton sind damit geschmückt.

|Abspann|

Am Schluss der letzten CD werden alle Sprechrollen noch einmal mit Zitaten bzw. Klangproben vorgestellt und ihrem Sprecher oder ihrer Sprecherin zugewiesen. Von der Crew sind lediglich die Techniker und der Regisseur genannt.

_Unterm Strich_

Es hat schon eine Reihe von Scheibenwelt-Hörbüchern gegeben, das erste erschien seinerzeit bei Heyne. „Das Licht der Fantasie“ war – trotz des engagierten Sprechers – so todlangweilig, dass ich es vorzeitig aufgab. Ich wage gar nicht, in die Produktionen neuerer Scheibenweltromane reinzuhören.

|Was Neues in Sachen Discworld-Audio|

„Wachen! Wachen!“ unterscheidet sich von diesen unzulänglichen Ergebnissen jedoch radikal. Meines Wissens handelt es sich hier um das erste deutschsprachige (es mag auch englische geben) Hörspiel zur Discworld überhaupt. Es ist um Lichtjahre unterhaltsamer als jene Lesungen. Es bietet die Action und Dramatik eines herorischen Fantasyfilms mit den ausgebildeten Stimmen und Soundeffekten einer professionellen Bühnenproduktion. Das Einzige, was fehlt, ist die visuelle Darstellung. Die können das Booklet und der Karton der Verpackung nur sehr begrenzt liefern – ist ja klar.

|Finale infernale|

Wer sich auf die einzelne Szene konzentriert, bekommt stets etwas mit auf den Weg, denn jeder Baustein baut auf dem vorherigen auf oder fügt einen Nebenaspekt hinzu. Schlussendlich mündet das komische Drama, das sich „Wachen! Wachen!“ – der Ruf hat jedes Mal je nach Kontext eine andere Bedeutung – nennt, in ein packendes, wenn auch etwas tragikomisches Finale. Dieses kann sich hören lassen. Und beim nächsten Mal freut man sich schon darauf.

|Gute Geldanlage|

Hinsichtlich der Qualität der Produktion würde ich dieses Hörspiel gleich neben die „Taran“-Hörspiele des SWR stellen. Nur habe diese den Nachteil, dass sie mit ca. 110 Minuten wahnsinnig kurz sind. Mit „Wachen! Wachen!“ bekommt der fantasybegeisterte Zuhörer fast dreimal so viel Unterhaltungszeit für sein Geld. Und für Pratchett-Sammler wird dieser Artikel schon in wenigen Jahren eine gute Geldanlage sein.

|Umfang: 321 Minuten auf 5 CDs
Originaltitel: „Guards! Guards!“, 1989
aus dem Englischen übertragen von Andreas Brandhorst 1991|

Silbert, Leslie – Marlowe-Code, Der

_Zeitversetztes Agenten-Stelldichein_

Im London der Gegenwart wird ein Buch mit Geheimdokumenten aus der elisabethanischen Zeit beinahe von einem Einbrecher geraubt. Der Besitzer lässt das Buch von einer amerikanischen Privatdetektivin namens Kate Morgan entziffern. Tatsächlich stammt das letzte Dokument von dem bekannten Dichter Christopher Marlowe, der für den Geheimdienst ihrer Majestät Elizabeths I. arbeitete und im Frühjahr 1593 meuchlings ermordet wurde. In diesem Jahr spielt die andere Hälfte des Romans. Spannend ist das Agentenleben.

|Die Autorin|

Die Figur Kate Morgan ist sozusagen das Alter Ego der Autorin Leslie Silbert. Diese ist Renaissance-Spezialistin und Privatermittlerin in einer der „angesehensten“ New Yorker Detekteien, schreibt der Verlag.

Mehr Infos unter http://www.marlowe-code.de.

_Handlung_

Das elisabethanische London des Jahres 1593 stellt die Kulisse für einen der beiden Handlungsstränge. Christopher Marlowe, der Autor von „Doctor Faustus“, ist als erfolgreicher Bühnendichter nicht nur Shakespeares schärfster Konkurrent (er hat einen Kurzauftritt in dem Hollywoodstreifen „Shakespeare in Love“), sondern auch ein abenteuerlustiger Spion im Auftrag Ihrer Majestät und ihres Geheimdienstleiters Francis Walsingham. Dieser ist 1590 gestorben. Die Szene, in der sich Kit Marlowe die Karten legen lässt, spielt drei Jahre nach Walsinghams Ableben, also im Frühjahr 1593, und dient nur dazu, ihn zu charakterisieren. Er erfährt, dass er, sollte kein Engel eingreifen, noch vor Vollmond sterben wird – und schert sich einen feuchten Dreck darum.

Kate Morgan ist die ebenso intelligente – zwei Harvard-Abschlüsse! – wie schöne Mitarbeiterin der CIA, die sich im New York City um 2002 als Privatdetektei Slade Group tarnt. Unter diesem Deckmantel erledigt Kate auch schon mal die Drecksarbeit, besonders in ihrer Eigenschaft als Agentin.

Diesmal jedoch ist ihre Qualifikation als Renaissance-Spezialistin gefragt. Einem Finanzgenie in London wollte ein Einbrecher ein merkwürdiges altes Buch klauen, das den Titel „Anatomie der Geheimnisse“ trägt. Der Versuch kostete den Einbrecher das Leben. Bei einer ersten informellen Analyse stößt Kate auf Geheimchiffren des elisabethanischen Geheimdienstes – puh, dieses Konvolut scheint brisante, kodierte Dokumente zu enthalten. Dadurch könnte der eine oder andere Herzog im Nachhinein vielleicht seinen Titel oder Wertvolleres verlieren. Ihr Mandant Cidro Medina ist gewarnt. Der Auftraggeber des Einbrechers ist ein Strippenzieher, der sich „Jade Dragon“ nennt. Kate erfährt von ihm, als ein weiterer gedungener Gauner ihr das Buch auf offener Straße entreißen will.

1593: Kit Marlowe erhält den Auftrag, eine dubiose Handelsgesellschaft auszukundschaften, die im Verdacht steht, gegen englische Waffen wertvolle orientalische Waren einzutauschen. Diese Waffen scheinen aus der Waffenkammer der Königin zu stammen. Doch schon bald bekommt der tüchtige Kit mehr heraus, als seinem Auftraggeber Robert Cecil und dessen Konkurrent, Graf Essex‘ Mann Phelips, lieb sein kann. Schon nach kurzer Zeit sieht er sich Intrigen ausgesetzt, die ihn den Kopf kosten könnten. Doch auch Kit hat Freunde.

2002: Kates Chef Jeremy Slade und ihr Vater Donovan Morgan stellen zu ihrer größten Bestürzung fest, dass einer ihrer tüchtigsten Agenten, der den Decknamen „Acheron“ trägt, nicht wie berichtet im Gefängnis des iranischen Geheimdienstes gestorben ist, sondern von dessen Leiter Azadi an einen professionellen Erpresser übergeben wurde. Dieser „Luca de Tolomei“ schickt sich an, den im Stich gelassenen Agenten in die USA zu schaffen und gegen die beiden CIA-Leute zu verwenden. Wenn „Acheron“ auspackt, können eine Menge Leute an der Spitze der Regierung einpacken. Unter Umständen auch der Präsident.

Doch de Tolomeis Plan ist noch weitaus raffinierter. Er benutzt Kate, um ihren Vater zu treffen. Denn Rache ist süß. Und sobald sie die letzte Seite der „Anatomie der Geheimnisse“ mit Hilfe von Marlowes letztem Gedicht „Hero und Leander“ entschlüsselt hat, scheint Kates Schicksal besiegelt.

_Mein Eindruck_

Das klingt doch recht annehmbar, sowohl als historischer Krimi mit ironischen Untertönen, als auch als moderner Agententhriller mit romantischen Einlagen. Die Autorin kennt offensichtlich die englische Renaissance in der Epoche Elizabeths I. ebenso genau wie ihre Schauplätze in London, New York und Rom. In ihrem Nachwort erklärt sie detailliert, wie sie zu ihren Aussagen hinsichtlich gewisser Details bei der Ermordung Kit Marlowes gekommen ist. Denn bei seinem Tod gab es drei Zeugen, doch welcher ist der Mörder? Und hätte er vielleicht doch auf irgendeine Art und Weise überleben können? In dieser Epoche, die voll war von Aberglauben, Ketzerverfolgungen und Magiern, scheint beinahe alles möglich.

Der Roman gehorcht zahlreichen Gesetzen des Genres und der Form – dafür haben sicher schon die Lektoren und Verleger gesorgt, bei denen sich die Autorin überschwänglich bedankt. Daher gelangt die doppelte, verschlungene und sich reflektierende Handlung trotz aller Schwächen wohlbehalten ans Ziel. Die Schurken werden nicht glücklich, und die Guten kommen davon – wieder einmal ist die Welt gerettet. Und doch scheinen einige Szenen zu fehlen.

|Ein Buch für Frauen|

Ein männlicher Leser wie ich merkt der Geschichte deutlich an, dass sie nicht für Männer, sondern für Frauen geschrieben wurde. Da taucht mit einer rassigen Italienerin namens Adriana eine Londoner Investmentmaklerin auf, die nichts weiter zu tun hat, als der Heldin Stichwörter zu geben und ihr gut zuzuhören. Und ihr die neuesten Klatschgeschichten über die Londoner High Snobiety zu verklickern. Männer dürften hierbei vor Gähnen vom Stuhl fallen.

|Eine fehlende Szene?|

Auch der Plot selbst scheint mir stark feminin geprägt zu sein. Welcher Verbrecher würde es sich einfallen lassen, ein hohes Tier beim CIA dadurch vernichten zu wollen, indem er dessen Tochter mit seinen Untaten konfrontiert? Die Aussicht auf Erfolg dürfte gegen null tendieren, selbst wenn die Überraschung – die hier nicht verraten werden darf – noch so übel ausfällt. Und genau jene Szene fehlt, in der Kate gegen ihren Papi den Aufstand probt und ihm die Freundschaft aufkündigt. Nix da! Alles bleibt schön, wie es ist. Hier springt niemand aus dem Fenster. Schon gar nicht die leidgeprüften Väter.

|Kit, der ewige Held|

Wesentlich besser gefiel mir daher der Plot um Kit Marlowe. Zwar bleibt er selbst relativ blass (vielleicht setzt die Autorin doch ein wenig zu viel beim Leser voraus), doch dafür treten seine zahlreichen Widersacher umso deutlicher hervor. Nicht alle sind so verschlagen wie Robert Cecil oder so kompetent wie Phelippes und Poley. Andere sind gedungene Schergen und die reinsten Stümper.

|War Kit bi?|

Welcher Natur Marlowes Sexualität war, wird auch nicht so recht klar – saftige Liebesszenen fehlen hier. Wie die Autorin andeutet, war der Dichter dem eigenen Geschlecht keineswegs abgeneigt, denn als er die als Lee Anderson verkleidete Helen erblickt und er sie als Frau enttarnt, ist er enttäuscht. Das hindert ihn aber nicht, die heterosexuelle Liebe zu verherrlichen, indem er „Hero und Leander“ dichtete. Jedem der Marlowe-Kapitel ist ein Zitat aus einem einer zahlreichen Stücke vorangestellt, die zur ihrer Zeit sehr populär waren – nicht nur weil darin gefochten und gestorben wurde, dass es eine Pracht war. Die Zitate charakterisieren einen Mann, der die Ränke und Illusionen der Menschen durchschaut hatte und sie in einen größeren Zusammenhang stellte und so relativierte. „Dr. Faustus“ weiß auch heute noch anzurühren.

|Lesehilfe|

Die Fülle der Figuren könnte den Leser zunächst verwirren, doch meinem Leseexemplar war zum Glück eine Karte begelegt, auf der sämtlichen Namen fein säuberlich aufgelistet waren, die der erfundenen Personen ebenso wie jene der historisch belegten. So kann man den Überblick behalten.

|Nicht von Dan Brown|

Der Titel „Der Marlowe-Code“ ist ein überdeutlicher Versuch des Verlags, an Dan Browns Megaseller „The Da Vinci Code“ – deutscher Titel: [„Sakrileg“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=184 – anzuknüpfen. Doch gibt es dafür zwar die besten Voraussetzungen, so etwa ein zu entschlüsselndes Konvolut von geheimen Agentenberichten, allein die Umsetzung fällt jedoch im Vergleich zu Browns Werk recht unbefriedigend aus. Hier wird keine spannende Schnitzeljagd veranstaltet. Auch keine Parallelhistorie findet den Weg ans Tageslicht.

Ob unsere gute Kate den Mörder ihres Seelenverwandten Kit (man beachte die Namensähnlichkeit) zu ermitteln vermag? Wer weiß, aber sie hat allzuoft Dringenderes im Sinn – zum Beispiel die Avancen des charmanten Schurken Medina an ihrer Seite. Es ist, wie gesagt, ein Frauenbuch. Am Schluss werden alle losen Enden zusammengebunden, als gelte es, einen Pullover fertigzustricken. Bloß keine Masche fallen lassen! Und fertig.

|Die Übersetzung|

Insgesamt macht der Übersetzer einen befriedigenden Job. Doch es gibt auch ein paar Stellen, bei denen sich meine Stirn unwillkürlich runzelte. So ist etwa auf Seite 171 von Oxfords „träumenden Zinnen“ (der Gegenwart) die Rede. Dies geht auf ein – unerwähntes – Gedicht zurück, in dem von Oxfords „dreaming spires“ gesungen wird. Und „spires“ sind nun mal nicht „Zinnen“, sondern (Kirch-)türme bzw. Turmspitzen.

Auf Seite 380 hat der Übersetzer einen Continuity-Fehler der Autorin übersehen. Die ganze Zeit ist von einem Ex-Agenten namens Nick Fontana die Rede, auf Seite 380 wird er plötzlich in „Nick Fortuna“ umgetauft. Auf der vorletzten Seite, nämlich 405, lässt der Übersetzer den deutschen Leser ziemlich im Stich, denn die Autorin hat hier ein wundervolles Wortspiel eingeflochten, das leider nur im Englischen funktioniert: ein Held = a hero, und die Geliebte von Leander heißt (im Gedicht, s. o.) ebenfalls Hero. Und Leander ist Lee Anderson, nur dass dieser wiederum eine Frau namens Helen ist. Klingt kompliziert? Willkommen in der englischen Renaissance!

_Unterm Strich_

Auch wenn der Verlag mit dem Titel „Der Marlowe-Code“ (Originaltitel: The Intelligencer) auf den Megaseller-Zug von Dan Browns „The da Vinci Code“ aufspringen will, so reicht es doch zu dessen rasantem Tempo nicht ganz. Die Gründe habe ich oben dargelegt.

Für wen eignet sich also dieses Buch? Für Leser von historischen Krimis, für Leute, die auf Agenten stehen, für Literaturfans, die Marlowe für ihren Gott halten – und natürlich für alle romantischen Seelen, die eine gefahrumwitterte Romanze um keinen Preis der Welt vor dem Ende des Buchs beiseitelegen würden. Vielleicht fühlen sich ja sogar Freunde von Diana Gabaldon angesprochen – wer weiß? Aber denen ist der Schmöker dann wohl wieder nicht dick genug – so wenig Buch für so viel Geld!

Poe, Edgar Allan – Bericht des Arthur Gordon Pym, Der

Der Traum von einem Abenteuer zur See kann ganz schnell in einen Albtraum umschlagen, aus dem es offenbar kein Erwachen gibt. So ergeht es dem 16-jährigen blinden Passagier des Titels, der in die Antarktis und darüber hinaus in eine weiße Region vordringt, die noch kein Mensch zuvor gesehen hat.

|Der Autor|

Edgar Allan Poe, 1809 in Boston geboren und 1849 im Alkoholdelirium gestorben, begann bereits mit 16 Jahren, Gedichte zu schreiben und als literarischer Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine tätig zu werden. In seiner Prosa zeichnete er sich als Meister der Shortstory aus, in der sich meist düstere Begebenheiten nach und nach zu unheilvollem Schrecken verdichten – so auch in diesem Romanfragment, dem „Arthur Gordon Pym“. Jules Verne schrieb die Fortsetzung „Die Eissphinx“ (1897) und Lovecraft mit „Berge des Wahnsinns“ (1936) eine eindrucksvolle Variation des Stoffes, neben anderen.

|Die Sprecher|

In der „inszenierten Lesung“ wird mit vielen verteilten Rollen gesprochen, fast wie in einem Hörspiel des Rundfunks. Beteiligte Sprecher sind u. a. Heiner Heusinger und Roland Renner – allesamt Profis mit Schauspielausbildung.

Regie und Produktion erfolgten durch die Gruppe „Serotonin“ (welches eigentlich einen positiven Botenstoff des Gehirns bezeichnet). Der Lieferant der Musik, Jens-Uwe Bartholomäus, bildet ein Drittel der Gruppe.

_Handlung_

Sein Freund Augustus stiftet Arthur Gordon Pym immer wieder zu Abenteuern an, so auch in der Episode, als sie 14-jährig aufs offene Meer hinaustreiben. Zwei Jahre nach ihrer Rettung ergibt sich wieder ein Abenteuer: Augustus geht mit seinem Vater, dem Kapitän, an Bord eines Walfängers von Nantucket aus auf große Fahrt, und Arthur Gordon Pym wird als blinder Passagier irgendwo im Frachtraum in einer großen Kiste versteckt.

Nach einem ungewöhnlich tiefen Schlaf wacht Gordon allerdings neben einem leeren Wasserkrug und vergammeltem Braten auf, die Ratten piepsen und die Frachtraumluke ist blockiert. Gordon dreht schier durch, doch die Gefangenschaft erweist sich als lebensrettend, denn oben an Deck findet gerade eine Meuterei statt, der der Kapitän und 22 Matrosen zum Opfer fallen.

Als Augustus endlich Zeit findet, Gordon zu befreien, wird er sogleich für eine List eingespannt: Gordon tritt als der Zombie des ermordeten Kapitäns auf! Die Wirkung ist durchschlagend, und es gelingt, die Meuterer zu überwältigen. Leider steht der Frachtraum nach einem Sturm unter Wasser und ist unzugänglich: Hungersnot bricht aus. Und zwar so lange, bis es zu einem Fall von Kannibalismus kommt. (Dies ist kein Märchen, sondern fand an Bord eines echten Schiffes wirklich statt.)

Statt der ersehnten Rettung segelt lediglich ein Geisterschiff ähnlich der historischen „Mary Celeste“ vorbei. Doch auch dem Engländer „Jane Guy“, der die Überlebenden endlich aufnimmt, ist kein gutes Los beschieden. Auf dem Weg in unerforschte Gewässer segelt er durchs antarktische Packeis in eine warme Zone, wo man auf eine Insel seltsamer Wilder stößt: Zahlan. Diese Begegnung trägt eindeutig Merkmale des Eintreffens von Kapitän James Cook auf Tahiti in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts, sodass sich eine Beschreibung erübrigt.

Leider überlebt die Erkundungspatrouille den Marsch durch einen Canyon nicht. Auch die zwei Überlebenden, nämlich Gordon und Dirk Peters, kommen nicht mehr aufs Schiff, denn dieses wird gestürmt und fliegt in die Luft! Per Kanu fahren Gordon und Peters weiter gen Süden, wo nach zwei Wochen Weiß die bestimmende Farbe wird: die des Wassers, des Dunstes voraus, der gigantischen Vögel am Himmel. Hatten die Zahlianer deswegen einen abergläubischen Respekt vor der Farbe Weiß? Was erwartet die kühnen Seefahrer am Südpol?

_Mein Eindruck_

„Arthur Gordon Pym“ ist eine Kombination aus Abenteuerbericht, Horrorstory und psychologischer Reise. Es gibt sogar eine Episode, in der detektivischer Scharfsinn gefragt ist: Auf Zahlan findet sich eine geheimnisvolle Schlucht, deren Felsen mit Zeichen versehen sind, die selbst aber auch ein Zeichen darstellt. (Dies wird im Epilog näher erklärt.)

|Horrortrip|

Im Mittelpunkt unseres Interesses steht aber die Entwicklung des Ich-Erzählers Arthur Gordon Pym: Seine Reise beginnt mit einem Horrorerlebnis des Eingesperrtseins, finsterer Träume und nach dem „Erwachen“ dem Gefühl, lebendig begraben worden zu sein. Das Schiff als Sarg: ein starkes Symbol.

Die Schiffsreise entwickelt sich denn auch zu einem wahren Albtraum, dessen Episoden nicht nur etliche Horrorstorys des Seemannsgarns wiedergeben, sondern etwas mehr sind: Sie symbolisieren Pyms Abrutschen in den Wahnsinn. Je mehr Pym erkennt, welche Abgründe in seiner Seele gähnen – Kannibalismus etwa -, desto schneller geht es mit seiner geistigen Gesundheit abwärts. Am Schluss ist keineswegs sicher, ob am Südpol ein Abgrund gähnt oder die totale Selbstauflösung des Geistes.

|Tabubrüche|

Man kann die Geschichte als eine Serie von Tabubrüchen lesen: Zuerst illegales Anbordgehen, dann Meuterei, schließlich Mord und Kannibalismus, was in der Erscheinung eines Zombieschiffes gipfelt. Nimmt man diese Ereignisse nicht wörtlich, sondern symbolisch, so verweisen sie auf eine moralische Zerrüttung, die mit einem Verfall körperlicher und schließlich geistiger Art einhergeht. Die Unsicherheit gipfelt zunächst in dem künstlich erzeugten Erdbeben, das Zahlan erschüttert und die Besatzung der „Jane Guy“ fast vollständig vernichtet. Die Welt ist offensichtlich kein geeigneter Ort, wo Menschen leben können.

Aus dieser Einsicht des Unbehaustseins ergibt sich die hoffnungs- und horizontlose Flucht in ein nebulöses Nichts: den Abgrund des Südpols. Hier lösen sich alle menschlichen Dimensionen in einer Art Übersteigerung (Transzendenz) auf, nicht zuletzt die der menschlichen Identität. Auf seine Weise hat Pym endlich Eingang in das Unendliche und Unnennbare gefunden. Wie auch Stephen King (in „Stark“) erkannt hat, handelt es sich bei den Vögeln, die Pym sieht, um Seelengeleiter. Wohin diese Reise geht, muss sich der Leser selbst ausmalen.

|Gruselspannung|

Diese Geschichte ist also nicht nur enorm spannend, sondern auch – wie bereits die Fingerübung „MS Found in a Bottle“ von 1831 – eine schauerliche Allegorie der Entwicklung eines Wahnsinnigen. In E. A. Poes Prosa hat dies zahlreiche Parallelen, so etwa [„Der Fall des Hauses Usher“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761 (1845), in dem der Reisende in den Stammsitz einer alten neuenglischen Familie eintritt, nur um von einem latenten Wahnsinn umgeben zu sein. Eine von Poes besten und wirkungsvollsten Storys.

|Die Sprecher und die Inszenierung|

Während Musik und Geräusche dem Zuhörer suggerieren, sich an Bord eines Schiffes von Meuterern, Mördern und Kannibalen zu befinden, so klingen die Stimmen der Akteure doch recht „normal“. Sie argumentieren anscheinend rational, selbst wenn es um um Mord und die Opferung zwecks Verspeisen geht. Dennoch kommt recht gute Gruselstimmung auf, wenn Gordon, die meiste Zeit der Ich-Erzähler, von seiner Erfahrung des Lebendigbegrabenseins erzählt.

Die Musik ist durchaus passend und stammt zumeist von natürlichen Instrumenten. Die Geräusche hingegen werden von allem Möglichen erzeugt. Ab und zu wird ein wenig zu viel wiederholt. Als das Schiff „Jane Guy“ in die Luft fliegt, hätte ich eine entsprechende Umsetzung in Sound erwartet. Fehlanzeige.

_Unterm Strich_

Ob nun „Arthur Gordon Pym“ noch eine „inszenierte Lesung“ oder bereits ein Hörspiel alten Musters ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Überlassen wir das den Gelehrten. Ich fand die Inszenierung sehr gelungen, denn sie führt dem Leser in ein „Kino des Kopfes“: Die Szenen sind filmreif aufgebaut, mit jeweils einem Höhepunkt und einer Überleitung zur nächsten, und alle Schauplätze sind ziemlich genau beschrieben.

Vielleicht ein wenig zu genau. Denn mit nautischen Ausdrücken wie „Gillung“, „Ankerspill“ (mit dieser eisernen Winde wird die Ankerkette hochgezogen oder hinabgelassen) oder „Klüver“ (Vorsegel über dem Bugspriet) dürften sich Landratten recht schwer tun. Wenigstens „Kajüte“ und „Kombüse“ dürften geläufig sein.

Für ein Hörbuch von 2 CDs knapp 20 Euro ausgeben zu sollen, mag als Zumutung aufgefasst werden. Doch andererseits handelt es sich hierbei um eine recht aufwendige Produktion, die eben ihren Preis hat: Eine „normale“ Lesung wäre bei weitem nicht so unterhaltsam, wie abschreckende Beispiele belegen.

|Umfang: 112 Minuten auf 2 CDs|

Esterházy, Péter – Eine Frau

In 97 kurzen Kapiteln erzählt Péter Esterházy von rund 97 Frauen (minus 1 Mann, minus 1 Mutter). Und so kann man nicht unbedingt von einer Enzyklopädie der ungarischen Frau sprechen, eher von einem Kaleidoskop erotischer Begegnungen. Aber es finden sich auch ernstere Töne, wenn man genau hinhört.

|Der Autor|

Péter Esterházy wurde 1950 in Budapest geboren, wo er heute nach einem Studium der Mathematik als Schriftsteller mit seiner Familie lebt. Im Herbst 2001 erschien sein Roman „Harmonia Caelestis“, der ein Bestseller wurde. Seine Bücher wurden in 15 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Der Autor erhielt u. a. 2001 den |Sándor Marai|-Literaturpreis und 2004 den |Friedenspreis des Deutschen Buchhandels|. Bei |Hörbuch Hamburg| ist auch sein Roman „Fancsikó und Pinta“, gelesen von Walter Kreye, erschienen.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatl. Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

Pleitgen liest den Text in der ungekürzten Fassung.

Das Titelbild zeigt Amadeo Modiglianis „Liegenden Akt auf einem Kissen“, eine sehr geschmackvoll ausgeführte Darstellung einer nackten jungen Frau.

_Inhalt_

In 97 kurzen Kapiteln erzählt Péter Esterházy von 97 Frauen (minus 1 Mann), über die Unregelmäßigkeiten des Herzens, die Illusionen der Liebe, die Spiele der Begierde. Jedes Kapitel beginnt (meist) mit dem Satz: „Es gibt eine Frau.“ Dann folgt: „Sie liebt mich“ oder „Sie hasst mich“. Manchmal aber auch „Sie liebt mich, sie hasst mich.“ Weil aber das Buch „Eine Frau“ heißt, handelt es sich hier um 97 Facetten, Perspektiven, Blicke auf eine generell aufzufassende Frau, wodurch das Ganze eine einzige große Liebeserklärung wird. Ist es „die ungarische Frau“?

„Sie liebt mich“ oder „Sie hasst mich“. Das ist der Standard. Sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner. Ob die Charakterisierung der Beziehung zutrifft, steht hingegen auf einem ganz anderen Blatt. Denn diese beiden Werte lassen sich wie in der Mathematik beliebig kombinieren. Daher finden sich in den späteren Kapiteln Werte wie „Sie liebt mich, sie hasst mich“ (oder umgekehrt) und „Sie liebt mich, ich hasse sie“ (und umgekehrt). Manchmal erscheinen diese Wertungen des Erzählers aufgrund der hinzugehörigen Geschichte oder Charakteristik überhaupt nicht einleuchtend. Offenbar sind diese kategorischen Einordnungen doch mit Vorsicht zu genießen. Es handelt sich um relative Werte, nicht um absolute.

Und was gibt es da nicht wunderbare Frauen! Seine Frau ist beispielsweise Mutter von zwei Kindern, und er muss bei deren Hausaufgaben helfen. Eine andere ist einfühlsam und sinnlich im Bett, aber ansonsten eine knallharte Geschäftsfrau. Wieder eine andere hat schon einen Männe, kann aber noch gut einen (oder zwei oder drei?) andere(n) gebrauchen. Andere kommen im Doppelpack: „Gefallen wir dir?“. Die schlimmste ist seine Mutter. Sie kommt zweimal vor.

Auch die Zitate der Damen lassen sich hören. „Im Bett finde ich mich selbst nicht“, meint die eine, während die andere sicher ist: „Nur durch die Männer gelange ich zu mir.“ Eine liest „Mein Körper, das Ferkel“, während die andere ihn durch das Epitheton „mein Herzchen“ impotent macht, aber darauf entgegnet: „Das ist nur eine Übergangsphase, Schatz.“ Verbal kastriert sie ihn schon vor der Ehe. Eine dritte meint: „I hate this situation!“ und hält sich für die jüngere Schwester von John Lennon: „I am the walrus.“ Eine vierte liebt ihn in Wochen mit geraden und hasst ihn in Wochen mit ungeraden Zahlen.

Inzwischen, so etwa ab Kapitel 47, ist er bei Abkürzungen angelagt: S.L.M., S.H.M., aber auch SLHM geht. Allmählich braucht die Enzyklopädie der ungarischen Frau, so will ich das Buch mal provisorisch nennen, etwas mehr Organisation. Manchmal entgleitet diese aber auch in einem irrwitzigen Ausbruch der Aufzählungen. Kapitel 65 sieht eine Polizistin als Geliebte. Wegen eines mysteriösen Falls ist er auf die Polizeiwache zitiert worden. Wegen eines Todesfalls empfindet er Sympathie für sie. Er stellt sich vor, wie er sie nagelt, während er sie an eine Wand drückt, an einen Baum, an einen Zaun, an irgendwas Mobiles, an Menschen, an Tiere, an Speisen, an Möbel, Klamotten und schließlich mexikanische Biere. Ächz! In Kapitel 75 bekommt er es von einer ziemlich sportlichen Lady zurückgezahlt. Sie pfeift auf die Vernunft.

Allmählich wird die Sache auch autobiografisch. Und damit auch bewegend statt nur tragikomisch. In Kapitel 82 fragt er sich „Liebt sie mich?“ und erinnert sich wegen der Angst, die er angesichts ihres roten Schamhaars empfindet, an die katholischen Gottesdienste, die er in seiner Jugend erlebte und etwas Verbotenes waren. Weil die sozialistische Staatspartei die Kirchenvertreter verfolgte und natürlich die Ausübung des katholischen Glaubens ebenso, mussten die Gottesdienste heimlich und tief im Wald stattfinden.

Kapitel 93 ist gar keiner Frau gewidmet, sondern einem Mann. „Es gibt einen Mann“ – wonach klingt das? Es handelt sich aber nicht um die direkte Beschreibung einer homosexuellen Beziehung, sondern um einen Brief, den ihm ein ausgewanderter (geflohener?) Freund aus Frankfurt/Main schickt. Dieser Freund ist in der fremden Großstadt todunglücklich. Das ist in gewisser Weise paradox, denn nun ist er endlich frei zu lieben, wen er will. Statt dies zu zelebrieren, fühlt er sich hingegen einsam, denn es gibt hier zwar massenhaft käuflichen Sex, aber keine Mitmenschlichkeit. Und daher bekennt der Freund nun, aus der Ferne: „Ich liebe dich.“ Der Erzähler jauchzt.

Das letzte, 97. Kapitel endet ähnlich, aber heiter. SIE liebt ihn immer weniger, verlangt aber immer mehr Sex. Sie scheinen sich miteinander zu vermischen, während sie ihn leicht in sich aufnimmt. Zusammen mit seiner Zahnbürste fürchtet er auch seine Identität zu verlieren.

_Mein Eindruck_

„Esterházys Humor schwärzt zärtlich ein, sticht unerbittlich augenzwinkernd, aber tödlich zu, erotisiert auch noch das tristeste Grau“, meint die „Süddeutsche Zeitung“.

„Die Beziehung der Geschlechter in 97 Kurzkapiteln – erbarmungslos und obsessiv“, meint John Updike.

Esterházy nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Bezeichnung von primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen geht (siehe unten: Die Übersetzung). Doch wirkt das Buch keineswegs verkrampft schamhaft, peinlich oder gar vulgär. Vielmehr kann der sich der Zuhörer der Ehrlichkeit des Erzählers sicher sein. Dessen Beschreibungslust schreckt keineswegs davor zurück, auch unschöne Aspekte an Frauenkörper zu notieren. (Dies meint Updike mit „erbarmungslos“.) Das wird dadurch ausgeglichen, dass auch sein eigenes Gemächt nicht gegen etliche Kalamitäten wie Impotenz oder gar Mumps an den Hoden gefeit ist. Das Spiel auf der horizontalen Ebene ist ausgeglichen.

Weitaus wichtiger als der uralte Schauplatz des Geschlechterkampfes scheint mir die psychologische und gesellschaftliche Ebene der Begegnung zu sein. Hier präsentiert der Autor im Unterschied zu vielen Romanautoren, die sich mit einer Handvoll Figuren begnügen müssen, eine schier unglaubliche Vielfalt an Frauenfiguren. Von der einzeiligen Charakteristik bis hin zu einem Mini-Roman recht die Bandbreite der Texte, die den Frauen gewidmet sind.

Wie aus der Inhaltsangabe ersichtlich wird, tauchen alle Arten von Frauen auf. Natürlich auch die klassischen Frauenrollen wie Mutter, Ehefrau (die eines anderen), Hure, Geliebte (auch im Doppelpack) und Matrone (die wundervoll zynische, alte Schauspielerin in Kap. 53). Dabei stellt sich der Erzähler nicht aufs Podest und wertet anhand moralischer Maßstäbe. Vielmehr lässt er alle Frauen gleichermaßen gelten. Für ihn ist der einzige Maßstab: „Sie liebt mich, sie hasst mich bzw. beides“. (Dies meint Updike mit „obsessiv“.) Gleichgültige Frauen tauchen hier nicht auf, denn sie haben für diese Enzyklopädie keine Existenzberechtigung. Insofern ist der Blick des Erzählers stark subjektiv gefärbt und selektiv, eine Eigenschaft, die einer Enzyklopädie nicht gut ansteht. Wir müssen eine andere Bezeichnung finden. Ein Katalog? Eine Anthologie? Ein Zoo gar?

Es ist nicht die Aufgabe des Buches, politische Themen anzusprechen. Doch es scheint für einen Autor wie Esterhazy unvermeidlich zu sein, auch solche Thmen anzusprechen. Für uneingeweihte westliche Leser mag dies nicht offensichtlich sein, aber spätestens dann, wenn er sich wundert, warum zum Geier Katholiken ihre Gottesdienste im tiefen Wald abhalten, sollte so etwas wie eine Ahnung von entsprechenden politischen Bedingungen und Zwängen aufkommen.

An einer anderen Stelle – in Kap 59 – ist die Rede von einer Malaiin, die von einer Ungarin bedauert, bemitleidet und herablassend behandelt wird. Der Grund dafür scheint darin zu liegen, dass die Malaiin allenthalben für eine Zigeunerin gehalten wird. Nun stellt sich natürlich die Frage, ob in Ungarn die „Zigeuner“, also Roma und Sinti, ebenso schlecht behandelt bzw. verfolgt wurden oder werden, wie etwa heute noch in Rumänien, wo man sie als Bürger zweiter Klasse ansieht.

Angesichts solcher Fragen wurde in mir die Neugier geweckt, mehr über das Völkergemisch Ungarns zu erfahren. Bisher dachte ich, dass von der früheren Hälfte der K.u.K.-Monarchie, die 1918 abgespalten wurde, mehr Ungarn im umliegenden Ausland verstreut leben. Gerade erst scheiterte ein Versuch der ungarischen Nationalisten, diese externen Ungarn per Gesetz einzugemeinden.

|Die Übersetzung|

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte ich die Ehre, die aus Ungarn stammende Stuttgarter Übersetzerin Zsuzsanna Gahse kennen zu lernen. Sie ist selbst Schriftstellerin und Autorin mindestens eines deutschsprachigen Romans.

Mit einem sensiblen Gespür für Bedeutungsnuancen und Untertöne schafft sie es, die direkte Sprache des Autors nicht zu deftig werden zu lassen. Wenn hier also von Schwanz und Möse die Rede ist, so wirkt dies keineswegs peinlich, schamhaft oder gar vulgär. Sie nennt die Dinge einfach nur beim Namen, auch in der richtigen deutschen Tonlage. Sie verwendet beispielsweise niemals den Ausdruck „Titten“, sondern stets nur „Brüste“, bleibt also neutral. Ich bin sicher, dass sich keine Frau durch die Sprache beleidigt oder angegriffen fühlen wird.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen ist ein Profi. Er vermag fast jeder Figur, die er spricht, eine individuelle Nuance zu verleihen. Doch diesmal ist diese Fähigkeit nicht gefragt. Die Monologhaftigkeit seines Textes erscheint zunächst wie ein Handicap, doch ihm zuzuhören wird keineswegs langweilig. Vielmehr ist ihm die Lust, über eine neue Frau zu berichten, anzuhören. Und das ist bei über 90 Frauen schon ein kleines Wunder.

Gibt es da nicht ständig Wiederholungen?, fragt man sich. Nein, wiederholt werden nur die Anfangsformeln bis hin zur Abkürzung als SLM, SHM usw. Allerdings darf man es auch nicht übertreiben und alle vier CDs auf einmal hören. Dann verschwimmt alles in der Erinnerung. In der Beschränkung auf nur wenige Kapitel liegt die Lösung. Ideal scheint mir das Limit von fünf Kapiteln pro Sitzung zu sein. Das kommt nicht von ungefähr. Das Gedächtnis kann sich höchstens so viele Einheiten am Stück merken. Es könnte mit der Anzahl der Finger pro Hand zu tun haben. Alles, was darüber hinausgeht, bedarf einer Gedächtnisstütze wie etwa eines Notizblocks.

In Pleitgens Vortrag klingen Leidenschaft und Sinnlichkeit an, aber auch Wut und Ärger, wenn den Erzähler die gerade aktuelle Frau auf die Palme bringt. Dann wieder kann der Sprecher auch nachdenklich klingen, er spricht langsam, was die alte Schauspielerin an Weisheiten zum Besten gibt. Und er wird bewegend, wenn er den Brief des Freundes liest, der aus Frankfurt schreibt. Und er wird heiter-bescheiden, wenn er das letzte Kapitel geschafft hat.

_Unterm Strich_

„Eine Frau“ ist ein heiteres Kaleidoskop der ungarischen Frauen, betrachtet durch die Augen eines sich wie Zeus unermüdlich durch die Betten kämpfenden Mannes, der ohne Frau nicht sein kann. Doch dies ist kein Buch, das aufgeilen soll, es ist nichts für akustische Voyeure, so genannte Ecouteure. Vielmehr bekommt stets auch der Mann sein Fett weg, die Waage ist ausgeglichen.

Auch politische und soziale Hintergründe scheinen durch, wenn man seine Antennen fein genug einstellt. Die Übersetzerin Zsuzsanna Gahse vermeidet vulgäre Ausdrücke und wählt stets neutrale Bezeichnungen, ohne dabei in medizinischen Jargon zu verfallen, der schon wieder schamhaft wirken würde. Der Sprecher trägt mit Gusto und Verve vor, so dass uns die Texte keineswegs wie leblose Nachrufe vorkommen, sondern geschehe das berichtete Ereignis gerade eben erst.

Das Hörbuch eignet sich somit für erwachsene Zuhörer ohne moralische Scheuklappen, die auch für feinere literarische Zwischentöne ein Ohr haben. Und wer genau hinhört, wird entdecken, dass das Buch voller heiterer Ironie über die ewige |Comédie humaine| ist.

|Umfang: 269 Minuten auf 4 CDs|

Eco, Umberto – Baudolino

Von wem wird Geschichte gemacht? Wer darf darüber schreiben? Sind ’story‘ und ‚history‘ manchmal dasselbe? Müssen wir allem glauben, was man uns als „historischen Moment“ vorsetzt? Hoffentlich nicht. Aber dass Geschichts-Schreiber und Geschichten-Erzähler manchmal das Gleiche sind, das demonstriert uns Umberto Eco in seinem schelmischen Abenteuerroman „Baudolino“.

|Der Autor|

Umberto Eco, geboren 1932 in Alessandria, dessen Großvater als Findelkind erst den Namen Eco bekam, wurde weltbekannt durch seinen mit Sean Connery verfilmten Mönchskrimi „Der Name der Rose“. Weitere Bestseller folgten, erreichten diesen Erfolg aber nie. Mit „Baudolino“ machte Eco wieder auf sich aufmerksam; der Schelmenroman erhielt lobende Kritiken. Eco lehrt als Professor für Semiotik (Kunde von den Zeichen) an der Universität Bologna, der ältesten in Europa. Mehr unter http://www.umberto-eco.de.

_Handlung_

Baudolino wächst im 12. Jahrhundert als schlitzohriger Bauernbengel im oberitalienisch-lombardischen Piemont auf. Mit seinen dreisten Lügen biegt er den Lauf der Dinge – meist erfolgreich – zu seinen Gunsten um. Zum Beispiel im Jahr 1154, als der 13-jährige Baudolino dem großen Kaiser Friedrich Barbarossa einen Bären aufbindet: Er könne wahrsagen. Außerdem hilft er dem Kaiser, der sich in den Nebeln Piemonts verirrt hat, wieder zu seinen Mannen zu gelangen. Ein richtiges Aha-Erlebnis.

Fortan ist Baudolino der kaiserliche Adoptivsohn, lernt lesen und schreiben und darf sogar in Paris studieren: Theologie, Poetik und Rhetorik. Dort lernt er nette Studenten kennen: Abdul, der von einer irischen Mutter und einem provenzalischen Vater abstammt, aber in Syrien aufwuchs; und „den Poeten“, der natürlich seinem Spitznamen hohnspricht und so wenig Poesie besitzt wie ein Zaunpfahl.

Aber als Kaiser Friedrich die schöne Beatrix von Burgund zu seiner zweiten Frau macht, schlägt das Herz Baudolinos so hoch, dass er umgehend ein paar Verse schmieden muss – für die er aber den „Poeten“ als Urheber angibt. So verschafft er diesem eine Stelle als Hofpoet in Köln beim Reichskanzler Rainald von Dassel.

Baudolino ist in Begleitung Friedrich Barbarossas stets dabei, wenn Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes „geschrieben“ wird – und er lehrt uns die auch noch heute gültige Einsicht, dass Geschichtsschreibung in erster Linie die Fälschung von Geschichte ist (siehe die drei Golfkriege). Warum wollte Kaiser Friedrich wirklich ins Heilige Land? Und war es tatsächlich ein Badeunfall in Kleinasien, bei dem er unterwegs umkam? Schließlich schwamm der Kaiser wie ein Fisch im Wasser. Daraus wird noch ein richtiger Krimi, in dem Baudolino den Sherlock Holmes spielt.

Wenn Baudolino und seine Kumpels in Paris einen Brief des mythischen Priesterkönigs Johannes von Indien fingieren, er falsche Reliquien (den „Gradal“) in Umlauf bringt, die Gebeine der Heiligen Drei Könige ausgräbt und für den Transport nach Köln aufmotzt, die Heiligsprechung Karls des Großen vorschlägt – dann wird klar, dass die ausgefuchsten Medien- und Pressestrategien der Moderne ihren Ursprung im Mittelalter haben.

_Mein Eindruck_

„Baudolino“ ist viele Dinge gleichzeitig: ein Schelmen-, Geschichts- und Reiseroman, in dem auch Phantasiewesen auftreten, wie sie in jeder mittelaterlichen Weltbeschreibung zu finden waren. „Eco verknüpft historische Fakten des 12. Jahrhunderts, Fabelwesen, saftige Liebesromanzen (die Hypatia-Episode), aktuelle Politik und Glaubensfragen zu einem sprühenden Feuerwerk“, schrieb die „Welt am Sonntag“. Auch wahr. „Umberto Ecos Roman ist ein wunderlicher Mix aus Historie und Fantasie, Gelehrsamkeit und Kinderei“, meinte die „Stuttgarter Zeitung“. Aber klar doch! „Ein Schelmenroman, wie man ihn sich praller, einfallsreicher und kurzweiliger nicht wünschen kann“ – Bayern2 Radio. Sowieso, liebes Radio!

Aber „Baudolino“ illustriert auch die Macht des Geschichtenerzählens an sich. Schon die ersten Infos, die der junge Ich-Erzähler seinem Ziehvater Barbarossa auftischt, sind eine Lüge. Aber eine wirksame, und darauf kommt es ihm an. Im Lauf des Buches werden noch so viele Unwahrheiten produziert, zum Teil sogar im Namen der Staatsräson, dass man mit dem Zählen gar nicht mehr nachkommt. Die Herkunft der drei Könige im Sarg zu Köln, die Liebesgedichte an Barbarossas schöne Frau, sämtliche Storys über den Priesterkönig Johannes – alle diese Fabrikationen haben einen Zweck für den Verfasser. Oft geht es um Status, Rechtfertigung, Machterhalt, mitunter auch um die Gunst einer Frau, doch stets ist die fabrizierte Wahrheit Mittel zum Zweck.

Leider kann das aber auch ins Auge gehen, wie der Held erfahren muss. Nicht nur dann, wenn einer – wie im Fall Zosimos – mindestens genauso schlau ist wie er selbst, sondern auch, wenn die Interpretation der Wahrheit und der vermeintlichen Wirklichkeit auf den Sucher selbst zurückfällt.

Hier wird die Fabel vom Schelm Baudolino zur Detektivgeschichte: Wer hat den Kaiser in Kilikien getötet, im Schloss des Fürsten Ardzrouni? Wie ging das zu in diesem ausgetüftelten Gebäude mit seinen Verbindungsröhren, Gasen und geheimnisvollen Vorrichtungen? Und diese Fragen führen natürlich auch zu der nach dem Motiv – warum sollte der Kaiser sterben? Er wollte doch bloß ein sagenhaftes Reich suchen, hatte sich also auf eine Reise ohne Wiederkehr begeben. Die Antwort erhält Baudolino, unsere wackere Intelligenzbestie, erst ganz am Schluss. Die Wahrheit macht ihn ironischerweise nicht frei, wie es die Bibel verspricht. Sie bringt ihn beinahe um.

Umberto Eco, dessen Name selbst ein von einem Beamten erfundener ist, setzt sich mit den Geschichten, den Erzählern und ihrer Macht nicht nur zum Amüsement einer bürgerlichen Gesellschaft auseinander. Baudolino folgt dem Auftrag des Bischofs Otto von Freising, und er befolgt ihn nach Treu und Glauben, egal was er damit alles anrichtet. (Er vernichtet als erstes des Bischofs mühselig erstellte „Weltgeschichte“, indem er das Pergament abkratzt und neu beschreibt!) Und dass die Geschichten sich rächen können, wenn man nicht aufpasst, muss er am eigenen Leib erfahren.

_Unterm Strich_

„Baudolino“ ist ein schönes Buch, das nicht nur heitere Unterhaltung, Action und Fantasy bietet, sondern auch eine Detektivgeschichte liefert, auf deren Auflösung man gerne bis zum Schluss wartet.

Natürlich wird man sich fragen, warum Eco die Reise nach Indien derartig ausgewalzt hat. Ganz einfach: Der Erfinder von Geschichten dringt in ein Reich vor, wo die Realität phantastischer ist, als er es sich ausmalen könnte. Und sie erweist sich für manchen seiner Begleiter als tödlich. Dass er den Priesterkönig nie zu Gesicht bekommt, mag daran liegen, dass es sich nur um eine Erfindung von dessen Unterpriestern handelt, die sich eine Existenzberechtigung zurechtgeschnitzt haben. Schließlich ließen sich die europäischen Könige ja auch ihren Herrschaftsanspruch göttlich und kirchlich legitimieren. Geschichts-Schreibung ist also nicht nur eine Angelegenheit, die Bauernlümmel für sich reklamieren können, sondern findet auf oberster Ebene statt. Man hat dies ja am Beispiel des Irakkrieges 2003 gut ablesen können. Die Frage ist vielmehr, was gegen solche Vorspiegelungen hilft.

Seine Geschichte erzählt Baudolino selbst, seinem Freund und Gönner Niketas von Byzanz. Ob wir dieser Informationsquelle wohl trauen können? Aber kommt es darauf überhaupt an? Schließlich hat jede Geschichte einen Zweck. Ihr Urheber heißt diesmal ironischerweise „Eco“, also Echo …

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Maske des Roten Todes, Die (POE #4)

Vierter und (zunächst) letzter Teil der Hörspielserie zu Geschichten von Edgar Allan Poe. Diesmal ist das Thema „Die Maske des Roten Todes“, eine der bekanntesten (und am meisten kopierten) Geschichten Poes. Statt ins frühe 19. Jahrhundert wird der Zuhörer diesmal in die Epoche des italienischen Barock entführt – das suggeriert zumindest die Hintergrundmusik, die vom Barockorchester Berlin vorgetragen wird. Die Regie führten wie stets Christian Hagitte und Simon Bertling.

Die Reihe wurde mittlerweile weitergeführt mit:
– Sturz in den Mahlstrom
– Der Goldkäfer
– Lebendig begraben
– Die Morde in der Rue Morgue

|Der Autor|

Edgar Allan Poe (gestorben 1849) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Er gab verschiedene Zeitschriften heraus, veröffentlichte aber nur wenige eigene Werke in Buchform, sondern sah seine Geschichten und Gedichte lieber in Zeitschriften gedruckt. Er starb im Alkoholdelirium. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. („Allan“ ist übrigens kein Vorname, sondern der Familienname seines Ziehvaters.)

|Die Sprecher|

Ulrich Pleitgen spricht die Figur des „Fremden“, der den Namen E.A. Poe annimmt. Hier interpretiert er den Fürsten Prospero, der sich den Einflüsterungen seines Hofmeisters hilflos offen zeigt.
Dr. Templeton: Till Hagen
Hofmeister: Peter Groeger
Küchenmagd Louisa: Yara Bümel
Gedicht am Anfang/Lied am Schluss: Heinz Rudolf Kunze

_Handlung_

Vorgeschichte: Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und jetzt entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Er ist im Hafen angelangt, von dem sein Schiff in den Fernen Osten abfahren soll. Dr. Templeton drängt ihn zwar, hierzubleiben und seine Identität herauszufinden, doch E. A. Poe lehnt ab. Er besäuft sich im nächstbesten Wirtshaus. Dort hat er eine venezianische Maske an der Wand hängen sehen. Der rote Fleck auf der Maske stamme von Blut, sagt der Wirt. Dann beginnt Poe zu träumen …

Der Erzähler findet sich eingeschlossen in einem großen Palast vor – einem venezianischen Palazzo: Er ist Fürst Prospero. Seine Hoheit freut sich über die fremden Händler und Gaukler, die seine schöne Stadt beehren. Insbesondere den Feuerwerker würde er gerne kennen lernen. Während sich die Küchenmagd Louisa und ein Gaukler näher kennenlernen, beginnt einer der Fremden zu husten – es ist der Feuerwerker. Der Arzt stellt den Roten Tod fest. Fürst Prospero vernimmt die Nacht mit größtem Bedauern, aber da kann man wohl nichts machen.

Schon wenige Tage später fallen der Seuche, die schlimmer wütet als die Pest, dreißig Einwohner und Fremde zum Opfer. Louisa flüchtet sich ebenso wie der Hofstaat in den Palast und wagt sich nicht mehr heraus. Der Hofmeister rät, die Tore zu verriegeln. Vor den zugemauerten Toren stirbt die im Stich gelassene Bevölkerung an der furchtbaren Seuche. Wochenlang.

Der Fürst jedoch hat sich mit all seinem Hofstaat von der Außenwelt abgeschlossen, um dem Roten Tod zu entgehen. Auf Anraten seines schlauen Hofmeisters veranstaltet er einen Maskenball (masque), um den Hofstaat aufzuheitern und auf andere Gedanken als an den Tod zu bringen. Ein prächtiges Spektakel beginnt. Am Vorabend stürzt sich Louisa von den Mauern.

Die Party ist in vollem Gange und man amüsiert sich prächtig, doch unter den Gästen nimmt der Fürst plötzlich eine Maske (masque) wahr, die keiner zu kennen scheint. Und als ob sie dem Ablenkungsmanöver des Fürsten Hohn sprechen wolle, handelt es sich um die Maske des Roten Todes. Der Fürst ist empört und lässt dem todeswürdigen Maskenträger die Fratze abreißen: Doch da ist kein Gesicht …

_Mein Eindruck_

Die Binnenerzählung, der Traum des E. A. Poe, vermittelt durchaus gelungen das Gefühl nahenden Verhängnisses: die steigende Zahl der Erkrankungen, das fehlende Heilmittel, die unterbleibenden Hygienevorkehrungen, schließlich die verstreichenden Wochen des Eingemauertseins. Louisas Abschiedsworte bringen es auf den Punkt: Sie kann dieses Gefühl, lebendig begraben zu sein, nicht mehr ertragen und springt hinaus aus ihrem Gefängnis – in den Tod.

Was hier jedoch fehlt, ist die Stimme eines Erzählers, der dem Zuhörer das drohende Unheil, das über Prospero hereinbricht, näher bringt. Louisa, der Küchenmagd, gelingt dies leider nicht, obwohl es ihre Aufgabe wäre – sie wurde extra dafür erfunden, denn meines Wissens kommt sie in der Originalstory nicht vor. Dennoch: Ihr Tod rührt uns, und das ist wichtig.

Auch der Augenblick höchsten Grauens, als der Rote Tod in aller „Pracht“ hervortritt, ist wenig geglückt umgesetzt. Das Grauen bleibt beim Zuschauer jedenfalls aus. Und der Rückstürz in den Traum des E. A.Poe in seinem Kaffeehaus erfolgt völlig übergangslos, so dass der Zuhörer für einen Moment desorientiert ist.

Am wichtigsten ist jedoch die Fehlinterpretation der Figur des Füsten Prospero durch Ulrich Pleitgen. Seinen Fürsten könnte ein idealistischer Goethe oder Schiller erfunden haben, so freundlich und großzügig gibt er sich zunächst, wird nur durch die Einflüsterungen seines skrupellosen Hofmeisters zu der infamen Abschottung veranlasst. Keine Spur also von schicksalsverachtender Überheblichkeit, die die Götter als frevelhafte Hybris durch das Senden des Roten Todes zu bestrafen trachten. Der Fürst tut uns leid, und das ist das Letzte, was diese Horrorstory vertragen kann.

|Der Song|

Das Stück klingt wieder mit H. R. Kunzes Lied über E. A. Poe, „Der weiße Rabe“, aus. Es ist quasi eine Moritat, die versucht, diesen Dichter als Warner seiner Zeitgenossen in einen soziokulturellen Kontext zu stellen. Der Fünf-Minuten-Song ist zwar textlastig wie jede Moritat, aber stimmungsvoll instrumentiert und vorgetragen: schön schräg intoniert, mit „singender Säge“ unterlegt und wohligen Schauder erzeugend.

|Die szenische Musik|

Im Hintergrund der szenischen Hörspiels erklingt hin und wieder Musik. Es handelt sich um Barockmusik, die das Leben feiert. Aber auch eine Memento mori gibt es: Das Kirchenlied „Dies irae, dies illa“ („Tag des Zornes, jener Tag“, oft übersetzt als „Tag der Rache, Tag der Sünden“) ist dem Leser sicherlich durch die besonders bekannte Vertonung Mozarts in seinem „Requiem“ vertraut. In zahlreichen Abwandlungen wird es eingestreut und unterlegt. Hinzu kommen Punktuationen: ein Klang, der eine Szene von der nächsten abtrennt, beispielsweise eine Glocke.

_Unterm Strich_

Dieser (zunächst) letzte Teil der aufwendig inszenierten Hörspielreihe verpasst die obligatorische Gelegenheit, die Reihe mit einem Paukenschlag abzuschließen. Man hat auch hier wieder auf gepflegten Grusel setzen wollen, aber das Geschehen plätschert so vor sich hin, bis es zum logischen Endpunkt gelangt – und gleitet dann wieder in die Rahmenhandlung zurück, die auch nichts mehr von Bedeutung zu bieten hat.

Dabei gäbe es doch so schöne Storys zu verarbeiten! Man braucht sich nur Alan Parsons Auswahl aus seinem Album „Tales of Mystery and Imagination“ anzusehen: „The System of Dr. Tarr and Professor Feather“, „The Tell-tale Heart“ und ganz besonders „Das Fass Amontillado“ eignen sich ebenso zur Hörspielbearbeitung wie die Frauenstorys „Morella“, „Ligeia“ und „Eleonora“. Geboten werden in der Fortsetzung hingegen die oben angeführten Storys:
– Sturz in den Mahlstrom
– Der Goldkäfer
– Lebendig begraben
– Die Morde in der Rue Morgue

Wer die härtere Horror-Gangart sucht, wird von |Lübbe| aber auch bestens bedient: Lovecrafts Cthulhu-Storys sind ebenso zu haben wie „Necroscope“ von Brian Lumley. Ich bin sicher, wir werden noch mehr Gruseliges von |Lübbe| auf die Ohren bekommen …

|Umfang: 55 Minuten auf 1 CD|

Hermann Hesse – Unterm Rad

Das autobiografische Werk „Unterm Rad“ ist der bedeutendste und meistgelesene deutsche Schulroman. 1906 erschienen, stellte er sich in den folgenden Jahren – mit einer Unterbrechung während des Dritten Reiches – als das provozierendste und folgenreichste Buch Hesses heraus. Seine Auflage beläuft sich inzwischen auf zwei Millionen Exemplare.

_Der Autor_

Hermann Hesse – Unterm Rad weiterlesen

Martin Suter – Lila, Lila

Lob der wahren Autorenschaft

Um von seiner Angebeteten beachtet zu werden, gibt ein junger Autor ein in einem Second-Hand-Möbel gefundenes Romanmanuskript als sein eigenes Produkt aus. Womit er nicht gerechnet hat: Sie findet die Geschichte toll und schickt sie an einen Verlag, der das Buch auch prompt veröffentlicht und zu einem Bestseller macht. Schön, dass sich Marie in ihn verliebt, aber mit dem Erfolg beginnen die Probleme …

Der Autor

Martin Suter – Lila, Lila weiterlesen

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Untergang des Hauses Usher, Der (POE #3)

_Von Wahnsinn und Inzest_

Diese CD ist Teil 3 der Lübbe-Hörspielserie mit Geschichten von Edgar Allan Poe. Obwohl es kaum Action gibt, ist der Gruseleffekt dennoch recht groß.

|Der Autor|

Edgar Allan Poe (gestorben 1849) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Er gab verschiedene Zeitschriften heraus, veröffentlichte aber nur wenige eigene Werke in Buchform, sondern sah seine Geschichten und Gedichte lieber in Zeitschriften gedruckt. Er starb im Alkoholdelirium. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas.

Mehr Informationen bei [wikipedia]http://de.wikipedia.org/wiki/Edgar__Allan__Poe.

|Die Sprecher|

Ulrich Pleitgen spricht die Figur des „Fremden“, der den Namen E.A. Poe annimmt.
Dr. Templeton: Till Hagen
Roderick Usher: Klaus Jepsen
Lady Madeline Usher: Viola Morlinghaus
Diener Brandan: Thomas B. Hoffmann
Gedicht am Anfang/Lied am Schluss: Heinz Rudolf Kunze

_Handlung_

Vorgeschichte: Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert wurde und nach zehn Wochen kürzlich entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Mittlerweile befindet sich E. A. Poe auf dem Weg zur Westküste, wo er ein Schiff in den Fernen Osten zu besteigen gedenkt. Bevor es abfährt, steigt er in einem Hotel am Hafen ab, wo er wie schon in Teil zwei Briefe seines Psychiaters Dr. Templeton erhält. Dieser berichtet von einem Zeitungsartikel über eine getötete Sheila Coyle. So hieß die junge Frau in „Die schwarze Katze“.

Der Wirt warnt „Allan“ vor einem Ritt zu jenem „See der Träume“, der in der Nähe liegt und der angeblich schon so manches ahnungslose Opfer in seine dunklen Tiefen gelockt habe. Darunter sei auch eine junge Frau gewesen. „Allan“ reitet dennoch unerschrocken auf die Heide und passiert prompt den See, der ihn in seinen Bann zieht …

In der dritten Folge kehrt der Erzähler aufgrund eines Briefes zurück zu einem Jugendfreund Roderick Usher, der einsam mit seiner Schwester Lady Madeline auf seinem Landsitz lebt. Aber in dem herrschaftlichen Haus, das verwahrlost mitten in einem ausgedehnten Moorgebiet liegt, geschehen seltsame Dinge. Roderick kann sich an den Brief nicht erinnern. Hat ihn wirklich sein Jugendfreund eingeladen oder war es vielmehr Lady Madeline, Rodericks Schwester? Warum ist außer dem Butler Brendan kein Personal im weitläufigen Haus?

Eines Abends, als Gäste zum Dinner erwartet werden, ruft man ihn in das nächste Dorf. Angeblich ist der Hufschmied vom Pferd gefallen und benötige einen Arzt. Roderick bittet „Allan“, sich seiner medizinischen Vergangenheit zu erinnern und einzuspringen. Doch auf halbem Wege kehrt er, nachdem der Sohn des Schmieds die Nachricht als Unwahrheit entlarvt hat, um … und erlebt den Untergang des Hauses Usher.

Denn Roderick ist vor Trauer um bestimmte verstorbene Frauen offensichtlich dem Wahnsinn verfallen. Sein Geigenspiel ist amelodisch und zeugt von tiefer Schwermut, sein Orgelspiel erinnert an „Dies irae, dies ille“. Und doch redet er völlig klar und verständlich, als er „Allan“ mitteilt, Lady Madeline sei gestorben. Allan, der total verwirrt und geschockt ist, und Roderick tragen sie in die Gruft der Ahnen. Merkwürdig: Dort liegt noch eine andere Frauenleiche, mumifiziert und noch im Tode schön … Was und wer ist Roderick Usher wirklich?

_Mein Eindruck_

Ohne die Musik würde diese Episode kaum funktionieren. Deshalb müssen Musik und Soundeffekte enorm suggestiv wirken, um die Geschichte halbwegs plausibel werden zu lassen. Denn der Horror, den sie entfaltet, ist vollständig innerlich.

Ushers wahnwitziges Geigenspiel, das sich zu unglaublichen Höhen aufschwingt, ist ebenso ein Hinweis auf sein verwirrtes Gemüt wie sein bombastisches Orgelspiel, das vom „Tag des Zorns“ kündet, sprich: vom Tag des Untergangs des Hauses Usher. Wobei „Haus“ sowohl das Gebäude als auch die Familie meint. Hinzu kommen wieder einmal effektvolle Bässe, die von einem Tieftöner (Subwoofer) adäquat umgesetzt werden sollten.

|Die Bedeutung|

Das Haus Usher ist ein Geisterhaus (so sehe ich das). Das Problem, das Allan zunehmend erkennt, besteht darin herauszufinden, wer die Lebenden sind und wer die Toten. Das Haus steht für das Grenzreich zwischen Leben und Tod, eine Zone, in der die Einbildungskraft eine entscheidende Große spielt. Roderick stellt sich beispielsweise jenes Dinner vor, von dem Madeline spricht, und ebenso die Gäste beim Dinner. Die Frage ist berechtigt, was sich Madeline vorstellt – und was Allan?

Möglicherweise ist die Geschichte, in der das dekadente Haus (Familie) der Ushers (der Willkommenheißenden) erst dem Wahnsinn und dann buchstäblich (= Gebäude) den Flammen zum Opfer fällt, ein Symbol für das europäische Erbe, das die Vereinigten Staaten mit sich herumschleppten, als Poe die Story schrieb. Vielleicht will er sagen: Verbrennt die Brücken, wenn ihr kraftvoll und ungehindert leben und die Neue Welt erobern wollt. (Warum „dekadent“?, könnte man fragen. Nun, schon Poe deutet an, dass die Beziehung zwischen Roderick und Madeline ein wenig intimer ist als platonische Liebe. Sie begehen die Ursünde des Inzests.)

Das Gleiche tut die Gestalt des E. A. Poe in dieser Hörspielserie: Er löst sich von seiner Vergangenheit, nachdem er einen „schweren Unfall“ erlitten und zweieinhalb Monate in der Irrenanstalt verbracht hat. Im vierten Teil vollzieht er die Trennung, besteigt ein Schiff und segelt noch weiter westwärts, in den Fernen Osten.

|Die Sprecher|

Da diese Episode sehr wenig Action aufweist, kommt es darauf, die wichtigen Informationen über das gesprochene Wort und die Musik zu transportieren. Die Musik wurde bereits vorgestellt. Der Text wird von kompetenten Sprechern umgesetzt: Pleitgen spricht Poe bzw. „Allan“, wie Usher ihn nennt. Viola Morlinghaus, die fabelhafte Berenike in „Grube und Pendel“, haucht Lady Madeline (buchstäblich) Leben ein.

Der beste Sprecher ist diesmal jedoch Klaus Jepsen, die deutsche Stimme von Bilbo Beutlin. Er spielt den wahnsinnigen Usher nicht übertrieben, so dass die Ver-rücktheit anfangs nicht zum Ausdruck kommt (das besorgt sein Geigenspiel). Der Wahnsinn wird erst gegen Schluss offenbar, nach Lady Madelines „Tod“.)

Alle Dialoge wurden im Dolby-Digital-Verfahren aufgenommen. Wer also über eine entsprechende Anlage verfügt, etwa einen DVD-Player mit DD5.1-Wiedergabe, der hört die Dialoge genau so, als würden sie in einem dreidimensionalen Raum gesprochen werden. (Meine Heimkinoanlage steuerte dabei die 2 hinteren Lautsprecher nicht an.)

|Die szenische Musik|

Die Musik ist diesmal, wie gesagt, von höchster Bedeutung, um das innere Grauen, das sich aufbaut und steigert, hervorzurufen. Ein Filmorchester, eine Kantorei, ein Streichquartett, die Solovioline und Singende Säge (Chr. Zimbel), Orgel und Klavier (Peter Jackson – der ist wirklich überall) sowie Vocalisen (Gaby Bultmann) liefern alle einen Beitrag, um die Stimmung zu erzeugen, die für die Wirkung der Geschichte entscheidend ist. Die Aufnahmequalität ist ausgezeichnet und könnte kaum besser sein.

|Der Song|

Das Stück klingt wieder mit H. R. Kunzes Lied über E. A. Poe, „Der weiße Rabe“, aus. Es ist quasi eine Moritat, die versucht, diesen Dichter als Warner seiner Zeitgenossen in einen soziokulturellen Kontext zu stellen. Der Fünf-Minuten-Song ist zwar textlastig wie jede Moritat, aber stimmungsvoll instrumentiert und vorgetragen: schön schräg intoniert, mit „singender Säge“ unterlegt und wohligen Schauder erzeugend.

_Unterm Strich_

Anders als in „Grube und Pendel“ oder „Schwarze Katze“ passiert in „Usher“ relativ wenig, das dazu beitragen könnte, dem Zuhörer eine rationale Erklärung für die Vorgänge zu liefern. Im Gegenteil: Da sich die Geschichte der rationalen Erklärung verweigert, wirkt sie für den Unvorbereiteten ganz einfach langweilig. Es ist von äußerster Wichtigkeit, genau zuzuhören, weil viele Indizien aus der Vergangenheit herangezogen werden. Und erst, wenn man das Hörspiel mindestens zwei- oder dreimal gehört hat, erschließt sich einem die Bedeutung der letzten Szenen im Usher-Stammsitz.

Ein gute Soundanlage ist wichtig, um den optimalen Eindruck dieses Hörspiels zu erhalten, mehr noch als bei den anderen Episoden. Wer einmal das Geigensolo und die Orgelpassage ordentlich laut gehört hat, weiß, wie es um Roderick Ushers Gemüt bestellt ist: gar nicht gut.

|Umfang: 61 Minuten auf 1 CD|