Alle Beiträge von Michael Matzer

Gaiman, Neil – Messerkönigin, Die

Dieser erste bei uns veröffentliche Storyband von Neil Gaiman ist eine Fundgrube von Ideen für Fantasy- und Krimileser. Die Geschichten sind vielgestaltig wie ihre Themen: Legenden, realistische Storys, Fabeln, Gleichnisse, Märchen, Balladen – die berühmten langzeiligen Erzählgedichten Gaimans ebenso wie kunstvoll gedrechselte Sestinen.

Zu jedem Beitrag der Sammlung hat Gaiman einen Begleittext zur Entstehung und dem Ort des ersten Erscheinens verfasst. Diese Texte hat er in einem langen Einleitungskapitel zusammengefasst. Wer also darauf keinen Wert legt, kann gleich mit dem zweiten Kapitel loslegen.

_Der Autor_

Neil Gaiman ist seinen Lesern vor allem als einfallsreicher Autor der gruseligen und einfallsreichen „Sandman“-Comicbooks bekannt. Er hat mit „Die Messerkönigin“ ausgezeichnete Grusel-, Fantasy- und Märchenstorys vorgelegt, sowie mit „Niemalsland“, „Sternwanderer“ und „American Gods“ drei vielbeachtete Romane (alle bei |Heyne| verlegt). Gaiman erzielte mit seinem Real-Fantasy-Roman „Niemalsland“ auch hierzulande einen Bestseller.

_Die Storys_

Welcher Idiot hat eigentlich die Liebe erfunden? Schon kurz nachdem sie im himmlischen Design-Center der Engel entworfen und getestet worden ist, fordert sie bereits das erste Todesopfer: der verlassene Engel bringt den Geliebten um – ein klarer Fall für den Racheengel des Herrn. Hierzulande wäre die jedenfalls so nicht durch den TÜV gekommen. Aber zu der Zeit, als Er das Universum in die Phase des Prototyps gehen ließ, hatte Er völlig freie Hand. Er erfand sogar ziemlich neumodische Sachen wie etwa auch den Begriff des Todes (und später sogar, noch schlimmer, erfand Er Geschlechter!). Kein Wunder, dass über solch bedenklichen Vorfällen wie gemeuchelten Engeln sein Oberengel Luzifer, der Feldherr der Heerscharen, ins Grübeln kam und sich fragte, ob es nicht besser sei, zur Abwechslung mal auf die Stimmen aus der Finsternis zu hören …

Überhaupt bekommen Neil Gaimans Hauptfiguren, die in unseren Legenden und Sagen schon so lange als Bösewichte und Übeltäter verleumdet worden sind, in seinen in „Die Messerkönigin“ gesammelten Geschichten und Gedichten endlich ihre Chance, die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

So entspricht es offensichtlich auch nicht den Tatsachen, dass Schneewittchen als Unschuld vom Lande von ihrer Stiefmutter aus reiner Eifersucht getötet wurde. Nicht doch! Vielmehr ist das Mädchen, das durch spätere Propaganda als „Schneewitchen“ bekannt wurde, eindeutig ein Vampir, der seinen Liebesopfern das Blut aussaugte. In der Geschichte „Schnee, Glas, Äpfel“ lässt ihr die Gemahlin des von diesem Vampir zu Tode gebrachten Königs denn auch als Vergeltung das kalte Herz herausschneiden und die Leiche in den Wald bringen. Sie hätte es besser wissen müssen!

Vampire wie das untote Mädchen treiben weiterhin ihr Unwesen. Erst als die verantwortungsbewusste Königin die kleine Vampirin per Apfel vergiftet, kehrt Frieden im Land ein. Doch leider nicht für lange: Denn ein ausländischer Prinz hat sich in das in Glas und Kristall eingesargte Mädchen verguckt und befreit es. Nun schlägt der Königin die letzte Stunde: Denn selbstverständlich heischt die Vampirin Rache, die ihr der von Liebe umnebelte Prinz allzu gerne verschafft. Die Königin landet wie eine gewöhnliche Hexe im Ofen.

Es ließen sich noch weitere Beispiele anführen, wie Gaiman, der Autor der „Sandman“-Comicbooks, die bekannten Geschichten gegen den Strich bürstet und ihre Schurken endlich zu Wort kommen lässt. Vampire, Grendel-Ungeheuer („Baywolf“ ist eine drollige Verbindung aus „Beowulf“ und „Baywatch“) , Trolle, Vogelmädchen und Werwölfe finden sich hier, aber auch H. P. Lovecrafts Große Alte (in „Old Shoggoths Peculiar“) feiern ein Wiedersehen mit der ahnungslosen Welt. Mehrmals, wen wundert’s, geht dabei die Welt unter.

|Liebe, Begehren und Tod|

Viele der Geschichten enthalten erotische Elemente. Doch Gaiman, man ahnt es bereits, hat seine besondere Sicht auf das, was man gemeinhin für erotisch hält. Sex, Liebe, Begehren und Tod sind für ihn eng verwoben. Daraus ergibt sich ein in der Regel tragischer Verlauf aus der erotischen Begegnung.
Am zugänglichsten sind für Krimileser zwei Geschichten um die Traumfabrik Hollywood, die in diesem Band enthalten sind. Die erste, „Mordmysterien“, habe ich bereits eingangs gerafft wiedergegeben. Sie trägt diesen merkwürdigen Titel, weil sie sowohl ein Rätsel – mystery – als auch ein Mysterienspiel enthält. Ein Besucher aus England, der kurz mal seine amerikanische Ex-Freundin besucht, hat nach einem frustrierenden Liebesspiel einen Gedächtnis-Aussetzer. Schlaflos begibt er sich auf die Straße vor seinem Hotel und trifft einen Streuner, der sich eine Zigarette borgt und sich mit der erwähnten Geschichte revanchiert. Es könnte sich um Luzifer handeln. Am nächsten Tag liest der Engländer vom Tod seiner Ex-Freundin. Sie und ihre Tochter wurden Opfer eines brutalen Mordes …

|Star-Ruhm|

„Der Goldfischteich und andere Geschichten“ erzählt eine unheimliche Geschichte à la „Barton Fink“. Ein englischer Autor landet einen Bestseller über Charles Mansons Nachkommen und soll für ein Hollywood-Studio das Drehbuch schreiben. Natürlich in L. A. und zwar in keinem anderen Hotel als in dem, in dem John Belushi starb (ich glaube, das war das Chateau Marmont, aber der Hotelname wird nie erwähnt). Genau wie Barton Fink kann es der Engländer niemandem recht machen, doch bekommt er von einem der Gärtner, selbst schon über 90, eine recht merkwürdige Story erzählt. Eine junge Filmgöttin, June Lincoln, stirbt im Jahr 1926 kurze Zeit nach einem Filmerfolg. Auf ihrer Premierenparty küsste sie einen der drei Goldfische im Teich des Hotels. Diesen Fisch nannte der Gärtner daher Princess. Die anderen beiden hießen Ghost und Buster. Merkwürdig findet unser englischer Freund, dass die Goldfische ein genauso langes Gedächtnis haben wie die Fahrten von Punkt A nach B in L. A. dauern: dreißig Minuten. Und auch die Studiogewaltigen haben eine entspechend kurzes Gedächtnis. L. A. ist ein mit Geistern gefüllter Teich, in dem die Goldfische (auch die Stars!) einander schon nach kurzer Zeit vergessen haben und sich begrüßen, als hätten sie den anderen nie zuvor gesehen.—Es gibt nur wenige Geschichten wie diese, die ein reales Geschehen mit einem surreal und ominös aufgeladenen Symbol (dem Teich) so gut erklären.

|Humor|

Auch der Humor kommt nicht zu kurz: So etwa wird der heilige Gral nicht vom edlen Ritter Sir Galahad auf seiner ewigen Suche gefunden, sondern von einer schrulligen alten Witwe bei einer Wohltätigkeitsorganisation. Und die lässt sich den Gral, als Galahad ihn kaufen will, schon gut entgelten. So ist wenigstens der Stein der Weisen doch noch zu etwas nutze.

_Unterm Strich_

Man kann dieses Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und wird sofort eine interessante Idee, eine gewagte Beschreibung oder verblüffend-provokante Aussage finde. Ein Buch, das mit keinem Beitrag langweilig ist. In mancher Hinsicht erinnerte es mich an Clive Barkers [„Bücher des Blutes“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=538

Opfer der Zeitdiebe lesen die Storys oder Langzeilenpoeme von zwei bis vier Seiten. Leute mit mehr Zeit auf ihrem Konto können ihr Vergnügen auf bis zu 40 Seiten auskosten.

Warnung: Manche Geschichten sind für Leser erst ab 16 Jahren geeignet, da die erotische Schilderung doch mitunter etwas drastisch ausfallen kann!

Die Übersetzung ist brauchbar, hat aber durchaus Fehler. So hat sich die Übersetzerin nicht die Mühe gemacht, mal einen falsch geschriebenen Buchtitel von C.S. Lewis nachzuschlagen: „Dawntrader“ statt richtig „Dawntreader“. Daher kommt natürlich im Deutschen eine völlig falsche Bedeutung heraus.

Gegenüber der Originalausgabe wurde ein Beitrag gestrichen: „Eaten“, eine Art Drehbuch.

|Originaltitel: Smoke and mirrors, 1998
Aus dem Englischen übertragen von Ingrid Krane-Müschen|

Patterson, James / Gross, Andrew – Rache des Kreuzfahrers, Die

„Die Rache des Kreuzfahrers“ ist ein temporeicher historischer Roman, dessen abenteuerliche Handlung im 11. Jahrhundert in der Zeit der ersten Kreuzzüge spielt. Action, Drama, Lovestory und jede Menge derber Humor sind die Hauptzutaten dieses „pageturners“. Mich hat erstaunt, wie untypisch dieses Buch für Patterson ist.

_Die Autoren_

James Patterson, geboren 1949, ehemaliger Besitzer einer Werbeagentur, ist der Autor von fünfzehn Nummer-1-Bestsellern (inklusive diesem Buch). Allerdings sind es vor allem seine Alex-Cross-Thriller, die den Leser berühren. Folglich war Alex Cross bereits zweimal im Film zu sehen: „Im Netz der Spinne“ und „… denn zum Küssen sind sie da“ wurden beide erfolgreich mit Morgan Freeman in der Hauptrolle verfilmt. Für Einsteiger sei gesagt, dass Alex Cross ein sympathischer schwarzer Polizeipsychologe ist, der mit seiner Familie in Washington, D.C., lebt.

Patterson ist extrem fleißig. Sein letzter Solo-Roman hieß „The Lake House“, doch inzwischen wurde auch „Sam’s Letter to Jennifer“ veröffentlicht, das ähnlich aufgebaut ist wie der |tearjerker| „Tagebuch für Nicholas“. Mittlerweile erschienen neue Alex-Cross-Romane mit den Titeln „The Big Bad Wolf“ und „London Bridges“. Im Januar und Februar 2005 sind zwei weitere Patterson-Romane erschienen, darunter „Lifeguard“. Nähere Infos finden sich unter www.twbookmark.com und www.jamespatterson.com. Patterson lebt mit seiner Familie in Florida.

Andrew Gross war Pattersons Ko-Autor an „Die 2. Chance“ (Limes-Verlag) und lebt in New York City.

_Der Sprecher_

Tobias Meister, geboren 1957 in Köln, steht seit seinem fünften Lebensjahr auf der Bühne. Er ist Schauspieler und Synchronregisseur. Als Synchronsprecher leiht er Brad Pitt, Kiefer Sutherland, Tim Robbins, Sean Penn und anderen seine Stimme.

_Handlung_

Frankreich Ende des 11. Jahrhunderts: Das Zeitalter der Kreuzzüge beginnt, zu denen Papst Urban aufgerufen hat, um das Heilige Land von den „Ungläubigen“ zu befreien.

In einem kleinen Provinzdörfchen hat sich der junge Hugh de Luc mit seiner Frau Sophie als Gastwirt zur Ruhe gesetzt – zuvor hatte er ein unruhiges Leben als umherziehender Gaukler „genossen“. Bis er sich in Sophie verliebte. Das Einzige, was den beiden zum vollkommenen Glück fehlt, ist ein Kind – und Freiheit von ihrem Oberherrn, dem Herzog Baudouin von Treille.

|Ins Heilige Land|

Seine Sehnsucht nach ungebundenem Leben in Freiheit wird Hugh zum Verhängnis: Er zieht mit einer zusammengewürfelten Soldatentruppe Richtung Palästina, um Ruhm und Beute zu erlangen. Sophie bleibt hoffend zurück, doch beim Abschied gibt sie Hugh eine Hälfte eines schönen Kammes mit, der ein Erbstück ist: ein Symbol der Treue, ein Versprechen auf ein Wiedersehen.

Die Katastrophe, in die sich Hugh begibt, hätte er sich nicht vorstellen können. Sterben die Männer nicht auf dem Fußmarsch durch die Gebirge des Balkans und Kleinasiens, dann an den Strapazen bei der Belagerung der wichtigsten moslemischen Festung vor Jerusalem, Antiochia im heutigen Syrien. Die Verteidiger dezimieren die christlichen Reihen von zusammengewürfelten, undisziplinierten Haufen, die nicht mal Sold bekommen.

Nachdem Antiochia durch Verrat gefallen ist, plündern die Christen die Stadt, metzeln die Bevölkerung, moslemische wie auch christliche Einwohner, nieder, und stecken anschließend die Häuser an. In einer winzigen Kirche, die demnächst geplündert wird, hat Hugh sein Damaskus-Erlebnis. Hatte er schon zuvor nicht an einen Christen-Gott geglaubt, so verliert er nun auch den Glauben an Vernunft, Vorsehung, Liebe und andere Werte. Ein Moslem verschont sein Leben, nachdem Hugh ob dieses Irrwitzes in Lachen ausgebrochen ist. Der Moslem verliert sein Leben beim Angriff fränkischer Fanatiker, der Tafur. Sie tragen das Zeichen des Kreuzes eingebrannt am Hals. Da vergeht Hugh das Lachen und er macht sich aus dem Staub – nicht ohne ein goldenes Kreuz aus der Kirche mitzunehmen.

|Wieder in der Heimat|

Ein halbes Jahr später, zwei Jahre nach seinem Abschied, ist Hugh wieder in seinem Heimatdorf angelangt. Seine Vorfreude auf ein Wiedersehen verwandelt sich in Schrecken, als er sieht, dass sein Gasthof bis auf die Grundmauern niedergebrannt wurde. Sophie ist verschwunden. Sein kleiner Sohn Philippe, von dem er nichts geahnt hatte, liegt begraben auf einem Feld. Dort vergräbt der verzweifelte Hugh auch sein Kreuz.

Wer hat dieses Unglück über sein Dorf gebracht? Es seien Ritter ohne Erkennungszeichen gewesen, heißt es von den versprengten Dörflern. Nun, Hugh kann sich’s denken: Baudouin von Treille muss dahinter stecken, oder? Er hofft, dass die entführte Sophie noch am Leben ist, und wandert durch die Wildnis Richtung Treille. Nach einem Angriff durch einen Eber wird der verwundete Hugh von einem edlen Fräulein namens Emilie in die Burg des Herzogs von Borée gebracht und gesund gepflegt.

Da Emilie durch Hughs Erzählungen zutiefst ergriffen ist (ohne es zu zeigen), will sie ihm helfen, Sophie zurückzugewinnen, sofern sie noch lebt. Dazu aber muss sich Hugh eines Vorwandes bedienen, und welche Verkleidung wäre für einen früheren Gaukler besser geeignet als die eines Hofnarren? Hugh macht sich auf den Weg in die Höhle des Löwen …

Unterdessen suchen Ritter vom Schwarzen Kreuz nächtens Dörfer und Weiler des Herzogtums von Treille heim. Sie sind hinter einer ganz bestimmten Reliquie her, die von Rittern und Händlern aus dem Heiligen Land mitgenommen oder erworben wurde. Was sie am dringendsten haben wollen, ist eine Reliquie von der Kreuzigung Jesu. Und die könnte sich in Hughs Besitz befinden, ohne dass er es ahnt …

_Mein Eindruck_

Ich habe dieses actionreiche und humorvolle Hörbuch in wenigen Tagen verschlungen. Ich fühlte mich hervorragend unterhalten, denn der Roman ist vieles zugleich. Was zunächst nach einem mittelalterlichen Kriegsabenteuer aussieht, verwandelt sich in Hughs Heimat in einen ungewöhnlichen Kriminalthriller, denn es geht darum, zwei Rätsel zu lösen: Wer sind die Ritter vom Schwarzen Kreuz, und in wessen Auftrag handeln sie? Und was wollen sie, das Hugh angeblich in seinem Besitz hat?

|Action, endlich!|

Sind diese Rätsel gelöst, wandelt sich der Roman erneut: zu einem romantischen Actiondrama, das einerseits in einem Bauernaufstand gipfelt und zum anderen in der Erfüllung von Lady Emilies Liebe zu Hugh de Luc. Und auch sie hat ein pikantes Geheimnis zu lüften! Die Action besteht in einem Dreisprung: Zuerst ist Baudouin zu überwältigen, dann der Anführer der Ritter vom Schwarzen Kreuz und zu guter Letzt dessen Auftraggeber.

So gelingt es also den beiden Autoren scheinbar mühelos, aber mit etlichen Tricks und Kniffen, den Hörer bis zur letzten Minute des Finales prächtig zu unterhalten. Kaum ist ein Rätsel gelöst, taucht schon das nächste Geheimnis dahinter auf. Oder eine Aufgabe, die Hugh zu bewältigen hat. Oder Lady Emilie bringt Hugh in Schwierigkeiten…

|Der spezielle Humor des Mittelalters|

Nur ein Narr würde nicht bei so vielen Sorgen durchdrehen und andere die Drecksarbeit machen lassen. Zum Glück ist Hugh eben dieser Narr! Ohne seinen bissigen und mitunter recht derben Humor würde er wohl kaum so viele Herausforderungen bewältigen. Und in der mittelalterlichen Gesellschaft bewährt sich sein eingeübter Wortwitz ausgezeichnet. Zu diesem Witz gehören eine ganze Menge Wortspiele.

Ich war skeptisch, ob die offenherzig geschilderten erotischen Szenen so stehen gelassen würden, aber in der deutschen Ausgabe wurde offenbar nichts davon der Zensur geopfert – bravo! Die mittelalterlichen Leute hatten offensichtlich ein viel unverkrampfteres Verhältnis zu körperlichen Angelegenheiten als wir heute.

|Toujours l’amour!|

Die einzige erlösende Kraft auf Erden scheint Hugh die Liebe zu sein, zuerst jene von Sophie, dann jene der Lady Emilie. Für die beiden Frauen verkämpft er sich denn auch bis zum letzten Atemzug und nimmt die größten Risiken auf sich. Als Hugh also Frau und Kind verliert, kündigt er den Lehnseid auf, der ihn als Untertan an seinen Lehnsherrn bindet, den Ritter, der sein Land besitzt und von ihm Dienste fordern kann, beispielsweise im Krieg.

|Rebellion|

Die Aufkündigung dieses seit Jahrtausenden bindenden Verhältnisses ist ein revolutionärer Akt. Seine Mitmenschen können kaum fassen, was Hugh tut. Erst nach langen Verhandlungen und intensiver Überzeugungsarbeit schließen sie sich ihm an. Der einzige Grund: Sie haben selbst nichts mehr zu verlieren außer ihrem Leben. Und das können sie genauso gut für ihre Befreiung einsetzen, oder? Außerdem hat Hugh ja eine gewisse Reliquie, die ihn zu etwas Besonderem macht.

Der nun folgende Bauernaufstand – den die Geschichtsbücher sicher nicht der Erwähnung wert halten – erinnert uns natürlich stark an den Unabhängigkeitskampf der „amerikanischen“ Siedler in den Kolonien Neu-Englands. Diese so genannten „Amerikaner“ waren ja meist ebenfalls nur eingewanderte Engländer, Schotten, Waliser oder Iren. Und viele, viele so genannte „Deutsche“ – meistens Hessen. Wie die „Amerikaner“ erhoben sie sich gegen ihre Landesfürsten. Denn das waren die britischen Lords und Ladies ja letzten Endes, wie man beispielsweise in dem Emmerich-Film „Der Patriot“ mehrmals gesagt bekommt.

|Die Übersetzung|

Axel Merz hat sich in der mittelalterlichen Kultur kundig gemacht, wie an zahlreichen Stellen zu bemerken ist. Zu dieser Kultur gehören nicht nur das Essen oder die feineren Vergnügungen der Edlen, sondern auch die Kriegskunst und die damit verbundenen Gerätschaften.

Übrigens: Kostprobe des hier zu findenden Humors gefällig? „Zwei brave Männer stehen abends nach der Kneipe auf einer Brücke und pissen in den Fluss. Jeder brüstet sich damit, er habe den größeren. Sagt der eine: ‚Das Wasser ist aber ganz schön kalt.‘ Meint der andere trocken: ‚Ja, und ganz schön tief.'“

Zweite Kostprobe, ein Witz aus dem „wilden Languedoc“: Was ist unten drunter haarig, steht hoch aufgerichtet in seinem Bett, besitzt eine rötliche Haut und bringt garantiert jede Nonne zum Weinen? Eine Zwiebel.

_Der Sprecher_

Tobias Meister trägt mit seiner tiefen Stimme die Geschichte mit der erforderlichen Autorität vor. Denn sonst würden die schrecklichen Szenen des Krieges, die romantischen ebenso wie die komischen Szenen nicht angemessen wirken: Das Problem mit sehr emotionalen Szenen liegt darin, dass man sie völlig ernst darstellen muss, sonst wirken sie lächerlich oder übertrieben.

Meister „meistert“ diese Schwierigkeit ohne Mühe. Unzählige Male ruft die Hauptfigur Hugo de Luc ihren Gott an, mit gutem Grund – und dann hebt sich auch Meisters Stimme um einige Intervalle. Andererseits bricht er auch nicht in Lachen aus, wenn Hugo einen Witz erzählt. Er bevormundet den Hörer nicht.

Einen weiteren Pluspunkt sammelt der Sprecher durch seine perfekte Beherrschung des Französischen. Sämtliche Namen, die in Hugos Heimat auftauchen, spricht er korrekt aus. Das gilt aber nicht immer für andere Namen: Nicaea in Kleinasien spricht man eben nicht mit a-e-a aus, sondern wie Nizäa. (Dieser Ort ging im 4. Jahrhundert in die Geschichte des Christentums ein, als die Bischöfe einige abweichende Lehren wie die der Arianer und der Gnostiker als Ketzereien verwarfen und deren Anhänger fortan verfolgen ließen.)

_Unterm Strich_

Selten habe ich ein derart temporeiches Hörbuch gehört, das mich von Anfang gepackt hat und hielt. Und dabei ist es im Grunde ein historischer Roman, sollte man meinen. In Wahrheit ist es aber eine Kombination aus Action, Kriegsdrama, Liebes-Story und ganz viel Humor, wenn auch von der derberen Sorte. In das Buch flossen zahlreiche Infos der Wissenschaft ein. Diese Quellen listet in der Buchfassung ein zwei Seiten langes Quellenverzeichnis auf. Sogar ein deutscher Autor ist darunter.

Wer also ein paar Stunden mit humorvoller und spannender „kurtzweyl“ verbringen will, der greife zu diesem historischen Thriller.

Tobias Meister ist ein kompetenter Sprecher, der sich in seinem Vortrag zurückhält, aber dennoch den Schmerz und den Schrecken der Szenen – etwa auf dem Kreuzzug – zu vermitteln versteht. Bei komischen Szenen überlässt er dem Zuhörer das Lachen. Auch seine Beherrschung des Französischen ist perfekt. Insgesamt überzeugt mich die Qualität des Hörbuchs, doch der Preis ist mit 29,90 Euro ganz schön hoch. Deshalb wird so mancher Interessent auf das Taschenbuch warten wollen.

|407 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: The Jester, 2003
Aus dem US-Englischen übersetzt von Axel Merz|

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2389
[„Honeymoon“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3919
[„Ave Maria“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1683
[„Mauer des Schweigens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1394
[„Stunde der Rache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1149
[„Vor aller Augen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1087
[„Tagebuch für Nikolas“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=854
[„Sonne, Mord und Sterne“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=537
[„Rosenrot Mausetot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429
[„Die Wiege des Bösen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=47
[„Der 1. Mord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1361
[„Die 2. Chance“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1362
[„Der 3. Grad“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1370
[„4th of July“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1565
[„Die 5. Plage“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3915

Krakauer, Jon – In eisige Höhen

Jon Krakauers Katastrophenbericht ist eine der bewegendsten Schilderungen einer Everest-Besteigung. Es gab schon andere Berichte, natürlich die vom Erstbesteiger Sir Edmund Hillary, aber auch die von Reinhold Messner.

Doch nur Krakauers Buch lieferte die Vorlage für einen Hollywoodfilm. Aber Buch und Film unterscheiden sich in zahlreichen Details, nur die grundlegenden Tatsachen sind gleich. Und dann bestehen noch Zweifel, ob der Bericht überhaupt stimmt. In jedem Fall kann der Konsument des Hörbuchs die ungekürzte Fassung des Textes begutachten – ein bemerkenswertes Detail, das nicht selbstverständlich ist.

_Der Autor_

Jon Krakauer war schon um die vierzig, als er 1996 nach Nepal flog. In seiner Jugend hatte er zahlreiche Bergtouren gemacht, die er in seinen Reportagen unter dem Titel „Auf den Gipfeln der Welt“ („Eiger Dreams“) beschrieben hat. Als Journalist ließ er sich mit seiner Lebensgefährtin Linda in Seattle nieder, wo er als Redakteur des Magazins „Outside“ – nicht zu verwechseln mit „Outside Online“ – arbeitet.

1996 erschien sein erster Bestseller „In die Wildnis“ („Into the Wild“) über einen jungen Aussteiger, der in Alaska umgekommen war. Auch darin ging es um das Scheitern von Träumen und Ambitionen an den harten Bedingungen der Realität, sei es in der Wildnis oder in den Bergen. Krakauer lebt mit seiner Frau in Colorado. Sein neuestes Buch trägt den Titel „Mord im Auftrag Gottes“.

_Der Sprecher_

Christian Brückner ist einer der beliebtesten Sprecher Deutschlands. Bekannt wurde er als Stimmbandvertretung Robert de Niros. Seit langem setzt er Maßstäbe als Hörbuchsprecher und hat bei einem der Verlage seine eigene Edition.

_Handlung_

Jon Krakauer wollte als Journalist, also als Beobachter, an einer Expedition auf den höchsten Berg der Welt teilnehmen, um für das „Outside“-Magazin darüber zu schreiben: Der ungewöhnlich lange Artikel erschien in der Septemberausgabe 1996 und wirbelte viel Staub auf, enthielt aber einige falsche Darstellungen. Die Reaktionen und notwendigen Korrekturen flossen 1997 in dieses Buch ein.

Es war eine der geschäftigsten Saisons am Everest überhaupt, als Krakauer im April 1996 bereits angeschlagen im Basislager ankam. Es folgten vier Tage Akklimatisierung unter den fast ein Dutzend Expeditionsteams, von denen einige unter höchst dubiosen Umständen zustande gekommen waren. Laut Krakauers Darstellung war das Team des Bergführers Rob Hall eines der am besten geführten. Man fühlte sich sicher. Und doch sollte ausgerechnet Rob Hall auf dem Berg sterben.

Als Jon Krakauer den Gipfel des Berges am frühen Nachmittag des 10. Mai 1996 erreichte, hatte er bereits 57 Stunden lang nicht geschlafen, kaum etwas essen können und litt unter dem massiven, anhaltenden Sauerstoffmangel – trotz des künstlichen Sauerstoffs, den alle außer den stärksten Bergsteigern atmen mussten. Die Luftdichte in 9000 Metern Höhe entspricht einem Drittel derer auf Meereshöhe.

Als er wieder absteigen wollte, bemerkte er zweierlei: merkwürdige Quellwolken, die das Tal heraufzogen, und mehr als zwanzig Bergsteiger, die seinen Abstieg blockierten. Die resultierende Verzögerung führte fast zu seinem eigenen Tod, denn als sich die heraufziehenden Wolken zu einem tobenden Schneesturm ausgewachsen hatten, sah Krakauer kaum die anderen Bergsteiger auf dem Südsattel oder die Zelte im darunter liegenden Lager IV.

Doch der Sturm wurde noch stärker, während sich noch fast zwanzig Kletterer auf dem Südwestgrat aufhielten. Am Ende des Tages waren fünf Teilnehmer der verschiedenen Expeditionen in Eis und Kälte umgekommen. Am Ende des Tages waren neun Menschen tot, am Ende der Saison zwölf – ein hoher Tribut an Leben, wie ihn der Everest selten erlebt hat.

Der Tod des neuseeländischen Bergführers Andy Harris ließe sich direkt auf Krakauers Mangel an geistiger Präsenz zurückführen, denn Krakauer hätte sonst bemerkt, dass Harris selbst bereits massiv unter der Höhenkrankheit litt, als er ihn zuletzt sah. Krakauer hätte etwas unternehmen können. Doch so muss er heute mit Harris‘ Tod auf dem Berg leben.

Durch den Einsatz des kasachischen Bergführers Anatoli Boukreev (der selbst ein Buch darüber geschrieben hat) gelang die Rettung von mehreren Expeditionsmitgliedern. Leider spielt dies Krakauer einigermaßen herunter, was wohl nicht ganz fair erscheint.

_Mein Eindruck_

Das Buch packt einen schon vom ersten Kapitel an, als der Autor den Moment auf dem Gipfel des Everest beschreibt und sich das Verhängnis bereits anbahnt, das zur Katastrophe führen soll. Immer wieder schiebt der Autor historische Rückblicke ein, um den Leser mit dem Berg und seinen erfolgreichen und erfolglosen Bezwingern bekannt zu machen. Krakauer gibt die Geschichte und die Abenteuer großer Everest-Pioniere wieder, darunter Sir Edmund Hillary und Tenzing Norgay, die zwei Männer, die den Gipfel 1953 als erste erreicht hatten: genau einen Tag vor der Krönung Königin Elizabeths II.

Einen großen Einschnitt bedeutete 1985 die Besteigung durch einen Amateur namens Dick Bass, der lediglich einen Haufen Geld bezahlt hatte. Nach dem Jahr 1988 setzte eine Art Massentourismus ein, und die nepalesische Teilnahmegebühr pro Tour erhöhte sich von 10.000 auf 65.000 Dollar.

Doch das schreckte etliche Leute nicht ab, die einfach nur ihre „Sieben-Gipfel-Quote“ komplettieren wollten: die Liste der jeweils höchsten Berge auf den Kontinenten. Auch in Krakauers Team befand sich so jemand darunter: In Sandy Pittmans Sammlung fehlte noch der Everest. Er sollte sie beinahe umbringen.

Denn der Everest ist ein unversöhnlicher Berg. Er wird von den Sherpa als „Göttin des Himmels“ (Sagarmatha) kultisch verehrt, ebenso von den Tibetern. Noch bevor es dem ersten Menschen gelang, einen Fuß auf den Gipfel zu setzen, hatte der Everest bereits 24 Menschen aus 15 verschiedenen Expeditionen das Leben gekostet. Mehr als hundert sollten bis 1996 folgen.

Dabei ist es nicht einmal das Terrain selbst, dem die Menschen zum Opfer fallen. Häufig ist einfach die extreme Höhe schuld: Ab 8000 Metern beginnt die „Todeszone“, in der der Körper beginnt, sich selbst zu verzehren: kein Essen ist mehr möglich, und kein Schlaf. Große Gefahr droht von den durch die Höhe und dünne Luft ausgelösten Krankheiten: Lungen- und Gehirnödem, im Original HAPE und HACE genannt. Bei deren Auftreten hilft nur noch der rasche Abtransport in in tiefere Lagen oder die künstliche Herstellung einer entsprechenden Atmosphäre in einem Spezialzelt (Gamow-Zelt). Manchmal kommt auch diese Maßnahme zu spät.

In Rob Halls Expedition waren es nicht nur bergsteigerische oder gesundheitliche Unzulänglichkeiten, sondern einfach menschliche Fehler, die sich „zu einer kritischen Masse summierten“: falscher Ehrgeiz, Konkurrenzdenken, übersteigerte Personenverehrung oder einfach Geldgier. Am Ende fehlten Kraft und Zeit. Es kam zu einer kritischen Situation im Schneesturm, die direkt fünf Menschenleben forderte. Weitere kamen als indirekte Folge hinzu.

Krakauers Doku-Roman ist spannend, bewegend und dramatisch. Er macht wütend auf ein System, das die Gefahren des Berges herunterspielt oder gar leugnet. Um nicht nur seiner persönlichen Katharsis (emotionalen Läuterung) zu dienen, wie er sagt, fügte er zahlreiche, abgesicherte Fakten ein und verbrämte diese mit Literaturauszügen.

_Der Sprecher_

Der Sprecher Christian Brückner liest selbstredend wie ein Profi, der das schon ewig und drei Tage macht. Deshalb kommt es auf die Feinheiten an. Stets macht er an geeigneten Stellen eine Pause, die das Verständnis erhöht, erleichtert oder eine Denkpause erlaubt. Das kann nach dem Ende einer komplizierten Satzkonstruktion sein, am Ende eines Satzes, eines Absatzes – und natürlich zwischen den Kapiteln.

Das einzige Verständnisproblem, das daher auftauchen kann, besteht darin, dass der Hörer entscheiden muss, wer nun gerade spricht. Ist es, wie fast immer, der Autor selbst – oder vielmehr der Autor eines Literaturauszuges? Zum Glück lässt der veränderte Tonfall, dessen sich der Sprecher befleißigt, die Unterscheidung zu. Und das ist meist nur am Anfang eines Kapitels nötig.

Etwas anderes ist Brückners Aussprache von Namen und Bezeichnungen. Englische Namen, die wie deutsche aussehen, sind ganz besonders tückisch. Doch Brückner meistert das Problem und spricht die Namen nach englischen Regeln und Gepflogenheiten aus. Er hat sich offensichtlich gut vorbereitet. Dies gilt nicht nur fürs Englische, sondern auch für Nepalesisch. Wieder und wieder erstaunte mich, der ich das Original zur Kontrolle las, seine Aussprache der einheimische Bergnamen. Sie passten so gar nicht zur Vorstellung, die ich mir von Namen wie Makalu („mokalú“) und Kanchenjunga (kantschendschánga“) gemacht habe. Da ich kein Nepalesisch beherrsche, maße ich mir kein Urteil darüber an.

_Unterm Strich_

Krakauer liefert einen packenden, minuziös geschilderten Bericht, der trotz seiner persönlichen Sichtweise zu überzeugen weiß, weil er weder mit Hintergrundinformationen über Berge, Menschen und alpine Technik geizt, noch mit den Konsequenzen der Katastrophe nach seiner Rückkehr hinterm Berg hält.

Der Sprecher Christian Brückner besticht durch eine klare Vortragsweise, die sich an der Vermittlung deutlich erkennbarer Bedeutungseinheiten – Wörter, Sätze, Phrasen, Absätze, Kapitel – und an Verständlichkeit orientiert. Auch berichtsfremde Zitate sind zu unterscheiden, so dass es leichtfällt, ein Zitat als solches zu erkennen. Fußnoten werden weggelassen, wenn sie zu lang sind, kurze Fußnoten werden in den Vortrag unauffällig integriert. Insgesamt hat mir die Lesung sehr gefallen, ich finde sie vorbildlich gelungen. Musik und Geräusche gibt es keine, denn sie würden lediglich stören – ganz besonders bei einem so ernsten Thema.

Der Preis von knapp 30 Euro für neun CDs ist meines Erachtens ungewöhnlich günstig und sollte einen Anreiz bieten, sich das Hörbuch zuzulegen. Hier winken dem einsamen Trucker oder Wochenendpendler fast elf Stunden packende Beschreibungen einer abenteuerlichen Welt, in der dem Menschen gezeigt wird, wo seine Grenzen liegen: nicht zuletzt in ihm selbst.

|Hinweise auf andere Quellen|

Man möchte sich seiner kritischen Sicht über die Auswüchse des modernen Alpinismus im Hochgbirge anschließen. Aber man sollte auch andere Quellen hinzuziehen, um auch andere Aspekte der Wahrheit zu erfahren: Sehr empfehlenswerte Bücher zu dieser Tragödie sind: „Der Gipfel“ von Anatoli Boukreev und „Die letzte Herausforderung“ von Lene Gammelgaard, einer Teilnehmerin an der Mountain Madness Expedition des damals umgekommenen Bergführers Scott Fischer.

Außerdem gibt es bei Amazon.de auch ein Buch des beinahe auf dem Südsattel erfrorenen Kunden Beck Weathers – eine der erstaunlichsten Wiederauferstehungen, von der ich je gehört habe. Das Buch von Boukreev habe ich andrenorts besprochen. Der Film, den David Breashears und Ed Viesturs von der gleichzeitig stattgefundenen IMAX-Epedition gedreht haben, ist ebenfalls informativ – von dem beeindruckenden IMAX-Breitwandfilm ganz zu schweigen. David Breashears geht in seiner Biografie ebenfalls auf das Drama ein, natürlich nur mehr am Rande, denn am tragischen Gipfelsturm war er nicht beteiligt.

|646 Minuten auf 9 CDs
Originaltitel: Into thin air, 1997
Übersetzt von Stephan Steeger|

Robert J. Sawyer – Die Neanderthal-Parallaxe (Neanderthal 1)

Parallelwelt-SF: Besuch vom haarigen Vetter

Neutrinos sind nahezu unendlich kleine atomare Teilchen, die alles durchdringen und sich daher extrem schwer nachweisen lassen. Um sie überhaupt feststellen zu können, muss die superempfindliche Messvorrichtung selbst vor allen möglichen Störfaktoren wie etwa elektromagnetischer Strahlung abgeschirmt werden. Deshalb liegt das Neutrino-Observatorium im kanadischen Sudbury unter zwei Kilometern solidem Fels. Der Zugang zum Neutrino-Detektor, einem Tank mit schwerem Wasser (Deuterium) ist natürlich ebenfalls streng reglementiert.

Deshalb staunt die Wissenschaftlerin Louise Benoit nicht schlecht, als sie eines Tages einen ausgewachsenen Mann in eben diesem Tank vorfindet. Wie um Himmels willen ist er da hineingeraten? Nicht ganz freiwillig, wie sich herausstellt. Liegt ein Verbrechen vor?

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Bear, Greg – Darwin-Virus, Das

_Kein weiteres „Outbreak“, sondern eine Vision_

Ein Massengrab in Georgien, in dem etliche Leichen schwangerer Frauen gefunden werden. Die sensationelle Entdeckung einer mumifizierten prähistorischen Familie, die verwirrende biologische Merkmale aufweist. Eine rätselhafte Epidemie, die ausschließlich werdende Mütter befällt. Und der furchtbare Verdacht, dass sich in der menschlichen Erbsubstanz etwas verbirgt, das nun zum Leben erwacht – und die Welt für immer verändern wird … (Verlagsinfo)

„Das Darwin-Virus“ stellt eine faszinierende und erschreckende Vision von der nächsten Phase der menschlichen Evolution dar. Am Ende konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen und las bis morgens um zwei Uhr weiter. Es hat sich jedoch absolut gelohnt! Dieser Roman war 1999 für den |Hugo Gernsback Award|, den Preis der amerikanischen Science-Fiction-Leser, nominiert und hätte den Preis verdient gehabt. (Das Rennen machte Vernor Vinge’s [„Eine Tiefe am Himmel“.)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=364

_Der Autor_

Greg Bear wurde 1951 in San Diego, einer wichtigen US-Marinebasis, geboren und studierte dort englische Literatur. Unter den Top-Hard-SF-Autoren ist er der einzige, der keine naturwissenschaftliche Ausbildung hat. Seit 1975 als freier Schriftsteller tätig, gilt er heute dennoch als einer der ideenreichsten wissenschaftlich orientierten Autoren.

Sein „Das Darwin-Virus“, der hierzulande zuerst in einem Wissenschaftsverlag erschien, wurde zu einem preisgekrönten Bestseller. Erst damit konnte sich Bear aus dem Science-Fiction-Ghetto herausschreiben, so dass man ihn heute ohne weiteres mit Michael Crichton vergleicht. Nur dass Bear da anfängt, wo Crichton aufhört. Dieses Jahr erscheinen bei uns „Die Darwin-Kinder“, die Fortsetzung von „Darwin-Virus“, sowie der Horrorthriller [„Stimmen“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=743

Bear hat eine ganze Reihe von Science-Fiction- und Fantasyzyklen verfasst. Die wichtigsten davon sind (HSF = Heyne Science Fiction):

– Die Thistledown-Trilogie: Äon (HSF 06/4433), Ewigkeit (HSF 06/4916); Legacy (bislang unübersetzt).
– Der Amboss-Zyklus: Die Schmiede Gottes (HSF 06/4617); Der Amboss der Sterne (HSF 06/5510).
– Der Sidhe-Zyklus: Das Lied der Macht (06/4382); Der Schlangenmagier (06/4569).

Weitere wichtige Werke: „Blutmusik“ (06/4480), „Königin der Engel“ (06/4954), „Slant“ (06/6357) und „Heimat Mars“ (06/5922). Er hat zudem Beiträge für die Buchreihen des Foundation-, Star-Trek- und Star-Wars-Universums geschrieben. Witzige Einfälle sind u. a. in der Storysammlung „Tangenten“ (Heyne Science Fiction) zu finden.

_Handlung_

Uralte Krankheiten, die im Erbgut der Menschen einkodiert sind, warten nur darauf, wieder geweckt zu werden und auszubrechen – das zumindest glaubt die Molekularbiologin Kaye Lang. Und jetzt, wenige Jahre in der Zukunft, sieht es so aus, als ob ihre in Fachkreisen heftig umstrittene Theorie grausame Realität geworden sei.

Denn Christopher Dicken, quasi ein „Virenjäger“ beim amerikanischen Epidemic Intelligence Service, ist einer grippeähnlichen Infektion auf der Spur, die werdende Mütter ebenso wie ihre Föten befällt und zu Fehlgeburten führt. Sie wird „Herodes‘ Grippe“ genannt, aus naheliegenden Gründen. Ein Massengrab in Georgien, in dem etliche Leichen schwangerer Frauen gefunden werden, verstärkt seine Furcht vor einer Epidemie. Eine der an der Untersuchung dieses Virus beteiligten Gesundheitsbehörden nennt den die Grippe verursachenden Virus SHEVA, nach Shiva, dem hinduistischen Gott der Zerstörung und Wiedererschaffung. Das Virus erscheint ebenso verheerend wie das HIV.

Mitchell Rafelson, ein in Fachkreisen wegen „Leichenraubs“ in Ungnade gefallener Archäologe, entdeckt zur selben Zeit auf einem österreichischen Gletscher in einer tiefen Höhle die mumifizierten Leichen einer prähistorischen Familie, die hier vor rund 15.000 Jahren umkam. Sie wurde ein Opfer der Verfolgung ihres Stammes. Die Geflohenen waren anders als der Rest des Stammes. (Das ist natürlich eine Parallele zum Fund des „Ötzi“ auf einem Gletscher zwischen Österreich und Italien.)

Mitch und Kaye bemerken eine schockierende Verbindung zwischen den zwei Entdeckungen. Das „Virus“ SHEVA, das damals die Neandertaler verändert hatte, ist erwacht und hat inzwischen nicht nur im Kaukasus seine Opfer gefordert, sondern breitet sich nun, geweckt durch Einflüsse der modernen Zivilisation, auch in den USA aus.

Ein Wettlauf mit der Zeit und gegen die Behörden beginnt. Während die Mütter millionenfach Fehlgeburten erleiden und eine ganze Generation ausfällt, versuchen die Gesundheitsbehörden das Richtige zu tun. Und das, was sie tun, sieht sehr nach Faschismus und Diktatur aus. Der Autor lässt durch die eingestreuten Assoziationen keinen Zweifel an seiner ablehnenden Haltung demgegenüber.

Christopher Dicken, Mitch und Kaye sind sich in einer Geheimunterredung über die Lage klar geworden. Doch während Dicken zweifelt und einknickt, verlieben sich Kaye und Mitch ineinander und Kaye wird schwanger – ist ihre Handlungsweise verantwortunglos? Fest steht nur: Es wird ein SHEVA-Baby werden.

Während Mitch und Kaye vor den Polizisten, die sich wie einst Herodes‘ Soldaten aufführen, wie einst Joseph und Maria fliehen, scheint der Ausbruch SHEVAs die ganze Welt zu erfassen. Hat die Menschheit noch eine Chance?

_Mein Eindruck_

Wieder einmal hat es einer der großen Autoren in der Science-Fiction geschafft, eine umfassende Veränderung in den Vorgaben für die menschliche Existenz zu skizzieren und bis zur endgültigen Konsequenz durchzudenken. Das Buch scheint zwar vorzeitig zu enden, und mancher Erzählstrang wird nicht weiter – oder erst in der Fortsetzung „Die Darwin-Kinder“ (2004) – verfolgt, doch das, was bereits verraten wird, ist als Idee und Vorstellung wunderbar, weitreichend und für den einen oder anderen Leser sehr positiv.

Bears Figuren sind vielschichtig, sie haben eine plausible Psychologie, ein gemeinsames Schicksal, und sie verändern sich. Ich empfand es als spannend und von größtem Interesse, ihren Werdegang zu verfolgen. Anders als in „Slant“, wo der Leser sechs Schicksale zu verfolgen hat, sind es hier nur vier – im Mittelpunkt nur Mitch und Kaye. Dadurch liest sich das Buch einfacher, weil zusammenhängender und konventioneller.

|Zusatzinformationen|

Mit Hilfe wirklich ausgetüftelter Erzählstrukturen gelingt es Bear, die Spannung durchgehend aufrechtzuerhalten und gegen Ende sogar noch zu steigern. Man merkt, dass Bears Verlag, Ballantine, das Feedback der Probeleser ernstgenommen und in die Endfassung aufgenommen hat. Das wäre hierzulande wohl nur schwer denk- und umsetzbar. Sogar ein „Kurzes Glossar biologischer Fachbegriffe“ findet sich, das es dem weniger geschulten Leser erleichtert, sich im wissenschaftlichen Hintergrund zurechtzufinden. Ein kurzes Kapitel über „Biologische Grundlagen“ führt das Glossar ein und unterrichtet den Leser über einfache Molekularbiologie, also über alles, was mit Vererbung und Zellen zu tun hat.

_Unterm Strich_

Man merkt es dem spannenden Roman an, dass sich hier Greg Bear von der Science-Fiction, seiner bisherigen Spielwiese, auf das Territorium Michael Crichtons vorwagt. Doch anders als die Plagiatoren Crichtons wirkt Bear nicht spekulativ um der reißerischen Unterhaltung willen, sondern bleibt der wissenschaftlichen Methode und ihren Vertretern in der Molekularbiologie verpflichtet. Dies ist keine weitere Version von „Outbreak“, sondern geht viel, viel weiter: Es ist eine Evolutionstheorie.

Das bedeutet für den Leser zwar weniger „Menschen, Tiere, Sensationen“, aber dafür kühnere und höhere Höhenflüge, wie es mit der Menschheit weitergehen könnte, als bei zehn Crichton-Plagiatoren zusammen. Daraus ergibt sich allerdings auch, dass der Autor hier – anders als in seinen Romanen „Stimmen“ und [„Jäger“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=487 – einen hohen Anspruch an das Begriffsvermögen des Lesers stellt. Das habe ich stellenweise durchaus als anstrengend empfunden, und zwar besonders im actionarmen Mittelteil. Wer sich mit Molekularbiologie nicht befassen will, sollte sowieso die Finger von diesem Buch lassen.

|Etwas mehr Realismus bitte!|

Was ist von alldem zu halten, was Bear hier als mögliche künftige Katastrophe ausmalt? In seinem Nachwort und in der Danksagung berichtet der Autor von seinen Besuchen in entsprechenden Instituten, die für solche Epidemien zuständig sind – allen voran das bekannte Center for Disease Control in Atlanta, wo die gefährlichsten Viren und Bakterien der Welt weggeschlossen lagern.

In einschlägigen Fachmagazinen werden entsprechende Viren diskutiert, beispielsweise zu der Frage: Wie kommt es, dass sich das HI-Virus ständig anpassen kann? Welche Mechanismen helfen ihm? Wie kommt es, dass sich Taufliegen an radikale Klimaänderungen binnen weniger Generationen anpassen können? Was hilft ihnen dabei? Bear äußert die Überzeugung, das ein SHEVA-ähnlicher Ausbruch nicht innerhalb von Jahrzehnten erfolgen wird, sondern binnen Jahren. Na, Prost Mahlzeit!

|Originaltitel: Darwin’s Radio, im Hardcover 1999, Taschenbuchausgabe 2000
Deutsch zuerst im Verlag Spektrum der Wissenschaft 2001
Aus dem US-Englischen übersetzt von Sebastian Vogel|

Evangelisti, Valerio – Geheimnis des Inquisitors, Das (Inquisitor-Zyklus Band 4)

Auf Bitte des Königs von Aragón nimmt Großinquisitor Nikolas Eymerich an der Invasion Sardiniens teil. Dort wird er mit den fürchterlichsten Seuchen konfrontiert, aber auch mit wundersamen Heilungen, die ihren Ursprung im blauen Licht der Neptungrotte haben. Als der Inquisitor in dieser Grotte Augenzeuge vorchristlicher Rituale wird, ist er überzeugt, dass es sich bei den Wunderheilungen um Teufelswerk handelt. Es gelingt ihm, das unterirdische Höhlensystem zu fluten, doch er weiß, dass die Mächte der Finsternis nicht für immer gebannt sind … (Verlagsinfo)

Fans von „Der Name der Rose“ dürften diesen Roman ebenso mögen wie eingefleischte Fantasy- oder Science-Fiction-Leser. Der Italiener Evangelisti, mit seinem „Nostradamus“-Zyklus (bei |Goldmann|) als Mittelalter-Fachmann ausgewiesen, bietet in den vier Handlungssträngen seines Romans jedem etwas.

_Der Autor_

Valerio Evangelisti, geboren 1952 in Bologna, studierte Geschichte und ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Später befasste er sich vorwiegend mit fantastischer Literatur, bis er 1994 selbst zum preisgekrönten Fantasy-Schriftsteller wurde. Seither werden seine Romane in vielen Ländern aufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt. Mit seiner Nostradamus-Trilogie wurde er schließlich zum internationalen Bestsellerautor. Seine Werke werden bereits für das italienische Fernsehen verfilmt.

Der Inquisitor-Zyklus:

Der Schatten des Inquisitors (Heyne 06/9124)
Das Blut des Inquisitors (Heyne 06/9125)
Die Ketten des Inquisitors (Heyne 06/9126)
Das Geheimnis des Inquisitors (Heyne 06/9156)
Die Versuchung des Inquisitors (Heyne 06/9157)

_Handlung_

Man schreibt das Jahr des Herrn 1354, und Großinquisitor Nikolas Eymerich ist gerade mal zwei Jahre im Amt, da hat er bereits zwei ketzerische Sekte ausgerottet. Mit der Flotte des Königs Peter I. von Aragon schippert er nach dessen Einladung zur Insel Sardinien, von der finstere Gerüchte nach Aragon gedrungen sind. Was Peter I. in Wahrheit im Schilde führt, erkennt Eymerich beinahe zu spät. Die Flotte ist ganz einfach zur Eroberung hier, heißt es, doch wie sich zeigt, ist auch ein Inquisitor gefragt.

Ein Richter namens Mariano hat sich mit seiner Bevölkerung in die Küstentadt Alghero zurückgezogen, die alsbald mit sämtlichen verfügbaren Kriegsmaschinen belagert wird. Doch Eymerich beunruhigt etwas ganz anderes: Das Land selbst scheint krank und verseucht zu sein: Epidemien und missgebildete Kinder scheinen an der Tagesordnung zu sein. Da er selbst wie ein Hypochonder allergisch auf Berührungen und Verschmutzung sowie Krankheit jeder Art reagiert, fühlt er sich äußerst unbehaglich in seiner Haut.

Da kommt ihm durch einen gefolterten Gefangenen zu Ohren, dass Mariano einen offenbar heidnischen Kult wiederbelebt hat: Er dient der Fruchtbarkeit und verehrt vorchristliche Gottheiten wie etwa die phönizischen Göttern Tanit und Eschmun, da Sardinien bis zum Jahr 231 v. Chr. den Karthagern gehörte, die es aber an die Römer verloren.

Eymerich greift zu einer List: Er lässt sich wie einen Gefolterten herrichten und lässt es so aussehen, als könne er zur Stadt flüchten. Da man ihn dort nicht erkennt, kann er sich als einen Bekannten des Richters ausgeben und Asyl erhalten. Fortan kann er ohne Weiteres die Stadt auskundschaften sowie die tieferen Geheimnisse, die in einem Höhlensystem und in der blau strahlenden Neptunsgrotte auf ihn warten …

|Zweite Haupthandlung|

Das 20. Jahrhundert: Nach einem Physiker und einem Genetiker tritt auch diesmal wieder ein „Wissenschaftler“ mit dubiosem Ruf auf: [Wilhelm Reich]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=66 (1897-1957). Der Österreicher übte den Beruf eines Psychotherapeuten aus, der Freud kannte, bis er jedoch zur Biologie umschwenkte, um seiner Theorie von der Energie des Orgasmus auf den Grund zu gehen. In Berlin gründet er 1930 ein Institut für Sexualforschung und -beratung, das sozialistische Sympathien nicht verhehlt.

Er entgeht 1933 den Nazis, wird im Exil von norwegischen Kollegen angegriffen, von Einstein im Exil abgelehnt und schließlich vom FBI wegen „Kurpfuscherei“ verhaftet und eingebuchtet. Die auf Kommunistenhatz befindlichen Gesetzesvertreter sind ebenso borniert wie Eymerich auf Sardinien, und Reich tritt als ein geistiger Nachfahre des Judex Mariano aus Alghero auf. Alles, was mit Sex zu tun hat, wird also durch die Jahrhunderte hindurch von Ignoranten verfolgt und ausgemerzt, ungeachtet dessen, ob die Theorie zu einer Heilung führt oder nicht.

|Dritte Haupthandlung|

In seinen letzten Wochen im Knast von Lewisburg (1954 bis November 1957) wird Reich einer Behandlung mit Methionin unterzogen, die zu schizophrenen Wahnvorstellungen führt. Dort erscheint ihm der Inquisitor Eymerich, der ihn nach seinem Verhältnis zu Vater und Mutter befragt. Eymerichs „Opfer“ windet sich in Seelenqualen.

|Vierte Haupthandlung|

In der nahen Zukunft. Die USA haben sich in drei Staatenbünde aufgespalten, von denen zwei erzkonservative Werte vertreten. Nur der dritte im Nordosten scheint noch liberale Werte vertreten zu können. Insbesondere die woanders verbotenen „Kinder der Zukunft“ verbreiten in der geistigen Nachfolge Wilhelm Reichs eine befreite Sexualität, die zu einer psychischen Integration führen soll.

Dieser Handlungsstrang schildert das Schicksal dreier Jungen, die in staatlichen Erziehungsanstalten durch Kontakt mit Mädchen gegen die strengen Verhaltensregeln verstoßen und als „Aufsässige“ deportiert werden. Ein Flugzeug bringt sie an einen unbekannten Ort, der nur als „Lazzarett“ bekannt und gefürchtet ist. Wie sich bald zeigt, handelt es sich um ein Sardinien, das von Radioaktivität verstrahlt ist und auf dem Krankheiten die Lagerinsassen dahinraffen. Sie können nicht fliehen, weil wilde Hunde sie alsbald reißen würden.

Das Jungen-Trio stößt während eines schweren Sturms in einem Schiffswrack auf einen Angehörigen von Reichs verbotener Kolonie. David hat sogar Funkkontakt zum Lager der geliebten Mädchen! Daher kann er sie dazu bringen, ihm zu helfen. Sie sollen in das seit Jahrhunderten blockierte und verfemte Höhlensystem an der Neptunsgrotte vordringen und die Blockade beseitigen. Das Ergebnis erweist sich als wesentlich mehr, als David erwartet hat …

_Mein Eindruck_

Die vierfache Handlungsstruktur ist für den Anspruchslosen sicherlich einigermaßen verwirrend. Wir bewegen uns nicht mehr auf Groschenheftniveau à la „Conan“, sondern müssen unseren Grips und vor allem die Erinnerung anstrengen. Erst dann entsteht so etwas wie eine Bedeutungsebene des Romans.

Obwohl die erzählte Zeit rund 700 bis 800 Jahre umfasst, bleibt doch die Grundkonstellation stets die gleiche. Auf der einen Seite stehen die körperfeindlichen, die Lust verdammenden Kräfte, die vom Inquisitor, vom FBI und von den diktatorischen US-Regimes in den Staatsinternaten vertreten werden. Die Opfer sind stets die Befürworter der Lust, des Sexus und schließlich – in naher Zukunft – der bloßen körperlichen Berührung. Man könnte auch die Gegensatzpaare Unterdrückung und Befreiung, Kollektiv gegen Individuum etc. bilden.

In Eymerichs Handlungen ist das Kollektiv die rechtmäßige römisch-katholische Kirche, die aber leider zu Eymerichs Leidwesen noch keine strikte Einheitslehre vertritt, sondern abweichende Lehren zulässt – zu dumm aber auch. Gut aber für die Abweichler wie etwa die Benediktiner, die in der Neptunsgrotte Heilungen fördern. Deren Treiben sieht für Eymerich aus wie heidnischer Götzendienst, der die Unzucht fördert. Herrje, Männlein und Weiblein tanzen splitternackt um eine Phallus-förmige Säule herum! Und in einem finsteren Abgrund winden sich Würmer, die Eymerich das kalte Grausen einjagen. Sicher ist auch die uralte Göttin Tanit nicht weit. Doch er wird dem Treiben Einhalt gebieten.

Obwohl der Autor Eymerichs Opfer ebenso als Unschuldige hinstellt wie Wilhelm Reich und die drei Jungs, so darf man doch daran zweifeln, dass Reich in allen Punkten Recht hatte. Orgonenergie – davon ist heute nicht mehr die Rede, obwohl Reichs Ideen in den Gegenkulturen der sechziger und siebziger Jahre viele Anhänger fanden. Sein Orgon-Akkumulator und sein „Cloudbuster“ (Kate Bush hat ein schönes Lied dazu geschrieben) befinden sich heute als Kuriosa der Wissenschaft in Museen.

Doch es kommt nicht darauf an, ob Reich Recht hatte oder nicht, sondern wie man mit ihm umging. Und die Art der Behandlung, die ihm die US-Justiz in den Fünfzigern zukommen ließ, bedeutete ebenso eine menschenverachtende Unterdrückung wie sie die Nazis 1933 mit ihm vorhatten. Dass diese antiliberale und körperfeindliche Einstellung auch heute und künftig verbreitet ist, dürfte niemand bestreiten, der sich einmal das Parteiprogramm der Republikaner unter Bush und die Ideen der Neo-Konservativen ansieht.

Der Autor extrapoliert diese Tendenz im Geiste der Inquisition in die nahe Zukunft, wo sich drei „Aufsässige“ wie in einer Endzeitwelt vorkommen, wo der Tod schon auf sie wartet: Er ist im Land (Krankheitserreger, Bandwürmer usw.), im Wasser (verbotene Trinkzeiten) und in der Luft (Radioaktivität). Dies ist J. G. Ballards „Terminal Beach“ und H. G. Wells‘ Endzeitvision aus „Die Zeitmaschine“.

Allerdings hat mich der Schluss enttäuscht. Es gibt keine Erlösung im Sinne von Heilung, sondern den Ausbruch des so genannten Bösen. Es sieht so aus, als wolle der Autor sagen, dass Eymerich 1354 richtig gehandelt hat, als er die Neptunsgrotte blockieren ließ. Und das finde ich wenig erfreulich.

_Unterm Strich_

Vom Plot her hat mich dieser Inquisitor-Roman weniger überzeugt als die Vorgänger „Der Schatten des Inquisitors“ und „Das Blut des Inquisitors“. Die treibende Kraft ist weniger die kriminalistische Absicht Eymerichs als seine von vornherein feststehende Bekämpfung antichristlicher Impulse, obwohl, wie ihm deutlich gemacht wird, dieser Kult notwendig ist, um die Fruchtbarkeit und Gesundheit der Bewohner Sardiniens zu fördern. Macht nix – weg damit, sagt Eymerich. Das ist ziemlich uncool von ihm und stellt ihn als Psychopathen hin. Einleuchtender ist daher, dass er ein intrigantes Komplott unter Adeligen aufdeckt – ob für oder gegen den König, muss sich allerdings noch herausstellen.

Der diesmal auftretende Wissenschaftler ist kein Monster, sondern ein angenehmer Zeitgenosse, der lediglich etwas kuriose Ideen hat. Diese aber werden sowohl von den Nazis als auch von den US-Justizbehörden – ein übler Vergleich – nicht geduldet und unterdrückt. Seine Bücher wurden öffentlich verbrannt. Es kann jedoch gut sein, dass Reich ein Scharlatan war, der nur den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen wollte, besonders mit seinen Apparaten, die sowohl der Krebsbekämpfung (der Akkumulator) als auch dem Regenmachen (Cloudbusting) dienen sollten. Reichs Albtraumphantasien unter dem Einfluss des Methionin sind ziemlich frustrierend und unschön, zum Glück aber kurz gehalten. Hier wird er entlarvt.

Am sympathischsten ist der Handlungsstrang um die „Kinder der Zukunft“. Zuweilen ist das eine Kombination aus Internatsroman, Orwells „1984“ und „Herr der Fliegen“. Diese Story bleibt aber im Abschluss recht enttäuschend, denn sie und die Insel werden weder geheilt noch erlöst. Denn ob sich durch ihre Tat die Welt verändert- ob zum Guten oder Schlechten -, bleibt offen.

|Originaltitel: Il mistero dell‘ inquisitore Eymerich, 1996
Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Kleiner|

Anderson, Poul – zerbrochene Schwert, Das – Eine Saga von der letzten Schlacht

Der Menschensohn Skafloc ist gemäß einer alten Prophezeiung als Einziger in der Lage, das legendäre zerbrochene Schwert Tyrfing wieder zusammenzufügen. Und nur er kann die Waffe schwingen, die im Krieg der Elfen gegen die Trolle die Entscheidung bringen soll. Doch die mächtige Waffe ist zugleich sein Schicksal …

„Das zerbrochene Schwert“ ist das bedeutendste Werk des Großmeisters Poul Anderson. Die fesselnde Saga um Elfen, Trolle und alte Götter gilt als das heidnisch-düstere Gegenstück zu Tolkiens „Der Herr der Ringe“. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Poul Andersons Eltern stammten von eingewanderten Dänen ab. Poul, der vor dem 2. Weltkrieg kurze Zeit in Dänemark lebte, interessierte sich für diese Herkunft so sehr, dass er mehrere Romane an dem Schauplatz Skandinavien zur Zeit der Wikinger spielen ließ, darunter den vorliegenden, aber auch „Krieg der Götter“ und die Trilogie „The Last Viking“ (unübersetzt). Ansonsten ist Anderson für seine zahlreichen Science-Fiction-Romane bekannt, von denen „Brain Wave“ (1954) wohl der innovativste ist.

Der 1926 geborene Physiker, der schon 1947 zu veröffentlichen begann, starb 2001. Er ist Greg Bears Schwiegervater. Seine Werke hier aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen, denn allein in der „Encyclopedia of Science Fiction“ ist sein Eintrag nicht weniger als sechs Spalten lang … Er gewann sieben |Hugo Awards| und drei |Nebula Awards|, viermal den |Prometheus Award|, den |Tolkien Memorial Award|, den |August Derleth Award| und 1978 den |Gandalf Grand Master Award| sowie 1997 den |Grand Master Award| der |Science Fiction and Fantasy Writers of America| und 2000 den |John W. Campbell Memorial Award| – mehr und Höheres kann man in diesen Genres fast nicht gewinnen.

_Handlung_

Es war zu jener Zeit, als die irischen Mönche noch nicht ganz Europa missioniert hatten. Wer über die Hexensicht verfügte, konnte noch Elfenfürsten und Trolle erspähen, ja vielleicht sogar einen riskanten Blick auf die Jötunen, die Eisriesen, und ihre Gegenspieler, die Asen, werfen. Aber nur die wenigsten tapferen Wanderer und Krieger in den neun Welten schafften es nach Jötunheim und Asgard.

Umgekehrt galt dies natürlich nicht, denn Odin, der einäugige Wanderer, besuchte mit der Wilden Jagd häufig die Siedlungen von Menschenwesen, Elfen und Trollen. Und manchmal mischten er und seine Geschwister sich in die Angelegenheiten der Wesen in Midgard, der Mittel-Erde, ein. Dies ist eine solche Geschichte, die Geschichte von Skafloc, Frida und dem verfluchten Götterschwert Tyrfing.

|Orm der Starke Ketilssohn|

Es war ein Mann namens Orm der Starke, der zog von seinem heimatlichen Jütland in jenen Teil von England, den man Danelaw nannte. Orm nahm sich eine schöne, eigenwillige Frau, um mit ihr einen starken Clan zu gründen, der das Land besiedeln und beherrschen sollte. Das wäre ihm auch fast gelungen, doch Elfen und Götter hatten anderes beschlossen.

Orm war wieder auf einer seiner Beutefahrten, vielleicht nach Gardariki, dem alten Byzanz, als seine Frau Älfrida einen gesunden Knaben gebar. Wegen schlechten Wetters konnte das Kind erst in zwei, drei Tagen getauft werden. In der Zwischenzeit war seine Seele schutzlos. Davon erfuhr eine Hexe, die sich für das, was Orms Krieger ihrer Sippe angetan hatten, rächen wollte. Sie berichtete dem mächtigen und listigen Elfenfürsten Imric davon.

Sogleich fasst Imric einen kühnen Plan. Vor neun Jahrhunderten hatte er die Tochter des Trollkönigs entführt und auf seiner Burg Alfheim eingekerkert. Sie musste ihm noch in der gleichen Sturmnacht einen Wechselbalg gebären. Dieses Kind versah Imric mit Hilfe eines Elfenzaubers mit dem Aussehen von Älfridas Neugeborenem. Das Austauschen war danach nur noch ein Klacks. Ölfrida merkte nichts davon, sie wunderte sich höchstens, dass ihr Baby mit einmal so aggressiv beim Stillen war.

|Skafloc und Valgard|

Während Älfrida den Wechselbalg auf den namen Valgard taufen ließ und wie ihren eigenen Sohn aufzog, wuchs das geraubte Kind im Schoße der Elfen auf Alfheim zu einem starken und zaubermächtigen Krieger heran. Imric hatte ihm den Namen Skafloc gegeben und niemals getauft, denn die Elfen müssen die Riten und den Namen des Weißen Christus scheuen.

Zu seinem Namensfeste aber erschien auf Alfheim ein Bote der Asen, der trug ein zerbrochenes Schwert, dessen Name war Tyrfing. Der Bote prophezeite, nach dem Willen der Nornen (Schicksalsgöttinnen) werde Skafloc eines Tages das Schwert brauchen und es schmieden lassen, um es wieder ganz zu machen. Imric beschlich darob ein ungutes Gefühl, denn mit Geschenken der Götter hatte er noch nie gute Erfahrungen gemacht, und er ließ das Schwert in einer Kerkermauer verstecken.

|Der Krieg gegen die Trolle|

Valgard, der Wechselbalg, ist zu einem geächteten Krieger in Orms Sippe herangewachsen. Nach einem Streit, in dem er mehrere Männer aus Orms Sippe tötet, muss er England verlassen. Beraten von der Waldhexe, die ihre Rache vollzieht, schließt er sich dem Trollkönig an. Illrede ist sehr erbaut von den Ruhmestaten Valgards und er lässt ihn erneut Orms Sippe heimsuchen. Bei diesem Raubzug sterben alle außer drei Frauen: Valgards „Mutter“ und ihre zwei schönen Töchter Frida und Asgerd. Er verschleppt sie nach Trollheim, wo sie ein finsteres Schicksal als Sklavinnen erwartet.

Wenn da nicht Skafloc wäre. Er sieht den Zeitpunkt gekommen, sich als Kriegsführer zu beweisen und die übermütigen Trolle unter Valgard in ihre Schranken zu weisen. Bei seinem Feldzug befreit er Frida, doch Asgerd stirbt im Gefecht. Als Valgard ihm gegenübertritt, sind beide natürlich ziemlich verblüfft: Sie tragen das gleiche Gesicht!

|Sklafloc und Frida|

Nachdem Skafloc unter schweren Verlusten heimgekehrt ist, rüsten die Trolle zu einem allumfassenden Eroberungskrieg, der nicht nur ihrer Rache dienen soll, sondern auch die Unterwerfung aller Elfenländer Europas bezweckt. Valgard ist der zweite Mann bei diesem Krieg, doch er weiß schon, wie er sich zum Anführer machen kann.

Unterdessen ahnen Skafloc und Imric nur wenig von dem Unheil, das auf sie zukommt. Skafloc hat sich schwer in Frida verliebt und nimmt sie ohne große christliche Zeremonie zu seiner Frau, sehr zum Missfallen seiner Ziehmutter Lia, Imrics Schwester. Er ahnt nicht, dass Frida seine leibliche Schwester ist. Doch andere wissen dies nur zu gut, so etwa Valgard.

|Das verfluchte Schwert der Asen|

Als Alfheim gefallen und Elfenkönig Imric von den Trollen eingekerkert worden ist, führt Skafloc mit Frida, einer hervorragenden Bogenschützin, einen Guerillakrieg gegen die Besatzer. Doch er sieht das Ende der Elfennationen nahen, und so fasst er einen verzweifelten Plan: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion, in Gestalt von Wolf, Adler und Otter, will er das Götterschwert aus der Burg holen und es von den Eisriesen neu schmieden lassen, um damit Elfenland von den Trollen zu befreien.

Frida, die ihn innig liebt, und alle überlebenden Elfen haben ein ungutes Gefühl dabei. Ihm wird geweissagt, dass er durch dieses Schwert umkommen werde. Das ist ihm einerlei, denn wofür lohnt es sich schon, in einer Trollwelt als Elf-Mensch zu leben? Nachdem die schwangere Frida bitter von ihm Abschied genommen hat, segelt Skafloc mit einem der irischen Elfengötter, Mananaan Mac Lir, gen Jötunheim, das im äußersten Norden liegt und streng bewacht wird. Nur sehr wenige sind von dort zurückgekehrt …

_Mein Eindruck_

Um es vorweg zu sagen: Das Buch liest sich rasend gut. Es ist schnell und schnörkellos. Der Autor hat keine Skrupel, auch tabuisierte Themen wie den Inzest zu beschreiben und in allen Konsequenzen darzustellen. Geschwisterliebe – natürlich stets unwissenderweise – findet sich übrigens auch in Poul Andersons Roman „Hrolf Krakis Saga“, die nur wenige Jahre vor Skaflocs Abenteuern spielt. Es ist schon seltsam, was die heidnischen Nordvölker da umgetrieben hat. Aber vielleicht fanden ihre Poeten, das Thema Inzest rege die männliche Phantasie ihrer Zuhörer ganz besonders an …

|Historisch verbürgte Wikinger|

Wie auch immer: Bei solchen Themen würde Professor Tolkien als gläubiger Christ im Grabe rotieren. Das heißt aber nicht, dass er die alten Sagas, in denen solche Motive vorkommen, nicht kannte. Im Gegenteil: Sie waren sein Spezialgebiet, als er in Oxford lehrte. Den „Beowulf“ hat er nicht nur kommentiert, sondern, wie man erst vor kurzem herausfand, auch komplett ins moderne Englisch übertragen. Alle genannten Epen spielen um die Zeit von 850-900 n. Chr., wie eine Autorennotiz zu „Hrolf Krakis Saga“ klarmacht. Diese Saga stützt sich auf historische Tatsachen. Beowulfs Gastgeber König Hrothgar gab es wirklich und er taucht in Hrolf Krakis Saga als Hroar auf. Ob es riesige Ungeheuer namens Grendel gab, darf hingegen getrost bezweifelt werden.

|Keine braven Elben|

Ebenso ins Rotieren geriete Tolkien angesichts der Schilderung der Elfen in „Das zerbrochene Schwert“. Das sind ziemlich machtgierige Typen, die nicht wie die Menschen lieben können, dafür aber ihre Zaubermacht einsetzen, um diverse Siege davonzutragen, so etwa gegen den Erzfeind, die Trolle. Diese Trolle haben mit den Steintrollen im „Hobbit“ ziemlich wenig zu tun. Sie sind zwar auch ganz schön groß, doch Andersons Trolle sind alles andere als Dösköppe, die kleine Hobbits und Zwerge zerquetschen wollen. Diese Trolle sind richtig gefährlich. Und wie die Zwerge leben sie in Höhlen.

|Sexy Hexy|

Wer nun dachte, dies sei eine Fortsetzung des „Herrn der Ringe“, nur von einem anderen Autor, der befindet sich gewaltig auf dem Holzweg. Wenn schon auf den ersten Seiten der Elfenkönig eine Prinzessin der Trolle vergewaltigt und sie ihm ruckzuck einen Wechselbalg gebiert – und so geschieht es seit 900 Jahren -, so befinden wir uns auf ziemlich heidnischem Territorium. Valgard treibt es mit einer als junge sexy Schönheit verkleideten alten verhutzelten Hexe, und Skafloc treibt es, wie gesagt, gar lustig mit seiner Schwester. Am schlimmsten – und da würde Liv Tyler vor Jammer kreischen – sind die Elfenfrauen. Sie treiben es mit den neuen Herren Elfenlands, den Trollen, doch listigerweise bringen sie einen der Besatzer nach dem anderen um, bis der Tag der Befreiung gekommen ist.

|Noch ein Siegfried?|

Deswegen ist Skafloc aber keineswegs ein hirnloser Schlächter. Weder ist er so lieblos und machtgierig wie seine Zieheltern, noch so schwach und täuschbar wie die Menschen, seine wahre Spezies. Auch ist er – zumindest später – kein blonder Haudrauf wie sein berühmterer Vetter Siegfried, der in den alten Sagas noch Sigurd heißt. Als er herausfinden muss, wo er das Dämonenschwert Tyrfing reparieren lassen kann, befragt er die Toten. Das tut man nicht ungestraft.

Prompt erhält er eine Antwort, die er ganz und gar nicht hören wollte: dass Frida von seinem eigenen Fleisch und Blut sei. Kurz darauf ziehen Frida und Skafloc die traurigen Konsequenzen. Doch zuvor ergehen sich beide in langen Beteuerungen der Liebe und erklären einander ihre Stimmung und warum sie sich trennen müssen. Es ist klar, dass Skaflocs Schicksal nicht ein langes Leben, sondern eine nur kurz brennende Supernova sein wird. Die Reparatur des Dämonenschwerts besiegelt sein Schicksal über kurz oder lang, und er weiß es. Doch wie der Obergott Odin Frida kurz vor dem Finale erklärt, kann Skafloc durch Fridas Liebe gerettet werden. Es gibt also Erlösung in diesem düsteren Universum aus neun Welten.

|Es wird gestabreimt|

Es gibt auch Schönheit. Ich habe selten so wunderbare Gedichte gelesen, die in Stabreimen abgefasst sind. Selbst noch in der Übersetzung wirken sie frisch, kraftvoll und zaubermächtig – denn Wörter sind in den Sagas immer Magie, ebenso wie Runen. Mein großes Lob gilt daher der viel zu früh verstorbenen Übersetzerin Rosemarie Hundertmarck. Vergleicht man die Stabreime, so haben sie nichts mit Tolkiens Poesie im „Herrn der Ringe“ zu tun, sondern viel mehr mit den alten Epen wie etwa dem berühmten „Beowulf“.

|Das Telefonbuch der Elfen?|

Ein Problem hatte ich lediglich mit der Fülle der Figuren. Das kann leicht zum Eindruck einer Art Telefonbuch wie das „Silmarillion“ führen. Kai Meyers Vowort, das schön persönlich gehalten ist, weist direkt auf diese Parallele hin – aber so lief das eben in den alten Sagas. Wer schlechtes Blut hatte, war eben verflucht. – Doch wer genau aufpasst, merkt, dass die Zahl der Figuren auch rapide wieder abnimmt: durch unnatürliche Selektion …

_Unterm Strich_

Man merkt dem jetzigen Text, wie er 1971 überarbeitet wurde, immer noch die ungestüme Frische und Kraft seiner Entstehung im Jahr 1954 an, als der Autor gerade mal 28 Lenze zählte. Okay, der Aufbau der Story ist nicht besonders ausgefeilt, aber das macht gerade den Reiz aus. Weder ist Skafloc, der große Held, ein düsterer Haudrauf à la Conan, noch ein edler Held à la Siegfried, sondern eben ein Wechselbalg: nicht ganz Mensch, aber auch nicht ganz Elf.

Der Stoff von Skaflocs Schicksal bietet Gelegenheit zu großem Drama, das ist schon klar, aber die Tragödie wird nicht wie bei den alten Griechen so ausgeschlachtet, dass es aussieht, als handle es sich um ein Gottesurteil, was Skafloc da ereilt. Nein, er ist seines Schicksals Schmied – aber leider nur teilweise. Und das wird sein Verhängnis. Weil er fehlbar und menschlich ist, können wir mit ihm fühlen. Wäre das nicht so, ließe uns sein Drama kalt. So aber erringt er mit seiner größten Tat, der Vertreibung der Trolle, eine Statur, die jedem Helden der Menschen, der jemals in einem Lied verewigt wurde, zukommt: dem Retter des Volkes, dem Verteidiger der Zukunft.

Wie der Autor diese Story aufgezogen hat, ist schon sehr wirkungsvoll, und ich frage mich, woher er wohl diesen genialen Stoff hat. Wird wohl mal wieder Zeit, die alten Eddas – die jüngere und die ältere, die Völuspa – zu wälzen.

|Originaltitel: The broken sword, 1954/1971
Aus dem US-Englischen übersetzt von Rosemarie Hundertmarck, mit einem Vorwort von Kai Meyer|

Lester Powell – Die Dame im Nebel

Dieses Hörspiel bietet den ersten Fall in der legendären „Damen-Krimi“-Reihe aus den 1950er Jahren. Philip Odell, Privatschnüffler und ehemaliger Mitarbeiter des Secret Service, wird von der charmanten Heather McMara gebeten, den Tod ihres Bruders Ricky zu untersuchen. Der war zwar auch ihrer Meinung nach „ein Lump oder Schlimmeres“, an Selbstmord kann sie jedoch nicht glauben.

Bald schon bekommen Heather und Philip eine Ahnung davon, dass Ricky vielleicht nur der Strohmann in einem gefährlichen Netz aus Intrigen, Eifersucht und schmutzigen Geschäften war. Und auch für die beiden Ermittler wird der Fall immer bedrohlicher … (Verlagsinfo)

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Evangelisti, Valerio – Blut des Inquisitors, Das (Inquisitor-Zyklus Band 2)

_Die Maske des Roten Todes_

Zwischen Vampirismus, Ketzertum und Genetik ist dieser zweite Roman aus dem Inquisitor-Zyklus angesiedelt – eine recht heftige Mischung, die jedoch in kleinen, die Spannung steigernden Häppchen dargeboten wird. Fans von Edgar Allan Poe dürften diesen Roman ebenso mögen wie Leser, die „Der Name der Rose“ verschlungen haben. Das letzte Kapitel ist nämlich schamlos der klassischen Poe-Story „Die Maske des Roten Todes“ nachgebildet. Allerdings ist dieser Effekt nicht an den Haaren herbeigezogen, sondern bildet den folgerichtigen Höhepunkt der zweigleisigen Erzählung.

_Handlung_

Im ersten Handlungsstrang, der sich mit dem zweiten abwechselt, begleiten wir den rassistischen Genetiker Lycurgus Pinks auf seiner „Laufbahn“ in der westlichen Welt. Nachdem er Experimente an farbigen Patienten angestellt hatte, war er von Prof. Linus Pauling entlassen worden und stellte seine Dienste dem gleichfalls rassistischen Ku-Klux-Klan zur Verfügung. Pinks hat eine Mutation entdeckt, die es dem Klan ermöglicht, ein Massensterben unter den Farbigen Louisianas einzuleiten. Die Mutation der sog. „Sichelzellenanämie“ betrifft das Hämoglobin-S, eine Variante des Sauerstoffträgers im menschlichen Blut. Der Ausbruch der Sichelzellenanämie wird allgemein der „Rote Tod“ genannt, denn sobald ein Opfer an Sauerstoffmangel leidet, bricht die Krankheit aus, indem die Blutgefäße verstopfen (Thrombosen) und platzen – dem Blutverlust folgt ein qualvoller Erstickungstod. Die Frage, die sich Pinks‘ Gegenspieler stellen, etwa auf Kuba: Woher stammt die Mutation der Sichelzellenanämie?

Diese Frage beantwortet der zweite Handlungsstrang in erzählender Form, also mit dichterischer Freiheit. Der uns aus dem ersten Band [„Der Schatten des Inquisitors“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book= bekannte Inquisitor Nikolas Eymerich wird von seinem Chef in die kleine Stadt Castres in Südfrankreich geschickt, um dort 1.) die Häresie der Katharer auszumerzen, 2.) mehrere Mordfälle aufzuklären und 3.) um den dort herrschenden Grafen Othon de Montfort den Wünschen der Kirche willfährig zu machen. Denn Frankreich steht im Hundertjährigen Krieg kurz davor, an die Engländer zu fallen …

Während seiner ersten Tage entgeht Nikolas mehreren Anschlägen in der schmutzigen Stadt, in der die Abfallprodukte der zahlreichen Färbereien die Häuserwände mit roter Farbe versehen haben – ein unheimlicher Anblick, der Schlimmes ahnen lässt. Gnadenlos verschafft er sich Geltung und Respekt und deckt Sünden auf. Im Hause Monfort nämlich steht es nicht zum Besten: Othon hat mit seiner Schwester, die nun seine Frau ist, Kinder gezeugt, von denen Sophie das sonderbarste ist. Mit wachsendem Entsetzen finden Eymerich und seine Helfer heraus, dass sie, im Grunde ein bedauernswertes Geschöpf, eine Mutation ist: Sophie ist darauf angewiesen, regelmäßig frisches Blut zu erhalten. Sie hat Sichelzellenanämie. Doch erst der ketzerische Kult, den ihr Liebhaber und Aufpasser aufgebaut hat, gewährleistet diese Blutzufuhr.

Zunächst ist Eymerich geneigt, hart gegen Sophie und die Montforts vorzugehen, überlegt es sich jedoch anders. Denn nicht dieses Opfer der Genetik ist schuldig, sondern die Anhänger des mörderischen und unchristlichen Kults um das Blut, in erster Linie das Bürgertum. Eymerich hegt nicht umsonst einen Abscheu vor allem Krankhaften und Unreinen: Mit einem ganz besonderen Autodafé bereitet er dem unchristlichen Spuk von Castres ein Ende. (Eine Autodafé ist eine Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen.)

_Mein Eindruck_

Ein genetischer Defekt, geboren aus Inzest im Mittelalter, droht in der nahen Zukunft die ganze westliche Welt auszulöschen. Denn Pinks hat ganze Arbeit geleistet und das Gen für Sichelzellenanämie auch auf die Weißen übertragen. Dadurch ist dieser Roman auch reinster weltumspannender Horror, wie man ihn von Edgar Allan Poe kennt, obwohl die Basis des Grauens eine wissenschaftliche Erklärung hat. Hier herrscht die diabolische Methodik des Doktor Mengele in Auschwitz ebenso wie der Verfolgungswahn, der die spanische Inquisition kennzeichnete.

Und mittendrin steht die zweifelhafte Gestalt des Inquisitors Nikolas Eymerich, eine Art Antiheld, der Züge von Sherlock Holmes trägt. Ihm folgen wir zwar gerne bei seiner Aufspürung der Ursachen für die Missstände in Castres und der Täter. Doch leider ist er auch berechtigt, härteste Urteile ausführen zu lassen: als Polizist, Richter und Henker in einer Person. Es fällt uns schwer, dies zu billigen.

Doch der Autor lässt uns keine andere Wahl als die Schlussfolgerung, dass Nikolas noch zu milde war: Hätte er nämlich Sophie, die erste Trägerin der Mutation, getötet, wäre wohl der Nachwelt 650 Jahre später der genetische Holocaust, den Pinks einleitete, erspart geblieben. Ironischerweise war genau diese Abschaffung des Menschen das ursprüngliche Ziel des Blutkultes von Castres …

Offensichtlich ist dies zwar ein enorm spannender Kriminalroman, aber einer, der durch seine beunruhigenden Andeutungen zu schwerwiegenden Schlussfolgerungen zwingt. Insofern ist das Buch nicht nur gute Unterhaltung, sondern auch gute Literatur (solange man sich nicht mit Erwartungen an tiefe Charakterisierung etc. aufhält).

_Die Übersetzung_ …

… trägt stark zum guten Eindruck bei, den das Buch hinterlässt. Nur habe ich mich gefragt, ob „Benedikt von Norcia“ bei uns nicht unter dem Namen „Benedikt von Nursia“ bekannter ist. Diese Frage könnte ein Kirchenhistoriker besser beantworten.

Brown, Sandra – Crush – Gier

Dank der angesehenen Ärztin Rennie Newton wird der Berufskiller Lozada in Texas freigesprochen. Doch dann geschieht ein Mord, der Rennie sehr gelegen kommt, und alle Hinweise deuten auf Lozada als Täter. Steckt sie mit ihm unter einer Decke? Polizist Threadgill, der sich in die Verdächtige verliebt, hält sie für unschuldig und begibt sich in die Schusslinie zwischen der Ärztin und dem Killer, der ihr seine Liebe etwas zu aufdringlich mitteilt. Aber liegt er auch richtig?

|Die Autorin|

Sandra Brown arbeitete als Schauspielerin und TV-Journalistin, bevor sie 1990 ihren Roman „Trügerischer Spiegel“ schrieb. Mittlerweile gehört sie zu den erfolgreichsten Autorinnen in den USA und in Europa. Jedes ihrer Bücher stand laut Verlag monatelang auf den Bestsellerlisten. Ihren Durchbruch als Thrillerautorin erzielte Brown mit dem Roman „Die Zeugin“. Diesen Erfolg konnte sie mit „Envy – Neid“ noch steigern. (Verlagsinfo)

|Die Sprecherin|

Franziska Pigulla war Moderatorin bei n-tv, SAT.1 und bei der BBC in London. Als eine der bekanntesten Sprecherinnen synchronisiert sie Gillian Anderson aus „Akte X“, Demi Moore, Fanny Ardant und Sharon Stone. Auch als Erzählerin bei „Galileo“-Dokumentation ist sie regelmäßig im Off zu hören. Für Hörbuchverlage hat Pigulla bereits mehrere Romane vorgetragen.

_Handlung_

Tief in Texas. Mitten in der Nacht bekommt der Chirurg Dr. Lee Howell einen Anruf, der ihn wegen eines Notfalls auf der Autobahn in die Klinik der Großstadt Fort Worth ruft. Doch es gab in Wahrheit keinen Notfall, und so bietet sich dem Parkplatzwächter Malcom Looty am nächsten Morgen ein Anblick, der ihn zum Dauerkotzen bringt: Howell liegt blutüberströmt und mausetot über dem Steuer seines BMW.

Das ruft natürlich die Polizei vom FWPD auf den Plan, allen voran Detective Oren Wesley. Um mehr Hilfe bei diesem Fall zu erhalten, fährt er drei Stunden an die Südküste nach Galveston. Dort haust sein früherer Kollege Wick Threadgill in einem besseren Rattenloch, seitdem man ihn beurlaubt hat. Er hat einen wichtigen Fall verbockt. Als Oren Wesley den Namen Ricky Roy Lozada nennt, schrillen bei Wick sämtliche Alarmglocken. Wegen seines Fehlverhaltens hat nämlich der Berufskiller Lozada einen Freispruch vor Gericht erhalten: aus „Mangel an Beweisen“.

Bei ihren Ermittlungen im Umfeld des getöteten Chirurgen stoßen Wesley und Wick auf die attraktive Chirurgin Dr. Rennie Newton, 36, die ein schlagkräftiges Motiv für den Mord an Howell hat: Sie war seine Hauptkonkurrentin um den Posten des Chefs der Chirurgie gewesen, und der Mord erfolgte nur wenige Tage, nachdem man sich für Howell entschieden hatte.

Oren zeigt Wick das Video, in dem das Police Department die Chirurgin zur Mordsache Lee Howell vernahm. Die Blondine mit den grünen Augen sieht umwerfend aus, gibt sich aber kühl wie die Eiskönigin. Sie schmettert mit ihrem Anwalt sämtliche Fragen ab. Ganz besonders aber jene Unterstellung, die eigentlich nahe liegt: Hat sie den Killer Lozada angeheuert, um das Dreckgeschäft zu machen? Sie hatte ihn ja als Sprecherin der Jury vor Gericht kürzlich freigesprochen. Da muss sie doch einen starken Eindruck bei ihm hinterlassen haben, oder?

Rennie Newton macht sich keineswegs unverdächtiger, als bei einer heimlichen Hausdurchsuchung herauskommt, dass sie rote Rosen von einem unbekannten Verehrer bekommen hat. Dem Strauß war eine Karte beigefügt: „I’ve got a crush on you – Ich bin verrückt nach dir“. Lozada, der Killer, ist, wie später die Bullen, in ihre Wohnung eingedrungen, um ihr seine Verliebtheit zu gestehen. Sie verschweigt der Polizei nicht nur dies, sondern auch, dass sie von Lozada entsprechende Anrufe erhält. Prompt wird sie observiert. Überall …

Nicht nur Lozada wird zum Stalker, wenn es um Rennie geht, sondern auch Wick Threadgill. Er passt sie auf einem Hochzeitsempfang ab, gibt sich als Programmierer aus und geleitet sie zu ihrem Wagen. Unabsichtlich erreicht er zwei Dinge: Er schützt Rennie vor Lozadas Zugriff, bringt sich aber zugleich in die Schusslinie des Killers, dessen Eifersucht geweckt ist. Und Lozada ist ein betuchter Mann, der über Mittel und Wege verfügt, alles über Rennie und Threadgill herauszufinden. Nicht, dass er nicht schon ziemlich viel über Wick wüsste: Schließlich hat der Finsterling Wicks Bruder Joe auf dem Gewissen.

Wick hat sich in Rennie verliebt und erkennt seine prekäre Lage zwischen ihr, Lozada und der Mordkommission, wo ihn Oren Wesley misstrauisch im Auge behält. Er fährt in Rennies Heimatstadt Dalton, denn er ist von ihrer Unschuld überzeugt. Diese Überzeugung wird jedoch erheblich erschüttert, als er im Restaurant den lokalen Klatsch über Rennie sammelt. Sie soll in ihrer Jugend ein heißer Feger gewesen sein, der nichts anbrennen ließ und sogar bei Rodeos mitritt? Und mit sechzehn soll sie einen Mann, den Partner ihres Daddys, erschossen haben, wurde aber nie verurteilt? Wick kann es kaum glauben.

Wie passt dieses Bild zu jener unnahbaren Eiskönigin, die er in Fort Worth kennen gelernt hat? Irgendetwas stimmt hier überhaupt nicht. Aber auch Lozada, der Freund von Skorpionen und Schnappmessern, ist inzwischen nicht untätig und flüstert seiner Angebeteten ins Ohr, von wem sie beim Zubettgehen observiert wird …

_Mein Eindruck_

Als ich merkte, wie in dieser Story der Hase lief, schrillten bei mir selbst die Alarmglocken: Nicht schon wieder eine Stalker-Story! Erbarmen! Und sollte ich wirklich glauben, dass ein Berufskiller eine Chirurgin zur Lebensgefährtin haben möchte, damit er sich in Ehren zur Ruhe setzen kann? Ein Mann, der sich tödliche Skorpione in der Wohnung hält und sein Zimmermädchen zum Oralsex zwingt? Nein, danke!

Während für mich Lozada immer unglaubwürdiger wurde, erhielten Wick und Rennie immer mehr Reiz, denn der zwiespältige Eindruck, den die Ärztin bei ihm hinterlassen hat, stellt ein Rätsel dar. Wicks Bemühungen, das Geheimnis zu lüften, führen zu einer interessanten, fast schon kuriosen Gegenbewegung im Plot des Buches. Während sich die unausweichliche Konfrontation zwischen Wick und Lozada um den Besitz von Rennie anbahnt, arbeitet sich Wick Schritt für Schritt in Rennies Vergangenheit vor.

Da die spröde Schöne nur ganz allmählich auftaut und nicht gerade begeistert davon ist, dass sich der „Programmierer“ Threadgill als Ex-Bulle Threadgill entpuppt, der bei ihr eingebrochen ist, erhalten Wick und wir nur häppchenweise Informationen über Rennies angeblichen ersten Mord. War es Notwehr, als sie seinerzeit Raymond Collier erschoss? Wollte er sie vergewaltigen? Warum machte sie dann ihre Aussage ganz kühl und beherrscht, als man sie vernahm? Immerhin war sie ja erst sechzehn Jahre alt.

Wann immer ihr der fesche Wick an die Wäsche will, legt Rennie ein zwiespältiges Verhalten an den Tag. Einerseits wehrt sie sich zunehmend weniger gegen seine Liebesbezeigungen, andererseits stößt sie ihn weg, wenn er sie küssen oder mehr will. Wenn sie, wie sie behauptet, seit zwanzig Jahren keinen Mann mehr im Bett gehabt hat, wieso ist sie dann nicht völlig ausgehungert nach Zärtlichkeiten? Genau wie Wick müssen auch wir bis zur allerletzten Szene warten, bis wir die Besonderheit um jenen schicksalhaften Tag erfahren, als die 16-jährige Rennie ihrer Heimatstadt für immer den Rücken kehrte.

Während also die Haupthandlung sich in die Zukunft bewegt, muss sich Wick in die Vergangenheit vor zwanzig Jahren vorarbeiten, um das Mysterium um Rennie Newton, die geliebte Verdächtige im Mordfall Howell, verstehen und sie vielleicht sogar entlasten zu können. Dumme Sache: Je besser er sie versteht, desto größere Risiken nimmt er auf sich. Er bietet sich – und Rennie – zweimal als Köder dar. Einmal geht er dabei fast drauf.

Der glorreiche Höhepunkt besteht aber darin, dass Wick und Wesley einen Plan einfädeln, von dem weder wir noch Lozada auch nur ahnen, dass es eine Falle ist. Als Lozada in die Falle tappt, erfahren wir erst hinterher, dass auch wir hinters Licht geführt wurden. Na klar, sonst wäre ja die Spannung perdu gewesen!

|Der Titel|

Einige Worte zum Titel: Wie kann man „crush“ bloß mit „Gier“ übersetzen? „To have a crush on someone“ bedeutet nämlich „in jemanden verknallt sein“. Und das trifft ja bekanntlich mehr auf junge Menschen zu. Wenn nun ein gestandener Mann sich in eine Ärztin verknallt, macht er sich mehr oder weniger zum Narren, weil er sich weit unterhalb dessen verhält, was seiner Altersstufe angemessen wäre: ein Killer auf Freiersfüßen? Ja, sicher doch.

Um diesem lächerlichen Eindruck entgegenzutreten, muss die Autorin ihren Schurken zu einem gefühlskalten und obendrein paranoiden Monster machen, das seinen Willen mit Skorpionen und Messern durchsetzt. Nicht gerade subtil, wie die Autorin hier vorgeht. Der Gipfel wird erreicht, als sie uns einen von Lozadas wichtigsten Helfern vorstellt: Der Hacker „Weenie“ heißt so, weil er sich selbst bepinkelt, wenn er nervös ist und/oder Angst hat. Plumper kann man seine Figuren eigentlich nicht mehr zeichnen.

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla kann sowohl Besoffene und Wütende als auch Selbstmordkandidaten realistisch darstellen. Das könnte man durchaus von ihr erwarten (obwohl sie keine Schauspielausbildung zu haben scheint). Auch Brüllen, Kreischen und Säuseln habe ich schon einmal von ihr gehört – im Hörbuch zu dem Thriller [„Die Leopardin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=111 von Ken Follett.

„Crush“ bietet ihr Gelegenheit, sämtliche Höhen und Tiefen ihrer umfangreichen Stimme auszuloten. Da wäre beispielsweise der alte Bullenreiter-Champion, den Wick im tiefsten Texas an der Theke des Restaurants kennen lernt. Der Alte erzählt von der jungen Rennie mit der tiefsten Stimme, derer sich Pigulla befleißigen kann. So wird die Szene viel humorvoller, als sie wahrscheinlich im Buch ausfallen würde. Und Gus ist nicht mal betrunken.

Dies ist allerdings bei der feschen Sally Horton der Fall, die sich in einer Bar an Wick heranmacht, der sich gerade volllaufen lassen will. Sally hat offenbar Ambitionen, ins Prostitutionsgeschäft einzusteigen und lässt ihre Stimme entsprechend verführerisch klingen. Da sie dabei über Mister Lozada spricht, dem sie das Bett macht und Blowjobs besorgt, lullt sie Wick aber nicht ein, sondern weckt ihn vielmehr auf. Hier hört man die Sprecherin so richtig zweideutig daherreden. Auch diese Szene ist ziemlich komisch.

Dass ihre Stimme höchste Höhen erreichen kann, stellt sie kurioserweise nicht an einer Frau unter Beweis, sondern an einem Mann: Weenie. („Weenie“ ist übrigens ein umgangssprachlicher Begriff für „Schwanz“ oder „Schlappschwanz“.) Der Bettnässer wird von Lozado so in Angst und Schrecken versetzt, dass er klingt, als habe ihm der Killer schon die Eier abgeschnitten – und nicht bloß damit gedroht.

Bemerkungen über Musik und Geräusche entfallen von wegen „is nich“. Ich habe schon unterhaltsamere Produktionen gehört, so etwa bei |Lübbe Audio|, wo man wenigstens Intro und Extro mit Musik garniert hat.

_Unterm Strich_

Für die geschickte und den Leser überlistende Handlungsführung und die psychologisch halbwegs plausible Figurenzeichnung – außer Lozada – bekommt Brown von mir eine insgesamt gute Wertung, doch für den abgedroschenen Stalker-Plot und das langweilige Gelaber im vierten Akt gibt es Punktabzug. Aber für den exzellenten Vortrag von Franziska Pigulla vergebe ich an das Hörbuch gerne einen Bonus, so dass der Gesamteindruck wieder ausgeglichen ist. Wer sich das Produkt kaufen will, erhält bei Amazon.de einen erklecklichen Preisnachlass.

|420 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Crush, 2002|

Gustave Flaubert – Salambo

Vor den Toren des antiken Karthago entbrennt der Streit zwischen der Seerepublik und rebellierenden Söldnertruppen. Im Mittelpunkt des Konflikts steht die tragische Liebe zwischen der Priesterin Salambo, Tochter des umstrittenen Staatsmanns Hamilkar, und dem Söldnerführer Matho.

In der Verbindung von politischen und religiösen Themen schildert der französische Schriftsteller Gustave Flaubert in seinem historischen Roman die Grausamkeit der Vernichtung, die bis in intimste Bereiche vordringt. „Emma Bovary noch einmal, nur in barbarische Vorzeiten versetzt.“ Die FAZ.

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Brown, Dan – Diabolus

Die kryptografische Abteilung des US-Geheimdienstes NSA verfügt über einen geheimen Super-Computer, der in der Lage ist, binnen kürzester Zeit jeden Code zu knacken, besonders den von E-Mails. Jedenfalls bis zu dem Tag, als „Diabolus“ zum Einsatz kommt, ein mysteriöses Programm, das den Rechner offenbar überfordert: Die drei Millionen Prozessoren des zwei Milliarden teuren Ungetüms rechnen bereits achtzehn Stunden lang vergeblich an der Diabolus-Datei – und das ist richtig teuer.

Der Entwickler des Programms droht, Diabolus der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und die Existenz des Super-Computers zu enthüllen. Die Mitarbeiter des Geheimdienstes müssen alle Hebel in Bewegung setzen, das drohende Desaster zu verhindern. Sie haben weniger Zeit, als sie ahnen.

_Der Autor_

Dan Brown unterrichtete Englisch, bevor er freier Schriftsteller wurde. Als Sohn eines Mathematikprofessors und einer Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen, was sich in seinen Romanen widerspiegelt. Davon sind inzwischen vier erschienen: „Diabolus“, „Meteor“, „Illuminati“ und „Sakrileg“.

Er lebt mit seiner Frau in Neuengland und schreibt an einem Thriller über die Freimaurer in Washington, D.C., wo noch heute in der Nähe der Stadt ein Freimaurer-Monument steht, das ich mal besucht habe – sehr geheimnisvoll. Die Freimaurer sind auch auf dem Dollarschein verewigt, denn der erste US-Präsident George Washington war eines ihrer Mitglieder.

_Der Sprecher_

Detlef Bierstedt ist ein gefragter Synchronsprecher, der u. a. George Clooney und Jonathan Frakes („Star Trek“) seine Stimme leiht und mit viel Begeisterung Hörbücher interpretiert – das kann ich voll unterstreichen. Bierstedt lebt in Berlin.

Die gekürzte Romanfassung hat Dr. Arno Hoven bearbeitet, Regie führte Kerstin Kaiser.

_Handlung_

Es ist in Sevilla um elf Uhr, als auf einem Platz in einem Park der japanische Computerprogrammierer und Verschlüsselungsexperte Ensei Tankado plötzlich zusammenbricht und in den letzten Momenten seines Lebens den drei herbeieilenden Passanten seine Hand entgegenstreckt. Sie hat nur drei Finger. An einem davon steckt ein goldfarbener Ring, in den eine Inschrift eingraviert ist.

Dr. Susan Fletcher träumt gerade davon, ihren Verlobten David Becker zu heiraten, als David in aller Herrgottsfrühe anruft, um ihr geplantes Wochenend-Rendezvous abzusagen. Er müsse in Commander Strathmores Auftrag dringend weg. Er rufe sie aus dem Flieger wieder an. Flieger??

Während sie von Strathmore, dem Stellvertretenden Direktor des US-Geheimdienstes NSA (National Security Agency, auch „No such agency“ genannt) wegen eines „Notfalls“ in die Kryptografieabteilung der NSA, die sie leitet, gerufen wird, düst Becker nach Sevilla. Strathmore will sämtliche Habseligkeiten, die Ensei Tankado bei sich hatte. Als David die Leiche untersucht, bemerkt er einen hellen Streifen an einem von Tankados Finger: Ein Ring fehlt.

Zum Glück ist David als Professor für Linguistik ein Sprachgenie, das sechs Sprachen fließend beherrscht. Schnell stöbert er den alten französischen Reisekorrespondenten auf, der bei Tankado anlangte. Doch nicht er nahm den Ring an sich, sondern ein fettleibiger Deutscher in Begleitung einer rothaarigen Spanierin namens „Dewdrop“. Schon wieder ein Rätsel? Wer heißt denn in Spanien schon „Tautropfen“, und dann noch in Englisch? Beim Abklappern der Escort-Agenturen stößt David aber auf den Namen einer gewissen Rocío, was in Spanisch „Tautropfen“ bedeutet.

Durch allerlei Tricks und großen Einfallsreichtum findet er heraus, dass die Lady keine Lady ist, sondern eine abergläubische Prostituierte, die das Schmuckstück schnellstens verschenkt hat, weil es von einem Toten stammt. Die neue Empfängerin sei eine Punkerin. Zum Abschied sagt der Deutsche „Fock off and die“ – na toll, jetzt wird David auch noch beschimpft. Womit hat er das nur verdient? Und was soll an dem Ring so besonders sein?

Zu diesem Zeitpunkt hat David noch nicht bemerkt, dass hinter ihm alle seine Informanten wie die Fliegen sterben …

Unterdessen hat Dr. Susan Fletcher, 35, ganz andere Sorgen. Das Prunk- und Herzstück ihrer Kryptografischen Abteilung, der TRANSLTR, der zwei Milliarden Dollar gekostet hat, versucht seit rund achtzehn Stunden ein und dieselbe Datei zu knacken. Und das mit allen drei Millionen Prozessoren. Das kostet pro Minute nicht nur astronomisch viel Geld, sondern ist schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit. Die längste Zeit, die der TRANSLTR für eine normale Datei braucht, sind etwa sechs Minuten, bei Diagnoseprogrammen maximal drei Stunden. Etwas sehr Ungewöhnliches geht hier vor: ein Notfall?

Strathmore ist für Susan wie ein Vater und Mentor zugleich. Sie zieht sein Handeln keine Sekunde lang in Zweifel. Er hat die Datei, an der TRANSLTR arbeitet, von Ensei Tankados Webseite heruntergeladen. Laut Tankado enthält die Datei einen neuartigen Verschlüsselungscode, der sich nicht brechen lässt. Dieser Code trägt den Namen DIABOLUS. Das Einzige, was ihn öffnen könne, sei ein Private Key, ein privater Schlüssel. Strathmore vermutet insgeheim, dass Tankados Ring diesen Schlüssel enthält, vielmehr dessen Inschrift. Deshalb hat er Becker losgeschickt, den Ring zu beschaffen.

Was aber Strathmore nicht wahrhaben, sondern vielmehr vertuschen will, ist eine Tatsache, die einem der Systemsicherheitstechniker auffällt. In dieser Datei steckt nicht nur der Teufel, sondern offenbar auch ein Virus. Das ist ebenfalls ein Ding der Unmöglichkeit, denn zahlreiche ausgetüftelte Sicherheitsfilter, genannt GAUNTLET (Spießrutenlauf), sollen ein solches Eindringen verhindern. Als der Techniker erkennt, dass Strathmore GAUNTLET manuell umgangen haben muss, spitzt sich die Entwicklung dramatisch zu.

Denn für das, was Strathmore vorhat, darf es keine Zeugen geben.

Leider hat Strathmore für das, was wirklich im Innern von TRANSLTR passiert, erst Augen, als es bereits zu spät ist. Der Angriff auf die zentrale Datenbank der NSA läuft bereits …

_Mein Eindruck_

|Erfolgsrezepte|

Schon in seinem ersten Roman praktiziert Dan Brown das gleiche Erfolgsrezept wie in seinen Bestsellern „Illuminati“ und „Sakrileg“. Es ist das Prinzip der Schnitzeljagd, das von einem Rätsel durch dessen Lösung zum nächsten führt und so weiter. Das ist am besten an dem abzulesen, was David Becker unternimmt und was ihm dabei widerfährt. Zum Glück ist er ein Sprachgenie und – wie das Leben so spielt – durch das Zusammenleben mit Dr. Susan Fletcher ein wahrer Experte in Ver- und Entschlüsselung. Warum hat er nicht schon längst bei der NSA angeheuert?

Das zweite Prinzip, das Brown stets umsetzt, ist die Steigerung im Ausmaß der nur sehr allmählich sichtbar gemachten Katastrophe, auf die das Geschehen hinausläuft. Dadurch hat der Thriller nicht nur einen Showdown – den von Becker vs. Killer -, sondern auch ein richtiges Finale, mit allen Licht-, Sound- und Showeffekten, die dazugehören, um dem Leser / Hörer richtig Angst einzujagen. Folglich kann er das (Hör-)Buch gar nicht mehr weglegen, aus Angst, er könnte etwas Wichtiges verpassen. Dass er durch falsche Fährten etc. selbst ebenso getäuscht wird wie die Figuren, ist natürlich ein listiges Prinzip, dem viele Thriller folgen, um durch unerwartete Wendungen Spannung zu erzeugen.

|Rotkäppchen und der böse Wolf|

Dass stets auch ein Pärchen im Mittelpunkt steht, versteht sich fast von selbst. So haben auch die weiblichen Leser / Hörer etwas davon. Die Beziehung des Paares Becker-Fletcher steht vor einer Bewährungsprobe, als Strathmore seine quasi-väterlichen Rechte geltend macht und Susan für sich reklamiert. Da hat er sich aber geschnitten, denn er hat einen winzigen Kommunikationsfehler gemacht, der Susan die Wahrheit über ihren tollen Ersatzvater enthüllt. Der Vater ist ein Monster. In dieser Themenanordnung kommen Assoziationen an gewisse Märchen hoch, so etwa an „Rotkäppchen und der böse Wolf“, in dem sich der Wolf ja auch verkleidet, um die junge Unschuld zu erwischen.

|Die Botschaft|

Trotz dieser trivialen Erzählstrukturen bringt der Autor natürlich ein ernstes Thema zur Sprache: Wer überwacht die NSA, während sie das Volk (die Welt) überwacht? In dieser Behörde sitzen ja keine Engel an den Kontrollbildschirmen, sondern Angestellte. Diese wiederum gehorchen gewählten Vertretern des Volkes, die Interessensgruppen, genannt „Parteien“, angehören. Und wenn die Regierung wechselt, gelten dann immer noch die gleichen Grundsätze? Wohl nicht, wie die Verabschiedung des „Patriot Act“ nach dem 11. September 2001 gezeigt hat.

Doch die NSA hat nicht nur Lobredner und Präsidenten, die sie für unentbehrlich halten. Sie hat auch Kritiker, und nicht zu wenige. Im Buch wird die real existierende Electronic Frontier Foundation, kurz: EFF, genannt. Sie ist eine der letzten Verfechterinnen der Bürgerrechte in der digitalen Welt, sozusagen der David gegen den Big-Brother-Goliath. Ob die EFF wirklich aufgedeckt hat, wie sich die NSA ein Hintertürchen in einen neuen „Private Key Encryption (PKI)“-Standard verschaffen wollte, vermag ich ohne längere Recherche nicht zu sagen. Aber dass es solche Bemühungen seitens der NSA und Regierung gibt, steht außer Frage.

Als Folge wiegt sich der E-Mails versendende Bürger in Sicherheit, weil er Verschlüsselung einsetzt, während die Überwacher seinen Code mühelos durchs Hintertürchen knacken können. Und je schneller die normalen PCs werden, desto schneller geht das. (Wer will, kann auf bestimmten Webseiten selbst prüfen, wie schnell sich seine Passwörter knacken lassen – nämlich binnen Sekunden!)

Der Autor stellt lediglich zur Diskussion, was schon der alte Römer Juvenal in seinen „Satiren“ fragte: „Quis custodiet ipsos custodes?“ Wer überwacht die Wächter? Dass die Wächter – aus Eigennutz oder Vaterlandsliebe, ist im Effekt egal – über die Stränge schlagen können, demonstriert der Autor in „Diabolus“. Dass Hacker wie etwa Ensei Tankado genau diese menschliche Schwäche einkalkulieren, führt jedoch zur Katastrophe. Die NSA muss sozusagen die Hosen runterlassen, als Diabolus zuschlägt. Denn, wie die Bibel und Tankado sagen: Nur die Wahrheit macht euch frei und kann euch retten.

|“Wie war das in der Mitte?“| (Otto, der Killer in „Ein Fisch namens Wanda“)

An einer Stelle habe ich mich gefragt, ob dem Autor vielleicht doch ein blöder Fehler unterlaufen ist. Der Killer, der David in Sevilla mehr oder weniger unauffällig folgt (eher weniger, denn so viele Tote dürften schon auffallen), ist nämlich taub. Trotzdem „befragt“ er in einer Szene einen Informanten und erhält auch eine mündliche Antwort. Wie kann er sie verstehen, wenn er taub ist, fragt man sich erst einmal. Doch dann denkt man zurück an Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum, in der in einer Schlüsselszene der Bord-Computer HAL 9000 die Astronauten „belauscht“, obwohl sie in einem schalldichten, aber einsehbaren Gefährt sitzen. Des Rätsels Lösung: Sowohl HAL 9000 als auch der Killer können von den Lippen ablesen, was gesprochen wird. q.e.d.

_Der Sprecher_

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber Detlef Bierstedt gelingt es, mit seiner tiefen Stimme eine ganze Palette verschiedener Figuren so zu charakterisieren, dass man sie auseinanderhalten kann. Dass er angesichts der Vielzahl der Figuren nicht durcheinanderkommt, ist schon erstaunlich. Die beiden „jungen Leute“ David Becker und Susan Fletcher klingen ganz anders als etwa der knorrige Commander Strathmore oder der nörgelige Proll Jabba (wegen seiner Körperfülle benannt nach Jabba the Hutt aus „Star Wars“). Heiser und atemlos klingt der krank darniederliegende Franzose Pierre Clouchard in Sevilla, und wenn der Killer einmal leise spricht, läuft einem ein kalter Schauer den Rücken hinunter.

Nicht nur die Figuren erwachen zum Leben, sondern auch jede einzelne Szene erhält eine eigene Charakteristik. Da sind natürlich die vielen Szenen, in denen Rätsel auftauchen und schnellstens gelöst werden müssen – bis hin zum Finale, in dem das allergrößte Rätsel geknackt werden muss, um die Existenz der NSA zu retten. Die atemlose Hektik, die in der NSA-Zentrale jeden Augenblick in nackte Panik umzuschlagen droht – das erleben wir quasi hautnah, so wie es die Kunst des Sprechers erlaubt. Ich habe diese Szene mit dem Original verglichen und festgestellt, dass kaum eine Zeile weggelassen wurde.

Es gibt jedoch einen Bereich, auf dem Bierstedt nicht gerade glänzt: die Aussprache der Namen. Ich kenne zwar die Namen in der gedruckten Übersetzung nicht, aber welcher Übersetzer würde es wagen, Namen zu verstümmeln? Angenommen, dass die Namen in Original und Übersetzung übereinstimmen, tauchen in Bierstedts Text mehrere Unstimmigkeiten auf, die sich durch den gesamten Vortrag ziehen. Statt den Killer, der in Sevilla hinter David Becker her ist, wie im Buch „Hulohot“ zu nennen, hörte ich immer „Huhot“. Und den Systemsicherheitstechniker Phil Chatrukian nennt Bierstedt durchgehend „Tschatörkin“ – sehr seltsam. Das kann ich mir nur dadurch erklären, dass sich die Bierstedt’sche Version besser, also schneller aussprechen lässt.

Auch die Aussprache des Spanischen ist Bierstedt nicht geläufig. Der Club der Punker, in dem David strandet, heißt nicht „El brujo“ (mit Jott), sondern „Embrujo“ (mit ch statt j). Dort wird ein gewisser „Sid Vicious“ erwähnt. Damit ist natürlich der verstorbene Sänger der „Sex Pistols“ gemeint, der berühmtesten Punk-Band überhaupt. Bierstedt kennt das englische Wort „vicious“ (= bösartig) offensichtlich nicht und spricht es aus, wie man es schreibt (schauder!).

Musik gibt es auch: Spanische Gitarren stimmen anfangs auf das Geschehen in Sevilla ein, und am Schluss geleiten sie den Hörer wieder in den Alltag zurück. Hier spielt offensichtlich ein Meister des Saitenwerks.

_Unterm Strich_

Dem Buch selbst gebe ich nur eine mittlere Wertung. Für den lebhaften, spannenden Vortrag von Detlef Bierstedt aber gibt es einen Bonus. Der Thriller funktioniert so wirkungsvoll und im Grunde einfach wie alle Thriller von Dan Brown. Für Spannung, Action und unzählige unterhaltsame und zum Teil witzige Rätsel ist gesorgt, aber auch für Drama und Tragik.

Dennoch bleibt eine bedeutende Frage im Mittelpunkt, und darum ging es vielleicht – hoffentlich – dem Autor: Wer überwacht die Wächter? Wer schaut der NSA auf die Finger, während sie die Welt überwacht? Wer sagt auch mal „nein“, wenn sie ihre Kompetenzen überschreitet? Bekämen wir das überhaupt mit? Ich bezweifle, dass die NSA je in die Lage geraten wird, wie im Buch mal die Hosen runterlassen zu müssen.

|445 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Digital Fortress, 1998
Übersetzt von Peter A. Schmidt|

Weitere Besprechungen der Dan-Brown-Werke bei |Buchwurm.info|:

[Diabolus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1064 (Buch)
[Meteor]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=155 (Buch)
[Illuminati]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=110 (Buch)
[Illuminati]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=687 (Hörbuch)
[Sakrileg]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=184 (Buch)

Karen Duve – Die entführte Prinzessin

Wenn Ritter Bredur dem baskarischen Prinzen Diego beim Festmahl nicht ein Bein gestellt hätte, wäre die Brautwerbung um Prinzessin Lisvana nur eine Formsache gewesen. So aber führt der folgende Zwist zur Entführung der Dame durch die Baskarier. Doch in Baskarien wird Diego seiner Dame nicht froh: Sie verweigert die Heirat. Während Diego um Fassung ringt, bricht Ritter Bredur gen Baskarien auf, um seine Liebste aus den Klauen Diegos zu befreien. – Und wo kommt jetzt der Drache vor?

_Die Autorin_

Karen Duve – Die entführte Prinzessin weiterlesen

Evangelisti, Valerio – Schatten des Inquisitors, Der (Inquisitor-Zyklus Band 1)

_Der Dämonenjäger des Papstes_

Fans von „Der Name der Rose“ dürften diesen Roman ebenso mögen wie eingefleischte Fantasy- oder Science-Fiction-Leser. Der Italiener Evangelisti, mit seinem „Nostradamus“-Zyklus (bei |Goldmann|) als Mittelalter-Fachmann ausgewiesen, bietet in den drei Handlungssträngen seines Romans jedem etwas.

_Der Autor_

Valerio Evangelisti, geboren 1952 in Bologna, studierte Geschichte und ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Später befasste er sich vorwiegend mit fantastischer Literatur, bis er 1994 selbst zum preisgekrönten Fantasy-Schriftsteller wurde. Seither werden seine Romane in vielen Ländern aufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt. Mit seiner Nostradamus-Trilogie wurde er schließlich zum internationalen Bestsellerautor. Seine Werke werden bereits für das italienische Fernsehen verfilmt. (Verlagsinfo)

_Handlung_

Der verschrobene junge Physiker Markus Frullifer hat die Psytronen erfunden, mit deren Hilfe ein Raumschiff durch die Imaginäre Leere eine Phantasiekopie seiner selbst und der Passagiere projizieren kann, beispielsweise ins Jahr 1352 der Erde.

Zweiter Handlungsstrang: Eines der ersten Psytronenraumschiffe, die „Malpertuis“, dringt mit einer recht merkwürdigen Führungscrew in die Imaginäre Leere vor, um auf einem Planeten namens Olympus (dem Götterberg, genau) interessante Wesen gefangen zu nehmen. Sie finden im falschen Jahr – nämlich 1352 -, aber auf dem richtigen Himmelskörper Wesen mit einem Kopf, aber zwei Gesichtern. Und dann tauchen zwei riesige Wesen auf, die stark an die Jägerin Diana und ihren Hund erinnern.

Die Haupthandlung dreht sich um Nicolas Eymerich, einen jungen Dominikaner im spanischen Königreich Aragon. Der an der Pest sterbende Inquisitor der Hl. Römischen Katholischen Kirche macht Eymerich 1352 zu seinem Nachfolger, zum Großinquisitor. Nachdem er sich den Titel hat bestätigen lassen, schreitet er zu seiner ersten Großtat: Der Aushebung jenes Nestes von heidnischen Kultanhängern, die im königlichen Kloster zu Piedra Gottesdienste für Diana abhalten. Selbst über der Hauptstadt Saragossa wurde das Antlitz der antiken Göttin bereits gesichtet. Es dauert nicht lange und Eymerich gelingt es mit genialen Verhörmethoden, das Kloster auszuheben und die unheiligen Vorgänge dort zu beenden, allerdings nur unter eigener Beschwörung des Teufels …

Eymerich ist ein interessant gezeichneter Charakter. Um zu erklären, warum er so wütend gegen die friedlichen Kultanhänger – in erster Linie Frauen – vorgeht, wird Eymerich zu einem gefühlskalten Rationalisten stilisiert, der in Frauen entweder Hexen oder Huren sieht. Er schreckt nicht einmal davor zurück, neunjährige Mädchen wie Maria, die das Diana-Abbild beschwor, zu töten. Er ist ein Gegner der Religionsvermischung, wie sie nach dem Abzug der Mauren in Aragon praktiziert wurde: Christen lebten in Frieden mit Juden und Moslems zusammen. Mag sein, dass sich Eymerich für etwas Besonderes hält, nachdem er die Europa entvölkernde Pestseuche von 1348 überlebt hat. Er ist jedenfalls sehr hygienebewusst. Dem Leser erscheint er nicht unsympathisch, aber auch nicht als makelloser Superheld: ein eifernder Vetter des detektivischen Mönchs aus Umberto Ecos „Der Name der Rose“. Diese Figur soll noch in mindestens drei weiteren Romanen die Hauptrolle spielen.

_Mein Eindruck_

Ein vielversprechender Auftakt für einen erfolgreichen Fantasy-Zyklus! Der Roman liest sich flott, unterhaltsam und spannend. Durch die zwei begleitenden Handlungsstränge entstehen zahlreiche ironische Reflexe, aber auch gegenseitige Erklärungen.

Dies hebt den Zyklus weit über das dröge CONAN-Niveau hinaus in Richtung Umberto Eco. Runde Charaktere, klare Bilder und geschliffene Dialoge sorgen für unterhaltsamen Tiefgang, der wiederum dafür sorgt, dass man sich an den Roman auch nach der letzten Seite noch erinnert.

Hohlbein, Wolfgang – Haus am Ende der Zeit, Das

Als Robert Craven, der Sohn des „Hexers“, nach einer Panne im Haus des mysteriösen Mister Boldwinn unterkommt, ahnt er nicht, dass er in eine sorgfältig vorbereitete Falle tappt, die ihm einer der Großen Alten gestellt hat. Er stellt sich dem Kampf – und muss einen hohen Preis dafür bezahlen.

_Der Autor_

Wolfgang Hohlbein hat sich seit Anfang der Achtzigerjahre einen wachsenden Leserkreis in Fantasy, Horror und Science-Fiction erobert und ist so zu einem der erfolgreichsten deutschen Autoren geworden. Zuweilen schreibt er zusammen mit seiner Frau Heike an einem Buch. Er lebt mit ihr und einem Heer von Katzen in seinem Haus in Neuss.

Die Vorgängerbände:

[„Auf der Spur des Hexers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=511
[„Als der Meister starb“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=917

_Der Sprecher_

Jürgen Hoppe, 1938 in Görlitz geboren, ist Rundfunk- und Fernsehjournalist sowie Sprecher, Autor, Moderator und Korrespondent verschiedener Sendeanstalten. Sein facettenreiches Talent stellte er bei der Interpretation unterschiedlichster Texte unter Beweis. (Verlagsinfo)

Der Sprecher des Prologs ist Dirk Vogeley. Der Gesang stammt von Albert Böhne („Stigma“) und Steve Whalley („The Age of Damnation“). Die Verlagsinfo nennt acht Mitglieder der Band, die Beiträge zur Musik lieferte, darunter den Regisseur Albert Böhne.

_Der Autor Howard Phillips Lovecraft und sein Cthulhu-Mythos_

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber Lovecrafts Grauen reicht weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit.

_Handlung_

Nach dem Prolog, der den Hörer über den Hintergrund der Großen Alten (s.o.) aufklärt, finden wir unsere Helden aus dem vorhergehenden Abenteuer wieder: Howards Phillips Lovecraft, sein Begleiter Rolf und Robert Craven, der Sohn von Roderick Andara. Sie sind auf dem Weg von London zurück zum Ort, wo Andara starb, an der Küste von Schottland. Denn Andara hatte beim Untergang seines Schiffes, der „Lady of the Mist“, eine Kiste mit seinen kostbarsten Besitztümern verloren. Lovecraft betrachtet diese Besitztümer als extrem gefährlich, ganz besonders in den falschen Händen.

Doch bevor sie weit gekommen sind, haben sie mitten in der Pampa eine Panne: Eines der Pferde lahmt. Da kommt ein Reiter des Wegs, der ihnen Übernachtung auf seinem Landsitz anbietet. Nichts wie hin! Allerdings sieht das Herrenhaus alles andere als Vertrauen erweckend aus, findet Robert. Der umgebende Wald lässt es zudem reichlich düster erscheinen. Außen pfui, innen hui: Geradezu prächtig ist das Interieur, und die drei Reisenden freuen sich bereits auf eine erholsame Nacht.

Zu früh gefreut! Als Robert das ihm zugedachte Zimmer betritt, bemerkt er neben dem desolaten und schmutzigen Zustand der Einrichtung eine riesige schwarze Spinne. Er schließt die Tür und beschwert sich über die Mängel seines Quartiers. Mr. Boldwinn, der Gastgeber, öffnet die Tür erneut und siehe da – alles ist, wie es sein sollte. Das kommt Robert recht spanisch vor. An ein Bad ist jedenfalls nicht zu denken.

Nach dem Abendessen, bei dem sie sich hungrig ein etwas sonderbar schmeckendes Fleisch munden ließen, sitzen die Herrschaften bei einer Zigarre beisammen. Die Gäste fallen aus allen Wolken, als man sie mit Lovecraft und Andara tituliert – woher weiß Boldwinn das? Und Ziel und Zweck ihrer Reise kennt er ebenfalls! Auch könnten sie nicht mehr weg, denn das Pferd hätten sie soeben verspeist – bon appetit! Beim folgenden Kampf entpuppt sich nicht nur Boldwinn als Chimäre, sondern auch alles um sie herum, und zwar so schnell, als passiere dies alles in einer Art Zeitraffer …

Als sie dem Chaos entkommen, stehen sie in einem Wald der Urzeit, komplett mit Riesenfarnen und, äh, riesigen Viechern. Sie können das Grundstück nicht verlassen, sondern müssen zurück ins Haus. Dort wartet auf Robert jedoch ein besonderer Schrecken: die Begegnung mit einem der Großen Alten, dessen Diener Mr. Boldwinn war. Danach ist Robert für immer gezeichnet …

_Mein Eindruck_

Endlich ist Schluss mit der ewigen Schwarzweißmalerei! Hier der gute Robert Craven-Andara und dort die bösen Großen Alten mit ihren Dienern – das ist Vergangenheit. Ab der oben angedeuteten Begegnung mit Yogg-Sothoth (das th wird wie ein t ausgesprochen) befindet sich ein Teil des Bösen auch in Robert. Wie er das weiß? Sein Schatten hat seitdem die Form eines tentakelbewehrten Monsters, das sich auf ihn stürzen will. Dass er verändert ist, macht die Narbe auf seiner Stirn sinnfällig – er sieht aus wie ein früher Harry Potter. In seinem Haar befindet sich ein weißer gezackter Streifen.

Doch er ist nicht der Einzige, dem dieses Schicksal wiederfahren ist. Wie er im schottischen Durness, wo sich gruselige Szenen abspielen, herausfindet, hat auch sein Vater sein Päckchen zu tragen. Andaras Geist, der in verschiedenen Gastkörpern auftaucht, ist zum Teil von Yogg-Sothoth eingenommen. Doch es gelingt ihm, in einem grandiosen Showdown, den Großen Alten bei seinem Invasionsversuch zu überlisten und seinen Sohn Robert zu retten.

_Der Sprecher_

Der 1938 geborene Sprecher Jürgen Hoppe verfügt immer noch über eine durchaus kräftige Stimme, die er wirkungsvoll einzusetzen weiß. Zwar ist seine Modulationsfähigkeit nicht so ausgeprägt wie etwa bei Kerzel und Pigulla, doch die Kraft seines Ausdrucks trägt besonders bei dramatischen Stoffen zur Wirkung der Geschichte bei. Ein Horrorstoff wie „Das Haus am Ende der Zeit“ mit seinen zahlreichen dramatischen Konfrontationen bietet sich hierfür geradezu an.

Eine Besonderheit soll nicht unerwähnt bleiben. Zahlreiche der Personen, mit denen es Lovecraft und Craven zu tun bekommen, sind besessen. Diese Tatsache manifestiert sich weniger in der körperlichen Erscheinung als vielmehr zuerst in der Stimme des Besessenen: Sie klingt hoch und krächzend, als käme sie aus der Kehle eines Schafes. Das ist nicht so lustig, wie es klingt, denn der innewohnende Dämon schlägt gleich danach zu.

_Die Musik und Songs_

Wie schon in den vorhergehenden ANDARA-Project-Produktionen steuert auch diesmal eine Rockband die Musik für den Hintergrund, das Intro und Extro sowie die Pausen bei. Dabei handelt es sich um klassischen Heavy Metal ohne Schnickschnack wie etwa einen Synthesizer oder gar eine stumpfsinnig trommelnde Drum Machine. Nein, dies ist ordentlicher Rock, der aber keineswegs aufdringlich in die jeweilige Hörszene hineinspielt, sondern lediglich die Action etwas dynamischer klingen lässt. Drei Songs gibt es auch, aber auf den Text habe ich leider nicht geachtet. Ich bitte um Vergebung.

_Unterm Strich_

Auch „Das Haus am Ende der Zeit“ bietet dem Lovecraft-Freund alles, was sein Herz begehrt: eine Begegnung mit den Großen Alten, Besessene in rauen Mengen, eine veritable Zeitreise über hundert Millionen Jahre hinweg, das Auftauchen eines hilfreichen Shoggothen und – Potztausend! – auch das Buch der Bücher, nämlich das unheilvolle und verbotene „Necronomicon“. (Dass es vom „wahnsinnigen Araber Abdul Al-Hazred geschrieben“ wurde, wird uns allerdings geflissentlich verschwiegen. Der Kenner genießt sowieso und schweigt.)

Aus diesen kräftigen Zutaten lässt sich wahrlich ein schmackhaftes Potpourri zaubern, wenn man es richtig anstellt, und Wolfgang Hohlbein wäre nicht der Autorenstar, der er mittlerweile ist, wenn er diesen Kochkurs misslingen ließe. Bei jeder unerwarteten Wendung der Ereignisse graust es den Hörer, was nun wohl wieder für ein Schrecken auf unsere Helden lauert – und sie stolpern von einer Horror-Episode in die nächste. So ist für Unterhaltung mit feinstem Lovecraft-Horror gesorgt. Frage bitte niemand nach der Logik …

Der ausgezeichnete Rolf Hoppe und seine tapfer klampfenden Musikermannen sorgen in ihrem Audio-Kollektiv für ein unterhaltsames Hörerlebnis. Das Hörbuch bietet eben Horror Marke Hohlbein, nicht zu wenig Erzählkunst, aber eben auch keineswegs zu viel.

|234 Minuten auf 3 CDs|

Pirinçci, Akif – Yin

Eine Welt ohne Männer, geht das denn? Es geht, wie uns der Autor von „Felidae“ klar und deutlich in seiner Zukunftsvision „Yin“ schildert. Aber geht das auch gut? Das steht wieder auf einem anderen Blatt.

Hinweis: Yin ist im Chinesischen das weibliche Prinzip, während Yang das männliche ist. Ying & Yang sind im bekannten schwarzweißen Symbol vereinigt, um einen Kreis zu bilden.

_Handlung_

In seinem voluminösen Zukunftsroman präsentiert der Autor von „Felidae“ eine recht bizarre apokalyptische Vision, die aber so neu nicht ist: Innerhalb weniger Monate rafft ein neues Virus die männliche Hälfte der Weltbevölkerung dahin. Die Medizin muss hilflos zusehen. Dieses Aussterben findet während der ersten Buchhälfte statt. Die Handlung selbst beginnt mit einem Begräbnis.

Die meisten der überlebenden Evastöchter verfallen daraufhin in einen apathisch-passiven Schockzustand. In ihrer Trauer um die verlorenen Männer und Kinder vergessen sie vollkommen, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Allmählich bricht daher die grundlegende Versorgung mit dem Nötigsten zusammen. Ganze Industriezweige wie die Rohstoffgewinnung und –verarbeitung oder die Müllbeseitigung verschwinden binnen kürzester Zeit.

Die sich langsam auflösende Regierung versucht zwar, Frauen für typische Männer-Berufe zu gewinnen, doch die Damen lehnen jede zu schmutzige oder schwere Arbeit unter Protest ab. Als Folge strebt die neue Frauenwelt einem postindustriellen Mittelalter zu, in dem Begriffe wie „Auto“ oder „Strom“ bedeutungslos geworden sind.

|Die neue Despotin|

Nur wenige erkennen den vollen Ernst der Lage und damit auch die Chancen, die sich für sie persönlich oder die Frauen im Allgemeinen ergeben könnten. Da ist beispielsweise Margit, eine hoch aufgeschossene, unattraktive Walküre, die sich ihre Umgebung schon immer nach ihren eigenen Bedürfnissen geformt hat. Bei ihrer kühl kalkulierten Lebensplanung schreckte sie selbst vor Kindsmord nicht zurück.

Nachdem nun auch ihre restliche Familie dem „Yang-Virus“ (s. o.) zum Opfer gefallen ist, glaubt sie, endlich ihre Träume verwirklichen zu können. Rasch erkennt sie, welches Gut in einer nur aus Frauen bestehenden Gesellschaft die größte Bedeutung erhalten wird: die Möglichkeit, Kinder zu gebären. Da die Besamung auf natürlichem Wege nicht mehr möglich ist, liegt es auf der für sie auf der Hand, dass Samenbanken die heiligen Tempel des neuen, nun zu errichtenden Reiches sein werden. Wer die Kontrolle über die Banken innehat, besitzt auch die wahre Macht. Und genau dies ist es, wonach Margit von nun an strebt. Mit allen Mitteln versucht sie, sich zu Alleinherrscherin über die Frauen aufzuschwingen.

|Nebenfiguren|

Als Mistreiterin gewinnt sie Viola, einst ein weltbekanntes Top-Model, das mittlerweile jedoch nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Von einem Psychopathen einst entführt, musste sie zwei Jahre lang die unmenschlichsten Qualen erdulden. Als Margit sie aus ihrem Kellerloch befreit, ist nicht nur Violas Äußeres grässlich entstellt, auch ihre Psyche hat irreparablen Schaden davongetragen. Durch die Folterungen ist die junge Frau zu einem gefühllosen, Menschen hassenden Monstrum mutiert. Hitler hat seinen Himmler gefunden.

Dreh- und Angelpunkt der Romanhandlung ist ein Genlabor, das zugleich die größte Samenbank des Kontinents beherbergt. Die einzige noch verbliebene Mitarbeiterin, Angelika Markus, ist eine desillusionierte Medizinerin, die nur zu gerne mit denen paktiert, die ihr die größten Vorteile verschaffen. Angelika erkennt Margits Führungsanspruch ohne Widerrede an.

Zusammen mit Vanessa, einer karrieresüchtigen Politikerin, schließen sie sich zu einem unheilvollen Quartett zusammen, das seine Untergebenen durch Erteilen beziehungsweise Verweigern der Gebärerlaubnis kontrollieren will. Das einfache Rezept schein auch zu funktionieren, denn Margit gründet tatsächlich ihr Reich der „Vagina-Frauen“, das gegen die abtrünnigen „Mann-Frauen“ Krieg führt. Denn der Kampf nach außen stärkt den Zusammenhalt im Innern, wie jeder Despot weiß.

Die Anführerinnen der Gegenseite sind ebenfalls gebrannte Kinder: Da ist Helena, eine gescheiterte Journalistin, die die vom Vater entbehrte Liebe nun in übersteigertem Maß auf Pferde überträgt; oder die schöne Lilith, deren Naivität sie in die Prostitution brachte, wo sie gänzlich die Fähigkeit zu lieben verlor.

Halbwegs „normal“ scheint nur Cora zu sein, eine ehemalige Jetpilotin (wow!), deren Töchter jedoch von Margit entführt wurden. Cora ist auf diese Weise gezwungen worden, alle noch verbliebenen Samenbanken mit Fliegerbomben zu zerstören. Nun hat Margit das Monopol auf Sperma. Als Cora mit knapper Not einem Mordanschlag entgeht, sinnt sie nach Jahren der Entbehrungen und blutiger Kämpfe nicht nur auf Rache, sie will auch ihre Töchter wiedersehen.

Eine letzte, alles entscheidende Schlacht kündigt sich an. Diese wird darüber bestimmen, welche Frauengruppe den Fortbestand der weiblichen Menschheit sichern wird. Und vielleicht kommen sogar die Männer zurück. Falls die richtige Seite gewinnt …

|Hintergrund|

Das sieht doch insgesamt sehr nach einer Abrechnung mit dem weiblichen Geschlecht aus, mit der „anderen Hälfte des Himmels“. Diesem Eindruck eines Rundumschlags tritt der Autor in seiner angehängten „Mitteilung und Danksagung“ entgegen. Seine Arbeit beruhe vielmehr auf wissenschaftlich fundierten Hypothesen. Die erste stammt bereits aus dem Jahr 1976: Richard Dawkins bekannte – und ausgezeichnet belegte – Theorie von „egoistischen Gen“. Diese Arbeit schiebt der Autor seiner Figur Dr. Angelika Marcus unter.

Die Wissenschaftler Wolfgang Winckler und Uta Seibt schrieben eine Abhandlung, der sich der Autor zutiefst verpflichtet fühlt und die sogar den Ansporn zu seinem Roman lieferte: „Männlich Weiblich / Ein Naturgesetz und seine Folgen“ (München 1983). Auch das sogenannte „Yang-Virus“ hat sich Pirinçci nicht aus den Fingern gesaugt. Vielmehr hat Prof. Dr. Hans G. Trüper, ein Mikrobiologe, dieses hypothetische Virus in allen Einzelheiten beschrieben.

Sogar bei dem bekannten deutschen Trendforscher Matthias Horx durfte sich Pirinçci bedienen: Das Kapitel „Vanessa“ enthält eine Passage aus Horx‘ Buch „Aufstand im Schlaraffenland. Selberkenntnisse einer rebellischen Generation“ (München 1989). Selbst der Musiker Sting lieferte einen kleinen Beitrag aus seinem Lied „All this time“.

Extrem selten und daher höchst auffällig ist die Erwähnung einer lebenden Figur der Zeitgeschichte: Wolfgang Joop, laut Pirinçci „einer der kreativsten Köpfe der Zeitgeschichte“.

_Mein Eindruck_

„Yin“ ist recht giftige Gesellschaftskritik: Männliche wie weibliche Neurosen gibt der Autor der Lächerlichkeit preis und nimmt politische Systeme jedweder Spielart schonungslos aufs Korn, insbesondere ihre spezifisch manipulierten Rollenmodelle („Frauen an den Herd!“ usw.).

Auch vor der Warenmentalität und dem Konsumterror macht Pirinçcis Beschuss selbstverständlich nicht halt. Wenn Erbgut und Föten zur „Ware Leben“ verkommen, ja ein Machtfaktor werden, wenn einerseits Abtreibung erlaubt ist, andererseits auch die künstliche Befruchtung – dann spielt die jeweilige Gesellschaft, so der Autor, auf unmoralischste Weise mit ihrem kostbarsten Gut.

Von der Dramaturgie und der Spannung her hat der Roman einiges zu bieten und ist geschickt aufgebaut, auch die Figuren sind genau gezeichnet. An manchen Stellen habe ich über den Wortwitz gelacht, doch allzuoft bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Diese schwer verdauliche Kost, die mit massiven Angriffen gegen Missstände nicht spart, kommt stellenweise auch brutal und ganz schön hart daher. Hier trifft Thomas Harris‘ „Das Schweigen der Lämmer“ auf Aldous Huxleys Anti-Utopie „Schöne neue Welt“.

Doch wenn es keinen ausgleichenden heiteren oder zumindest positiven Ausgleich dazu gibt, so wird der Eindruck eines einseitigen moralisauren Traktats recht bald zu viel. Eine leichte, distanzierte Ironie habe ich hier schmerzlich vermisst. Zu häufig muss auch der Fortgang der Handlung elenden analytisch-philosophischen, metaphernbefrachteten Klagegesängen weichen.

So wird bald klar: „Yin“ ist keineswegs ein handlungsgetriebener Roman wie der Riesenerfolg „Felidae“ – der ja auch Missstände anprangert –, sondern umgekehrt eine umfassende Gesellschaftskritik , die ein Roman sein möchte. Weniger Dozieren und mehr Erzählen hätten dem Buch sicher gut getan, denn das versteht Pirinçcis durchaus. Dass seine Frau und seine Freunde als seine „schärfsten Kritiker“ dieses Dozieren stehen ließen, spricht nicht gerade für ihre Kritikfähigkeit.

_Ähnliche SF-Werke_

Nun ist ja Pirinçci nicht der erste Autor, der auf den Gedanken verfallen ist, es könne eine Welt ohne das andere Geschlecht geben. Philip Wylie etwa hat in „Das große Verschwinden“ schon in den 1950ern erzählt, wie eine Welt ohne Frauen darin aussähe: Männer und Frauen existieren von nun an in zwei parallelen Welten, aber nicht miteinander.

Frauen haben immer wieder femnistische Utopias für sich erfunden. Charlotte Perkins Gilman, die Autorin der berühmten Story „Die gelbe Tapete“, beschrieb bereits 1914 ein Utopia der Frauen im Jahr 2000: Sie pflanzten mit Hilfe der Parthenogenese, der Jungfernzeugung, fort. Ebenso verfahren die Freien Kriegerinnen in Suzy McKee Charnas‘ exzellentem Zyklus um die Kriegerin Alldera (ab 1974, bis 2000).

Recht detailliert ist das Utopia in „Die Frau am Abgrund der Zeit“, das eine der bekanntesten Autorinnen unserer Zeit zeichnet: Marge Piercy.

Mit Ausnahme vielleicht von Charnas‘ Zyklus kranken alle diese utopischen Erzählungen an zwei Schwächen: Sie dozieren neue Glaubens- und Lehrsätze; und sie sind in aller Regel statische und geschlossene Systeme. Beides macht sie wenig spannend.

In jüngster Zeit hat lediglich die ausgezeichnete farbige US-Autorin Octavia Butler mit ihrer Parable-Trilogie (ein Band folgt noch) ein positiveres, offeneres Bild einer – aber nicht nur – von Frauen bestimmten Gesellschaft nach dem Untergang der heutigen Zivlisation gezeichnet.

_Unterm Strich_

Mag auch der Plot noch so plausibel dargeboten werden, so geht die Handlung einfach unter in dem fortwährenden Dozieren und Ansprangern von Missständen. Ist Pirinçci also „ein einsamer Rufer in der Wüste“? Und wenn schon! Heutzutage muss selbst der Mahner im Lande dem Geschmack des Publikums entgegenkommen, das er erreichen will. So aber dürfte „Yin“ das Schicksal vieler ähnlicher Anti-Utopien teilen: als Fußnote zu enden. „Ja, da war was.“

Straub, Peter – Hellfire Club – Reise in die Nacht

Mit „Hellfire Club – Reise in die Nacht“ hat Peter Straub einen packenden Psychothriller geschrieben, in dem es um ein altes Unrecht geht, das bis in die Gegenwart hineinwirkt. Dabei stehen eine reiche Verlegerfamilie, die Chancels, und ihre dunkle Vergangenheit, ein skrupelloser Frauenmörder, eine brutale Entführung und ein mysteriöses Kultbuch in komplexem Zusammenhang. „Reise in die Nacht“ ist mit Abstand Straubs gelungenstes Buch, ästhetisch und künstlerisch wie auch für den Leser befriedigend, weist aber auch ein paar Fragen auf, die offen bleiben.

_Handlung_

Im Mittelpunkt des Interesses steht die sympathische Nora Chancel; der Leser verfolgt ab dem zweiten Drittel des Buches, wie sich ihr bis dato behagliches Leben in atemberaubenden Tempo „von innen nach außen kehrt“ – eine häufige Metapher in diesem Roman. Denn bis zum Schluss enthüllen sich Geheimnisse, lösen sich Rätsel und verändert sich das Bild, das der Leser von den Figuren anfangs erhalten hat. Es ist ein Buch mit zahlreichen Falltüren und unerwarteten Wendungen – umso besser!

Auf „Reise in die Nacht“, so der Titel eines fiktiven, 1939 erschienen Bestseller-Romans von Hugo Driver, gründen sich Vermögen und Erfolg der neuengländischen Familie Chancel und ihres Verlags Chancel House (ein Anklang an Random House). Davey Chancel, Sohn des Inhabers Alden, gehört ebenfalls zur großen und besessenen Fangemeinde dieses Kultbuches. Er ist ein Träumer, abhängig von seinem Vater.

Seine Frau Nora, die als Krankenschwester in Vietnam mit einer brutalen Realität konfrontiert war, teilt Daveys Enthusiasmus nicht. Aber nicht allein aus diesem Grund gilt sie in der Familie Chancel als Außenseiterin. Das Grauen aus Vietnam verfolgt sie noch immer in ihren Träumen, und hin und wieder sieht sie hämisch grinsende Dämonen im Augenwinkel.

In der Kleinstadt Westerholm, Connecticut, wo auch die Chancels residieren, versetzt seit Wochen ein kaltblütiger Frauenmörder die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Als Natalie Weil, die heimliche Geliebte Davey Chancels (wie auch seines Vaters) unter mysteriösen Umständen aus einem verwüsteten, blutgetränkten Zimmer verschwindet und erst einige Zeit später wieder auftaucht, fällt der Verdacht auf Nora.

Auch der wankelmütige Davey hält nicht zu ihr, als das FBI aufkreuzt. Doch kurz bevor der wahre Sachverhalt – ein schlechter „Scherz“ von Daveys Vater – aufgeklärt werden kann, wird Nora von dem Rechtsanwalt Dick Dart, der bereits als der Killer überführt ist, im Polizeibüro als Geisel genommen und entführt.

Während ihrer Flucht durch Neuengland kann Nora nur überleben, indem sie vorgibt, auf der Seite dieses Psychopathen zu stehen, während Dart jeden erbarmungslos umbringt, der sich ihm in den Weg stellt. Nora begegnet wieder ihren Dämonen.

Allmählich enthüllt Dart seiner Gefangenen, was er als seine „Mission“ begreift: Er hat in seiner Kanzlei, die Chancel House seit Jahren betreut, erfahren, dass die Angehörigen der 1938 verstorbenen Schriftstellerin Katherine Mannheim Rechte auf das Manuskript „Reise in die Nacht“ beanspruchen – die Dichterin sei die wahre Urheberin des Buches. Sie war 1938 mit Hugo Driver und anderen Dichterkollegen Gast auf einem Landgut namens Shorelands und verschwand unter mysteriösen Umständen.

Dart versucht nun, alle Zeugen, die die Urheberschaft Drivers an dem von Dart kultisch verehrten Buch in Frage stellen könnten, zu beseitigen. Dabei geht er keineswegs zimperlich vor.

Als Nora sich schließlich von ihrem Entführer befreien kann, stellt sie auf eigene Faust Nachforschungen an und kommt dabei dem ebenso düsteren wie blutigen Geheimnis um das berühmte Manuskript Zug um Zug näher, stets verfolgt von FBI und Dart.

Als sie ihm wieder in die Hände fällt und sie zusammen nach Shorelands fahren, zurück zum Ursprung des Unheils, findet sie den „goldenen Schlüssel“ zum Untergang des Hauses Chancel wie auch ihre eigene innere Freiheit.

_Mein Eindruck_

„Hellfire Club – Reise in die Nacht“ enthält eine zielstrebig vorwärts preschende Handlung, die von glaubwürdigen Charakteren gestützt und gelenkt wird, bis die Bösen den verdienten Untergang erleben und die Guten verändert aus dem Showdown hervorgehen. Das Buch setzt sich mit Lebenslügen, verkorksten Beziehungen und dem falschen Kult um Bücher und andere Medien auseinander.

Nora Chancel ist eine Heldin wider Willen auf einer Höllenfahrt, genau wie der leidgeprüfte jugendliche Held in Hugo Drivers verhängnisvollem Roman – einer der zahlreichen Fälle von subtiler Ironie in diesem Buch. Dass der Autor ihr und allen anderen Charakteren die menschliche Würde lässt und sie nicht zu einem Abziehbild degradiert, ist ein hohes Verdienst und trägt sicherlich dazu bei, die Lektüre zu einem eindrucksvollen und befriedigenden Erlebnis zu machen. Ungelöst bleiben lediglich Fragen, die Dick Darts Verhalten am Schluss betreffen – hier hat der Autor einiges unterdrückt, das dem angestrebten Effekt widersprochen hätte. Unklar bleibt auch die Rolle, die Dick Darts Vater spielt – er bleibt zu passiv im Hintergrund.

Die knapp 640 Seiten (660 bei der |Heyne|-Ausgabe) lesen sich leicht in zwei, drei Tagen und man bekommt Lust, sie gleich nochmal zu lesen. Straubs zuletzt bei uns veröffentlichte Romane waren die Vietnam-Psychothriller „Koko“ und „Der Schlund“ sowie [„Haus der blinden Fenster“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1003 und deren Grauen ist auch hier zu spüren. Doch im Gegensatz zu ihnen ist „Reise in die Nacht“ viel stärker mit der Rolle der Literatur und ihrem Bannkreis beschäftigt: ihren manchmal gar nicht feinen Produzenten, ihren blinden, süchtigen Fans und ihren skruppellosen Vermarktern: „Geschäft ist Geschäft“ ist die Moral Amerikas. Straub führt subtil vor Augen, wohin diese kapitalistische Moral führt, wenn man sie konsequent zu Ende verfolgt. Hut ab, Mister Straub! Dies ist ein Meisterwerk.

|Originaltiel: Night Journey, 1996
Aus dem US-Englischen von Joachim Körber|

Francis, Dick – Verrechnet

_Britische Krimikunst der obersten Liga_

Alexander Kinloch wird überraschend zu seinem kranken Stiefvater Sir Ivan nach London geholt. Dieser bittet Alex, ein wertvolles Rennpferd und einen Goldpokal vor seinen Gläubigern und seiner gierigen Tochter zu verstecken. Der Kampf um Erbe, Pferd und Pokal beginnt.

„Verrechnet“ eröffnet mit lakonischer Ironie einen faszinierenden Blick auf die Abgründe eines Familien-Clans. Die dichte und spannende Inszenierung fasziniert durch ein überraschendes Ende und die unvergleichliche Stimme von Rolf Hoppe als Sir Ivan. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Richard Stanley Francis kam am 31. Oktober (Halloween!) 1920 in Wales als Sohn eines Reitjockeys zur Welt, in dessen Fußstapfen er trat. Nach einem militärischen Intermezzo während des 2. Weltkriegs bei der Luftwaffe ritt Francis wieder. 1956 verletzt er sich bei einem Sturz so stark, dass es das Aus für seine Karriere bedeutete, aber den Start seiner Schriftstellerkarriere. Nach seinen Memoiren mit dem vieldeutigen Titel „The Sport of Queens“ schreibt Francis über 40 Krimis in Folge, die in über 30 Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt wurden. Im Genre erhielt er höchste Auszeichnungen. Er lebt heute auf den britischen Cayman Islands in der Karibik (sie tauchen in dem Grisham-Krimi „Die Firma“ auf).

_Die Sprecher & die Inszenierung_

Der Mitteldeutsche (MDR) und der Südwestrundfunk produzierten das Hörspiel im Jahr 2002. Mit Rolf Hoppe, geboren 1930, und Peter Fricke, geboren 1939, spielen zwei bekannte Bühnen- und TV-Stars mit. Uta Hallant, geboren 1939, ist am besten bekannt als Synchronstimme von Audrey Hepburn, Jamie Lee Curtis und Glenn Close. Sie wirkte an diversen Film- und Fernseharbeiten mit, so etwa an „Der Mörder und die Hure“ aus dem Jahr 1996.

_Handlung_

Der Kunstmaler Alexander Kinloch (Götz Schulte), der im Mittelpunkt der Handlung steht, ist gerade in seinem Haus in Schottland überfallen und ausgeraubt worden. Zum Glück konnte er sich merken, wie die Räuber aussahen und hat sie gezeichnet.

Bis sich die Lage normalisiert, wohnt Alex bei seiner Mutter Lady Vivienne Westering (Uta Hallant) in London. Leider ist es um die Gesundheit ihres Mannes Sir Ivan (Rolf Hoppe), seines Stiefvaters, nicht zum Besten bestellt. Er hat gerade einen Herzanfall überstanden. Seine Genesung verzögert sich, weil er sich zu viele Sorgen macht: um seine Brauerei, sein Rennpferd und um den Pokal des King-Alfred-Rennens, das er jährlich ausrichtet. Doch Sir Ivan vertraut Alex und fragt ihn: „Wo würdest du das Pferd und den Pokal verstecken?“

Fortan kämpft Alex an zwei Fronten. Ausgestattet mit einer Vollmacht von Sir Ivan, versucht er die Brauerei vor der drohenden Insolvenz zu bewahren, denn durch Unterschlagung sind mehrere Millionen verschwunden. Die Firma soll aber im Falle des Todes von Sir Ivan Alex‘ Stiefschwester Patsy Benchmark erben, ein raffgieriges Frauenzimmer, das mit seinem Mann Surtees auf großem Fuß lebt (wobei Surtees eine Geliebte hat, von der sie nichts weiß). Al hat genau zwei Tage Zeit, alles Notwendige zu erledigen. Er heuert einen stämmigen Privatdetektiv an und stürzt sich ins Getümmel.

Da er ein Händchen für den Umgang mit Frauen hat, verschafft er sich deren Loyalität und Unterstützung. Da wäre einmal seine Schwester Emily, dann noch die Bankfrau Margaret Morden und schließlich eine Mrs. Newton, die Witwe des verstorbenen Buchhalters, der die Millionen unterschlagen hat. Als sich abzeichnet, dass die Gegenseite vor fiesen Tricks nicht zurückschreckt, sehen die Damen ein, dass Rückzug die klügere Seite der Kriegsführung sein kann und begeben sich in Deckung.

Unterdessen fliegen die Fetzen, als die Benchmarks mit ihrem rabiaten Anwalt Grenchester (Peter Fricke) gegen Alex und Co. antreten. Ein Glück, dass Sir Ivan nicht mehr miterleben muss, wie man versucht, Alex lebendig zu grillen …

_Mein Eindruck_

Es geht doch nichts über herzliche Familienbande. Wobei das mit der Bande diesmal wörtlich zu nehmen ist. Die raffgierigen Erben scheinen vor nichts zurückzuschrecken, dabei werden sie selbst hinters Licht geführt. Zum Leidwesen von Alex merken sie das aber reichlich spät. Die Kavallerie erscheint mal wieder erst in letzter Sekunde. Das macht richtig Laune.

Das Hörspiel, bei dem Klaus Zippel Regie führte, unterhält den Zuhörer bestens mit unerwarteten Enthüllungen, rätselhaften Verbindungen und genialen ironischen Dialogen, um dann in ein actionreiches Finale zu münden. Aber eines ist schon recht erstaunlich: Die Guten hören alle auf Alex‘ Stimme der Vernunft und machen bei seinen Maßnahmen mit, mit denen er die Erbschleicher von seiten der Benchmarks austrickst. Sir Ivan hätte keinen besseren Erben und Sachwalter haben können. Und das alles kriegt ein Kunstmaler zustande?! Offenbar bietet die Kunstakademie neuerdings Schnellkurse in Betriebswirtschaftslehre und Kriminalistik an …

_Die Sprecher & die Inszenierung_

Die Inszenierung des von Alexander Schnitzler bearbeiteten Hörspiels verzichtet auf jegliche verwirrenden Nebenhandlungen. (Die einzige, die man vielleicht so bezeichnen könnte, dreht sich um den Buchhalter, der die Unterschlagungen begangen haben soll.) Dementsprechend leicht kann man dem Handlungsverlauf folgen. Der Zuhörer hält natürlich zu Alex, dem designierten Kronprinzen, und bangt mit, wenn er seine Maßnahmen einfädelt. Es ist schon sehr befrieidgend, wie die „guten“ Ladys auf seine Linie einschwenken und nachgerade nach seiner Pfeife tanzen. Schade, dass die Opposition nicht mitmacht.

|Die Sprechrollen|

Die Sprecher sind ausgezeichnet. Kein Wunder bei so vielen Profis. Rolf Hoppe spielt den sterbenden Patriarchen so glaubwürdig, dass man Sir Ivan nur viel Erfolg bei der Ausführung seiner Pläne wünschen kann. Götz Schulte trägt den braven Alex so redlich und aufrichtigen Herzens vor, dass ihm automatisch alle unsere Sympathien gelten. Uta Hallant ist als Lady Westering die Verkörperung von Würde und mütterlicher Wärme, worin sie effektvoll mit Patsy Benchmark, der gierigen Möchtegernerbin – typisch Middle Class! – kontrastiert. Am eindrucksvollsten fand ich hingegen Karin Gregorek in der Rolle als Margaret Morden – eine wahre Dame von Welt, die man hier zu hören bekommt. Den Jago im Stück gibt hingegen Peter Fricke als Anwalt Oliver Grenchester, der eine Menge auf dem Kerbholz hat und in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich ist – schließlich geht es um Millionen.

|Musik und Geräusche|

Musik gibt es nur selten und Geräusche fast gar nicht. Das dämpft zwar den realistischen Eindruck, hebt aber die Wirkung der geschliffenen Dialoge hervor. Die Musik erklingt nur zweimal. Dadurch wird das Hörspiel zu einem klassischen Dreiakter wie am Theater.

|Das Booklet|

Das Booklet sieht mit acht Seiten zwar umfangreich aus, doch die Hälfte davon ist Informationen plus Foto zum Autor gewidmet. Abzüglich der Frontseite verbleiben gerade mal zwei Seiten für drei Sprecherbiografien und die Credits. Man könnte von einem gewissen Ungleichgewicht des Informationsgehalts sprechen. Da ich vermute, dass vor allem das Booklet für den relativ hohen Preis von 15 Euro verantwortlich ist, finde ich diese Leistung ziemlich schwach. Andere 1-CD-Hörspiele kosten bei D>A

Lumley, Brian / Lansdale, Joe R. / Lovecraft, H. P. / Meyrink, Gustav / Laymon, Richard – Necrophobia 1

Sechs Horrorgeschichten versammelt dieses Hörbuch, darunter einige Spitzenkräfte des Genres wie etwa H. P. Lovecraft.

Es handelt sich um ein „inszeniertes Hörbuch“. Das heißt, es wurde mit Musik und dezenten Toneffekten wie Hall oder Stimmverzerrung produziert. Das Ergebnis ist fast ebenso perfekte Unterhaltung wie ein Film, nur viel näher am Original, wie es der Autor beabsichtigt hat.

_Die Autoren_

Brian Lumley wurde 1937 in England geboren. Seit 1981 seine Militärkarriere endete, lebt er als freier Schriftsteller. Zunächst eiferte er H. P. Lovecraft (s. u.) nach, doch mit seiner großen Vampir-Saga [„Necroscope“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=779 gelangte er zu Bestsellerehren.

Joe R. Lansdale, geboren 1951 in Texas, war zunächst Gelegenheitsarbeiter, bevor er sich 1981 ausschließlich dem Schreiben widmete. Er schrieb Western, Fantasy, Abenteuerbücher, Krimi, Horror und Thriller. Jedes seiner Werke sei originell und unverwechselbar, schreibt der Verlag. Aus dem Geheimtipp sei ein renommierter Erfolgsautor geworden. Leider ist er in Deutschland noch unterrepräsentiert.

H. P. Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Gustav Meyrink (1868-1932) zählt zu den Klassikern der deutschsprachigen Phantastik (und galt zu Lebzeiten als äußerst streitbar und politisch engagiert). Seine unheimlich-grotesken und esoterischen Werke wie „Der Golem“ und „Walpurgisnacht“ sind trotz vieler Nachahmungsversuche unerreicht geblieben.

Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren. Erste kürzere Werke erschienen zu Beginn der 70er Jahre. Der Roman „The Cellar“ (1980) entwickelte sich zum weltweiten Bestseller. Laymon hatte etwa 50 Romane geschrieben, als er am Valentinstag, dem 14.2.2001, völlig unerwartet an einem Herzanfall starb.

Graham Masterton wurde 1946 im schottischen Edinburgh geboren. Zunächst arbeitete er als Journalist, seit 1970 lebt er als freier Schriftsteller. So veröffentlichte er sehr erfolgreiche Ratgeber zum Thema Sexualität und Partnerschaft. 1975 landete er mit dem unheimlichen Roman [„The Manitou“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=754 einen Bestsellererfolg, der auch verfilmt wurde. Seither hat er etwa 45 weitere Horrorromane veröffentlicht.

_Die Sprecher_

Joachim Kerzel ist der Synchronsprecher von Hollywoodstars wie Jack Nicholson und Dustin Hoffman. Durch zahlreiche Bestseller-Lesungen – etwa von Ken Follett und Stephen King – hat er sich einen Namen gemacht.

Lutz Riedel ist die deutsche Stimme von Timothy Dalton und stellt hier wieder mal seine herausragenden Sprecherqualitäten unter Beweis.

Nana Spier leiht neben „Buffy“ auch Drew Barrymore ihre Stimme und überzeugt durch völliges Eintauchen in die jeweilige Rolle.

David Nathan ist Regisseur und gilt zudem als einer der besten Synchronsprecher Deutschlands, u. a. von Johnny Depp. Schade, dass man ihn nur sehr kurz mit einer einzigen Story zu hören bekommt: mit „Mein toter Hund Bobby“.

_Die Geschichten_

– |Brian Lumley: In der letzten Reihe| (1988; 21:26 Min.): Ein alter Mann geht mal wieder in sein Lieblingskino, weil ihn das an seine verstorbene Frau erinnert. Doch diesmal kann er sich nicht auf den Film konzentrieren. In der Reihe hinter ihm ist ein junges Pärchen heftig mit Liebesdingen beschäftigt und zwar so laut und eindeutig, dass er sich schließlich umdreht, um die beiden zur Ruhe zu gemahnen. Was er als Antwort hört, ist jedoch ein warnendes Knurren! Erst am Schluss der Vorstellung wagt er wieder, sich den beiden Radaubrüdern zuzuwenden. Was er erblickt, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren. Aber die eigentliche Pointe erfolgt erst mit den letzten Wörtern der Story.

– |Joe R. Lansdale: Mein toter Hund Bobby| (1987, 3:46 Min.): Selten eine derart makabre Story gehört! Ein Junge spielt mit „seinem toten Hund Bobby“, genau, nur dass dieser wirklich tot ist und der Junge ziemlich üble Dinge mit ihm anstellt. Danach kommt der Hund wieder in die Gefriertruhe, wo schon die tote Mutti wartet …

– |H. P. Lovecraft: Pickmans Modell| (1927, 43:18 Min.): Der Großmeister des Horrors bemüht diesmal keine Großen Alten mit unaussprechlichen Namen, sondern ein paar simple Maler. Denkt man. Der Malerverein von Boston, Massachusetts, steht offenbar kurz davor, sein Mitglied Pickman auszuschließen. Seine Ansichten sind ja schon absonderlich, doch seine Motive sind – ja was? – grauenerregend. +++ Doch ein Kollege namens Thurber, der Ich-Erzähler, hält zu Pickman durch dick und dünn. Und so wird ihm die Ehre zuteil, Pickmans anderes Haus besuchen zu dürfen. Es liegt in einem uralten und verwinkelten Viertel, dem North Hill, nahe dem Copse Hill Friedhof. Man sagt, das Viertel stamme aus dem 17. Jahrhundert, als im nahen Salem die Hexen gehängt wurden. Pickmans Ahnin sei eine davon gewesen, bestätigt der Künstler. +++ Die Motive der Gemälde und Studien, die Thurber zu sehen bekommt, sind noch um einiges erschreckender als bislang Gesehene: Leichenfresser einer Spezies von Mischwesen aus Mensch, Hund und Ratte, die Schläfern auf der Brust hocken (à la Füßli) und sie würgen. +++ Das Beste wartet aber im Keller, wo sich ein alter Ziegelbrunnen befindet, der möglicherweise mit den alten Stollen und Tunneln verbunden ist, die North Hill und den Friedhof durchziehen. Hier fallen Revolverschüsse, und Thurber gelingt es, ein Foto zu erhaschen, das die Vorlage zu Pickmans neuestem Gemälde zeigt. Was Thurber bislang für Ausgeburten einer morbiden Fantasie gehalten hat, ist jedoch konkrete, unwiderlegbare Realität …

– |Gustav Meyrink: Das Präparat| (1913, 14:40): Im Prag der Jahrhundertwende besprechen zwei Freunde namens Ottokar und Sinclair das Problem, dass ihr Freund Axel verschwunden ist. Aber sie haben einen Hinweis darauf erhalten, wo er sich befinden könnte: im Haus eines persischen Anatomen. Der Entschluss ist schnell gefasst; mit einem Trick haben sie den Mediziner fortgelockt. Im Haus selbst finden sie Axel – oder vielmehr das, was von ihm noch übrig ist. Viktor Frankenstein wäre stolz auf dieses „Präparat“ gewesen. Herz, Lungen, Adern sind noch vorhanden. Und der Kopf kann sprechen. – Leider fehlt dieser Story irgendwie die Pointe.

– |Richard Laymon: Der Pelzmantel| (1994, 23:08). Anfang und Mitte der neunziger Jahre machten militante Tierfreunde Jagd auf Leute, die Pelze trugen. In dieser Story treten sie in Gestalt zweier rabiater Frauen auf, die Janet, eine 36-jährige Witwe angreifen, weil sie einen Hermelinpelzmantel trägt. Obwohl Janet diese kostbare Erinnerung an ihren geliebten verstorbenen Gatten mit Klauen und Zähnen verteidigt und eine lange Verfolgungsjagd liefert, unterliegt sie am Ende doch. Allerdings geben sich die beiden Verfolgerinenn nicht damit zufrieden, wie sonst den Pelzmantel und das Haar der Trägerin mit roter Farbe zu besprühen. Sie wollen mehr. Schließlich werden ja auch die Tiere, die um ihres Fells wegen getötet werden, letztendlich gehäutet … – Diese Story geht wirklich bis zum Äußersten, konsequent bis zur entscheidenden Andeutung.

– |Graham Masterton: Ein gefundenes Fressen| (1990, 31.21): Die Brüder David und Malcolm sind Schweinezüchter im Gebiet zwischen Nordengland und Südschottland. Allerdings läuft das Geschäft sehr schlecht. Als David aus der Stadt in den Stall zurückkehrt, schaltet er die Lichter und die Futtermaschine ein. Ein markerschütternder Schrei ertönt! Die Schreie hören nicht auf, denn sie kommen aus der Futtermühle, einem sehr zuverlässigen deutschen Fabrikat. Malcolm steckt darin, und ist, bis David den Stopp-Knopf findet, bereits halb von den Scherblättern zermahlen. +++ Statt in Schmerzen zu vergehen, behauptet Malcolm jedoch, himmlische Ekstase zu empfinden. David tut ihm den Gefallen, ihn vollständig zu zermahlen. Tage später fällt David den Zähnen des tückischen alten Ebers Jeffries zum Opfer. Hoffnungslos zerbissen und blutend sehnt er sich nach der Ekstase, die Malcolm im Augenblick des Sterbens erfahren hat. Leider erlebt er eine böse Überraschung. – Auch diese Story geht bis zum Äußersten, liefert aber noch eine witzige Pointe am Schluss.

_Die Sprecher_

Joachim Kerzel ist ein Meister, der die Kunst, eine effektvolle Pause an der richtigen Stelle zu machen, perfektioniert hat. Daher sind die Geschichten, die er vorträgt, von höchster Wirkung, der sich niemand entziehen kann.

Lutz Riedel verfügt über eine ähnlich tiefe Stimme wie Kerzel und vermag den entsprechenden Gruseleffekt mühelos hervorzurufen. Nana Spier liest die Geschichte „Der Pelzmantel“, in der fast nur Frauen auftreten, mit Überzeugungskraft und ohne Zögern bei den intimeren weiblichen Details – die Geschichte ist nämlich auch sehr erotisch. David Nathans Auftritt ist, wie gesagt, leider viel zu kurz, aber einwandfrei.

Andy Materns Musik wird den Texten selbst sehr dezent unterlegt. Leise Pianotöne setzen an den Stellen ein, in denen die Story auf die Zielgerade gelangt. Dies steht im krassen Gegensatz zur Pausenmusik, die bombastischen Horror beschwört. Na ja.

_Unterm Strich_

Ob dies wirklich „die besten Horrorgeschichten der Welt“ sind, weiß ich nicht, aber sie gehören sicherlich in die oberste Liga, allen voran die klassische Story „Pickmans Modell“ von Lovecraft. Man kann auch nicht sagen, es wäre eine schwache darunter, allenfalls Meyrinks Geschichte kommt in diese Region, denn die Pointe scheint zu fehlen.

Die zweite CD geht mit den beiden jüngsten Geschichten weg vom subtilen Psychohorror und richtig ans Eingemachte. Das Einzige, was die Blutrünstigkeit der Masterton-Story noch übertreffen könnte, wäre eine Story von Clive Barker, etwa „Jacqueline Ess – ihr Wille und Vermächtnis“ oder „Das Leben des Todes“ aus den [„Büchern des Blutes“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=538

Und wieder einmal fehlt eine Geschichte von einer Frau. „Die gelbe Tapete“ von der Amerikanerin Gilman wäre nicht schlecht.

|137 Minuten auf 2 CDs|

[Necrophobia 2]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1073 erschien im März 2005.

Straub, Peter – Haus der blinden Fenster

_Break on through to the other side_*

Ein Serienmörder versetzt die Jugendlichen der Kleinstadt Millhaven in Angst und Schrecken. Den 15-jährigen Mark Underhill, der gerade seine Mutter verloren hat, jedoch beschäftigt etwas ganz anderes: Er ist besessen von dem verfallen aussehenden und verlassenen Haus, das an die Rückseite seines eigenen Hausgrundstücks grenzt, getrennt nur durch eine hohe Mauer. Er meinte, hinter den schmutzigen Fensternscheiben ein Mädchen gesehen zu haben, und sein Freund Jimbo hat darin angeblich einen dicken Mann mit silbernen Augen gesehen. Eines Nachts brechen sie zusammen in das Gebäude ein und machen eine grausige Entdeckung.

* Meine Überschrift zitiert den Titel eines Songs von |The Doors|, ca. 1967/68.

_Der Autor_

Peter Straub zählt neben Stephen King, John Saul und Dean Koontz zu den herausragenden amerikanischen Horror-Autoren. Er wurde in Milwaukee, Wisconsin (wo viele deutsche Auswanderer wohnten), geboren und lebte ein Jahrzehnt lang in England und Irland. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt worden und hatten 1994 eine Weltauflage von zehn Millionen bereits weit überschritten. Heute lebt er mit seiner Frau auf einer Farm in Connecticut.

Zusammen mit Stephen King schrieb er „Der Talisman“ und dessen Fortsetzung „Das schwarze Haus“. Seine eigenen Romane sind ebenfalls – meistens – bei |Heyne| erschienen:

Schattenland
Geisterstunde
Das geheimnisvolle Mädchen / Julia / Die fremde Frau
Der Hauch des Drachen
Wenn du wüsstest
Koko und die Fortsetzung „Der Schlund“ (Romane mit Tim Underhill)
Mystery
Reise in die Nacht / [Hellfire-Club]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1110 (später umbenannt)
Mister X / Schattenbrüder (später umbenannt)
[Schattenstimmen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3090
[Esswood House]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1603

Die Storysammlungen „Haus ohne Türen“ und „Magic Terror“ sind ebenfalls sehr zu empfehlen.

_Handlung_

Als der Schriftsteller Tim Underhill, den wir schon von Straubs Romanen „Koko“ und „Der Schlund“ sowie aus diversen Erzählungen kennen, einen Anruf von seinem Bruder Philip bekommt, fliegt er sofort nach Millhaven, das irgendwo im Hinterland von Chicago in Wisconsin liegen muss. Philips Frau ist gestorben, heißt es, und die Beerdigung ist schon am nächsten Tag. Doch Philip ist ein aufgeblasener Wichtigtuer, ein richtiges Arschloch: der stellvertretende Schuldirektor der Quincy-Schule. Und so braucht Tim eine Weile, bis er herausbekommt, dass Nancy sich umgebracht hat. Ebenfalls eine Tatsache, die Philip auf die Palme bringt, weil er sie als Verrat an sich empfindet. Wie sich sein Sohn Mark dabei fühlt, ist ihm völlig schnuppe. Er ist ein ausgemachter Idiot.

Dafür wendet sich nun Tims Interesse umso stärker Mark zu, dem fünfzehnjährigen Halbwüchsigen, der ihm schon ein paar witzige E-Mails schickt hat. Er war es, der seine Mutter tot in der Badewanne gefunden hat – ein schreckliches Ereignis, das ihn aber zunächst nicht aus der Bahn zu werfen scheint. Er hängt mit seinem besten Freund Jim herum und fährt mit ihm Skateboard. Dass in Millhaven ein Serienmörder umgeht, der es auf Jungen zwischen 14 und 16 abgesehen hat, scheint ihn nicht sehr zu berühren. Es herrscht eben Ausgangssperre ab 22:00 Uhr, na und?

Kaum ist Tim Underhill nach der Beerdigung wieder abgeflogen – er hat Mark nach New York City eingeladen -, da erhält er nach einer Woche schon wieder einen Anruf von Philip. Mark wird vermisst. In den Verhören, denen er Marks engsten Freund Jimbo unterzieht, stellt sich heraus, dass Mark von einem bestimmten Haus in der Nachbarschaft geradezu besessen war. Das ist seltsam, denn er und Jim hatten dieses Haus nie zuvor bei ihrem Skaten bemerkt, dabei befindet es sich direkt hinter Marks eigenem.

Die Fenster sind schmutzig, die Veranda verfallen, die Fassade ist angekokelt, als habe es gebrannt. Aber der Rasen ist gemäht, was dem verlassenen Eindruck widerspricht. Bei ihren Erkundungsmissionen erspähen Mark und Jimbo erst einen großen Mann in schwarzem Mantel, dann ein Mädchen. Mark hält es nicht aus und bricht kurzerhand ein. In einem Versteck findet er ein Fotoalbum, das den Cousin seiner Mutter in jungen Jahren zeigt: Damals war Joseph Kalendar noch nicht der Serienkiller, der seine Frau, seine Tochter Lily und unzählige junge Frauen umbrachte, bevor man ihn 1980 schnappte. 1985 wurde er von einem Mithäftling getötet. Und dreimal darf man fragen, wo Kalendar, Marks Großonkel, seine Opfer tötete und quälte – genau in diesem Haus.

Als Tim Underhill mit Hilfe der Polizei und eines befreundeten Hackers nach Joseph Kalendar und Mark Underhill sucht, stößt er nicht nur auf eine lange verborgen gehaltene Unterwelt, die das wohlanständige Millhaven Lügen straft, sondern auch auf den Serienkiller, der gerade jetzt das Städtchen in Furcht und Schrecken versetzt.

_Mein Eindruck_

Zuerst dachte ich, dass Peter Straub schon wieder eine seiner ältesten Geschichten auf neue Weise erzählt. In „Der Talisman“ und „Das schwarze Haus“ muss ein Junge, der später nochmals das Gleiche durchmacht, durch ein Haus, das als Pforte dient, in die schreckliche Anderswelt reisen, um seine Mutter – oder andere Lieben – zu retten. Diese Anderswelt wird von schrecklichen Mächten beherrscht, die alles unternehmen, um den Erfolg dieser Mission zu vereiteln.

„Haus der blinden Fenster“ ist im Ansatz so ähnlich, aber zunächst keineswegs Fantasy, sondern purer Thriller, mit Anklängen an Horror. Der Kern, um den sich alles dreht, ist natürlich das titelgebende Haus, in dem nicht nur die finsteren Geheimnisse der Vergangenheit versteckt sind, sondern in dem sich auch eine Pforte in eine andere Dimension öffnet. Mark entdeckt die Geheimnisse nicht nur seiner eigenen Familie – dass nämlich seine Mutter eine Kalendar war und der Massenmörder ihr Cousin, vor dem sie Mark beschützen wollte -, sondern auch die finstere Unterwelt seiner Heimat Millhaven, quasi ihre Nachtseite. Das Symbol dafür ist der „Schattenmann“.

|Ein CSI-Thriller|

Da gab es einen Psychopathen, den man als solchen in seiner Straße kannte. Der alte Homosexuelle Omar Hillyard kann Tim Underhill dazu eine packende Story erzählen. Und da gibt es – makabre Wiederholung der Ereignisse – jetzt schon wieder einen Psychotiker, nur dass dieser nicht Frauen, sondern Jungs verfolgt und brutal ermordet. Hat sich der Unbekannte etwa Joseph Kalendar zum Vorbild erkoren? Folgt man Tim Underhills privaten Ermittlungen, so wird daraus ein richtig guter Thriller. Leider werden seine Bemühungen a) durch den bornierten Philip abgeschmettert und b) durch die unfähige Polizei ignoriert (außer dann, als Underhill handfeste Beweise liefert). Die ach so braven Bürger Millhavens scheinen unfähig, sich gegen eine Bedrohung aus ihrer Mitte zur Wehr zu setzen.

|Ein Akte-X-Thriller|

Auch Tims Neffe Mark ist quasi ein Privatschnüffler, allerdings befindet er sich in einer Akte-X-Handlung statt in der von „CSI“. Der Tod seiner Mutter und ein Aha-Erlebnis haben ihn besessen gemacht, das Geheimnis des verfallenen Hauses herauszufinden. Es ist, wie er entdeckt, nicht nur der Ort gewesen, wo Menschen gefoltert und gefangen gehalten wurden, sie wurden auch beobachtet – die Wände sind doppelt gezogen und von Geheimtreppen und -türen durchzogen. Kalendar war offenbar auch ein fähiger Schreiner.

|Lost boy meets lost girl|

Der eigentliche Grund für Marks Besuche in Haus Nr. 3323 ist allerdings – wen wundert’s? – ein Mädchen, vielmehr eine junge Frau von 19 Jahren, die sich Lucy Cleveland nennt. Früher war sie vielleicht mal Lily Kalendar, die kleine Tochter von Joseph, die einmal vor ihm geflohen war, aber dann wieder eingefangen wurde. Sie nennt den anderen Bewohner des Hauses den „Schattenmann“, und vor ihm will sie Mark retten. Der Haken bei der Sache ist jedoch, dass Lucy in einer anderen Dimension lebt. Jimbo beispielsweise kann Lucy nicht sehen, Mark hingegen schon. Um mit ihr zusammensein zu können, muss Mark die hiesige Dimension verlassen – eine schwierige Entscheidung zunächst, aber sobald er sich verliebt hat, nicht mehr.

Haben wir also wieder mal eine andere alte Story von Mister Straub zu ertragen – boy meets girl? Teils ja, teils nein. Denn Lucy Cleveland ist wieder einmal eine jener geisterhaften jungen Frauen, die Straub in „Das geheimnisvolle Mädchen“, „Julia“, „Die fremde Frau“ und „Wenn du wüsstest“ porträtiert hat, also vor langer Zeit (siehe die Daten auf Straubs Website peterstraub.net). Doch die Kommunikation mit unserer Dimension ist inzwischen viel einfacher geworden, schließlich gibt es das Internet. Das hebt diesen Handlungsstrang in die Sphäre des Cyberspace, den William Gibson schon 1983 bekannt gemacht hat (er wurde von einem anderen Autor erfunden). Deshalb ist das Auftauchen einer Website namens lostboylostgirl.org absolut folgerichtig. Tim Underhill wird im Stil der Zeit getröstet.

|Fallstricke: der Erzählstil|

Womit die meisten Leser ein Problem haben dürften, ist der extravagante Erzählstil des Autors. Der hat nun mal Philosophie studiert und kennt die großen Literaten aus dem Effeff, daher fällt es ihm leicht, eine Geschichte etwas anders und weitaus anspruchsvoller als seine Kollegen von der Paperback-Horror-Fraktion zu gestalten. Mit scheint, die Geschichte, die keineswegs linear erzählt wird, hat die Struktur einer Spirale.

Damit folgt sie nicht dem Pfeil der Zeit, der nur in eine Richtung zeigt, sondern der Arbeitsweise der Erinnerung, die sich oft in Kreisen strukturiert. Wenn die Kreisbewegung nicht an den Ausgangspunkt zurückführt, sondern darüber hinausweist, ergibt sich eine Spirale. Das hat mehrere Konsequenzen. Die gleichen Ereignisse werden von mehreren Personen auf unterschiedliche Weise betrachtet und folglich anders beleuchtet und gedeutet. Ob sich daraus andere Aktionen ergeben, ist noch dahingestellt. Aber für den Leser ist es etwas verwirrend und nervig, häufig von den gleichen Geschehnissen lesen zu müssen. Es ist ein doppelter Erkenntnisprozess: der von Mark, der zuerst das Haus und die Grenze erkundet, und dann von Tim, der ihm auf seinen Spuren folgt. Leider bedeutet dies, dass ständig die Perspektive wechselt: Mark, Tim und Jimbo. Geübte Leser kommen aber damit zurecht, schätze ich.

Und an einer Stelle wissen wir genau, was hinter der Badezimmertür auf Mark wartet, werden aber kurz davor abgehalten, weiterzugehen. Das baut Spannung auf. Als Mark dann durch die Tür tritt und seine tote Mutter findet, ist dies schon fast nicht mehr so schlimm – für uns, nicht für ihn. Eine weitere Manipulation der normalen Zeit-Wahrnehmung tritt ein, als Tim eine E-Mail erhält, die zwei Tage nach Marks Verschwinden abgeschickt wurde. Und durch Fernzugriff – eine zusätzliche Aufhebung der räumlichen Distanz – kann Tim in seinem Mail-Postfach feststellen, was Mark geschickt hat.

Die Aufhebung der Grenzen von Raum und Zeit ist das Merkmal eines geübten und kunstfertigen Schriftstellers. Dennoch schreibt er seine Story in absolut einfachen und allgemein verständlichen Worten, so dass keiner über sprachliche Probleme klagen kann. Die Probleme tauchen erst auf, wenn man versucht, das Erzählte richtig einzusortieren, denn das Gehirn will unbedingt alles in eine chronologische Reihenfolge bringen. Dieser Versuch ist wegen der begrenzten Merkfähigkeit des Gehirns zum Scheitern verurteilt, es sei denn, man macht sich Notizen und bringt diese in entsprechende Ordnung. Eine Hilfe sind immerhin die datierten Tagebucheinträge Underhills.

|Der rote Himmel|

Der Himmel über der Dimension der Anderswelt, in der Lucy Cleveland lebt, ist nicht blau, sondern rot. Dass dies so sein muss, wusste Tims Vater oder einer von dessen Saufkumpanen ganz genau. Tim erscheint es daher nur plausibel, dass Mark das seinem Freund so erzählt hat. „Red skies over paradise“ – so hieß ein Song der Popgruppe |Fischer-Z|. Es ist auch der Titel des vierten Teils von „Haus der blinden Fenster“. Zufall oder Notwendigkeit?

Der Leser fragt sich am Schluss, als der Garten des unheimlichen Hauses umgegraben wird: Ist Mark wirklich tot oder in eine andere Dimension gewechselt? Diese Frage will sich Tim, will sich Marks Vater nicht stellen. Und letzten Endes erweist sie sich als unwichtig. Folglich wird sie auch nicht beantwortet. Der Leser muss seine eigenen Schlüsse ziehen.

_Unterm Strich_

„Haus der blinden Fenster“ ist sowohl ein Roman für Jungs von fünfzehn, die erwachsen werden (wollen bzw. sollen) als auch für Erwachsene. Obwohl die Sprache, in der die Story erzählt wird, einfach genug ist, hat jeder Leser so seine Probleme, dem Verlauf der Geschehnisse zu folgen. Die Erzählstruktur folgen den Ereignissen nicht chronologisch, sondern hebt, wie in der Erinnerung, die Grenzen von Raum und Zeit auf. Doch keine Angst: Straub ist noch meilenweit von James Joyce entfernt (was nicht heißen soll, dass Straub nicht dazu fähig wäre, einen zweiten „Ulysses“ zu schreiben – aber wer wollte das schon tun?).

Diesmal rettet der jugendliche Held nicht seine Mutter – dafür ist es bereits zu spät. Er rettet sich selbst vor dem „Schattenmann“ und wohl auch ein Mädchen, das unter diesem Finsterling zu leiden hatte. So entkommt – je nach Lesart – der jugendliche Held der Nachtseite jener Stadt Millhaven. Die Stadt sollte ihm eigentlich in ihrer Wohlanständigkeit Schutz und Unterstützung bieten, hat aber letzten Endes nur zwei Serienkiller hervorgebracht, die wie Wölfe unter Schafen wüteten. Der Durchbruch in die andere Dimension – ist das die Flucht in ein Paradies des Cyberspace, der Virtualität? Bedeutet dies Eskapismus oder Hoffnung für unsere Generation und unsere Kinder? Die Antworten sind im Buch versteckt, man muss sie – jeder für sich – selbst finden. Sie werden nicht auf dem Silbertablett serviert. Das unterscheidet einen Künstler wie Straub von den Groschenheftautoren.

|Originaltitel: Lost boy lost girl, 2003
Aus dem US-Englischen übersetzt von Uschi Gnade|